Kitabı oku: «Warum ich tue, was ich tue»

Yazı tipi:

EVELIN KROSCHEL-LOBODDA

WARUM ICH TUE, WAS ICH TUE

EHP – Edition Humanistische Psychologie

Hg. Anna und Milan Sreckovic

Die Autorin

Dr. Evelin Kroschel-Lobodda (1949–2014); Studium der Psychologie und Philosophie an der LMU München; Promotion (Was passiert in einer Psychotherapie?) bei Heinz Mandl; über 25 Jahre Lehrbeauftragte an der LMU München; Lehrauftrag an der Hochschule Fribourg (Schweiz); eigene psychotherapeutische Praxis, von 1995 bis 2009 psychologische Unternehmensberatung in Wirtschaft und Gesellschaft; Chefredaktion der Fachzeitschrift GESTALTTHERAPIE. Arbeitsschwerpunkte: Entwicklung einer universalen Motivationstheorie auf der Basis von polaren menschlichen Grundbedürfnissen, Wirkungen von Frustration und Kränkung im Beziehungsfeld; zahlreiche Veröffentlichungen, u. a. Die Weisheit des Erfolgs.

EVELIN KROSCHEL-LOBODDA

WARUM ICH TUE, WAS ICH TUE

Eine universale Motivationstheorie

Mit einem Grußwort von Norbert Szyperski

und

einem Geleitwort von Gerd Lobodda

Vorwort von Manuela Manderfeld und Sabine Sohn

Herausgegeben von

Gerd Lobodda, Manuela Manderfeld und Sabine Sohn

EHP

– 2017 –

© 2017 EHP – Verlag Andreas Kohlhage, Gevelsberg

www.ehp-verlag.de

Diese Ausgabe wurde von den HerausgeberInnen in enger Zusammenarbeit mit dem Ehemann der verstorbenen Autorin erarbeitet. Der Verlag bedankt sich ausdrücklich bei Sabine Sohn und Manuela Manderfeld sowie bei Gerd Lobodda für die Möglichkeit, den Text posthum in angemessener Weise herausbringen zu können.

Redaktion: Monika Cyran und Andreas Kohlhage

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Dieses Buch ist auch als E-Book erhältlich

Umschlagentwurf: Uwe Giese

– unter Verwendung einer Replik des Diskos von Phaistos –

Satz: MarktTransparenz Uwe Giese, Berlin

Alle Rechte vorbehalten

All rights reserved. No part of this book may be reproduced or transmitted in any form or by any means, electronic or mechanical, including photocopying, recording or by any information storage and retrieval system, without permission in writing from the publisher.

print-ISBN 978-3-89797-097-7

epub-ISBN 978-3-89797-616-0

pdf-ISBN 978-3-89797-617-7

eBook-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

Inhalt

Grußwort (Norbert Szyperski)

Geleitwort (Gerd Lobodda)

Vorwort (Manuela Manderfeld und Sabine Sohn)

Einleitung

1. Die Suche nach dem Grund hinter dem Grund

2. Gefühlswelten

Die Sprache von Körper und Psyche

Gefühle stehen immer im Dienste der Bedürfnisse

Die vier Grundaussagen der Gefühle

1. Gefühle melden einen Mangel bzw. Verlust an Befriedigung von Grundbedürfnissen

2. Gefühle melden eine Bedrohung des derzeitigen Befriedigungszustandes

3. Gefühle melden eine Bedürfnis-Befriedigung

4. Gefühle melden eine Übersättigung von Grundbedürfnissen

Aggression - eine emotionale Funktion im Dienste der Bedürfnisse

3. Der Kreis der Bedürfnisse und Motive

Die Verwandlung vom Bedürfnis zum Motiv

Pseudohunger durch Verlockung oder Bedrohung

Der blinde Fleck in den Bedürfnis- und Motivationstheorien

Das Prinzip der Polarität

Die Polarität von Geben und Nehmen

Bedürfniskreis und Motivrad

Die Polaritäten der psychisch-seelischen Bedürfnisse und Motive

Das zentrale Bedürfnis nach Ganzheit/Einheit

Wirksamkeit/Macht versus Gelassenheit/Hingabe

Sicherheit/Beständigkeit versus Neuheit/Veränderung

Bindung/Gemeinschaft versus Freiheit/Individualität

Gerechtigkeit/Ideale versus Freude/Genuss

Besitz/Erkenntnis versus Selbstwert/Anerkennung

Fixierungen

Die psychosomatische Macht der Bedürfnisse

4. Zur universalen Dimension des Bedürfniskreises

Individuum und Kollektiv: Auf Gedeih und Verderben verbunden

Der Bedürfniskreis in Organisationen und Unternehmen

Ein Vergleich der Kulturen

Werte – die bevorzugten Grundbedürfnisse

Kollektive Werte-Fixierungen

Die kalte Welt der Besitz/Erkenntnis-Fixierung

Das fixierte Bankensystem

Postulierte Werte contra Wirklichkeit

5. Ein Blick Jahrtausende zurück

Das Gilgamesch-Epos

Die Josephsgeschichte im Alten Testament

6. Vertiefte Betrachtungen der polaren Bedürfnisfelder

Sicherheit/Beständigkeit

Neuheit/Veränderung

Bindung/Gemeinschaft

Individualität/Freiheit

Selbstwert/Anerkennung

Besitz/Erkenntnis

Ideale/ Gerechtigkeit

Die ewige Konstante im sich verändernden Ideale-/Gerechtigkeitsbedürfnis: Die Vergeltung

Freude/Genuss

Der innerste Kreis

Wirksamkeit/Macht

Hingabe/Gelassenheit

Ganzheit/Einheit

7. Frustration und Kränkung

Die Macht der Bedürfnisse

Die Rachedynamik bei Frustration und Kränkung

Die vier seelischen Automatismen

Blockade

Schmerz

Scham

Aggression

1. Rache gegen den Kränker 157

2. Verschobene Rache an Unbeteiligten 159

3. Aggression gegen sich selbst

Dispositionen der Aggressionsrichtung

Ausstieg aus der Rachespirale

8. In der Balance - die Integration der Polaritäten

Integrität

Alexander von Humboldt

Pippi Langstrumpf

9. Der Kampf um den freien Willen

Von Göttern, Dämonen und anderen unsichtbaren Kräften

Unerledigte Bedürfnisse unserer Ahnen

Eine Lebensbedrohung

Anfälle von Lebensmüdigkeit

Das Veto-Recht des Bewusstseins

Transgenerationale Forschungen und Theorien

Zur Transformation des Seelenbegriffs

Vorstellungen von der unsterblichen Seele

10. Gedankenwelten

Jenseits der Raum-Zeit-Dimension

Unsterbliche Selbst-Repräsentanzen?

Grußwort

Wer viele der zahlreichen Beiträge in der Fachliteratur zu den einschlägigen Themenfeldern lesen durfte oder musste, wird überrascht sein, so interessante und neuartige Aspekte zu finden, wie die Autorin sie entwickeln konnte. Und dies auf der Basis tiefgehender Untersuchungen, vor allem aber auch aufgrund ihres langjährigen beruflichen praktischen Wirkens. Erkenntnisse aus erster Hand, möchte man konstatieren. So jedenfalls ist mir ihr kreatives Schaffen in all den vielen Jahren, in denen ich ihre Aktivitäten mit verfolgen durfte, erkennbar geworden: neue wichtige modifizierte Ansätze gerade auch im interdisziplinären Kontext insbesondere mit neurowissenschaftlichen Perspektiven.

Ihre Aussagen über die Wechselwirkungen von Bedürfnissen, Motiven und Handeln im Spannungsfeld steter Gegensätze schaffen in der Tat spannende Einsichten und neuartige Perspektiven für die realen Spielräume menschlichen Willens. Und das alles ist von der Autorin so anschaulich und für ein so grundlegendes Werk wirklich spannend geschrieben, ja man könnte sagen, in Worten erläuternd komponiert, dass man es einem breiten Leserkreis nur empfehlen kann.

Sie konzentriert sich dabei besonders auf die psychischen und geistigen Existenzräume. Zusätzlich und ebenfalls integrierend müssen wir aber auch die physischen, biologischen und nicht zuletzt auch seelischen Existenzräume in unserer gesamten Lebensweise in eine stabilisierende Balance bekommen. Alle fünf interagierenden Existenzräume haben ihre eigenen Instanzen, mit spezifischen In- und Outputs für unser gesamtes Verhalten. Und keiner davon darf zum alleinigen Dominator werden, da dies jeweils zu extremen Verzerrungen unseres individuellen Profils, ja sogar zu fundamentalistischen Verhaltensmustern führen kann.

Die Autorin begnügt sich aber nicht mit den notwendigen und grundlegenden Erkenntnissen in Ihrem Themenfeld, sondern findet immer wieder kluge anwendungsbezogene Überleitungen, die für jede praktische Unterstützung nutzbar sind. Der aufgeschlossene Leser erfährt die besondere Chance, aus ihren Ableitungen und Anleitungen seine eigenen praktischen Lehren zu ziehen. Der gründlich und fachlich aufbereitete Text der Autorin macht das Lebenswerk von Evelin Kroschel-Lobodda von Seite zu Seite spannender.

Sie hätte es als Persönlichkeit und als Fachfrau sehr verdient, dass ihre fachlichen und literarischen Leistungen gerade auch von jüngeren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aufgegriffen und weiterentwickelt werden. Dies vor allem auch im Sinne einer realistischen und Erfolg versprechenden Betreuung von Individuen auf allen handelnden Ebenen unserer Gesellschaft und von betroffenen Gruppen innerhalb und außerhalb unserer Organisationen. Unsere Zeit der digitalen Evolution ruft geradezu nach personalisierten und multidisziplinären Untersuchungen und Anleitungen. In diesem gesamten Kontext sollte die vorliegende Schrift besondere Achtung und eine spezielle Würdigung finden.

Prof. Dr. Dr. h.c. Norbert Szyperski (†), www.sylter-runde.de

Sylt, im November 2015

Geleitwort

Für meine Frau, Dr. Evelin Kroschel-Lobodda, hatte die Suche nach Erkenntnis zeitlebens erste Priorität: vom ersten VHS-Kurs als Dozentin, über das Psychologie- und Philosophiestudium, bis zur Promotion und der bereits parallellaufenden therapeutischen Praxis. Es folgten Jahre in der Wirtschaft, mit der Aufgabe der psychologischen Unternehmens- und Wirtschaftsberatung für Konzerne, mittelständische Unternehmen, Behörden, Gewerkschaften und Betriebsräte.

Diese Suche zog sich als roter Faden kontinuierlich durch ihre Arbeit und war bereits bei ihrer ersten Veröffentlichung »Was passiert in der Psychotherapie?« erkennbar. Auch alle anderen Publikationen, wie ihr Buch Die Weisheit des Erfolgs und diverse Beiträge z. B. für die Zeitschrift GESTALTTHERAPIE oder auch ihre gezielten bzw. systematischen Auftragsarbeiten in der Wirtschaft folgten diesem Prinzip. Sie blieb sich dabei immer treu und lehnte dementsprechend auch Aufträge ab.

Sie setzte sich unter anderem mit den Arbeiten des Psychologen Abraham Maslow auseinander und wollte seine Motivationstheorie, die Bedürfnispyramide, vervollständigen und auf eine qualitativ neue Ebene bringen. Mit ihrem Polarisierungsmodell, der Definition vom Bedürfnis zum Motiv, dem Motivrad, ergänzt durch die Theorie der aus Kränkungen entstehenden Rachedynamik, wird sich mit der Resonanz auf das nun vorliegende Buch zeigen, ob ihr Anspruch in Erfüllung gegangen ist.

Zunächst arbeitete sie praktisch und sammelte Erfahrungen in der Wirtschaft etc., danach begann ihre sehr konzentrierte Forschungsarbeit. Auf der Grundlage ihres systematisch gespeicherten Erfahrungswissens, begann sie mit der Aufarbeitung der diesbezüglich relevanten Weltliteratur: von den Upanishaden, über Homer, Shakespeare, Goethe, Nietzsche, Schopenhauer, Sigmund Freud, C. G. Jung, Thomas Mann bis zum neusten Stand der Gehirnforschung. Neben den universalen Bedürfnissen und den sich daraus ableitendenden Motiven drängte sich auch das Thema ›Der freie Wille‹ in ihren Fokus.

Da ihr die Dimensionen und das Konfliktpotenzial ihrer Arbeit sehr bewusst waren, hatte ihr Anspruch auf Tiefe oberste Priorität, was sie mit zunehmender Erschöpfung bezahlte. Der Vollendung ihrer Arbeit, ihres Lebenswerkes, folgte eine mehrmonatige Krankheit, sie verabschiedete sich leise von dieser Welt und schlief friedlich, fast sorglos, neben mir ein.

Ich habe meine Frau auf ihrem Erkenntnisweg begleitet und teile ihre An- und Einsichten. Neben meiner großen persönlichen Wertschätzung und einer selbstverständlichen moralischen Verpflichtung zur Herausgabe, hat ihr Werk einen besonderen aufklärenden, in diese Zeit passenden Stellenwert.

Dies gilt insbesondere für das zukünftige gesellschaftliche und ökonomische Beziehungsfeld in einer von Egoismen, polarisierenden Interessen und empathieloser Rücksichtslosigkeit geprägten Gesellschaft. Einer Gesellschaft, in der die heranwachsende Generation weiß, dass sie gebraucht wird, dass das »große Fressen« aber bereits ohne sie stattgefunden hat. Angesichts der übermächtigen, sich dynamisierenden Problemfelder braucht diese Generation Verständnis und Unterstützung bei dem Versuch, eine konstruktive Wende herbeizuführen.

Von daher verlangen die Verhältnisse nach Integration der unterschiedlichen Interessen, der freien Entfaltung des menschlichen Potenzials, nach authentischen Persönlichkeiten, universaler Menschenwürde, gegenseitigem Respekt und dem Er- und Anerkennen von Bedürfnissen und Motiven, zuvorderst bei Führungskräften und politisch Verantwortlichen.

Wir stehen am Beginn einer neuen Epoche. Das Alte stirbt, und das Neue ist noch nicht geboren. Statt verantwortungslos zu polarisieren, sollte die Fähigkeit zum Miteinander gewollt, gelernt und praktiziert werden – von der Mikro- bis zur Makroebene. Nicht die Gier, sondern die Balance zwischen Vernunft und Emotion sollte der Grundstock für ein modernes und zukunftsträchtiges Beziehungsfeld sein, mit ausgeglichenen Menschen, Institutionen, Unternehmen und Systemen.

Das Buch könnte die wertvolle Grundlage für eine bessere Ordnung bilden und zu einer kulturellen Erneuerung im engeren ästhetischen wie im weiteren anthropologischen Sinne führen.

Gerd Lobodda

Vorwort

Seit der ersten Begegnung mit Evelin begeisterte uns die Art, wie sie arbeitete, Erkenntnisse gewann und hinter die Kulissen menschlichen Handelns schaute. Besonders faszinierte uns ihr verständnisvoller und wohlwollender Blick auf die menschlichen Dramen und Verstrickungen, ohne zu moralisieren.

Evelins Buch liest sich wie eine Reise durch die Geschichte der Menschheit. Sie macht deutlich, was uns Menschen kulturübergreifend verbindet, was uns motiviert und bewegt. Das Wissen darum, dass bestimmte Bedürfnisse und Gefühle allen Menschen inhärent sind, ermöglicht eine neue Sichtweise auf das, was uns zunächst fremd erscheint. So werden Erkenntnisse möglich, die den eigenen Handlungsspielraum erweitern und zu konstruktiven Lösungen führen können.

Die Beschäftigung mit ihrem Buch war für uns beide ein tiefgreifender Prozess, in dem wir ihre Theorie hautnah spüren, erleben und nachvollziehen konnten. Wir befanden uns immer mal wieder festgefahren auf unterschiedlichen Polen. Ausgedehnte Waldspaziergänge mit sehr lebendigen Diskussionen brachten uns nicht nur körperlich, sondern auch geistig wieder in Bewegung. Und so erfuhren wir, wie bereichernd und belebend das flexible Wandeln zwischen den Polen sein kann.

Es war uns ein Herzensanliegen, Gerd darin zu unterstützen, Evelins Lebenswerk zu veröffentlichen. Und möglichst vielen Menschen die Gelegenheit zu geben, mit Hilfe ihrer Theorie eigene Antworten auf die Frage »Warum tue ich, was ich tue?« zu finden. Nehmen Sie sich Zeit und genießen Sie die Lektüre, denn Sie werden merken, es ist kein leichter Snack für zwischendurch, sondern ein mehrgängiges Menü mit vielen Überraschungen.

