Kitabı oku: «Psychische Störungen in Kindheit und Jugend»

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Die Autoren


Evelyn Heinemann, Prof. Dr. em., studierte Psychologie und Sonderpädagogik (Frankfurt und Marburg). Nach Tätigkeiten als Sonderschullehrerin und Pädagogische Mitarbeiterin (Universität Frankfurt) war sie Professorin für Psychologie an der Evangelischen Fachhochschule in Nürnberg und 25 Jahre Professorin für Allgemeine Sonderpädagogik an der Universität Mainz. Forschungs- und Lehrschwerpunkt war all die Jahre Psychoanalytische Pädagogik. Sie absolvierte eine psychoanalytische Ausbildung am DPV Institut in Giessen und führte in Nebentätigkeit psychoanalytische Therapien mit Menschen mit geistigen Behinderungen durch.


Hans Heinz Hopf, Dr. rer. biol. hum., ist analytischer Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut, Dozent, Supervisor und Ehrenmitglied an den Psychoanalytischen Instituten Stuttgart, Freiburg und Würzburg. 2013 erhielt er den Diotima-Ehrenpreis der deutschen Psychotherapeutenschaft und 2018 wurde ihm die Staufer-Medaille des Landes Baden-Württemberg verliehen.

Evelyn Heinemann Hans Hopf

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6., aktualisierte Auflage 2021

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-038998-4

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pdf: ISBN 978-3-17-038999-1

epub: ISBN 978-3-17-039000-3

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Inhalt

1  Vorwort zur sechsten Auflage

2  Einleitung

3  I Psychoanalytische Theorie

4  1 Psychische Entwicklung und Struktur

5  2 Konflikte, Abwehrmechanismen und Symptombildung

6  3 Alters- und geschlechtsspezifische Aspekte

7  4 Psychoanalyse und Pädagogik

8  5 Psychoanalytische Therapie bei Kindern und Jugendlichen

9  6 Bindungstheorie und Bindungstherapie

10  7 Extremtraumatisierte Kinder und Jugendliche – Psychoanalyse und/oder Traumatherapie

11  II Neurosen

12  8 Hysterie

13  9 Zwang

14  10 Angst

15  III Narzisstische Störungen

16  11 Depression

17  12 Suizid

18  13 Aggression

19  14 Autoaggression

20  15 Hyperaktivität

21  IV Sexualität, Sexualisierung und Sexueller Missbrauch

22  16 Sexuelle Entwicklung und Geschlechtsidentität – Mehrere Sexualitäten oder Pathologie?

23  17 Sexualisierung (Perversionen)

24  18 Sexueller Missbrauch

25  19 Sexualität, Sexualisierung und Sexueller Missbrauch bei Menschen mit geistiger Behinderung

26  V Psychosomatische Störungen

27  20 Psychosomatik

28  21 Magersucht

29  22 Bulimie

30  23 Einnässen (Enuresis)

31  24 Einkoten (Enkopresis)

32  VI Borderline-Störungen, Psychosen und Autismus

33  25 Borderline-Störungen

34  26 Psychosen

35  27 Autismus und Geistige Behinderung

36  VII Sprachstörungen

37  28 Sprache

38  29 Stottern

39  30 Mutismus

40  31 Stammeln (Dyslalie)

41  Literatur

42  Register

Vorwort zur sechsten Auflage

Wir freuen uns, dass die Nachfrage auf unser Buch über Psychische Störungen und ihre Psychodynamiken ungebrochen ist, so dass eine sechste, aktualisierte Auflage erscheint. Wir haben uns entschieden, die Theorie zum selbstverletzenden Verhalten zu ergänzen und zwei Fallbeispiele hinzuzufügen. Dies ist der Tatsache geschuldet, dass das selbstverletzende Verhalten von Jugendlichen zugenommen hat: Deutschland gehört innerhalb von Europa zu den Ländern mit den höchsten Prävalenzraten (Plener et al., 2018).

Nach wie vor hat es ein psychodynamisches Verstehen der Sammel-Diagnose ADHS schwer. Um diese medizinische Diagnose hat sich ein geschlossenes System etabliert. So gut wie alle Kinder mit sozialen Auffälligkeiten, mit jedweden Formen von Konzentrationsstörungen, bekommen heutzutage Medikation. Als Psychotherapiegutachter konnte ich (H. H.) beobachten, dass mittlerweile beginnende Schulprobleme, mäßig gesteigerte Bewegungsunruhe, auch leicht aggressives Verhalten eines Kindes sofort medikamentös behandelt werden, nicht selten ohne ausreichende psychologische Diagnostik. Der Eindruck entsteht, dass Kinder gelegentlich konzentrierter, leistungsstärker – vor allem aber diszipliniert werden sollen.

Damit werden die zentralen Konflikte verschleiert. Viele Kinder- und Jugendpsychiater sind dankbar, dass Ihnen für alle sozialen Störungen ein vermeintlich ›hilfreiches‹ Medikament zur Verfügung steht, das schnelle Hilfen verspricht. Eltern fühlen sich entlastet. ADHS ist gemäß der offiziellen Kinder- und Jugendpsychiatrie eine angeborene Transmitterstörung. Folglich haben die Symptome auch nichts mit ihnen und ihren Beziehungen zu tun. Wer an ihre Verantwortung appelliert, weist ihnen – angeblich – Schuld zu. Fast immer beginnt eine psychoanalytische Therapie mit dem mühevollen Unterfangen, Eltern darüber aufzuklären, dass Konzentrationsprobleme und Bewegungsunruhe zu allererst pädagogischen und psychologischen Bereichen zuzuordnen sind.

In Kitas, Kindergärten und Schulen bekommen Kinder von ihren Erzieherinnen und Erziehern, Lehrerinnen und Lehrern oft schon nach kurzer Beobachtung ihres Verhaltens die Diagnose ADHS, obwohl die dazu notwendigen Kenntnisse fehlen, und sie das gar nicht dürften. Lehrerinnen und Lehrer üben nicht selten Druck auf Eltern aus, ihren Kindern eine Medikation zu verabreichen, damit sie im Unterricht angepasste Kinder haben.

Von 1973 bis 1995 hatte ich (H. H.) kein Kind wegen Bewegungsunruhe oder Unaufmerksamkeit in psychotherapeutischer Behandlung, auch nicht mit ähnlichen Begleitsymptomen, und ich besitze noch die Akten aller Kinder, die ich während 47 Jahren behandelt habe. Was ebenfalls nicht zur Kenntnis genommen wird, ist, dass es damals bei den Mädchen auch kein selbstverletzendes Verhalten gab. Selbst Jugendliche mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung hatten selten eine entsprechende Symptomatik. Heute ist es oft so, dass Jugendliche mit selbstverletzendem Verhalten im Umkehrschluss die Diagnose Borderline-Störung erhalten, weil die offizielle Kinder- und Jugendpsychiatrie nicht immer nach Ursachen und der Dynamik fragt. Wir gehen davon aus, dass das selbstverletzende Verhalten die Parallel-Störung zum ADHS der Jungen ist. Nur werden die Spannungen nicht wie bei den Jungen externalisiert, sondern internalisierend als destruktive Kraft auf das eigene Selbst und den Körper gerichtet. Beide Störungsbilder zeigen Mängel innerhalb der Symbolisierungsfähigkeit. Wir vermuten, dass beide auch zentrale Folgen einer sich verändernden Gesellschaft sind. Mittlerweile haben bereits Jugendliche der frühen Adoleszenz Geschlechtsverkehr, oft von der Familie aktiv unterstützt. Dies kann als eine neue Freiheit angesehen werden. Aber welche Folgen hat das bei einem strengen Über-Ich? Die einstigen Verbote und strengen Regeln haben Mädchen in der Präadoleszenz und später auch geschützt. Wir leben in einer Gesellschaft mit vielen Freiheiten. Sie stellt aber keinen stabilen Rahmen mehr zur Verfügung. Sie ist wenig haltend und bewahrend. Viele junge Mädchen sind von frühen sexuellen Beziehungen überfordert.

Wir haben auch große Sorge, dass das Störungsbild »Autismus-Spektrum-Störung« ein ähnliches Schicksal erfahren könnte (vgl. Hopf, 2019, S. 145–156) wie ADHS. Die Zahl der Autismus-Diagnosen ist weltweit angestiegen. Auch in Deutschland wird die Diagnose »Autismus-Spektrum-Störung« immer häufiger vergeben. Zum einen sind Vereinzelung und Rückzugsverhalten Teil einer kollektiven Pathologie. Wir leben in einer Welt von gestörten Beziehungen, von Elterntrennungen und Rückzugstendenzen.

Autistische Züge können aber auch leicht mit anderen Merkmalen verwechselt werden, bei Bindungsstörungen, bei schizoiden Tendenzen, narzisstischen Störungen oder bei depressiven Rückzügen. Oft werden einzelne Diagnosekriterien herausgegriffen und verabsolutiert, auch werden Differenzialdiagnosen nicht immer gründlich erörtert. Es besteht die Gefahr, dass die Autismus-Spektrum-Störung in ähnlicher Weise ausgeweitet werden könnte wie bereits die ADHS. Seit der Diagnostizierung von ADHS haben wir den Eindruck, als sei eine gewisse Furchtsamkeit, zumindest Irritation entstanden, vermeintlich biologische Störungsbilder psychosomatisch zu verstehen. Wir brauchen selbstbewusste Psychoanalytiker, die Kinder, ihre Konflikte und ihre Beziehungen verstehen. Ärztliche Diagnosen und Diagnosen gemäß ICD sollen selbstverständlich immer erwähnt werden. Doch für die Erstellung eines Therapieplans benötigen Psychoanalytiker eine eigene schlüssige Psychodynamik und eine Diagnose nach neurosenpsychologischen Aspekten. Der Reichtum der Psychoanalyse kann Schubladen-Diagnosen in Frage stellen. Wir sind davon überzeugt, dass wir die Leserinnen und Leser mit unserem Buch bei der Erstellung von Diagnosen hilfreich begleiten können.

Ein kleiner Hinweis noch zu den im Buch besprochenen Diagnosen nach ICD-10: Die ICD -11 wird voraussichtlich am 1. Januar 2022 in Kraft treten. Sie ist völlig neu aufgebaut und gegliedert; ohne genaue Kenntnis des Werkes kann eine Einarbeitung der neuen Diagnosen in diesem Buch leider noch nicht erfolgen.

Frankfurt a. M. und Mundelsheim

im Herbst 2020

Evelyn Heinemann und Hans Hopf

Einleitung

Das vorliegende Buch möchte Anregungen für die pädagogische und therapeutische Arbeit mit verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen geben. Im ersten Kapitel werden Grundkenntnisse der psychoanalytischen Theorie zusammengefasst und die Bedeutung des Verstehens der Psychodynamik psychischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen in den Arbeitsfeldern von Pädagogik und der stationären und ambulanten analytischen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie aufgezeigt. Die Autoren bemühen sich, psychoanalytische Theorie am Verstehen konkreter Situationen aus dem pädagogischen und therapeutischen Alltag verständlich zu machen. Das Ziel ist dabei immer, zu einem besseren Verstehen des Verhaltens der Kinder und Jugendlichen zu gelangen. Die Fallbeispiele sind authentisch, auch wenn Namen oder konkrete Hinweise auf die Personen geändert wurden.

Entlang der klassischen Einteilung der Psychoanalyse behandelt das Buch Neurosen, narzisstische Störungen, eine Auswahl der häufigsten psychosomatischen Störungen, Borderline-Störungen und Psychosen sowie Sprachstörungen und Störungen der sexuellen Entwicklung. Auch wenn einzelne Störungsbilder im Kindesalter nur temporär auftreten können oder an Intensität großen Schwankungen ausgesetzt sind, so bleibt die zugrunde liegende Psychodynamik doch ähnlich. Dies berechtigt unserer Meinung nach zu dem Versuch, über ein solches Buch zum Verstehen der Kinder und Jugendlichen beitragen zu wollen. Die Tabelle auf der folgenden Seite gibt einen Überblick über die im Text befindlichen Fallbeispiele ( Tab. 0.1). Jedes Kapitel beinhaltet einen theoretischen Teil, mindestens ein Fallbeispiel und die Interpretation des Fallbeispiels im Hinblick auf Psychodynamik und Behandlungstechnik.

Es ist nicht immer einfach, Theorie und Praxis in dieser Form zu verbinden, möchten wir doch nicht zu einer Kategorisierung oder schablonenartigen Diagnostik beitragen, sondern das Kind und den Jugendlichen und dessen Verständnis in den Mittelpunkt stellen. Dabei ist Theorie nützlich und hilfreich. Unsere Falldarstellungen sollen nicht zur Verifikation oder Falsifikation von Theorie benutzt werden, keine Vignetten sein, denen so oft ein eigenständiges Leben fehlt. Aus der langjährigen ambulanten und stationären Arbeit von Hans Hopf sind die Falldarstellungen, mit Ausnahme des Falles zum Autismus und die Fälle zu sexuellem Missbrauch bei geistiger Behinderung. Evelyn Heinemann erarbeitete und schrieb die Theorie zu den einzelnen psychischen Störungen sowie das erste Kapitel, mit Ausnahme des Teils zur Kinder- und Jugendpsychotherapie. Theorie und Praxis wurden dann ausführlich diskutiert und die Fälle gemeinsam interpretiert.

Tab. 0.1: Fallbeispiele


NameDiagnoseAlter zu Beginn der TherapieGeschlechtSeiten

I Psychoanalytische Theorie

1 Psychische Entwicklung und Struktur
1.1 Strukturmodell

Während Freud in seinen ersten Vorstellungen vom seelischen Apparat, dem sogenannten topischen Modell, lediglich zwischen unbewusst, vorbewusst und bewusst unterschied, sprach er in seinem späteren Modell, dem sogenannten Strukturmodell, schließlich von den Instanzen Es, Ich und Über-Ich (Freud 1923b). Das Es ist dabei die psychische Repräsentanz der Triebe, die als Drang oder Wünsche psychisch in Erscheinung treten. Im Es herrscht das Lustprinzip, das Ziel der Triebe ist die Bedürfnisbefriedigung. Im Es gibt es keine Zeitvorstellung, keine Wertungen, keine Moral und Widersprüche bestehen nebeneinander. Es herrscht der Primärprozess mit assoziativen Verknüpfungen. Im Verlauf der Anpassungen an die äußere Realität entwickelt sich das Ich. Wir gehen heute davon aus, dass bestimmte Ich-Kerne bereits bei der Geburt vorhanden sind, eine primäre Autonomie des Ich besteht (Hartmann u. a. 1946). Die Instanz des Ich entsteht nicht nur aus dem Es, wie bei Freud. Das Ich reguliert die Anpassung an die Umwelt, im Ich herrscht das Realitätsprinzip und der Sekundärprozess, es vermittelt zwischen Es, Über-Ich und Realität. Für diese Arbeit stehen dem Ich die Abwehrmechanismen zur Verfügung ( Kap. 2.). Das Ich organisiert Lernen, Erfahrung und Gedächtnis. Das Über-Ich stellt eine Unterstruktur des Ich dar, die ständig verbietend, auffordernd, drohend und belohnend auf das Ich einwirkt. Das Über-Ich entsteht aus der Auflösung des Ödipuskomplexes um das 6. Lebensjahr, Vorläufer gibt es allerdings schon aus der prägenitalen Zeit (vgl. Klein 1928; Grunberger 1974). Als Teil des Über-Ich bildet sich das Ich-Ideal, in dem die Wunschvorstellungen vor sich hergetragen werden.

Hartmann (1939) führte den Begriff des Selbst ein, aus dem die Theorie der Selbststruktur, einer vierten Instanz, entwickelt wurde. Aus der Kritik am Dreiinstanzenmodell, das Neurosen lediglich aus einem Konflikt zwischen den drei Instanzen erklären konnte, und damit sogenannte narzisstische Störungen, die mehr Störungen im Selbsterleben betrafen, wie beispielsweise die Depression, nicht ausreichend verstanden werden konnten, wurde die Theorie des Selbst entwickelt. Das Selbst entsteht aus der Verinnerlichung von Interaktionserfahrungen, die sich als Selbst- und Objektrepräsentanzen im Selbst niederschlagen. Psychische Struktur entwickelt sich aus der Verinnerlichung von Beziehungserfahrungen. Reale und fantasierte Erfahrungen mit der Umgebung werden in innere Charakteristika und Regulationen verwandelt. Mentzos (1984, S. 43) fasst zusammen:

• Es geht nicht um die objektiven realen Beziehungen als solche, sondern um die Erfahrungen, die das Subjekt mit ihnen gemacht hat, also auch um Fantasien über die Beziehungen.

• Gemeint sind nicht nur kognitive Abbilder der Umwelt und im Gedächtnis, sondern durch sie bedingte Veränderungen in der Struktur des Selbst.

• Es geht nicht nur um eine Verinnerlichung von Charakteristika des Objektes, sondern um die Internalisierung von Interaktionen. Internalisiert werden ganze Objekte oder Teilaspekte. Der Mensch führt ein Leben lang einen inneren Dialog mit den verinnerlichten Objekten.

Wir sprechen von den Selbst- und Objektrepräsentanzen als innerpsychischem Niederschlag von Erfahrungen. Verinnerlichung findet entlang der Entwicklungslinie von Inkorporation – Introjektion – Identifikation statt, von archaischeren zu differenzierteren Formen der Verinnerlichung. Während bei der Inkorporation in Anlehnung an den oralen Modus ein Objekt mit Haut und Haaren verinnerlicht wird, »wir essen und trinken den Leib Christi« und identifizieren uns so auf eine archaische Weise mit ihm, wird das Objekt bei der Introjektion zwar noch als ganzes Objekt verinnerlicht, aber nicht mehr auf dem Wege konkreter Einverleibung. Bei der reiferen Identifikation wählt das Subjekt unbewusst aus, identifiziert sich mit bestimmten Aspekten, ist aktiver am Prozess der Verinnerlichung beteiligt. Die Inkorporation findet vor einer Differenzierung zwischen Selbst und Objekt statt. Bei der Introjektion hat eine Differenzierung stattgefunden, die Objektbeziehungen sind aber noch sehr ambivalent. Die Identifizierung dagegen setzt eine reife Objektbeziehung voraus.

Erfahrungen werden allerdings nicht nur verinnerlicht, die Psyche steht von Anfang an in einem wechselseitigen Austausch mit der Umwelt. Erfahrungen werden auch externalisiert. Entsprechend ist der früheste Vorgang des Sich-Entledigens die Exkorporation (in Anlehnung an das Erbrechen), in der weiteren Entwicklung stehen dann Projektion und Selbstobjektivierung in der schöpferischen Tätigkeit (ebd., S. 48).

1.2 Triebtheorie, Ich-Psychologie und Objekbeziehungstheorie

In der Psychoanalyse wird zwischen der Triebentwicklung, der Entwicklung der Objektbeziehungen und der narzisstischen Entwicklung des Selbst unterschieden. Diese Entwicklungen verlaufen parallel und beeinflussen sich wechselseitig. Die Vorstellung, dass sich die psychische Struktur aus einem komplizierten Interaktionsprozess zwischen Anlage und Umwelt entwickelt, macht die Psychoanalyse nicht nur zu einer Krankheits- und Behandlungslehre, sondern zu einer kritischen Kulturtheorie, die Biologie, Ethnologie und Soziologie integriert.

Die Triebtheorie der Psychoanalyse geht wesentlich auf Freud zurück. Freud stellte im Laufe seiner Publikationen mehrere Triebtheorien auf. Zunächst sprach Freud in »Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie« (1905d) vom Dualismus der Libido (Sexualtriebe zur Arterhaltung) und der Ichtriebe (Selbsterhaltungstriebe). Freud fasste also ursprünglich Aggression als Teil des Sexualtriebes auf. Aggression diente als Mittel zur Durchsetzung von Ansprüchen. In »Triebe und Triebschicksale« (1915c) trennte sich Freud von der Vorstellung, Aggression sei eine libidinöse Strebung, und sprach vom Gegensatz von Liebe und Hass. In »Jenseits des Lustprinzips« (1920g) geht er schließlich erneut von einem Triebdualismus aus, nämlich dem Lebenstrieb (Libido), der die Sexualtriebe und die Selbst- und Arterhaltungstriebe umfasse, sowie dem Todestrieb (Destrudo), der den Aggressionstrieb beinhalte und das Ziel habe, aufzulösen und zu zerstören. Im Todestrieb wird Aggression primär gegen das Selbst gerichtet und erst sekundär durch die Mischung mit dem Lebenstrieb nach außen gewendet. Nur wenige Psychoanalytiker, speziell die Schulen, die auf Melanie Klein oder Francoise Dolto zurückgehen, halten heute noch an der Todestriebhypothese fest, der Dualismus von Libido und Aggressionstrieb dagegen ist unumstritten.

In der Ich-Psychologie, die auf A. Freud (1936) und Hartmann (1939) zurückgeht, rückte die Störung des Ich und Über-Ich gegenüber der Triebentwicklung in den Vordergrund. Hartmann (1955) führte den Begriff der Neutralisierung ein. Als solche bezeichnet er den Wechsel libidinöser wie aggressiver Energie in einen nicht triebhaften Modus. Auf diese Weise werden die Energien der Triebe dem Ich verfügbar gemacht, das Ich kann sie kontrollieren, nutzen und die Abfuhr aufschieben. Die primär aggressiven Tendenzen werden auf diese Weise in nützliche, expansive und konstruktive verwandelt.

In der Objektbeziehungspsychologie wird die Triebtheorie weiter modifiziert. Nach Kernberg (1989) strukturieren sich Triebe aus spezifischen Affektdispositionen und den verinnerlichten Objektbeziehungen, d. h. den Selbst- und Objektrepräsentanzen. AngeboreneAffektdispositionenfärben als gute und böse Affekte die Objektbeziehungen. Anfänglich sind Affekte aufgrund der Ich-Schwäche in »gut und böse« gespalten. Erst später wird Spaltung zu einem aktiven Abwehrvorgang. Aus diesen Affektdispositionen und den realen Erfahrungen von Interaktionen, d. h. der Bildung von Selbst- und Objektrepräsentanzen, strukturieren sich nach Kernberg Libido und Aggression: »Libido und Aggression repräsentieren die beiden umfassenden psychischen Triebe, welche die übrigen Triebkomponenten und die anderen, zuerst in Einheiten von internalisierten Objektbeziehungen konsolidierten, Bausteine integrieren« (ebd., S. 106 f.).

Die Theorie der Spaltung der Affekte in »gut und böse« geht auf Melanie Klein (1972) zurück, die zwischen einer frühen paranoid-schizoiden Position und der späteren depressiven Position unterschied. Sie sieht die Ambivalenz der depressiven Position, die Integration guter und böser Aspekte, als wesentliche Voraussetzung der Ichreifung. Kognitive Reifung, Abnahme der Angst vor den eigenen Aggressionen sowie gute Erlebnisse mit der Mutter fördern die Auflösung der paranoid-schizoiden Position, in der Spaltung vorherrscht. In der depressiven Position sind Wiedergutmachung, Ambivalenz und Dankbarkeit möglich. Aggression wandelt sich in Schuldgefühl, wenn die Fähigkeit zur Integration guter und böser innerer Bilder erreicht, das Ertragen des Ambivalenzkonfliktes möglich ist. Beim Vorherrschen von Ambivalenz richtet sich Aggression auch gegen die guten Anteile des Objektes. Aus Schuldgefühl entsteht der Drang, den Schaden wiedergutzumachen, dabei müssen die Liebesgefühle, d. h. die libidinösen Gefühle, nach Klein allerdings den destruktiven Regungen gegenüber überwiegen. Dankbarkeit verstärkt die Liebe zum äußeren Objekt. Dankbarkeit und Wiedergutmachung verstärken sich gegenseitig und steigern die Fähigkeit, anderen zu vertrauen, und die Fähigkeit, Liebe zu geben und zu empfangen. Die bessere Anpassung an die Realität, die Beziehung zu den realen Eltern, ist dem Kind eine große Hilfe gegenüber den fantasierten Imagines. Während in den frühen Entwicklungsstufen die aggressiven Fantasien gegen die Eltern und Geschwister Angst hervorrufen – vor allem Angst, jene Objekte könnten sich gegen das Kind selbst wenden –, bilden nun diese Aggressionen die Grundlage für Schuldgefühle und den Wunsch nach Wiedergutmachung (Klein 1934, S. 103).

Betrachten wir nun die Entwicklung der Triebe, der Objektbeziehungen und ihrer Verinnerlichungen sowie die narzisstische Entwicklung des Selbst.

1.3 Die Triebentwicklung

Der Trieb wird bei Freud (1915c, S. 214 f.) definiert als »Grenzbegriff zwischen Seelischem und Somatischem, als psychischer Repräsentant, der aus dem Körperinneren stammenden, in die Seele gelangenden Reize, als ein Maß der Arbeitsanforderung, die dem Seelischen infolge seines Zusammenhanges mit dem Körperlichen auferlegt ist«. Der Trieb wird im Es psychisch repräsentiert und erscheint dort als Drang. Er hat seine Quelle im Körperlichen und ein Triebziel, beispielsweise die orale Einverleibung, sowie ein Triebobjekt, die Mutterbrust oder das ödipale Objekt. Das Triebziel ist immer die Befriedigung und das Objekt dasjenige, an welchem oder durch welches der Trieb sein Ziel erreicht.

Der Trieb entwickelt sich in Phasen, d. h. er progrediert und kann zu einer früheren Form der Triebbefriedigung regredieren. Die Phasentheorie beruht auf verschiedenen erogenen Zonen, die nach bestimmten Gesetzmäßigkeiten mit Triebenergie besetzt werden und die Partialtriebe mit ihren Befriedigungsmöglichkeiten prägen. Die Partialtriebe der frühkindlichen Phasen werden schließlich in der Pubertät in den reifen Genitaltrieb integriert. Entscheidend für das Gelingen der Triebentwicklung ist ein für das Kind verarbeitbares Maß an Triebbefriedigung und Triebversagung. Bei zu viel Versagung kann es zu Fixierungen und Regressionen kommen, bei zu viel Befriedigung ebenfalls ( Tab. 1.1).

In der oralen Phase, im ersten Lebensjahr des Kindes, ist die sogenannte erogene Zone die Mundhöhle und die Hautoberfläche. In dieser Phase geht es um die Befriedigung oraler Bedürfnisse, aber auch um Geborgenheit, Urvertrauen (Erikson 1968, S. 241 ff.), Hautkontakt, das Hören der Stimme der Mutter, das Riechen der Mutter, um Wärme, Anklammerung und Sicherheit. Der enge Kontakt zur Außenwelt geschieht über das Saugen an der Mutterbrust oder deren Surrogat. Mit der Muttermilch findet die erste Inkorporation und Exkorporation statt. Die ersten Aktivitäten sind die oralen Aktivitäten des Saugens und Schreiens. Der Aggressionstrieb, der immer auch die Funktion hat, Trennung und Individuation zu fördern, äußert sich im Beißen und führt nach dem Zahnen des Babys zur Beendigung der Stillphase. Der orale Trieb wird autoerotisch, er löst sich vom Partialobjekt Mutterbrust und wendet sich Befriedigungen wie dem Daumenlutschen oder Schnuller zu. Der Säugling erkundet seine Umwelt, indem er alles in den Mund steckt. Orale Aggression drückt sich im Beißen, Aussaugen, im Vampirismus und Kannibalismus, im Auffressen der Beute aus.

Tab. 1.1: Die psychische Entwicklung


TriebentwicklungEntwicklung der ObjektbeziehungenEntwicklung des Selbst (Narzismus)

Während der analen Phase vom zweiten bis zum vierten Lebensjahr wird dem Kind durch den Reifeprozess der Körpermuskulatur die Sphinkterkontrolle möglich. Auch die motorische Fortbewegung, das Sich-Entfernen und Wiederannähern an die Mutter werden zu den zentralen Erfahrungsqualitäten. Das Kind erlebt seinen Kot als Teil von sich, den es nach Lust und Laune behalten oder hergeben kann. Der Kot gilt als das erste Geschenk des Kindes, das es seiner Umwelt geben kann. Die erogene Zone ist in dieser Zeit der Enddarm und der After mit seiner sensiblen Schleimhaut. Zur analen Lust gehört das Gefühl der Meisterung, der Autonomie, des Trotzes und der Stolz auf das eigene Produkt, eine wichtige Voraussetzung für ein Vertrauen in die eigenen Leistungen. Eine anale Fixierung wird in der Psychoanalyse mit individuellem Besitzstreben und Geiz in Verbindung gebracht. Geld galt in den Mythen der Anden Südamerikas als Götterkot (Elhardt 1971, S. 74). In Europa ging der Entstehung des Kapitalismus der Beginn der Reinlichkeitserziehung voraus. Im Mittelalter konnte man noch seine Notdurft verrichten, wo man sich gerade aufhielt. Aus Angst vor inneren Dämonen wurden bereits Säuglingen Klistiere und Abführmittel verabreicht. Ein individuelles Besitzstreben konnte sich so nicht ausbilden (Heinemann 1998b).

In der analen Phase herrschen nicht nur die Modi Festhalten und Loslassen, sondern auch Aktivität und Passivität. Kneten und Schmieren sind bereits Sublimierungen analer Lust. Kreativität wurzelt letztendlich in der schöpferischen Umformung von Materialien. In den typischen analen Reaktions- und Charakterbildungen sind Abwehr wie Befriedigung analer Impulse unverkennbar. Ordentlichkeit, Sparsamkeit und Eigensinn nannte Freud (1917c) die anale Trias. Anale Aggression ist deutlich weniger absolut wie die orale Aggression. Sie äußert sich in Entwertung, beispielsweise durch die sogenannte Fäkalsprache (Hosenscheißer etc.), im Sich-Unterwerfen, in Sadismus und Masochismus.

Die anale Phase wird schließlich von der phallischen Phase abgelöst, in der auf der Objektbeziehungsebene der Ödipuskonflikt dominiert. Freud ging davon aus, dass in dieser prägenitalen Phase nur ein Geschlechtsorgan wahrgenommen wird, der Phallus des kleinen Jungen. Entweder man hat ihn, oder nicht, kastriert oder nicht, ist hier die Frage. Aus dem Sichtbaren hat Freud den phallischen Monismus (1923e) abgeleitet. Freud meinte, dass das Mädchen über zwei Geschlechtsorgane verfüge, ein männliches, kastriertes, die Klitoris und ein weibliches, die Vagina, die das Mädchen erst in der Pubertät entdecke. Die Modi dieser Zeit sind Eindringen und Umschließen. Dem phallischen Monismus wurde schon frühzeitig widersprochen (Jones 1928, 1933; Horney 1933), indem die Nicht-Existenz der Vagina als Abwehrprodukt im Sinne der Verleugnung aufgrund zu großer Kastrationsängste in der männlichen Entwicklung kritisiert wurde. Mitscherlich-Nielsen (1975) schlägt vor, von einer phallischen und klitoridal-vaginalen Phase zu sprechen ( Kap. 3). Als phallischeAggressionwird das Konkurrieren, z. B. beim Urinieren, Stechen oder Kastration betrachtet.

Freud (1915 f, S. 242) bezeichnete die Beobachtung des elterlichen Geschlechtsverkehrs als Urszene; das Kind erlebt sich als ausgeschlossen aus der elterlichen Beziehung und erhält so einen Schub in Richtung Aufgabe des Ödipuskomplexes. Die Fantasien, die um die Urszene kreisen, gehören zu den Urfantasien.

In der folgenden Latenzphase ruht die Triebentwicklung, Lernen und kognitive Reifung stehen im Vordergrund. Die Latenzperiode gilt als eine Zeit der Konsolidierung. Das Kind verlegt sein Interesse auf die Bewältigung der Realität.

In der Pubertät kommt es zur erneuten Besetzung der Genitalien mit dem Erlangen der Geschlechtsreife. Die Pubertät gilt als eine der größten Krisen in der gesamten Entwicklung. Durch hormonelle Veränderungen kommt es zu einem erheblichen Zuwachs an Triebdruck und Veränderungen des Körpers durch sekundäre Geschlechtsmerkmale. Es kommt zu einer Reaktivierung frühkindlicher Phasen vor allem auch mit dem Ziel der Integration von Sexualität.

1.4 Die Entwicklung der Objektbeziehungen

Lange Zeit galt die frühkindliche Phasentheorie Margret Mahlers (1978) als Kernstück psychoanalytischer Entwicklungstheorie. In Anlehnung an Freuds (1914) Theorie des primären Narzissmus und das Konzept der objektlosen Stufe von Spitz (1969, S. 53 ff.) sprach sie von einer Phase des normalen Autismus in den ersten beiden Lebensmonaten. Die Aufmerksamkeit des Säuglings sei ganz nach innen gerichtet – vermutlich auf seine Körperempfindungen –, so dass die äußere Welt und die Mutter nicht wahrgenommen werden. Die vorherrschende Aufgabe sei in dieser Zeit die Entwicklung einer Homöostase, d. h. eines Zustandes des Wohlbefindens in Koordination von Schlafen, Wachen, Nahrungsaufnahme, Verdauung und Temperaturregelung. Erst durch die Pflegeleistungen der Umwelt verschiebe sich die libidinöse Besetzung zur Körperperipherie. Der Säuglinge befinde sich zuvor in einem Zustand halluzinatorischer Desorientiertheit und Omnipotenz.

Im Alter zwischen vier und sechs Wochen bis zum Alter von fünf Monaten befindet sich nach Mahler der Säugling in einer normalen Symbiose mit der Mutter, einem dunklen Gewahrwerden der Außenwelt und des mütterlichen Objektes. Dieses Objekt wird nicht als unabhängig vom Selbst erfahren, sondern als mit ihm verschmolzen im Sinne einer unabgegrenzten Dualunion mit der Mutter. Hauptkennzeichen sei die »halluzinatorisch-illusorische somatopsychische omnipotente Fusion mit der Mutter« (Mahler 1978, S. 63). Es entsteht ein libidinöses Band zwischen Mutter und Kind, das sich auch in der Lächelreaktion des Säuglings äußert.

Ab dem 6. Lebensmonat beginnt nach Mahler die Loslösungs- und Individuationsphase (ebd., S. 72 ff.), die sie in vier Subphasen unterteilt: Die Subphase der Differenzierung (bis zum 10. Monat), die Übungssubphase (bis zum 17. Monat), die Subphase der Wiederannäherung (18. bis 24. Monat) und schließlich die Phase der Konsolidierung (bis zum 36. Monat).

Während der Subphase der Differenzierung ist das erste Anzeichen beginnender Differenzierung das visuelle Muster des Nachprüfens bei der Mutter. Das Kind beginnt sich für die Mutter zu interessieren, vergleicht sie mit anderen. Die Fremdenangst entsteht. Das vertraute Gesicht der Mutter wirkt angstmindernd. Vor allem Kinder, die gesättigt aus der Symbiose hervorgehen, zeigen aktives Differenzierungsverhalten.

In der Übungsphase ist das Kind aufgrund motorischer Reifung in der Lage zu krabbeln, zu kriechen und bald auch zu laufen. Es kann sich motorisch von der Mutter wegbewegen, Loslösung und Autonomie unmittelbar ausprobieren. Insbesondere durch das aufrechte Fortbewegen beginnt das Liebesverhältnis des Kindes mit der Welt, es kann aktiv erkunden und die unbelebte Umwelt erforschen.

In der dritten Subphase wird sich das Kind physischer Getrenntheit immer bewusster, und es macht stärkeren Gebrauch davon. Das Kind erlebt verstärkt Trennungssituationen und reagiert mit gesteigerter Trennungsangst und Wiederannäherung an die Mutter. Mahler spricht vom emotionalen Wiederauftanken. Körperkontakt wird erneut gesucht. Es beginnt ein Beschatten der Mutter und ein Weglaufen von ihr. In dieser Zeit erhalten die Übergangsobjekte (Winnicott 1971) eine besonders stabilisierende Funktion. Sie sind die ersten Symbole, sie sind die Mutter und sind sie doch nicht, sie können im Gegensatz zur realen Mutter manipuliert werden.

Die vierte Subphase bedeutet die Konsolidierung der Individualität und die Anfänge der emotionalen Objektkonstanz. In dieser Zeit kann das Kind schließlich getrennt von der Mutter funktionieren unter Bewahrung der Repräsentanz des abwesenden Objektes. Es kommt zur Vereinigung von guten und bösen Objektrepräsentanzen zu einem Ganzobjekt, zu einer Mischung von Aggression und Libido.

Vorteil des Mahlerschen Modells ist, dass es, im Gegensatz zu den Rekonstruktionen Freuds aus den Erwachsenenanalysen, aus der direkten Kinderbeobachtung kommt; es steht zudem im Wechselprozess mit der Triebentwicklung. Während der oralen Phase herrscht die Symbiose mit der Mutter und der Beginn der Ablösung der visuellen Wahrnehmung von der Dominanz der taktilen. Während der drei folgenden Subphasen herrscht die anale Phase mit der motorischen Reifung und der Möglichkeit zur Fortbewegung. Das »Nein« der analen Trotzphase fördert die Individuation.

Kritisch ist anzumerken, dass die Herleitung der Phasen des normalen Autismus und der Symbiose, die Mahler als Fixierungsstellen für den Autismus und die Psychosen ( Kap. VI) geltend macht, d. h. eine Herleitung aus der pathologischen Entwicklung, fragwürdig ist. Diese Phasen stimmen inzwischen nicht mehr mit den Erkenntnissen moderner Säuglingsbeobachtung überein.

Stern (1983; 1985) spricht von den ersten beiden Monaten als Phase des auftauchenden Selbstempfindens. Der Säugling ist bei Stern von Anfang an auf seine Umwelt bezogen. Er verfügt über angeborene Fertigkeiten zu lernen und ein Gefühl von Regelmäßigkeit und Ordnung herzustellen. Sein visuelles Abtastmuster, sein soziales Lächeln zeigen, dass er Sinneseindrücke miteinander in Beziehung setzt. Er verfügt nicht nur über Triebe, sondern über angeborene Vitalitätsaffekte, Furcht, Angst, Scham, Schuld, Freude und Wut, die er mit anderen austauscht. Er befindet sich in einer dialogischen Hör-, Seh- und Fühlwelt. Entgegen dem Konzept von Mahlers Symbiose gibt es bei ihm im Alter bis neun Monate ein sogenanntes Kernselbstempfinden zweier physisch getrennter Wesenheiten, zweier Körper, die miteinander in Beziehung treten können, ohne miteinander zu verschmelzen. Er sieht einen anfänglichen Zustand einer Trennung von Selbst und Objekt (self-versus-other), der Gemeinsamkeitserlebnisse (self-with-other) möglich macht. Gemeinsamkeitserlebnisse sind auch reichlich vorhanden, aber die Grenzen gehen im Normalfall nicht verloren. Das Selbst ist Urheber von Handlungen und Empfindungen und verfügt über ein spezifisches Gedächtnis. Das Alter von 7–9 bis 18 Monate beschreibt Stern als subjektives Selbstempfinden getrennter Psychen, als Gefühle von Intersubjektivität. Das Kind kann jetzt mit Hilfe von Symbolen kommunizieren.

Mit den Beobachtungen und Erkenntnissen von Stern ergeben sich fundamentale Kritikpunkte am Mahlerschen Modell. Wir schließen uns hier Dornes (1993, S. 75) an, der dafür plädiert, die Phase des normalen Autismus fallen zu lassen. Auch Mahlers Konzept der Symbiose betrachtet Dornes als nicht haltbar. Der Säugling nehme nicht symbiotisch wahr, nehme an Interaktionen nicht undifferenziert und passiv teil. Das symbiotische Verschmelzungsgefühl geht seiner Ansicht nach einher mit Sterns Konzept von Gemeinschaftserlebnissen zwischen Mutter und Kind, allerdings ohne eine Verschmelzung. Die Grenze zwischen Selbst und Objekt bleibt bei Stern erhalten. Intensive Gemeinschaftserlebnisse sind nicht von Grenzauflösung oder Konfusion begleitet, das sei nur in einer pathologischen Entwicklung so. Der Säugling kann sich weiterhin beim Erleben vom Miteinander abgrenzen. Nur wenn die Eltern die Autonomie behindern, kann die Flucht in eine Symbiose für einen überforderten Säugling entstehen, die Symbiose ist also bereits Abwehrprodukt. Gleichermaßen führt Stern zu einer Revision des Spaltungskonzeptes. Bei ihm kann der Säugling bereits ein ganzes Objekt wahrnehmen, erst affektive Belastungen können zu Beeinträchtigungen der Wahrnehmung und damit zur Spaltung als Abwehrleistung führen. Die Erkenntnisse Mahlers haben damit für die pathologische Entwicklung weiterhin uneingeschränkt Gültigkeit.

