Kitabı oku: «Udine»

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IMPRESSUM

ISBN: 978-3-9904-0160-6


© 2013 by Styria Regional Carinthia in der

Verlagsgruppe Styria GmbH & Co KG

Wien – Graz – Klagenfurt

Alle Rechte vorbehalten

Bücher aus der Verlagsgruppe Styria gibt es in jeder Buchhandlung und im Online-Shop

Lektorat: Mag. Nicole Richter

Coverfoto:

Guido Baviera/​SIME

Cover-, Buchgestaltung und Illustrationen:

2 LIONS DESIGN [Carolina Santana]

1. digtale Auflage: Zeilenwert GmbH 2014


Cover

Titel

Impressum

Udine – nur zum Shoppen viel zu schade

Geschichtliches

Wie Udine zu dem wurde, was es heute ist

Kultur mit Extras

Ein giro auf den Spuren der Geschichte

A. Im Herzen der Stadt

B. Auf dem Schlossberg

C. Im Universitätsviertel

D. Jenseits des „Großen Gartens“

E. Rund um Tiepolo

F. Im Borgo Grazzano

G. In der Welt des Theaters

Genüsse und Adressen

A. Kulinarisches

B. Einkaufen

Das Leben in der Stadt

Ausflugsziele

Übernachten in Udine und Umgebung

Allgemeine Informationen

Stichwort-, Orts-, Personenregister

Literaturnachweise

Bildnachweise

Weitere Bücher

Klappentext

Udine – nur zum Shoppen viel zu schade

Udine kennt man – und doch wieder nicht. Fast jeder von uns war schon mal dort. Meist zum Einkaufen, womöglich vor längerer Zeit, als man noch auf den modischen Chic der Italiener angewiesen war und Spaghetti und italienische Jause noch eine unwiderstehliche Anziehungskraft ausübten. Und vielleicht nicht immer freiwillig, falls man im Schlepptau der Eltern zu ausgedehnten Einkaufstouren vergattert wurde.

Dieser Einkaufstrend hat etwas abgenommen, bedingt durch die Verbesserung des heimischen Angebotes, sowohl was Mode als auch Kulinarik betrifft, aber auch durch das gestiegene Preisniveau in Italien, das sich zu unserem Leidwesen an unseres angeglichen hat. Außerdem machen sich die Shoppingmalls bemerkbar, die kaufwillige Besucher schon vor den Toren der Stadt abfangen. Ja, auch die City Udines hat so ihre Probleme, die durch die Wirtschaftskrise, in die Italien hineingeschlittert ist, nicht gerade weniger werden. Wer trotz der Versuchungen der glitzernden Einkaufswelten bis in die Altstadt vordringt, wird aber kaum etwas von dieser Krise bemerken: Dem Charme der exquisit gestalteten Schaufenster in den kleinen Gassen und unter Arkadengängen haben Shoppingcenters nichts entgegenzusetzen. Wie eh und je hängen die Udineser leidenschaftlich und in Trauben vor den Bars, Cafés und Enotheken und lassen sich ihren Tajut – oder vermehrt Prosecco und Aperol Spritz – schmecken, als gäbe es kein Morgen. Die Gassen summen vor Geschäftigkeit, und dass sich die Städter hauptsächlich auf umweltschonenden Fahrrädern fortbewegen, so lange es das Wetter irgendwie zulässt, hat weniger mit Ökologie oder mit der Geldbörse zu tun, als einfach damit, dass man derart schnell und bequem ans Ziel kommt.

Und damit sind wir jetzt an dem Punkt, warum es diesen Reiseführer gibt: Udine mit seinen wieder über 100 000 Einwohnern ist wunderbar zum Einkaufen, Bummeln, Kaffeetrinken, um Trends zu entdecken und „Italianità“ zu atmen – doch es hat weit mehr zu bieten. Gediegene, alte Viertel, wo Sie garantiert noch nie waren. Einen Schlossberg mitten in der Stadt, von dem man eine herrliche Aussicht genießt. Traditionelle Stadtfeste historischer Borghi (Stadtviertel) mit Umzügen und Märkten. Gar nicht zu reden von altehrwürdigen Palazzi und tonnenschweren Denkmälern, die quer durch die Stadt übersiedeln. Beeindruckende Plätze, die mindestens drei verschiedene Namen tragen, oder uralte Osterias und moderne Bars, in denen Sie sich durch die besten Etiketten friulanischer Weine kosten können. Es gibt so unglaublich viel zu entdecken in Udine, an Kunst und Kultur, von Tiepolo bis zu den Basaldella-Brüdern, an Kulinarischem und an ganz besonderen Läden, die statt Massenware Nicht-Alltägliches in ihren Regalen präsentieren. Lassen Sie sich ein auf dieses „Mehr“ an Udine – und Sie werden sehen: Nur zum Shoppen ist Udine viel zu schade!

Für all jene, die sich schnell einen Überblick verschaffen wollen, gibt es hier eine Top 10-Liste für jene Dinge, die es in Udine unbedingt zu entdecken und erleben gilt:


1. Mit einem Gläschen Prosecco auf dem Schlossberg sitzen und den grandiosen Überblick über die Stadt, das Umland bis hin zu den nördlichen Bergzügen mit dem goldenen Erzengel teilen.

(Seite 50)


2. Das versteckte Universitätsviertel entdecken und sich in den kleinen kanaldurchzogenen Gässchen wie in Venedig fühlen.

(Seite 60)

3. In der Via Paolo Sarpi auf einen Tajut von Bar zu Bar ziehen und zu Crostini mit Formadi frant und Kren seinen friulanischen Lieblingswein küren.

(Seite 110)

4. Sich in einer der ungezählten Osterias der Stadt auf ein typisch friulanisches Gericht einlassen und einmal frico, trippe, musèt e brovada oder orzotto ordern!

(Seite 89)


5. In der Altstadt unter Arkaden schöner shoppen und lieber in kleinen Handwerks- und Designerläden stöbern als in den Shoppingmalls vor der Stadt.

(Seite 128)

6. Herausfinden, warum man in Udine so stolz auf einen venezianischen Künstler namens Tiepolo ist – und einen Blick in ein ehemaliges Theater werfen, das heute ein Gotteshaus ist. Oder einen gründlichen Streifzug durch Tiepolos künstlerische Hinterlassenschaften in Udine machen.

(Seite 72)


7. An historischen Orten die schönsten Geschichten der Stadt entdecken und mehr erfahren über die verlorene Stadt am Schlossberg, Romeo und Julia aus Udine, das Seemonster von der Piazza I° Maggio, die Palazzi und Denkmäler, die quer durch die Stadt versetzt wurden, den Franziskanerpater, der die Chinesen bekehrte und vieles mehr.