Wir wünschen Ihnen viel Freude beim Lesen!

Sabine Sohn und Manuela Manderfeld

Bonn, im Juni 2016

Einleitung

Kürzlich las ich im Vorwort des Philosophen Charles Taylor zu seinem Werk Quellen des Selbst: »Die Arbeit an diesem Buch ist mir schwer gefallen. Sie hat zu viele Jahre in Anspruch genommen, und einige Male habe ich meine Meinung darüber geändert, was darin stehen sollte. Einesteils lag das an dem altbekannten Grund, dass ich mir nicht im Klaren war über das, was ich sagen wollte. Andernteils lag es an der überaus ehrgeizigen Natur des Unterfangens, …«1 Ich war glücklich, in diesen Worten eine so genaue Beschreibung meiner eigenen Gefühle zu meinem vorliegenden Buch zu finden. Ich selbst hätte es nicht so gut ausdrücken können.

Es war ein langer Weg der Forschung und praktischen Arbeit, bis ich bei den jetzigen Ausführungen des Buches gelandet bin. Seit mehr als zwanzig Jahren beschäftige ich mich mit der Frage, warum und wozu Menschen das tun, was sie tun, und warum sie fühlen, was sie fühlen, und erleben, was sie erleben. Doch viele Jahre war mir nicht bewusst, dass in diesen Fragen, die ich als begrenztes Thema der Motivationspsychologie angesehen habe, das grundlegende Thema unseres Menschseins liegt. Denn in der Frage »Warum oder wozu tun wir das, was wir tun?« steckt nicht nur die Suche nach unseren individuellen Motiven. Sie ist auch grundlegend für die Frage, ob wir unser Handeln und unser Leben als sinnvoll erleben und inwieweit es von unserem freien Willen bestimmt ist.

Als ich Anfang der 1990er-Jahre an meinem Buch Die Weisheit des Erfolgs schrieb, wurden mir im Laufe des Schreibens – verbunden mit den Erfahrungen aus meiner Praxis – die Zusammenhänge und dynamischen Prozesse zwischen Bedürfnissen, Motiven und Kränkungen immer deutlicher bewusst. Damals erkannte ich jedoch die ungeheure Dimension der Zusammenhänge noch nicht – zu eingeengt war mein Blickwinkel auf die Fragen gerichtet, worin sich erfolgreiche Menschen von nicht-erfolgreichen unterscheiden, wie sich persönliche Autorität entwickelt und welche Rolle Kränkungen dabei spielen.

Diese Konzentration auf die Entwicklung von persönlicher Autorität war durch meine Erfahrungen in der psychologischen Praxis entstanden. Damals, Ende der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre wurde es in Organisationen modern, darüber nachzudenken, wie man Mitarbeiter motivieren könnte durch spezielle Maßnahmen. Ich kam durch die Arbeit mit meinen KlientInnen jedoch immer mehr zu der Überzeugung, dass es viel wichtiger wäre, die Mitarbeiter nicht zu demotivieren.

Ein kleines Beispiel

»Ich freue mich sehr auf die neue Arbeit,« sagte meine Klientin eines Tages in einer

Therapie-Sitzung, »diese Stelle ist genau das, was ich mir schon lange wünsche – ich kann es kaum erwarten, mich in die Arbeit zu stürzen!«

»Mein neuer Chef ist nicht schlecht«, sagte die Klientin zwei Monate später, »und mit meinen Kollegen komme ich auch ganz gut klar. Was mich ärgert, ist diese ineffiziente Arbeitsorganisation – aber als ich einen Vorschlag zur Verbesserung gemacht habe, uuuhh, da sind die Eiszapfen von der Decke gefallen!«

»Man muss halt in die Arbeit, weil man seinen Lebensunterhalt verdienen muss – ich werde mir dort bestimmt kein Bein mehr ausreißen!«, sagte die Klientin weitere zwei Monate später.

Obwohl von der anfänglichen Freude und der hohen Arbeitsmotivation nicht viel übrig geblieben war, war sich die Klientin der abgelaufenen Dynamik nicht bewusst. Sie registrierte nur, dass ihr die Lust und Freude vergangen war, dass sie eher überdrüssig zur Arbeit ging und die Arbeit nur noch als notwendiges Übel ansah. Erst bei der tieferen Betrachtung dessen, was da nun genau geschehen war, kam sie zu der Erkenntnis (und ich mit ihr), dass sie sich mit ihren Vorschlägen, d. h. ihrer Kreativität und ihrem Engagement, missachtet fühlte, dass sie sich durch hämische Bemerkungen eines Kollegen herabgesetzt und beschämt fühlte, dass sie sich durch ihren Vorgesetzten nicht gesehen und nicht unterstützt fühlte; kurz: dass sie gekränkt war. Und dass ihre unbewusste Rache für die zugefügten Kränkungen darin bestand, nur noch ›Dienst nach Vorschrift‹ zu machen.

Durch die Analyse von Kränkungen (und ihrer Rachedynamik) rückten die psychischen Grundbedürfnisse in den Mittelpunkt meines Interesses: Was sind das für Bedürfnisse, deren Frustration als Kränkung empfunden wird?

Und was sind das für Bedürfnisse, deren Befriedigung sogar schwere Situationen mit Leichtigkeit ertragen lassen? Mir waren in diesem Zusammenhang nämlich Erzählungen meines Vaters eingefallen.

Ein Beispiel:

Mein Vater, Jahrgang 1923, litt sehr unter der Trennung von seinen Eltern und sechs Geschwistern, als er mit 13 Jahren den elterlichen Bauernhof verlassen musste, um eine weit entfernte Lehrstelle antreten zu können. Eigentlich gab es damals kaum die Möglichkeit für einen Bauernbuben aus der Oberpfalz, einen Beruf zu erlernen, und so war es ein großes Glück, dass meine Urgroßmutter diese Schlosser-Lehrstelle in einer Landmaschinen-Werkstatt für ihren Enkel ergattern konnte. Der Wermutstropfen: Es lag ein Tagesmarsch zwischen Elternhof und Meisterbetrieb, und das bedeutete, dass mein Vater bei diesem Meister wohnen musste und nur an Weihnachten heimgehen konnte.

Mein Vater erzählte uns Kindern oft, dass seine Lehrzeit so wunderbar gewesen sei und dass ihm das sogar das Heimweh gelindert habe. Irgendwann wurde mir die Diskrepanz zwischen seiner Bewertung und den erzählten Gegebenheiten bewusst, und ich fragte ihn: »Papa, wie kannst du sagen, dass deine Lehrzeit wunderbar war? Die Arbeitszeit war täglich von morgens sechs Uhr bis abends sieben Uhr. Samstag war normaler Arbeitstag und sonntags musstest du vormittags mit dem Meister in die Kirche. Es gab keinen Urlaub außer an Weihnachten, und selbst von diesen zwei Wochen gingen zwei Tage drauf für den Hin- und Rückmarsch.«

Mein Vater antwortete, dass das Wunderbare an der Lehrzeit die Person des Meisters gewesen sei: »Ich kann dir das nur an einem Beispiel erklären. Ziemlich am Anfang meiner Lehre nahm mich mein Meister mit zu einem Kunden, um dort eine Dreschmaschinen-Reparatur zu besprechen. Wir gingen in die Stube, er führte das Gespräch und wir verabschiedeten uns. Erst als wir wieder allein über den Hof gingen, sagte er zu mir: ›Pass auf, Bub, wenn du das nächste Mal in eine fremde Stube trittst, dann tust deine Mütze runter, das gehört sich so.‹ Er hatte gewartet, bis wir wieder allein waren, damit ich nicht vor dem Bauern beschämt wurde. Und so ist der Meister immer gewesen. Nie hat er mich vor anderen wegen eines Fehlers bloßgestellt. Wenn ich etwas nicht gekonnt habe, hat er es mir so lange ruhig erklärt, bis ich es konnte. Als einmal ein Bauer mich rüde anging, weil etwas nicht schnell genug ging, griff er sofort schützend ein und zwang den Bauern, mit ihm selbst zu reden. Und dieses Verhalten des Meisters führte dazu, dass alle Entbehrungen und die viele schwere Arbeit keine Rolle spielten.«

Das Beispiel meines Vaters hat meine Wahrnehmung geschärft – einmal in Bezug auf Kränkungen, die häufig genug unter ›normalem Verhalten‹ laufen und zum anderen in Bezug auf diejenigen Bedürfnisse, deren Befriedigung so elementar wirkt, dass schwere äußere Umstände weder krank machen noch demotivieren.

Die vertiefte theoretische Beschäftigung mit den Motiven und Bedürfnissen führte dann zu der Entdeckung, dass keine der vielen verschiedenen Bedürfnistheorien,2 die es in Philosophie und Psychologie gibt, die Erfahrung abdeckt, die sich aus meiner Arbeit mit Menschen herauskristallisierte nämlich: dass es zu jedem Grundbedürfnis ein gegensätzliches gibt und dass jedes dieser gegensätzlichen Grundbedürfnisse in den polaren Dimensionen von Nehmen und Geben besteht. Beide Gegebenheiten – das Gegensatzprinzip und die Geben-Dimension – sind in den bisherigen psychologischen Bedürfnis- und Motivationstheorien nicht enthalten. Alle Theorien geben den Bedürfnissen die egoistische Bedeutung des ›Haben-Wollen‹ und übersehen, dass sämtliche Grundbedürfnisse auch im ›Geben-Wollen‹ existieren. Und so entwickelte ich eine neue Bedürfnis- und Motivationstheorie, in der sowohl die Polarität der Bedürfnisse als auch die Dimension des Gebens berücksichtigt ist. Nach dem Entwurf eines Motivrads in der Erstauflage von 19963 arbeitete ich zwölf Jahre intensiv mit und an meinem Modell, so dass ich es in der Neuauflage von 20084 in einer ausgereiften Form vorstellen konnte.

Inzwischen arbeitete ich jedoch auch schon lange am vorliegenden Buchprojekt – das immer wieder für Jahre in der Schublade verschwand –, und die Dimension dieses Projekts wurde immer vielschichtiger.

Es entstand die Frage, ob die von mir postulierten Grundbedürfnisse und Motive tatsächlich – wie ich meine – menschheitsweit gültig sind, ob sie sich auch in allen Kulturen und in allen Zeitepochen finden lassen, oder ob mein Blick zu zeitgeistig und ethnozentriert ist. Wir sind bei der Betrachtung menschlichen Verhaltens und Handelns ja nicht so frei, wie wir zumeist vermuten. Unsere Wahrnehmung ist beeinträchtigt durch unser theoretisches Wissen, dem wir meist mehr gesicherten Wahrheitsgehalt unterstellen, als es tatsächlich verdient. Vor allem aber ist unsere Wahrnehmung auch eingeschränkt durch unsere unbewussten Vorstellungen von der Natur des Menschen und der Gesellschaft, die wiederum in höchstem Maße kulturell und zeitgeistig geprägt sind. Insofern ist mir klar, dass der theoretische Horizont des westlichen Denkens von einer spezifischen Erfahrung durchdrungen ist, bei der die Individualität des Menschen betont wird. Diese Sichtweise des Menschen hat eine lange Geschichte in der westlichen Philosophie und wurde während der Aufklärung vorherrschend. Das Menschenbild der Aufklärung impliziert, dass der Mensch von seinem zwischenmenschlichen Umfeld getrennt gesehen werden könnte. Doch das ist eine Sichtweise, die nicht für alle Kulturen und historische Epochen gilt. Dieses individuelle und klar umrissene Körperbild, das sich deutlich von den anderen Objekten im Universum abhebt und bei dem das Individuum als starke Festung mit einer kleinen Anzahl an Zugbrücken und Toren gesehen wird, die den kontrollierbaren Kontakt zur Außenwelt darstellen, steht im scharfen Gegensatz zum Menschenbild in nicht-westlichen Kulturen.

Wie der indische Psychoanalytiker Sudhir Kakar ausführt, ist beispielsweise ein Mensch aus hinduistischer Perspektive weniger ein Individuum als vielmehr ein Dividuum. Ein hinduistischer Mensch besteht aus Beziehungen: Alle Affekte, Bedürfnisse und Motive sind relational, und Leiden sind Störungen von Beziehungen, und zwar nicht nur der menschlichen, sondern auch derjenigen zur Natur und der kosmischen Ordnung. »Diese Betonung der transpersonalen Natur des Menschen durchdringt medizinische, astrologische, anthropologische und psychologische Theorien in Indien. Im indischen Körperbild werden die innige Verbundenheit mit der Natur und dem Kosmos und der unablässige Austausch mit der Umwelt betont. In der traditionellen Medizin – Ayurveda – gibt es keine Topographie des Körpers mit seinen Organen, sondern nur eine Ökonomie, das heißt Ströme, die hereinkommen oder hinausgehen, in einem asrya (Empfänger) verweilen oder durch irgendwelche srotas (Kanäle) fließen.«5

Auch das chinesische Menschenbild steht im Gegensatz zum westlichen. Auch hier wird der Mensch nicht als abgeschlossenes Individuum gesehen, sondern als ein aus Energieströmen bestehendes Beziehungsgeflecht. »Der Mensch vereint in sich die Geisteskräfte von Himmel und Erde, in ihm gleichen sich die Prinzipien des Lichten und Schattigen aus, in ihm treffen sich die Geister und Götter …«, heißt es im Buch der Sitte.6 ›Universismus‹ wird das uralte metaphysische System genannt, das allem chinesischen Denken zugrunde liegt. Danach haben alle Erscheinungen im Makrokosmos im physischen, psychischen und gesellschaftlichen Leben des Menschen ihre Entsprechung, und alles steht in inniger Wechselbeziehung zueinander. Seinen praktischen Ausdruck findet dieses Menschenbild in der traditionellen chinesischen Medizin, in den Ernährungsempfehlungen und in der Tradition der Körper- und Geisteskultivierung. Die Methoden dieser Tradition sind z. B. Tai Chi und Qigong, Meditation, Visualisation, Imagination und geomantische Methoden (Feng Shui), die alle das Chi (die Lebenskraft) positiv beeinflussen und damit Glück, Reichtum und langes Leben verwirklichen sollen.

Das indische ist sehr verschieden vom chinesischen Menschenbild. Trotzdem besteht zwischen beiden eine enge Verwandtschaft, wenn man sie mit dem westlichen Bild des Individuums vergleicht. Beide betonen die transzendente Natur des Menschen und ihre energetische Verflechtung mit der gesamten Umwelt, also nicht nur mit der menschlichen, sondern mit allen sichtbaren und unsichtbaren, materiellen und immateriellen Gegebenheiten.

So führte meine Frage, ob die von mir postulierten Grundbedürfnisse und Motive menschheitsweit gültig sind, ob sie sich auch in allen Kulturen und in allen Zeitepochen finden lassen, zu einer intensiven Beschäftigung mit Werken aus anderen Kulturen und Epochen. Ich habe in der Weltliteratur geforscht, angefangen bei den ältesten Texten der Welt, dem Gilgamesch-Epos, dem I Ging, dem Alten Testament, Homers Ilias und Odyssee, dem Tao te King, dem Mahabarata-Epos usw. bis in die neueste Literatur, welche Motive sich in diesen Mythen und Geschichten finden lassen.

Parallel zu meiner Lesetätigkeit machte ich in meiner Praxis immer häufiger die Erfahrung, dass sich viele Störungen, derentwegen Klienten in ein Coaching oder in eine Therapie kamen, nicht aus deren individueller Geschichte oder ihrer gegenwärtigen Situation erklären ließen. Erfahrungen, die zeigten, dass wir offenbar unbewusst auch von fremden Motiven gesteuert werden und unbewusste Einflüsse – jenseits der genetischen und sozialisierten Determination – unser Erleben und Handeln steuern. Dazu passende Bemerkungen wie z. B. »Ich weiß nicht, welcher Teufel mich da geritten hat, dass ich das getan habe« oder »Wie um Himmels Willen bin ich in diese Situation geraten?« führten dazu, dass sich immer mehr das Thema des freien Willens in meinen Wahrnehmungs-Vordergrund schob. Das hatte zur Folge, dass ich mich nun intensiv mit der neuesten Gehirnforschung und mit dem uralten Streitthema zwischen Deterministen und Verfechtern des freien Willens beschäftigte. Die Auseinandersetzung mit den neurobiologischen, philosophischen und psychologischen Erkenntnissen, mit der Literatur aus nicht-westlichen Kulturen und vor allem auch meine praktischen Erfahrungen aus Therapie und Coaching veränderten allmählich mein Menschenbild.