1.5 Ödipuskomplex, Latenzphase und Adoleszenzkrise

Während die Theorie über die präödipale Zeit einer erheblichen Revision unterliegt, bleiben die Erkenntnisse über den Ödipuskomplex weitgehend erhalten. Im vierten und fünften Jahr erreicht das Kind die Dreierbeziehung und den Ödipuskonflikt. Hatte der Vater während der Individuationsphase bereits als drittes Objekt die Funktion der Triangulierung, d. h. der Unterstützung des kindlichen Loslöseprozesses aus der Dualunion mit der Mutter, so tritt das Kind nun in die Dreierbeziehung Vater – Mutter – Kind ein. Es ist inzwischen hinlänglich bekannt, dass der ödipale Konflikt aus dem Begehren des gegengeschlechtlichen Elternteils besteht, der Aufgabe desselben und der Identifikation mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil. Der Ödipuskonflikt hat zwei wesentliche Aufgaben: Die Geschlechtsidentität zu ermöglichen und die Aufrichtung der Generationenschranke durch das Inzesttabu (die Gesetze der Realität). In diesem Sinne ist der Ödipuskomplex ein universeller Komplex, es gibt aber durchaus andere kulturelle Ausgestaltungen des Konfliktes und dessen Lösung (vgl. Heinemann 1995; 1998). Störungen können auftreten, wenn das Kind an einen Elternteil gebunden ist, es nicht attraktiv ist, sich mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil zu identifizieren, wenn Ambivalenz nicht zugunsten der Liebesstrebungen gelöst werden kann, d. h. der Hass auf den Vater beispielsweise zu groß ist, als dass der Knabe sich mit ihm identifizieren kann. Dies gelingt nur, wenn neben der Rivalität, die ein wichtiges Stadium für das Erleben von Konkurrenz und Selbstentwicklung darstellt, auch Gefühle von Zuneigung und der Wunsch, so werden zu wollen wie der gleichgeschlechtliche Elternteil, vorhanden sind. Nicht der ödipale Wunsch, sondern das Tabu stehen im Vordergrund der psychischen Verarbeitung. Freud (1924d) sah in der Kastrationsangst des männlichen Kindes ein stärkeres Motiv, den ödipalen Wunsch aufzugeben und das Über-Ich zu etablieren. Mit der Aufgabe der Theorie des phallischen Monismus hat das Mädchen das gleiche Motiv, den Ödipuskonflikt aufzugeben, nämlich die Genitalbeschädigungsangst, und damit keine vom männlichen Geschlecht verschiedene Über-Ich-Bildung ( Kap. I.3.). Mit der Aufgabe des Ödipuskomplexes kommt es zur entscheidenden Verinnerlichung von Verboten und Geboten, vermittelt durch die Eltern, und der Bildung der eigenen Instanz im Ich, dem Über-Ich. Das Über-Ich ist ein Spezialfall der Verinnerlichung.

Die Latenzphase ist eine Zeit der Konsolidierung zwischen dem abgeschlossenen Ödipuskomplex und der Pubertät. Sie dient der Bewältigung von Realität und dem Ich-Wachstum. Die Pubertät leitet die sogenannte Adoleszenzkrise ein, in der es im Sinne einer sekundären Individuation zur Wiederbelebung der Loslösungs- und Individuationsproblematik kommt. So wie sich das kleine Kind von der Mutter mit Hilfe des triangulierenden Vaters trennt, trennt sich der Jugendliche mit Hilfe der Peergroup von den Eltern und verinnerlicht die Normen und Werte seiner Generation, das sogenannte Generationen-Über-Ich, das dem elterlichen in vielen Aspekten entgegenwirkt. Neben der Wiederbelebung der Loslöse- und Individuationskrise kommt es durch den Triebschub zur Reaktivierung der ödipalen Konflikte, die mit der Partnerfindung schließlich verarbeitet werden.

1.6 Die narzisstische Entwicklung

Die Entwicklung des Selbst wird auch als narzisstische Entwicklung bezeichnet. Ursprünglich ging Freud davon aus, dass in den ersten Wochen und Monaten eine Objektliebe zur Mutter vorhanden ist, dann im Stadium des Autoerotismus eine Abwendung von ihr erfolgt, die dann wieder in eine Zuwendung mündet. »Als die anfänglichste Sexualbefriedigung noch mit der Nahrungsaufnahme verbunden war, hatte der Sexualtrieb ein Sexualobjekt außerhalb des eigenen Körpers in der Mutterbrust. Er verlor es nur später … Der Geschlechtstrieb wird dann in der Regel autoerotisch und erst nach der Überwindung der Latenzzeit stellt sich das ursprüngliche Verhältnis wieder her … Die Objektfindung ist eigentlich eine Wiederfindung« (Freud 1905d, S. 123). Als Freud 1914 das Konzept des primären Narzissmus formulierte, nahm er an, dass am Anfang ein subjektiver Zustand der Unabhängigkeit von der Umwelt vorhanden sei. Im Gegensatz dazu hat Balint (1937) die erste Auffassung Freuds aufgegriffen und den primären Zustand als den Zustand der primären Liebe dargestellt. Keiner zweifelt heute an einer intensiven Abhängigkeit und Beziehung zwischen Säugling und Mutter. Wichtiger scheint die Frage, wie Affekte oder Triebe die Besetzung des Selbst und des Objektes gestalten.

Narzisstisch werden all diejenigen Fantasien, Tendenzen oder Befriedigungen genannt, die durch eine Bewegung vom Objekt weg zum Selbst hin charakterisiert werden. In dieser »Entweder-oder-« Form ist Narzissmus ein Schutz und Abwehrvorgang. Mit Narzissmus ist aber auch ein System des Selbst gemeint, das alle Befriedigungen, Affekte und Mechanismen, die der Regulation des Selbstwertgefühls dienen, kennzeichnet. Ereignisse, die das Gegenteil bewirken, werden narzisstische Kränkungen genannt. Bei der Triebentwicklung besteht ein Gegensatz von Befriedigung und Frustration, der Narzissmus entwickelt sich innerhalb der Pole einer positiven narzisstischen Spiegelung und der Kränkung. Das Selbst baut sich auf über Spiegelung, dem sogenannten »Glanz im Auge der Mutter«. Die frühesten positiven Selbstrepräsentanzen sind von positiven Objektrepräsentanzen noch ungetrennt. Die narzisstische Zufuhr ist von äußeren Objekten abhängig. Für die Spiegelung des Selbst braucht es Selbstobjekte, die diese Funktion übernehmen. Auch Erwachsene sind in ihrem Selbsterleben noch von positiver Spiegelung abhängig.

Die narzisstische Homöostase ist durch Kränkungen, Misserfolg, Entzug affektiver Zufuhr gefährdet. Das Ich bevorzugt bestimmte Abwehrvorgänge zur Stabilisierung der narzisstischen Homöostase, zum Beispiel die Regression in den primären Zustand oder die Verleugnung der schmerzlichen Realität mit Hilfe von Größenfantasien. Kohut (1973) beschreibt das Größen-Selbst als eine das Selbst stabilisierende Abwehr von Trennungsangst, die im Kindesalter normal ist. Hinzu kommt im Kindesalter die Idealisierung der Elternimagines. Das Selbst sucht auch eine Rettung des Selbstgefühls durch Identifizierung mit omnipotenten und allwissenden Objekten.

Im Gegensatz zu Triebobjekten braucht das Selbst Selbstobjekte, um gespiegelt zu werden und um Objekte zu idealisieren, damit es sich mit ihnen identifizieren kann. Allmählich wird das Bild der Eltern realistischer. Dieser von Kohut beschriebene Prozess von magisch überhöhter hin zu realistischer Selbst- und Objektwahrnehmung wird in ähnlicher Weise von Winnicott (1971) als Prozess der Desillusionierung von der Fantasie zur Realität beschrieben. Das magische Weltbild (Piaget 1980) ist das frühere, weil es die Angst und Hilflosigkeitsgefühle des kleinen Kindes bewältigen hilft.

Das Ichideal tritt später das Erbe des frühen Narzissmus an. Ein gesundes Ideal-Selbst macht Menschen relativ unabhängig von Lob und Tadel. Es ermöglicht innere Sicherheit, Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen.

2 Konflikte, Abwehrmechanismen und Symptombildung
2.1 Konfliktmodell

Zentrale Bedeutung bei der Entstehung psychischer Störungen hat das sogenannte Konfliktmodell. Die Konzepte des Lust- und Realitätsprinzips, des Abhängigkeits- und Autonomiekonfliktes sowie der narzisstischen Spiegelung und Kränkung beinhalten bereits, dass auch die normale psychische Entwicklung auf Konflikten beruht, die eine gewisse Dynamik, die Psychodynamik, erzeugen. Die Psychoanalyse unterscheidet dabei bewusste und unbewusste sowie äußere und innere Konflikte. Ein äußerer Konflikt ist beispielsweise einer zwischen den Wünschen eines Kindes und einem Elternteil, der sich verbietend oder versagend verhält. Ein innerer Konflikt ist der zwischen Es und Über-Ich, wenn der verbietende Part inzwischen zur inneren Struktur geworden ist, ein Student beispielsweise zwischen dem Wunsch, nicht in die Vorlesung zu gehen, und dem Über-Ich-Druck, hinzugehen, in einen inneren Zwiespalt gerät. Das Über-Ich äußert sich dann in Schuldgefühlen. Durch die Über-Ich-Bildung sind ehemals äußere Konflikte zu inneren Konflikten geworden und sind so ein Garant für die bessere Anpassung an die Forderungen und Erwartungen der Umwelt. Konflikte rufen innere Spannungen hervor, die gelöst werden wollen, um zu einer Art Homöostase zu gelangen.

Während der bewusste Konflikt dem Ich zugänglich ist und nach einer bewussten Lösung drängt, sind unbewusste Konflikte verdrängt oder auf andere Weise abgewehrt und können zur Symptombildung führen. Bei psychischen Störungen spielen gerade die unbewussten Konflikte eine zentrale Rolle. Konflikte können mit chronischen oder akuten traumatischen Erfahrungen verbunden werden. Ein Trauma besteht aus einer unerträglichen Erfahrung von Angst, Scham oder anderen unlustvollen Affekten, die zu einem partiellen Zusammenbruch des Ich führen und eine Mobilisierung von Abwehrmechanismen in Gang setzen. Die Abwehrmechanismen geben dem Ich Zeit zur Neuorganisation und zur Bewältigung der Affekte. Sie können aber auch zur Symptombildung führen und damit zu psychischer Erkrankung. Es entsteht eine neue Leidensquelle.

Art und Niveau des Konfliktes sind dabei maßgeblich für die Entwicklung bestimmter Störungen. Die klassische Einteilung der Psychoanalyse geht dabei davon aus, dass neurotische Konflikte aus sogenannten reiferen, weil später in der Entwicklung auftauchenden Konflikten bestehen, den Konflikten zwischen Es und Über-Ich. Die narzisstischen Störungen dagegen beruhen mehr auf einer Störung des Selbst, einem strukturellen Mangel in Form einer Ich-Schwäche oder Schwäche des Selbst. Die narzisstische Homöostase ist labil. Mentzos (1984, S. 83) weist jedoch darauf hin, dass die sogenannte Ich-Schwäche letztlich auch auf ungelösten Konflikten beruht, und zwar auf sehr frühen Konflikten, beispielsweise dem Abhängigkeits-Autonomiekonflikt oder einem Selbstwertkonflikt. Genetisch gesehen sind alle psychischen Störungen konfliktbedingt. Die Ich-Stärke und Selbstkohärenz befinden sich auf unterschiedlichen Niveaus, die der klassischen Einteilung psychischer Störungen entsprechen: Neurotische Störungen, narzisstische Störungen, psychosomatische Störungen, die ebenfalls den narzisstischen Störungen zugerechnet werden, aber in ihrer Symptombildung den Körper einbeziehen, den Borderline-Störungen und Psychosen, die als früheste Störungen gelten, weil Selbst und Ich am schwerwiegendsten und umfassendsten beeinträchtigt sind, die Anpassung an die Umwelt bei den Psychosen am wenigsten möglich ist.

Das Niveau der Ich-Störung lässt sich auch in der Verwendung der Abwehrmechanismen erkennen. Mentzos (ebd., S. 60 ff.) unterscheidet verschiedene Ebenen der Abwehrmechanismen und der sogenannten Selbstkompensationen. Archaische Abwehrmechanismen werden von frühen Störungen verwendet, reifere Abwehrmechanismen von den Psychoneurosen. Früh versteht sich dabei als Ausdruck der Schwere der Störung, was die Hypothese beinhaltet, dass diese Störungen bereits Konflikte der frühen Entwicklungsstufen nicht lösen konnten und so Fixierungen auf frühesten Stufen seelischer Entwicklung aufweisen, die die Lösung der Konflikte späterer Stufen beeinträchtigten. Dies wird auch als genetisches Modell der Psychoanalyse bezeichnet. Frühe nicht gelöste Konflikte und ihre Folgen sind schwerwiegender, weil sie in die Phase der Konstituierung des Selbst fallen und somit dessen Struktur und Konsistenz beeinflussen.

Abwehrmechanismen sind unbewusst ablaufende Vorgänge, die zwar primär Ich-Funktionen mit Schutz- und Bewältigungsaufgaben darstellen, die aber in der Symptombildung pathologisch werden und den Konflikt nicht lösen, sondern lediglich abwehren und somit aufrechterhalten. Der Konflikt bleibt aktiv und zwingt das Ich zu immer neuen Abwehrleistungen. Die Abgrenzung zwischen normaler Bewältigungsarbeit und pathologischer Abwehr ist dabei nicht immer leicht zu ziehen. Manche Abwehrmaßnahmen können dem Ich Zeit geben, den Konflikt zu bewältigen. Kriterien für das Pathologische eines Abwehrvorganges sind seine Rigidität, die Einschränkung der Ich-Funktionen und der Widerstand gegen die Bewusstmachung des zugrunde liegenden Konfliktes.

2.2 Abwehrmechanismen

Folgende Abwehrmechanismen können vom Ich verwendet werden (vgl. Mentzos 1984, S. 60 ff.; A. Freud 1936):

Auf der untersten Ebene wird der Konflikt auf Kosten einer angemessenen Realitätswahrnehmung abgewehrt:

• Die psychotische, wahnbildende Projektion verändert die Realität mit Hilfe der Projektion. Eigene, unerwünschte Impulse, meist sexuelle wie im Liebeswahn oder aggressive wie im Verfolgungswahn, werden einer anderen, äußeren Person unterstellt.

• Bei der psychotischen Verleugnung werden Ereignisse oder Affekte scheinbar nicht wahrgenommen, zum Beispiel die Behinderung eines Kindes.

• Die Spaltung hält inkompatible Inhalte auseinander. Ambivalenz ist nicht möglich, eine Person der Außenwelt erscheint beispielsweise als nur gut oder nur schlecht. Beide Inhalte sind bewusst, die Wahrnehmung des einen oder anderen Inhalts wird lediglich zeitweise verleugnet. Die Wahrnehmung kann zudem blitzschnell von gut nach böse und umgekehrt kippen.

• Die Introjektion ist, wie die Projektion auch, ein wichtiger Vorgang bei der Entstehung des Selbst in der normalen Entwicklung, kann auch für Abwehrvorgänge verwendet werden, wenn sie die Selbst/Objekt-Unterscheidung zu vermeiden oder rückgängig zu machen sucht. Das Subjekt glaubt dann, jemand anders zu sein.

Auf der zweiten Ebene werden ebenfalls unreife, aber die Realität nicht mehr ganz so grob verzerrende Abwehrmechanismen eingesetzt:

• Die nichtpsychotische Projektion unterstellt eigene Gefühle, Impulse, Tendenzen unbewusst einer anderen Person, zum Beispiel Menschen anderer Kulturen.

• Die Identifikation, zum Beispiel die Identifikation mit dem Aggressor, dem Angreifer, wehrt Angst ab, indem anderen das angetan wird, was man selbst am meisten fürchtet. Es gibt auch hysterische Identifikationen, bei denen Trennung oder seelischer Schmerz abgewehrt wird, indem beispielsweise Symptome einer anderen Person übernommen werden (Husten des verstorbenen Elternteils).

Auf der dritten Ebene befinden sich die psychoneurotischen Abwehrmechanismen:

• Die Intellektualisierung wehrt Affekte ab, indem sie Emotionales in affektloser Art behandelt, sich mit kognitiven Aspekten des Lebens beschäftigt, um das Emotionale besser verdrängen zu können.

• Die Affektualisierung ist das Gegenstück zur Intellektualisierung. Durch eine Art Überemotionalisierung und Dramatisierung sollen Inhalte oder Affekte, meist entgegengesetzte Emotionen, abgewehrt werden.

• Die Rationalisierung liefert sekundäre Rechtfertigungen von Verhaltensweisen durch Scheinmotive, um so von dem eigentlichen Wunsch oder Impuls abzulenken. Das sadistisch motivierte Verhalten eines Pädagogen kann beispielsweise mit pädagogischen Theorien begründet und rechtfertigt werden.

• Die Affektisolierung trennt Inhalt und Affekt, wobei der Inhalt bewusst bleibt, der Affekt dagegen wird verdrängt. So kann jemand scheinbar affektlos über einen begangenen Mord reden, nicht, weil er keine Affekte wie Schuldgefühle und Hass hat, sondern weil diese verdrängt sind.

• Das Ungeschehenmachen macht einen Impuls durch entgegengesetzte Gedanken oder durch einen magischen symbolischen Akt ungeschehen.

• Die Reaktionsbildung ist ein dem Ungeschehenmachen ähnlicher Mechanismus, allerdings werden die unerwünschten und unerlaubten Impulse durch entgegengesetztes Verhalten und Haltungen auf Dauer und habituell abgewehrt. Die Mutter eines behinderten Kindes kann ihre Todeswünsche dem Kind gegenüber durch besonders überfürsorgliches, überbehütendes Verhalten abwehren. Im Unterschied zur Fürsorge aus Liebe ist das Verhalten eher zwanghaft und unflexibel.

• Die Verschiebung ist eine Loslösung emotionaler Reaktionen von ihren ursprünglichen Inhalten und die Verknüpfung mit anderen, weniger wichtigen Situationen oder Gegenständen. Klassisches Beispiel ist die Phobie, wenn beispielsweise ein Kind beim Anblick des gerade geborenen Brüderchens in den Armen der Mutter die Angst, die Liebe der Mutter verloren zu haben, auf einen Aufzug verschiebt und nun Angst hat, Aufzug zu fahren.

• Die Verlagerung richtet unerwünschte oder unerlaubte Impulse, meist Aggression, auf ein anderes als das eigentliche Objekt. Die Wut auf den Chef wird auf die Ehefrau verlagert.

• Die Wendung gegen das Selbst kann eingesetzt werden, wenn Aggression nicht nach außen gegen ein Objekt gerichtet werden kann, meist weil das Objekt fehlt oder weil die Schuldgefühle zu groß sind.

• Die Wendung von der Passivität in die Aktivität ermöglicht die Abwehr angstvoller, passiv erlebter Situationen durch eigenes aktives Verhalten. Das Kind spielt beispielsweise nach einem Zahnarztbesuch, dass es selbst die Zähne der Puppen untersucht.

• Die Verdrängung im engeren Sinne dient der Unbewusstmachung, wobei bei fast allen Abwehrmechanismen der dritten Ebene Verdrängung im weiteren Sinne eine Rolle spielt.

Auf der vierten Ebene werden Vorgänge wie Sublimierung und Neutralisierung angesiedelt. Bei der Sublimierung werden verdrängte Triebimpulse in sozial positiv gewertete Tätigkeiten verwandelt. Diese Form der gelungenen Anpassung ermöglicht dann sowohl Triebabfuhr als auch Anpassung. Neutralisierung meint dagegen auf einer allgemeineren Stufe den Wechsel libidinöser und aggressiver Triebenergie zu einem nichttriebhaften Modus. Die Frage, ob Sublimierung immer Triebverzicht voraussetzt, wurde von Freud bejaht, ist aber heute umstritten.

Wir möchten den klassischen Abwehrmechanismen noch diejenigen anfügen, die speziell der Abwehr narzisstischer Konflikte dienen.

• Die Sexualisierung dient der Abwehr schmerzhafter Affekte, zum Beispiel Schamgefühlen, indem die ganze narzisstische Konfiguration sexualisiert wird. Durch aktive, sexuelle Handlung kann die Situation dann toleriert werden.

• Die Regression in den primären Zustand ist gekennzeichnet durch Rückzug von äußeren Objekten und Sich-Verlieren in Verschmelzungsfantasien.

• Die Verleugnung durch Größenfantasien in Form eines Größen-Selbst dient der Aufrechterhaltung eines narzisstischen Gleichgewichts, das durch Angst, Hilflosigkeit oder Kränkung in Gefahr gerät.

• Die Kompensierung durch Idealisierung dient gleichermaßen der Aufrechterhaltung des narzisstischen Gleichgewichts, nur greift das Subjekt zur Idealisierung äußerer Objekte, die zu allwissenden und omnipotenten Objekten werden, mit denen das Subjekt sich dann identifizieren kann.

2.3 Symptombildung

Symptome entstehen durch die Verwendung spezifischer Abwehrmechanismen. Sie stellen Kompromiss- oder Ersatzbildungen dar. Sie ermöglichen in gewisser Hinsicht Triebabfuhr, befriedigen aber auch das Über-Ich, die Außenwelt oder die Selbstregulation. Das Kind mit der Aufzugsphobie kann beispielsweise seinen Angstaffekt äußern, aber auch die Beziehung zur Mutter konfliktfrei halten. Indem die Symptome sowohl das Abgewehrte als auch die Abwehr enthalten, dienen sie auch der Mitteilung des unbewussten Konfliktes, der Wiederkehr des Verdrängten, dem Wunsch, den Konflikt doch noch zu lösen. Diese Symptomsprache sucht die Psychoanalyse zu verstehen. Die Wege der Symptombildung und deren Verständnis werden wir anschließend an den einzelnen Störungen aufzeigen.

Es wird ferner zwischen Symptombildung und Charakterbildung unterschieden, wobei die Symptombildung in der Regel als Ich-dyston, d. h. Ich-fremd, empfunden wird, die Charakterneurose bzw. der neurotische Charakter dagegen erlebt seine Verhaltensweisen als Ich-synton, d. h., dem Ich zugehörig.

3 Alters- und geschlechtsspezifische Aspekte
3.1 Freuds phallischer Monismus

Freuds Theorien (1924d; 1925j; 1931b; 1933a) zur männlichen und weiblichen Entwicklung gehen von einem biologisch bedingten Vorteil des Knaben aus und »ver-herr-lichen« die männliche Entwicklung. Die stärkere Anlage der Frau zur Bisexualität gehe aus der weiblichen Sexualentwicklung hervor, die bis in die phallische Phase hinein männlich sei, da sie unter dem Primat der Klitoris, d. h. einem dem männlichen Glied analogen Organ stehe. Freud zufolge beginnt das Primat der Vagina erst in der Pubertät. Die Frau hat nach Freud ein passives, weibliches und ein männliches, aktives Geschlechtsorgan. Die Weiblichkeit sei durch die Bevorzugung passiver Ziele, die Männlichkeit durch aktive Ziele gekennzeichnet. Ein weiteres zentrales Moment in der weiblichen Entwicklung sei der Penisneid, den Freud als primär betrachtet und der ein tiefes Minderwertigkeitsgefühl in der Frau hinterlasse. »Irgendeinmal macht das kleine Mädchen die Entdeckung seiner organischen Minderwertigkeit, natürlich früher und leichter, wenn es Brüder hat oder andere Knaben in der Nähe sind« (ebd., 1931b, S. 524). Und: »Es bemerkt den auffällig sichtbaren, groß angelegten Penis eines Bruders oder Gespielen, erkennt ihn sofort als überlegenes Gegenstück seines eigenen, kleinen versteckten Organs und ist von da an dem Penisneid verfallen« (ebd., 1925j, S. 23). Beim Knaben löse der Anblick des weiblichen Genitals die Vorstellung einer Wunde, einer vollendeten Kastration aus. Kastrationskomplex und Penisneid sind bei Freud ein phylogenetisches Erbe, das mittels Erinnerungsspuren bewahrt geblieben ist. Der ursprüngliche Penisneid des Mädchens und die Kastrationsangst des Knaben werden allerdings auch bei Freud später durch Regression und Reaktionsbildungen verstärkt. Freuds Theorie wird als phallischer Monismus bezeichnet: »Auf der nun folgenden Stufe infantiler Genitalorganisation gibt es zwar ein männlich, aber kein weiblich; der Gegensatz lautet hier: männliches Genitale oder kastriert« (ebd., 1923e, S. 297).

Neben den Fantasien über die unterschiedliche organische Ausstattung machte Freud noch auf einen anderen, wesentlichen Unterschied zwischen Knaben und Mädchen aufmerksam. Am Ausgang menschlicher Entwicklung gibt es einen fundamentalen Unterschied: das erste Liebesobjekt des Kindes ist für das Mädchen ein gleichgeschlechtliches, für den Knaben ein gegengeschlechtliches. Freud sah im Penisneid der Mutter die Ursache für deren positivere Haltung dem Jungen gegenüber. »Nur das Verhältnis zum Sohn bringt der Mutter uneingeschränkte Befriedigung; es ist überhaupt die vollkommenste, am ehesten ambivalenzfreie aller menschlichen Beziehungen« (ebd., 1933a, S. 143).

Neben dem Wechsel der erogenen Zone, von der aktiv-männlichen Klitoris zur passiv-weiblichen Vagina muss das Mädchen bei Freud nicht nur den Wechsel von der Aktivität zur Passivität bewältigen, sondern auch noch sein Liebesobjekt wechseln. Der Abwendung von der Mutter gehe eine Lockerung des Verhältnisses durch Versagungen voraus. Der entscheidende Schritt von der Mutter hin zum Vater ist bei Freud jedoch eine Auswirkung des weiblichen Kastrationskomplexes. Mit der Entdeckung seiner Penislosigkeit erkennt das Mädchen seine organische Minderwertigkeit und die der Frau schlechthin. Die Liebe des Mädchens galt der phallischen Mutter, die Entdeckung, dass auch die Mutter kastriert ist, entwertet diese in den Augen des Mädchens. Zudem macht das Mädchen sie für die eigene Penislosigkeit verantwortlich. Aus dem Kastrationskomplex gibt es bei Freud drei Entwicklungen für das Mädchen: die Ablehnung von Sexualität, der Männlichkeitskomplex und der Weg in die normale Weiblichkeit. Es ersetzt den Wunsch nach einem Penis durch den Wunsch nach einem Kind, um die Weiblichkeit herzustellen. »Die weibliche Situation ist aber erst hergestellt, wenn sich der Wunsch nach dem Penis durch den nach dem Kind ersetzt, das Kind also nach alter symbolischer Äquivalenz an die Stelle des Penis tritt« (ebd., 1933a, S. 137).

Während der Kastrationskomplex des Mädchens den Objektwechsel und Ödipuskomplex einleite, beende der des Knaben den Ödipuskomplex und führe zur Bildung des Über-Ich. Bei Freud hat das Mädchen kein analoges Motiv, den Ödipuskomplex aufzulösen, es bleibe auf den Vater fixiert. Das Über-Ich des Mädchens ist nach Freud stärker personen- und situationsbezogen. »Man zögert es auszusprechen, kann sich aber doch der Idee nicht erwehren, dass das Niveau des sittlichen Normalen für das Weib ein anderes wird. Das Über-Ich wird niemals so unerbittlich, so unpersönlich, so unabhängig von seinen affektiven Ursprüngen, wie wir es vom Manne fordern« (ebd., 1925j, S. 29).

Wir denken, dass Freud dezidiert die seiner Zeit zugrunde liegenden Fantasien analysiert hat, der Fehler, den er machte, war, diese Fantasien nicht als kulturbedingt, sondern als anatomisches Schicksal zeit- und kulturunabhängig zu postulieren. Bereits das grausame, seit Jahrhunderten bestehende Phänomen der Klitorisbeschneidungen in Afrika zeigt, dass hier ähnliche Fantasien die männliche Dominanz sicherstellen. Auch dort gilt die Klitoris als männliches, aktive Sexualität ermöglichendes Organ, das entfernt werden muss, damit die Frau weiblich wird. Bevor wir auf kulturelle Aspekte eingehen, möchten wir nun zuerst die Diskussion um Freuds Theorien zur Geschlechterdifferenz historisch nachzeichnen. Bereits in den 1930er Jahren lösten Freuds Theorien eine rege Diskussion aus. Unterstützt wurde Freud vor allem von Lampl de Groot, Marie Bonaparte und Helene Deutsch.

3.2 Befürworter zu Freuds Zeiten

Bonaparte (1935) sah in der Aufgabe der »männlichen« Klitoriserotik und der Hinwendung zur passiven, empfangenden weiblichen Vaginalerotik die Grundlage der Weiblichkeit. Sie führt diesen Vorgang wie Freud auf die größere Passivität der Frau zurück, die sie aus dem weiblichen Kastrationskomplex begründet. »Die Klitoris, ein verstümmelter Phallus, kann tatsächlich niemals, nicht einmal in der Fantasie, zu jener Aktivität gelangen, auf die der Penis nach seiner ganz anderen Anlage Anspruch hat« (ebd., S. 29). Lampl de Groot (1927) und Deutsch (1925; 1930) sprachen sogar von der Notwendigkeit der Wendung der Triebe ins masochistische. Erst, wenn sich das Mädchen immer wieder der Kastration unterwirft, sei eine Beziehung zum Vater möglich. Mit der Wahrnehmung der eigenen Penislosigkeit wird bei Deutsch die aktiv-sadistische Klitorislibido ins masochistische gewendet und mündet in den Wunsch, vom Vater kastriert zu werden. Diese Wendung ins Masochistische ist bei Deutsch vorgezeichnet und bildet die erste Grundlage zur endgültigen Entwicklung der Weiblichkeit. Schwangerschaft und Geburt können nur mit Hilfe des Masochismus als lustvoll erlebt und deshalb angestrebt werden. Das Triebleben der Frau diene nicht nur dem Lustprinzip, die Frau müsse auch die durch Menstruation und Geburt mit Schmerzen durchsetzte Sexualität akzeptieren.

Eine Zwischenstellung zwischen Kritikern und Befürwortern nimmt Müller-Braunschweig (1936) ein. Einerseits argumentiert er wie Freud, dass die Mutter ein inadäquates Objekt für das Mädchen ist. Das Mädchen unterdrücke seine weiblichen Strebungen und überbetone seine qua Bisexualität existierenden, männlichen Strebungen. Das Gefühl, mangelhaft zu sein, resultiere aus dem Gefühl, kein adäquates Genital für die Mutter zu haben. Müller-Braunschweig geht im Gegensatz zu Freud aber von einer primär weiblichen, allerdings gleichfalls passiv-masochistischen vaginalen Sexualentwicklung aus, die das Mädchen zuerst unterdrücken müsse. Er sprach von einer primären Anziehungskraft der Geschlechter und erklärte den Objektwechsel nicht mit dem anders gearteten Kastrationskomplex. »Dieses Äquivalent (zur Kastrationsangst des Knaben, E. H., H. H.) sehe ich in der infantilen Weiblichkeit des kleinen Mädchens und der damit, im Gegensatz zum Knaben, von vornherein gegebenen größeren masochistischen und passiven Einstellung« (1926, S. 375).

3.3 Kritiker zu Freuds Zeiten

Bereits früh in den 1930er Jahren regte sich Widerstand gegen die Freud‘schen Theorien zur Geschlechterdifferenz. Es waren vor allem Melanie Klein, Ernest Jones und Karen Horney, die eine der männlichen Entwicklung analoge primäre weibliche Entwicklung postulierten. Horney (1932; 1933) ging in ihrer Kritik am weitesten, sie wurde allerdings wenig beachtet. Sie sah in den verschiedenen sexuellen Ängsten des Knaben und Mädchens, die sich aus den anatomischen Geschlechtsunterschieden ergeben, entwicklungsbeeinflussende Faktoren, die aber nicht zugunsten des einen oder anderen Geschlechtes ausgehen. Horney widersprach der Vorstellung, die Vagina werde erst in der Pubertät entdeckt. »Das Mädchen will auf Grund ihrer biologisch gegebenen Natur empfangen, in sich aufnehmen; sie fühlt und weiß, dass ihr Genitale zu klein ist für den väterlichen Phallus und muss darum auf ihre eigenen genitalen Wünsche mit direkter Angst reagieren, mit der Angst nämlich, dass die Erfüllung ihrer Wünsche ihr oder ihrem Genitale Zerstörung bringen würde. Der Knabe dagegen, der fühlt und instinktiv abschätzt, dass sein Penis viel zu klein ist für das mütterliche Genitale, reagiert mit der Angst, nicht zu genügen, abgewiesen, ausgelacht zu werden« (1932, S. 13).

Die Angst des Mädchens ist bei Horney eine Beschädigungsangst, die des Knaben eine Bedrohung des Selbstwertgefühls. Horney widersprach Freud, indem sie aufzeigte, dass frühe Fantasien, Ängste, Träume und Verhaltensweisen bei Mädchen belegen, dass es ein Empfinden vaginaler Sensationen in der frühen Kindheit gibt. Besonders starke Ängste führen aber zur Verleugnung der Vagina. »Es scheint mir also nach alledem vieles für die Annahme zu sprechen, dass dem ›Unentdecktseinfi‹ der Vagina eine Verleugnung der Vagina zugrunde liegt« (1933, S. 384). Die Unsichtbarkeit der Vagina erschwere es dem Mädchen, sich durch Nachprüfen ihrer Integrität zu versichern.

Auch Klein (1928) und Jones (1928, 1933) gingen beide von einer primär weiblichen, vaginalen Entwicklung aus. Das Mädchen übertrage seinen oralen Wunsch nach der Mutterbrust auf den Penis. Das Mädchen wendet sich dem Vater zu, um seinen Penis in die Vagina aufnehmen zu können, es bedarf also keines Kastrationskomplexes für den Objektwechsel des Mädchens. Bei Klein und Jones bildet sich die Sexualentwicklung entlang der Vorstellungsreihe Mund-Anus-Vagina beim Mädchen, beim Knaben entlang der Vorstellungsreihe Brustwarze-Kotsäule-Penis. Starke orale Versagungen führen zur Überbewertung des Penis. Das Primat des Phallus ist dabei ein Abwehrprodukt auf beiden Seiten. Durch intensive Kastrationsängste aufgrund der Rivalität mit dem Vater nimmt der Knabe die Vagina als Wunde wahr, verleugnet er die Vagina und überbesetzt seinen Penis. Für das Mädchen sei der Penis die potentere Brust. Sadistische Strebungen gegen die Brust wandeln sich in die Angst vor dem eindringenden Penis. Auch das Mädchen verleugnet die Vagina. Mit der Annahme einer primär weiblichen Entwicklung hat das Mädchen das gleiche Motiv, den Ödipuskomplex aufzugeben, nämlich den Schutz seines Genitals. Jones (1928) sah die Kastrationsangst als Spezialfall der beide Geschlechter betreffenden Angst vor völliger Vernichtung der Sexualität, der sexuellen Genussfähigkeit, der Aphanisis. Der Mann stelle sie sich typischerweise in Form der Kastration vor, die Frau hat Angst vor dem Verlassenwerden.

Bei Jones bleibt die Vagina passiv. Den Widerspruch, dass der Mund aktiv an der Brust saugt, die Vagina entlang dieser Vorstellungsreihe auch aktiv sein müsste, sah er nicht. Klein (1928) sah die genitalen Ängste des Mädchens als aktive Zerstörungs- und Beschädigungsfantasien, welche aus der Angst vor Vergeltung der Mutter resultieren. »Die sehr intensive Angst des Mädchens für ihre Weiblichkeit ist in Analogie zu bringen zur Kastrationsangst des Knaben, da sie sicher auch eine Rolle für den Abbruch der Ödipusstrebungen seitens des Mädchens spielt. Die Kastrationsangst des Knaben für den sichtbar vorhandenen Penis verläuft aber doch anders, man könnte sagen akuter, als die mehr chronische des Mädchens für ihre weniger gut bekannten inneren Organe« (ebd., S. 74). Mit der Annahme einer primär weiblichen Sexualentwicklung und den entsprechenden Genitalbeschädigungsängsten wurde auch bereits der These Freuds über das schwächere Über-Ich der Frau widersprochen. »Viel besser gelingt der Über-Ich-Aufbau, wenn die Vagina als vollwertiges Genitale in ihre Rechte tritt. Je genitaler sich das kleine Mädchen im Laufe des Ödipuskomplexes einstellt, desto analoger ist die Ich- und Über-Ich-Entwicklung der männlichen. Was hier die Kastrationsangst, leistet da die weibliche Genitalbeschädigungsangst« (Jacobson 1937, S. 411).

3.4 Narzissmus und Identifikationswechsel

Die unterschiedliche Lage der männlichen und weiblichen Sexualorgane wird auch weiterhin für Geschlechtsunterschiede herangezogen. Erikson (1966) leitet aus dem Spielverhalten von Jungen und Mädchen ab, dass – parallel zur Anatomie – im weiblichen Erleben der innere Raum im Zentrum der Gefühle steht, bei Knaben dagegen der äußere Raum. Ähnliche Gedanken finden wir heute bei Anzieu (1995). Anzieu betont allerdings mehr die Projektionen und Introjektionen der Fantasien entlang der körperlichen Ausstattungen. Die Mutter habe die Vorstellung einer inneren Höhlung als sexueller Körper des Mädchens. Die weibliche Identität sei eine somato-psychische Umhüllung, den Jungen dagegen definiere die Mutter anhand des Geschlechtsunterschiedes. Die unbewusst genitale Vorstellung der Mutter färbe das Ineinandergreifen von Brustwarze und Mund, Penis und Vagina. Der Penis ist bei Anzieu ein Objekt und die Vagina ein Ort.

In den 1970er Jahren verschob sich die Diskussion von der Frage der Geschlechtsorgane hin zur Frage der narzisstischen Entwicklung der Geschlechter. Arbeiten, wie die von Sherfey (1974), die die Erkenntnisse der damaligen Sexualwissensschaften aufarbeiteten, widerlegten endgültig die Annahme zweier Geschlechtsorgane der Frau. Klitoris, Labien und das untere Drittel der Vagina sind eine untrennbare Funktionseinheit, es gibt keinen vaginalen oder klitoridalen Orgasmus. Die Klitoris ist kein verkümmerter Penis, der männliche Embryo entwickelt sich aus dem weiblichen. Fleck (1969) konstatierte, dass mit der Aufgabe der Theorie zweier Geschlechtsorgane auch die Vorstellung einer passiven weiblichen Sexualität aufgegeben werden müsse. Mitscherlich-Nielsen (1975, S. 777) schlug vor, beim Knaben weiterhin von phallischer Phase zu sprechen, beim Mädchen aber von der klitoridal-vaginalen Phase. Gillespie (1975) fragte: Wenn die Klitoris nicht männlich ist, die Frau kein kastrierter Mann, warum kann dann die Klitoris nicht den Wunsch auslösen, penetriert zu werden?

Bei Chasseguet-Smirgel (1974) ist der Penisneid des Mädchens Abkömmling des Neides auf die allmächtige Mutter, mit der es nur erfolgreich rivalisieren kann, wenn es ein Organ hat, das dieser fehlt. Der Penis ist als Phallus ein narzisstisches Symbol für Macht und Omnipotenz. Er wird benutzt für eine Revolte gegen die Person, die als Ursprung der narzisstischen Kränkungen erscheint. Mit Omnipotenz kann die durch die Mutter zugefügte Kränkung wiedergutgemacht werden. Der Penis symbolisiert Kraft, Vollständigkeit und Autonomie. »Der Penisneid ist im Grunde nur symbolischer Ausdruck eines anderen Wunsches. Die Frau will kein Mann sein, sie will sich von der Mutter befreien und vollkommen, autonom, Frau sein« (ebd., S. 166).

Die Ausgangssituation des Mädchens, in der Mutter ein gleichgeschlechtliches Objekt zu haben, wird weiterhin als Ursache größeren Mangels, jetzt des narzisstischen Mangels, gesehen. Grunberger (1974b) zufolge sind die prägenitalen Stadien des Mädchens besonders frustrierend, da das mütterliche Objekt nur ein Ersatz für das adäquate Sexualobjekt ist, welches nur das gegengeschlechtliche sein kann. Die größeren Versagungen veranlassen das Mädchen, sich zurückzuziehen und sich selbst das zu geben, was die Mutter versagt, d. h., das Mädchen wird seinem Wesen nach narzisstisch. Der Narzissmus der Frau werde noch durch die Klitoris unterstützt. Während der Penis des Mannes nicht nur der Lust, sondern auch dem Urinieren diene, sei die Klitoris ausschließlich Lustorgan. Das Mädchen wendet sich früh dem Vater zu, was eine intensive Abhängigkeit von diesem fördert. Ähnlich Mitscherlich-Nielsen (1975, S. 786): »Zutreffend ist, dass der Knabe, der von der Mutter unmittelbarer angenommen und geliebt wird, der mit der Mutter zusammen sein männliches Glied idealisieren kann, in unserer Gesellschaft und bei unserer Art der Erziehung mehr Chancen hat, einen geglückten Narzissmus zu entwickeln als das Mädchen.«

Erst die Arbeit von Chodorow (1985, S. 143 ff.) stellt diesen scheinbaren Mangel des Mädchens in Frage. Weil sie dasselbe Geschlecht wie ihre Töchter haben und selbst einmal Mädchen waren, neigen Mütter von Töchtern, so Chodorow, dazu, diese nicht in gleicher Weise als verschieden von sich zu betrachten wie Mütter von Söhnen. Das Gefühl von Einheit und Kontinuität ist Töchtern gegenüber stärker. Die primäre Identifikation und Symbiose mit den Töchtern ist stärker und hält länger an, die Tochter wird als Erweiterung und Verdoppelung der Mutter gesehen. Mütter identifizieren sich mehr mit ihren Töchtern und empfinden sie als weniger separat. Die Mutter Sohn-Beziehung ist von Anfang an durch die geschlechtliche Verschiedenheit geprägt. Der Sohn wird von der Mutter stärker als Objekt gesehen, die Tochter als Erweiterung des Selbst. Das mütterliche Verhalten treibe den Sohn eher in eine sexualisierte, genital getönte Beziehung. Der Knabe muss sich im Gegensatz zum Mädchen früher von der Identifikation mit der Mutter lösen, er muss einen Identifikationswechsel vollziehen, d. h. er benötigt ein männliches Objekt, um die frühe Identifikation mit der Mutter abwehren zu können und männlich zu werden (vgl. Greenson 1968). Erstmals wird die Situation des Mädchens nicht mehr als Mangel gesehen, sondern auch als Vorteil gegenüber dem männlichen Geschlecht.