8. Das neue Museum für Moderne und Zeitgenössische Kunst in der auf Hochglanz gebrachten Casa Cavazzini mitten in der Stadt besuchen und in einer der bedeutendsten Galerien des Landes zwei Jahrhunderte italienischer Malerei kennenlernen.

(Seite 29)

9. Ganz ohne Audienz beim Größten aller Patriarchen vorbeischauen und im Dommuseum seinen prachtvollen Sarkopharg und Relikte seiner Zeit bestaunen.

(Seite 47)

10. Von der Loggia del Lionello aus auf der Piazza Libertà die Markuslöwen zählen und auf der spiegelnden Marmorfläche einen Walzer tanzen.

(Seite 24)


Wie Udine zu dem wurde, was es heute ist

Wer Udine verstehen will, kommt um die Geschichte Friauls nicht herum. Doch keine Angst, wir bleiben beim Wesentlichen! Und müssen in diesem Zusammenhang gar nicht allzu weit zurückschauen, denn Udine taucht erst 983 in den Dokumenten auf – kein Vergleich mit dem ehrwürdigen Alter Aquileias oder Cividales! Dennoch, archäologische Funde zeugen davon, dass auch Udine schon viel früher, nämlich im Neolithikum, besiedelt war.

Wie Attila den Schlossberg von Udine erschuf

Das landschaftliche Herz der Stadt, den Schlossberg, gibt es wohl schon seit der Eiszeit, denn er ist das Überbleibsel einer Endmoräne, aufgehäuft aus Fluss- und Gletscherkonglomeraten. Die Sage hält allerdings eine weitaus spektakulärere Erklärung bereit: Danach ist diese so seltsam allein dastehende Erhebung durch die Hunnen entstanden, die 452 das Land überrannt und das legendäre Aquileia im Süden der Ebene in zerstört hatten. Waren die gnadenlosen Krieger der Hunnen normalerweise für ihr effizientes Zerstörungswerk bekannt, so sollen sie hier ihre Kräfte aufgewendet haben, um etwas Neues aus dem Nichts zu schaffen – nämlich den 156 Meter hohen Hügel –, und zwar indem sie in mühsamer Kleinarbeit Erde mit ihren Helmen aufschütteten, bis der Hügel hoch genug war, um Hunnenkönig Attila von der Spitze aus einen triumphalen Blick auf seine letzte Heldentat zu bieten: das ferne Aquileia in Rauch und Asche.

In dem schicksalshaften Jahr 983 jedenfalls unterzeichnete der römisch-deutsche Kaiser Otto II. eine Urkunde, die den Patriarchen von Aquileia als Besitzer von fünf Ortschaften, zu denen auch Udine, oder besser gesagt Castrum Utini, gehörte. Und damit fängt Udine an, offiziell für die Geschichte zu existieren.

Castrum Utini war, wie es der Name schon sagt, damals nichts anderes als eine Burg auf dem Hügel, in dem der Statthalter des Patriarchen mit einigen Familien wohnte. Am Fuße der Siedlung sorgten Bauern und Handwerker in einer ebenfalls befestigten Siedlung für die lebenserhaltende Infrastruktur. Weil die Zeiten rau waren, war auch dieses Dörfchen baulich geschützt – und zwar durch eine Mauer und einen breiten Graben, der übrigens genau dort verlief, wo sich heute die ebenso breite Via Mercatovecchio wie ein schützender Ring um den Hügel schmiegt – mit einigem Abstand natürlich, um der Siedlung und der Mauer genügend Raum zu geben!

Inzwischen tat sich rundherum im Land so einiges: Den mächtigen Patriarchen von Aquileia war der Aufenthalt in ihrer gleichnamigen, schwer zu verteidigenden Zentrale zu gefährlich geworden, sie zogen erst nach Grado und später nach Cividale, die Stadt östlich von Udine, welche die kriegerischen Langobarden zu ihrer Hauptstadt erkoren hatten, und von der aus sie ihr riesiges Reich errichteten.

Die Langobarden wurden besiegt, aber die Macht der Patriarchen wuchs weiter an. Verwirrende Feudalverhältnisse und chaotische Zustände herrschten in diesen Zeiten, die erst durch Heinrich I., Graf von Bayern und seines Zeichens Bruder von Otto I., beendet wurden. Die Loyalität der Patriarchen wurde mit Barem und Lehen abgegolten und sie häuften immer mehr Macht und Reichtümer an.

Ende des 11. Jhs. herrschten die Patriarchen von Aquileia von Cividale aus schließlich über die größte Kirchenprovinz Europas – bis es den hohen Herrschaft auch dort zu ungemütlich wurde, weil Feudalherren wie die Grafen von Görz, aber auch die zunehmend selbstbewussten Bürgerstände ihnen zusetzten.

Steile Karriere mit den Patriarchen Damit kommt Udine erstmals in größerem Stile geschichtlich ins Rennen, denn seit der Patriarch Berthold von Andechs die Vorzüge des zentral gelegenen Ortes für sich entdeckt hatte, pflegten die edlen Herren vorwiegend in Udine zu residieren. 1245 erhielt Udine in der Folge das Stadt- und Marktrecht und mauserte sich langsam zu einer nennenswerten Größe. Der Marktplatz wanderte damals vom Mercato Vecchio zum Mercato Nuovo, der heutigen Piazza Matteotti.

Jetzt begann Udines Stern richtig zu funkeln: Die Bedeutung, die einst Aquileia und Cividale hatten, ging nun an die Stadt inmitten der Tiefebene über – sie wurde das politische, wirtschaftliche und kirchliche Zentrum des Patriarchenstaates.

Sie zog im Soge der zahlreichen deutschstämmigen Patriarchen ebenso zahlreiche deutschstämmige Bürger an, die Udine auf Deutsch Weiden nannten, und die Stadt wuchs rasch. Die Besiedelung rund um den neuen Marktplatz wurde dichter und erweiterter Schutz war vonnöten, den ein neu erbauter Mauerring und ein Kanal bieten sollten. Die Mauer ist im Laufe der Zeit verschwunden, doch den Bewässerungskanal, Teil des Rogge-Systems, gibt es immer noch.


Zu den wichtigsten Verbündeten der Patriarchen gehörte die Feudalherrenfamilie der Savorgnan, die nicht zuletzt aufgrund ihrer guten Beziehungen landesweit eine wichtige Rolle spielte und sich als eigentliche Herrscher über Udine etablierte.

Eine fruchtbare, wirtschaftlich erfolgreiche Phase für den sogenannten Patriarchenstaat und die Stadt Udine folgte. Eine der Hauptfiguren dieser Zeit war der mächtige Patriarch Bertrand de Saint-Geniès. In seiner 16-jährigen Herrschaft (1334 – 1350) gelang es ihm nicht nur, die Görzer Grafen wieder aus Cividale zu werfen, er schuf auch gute Beziehungen zu Österreich und Venedig und reformierte das Land. So groß muss der Wohlstand gewesen sein, dass man es für nötig hielt, ein eigenes Gesetz zu erlassen, das „übertriebenen Schmuck sowohl bei Männern als auch bei Frauen“ verbot.