So hat jeweils ein Thema ein neues generiert, und immer wieder entstand dadurch die Notwendigkeit und Lust, erst eine Unmenge von Literatur zum jeweiligen Thema zu lesen. Aus der Überlappung all dieser Themen und ihrem ständigen Überprüfen in der Praxis hat sich in mir allmählich ein sehr ganzheitliches Verständnis darüber herausgebildet, was Menschen im Innersten bewegt und wie sie von äußeren Kräften beeinflusst werden.

Ich erkannte eine bisher völlig übersehene Bedeutung der psychischen Grundbedürfnisse. Bedürfnisse, abgesehen von den körperlichen, werden ja häufig mit der Assoziation von ›Bedürftigkeit‹ gedeutet. In vielen Philosophien und Religionen wird die Askese, also das Unterdrücken oder Befreien von Bedürfnissen als Tugend gesehen. Ich kann mich zwar dem Argument, dass durch Bedürfnislosigkeit (die es m. E. gar nicht gibt, denn auch das Ziel der Bedürfnislosigkeit ist durch ein Bedürfnis motiviert) ein größeres Ausmaß an Unabhängigkeit von Menschen und Situationen erreicht wird, nicht verschließen, aber ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass damit der eigentlichen Bedeutung der Bedürfnisse nicht Rechnung getragen wird. Das gleiche gilt für die Gefühle. Lange wurden sie als unwichtige und mitunter lästige Begleiterscheinungen des Lebens betrachtet, die man besser nicht beachtet oder unterdrückt und auf jeden Fall dem Verstand unterordnet.

In Gegensatz dazu bin ich zu der Einsicht gelangt, dass sich die Potenziale des Menschen in Bedürfnissen (die sich wiederum in Interessen und Zielen spiegeln) ausdrücken und dass sich im Umgang mit den Bedürfnissen, den eigenen und denen der anderen, das Wesen des Menschen formt. Mir wurde dabei auch immer deutlicher, welche immens wichtige Rolle die Gefühle in diesem ganzen Zusammenhang spielen und dass sie der Schlüssel zum Verständnis unserer selbst sind. Mir wurde deutlich, dass auch der freie Wille, den wir seit der Aufklärung in unserem abendländischen Verständnis so selbstverständlich voraussetzen, ein Potenzial ist, das in uns angelegt ist, das sich im Grundbedürfnis nach Freiheit ausdrückt, dessen Entfaltung aber keineswegs selbstverständlich ist. Im Gegenteil, dieser Entfaltung stehen viele Hindernisse im Weg. Nicht nur die kulturelle und familiäre Sozialisation, vor allem auch die ständig ablaufenden unbewussten Beeinflussungen unseres Gehirns durch innere und äußere Kräfte machen die Entwicklung eines freien Willens zur größten Herausforderung des Menschseins.

Fasse ich alle meine Erfahrungen, Erkenntnisse und Überlegungen zusammen, dann komme ich zu dem Schluss, dass die menschliche Psyche aus Potenzialen besteht, für deren Verwirklichung das Gehirn die Struktur und Funktionen bereitstellt. Diese Potenziale äußern sich in einer Bedürfnis- und Motivstruktur, die menschheitsweit gleich ist – eine Struktur, die kultur- und epochenübergreifend ist und die deshalb zu unserem menschlichen Erbgut gehört, genauso wie die Struktur unseres Körpers oder unseres Gehirns. Durch die intensive Beschäftigung mit den Epen und Mythen aus aller Welt, mit Philosophien und Religionen bin ich zur gleichen tiefen Überzeugung gekommen, wie der legendäre Mythenforscher Joseph Campbell. Er hat in seinem dreibändigen Werk Die Masken Gottes mit Hilfe der Forschungen und Erkenntnisse aus Archäologie, Religionswissenschaften und Ethnologie die ältesten Zeugnisse mythischen Denkens der Urvölker, des Ostens und Westens zusammengetragen und gezeigt, dass die Mythen seit Urzeiten das widerspiegeln, was die Menschen im Innersten bewegt. Dazu sagte er am Ende seiner zwölfjährigen Forschungsarbeit, dass ihr Hauptergebnis darin bestehe, dass er Gewissheit gefunden habe für »den Glauben an die Einheit der ganzen Menschheit, nicht nur in ihrer biologischen Beschaffenheit, sondern auch in ihrer Seelengeschichte.«7

Um auf mein Eingangszitat zurückzukommen: Das Buch endlich fertig zu schreiben, ist mir nicht nur schwer gefallen. Es hat zwar zu viele Jahre in Anspruch genommen, aber es war auch eine ständige Quelle der Freude. Denn die Arbeit hat mich, abgesehen von meinem Schwerpunkt Psychologie, in Gebiete geführt, die mir völlig unbekannt waren, und die verschiedenartigste Literatur – von den ältesten Menschheitsgeschichten über Philosophien und Religionen bis zur neuesten Hirnforschung – war und ist eine tiefe Bereicherung, für die ich den jeweiligen Autoren unendlich dankbar bin.

Dr. Evelin Kroschel-Lobodda München, im November 2014

1 Taylor, Ch. (1996): Quellen des Selbst. Frankfurt a. M. (Suhrkamp), 7

2 vgl. z. B. Heckhausen, J. u. H. (2010): Motivation und Handeln. 4. Aufl. Heidelberg (Springer)

3 Kroschel, E. (1996): Die Weisheit des Erfolgs. München (Kösel)

4 Kroschel, E. (2008): Die Weisheit des Erfolgs. München (ekl-edition); Neuaufl. Gevelsberg 2017 (EHP)

5 vgl. z. B. Heckhausen, J. u. H.: Motivation und Handeln. Heidelberg (Springer)

6 Kroschel, E. (2008): Die Weisheit des Erfolgs. München (ekl-edition); Neuaufl. Gevelsberg 2017 (EHP)

7 Kakar, S. (2012): Kultur und Psyche. Gießen (Psychosozial)

1. Die Suche nach dem Grund hinter dem Grund

»Das Menschenherz ist gefährlicher als Berg und Wildbach und schwerer zu erkennen als der Himmel.

Der Himmel hat doch wenigstens seine Jahres- und Tageszeiten; des Menschen Äußeres aber ist dicht verhängt, und sein eigentliches Wesen ist tief verborgen.«

(Dschuang Dsi, Buch XXVII,15)

Was bewegt uns, was bringt uns dazu, Bestimmtes zu tun und anderes zu unterlassen? Was erzeugt Gefühle von Angst, Zorn, Scham, Traurigkeit, Freude, Stolz, Zufriedenheit, Rachegefühle, Zuneigung, Liebe und was es sonst noch an unzähligen Gefühlen gibt? Warum geraten wir in bestimmte Situationen und warum handeln oder reagieren wir manchmal in unerklärlicher Weise?

Bei der Frage nach dem »Warum« geht es nicht nur um unsere Motive, Leidenschaften, Interessen und Ziele und darum, wie sie unser Handeln bestimmen und unsere Persönlichkeit. Die Frage nach dem Warum wird manchmal einseitig verstanden im kausalen Sinn, d. h. rückwärtsgewandt. Sie beinhaltet jedoch immer auch das Wozu. Wenn wir unser Handeln hinterfragen nach dem Grund, dann bedeutet das immer: Warum und wozu? Wir Menschen handeln intentional, unser Handeln ist zielgerichtet - auch dann, wenn es nicht danach aussieht und wenn wir selbst nicht wissen, was das Ziel eigentlich ist. ›Warum‹ und ›Wozu‹ sind die zwei Seiten einer Münze.

Bei der Frage nach dem ›Warum‹ geht es nicht nur um unsere Motive, Leidenschaften, Interessen und Ziele und darum, wie sie unser Handeln bestimmen und unsere Persönlichkeit formen. Es geht dabei auch um unser gesamtes Lebensschicksal, das von vielen Kräften aus verschiedenen Dimensionen unserer Psyche gesteuert wird, die uns meist nicht bewusst sind. Und wenn sie nicht bewusst sind, haben wir keinen Einfluss darauf. Es geht also darum, Einfluss zu gewinnen auf unser Leben und unser Schicksal, auf die Entwicklung unserer Persönlichkeit und auf die Entwicklung unserer Gemeinschaft, in der wir leben.

Einer meiner Lieblingsfilme ist der Western Spiel mir das Lied vom Tod. Der Film zeigt in grandioser Form, wie das Leben des Helden vom Rachemotiv beherrscht wird. Nun ist das Rachebedürfnis bzw. Vergeltungsmotiv ein Phänomen, das in der psychologischen Forschung und in der Philosophie, abgesehen von einzelnen philosophischen Betrachtungen wie z. B. Sloterdijks Werk Zorn und Zeit,1 absolut unterbelichtet ist – im Gegensatz zu Literatur und Film. Rache ist jedoch nicht nur eines der Hauptmotive bei Verbrechen – schon in den ältesten Texten der Weltliteratur gibt es kaum eine Geschichte, in der es nicht zu finden ist, und bei genauem Hinsehen ist auch unser alltägliches Handeln von Vergeltungsmotiven durchzogen. Das ist nur ein kleines Beispiel dafür, dass sich Theorie und Praxis nicht immer decken und dass ich auf der Suche nach Erklärungen für Phänomene, die ich in der psychologischen Arbeit mit Menschen erlebe, oft in der großen Literatur fündiger wurde als in meinem Wissenschaftsbereich. Ob im sumerischen Gilgamesch-Epos, im Alten Testament, im indischen Mahabarata, in Homers Epen, ob bei Shakespeare oder Dostojewski, ob bei Goethe, Hesse, Chatwin oder Davies – in der Literatur aus den unterschiedlichen Weltregionen, Ethnien und Epochen fand ich viele Antworten auf die Frage, was uns tatsächlich antreibt und die Menschen immer schon angetrieben hat. Diese Suche entwickelte sich zu meiner großen Leidenschaft: Warum tun wir das, was wir tun? Warum fühlen wir, was wir fühlen? Und warum passiert uns das, was uns passiert?

Unser ganzes abendländisches Verständnis geht vom selbstverantwortlichen Individuum und der Wahlfreiheit bei seinen Entscheidungen aus. Ich selbst ging natürlich auch davon aus. Doch irgendwann bekam diese Sicherheit Risse. Wie häufig müssen wir uns fragen »Wie, um Himmels Willen, bin ich in diese Situation geraten?« oder »Welcher Teufel hat mich da geritten, dass ich das getan habe?« Himmels-Wille, der uns steuert und Teufel, die uns reiten – was sind diese Götter und Dämonen, die da in uns wirken und oftmals unseren Willen beherrschen?

Während in der Antike die antreibenden Kräfte bildhaft mit den Begehren der Götter beschrieben wurden, haben wir in unserer modernen Wissenschaftssprache nüchterne Begriffe: Trieb, Bedürfnis, Motiv, Leidenschaft, Begierde, Sucht, Gier, Geiz, Streben, Drang – je nach Thema und Theorie werden andere Worte verwendet, die aber alle für das Gleiche stehen, nämlich für unsere allgegenwärtigen Beweger, ohne die es kein Leben und keine Entwicklung gäbe. Ich bin mir allerdings nach zwanzig Jahren Forschung zu diesem Thema inzwischen nicht mehr sicher, ob nicht die antiken Vorstellungen näher an den Phänomenen liegen, als unsere rationalen, wissenschaftlichen Erklärungsmodelle es vermögen. Je tiefer ich in das Thema eingedrungen bin, umso deutlicher konnte ich erkennen, wie lange die Menschheit sich schon mit diesem Thema beschäftigt. Und ich musste erkennen, dass wir mit unserem naturwissenschaftlichen Paradigma der Welterklärung viele Phänomene bisher nicht erfassen können.

Nun sind wir bei der Betrachtung menschlichen Verhaltens und Handelns nicht so frei, wie wir zumeist vermuten. Unsere Wahrnehmung ist eingeschränkt von unseren unbewussten Vorstellungen von der Natur des Menschen und der Gesellschaft, die wiederum in höchstem Maße kulturell und zeitgeistig geprägt sind. So ist z. B. der theoretische Horizont des westlichen Denkens von einer spezifischen Vorstellung durchdrungen, bei der die individuelle Autonomie des Menschen betont wird. Diese Sichtweise des Menschen hat eine lange Geschichte in der westlichen Philosophie und wurde während der Aufklärung vorherrschend. Das Menschenbild der Aufklärung impliziert, dass der Mensch von seinem zwischenmenschlichen und physischen Umfeld getrennt gesehen werden könnte. Dies ist eine Sichtweise, die nicht für alle Kulturen und historische Epochen gilt. Dieses individuelle und klar umrissene Subjekt, das sich deutlich von den anderen Objekten im Universum abhebt, steht im Gegensatz zur Vorstellung in nicht-westlichen Kulturen.

Die Arbeit in der Psychotherapie und im Coaching gewährt große Einblicke in das Lichte und Schattige der Menschen – ich glaube, nirgendwo sonst wird so offen über die innersten Angelegenheiten gesprochen. Und nirgendwo sonst lässt sich besser erforschen, welche Geister und Götter, Dämonen und Heilige sich in uns verwirklichen. Denn wir sind nicht nur unseren individuellen Bedürfnissen unterworfen, die wegen ihrer Gegensätzlichkeit schon konfliktträchtig genug sind. Wir werden auch noch von Begehren aus tieferen Schichten in uns gesteuert. Sigmund Freud wird die Erkenntnis zugeschrieben, dass wir nicht Herr im eigenen Haus sind. Das hat vor ihm schon Schopenhauer postuliert. Er hat Leben und Schicksal als Produkt und Veranstaltung seelischer Kräfte erklärt, deren Wirken dem bewussten Wollen weitgehend oder völlig entzogen ist. Albert Einstein fasste diese Philosophie in die griffige Formel, dass wir tun können, was wir wollen, aber nicht wollen können, was wir wollen.

Nun ist es aber gerade die Selbsterfahrungs-Arbeit, die dieser Ohnmacht entgegenwirken will und kann. Tatsache ist, dass Psychotherapie und Coaching genau an dem Punkt ansetzen, an dem Menschen feststellen, dass in ihrem Leben etwas anders läuft, als sie es eigentlich wollen. Dass sie mit ihrem Willen nicht weiterkommen. Dass irgendetwas sich ihrem Willen entgegenstellt; dass sie sich in Situationen befinden, in denen sie nicht sein möchten; dass sie psychisch, körperlich oder sozial unter etwas leiden oder dass etwas ganz anders läuft, als sie sich vorgenommen haben.

Während ich diese Zeilen überarbeite, läuft gerade die mediale Beschäftigung mit der Steuerhinterziehung des Präsidenten eines der berühmtesten Fußballclubs auf vollen Touren. Es wird gefragt, wie es sein kann, dass jemand, von dem man doch weiß, wie sozial und großzügig er handelt, welch gutes Herz er zeigt für Menschen in Not und mit wie vielen Millionen er jährlich soziale Einrichtungen unterstützt, so etwas tun kann. Mit dieser Tat habe er seinen guten Ruf verloren und sein Lebenswerk vernichtet, so wird postuliert. Die Spekulationen über das »Warum« werden in jeder Talkshow und in jeder Zeitung erörtert. Viele meinen, dass nicht Geldgier das treibende Motiv gewesen sein kann – was dann? Andere vermuten, es könnte das Machtmotiv gewesen sein – er habe im größenwahnsinnigen Realitätsverlust geglaubt, sich über das Gesetz stellen zu können. Oder vielleicht brauchte er den Kick, den unerlaubtes, gefährliches Verhalten bringen kann? Warum also hat er etwas getan, was sein Verstand sicher als »Dummheit« einschätzt? Vielleicht weiß er es nicht einmal selbst. Vielleicht stellt er sich genau die Frage: »Um Himmels Willen – welcher Teufel hat mich da geritten?«

Was sind also die Antriebskräfte, mit denen wir es den ganzen Tag zu tun haben – bei uns selbst und bei unseren Mitmenschen? Warum treffen wir uns mit bestimmten Leuten oder lehnen eine Verabredung ab? Warum sind wir zu einem bestimmten Menschen freundlich, zu einem anderen aggressiv und wieder bei einem anderen gleichgültig? Warum lassen wir uns auf ein risikoreiches Abenteuer ein, warum gehen wir eine Beziehung ein oder beenden sie, warum sind wir großzügig oder kleinlich, warum verzeihen wir oder sind unbarmherzig, warum schauen wir einen Film an, spielen Fußball oder lesen einen Roman? Warum teilen wir mit anderen oder machen Geschenke? Warum verhalten wir uns selbstsüchtig oder hilfsbereit?