Entscheidend für die Verarbeitung der frühkindlichen Entwicklung ist nicht die anatomische Ausstattung, sondern das Erleben von kulturell vermittelten und von den Eltern verinnerlichten Fantasien und realen Spiegelungen, die sich um die Geschlechterdifferenz drehen und die vom Kind wiederum verinnerlicht werden. Es ist auch zu fragen, welche Institutionen und Riten eine Gesellschaft bereitstellt, um Entwicklungskrisen, zum Beispiel den Identifikationswechsel des Knaben, zu bewältigen.

3.5 Der Gebärneid des Mannes

Wie sehr gesellschaftliche Realität die Wahrnehmung der Geschlechterdifferenz prägt, lässt sich bereits am Penisneid und Kastrationskomplex belegen. Waren sie bei Freud zentrale Paradigmen menschlicher Entwicklung, so sind sie in anderen, matrilinearen Kulturen gar nicht zu finden. Gebärneid und andere Sexualängste treten an ihre Stelle (Heinemann 1995; 1998a).

Die Existenz des Gebärneides ist bereits von Freud erwähnt worden. »Es ist nicht immer leicht, die Formulierung dieser frühen Sexualwünsche aufzuzeigen; am deutlichsten drückt sich der Wunsch aus, der Mutter ein Kind zu machen, wie der ihm entsprechende, ihr ein Kind zu gebären, beide der phallischen Zeit angehörig, befremdend genug, aber durch die analytische Beobachtung über jeden Zweifel festgestellt« (Freud 1933a, S. 128). Der alten symbolischen Äquivalenz Penis-Kind liegt dann eher der Wunsch nach einem Kind zugrunde, der im Sinne einer Reaktionsbildung durch die Idealisierung des Penis abgewehrt werden kann. Jacobson zufolge gibt es orale und anale Schwangerschaftsfantasien bei beiden Geschlechtern. »Der Wunsch nach einem Kind ist historisch älter als der Wunsch nach oder der Stolz auf den Penis. Der Wunsch nach einem Kind scheint sogar zuerst nur die Mutter-Kind-Beziehung zu betreffen ohne Fantasien über die Beziehung der Eltern« (unsere Übers., E. H., H. H.; Jacobson 1950, S. 141). Und Jones: »Es ist eher so, dass es (das Mädchen, E. H., H. H.) eine lustbetonte Vorstellung hat, den Penis in sich aufzunehmen und ein Kind daraus zu machen, als dass es nur deshalb ein Kind wünscht, weil es nun mal keinen Penis sein eigen nennen kann« (Jones 1933, S. 346). Boehm (1930) und Klein (1928) stellten einen intensiven Neid des Mannes auf die weiblichen Brüste und die Gebärfähigkeit fest, sie bezeichnen den Neid des Mannes als Weiblichkeitskomplex. Horney wurde noch deutlicher: »Biologisch betrachtet, verschafft aber die Mutterschaft, resp. die Fähigkeit zu ihr, der Frau eine ganz unbestreitbare und nicht geringe physiologische Überlegenheit. Das spiegelt sich auch aufs deutlichste im Unbewussten der männlichen Psyche wieder in dem intensiven Mutterschaftsneid des Knaben« (1926, S. 365). Über den Weg der Verkehrung ins Gegenteil wird aus dem Neid die Verachtung der Frau, so Horney.

Bettelheim (1975) sieht die Phallusverehrung als ein späteres kulturelles Produkt gegenüber dem Gebärneid. Er interpretiert die Initiationsriten sogenannter primitiver Völker als Bewältigungsversuche des Gebärneides. »So mag die Gesellschaft nicht auf der Verbindung der mörderischen Brüder (wie Freud postulierte), sondern auf einer gemeinsamen Anstrengung der Männer, ein allgemeines Problem (den Gebärneid, E. H., H. H.) zu meistern, gegründet worden sein« (ebd., S. 163).

Inzwischen liegen psychoanalytische Forschungen aus matrilinearen Kulturen vor, die eine unserer Kultur völlig verschiedene Sozialisation und Gesellschaftsstruktur haben (Heinemann 1995; 1998a). In Palau sind Kastrationsangst und Penisneid nicht zu finden, dafür ist die Kultur durchsetzt von der Gleichsetzung von Essen und Sexualität. Das Tabu des Verzehrs des Totemtieres sichert die Exogamie. Die Geschlechtsorgane von Mann und Frau werden mit Nahrungsmitteln benannt und nichts zu essen zu haben, heißt, keinen Sexualpartner zu haben. Sexualität wird bezeichnet als »Essen von demselben Teller« und Männer und Frauen dürfen nicht gemeinsam miteinander essen. So wird die Geschlechtsidentität durch äußere Trennung der Geschlechter aufrechterhalten (ebd., 1995, S. 58).

Anstelle der Kastrationsangst tritt beim Mann die Angst, sexuell nicht zu genügen, ähnlich wie dies Horney beschrieben hat. Folgender Mythos erzählt von dieser Angst des Mannes: »Ein Mann, der im Norden von Babeldaob lebte, war unfähig, seine Frau, die viel größer war als er, zu befriedigen. Da er seine Frau liebte und wollte, dass sie Lust empfand, überredete er sie, in ganz Palau nach einem Mann zu suchen mit dem Namen Melechotchachau … Sie fand Melechotchachau und fragte ihn, ob seine legendäre Ausstattung der Wirklichkeit entspreche. Der Mann sagte ihr, sie solle nur seinem Glied folgen, wie es sich einige Meilen zwischen den Felseninseln südlich von Ngerkebesang hinauswinde. Die Frau fand schließlich die Spitze des enormen Gliedes, und sie bestieg es sofort. Sie wurde sogleich in die Luft geschleudert und zur Insel Peleliu in der Nähe des Dorfes Ngerdelolk geworfen. Bis zum heutigen Tag gibt es einen Felsen in der Nähe dieses Dorfes mit dem Namen Ngetkoang, was bedeutet ›geworfen zu werden von einer hockenden Stellung‹. Der Fels hat die Figur der total befriedigten Frau, die Melechotchachau fand« (ebd., S. 50 f.).

Die Angst des Mannes vor der Sexualität der Frau wird mit der Drohung der Versteinerung, vielleicht ähnlich des Konzeptes der Aphanisis (Jones), beantwortet. Im Zentrum aller Riten steht in Palau die Zeremonie der Geburt des ersten Kindes, mit der die Frau einen quasi »göttlichen« Status erhält. Gebärneid auf Seiten der Frauen drückt sich im Ritus aus, wenn die junge Mutter 10 Tage mit kochend heißem Wasser und Rutenhieben von Frauen zur Vorbereitung der Zeremonie behandelt wird. Symbolisch wird ihr Geschlechtsorgan im Essen des Taro, der unter ihrer Vagina gedämpft wurde, kannibalistisch verzehrt. Der Gebärneid des Mannes drückt sich aus, wenn Männer nach der früher stattfindenen Kopfjagd den erbeuteten Kopf in einer der Zeremonie des ersten Kindes analogen Weise präsentierten.

Fantasien um Geschlechtsorgane und Geschlechterdifferenz sind abhängig von der realen Macht und Position der Geschlechter in einer Kultur, bzw. stehen in einem dialektischen Prozess und tragen als unbewusste und bewusste Fantasien zur Erhaltung der Machtstrukturen bei.

Psychische Störungen und Geschlechterdifferenz

Wenn wir die in diesem Buch beschriebenen psychischen Störungen im Kindes- und Jugendalter unter geschlechtsspezifischen

Tab. 3.1: Psychische Störungen und Geschlechterdifferenz (Jungen Mädchen = 100 %)


JungenMädchen

Aspekten betrachten, so fallen deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern auf, die uns unter Umständen Aufschluss geben können über unbewusste und bewusste Macht- und Sozialisationsverhältnisse in unserer Kultur. »Die Pathologie hat uns ja immer den Dienst geleistet, durch Isolierung und Übertreibung Verhältnisse kenntlich zu machen, die in der Normalität verdeckt geblieben wären« (Freud 1933a, S. 129).

Psychische Störungen bei Knaben konzentrieren sich auf das Alter der Kindheit, grob gesagt, die Schulzeit, während die Störungen der Mädchen hauptsächlich die Adoleszenz betreffen.

Die Geschlechterverteilung der in diesem Buch beschriebenen psychischen Störungen zeigt die Tabelle 3.1 ( Tab. 3.1).

Eine repräsentative Untersuchung von Hirschmüller, Hopf, Munz und Szewkies (1997) zeigt bei einer Stichprobe von 449 Kindertherapien und 160 Therapien mit Jugendlichen, dass bei Kindern bis 12 Jahren die Jungen 64 % der Therapieplätze in Anspruch nehmen, bei den Jugendlichen sind die männlichen Patienten nur noch mit 32 % vertreten. Die wichtigsten Symptome bei Behandlungsbeginn entsprechen in der Geschlechterverteilung etwa unseren Ausführungen ( Abb. 3.1).

Jungen wenden Aggression eher nach außen, Mädchen wenden sie gegen sich selbst. Jungen werden durch geschlechtsspezifische Erwartungen und Erziehung eher in körperlichen Aktionen narzisstisch bestätigt, sie beantworten innere Unruhe bald mit narzisstischen Größenfantasien, Aggression und motorischer Unruhe. Depressionen kommen bei Jungen nicht seltener vor als bei Mädchen, die depressiven Affekte werden nur stärker mit Hilfe einer Aggressivierung abgewehrt. Erstaunlich ist, dass Hyperaktivität kaum zur psychotherapeutischen Behandlung führt (Jungen 2 %, Mädchen 0,5 %, bei Jugendlichen beiderlei Geschlechts 0 % der Behandlungen). Die Abwehr der Anerkennung psychischer Ursachen und die Bevorzugung medikamentöser Behandlung

Abb. 3.1: Wichtiges Symptom bei Behandlungsbeginn. Aus: Hirschmüller u. a., 1997, S. 24

scheint noch immer sehr wirksam, trotz des Wissens um die Gefährlichkeit des Medikamentes Ritalin.

Die Störungen der Jungen dokumentieren die von Chodorow und Greenson beschriebene Identitätskrise des Knaben. Um männlich zu werden, muss er sich von der verführerischen Mutter abgrenzen und mit dem Vater oder einem Ersatzobjekt identifizieren. Der Knabe ist von der Verfügbarkeit eines solchen Objektes abhängig. Wenn der Vater schwach, nicht vorhanden oder als Identifikationsobjekt unattraktiv ist, wächst die Bedrohung für den Knaben, mit der Mutter symbiotisch und inzestuös verstrickt zu bleiben und die Geschlechtsidentität zu verlieren. Aggression und Hyperaktivität zeugen vom Versuch, sich von der Mutter abzugrenzen. Im Zwang, Stottern und Stammeln drückt sich die Ambivalenz aus, Aggression gegenüber der Mutter, aber auch Schuldgefühle und Zuneigung ihr gegenüber zu empfinden. Die sexuellen Identitätsstörungen, das Einnässen und Einkoten wehren Aggression der Mutter gegenüber im Sinne einer Perversion oder psychosomatisch ab, d. h. Aggression ist nicht mehr bewusst und die Ängste um die eigene Geschlechtsidentität stehen unbewusst im Vordergrund. In der Psychose ist die Abgrenzung und Triangulierung schließlich gescheitert.

Ganz im Sinne von Chodorow scheinen die Mädchen das Kindesalter unbeschadeter zu überstehen. Vielleicht ermöglicht die Schule den Mädchen, mit der Mutter in sublimierter Weise zu rivalisieren und sich so von ihr abzugrenzen. Die Mädchen durchlaufen keine mit der männlichen Entwicklung vergleichbare frühe Identifikationskrise. Sie scheinen eher unter Schuldgefühlen zu leiden, ihr Über-Ich ist, im Gegensatz zu Freuds Hypothese, rigider und führt zur Wendung der Aggression gegen das Selbst. Mertens (1992, S. 95) sieht in der frühen Identifikation des Mädchens mit der Mutter eine Ursache für ein strengeres, aber auch konsolidierteres Über-Ich als das des Knaben. Bei den Mädchen ist vermutlich die Verselbständigung komplizierter und löst mehr Schuldgefühle der Mutter gegenüber aus.

Die weibliche Entwicklung scheint in unserer Kultur in der Adoleszenz verstärkten Belastungen ausgesetzt zu sein. Vielleicht gelingt es den Knaben in der Adoleszenz über die Identifizierungen im Beruf, die Ablösung von der Mutter und die Sicherung männlicher Identität zu erreichen. Eggert-Schmid Noerr (1991) fand in gruppenanalytischen

Gesprächen bei männlichen, arbeitslosen Jugendlichen die Angst zu verweiblichen. Die Mädchen geraten in der Adoleszenz jedoch in eine Krise, sich nun endgültig von der Mutter ablösen zu müssen, was offenbar mit starken Schuldgefühlen und Verlustängsten behaftet ist (vgl. Bell 1996), und sie müssen Sexualität integrieren. Hysterie, Bulimie und Magersucht zeugen von der Angst, weiblich und sexuell aktiv zu werden. Über die bekannte Gleichsetzung von Essen und Sexualität wird der Kampf um sexuelle Autonomie auf das Essen verschoben oder ins Körperliche konvertiert und so maskiert. Die Rivalität, die durch den Reiz des Penis ausgelöst wird, weckt und reaktiviert archaische Trennungsängste und Schuldgefühle der Mutter gegenüber (Anzieu 1995). Starke Verlustängste und Aggressionen werden in der Depression introjiziert und über Schuldgefühle gegen das Selbst gewendet. Mutismus, Ängste und Phobien im Kindesalter sind bereits in der weiblichen Entwicklung Ausdruck dieser Trennungs- und Ablösekrise von der Mutter, Aggression wird auf die Außenwelt projiziert und die Beziehung zur Mutter regressiv stabilisiert. Auch die weibliche Entwicklung scheitert dann letztendlich an fehlenden nicht-mütterlichen, phallischen Identifikationsmöglichkeiten, phallisch nicht im Sinne eines Männlichkeitskomplexes, den Penis besitzen zu wollen, sondern im Sinne eines aktiven Begehrens.

4 Psychoanalyse und Pädagogik
4.1 Die Anfänge der psychoanalytischen Pädagogik

Die Geschichte der Psychoanalyse ist von Anfang an eng mit Pädagogik verbunden. Behandelte die Psychoanalyse neurotische Störungen auf dem Hintergrund der genetischen Theorie, d. h. der Annahme einer Entstehung psychischer Störungen durch Erlebnisse, die bis in die Kindheit zurückgehen, so ist die Erforschung des Unbewussten gleichzeitig auch Erforschung der Psychologie des Kindes. Da die Psychoanalyse in ihren Anfängen Interessenten ganz verschiedener Berufszweige offenstand, waren es naturgemäß psychoanalytisch ausgebildete Pädagogen, denen die Entwicklung der psychoanalytischen Pädagogik zu verdanken ist. Diese Diskussion aus der »Blütezeit der psychoanalytischen Pädagogik« fand in der Zeitschrift für Psychoanalytische Pädagogik (1926–1937) ihren publizistischen Niederschlag.

Den ersten im engeren Sinne pädagogischen, d. h. auf das Kind gerichteten Erziehungsversuch unternahm Freud selbst. In seiner Schrift »Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben« (1909, Kap. 10) behandelte er das Kind, indem er Gespräche mit dem psychoanalytisch aufgeklärten Vater führte, der die Erkenntnisse aus den Gesprächen mit Freud in pädagogisch-therapeutisches Handeln umsetzte. Freud blieb jedoch sehr zurückhaltend in der Einschätzung der Möglichkeit einer psychoanalytischen Behandlung von Kindern, sah er es doch als behindernd an, dass das Kind in seiner Charakterstruktur noch unfertig, noch in der Entwicklung befindlich und zudem der krankmachenden Umgebung des Elternhauses noch ausgesetzt ist und es nicht aus eigenem Streben kommt. »Die Herstellung des Kindes mag dem Arzt gelingen, aber es geht nach der Genesung um so entschiedener seine eigenen Wege, und die Eltern sind jetzt weit mehr unzufrieden als vorher« (1920a, S. 275). Trotzdem sprach Freud (1910, S. 51) von der psychoanalytischen Behandlung als einer fortgesetzten Erziehung zur Überwindung von Kindheitsresten. In diesem Sinne nannte er die psychoanalytische Kur mehrfach »Nacherziehung«. Im Vorwort zu August Aichhorns »Verwahrloste Jugend« schrieb Freud 1925, dass die Theorie und Praxis der Kindererziehung von allen Anwendungen der Psychoanalyse diejenige ist, die das größte Interesse, die meisten Hoffnungen erweckte und die tüchtigsten Mitarbeiter herangezogen habe. Das Kind wurde Objekt psychoanalytischer Forschung und es entstand die Erwartung, die psychoanalytische Bemühung um das Kind werde der erzieherischen Tätigkeit zugutekommen. Freud ließ offen, ob dies gelang, eine gewisse Skepsis ist zwischen den Zeilen zu lesen. Zur psychoanalytischen Pädagogik August Aichhorns schrieb er: »Sein Verhalten gegen die Pflegebefohlenen entsprang aus der Quelle einer warmen Anteilnahme an dem Schicksal dieser Unglücklichen und wurde durch eine intuitive Einfühlung in deren seelische Bedürfnisse richtig geleitet. Die Psychoanalyse konnte ihm praktisch wenig Neues lehren, aber sie brachte ihm die klare theoretische Einsicht in die Berechtigung seines Handelns und setzte ihn in den Stand, es vor anderen zu begründen« (1925, S. 7). Mit dem Begriff der »intuitiven Einfühlung« scheint Freud die pädagogische und analytische Methode trennen zu wollen, wobei das Pädagogische als »Intuition«, d. h. unwissenschaftlich, durchaus eine Abwertung erfährt. Freud war um die Differenz beider Methoden bemüht. »Ein Kind … ist eben noch kein Neurotiker und Nacherziehung etwas ganz anderes als Erziehung des Unfertigen. Die Möglichkeit der analytischen Beeinflussung ruht auf ganz bestimmten Voraussetzungen, die man als ›analytische Situation‹ zusammenfassen kann, erfordert die Ausbildung gewisser psychischer Strukturen, eine bestimmte Einstellung zum Psychoanalytiker. Wo diese fehlen, wie beim Kind, beim jugendlichen Verwahrlosten … muss man etwas anderes machen als Analyse, was dann in der Absicht wieder mit ihr zusammentrifft« (ebd., S. 8). Beide Methoden bleiben für Freud unvereinbar, er plädiert aber für die Durchführung einer Analyse beim Pädagogen. Er schließt mit dem Schlusssatz, dass Erzieher, sofern sie sich einer Analyse unterzogen haben, für die Ausübung der Analyse freigegeben werden sollen. Psychoanalytische Pädagogik ist dann nicht mehr Pädagogik, sondern aus Pädagogen werden Analytiker. Dies entspricht denn auch den Entwicklungen in der Realität, wie sie nach dem 2. Weltkrieg einsetzten, aus Pädagogen mit einer psychoanalytischen Weiterbildung wurden Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, wobei der Status Psychotherapeut weiterhin eine Grenze zum Psychoanalytiker aufrecht hält.

4.2 Die Blütezeit der psychoanalytischen Pädagogik

Die Zeit von 1920 bis 1938 gilt als die Blütezeit der psychoanalytischen Pädagogik, wobei die Zeit bis 1932 von uneingeschränktem Optimismus zeugt, das Kind mit Hilfe der Psychoanalyse befreien zu können und Neurosenprophylaxe durch eine an der Psychoanalyse orientierte Erziehung betreiben zu können. »Eine diesen Lehren entsprechende rationellere Kindererziehung wird einen großen Teil der drückenden psychischen Lasten wegräumen« (Ferenczi 1908, S. 17). Zu Beginn war das Engagement der psychoanalytischen Pädagogen für die Befreiung des Kindes von der Leugnung und Unterdrückung seiner Sexualität, von der Missachtung seiner affektiven und sozialen Bedürfnisse und seiner Ansprüche auf Selbstverwirklichung gekennzeichnet. 1932 setzte dann eine kritische Sichtung von Missverständnissen und übersteigerten Hoffnungen ein und führte zur Revision der psychoanalytischen Pädagogik, die 1937 in einem Symposium in Budapest zu diesem Thema ihren Höhepunkt fand. Im Zuge der Revision wurde nun gewarnt, vor lauter Verstehen müssen das natürliche Benehmen zu verlieren, und es wurde die wichtige Rolle der Versagungen für die kindliche Entwicklung hervorgehoben (Bornstein-Windholz 1937). Die pädagogische Zielsetzung verschob sich von der Befreiung des Kindes zu einer an Ich-Stärkung gerichteten positiven Erziehungslehre. Dieser Wechsel vollzog sich parallel zur Etablierung der Ich-Psychologie innerhalb der psychoanalytischen Theorie (Füchtner 1979). Die psychoanalytische Pädagogik entwickelte in ihrer Blütezeit drei Schwerpunkte, nämlich den Bereich der Kindertherapie ( Kap. I.5), den der Heimerziehung mit verwahrlosten und elternlosen Kindern mit den bedeutenden Erziehungsversuchen von Wera Schmidt, August Aichhorn und Sigfried Bernfeld sowie den Bereich der Anwendung in der Schule, hier ist vor allem Hans Zulliger zu nennen.

Die Psychoanalytiker, die zugleich Pädagogen waren, hatten einen neuen Anwendungs- und Forschungsbereich geschaffen, die Kindertherapie. Mit Ausnahme von Melanie Klein haben die Pioniere der Kinderanalyse – Anna Freud, Nelly Wolffheim, Hermine Hug-Hellmuth, Hans Zulliger – dem pädagogischen Engagement des Psychoanalytikers in der Kindertherapie einen festen Platz zuerkannt. Vor allem in der Ausarbeitung der Kinderanalyse durch Anna Freud sind die Einflüsse der Sozialarbeit und Pädagogik der Entstehungszeit anzumerken. Sie begründet die pädagogische Dimension der Kinderanalyse mit der Unfertigkeit des Kindes und der Unselbständigkeit des Über-Ich. Das Über-Ich des Kindes müsse sowohl durch die Therapie korrigiert als auch durch Schaffung neuer Eindrücke in der Erziehung beeinflusst werden. »Die Arbeit am kindlichen Über-Ich aber ist eine doppelte: analytisch in der historischen Zerlegung von innen her, soweit das Über-Ich schon Selbständigkeit erlangt, aber außerdem erzieherisch beeinflusst von außen her durch Veränderungen im Verhältnis zu den Erzieherpersonen, durch die Schaffung neuer Eindrücke und durch die Revision der Anforderungen, die von der Außenwelt an das Kind gestellt werden« (A. Freud 1926, S. 96). Bittner (1967, S. 183 ff.) zeigt auf, dass Anna Freud die pädagogischen Elemente der Therapie in späteren Arbeiten nicht mehr als pädagogische reflektieren wollte. Auch sie unterlag dem Sog der Abgrenzung und, damit auch meist verbunden, der Abwertung der Pädagogik.

Die Versuche einer psychoanalytischen Heimerziehung waren revolutionär, scheiterten aber nach meist nur wenigen Jahren an den institutionellen und gesellschaftlichen Widerständen. Wera Schmidt (1923) gründete 1921 in Moskau ein Heim für dreißig Kinder im Alter von 1–5 Jahren, die unter psychoanalytischen Bedingungen erzogen werden sollten. Darunter verstand sie vor allem keine Strafen und Triebfreiheit in oraler, analer und prägenitaler Hinsicht. Durch Bereitstellung von geeigneten Materialien wie Sand, Ton, Wasser und Farben sollten die Erzieherinnen die Sublimierung fördern und keine Unterwerfung der Kinder unter von außen auferlegte Beschränkungen zulassen.

Siegfried Bernfeld (1921) war von August 1919 bis April 1920 Direktor des jüdischen Kinderheims Baumgarten in Wien. In Kindergarten, Schule und Heimleben waren 300 Kinder beiderlei Geschlechts im Alter von 3–16 Jahren untergebracht. Im Grunde ist der Bericht Bernfelds die Beschreibung eines reformpädagogischen Konzeptes, eine psychoanalytische Reflexion oder ein Verstehen der Kinder aus psychoanalytischer Sicht im engeren Sinne ist bei Bernfeld nicht zu finden. Für ihn war es ein großes Anliegen, die Machtstrukturen im Heim zu verändern, den Kindern Ausgang zu ermöglichen, ohne dass sie wie bisher lügen mussten. Sie sollten aufrichtig sagen können, dass sie ins Kino gehen wollen. Auch die Erfindung eines eigenen Gerichtes anstelle der Pädagogenautorität folgt letztendlich reformpädagogischen Ansätzen. Psychoanalytische Pädagogik wird hier noch ganz rudimentär als Respekt vor und Anerkennung der Würde des Kindes verstanden. Begriffe wie Übertragung, Es, Ich und Über-Ich sind hier nicht zu finden.

August Aichhorn (1971) entwickelte seine Erziehungslehre in den österreichischen Fürsorgeerziehungsanstalten von Oberhollabrunn und St. Andrä, die er von 1918 bis 1922 leitete. Bereits 1925 erschienen seine grundlegenden Gedanken in dem Buch »Verwahrloste Jugend«, zu dem Freud das oben zitierte Vorwort schrieb. Zu einer Zeit, als Besserungsanstalten militärähnlich wie Arbeitslager organisiert waren, sprach er von der Nutzlosigkeit des reinen Zwangs zur Anpassung mittels Lob und Strafe. Er wollte Verwahrlosungserscheinungen auf ihre Ursachen zurückführen und so zu beheben suchen. Unbewusste Motive der Verwahrlosung sollten mit Hilfe der Psychoanalyse verstanden werden. Zunächst müsse das große Defizit an Liebe ausgeglichen werden und erst dann, nach und nach, sehr vorsichtig mit stärkerer Belastung vorgegangen werden. Anfangs konnten die Kinder ihre Aggressionen hemmungslos entladen, die Erzieher sollten durch Nichtbeachtung und gewaltlose Reaktionen nicht der Provokation der Kinder erliegen. Die Phase des Wutweinens, die diesen Reaktionen der Erzieher folgte, sah Aichhorn als Wendepunkt in der Entwicklung der Kinder. »Wenden nun die Erzieher verschärfte Zucht an, so machen sie es wie die anderen, mit denen die Kinder in Konflikt stehen, und der ohnehin vorhandene Gegenimpuls muss sich verstärken, die Verwahrlosung vertiefen, statt behoben zu werden« (ebd., S. 147). Obwohl Aichhorn an der Triebtheorie orientiert war, sah er im Gegensatz zu Wera Schmidt, die aber auch ein anderes Klientel betreute, die wichtige Rolle der Versagungen. Aufgabe der Erziehung war nach Aichhorn, das richtige Maß an Versagungen zu vermitteln (ebd., S. 178). Diese Versagungen konnten aber erst einsetzen, wenn die Kinder und Jugendlichen eine positive Beziehung zu den Erziehern aufgebaut hatten. Das wichtigste Hilfsmittel war, ähnlich wie bei Anna Freud, die positive Übertragung, die durch ein lustbetontes Milieu und die liebevolle Haltung der Erzieher hergestellt werden sollte. Die Erzieher sollten sich als Objekt der Identifizierung anbieten und so eine Veränderung des Ich-Ideals bewirken. Voraussetzung der Identifizierung war die libidinöse Besetzung der äußeren Objekte, d. h. der Erzieher.

Für den Bereich der Schule gab es eine angeregte Diskussion in der Zeitschrift für Psychoanalytische Pädagogik. Zulliger (1930a,b; 1936) sah psychoanalytische Pädagogik als eine Erziehungsweise, die auf dem psychoanalytischen Verständnis der Kinder in ihrer Eigenschaft als Einzelindividuen und als Masse sowie auf dem Verständnis der Erzieherreaktionen beruht. »Die praktische Auswertung der massenpsychologischen Erkenntnisse, die tieferen und dynamisch erfassten und in die Tat umgesetzten Zusammenhänge der Psyche des Massen- und des Führerindividuums, wie Freud sie uns gab, ist die psychoanalytische Pädagogik wie wir sie in der Schule betreiben können« (ebd., 1930a, S. 50).

Zulliger charakterisiert die Aufgaben des Lehrers neben der Wissensvermittlung als ein bewusstes Umgehen mit der durch die Übertragung entstandenen Bindung der Schüler. Da er das Lehrer-Schüler-Verhältnis als das eines Führers zur Masse beschreibt, gilt seiner Meinung nach auch die Massenübertragung. Einig war man sich, dass Übertragungen in der Schule stattfinden und dass es Aufgabe des Lehrers ist, diese richtig zu handhaben. Kuendig hebt hervor, dass Sublimierungsleistungen in hohem Maße von der positiven Einstellung zum Lehrer abhängig sind. »Sie (die Leistungen, E. H., H. H.) sind, von der rein intellektuellen Stufe abgesehen, in hohem Maße von ihrer seelischen Einstellung dem Lehrer gegenüber oder wie der Analytiker sagt: von der gesamten Übertragung auf den Lehrer abhängig« (1927/28, S. 73). Damit die Übertragung nicht an Intensität verliert, ist es nötig, dass der Lehrer möglichst viel und in verschiedenen Fächern als Klassenlehrer in der Klasse unterrichtet. Zulliger forderte bereits eine eigene Analyse des Pädagogen, damit nicht die Konflikte des Lehrers im Unterricht agiert werden. Yates (1931) untersuchte an drei Fällen, wie unerledigte Konflikte des Lehrers sein Verhalten in der Schule bestimmten.

Zulliger (1921; 1928) beschreibt, wie beeindruckend es sei, wenn Kinder ihre Hemmungen fallen lassen, wenn sie spüren, dass der Lehrer nicht richten will, sondern verstehen. Wichtiges Mittel sind dabei kleine Besprechungen im Unterricht. So betrat einst ein Schüler Zulligers wiederholt »aus Versehen« den Klassenraum Zulligers, obwohl er in eine andere Klasse versetzt worden war. Auf die Frage Zulligers, warum er sich so schlecht merken könne, dass er jetzt in einer anderen Klasse sei, antworteten die Schüler nach einigen Überlegungen, dass er wohl gerne in der Klasse bleiben wolle. »Solche kleinen Besprechungen sind dazu angetan, die Schüler auf sich selber aufmerksam zu machen. Haben sie erst einmal die oberflächlichsten Hemmungen überwunden, so antworten sie meist … mit verblüffender Offenheit, wie es der Schulmeister nicht gewohnt ist von Leutchen, die ihn gewöhnlich als den natürlichen Feind betrachten« (1921, S. 7). Als weitere Möglichkeiten gibt Zulliger freie Aufsätze der Schüler an, die nicht benotet, in Gegenwart des Kindes gelesen und kommentiert werden. Je nach Problemlage finden Einzelgespräche nach dem Unterricht statt. Traumdeutungen nach der Reizwortmethode, Interpretationen des Unbewussten und Provokation von Massengeständnissen sind bei Zulliger weitere Hilfsmittel.

Ein Beispiel aus Zulligers Arbeit: Zulliger (1926/27) erhielt eine neue Schülerin namens Bertha. An ihrem 2. Schultag behielt er sie in der Klasse zurück, um sie zu testen. In den folgenden Tagen hetzte nun eine Schülerin die anderen Mädchen gegen die neue Mitschülerin auf. Es entstand ein heftiger Mädchenstreit. Zulliger ließ die Klasse einen freien Aufsatz schreiben. Während die anderen Schülerinnen von den Streitereien schrieben, schilderte die Schülerin, welche zum Streit anstiftete, einen Traum, den sie vorangegangene Nacht träumte. Sie träumte, sie hätte eine Puppe aufgeschnitten. Da nur Holzwolle heraus kam, schmiss sie die Puppe weg. Die Mutter wollte ihr eine neue Puppe kaufen. Sie aber antwortete: »Ich habe keine Freude an mehr Puppen«. Zulliger führte nach dem Unterricht ein Gespräch mit dem Mädchen über diesen Traum. Es stellte sich heraus, dass die Mutter schwanger war und das Mädchen einen heftigen Neid auf das zu erwartende Geschwisterchen hegte. Im Traum untersuchte sie symbolisch das Innere der Mutter. »Keine Freude an mehr Puppen« ist ein Versprecher – es müsste eigentlich »keine Freude mehr an Puppen« heißen – und bedeutet, dass sie keine Freude an mehr Geschwistern hat. Den Hass auf das neue Geschwisterchen verschob sie auf die Mitschülerin. Die Angst, die Liebe der Mutter zu verlieren, führte aufgrund der Übertragungssituation zur Angst, die Aufmerksamkeit des Lehrers zu verlieren, aktualisiert durch die erhöhte Aufmerksamkeit, die der Mitschülerin durch die Testsituation zuteil wurde. Die Deutung Zulligers bewirkte ein sofortiges Ende des Streites und die Integration der neuen Schülerin.

Auch Kuendig (1927/28) berichtet in zahlreichen Beispielen anhand kleiner Vorkommnisse, Beobachtungen, freier Aufsätze, von den Schülern freiwillig abgegebenen Einfällen und Deutungen von Träumen über die psychische Einstellung der Klasse und derjenigen einzelner Schüler. Einzelgespräche mit dem Schüler sind bei ihm ebenfalls wichtige Hilfsmittel, wichtiger jedoch seien die Gespräche in der Klasse, die der Verarbeitung von Konflikten dienen.

Homburger (1930), der später in den USA als Erik H. Erikson bekannt wurde, sowie Buxbaum (1931) zeigen die Bedeutung sogenannter Fragestunden auf. Während Homburger Fragestunden außerhalb des Unterrichts mit einzelnen Schülern durchführte, bezog Buxbaum die Fragestunden in den Unterricht ein. Die Schüler durften in solchen Stunden fragen, was sie wollten, meist drehten sich die Fragen um sexuelle Probleme. Homburger zeigte auch die Möglichkeit auf, durch das In-Beziehung-Bringen von Unterrichtsstoffen zu den Gefühlen der Kinder die Gefühle der Kinder durchzusprechen und zu verarbeiten. So wurden Erfahrungen von Wut der Kinder besprochen, als sie im Geschichtsunterricht den Flug Amundsens durchnahmen, der trotz großer Wut auf Nobile sich während des Fluges beherrschte. Homburger (1931) verwandte auch die Methode der freien Aufsätze für das Erfassen der seelischen Situation des Kindes.

4.3 Psychoanalytische Pädagogik in den USA

Der Krieg führte zur Vertreibung vieler Psychoanalytiker, vor allem nach England und in die USA. Der soziale Kontext, in dem sich Psychoanalyse im Exil entwickelte, war ein anderer. In den USA wurde konsequent eine Medizinalisierung der Psychoanalyse betrieben, und es wurden bereits 1938 keine Pädagogen mehr zur psychoanalytischen Ausbildung zugelassen. Die Arbeiten von Bettelheim und Redl blieben so die vereinzelten, aber bedeutsamen Ansätze einer psychoanalytischen Pädagogik in den USA. In England wurde die klassische Kindertherapie weiterentwickelt, vor allem in der Hampstaed Child-Clinic und der Tavistock Clinic ( Kap. 5).

Bettelheim (1971; 1978) übernahm 1944 die Leitung der Orthogenic School der Universität von Chicago und blieb ihr Leiter bis 1973, einer der wenigen psychoanalytischen Erziehungsversuche, die nicht schon nach kurzer Zeit eingestellt werden mussten. Bettelheims Konzept der Milieutherapie versuchte ein therapeutisches Klima in einer Einrichtung zu gestalten, in der 34 psychisch schwerst gestörte, psychotische, autistische und verwahrloste Kinder bis 18 Jahre untergebracht waren. Auf einzigartige Weise hat Bettelheim das räumliche und menschliche Umfeld für die Kinder durchdacht und gestaltet. Die Räumlichkeiten sollten in Form von stummen Botschaften den Kindern die Einstellungen ihrer Beziehungspersonen vermitteln. Die Badezimmer waren so gestaltet, dass sie farblich ansprechend und in ihnen Platz für Gespräche waren. Die Treppenhäuser, Symbole für Regression und Progression (Auf- und Absteigen), waren ansprechend und bilderreich bemalt, die Kinder konnten ihre Zimmer selbst gestalten, es gab auf jeder Wohngruppe Kochmöglichkeiten, Süßigkeiten waren immer vorhanden, den Kindern wurden Porzellanteller sowie Messer und Gabel gegeben. So sollte ihnen symbolisch vermittelt werden, dass sie anerkannt und wertgeschätzt werden. Das Heim bot die Möglichkeit der Regression, psychotische Kinder durften etwa in den Papierkorb urinieren, wenn die Ängste vor der Toilette zu groß waren. Die Alltagssituationen wurden immer in ein psychoanalytisches Verstehen und eine pädagogische Antwort eingebunden.

Ein Beispiel aus dem Fall Joey, einem autistischen Jungen ( Kap. 27): »In den ersten Wochen, die Joey bei uns verbrachte, beobachteten wir ihn genau – zum Beispiel wie er den Speisesaal betrat. Zuerst entledigte er sich einer unsichtbaren Drahtspule, die ihn mit seiner elektrischen Energiequelle verbinden würde. Dann spulte er diesen unsichtbaren Draht ab und legte ihn bis zum Esstisch, um sich dort zu isolieren. Nun steckte er den unsichtbaren Draht in die Steckdose. (Er hatte versucht, echten Draht zu benutzen, doch das durften wir nicht zulassen, denn er hätte sich dadurch einen Schaden zufügen und wir hätten über die auf dem Fußboden ausgelegten Drähte stolpern können) … Seine Pantomime war so gekonnt und seine Konzentration derart ansteckend, dass die, die ihm dabei zuschauten, ihre eigene Existenz zu vergessen schienen und zu Augenzeugen einer anderen Realität wurden … So wie der Säugling den Kontakt zur Mutter herstellen muss, um gestillt zu werden, musste Joey den Kontakt zur Elektrizität herstellen, bevor er funktionieren konnte … So wie keiner von uns die stillende Mutter und ihr Kind stören möchte, weil hier ein lebensspendender Kreislauf am Werk ist, bemühten sich unsere Kinder und unsere Mitarbeiter unwillkürlich, nicht auf Joeys unsichtbare Drähte zu treten, damit der Strom nicht unterbrochen und seinem Leben kein Ende gesetzt wurde« (1983, S. 309 f.).

Das Heim bot Raum für Regression und Darstellung der Symptome, die von den Mitarbeitern verstanden wurden; dabei wurden auch die Gefühle der Mitarbeiter, deren Gegenübertragungen, auch wenn Bettelheim dieses Wort selten verwendet, reflektiert. Waren die Symptome verstanden, wurden sie dem Kind gedeutet; dabei konnte die Deutung auch in Form der pädagogischen Reaktion gegeben werden.

Als Joey einmal seiner Beraterin sagte, dass der Strom ausgefallen und die Leitungen tot seien, bot sie ihm ihre Hilfe an und fügte spontan hinzu: »Möchtest du einen Bonbon oder Kaugummi, bis die Sache wieder klappt?« Während Joey sich das Bonbon holte, warf er einen Blick auf den Apparat und sagte: »Jetzt sind die Drähte wieder okay« (ebd., S. 328). Der Kontakt war wiederhergestellt, aber er war menschlicher geworden. Psychoanalytische Pädagogik bietet bei Bettelheim Raum für Regression und für das Verstehen der Bedeutung der Symptome. Sie werden den Kindern verbal oder nonverbal durch Reaktionen gedeutet, und allmählich setzt auch bei Bettelheim eine Ich-Stärkung durch Förderung der Progression ein. So wurde Joey irgendwann vorgeschlagen, die Röhren beim Essen zu reduzieren oder beim Toilettengang nur noch eine Taschenlampe mitzunehmen, statt des ganzen Apparates. Durch zahlreiche Gespräche, zum Beispiel, wenn Joey in der Badewanne lag, ergaben sich Möglichkeiten, die Ängste und Fantasien zu verbalisieren. Entscheidend für das Angebot der Ich-Stärkung war, dass die Ängste zuvor bearbeitet waren, d. h. Joey Vertrauen und menschlichen Kontakt herstellen konnte, bevor er angeregt wurde, auf seine Symptome zu verzichten. Die Mitarbeiter passten sich dem Tempo des Kindes an. Gleichzeitig blieb der Rahmen pädagogisch, mit den Kindern wurde Alltag gestaltet und gelebt.

Redl war vor seiner Emigration in die USA in Wien als Lehrer tätig und erhielt ab 1928 eine psychoanalytische Ausbildung. Seit 1930 war er Leiter der Wiener Erziehungsberatungsstellen und als Schulpsychologe in einem Landerziehungsheim tätig. Wahrscheinlich aufgrund seiner reichhaltigen pädagogischen Erfahrungen sind Redls Bücher, wie kein anderes Werk der psychoanalytischen Pädagogik, an pädagogischen Fragestellungen orientiert, die psychoanalytisch verstanden und so differenziert und alltagsnah beschrieben werden, dass sie viele Anregungen für die Praxis geben, ohne dem Fehler zu verfallen, Rezepte bieten zu wollen. 1941 wurde Redl Professor für Sozialarbeit in Detroit. Redl und sein Mitarbeiter Wineman gründeten 1946 das »Pioneer House«, in dem fünf schwer gestörte hyperaggressive Jungen im Alter von acht bis elf Jahren von 10 Pädagogen betreut wurden (Fatke 1974). Die Jungen kamen alle aus Familien der unteren Einkommensgruppen und hatten durchschnittliche Intelligenz. Bereits nach 19 Monaten musste das Projekt aufgrund finanzieller Schwierigkeiten wieder aufgegeben werden.