Patriarchenmord und blutige Rache Aber der Teufel schläft nicht, und trotz üppig gedeckter Tische und voller Schatzkammern schwelten Eifersucht und Machtgier: Cividale und Aquileia gönnten Udine den Glanz einer Residenzstadt nicht, und friulanische Adelsfamilien den einflussreichen Savorgnans nicht die Machtfülle, über die sie verfügten. Und so organisierten die Grafen von Görz gemeinsam mit Bürgervertretern von Cividale die Ermordung des damals schon 90-jährigen Patriarchen in einem hinterhältigen Überfall, als dieser von Sacile nach Udine zurückritt. Er muss für sein Alter erstaunlich fit gewesen sein, wenn er in greisem Alter noch eine derart anstrengende Reise zu Pferd unternehmen konnte! Immerhin ist die liebliche Stadt im Westen Friauls an die 60 Kilometer Luftlinie von Udine entfernt. Und von den damaligen Straßenverhältnissen ganz zu schweigen.

Bertrands Leben fand auf dieser Reise jedenfalls sein Ende, aber auch die Attentäter hatten sich damit keinen Gefallen getan, rächte doch sein Nachfolger Nikolaus von Luxemburg die Untat mit den grausamsten verfügbaren Methoden – dazu gehörten Spezialitäten wie Vierteilen und Aufspießen der Köpfe an Udines Toren.

Die Venezianer kommen, um zu bleiben Besagter Nikolaus war der letzte Patriarch, unter dem die Beziehungen zu den Habsburgern noch gut waren – bald danach avancierte das österreichische Herrschergeschlecht zu den Hauptgegnern der neuen Patriarchengeneration. Doch da waren auch die Venezianer, die ihr Scherflein an Macht und Land haben wollten, dazu eifersüchtige Städte, gieriger Adel und aufmüpfige Bürger. Als sich die Patriarchen in Udine in einem Konflikt zwischen Venedig und Ungarn auf die Seite des ungarischen Königs Sigismund schlugen, war es vorbei mit der patriarchalischen Herrlichkeit, denn die Serenissima ließ sich diesen willkommenen Anlass nicht entgehen: Die venezianischen Truppen marschierten in Friaul ein. Udine ergab sich 1420 als letzte Bastion. Von nun an herrschte der Luogotenente, der Statthalter Venedigs, über Udine und Friaul, und die Macht der Patriarchen war zumindest empfindlich eingeschränkt.

Friede gab’s deswegen aber noch lange nicht – dafür sorgten die Türken, die im 15. Jh. mit ihren Reiterhorden durch Friaul fegten, wie einst der grausame Attila. Sie hinterließen verwüstete Landschaften und zerstörte Dörfer, die Bewohner wurden getötet oder verschleppt, das Vieh geraubt, die Häuser niedergebrannt.

In Zeiten wie diesen war starke Befestigung oberstes Gebot, und nachdem Udine weiter wuchs und die Grenzen seines Verteidigungsringes schon wieder sprengte, war 1492 wiederum ein neuer, erweiterter Mauerring angesagt, der nun auch den Dombezirk und die Vorstädte Poscolle, Grazzano und San Cristoforo mitsamt ihren Äckern einschloss.

Erst im 19. Jh. wurde die letzte Stadtmauer mit ihren insgesamt dreizehn Toren endgültig abgerissen – nur die Porta Aquileia (am Ende der Via Aquileia, heute standesgemäßer Sitz des Konsortiums der historischen Burgen Friauls) und die Porta Villalta im Westen, am Piazzale Cavedalis, geben noch Zeugnis von diesem äußersten Ring.

Den Habsburgern waren die Expansionsgelüste der Venezianer schon lange ein Dorn im Auge. Mithilfe einer starken Allianz mit Franzosen, Engländern, Spaniern und sogar dem Papst gelang es ihnen, den machthungrigen Vertretern der Serenissima einen Schuss vor den Bug zu versetzen. Immerhin verhandelten die unterlegenen Venezianer geschickt genug, um nach Ende des Krieges 1514 die alten Patriarchengebiete westlich des Flusses Iudrio (in der Nähe von Cormòns) zu behalten. Udine blieb also venezianisch.

1511: Grausamer Karneval und großes Erdbeben Ein blutiger Bürgerkrieg im Jahr 1511 ging als sogenannter Crudel Zobia Grassa (ital. Crudele Giovedì Grasso, „Grausamer Fetter Donnerstag") in die Geschichte ein, er wälzte sich von Udine aus über ganz Friaul. Darauf folgte später im Jahr das große Erdbeben, dazu Feuer und schließlich die Pest, was die Situation der ohnehin armen Bevölkerung weiter verschlimmerte.

Ungewöhnliche 100 Jahre bleiben danach friedlich, ehe die Venezianer 1615 von den Habsburgern vorsorglich nochmals eine militärische Schlappe verpasst bekamen. Damit festigten die Habsburger zwar ihre Herrschaft über den östlichen Teil des Friaul, viel änderte sich damit aber nicht. Für Udine waren also eine lange Zeit, nämlich 380 Jahre hindurch, die Venezianer zuständig. Die Stadt gewann sogar noch an Bedeutung, als die einflussreiche Diözese Aquileia aufgeteilt wurde, um die es ständig Reibereien gab. Der Papst schuf auf Betreiben der Habsburger 1751 stattdessen zwei neue Erzbistümer, nämlich Görz für den habsburgischen Teil und Udine für den venezianischen, was dem Status der beiden Städte nicht gerade abträglich war.

Chaos im Lande und Turbulenzen im Parlament Die Machtverhältnisse im Friaul waren unter venezianischer Herrschaft kompliziert wie eh und je, das Land war zersplittert in kleine und kleinste Territorien mit unterschiedlichen Rechtsprechungen und Gerichtsbarkeiten. Die Lage war chaotisch und unübersichtlich – allein: Venedig machte keine Anstalten, durchzugreifen. Sechzig oder siebzig Familien, die großteils aus dem Norden stammten, hatten damals im Friaul das Sagen. Wie es im Parlamentssaal des Castellos bei den alljährlichen Zusammentreffen zugegangen sein muss, lässt uns die Schilderung des Schriftstellers Ippolito Nievo erahnen, der in „Bekenntnisse eines Italieners“ aus 1867 ein turbulentes Bild davon zeichnete. Zahlreiche Geschlechter übten auf den ihnen unterstellten Gebieten uneingeschränkte Gerichtsbarkeit nach dem eigenen Rechtsverständnis aus, dazu kamen die Abgeordneten der freien Gemeinden und schließlich die Vertreter des Bauernstandes, die sich allesamt einmal im Jahr unter dem Luogotenente, dem venezianischen Statthalter, hier trafen. Es war dies nicht zufällig der 11. August, an dem der Markt des heiligen Laurentius abgehalten wurde, der einen willkommen Anlass für Handel und Kurzweil aller Art bot. Schließlich wollten die hohen Herren nicht nur beraten, sondern sich wohl auch vergnügen. Die Beratungen selbst kann man getrost als Farce bezeichnen – war doch alles von Wichtigkeit schon im Vorfeld entschieden und Privat- und Feudalrechte der Herren selbst wurden ohnehin nicht angetastet. Fundierte Debatten wären aber so oder so ein Ding der Unmöglichkeit gewesen, denn die vielen verschiedenen Sprachen und Dialekte machten genauso wie das fehlende einheitliche Recht etwas Gemeinsames unrealistisch. Die Sprachverwirrung muss babylonische Ausmaße gehabt haben, denn neben dem Latein und Toskanischen bedienten sich die Vertreter je nach Herkunft des Venezianer-Dialektes, des Italienischen oder Furlanischen.