Wie oft fragen wir uns, warum jemand dieses oder jenes wohl getan hat. Und wie oft fragen wir uns selbst, was uns zu einer bestimmten Handlung getrieben hat – vor allem dann, wenn wir uns eigentlich das Gegenteil vorgenommen hatten oder wenn wir schon im Voraus ahnten, dass das, was wir tun, nicht gutgehen wird.

Der Literatur-Nobelpreisträger Isaac Bashevis Singer meint: »Das größte Geschenk der Menschheit ist die freie Wahl. Es ist richtig, dass wir beim Gebrauch der freien Wahl begrenzt sind. Aber das Wenige an freier Wahl, das wir haben, ist ein solch großes Geschenk und ist potentiell so viel wert, dass es sich lohnt, gerade dafür zu leben«.2 Dem möchte ich aufgrund meiner Erfahrungen widersprechen: Wir haben keineswegs das Geschenk der freien Wahl, sondern wir haben das Geschenk des Lebens mit dem dazugehörigen Potenzial zur freien Wahl. Doch dieses Potenzial entfaltet sich nicht von selbst.

Während sich unsere körperlichen Potenziale während der pränatalen Phase vom Embryo bis zum Säugling von selbst entwickeln und bei einigermaßen nährenden Umweltbedingungen sich über die Kindheit und Pubertät zu ihrer reifen Form auswachsen, verhält es sich mit unseren psychisch-seelischen Potenzialen nicht ganz so einfach. Und was das Potenzial zum freien Willen angeht, so scheint es dasjenige zu sein, das für seine Entwicklung am längsten braucht und den meisten Einsatz erfordert, um sich zu entfalten.

Solange wir dieses Potenzial nicht entwickeln – und dazu braucht es mehr als die Trotzphase der Kleinkindzeit und die Rebellion der Pubertät –, solange sind wir, wie es die Hirnforscher postulieren, tatsächlich Marionetten der Verschaltungen unseres Gehirns, die offenbar von Kräften geformt und genutzt werden, die weit über die bisher in der Wissenschaft erforschten genetischen und sozialisierten Einflüsse hinausreichen. In den Kapiteln Der Kampf um den freien Willen und Gedankenwelten beschäftige ich mich mit dem Phänomen, dass unser Kommunikationsorgan Gehirn offensichtlich mit anderen Gehirnen bzw. Informationsgestalten mehr kommuniziert und vernetzter ist, als es ein materialistisches Weltverständnis wahrhaben will.

Eine Erkenntnis, die ich aus meiner Arbeit ziehe, ist die Tatsache, dass die psychischen Grundbedürfnisse und -motive einer neuen Bewertung bedürfen: Sie sind die Wegweiser zur Entfaltung unserer Potenziale; das heißt, wenn sie nicht befriedigt werden, können sich die jeweils in ihnen verborgenen Potenziale nicht entwickeln. Die Ergebnisse aus der Hirnforschung, der Vergleich mit den körperlichen Bedürfnissen und die genaue Betrachtung, wie sich das Bedürfnis nach einem freien Willen äußert und unter welchen Bedingungen sich der freie Wille entfaltet, lassen erkennen, dass sich nur bei ausreichender Befriedigung der psychisch-seelischen Bedürfnisse die inhärenten menschlichen Potenziale entwickeln können. Diese Bewertung steht im Gegensatz zu Philosophien und religiösen Dogmen, die in den Bedürfnissen etwas sehen, das bekämpft und möglichst unschädlich gemacht werden soll. Verbote bestimmter Grundbedürfnisse führen zu Fixierungen und Entgleisungen (dieses Thema behandle ich in den Kapiteln 3 und 6 ausführlich). Auch die angestrebte Bedürfnislosigkeit als Weg zur Befreiung von Leid (z. B. im Buddhismus) oder als Möglichkeit zum Seelenfrieden (z. B. bei den Stoikern) oder als Bedingung zur individuellen Freiheit (z. B. bei Laotse) macht erst dann Sinn, wenn im Laufe der Persönlichkeitsentwicklung die psychisch-seelischen Grundbedürfnisse schon so weit befriedigt wurden, dass sich die Potenziale bereits entwickelt haben. So sind z. B. beim indischen Prinzen Siddhartha Gautama, dem späteren Buddha, während seiner Kindheit und jungen Erwachsenenzeit sämtliche körperlichen und psychischseelischen Bedürfnisse wohl tief befriedigt worden, so dass sich seine Potenziale entfalten konnten. Auch Seneca, der die stoische Ethik zu einem glanzvollen Höhepunkt führte, stammte aus einer der reichsten Familien des römischen Reichs zu Zeiten von Kaiser Nero und war ein mächtiger und schon zu Lebzeiten berühmter Philosoph. Von ihm ist überliefert, dass er seine Bedürfnisse immer vortrefflich befriedigt hat (was übrigens damals schon als Gegensatz zu seiner Lehre empfunden wurde3) und so seine Potenziale entwickeln konnte.

Die Selbsterfahrungs-Arbeit zeigt, dass es mehrere Dimensionen von Bedürfnissen in der Psyche gibt, die wiederum in vielfacher Beziehung miteinander vernetzt sind. Da gibt es zum einen die individuelle, bewusste Ebene, die sich in den Interessen, Wünschen und angestrebten Zielen ausdrückt. Selbst für diese bewusste Dimension gilt, dass wir sehr häufig unsere wirklichen Absichten nicht kennen. Wir halten oft vordergründiges Verlangen oder bewusste Interessen und Ziele für die Motive unseres Handelns ohne zu den eigentlichen Beweggründen vorzustoßen. Wir haben rationale Gründe für unser Handeln – doch es gibt meist den Grund hinter dem Grund.

Denn hinter oder unter oder neben dieser bewussten Dimension liegt die individuelle unbewusste Dimension. Hier tummeln sich die Begehren, die von der Person aufgrund ihrer unbewussten Glaubenssätze und ihrer unbewussten Lebenspläne (Lebensscripte) aus ihrer Wahrnehmung bisher ausgeschlossen wurden und die nicht zu Motiven werden dürfen – und die sich deshalb in unverständlichen Handlungen, unangenehmen Situationen, Symptomen oder Krankheiten Gehör verschaffen wollen.

Und dann gibt es noch die unbewusste, kollektive Dimension. Sie ist ein Teil unserer Psyche, deren Kraft unser Schicksal in einer oft monströsen Weise bestimmt. Das ist der »tiefe Brunnen der Vergangenheit«, wie Thomas Mann4 es ausdrückt, der in uns wirkt und seine eigenen Begehren enthält, die er uns aufdrängt und die wir dann unbewusst erfüllen, auch wenn sie meist unseren eigenen, individuellen Bedürfnissen absolut zuwider laufen.

Trotz dieser hohen Komplexität unserer Psyche sind es aber immer wieder die wenigen gleichen Bedürfnisse und Motive, die sich durch alle Dimensionen ziehen und auf die alle inneren und äußeren, hilfreichen und destruktiven Kräfte einwirken. Und diese wenigen gleichen Grundbedürfnisse und Motive unterliegen einem Gesetz, das bisher in keiner Bedürfnis- und Motivationstheorie berücksichtigt wurde: dem Gesetz der Polarität. Das heißt, zu jedem Grundbedürfnis gibt es ein gegenteiliges und jedes Grundbedürfnis besteht in der Polarität von Haben-Wollen und Geben-Wollen. Und jedes Grundbedürfnis kann entgleisen, wenn es zu starken Einseitigkeiten in der Polarität kommt. Wenn ein Bedürfnis in die Fixierung gerät und dadurch der Gegenpol ausgeblendet wird, dann entstehen all diese Motive, die wir als Untugenden begreifen. So entsteht dann z. B. bei einer Fixierung des Besitz / Erkenntnis-Bedürfnisses Habgier, Geiz oder faustischer Erkenntnisdrang.

Im Kapitel Der Kreis der Bedürfnisse beschreibe ich mit meinem Modell eines Bedürfniskreises bzw. Motivrads diese gegensätzlichen Grundbedürfnisse und -motive in ihren jeweiligen Ausprägungen. Sie bilden nicht nur die Tiefenstruktur der menschlichen Psyche, sondern auch die Tiefenstruktur aller menschlichen Gemeinschaften, wie Familien, Organisationen, Gesellschaften und Kulturen. Sie sind die Gestalter nicht nur unseres individuellen Schicksals, sondern auch die prägenden Kräfte in allen Systemen, d. h. Familien, Organisationen, Gesellschaften und Kulturen.

Da sich aus den menschlichen Grundbedürfnissen die jeweiligen Werte einer Gemeinschaft ableiten, ist es auch für die Entwicklung und das Schicksal einer Gesellschaft von größter Bedeutung, von welchen Motiven sie sich steuern lässt (darauf gehe ich im Kapitel Zur universalen Dimension des Bedürfniskreises ein).

Ich habe die kulturellen und zeitgeistigen Unterschiede in der Betrachtung des Menschen durchaus im Blick und wage trotzdem die These aufzustellen, dass die Tiefenstruktur der menschlichen Psyche – ihre Potenziale, Bedürfnisse und Motive – in allen Kulturen und historischen Epochen (zumindest so weit zurück, als wir Schriftzeugnisse haben) gleich ist. Denn die älteste Weltliteratur gibt Aufschluss über das Erleben, das Handeln und die Motive der Menschen in ihrer jeweiligen Kultur und historischen Epoche (siehe Kapitel Ein Blick Jahrtausende zurück) und die historischen Ereignisse zeigen, mit welchen Bewertungen Gesellschaften bestimmte Grundbedürfnisse erhöhen und zu ihren »höchsten Werten« erklären bzw. sie zu »Unwerten« oder »Sünden« stempeln und verdammen.

Nur wenn wir zu den tieferen Gründen unserer Handlungen vorstoßen, jenseits unserer rationalen Erklärungen, und wenn wir verstehen, was die wirklichen Motive unseres Verhaltens und Handelns sind, welchen unbewussten Steuerungen wir unterliegen und in welche Situationen uns unbewusste Kräfte hineinlaufen lassen, können wir mit diesen Kräften in Kontakt kommen und ihr Wirken auflösen bzw. transformieren und dadurch unseren freien Willen und unsere Selbstbestimmung entwickeln und erweitern. Im Kapitel Der Kampf um den freien Willen zeige ich an zwei Fallbeispielen auf, wie das in der Praxis aussehen kann und wie wir den inneren Drahtziehern auf die Spur kommen können, die sich unserer Motivstruktur – ohne dass wir dies als Fremdeinfluss erkennen – bedienen. Wie sich diese Phänomene des Fremdeinflusses theoretisch erklären lassen, versuche ich im Kapitel Gedankenwelten zu erfassen.

Der Bogen, den ich in diesem Buch spanne, ist im Lauf der letzten zwölf Jahre, die ich nun daran arbeite, immer größer geworden. Als ich 1996 (überarbeitete Neuauflage 2008) in meinem Buch Die Weisheit des Erfolgs einen ersten Entwurf des Motivrades veröffentlichte, war dies eingebunden in den Kontext der Entwicklung von persönlicher Autorität. In der langen Zeit, die ich nun an und mit diesem Thema arbeite, ist mein Modell der menschlichen Motivstruktur gründlich gereift und meine Erfahrungen damit haben mir selbst erst verdeutlicht, dass dieses Thema nicht nur für die individuelle Persönlichkeitsentwicklung von grundlegender Bedeutung ist, sondern auch für die Analyse und Veränderung von Organisationen und Gesellschaften.

1 Sloterdijk, P. (2006): Zorn und Zeit. Frankfurt a. M. (Suhrkamp)

2 zit. nach Libet, B. (2004): Haben wir einen freien Willen? In: Ch. Geyer (Hrsg.): Hirnforschung und Willensfreiheit. Zur Deutung der neuesten Experimente. Frankfurt a. M. 2004 (Suhrkamp)

3 vgl. Berthold, H. (2005): Seneca. Mensch und Werk. In: Seneca. Handbuch des glücklichen Lebens. Köln (Anaconda)

4 zit. nach Assman, J. (2006): Thomas Mann und Ägypten. München (C. H. Beck)

2. Gefühlswelten

Alles, was von den Menschen getan und erdacht wird, gilt der Befriedigung gefühlter Bedürfnisse sowie der Stillung von Schmerzen.

Dies muss man sich immer vor Augen halten, wenn man geistige Bewegungen und ihre Entwicklung verstehen will.

Denn Fühlen und Sehnen sind der Motor alles menschlichen Strebens und Erzeugens, mag sich uns Letzteres auch noch so erhaben darstellen.

Albert Einstein (Mein Weltbild)1

Häufig benennen wir Gefühle als Ursache bzw. Gründe für unser Handeln. So werden Angst, Wut oder Lust als Motive bezeichnet, wenn wir z. B. sagen: »das habe ich aus Angst getan« oder »ich habe es getan, weil ich wütend war« oder »ich hatte einfach Lust, das zu tun« usw. Mit solchen Aussagen benennen wir Gefühle als die Verursacher unserer Handlungen. Doch das sind Kurzschlüsse – Gefühle sind nicht die Ursache und nicht die Motive für Handlungen – sie sind die Auslöser für unser Tun bzw. Nichttun. Gefühle sind das Kommunikations- und Signalsystem des Organismus im Dienste der Bedürfnisse.

Das Gebiet der Emotionsforschung ist riesig und vielfältig. Je nach Wissenschaftsgebiet werden verschiedene Perspektiven eingenommen und unterschiedliche Teilbereiche angeschaut. Abgesehen von philosophischen Betrachtungen einzelner Emotionen (wie z. B. Sloterdijks Werk Zorn und Zeit, das sich ganz dem Gefühl des Zorns in all seinen Facetten widmet), gibt es im Groben fünf Denkrichtungen: Die physiologische Theorie, die kognitivistische Theorie, die kulturrelativistische Theorie, die evolutionspsychologische Theorie und die soziologische Sichtweise.

Die physiologische Theorie besagt, dass Emotionen aufgrund körperlicher Vorgänge entstehen. Während wir üblicherweise meinen, dass das Gefühl der Angst einen flacheren Atem oder Zittern auslöst, fanden die Vertreter der physiologischen Theorie heraus, dass wir deshalb Angst spüren, weil unser Atem flach ist oder weil wir zittern. Unser Organismus sorgt in Bruchteilen von Sekunden für die körperlichen Reaktionen, die in Bedrohungssituationen notwendig sind für Flucht oder Kampf. Das geschieht, noch bevor das dazugehörige Gefühl der Angst in unser Bewusstsein kommt. Dabei wird zwischen Empfindungen und Emotionen unterschieden. Als Empfindung wird die Wahrnehmung der körperlichen Befindlichkeit bezeichnet, aus der wiederum eine Emotion, ein Gefühl entstehen kann.

Die Vertreter der kognitivistischen Theorie sind der Meinung, dass es nicht die Ereignisse sind, auf welche die Menschen mit Gefühlen reagieren, sondern ihre Vorstellungen über diese Ereignisse. Sie interessieren sich vor allem für die Denkvorgänge und haben herausgefunden, dass wir bewusst oder unbewusst ständig an alles, was wir wahrnehmen, ein Bewertungsraster anlegen und unsere Emotionen dann durch diese Bewertungen ausgelöst werden. So lässt z. B. eine Mischung der Bewertungen unerfreulich + unvorhergesehen + fremdverursacht ein Gefühl des Zorns entstehen.

Ganz sicher ist es so, dass wir dieses unaufhörliche Bewertungsraster in unseren Denkprozessen haben – allein es greift zu kurz, die Gefühle nur auf diese Bewertungen zurückzuführen. Die kognitivistische Theorie betrachtet einen den Empfindungen und Gefühlen nachgelagerten Denkprozess, aus dem dann weitere Emotionen resultieren. Der Neurowissenschaftler Joseph Ledoux drückt das so aus: »Die Bewertungstheorien haben sich mehr mit Anlässen als mit Ursachen befasst.«2 So bemängelt z. B. auch Antonio Damasio,3 einer der führenden Emotionsforscher, dass sich die Kognitionswissenschaft weder mit der Homöostasefunktion noch mit der organismischen Funktion der Emotionen beschäftige. Für ihn gehört die Emotion untrennbar zur Logik des Überlebens.