Redl zweifelte nie am Nutzen der Psychoanalyse für die Pädagogik. »Warum sollte nicht ein Stück analytischen Prozesses in den Dienst der Erziehung gestellt werden können?« (Redl 1932, S. 529). Zweck des Erziehens bleibt auch bei Redl die Herstellung einer gewissen Triebunterdrücktheit und Sublimiertheit. Als Erziehungsmittel muss jedoch nicht immer die Triebunterdrückung dienen. Was wir aufgrund der durch die Psychoanalyse gewonnenen Einsichten pädagogisch tun, bleibt immer noch Erziehung. Unter psychoanalytischer Pädagogik versteht Redl die Verwertung analytischer Forschungsergebnisse, die Erfüllung pädagogischer Aufgaben und die Bearbeitung pädagogischer Probleme.

Redl und Wineman entwickelten ihr Konzept der Milieutherapie auf den Theorien der Ich-Psychologie. Nach dem Konzept von Redl und Wineman (1984, S. 29) leiden aggressive Kinder unter spezifischen Störungen des Ich und Über-Ich. »Um herauszubekommen, wie man sie heilen kann, müssen wir uns daher zunächst ein wirklich gründliches Bild davon machen, was diese Ich-Störungen und Fehlentwicklungen des Über-Ich sind, welche Ich-Funktionen noch intakt und welche gestört sind, und wir müssen auch genau wissen, welche Abwehrmechanismen sie entwickelt haben, um sich gegen die Einwirkungen ihrer Umwelt zu wehren« (ebd., S. 30). Psychoanalytische Pädagogik ist bei ihnen Unterstützung und Stärkung der geschädigten Ich-Funktionen. Erst wenn die Abwehr aufgelöst sei, können Therapiemethoden ausprobiert werden. Alle pädagogischen und therapeutischen Maßnahmen sollen Kontrollen von innen erzeugen, das Ich unterstützen bzw. gestörte Ich-Funktionen wiederherstellen helfen. Es bedarf eines speziellen Heim-Klimas (z. B. Gewähren von Befriedigung durch Freizeit und liebevolle Zuwendung), einer Programmgestaltung zur Ich-Unterstützung (strukturierte Freizeitprogramme) und der therapeutischen Nutzbarmachung von Ereignissen des täglichen Lebens (ebd., S. 36 ff.). Redl und Wineman (1986) beschreiben beispielsweise 17 »antiseptische Techniken zur Ich-Unterstützung«, z. B. Wiedergutmachungsmaßnahmen zur Verminderung von Schuldgefühlen und Aggressionen oder die Interpretation durch Umstrukturierung der Realität, die im Alltag eingesetzt werden und das Ich des Kindes über die pädagogische Reaktion stärken sollen. Die pädagogische Reaktion wird analytisch reflektiert und ist quasi eine indirekte Deutung. Ähnlich wie bei Zulliger, der die Bedeutung kleiner Besprechungen in Schulalltag hervorhob, werden bei Redl die Konflikte im pädagogischen Alltag psychoanalytisch reflektiert, der Rahmen bleibt aber ein pädagogischer.

4.4 Psychoanalytische Pädagogik nach 1945

Nach dem 2. Weltkrieg etablierte sich die Psychoanalyse in der BRD neu. Auch hier setzte sich die Professionalisierung in der psychoanalytischen Ausbildung im Sinne eines medizinisch begründeten Heilverfahrens durch und besiegelte den Ausschluss der Pädagogen. Vielleicht wäre die psychoanalytische Pädagogik gänzlich in Vergessenheit geraten, hätte es nicht die Studentenbewegung in den 1960er Jahren gegeben. Im Zuge der antiautoritären Bewegung, den Kinderläden, wurde die psychoanalytische Pädagogik wiederentdeckt. Psychoanalyse war neben Marxismus ein Instrument der Befreiung. Damit knüpfte man an den frühen Optimismus der psychoanalytischen Pädagogik an, die Revision und Weiterentwicklungen der Ich-Psychologie wurden nicht beachtet. Autoren wie Bernfeld und Bettelheim wurden Leitbilder der antiautoritären Bewegung.

Leider hat sich die psychoanalytische Pädagogik nicht in der Pädagogik oder Psychoanalyse etablieren können. Die Psychoanalyse beschränkt sich immer mehr auf die therapeutische Praxis, die Pädagogik bleibt meist in Vorurteilen stecken, Psychoanalyse sei bei Freuds Triebtheorie stehen geblieben und habe der Pädagogik nichts zu bieten. Immerhin gibt es in der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaften eine Kommission »Psychoanalytische Pädagogik«. Wir möchten an dieser Stelle nur auf einige neuere Autoren hinweisen, die in verschiedenen pädagogischen Arbeitsfeldern an einer Weiterentwicklung der Psychoanalytischen Pädagogik arbeiten: Leber (1986; 1988) gab wesentliche Impulse für eine psychoanalytische Heilpädagogik mit dem Konzept des szenischen Verstehens und fördernden Dialogs. Schäfer (1985; 1989) arbeitet in der Tradition Flitners (1978) an einer Theorie und Praxis des Kinderspiels für Pädagogik und Therapie, Datler (1995) beschäftigt sich umfassend mit theoretischen Konzeptionen der psychoanalytischen Pädagogik, Maass (1999) liefert einen überzeugenden Ansatz der psychoanalytischen Pädagogik in der heilpädagogischen Frühförderung.

Der 1978 gegründete Verein für Psychoanalytische Sozialarbeit widmet sich der psychoanalytischen Arbeit mit ich-strukturell gestörten jungen Menschen und ihren Bezugspersonen. In zahlreichen Publikationen werden beeindruckende Beispiele psychoanalytischer Pädagogik reflektiert (vgl. Feuling 2006; Bruns 2006; Günter 2006).

Im Bereich der Schule war es Reiser (1972), der über symbolische Konfliktverarbeitung versuchte, mit dem Anbieten problembezogener Unterrichtsstoffe die Konflikte der Schüler durchzuarbeiten. Hopf (1976; 1979) wies auf die Übertragungen im Unterricht hin, Neidhardt (1977) entwickelte eine psychoanalytische Didaktik in der Sonderschule. Aktuellere Arbeiten zur psychoanalytischen Pädagogik in der Schule beziehen sich in der Regel auf den Kontext der Sonderschule oder spezifische Forschungsprojekte, so Ulrike Becker (2001), Mertens (2002), Dammasch und Katzenbach (2004), Freyberg und Wolff (2006). Heinemann, Rauchfleisch und Grüttner (2003) zeigen an Fallbeispielen wie psychoanalytisch und pädagogisch in der Sonderschule, im Heim und in der Therapie mit aggressiven Kindern und Jugendlichen gearbeitet werden kann. In einer neuen Arbeit beschreibt Heinemann (Heinemann und Hopf 2006, S. 158 ff.) die psychoanalytisch-pädagogische Arbeit mit Kindern mit AD(H)S.

4.5 Praxisbeispiele: Psychoanalytische Pädagogik in der Schule

Da wir mit dem vorliegenden Buch versuchen, Hilfen und Anregungen für die pädagogische und therapeutische Praxis zu geben, möchten wir an dieser Stelle, anhand der Erfahrungen der Koautorin aus ihrem Unterricht in der Sonderschule, Beispiele für psychoanalytische Pädagogik und die Anwendung der in diesem Buch vermittelten Kenntnisse in der Pädagogik geben.

Übertragung und Widerstand:

Übertragungen finden in der pädagogischen wie therapeutischen Situation gleichermaßen statt. Es ist wichtig sie wahrzunehmen, ohne sie immer direkt vor der Klasse deuten zu müssen. Als ich die Klasse einer Sonderschule für Lernbehinderte übernahm, sangen in der ersten Stunde Rainer und Paul, während sie kichernd zu mir hinsahen: »Ich bin ja so verliebt, ich bin ja so verliebt.« Paul gab mir denn auch kurz nach Beginn des Unterrichts zwei Zettel mit der Aufschrift: »Heinemann, ich liebe Sie. Sie kriegen einen heißen Kuss« und: »Ich liebe Sie, Heinemann, Paul.« Anna zeichnete mich sogleich und schenkte mir das Bild mit der Bemerkung: »Sie sind gar keine Frau, sondern ein Mann.« Erstaunt fragte ich: »Du meinst, ich sei ein Mann?« Lächelnd antwortete sie: »Ja, Sie heißen doch Heine-mann.« Myriam flüsterte mir zu, dass sie sich am Samstag genau den gleichen Mantel, wie ich ihn habe, kaufen wolle. Meist äußern sich die Übertragungen versteckter und zurückhaltender und werden erst im Laufe der Zeit deutlicher.

Wir haben es aber auch mit Widerstand zu tun. Die gleiche Klasse war die erste Woche extrem schwierig, ständig gab es Raufereien, viele Schüler weigerten sich, mitzuarbeiten. Vor allem eine Inszenierung machte mich sehr wütend. Paul und Rainer, aber gelegentlich auch andere Schüler, provozierten mich, indem sie immer wieder zum Fenster rein und raus sprangen, der Klassenraum lag im Parterre. Hin und wieder warfen sie Gegenstände aus dem Fenster – meist solche von anderen Schülern, um unter dem Vorwand, diese wieder holen zu müssen, erneut aus dem Fenster zu klettern. Nach einigen Tagen versuchte ich den Schülern den zugrunde liegenden Ambivalenzkonflikt bewusst zu machen. Rainer und Paul, die ja am ersten Tag schon eine starke positive Übertragung zeigten, waren bezeichnenderweise auch diejenigen, die den heftigsten Widerstand zeigten. Nachdem Paul nach einer solchen Kletterpartie wieder auf seinem Platz saß, sagte ich betont ruhig zu ihm gewandt, dass er wohl so oft aus dem Fenster rein und raus klettern müsse, weil er sich nicht entscheiden könne, ob er in der Klasse bleiben wolle oder nicht, vielleicht auch, weil er sich nicht entscheiden könne, ob er die neue Lehrerin wolle oder nicht. Die Bemerkung traf ihn sichtlich und der Erfolg war, dass schlagartig kein Schüler mehr zum Fenster rein und raus kletterte. Das innere Thema war aber noch nicht bearbeitet, sondern nur angesprochen, es musste aber nicht mehr agiert werden.

Zwei Monate später bekam ich einen neuen Schüler, Markus. Die Schüler waren außer sich, schrien, tobten und trommelten auf den Tischen. Der Neue solle abhauen, der würde nur angeben und sei still. Vor allem Anna war ganz aufgelöst. Sie heulte fast und schrie, dass sie nicht mehr in die Schule komme, wenn der Neue bleibe. Ich versuchte, ruhig zu bleiben und die Gefühle der Schüler zu verbalisieren. An Unterricht war den ganzen Vormittag nicht mehr zu denken. Ich fragte Markus nach seinen Leistungen. Als Florian, der Schwächste in Lesen und Schreiben, hörte, dass Markus kaum schreiben könne, setzte er sich neben ihn und sagte erfreut: »Du bist mein Freund. Frau Heinemann, der Markus ist mein Freund.« Der Vormittag endete fast damit, dass die Schüler den Klassenraum demolierten. Ich behielt Markus nach dem Unterricht zurück, die Situation schien ihn aber nicht so sehr zu belasten, im Gegensatz zu mir, denn ich machte mir den ganzen Nachmittag und Abend Sorgen. Umso erstaunter war ich, dass ich die ganze Nacht gut geschlafen hatte, was in der vorherigen Zeit nicht der Fall war. Die Anfangsschwierigkeiten mit der Klasse belasteten mich sehr. Irgendetwas musste sich verändert haben, auf das mein Unbewusstes reagierte. Als ich am nächsten Morgen in der Schule vorfuhr, stand die halbe Klasse auf dem Parkplatz und Myriam hatte einen Blumenstrauß für mich in der Hand. Sie entschuldigte sich für ihr Benehmen. Erst jetzt wurde mir klar, was sich ereignet hatte. Die Klasse hatte das Problem, eine neue Lehrerin zu bekommen, mit dem Schüler reinszeniert. Der Konflikt wurde dargestellt, auf den neuen Schüler verschoben. Durch das Besprechen konnten Gefühle von Ambivalenz, Aggression über Verlust und Angst vor der Schwäche des neuen Lehrers, die Aggression der Klasse nicht auszuhalten, durchgearbeitet werden, ohne dass genetische Deutungen bezüglich der Elternhäuser der Schüler nötig waren.

Didaktik:

Für eine psychoanalytische Pädagogik ist die gute didaktische Vorbereitung des Unterrichtsstoffes unerlässlich. Der Unterrichtsstoff muss angemessen und ansprechend in Arbeitsblättern gestaltet sein, so dass er Freude am Lernen und Erfolgserlebnisse vermittelt. Psychoanalytische Pädagogik kann Didaktik nicht ersetzen, im Gegenteil, ein Unterricht, der die Beziehungsebene mit den Schülern stärker einbezieht und nicht in Ritualen abwehrt, kann besonders heftige Reaktionen durch unübersichtliche oder inadäquate Didaktik hervorrufen. Eine positive Übertragung, die auch im Unterricht, nicht nur in der Therapie, die wesentliche Arbeitsgrundlage ist, setzt ansprechenden und sorgfältig geplanten Unterricht voraus. »Man könnte sagen, dass in Lehrer-Schüler-Beziehungen Liebe gleich Wissen ist, d. h. die Liebe des Lehrers muss die Gestalt des Schenkens von Wissen annehmen« (Herbert 1961, S. 319).

Freie Aufsätze:

Das gelegentliche Anfertigen von freien Aufsätzen ist eine gute Möglichkeit, die inneren Konflikte der Schüler zu verstehen. Ich möchte dies an zwei Beispielen veranschaulichen. Der erste Aufsatz ist von einem stotternden, lernbehinderten 10-jährigen Jungen: »Der Cowboy. Es war einmal ein Cowboy. Er hatte einen Colt. Er konnte sehr schnell schießen. Alle Leute hatten Angst vor ihm. Sie sind ihm aus dem Weg gegangen. Er hatte einen Stern. Er musste immer die Räuber einfangen und sie ins Gefängnis sperren. Dann kamen sie auf das Gericht und wurden verurteilt. Sie bekamen eine Strafe. Sie wurden erschossen. Da kamen die anderen Gangster und erschossen den Sheriff. Da kam die Kavallerie und fing die 100 Gangster ein. Die Gangster wehrten sich, aber sie schafften es nicht.«

Zeigt sich hier nicht die ganze innere Dynamik eines stotternden Kindes ( Kap. 29), der nichtendende Konflikt zwischen aggressiven Impulsen und hemmendem Über-Ich und der Suche nach männlicher Identität?

Der Aufsatz eines lernbehinderten 12-jährigen Mädchens: »Die grünen Männchen. Die grünen Männchen sind die gefährlichsten Männchen auf der Welt. Ich habe sie gemalt und über Nacht sind sie verschwunden. Sie sind aus dem Papier heraus wirklich geworden. Sie lungerten in der Wohnung herum, bastelten eine Pistole und stellten die Pistole auf den Schreibtisch. Als dann ein Mann vorbeikam, schossen sie. Er duckte sich und die grünen Männchen verschwanden. Der Mann erhob sich langsam wieder. Da kam der Besitzer der Wohnung und fragte: ›Was ist denn los?‹ Der Mann erzählte von den grünen Männchen. Das waren die Männchen, die ich gemalt hatte. Wir suchten sie. Ich suchte im Arbeitszimmer. Im Arbeitszimmer fand ich sie dann.«

In der Nacht kommen die unbewussten aggressiven Impulse, erschießen den Mann, in der Übertragung die Lehrerin, vielleicht sind Mutter oder Vater gemeint. Der Mann (die Lehrerin) kann sich aber ducken und das Mädchen zusammen mit ihm die Männchen, sicher nicht zufällig im Arbeitszimmer, wiederfinden. Zeigt die Geschichte nicht sehr schön, wie das Mädchen, das mit einem IQ von 100 auf der Sonderschule für Lernbehinderte war, ihre eigenen Produkte aggressiv besetzte und eine Lernhemmung entwickeln musste, solange sie diese Aggression nicht ins Ich integrieren konnte, weil sie befürchten musste, dass ihr Gegenüber diese Aggression nicht überlebt? Ohne den Bezug zum Elternhaus herstellen zu müssen, können solche Interpretationen in Einzelgesprächen oder auch in der Klasse, wenn das entsprechende Klima erreicht ist, besprochen werden.

Gespräche vor der Klasse:

Florian war ein Schüler, der anfangs durch sein Übergewicht und sein aggressives Verhalten sowie seiner extremen Lese- und Schreibschwäche Außenseiter war. Er konnte kaum an einem Schüler vorbeigehen, ohne diesen zu boxen. Da er kaum lesen und schreiben konnte, wurde er oft verspottet, was seine Aggression erhöhte. Im Unterricht regredierte er. Er spielte mit Spielzeugautos und rannte bellend durch das Klassenzimmer. Im Gefühl, Hund zu sein, legte er sich auf den Boden, knurrte und biss sogar gelegentlich einen Schüler, was sofort einen Tumult hervorrief. Versuchte ich mit ihm zu reden, bellte er nur als Antwort. Vorsichtig verbalisierte ich sein Verhalten: Er wolle lieber spielen, Hund sein, als lernen zu müssen und erwachsen zu sein. Sein Bellen hörte erst auf, als ich ihm immer wieder kleine Sonderaufgaben im Lesen und Schreiben gab, was ihn freute. Erfreut meinte er einmal, dass er mir etwas zu Ostern schenken wolle. Die anderen Schüler reagierten aggressiv auf die Sonderaufgaben, ich versuchte ihnen aber zu vermitteln, dass es nicht bedeute, dass ich Florian lieber habe, sondern dass er diese Aufgaben brauchte, um besser lesen und schreiben zu lernen. Seine orale Aggression wurde sehr schön deutlich, als ich mit den Schülern in der Schülerbibliothek war, und Florian sich ein Buch über Fische, die Menschen fressen, ausleihen wollte. Als Florian erstmals von einer Kollegin zum Lesekurs abgeholt werden sollte, sprang er entsetzt auf und fauchte mich an: »Gell, das haben Sie verbrochen!« Bellend, knurrend und wild grimassierend ging er schließlich mit. Als er zurückkam, verbalisierte ich im Einzelgespräch seine Ängste, dass er das Gefühl gehabt habe, ich gebe ihn weg, weil ich ihn vielleicht nicht mehr gern hätte und nicht, damit er besser lesen lerne. Das Verbalisieren seiner Ängste reichte aus, ihn wieder zum Sprechen zu bringen. Er erzählte in der nächsten Stunde viel von seinen Hunden zu Hause und lud mich ständig zu seinem Geburtstag ein.

Wenige Tage später kam er morgens völlig aufgelöst und aggressiv in den Unterricht. Er rannte durch das Klassenzimmer, zog Schülern die Stühle weg, boxte und bellte. Ich versuchte Ruhe zu bewahren und die Schüler auch, was schon eine enorme Leistung war und die Identifikation mit der verstehenden Haltung des Lehrers zeigte. Ich verbalisierte: »Florian, Du bist heute Morgen sehr wütend. Kannst Du uns nicht sagen, warum Du so wütend bist?« Anstelle einer Antwort rannte er auf mich zu, stand mit drohenden Händen, verzerrtem Gesicht, wild knurrend und bellend vor mir. Ich fragte wieder: »Du bist jetzt auch sehr wütend auf mich. Kannst Du nicht sagen, warum?« Völlig unzugänglich rannte er weiter im Klassenzimmer herum. Ich nahm meinen Stuhl, setzte mich frontal zur Klasse und sagte ruhig: »Florian, ich habe den Eindruck, dass Du – vielleicht zu Hause – etwas sehr Unangenehmes erlebt hast.« Er zuckte sichtlich unter meiner Bemerkung zusammen, setzte sich auf seinen Platz und erzählte mit Tränen in den Augen: »Frau Heinemann, meine Maus, die Tina, ist mir gestern weggelaufen. Die läuft jetzt in der Wohnung rum und ich finde sie nicht.« Die anderen Schüler hörten gespannt zu. Ich sagte: »Du hast das Gefühl, etwas sehr Wertvolles verloren zu haben. Du hast auch oft Angst, mich zu verlieren, vielleicht hast Du ja schon einmal die Erfahrung gemacht, etwas sehr Wichtiges verloren zu haben. (Pause) Und weil Du so unglücklich bist, ärgerst Du die anderen Kinder.« Florian war erleichtert und sagte, dass er mir die Maus malen wolle, worin ich ihn bestärkte. Die Schüler konnten erleben, dass jemand einen Grund hat, wenn er sich so verhält. Diese Erfahrung versuchte ich ihnen bewusst zu machen. Florian war inzwischen mit seiner Zeichnung fertig und übergab sie mir. Ich zeigte das Bild der ganzen Klasse. Es war beeindruckend, mit welchem Eifer Florian den Rest des Vormittags mitarbeitete. Der Verlust der Maus hatte seinen zentralen Konflikt, den Verlust der Mutterliebe, reaktiviert. Durch eine orale Regression (Übergewicht) und Identifikation mit den von der Mutter heiß geliebten Hunden suchte er diese wiederzugewinnen. Das Malen der Maus ermöglichte ein Stück Verarbeitung, nämlich dass etwas, das verloren ist, symbolisch präsent bleiben kann. Bis zu einem gewissen Grad von Intimität sind genetische Deutungen auch in den Gesprächen mit der Klasse möglich, intimere Erlebnisse erfordern selbstverständlich den Schutz des Einzelgespräches.

Die Regressionsecke:

Psychoanalytische Pädagogik arbeitet im Widerspruch von Regression und Progression. Die Regression im Dienste des Ich ist eine vorübergehend nötige Wiederbelebung früherer Erlebnisweisen, die in der Übertragung und aufgrund der größeren Reife des Ich durchgearbeitet werden können. Pädagogik dagegen ist an Progression, an Lernen und Ichreifung orientiert. Dieser Widerspruch ist aber nur scheinbar ein Widerspruch. Regression ist gerade dann heilsam, wenn sie im Rahmen von Progression stattfindet, der Patient immer wieder auch zur Progression angeregt wird, was im analytischen Setting in der Regel das pünktliche Stundenende leistet. Einer meiner Patienten mit psychosenahen Ängsten meinte lange Zeit, dass das Schönste an der Analyse der pünktliche Stundenbeginn und das pünktliche Stundenende sei. Auch das analytische Setting hat einen Rahmen, der an Progression, Realität und Sekundärprozess orientiert ist. Dies erklärt vielleicht meine Erfahrung, dass ich gerade im Unterricht der Sonderschule, in der ich als Klassenlehrerin Klassen von 7–15 Schülern über einige Jahre hinweg unterrichtete, besonders gute Rahmenbedingungen für eine psychoanalytische Pädagogik vorfand. Als Supervisorin in außerschulischen sozial- oder sonderpädagogischen Einrichtungen erlebe ich immer wieder, dass sich Pädagogen schwer tun, einen klaren Rahmen einzuhalten. Es wird oft den Wünschen der Heimbewohner nach einem familiären Rahmen nachgegeben, Pädagogen und Heimbewohner duzen sich und die Grenzen sind oft unklar. In meinem Unterricht erlebte ich, symbolisiert im Klingelzeichen, dagegen klare Grenzen, fast so wie im analytischen Setting, wenn ich das Stundenende pünktlich auf die Minute ankündige. Die Abstinenzregel ist in der Schule leichter einzuhalten. Ich habe allerdings auch an anderer Stelle (1992) auf die institutionalisierten Abwehrprozesse in der Schule als Institution hingewiesen, die wie die direkten Interaktionen mit den Schülern reflektiert werden müssen. Die Institution kann ansonsten genau die Schwierigkeiten der Schüler verstärken, die sie zu beheben angetreten ist.

Eine Möglichkeit, die Spannung zwischen Regression und Progression zu handhaben, ist die Regressionsecke im Klassenraum. Eigentlich hatte mich der Schüler Florian auf diese Idee gebracht. Nach den Pfingstferien weigerte sich Florian zum Lesekurs zu gehen. Er schrie: »Ich gehe nicht zu der Hexe, ich will hier bleiben.« Bellend rannte er wieder durchs Klassenzimmer. Er war nicht zum Gehen zu bewegen, so dass wir beschlossen, ihn in der Klasse zu belassen. Die Trennungsängste waren durch die Ferien erneut zu stark. Die beiden nächsten Male benahm er sich im Lesekurs derart undiszipliniert, dass er dort nicht mehr hingehen durfte. Als die Lehrerin ihm dies sagte, nahm er seinen Tisch, wir hatten im Unterricht Einzeltische, die nach Belieben zusammengestellt werden konnten, und setzte sich mit dem Tisch in die äußerste Ecke des Klassenzimmers. Völlig aufgelöst nahm er einen Katalog und blätterte darin herum. Ich sprach seine Trennungsängste an, unterrichtete dann aber weiter. Er war so verstört, dass er am Unterricht nicht teilnehmen konnte. Er regredierte in seiner Ecke und fühlte sich gleichzeitig durch die Anwesenheit der Gruppe geborgen. Nach einiger Zeit meldete er sich und ich ging zu ihm. Er gab mir die Hand mit den Worten: »Entschuldigung, Frau Heinemann, ich bin jetzt wieder brav.« Erleichtert nahm er seinen Tisch, rückte ihn an die alte Stelle und arbeitete wieder mit.

Diese Erfahrung beeindruckte mich so, dass ich die Schüler fragte, was sie davon halten, in die Ecke des Klassenzimmers einen Tisch mit einigen Spielen zu stellen. Wenn sich jemand nicht wohl fühle, so wie eben Florian, und auch nicht darüber reden möchte, könne er sich dorthin setzen und spielen, bis es ihm besser gehe. Wir könnten dann im Unterricht fortschreiten. Ich zweifelte zwar an der Durchführbarkeit, in der Fantasie sah ich die ganze Klasse nur noch in der Spielecke sitzen, wollte es aber wagen. Die Schüler waren natürlich sofort begeistert. Ich sagte mir, dass ich es ja jederzeit rückgängig machen könnte, wenn es nicht klappt. In all den Jahren meiner Arbeit wurde die Regressionsecke nie ausgenutzt. Am Anfang gab es zwar hin und wieder Missfallensäußerungen, wenn ein Schüler – meist war es Florian – spielte und die anderen arbeiteten, sie konnten aber damit umgehen. Ab und zu spielte ich auch im regulären Unterricht mit den Schülern.

Ein Beispiel zur Regressionsecke: Robin war ein 10-jähriger Schüler, der sich völlig weigerte, etwas im Unterricht zu schreiben. Er begann, zwei oder drei Worte zu schreiben, warf dann sofort unter heftigen Protesten wie: er könne das nicht, er mache das nicht oder ein Scheiß-Arbeitsblatt sei das, das Blatt von sich. Er trotzte bei der kleinsten Kleinigkeit und tat immer das Gegenteil von dem, was man von ihm verlangte. Er entwertete mich ständig: »Sie taugen nichts, Frau Heinemann!« oder ähnliches bekam ich zu hören. Ich versuchte, seine Problematik zu deuten, dass er wütend auf mich sei, weil er das Gefühl habe, ich gebe ihm nichts Gutes, nicht das, was er sich wünsche. Ich verstand die extreme narzisstische Abwertung meiner Person als Versuch, ein solches Trauma in der Wendung von der Passivität in die Aktivität zu bewältigen. Nach etwa vier Monaten Unterricht in der Klasse wollte ich ein Diktat schreiben und Robin weigerte sich, wie immer, mitzuschreiben. Er äußerte diesmal den Wunsch, sich in die Spielecke setzen zu dürfen, was ich ihm gestattete. Er nahm sich das Memory. Ich legte bei der Heftausgabe sein Heft neben ihn. Er warf es das erste Mal nicht weg. Als ich anfing zu diktieren, schrieb ich ihm Datum und Überschrift ins Heft und sagte: »Jetzt ist es nicht mehr viel.« Er schrieb das erste Mal mit. Seine Schwierigkeiten besserten sich in der nächsten Zeit erheblich. Robin arbeitete nun einigermaßen gut im Unterricht mit, er wirkte recht gefestigt, aber jetzt saß er an manchen Vormittagen mit einem aufgespannten, schwarzen Regenschirm in der Klasse. Den Schirm verwahrte er immer unter seinem Tisch. An einem Morgen bemerkte ich, dass er seinen Schirm genau in dem Moment aufspannte, als ich mit ihm schimpfen wollte. Ich sagte wohlwollend: »Du willst Dich wohl mit dem Schirm vor dem Donnerwetter schützen, das Du aus meinem Mund erwartest!« Robin lachte und spannte tatsächlich seinen Regenschirm im Unterricht nicht mehr auf. Es verblüffte mich im Unterricht immer wieder, wie solche kleine Deutungen Symptome zum Verschwinden bringen können. Robin hatte mit den Entwertungstendenzen einen Schutzmechanismus verloren, den er mit seinem Schirm ersetzte. Indem er nicht mehr mit dem kränkenden Aggressor identifiziert war, konnte er in der Interaktion mit mir neue Erfahrungen machen und seine Selbst- und Objektrepräsentanzen änderten sich. Die Regressionsecke gab ihm die Autonomie, die er sonst im analen Kampf nur in der Verweigerung und Abwertung fand.

Wenn Humor wie bei Kohut (1973, S. 364 ff.) die Bewältigung narzisstischer Erlebensweisen darstellt, so kann dieser auch im Klassenzimmer ein wichtiger Bestandteil des Umgangs mit den Kindern werden. Robin lief eines morgens im Klassenzimmer herum, warf mit Papierfliegern und wollte nicht mitarbeiten. Ich fragte ihn, was denn heute Morgen los sei. Er lachte spitzbübig und sagte: »Ach, Frau Heinemann, ich hab die Tollwut!« Ernst antwortete ich: »Das ist ja furchtbar. Da muss ich Dich gleich ins Arztzimmer bringen. Am besten nimmst Du Dein Lesebuch gleich mit.« Er lachte, setzte sich auf seinen Platz und sagte: »Ich glaub, der Anfall ist vorbei.« Er arbeitete wieder mit.

Elternarbeit:

Als Lehrerin hat man sicher nicht die Zeit, die man sich für eine Elternarbeit wünscht. In der Regel sind nur sporadisch Besuche bei den Eltern möglich, die aber immer die Chance für ein genetisches Verständnis der psychischen Probleme der Schüler bieten. Ich möchte zwei Beispiele anführen.

Ich fuhr mit Paul zu seinen Eltern. Auf der Fahrt konnte ich mit ihm ein Einzelgespräch führen. Ich fragte ihn, warum er in der Schule immer so nervös sei, worauf er meinte, dass er nachts schlecht träume. An die Träume könne er sich nicht erinnern, aber er wache morgens mit schlechter Laune auf, ärgere deshalb seine Mutter und so gäbe es immer Krach. Daran müsse er in der Schule immer denken und dann könne er nicht aufpassen. Er fasste während des Gespräches Vertrauen und begann dann doch nach und nach von seinen Träumen zu erzählen. Er träume, dass er seine Rechenaufgaben nicht könne und Herr R., sein Rechenlehrer, am nächsten Tag dann fürchterlich mit ihm schimpfe. In diesem Augenblick erwache er.

Dieses Gespräch teilte mir mit, worauf ich mich im Elterngespräch zu konzentrieren hatte. Im Traum hatte Paul offensichtlich Konflikte mit seinem Vater auf Herrn R. übertragen. Es galt nun, das Verhältnis zum Vater zu verstehen.

Bei den Eltern wurde ich freundlich ins Wohnzimmer gebeten, die Mutter kochte und der Vater unterhielt sich mit mir. Er erzählte mir sogleich, dass er schon viel lernen musste, denn er habe eine Umschulung hinter sich. Er sei 100 % erwerbsunfähig geworden. Er mache jetzt mit den Kindern Hausaufgaben, weil er sonst nicht mehr viel zu tun habe. Er zeigte mir einen Stoß Bücher, den er für die Kinder gekauft hatte.

Ich spürte den enormen Druck, den dieser Mann auf seine Kinder ausübte, mit dem er seine eigene Depression bezüglich der Behinderung letztendlich abwehrte. Die Kinder sollten jetzt das leisten, was er nicht mehr kann. Ich sprach aus, dass es für Paul wichtig sei, dass er ohne Druck und Kontrolle seine Hausaufgaben mache und warum er, der Vater, das Gefühl habe, sich aufgrund der Behinderung ausgerechnet um die Hausaufgaben kümmern zu müssen. Wir konnten ein Stück seiner Probleme in der Verarbeitung der Behinderung bearbeiten.

An einem anderen Nachmittag besuchte ich die Mutter von Florian. Nachdem die beiden Hunde auf dem Balkon eingesperrt waren, durfte ich mich ins Wohnzimmer setzen. Florians Mutter war an der Schule sehr interessiert. Ich fragte sie nach Florians Verhalten zu Hause. Sie erzählte, dass Florian, den sie als den »Dicken« bezeichnete, von seinem Vater und dem ältesten Bruder sehr abgelehnt werde. Von beiden bekomme er immer eins drauf. Sie versuche manchmal einzuschreiten, aber der Vater wäre sehr uneinsichtig. Florian quäle dann immer die Hunde, mit denen er auch nie spazieren gehe. Ich fragte: »Weil er von Vater und Bruder schikaniert wird, quält er die Hunde?« Dieser Zusammenhang war ihr offensichtlich bewusst, denn sie meinte nur »Ja, so ist es.« Nun erzählte sie, dass Florian jede Nacht einnässe. Ich fragte, ob Florian schon einmal eine Zeit lang nicht eingenässt habe, da ich für mich klären wollte, ob es eine primäre oder sekundäre Enuresis ist ( Kap. 23). Überrascht schaute sie mich an und sagte: »Da fällt mir ein, dass Florian, als sein Vater neulich eine Woche nicht da war, überhaupt nicht einnässte.« In diesem Augenblick wurde ihr klar, dass ein Zusammenhang zwischen Florians Enuresis und seiner Angst vor dem Vater besteht. Sie erzählte jetzt viele Einzelheiten der Familie. Plötzlich erschien einer der Hunde hinter der Balkontür. Sie sprang auf, ging zur Balkontür, zog den Vorhang zur Seite und zeigte mir stolz den Hund. In überaus zärtlichem Ton sagte sie, wie zu einem Säugling sprechend: »Ei, da ist er ja, der Gute.« Während sie über den Hund redete, war ihr Tonfall wesentlich herzlicher als wenn sie vom »Dicken« redete. Sie erzählte, dass sie den Hunden manchmal Bratwürste kaufe, damit sie nicht nur Frolic essen müssen. Florian würde dann hinrennen und den Hunden die Bratwurst wegessen. Florian wäre so gierig. Einmal hätte er sich das halbe Ohr abgerissen, als ein Stück Fleisch unter den Schrank fiel und er es unbedingt haben wollte. Ich sagte: »Nun, vielleicht möchte Florian auch so viel Gutes von Ihnen bekommen, wie die Hunde.« Meine Bemerkung traf sie sichtlich. Ihr wurde klar, dass sie über orale Vernachlässigung an Florians Schwierigkeiten Anteil hatte.

Als ich mich verabschiedete, forderte sie mich nachhaltig auf, bald wieder zu kommen. Wie sehr selbst ein einzelnes Gespräch zum Verstehen der Konflikte beitragen kann und bei den Eltern Veränderungen in Gang gesetzt werden können, lässt zumindest die Reaktion von Florians Mutter hoffen. Am folgenden Montag fragte mich Florian, ob ich am Samstag bei ihnen geschellt hätte. Erstaunt fragte ich, wie er denn darauf komme. Er erzählte, dass seine Mutter am Samstag mein Auto vor dem Haus sah. Da dies unmöglich war, sagte ich, dass es ja viele Autos wie meines gebe. »Nein«, erwiderte er, »meine Mutter hat gesagt, dass das Auto Ihre Nummer hatte.« Florians Mutter musste also versucht haben, sich meine Autonummer zu merken und im Sinne einer Wunschprojektion gehofft haben, dass ich am Samstag bei ihnen schelle. Sie bestellte mir durch Florian noch schöne Grüße und dass ich bald wiederkommen solle. Die Bedürftigkeit Florians ist auch bei der Mutter zu spüren. Warum Florian sich manchmal wünscht, Hund zu sein, machte mir der Besuch drastisch klar.

Einzelgespräche:

Die 13-jährige Manuela blieb seit ihrer Einschulung regelmäßig vom Unterricht fern, so dass sie in die Sonderschule für Lernbehinderte überwiesen wurde. Im ersten Halbjahr war sie bei mir lediglich 25 Tage anwesend. Im Unterricht störte sie nicht, sie weigerte sich aber zu lesen und zu schreiben. Sie war immer sehr auffällig zurecht gemacht, so dass sie die Eifersucht der anderen Mädchen heraufbeschwor. Ich bat sie zu einem Einzelgespräch. Ich begann das Gespräch mit den Worten: »Ich habe den Eindruck, dass Du nicht gerne in die Schule kommst.« Manuela (verlegen): »Na ja, es macht mir halt keinen Spaß. Ich kann ja auch schon alles.« E. H.: »Du meinst, Du bist schon erwachsen, kannst schon alles und brauchst deshalb nicht mehr in die Schule zu gehen? Du möchtest nicht mehr zu Deinen Klassenkameraden gehören?« Manuela: »Na ja, Frau Heinemann, ich sehe doch auch schon viel älter als die anderen aus. Das sagen meine Freundinnen auch.« E. H.: »Du hast also Angst, zu den Klassenkameraden dazugerechnet zu werden; Angst, dass die Leute Dich nicht für erwachsen halten. Gell, deshalb hast Du Dich auch neulich die ganze Stunde geschminkt und gekämmt, als wir die Referendare zu Besuch hatten?« Manuela: »Ja, ich sehe doch schon viel älter aus.« E. H.: »Deswegen hast Du auch keine Lust zu arbeiten, weil Du schon erwachsen sein möchtest und als Erwachsener kann man halt schon lesen, schreiben und rechnen. Deshalb möchtest Du auch nicht wie hier in der Schule erleben, dass Du das noch gar nicht kannst, dass Du vielleicht doch noch nicht so bist, wie Du gerne sein möchtest.«

Manuela begann von ihrem Elternhaus zu erzählen, von der Mischung aus körperlicher und sexueller Gewalt, dessen Bedrohung sie nur abwehren konnte über ein sexualisiertes Verhalten ( Kap. IV). Verführerisch zu sein, gab ihr ein Gefühl von Autonomie und Macht, zu lernen dagegen hieß Kind sein, ohnmächtig und hilflos ausgeliefert sein. Manuela hatte keine Schulphobie ( Kap. 10), sondern schwänzte die Schule, weil sie Lernen mit Abhängigkeit und sexualisiertes Verhalten mit Autonomie gleichsetzte.

Nachdem ich versucht hatte, Manuela diese Situation bewusst zu machen, sagte ich: »Du schämst Dich für das, was Du erlebt hast und weil Du noch nicht so bist, wie Du gerne sein möchtest. Ich sollte denken, dass Du schon alles kannst, dass Du schon erwachsen bist. Deshalb wolltest Du auch nie etwas vorlesen.« Manuela (lächelnd): »Ja.« E. H.: »Ich verstehe jetzt Deine Angst. Wir können ja mal sehen, ob Du nicht vielleicht doch etwas lernen kannst, was Du brauchst, um Dich nicht mehr zu schämen. Dafür musst Du natürlich in die Schule kommen.« Manuela: »Doch, ich komme jetzt in die Schule.« E. H.: »Das freut mich. Wenn es Dir noch so schwer fällt, vor den anderen zu lesen, kannst Du mir ab und an allein etwas vorlesen.« (Ich hatte eine Stunde pro Woche für Einzelsituationen zur freien Verfügung). Manuela (erfreut): »Ich verspreche Ihnen, dass ich jetzt immer in die Schule komme. Bestimmt. Ganz bestimmt.« E. H. (lächelnd): »Fein.«

Manuela kam nach diesem Gespräch tatsächlich regelmäßig in die Schule und konnte am Schuljahresende aus pädagogischen Gründen eine Klasse überspringen, so dass sie vom Äußeren her nicht mehr so auffällig war. Manuela benötigte den geschützten Rahmen eines Gespräches und einiger Einzellesestunden, um die Erfahrung von Intimität ohne Missbrauch zu machen, so dass sie ihren Schamkonflikt, den sie vom Elternhaus auf die Klassensituation übertrug, bewältigen konnte.

Deutungen durch den Unterrichtsstoff:

Der 6-jährige autistische ( Kap. 27) Schüler Holger meiner Klasse in der Sonderschule für Geistigbehinderte aß fast nur Pfannekuchen und trank lediglich Kakao. Er aß weder Obst noch Gemüse. Wurde er aufgefordert, andere als die gewohnten Speisen zu essen, reagierte er mit heftigen Todesängsten. Um ihn vor Angstüberflutung zu schützen, tolerierte ich anfangs seine Vermeidungshaltung. Nach etwa 11/2 Jahren sprach er selbst häufiger vom Essen und so beschloss ich, das Thema aufzugreifen. Ich führte eine Unterrichtseinheit zum Thema Ernährung mit den Materialien der Deutschen Gesellschaft für Ernährung durch. Diese Materialien enthielten die Geschichte der »kleinen Lok, die alles weiß«. Diese Lokomotive bringt Kinder in ein Ferienlager, wo sie feststellen, dass ihr Essen vergessen wurde. Die Lokomotive fragte die Kinder, welche Speisen sie holen soll. Die Kinder bestellten Süßigkeiten, die Lokomotive kam aber vollgeladen mit den verschiedenen Ernährungsbausteinen zurück. In einem Wagen befanden sich Obst und Gemüse, im nächsten Fette etc. Während der nächsten Unterrichtsstunden hängten die Schüler die Bilder mit den Wagen auf, ordneten Lebensmittel den Wagen zu und stellten ausgewogene Speisepläne für den Tag zusammen. Als Hausaufgabe sollten die Schüler ankreuzen, aus welchen Wagen sie tagsüber Nahrung zu sich genommen hatten. Die Bedeutung einer ausgewogenen Nahrung wurde den Schülern handelnd und kognitiv vermittelt.