Sprachprobleme hin oder her – die Mächtigen richteten es sich jedenfalls, während es der Landbevölkerung immer schlechter ging. Die Folgen der Türkenüberfälle, Seuchen und Naturkatastrophen leerten das Land. Die Venezianer unternahmen nichts gegen den wirtschaftlichen Niedergang, im Gegenteil, sie pressten den letzten Lebenssaft aus der Landbevölkerung, indem sie immer höhere Steuern einhoben und sogar altes Gemeindeland an reiche Patrizier verschacherten, sodass die Bauern nicht einmal genug Weideland hatten, um auch nur eine Kuh zu ernähren. Die Städte, und dabei vor allem Udine, hingegen blühten auf – im 16. und 17. Jh. folgten sogar aus der Lombardei zahlreiche Familien der magnetischen Anziehungskraft der blühenden Stadt, um hier im Friaul „Karriere“ zu machen – sowohl in gesellschaftlicher als auch in wirtschaftlicher Hinsicht.

Wer hat den prächtigsten Palazzo der Stadt? In Udine wuchsen in den fast vier Jahrhunderten venezianischer Herrschaft prachtvolle Paläste im Zentrum und repräsentative Villen in der südlichen Vorstadt aus dem Boden. Dabei hatte Udine wirtschaftlich durchaus zu kämpfen, denn seine Bedeutung hatte es u. a. auch dadurch erlangt, dass es ein bedeutender Handelsknotenpunkt zwischen Nord und Süd war. Diese Rolle wurde ihm jedoch zunehmend von San Daniele streitig gemacht. Immerhin war Udine aber nicht nur Hauptstadt der Patria del Friuli, des Patriarchenstaates, sondern auch Sitz der venezianischen Statthalter, deren Geltungs- und Prestigebedürfnis die Errichtung prachtvoller Bauten und Plätze erforderlich machte. Einem regelrechten Wetteifern um die prächtigsten Bauten verdankt es seine schönsten Paläste: besonders die Familien Savorgnan und Manin verpflichteten die bekanntesten und teuersten Künstler und Architekten ihrer Zeit, um sich noch prächtiger und noch imposanter zu präsentieren. Die Barockmaler Tiepolo und Quaglio sowie Rossi und Palladio als Architekten waren nur einige aus der illustren Riege, deren Arbeiten Udine zur schillernden Residenz adeln sollten.

Doch während die Stadt in Luxus schwelgte, versanken die Dörfer rundherum in Armut. Dass sich dieser Zustand schließlich im 18. Jh. besserte, war nicht einer umsichtigen Landesverwaltung zu verdanken, sondern der Initiative einzelner vorausschauender Persönlichkeiten, die z. B. in Udine eine Landwirtschaftsschule gründeten, französische Rebsorten einführten und kultivierten und neues Ackerland erschlossen.


Das Ende der Luogotenenti Die Republik Venedig sah dem chaotischen Treiben im Lande tatenlos zu und wartete wie hypnotisiert auf ihr eigenes Ende, das sie schließlich in Form von Napoleons schlagkräftigem Heer ereilte. Wobei die Franzosen im diesem Falle ihre Schlagkraft gar nicht brauchten, ergaben die tapferen Herren sich doch würde- und kampflos, verstrickt in interne Intrigenspielchen. Der letzte Doge Ludovico Manin dankte am 12. Mai 1797 ab.

Die Österreicher waren die nächsten auf der Liste des machthungrigen Korsen und schon machte er sich daran, Wien zu erobern. Dem schändlichen Einmarsch kam Kaiser Franz II. mit der demütigen Bitte um Verhandlungen voraus, die im sogenannten Frieden von Campoformido von 1797 endeten. Die vorbereitenden Verhandlungen, die eher ein Diktat des Franzosen waren, fanden in der Villa Manin bei Udine statt, wo Napoleon Quartier bezogen hatte, doch behaupteten die gedemütigten Österreicher, das Abkommen sei auf halbem Wege zwischen dem kaiserlichen Aufenthaltsort Udine und dem napoleonischen Quartier in Codroipo zustande gekommen, also in Campoformido.

Mehr als 50 Jahre habsburgisch Dies aber änderte nichts am harschen Inhalt des Friedensschlusses, in dem der Habsburger-Kaiser mit den linksrheinischen Gebieten alte Kernlande opfern musste, dafür immerhin vorläufig Venetien und Friaul zugesprochen bekam. Jetzt war das Gebiet zur Abwechslung einmal österreichisch – ab 1813, und nur bis 1866, als Friaul (ohne Görz und Triest, die österreichisch blieben) Teil des Königreiches Italien wurde. Schon vorher hatte sich erstmals ein unüberhörbarer Wille zur friulanischen Unabhängigkeit entwickelt, der jedoch 1848 niedergeschlagen wurde.

Im Ersten Weltkrieg wurde Udine Sitz des Italienischen Oberkommandos und bekam in diesem Zusammenhang den etwas zweifelhaften Ehrentitel einer „Hauptstadt des Krieges”. Das Ospedale di Sant’Osvaldo im Süden der Stadt, ehemals eine psychiatrische Klinik, wurde zum Militärspital mit Tausenden Verletzten umfunktioniert, gleich daneben richtete man ein riesiges Waffen- und Sprengstoffdepot ein. Am 27. August 1917 erschütterte eine gewaltige Explosion die Stadt. Das gesamte Depot war in die Luft geflogen, wohl deshalb, weil die notwendigen Vorsichtsmaßnahmen zu lax gehandhabt worden waren. Unzählige Tote und ein verwüsteter Bezirk waren die Folge. Die Katastrophe ging als „Polveriera di Sant’Osvaldo“ in die Geschichte ein.

Nach dem Krieg wurde Udine wurde zur Hauptstadt einer riesigen Provinz Friaul, die die heutigen Provinzen Görz, Pordenone und Udine einschloss.