Die kulturrelativistische Theorie vertritt die Ansicht, dass es keine angeborenen universalen Gefühle gibt, sondern dass Gefühle Teile einer Kultur seien, die in der Kindheit und Jugend sozialisiert, d. h. gelernt werden, und dass es dementsprechend in unterschiedlichen Kulturen und unterschiedlichen Epochen auch unterschiedliche Gefühle gibt. So zogen die Verfechter der kulturrelativistischen Position beispielsweise die Beobachtung der kanadischen Anthropologin Jean Briggs, dass die Angehörigen des Volks der Inuit niemals in Zorn gerieten, als Beweis dafür heran, dass Zorn keine universale menschliche Emotion sei. Tatsache ist jedoch, dass Briggs (sie lebte in den Sechziger-Jahren längere Zeit bei den Inuit in den West-Northern-Territories) zwar beobachten konnte, dass bei den Inuit Zorn niemals gezeigt oder ausagiert wurde, dass dies aber nur darauf zurückzuführen war, dass er in höchstem Maße kontrolliert wurde. »Die Kontrolle der Emotionen genießt bei den Eskimos hohe Wertschätzung, und wenn sie unter den beschwerlichsten Umständen ihren Gleichmut bewahren, gilt das als wichtigstes Zeichen von Reife, von einer Erwachsenen-Haltung.«4 Die Inuit bewerten zorniges Verhalten als »nutaraqpaluktuq«, das bedeutet ungefähr kindisches Benehmen. Diese Zuschreibung zeigt, dass die Inuit den Zorn also durchaus bei ihren Kindern beobachten, sonst könnten sie ihn nicht als kindisch bewerten, die Erziehung aber dann stark dahingehend wirkt, dass das Erleben und der Ausdruck von Zorn strikt unterdrückt wird. In einer so unwirtlichen Gegend (bis in die Fünfziger-Jahre hatten Hungersnöte die Eskimostämme dezimiert) ist eine uneingeschränkte Solidarität innerhalb der Gruppe die Voraussetzung zum Überleben. Der Zorn mit all seinen Risiken – wie Spaltung der Gruppe oder Ächtung von Einzelnen – wurde als zu gefährlich betrachtet, um toleriert zu werden.

Die langjährige Vormachtstellung der kulturrelativistischen Theorie ist inzwischen durch viele Forschungen der letzten Jahrzehnte massiv in Frage gestellt worden. Wie das Beispiel der Inuit zeigt, liegen die kulturellen Unterschiede nicht darin, dass die Menschen in verschiedenen Kulturen unterschiedliche Gefühle hätten, sondern dass in verschiedenen Kulturen die Emotionen je nach ihren gesellschaftlichen Bedürfnissen unterschiedlich bewertet und dementsprechend ihre Wahrnehmung und ihr Ausdruck unterschiedlich sozialisiert werden. So ist z. B. das Gefühl des Ekels universal – wovor sich Menschen in unterschiedlichen Kulturen und Epochen ekeln, ist jedoch sozialisiert. Genauso ist auch das Gefühl der Angst universal – wovor sich Menschen ängstigen ist jedoch kulturell und zeitgeistig unterschiedlich.

In der evolutions-psychologischen Theorie wird der Standpunkt vertreten, dass wir Emotionen verspüren, weil sie unserem Überleben dienen. Die Vertreter dieser Position sind überzeugt, dass Emotionen sich im Laufe der menschlichen Entwicklungsgeschichte durch viele Selektionen herausgebildet haben und zu unserem genetischen Erbe gehören. Darwin hielt sechs Emotionen für universal: Freude, Überraschung, Traurigkeit, Angst, Ekel und Zorn. Dafür spricht, dass sich emotionale Reaktionen wie Erschrecken (als eine Form von Überraschung), Freude, Angst, Ekel und Zorn beim Menschen schon im frühesten Säuglingsalter zeigen – eine Tatsache, die der Theorie, dass Gefühle nur aus Denkprozessen entstehen, entgegensteht.

Ein berühmter Neurowissenschaftler auf dem Gebiet der Emotionsforschung ist Joseph Ledoux. Auch er hält die Emotionen für Funktionen des Organismus, die dem Überleben dienen. Er kommt zu dem Ergebnis, dass wir eine neue Herangehensweise an das emotionale Gehirn brauchen, weil die Theorie vom limbischen System im Gehirn als Sitz der Emotionen überholt sei, da kaum etwas für die Existenz dieses Systems oder für seine Beteiligung an der Emotion spreche: »Die Theorie des limbischen Systems war eine Theorie der Lokalisation. Sie wollte uns verraten, wo die Emotion im Gehirn angesiedelt ist. Doch McLean und spätere glühende Verfechter des limbischen Systems konnten uns nicht verlässlich sagen, welche Teile des Gehirns denn nun tatsächlich zum limbischen System gehören. […] Aus heutiger Sicht bestand sein Fehler wohl darin, das ganze emotionale Gehirn und seine Evolutionsgeschichte in ein einziges System zu packen. […] Die Emotionen sind sehr wohl Funktionen, die dem Überleben dienen. Da die einzelnen Emotionen aber an unterschiedlichen überlebenswichtigen Funktionen beteiligt sind, kann es sehr wohl sein, dass sie jeweils andere Hirnsysteme in Anspruch nehmen, die sich aus unterschiedlichen Gründen entwickelt haben. Es könnte dementsprechend nicht bloß ein emotionales System im Gehirn geben, sondern etliche.«5

Neben den philosophischen, anthropologischen, neurobiologischen und psychologischen Wissenschaften haben sich auch die Soziologen mit Emotionen beschäftigt. Der soziologische Blick auf Emotionen ist vor allem geprägt von Fragestellungen im Zusammenhang mit der Gesellschaft, z. B. wie Emotionen sozial geprägt werden und welche Wirkungen sie zeitigen. Die Beschäftigung der Soziologie mit den Emotionen ist noch nicht sehr alt, weil angeblich die Väter der Soziologie die Emotionen als soziologisch ungeeignete Untersuchungsgegenstände ablehnten. Wie Flam6 ausführt, entstand eine ausgesprochene Soziologie der Emotionen erst etwa Mitte der 1970er-Jahre in den USA mit Untersuchungen von Funktion und Einfluss von Emotionen in ausgewählten eichen wie z. B. im Umgang mit Geld, in der Politik oder am Arbeitsplatz. Inzwischen wird der Erforschung des Zusammenhangs von sozialen Strukturen und Emotionen viel Aufmerksamkeit gewidmet.

Die Entdeckung der Spiegelneurone des italienischen Hirnforscherteams um Giacomo Rizzolatti7 hat nun die Emotionsforschung auf fundamentale Weise bereichert. Die Spiegelneuronen bieten nicht nur die biologische Erklärung für Phänomene wie Mitgefühl und Mitleid, sondern auch dafür, wie es möglich ist, von Gefühlen – und damit Bedürfnissen und Motiven – anderer infiziert zu werden. Die Wissenschaftler der Universität von Parma fanden Nervenzellen, in denen sich spiegelt, was andere tun und welche Gefühle sie zum Ausdruck bringen – und nannten diese Nervenzellen ›Spiegelneurone‹. Das bedeutet, dass dann, wenn wir eine Handlung beobachten, unsere Spiegelneurone genauso funken, wie sie es im Falle der eigenen Handlung tun, und wenn wir bei jemandem starke Gefühle wahrnehmen, dann funken unsere Spiegelneurone genauso, wie wenn wir selbst diese Gefühle hätten. Diese Spiegelneurone sind zuständig für Empathie und Mitleid, für unsere Einfühlungsfähigkeit; so sind sie z. B. auch dafür verantwortlich, wenn wir bei traurigen Filmen weinen oder uns bei gruseligen Psychoschockern fürchten (sofern wir uns nicht ständig bewusst machen, dass wir nur Zuschauer eines Kunstprodukts sind). Sie sind auch für das Phänomen verantwortlich, das in der Massenpsychologie schon lange als Resonanzphänomen bezeichnet wird.8 Das heißt, dass Gefühle einer Menschenmenge auf bisher Unbeteiligte ›überspringen‹ und dadurch bei diesen die gleichen Gefühle entstehen. Das gilt jedoch nicht nur für die Massenpsychologie, sondern für jede zwischenmenschliche Beziehung.9 Jeder von uns kennt das Phänomen, dass sich unser Gefühlszustand durch den Gemütszustand eines Gesprächspartners stark verändern kann, dass man sich von Gefühlen anstecken bzw. ›ergreifen‹ lässt. Der Hirnforscher Christian Keysers drückt das so aus: »Unser Gehirn ist bei weitem nicht so privat, wie wir dachten. Es erlebt die Zustände anderer Menschen mit.«10

Die Sprache von Körper und Psyche

Neben meinen phänomenologischen Erkenntnissen aus der psychologischen Praxis hat mir das Studium der Weltliteratur (Beispiele im Kapitel Ein Blick Jahrtausende zurück) gezeigt, dass sich durch alle Kulturen und Epochen hinweg die gleichen Gefühle nachweisen lassen und vor allem, dass sie immer im Dienste der Bedürfnisse stehen. Damit dienen Gefühle tatsächlich dem Überleben, wie es sowohl physiologische als auch psychologisch-evolutionäre Theorien postulieren – doch ihre Funktion geht weit darüber hinaus, denn sie dienen nicht nur dem Überleben, sondern auch der Entwicklung der Persönlichkeit, der Entfaltung unserer menschlichen Potenziale und der Wegbereitung unserer Fähigkeiten. Sie sind das Kommunikationsmittel innerhalb des Individuums und ein Kommunikationsmittel zwischen Individuum und Umwelt.

Gefühle stehen immer im Dienste der Bedürfnisse

Die genaue Betrachtung unserer körperlichen Bedürfnisse zeigt den grundlegenden Prozess auf. Viele Bedürfnisse des Körpers erfüllt er sich selbst autonom, ohne dass wir etwas tun müssen, zum Beispiel sein Bedürfnis nach Zellteilung, Zellwachstum, Zellzerfall und er regelt selbst seine Temperatur, Verdauung, Herzkreislauf usw. entsprechend den organismischen Homöostase-Bedürfnissen.

Doch wenn unser Organismus (Körper und Psyche) Bedürfnisse hat, die von uns handelnd befriedigt werden müssen, dann kommuniziert er uns das. Seine Kommunikationsmittel sind die Empfindungen, Gefühle, Emotionen und Affekte. Er zeigt uns über Gefühle, was er braucht. Wenn er Nahrung braucht, fühlen wir uns hungrig; wenn er Flüssigkeit braucht, fühlen wir uns durstig; wenn er Kontakt braucht, fühlen wir uns wach; wenn er Schlaf braucht, fühlen wir uns müde; wenn er sich entleeren will, fühlen wir einen Drang; wenn er Wärme braucht, dann frieren wir; wenn er nach Sexualität verlangt, zeigt er das über Lustgefühle; wenn er eine Vermeidung eines schädlichen Einflusses oder eine Heilbehandlung braucht, dann fühlen wir Schmerz, usw. Wenn also z. B. jemand sagt, »ich habe gegessen, weil ich hungrig war«, dann benennt er nicht die Ursache, die ihn zum Essen veranlasst hat, sondern er benennt das Kommunikationsmittel, mit dem ihm sein Körper kundgetan hat, dass er ein Nahrungsbedürfnis hat. Hunger ist kein Bedürfnis, sondern das Gefühl, mit dem das Bedürfnis gemeldet wird.

Also immer, wenn der Körper etwas braucht, was unser Handeln erfordert, meldet er das in Form von Empfindungen und Gefühlen. Sie sind die Sprache des Körpers, mit denen er uns eine Botschaft gibt.

Mit Psyche und Seele verhält es sich genauso. Auch sie melden uns ihre Bedürfnisse durch Gefühle. Auch ihr Kommunikationsinstrument sind die Gefühle.

Gefühle sind die Sprache des Körpers und unserer Seele, mit denen sie uns kundtun, dass sie etwas brauchen oder wenn sie frustriert sind; über Gefühle zeigen sie uns, wenn sie gesättigt bzw. befriedigt sind; über Gefühle zeigen sie uns, wenn sie übersättigt sind, und über Gefühle zeigen sie uns, wenn ein Befriedigungszustand bedroht ist.

Wenn ich in diesem Zusammenhang von Gefühlen spreche, mache ich keinen Unterschied zwischen Empfindungen, Emotionen, Gefühlen und Affekten, wie es in der psychologischen und philosophischen Literatur vielfach gemacht wird.11 So macht z. B. Antonio Damásio den Vorschlag, zwischen Emotionen und Gefühlen dergestalt zu unterscheiden, dass als Emotionen bezeichnet wird, was nach außen gerichtet und öffentlich sichtbar ist, und als Gefühle zu bezeichnen, was innerlich subjektiv erlebt wird.12 Ich mache auch keinen Unterschied zwischen nichtmoralischen und moralischen Emotionen, womit sich z. B. Wollheim vertieft beschäftigt hat.13 Denn ob moralische oder nichtmoralische Emotion, ob Empfindung, Gefühl oder Affekt – sie alle stehen im Dienste der Bedürfnisse und haben die Aufgabe, unser Bewusstsein auf den Zustand eines Bedürfnisses aufmerksam zu machen und unsere Wahrnehmung, unser Denken und unser Handeln in eine bestimmte Richtung zu lenken. So werden moralische Gefühle z. B. immer durch das Bedürfnisfeld Gerechtigkeit/Ideale ausgelöst. Zu jedem der Grundbedürfnisse gehören jeweils entsprechende Gefühle, mit denen sie sich ausdrücken. Um das an zwei Beispielen deutlich zu machen: Das Bedürfnis nach Rache drückt sich immer durch Gefühle von Ärger, Wut, Zorn und/oder Zerstörungslust aus – niemals durch Gefühle von Liebe, Fürsorge oder Angst. Dagegen drücken sich Bedürfnisse nach Bindung/Gemeinschaft durch Gefühle von Zuneigung, Liebe, Dazugehörigkeit, Fürsorge, Sehnsucht nach jemandem, Heimweh, usw. aus – aber nie durch Gefühle von Ärger, Wut oder Zorn. Werden jedoch Versuche zurückgewiesen, das Bedürfnis nach Gemeinschaft zu befriedigen, dann kann als Reaktion Ärger, Wut und Zorn entstehen – Gefühle, mit denen uns die Psyche kommuniziert, dass ein Bedürfnis frustriert wurde. Es können als Reaktion auf die Frustration aber auch Trauer und Niedergeschlagenheit entwickelt werden. Ob Zorn- oder Trauer-Gefühle uns signalisieren, dass ein Bedürfnis frustriert worden ist, hängt von unserer Bewertung ab (im Sinne der kognitiven Theorie). Meinen wir z. B., dass wir ein Recht auf die Befriedigung haben und sie uns von jemandem verwehrt wird, dann reagieren wir mit aggressiven Gefühlen wie Zorn. Meinen wir dagegen z. B., dass uns die Befriedigung nicht zusteht oder nicht möglich ist (z. B. wegen des Todes eines Partners), dann reagieren wir mit Trauer- oder Ohnmachtsgefühlen.

Jede Kultur hat ihre speziellen Vorlieben oder Notwendigkeiten zur Unterdrückung von bestimmten Primärbedürfnissen sowie den dazugehörigen Gefühlen (einhergehend mit der Erhöhung der jeweils gegenteiligen Bedürfnisse zu höchsten Werten). Durch jede Sozialisation wird das Individuum bezüglich der Wahrnehmung bestimmter Bedürfnisse desensibilisiert. Bei dieser kulturellen Desensibilisierung lernen wir, die entsprechenden Bedürfnisse und Gefühle so zu unterdrücken, dass wir sie gar nicht mehr wahrnehmen oder erkennen können (wie das Beispiel der Inuit zeigt, das eine sozialisierte Unterdrückung des Zorns beschreibt). Wir lernen, unliebsame oder unerlaubte Gefühle mit anderen Gefühlen zu überdecken oder zu verschleiern, wobei das Überdecken und Verschleiern dem Bewusstsein meist entzogen ist. So wird beispielsweise Trauer unbewusst häufig unter Wut versteckt, und umgekehrt ist Wut oft in eine Depression eingehüllt. Wir lernen, Gefühle unter einen Wust von Gedanken zu verstecken. Unsere westliche kulturelle Dominanz der Ratio macht es uns nicht einfach, unseren Gefühlen die Bedeutung zu geben, die sie haben und ihre Informationsqualität zu erkennen.