Für Holger war die Unterrichtseinheit eine Gratwanderung. Einerseits glaubte er, bestimmte Nahrung bringe Tod, andererseits war die Gefahr aber nun, dass er die Unterrichtseinheit so verarbeitete, dass es lediglich zur Umkehr der Spaltung kam: Wenn er kein Obst und Gemüse isst, muss er sterben. Durch Verbalisierungen versuchte ich, diese Verarbeitung zu verhindern. In der Geschichte symbolisiert die »kleine Lok, die alles weiß«, die freundliche, gute Lehrerin, die ja auch scheinbar alles weiß. Holger arbeitete mit Interesse mit, wurde von mir nicht gedrängt, jetzt unbedingt dies oder jenes zu essen. Er begann von sich aus zu Hause Obst und Gemüse zu essen, als er sah, dass bei ihm bei einigen Wagen immer Leerstellen blieben. Die Inadäquatheit seiner Todesangst wurde ihm durch eigenständige Konfrontation mit der Realität bewusst.

Der Vorteil der Deutung durch den Unterrichtsstoff ist, dass das Kind eine eigene, aktive Auseinandersetzung mit der Realität als drittem Objekt führt. Es entwickelt eigene Deutungskompetenz und Autonomie, was gerade die Selbst-Entwicklung fördert und den fehlenden Dritten einführt. Häufiges Deuten kann die Autonomie des Patienten einschränken. Mertens (1990, S. 109) zufolge ist es unabhängig vom Strukturniveau des Patienten gut, wenn der Analytiker eine wachstumsfördernde Haltung einnimmt. Deutet er zu aktiv, macht er den Patienten abhängig und schränkt vor allem seine autonome Entdeckerfreude sowie die eigene Deutungskompetenz ein. Wenn möglich, sollte deshalb ein Patient dazu ermuntert werden, zu seinen eigenen Deutungen zu kommen, wozu vorbereitende Schritte, z. B. in Form von Fragen, feststellenden Hinweisen und Klärungen von Seiten des Analytikers gehören.

Ich kann gezielt durch die Auswahl des Unterrichtsstoffes solche Deutungskompetenz fördern, meist ereignen sich aber spontan im Unterricht Situationen, in denen das Kind, für den Lehrer unvorhergesehen, einen Unterrichtsstoff für die Verarbeitung seiner Probleme verwendet. Ein 12-jähriger Schüler der Sonderschule für Verhaltensgestörte, der wegen extremer Aggression gegenüber der Grundschullehrerin in die Sonderschule überwiesen wurde, war in meinem Unterricht lange Zeit extrem gehemmt. Als wir im Geschichtsunterricht über die Französische Revolution sprachen und er das Bild der Guillotine im Buch sah, war er hochgradig erregt, malte in den nächsten Wochen täglich eine Flut von Bildern, auf denen ich unter der Guillotine lag und der Kopf gerade in den Korb fiel. Mit rotem Stift malte er Aufschriften auf das Bild wie: Der Tod der Frau Heinemann. Seine Kastrationsängste konnten jetzt in der Übertragung bearbeitet werden. Ein anderes Beispiel ist die Geschichte von Sebastian (Heinemann 2003), der über das Sehen des Filmes »101 Dalmatiner« von Walt Disney mit der ganzen Klasse sein Trennungstrauma spielerisch und handelnd im Unterricht bewältigte.

Diese Beispiele mögen einen Eindruck vermitteln, wie wichtig es im pädagogischen Alltag ist, die Konflikte der Kinder zu verstehen und über die wachstumsfördernde Einstellung eine pädagogische Haltung zu erlangen, die unbewusste Prozesse reflektiert und nicht abwehrt. Von einer solchen Praxis profitieren nicht nur die Kinder, sondern auch die Pädagogen selbst, denn der Alltag wird durch die psychoanalytische Reflexion des Geschehens auch zu einer Erforschung des Unbewussten, des eigenen wie des fremden. Wir hoffen, mit diesem Buch einen kleinen Beitrag für eine solche Praxis leisten zu können. »Die bewusste Anwendung massenpsychologischer Erkenntnisse und Forschungsergebnisse der Psychoanalyse können … dem Lehrer im Amt brauchbare Hilfen bei der Disziplinierung, Leitung und Förderung einer Schulklasse geben und so aus Krise und Kampf zu friedlicher, allseitig aufbauender Arbeit verhelfen« (Jordan 1929, S. 124). Neuere Beispiele einer gelungenen psychoanalytischen Pädagogik finden sich bei Heinemann und Hopf (2010).

5 Psychoanalytische Therapie bei Kindern und Jugendlichen
5.1 Rückblick

Abgesehen von Freuds Schrift »Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben« (1909, Kap. 4 und Kap. 10), die wir als ersten im engeren Sinne psychoanalytisch-pädagogischen Erziehungsversuch beschrieben haben, blieb Freud auf jeden Fall skeptisch, was eine Analyse von Kindern anging, da er keine therapeutischen Mittel sah, welche die Sprache ersetzen könnten. Der Versuch einer Bewältigung dieses zentralen Problems – der Kampf um die Technik – zog sich durch alle kinderanalytischen Versuche der Anfangszeit. Ferenczi schien ganz nahe an der Bewältigung dieses Problems zu sein. 1913 stellte er in seiner Fallgeschichte »Ein kleiner Hahnemann«, parallel zum »kleinen Hans«, wie zu vermuten ist, den vierjährigen Arpád vor, dessen eigenartiges Symptom des ständigen Krähens er als Folge von Kastrationsdrohungen wegen seiner Onanie und der Wut auf den Hahn bzw. den Vater interpretierte. Interessant ist, dass Ferenczi dem Jungen Bleistift und Papier gab, damit er seine Ängste in Gestalt des bedrohlichen Hahns aufzeichnen könnte. Ein psychoanalytisches Gespräch »langweilte« den kleinen Patienten jedoch rasch, und er wollte »zu seinen Spielsachen zurück« (1913, S. 166). Jene deutlichen Hinweise auf eine dem Kind gemäße Sprache und seinen Wunsch nach Kommunikation konnte Ferenczi damals weder erkennen noch aufgreifen: Er ging im Anschluss daran davon aus, dass eine direkte psychoanalytische Untersuchung des Arpád nicht möglich gewesen sei.

Als erste Kinderanalytikerin gilt die 1871 geborene Hermine Hug-Hellmuth. Nach dem Studium der Naturwissenschaften und einem Lehrerstudium ließ sie sich bereits 1910 vorzeitig pensionieren, um sich ausschließlich ihren psychoanalytischen Interessen zu widmen. 1913 wurde Hug-Hellmuth Mitglied der Wiener psychoanalytischen Vereinigung und für Sigmund Freud eine begehrte Bezugsperson, die ihm unermüdlich Fallmaterial zur Bestätigung seiner Sexualtheorien lieferte (Stephan 1992, S. 115). Bereits 1920 publizierte sie einen Aufsatz über »Die Technik der Kinderanalyse«, der noch stark unter pädagogischem Einfluss stand. Die Psychoanalyse des Kindes ist bei ihr »heilerziehliche Analyse«. Die jungen Patienten sollen unter der erzieherischen Führung des Analytikers zu zielbewussten, willenskräftigen Menschen erstarken. Hug-Hellmuth ging von Anfang an davon aus, dass das identische Ziel von Erwachsenen wie Kinderanalyse die Herstellung der psychischen Gesundheit sei. Unterschiede resultierten ihrer Meinung nach allerdings aus der noch nicht vorhandenen Reife der Kinder, die weder aus eigenem Antrieb zur Behandlung kommen, noch an ihrer Vergangenheit leiden oder sich gar ändern möchten. Als bedeutendste Neuerung führte Hug-Hellmuth ein, neben den Träumen auch auf das Spiel der Kinder einzugehen. Sie war der Auffassung, dass sich in den Spielformen manche Symptome, Eigenheiten und Charakterzüge erkennen ließen; bei jugendlichen Patienten (diesen Sieben-Achtjährigen, E. H., H. H.) würde mitunter das Spiel seine herausragende Rolle während der ganzen Behandlung behaupten (ebd., S. 17). Inwieweit und wann freie Assoziation überhaupt anwendbar sei, ließ sich ihrer Meinung nach nur von Fall zu Fall entscheiden.

In einer Würdigung ihres Lebens und ihrer Arbeit betonen Geissmann und Geissmann (1994), dass Hug-Hellmuth als erste die dem Traum oder der freien Assoziation gleichgestellte Verwendung des Spiels in die Kinderanalyse eingeführt hat (ebd., S. 50). Stephan (1992) meint allerdings, dass viele Aussagen von Hug-Hellmuth, insbesondere die Analyse ihres Neffen betreffend, aus heutiger Sicht eher als abschreckendes Dokument einer »Schwarzen Pädagogik« zu werten seien. In der Tat hatte Hug-Hellmuth ihren Neffen, nichteheliches Kind ihrer Schwester, als kleines Kind selbst analysiert. Im Alter von 18 Jahren hatte er schließlich seine 53-jährige Tante, welche seit seinem 9. Lebensjahr die gesamte Erziehungsverantwortung für ihn übernommen hatte, überfallen, beraubt und erdrosselt. Dieser tragische Vorfall bedeutete einen erheblichen Rückschlag für die gesamte Psychoanalyse, weil er zunächst alle damaligen Vorurteile bestätigte, welche Schäden es bewirken könnte, die Psychoanalyse in der Kindererziehung anzuwenden.

Unangefochten gelten Anna Freud und Melanie Klein als die eigentlichen Begründerinnen der Kinderanalyse. Anna Freud wurde 1895 als sechstes Kind von Martha und Sigmund Freud geboren. Nach Gay (1989) wurde sie Sekretärin, Vertraute, Kollegin und Krankenschwester Freuds, und vor allem zu einer glühenden Verfechterin und Verteidigerin seiner Theorien. Nach dem Abitur absolvierte Anna eine pädagogische Ausbildung und arbeitete von 1917 bis 1920 als Lehrerin (Stephan 1992, S. 280). Ihre ersten Überlegungen zur Technik der Kinderanalyse trug Anna Freud in vier Vorträgen 1926 vor der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung vor. Zusammen mit einem fünften Vortrag, den sie 1927 hielt, sind diese Vorträge in dem Buch »Einführung in die Technik der Kinderanalyse« (1973) publiziert. Die vier Vorträge erschienen bereits 1929 in Buchform, gleichzeitig wurde ein Seminar für Kinderanalyse in Wien gegründet, dem u. a. Berta und Steff Bornstein, Edith Sterba, Jenny Waelder, Dorothy Burlingham, Edith Buxbaum, Erik H. Erikson, das Ehepaar Hoffer, Anna Katan, Marianne Kris und Margaret Mahler angehörten (Hamann 1993, S. 39), allesamt später bedeutende Vertreterinnen und Vertreter der Kinderanalyse.

Anna Freud entwickelte wesentliche Grundeinsichten der Kinderanalyse und eine spezielle Technik, die sie darauf gründete, dass das Kind im Gegensatz zum Erwachsenen noch ein unreifes und unselbständiges Wesen sei und der Entschluss zur Analyse nicht vom Patienten selbst, sondern von den Eltern oder seiner sonstigen Umgebung kommt: »So fehlt uns in der Situation des Kindes alles, was in der des Erwachsenen unentbehrlich erscheint: die Krankheitseinsicht, der freiwillige Entschluss und der Wille zur Heilung« (1973, S. 16). Ihre Ausführungen zur Einleitung der Analyse und Äußerungen zum Erziehungsverständnis muten heute äußerst befremdend an. Wie bei Hug-Hellmuth können wir ihr Erziehungsverständnis nur historisch betrachten, eine Auffassung, von der sich die Kinderanalyse erst allmählich befreien musste. Wir sehen es mittlerweile auch als Missbrauch der Kinderanalyse, wenn in der Zeit der Anfänge Analytiker ihre eigenen Kinder analysierten, Sigmund Freud seine Tochter Anna, Melanie Klein zwei ihrer Kinder und Hug-Hellmuth ihren Neffen.

Da ist bei Anna Freud die Rede von einem Jungen mit »Wut- und Schlimmheitsausbrüchen«, dessen Symptom Anna Freud mit Hilfe eines »hinterhältigen und nicht sehr ehrlichen Mittel« mit dem Wüten eines Geisteskranken gleichsetzte, um ihn einzuschüchtern. Es wurde versprochen, geworben, gelockt, Angst gemacht, alles, um dem Kind die Analyse schmackhaft zu machen, es wurde Anpassung und Unterwerfung eingefordert. Nach Anna Freud muss das Kind erst »analysierbar« gemacht werden. Die Zeit der Vorbereitung, »die Dressur zur Analyse« (ebd., S. 16), dauert umso länger, je weiter das Kind vom idealen erwachsenen Patienten entfernt ist. Manchmal sei es so schwierig, das Interesse für die Analyse zu gewinnen, dass sie »sich wie ein Kinofilm oder ein Unterhaltungsroman benimmt« (ebd., S. 21), der keine andere Absicht hat, als die Zuschauer anzulocken, als sich dem Kinde interessant zu machen. Interessierte sich das Kind für Knoten, bemühte sie sich noch kunstvollere Knoten zu machen als das Kind selbst. Sie strickte und häkelte für die Puppen ihrer Patientinnen und wurde so »brauchbar« für das Kind. »Ich war ihm neben einer interessanten und brauchbaren Gesellschaft zu einer sehr mächtigen Person geworden, ohne deren Unterstützung er nicht mehr recht auskommen konnte« (ebd., S. 22). Erst jetzt sei das Kind in ein vollständiges Übertragungs- und Abhängigkeitsverhältnis geraten. Die Gegenleistung des Kindes ist dann die Preisgabe seiner bisher gehüteten Geheimnisse, mit der erst die wirkliche Analyse einsetzt. »Es muss dem Analytiker gelingen, sich für die Dauer der Analyse an die Stelle des Ichideals beim Kinde zu setzen« (ebd., S. 75). Die Autorität des Analytikers müsse über der der Eltern stehen, der Analytiker müsse den höchsten Platz im Gefühlsleben des Kindes einnehmen, er müsse es völlig beherrschen, damit das Kind die Eltern nicht durch seinen Widerstand veranlasst, die Analyse abzubrechen. Es bestehe die »Notwendigkeit für den Analytiker, das Kind erzieherisch in der Gewalt zu haben« (ebd., S. 80). Der Analytiker muss bei ihr auch die äußere Situation richtig einschätzen, wofür er pädagogische Kenntnisse benötigt, der Analytiker muss erziehen und analysieren.

Bei den eigentlichen technischen Mitteln wird anstelle der bewussten Erinnerung die Krankengeschichte von den Eltern eingeholt. Einen besonderen Stellenwert nimmt bei Anna Freud die Traumdeutung ein. »Dafür haben wir in der Traumdeutung ein Gebiet, in dem man von der Erwachsenen- zur Kinderanalyse nichts umzulernen hat« (ebd., S. 36). Das Kind stehe dem Traum noch näher als der Erwachsene und so sieht Anna Freud im Traum ein wesentliches Mittel der Kinderanalyse, das selbst »unintelligenten Kindern« (ebd., S. 36) zugänglich sei, da auch sie die Deutungen der Träume verstehen. Neben der Deutung der Träume und Tagträume sah sie die Erzählungen der Fantasien der Kinder oder Kinderzeichnungen als weitere Hilfsmittel. Das große Handicap der Kinderanalyse sei, dass Kinder nur gelegentlich assoziieren. Die Einfallstechnik der Erwachsenen wird bei ihr, hier griff sie auf die Arbeiten von Hug-Hellmuth und Melanie Klein zurück, durch das Spiel ersetzt.

Anna Freud glaubte, eine positive Übertragung herstellen zu müssen, negative Übertragungen gelte es abzubauen, »die eigentlich fruchtbringende Arbeit wird immer in der positiven Bindung vor sich gehen«, so Anna Freud (ebd., S. 54), daher der ganze Aufwand ihrer Einleitung zur Kinderanalyse. Zudem bildet das Kind bei ihr keine Übertragungsneurose, weil es noch den Eltern ausgesetzt und der Kinderanalytiker alles andere als ein Schatten sei.

Weil die klassische Technik der Erwachsenenanalyse nicht zur Anwendung kommen konnte, vor allem durch die Weigerung des Kindes, zu Einfällen zu assoziieren, waren Veränderungen in der Technik erforderlich. Zwar könnten sich auch Kinder verbal ausdrücken, sie bekamen jedoch im Laufe der Zeit zusätzlich Möglichkeiten angeboten, zu spielen, zu malen, zu dramatisieren oder zu agieren. Die Kinder wurden auf diese Weise zum Agieren angeleitet, dennoch musste das Agieren wieder eingegrenzt und beherrscht werden, denn die Interpretationen waren nach Meinung von Anna Freud unsicherer und willkürlicher als in der Analyse von Erwachsenen. Darum sollte das Agieren des Kindes von einem ständigen Deuten und Verbalisieren begleitet werden. Die Verbalisierung verleiht dem Ich des Kindes mit der Zeit die Möglichkeit, zwischen Wünschen und Fantasien einerseits und der Realität andererseits zu unterscheiden (Anna Freud 1965, S. 2153; vgl. Katan 1961). Neben dem Verbalisieren erschien die Durcharbeitung von Ich-, Es- und Über-Ich-Widerständen geboten sowie die Arbeit mit der Übertragung (Anna Freud 1965, S. 2157).

Nach ursprünglicher Meinung von Anna Freud könnten Kinder zwar einzelne Übertragungsreaktionen entwickeln, jedoch keine volle Übertragungsneurose zustande bringen. Diese Tatsache rühre daher, weil das Kind noch in direkten Objektbeziehungen mit seinen Eltern in seinem häuslichen Umfeld lebt und der Analytiker Liebe und Hass mit den Eltern teilen muss. Da sich der Kinderanalytiker zudem viel aktiver in das spielerische Geschehen einlassen müsse, bleibe er natürlich auch nicht – wie der Erwachsenenanalytiker – wirklich abstinent, sondern werde für das Kind eine unverwechselbare Persönlichkeit. Anna Freud gebrauchte in diesem Zusammenhang eine Kinometapher: Ein Bild lasse sich auf eine Leinwand, auf welcher bereits ein Bild sei, nur schlecht projizieren. Diese Überzeugung hat Anna Freud später revidiert (Anna Freud 1965, S. 2157), als die ehemalige einleitende Phase nach Entwicklung der Ich-Psychologie durch eine konsequente Abwehranalyse ersetzt wurde. Hamann (1993) ist der Meinung, dass es im Laufe der Zeit zu vielerlei Veränderungen und zu einer Annäherung im Hinblick auf die Handhabung der Technik an die Vorstellungen von Melanie Klein kam.

Die von Anna Freud und ihrer Schule entwickelte ichpsychologische Behandlungstechnik wurde in Deutschland – neben ihrem Gesamtwerk »Die Schriften der Anna Freud« (1965) – vor allem in dem von Geleerd (1972) herausgegebenen Band »Kinderanalytiker bei der Arbeit« ausführlich anhand Fallmaterial dargestellt, ebenfalls in dem von der Stuttgarter Akademie edierten Almanach »Psychotherapie bei Kindern« (1971) mit Beiträgen von Ruth Cycon, Rosemarie Berna-Glantz und Jacques Berna. In den von Biermann herausgegebenen fünf Bänden »Handbuch der Kinderpsychotherapie« (1973–1981) erschienen Arbeiten aller damaligen Schulrichtungen, zur ichpsychologischen Schule von Anna Freud, insbesondere ein Beitrag von Jacques Berna über die ichpsychologische Behandlungstechnik. Die Anfänge der Kinderanalyse werden bis ins Detail in dem von Bittner und Heller (1983) herausgegebenen Buch »Eine Kinderanalyse bei Anna Freud« mit allen Notizen und Materialien und mit Erinnerungen von Peter Heller nachgezeichnet. Heller, geprägt von seiner eigenen Psychoanalyse bei Anna Freud und liebevoll verbunden mit ihr, war 50 Jahre nach seiner Analyse dennoch der Meinung, dass Anna Freud und ihrem Kreis die Grundstimmung einer »altjüngferlichen Heiligkeit und Puritanismus« anhaftete (ebd., S. 297 f.).

Es war dann Melanie Klein, die der Kinderanalyse ihren klaren analytischen Rahmen gab. Sie deutete und bearbeitete negative Übertragungen beispielsweise als Ausdruck von Ambivalenz der Mutter gegenüber, ging davon aus, dass auch kleinste Kinder bereits eine Übertragungsneurose herstellen, da bei ihr Übertragung auf Projektion und Introjektion früher Teilaspekte beruhte, die es zu deuten gilt. Von Beginn an standen alle theoretischen Überlegungen von Melanie Klein konträr zu denen von Anna Freud. Melanie Klein wurde 1882 geboren, legte mit 17 Jahren die Reifeprüfung ab, entschied sich jedoch gegen ein Studium und heiratete bereits mit 21 Jahren. Nach der Geburt des zweiten Kindes verfiel sie in schwere Depressionen. Wegen ihres Mannes nach Budapest umgezogen, lernte sie dort Ferenczi kennen und machte bei ihm eine Analyse (eine zweite später bei Abraham). Während dieser Zeit wurde ihre große Begabung im Verstehen von Kindern deutlich und Melanie Klein begann mit ihrer ersten Analyse des fünfjährigen Kindes Fritz, der – wie wir inzwischen wissen – eigentlich ihr Sohn Erich war (Hamann 1993, S. 17). Die Behandlung führte sie – logischerweise – im Hause des Kindes mit dessen eigenen Spielsachen durch und Melanie Klein sah rückblickend diese Therapie als die Entstehung ihrer psychoanalytischen Spieltechnik an: »Das Kind drückte von Anfang an seine Fantasien und Ängste hauptsächlich im Spiel aus, während ich beständig deutete, mit dem Erfolg, dass neues Material im Spiele auftauchte« (Klein 1962, S. 153). Von Beginn an ersetzte also Melanie Klein eine Analyse von verbalen Äußerungen durch die Analyse des Spiels und deutete konsequent, denn sie war – in Widerspruch zu Anna Freud – unerschütterlich davon überzeugt, dass bereits Kleinkinder vollständige Übertragungen auf den Kinderanalytiker entwickeln und dass ihr Spiel in allen Einzelheiten als der symbolische Ausdruck unbewusster Konflikte angesehen werden kann (Stork 1976, S. 143). Das Spiel ist nach Melanie Klein eine Symbolisierung des psychischen Geschehens, also der unbewussten Fantasien des Kindes. Die unbewusste Fantasie ist für Klein psychischer Repräsentant oder Korrelat von Triebregungen. Und da Triebe bekanntlich von Geburt an wirksam sind, setzte sie auch ein primitives Fantasieleben von Geburt an voraus. Dies bedeutete gleichzeitig, dass von Anfang an erste Objektbeziehungen bestehen, was ebenfalls zu Meinungsverschiedenheiten führte, da das neugeborene Kind lange Zeit lediglich als »Reflexwesen« angesehen wurde (ebd., S. 144). Damit wird auch verständlich, warum Melanie Klein eine vollständig andere Definition und Vorstellung von Übertragung haben musste als Anna Freud und auch an Übertragungen von Beginn der Analyse an glaubte, zumal sie ödipale Strukturen weitaus früher vermutete als bis dahin angenommen. Die Übertragung ist bei Melanie Klein nicht mehr nur eine Repräsentanz des verdrängten Unbewussten, sondern stammt – wie bereits erwähnt – aus dem steten Wirken der unbewussten Fantasie, welche alle Triebregungen begleitet (Hamann 1993, S. 64). Diese Erkenntnis bestimmte ihr Vorgehen in der Analyse ganz entscheidend. Mit der konsequenten Deutung auch der Aggression und archaischer Fantasien legte sie zudem den Grundstein für die Behandlung psychotischer Kinder und so bedeutender Konzepte wie das des »Containings« von Bion ( Kap. 26).

Von 1923 an stellte Melanie Klein dem Kind in der Analyse ausgewählte Spielsachen zur Verfügung, die speziell für jedes Kind in einer Schachtel aufbewahrt wurden (hölzerne Frauen und Männer, Autos, Tiere, Bäume, Bleistifte, Buntstifte, Leim, Kugeln und Bälle etc.). Ihr Spielzimmer war nur mit dem Nötigsten ausgestattet, u. a. jedoch mit fließendem Wasser. Ob direkt über das Spiel oder indirekt, richtete Melanie Klein ihr Augenmerk primär auf die Ängste des Kindes und versuchte sie durch Deutung zu vermindern (Klein 1962). Alle nicht-analytischen nicht-deutenden Methoden, alle »Erziehungsmaßnahmen« wurden vermieden, es wurde keine Ermutigung, keine Versicherung oder Gratifikation gegeben, um die Übertragungen nicht zu beeinflussen.

Kritisch wird bei Melanie Klein oft angemerkt, ob sie nicht die Rolle der Fantasie zu stark betone und die Realität vernachlässige, ob sie nicht zu aktiv deute. Tatsächlich wirkt manche Deutung sehr intrusiv, was Hamann (1993, S. 84 ff.) aber einer großen Sensibilität im Umgang mit dem Material gegenüberstellt. Jacques Berna spricht sogar von »diktatorisch aufgezwungenen Deutungen« (1967, S. 329).

Während Anna Freud mehr Wert auf die Analyse der Ich-Strukturen und der Abwehr legte und im Bewussten arbeitete, suchte Melanie Klein sofort und schnell Kontakt zu den unbewussten Strukturen ihrer Patienten herzustellen (Hamann 1993, S. 78). Die Unterschiede zwischen den Techniken von Anna Freud und Melanie Klein sind eklatant, vor allem was den Umgang mit der Übertragung und den Stellenwert der kindlichen Sexualität angeht. Stephan hat in diesem Zusammenhang sehr zugespitzt formuliert: »Die Arbeiten von Melanie Klein stellten deshalb eine große Provokation für Anna Freud dar, weil in ihnen all das zur Sprache kam, was sie selbst auf ihrem mühsamen Weg zur väterlichen Psychoanalyse hinter sich gelassen hatte« (1992, S. 298).

Die kleinianischen Annahmen, vor allem die Bedeutung der Projektiven Identifizierung und der Symbolbildung, wurden von ihren Schülerinnen und Schülern fortgeführt und erweitert, insbesondere von Paula Heimann, Wilfred R. Bion und Hanna Segal ( Kap. VI.2). Die Gegenübertragung meinte ursprünglich bekanntlich die neurotische Reaktion des Analytikers auf die Übertragungsneurose seines Patienten, welche unbedingt vermieden werden sollte. Paula Heimann (1950, vgl. Thömä und Kächele 1985, S. 86 und 88) verstand – vor dem Hintergrund von projektiven Identifizierungen – unter der Gegenübertragung jedoch alle Gefühle, die der Analytiker seinem Patienten gegenüber erlebt, die dieser aushalten und nicht abreagieren sollte. Mit dieser Auffassung bekam die Gegenübertragung, auch in der Kinderanalyse, eine völlig neue Definition und Dimension.

Einen originären Beitrag zur Kinderanalyse hat Bick (1968) geliefert. Ihre These war, dass Persönlichkeitsanteile in ihrer primitivsten Form so empfunden werden, als müssten sie zusammengehalten werden, um die Katastrophe des Auseinanderfallens zu verhindern. Im frühkindlichen, unintegrierten Zustand kann ihrer Meinung nach ein bewahrendes Objekt ganz konkretistisch als Haut erfahren werden, als hielte es die Teile der Persönlichkeit zusammen.

Der heutige Stand der Psychoanalyse von Kindern und die technische Anwendung dieser theoretischen Neuerungen, insbesondere die Handhabung der Gegenübertragung, wird ausführlich von Harris, Bick, O’Shaughnessy und Eskalinen de Folch in den von Bott-Spillius (1990) herausgegeben zwei Bänden »Melanie Klein Heute« dargestellt. Wie die projektive Identifizierung und Gegenübertragung zur Psychodiagnostik von Jugendlichen in Erstinterviews genutzt werden kann, hat Salzberger-Wittenberg in einem Vortrag verdeutlicht, der 1994 veröffentlicht wurde. Ebenso erscheinen regelmäßig Arbeiten zur kleinianischen Kinderanalyse in der Zeitschrift »Kinderanalyse« sowie in der Zeitschrift »Analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie«.

Donald W. Winnicott wurde 1896 geboren, studierte in Cambridge Medizin und arbeitete als Kinderarzt in einem Londoner Kinderkrankenhaus. 1923 begann er eine Lehranalyse bei James Strachey und arbeitete von da an als Kinderarzt und Analytiker. Winnicott hat viele Gedanken Melanie Kleins aufgenommen, der er dennoch zeitlebens kritisch gegenüberstand; sein Denken zeichnet sich vor allem durch Originalität, Unkonventionalität und Spontaneität aus (vgl. Stork, 1976, S. 152). Abgesehen von der Erfindung des sogenannten Schnörkelspiels, bei dem abwechselnd Kind und Analytiker einen Schnörkel beginnen und ausmalen, was die Fähigkeit zur Assoziation anregen soll, liegt Winnicotts (1973; 1984) Beitrag zur Technik der Kinderanalyse vor allem in seinem Konzept des »Haltens« ( Kap. 21). Das »Halten« erlaubt dem Kind, Schritt für Schritt sein Selbst zu entwickeln und unabhängig zu werden. Winnicott hat damit den Blick auf Störungen des Selbst und deren Behandlung gelenkt. Nicht allein die Deutung, sondern der Heilungsfaktor der Beziehung zum Analytiker, die Verinnerlichung der Objektbeziehungen und die Strukturierung des Selbst stehen bei ihm im Mittelpunkt. Sein Konzept kann vielleicht dahingehend missverstanden werden (und ist oft missverstanden worden), dass der Analytiker nur, so wie die hinreichend gute Mutter, genügend viel »Halten« müsse. Winnicott betont aber auch die Rolle der Versagungen und die Entwicklung von der Fantasie (Omnipotenz) zur Realität, so dass er, auch wenn der Rahmen oder das dritte Objekt in seinen Therapiekonzepten explizit keine Rolle spielen, die Realität und das dritte Objekt nicht verleugnet.

Khan (1977), einer seiner Schüler, meinte, dass Winnicott zu einer wesentlichen Erweiterung und Vertiefung des klassischen Begriffsrahmens der Psychoanalyse beigetragen und so viele neue Begriffe geschaffen habe, dennoch keine Schule begründete, weil vieles, was er über seine spezifische Behandlungstechnik berichtet, auf ihn selbst zugeschnitten und nicht übertragbar war. Die psychotherapeutische Behandlung eines gerade zweijährigen Mädchens, deren 14 Sitzungen sich über drei Jahre erstreckten, beschreibt und kommentiert Winnicott in seiner Falldarstellung »Piggle« (1980), in welcher Ähnlichkeiten mit der Klein‘schen Psychoanalyse, aber auch Unterschiede zu ihr deutlich werden.

Ein bedeutender Vertreter der Kinderanalyse im deutschen Raum war der 1911 in Zürich geborene Jacques Berna. Obwohl er später die ich-psychologische Behandlungstechnik von Anna Freud ausübte und lehrte, konnte er sich den Inhalt ihrer frühen Schriften zur Kinderanalyse nie aneignen (Hermann 1992). Auch Melanie Kleins Position konnte Berna nicht akzeptieren, weil ihm ihre frühe und tiefgehende Deutungsarbeit fremd blieb. Seine therapeutische Arbeit hat er in vielen Aufsätzen in der Psyche dargelegt, insbesondere jedoch in seinem 1973 erschienenen Buch »Kinder beim Analytiker«. Seine wichtigsten Arbeiten wurden noch einmal 1996 mit dem Titel »Liebe zu Kindern – Aus der Praxis eines Analytikers« neu aufgelegt, u. a. »Der Fall eines zwangsneurotischen Jugendlichen«.

Hans Zulliger, 1893 geboren, ehemals Volksschullehrer, wies in seiner Arbeit »Heilende Kräfte im kindlichen Spiel« (1975), die 1951 erschien, auf einen wichtigen Aspekt bei der Frage der Deutung im Kinderspiel hin. Das Spiel ist bei Zulliger die Sprache des Kindes, es ersetzt sie jedoch nicht einfach. Um Kinder verstehen zu können, müsse man sich einfühlen, affektiv mitgehen, sich mit den Kindern identifizieren können. Das Denken des Kindes ist noch magisch, was bedeutet, dass das Spiel kein Spiel, sondern Wirklichkeit sei. Zulliger fiel auf, dass Symptome oft verschwanden, noch ehe er sie gedeutet hatte. Zulliger verstand dies als Zeichen, dass bereits im Spiel dem Kind durch das Reagieren des Therapeuten, der mitspielte, Deutungen gegeben werden, die das Kind verarbeitet. Nicht das Spiel wird gedeutet, sondern im Spiel wird in der magischen Denkweise des Kindes eine Deutung gegeben. Die Kinderanalyse ist nach Zulliger immer in der Gefahr der Intellektualisierung, was nur den Widerstand fördert. Er forderte keine reine Spieltechnik, sondern ein flexibles Umgehen mit der Deutung, die unter Umständen auch eine Deutung im Spiel selbst sein kann, indem zum Beispiel der Kasperl dieses oder jenes sagt.

Zulliger ging davon aus, dass bei Jugendlichen weder die Kinder- noch die Erwachsenenanalyse angewandt werden könnte. So entwickelte er seine »Spaziergang-Behandlung« (1966), die er als »klassische Technik« bei Jugendlichen bezeichnete. Er gestand allerdings auch ein, dass es möglich wäre, dass ihm diese Art, Jugendliche auf Spaziergängen psychoanalytisch zu behandeln, besonders liegen würde, ein anderer jedoch weniger Erfolg bzw. »Glück« damit hätte.

Françoise Dolto, geboren 1908, die in Paris von 1938 bis zu ihrem Tod 1988 mit chronisch kranken, psychotischen und früh gestörten Kindern arbeitete (1989a,b), steht in der Tradition Lacans. Behandlungstechnisch geht es bei ihr um die Verbalisierung des Verworfenen, um die Annahme des Vaters, der als drittes Objekt die Dyade mit der Mutter öffnet, um die Annahme der Gesetze der Realität und der verschiedenen Stufen der Kastration, die Akzeptanz des Mangels und Entwicklung des Begehrens, was wir im Rahmen der Psychosetheorie ( Kap. 26) ausführlicher beschreiben. Die französische Schule, geprägt durch die Arbeit mit psychotischen und behinderten Menschen, betont die Funktion des Rahmens und die Bedeutung des dritten Objektes. Diese Funktion unterstützte Dolto, indem sie eine symbolische Bezahlung als Vertrag einführte. Das Kind bezahlt den Analytiker symbolisch mit kleinen Kieselsteinen, Briefmarken oder ähnlichen Gegenständen. So wird dem Kind verständlich, dass der Analytiker einen Beruf ausübt. Vergleichen wir dieses Konzept mit Anna Freuds Ausführungen zur Einleitung einer Analyse, wird deutlich, welch weiten Weg die Kinderanalyse im letzten Jahrhundert zurückgelegt hat. Die symbolische Bezahlung hat keinen Eingang in die Behandlungstechnik gefunden, sie war zu eng mit der Persönlichkeit Doltos verknüpft. Problematisch ist bei der symbolischen Bezahlung, ob die Kinder dieses Mitbringsel nicht als Geschenk begreifen; der Rahmen sollte bei Kindern stärker über die Haltung des Analytikers vermittelt werden anstelle einer letztendlich fragwürdigen Regelung von Bezahlung mit Kieselsteinen.

Der Buchtitel »Alles ist Sprache« (1989b) war gleichzeitig ein Grundsatz, der sich durch die gesamte psychoanalytische Arbeit mit Kindern zog. Dolto ging davon aus, dass die Psychoanalyse den Beweis erbracht habe, dass das Kind, wie klein es auch sei, das Verständnis des Sinns für Wörter habe, welche sein »Auf der Welt-sein« beträfen. Das Sprechen könne jeden Menschen befreien, wenn es ihm gelänge, dadurch jemanden, der ihm mit Aufmerksamkeit und ohne Werturteil zuhöre, sein Leiden auszudrücken (ebd., S. 168).

Der Einfluss der französischen Schule ist heute vor allem bei der Gruppe um Jochen Stork zu sehen, welche neben Klein und Bion vor allem französische Kinderanalytiker (Dolto, Diatkine, u. a.) mit einbezieht und deren Arbeiten in der von Stork herausgegebenen Zeitschrift »Kinderanalyse«, einem bedeutsamen Forum für die Anwendung der Psychoanalyse des Kindes- und Jugendalters, erscheinen. An dieser Stelle ist auch die Arbeitsgruppe um Hilde Kipp zu erwähnen, die maßgeblich an der Weiterentwicklung der französischen Theorien in der Kinderanalyse in Deutschland arbeitet und dies in der Zeitschrift »Arbeitshefte Kinderpsychoanalyse« dokumentiert.

Neidhardt (1988) hat dargestellt, dass der Wechsel vom Begriff des Psychagogen zu dem des Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten Mitte der 1970er Jahre nicht lediglich der Austausch eines Etiketts war, sondern dass die veränderte Berufsbezeichnung einem Fortschreiten der psychoanalytischen Technik Rechnung trug. An den von ihm beschriebenen Entwicklungsschritten wurde aber auch deutlich, dass die internationale Psychoanalyse und ihre Weiterentwicklungen erst in den 1960er und 1970er Jahren in Deutschland wieder an Einfluss gewannen. Neidhardt beschrieb in seiner Arbeit drei Meilensteine dieser Entwicklung: Ganz am Anfang, direkt nach dem Zweiten Weltkrieg, stand die Psychagogik, eine Synthese aus Pädagogik und Psychotherapie; die Ich-Psychologie gab den Anstoß zur Entwicklung der analytischen Kinderpsychotherapie, die sich schließlich zur heutigen Kinderanalyse auf der Grundlage von Übertragungsbeziehungen wandelte (Neidhardt 1988, S. 81 f.).

Konsequente – ausschließlich – selbstpsychologische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen wird eher selten durchgeführt, jedoch haben die Arbeiten von Kohut und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auch in Deutschland die Ausübung der Kinderanalyse generell beeinflusst, insbesondere im Bereich der Diagnostik. Hilke (2000) hat in einem Beitrag die Perspektive der psychoanalytischen Selbstpsychologie für die Kinderpsychotherapie am Beispiel der Behandlung eines achteinhalbjährigen Jungen dargestellt. Die psychoanalytische Selbstpsychologie sieht als das oberste Ziel jeder Behandlung die Stärkung des Selbst und einen Zuwachs an Struktur. Darum stehen auch im Zentrum einer selbstpsychologischen Behandlung immer der Selbstzustand des Patienten und seine Selbstobjektbedürfnisse. Das Selbstobjekt ist der subjektive Aspekt einer Funktion, die durch eine Beziehung erfüllt wird. Jene Funktionen der Beziehung zu den Pflegepersonen, die im Säugling die Erfahrung seines Selbstseins wecken und aufrechterhalten, werden als Selbstobjektfunktionen definiert. Wesentlich in einer selbstpsychologisch orientierten Behandlung sind darum die Selbstobjektübertragungen, bei denen sich Selbstobjektbedürfnisse auf den Analytiker richten bzw. abgewehrt werden (z. B. Bedürfnis nach Spiegelung und Bedürfnis nach Idealisierung). Von großer Bedeutung ist dabei die Empathie, indem sich der Analytiker in den Patienten hineinversetzt und die Welt aus dessen innerer Perspektive wahrnimmt und interpretiert (ebd., S. 28). Weitere Darstellungen von Kinderbehandlungen aus Sicht der Selbstpsychologie finden sich u. a. bei Seiler (1998).

Der Umgang mit der Übertragung hat sich – auch in der Nicht-Kleinianischen Psychoanalyse – sehr verändert. Mit den Arbeiten von Gill (zit. n. Thomä und Kächele 1985) hat die Deutung der Beziehung im Hier und Jetzt (die lange Zeit vernachlässigt worden war) immer mehr an Einfluss gewonnen, auch in der Kinderanalyse. Die aktuelle Handhabung der Übertragung in der psychoanalytischen Arbeit mit Kindern hat Raue (2000) herausgearbeitet und betont, dass vor allem die Arbeit an den negativen Übertragungen und an den Widerständen von größter Bedeutung ist. Raue hebt auch hervor, dass im Aushalten der negativen Übertragung und späteren Verbalisierung ein wichtiger Beitrag zur Heilung geleistet wird, der viel zu wenig diskutiert wird. Den Stand des Übertragungsbegriffes der Anna-Freud-Schule referieren Fonagy und Sandler (1997). Sie betonen, dass es wichtig sei, dass der Analytiker in der Formulierung der Deutung auch zu verstehen gibt, dass das Kind um Impulskontrolle ringt. Solche Deutungen würden den inneren Konflikt des Kindes zwischen einem Wunsch und dem Versuch, ihn zu bändigen, betonen. Die Autoren unterstreichen, dass auch aktuelle Außenbeziehungen kommentiert werden könnten, zumeist sollten die Beziehungsmuster nach Meinung der Autoren jedoch im Rahmen der therapeutischen Beziehung (also im Hier und Jetzt) gedeutet werden.