Der Zweite Weltkrieg, der am 8. September 1943 für Italien mit einer Kapitulation gegenüber den alliierten Streitkräften endete, bescherte Udine von 1943 bis 1945 eine harte Zeit unter deutscher Wehrmachtsbesatzung.

1963 wurde die Region Friaul-Julisch Venetien (Friuli-Venezia Giulia) gegründet, deren Hauptstadt aber nicht Udine, sondern Triest wurde. Ursprünglich waren für die Region drei Provinzen vorgesehen – Görz, Triest und eine riesige Provinz Udine, die aber 1968 durch die Errichtung der Provinz Pordenone im Westen auf eine überschaubare Größe reduziert wurde.

Und die Stadt Udine selbst? Sie ist zwar nicht Regionshauptstadt geworden, aber doch Hauptstadt der zentralen und immer noch großen Provinz Udine, zu der der gesamte Norden des Landes mit dem Tarvisiano und der Carnia und der Süden bis Aquileia gehören. Sie ist durch ihre Größe und zentrale Lage auch Sitz zahlreicher wichtiger Verwaltungszentren, die Aufgaben für das gesamte Friaul abwickeln, ist Universitätsstadt und größtes Wirtschafts- und Einkaufszentrum der Friulaner Ebene. Dass nicht Udine die Hauptstadt ist, sondern das ferne, so andersartige Triest, mag wie ein Stachel im Fleisch der Udineser sitzen – doch dem Selbstbewusstsein der jungen, pulsierenden Stadt tut dies letztendlich keinen Abbruch.

Ein giro auf den Spuren der Geschichte

Udines prächtige Palazzi und Arkadengänge geben eine atmosphärische und besonders „italienische“ Kulisse für die beliebten Kurzbesuche ab, auch wenn in deren Fokus hauptsächlich chice Schuhe oder trendige Handtaschen stehen sollten. Doch Vorsicht: Ein wenig mehr über das geschichtsträchtige Umfeld zu wissen, kann die Freude am Bummeln in der sympathischen Stadt beträchtlich steigern! Denn plötzlich weiß man, warum man auf der Piazza Libertà immer so an Venedig erinnert wird oder warum eigentlich die romantische Kirche auf der Piazza Matteotti einen Balkon hat. Oder dass auf der Piazza I° Maggio, die heute einen idealen Ausgangspunkt für Stadteroberungen darstellt, einst ein Seemonster lauerte … Wir starten also in einen giro, einen Rundgang, der uns mehr über diese Stadt erfahren lässt:

A. Im Herzen der Stadt

Idealerweise finden Sie genau dort, wo einst ein kleiner See lag, für Ihr Auto einen – gebührenpflichtigen – Parkplatz. Die Udineser nennen den großen, grünen Platz Giardin Grande oder auf Furlanisch Zardin Grant, auch wenn man ihm zum Ende des Zweiten Weltkrieges die Allerweltsbezeichnung „1.-Mai-Platz“ verpasst hat. Und als Garten wird er nicht zu Unrecht bezeichnet, denn er misst, den angrenzenden Park Loris Fortuna mitgerechnet, circa 20 000 Quadratmeter und präsentiert sich nicht nur mit einer ellipsenförmigen Parkanlage voller Plantanen, Kastanienbäume und einem Springbrunnen in seiner Mitte, sondern auch rundherum grün und einladend. Giovanni Boccaccio war von dem Park so begeistert, dass er ihn in seiner berühmten Novellensammlung „Decamerone“ als einer der schönsten Gärten, den man jemals zu Gesicht bekommen könnte, gewürdigt hat.

Das Seemonster der Piazza I° Maggio

Eine Sage erzählt von einem Seemonster, das im Zardin Grant sein Unwesen getrieben hat. Doch wie kommt ein Seemonster dorthin? Schlummerte es etwa im Springbrunnen? Wer heute da steht, glaubt es kaum – der weitläufige Platz war in der Antike ein kleiner See. Er wurde von der Roggia di Palma gespeist und jeder, der vom Castello auf die andere Seite wollte, musst sich eines Bootes bedienen, um trockenen Fußes dorthin zu gelangen. Kein Wunder, dass die Fantasie den mittelalterlichen und des Schwimmens nicht mächtigen Seeüberquerern ein gruseliges Gerücht einflüsterte: Es erzählte von einem schaurigen Ungeheuer, das in den Tiefen des Gewässers lauerte. Nach und nach wurde die Wasserfläche trockengelegt, bis aus dem See schlussendlich ein blühender Garten geworden war. Die große, freie Fläche lud natürlich ein, hier Riesenspektakel abzuhalten: Nach 1780 wurden im Sog des großen Lorenzimarktes am 10. August aufsehenerregende Pferderennen abgehalten – mehrere Tage dauerte das Fest, bis es schließlich am 15. August mit der beliebten öffentlichen Tombola seinen Höhepunkt erreichte.

In den 1970er-Jahren startete man den Versuch, ein mittelalterliches Pferdeturnier im Stile eines Palio wie in Siena einzuführen, im Zuge dessen sich zehn Udineser Parteien einen heißen Wettkampf um den Sieg lieferten – allerdings nur zwei Jahre lang. Aber auch ohne Palio sah der Zardin Grant so einiges, was die Massen in Bewegung setzte: buntes Treiben zwischen Marktständen, riesige Zelte der Wanderzirkusse, Rad- und Motorsportveranstaltungen, Militärparaden und für die beiden Papstbesuche (Paul VI. und Johannes Paul II. waren hier!) war der Große Garten gerade groß genug.

Doch was ist aus dem Seeungeheuer geworden? Im Brunnen schwimmt es jedenfalls nicht mehr … Man munkelt, dass eine seiner Rippen in der angrenzenden Basilica Madonna delle Grazie bis heute aufbewahrt wird.

Nach wie vor findet hier rund um den 25. November, dem Tag der heiligen Katharina, ein traditioneller Markt statt, der aus dem 13. Jh. stammt und der wahrscheinlich älteste Italiens ist. Früher kamen die Bauern aus der Umgebung auf den Platz, um ihre Produkte anzubieten und sich im Gegenzug für den langen Winter einzudecken. Noch heute sagt man, dass alles, was man am Katharinenmarkt ersteht, einen ganz besonderen Stellenwert hat – egal, ob Schal, Keramikhäferl oder bunte Zuckerwatte am Stiel.

Auch am Rande des großen Platzes gibt es so einiges zu entdecken, wie etwa die Chiesa Madonna delle Grazie (auch: Santuario della Beata Vergine delle Grazie) gegenüber dem Schlossberg. Auch als Standort für Bildungsinstitute und Schulen erschien der Platz den Stadtplanern und Gründern als der richtige Ort, so hat sich im Südosten das staatliche Konservatorium Jacopo Tomadini angesiedelt, im Osten, in erhabener Position, das Liceo Classico Jacopo Stellini und im Norden beim Viale della Vittoria das Liceo Artistico Giovanni Sello, das sich die Kunsterziehung an die Fahnen geheftet hat.


Durch die Porta Manin hinein ins Zentrum Doch jetzt führt uns der Weg vom südlichen Ende des Platzes direkt ins Herz der Stadt, nämlich durch das Stadttor Porta Manin mit dem Turm San Bartolomeo. Dieses Tor war seit dem 13. Jh. Bestandteil der dritten Stadtmauer Udines, sein heutiges Erscheinungsbild ist allerdings nicht mehr original, was sich unschwer erkennen lässt – die schmucke Glasloggia war zur Zeit seiner Errichtung wohl noch außerhalb jedes architektonischen Vorstellungsvermögens.

So wie die Porta heißt auch die anschließende Straße Via Daniele Manin, in Erinnerung an das Geschlecht, das auch den letzten Dogen Venedigs stellte und dem Friaul u. a. die geschichtsträchtige Villa Manin vor den Toren Udines, in Codroipo, zu verdanken hat. Hier befindet sich gleich hinter dem Tor ein sehenswerter Palazzo ganz in Stile der venezianischen Frührenaissance aus dem 16. Jh., nämlich der Palazzo Mantica, heute frisch renovierter Sitz der Philologischen Gesellschaft Friauls. Diese Straße ist außerdem eine beliebte Einkaufs- und Einkehrstraße, wo man gleich zu Beginn auf der rechten Straßenseite tolle Accessoires (Rosa dei Venti) findet und ein paar Häuser weiter bei A.C.E.R. süße Mitbringsel, Spirituosen und Wein einkaufen kann. Das geschichtliche Gewicht dieser Straße belegen die alten Osterias wie das „Ai Piombi“, die „Osteria Nr. 8“ und das nunmehr innen renovierte „Ristorante Pizzeria Manin“.


Venedig in Udine: Die Piazza Libertà Die Via Daniele Manin bringt uns über die Via Vittorio Veneto mit dem traditionsreichen Caffè Cotterli an der Ecke direkt zu dem Vorzeigeplatz der Stadt: Piazza Libertà. Von ihm sagt man, er sei der venezianischste außerhalb Venedigs – und wirklich hat die Serenissima, unter deren Regentschaft Udine 380 Jahre lang stand, hier unverkennbar beim Entwurf Regie geführt: die Loggia del Lionello mit der weiß-rosa gestreiften Fassade und den zarten Bögen der Arkaden und Fenster, der Torre dell’Orologio, der Uhrturm, den sogar ein Markuslöwe ziert – dieses Ensemble könnte auch in Venedig stehen.

Der Eindruck, den der Platz an einem normalen Arbeitstag erweckt, mag von der Betriebsamkeit her enttäuschend sein – für Cafés und Geschäfte ist an umittelbarer Stelle kein Platz. Doch die Piazza kann auch anders. Wenn es etwas richtig zu feiern gibt, wie etwa den Aufstieg in den Fußballhimmel der Champions League durch den heimischen Udinese Calcio, dann bietet die Loggia eine ideale Bühne und der Platz wird zum brodelnden Hexenkessel, in dem gefeiert wird, bis den hier residierenden Giganten Herkules und Kakus die steinernen Köpfe dröhnen.

Als Versammlungsort fungierte er schon im Mittelalter und er war darüber hinaus Marktplatz – wohl auch für Wein, denn „Piazza del Vino“ ist neben der Bezeichnung „Piazza del Comun“ einer seine alten Bezeichnungen. Erst seit 1530 sieht die Piazza so aus wie heute. Ein schweres Erdbeben – keine Seltenheit im Friaul und durchaus keine Erscheinung der historischen Vergangenheit, wie uns 1976 die Katastrophe im Kanaltal schmerzlich bewiesen hat – hatte 1511 große Verwüstungen angerichtet und auch den Vorzeigeplatz Udines schwer in Mitleidenschaft gezogen.


Die Stadtväter, zu jenen Zeiten in Venedigs Diensten, machten sich also an die Wiederherstellung. Mit dem Torre dell’Orologio begann die Neugestaltung. Er ersetzte einen mittelalterlichen Turm der Stadtmauer und präsentiert an seiner Front stolz den Markuslöwen, der ursprünglich sogar vergoldet und ein deutlicher Hinweis darauf war, wer in Udine das Sagen hatte. Vor dem blauen Himmel der Stadt macht sich das himmelblaue Ziffernblatt der Turmuhr äußerst dekorativ, und wenn die Sonne einmal nicht scheint, so strahlt immer noch die goldene Sonne im Zentrum des schönen Zeitmessers. Die Glocke hängt ungeschützt am Dach des Turms, wo sie von zwei dunkelhäutigen Gesellen zeitgerecht zum Ertönen gebracht wird. Der Turm scheint aus der luftigen Loggia di San Giovanni emporzuwachsen, aus der sich die Kuppel der Cappella di San Giovanni erhebt, heute eine Gedenkstätte für Gefallene.

Die elegante venezianische Loggia del Lionello gegenüber bildet das Gegengewicht dazu – sie ist das älteste Monument am Platz, ihr Bau wurde 1448 begonnen. Dieser Palazzo Comunale (ehemaliges Rathaus) gilt als Meisterwerk venezianischer Gotik und ist einen genaueren Blick wert.

Loggia del Lionello: Ein Schmuckstück vom Goldschmied

Vielleicht liegt der Grund für die Filigranität des Bauwerkes darin, dass es ein Goldschmied entworfen hat? Nicolò Lionello hieß der gute Mann, dem Udine dieses Schmuckstück zu verdanken hat, und so lautet auch der offizielle Name des prächtigen Palazzos. Lionello stammte aus der Stadt und war Architekt, vor allem aber mit Leib und Seele Goldschmied, mit einer Werkstätte in der Via Mercatovecchio – und er hatte schon für einige Kirchen und Klöster kostbare Goldschmiedearbeiten geliefert. Sein Entwurf fand nach langwierigen Diskussionen die Zustimmung der Stadtväter und so wurde dieser unter der Leitung eines Udineser Baumeisters namens Bartolomeo delle Cisterne in die Realität umgesetzt.


Der Palazzo ist nicht mehr zur Gänze im Original erhalten, so sind beispielsweise die Treppen an der Schmalseite jüngeren Datums, nach einem verheerenden Brand 1876 wurde er nach seinem ursprünglichen Vorbild sehr einfühlsam wieder aufgebaut. In der Loggia mit dem hochglänzenden Marmorboden führt ein Marmorportal nach einem Entwurf von Palladio in die Innensäle, Kunstwerke, darunter die Kopie von Pordenones „Madonna mit Kind“ auf der rechten Seite (das Original wurde beim Brand beschädigt und hängt im Schlossmuseum), schmücken die Wand. Die weite, spiegelnde Fläche der Loggia ziert einzig ein kunstvoll geschmiedeter eiserner Kasten, der meteorologische Instrumente aus dem Labor des Udineser Erfinders Arturo Malignani (siehe S. 59) birgt.

An den Schmalseiten der Piazza, die von den Udinesern auch Piazza Contarena genannt wird, setzten die Stadtplaner ebenfalls markante Blickfänge: im Süden ein Brunnen vom großen Giovanni da Udine, von dessen Werk man etwas respektlos behaupten könnte, es erinnere an eine mehrstöckige Hochzeitstorte. Und im Norden steht das sogenannte Friedensdenkmal, das von Napoleon in Auftrag gegeben wurde und in dessen Rücken schon der Aufstieg zum Schlossberg beginnt. Garniert wird das geschlossene Ensemble des Platzes mit zwei Monumentalsäulen, deren rechte das stolze Markenzeichen der Venezianer trägt, den Markuslöwen, die andere, erst nach 1600 errichtet, eine Statue der Gerechtigkeit. Zusammen mit dem besonders eindrucksvollen geflügelten Raubtier auf dem Arco Bollani, das den Eingang zum Schlossberg bewacht, und dem Löwen vom Uhrturm ergibt das ein Rudel von drei imposanten Löwen, die die einstige Macht Venedigs hier eindrucksvoll demonstrieren.



Starke Männer aus dem Hause des Unholds Blieben noch die beiden steinernen Mannsbilder zu bewundern, die mit Muskeln und Keule bepackt den Platz bewachen: es sind Herkules und Kakus – Letzterem ist irgendwann im Laufe der Geschichte seine Keule abhanden gekommen –, zwei Barockstatuen aus der Werkstätte eines gewissen Angelo de Putti. Die beiden Riesen behüteten einst einen Udineser Palast, der mitten auf Piazza XX Settembre stand. Sein Besitzer war Lucio della Torre, ein Adeliger aus Fagnagna von übelstem Ruf, der noch dazu hinter jedem Rockzipfel her war und schließlich wegen angeblicher Verwicklung in einen Frauenmord selbst einen Kopf kürzer gemacht wurde. Nicht nur der Übeltäter selbst, auch sein Palast war den Stadtvätern ein Dorn im Auge, und er wurde bei dieser Gelegenheit dem Erdboden gleich gemacht. Nur die beiden steineren Riesen, die auch die Namen Floreàn und Venturìn tragen, halten die Erinnerung an den Bösewicht und seine strenge Strafe aufrecht.


Ein Platz, viele Denkmäler. Jetzt muss man sich entscheiden: durch den Arco Bollani hinauf auf den Schlossberg, zur schönen Aussicht und vielleicht sogar ins Museum zu altehrwürdigen Künsten und Künstlern? Oder hinein ins Stadtleben, zu Palazzi, Märkten, Shops und Cafés?

Wer sich für die Innenstadt entscheidet, gelangt gleich hinter der Loggia zum Palazzo d’Aronco mit seinen Jugendstilelementen aus der Zeit 1911 – 1925, der nach seinem Erbauer benannt ist und als Rathaus fungiert. Eine kleine Einkehr in das sehenswerte Caffè Contarena bietet nach so viel Kultur eine willkommene Abwechslung. Zwar sicher nicht der günstigste und nach Urteil der Einheimischen auch nicht der beste Kaffee der Stadt, ist das Lokal, das im eleganten Jugendstil mit Silber- und Mosaikverzierungen ausgestattet wurde, gleichwohl selbst eine Sehenswürdigkeit (siehe S. 121).

1910 wurde mit dem Bau des Palazzo d’Aronco oder Palazzo Municipale begonnen – eine Reihe von Gebäuden fielen dem Vorhaben zum Opfer, um in der geschäftigen Via Rialto Platz für das kühne Vorhaben zu schaffen, sehr zum Missfallen der Einwohner. Jahrzehnte später wiederholte sich der Vorgang an der anderen Seite des Platzes vis-àvis des Caffè Contarena, wo der Palast, in dem das beliebte Kino Centrale, von den Udinesern auch Eden genannt, der Spitzhacke zum Opfer fiel und ein modernes Gebäude aus Beton und Glas entstand, in dem das Kaufhaus Upim Quartier bezog. Mittlerweile ist auch dieses schon in die Jahre gekommen und sein Ende angeblich nahe.

Casa Cavazzini – Museum der modernen und zeitgenössischen Kunst

Einen besonderen Leckerbissen für Freunde der zeitgenössischen Kunst gibt seit Kurzem in der Via Cavour nahe dem Palazzo d’Aronco und dem Caffè Contarena – ein weiterer guter Grund für einen Udinebesuch: Die frisch renovierte Casa Cavazzini beherbergt jetzt die etwa 4000 Werke, die bis dato im „Palamostre“ an der Adresse Piazzale Paolo Diacono/​Via Ampezzo untergebracht waren. Ob wohl der etwas abgelegene Standort dran schuld war, dass dieses Juwel einer modernen Galerie von Besuchern eher stiefmütterlich behandelt worden war? Jetzt ist ein Besuch einfach geworden – und allein der renovierte Palazzo eine nähere Betrachtung wert: Die Casa Cavazzini aus dem 16. Jh., ein Geschenk des Kaufmannes Dante Cavazzini an die Stadt, wurde 2012 nach der einschneidenden Renovierung durch den Architekten Gae Aulenti ihrer neuen Bestimmung übergeben. Modern, hell und funktionell im Innern, blieb die historische Schale erhalten. Zwar scheint der Übergang von Alt auf Neu so manchem Udineser ziemlich kompromisslos, doch ohne Zweifel bietet es unter hellen Lichtkuppeln und weißen Gewölben auf 3500 Quadratmetern eine beeindruckende Kulisse für die zeitgenössische Kunst. Im Zuge der Restaurierung wurden auch bis dahin unentdeckte antike Schätze wie Mauerwerk, Fresken und Töpfereien gefunden, die, nun ebenfalls restauriert, gewissermaßen ein „Museum im Museum“ bilden. Der erste und zweite Stock sind der ständigen Ausstellung der Sammlungen des Vorgängermuseums gewidmet, deren wertvollste Kollektionen jene von Astaldi, FRIAM und die Werke der Brüder Basaldella sind. Die Astaldi-Sammlung umfasst allein 193 Werke wichtiger italienischer Künstler wie Severini, De Pisis, Carrà, Morandi, Sironi, Martini, Santomaso, De Chirico und Savino. 1982 machten Maria Luisa and Sante Astaldi ihre Kollektion den Udinesern zum Geschenk. Die Brüder Basaldella und Corrado Cagli schufen hier 1938 im damaligen Privathaus von Cavazzini (Bad, Küche und Speiseraum sind noch erhalten) einen Zyklus von Wandgemälden, der ebenfalls in neuer Frische erstrahlt. Die Kollektion FRIAM umfasst 113 Werke zeitgenössischer amerikanischer Kunst mit Werken von Willem De Kooning, Carl Andre und Frank Stella, die von den Künstlern als Zeichen der Solidarität mit den Opfern des Erdbebens von 1976 gespendet wurden. Nicht alle wichtigen Exponate finden gleichzeitig Platz, deshalb werden manche Werke rotierend ausgestellt.

Casa Cavazzini

Museo d’Arte Moderna e Contemporanea

Via Cavour 14

33100 Udine

www.udinecultura.it

Öffnungszeiten: Täglich, außer Dienstag, 1. Oktober bis 30. April 10.30 – 17 Uhr und 1. Mai bis 30. September 10.30 – 19 Uhr, Ticketverkauf bis eine halbe Stunde vor Schluss. Vollpreis Erwachsener € 5, FVG Card akzeptiert.

Via Mercatovecchio: Ein Graben macht Karriere Jetzt geht es Richtung Geschäftsviertel und damit auf die Via Mercatovecchio, die sich als die eigentliche Hauptstraße um den Schlossberg schlängelt. Ein Blick zurück in die Geschichte erklärt auch, warum im historischen Stadtinnersten, wo stets Platznot angesagt war und ist, eine so breite Straße entstehen konnte: Einst befand sich hier ein 40 Meter breiter Graben, der die ursprüngliche kleine Siedlung schützte – der innerste, älteste Verteidigungsring der mittelalterlichen Stadt. Die Siedlung wuchs und der Graben wurde zugeschüttet. Dafür entstand in der Folge eine breite Straße, auf der auch der Markt abgehalten wurde, daher auch der Straßenname.

Doch die Stadt wuchs weiter und der Markt wanderte jetzt zur Piazza Matteotti, der im Unterschied zum Mercato Vecchio auch Mercato Nuovo genannt wurde. Die Befestigungsanlagen wurden natürlich ebenso weiter verlagert, von denen der Kanal, der über weite Strecken unterirdisch verläuft, z. B. bei der Via Antonio Zanon, noch heute zeugt: Hier zaubert er nicht nur eine ganz besondere Atmosphäre, sondern markiert auch die Ausdehnung der Stadt im 13. Jh.


Doch bleiben wir noch bei der Via Mercatovecchio: Hier bezog der Adel sein Quartier und wichtige Institutionen wie Münzprägung und Staatskanzlei richteten sich in den prächtigen Palazzi ein. Ursprünglich dominierte die Gotik die Fassaden der Häuser, mit den Zerstörungen durch das Erdbeben und darauffolgenden Renovierungen ging dieser Stil jedoch weitgehend verloren. Ein markantes Gebäude fällt besonders in der schönen Arkadenstraße auf, auch wenn heute jede Menge kommerzieller Versuchungen in Form verlockender Auslagen um die Aufmerksamkeit des Spaziergängers buhlen: Es ist der hellgelbe Palazzo del Monte di Pietà, jetzt Sitz der Cassa di Risparmio, der Sparkasse. Um Geld ging es hier immer schon, war es doch einst das Pfandleihhaus, gleichzeitig wird aber dem Himmel reichlich Reverenz erwiesen. Alle vier Ecken werden von Pietà-Skulpturen geschmückt und das Zentrum ist gar mit einer schmucken Barockkapelle namens Cappella del Monte di Pietà mit Fresken von Giulio Quaglio ausgestattet.

Barockes von Quaglio

Udine hat in Sachen barocke Malerei nicht nur eine Vielzahl von Werken des berühmten Venezianers Giovanni Battista Tiepolo aufzuweisen. Auch Giulio Quaglio der Jüngere (1668 – 1751) hat Udine so einiges an bemerkenswerten Hinterlassenschaften gebracht – wie die Fresken in der Cappella del Monte di Pietà, die er mit dem Jahr 1694 datierte. Er stammte vom Comosee aus der Familie der Quaglios, aus der zahlreiche Maler und Architekten hervorgingen. Seine berühmtesten Werke schuf er zwar in der Kathedrale von Laibach, doch nahm er auch in Udine eine ganze Reihe von Aufträgen in den Palästen der Adeligen an, z. B. im Palazzo Attimis-Maniago, im Palazzo Strassoldo in der Via Vittorio Veneto und im prächtigen Palazzo Antonini-Belgrado an der Piazza del Patriarcato, der heute Verwaltungssitz der Provinz Udine ist. Seine Auftraggeber waren aber nicht nur weltliche Herren, die Kirche fand ebenso Gefallen an seiner Kunst. So findet sich in der Kirche Santa Chiara in der Via Gemona im alten Stadtviertel Borgo Gemona seine Handschrift.

Die Via Mercatovecchio endet schließlich bei der Piazza Marconi, wo der Palazzo Bartolini mit dem Wappen an der Fassade die wichtigste Bibliothek Friauls, und zwar deren Hauptsitz beherbergt: die Biblioteca Civica „Vincenzo Joppi“ (mit acht weiteren Standorten in der Stadt!) archiviert 500 000 Bände.

Wenn man nach links die dann bald etwas abfallende Straße weitergeht, beginnt schon das Universitätsviertel – ein Viertel, das bei Tagesbesuchern weitestgehend unbekannnt ist. Mit seinen traditionellen und oft originellen Kneipen und dem ganz besonderen Ambiente ist es jedoch absolut sehenswert! Doch dazu später, noch bleiben wir im Bereich der „Hauptstraße“: Die schmalen Gässchen wie die Via Mercerie und die Via del Monte, die von der breiten Arkadenstraße abgehen, haben einen eigenen Zauber. Hier finden sich hübsche, kleine Geschäfte, Cafés und Bars, an denen sich mittags und abends die Menschen bis auf die Straße hinaus drängeln – jeder ein Gläschen in der Hand und ein Schwätzchen auf den Lippen. Das ist Italien pur.

Piazza Matteotti: Ein Lieblingsort mit vielen Namen Folgt man einer dieser beiden Gassen, so landet man auf der Piazza Matteotti und ist damit bei einem weiteren „Must“ Udines angelangt. Der Platz wird wegen seiner Kirche auch Piazza San Giacomo genannt, Touristiker nennen ihn „Salon unter freiem Himmel“, was angesichts seiner quadratischen Form und der hübschen geschlossenen Häuserfassade, die ihn begrenzt, durchaus nachvollziehbar ist. Salon, Wohnzimmer, Markt oder Kinderspielplatz – die Udineser lieben diesen eleganten Platz jedenfalls und mit seinen vielen Cafés rundherum gibt es genug Gründe, hier ganz relaxt zu verweilen.

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Litres'teki yayın tarihi:
22 aralık 2023
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218 s. 98 illüstrasyon
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9783990401606
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