Wie sehr Gefühle z. B. unter einem dichten Schleier von Gedanken versteckt sein können, mag eine kleine Gesprächssequenz aus einer Coachingsitzung zeigen:

Der Klient erzählte von einer Kränkung durch seinen Vorgesetzten, die ihm so zugesetzt hatte, dass er deswegen erwog, die Firma zu verlassen (trotz vieler sich daraus ergebender Nachteile). Während er darüber sprach, konnte ich sehen, wie sein Atem flacher und sein Gesicht blasser wurden und seine Arme auf der Sessellehne angespannt waren. Ich: »Wenn Sie das Ganze so vor ihrem geistigen Auge haben – was empfinden Sie dabei?« Er: »Ja, ich denke, das war ziemlich unfair.« Ich: »Und wenn Sie nun daran denken und mir erzählen, wie unfair das Ganze war – wie fühlt sich das an?« Er: »Ich denke, der braucht einen Denkzettel.« Ich: »Sie wollen ihrem Chef einen Denkzettel verpassen. Aus welchem Gefühl heraus wollen Sie das denn?« Antwort: »Nun, ich denke, so etwas darf nicht ungestraft bleiben!« Nach meinen vergeblichen Versuchen, seine Wahrnehmung auf seine Gefühle zu richten, machte ich ihn schließlich auf meine Beobachtung seiner körperlichen Reaktionen aufmerksam: »Mir fällt auf, dass Ihre Arme ganz angespannt sind und Ihr Reden sich ein bisschen atemlos anhört.« Er stutzte und sagte dann ganz überrascht: »Ja, stimmt, ich fühle mich völlig angespannt – – (lange Pause) – – und außerdem bin ich echt zornig!«

Im weiteren Verlauf der Sitzung stellte sich dann heraus, dass »zornig sein« in der Familie des Klienten mit Verachtung und Beschämung bestraft wurde. Das hatte dazu geführt, dass der Klient lernte, seine Ärgergefühle zu verdrängen (was ihm offenbar Bluthochdruck verschaffte, denn ein halbes Jahr später am Ende des Coachings hatte sich sein Blutdruck normalisiert). Durch das Bewusstwerden und die Akzeptanz seines Zorns konnte er sein Rachebedürfnis erkennen und aus verschiedenen Perspektiven betrachten. Ihm wurde klar, dass er mit dem Verlassen der Firma nur sich selbst geschadet hätte und er damit keineswegs eine Bedürfnisbefriedigung erreicht hätte. In der vertieften Selbsterkenntnisarbeit kam er einer inneren Instanz auf die Spur, die zur Eskalation der Situation geführt hatte. Er erkannte, dass sein Verhalten durch ein sogenanntes Introjekt gesteuert war, das lautete »ich muss Autoritäten bekämpfen«. (Ein Introjekt wirkt wie ein unbewusster innerer Befehl, die Welt auf bestimmte Art zu sehen und/oder sich auf bestimmte Weise zu verhalten.) Das führte dazu, dass er in subtiler Weise immer wieder versuchte, die Hierarchie in der Firma in Frage zu stellen und die Autorität seines Chefs zu sabotieren. Als dieser seine Führungsrolle klar definierte und die Übergriffe abwehrte (was mein Klient als mangelnde Wertschätzung seiner Person empfand), eskalierte die Situation.

Mein Klient erkannte, dass ihm seine eigenen aggressiven Gefühle und das dahinter stehende Bedürfnis nach Macht nicht bewusst gewesen waren und er deshalb viel davon auf seinen Chef projiziert hatte. Da seine familiäre Sozialisation Unterwerfung verlangt hatte (was im Gegensatz zu seinem Introjekt stand, das einen Kampf gegen Autoritäten verlangte), musste mein Klient die Wahrnehmung seiner Machtbedürfnisse und seiner aggressiven Gefühle verdrängen, was dazu führte, dass sich diese Bedürfnisse unter einer Haltung versteckten, die sich in einer Mischung von nörglerischer Rechthaberei, ironischen Sticheleien und selbstdestruktivem Querulantentum ausdrückten. Als mein Klient dies erkannte, sein Machtbedürfnis in sein Selbstbild integrieren konnte und das destruktive Introjekt auflöste, veränderte sich die Situation deutlich. Hatte er vorher das Gefühl gehabt, ständig missachtet gegen Windmühlen zu kämpfen, so konnte er nun seine Kompetenz wirksam zum Ausdruck bringen und die Anerkennung, die er bekam, wahrnehmen und annehmen.

Gefühle sind die Sprache des Organismus. Wenn wir sie vernachlässigen, bedeutet das, dass wir die Informationen, die uns durch sie vermittelt werden sollen, nicht erkennen und in der Folge auch nicht adäquat damit umgehen.

Die vier Grundaussagen der Gefühle

Solange wir die Sprache unserer Psyche nicht verstehen, solange sind wir auch nicht in der Lage, mit ihr zu kommunizieren und Einfluss auf sie zu nehmen. Trotz der unzähligen Variationen und Kombinationen von Gefühlen beschränken sich ihre Aussagen auf vier Grundformen:

1. Gefühle melden einen Mangel bzw. Verlust an Befriedigung von Grundbedürfnissen:

Mangel bzw. Verlust signalisiert der Organismus z. B. durch Hunger, Durst, Müdigkeit, Wachheit, Lust, Tatendrang, Aggression, Mut, Strebsamkeit, Interesse, Wunschgefühle, Sehnsucht, Neugier, Heimweh, Fernweh, Rivalität, Erregung, Ehrgeiz, Gier, Sucht, Zorn, Wut, Hass, Groll, Ressentiment, Missgunst, Rachewunsch, Neid, Eifersucht, Entrüstung, Erschütterung, Demütigung, Scham, Reue, Sorge, Verunsicherung, Aufregung, erschrockene Überraschung, Irritation, Resignation, Erschöpfung, Verdruss, Niedergeschlagenheit, Verdrießlichkeit, Ungeduld, Trauer, Bitterkeit, Verbitterung, Trübsinn, Burn-out, Missbilligung, Schuldgefühl, schlechtes Gewissen, Sich-gekränkt- oder -beleidigt-Fühlen, Sich-angestrengt-Fühlen usw.

Die Unterschiedlichkeit dieser Gefühle hat zum einen mit der organismischen Unmittelbarkeit – im Sinne der physiologischen und psychologisch-evolutionären Theorien – zu tun (z. B. Hunger, Durst, Müdigkeit, Erschrecken, Angst usw.). Zum anderen rührt die Unterschiedlichkeit von der inneren Bewertung – im Sinne der kognitiven Theorie – ob der Mangel als Ansporn oder als Verlust empfunden wird, ob er als selbst- oder fremdverursacht bewertet wird, ob er als normal oder als schlimm erlebt wird, ob er als behebbar oder als nicht zu beseitigen angesehen wird (z. B. Zorn, Ärger, Trauer, Hilflosigkeit usw.).

Während Gefühle wie z. B. Verdruss, Niedergeschlagenheit, Trübsinn, Erschöpfung unspezifisch auf sämtliche Bedürfnisse bezogen sein können, gibt es Gefühle, die klare Hinweise auf einen spezifischen Mangel geben. So weisen z. B. Gefühle der Scham, der Demütigung, der Eifersucht, des Ehrgeizes usw. auf eine Betroffenheit des Bedürfnisfelds Selbstwert/Anerkennung hin. Wohingegen z. B. Schuldgefühle, Rachegefühle, schlechtes Gewissen, Missbilligung, Entrüstung usw. dann entstehen, wenn das Bedürfnisfeld Gerechtigkeit/Ideale betroffen ist.

Da für den Organismus ein Mangelzustand Stress bedeutet, werden dabei alle physiologischen und psychologischen Stress-Reaktionen ausgelöst – die ich im Abschnitt Die Macht der Bedürfnisse näher beschreibe.

2. Gefühle melden eine Bedrohung des derzeitigen Befriedigungszustandes:

Eine Bedrohung der Bedürfnisbefriedigung signalisiert der Organismus durch Angst, Furcht und Sorge in ihren unterschiedlichsten Ausprägungen.

Der legendäre Neurowissenschaftler Eric Kandel bezeichnet die Angst als »normale, angeborene Reaktion auf eine Bedrohung – der eigenen Person, der eigenen Einstellungen oder der Selbstachtung – oder auf die Abwesenheit von Menschen oder Dingen, die Sicherheit gewähren oder bedeuten.«14 Damit benennt Kandel schon fünf der wichtigsten Bedürfnisfelder: Sicherheit/Beständigkeit, Selbstwert/Anerkennung, Gerechtigkeit/ Ideale, Bindung/Gemeinschaft und Besitz/Erkenntnis, auf deren Bedrohung wir mit Angst reagieren.

So signalisieren z. B. die Todesangst, die Kriegsangst oder auch hypochondrische Ängste die Bedrohung des Lebens, betreffen also das Sicherheitsbedürfnis; soziale Ängste signalisieren eine Bedrohung der Zugehörigkeit oder des Selbstwertes; Bindungsängste signalisieren eine Bedrohung der eigenen Freiheit bzw. Unabhängigkeit; von Verlustängsten spricht man meistens im Zusammenhang mit der Angst vor dem Verlassen-Werden durch einen geliebten Menschen oder vor dem Verlust des Besitzes; und Existenzangst bezieht sich auf die Bedrohung des Lebensstandards, der Sicherheit, des Wohlstandes (Besitzes) und des Selbstwertes, z. B. wenn der Arbeitsplatz bzw. das Einkommen als unsicher wahrgenommen werden.

In seiner Signalfunktion ist Angst adaptiv und schützend und bereitet uns auf potenzielle Gefahren vor. Auf diesen Aspekt geht Willi Butollo in Angst ist eine Kraft15 detailliert ein.

Andererseits kann Angst dysfunktional werden, indem sie entweder unangemessen intensiv ist oder durch Verknüpfung bzw. Konditionierung auf neutrale Ereignisse oder Dinge verschoben wird, die weder selbst gefährlich sind, noch Gefahr anzeigen. Dann ist die Angst pathologisch und äußert sich z. B. in Panikattacken, in Phobien (z. B. Klaustrophobie, Agoraphobie, Tierphobien usw.), in hypochondrischen Ängsten oder in chronischer Angst (ein dauerhaftes Gefühl der Anspannung), ohne genau zu wissen, wovor. So ist dysfunktionale Angst z. B. ein zentrales Merkmal einer posttraumatischen Belastungsreaktion, bei der eine massive körperliche oder psychische Verletzung aus der Vergangenheit immer wieder als gegenwärtige Bedrohung erlebt wird.

Oft ist die Angst auch verbunden mit entweder aggressiven Gefühlen wie Ärger, Zorn, Empörung, Ungeduld, Sich-angegriffen-Fühlen usw. oder (gegenteilig) mit Ohnmachtsgefühlen wie z. B. Hilflosigkeit, Mutlosigkeit, Sorge, Erschütterung, Unbehagen, Nervosität, Unruhe, Verstimmung, Lähmung, Trübsinn, usw.

Die ungeheure Bedeutung des Gefühls der Angst ergibt sich aus diesem ursächlichen Zusammenhang von Grundbedürfnissen und ihrer tatsächlichen oder vermeintlichen Bedrohung, ganz gleich, welches Bedürfnisfeld als bedroht wahrgenommen wird. Gefühle von Furcht, Angst und Sorge entstehen also, wenn die Befriedigung eines unserer Grundbedürfnisse in Gefahr ist und wir dabei den Verlust einer Bedürfnisbefriedigung in die Zukunft projizieren, ohne dass gegenwärtig tatsächlich schon ein Mangel vorhanden wäre. Normalerweise sind wir uns dieser Verlust-Projektion in die Zukunft nicht bewusst, sondern wir reagieren so, als wäre der Mangel schon eingetreten.

3. Gefühle melden eine Bedürfnis-Befriedigung:

Eine Bedürfnisbefriedigung wird immer durch ein positiv empfundenes Gefühl signalisiert: z. B. durch Freude, Glück, Zufriedenheit, Sättigung, freudige Überraschung, Angekommen-Sein, innere Ruhe, Gelassenheit, Heiterkeit, Genugtuung, Sicherheit, Dankbarkeit, Wohlbehagen, Geduld, Stolz, Gleichmut, Bewunderung, Entzückung, Freiheit, Liebe, Zugehörigkeit, Wohlgesonnen-Sein, Sich-anerkannt-Fühlen, Sichwertgeschätzt-Fühlen, Sich-geehrt-Fühlen, Sich-erfolgreich-Fühlen, Sich-nützlich- oder -wichtig-Fühlen, Sich-erfrischt-Fühlen, Sich-im-»flow«-Erleben16 usw.

Auch bei den Emotionen, die eine Befriedigung melden, ist es so, dass einige Gefühle, wie z. B. sich freuen, sich glücklich fühlen, zufrieden sein usw. unspezifisch sind und sich auf alle Bedürfnisse beziehen können, während andere sehr spezifisch für bestimmte Bedürfnisfelder stehen. So bedeutet z. B. ein Flow-Gefühl, dass die gegensätzlichen Bedürfnisse nach Hingabe und Wirksamkeit sowie nach Sicherheit und Neuheit gleichzeitig befriedigt sind. Gefühle wie Zugehörigkeit oder Aufgehoben-Sein, geliebt zu werden usw. melden eine Befriedigung des Bedürfnisfelds Bindung/Gemeinschaft; Gefühle wie Anerkennung oder Wertschätzung, geehrt zu sein, gesehen zu werden usw. signalisieren, dass das Bedürfnis nach Selbstwert/Anerkennung gerade befriedigt wird. Sich dankbar zu fühlen, Genugtuung zu erleben, etwas oder jemanden zu bewundern, sich im Recht zu fühlen usw. sind Emotionen, die anzeigen, dass ein Bedürfnis aus dem Feld Gerechtigkeit/Ideale befriedigt ist.

4. Gefühle melden eine Übersättigung von Grundbedürfnissen:

Übersättigung kann sich z. B. durch Gefühle von Überdruss, Trägheit, Ekel, Lustlosigkeit, Stumpfsinnigkeit, Ablehnung, Lähmung, Fadheit usw. bemerkbar machen.

Vor allem äußert sich eine Übersättigung jedoch durch ein Umschlagen auf das jeweils gegensätzliche Bedürfnis. So schlägt beispielsweise ein übersättigtes Sicherheits-/ Beständigkeits-Bedürfnis um in das gegenteilige Bedürfnis nach Neuheit/Veränderung; ein übersättigtes Bindungs-Bedürfnis schlägt um in einen Freiheitsdrang (und jeweils umgekehrt). Ein übersättigtes Besitz-Bedürfnis schlägt um in ein Selbstwert-/Anerkennungs-Bedürfnis (ein Beispiel dafür ist, wenn Menschen mit großem materiellen Besitz nur noch Ruhm und Ehre wollen – so bezeichnete z. B. der Milliardär George Soros sein Leben als Spekulant als »elend« und wünscht sich, als Philosoph und Philantrop anerkannt zu werden). Ein übersättigtes Gerechtigkeits-/Ideale-Bedürfnis schlägt um in ein Freude-/Genuss-Bedürfnis (ein extremes Beispiel dafür ist, wenn ein leistungsbetonter oder sehr pflichtbewusster Mensch plötzlich zum Aussteiger wird und nur noch der Muße, der Kunst oder dem Naturgenuss frönt).

Gefühle sind also nicht die Ursache, sondern die Impulse unseres Tuns bzw. Nicht-Tuns – Ursache unseres Tuns sind die Bedürfnisse und die in ihnen enthaltenen Potenziale, die zur Entfaltung drängen. Über die als negativ empfundenen Gefühle fordert uns unser Organismus auf, seine Bedürfnisse zu erkennen und zu befriedigen, und über die positiv empfundenen Gefühle signalisiert er uns die gelungene Befriedigung.

Aggression – eine emotionale Funktion im Dienste der Bedürfnisse

Sigmund Freud betrachtete den Aggressionstrieb als selbstständigen Trieb (er nannte ihn Thanatos) und stellte ihn der Libido (dem Lebenstrieb) gegenüber. Aggression ist jedoch kein Trieb im Sinne eines eigenständigen Bedürfnisses, sondern ein physiologisches Potenzial im Dienste aller anderen Bedürfnisse.

Wenn wir die Aggression von Tieren betrachten, zeigt sich diese Funktion sehr deutlich. Es geht immer um den Status in der Gruppe, um die Rangfolge bei Platz und Nahrung oder um die Abwehr von Bedrohung.

Wenn wir menschliche Aggression genauer betrachten, finden wir die gleiche Ausgangslage wie bei Tieren: sie ist nie sinnlos oder unmotiviert. Wenn von »sinnloser Gewalt« gesprochen wird, dann handelt es sich hierbei immer um die Zuschreibung oder Interpretation von außen, d. h. dass sie dem Betrachter als sinnlos erscheint. Für den Handelnden selbst gibt es immer ein Motiv, das ihn aggressiv sein lässt. Es ist zwar häufig so, dass jemand selbst den Grund seines aggressiven Handelns nicht kennt, weil er unbewusst und automatisch handelt (vgl. Kapitel Der Kampf um den freien Willen) und seine eigenen Motive nicht kennt. Doch mangelnde Selbsterkenntnis ist nicht gleichbedeutend mit mangelndem Motiv.