Schäberle (1995) hat die Funktion der Sprache in der Kinderanalyse in vielfältiger Weise diskutiert und an eigenem Fallmaterial dokumentiert. Seiner Meinung nach bedeutet zur »Sprache-Bringen« immer auch einen Bruch der Illusion, ganz eingefühlt und befriedigt zu werden (siehe Mutismus). Hieraus erwächst, wie bei Dolto, die Möglichkeit, Wünsche im Spannungsverhältnis von Begehren und Leiden auszudrücken. Sprache hebt aber auch Omnipotenzfantasien auf und sie wirkt triangulierend, denn sie unterbricht den Mechanismus der projektiven Identifizierung.

Eine ausführliche Darstellung der unterschiedlichen Konzeptionen von Elternarbeit bei Anna Freud und Melanie Klein findet sich in einem Aufsatz von Windaus (1999). Der Autor erörtert zudem kritisch neuere Ansätze zur Elternarbeit und stellt seine Anwendung von szenischem Verstehen im »Hier und Jetzt« vor. Ahlheim und Eickmann (1999) beschreiben spezielle Wirkfaktoren in der Arbeit mit den Eltern, wobei sie als wesentliche Ziele die Stärkung der elterlichen Position und die Wiederherstellung der elterlichen Allianz sehen. Eine umfassende Arbeit mit den wesentlichen Behandlungszielen und einer Diskussion der aktuellen Literatur zur begleitenden tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie der Bezugspersonen hat Ahlheim verfasst (Hopf und Windaus 2007). Kurz erwähnt werden soll in diesem Zusammenhang auch die Bedeutung der Säuglingsbeobachtung (Lazar 2000) für die Ausbildung wie auch für die analytische Psychotherapie von Müttern mit Säuglingen und kleinen Kindern (Hirschmüller 2000; Eliacheff 1994), zur Neurosenprophylaxe und Bewältigung entstehender psychischer Störungen.

5.2 Analytische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie heute

Thomä und Kächele (2006, S. 37) kritisieren, dass an den Ausbildungsinstituten so gut wie keine nennenswerte Forschung betrieben worden ist, vor allem wurden zu wenig Evaluationen durchgeführt. Die Erkenntnis, dass Psychoanalyse immer Krankenbehandlung und Forschung ist, ist zwar hinsichtlich von hermeneutischer Forschung richtig, genügte aber nicht mehr, seit psychoanalytische Behandlungen Bestandteil der kassenärztlichen Versorgung geworden sind. Die traditionelle Empiriefeindlichkeit führte zu Versäumnissen, der geforderte Nachweis für wissenschaftliche Fundierung konnte nicht ausreichend erbracht werden (Seiffge-Krenke 2007, S. 350).

In einzelnen Instituten in Deutschland sind heute bestimmte Schulrichtungen (vor allem von Klein/Bion und C.G. Jung) vertreten. Gelegentlich haben sich auch Gruppierungen etabliert, die eine spezifische Lehre vertreten und sich nach außen abgrenzen. Bereits die Dauer von Behandlungen lässt institutseigene (damit natürlich auch theoretische und behandlungstechnische) Unterschiede deutlich werden. In einer Untersuchung konnte beispielsweise festgestellt werden, dass analytische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten im Durchschnitt zwischen 75, an anderen Instituten bis zu 148 Stunden für eine Kinder-Behandlung benötigten (vgl. Hirschmüller u. a. 1997).

Die Großgruppe der analytischen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, auch der analytisch arbeitenden Psychologen und Ärzte, ist jedoch nicht schulgebunden und bezieht behandlungstechnische Neuerungen vieler Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytiker in ihre psychoanalytische Arbeit ein; sie partizipieren somit an der Pluralität der Psychoanalyse, entwickeln jedoch vor dem Hintergrund der eigenen Persönlichkeit ihre ganz persönliche Sichtweise und ihren persönlichen Stil. Die zugrunde liegenden theoretischen und behandlungstechnischen Überzeugungen sind allmählich im Rahmen persönlicher Entwicklungsprozesse, durch Auseinandersetzung, Aufnahme und Abstoßung, durch Identifizierung und Unverträglichkeit mit wichtigen Personen und Theorien gewachsen und bedürfen darum immer auch der Anerkennung und Respektierung anders denkender und argumentierender Kolleginnen und Kollegen. Sie sollten grundständige Tugenden aller Diskussionen sein (vgl. Will 2006, S. 69). Pine (1990) nennt vier psychoanalytische Psychologien, die der heutigen Psychoanalyse zugrunde liegen: Trieb-, Ich-, Objektbeziehungs- und Selbstpsychologie, sie sind genauso die zentralen Grundlagen der Psychoanalyse des Kindes- und Jugendalters.

5.3 Der Beginn: Spiel, Rahmen, Abstinenz und Neutralität, Grundregel

Wie in der analytischen Psychotherapie Erwachsener ist die Erkenntnis von einem Unbewussten wichtigstes Essential und die entscheidende Leitlinie für das Verstehen seelischer Prozesse. Somit gibt es zwischen Erwachsenenanalyse und psychoanalytischer Behandlung von Kindern mehr Gemeinsamkeiten als Trennendes (vgl. Stork 2001, S. 347). Die eingeschränkten Möglichkeiten von Kindern, ihre Träume zu berichten und vor allem zu deren Inhalten zu assoziieren, verlangten die Einführung eines Parameters, des Spiels. Es eröffnet einen intermediären Raum, um unbewusste Konflikte und Beziehungen darzustellen, die der Analytiker mit dem Patienten erleben und verstehen kann. Bereits an der Einrichtung des Praxiszimmers scheiden sich Geister und Theorien. Die psychoanalytischen Konzepte empfehlen hier sorgsame Überlegung und Zurückhaltung. Zum einen bleibt bei wenig Material die Arbeit an der Beziehung, die im Vordergrund steht, deutlich und überschaubar. Zum anderen wird die Kreativität eines Kindes sowie seine Tendenzen zu verbalisieren und zu symbolisieren durch weniger Spielmaterial eher gefördert. Es bleibt zudem wichtig, auch in der Kinderpsychoanalyse mit Träumen zu arbeiten; bei einer entsprechenden Haltung des Analytikers werden Kinder gern Träume erzählen und – in Grenzen – zu ihnen assoziieren (Hopf 2007a).

Damit sind wir bereits bei der Gestaltung eines Settings, was zu den nicht-analytischen Aktivitäten gehört. Es wird auch häufig als der Rahmen einer psychoanalytischen Behandlung bezeichnet. Zu den Bedingungen eines Rahmens gehören die regelmäßigen Sitzungen, die Frequenz, also alle zeitlichen und räumlichen Begrenzungen, die Schweigepflicht, die Finanzierung, die mögliche Einbeziehung von Bezugspersonen, das Ausfallshonorar, etc. Wir können das ganze wie einen Sandkasten betrachten, in dem ein Kind spielt und seine Konflikte agiert. Ohne dessen haltende Begrenzungen würde das Spielen des Kindes unübersichtlich und ungeordnet. Werden die Rahmenbedingungen nicht ausreichend beachtet, werden auch Affekte und Beziehungen undurchschaubar, und der Patient findet keinen ausreichenden Halt. Der Rahmen ist also eine unwandelbare Konstante und kann auch Trennung und Triangulierung repräsentieren. Gemeinsame Regeln und Rahmenbedingungen können auch zu professionellen Kennzeichen werden, so dass ausschließlich eine intensive Stundenfrequenz darüber entscheiden kann, ob eine Behandlung Analyse genannt werden darf (Holder 2002, S. 15; Thomä und Kächele 2006, S. 235). Allerdings kann eine Verabsolutierung von Regeln die Effektivität einer psychoanalytischen Behandlung genauso gefährden wie ein willkürliches Infragestellen von Rahmenbedingungen. Bei der Arbeit an den Rahmenbedingungen kommt es darauf an, diese nicht einfach als Voraussetzung, sondern ihre Etablierung als Gegenstand und Aufgabe von Beziehungsarbeit zu sehen (Berns 2002). Der Kinderanalytiker sollte immer langfristig aushaltbare Rahmenbedingungen aushandeln, damit die Beziehung überleben kann.

Es kann in diesem Abschnitt nicht um eine umfassende Darstellung aller behandlungstechnischen Prinzipien gehen, hierfür gibt es eine Vielzahl von Lehrbüchern (Thomä und Kächele 2006; Hopf und Windaus 2007; Seiffge-Krenke 2007; u. a.). Exemplarisch soll jedoch die Abstinenzregel diskutiert werden. Sie wird von Laplanche und Pontalis (1972/73, S. 22) so definiert, dass der Patient in einer psychoanalytischen Behandlung die geringstmögliche Ersatzbefriedigung für seine Symptome findet. Die Befriedigung seiner Wünsche muss ihm versagt werden, gleichzeitig sollten jedoch die Rollen übernommen werden, die der Patient dem Analytiker aufdrängt; über Abstinenz wird die Etablierung einer Übertragungsbeziehung gefördert. Es sollten also keine irgendwelchen Surrogate beschwichtigend eingesetzt werden. Somit bleibt ein immerwährendes Spannungspotenzial erhalten, welches den psychoanalytischen Prozess aufrecht erhält. Es sollte aber immer reflektiert werden, dass wir unsere Kinderpatienten auf der einen Seite anleiten, ihre Konflikte agierend im Spiel darzustellen. Auf der anderen Seite müssen wir ihr Agierenbegrenzen, damit daraus wieder Fantasien und Erinnerungen werden. Die Gefahr ist darum bei Kindern wesentlich größer als bei Jugendlichen und Erwachsenen, dass sich der Analytiker auf das szenische Geschehen einlässt, es aber zu wenig reflektiert, verbalisiert und deutend mit ihm umgeht.

Winnicott hat dem ersten Gespräch mit einem Kind eine besondere therapeutische Bedeutung beigemessen, weil es eine einmalige Gelegenheit darstellt, mit einem Kind zu kommunizieren, wie es später kaum mehr möglich sei. Gemäß Greenson (1973) bilden den zuverlässigen Kern eines Arbeitsbündnisses die Motivation des Patienten, seine Krankheit zu überwinden, sein Gefühl der Hilflosigkeit, seine bewusste und rationale Bereitwilligkeit mitzuarbeiten und seine Fähigkeit, den Anweisungen und Einsichten des Analytikers zu folgen (ebd., S. 204). Das wirkliche Bündnis bestehe aus dem vernünftigen Ich des Patienten und dem analysierenden Ich des Analytikers, was es so wahrscheinlich nicht gibt, aber immerhin eine Idealvorstellung repräsentiert. Der Therapeut muss die therapeutische Situation so gestalten, dass der Patient Derivate aus dem Unbewussten hervorbringen und ihm mitteilen kann (vgl. Berns 2000, S. 173). Dem erwachsenen Patienten wird gewöhnlich in den ersten Stunden die so genannte Grundregel mitgeteilt, von Thomä und Kächele (2006) wie folgt behutsam formuliert: »Bitte versuchen Sie alles mitzuteilen, was Sie denken und fühlen. Sie werden bemerken, dass dies nicht einfach ist, aber der Versuch lohnt sich« (ebd., S. 238). Älteren Jugendlichen kann das in ähnlicher Weise gesagt werden. Wenn wir einem Kind zum ersten Mal begegnen, sind wir nicht mehr unbefangen, denn in der Regel haben wir bereits mit den Eltern gesprochen, zumeist auch über Absprachen und Rahmenbedingungen. Aber betrachten wir die aktuelle Situation eines Kindes, das zum Erstkontakt kommt: Das Kind steht in der Regel einem wildfremden Menschen gegenüber, weiß nicht, was es tun soll und was von ihm erwartet wird. Das wird zwangsläufig große Ängste hervorrufen, die nur gemildert werden können, indem einem Kind die fremde Situation erklärt wird. Anna Freud hat gemeint, dass kleinere Kinder weniger über die Behandlungsmethode erfahren wollen, sondern darüber, dass sie Hilfe bekommen. So wurde also einem Jungen von viereinhalb Jahren gesagt, er werde hierher gebracht, damit er und seine Mutter nicht mehr so viel Streit miteinander hätten (Sandler, Kennedy und Tyson 1982, S. 188). Dieser antwortete, er streite gern mit seiner Mami! Hier begegnen wir einem Problem. Der Leidensdruck, der in der Regel auf Eltern lastet, muss keineswegs auch bei einem Kind vorhanden sein. Und Behandlungsziele, welche Eltern anstreben, müssen keineswegs die sein, welche ein Kind erreichen will. Eine andere gängige Variante ist es, einem Kind zu sagen: »Wir werden uns jetzt ein- oder zweimal die Woche sehen und du kannst hier spielen und tun, was du willst.« Ich empfehle Ihnen nicht, so etwas beispielsweise einem Kind mit so genannter ADHS und entsprechenden Symbolisierungsstörungen zu sagen. Es wird vielleicht Ihre gut gemeinte Aufforderung unsymbolisiert-konkretistisch umsetzen und Ihr Praxiszimmer in eine Müllhalde verwandeln. Diese Aufforderung missachtet, dass es – wie bereits diskutiert – einen Rahmen, Regeln, Absprachen, eine Realität gibt. Das Kind soll begreifen, wie seine Mitarbeit in dem künftigen analytischen Prozess aussieht, und das können erfahrungsgemäß auch schon kleine Kinder erfassen. Es existiert eine Fülle von Literatur über die erste Stunde, eine Arbeit stammt von Berna-Glantz (1972). Darin sagt sie zu ihrer elfjährigen Patientin folgendes: »Die Eltern möchten, dass ich Euch helfe. Ich tue das gern. Die Hilfe sieht so aus, dass ich Dir – und den Eltern – helfe, das, was schwierig ist, besser zu verstehen. Dazu ist es am besten, wenn Du mir möglichst viel erzählst, was Dir gerade in den Sinn kommt. Für uns ist alles interessant« (ebd., S. 58). Es fällt auf, dass Berna-Glantz sich mit ihrer Formulierung stark an der Grundregel für Erwachsene orientiert, Träume und Spielen bleiben unerwähnt. Wir sind der Überzeugung, dass immer wieder aufs Neue erspürt werden muss, was oder wie etwas einem bestimmten Kind erklärt werden soll. Wir folgen hier Anna Freud, die festgestellt hat, dass es keine Formel dafür gibt, wie man ein Kind in die Behandlung einführen soll: »Tatsächlich könnte ein standardisiertes Schema für die Durchführung von Anfangssitzungen ohne Rücksicht auf die Natur der Störung des Kindes oder den Grad seines Bewusstseins davon nur die optimale Entwicklung der analytischen Arbeit beeinträchtigen« (Sandler, Kennedy und Tyson 1972, S. 188). Indem wir von Anfang an mit dem Kind analytisch arbeiten, die Szenen verstehen und deutend mit ihnen umgehen, können wir auch sukzessive das Arbeitsbündnis vermitteln und herstellen.

5.4 Ärztliche Untersuchung, eventuelle Medikation, psychoanalytische Verfahren

So gut wie alle analytischen Psychotherapien von Kindern und Jugendlichen finden innerhalb des Psychotherapie-Richtlinien-Verfahrens statt, das sich innerhalb von vierzig Jahren bestens bewährt hat. Auch Thomä und Kächele (2006, S. 217) gehen davon aus, dass es insgesamt gute Lösungen mit großem Spielraum für den einzelnen Fall ermöglicht. Das Gutachterverfahren erfordert einen ärztlichen Konsiliar-Bericht, also eine organmedizinische Untersuchung des künftigen Psychotherapie-Patienten. Da fast alle Psychotherapeuten für Kinder und Jugendliche keine Ärzte sind, ist diese Untersuchung verpflichtend und wird von den Behandlern in der Regel hilfreich und entlastend erlebt. In vielen Fällen wird zur kinder- und jugendpsychiatrischen Untersuchung überwiesen. Der konsiliarisch untersuchende und zuweisende Arzt kann sich in Einzelfällen bei Indikation für eine medizinische Mitbehandlung entscheiden. Ideal ist ein dynamischer Umgang mit dem Medikament, mit dem Ziel, es in Nutzung des Behandlungsbündnisses mit dem Patienten und seinen Eltern und in enger Zusammenarbeit mit dem Arzt bei fortschreitender Symptomverbesserung auszuschleichen. Pharmaka haben immer eine Übertragungs- und Gegenübertragungsbedeutung (vgl. Pozzi 2002). Die Wirkung eines Medikaments wird meist aus der jeweiligen individuellen Übertragungs- und Gegenübertragungssituation interpretiert: Das Medikament kann als Geschenk angesehen werden, aber auch als Eingriff in die Autonomie oder gar als Bedrohung des Körperselbst erlebt werden. Meist wird das Medikament durch einen Dritten verordnet, der auf diese Weise in der Dynamik der Behandlungsbeziehung eine Bedeutung bekommt. So können vielfältige psychodynamische Implikationen die Wirksamkeit eines Medikaments, unabhängig von den pharmakokinetischen Beschreibungen, ganz entscheidend bestimmen (vgl. Heinemann und Hopf 2006; Borowski 2007).

Die Anwendungsformen der psychoanalytischen Verfahren werden in den Psychotherapie-Richtlinien beschrieben. Die dort definierten Anwendungsformen beschreiben inhaltlich Verfahrensmodifikationen psychoanalytischer Arbeit, die auf einem Kontinuum zu verstehen sind. Auf der einen Seite dieses Kontinuums steht die Psychoanalyse, auf der anderen Seite die tiefenpsychologisch-fundierte Psychotherapie und im Zwischenfeld die psychoanalytische Psychotherapie (vgl. Borowski 2007).

Hoch frequente Kinderanalyse (4–5 Wochenstunden) ist kein Richtlinienverfahren und kann darum nicht – auch nicht zum Teil (!) – über eine Krankenkasse finanziert werden. Eine hoch frequente Analyse kann in der Regel tiefgreifende und nachhaltige strukturelle Veränderungen erreichen, während bei der üblichen zweistündigen Frequenz die Behandlung stärker auf die Symptomauflösung und Förderung der Entwicklung konzentriert ist (vgl. Müller-Brühn 1998, 2002). Die kinderanalytischen Ausbildungsanforderungen sollten auch in kommenden – vermutlich schwierigen – Zeiten Ideal und Anspruch bleiben: Zumindest eine vier- oder wenigstens dreistündige Behandlung sollte jeder Kinderanalytiker einmal unter Supervision durchführen. Ein zweistündiges Setting ist allerdings nicht nur notwendiges »Übel«, sondern ein durchaus annehmbarer Kompromiss, wie Ahlheim (1998, S. 131) schreibt: Die therapeutische Beziehung ist dicht genug, um Übertragungsfantasien und Widerstände systematisch zu bearbeiten. Andererseits kann das Kind seinen Alltag noch gut bewältigen und besitzt noch ausreichenden Raum für Spiel und Freizeit.

Die Häufigkeiten der in Deutschland durchgeführten Analysen mit einer – zeitweiligen – Frequenz von drei Sitzungen liegen seit Jahren bei 1 % und darunter. Offensichtlich wird über hoch frequente Behandlungen häufiger gesprochen, als dass sie durchgeführt würden. Insofern stellt das zweistündige Richtlinien-Setting den kleinsten gemeinsamen Nenner der verschiedenen Interessen von Kinderpatient, Behandler und Krankenkasse dar (vgl. Ahlheim 1998). Wie die analytische ist auch die tiefenpsychologisch fundierte Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie ein von der Psychoanalyse abgeleitetes Verfahren. Interessanterweise geht der Kommentar der Psychotherapie-Richtlinien (Faber und Haarstrick 2005) davon aus, dass eine exakte Unterscheidung der beiden Behandlungsarten in der Kinderpsychotherapie nicht begründet werden kann (ebd., S. 41), so dass auch die gleichen Kontingente gewährt werden. Der Stand der Theorie-Diskussion ist allerdings ein anderer. Wie in der Erwachsenenpsychotherapie können sehr wohl auch für die Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Methoden herausgearbeitet werden. Gemeinsam ist den beiden Verfahren

• das Lehrgebäude der Psychoanalyse,

• die Annahme eines Unbewussten und einer Neurosenlehre,

• über Einsicht und positive Beziehungserfahrungen werden Besserung und Heilung erzielt,

• im Zentrum der Behandlung stehen Widerstand, Übertragung und Gegenübertragung,

• Neutralität und Abstinenz müssen gewahrt werden (vgl. Wöller und Kruse 2001).

An dieser Stelle wird bereits deutlich, dass für beide Verfahren auch die gleiche umfassende psychoanalytische Ausbildung Voraussetzung sein muss. Tiefenpsychologisch fundierte Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie ist keine ausgedünnte Anwendung von Psychoanalyse; sie ist ein aus der Psychoanalyse abgeleitetes Verfahren mit modifizierter Behandlungstechnik. Indikationsstellung und Anwendungen der speziellen Technik verlangen sogar besondere Kenntnisse von Behandlerin oder Behandler. Wie sehen die Unterschiede aus?

• In der Regel ist eine tiefenpsychologisch fundierte Behandlung nieder frequent und zeitlich begrenzt, die Behandlungsziele konzentrieren sich auf die Auflösung der Symptomatik und auf Verhaltensänderungen.

• Dies wirkt sich natürlich auf die Tiefe der Regression aus, welche gesehen, auch geduldet, aber nicht forciert werden sollte.

• Konflikte werden fokussiert, das heißt, es werden psychische Störungen mit deutlich abgrenzbaren Konfliktbereichen aufdeckend bearbeitet.

Dies bedarf erfahrungsgemäß – wie bereits erwähnt – besonderer Erfahrungen und Kenntnisse. Zentraler Unterschied ist die Handhabung von Übertragung und Gegenübertragung. Die Entstehung einer Übertragungsneurose sollte vermieden werden; Übertragungsdeutungen sollten darum nicht im »Hier und Jetzt«, sondern ausschließlich im »Dort und Damals« erfolgen. Dies macht es auch möglich, dass der Therapeut aktiver und direkter mit dem Material der Stunden umgeht. Ob andere Interventionsformen einbezogen werden können, hängt vom Geschick und Können der Behandlerin, des Behandlers ab, wahrzunehmen, was solche Techniken bei dem Patienten und seiner Übertragungsbeziehung bewirken. Zusammengefasst heißt das, die Psychoanalyse und die analytische Psychotherapie beziehen sich auf die Herstellung und Gestaltung eines analytischen Prozesses, beide Verfahren rücken die Bearbeitung der Übertragungsneurose in den Vordergrund und verbinden damit die Möglichkeit der Veränderung der neurotischen Struktur. Die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie beachtet wohl Übertragung und Gegenübertragung, fühlt sich jedoch, bezogen auf die psychoanalytische Haltung, an die Herstellung einer analytischen Atmosphäre und analytischen Erfahrung gebunden (s. u.), verzichtet aber auf die Entfaltung der Bearbeitung der Übertragungsneurose, unter Einschränkung regressiver Prozesse. Das Behandlungsziel ist nicht eine Veränderung der neurotischen Struktur, sondern die Wiederherstellung des Gleichgewichts in der Selbstregulierung und Beziehungsgestaltung. Damit fokussiert sich die Wahrnehmung des Therapeuten auf die Ebene psychosozialer Konfliktkonstellationen (Borowski 2007).

Eine Sonderstellung nimmt die Kurzzeittherapie, eine analytische Fokaltherapieein. Nach Windaus (2007b, S. 546) ist sie bei passageren Entwicklungsproblemen, neurotischen Konflikten und reaktiven Störungen auf der Basis einer sonst hinreichend guten Entwicklung bei Kindern und Jugendlichen indiziert. Sie wird auch bei Kriseninterventionen eingesetzt und kann bei schweren Störungsbildern der Einleitung einer Langzeittherapie im Sinne einer Probebehandlung dienen. Voraussetzung für eine Indikationsstellung zur Fokaltherapie sind mögliche Fokalisierung auf einen zeitnahen und abgrenzbaren Problembereich und die verbale Ausformulierung eines Fokus. Ein Fokus ist ein bewusstseinsfähiger aktualisierter Kernkonflikt, der in einer Formulierung festgehalten werden kann (Windaus 2007b, S. 541).

5.5 Übertragung – Gegenübertragung – Deutung – Arbeit mit den Eltern – Beendigung

Bekanntlich haben Anna Freud und Melanie Klein hinsichtlich der Übertragung von Kindern unterschiedliche Haltungen eingenommen. Beide gingen davon aus, dass bei Kindern eine spontane Übertragungsbereitschaft besteht und positive und negative Übertragungen möglich sind. Nach Melanie Kleins Beobachtungen bildet sich allerdings beim Kind eine Übertragungsneurose, die der des Erwachsenen völlig analog ist. Anna Freud ging dagegen davon aus, dass Kinder eine ständige, durch Abhängigkeit gekennzeichnete Beziehung zu ihren Eltern in der Gegenwart haben, was die Ausbildung einer Übertragungsneurose wie beim Erwachsenen erschwert (Sandler, Kennedy und Tyson 1982, S. 103). Dadurch erfährt der Analytiker eine geringere Bedeutung als die Eltern. Sie unterscheidet darum zwischen einer Übertragung von üblichen Beziehungsweisen, Übertragung gegenwärtiger Beziehungen und schließlich einer Übertragung früherer Erlebnisse, was der eigentlichen Definition von Übertragung entspricht. Damit bestätigt Anna Freud, dass es während einer Kinderpsychoanalyse durchaus auch Phasen gibt, in welcher sich wiedererweckte Wünsche, Erinnerungen, Fantasien auf den Behandler richten können (Sandler, Kennedy und Tyson 1982, S. 112).

Die Gegenübertragung war einst stringent als eine unbewusste Reaktion auf unbewusste Übertragungen des Patienten gesehen worden und war darum eine lästige Störquelle im psychoanalytischen Prozess (siehe auch Abschnitt vorher). Die pathologischen Anteile des künftigen Analytikers, seine blinden Flecken, mussten also in einer Lehranalyse behoben werden. Heimann hat die Gegenübertragung in das wichtigste Arbeitsmittel des Psychoanalytikers verwandelt, indem sie unter ihr alle Gefühle verstand, die der Analytiker seinem Patienten gegenüber erlebt. Die Annahme, dass die Gegenübertragung das A und O einer analytischen Beziehung und die Schöpfung des Patienten ist, brachte entscheidende Veränderung auch in der analytischen Kinderpsychotherapie mit sich. Eine ausführliche kritische Würdigung und Wege, aber auch ihrer »Entmystifizierung« finden sich bei Thomä und Kächele (2006). Auf unbewusst bleibende spezifische Gegenübertragungsreaktionen bei Kindern, die den analytischen Prozess stören können, weist Windaus hin (2007a, S. 236), wie etwa Rivalität um das Kind mit den Eltern, einseitige Loyalitätsverteilungen zwischen Kind und Eltern, therapeutische Größenfantasien etc. Es muss also auch weiterhin sorgfältig differenziert werden, ob es sich bei der Gegenübertragung um neurotische Anteile des Analytikers handelt oder um nicht neurotische Anteile als Resonanz auf die Übertragungen des Patienten. An dieser Stelle wird die große Bedeutung von Supervision erkennbar.

Ich gehe mit Stork (2001) davon aus, dass Deutung und Deutungsarbeit das wesentliche Spezifikum und Charakteristikum der Psychoanalyse darstellen. Laplanche und Pontalis (1972/73, S. 117) definieren Deutung als eine »Aufdeckung der latenten Bedeutung der Worte und Verhaltensweisen eines Subjekts durch die analytische Untersuchung«. Deutung ist also eine Bewusstmachung von unbewussten psychischen Inhalten mittels Verbalisierung und in der Fortführung das Bestreben, einem unbewussten Geschehen, das bewusst geworden ist, »Bedeutung, Verständnis und Sinn zu geben« (Stork 2001, S. 352). Hinsichtlich der Deutungsziele gibt es geringe Unterschiede zwischen Erwachsenen- und Kinderanalyse, es ist allerdings darauf zu achten, dass die Formulierung einer Deutung kognitiv und emotional auf den Entwicklungsstand eines Kindes Rücksicht nimmt (Windaus 2007a, S. 241). Deutung dient bei Kindern nicht nur der Bewusstmachung von Unbewusstem, sondern auch der Entwicklungsförderung.

Die Deutungsarbeit ist entscheidend von der schulischen Zugehörigkeit geprägt. Gemeinsam ist allen Psychoanalytikern, dass Deutungen in das Übertragungs-Gegenübertragungs-Geschehen im Hier und Jetzt eingebettet sein sollten. Berns (2000) unterscheidet die psychoanalytischen Schulen »deutungstechnisch« an Hand zweier Merkmale: Das eine Merkmal ist die jeweilige Konzeption des Primärprozesses als Bildner der Derivate des Unbewussten, so wie es heutige freudianische Psychoanalytiker verstehen. Anhänger der kleinianischen Schule begreifen unbewusste Fantasien als primäre Triebabkömmlinge und nutzen deutungstechnisch sämtliche Mitteilungen des Patienten konsequent als Derivate des Unbewussten, aus einer innerseelischen Objektbeziehungsperspektive heraus, die genetisch konzipiert ist (ebd., S. 133 f.). Darauf werde ich kurz im Zusammenhang mit der Diskussion des Containments zurückkehren.

Jede Deutung kann auch eine narzisstische Kränkung sein, selbst wenn sie dem Patienten langfristig psychische Erleichterung verschafft. Die Bewusstmachung unbewusster Inhalte ist immer ein schmerzhaftes Ereignis. Kinder machen das oft sehr deutlich, wenn sie sich die Ohren zu halten oder den Analytiker zum Schweigen bringen wollen, weil ihnen seine Worte weh tun. Darum sollten Deutungen immer in »nicht-deutende« Aktivitäten eingebettet sein; dies sind gemäß Stork »Ermutigungen, Beruhigungen, Rückversicherungen, allgemeine Erklärungen, Aufforderungen, Konfrontationen, Suggestionen, Ratschläge, die Vermittlung von Sicherheit, das Setzen von Grenzen und vieles mehr« (2001, S. 354), was natürlich andererseits eine konsequente aufdeckende Arbeit nicht verhindern darf. Der deutenden Funktion steht somit eine haltende (holding function) gegenüber. Winnicott (1984, S. 317) versteht unter dem Halten eines Patienten, dass der Analytiker dem Patienten im richtigen Moment etwas mitteilt, das zeigt, dass der Analytiker die tiefe Angst, die erlebt wird oder deren Erleben erwartet wird, kennt und erlebt. Will (2006) formulierte dies so, dass eine abstinente Zurückhaltung gleichzeitig eine »warmherzige, offene und entwicklungsfördernde Atmosphäre« braucht (ebd., S. 37). Dolto hat zudem gemeint, dass Deutungen am besten als Frage formuliert werden sollten, dann bleibt die Deutungskompetenz beim Patienten (Dolto 1989a, S. 74).

Es ist hier nicht der Raum auf die Problematik von Deutungen einzugehen, ich verweise in diesem Zusammenhang auf die Arbeiten von Berns, Stork, Windaus und andere. Deutungsversuche sind immer von vielerlei Gefahren begleitet. Kurts (2001) hat in einer Arbeit auf eine zentrale Gefährdung hingewiesen: Die unbewussten Repräsentanzen und Wünsche, die in den Spielen und Zeichnungen von Kindern erkannt werden, können sehr faszinieren. Dies kann leicht dazu verleiten, Deutungen über unbewusste Fantasien zu geben, als ob es sich bei ihnen um denkfähige Fantasien handelte. Dabei werden die Abwehrbedürfnisse nicht ausreichend berücksichtigt – in einer solchen Situation kann der Analytiker für das Kind invasiv und verfolgend werden.

Kinder sind von ihren Eltern noch in vielen Bereichen – auch – real abhängig. Wird eine Kinderpsychotherapie geplant, so ist die künftige Zusammenarbeit mit den Eltern ausschlaggebend. Ein Kind kann weder die Notwendigkeit einer Behandlung erkennen, noch kann es die erforderlichen äußeren Bedingungen erfüllen. Das Behandlungsbündnis mit den Eltern entscheidet maßgeblich über einen ungestörten und prognostisch günstigen Verlauf einer Therapie. Darum ist die Mitarbeit der Eltern eine wesentliche Rahmenbedingung, deren Klärung von Beginn an von zentraler Wichtigkeit ist, beispielsweise, wie beide Eltern zur künftigen Therapie stehen und mitarbeiten wollen. Alle erforderlichen Rahmenbedingungen werden mit Eltern und Patienten erarbeitet, der Therapeut darf sie sich jedoch nicht aus den Händen nehmen lassen, denn sie sind sein Werkzeug, und er allein trägt die Verantwortung für den Verlauf und Erfolg einer Therapie. Details wie Frequenz, Dauer, Ferienplanung, Stundenausfall etc. müssen immer vorrangig von psychodynamischen Notwendigkeiten geleitet werden, nicht von realen Wünschen oder Rationalisierungen der Eltern oder des Patienten. Gelegentlich kann eine sorgfältige Klärung sogar dazu führen, dass eine Therapie nicht zustande kommt; diese würde jedoch auch bald scheitern, würden die Eltern die Bedingungen vorgeben. Stehen keine Eltern zur Verfügung, so müssen professionelle Helfer die Einhaltung des Settings gewährleisten.

Die elterliche Konfliktdynamik ist immer maßgeblich mit den neurotischen Konflikten eines Kindes verknüpft. Bereits in den ersten Lebensmonaten kann es zu Entgleisungen des präverbalen Affektaustausches kommen, zum Versagen des Containments. In jeder Entwicklungsphase können nicht bewältigte Konflikte bei den Eltern wiederbelebt werden und ihre eigenen Neurosen wirksam werden lassen. Die Umstellungsfähigkeit und Bereitschaft der Eltern, sich in psychodynamische Prozesse zu begeben und diese zu verstehen, ist ein wesentlicher Aspekt für die Prognose einer geplanten Behandlung. Sie wird auch davon abhängig sein, wie chronifiziert eine pathogene Familiendynamik bereits ist und ob Veränderungen möglich sind. Zentrale Behandlungsziele sind die Auflösung von Projektionen oder Delegationen und damit jener pathologischen intrapsychischen Bereiche der Eltern, die eine gesunde Entwicklung des Kindes oder Jugendlichen hemmen oder verhindern. Dabei soll der Vater immer als Dritter einbezogen werden, damit ein Kind unerlässliche Dreieckssituationen internalisieren kann. Dem ist bereits innerhalb der Psychotherapie-Richtlinien Rechnung getragen, dass immer beide Eltern eine Therapie beantragen müssen und dies durch ihre Unterschriften dokumentieren.

Es ist immer im Auge zu behalten, dass es nicht um eine grundlegende Aufarbeitung der elterlichen intrapsychischen Konflikte, auch nicht der Paarkonflikte gehen kann, so verführerisch sich das gelegentlich anbieten mag. Ein bedeutsames Teilziel kann es aber sein, Eltern für eine eigene Therapie oder Paartherapie zu motivieren und vorzubereiten. Im Fokus der Gespräche mit den Eltern steht immer ihre Beziehung zum Kind: »Wie fühlt sich ein Kind bei den Beziehungserwartungen dieser Eltern!« Bereits in einem ersten Elterngespräch wird jeder Teilnehmer versuchen, die Szene unbewusst so zu gestalten, wie es seinen inneren Objektfantasien und Beziehungsentwürfen entspricht. Aufmerksames Beobachten der Gegenübertragung bewahrt den Therapeuten davor, unbemerkt eine Rolle in der Inszenierung der Familie zu übernehmen. Wichtige Ziele sind es, elterliche Position und Allianz anzustreben. Ersteres meint die Fähigkeit und Bereitschaft von Erwachsenen, ihren Kindern einigermaßen unbelastet durch eigene infantile Konflikte sicher und liebevoll zur Verfügung zu stehen und die Frustrationen, die die Auseinandersetzung mit der Realität unvermeidlich mit sich bringt, altersangemessen, einfühlend und relativ frei von Angst zu vertreten; elterliche Allianz wiederum ist nach Ahlheim getragen von gemeinsam entwickelten Fantasien über das Kind, wie es ist und wie es werden kann, und von dem Entschluss, miteinander die Verantwortung für das Gelingen gemeinsam zu tragen (2007, S. 257). Beide Ziele sollten auch mit getrennt lebenden Eltern zumindest angestrebt werden.

Bei Jugendlichen, vor allem solchen mit sehr belastender Familiendynamik, ist oft ein getrenntes Setting zu empfehlen, Eltern und Patient haben verschiedene Therapeuten. Wolff (1999) beschreibt am Beispiel eines solchen Falles dessen Vor- und Nachteile. Sie sieht vor allem eine Erleichterung der psychoanalytischen Haltung und dass Eltern in ihrer Not und mit ihren Problemen oft besser verstanden werden können. Die größere Möglichkeit, sich auf die Welt der inneren Objekte und Beziehungen der Eltern konzentrieren zu können, zieht nach Wolff auch die Gefahr nach sich, die Grenze der begleitenden Elternarbeit zu verlieren und regressive Prozesse zu fördern, eine Gefahr, die immer besteht. Überhaupt wird Elternarbeit bei Jugendlichen zu lange durchgeführt, oft bis in das Erwachsenenalter. Dies kann durchaus eine autonome Entwicklung erschweren, so dass es besser ist, älteren Jugendlichen ein abgegrenztes Therapieerleben zu ermöglichen.

Die Beendigung einer psychoanalytischen Therapie muss mit dem Patienten und seinen Eltern langfristig vorbereitet werden, denn es besteht – wie zuvor verdeutlicht – immer ein doppeltes Behandlungsbündnis. Freud hat bekanntlich gemeint, dass eine Psychoanalyse erst dann beendet werden kann, wenn sie vom Patienten als endlich erlebt wird. Die Beendigung ist allerdings nicht nur eine Abmachung zwischen Analytiker, Patient und Eltern, die Endlichkeit einer Behandlung wird auch durch die Höchstgrenzen der Psychotherapie-Richtlinien mit bestimmt. Somit müssen zum einen Abschlusstermine festgelegt werden, zum anderen müssen sich die Parteien darüber verständigen, was noch durchgearbeitet werden muss und kann. Endlichkeit ist immer auch eine Auseinandersetzung mit Trennung und Tod. Dies kann sowohl beim Patienten, als auch bei den Eltern und beim Analytiker alte Ängste mobilisieren, verlassen und von der Mutter getrennt zu sein (Sandler, Kennedy und Tyson 1982, S. 304). Also müssen verstärkt Objektverlustängste durchgearbeitet und Übertragungen langfristig aufgelöst werden. Solche Ängste können auch in unterschiedlicher Weise verleugnet werden: Vorzeitiger Abbruch kann gewünscht werden, die häufig wieder aufflammenden Symptome können auch bedeuten, dass der Patient der gleiche wie am Anfang wäre und eine Behandlung nie stattgefunden hätte (ebd., S. 303 f.). Aber auch der Therapeut kann versuchen, Endlichkeit zu verleugnen. Er kann immer neue Verlängerungen einer Therapie beantragen. Er kann, wie das oft geschieht, Beendigungen vor Ferien legen, um Trennung nicht wahrzuhaben und er kann die Frequenz immer mehr verdünnen, um einen klaren Schnitt zu vermeiden und die Trennung hinaus zu zögern. Die rezidivierenden Symptome sind natürlich nicht nur ein Versuch, die Behandlung zu verleugnen, sie sind nicht selten ein Ergebnis von Erschütterungen der Symbolisierungsfähigkeit unter dem Einfluss der anstehenden Trennung, so dass die Fähigkeit, Getrenntheit auszuhalten, wieder geringer wird.

In diesen Tagen hat mir ein 12-jähriger Junge zum Abschluss seiner Behandlung einen Brief geschrieben. Über bewegende, gefühlhafte Dinge wollte er nie gerne sprechen, aber er konnte sie immer auf seine Art vermitteln, und er schrieb: »Es war eine tolle Zeit, aber irgendwann endet immer etwas. Ich hoffe, dass Sie gesund bleiben und noch mehr Spaß am Leben haben.« Ich habe den Eindruck, dass er über Vergangenes trauern kann, dass er Trennung aushält und dass er sicher ist, dass wir beide die Trennung überleben werden. Fast hätte ich glauben mögen, er hätte Winnicott gelesen, der einst geschrieben hat: »Ich habe meine Freude daran, Analyse zu betreiben, und ich freue mich immer auf das Ende jeder Analyse. Analyse um der Analyse willen hat für mich keinen Sinn. Ich betreibe Analyse, weil es das ist, was mit dem Patienten gemacht werden muss, und weil es das ist, was der Patient hinter sich bringen muss. Wenn der Patient keine Analyse braucht, dann mache ich etwas anderes« (Winnicott 1984, S. 217).

5.6 Ausblick – Brauchen wir andere Behandlungstechniken?

Wir stellen fest, dass sich in den vergangenen Jahrzehnten die Krankheitsbilder bei Kindern und Jugendlichen vor dem Hintergrund veränderter soziokultureller Verhältnisse erheblich gewandelt haben: Externalisierende Störungsbilder (hyperkinetische Störungen und Störungen des Sozialverhaltens) gehören mittlerweile zu den am häufigsten diagnostizierten Auffälligkeiten bei männlichen Kindern und Jugendlichen. Es kommt häufiger zu Störungen der Symbolisierung sowie der Mentalisierung. Hierzu gehören auch die hyperkinetischen Störungen. Externalisierende Störungen nehmen zu, auch weil der gesellschaftliche Rahmen nicht ausreichend haltend und begrenzend ist. Reale Angst und Scham scheinen sich rückzubilden. Viele Väter sind zunehmend »unsichtbar« und besitzen keine ausreichende triangulierende Funktion. Die Jungen geraten zunehmend in Schwierigkeiten mit ihrem Umfeld. Ihre Kommunikationsfähigkeiten sind störanfälliger – es zeigen sich bei ihnen durchgehend höhere Raten von hyperkinetischen Störungen, von dissozialen Störungen, Störungen durch Substanzgebrauch sowie monosymptomatische Störungen wie Tics und Enkopresis (Ihle und Esser 2002). Viele Kinder, die heute in analytische Psychotherapie kommen, haben neben Symbolisierungsstörungen auch Spielstörungen. Sie erleben Spielen nicht symbolisch, nicht überwiegend »als ob« und in einem Zwischenbereich von Fantasie und Realität angesiedelt (Streeck-Fischer 2006). Das Spiel kann bei ihnen leicht konkretistisch, real werden und blitzschnell aus der Kontrolle und in einen bitteren Ernst geraten. Diese und die zuvor erwähnten Tatsachen schaffen erhebliche neue behandlungstechnische Probleme.

Symbolisierungsfähigkeit macht es einem Kind möglich, Trennungen samt dazugehörenden Unlustgefühlen auszuhalten. Die Fähigkeit zum Symbolisieren entwickelt sich bekanntlich von der symbolischen Gleichsetzung, über das Übergangsobjekt hin zu einem reifen symbolischen Verstehen. Symbolbildung, eng mit der Sprachentwicklung verknüpft, strukturiert die innere Welt des Kindes und erlaubt eine zunehmende Unabhängigkeit von realen äußeren Objekten. Sie schafft die Möglichkeit, intermediäre Räume für Denken und Fantasieren zu nutzen, um Bedürfnisse aufschieben zu können. Mit Mentalisierung bezeichnen Fonagy u. a. (2001; 2002) die Fähigkeit, sich selbst und einen anderen Menschen als ein Wesen mit geistig-seelischen Zuständen zu begreifen. Dem Kind wird bewusst, dass es ein Bewusstsein hat; es erkennt, dass es ein Lebewesen unter vielen ist; und es wird fähig zu symbolischem und kreativem Denken. Besitzt ein Kind Mentalisierungsfähigkeit, so kann es sich in einen anderen Menschen einfühlen, kann mit ihm leiden und ihm beistehen. Es hat im Sinne von Winnicott die Fähigkeit zur Besorgnis erworben.

Mit dem von Fonagy u. a. (2002) entwickelten spielerischen »Markieren« wurden neue Möglichkeiten entwickelt, einem Kind zu bedeuten, dass seine Externalisierung »nicht real« ist: »Wissende Blicke, ein leichtes Neigen des Kopfes, eine hohe Tonlage oder betont langsames Sprechen, eine übertriebene Intonationskontur, eine angedeutete, verkürzte oder nur partielle Ausführung von Handlungsschemata und der Gebrauch unsichtbarer imaginärer Objekte – all dies sind klare und auffällige Signale, an denen das Kind erkennt, dass sich der Als-ob-Ausdruck kategorial von seinem realistischen Pendant unterscheidet – das heißt, ›nicht wirklich‹ ist« (ebd., S. 299).

In der aktuellen kinderanalytischen Literatur werden eher selten Fragen zur Behandlungstechnik bei ambulanten Psychotherapien von externalisierenden Störungen, also von hyperkinetischen Störungen und Störungen des Sozialverhaltens, diskutiert. In der Vergangenheit waren es vor allem Autoren, die Erfahrungen mit traumatisierten Kindern und dissozialen Patienten hatten, wie etwa Diepold (2005), Bettelheim (1997), Cohen (2004), Alvarez (2001), Hurry (2002), Rauchfleisch (2003) und Streeck-Fischer (2006).

Es können zwei zentrale Positionen innerhalb der Psychoanalyse und ihren Schulen beschrieben werden: Arbeit an Beziehung und Übertragung sowie Arbeit an Struktur und Rahmen. Anne Alvarez (2001) hat mit dem folgenden Zitat eine schöne Brücke zwischen den beiden Polaritäten geschlagen: »Mutiges und aufnahmebereites Zuhören, aber auch eine feste, nicht zu stark masochistische Einstellung gegenüber den vielleicht furchtbaren Projektionen des Kindes – d. h. gegenüber dem verzweifelten Bedürfnis des Kindes, uns das anzutun, was seinem Gefühl nach ihm angetan wurde – scheinen in der Tat zu helfen« (ebd., S. 21). Alvarez betont aber auch, dass Verlässlichkeit, Regelmäßigkeit des Settings und eine feste Struktur der psychoanalytischen Technik erst Entwicklung von psychischer Struktur ermöglichen. Das bedeutet, dass ein produktiver Prozess immer eines stabilen Rahmens bedarf, damit Beziehungen internalisiert werden können (Hopf 2006).

Damit unterstreicht Alvarez aber auch die Bedeutung des Containments. Bion (1990) beschrieb in Anlehnung an Melanie Kleins Theorien eine frühe Form von Kommunikation über projektive Identifizierung. Das Kind kann auf diese Weise namenlose Ängste, bedrückende Gefühle, generell Unaushaltbares in die Mutter projizieren. Sind die Bedingungen gut, so ist die Mutter in der Lage, diese Gefühle umzuwandeln und sie dem Kind in vertrauter und erträglicher Form zurückzugeben. Dies führt dazu, dass das Kind auf diese Weise die Container-Funktion verinnerlicht. Bion hat mit seinem Container/Contained-Modell dieses Konzept erweitert. Bei jenen Kindern mit strukturellen und Symbolisierungsstörungen sollte innerhalb der psychoanalytischen Therapie solch eine Beziehung etabliert werden, die es dem Patienten langfristig ermöglicht, zu fantasieren, symbolisieren und zu träumen (vgl. Eskalinen du Folch 1991; Bovensiepen 2007). »Wenn das Kind spürt, dass der Analytiker seine Mitteilungen versteht, dann introjiziert es einen Analytiker, der die unerträglichsten Gefühle auszuhalten, zu betrachten, zu reflektieren und über sie zu sprechen vermag« (Eskalinen du Folch 1991, S. 278).

Es war immer Aufgabe von Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, BehandlungstechnikenBehanlungstechniken neu zu überdenken und zu modifizieren, damit auch Kinder mit strukturellen Defiziten, mit Symbolisierungs- und Spielstörungen psychoanalytisch behandelbar werden. Wir wollen mit einem weisen Satz von Anna Freud schließen, der hinsichtlich der Flexibilität von psychoanalytischen Techniken hoffen lässt: »Die Wege und Mittel der Therapie in der Kindheit sind so zahlreich, wie die auf dem Entwicklungsweg erworbenen Störungen und so verschieden voneinander, wie die verschiedenen Anteile der kindlichen Persönlichkeit« (Sandler, Kennedy und Tyson 1982, S. 210).

6 Bindungstheorie und Bindungstherapie

Die Bindungstheorie ist eine auf äußerer Beobachtung beruhende empirisch fundierte entwicklungspsychologische Theorie über die emotionale Entwicklung. Sie wurde vom englischen Psychiater und Psychoanalytiker John Bowlby in den 1950er Jahren begründet. Die Theorie wurde in den drei Büchern Bindung, Trennung und Verlust (Bowlby 1975; 1976; 1983) dargelegt. Die Forschungsgruppe um John Bowlby mit Anna Freud, Mary Ainsworth und James Robertson wurde nach dem Krieg gegründet und konzentrierte sich auf die Bedeutung von Trennungssituationen, speziell auch der Kriegswaisen (Brisch 1999, S. 30; Brisch 2002).

Aus Sicht der Bindungstheorie entwickelt der Säugling auf der Grundlage eines biologisch angelegten Verhaltenssystems im ersten Lebensjahr eine starke emotionale Bindung zu seiner Hauptbezugsperson. Der Säugling wird geschützt und ihm wird Bindungssicherheit vermittelt. Bindung ist Teil eines komplexen Systems der Beziehung. Das Bindungssystem ist ein primär genetisch verankertes motivationales System, das nach der Geburt aktiviert wird und überlebenssichernde Funktion hat. Der Säugling sucht die Nähe zur Mutter, wenn er Angst erlebt. Er sucht Sicherheit, Schutz und Geborgenheit durch Blickkontakt oder physischen Kontakt (Brisch 1999, S. 35). Eine sichere Bindung stellt die emotionale Basis während des gesamten Lebens bis ins Alter hinein dar. Es bilden sich innere Arbeitsmodelle und die mit ihnen verbundenen Affekte, was als Bindungsrepräsentanz bezeichnet wird. Die Bindungsrepräsentanz kann im Laufe des Lebens durch einschneidende Erlebnisse verändert werden, und zwar in beide Richtungen. Dem Bindungsbedürfnis steht das Explorationsbedürfnis gegenüber. Die Mutter dient dabei als sicherer Hafen, von dem aus das Kind die Umwelt exploriert. Bindungssicherheit ermöglicht Neugierverhalten. Wenn die Mutter oder eine primäre Bezugsperson das Kind zu sehr bindet, wird das Explorationsbedürfnis nicht gewährt und frustriert (ebd., S. 38).

Die Wahrnehmung der Bedürfnisse des Säuglings und die richtige Interpretation seiner Wünsche und Bedürfnisse gewährleistet nach Mary Ainsworth die Feinfühligkeit der Mutter. Feinfühliges Verhalten der Bezugspersonen besteht darin, dass diese die Signale des Kindes wahrnehmen und richtig interpretieren und sie angemessen und prompt befriedigen. Der Säugling entwickelt eine sichere Bindung, wenn seine Bedürfnisse feinfühlig befriedigt werden, eine unsichere Bindung, wenn die Bedürfnisse nicht, unzureichend oder inkonsistent beantwortet werden (ebd., S. 36). Empathische Verbalisation der Bezugspersonen unterstützt die sichere Bindung (Brisch 2002, S. 50).

Das Pflegeverhalten der Bindungsperson wird über die eigenen Bindungserfahrungen wachgerufen. Über die Bindungserfahrung erlangt der Säugling ein beobachtbares Bindungsverhalten, das in der Bindungstheorie in verschiedene Bindungsqualitäten unterteilt wird. Im sogenannten Ainsworth-Fremde-Situations-Test aus dem Jahr 1969 (Brisch 1999, S. 33) wird eine Trennungssituation von der Bezugsperson und das Verhalten nach der Rückkehr in standardisierten Situationen beobachtet. Eine sichere Bindung wird diagnostiziert, wenn die Bezugsperson als sichere Basis erlebt wird, die Schutz, Geborgenheit und Trost bietet. Bei der unsicher-vermeidenden Bindungsqualität reagiert die Bezugsperson eher mit Zurückweisung auf die Bedürfnisse des Kindes. Der Säugling reagiert auf die Zurückweisung scheinbar emotionslos, nicht mit Trennungsprotest. Die Kinder begrüßen die Mutter nicht bei Rückkehr, ignorieren sie eher oder laufen weg. Reagiert die Bezugsperson manchmal zuverlässig und feinfühlig, dann wieder mit Zurückweisung und Ablehnung, entsteht die unsicher-ambivalente Bindungsqualität. Die Reaktionen des Säuglings sind lautstarkes Weinen und intensives Anklammern an die Bindungsperson. Diese Säuglinge zeigen die deutlichsten Trennungsproteste. Sie sind nach der Rückkehr kaum zu beruhigen. Beim desorganisierten/desorientierten Bindungsverhalten zeigen die Kinder widersprüchliches Verhalten (Brisch 2002).

Die Klassifikation der kindlichen Bindungsqualität in sicher gebundene Kinder, unsicher-vermeidend gebundene Kinder, unsicher-ambivalent gebundene Kinder und Kinder mit desorganisiertem Verhaltensmuster beruht auf standardisierten Beobachtungen und macht die Theorie auch außerhalb der psychoanalytisch orientierten Entwicklungstheorie akzeptabel (vgl. Fonagy 2009).

Das Konzept der Feinfühligkeit der Mutter ist aus psychoanalytischer Sicht problematisch, da die Gefahr der »Schuldzuweisung« an die Mütter besteht. Eine Kritik am Konzept der Feinfühligkeit wird durch die Studie von de Wolff und Ijzendoorn (1997, zit. nach Brisch 1999, S. 49) auch aus bindungstheoretischer Sicht reflektiert. Die Studie führt nur 12 % der Varianz der kindlichen Bindungsmuster auf mütterliche Feinfühligkeit zurück. So wird aus Sicht der Bindungstheorie die Suche nach äußeren Traumatisierungen bedeutsam, da eine Konzentration auf eine, wenn auch erworbene, defizitäre Haltung der Mütter, bzw. Bezugspersonen zu problematischen pädagogischen und therapeutischen Haltungen führen kann.

Die Bindungstheorie spricht heute von sogenannten Schutz- und Risikofaktoren, die zu Bindungsstörungen führen können: Das Risiko einer Frühgeburt kann unsicher gebundene Kinder hervorrufen, besonders bei extrem kleinen Frühgeborenen (Brisch 1999, S. 75). Desorganisierte Bindung wird häufiger bei misshandelten Kindern beobachtet. Wenn Eltern unter Depressionen oder Schizophrenie leiden, besteht ein Trend für unsicher gebundene Kinder. Unsichere Bindung wird häufiger bei Borderline-Persönlichkeitsstörung, Agoraphobie, sexuellem Missbrauch, suizidalem Agieren in der Adoleszenz, Depression, psychiatrischen Erkrankungen und verschiedenen psychosomatischen Erkrankungen diagnostiziert (ebd., S. 76). Im Säuglingsalter werden Ess-, Schrei- und Schlafstörungen sowie Wachstumsretardierungen mit der mütterlichen Ambivalenz in Verbindung gebracht (ebd., S. 90).

Desorganisiertes Bindungsverhalten wird bei Kindern mit ADHS (Brisch 2002, S. 48) diskutiert, aber auch bei Autismus (Bergmann 2009). Kinder mit Vernachlässigung, Misshandlung und Missbrauch zeigen zu 80 % desorganisierte Verhaltensweisen, bei psychosozial unbelasteten Eltern zeigen dagegen nur 15 % desorganisiertes Bindungsmuster. Mütter, die selbst schwerwiegende Traumata wie Missbrauch und Misshandlung erlitten haben, zeigen häufiger desorganisiertes Bindungsverhalten.

Armut und Gewalt als Belastungen können feindseliges und hilfloses elterliches Verhalten bewirken und damit ein unsicher-desorganisiertes Bindungsmuster bei Kindern (Brisch 2002, S. 51). Klinische Erfahrungen zeigen, dass Kinder mit Bindungsstörungen gehäuft traumatische Erfahrungen gemacht haben und desorganisierte Verhaltensweisen zeigen. Desorganisiertes Bindungsverhalten führt oft zu sozialen Interaktionsstörungen und emotionalen Ablehnungsreaktionen. Längsschnittstudien in Deutschland, in den USA und in England zeigen, dass sicher gebundene Mütter mit etwa 70 % Übereinstimmung auch sicher gebundene Kinder haben. Zwischen der Bindungshaltung der Väter und den Kindern besteht nur 65 % Übereinstimmung (ebd., S. 55). Eine sichere Bindung erhöht die psychische Vulnerabilitätsschwelle (Brisch 1999, S. 77). Eine ausführliche Diskussion über Bindungsverhalten in den verschiedenen psychischen Störungen findet sich bei Strauß (2008).

6.1 Behandlungsansätze

Im Rahmen der psychoanalytischen Theorie möchten wir folgende Punkte kritisch hervorheben:

• Die Problematik des Konzepts der Feinfühligkeit der Mutter, wie bereits oben von Brisch selbst einschränkend vermerkt.

• Die Kategorisierung der Bindungsstörungen beruht auf äußeren Beobachtungen und sagt nur begrenzt etwas über das innere Erleben der Kinder aus.

• Dass bei allen psychischen Störungen und Verhaltensauffälligkeiten auch Bindungsstörungen zu finden sind, ist unumstritten und auch in der klassischen Psychoanalyse in allen Theorien enthalten (Narzissmustheorie, Objektbeziehungstheorie etc.).

• Die Bindungstheorie war lange einseitig auf die Mutter-Kind-Beziehung reduziert, wird heute aber kritisch erweitert durch das Konzept der komplexen triadischen Beziehungen vom Anfang des Lebens an. Hier erhält auch die Vater-Kind-Beziehung einen bedeutenden Stellenwert in Bezug auf Bindungssicherheit und Exploration (von Klitzing 2002b; 2002a).

Brisch betont: Bei jeder Symptomatik und bei jedem Störungsbild können bindungstheoretische Überlegungen angestellt werden (1999, S. 276).

Die Konsequenzen der Bindungstheorie für die Behandlung enthalten ebenfalls nicht wirklich neue Aspekte. Bei der Therapie liegt der Fokus auf der Bindungsqualität der Therapeut-Patient-Beziehung (ebd., S. 97). Feinfühligkeit und Empathie sollen erfahren und in der Übertragungsbeziehung reaktiviert werden (ebd., S. 98). Im Übertragungskonzept der klassischen Psychoanalyse (z. B. Containing nach Winnicott) ist der Aspekt der Verinnerlichung der mit dem Therapeuten reinszenierten und durch seine Reaktionen und Deutungen veränderten Repräsentanzen gleichermaßen enthalten.

Die Konsequenzen für die Kindertherapie (Brisch 1999, S. 100) werden aufgeführt:

• Sichere Bindungsbeziehung,

• Symbolspiel,

• Bindungsrelevante Interaktionen werden gedeutet,

• Ermöglicht neue sichere Bindung,

• Behutsames Lösen des therapeutischen Bündnisses.

Die therapeutische, sichere Bindungsbasis ermöglicht einen affektiven Neubeginn im Sinne einer korrigierenden Erfahrung (ebd., S. 106).

Unsere kritische Einschätzung der Bindungstheorie ist, dass sie einen fundamentalen und wichtigen Aspekt der Entwicklung betont, der nicht oft und intensiv genug betont werden kann. Sie ist eine Brücke der Psychoanalyse zu psychologisch (qua empirischer Methodik) und physiologisch (qua genetische Verhaltenssysteme) orientierten Ansätzen (vgl. Fonagy 2009). Mit der Betonung der Eltern-Kind-Beziehung und des Bindungsaspektes wird jedoch für die Theorie und Behandlung im Sinne der klassischen Psychoanalyse kein wesentlich neuer Aspekt hinzugefügt. Insofern werden wir auch bei den verschiedenen Störungsbildern nicht explizit hinzufügen – soweit überhaupt vorhanden – welche Bindungsmuster hier gehäuft zu finden sind. Uns geht es bei der Darstellung der verschiedenen Störungen um die Qualität der inneren Bilder und Erfahrungen, die sich äußerlich nur reduziert in den Klassifikationssystemen der Bindungstheorie wiederfinden.

Eine besonders wertvolle Konsequenz der Bindungstheorie ist unserer Einschätzung nach vor allem ihr vielfältiges Anwendungsgebiet im therapeutischen und pädagogischen Feld. Sie regt an zu Informations- und Aufklärungsarbeit über die Konzepte der Bindung beim Eintritt in den Kindergarten und in die Schule. Sie stellt Zusammenhänge zwischen Schul- und Lernprozessen her. Sie richtet im Sinne der Prävention ihr Augenmerk auf Problemsituationen wie die Eingewöhnung in eine neue Umgebung: Tagesmutter, Krippe, Wechsel von Schulen, Umzug (Brisch 1999, S. 268). Schwellensituationen wie Abschied und Trennungsprozesse sollten begleitet werden (ebd., S. 269). Dabei wertschätzt die Bindungstheorie die Pädagogik und Therapie gleichermaßen. Bei der pädagogisch-therapeutischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen gelten die gleichen Grundsätze wie sie für bindungsorientierte Psychotherapie formuliert werden. Sie müssen den jeweiligen Gegebenheiten des pädagogischen Settings angepasst und bei Bedarf modifiziert werden. Lehrer gelten auch als wichtige sekundäre Bindungspersonen (ebd., S. 276). Es gibt ein Feinfühligkeitstraining für werdende Eltern und videounterstütztes Wahrnehmungstraining (1999, S. 44) sowie die Elterntrainingsprogramme »SAFE« (Brisch 2010).

Inspiriert vom Gedanken der Prävention von Bindungsstörungen führten wir ein Forschungsprojekt durch, in dem die Notwendigkeit von Hausfrühförderung, wie sie in der Sonderpädagogik angeboten wird, gezeigt werden sollte. Eltern frühgeborener Kinder wurden in regelmäßigen Abständen zu Hause besucht und über szenisches Verstehen und analytische Gespräche zur Verbalisierung und Mentalisierung der Affekte angeregt. Bindungsstörungen sollten präventiv durch psychoanalytisch-pädagogische Hausfrühförderung verhindert werden. Ähnliche Konzepte gibt es bereits in den NIDCAP-Modellen (Als und Butler 2008).

Ich (E.H.) möchte eine kurze Vignette aus einem Besuch bei einem Elternpaar beschreiben. Die Mutter ist erst eine Woche vor meinem Besuch zusammen mit ihrem frühgeborenen Säugling – nennen wir ihn Tim – nach Hause entlassen worden. Wir sitzen gemeinsam auf der Couch-Landschaft in einem gepflegten, gemütlichen Reihenhaus. Liebevoll steht das Kinderbett mit Tim am Fenster. Die Mutter erzählt von ihren traumatischen Erlebnissen während der Schwangerschaft und in der Klinik. Auch der Vater, der sich in der Klinik am Känguruhen beteiligt hatte, wirft hin und wieder ein, wie hilflos sie sich gefühlt haben, und auch jetzt sei ihre einzige Stütze die Hebamme, die regelmäßig zu ihnen nach Hause kommt. Angstvoll würden sie beobachten, wie die Hebamme mit dem Kind umgeht. Nach einem langen intensiven Gespräch über ihre Erfahrungen beginnt sich die Mutter zu entspannen und holt das Bett von Tim in unsere Mitte. Die Mutter packt behutsam die Decke zur Seite und ich kann Tim im Bett liegen sehen. Ich bin wie gelähmt und entsetzt. Vor mir liegt ein Säugling, der bis zum Kopf in Bänder gewickelt ist. Zufällig hatte ich eine Woche zuvor ein Buch über Wickelkinder (Frenken 2011) gelesen. Ich denke an die Bilder und kann nicht sprechen. Die Eltern nahmen wohl meinen entsetzten Blick wahr und erklärten mir, dass die Hebamme das »pucken« empfohlen habe. So würde das frühgeborene Kind Begrenzung wie im Mutterleib erfahren und sich beruhigen. Allmählich beginne ich wieder denken und sprechen zu können. Ich gebe zu bedenken, dass das Ungeborene sich im Mutterleib bewegen kann, mit den Beinen und Armen gegen den Bauch der Mutter boxen oder sich bemerkbar machen kann. In diesem Moment ist der Vater sichtbar erleichtert. Er habe sich schon die ganze Zeit gefragt, ob durch das Wickeln der Wille des Kindes gebrochen werde. Während die Mutter anfangs die Idee der Hebamme »super« fand, kam durch die Bemerkung des Vaters, der sich jetzt erstmals dazu äußerte, Bewegung in die Situation. Die Mutter begann das Kind zu »entwickeln« und mit den Füßchen und Ärmchen zu spielen. In den nachfolgenden Besuchen zeigte sich, dass die Familie das Kind nicht mehr »einpuckte« und ein Stück elterliche Kompetenz zurückgewonnen hatten.

Zum Schluss möchten wir noch ein Beispiel aus einer Kurzzeittherapie mit dem Schwerpunkt einer Bindungsstörung aufzeigen.

6.2 Fallbeispiel »Susi«

Susi, 2 Jahre und 9 Monate alt, war eines Abends gestürzt und hatte sich an einem Legostein verletzt. Mutter und Vater brachten sie in die Klinik, denn die Wunde musste genäht werden. Die Eltern wurden während des Eingriffes hinausgeschickt, was dramatische Folgen hatte, weil die erzwungene Trennung das kleine Mädchen überforderte. Susi hatte von nun an panische Angst vor Schwestern und Ärzten und wollte nachts nicht mehr allein schlafen.

Susi sei zum Zeitpunkt vor dem Unfall schon recht selbständig und angstfrei gewesen, nach dieser Operation habe sie jedoch begonnen, sich wieder an die Eltern zu klammern. Auch hätte sie bereits Anstalten gemacht, trocken und sauber zu werden, erlitt jetzt auch in diesem Bereich einen Rückfall. Ganz langsam habe sie zudem angefangen, den Stuhl zurückzuhalten. Kotete sie in die Windel, wenn es nicht mehr anders ging, tat ihr der verhärtete Stuhl weh, was dazu führte, dass sie vor jedem künftigen Stuhlgang immer mehr Angst bekam. So kam es, dass die Abstände zwischen den jeweiligen Stuhlgängen immer länger wurden, manchmal bis über eine Woche, was die Eltern zunehmend in Panik versetzte. Die vom Kinderarzt verschriebenen Abführmittel zeigten kaum eine Wirkung. Susi versuchte immer verbissener, den Stuhlgang zurückzuhalten, hockte sich, wenn sie Stuhldrang bekam, in eine Ecke, drückte und presste mit hochrotem Kopf, dass nur nichts in die Windel ging. Daraufhin verordnete der Kinderarzt die Verabreichung von Klistieren. Immer wenn drei bis vier Tage vergangen waren, wurde Susi ausgezogen, festgehalten, bekam einen Einlauf und hatte dann meistens Stuhlgang. Vor den Einläufen hatte sie mittlerweile ebenfalls panische Ängste, ließ sich aber weder durch Zureden noch durch Anschreien davon überzeugen oder zwingen, dass sie von selbst Stuhlgang hatte. Dabei war Susi sonst über die Maßen »lieb« und es gab keinerlei Trotz.

Die Mutter kommt zum vereinbarten Gespräch in meine Praxis mit einem winzigen Mädchen an der Hand. Vielleicht hatte ich auch vergessen, wie klein noch nicht Dreijährige sind. Während Frau S. spricht, schaut Susi munter im Zimmer herum, ich spüre keine Angst bei dem Mädchen, vielmehr Neugierde und Lust, die Welt zu erobern. Und tatsächlich: Mit einem Mal springt Susi vom Schoß der Mutter, rennt wie ein geölter Blitz zum Schrank, holt sich dort einen Becher mit Würfeln, springt wieder auf den Schoß der Mutter zurück und leert die Würfel auf dem Tisch aus. Sie spritzen regelrecht in die Gegend, fallen runter, verstreut in alle Ecken. Ich erlebe den »Entleerungsvorgang« reichlich lustvoll und gleichzeitig aggressiv gegen die Mutter gerichtet. Frau S. ist etwas verblüfft, steht dann aber wortlos auf, bückt sich, füllt den Becher wieder – und zufrieden lächelnd leert Susi den Becher wieder aus. Immer wieder und immer rascher. Geduldig sammelt die Mutter die Würfel wieder ein und lässt sich sichtlich von Susi in ihr Spiel einspannen, ja kontrollieren und beherrschen. Susi kann offensichtlich dann loslassen und entleeren, wenn sie es selber will und wenn sie die Mutter damit beherrschen kann. Das zeigt sie ihrer Mutter und mir. Dabei lächelt mich die Kleine an und gibt mir zu verstehen, dass sie sich hier pudelwohl fühlen würde. Ich sage zu ihr: »Susi zeigt der Mama und mir, dass sie etwas kann. Sie kann Aa machen. Aber die Mama hilft noch dabei mit.«

In den ersten Stunden war es, als fühle sich Susi befreit und wolle nur noch loslassen, ausstoßen, herumspritzen und ein »Liebesverhältnis mit der Welt« beginnen. Schon als ich die Tür zum Wartezimmer öffne, schießt Susi wie ein Pfeil an mir vorbei und rennt ins Spielzimmer. Von da an konnte sie sich mühelos von der Mutter trennen und immer allein bei mir bleiben. Susi stürzt sich auf die Wasserleitung, findet dort ein Glas, lässt Wasser hinein und leert es wieder aus. Ich sage zu ihr: »Das ist jetzt, wie wenn Susi eine Rolle macht.« (Rolle bedeutet in der schwäbischen Mundart »urinieren«). Susi lacht und sagt, mich genussvoll imitierend: »Rolle!« Mit spürbarer Lust füllt sie immer wieder das Glas, leert es aus, stopft etwas in den Ausguss, füllt wieder Wasser ins Becken, lässt es wieder auslaufen und verspritzt mit dem Wasser die gesamte Gegend und sich selbst. Sie ist hinterher patschnass. Sie will größer sein, damit sie alles bewerkstelligen kann und befiehlt: »Hopf, hochheben!« Ich sage: »Susi will ganz groß sein.« Ich frage sie, ob wir einen Stuhl hinstellen sollten, dann könnte sie doch alles selber machen. Susi strahlt und nickt eifrig. Ich will auf diese Weise vermeiden, dass ich ihre regressiven Wünsche unterstütze und bedeute ihr damit gleichzeitig, dass ich ihr zutraue, dass sie für sich selbst sorgen kann. In jedem Fall möchte ich damit nicht einfach »ich-stärkend« oder gar moralisch unterstützend sein, sondern ihr mitteilen, dass ich um ihre verloren gegangene Selbständigkeit weiß.

Rasch geriet die Wiederannäherungsphase in den Mittelpunkt der Therapie. Susi malte und ich schaute vor ihr stehend zu. Plötzlich guckt sie von unten rauf und sagt zu mir im breitesten Schwäbisch: »Hock di na« (Setz Dich hin). Sie hat den großen überlegen tuenden Kerl nicht mehr ertragen. Zwar hat sie seine Nähe gesucht und seine Bewunderung. Aber sie will auch selbständig sein und fühlt sich dabei grandios und überlegen. Wenig später sucht sie wieder Nähe und attackiert und entwertet das Objekt. Wenn ich das Stundenende ankündigte, sprang Susi regelmäßig unter den Tisch und versteckte sich dort. Da die Stunde jetzt zu Ende war, entsprach es unserem Setting, dass die Mutter wieder als reales Objekt in Erscheinung trat. Ich teilte also das Ende der Stunde sowohl Susi als auch ihrer wartenden Mutter mit und widmete mich meinen notwendigen Aufgaben wie Protokollieren, Telefonieren und anderem. Susi wartete bis die Mama kam, sie suchte und entdeckte. Mit lustvollem Kreischen ließ sie sich von der Mutter hervorlocken, spielte ein wenig bockige Verweigerung und ließ sich scheinbar widerstrebend hervorziehen. Was sie zuvor in der Übertragung inszeniert hatte, übte sie nach der Stunde mit der Mutter. Die Beziehung zu ihr wurde langsam aggressiver, gleichzeitig hatte Susi immer häufiger Stuhlgang, ohne dass die Eltern aktiv etwas unternommen hätten.

Zuhause erlebten die Eltern eine immer widerspenstigere, oft eigensinnige Susi. Trotziger Autonomiekampf setzte ein, die destruktive Aggression kam wieder direkt in die Beziehung. Die Ausscheidung musste nicht mehr von Objektverlustängsten begleitet werden. Susi begann wieder regelmäßig unbeschwerten Stuhlgang zu haben, wenig später sogar auf dem WC, so dass ich die Behandlung mit Beendigung der Kurzzeittherapie abschloss (vgl. Hopf 1998a, S. 133).

Interpretation
Psychodynamik

Susi hatte bereits Autonomie erworben und die Wiederannäherungsphase nahezu bewältigt. Sie hatte ein gutes mütterliches Objekt integriert und eine relativ stabile Objektkonstanz erreicht. Wir können bei Susi von einer primären stabilen sicheren Bindung ausgehen. Dann kam es zu der unfallbedingten Krankenhausbehandlung, die – so wie sie abgelaufen war – traumatisierend gewirkt hatte. Die Eltern haben Susi in ihrer Angst und in ihrem Schmerz alleingelassen und Susi hatte Angst, verloren zu gehen. Große Angst überwältigte das Mädchen, Susi fürchtete zudem, bestraft und vor allem von den Eltern verlassen zu werden. Dies führte zu einer schweren Erschütterung der Bindungssicherheit des Mädchens. Eine ambivalent-unsichere Bindungsstörung wurde manifest: Susi konnte nicht mehr allein sein und klammerte an der Mutter.

Gleichzeitig wurden die autonomen Strebungen des Mädchens von nun an schuldhaft erlebt und unterblieben. Aufkommende Aggressivität durfte Susi nicht auf die Mutter richten, sie wandte sie von nun an gegen das eigene Selbst. Susi reagierte wieder mit anklammerndem Verhalten, mit Kontrolle und bekam Angst, den Stuhl loszulassen, das innere Objekt herzugeben. Susi bemerkte natürlich auch Angst und Unsicherheit bei den Eltern, so wurde der Stuhlgang zum Mittelpunkt aller trotzig-aggressiven Kämpfe um Autonomie und Loslösung, aber gleichzeitig auch zum Vehikel, die Eltern zu beherrschen.

Hergeben des Kots hieß mittlerweile für Susi Unterwerfung. Auf eine Frage von mir, ob sie denn Aa gemacht habe, meinte sie einmal in einer späteren Stunde: »Nein! Erst Einlauf kriegen!« Susi arrangierte somit auch die traumatische Situation, in welcher sie einst den Ärzten ohnmächtig ausgeliefert war. Mittlerweile suchte sie die Eltern ohnmächtig zu machen, um sie kontrollieren zu können. Die Verabreichung des Klistiers bedeutete somit auch die ständig reinszenierte Wiederholung des Traumas »Operation«, jetzt allerdings mit den Eltern, die im steten Wechsel Opfer und Täter wurden. Die Eltern waren sich dabei rundum einig und bildeten somit ein eher symbiotisches Paar. So konnte der Vater auch nicht als hilfreicher, entwicklungsfördernder Dritter zur Verfügung stehen, war er doch anscheinend mit der Mutter verschmolzen und hatte mit ihr einen Pakt gegen Susi geschlossen. Ich, als Therapeut, stand jedoch außerhalb dieses sadomasochistischen Zirkels und konnte Susi als mögliches triangulierendes Objekt helfen, den mütterlichen Einflussbereich wieder zu verlassen sowie wieder zu besserem symbolischen Denken zurückzufinden. Die Internalisierung neuer Beziehungsmodelle sollte die stagnierende Entwicklung wieder in Gang setzen.

Wir haben es diagnostisch mit einer Bindung zu tun, die durch ein externes Ereignis bedroht wurde. Hätte es sich um eine Bindungsstörung gehandelt, die durch den Bindungsstil der Eltern, z. B. ambivalent oder unsicher-vermeidend, erzeugt worden wäre, wäre die psychosomatische Affektabwehr stärker und so vermutlich nur durch eine tiefenpsychologisch fundierte Therapie und nicht durch eine Kurzzeittherapie behandelbar gewesen.

Die therapeutische Arbeit

Leiden Kinder nach dem ersten Lebensjahr an einer Verstopfung, so handelt es sich in der Regel um eine funktionelle Obstipation. Im Laufe der Zeit verschärft die wachsende Angst des Kindes vor schmerzhafter Defäkation die Problematik entscheidend, so dass sich nicht selten ein Teufelskreis entwickelt. Lassen sich zugrunde liegende psychodynamische Zusammenhänge erkennen, etwa eine nicht bewältigte Loslösung, Trennungsproblematik, so ist eine psychotherapeutische Behandlung indiziert.

Eine Kurzzeittherapie mit ihrer begrenzten Dauer, niedrigen Frequenz und bei einem klar umschriebenen Konflikt eignet sich besonders gut bei Vorschulkindern, bei denen wir die Entstehung von Neurosen gleichsam in statu nascendi beobachten können. Kurzzeittherapie ist immer eine Fokaltherapie, das heißt, sie ist auf eine psychische Störung, einen zentralen, zeitnahen und relativ bewusstseinsnahen Konflikt ausgerichtet (vgl. Heigl 1978, S. 251). Der Therapeut greift darum nicht jedes Material auf, sondern nur solches, welches mit dem Fokus in Zusammenhang steht, und er vermeidet möglichst Regression. Der Konflikt, welcher der Symptomatik zugrunde liegt, sollte nicht allzu lange zurückliegen, und als prognostisch günstig erweist sich, wenn die Patienten ein relativ hohes Strukturniveau besitzen. Am besten eignen sich darum Patienten, deren Selbst von der Außenwelt einerseits gut abgegrenzt ist, deren trennende Scheidewand andererseits so durchlässig ist, dass Innen und Außen durch Symbole von Spielen, Gesten, Emotionen und Sprache auch wieder verbunden werden können. Solche Patienten sind natürlich rar, darum werden echte Kurzzeittherapien mit der Bearbeitung eines abgrenzbaren, zeitnahen Konflikts auch nur sehr selten durchgeführt.

Beim kleinen Kind bilden sich aus primitiven Formen von Aggression reifere Formen von Selbstbehauptung. Belastende Lebenssituationen, traumatische Ereignisse können diesen Entwicklungsprozess stören, so dass es zur Stagnation und auch zum Rückfall kommen kann. Die Aggression kann nach innen gewandt werden, oder es können sich destruktive Formen mischen. Eine Kurzzeittherapie von etwa drei Monaten, deren Ziele zwangsläufig bescheiden sein müssen, konnte im vorliegenden Fall wahrscheinlich verhindern, dass sich ein Konflikt chronifizierte und eine schwerwiegendere neurotische Störung zur Folge hatte. Ich führte letztendlich eine entwicklungsfördernde Psychotherapie durch. Hinzu kam, dass Susi zum Zeitpunkt des Therapiebeginns noch nicht drei Jahre alt war, so dass sich meine verbalen Interventionen auch an ihrer kognitiven Entwicklung orientieren mussten. Als Ziele dieser – bewusst sehr begrenzten Therapie – strebte ich darum an, dass zum einen die Angst soweit abgebaut werden sollte, dass die nicht-destruktive Aggression wieder zur Loslösung eingesetzt werden konnte. Die destruktive Aggression, die einerseits über das Zurückhalten des Stuhls und andererseits im Verabreichen von Klistieren in einen für die Beteiligten unlösbaren sadomasochistischen Zirkel geraten war, sollte wieder direkt in die Beziehung kommen und als normaler kindlicher Trotz in Erscheinung treten.

7 Extremtraumatisierte Kinder und Jugendliche – Psychoanalyse und/oder Traumatherapie

Die Psychodynamik der Extremtraumatisierung ist in neuerer Zeit Gegenstand der Diskussion in der Psychoanalyse geworden (Hirsch 2004, S. 57). Im Erwachsenenalter stehen psychische Folgen von Krieg, Folter, das Überlebenden-Syndrom, Naturkatastrophen wie Erdbeben, aber auch von Menschen hervorgerufene Katastrophen wie Brände, Vergewaltigung sowie Katastrophen in der Familie wie Erkrankung, Tod und schwere Trennungserlebnisse im Vordergrund (Riedesser 2009, S. 161). Im Kindes- und Jugendalter haben wir es bei extremtraumatisierten Kindern und Jugendlichen meist mit den Folgen von Vernachlässigung, Misshandlung und sexuellem Missbrauch zu tun. Schätzungen von Jugendämtern zufolge werden etwa 3–6 % aller Kinder vernachlässigt und 0,7 % misshandelt (Streeck-Fischer 2006, S. 89). 10–16 % aller Kinder werden mit Gegenständen geschlagen. Die Familiäre Gewalt wird dabei generationsübergreifend weitergegeben. Schätzungsweise 12,2 % der Kinder und Jugendlichen haben sexuellen Missbrauch erlebt, Jungen und Mädchen im Verhältnis von ca. 1:3 (ebd., S. 92).

Traumatische Erfahrungen zerstören die Bindungssicherheit und wirken sich besonders zerstörerisch aus, wenn das Trauma durch Bindungspersonen ausgeübt wird (Brisch 2009, S. 114). Verlassenheits- und Vernichtungsängste werden vor allem aktiviert, wenn die primäre Bindungsperson in Zuständen von Angst und Not keinen Schutz bietet, kein Urvertrauen ermöglicht.

Als Trauma wird die Diskrepanz zwischen der Bedrohung und der individuellen Bewältigungsmöglichkeit verstanden. Es entsteht ein Gefühl von Hilflosigkeit und die dauerhafte Erschütterung des Selbst- und Weltverständnisses (Riedesser 2009, S. 161). Ob ein Ereignis traumatisierend wirkt oder nicht, hängt von den kognitiven, emotionalen und sozialen Faktoren ab. Es können einmalige Ereignisse sein oder kumulative Traumata. Die vielfältigen Symptome sind in der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) beschrieben. Zur Diagnostik gehört nach Riedesser,

• auf welchem Stand seiner biologischen, psychischen und sozialen Entwicklung das Kind durch das Trauma getroffen wurde,

• ob das Trauma durch ein einmaliges Ereignis oder durch lang andauernde Belastungen verursacht wurde (Beziehungstrauma),

• welches die bewussten und unbewussten Aspekte der traumatischen Situation sind,

• welche Entwicklungslinien dadurch beschädigt wurden und

• welche protektiven Faktoren und Ressourcen im Kind selbst und in seiner Umgebung vorhanden sind und genutzt werden können, um eine Chronifizierung der Traumatisierung zu verhindern und einen Heilungsprozess in Gang zu setzen (ebd., S. 170).

Die Theorie des Traumas und die Konflikttheorie der Psychoanalyse werden häufig als Gegensätze gesehen. Trauma wird als von außen hereinbrechende Katastrophe definiert, während der Konflikt widerstreitende Gebote, Verbote und Triebwünsche meint. Traumatheoretiker betonen die äußere Realität, während die Konflikttheorie sich mit innerer Realität beschäftigt. Beide werfen einander vor, den jeweils anderen Aspekt zu vernachlässigen (Küchenhoff 1998, S. 13). Wir stimmen Küchenhoff zu, dass diese Gegenüberstellung nicht gerechtfertigt ist. Die Grenzen zwischen innen und außen verschwimmen bei Konflikten. Äußere Gewalt wird auch verinnerlicht.

Trauma heißt Erregung und die Arbeitsanforderung an den psychischen Apparat überfordert diesen, egal ob er von innen oder außen bedroht wird.

Der Konflikt ist eine Arbeitsform, die Abwehr und Kompromisse schafft. Konflikte binden Energie, sie verhindern Überlastung. Die Konfliktfähigkeit arbeitet der Traumatisierung entgegen, wenn wir über Mechanismen wie Unbewusstmachung und Verdrängung verfügen (ebd., S. 15).

Überwältigende innere Bilder und äußere Gefährdungen machen die Stärke der Belastung aus, dem die Kapazität der Verarbeitung gegenübersteht. Denken heißt verbinden. Erfahrungen müssen gedacht und symbolisiert werden. Ansonsten werden die Repräsentanzen, die als bedrohlich erlebt werden, ausgestoßen. Die Repräsentationsfunktion wird durch das Trauma angegriffen. Traumatische Erlebnisse werden nicht verdrängt (ebd., S. 19). Traumata werden reinszeniert. Die Wiederholung ist das Charakteristikum des Traumas. Der Wiederholungszwang kennzeichnet aber auch den Konflikt (ebd., S. 20). Freud sprach von der Wiederkehr des Verdrängten.

Patienten können oft die schrecklichen Erlebnisse nicht sprachlich ausdrücken, deshalb werden diese nicht erkannt. Sie sind in dissoziierter Form gespeichert, in den Körper und das Sensorium eingegraben oder werden in Szene gesetzt (Streeck-Fischer 2006, S. 87).

Dabei besteht die Angst vor der Wiederholung des Traumas zusammen mit dem unbewussten Wunsch nach Wiedererleben des Traumas. Das Wiedererleben dient dabei der ersten Bewältigung, da die Erwartung besteht, das Trauma als gemilderte Wiederholung zu erleben (Bergmann 1998).

Während Freud anfangs von realen traumatischen Belastungen ausging, rückte er später die Bedeutung von Fantasien in den Vordergrund. Auf die Diskussion um die Frage, warum Freud die Verführungstheorie, der zufolge realer sexueller Missbrauch die Ursache hysterischer Erkrankungen war, widerrief (Hirsch 2004, S. 9 ff.), wollen wir hier nicht mehr eingehen. Auf jeden Fall darf die Rolle äußerer Ereignisse nicht vernachlässigt werden.

Es kommt zur Fixierung an den Moment des traumatischen Ereignisses, als ob eine noch nicht bezwungene Aufgabe bevorsteht (Streeck-Fischer 2006, S. 93). Die traumatische Erfahrung wird handelnd wiederhergestellt. Vorhandene Bindungen werden zerstört oder aufgelöst. Es besteht die Tendenz, sich Gefahren auszusetzen. Die Symptome sind vielfältig: allgemeine Ängste, Hyperaktivität, mangelnde Impulskontrolle, Einnässen, Schlafstörungen, sozial unpassendes Verhalten, Wiederholung des traumatischen Erlebnisses in Träumen oder Fantasien, aggressives Spiel, selbstdestruktives Verhalten, Delinquenz, depressive Symptome, mangelhaft integriertes Selbstkonzept, Gefühle von Hilflosigkeit, Essstörungen, Schuldgefühle, Rückzug, Misstrauen, Vermeiden von Reizen, Betäubung, Suizidversuche, Suchtgefährdung (ebd., S. 96). Es wird zwischen Kurzzeit-, Mittelzeitigen und Langzeiteffekten unterschieden (ebd., S. 97). Weitere Reaktionen werden genannt wie Blickvermeidung, Erstarrungsreaktionen, Kampf, Affekttransformation und Affektumkehr (ebd., S. 89 ff.). Die Reinszenierung wird oft nicht verstanden (ebd., S. 100).

7.1 Behandlungsansätze

Für die psychoanalytische Behandlung extremtraumatisierter Kinder und Jugendlicher bestehen folgende Ansätze:

Aus Sicht der Bindungstheorie ergibt sich für die therapeutische Behandlung die Konsequenz, Eltern oder Patienten in den Übertragungen mit den Therapeuten sichere Bindungserfahrungen machen zu lassen, unabhängig von der Therapieschule. Brisch betrachtet zum Beispiel auch EMDR (Eye Movement Desensitization Reprocessing) als erfolgreich bei Traumata und dissoziativen Affekten (2002, S. 64). Der Aufbau einer sicheren therapeutischen Beziehung und die Feinfühligkeit des Therapeuten ermöglichen es, die zerstörerische Macht des Traumas dem Patienten verständlich zu machen. Ohne Bindungssicherheit entsteht Angst und als Folge Symptombildung oder Reinszenierung (Brisch 2009, S. 121).

Dass der Aufbau einer Bindungssicherheit vermittelnden therapeutischen Beziehung wichtig ist, aber immer wieder durch traumatisierende Übertragungen erschwert wird, betont vor allem Holderegger (1993). Traumatisierende Übertragungen sind durch Projektion oder projektive Identifizierung (ebd., S. 18/19) hervorgerufene Inszenierungen innerer Dramen des Patienten. Aufgabe des Analytikers ist, die affektive Struktur der in der Übertragung dargestellten Szenen zu verstehen und in Worte auszudrücken (ebd., S. 21). Die Fähigkeit, bei sich selbst Wahrnehmungen zuzulassen, die der Patient abwehrt, bestimmt die therapeutische Beziehung; das Konzept der Feinfühligkeit ist hier nur eingeschränkt gültig. Die Inszenierungen des Patienten sind Darstellungen von nicht integrierbaren affektiven Erfahrungen (ebd., S. 22). Nicht das reale Geschehen wird wiederholt, sondern wie es psychisch erlebt und verarbeitet wurde. Der Analytiker läuft dabei Gefahr, selbst zu »traumatisieren« durch Verschmelzung mit den bedrohlichen Introjekten. Er darf sich durch die Vorgänge nicht manipulieren lassen, darf nicht gefangen bleiben in der Inszenierung. Die traumatische Erfahrung wird sonst wiederholt und die Unvermeidbarkeit bestätigt: Man kann sich nicht wehren. Die Handhabung der Trauma-Übertragung sieht Holderegger als technisches Problem.

Riedesser (2009) betont, dass in der Therapie die Erinnerung an das Erlebte nur in erträglicher Dosierung in einer strukturierten Spieltherapie stattfinden kann. Behandlungstechnisch sieht Küchenhoff (1998) keinen Widerspruch in den Forderungen, die Traumata eher durch eine mütterliche Haltung des Versorgens und Beschützens und durch korrigierende emotionale Erfahrungen zu überwinden, während Konflikttheoretiker eher die väterliche Aufklärung, Deutung und Bewusstmachung betonen (ebd., S. 13). Während die Bindungssicherheit die Reinszenierung ermöglicht, muss das Trauma sprachlich bearbeitet werden.

Beim Trauma fühlt sich der Mensch schutzlos ausgeliefert. Zum Trauma gehört die Erfahrung von Gewalt und Dehumanisierung. Ziel einer Traumaverarbeitung muss sein, die psychische Repräsentation wieder herzustellen: vom Agieren oder Inszenieren des Traumas zur Versprachlichung. Dies ist der Weg vom Trauma zum Konflikt und Ziel der psychoanalytischen Arbeit (ebd., S. 30).

In nicht sprachlichen Botschaften teilen Kinder und Jugendliche mit, was sie erfahren haben. Der Therapeut leiht dem Patienten ein beobachtendes Ich, spiegelt zurück, konfrontiert ihn mit seinem Verhalten, eine Art soziale Spiegelung, Bewusstmachen von seelenblinden Zuständen. Damit werden erste Schritte der Distanzierung erreicht (Streeck-Fischer 2006, S. 216 f.). Durch Konfrontation und Benennen begreift der Patient die Pathologie und lernt Begrenzung und Schutz von gesunden Anteilen des Selbst. Für das Überwinden der traumatischen Reinszenierung ist die Klinik ein guter Ort, weil klare Grenzen zwischen Öffentlichkeit, Therapie und Alltag gesetzt werden können. Die Klinik kann als sicherer Ort der Ruhe ohne Gefühle von Hilflosigkeit und Überwältigtwerden äußere und innere Sicherheit vermitteln (ebd., S. 220). Streeck-Fischer betont für die stationäre psychoanalytische Therapie traumatisierter Kinder und Jugendlicher folgende Aspekte:

• Äußere sichere Orte finden

• Hilfe zur Selbstfürsorge

• Arbeit an der Objektspaltung

• Ausbau von Kompetenzen

• Arbeit an der Selbstregulation

• Beziehung zum Körper verbessern durch Körpertherapie

• Kognitive Fähigkeiten trainieren

• Traumaexposition

• EMDR

Eine umfassende Darstellung der »neuen Traumatherapien« und eine abgrenzende Auseinandersetzung mit ihnen können und wollen wir an dieser Stelle nicht leisten. Mit Hirsch (2004, S. 126) halten wir es aus psychoanalytischer Sicht für unabdingbar, dem Patienten die Aktivität zu überlassen und die Bedeutung der Inszenierungen zu verstehen. Jedes Vorschlagen oder Anordnen, aktives Lenken oder vorgefertigte Übungen, sind keine psychoanalytische Therapie mehr. Es besteht die Gefahr, dass die aktive Konfrontation als erneuter Übergriff erlebt wird und eine Retraumatisierung stattfindet.

Hirsch (2004, S. 6) fasst für die psychoanalytische Behandlung zusammen: Wiedergewinnung der Symbolisierungsfähigkeit, eine therapeutische Beziehung mit entwicklungsfördernden Qualitäten im Sinne Winnicotts »Holding«, eine haltende Umgebung, ein »Containing« in dem nicht symbolisierte Inhalte und Affekte modifiziert und benannt zurückgegeben werden, Stärkung der Ich-Kontrolle, Übernahme von Hilfs-Ich-Funktionen, z. B. beim Grenzensetzen, aber auch beim Aufrichten von inneren Grenzen (Selbst-Objekt-Grenzen). Die Realität des Traumas wird aktiv benannt.

Aus unseren Erfahrungen mit extremtraumatisierten Kindern und Jugendlichen (Heinemann 2008; Hopf 2011) möchten wir betonen, dass Bindungssicherheit die Basis jeder Therapie darstellt, aber auch die Fähigkeit der Kinder und Jugendlichen, das Trauma zu verbalisieren und mentalisieren, immer gleichzeitig angeregt werden sollte, und zwar in einer sicheren Beziehung und sicheren Umgebung (Heim, pädagogischer Rahmen, Klinik, unter bestimmten Bedingungen auch das Gefängnis).

Bei allen psychischen Störungen, die wir in unserem Buch vorstellen, können bei schweren Ausprägungen zunächst stationäre kinder- und jugendpsychiatrische Behandlungen stattfinden. Dies ist die Regel bei Psychosen, bei schweren Angststörungen und Depressionen oder bei Essstörungen. Auch bei frischen Traumata, etwa nach Katastrophen, Unfällen, bei extremen Posttraumatischen Belastungsstörungen mit schwerer Symptomatik, ist in der Regel ein stationärer Aufenthalt in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie oder in einer psychosomatischen Klinik für Kinder und Jugendliche unvermeidbar. Dort können unterschiedliche Traumatherapien und -techniken zum Einsatz kommen, auch EMDR und Medikation, wenn sie entsprechend in ihrer Wirkung kontrolliert werden. Solche Therapien sind jedoch weder als tiefenpsychologisch fundiert noch als psychoanalytisch zu bezeichnen.

Wir beschreiben im Folgenden tiefenpsychologisch fundierte und analytische ambulante Psychotherapie, sowie langfristige Traumabearbeitung im Heim mittels Psychoanalyse und psychoanalytischer Pädagogik. Eine tiefenpsychologisch fundierte sowie eine analytische Psychotherapie finden innerhalb von Abstinenz und Neutralität des Therapeuten statt. Eine simultane Anwendung aktiver/übender traumatechnischer Verfahren und Techniken ist darum grundsätzlich ausgeschlossen (vgl. Hirsch 2004). Die Aktivität bestimmt der Patient durch seine Abwehr. Diese gilt es nicht durch die Aktivität des Therapeuten zu bedrohen, sondern über geduldige Verbalisierung langsam dem Ich verfügbar zu machen. Die Zusammenarbeit mit der Pädagogik ist durch die Externalisierung der Konflikte unabdingbar.

7.2 Fallbeispiel »Leon«1

Im Folgenden stellen wir einen Jungen mit multiplen schweren Störungen vor, wie sie heutzutage nicht selten auch zu ambulanten Behandlungen kommen. Leon wurde in ein therapeutisches Heim aufgenommen, weil er nirgends mehr tragbar gewesen war. Im Folgenden zitieren wir aus dem Bericht seiner betreuenden Erzieherin über die erste Begegnung:

Ein stämmiger Junge schaut uns mit einem weitaufgerissenen Auge angespannt, jedoch auch versteckt freundlich an. Das andere Auge ist wegen Schielens abgeklebt. Als die Eltern gehen, tobt und schreit er so, dass er festgehalten werden muss. Sofort reißt er sein Pflaster vom Auge und wirft es zu Boden. Die ersten Stunden sind dann schwierig, dennoch scheint Leon sich zu mühen, seine neue Umgebung und die neuen Personen genau zu mustern. Nach kurzem Weinen schläft er abends rasch ein.

Am nächsten Morgen bricht beim Frühstück seine unbeschreibliche Gewalt hemmungslos aus ihm heraus. Aufgrund einer kleinen Anweisung einer Erzieherin droht er seine volle Tasse auf den Tisch zu kippen. Als diese mit einem lauten »Nein, so nicht!« reagiert und ihm die Tasse aus der Hand nimmt, wirft er den Stuhl zurück und spuckt der Erzieherin sein Essen ins Gesicht. In Sekundenschnelle klopft er mit seinem Messer drei Löcher in den Tisch und schreit: »Du Arschloch!« Vielleicht ist es wichtig, an dieser Stelle zu sagen, dass der Junge gerade mal vier Jahre und neun Monate alt ist. In der Einrichtung sind sich alle Mitarbeiter einig, solch ein Kind noch nie erlebt zu haben.

Neben seinen Affektdurchbrüchen fällt Leon auch mit seiner kaum verstehbaren Sprache auf. Mehrere Konsonanten – g, k, r – kennt er nicht, er spricht noch wie ein Kleinkind. Es mangelt an der Artikulation, am unzureichenden Wortschatz, vor allem jedoch an Symbolisierungsfähigkeit. Leon kann nicht still sitzen, wippt ständig mit dem Stuhl: Gefühle werden nicht wahrgenommen, sondern in Form von Bewegung und Unruhe abgeführt. Andererseits hat Leon Angst vor dem Treppensteigen, er fürchtet sichtlich, den Halt zu verlieren. Die ersten Tage sichert er sich mit seinen Händen auf den Stufen. Schließlich verliert er etwas von der Angst und schafft die Stufen mit den Händen am Handlauf, immer ein Bein nachsetzend. Täglich geht etwas zu Bruch, er fegt blitzartig Regale mit der Hand leer, flutet Zimmer mit Wasser, wirft Stühle durch das Zimmer. Geringste Anforderungen oder Verweigerungen genügen, dass er gnadenlos zu brüllen beginnt und unglaubliche Schimpfworte benutzt. Er attackiert die Person, ob Erwachsene oder ein Kind, mit Treten, Kratzen, Schlagen und Beißen. Einmal trifft er eine Erzieherin so heftig mit dem Schuh an die Stirn, dass diese eine Gehirnerschütterung hat. Seine Therapeutin beobachtete, dass Leon während seiner Wutanfälle keineswegs »besinnungslos« war. Vielmehr suchte er mit flackernden Augen nach Gelegenheiten, so zerstörerisch wie möglich zu sein, um sein Gegenüber zu vernichten. In solch schrecklichen Momenten sehnte sich der Junge ganz offensichtlich nur nach Grausamkeit und roher Macht, wie das Alvarez (2001) benannt hat. Wie konnte es zu solch schwerwiegenden Störungen kommen?

Die Eltern

Leon ist das dritte von fünf Kindern eines unverheirateten Paars. Der Vater ist mit vielen Geschwistern unter desolaten Bedingungen groß geworden und hat zu seinen Geschwistern und Halbgeschwistern heute keine Kontakte mehr. Er sei immer das schwarze Schaf und gleichzeitig Prügelknabe gewesen. Dazu gibt er an, vom Vater missbraucht worden zu sein. Er ist später in Heimen und verschiedenen Pflegefamilien groß geworden. Bald zeigte sich eine dissoziale Entwicklung mit delinquentem Verhalten und vielerlei Süchten. Er hatte einmal Dachdecker gelernt. Wegen seiner körperlichen Einschränkungen in Folge eines Unfalls hatte der Vater jedoch so gut wie nie gearbeitet. Mit seiner Familie lebte er seit langem von Hartz IV mit sieben Personen in einer Dreizimmerwohnung. Es wurde früh deutlich, dass sich der Vater in keinen psychotherapeutischen Prozess einlassen wollte. Unaufhörlich redete er, beschwerte er sich, griff er an. Dabei war er höchst misstrauisch und fürchtete andauernd, selbst angegriffen zu werden. Niemandem schien er mehr vertrauen zu können, bereits bei geringsten Widrigkeiten geriet er in heftige Erregungszustände, die er nicht mehr steuern konnte. Früh war das Jugendamt verständigt worden, weil der Vater die Kinder brutal geschlagen hatte.

Neben dem hochaggressiven Vater mit seinen ständigen lauten Beschwerden und Drohgebärden verschwand die Mutter regelrecht. Gelegentlich sprach sie leise etwas, das kaum zu verstehen war, verstummte jedoch rasch. Andererseits schien sie nichts anzurühren oder zu bewegen, sie wirkte nahezu schwingungsunfähig. Jeder wurde von einer unbeschreiblichen Leere in der Gegenübertragung überwältigt. Ihr Gesicht blieb starr, weder konnten ihre eigenen Gefühle wahrgenommen werden, noch war ein Sich-Spiegeln möglich. Sie war lediglich über ihr »Nicht-anwesend-Sein« spürbar!

In der Familie hatten unberechenbare, unglaublich chaotische Zustände geherrscht. Die Kinder schrien unaufhörlich, tobten, spuckten und schlugen sich. Die Mutter war zu schwach, um auch nur ein wenig Ordnung ins Chaos zu bringen, der Vater versuchte es mit Brutalität und Gewalt. Es existierte kaum mütterliches Spiegeln, wenig Halten, kein Containment. Aber es war auch kein väterliches Gesetz vorhanden, es gab keine Grenzsetzungen. Seiner Therapeutin erzählte Leon einmal, dass er die Eltern auf dem Boden im Schlafzimmer beim Sex gesehen habe. Er erzählte auch, dass er und sein Papa nackt gewesen seien und dass der Papa mit ihm »defit« habe. Der Vater habe auch seine Geschwister »defit«, dabei seien ebenfalls alle nackt gewesen. Seine Aussagen waren ganz spontan, ohne dass er danach gefragt wurde. Die Atmosphäre während seines Erzählens war ernsthaft. Nach seiner Aussage drehte er den Kopf auf die Seite und meinte, dass er nichts mehr sagen wolle. Nach Besuchen seiner Eltern war Leon immer besonders sexualisiert, seine Grenzenlosigkeit und Respektlosigkeiten wurden dann uferlos. Erst als keine Telefonate und Besuche der Eltern mehr stattfanden, ihn keine pathogene Familiendynamik immer wieder ins Nichts zurückfallen ließ, wurde Leon ruhiger und konnte in seiner Entwicklung fortschreiten.

Entwicklungsverlauf

Es fällt auf, dass die Eltern den Entwicklungsverlauf im ersten Lebensjahr als geradezu unauffällig beschreiben. Es kann jedoch vermutet werden, dass es sich dabei um einen depressiven Rückzug des Säuglings gehandelt haben könnte. Mit dem zweiten Lebensjahr sei der Junge zunehmend unruhiger und impulsiver geworden. Auf Grenzsetzungen der Eltern reagierte er mit Schreien, mit Aggressionen anderen gegenüber oder er begann zu zerstören. Als Leon mit drei Jahren in den Kindergarten kam, eskalierte die Situation rasch; nach drei Monaten sahen sich die Erzieherinnen außerstande, den Jungen noch bei sich zu halten. Danach wurde Leon bei wechselnden Tagesmüttern untergebracht. Weitere Kindergärten folgten, das Verhalten des Jungen eskalierte zunehmend. In Frustrationssituationen schrie er, zerstörte er Spielsachen, warf mit Gegenständen. An einem Abend gipfelte zu Hause alles in einem extremen Wutausbruch. Er habe die Geschwister, auch die Eltern, an den Haaren gezogen, auf sie eingeschlagen, getreten, gebissen. Ein Familienhelfer brachte ihn in eine Notpflegefamilie. Die Pflegeeltern gaben ihn nach drei Tagen bei der Polizei ab, weil sie ihn nicht mehr aushielten. Es folgten Aufenthalte in zwei Kinderpsychiatrien, schließlich das therapeutische Heim.

Auszüge aus dem Behandlungsverlauf

Indem zwischen dem Kind und einem Erwachsenen seiner stationären Gruppe erste Interaktionsmuster entstehen, entwickelt sich ein Raum für Gemeinsames und für einen Neubeginn von Bindung sowie für die Bildung von Repräsentanzen; das kann aber nur der Fall sein, wenn ausreichend einfühlsame und intensive, kontinuierliche Beziehungen zur Verfügung stehen. Aber wer kann zu solch einer liebevollen Unbefangenheit noch bereit sein, wenn er ständig aus dem Nichts angegriffen wird, wenn Beziehungen immer wieder bereits im Entstehen zerstört werden?

Denn am Anfang kam es zu wahrlich archaischen Aggressionsdurchbrüchen. Leon war nicht zu bändigen. Er schüttete seinen Becher mit Kakao aus, zertrat den Zwieback, riss sich selbst an den Haaren, schrie. Dann hörte er wie auf Knopfdruck auf – und fing genauso plötzlich wieder an. Er warf Stühle, ja Tische um, zerstörte Brillen und Ketten, tobte wie ein Wahnsinniger. Er riss sich oder andere an den Haaren oder packte andere Kinder, er würgte sie und warf sie zu Boden. Hinzu kam, dass Leon anfänglich nachts, gelegentlich auch tagsüber einnässte und einkotete.

So paradox das ist, suchte Leon mit seinen Attacken vor allem Hilfe und Unterstützung. Welche Fantasien hatten wohl seine Eltern von ihm gehabt? Leon besaß ein Sweatshirt, auf dem gedruckt stand: »Ich bin nicht wie alle anderen – ich bin viel schlimmer«. Das hatten ihm seine Eltern gekauft. Einst sagte er: »Wenn ich groß bin, werde ich wie Papa. Ich mache nichts und baue Scheiße!« Als er nicht gleich alle Türchen des Adventskalenders öffnen durfte, drohte er seiner Bezugserzieherin, dies seinem Vater zu sagen. Dann werde sie gefeuert!

Der Vater verkörpert in der Regel Gesetz und Inzestverbot, gegen beides hatte dieser Vater verstoßen. Der Sohn lernt vom Vater auch die Bewältigung von Affekten und Zügelung seiner Triebhaftigkeit.

Und dennoch entstanden langsam Bindungen, bildeten sich erkennbar Repräsentanzen von seinem Selbst und seinen Erzieherinnen. Er verfolgte alle Erzieherinnen wie ein Schatten, fasste sofort eine Hand und ließ sie nicht mehr los. Bislang hatte er niemanden gehabt, der ihn gehalten hatte, niemanden der ihn aufgewertet hätte. Leons Augen begannen zu leuchten, wenn er zu seiner Therapeutin durfte. Anfänglich protestierte er noch, wenn er abgeholt wurde. Es war dann für ihn erkennbar schön, an der Hand geführt zu werden. Malen und Basteln war von Anfang an seine Lieblingsbeschäftigung, sowohl im Kindergarten als auch in seinen Therapiestunden. Gelang ihm etwas nicht, so geriet er jedoch blitzschnell außer sich. Dann raufte er sich die Haare, versuchte sein Werk zu zerreißen, fegte die Buntstifte vom Tisch und stampfte mit dem Fuß auf dem Boden: Unversöhnliche narzisstische Wut kommt nach Kohut auf, wenn die Kontrolle über das widerspiegelnde Selbst-Objekt verloren geht oder wenn das allmächtige Selbst-Objekt nicht verfügbar ist. Narzisstische Wut ist erbarmungslose, heftigste Aggression, welche die Funktion hat, Spiegelung und die Kontrolle über den anderen zu sichern, zu erzwingen, da er sich als unzuverlässig erwiesen hat.

In der Gegenübertragung seiner Therapeutin entstand das Bild vom Rumpelstilzchen, das nicht bekommt, was es will und sich darum mitten entzweireißt. Noch heftigere Affekte entstanden, wenn Leon begrenzt werden musste. Manchmal half nichts anderes, als ihn festzuhalten, bis er sich in den Armen der Therapeutin langsam wieder entspannte. Aber das geschah immer seltener! Leon geriet vor allem »außer sich«, wenn er nicht ausschließlich beachtet wurde, wenn er einen Menschen nicht ganz für sich hatte. In Zweierbeziehungen war er zufrieden, wollte beharrlich Hilfe bei seinem Tun und rief ununterbrochen den Namen seines Gegenübers, so wie das Kinder im zweiten Lebensjahr gerne machen, um sich der Mutter zu versichern.

Anfänglich zeigten sich in den Therapiestunden noch Folgen seiner sexuellen Traumatisierungen. Bei Menschzeichnungen hob er gerne hervor, dass Männer einen Penis haben, und malte einen entsprechend großen Phallus. Sein Verhalten, sein Lachen wirkten dabei, wie wenn Männer über schmutzige Witze lachen. Dabei fasste er sich immer wieder an den Schritt und stöhnte laut dabei. Nachdem Leon von den Übergriffen seines Vaters berichtet hatte, wurden solche Szenen immer seltener und schließlich traten sie überhaupt nicht mehr auf. Obwohl es der Therapeutin nicht leichtgefallen war, die inzestuösen Erinnerungen und Fantasien des Jungen auszuhalten, hatte sie ihn – ohne weiter nachzufragen – reden lassen, so dass er sich von seinen quälenden Erinnerungen teilweise befreien konnte.

Im Folgenden wollen wir eine Szene bringen, wie die Erziehungsleiterin mit dem Jungen – nach etwa einem Jahr – an seinen Affekten und der Frustrationstoleranz gearbeitet hat. Zuvor hatte Leon seiner Erzieherin mit voller Wucht mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen, nachdem sie eine Kleinigkeit verweigert hatte – blitzartig war sie zum nur bösen Objekt geworden. Daraufhin nahm die Erziehungsleiterin den Jungen in ihre Räume mit, um die Erzieherinnen ein wenig zu entlasten. Seine Sprache wird so defizitär wiedergegeben, wie sie war. Erst so werden auch die ständigen Kommunikationsprobleme deutlich. Es wird aber auch der regressive Anteil seiner Dyslalie deutlich, seine Sehnsucht nach Symbiose mit einer guten Mutter. Es ist die Illusion, dass es in dieser Welt nur gut und »tusselis« (kuschelig) sein möge.

Die Erziehungsleiterin hatte das Gefühl, Leon wollte etwas von ihr zerreißen, was sie ihm, als sie es bemerkte, sofort untersagte. Dem war unmittelbar eine Situation vorausgegangen, in der er sich von ihr nicht ausreichend beachtet gefühlt hatte, als sie nicht sofort auf eine Frage von ihm reagiert hatte. Die Erziehungsleiterin: »Ich will nicht, dass du das zerreißt!« Leon beobachtete sie lauernd, er schien abzuschätzen, ob er es doch machen könnte. Sie knüpfte an eine Abmachung zwischen ihm und ihr an: Leon durfte sich aussuchen, ob er später ein Eis oder Waffeln essen wollte. Er hatte sich für Waffeln entschieden.

Die Erziehungsleiterin: »Du willst von mir etwas Gutes zum Essen, nämlich Waffeln, und du benimmst dich jetzt so, dass ich wütend auf dich werden soll.« Leon fing sofort an zu schreien. »Is will aba Waffel!« Provokant schaute er die Erziehungsleiterin an und begann so zu tun, als zerreiße er schon.

Die Erziehungsleiterin, schon recht ärgerlich in der Stimme: »Ich will nicht, dass du meine Sachen zerreißt. Ich habe dir versprochen, du kannst Waffeln essen, und die bekommst du auch. Aber du benimmst dich so provozierend, willst meine Sachen kaputtmachen.« Während sie sprach wurde sein Gesichtsausdruck weniger drohend, dann ließ er seine Arme sinken und sagte: »Is lass es.«

Während der gesamten Szene hatte die Erziehungsleiterin das Gefühl, es stünde auf Messers Schneide: Leon hätte durchaus auch einen seiner heftigen unkontrollierten »Wutausbrüche« bekommen können. Wirklich wissen, wie er reagieren wird, kann man immer noch nicht. In der Gegenübertragung schwingt eine ständige Angst vor blitzartigen Attacken.

Es ist zu vermuten, dass auch eine Ahnung in ihm spürbar wurde – Sehnsucht nach Geborgenheit, Beschütztsein, Geschütztsein, Versorgt werden. Er wollte gut mit ihr sein: »Wi massen es uns heute wieda gemütliss.« – »Bei dis smett alles danz dut.« – »Bei dis is es so tusselis.« Mit diesen Worten kuschelte er sich im Sessel auf der Terrasse so zusammen wie ein Kleinkind. Innerhalb von 30 Sekunden sprang er dann wieder auf und wollte etwas tun. Am Anfang hatte es geheißen, dass man nur mit Sprechen nichts bei ihm erreichen würde. Das war inzwischen zumindest begrenzt möglich geworden. Und er hatte eine Ahnung gewonnen, dass gut und böse zu einem einzigen Objekt gehören.

Die gewonnene Verbalisierungsfähigkeit, aber auch erste Fähigkeit zur Besorgnis wurde noch in einer weiteren Szene deutlich. Leon war in den Ferien auf dem Bauernhof von Anne, einer Sozialpädagogin. In seiner Wut zerbricht Leon häufig seine Brille, was die Erwachsenen regelmäßig, werden sie es gewahr, dass er wieder die Brille zerbrechen will, zu sofortiger Reaktion zwingt. So zerbrach Leon auch bei Anne seine Brille, als diese ihm etwas verbot. Die Brille wurde von ihr mit Tesaband notdürftig zusammengeklebt, da es am Wochenende keine andere Möglichkeit gab. Anne: »Leon, wenn du noch einmal deine Brille kaputtmachst, musst du im Haus bleiben. Hier ist ein Bauernhof und wenn man da herumläuft, muss man sehen können und das kannst du nur mit Brille. Wenn du sie also wieder kaputtmachst, kannst du nicht mehr auf dem Hof herumlaufen. Dann bist du nur noch im Haus.« Die Wirkung dieser klaren Ansage war: Er konnte sich von da an besser kontrollieren.

Nach einigen Monaten waren bei Leon erhebliche Entwicklungsschritte festzustellen. Er kotete nicht mehr ein, nässte auch nur noch selten ein. Seine Bezugserzieherin berichtet: »Nach seiner Rückkehr aus den Ferien fasste er meine Hand und wollte sie nicht mehr loslassen. Leon äußerte, dass er so froh sei, wieder bei uns zu sein, und folgte mir wie ein Schatten die ganze Zeit durch das ganze Haus. Leon hat gelernt, uns anzusehen, wenn wir mit ihm sprechen. Strahlend kann er mich anschauen, wenn er gelobt wird und voller Stolz erzählte er überall, dass seine Erzieherin gesagt habe, seine Augen stünden schon fast gerade, weil er das Augenpflaster immer gut darauflasse. Er hatte gelernt, Fahrrad zu fahren und konnte lange Zeit im Sandkasten spielen, gelegentlich sogar mit einem anderen Kind. Waren jedoch mehrere Kinder auf dem Hof, geriet er oft ohne ersichtlichen Grund in Wut und schlug schon mal mit einem Besen um sich. Offensichtlich wurden in einer größeren Gruppe von Kindern beunruhigende Erinnerungen an die Geschwister getriggert.«

Im Kindergarten zeigte er sich ebenfalls sehr anhänglich, wenn ihn nicht ein anderes Kind störte, oder er meinte, es würde die Zuneigung der Erzieherin zu ihm mindern. Auf seine Therapeutin freute er sich ungemein. Als diese einmal krank wurde, mochte er das nicht akzeptieren: Ging eine Türe auf, so glaubte er, sie würde jetzt kommen. Es war eindrücklich, zu erleben, wie er mittlerweile ein gutes Objekt verinnerlicht hatte. Aber immer wieder konnte es in Sekundenschnelle vom bösen Objekt überwältigt werden.

Die Symbolisierungsfähigkeit von traumatisierten Kindern hat sich nur unzureichend gebildet oder sie ist wieder zerstört worden. Die Behandlung solch schwerer Traumata fordert langen Atem auf einem sehr langen Weg. Gelingt es, die schmerzlichen Affekte in uns aufzunehmen, das Kind in seinem Elend zu begreifen und seine Scham zu spüren, kommt es langfristig zu einer Veränderung der negativen Introjekte und zur Verbesserung der Symbolisierungsfähigkeit. Bei einem Kind wie Leon, das so wenig inneren Raum besitzt, alles konkretistisch wahrnimmt und erlebt, war eine Entwicklung von Symbolisierungsfähigkeit kaum anzunehmen. Umso eindrücklicher ist jene Szene, die ich an den Schluss des Behandlungsverlaufs stellen will. Seiner Bezugserzieherin erzählte Leon, er würde manchmal nachts träumen, könne sich aber an nichts erinnern. Und dann geschah eines Tages das Folgende:

Die Erziehungsleiterin wollte ein anderes Kind abholen und hatte Leon auf diese Reise mitgenommen. Seine verwaschene, undeutliche Sprache verlangt vom Zuhörer, genau hinzuhören. Leon erzählte, dass er geträumt habe:

Leon nickte nachdenklich, dann summte er vor sich hin, wirkte entspannter und schlief in den nächsten fünf Minuten auf dem Rücksitz ein.

Interpretation
Psychodynamik

Leon hat von Häusern aus Ton geträumt, auch der Schlüssel, der den Zugang zu den Häusern ermöglichte, war aus Ton. Ton ist hart und gibt nicht nach. Er leistet somit auch unerbittlichen Widerstand, aber er zerbricht und zerbröselt dabei. Der Spielplatz des Heims ist jedoch aus Holz, lebendig und nachgiebig. Symbolisiert das vielleicht einen Entwicklungsweg von Leon? Vom unerbittlichen, aber auch selbstzerstörerischen Widerstand bis zur einfühlsamen Nachgiebigkeit? Er hatte einen Ort äußerer Sicherheit gefunden (vgl. Streeck-Fischer 2006).

Eine Erzieherin hat es damals auf den Punkt gebracht: »Sein innerliches bei uns ›Gegen-die-Mauer-Knallen‹ kostet ihn und uns viel Kraft«. Von einer solch heilsamen Entwicklung ist Leon natürlich nach einem Jahr noch weit entfernt, denn seine Durchbrüche von destruktiver Wut sind noch lange nicht vorbei.

Während des gesamten Behandlungsverlaufs sind in allen Bezugspersonen von Leon immer wieder Gegenübertragungsbilder entstanden. »Ein kleines Ungeheuer« – »Er reagiert wie ein Tier, nicht wie ein Kind«. Ein gefährliches Triebwesen bedroht die Beziehungspersonen. Am schwersten war in der Gegenübertragung auszuhalten, dass in eine scheinbar gute Beziehung unvermittelt und jederzeit zerstörerische Wut einbrechen konnte. War wieder einmal Hoffnung entstanden, so konnte sie im nächsten Moment schon wieder vernichtet werden. Liebe wurde immer wieder von Hass zerstört. Wir können unschwer eine Umkehrung von paranoider Verfolgungsangst erkennen. Leon löst jetzt aus, was er einst empfunden hat, als er von unberechenbaren Objekten, von erschreckenden Reizen, von Übergriffen und roher Gewalt umgeben war. Darauf reagierte er mit namenlosen Ängsten, mit Gefühlen von Hilflosigkeit und Ohnmacht. Seine unintegrierten destruktiven Objekte bringt er jetzt per projektiver Identifikation in seinen Erzieherinnen unter. Im psychologischen Eingangsgutachten heißt es: Wenn man Leon folgt, verwischen sich die Grenzen. Man wird selbst zu einem erweiterten Teil seines chaotischen Innenlebens, kann nur noch reagieren, kaum mehr aufnehmen und agieren.

Bei Jungen wie Leon wird unweigerlich irgendwann, meist schon beim Eintritt in den Kindergarten, ein hyperkinetisches Syndrom diagnostiziert werden. Damit wird für die Zukunft das Seelenleben ausgeblendet und eine rein organische Verursachung festgestellt. Über Jahre werden solche Kinder mit Höchstdosen von Methylphenidat behandelt, eine psychotherapeutische Behandlung findet eher selten statt. McFarlane und van der Kolk (2000) haben festgestellt, dass die ADHS (Hyperkinetische Störung) einen hohen Grad von Komorbidität mit der PTBS (Posttraumatischen Belastungsstörung) aufweisen würde. Dies konnte u. a. an einer Gruppe sexuell missbrauchter Mädchen nachgewiesen werden. Die Autoren bemängeln, dass in keinem Fall eine mögliche Vorgeschichte mit eventueller Traumatisierung überhaupt in Erwägung gezogen wurde (S. 54). Dem können wir uns direkt anschließen: Traumatisierte Kinder, wie etwa Leon, bekommen nicht nur keine angemessene Behandlung. Sie werden als organisch krank diskriminiert, ihr Befinden wird von einem Medikament abhängig, und sie werden ihrem Selbst entfremdet.

Der Fall Leon zeigt alle Besonderheiten, die Hyperkinetische Störungen bei Kindern oft haben. Ein mütterliches Containment hat nur unzureichend stattgefunden. Es fehlt an väterlichem Gesetz und väterlicher Struktur ( Kap. 15). Leon führt Affekte über Bewegung oder direkt und impulsiv ab. Beziehungsstörungen, Traumata und Vernachlässigungen behindern auch den Aufbau einer möglichen Aufmerksamkeit. Dann entstehen Aufmerksamkeitsdefizite, die jedoch – aus vielerlei Gründen – als Transmitterstörungen deklariert werden. Damit ist eine Trias von Impulsivität, Bewegungsunruhe und Aufmerksamkeitsdefiziten entstanden, die gemäß den Klassifikationssystemen von nun an als Hyperkinetische Störung bezeichnet werden kann. Von jetzt an ist nur noch Medikation angesagt, Erzieherinnen, Lehrer und Eltern müssen sich nicht mehr mühen.

Es muss festgestellt werden: Die Arbeit mit unruhigen, unaufmerksamen und unbeherrschten Kindern, ob mit oder ohne Medikation, ist zuallererst Aufgabe der Pädagogen und Psychotherapeuten. Psychoanalyse und Pädagogik haben sich von einer völlig falsch verstandenen »Wissenschaftlichkeit« viel zu häufig vertreiben lassen.

Bei Leon haben wir es mit einer schweren Bindungsstörung durch Vernachlässigung und Misshandlung im Sinne Brischs (2009, S. 114) zu tun. Die schweren strukturellen Störungen, wegen derer solche Kinder zur Vorstellung kommen, sind so gut wie immer sowohl auf zurückliegende Deprivation als auch auf vielfältige kumulative Traumata zurückzuführen. Diese Kinder weisen oft schwere Bindungsstörungen auf, haben große Probleme mit der Affektregulation, zeigen eine aggressive antisoziale Symptomatik und sind fast immer unkonzentriert und unruhig.

Gemäß van der Kolk (1998) besteht die nachhaltigste Auswirkung eines Traumas auf die Psyche im Verlust der Fähigkeit zur Selbst-Regulation oder indem der Aufbau eines strukturierten Selbst generell verhindert wird. Je jünger ein Kind zum Zeitpunkt der Traumatisierung ist und je länger das Trauma dauert, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind langfristige Probleme bei der Regulation von Wut, Angst und sexuellen Impulsen hat. Dieser Verlust der Selbst-Regulation kann sich als Aufmerksamkeitsdefizit bemerkbar machen, er zeigt sich aber auch als Unfähigkeit, im Erregungszustand Handlungen zu bremsen. Diese Kinder reagieren mit unbeherrschter Angst, Wut oder Traurigkeit und werden somit ständig retraumatisiert. Leon ist ein Beispiel dafür, wie irgendwann nicht mehr unterschieden werden kann, was Ergebnis von hirnorganischen Beeinträchtigungen ist oder was Auswirkungen einer traumatisierenden, deprivierenden und gewalttätigen familialen Atmosphäre sind. Hinzu kommen noch transgenerationale Belastungen.

Mittlerweile gibt es auch Untersuchungen über – zwar räumlich anwesende – Mütter mit permanenter Geistesabwesenheit oder chronischer Depression mit verheerenden Ergebnissen auf die emotionale und kognitive Entwicklung eines Kindes. Die Mutter Leons ist wahrscheinlich depressiv mit aggressiver Hemmung und Schwierigkeiten, Ängste und Affekte eines Säuglings zu containen. Sie ist eine »tote Mutter«, die wahrscheinlich auf keine affektiven Signale des Säuglings und Kindes eingehen konnte. Der Vater ist selbst ein missbrauchtes und misshandeltes Kind und hat das offensichtlich direkt fortgesetzt, indem er vom Opfer zum Täter wurde.

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02 aralık 2024
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