Aggression ist ein grundlegendes physiologisches Potenzial, das jedoch unbedingt eines psychischen Anreizes bedarf, damit es zu einem aggressiven Verhalten bzw. zu einer aggressiven Handlung kommt. Das heißt, Aggression steht immer im Dienste eines Bedürfnisses bzw. Motivs. Das kann z. B. das Vergeltungsmotiv sein, wenn man sich für eine Demütigung, Ungerechtigkeit oder Frustration rächen will. Es kann das Machtmotiv sein, wenn man mit der Aggression seine eigene Wirksamkeit erhöhen will; es kann das Besitzmotiv sein, wenn man mit Aggression etwas erbeuten oder seinen Besitz verteidigen möchte; es kann das Selbstwertmotiv sein, wenn mit der Aggression die eigene Ehre verteidigt oder wieder hergestellt werden soll; es kann das Bindungsmotiv sein, wenn mit der Aggression etwas für die eigene Gemeinschaft erkämpft oder verteidigt werden soll; es kann das Sicherheitsmotiv sein, wenn mit der Aggression der eigene Schutz verteidigt werden soll; es kann das Neuheits-/Veränderungsmotiv sein, wenn mit der Aggression das Alte zerstört werden soll, um dem Neuen Platz zu machen; es kann das Individualitäts- und Freiheitsmotiv sein, wenn mit der Aggression Vereinnahmung und Unfreiheit abgeschüttelt werden soll, usw.

In einer sorgfältigen Verhaltensbeobachtungs-Studie wurden Kinder im Alter von drei bis elf Jahren in je einer Gemeinde aus sechs Kulturen – Kenia, Mexiko, Nordindien, Okinawa, Philippinen und USA – in Bezug auf Aggressionen untersucht. Dabei stellte sich heraus, dass bei Kindern, solange sie noch nicht voll in die besonderen Sozialisationsnormen ihrer jeweiligen Kultur hineingewachsen sind, die Art und Häufigkeit der Aggression in den unterschiedlichen Kulturen fast völlig gleich sind. »Nimmt man die häufigsten Formen der Aggression (wie beleidigen, schlagen), so zeigen Kinder zwischen drei und elf Jahren in jeder Kultur durchschnittlich neunmal pro Stunde aggressive Akte. Davon sind 29 Prozent unmittelbare Vergeltungsreaktionen auf Angriffe, die man gerade von anderer Seite erfahren hat. […] Mit dem Alter ändern sich in allen Kulturen die Formen der Aggression: Die Häufigkeit körperlicher Angriffe nimmt ab zugunsten stärker ›sozialisierter‹ Formen wie Beleidigung und Balgereien. […] Bemerkenswert ist des Weiteren, dass in jeder Kultur die jüngeren Kinder und die altersgleichen weit mehr Aggression abbekommen als die älteren, zumal mit jüngerem Alter die Angegriffenen auch eher zur Aggression einladen, weil sie sich getroffen fühlen oder weinen. Lambert (1974) sieht darin eine Verschiebung auf wehrlosere Opfer.«17

Jede Kultur hat bei allen Gemeinsamkeiten der kindlichen Aggressionsformen dann jedoch ihre eigenen Normen und Wertungen für aggressives Handeln. Sie legt fest, was erlaubt und was nicht erlaubt ist und wann und welche Aggressionen sogar erwünscht sind oder zumindest indirekt belohnt werden. Manches von diesen Normen findet ihren Niederschlag in den Strafgesetzbüchern. So wird z. B. Mord aus niedrigen Beweggründen schwer, Töten aus Notwehr dagegen gar nicht bestraft. Die meisten der Normen und Regeln werden aber einfach über Bekräftigungs- und Vorbildlernen internalisiert und zu ungeschriebenen Gesetzen.

Wie unterschiedlich kulturelle Regeln und Normen in Bezug auf Aggressionen das individuelle aggressive Handeln prägen, durch welche Motive das aggressive Handeln verursacht werden kann und welche Motive der Betreffende selbst sich dann zuschreibt, möchte ich am Beispiel des aktuellen Terrors von islamistischen Fundamentalisten aufzeigen:

Unter dem Titel »Blutige Taten, heilende Rache« beschäftigte sich der Autor Sudhir Kakar in der Wochenzeitung »Die Zeit« vom 18.8.2005 mit der Psychologie von islamistischen Terroristen. Sudhir Kakar schaut jenseits von medialen oder politischen Kurzsichtigkeiten sehr genau auf die Beweggründe von religiösen Fanatikern. Dabei postuliert er, dass die Gewalt von säkularen Terrorgruppen noch heute verblasse gegenüber den schrecklichen Bluttaten von religiösen Tätern. Dabei zeigt er auf, wie diese religiösen Täter durch die Botschaften fundamentalistischer Prediger geprägt werden.

Diese Botschaften beginnen mit der Klage über den verlorenen Ruhm des Islam und die beklagenswerte Lage, in der sich Muslime heute befänden im Vergleich zum Glanz vergangener Zeiten. Auf die Beschreibung der Symptome folgt dann die Diagnose: Muslime hätten alles verloren – politische Autorität, Respekt, spirituellen und materiellen Reichtum – weil sie durch einen geschwächten oder abhanden gekommenen Glauben der moralischen Verkommenheit der modernen globalisierten Welt nicht genügend entgegenträten. Die Heilung bestehe also in einer Rückbesinnung auf die Scharia und die im Koran aufgestellten Glaubensgrundsätze.

Die als düster und verachtenswert geschilderte Sicht der Gegenwart im Vergleich zur hell und glanzvoll erscheinenden Vergangenheit und möglichen Zukunft kennzeichnet das ideologische Fundament des islamischen Terroristen, der bereit ist, in den Tod zu gehen.

Psychologisch gesehen ist der Fundamentalismus also für den Außenstehenden eine Krankheit, für den Insider der Weg zur Gesundung.

Triebkraft des Dschihad ist keineswegs ein Mangel an Werten. Nur unterscheiden sich diese Werte von denjenigen, die die moderne Gesellschaft prägen. Einem Manifest des Gründers der ägyptischen Muslimbrüder zufolge sind Alkohol, Unzucht, Konsum und vulgäre Vergnügungen charakteristisch für spirituell und moralisch verdorbene Gesellschaften. Im Terrorismus gegen die »unreine, moralisch verdorbene« westliche Gesellschaft sieht der fundamentalistische Gewalttäter eine Chance, Heldentum und Idealismus auszudrücken im Dienste Gottes. Aufgrund der religiösen Motivation sieht er seinen Kampf als den Kampf des Guten gegen das Böse, den Kampf für Gott gegen Satan.

Bei seinen Gewaltaktionen, die seiner Zuschreibung nach einzig Gott dienen, sieht er sich erhaben und nicht klein und ihn plagen auch keine Schuldgefühle, wenn er unschuldige Menschen in den Tod schickt. Dies gilt besonders für den Selbstmordattentäter. Er ist nicht zu vergleichen mit dem »normalen« Selbstmörder, der aus Verzweiflung, Hilflosigkeit oder Ohnmacht handelt. Solche persönlichen Gründe wären für den Selbstmordattentäter eine feige, gotteslästerliche Tat. Nach Kakar ist es auch ein Irrtum, wenn wir annehmen, die fundamentalistischen Attentäter kämen aus Verhältnissen von Armut, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Er beruft sich auf den Soziologen Scott Atran, der in seinem Buch Holy Terror. The Inside Story of Islamic Terror nachgewiesen hat, dass Terroristen meist besser ausgebildet sind und wirtschaftlich besser dastehen als der Großteil der Bevölkerung und dass z. B. laut eines saudischen Untersuchungsberichtes die meisten palästinensischen Selbstmordattentäter studiert haben und aus wohlhabenden und angesehenen Familien stammen.

Diese gebildeten und materiell gut gestellten Muslime sind mit ihrer Geschichte meist wohlvertraut. Sie fühlen sich angesprochen von Darstellungen alten islamischen Glanzes, nehmen die marginale Bedeutung moderner islamischer Staaten sehr stark wahr und sind empfänglich für Gefühle kollektiver Demütigung. Sie reagieren weitaus empfindlicher als andere Muslime, wenn der Westen von der Rückständigkeit muslimischer Gesellschaften redet und seine eigene Überlegenheit herausstellt. Dank seiner Bildung und Herkunft nimmt der islamische Terrorist die Unterdrückung in seiner eigenen Gesellschaft und in der modernen Welt insgesamt stärker wahr.

Diese Antriebskräfte, die aus den Gefühlen von Erniedrigung, Demütigung und Vergeltungsbedürfnissen entstehen, sind in der muslimischen Welt nicht überall gleich stark. Arabische Gesellschaften, in denen Ehre und Ehrverlust eine große Rolle spielen, reagieren viel sensibler auf empfundene Demütigungen und narzisstische Kränkungen als muslimische Gesellschaften, in denen diese Ehrstrukturen nicht so stark ausgeprägt sind.

Analysieren wir diese Ausführungen noch genauer, dann sind die Motive für die Selbstmordattentate zum einen Rachemotive für Erniedrigung und Demütigung und zum anderen Selbstwertmotive, weil durch die Terrorhandlungen versucht wird, den eigenen Selbstwert und die eigene Ehre zu erhöhen und die Ehre der Gruppe wieder herzustellen. Neben diesen beiden Bedürfnissen sind die Motive für fundamentalistischen Terror allgemein immer fixierte Ideale-Bedürfnisse (das bedeutet, die eigenen Ideale werden in selbstgerechter Hybris allen anderen verordnet), verbunden mit fixierten Machtbedürfnissen (das heißt, die eigenen Ziele werden mit Gewalt und Unterwerfung verfolgt).

In einem Punkt allerdings irrt Sudhir Kakar in seinen Ausführungen. Nämlich wenn er schreibt, dass säkularer Terror angesichts religiöser Bluttaten verblassen würde. Wenn wir nur in die jüngste Geschichte schauen, dann denke ich, kann diese Aussage nicht aufrecht erhalten werden. Es war sicher ein unbeschreiblich grausamer und tödlicher Terror, den Deutschland während des Nationalsozialismus veranstaltete. Es war ein mörderischer und blutrünstiger Terror, den die Pol-Pot-Anhänger in ihrem Land verbreiteten. Es war ein mörderischer und tödlicher Terror und Genozid, den die Türken gegen ihre armenische Bevölkerung betrieben. Es war ein grausamer und tödlicher Terror, den die Klu-Klux-Klan-Mitglieder (alles »ehrbare Bürger« mit »moralischen« Begründungen ihres Handelns) unter der schwarzen Bevölkerung der amerikanischen Südstaaten anrichtete. Es war und ist ein unvorstellbarer Terror und blutrünstiges Morden bis zum Genozid in verschiedenen afrikanischen Staaten im Gange. Und so weiter und so weiter. Die entsprechende Aufzählung wäre schon endlos, ohne die »offiziellen Kriege« zwischen Staaten oder Völkern.

Aggression bzw. aggressives Verhalten wird schon in den ältesten menschlichen Schriften beschrieben. Es steht immer im Dienste anderer Motive. Als Beispiel gehe ich kurz auf das Gilgamesch-Epos ein (die ausführliche Analyse findet sich im Kapitel Ein Blick Jahrtausende zurück): Im Gilgamesch-Epos finden wir aggressives Handeln aus den unterschiedlichsten Motiven: Es beginnt damit, dass die Bürger von Uruk sich über das aggressive Verhalten ihres Königs bei den Göttern beklagen. Daraufhin schicken die Götter einen an Kraft ebenbürtigen Gegenspieler, Enkidu. Als dieser von der Stärke Gilgameschs hört, will er sich sogleich im Kampf mit ihm messen (Aggression im Dienste des Selbstwertbedürfnisses). Gilgamesch weist aggressiv das Liebeswerben der Göttin Ischtar zurück (Aggression im Dienste der eigenen Sicherheit). Sie schickt daraufhin den Himmelsstier, der Gilgamesch töten soll (Aggression im Dienste des Rachebedürfnisses). Gilgamesch besiegt und tötet den Himmelsstier. (Aggression zur Verteidigung, also Sicherheitsmotiv). Gilgamesch und Enkidu sind inzwischen unzertrennliche Freunde und wollen nun gegen »das Böse« in den Kampf ziehen (Gerechtigkeits-Motiv). Als Inkarnation des Bösen wird nun der Hüter des Zedernwaldes, Chumbaba, ausersehen, weil dieser (von Gott Enlil eingesetzt) den Zederwald gegen die Menschen verteidigt (Aggression nun im Dienste von drei Motiven: Selbstwert-, Macht- und Besitzmotiv). Sie töten Chumbaba. Diesen Frevel rächt Gott Enlil nun wiederum mit dem Tod von Enkidu.

Im Pol Vuh, in dem die ältesten Mythen der Inkas festgehalten sind, wird die Frühgeschichte der Menschen als ein blutrünstiges Wettbewerbsspiel erzählt.

1 Einstein, A. (1953): Mein Weltbild. Zürich (Europa)

2 Ledoux, J. (1996): Das Netz der Gefühle. Wie Emotionen entstehen. 5. Aufl. München 2010 (dtv), 72

3 Damasio, A. (1999): Ich fühle, also bin ich. Die Entschlüsselung des Bewusstseins. 8. Aufl. Berlin 2009 (Ullstein)

4 Briggs zit. nach F. LeLord / Ch. Andrè (2001): Die Macht der Emotionen. 8. Aufl. München 2011 (Piper), 50

5 Ledoux, J. (1996): Das Netz der Gefühle. Wie Emotionen entstehen. 5. Aufl. München 2010 (dtv), 107 ff.

6 Flam, H. (2002): Soziologie der Emotionen. Konstanz (UVK)

7 Rizzolatti, C. / Sinigaglia, C. (2008): Empathie und Spiegelneurone. Die Biologische Basis des Mitgefühls. Frankfurt a. M. (Suhrkamp)

8 Le Bon, G. (1982): Psychologie der Massen. Stuttgart (Kröner)

9 vgl. auch: Bauer, J. (2006): Warum ich fühle, was du fühlst. 4. Aufl. München (Heyne)

10 Keysers, C. im Spiegel-Interview »Eine fast mystische Verbindung«. Spiegel 29/2013

11 vgl. dazu Harbsmeier, M. / Möckel, S. (Hrsg.) (2009): Pathos, Affekt, Emotion. Transformationen der Antike. Frankfurt a. M. (Suhrkamp)

12 Damásio, A. (2009): Ich fühle, also bin ich. Die Entschlüsselung des Bewusstseins. München (List), 50 ff.

13 vgl. Wollheim, R. (2001): Emotionen – eine Philosophie der Gefühle. München (Beck)

14 Kandel, E. (2008): Psychiatrie, Psychoanalyse und die neue Biologie des Geistes. Frankfurt a. M. (Suhrkamp), 191

15 Butollo, W. (1999): Angst ist eine Kraft. München (Piper)

16 vgl. Czikszentmihalyi, M. (2010): Das Flow-Erlebnis. Jenseits von Angst und Langeweile. Stuttgart (Klett-Cotta)

17 vgl. Heckhausen (1980): six-culture-study, 352

3. Der Kreis der Bedürfnisse und Motive

Der Mensch besteht aus Begehren.

Wie sein Begehren, so seine Absicht.

Wie seine Absicht, so sein Handeln.

Wie sein Handeln, so sein Sein.

Upanischaden vi,4,5 (ca. 500 v. Chr.)

Wenn wir davon ausgehen, dass die Grundstrukturen des menschlichen Körpers (was die Existenz, Anordnung und Funktion seiner Organe und Glieder angeht) und des Gehirns (was die Areale und ihre Funktionsweise angeht – nicht die geknüpften Verbindungen, die zumeist erst durch die soziale Interaktion historisch und kulturell beeinflusst entstehen) sich schon vor Hunderttausenden von Jahren entwickelt haben, dann stellt sich die Frage nach der Grundstruktur der Psyche. Wie können wir uns die Struktur der menschlichen Psyche vorstellen, die – analog zum Körper – für alle Menschen gleichermaßen gültig ist?

Fasse ich alle meine Erfahrungen aus der psychologischen Arbeit mit Menschen und meine Erkenntnisse aus Literatur und Forschung zusammen, dann komme ich zu dem Schluss, dass die menschliche Psyche aus Potenzialen besteht, für deren Verwirklichung das Gehirn die Struktur und Funktionen bereitstellt. Diese Potenziale äußern sich in einer Bedürfnis- und Motivstruktur, die menschheitsweit gleich ist – eine Struktur, die kultur- und epochenübergreifend ist und die deshalb zu unserem menschlichen Erbgut gehört, genauso wie die Architektur unseres Körpers oder unseres Gehirns.1

Ich möchte dazu den Vergleich mit dem menschlichen Gesicht ziehen: Alle Menschen, ob Aborigine, Afrikaner, Asiate, Europäer oder Indianer, ob vor vielen tausend Jahren lebend oder heute – alle diese Menschen haben ein Gesicht, das aus Haut, Fleisch und Knochen, zwei Augen, einer Nase und einem Mund besteht. Es sind sehr wenige Grundbestandteile, aus denen sich menschliche Gesichter zusammensetzen. Was das grundsätzliche Vorhandensein dieser Bestandteile eines Gesichts und ihre vorgegebene Anordnungsstruktur angeht, gibt es keinen Unterschied zwischen den Rassen, Ethnien, Kulturen und Völkern aller Epochen der Menschheitsgeschichte des homo sapiens. Und trotz dieser geringen Anzahl von Einzelbestandteilen und ihrer festgelegten Architektur (niemand hat die Nase auf der Stirn oder vier Augen) gibt es Milliarden von unterschiedlichen Gesichtern und selten zwei gleiche.

Mit der Psyche verhält es sich wie mit dem Gesicht. Jede ist einzigartig und man wird kaum zwei wirklich gleiche finden können. Und trotz dieser individuellen Einmaligkeit eines jeden Menschen ist die Grundstruktur und Funktion einer jeden Psyche mit ihren Potenzialen bei allen Menschen gleich. Welzer drückt das so aus: »Unser Gehirn hat sich in den letzten 40 000 Jahren seit Entstehen unserer Gattung auf der Ebene seiner Hardware nicht verändert. Das bedeutet, dass das Kind eines steinzeitlichen Homo sapiens, würde es in unserer Welt aufwachsen, dieselben Fähigkeiten hätte, Jet-Pilot oder Computer-Hacker zu werden, wie jedes andere Kind der westlichen Hemisphäre auch. Umgekehrt bedeutet das, dass – würde man mit der heutigen Physis aufgrund irgendeines H.-G. Wells Zeitmaschinenwunders in die Steinzeit hineingeboren – man sich exakt im Rahmen der kulturellen Bedingungen entwickeln würde, die damals herrschten.«2

Die Grundstruktur unserer Psyche besteht aus wenigen Bedürfnisfeldern, und diese Bedürfnisse bestimmen unsere Wahrnehmung, unser Denken, unser Fühlen, unser Handeln, unsere Eigenschaften und unseren Charakter – einfach alles, was unser Mensch-Sein ausmacht. Alle Gefühle, alles Denken und das Verhalten jedes einzelnen Menschen entsteht aus dieser Bedürfnis- und Motivstruktur, und aus ihr entwickeln sich alle Werte, die in Kulturen und Gesellschaften gebildet, postuliert, gelebt, überhöht oder missachtet werden.

Da wir Menschen zutiefst soziale Wesen sind, ergibt sich die individuelle Einzigartigkeit jeder einzelnen Psyche und Persönlichkeit aus der schlichten Tatsache, dass unser Selbst und unser Ich sich im Kontakt mit unserer Gemeinschaft entwickeln.3 Wie sich unsere Verbindungen im Gehirn gestalten und wie zahlreich die Verbindungen werden, hängt vom Zusammenwirken des Individuums und seiner sozialen Umwelt ab. Wie wir inzwischen wissen, bildet das Gehirn lebenslang neue Verbindungen oder kappt andere – je nach inneren und äußeren Erfahrungen.

Die Verwandlung vom Bedürfnis zum Motiv

Die Bedürfnis- und Motivstruktur unserer Psyche ist das immaterielle Instrument, auf dem alle Kräfte spielen, die uns steuern. Das heißt, alle inneren und äußeren Kräfte, die unser Wahrnehmen und Handeln beeinflussen und steuern, bedienen sich unserer Grundbedürfnisse, die sich in Motive verwandeln und sich dann in Gefühlen, Gedanken, Interessen, Zielen und Handlungen äußern.

Motive sind die Antriebe, die alle unsere Wahrnehmungen und unser Handeln steuern. Das bedeutet, ohne Motive gibt es keine Wahrnehmung und kein Verhalten. Motive sind unsere »Beweger«, sie sind es, die unsere neuronalen Verbindungen aktivieren. Wir können von unbewusstem Verhalten sprechen, aber niemals von unmotiviertem.

Unsere Bedürfnisse sind grundlegend; wir haben sie auch, wenn wir gesättigt sind. Unsere Primärbedürfnisse sind als struktureller Hintergrund (in einem inaktiven Zustand) immer vorhanden. Erst durch einen Mangel, einen Verlust, eine Verführung oder eine Bedrohung werden sie aus ihrem inaktiven Zustand geweckt und verwandeln sich in Motive, die unsere Wahrnehmung und unser Handeln steuern.

Wie die Dynamik zwischen Bedürfnis und Motiv funktioniert, möchte ich an zwei sehr einfachen Beispielen unserer körperlichen Bedürfnisse beschreiben.

Unser Bedürfnis nach Nahrung ist grundsätzlich, wir haben dieses Bedürfnis also auch dann, wenn wir gesättigt sind. Dann spüren wir es nicht und werden nicht unmittelbar von ihm gesteuert. Sinkt jedoch die Befriedigung unter ein bestimmtes Niveau, dann meldet uns unser Körper mit dem Gefühl des Hungers sein Bedürfnis, das sich nun in ein Motiv verwandelt. Nehmen wir unser Hungergefühl wahr, dann fangen wir an, unsere Wahrnehmung auf die Möglichkeiten der Befriedigung zu richten und wir beginnen, entsprechend zu handeln und zwar so lange, bis wir gegessen haben und uns satt fühlen. Um unser Bedürfnis zu befriedigen, müssen wir mit der Umwelt in Kontakt treten, und diese Umwelt beeinflusst natürlich unser konkretes Verhalten. Wie wir dabei mit unserer Umwelt in Kontakt treten, hängt wiederum davon ab, welche inneren Vorstellungen wir bezüglich unserer Selbstwirksamkeit haben und welche äußeren Anreize oder Hindernisse wir antizipieren und tatsächlich vorfinden. (Auf diese Dynamik gehe ich später näher ein.)

Ist das Bedürfnis fühlbar befriedigt, zerfällt dieses Motiv als Wahrnehmungs- und Handlungssteuerung, und zurück bleibt im psychophysischen Hintergrund das grundlegende Bedürfnis in seinem inaktiven Zustand. Durch den Zerfall der Motiv-Gestalt wird der Bewusstseins-Vordergrund wieder frei für andere Motive.

Was passiert, wenn ein Bedürfnis lange nicht befriedigt wird und sich dementsprechend immer stärker im Vordergrund fixiert, möchte ich am Gegenpol des Nahrungsbedürfnisses beschreiben: am Bedürfnis, Stoffwechselprodukte abzugeben. Stellen Sie sich vor, Sie bummeln mit ein paar Freunden durch einen großen Bazar, in dem es sehr viele Dinge gibt, die Sie anschauen oder kaufen wollen, und außerdem unterhalten Sie sich angeregt mit Ihren Begleitern. Nun fühlen Sie, dass Sie auf die Toilette müssen (das bisher inaktive Bedürfnis ist energetisiert und zum Motiv geworden). Es drängt noch nicht, aber das Bedürfnis hat sich nun in ein wahrnehmungssteuerndes Motiv verwandelt. Sie schauen sich nach einer Toilette um. Weit und breit nichts zu sehen. Nun wächst das Motiv und wird immer stärker. Es verdrängt allmählich alle anderen Motive aus dem Vordergrund – es wird nun stark handlungsleitend. Sie haben kein Interesse mehr an all den Dingen, die es zu sehen gibt. Es interessiert Sie auch immer weniger das Gespräch Ihrer Freunde – Sie suchen nun aktiv eine Toilette bzw. jemanden, der Ihnen sagen kann, wo Sie eine finden können. Je länger es nun dauert, ohne dass eine Bedürfnisbefriedigung möglich ist, desto stärker wird das Dranggefühl, desto mehr wächst Ihr Motiv, sich zu erleichtern und desto weniger interessiert Sie irgendetwas Anderes. Bevor dieses Bedürfnis nicht gestillt ist, wollen Sie nichts anderes mehr (auf psychische Bedürfnisse bezogen, kann man nun von einer Fixierung sprechen). Das heißt, ein Motiv ist absolut wahrnehmungs- und handlungssteuernd geworden. Wird dieses Bedürfnis nun gestillt – Sie finden eine Toilette und können sich erleichtern – zerfällt die MotivGestalt sofort als Wahrnehmungs- und Handlungssteuerung. Nun können wieder andere Motive in den Vordergrund kommen – jetzt wollen Sie sich z. B. wieder an den schönen Dingen erfreuen, haben wieder Lust, sich zu unterhalten – Ihre Energie ist nun nicht mehr in der Fixierung gebunden, sondern wieder frei für die Verwirklichung anderer Bedürfnisse. Nun können z. B. die Bedürfnisse nach Geselligkeit und Genuss wieder als Motive Ihre Wahrnehmung und Ihr Handeln steuern. Das Grundbedürfnis Stoffwechselprodukte abgeben besteht natürlich weiterhin in Ihrer Bedürfnisstruktur – nun aber in seinem inaktiven Zustand und damit nicht mehr wahrnehmungs- und handlungssteuernd.

Pseudohunger durch Verlockung oder Bedrohung

Nun passiert aber häufig noch etwas anderes: Ohne dass ein tatsächlicher Mangel bestehen würde, kann ein äußerer Reiz zu einem »Pseudomangel« führen, der dann beseitigt werden will. Ein körperliches Beispiel dafür ist, wenn man sich plötzlich, durch den Geruch eines verlockenden Essens angeregt, hungrig fühlt, obwohl man eigentlich satt ist. Ein psychisches Beispiel ist, wenn man sich durch den Vergleich mit jemandem, der mehr besitzt als man selbst, neidisch fühlt und dieses »mehr« nun auch haben will, obwohl man selbst eigentlich genügend besitzt. Steigert sich nun das Gefühl des Neides zur Missgunst, zeigt dies an, dass sich das Bedürfnis fixiert hat und im Vordergrund stehen bleibt und eine zerstörerische Form annimmt, indem es sich zur Habgier entwickelt.

Der Begriff »ein Bedürfnis wecken« drückt aus, dass es um etwas »Schlafendes« geht, das geweckt werden muss, damit es aktiv wird. Dieses Wecken geschieht normalerweise durch den Mangel. Das kann ein echter Mangel sein oder es kann ein vermuteter oder ein suggerierter Mangel sein.

Die Werbung arbeitet genau mit diesem Wissen und versucht, Bedürfnisse zu wecken, indem sie einen Mangel suggeriert oder »noch mehr vom Guten« verspricht. Das bedeutet nichts anderes, als den Versuch, ein Bedürfnis aus seinem inaktiven Grundstatus in ein aktives Motiv zu verwandeln, das dann den Menschen über ein entsprechendes Gefühl zum Handeln bewegen soll. Werbung ist also das Bemühen, Bedürfnisse zu wecken, auch wenn sie gerade gar nicht aktiv sind. Durch die Verlockung einer Bedürfnisbefriedigung wird ein Pseudohunger erzeugt und zugleich versprochen, diesen Hunger mit einem bestimmten Produkt stillen zu können. Parfüms versprechen sexuelle Attraktivität; Automarken versprechen Prestige, Sicherheit oder Spaß – je nach Zielgruppe; Versicherungen versprechen, gegen die Risiken des Lebens abzusichern, Reiseveranstalter bedienen das gegenteilige Bedürfnis und versprechen Abenteuer und Genuss usw.; Banken locken mit der Vermehrung unseres Besitzes; und Nahrungsmittel- und Getränkehersteller versprechen die freudvolle Gemeinschaft, harmonisches Familienleben oder Spaß im Freundeskreis.

Die andere Variante, mit der ein Pseudomangel bei einem eigentlich befriedigten Grundbedürfnis hervorgerufen wird, ist die Angstmache, die uns einen drohenden Verlust suggeriert. (Z. B. die Werbung von Versicherungen, die eine Bedrohung suggerieren und versprechen, diesen Verlust zu verhindern oder, falls er tatsächlich eingetreten ist, ihn zu kompensieren.) Wenn uns von außen gedroht wird oder wir uns innerlich eine Bedrohung ausmalen, dass wir die Befriedigung eines Grundbedürfnisses verlieren, dann fühlen wir Furcht bzw. Angst (von Furcht spricht man bei einer realen Bedrohung von außen, Angst entsteht durch die innere Vorstellung einer Bedrohung). Furcht und Angst werden häufig als starke Motive wahrgenommen – tatsächlich sind sie nur das Signal, das Kommunikationsmittel, mit dem der Organismus auf einen drohenden Verlust einer Bedürfnisbefriedigung aufmerksam macht.

Die Motive sind also die energetisierten Bedürfnisse, die nicht mehr genügend befriedigt sind oder die durch äußere Reize (Verlockung oder Bedrohung) aus ihrem inaktiven Zustand geweckt worden sind. Sie wachsen und werden größer, je länger die Bedürfnisbefriedigungen auf sich warten lassen (dann sprechen wir z. B. von starken Motiven). Sie äußern sich über Empfindungen, Gefühle und Gedanken, mittels derer diejenigen Interessen und Ziele angesteuert werden, von denen wir uns Befriedigung versprechen.

Wie diese Interessen und Ziele aussehen, hängt von den kulturellen und historischen Gegebenheiten ebenso ab wie von den individuellen Bedingungen, mit denen der Einzelne gelernt hat, wie er bestimmte Bedürfnisse befriedigen kann. So dachte der mittelalterliche Mensch aufgrund der historischen Gegebenheit sicher nicht an einen Airbag, um sein Sicherheitsbedürfnis zu befriedigen, und eine chinesische Wanderarbeiterin wird ihre existenzielle Sicherheit derzeit nicht in einem Rentenfond suchen. Doch auch bei gleichen kulturellen und historischen Gegebenheiten sind die individuellen Interessen und Ziele beim gleichen Bedürfnis sehr unterschiedlich. So kann jemand z. B. gelernt haben, dass nur die »eigene Waffe« Sicherheit gibt, während ein anderer vielleicht überzeugt ist, dass vor allem »Bildung« Sicherheit gibt, und wieder ein anderer sieht seine Sicherheit nur durch »Verbündete« gewährleistet. Das sind natürlich nur sehr plakative Beispiele, die sich in der psychischen Wirklichkeit wesentlich komplexer gestalten, insofern als mit den jeweiligen Interessen und Zielen meist gleichzeitig mehrere Bedürfnisse befriedigt werden sollen oder aber gegensätzliche Bedürfnisse sich blockieren und der innere Konflikt zu einer Lähmung oder einem inadäquatem Verhalten führt.

Neben den zuvor genannten Bedingungen spielt auch die Persönlichkeitsentwicklung des Einzelnen eine große Rolle. Ist sie weit fortgeschritten in Richtung Weisheit und Integrität, werden die Interessen und Ziele, durch die dieser Mensch seine Grundbedürfnisse befriedigen will, ganz anders aussehen, als bei jemandem, dessen Persönlichkeitsentwicklung noch unreif oder gestört ist. Wobei Reife in diesem Sinne nichts mit dem Lebensalter zu tun hat – es gibt alte Menschen, deren Persönlichkeitsentwicklung stecken geblieben ist in starren Korsetten einer ideologischen Sozialisation, und es gibt Menschen, die sich schon in jungen Jahren zu einer reifen und weisen Persönlichkeit entwickelt haben.

Die uns bewegenden Motive sind also die durch Mangel, Verlockung oder Bedrohung aktivierten Grundbedürfnisse.

Neben den uns bewussten Motiven gibt es aber auch noch die unbewussten fremden Kräfte, die auf uns einwirken, indem sie sich unserer Bedürfnisstruktur bedienen. Da diese Bedürfnisstruktur universal ist, kann es leicht passieren, dass wir fremde Bedürfnisse irrtümlich als unsere eigenen wahrnehmen und uns in der Folge von fremden Motiven steuern lassen, während wir uns dabei in der Illusion wiegen, wir handelten aus eigenem Antrieb. Auf dieses Thema der unbewussten Fremdbestimmung gehe ich in den Kapiteln Der Kampf um den freien Willen und Gedankenwelten näher ein. Dass wir so anfällig sind, fremde Bedürfnisse und Motive für die eigenen zu halten und uns davon unbewusst steuern zu lassen, liegt daran, dass die Grundstruktur der Bedürfnisse bei allen Menschen die gleiche ist.

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
361 s. 3 illüstrasyon
ISBN:
9783897976160
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar