Kitabı oku: «Kreuz Teufels Luder»
Evelyna Kottmann
Kreuz Teufels Luder
Limmat Verlag
Zürich
Die Autorin
Evelyna Kottmann, 1961 in der Schweiz geboren. Schauspielerin, Clownin, Psychodramatikerin und Leiterin Themenzentriertes Theater, legt mit «Kreuz Teufels Luder» ihr erstes, autobiografisch geprägtes Buch vor.
Eins
Adam und Lilith
Lilith war Adams erste Frau. Adam hatte Lilith geheiratet, weil er es müde geworden war, sich mit Tieren zu paaren. Sodomie war unter den Hirten des Mittleren Ostens eine gebräuchliche Sitte, auch wenn das Alte Testament sie als Sünde bezeichnete. Adam zwang Lilith, in der Missionarsstellung unter ihr zu liegen. «Verflucht sei der Mann, der die Frau zum Himmel und sich selbst zur Erde macht», sagte er zu Lilith. Katholische Autoritäten behaupteten später, jede andere Stellung als diese sei Sünde. Lilith verhöhnte Adams Grobheit, verfluchte ihn, floh und liess sich am Roten Meer nieder. Dort versuchten enthaltsame Mönche vergeblich, Lilith abzuwehren, indem sie im Schlaf ein Kruzifix umklammerten und die Hände gekreuzt über ihre Genitalien legten. Es hiess, dass Lilith jedes Mal lachte, wenn ein frommer Christ einen feuchten Traum hatte. Da Gott Lilith nun nicht mehr zu Adam zurückführen konnte, sah er sich gezwungen, als einen zahmen Ersatz für Lilith Eva zu erschaffen.
Lilith
So gesehen trug Lilith den richtigen Namen. Sie kam 1935 an der Schweizergrenze zur Welt. Sie war das einzige Kind einer fahrenden Sippe. Bis sie zehn Jahre alt war, lebte Lilith mit ihrer Mutter mal da, mal dort, an keinem festen Ort. Aus der Sippe konnte nur ausgeschlossen werden, wer sich in einen Sesshaften verliebte, der nicht bereit war zu fahren. Oder wer sich der Prostitution zuwandte, wie es Liliths Mutter tat.
Liliths Mutter prostituierte sich, um überleben zu können. Über ihren Vater wusste Lilith gar nichts. Sie hatte nie ein festes Zuhause gehabt und kaum Kontakte zu anderen Kindern. Für Lilith gab es auf dieser Welt nur die Mutter und viele verschiedene Männer, die da, wo sie gerade zu überleben versuchten, ein und aus gingen.
Lilith ging kaum in die Schule, sie konnte weder schreiben noch lesen. Als sie in die Pubertät kam, wurde Lilith von ihrer Mutter getrennt und in eine Anstalt gebracht. Das Leben dort war für Lilith ein Gräuel. Dann begegnete sie einem Mann, verliebte sich vielleicht in ihn und wurde selber Mutter. Der Mann hiess Jakob.
Jakob
Jakob erblickte das Licht der Welt 1931 zusammen mit seinem Zwillingsbruder. Er, Jakob, war der Zweitgeborene. Sie kamen aus einem Ei und sahen sich zum Verwechseln ähnlich. Jakob hatte bereits einen älteren Bruder und eine ältere Schwester. Eine jüngere Schwester kam später dazu. Jakobs Familie war jüdisch und den Traditionen stark verhaftet. Sie waren arme Juden und kamen mehr schlecht als recht über die Runden. Der Vater und die Mutter hatten nicht mit einer Zwillingsgeburt gerechnet, so wie sie auch nicht damit gerechnet hatten, nach den Zwillingen nochmals ein Kind zu bekommen.
Jakob durfte keine Lehre machen, denn die Eltern konnten sich zwei Lehrlinge nicht leisten. Also überliess er seinem Zwillingsbruder das Privileg, einen ordentlichen Beruf zu erlernen. Jakob entdeckte schon früh den Alkohol für sich und machte ihn zu seinem Begleiter. Zusammen mit ihm konnte er so manches, was ihm schwerfiel, leichter nehmen. Jakob liebte es, in seiner eigenen Welt zu leben, die mit wenigen Worten auskam. «Ja», «nein» und «wie geht’s?» genügten ihm. Schon als junger Mann benötigte er ein Hörgerät, das er jedoch kaum benutzte. Was er aber gut hören wollte, das waren die Guuggen. Die Fasnacht war seine liebste Zeit, sie war ihm heilig, und er verpasste sie nie.
Jakob wurde Vater von vier Kindern, sein Zwillingsbruder hatte nur eines. Jakob arbeitete als Tagelöhner, sein Zwillingsbruder brachte es zu einem eigenen Geschäft und einer Villa. Zu seinen Geschwistern und seinem Vater hatte Jakob ein distanziertes Verhältnis, aber an der Mutter hing er sehr. In der Familie wurde er mehr geduldet als respektiert. Jakob war ein Eigenbrötler, der sich niemals wohlfühlte und nirgends zu Hause war, weil seine Welt das nicht zuliess.
Lilith und Jakob
Es war laut, und die Guuggen gaben ihr Bestes, um den Raum mit ihrer Musik zu füllen. Er war voller lebhafter, bunter Gestalten, kaum mehr als Menschen zu erkennen. Die Luft war stickig, der blaue Dunst mit den Händen greifbar. So bunt wie die Menschen hingen Ballons von der Decke und farbige Bänder. Vor den Fenstern hingen schwere Vorhänge, in denen die Nase jeden erdenklichen Geruch hätte finden können, wäre man ganz nüchtern gewesen. Die ausgelassene Stimmung war dem Alkohol zu verdanken. Durch die laute Musik drangen menschliche Geräusche, die aber keine Worte ergaben. Die Sprache war in dieser Nacht nicht wichtig für die Frauen und Männer. Ihre Ausdünstungen wurden von Stunde zu Stunde prägnanter, die lieblich zarten Parfümdüfte der Frauen übertüncht vom Schweissgeruch und der Lust auf das andere Geschlecht. In dieser Nacht ging es nicht darum, zu gefallen, es ging darum, übereinander herzufallen. Die wenigen Toiletten, die zur Verfügung standen, blieben schwer besetzt.
Auch Jakob und Lilith waren mitten in dieser Gesellschaft. Lilith und Jakob waren die Einzigen, die sich nicht verkleidet hatten. Sie kamen daher, wie sonst auch, und sie fielen auf, wie sonst auch. Sie, Lilith, mit ihrer ausgesprochenen Schönheit, und er, Jakob, in seinem eigenartigen Aufzug. Jakob, der Schüchterne, der ohne Alkohol kaum seinen Mund aufmachen konnte, ging auf die schöne Lilith zu, in der Hand ein Glas Bier. Lilith, die keine Berührungsangst kannte und, hatte sie einmal genug getrunken, auch keine Grenzen, strahlte Jakob entgegen, als hätte sie schon eine Ewigkeit auf ihn gewartet.
Beide waren gut angeheitert und taten so, als würden sie sich schon lange kennen. Lilith bezirzte Jakob mit ihren weiblichen Reizen und hatte so wieder einen Mann mehr, der ihre Getränke bezahlte. Jakob genoss es, von einer schönen Frau umworben zu werden, und zahlte und zahlte. Er war einfach glücklich, obwohl er nicht so recht wusste, was diese schöne Frau wollte.
Lilith und Jakob tranken um die Wette, denn Lilith behauptete, sie vertrage mehr als jeder andere Mensch auf der Welt. Das gefiel Jakob sehr, dass eine Frau gerne trank und Wetten abschloss. Er kannte das nur von seinen Kumpeln. Lilith hatte langes, blondes, gewelltes Haar, stahlblaue Augen und einen rosa Mund. Jakob hatte das Gefühl, gegen einen Engel anzutrinken. Er sagte, ihr fehlten nur noch die Flügel und er wolle mit ihr weit wegfliegen. Das gefiel Lilith, und sie tanzten, tranken und kamen sich in dieser Nacht ganz nahe. Dass sie die allerletzten Gäste waren, die der Wirt hinausbefördern musste, war Jakob und Lilith einerlei.
Lilith und dieser Wirt mussten sich kennen, denn der Mann hatte für Lilith auf seine Kosten ein Taxi bestellt. Das gefiel Jakob nicht, denn er hatte Lilith in dieser Nacht zu seiner Frau gemacht. Und was Jakob sein Eigen nannte, das gab er nicht so schnell aus der Hand. Die beiden Männer begannen zu streiten und prügelten sich. Jakob sagte, er könne selber ein Taxi bezahlen und werde mit Lilith zusammen fahren. Das war nun wieder dem anderen Mann gar nicht recht. Sie schlugen sich so heftig, bis sie beide bluteten, und so lange, bis Jakob reglos am Boden lag. Lilith versuchte, ihn zum Aufstehen zu bewegen, und meinte, es mit ein paar Ohrfeigen zu schaffen. Sie, die sich nicht eingemischt und es genossen hatte, dass sich die Männer um ihretwillen schlugen, geriet nun in Rage. Sie tobte und schlug um sich, weil Jakob von ihren Ohrfeigen nicht wach wurde. Sie lachte und weinte gleichzeitig.
Jakob wachte erst im Spital wieder auf. Neben ihm auf einem Stuhl sass lächelnd seine Lilith, und als sie bemerkte, dass er aufgewacht war, begann sie zu weinen und entschuldigte sich immer wieder. «Du bist wirklich ein Engel», sagte Jakob mit schwacher Stimme. Liliths Augen fingen bei diesen Worten an zu leuchten wie zwei Sterne in pechschwarzer Nacht. Das brachte sein Herz zum Rasen. Lilith nahm Jakobs Hand in ihre Hände, die ganz warm waren und feucht. Sie liessen einander nicht mehr los, bis Jakobs Eltern das Krankenzimmer betraten.
Jakob zuckte zusammen und riss seine Hand von ihr los. Seine Augen wurden matt, und sein Herz stand fast still. Sein Bauch fing Feuer, und sein Körper verkrampfte sich. Lilith konnte sein Verhalten nicht deuten, ihre Augen leuchteten weiter, und sie versuchte vergeblich, wieder seine Hand zu nehmen. Liliths Lächeln galt auch seinen Eltern, in deren Augen sie aber nur Wut sah. Sie befahlen Jakob, Lilith aus dem Zimmer zu weisen, was er ohne Widerrede tat. Doch Lilith überging Jakobs Bitte, denn sie sah keinen Anlass dazu. Nochmals bat Jakob sie, das Zimmer zu verlassen. Da kam Lilith ihr Trotz in die Quere. Sie setzte sich auf Jakobs Krankenbett und lächelte seinen Eltern entgegen. Als Antwort darauf versuchte Jakob, sie von seinem Bett hinunterzuschieben. Doch Lilith hatte ein gutes Gleichgewicht in der Hüfte, und ihm fehlte die Kraft.
Jakobs Eltern redeten auf ihn ein, ihnen diese Frau aus den Augen zu schaffen, sonst würden sie das Personal verständigen. Diese Drohung liess Lilith nun doch begreifen, dass sie gehen musste. Sie verliess das Krankenzimmer mit einem bösen Lächeln auf dem Gesicht, das Jakobs Eltern galt. Vorher küsste sie Jakob aber noch auf den Mund. Sie wollte seinen Eltern zeigen, dass dieser Mann nun ihr gehörte. Als sie den Eltern auch noch die Hand zur Verabschiedung reichte, schlüpften deren Hände rasch in die Taschen, und ihre Blicke waren voller Abscheu.
Als sein Engel aus dem Zimmer war, lag Jakob blass und leblos im Krankenbett. Er nahm das schwere Atmen seiner Eltern wahr. Er lauschte der eindringlichen, harten Stimme seines Vaters, ohne seinen Worten jedoch zu folgen. Er konnte und wollte sie nicht hören, er war für den Vater nicht erreichbar. Seine Eltern wollten ihn in ihre Welt zurückholen, eine Welt voller Regeln, ohne Lust und Genuss, nur beseelt von lauter Ritualen. Aus dieser Welt wollte Jakob ausbrechen, um sich selbst zu erfahren und zu erleben. In der Welt seiner Eltern war für ihn kein Platz.
Nun versuchte die Mutter, auf ihn Einfluss zu nehmen. Auf sie hatte er bisher immer gehört. Doch Jakob hörte einfach nicht hin. Er sah seine Mutter nicht einmal an, was sie von ihrem Jakob überhaupt nicht kannte. Die Eltern verliessen das Zimmer schliesslich mit einem durchdringenden «Schalom!». Sie vergassen dabei, dieses Schalom auch für sich selbst in Anspruch zu nehmen.
Jakob war froh, wieder allein zu sein. Mit dem Biertrinken war es aussichtslos, da er das Bett nicht verlassen konnte. Auch sein trinkender Engel erschien nicht mehr. Er sehnte sich sehr nach Lilith, und je mehr er sich nach ihr sehnte, desto unruhiger wurde er. Sie musste kommen, denn er hatte sie in der Fasnachtsnacht doch zu seiner Frau gemacht. Dieses Weib sollte ihm dankbar sein, dachte er, und sich jetzt um ihn kümmern, wo er doch nur ihretwegen ans Bett gefesselt war. Jakob wusste, dass Lilith ihn verhext hatte und ihn nicht mehr loslassen würde. Er wusste, dass er ihr verfallen war. Seine Sehnsucht war zügellos, und ihn dürstete ebenso sehr nach seinem Engel Lilith wie nach Bier.
Jakob wusste nichts über Lilith, weder wo sie lebte noch was sie machte. Er kannte nicht einmal ihren vollen Namen. Er kannte nur ihre Augen, ihr langes, gewelltes, blondes Haar und ihre verschiedenen Körperdüfte, die ihm noch immer in der Nase hingen. Auch an ihre Hände und Füsse erinnerte er sich genau, an ihre Zartheit und die knallrot lackierten Nägel. Ihr rosaroter Lippenstift wollte nicht recht zum roten Nagellack passen. Jakob stellte sich Lilith mit rotem Lippenstift vor, was ihn noch viel unruhiger machte.
Jakob verbrachte eine ganze Weile im Spital, ohne dass Lilith sich wieder sehen liess. Seine Sehnsucht wurde immer grösser, und er hätte diesen Schmerz, den er im Herzen spürte, am liebsten mit Alkohol betäubt. Ihm war klar, dass ein Familienrat einberufen werden würde, sobald er wieder daheim bei den Eltern war. Es konnte und durfte nicht sein, dass ein Familienmitglied auf Abwege geriet.
Der Familienrat versammelte sich beim Sabbatessen, gemeinsam mit einem Rabbiner. Mit den Vorbereitungen hatte Jakobs Mutter einen ganzen Tag lang zu tun. Jakobs kleine Schwester half ihr dabei, die grosse brachte am Abend selbst gebackenen Zopf mit. Jakobs grosse Schwester hatte vor nicht allzu langer Zeit einen Mann geheiratet, der dem Klosterleben untreu geworden war und sich den irdischen Freuden zugewandt hatte. Er verliebte sich noch als Mönch in Jakobs Schwester. Sie war ihrem Zukünftigen in Rom auf dem Petersplatz begegnet. Man kam ins Gespräch und genoss gemeinsam die heissen römischen Nächte. Von der Reise kehrte die junge Frau guter Hoffnung zurück, zum Entsetzen der Familie.
Auch da war der Rabbi eine grosse Hilfe gewesen. Er brachte den Mönch so weit, dass er die junge Frau heiratete, seinem katholischen Glauben abschwor und sich dem Judentum anschloss. Auch seine Schwester kam in den Genuss eines Familienrats und fand so den rechten Weg, wie ihn die Eltern eben haben wollten.
Jakob wusste, dass er dem Familienrat nicht entkommen konnte. Er wusste, dass dieser Sabbat für ihn grausam werden würde, da es am Sabbat kaum Alkohol gab. Die eine Flasche Wein, die erlaubt war, musste er mit dem Rabbi, dem Vater, der Mutter, dem grossen Bruder, dem Schwager und mit seinem Zwillingsbruder teilen. Die Schwestern tranken nur Traubensaft. Dieser Abend würde sehr lang werden. Und so schlich er, wie so oft, am Nachmittag in eine Kneipe und trank so einiges zusammen, damit ihm die ganze Welt nicht mehr so ungerecht vorkam. Nur so konnte er zufrieden nach Hause gehen, ohne befürchten zu müssen, an dem Abend zu verdursten. Zur Freude seiner Familie kam er pünktlich zum Sabbatbeginn heim.
Jakob war sehr betrunken und ertrug die Gesellschaft und das Familienritual geduldig, er konnte zuhören und sogar selbst ein paar Worte beitragen. Nach dem Nachtisch ergriff dann der Vater das Wort, und seine Frau stand ihm dabei zur Seite. Den Blick zum Boden gewandt, hörte Jakob still zu. Es kam ihm vor, als plätschere ein Wasserfall. Jakob liess sie gewähren, und bald redeten alle durcheinander. Bis der Rabbi zu sprechen begann.
Er hatte sich auf die Suche gemacht nach dieser Lilith und sie auch gefunden. Diese Frau sei nicht ehrbar, und es dürfe nicht sein, dass Jakob sie noch einmal treffe. Man beschwor ihn, an die Familie zu denken und ihre Ehre zu bewahren. Man wolle nicht zum Gespräch anderer Leute werden. Der Rabbi schlug Jakob vor, eine ehrbare Frau für ihn zu suchen, eine, die das Judentum lebte und den Glauben pflegte. Vater und Mutter waren damit sehr einverstanden. Alle wussten, an welche Frau der Rabbi dachte, doch ihren Namen sprach niemand aus.
Jakobs Mutter meinte, eine solche Frau könne ihm geben, was er brauche, und ihn vor Schlechtigkeit bewahren. So bleibe er im Familienverbund eingebettet und gewinne Stabilität, denn alleine könne er sich nicht zurechtfinden in dieser Welt. Jakob hörte zu und sah gleichzeitig Lilith vor sich, im weissen Kleid mit rotem Lippenstift und roten Nägeln, einen Blumenkranz im gelockten, blonden Haar. Beim Gedanken an sie lächelte Jakob, und alle meinten, sein Lächeln gelte den Worten des Rabbi.
Für Jakob war Lilith eine ehrbare Frau und diejenige, die er für sein ganzes Leben haben wollte. Er verstand nicht, warum man ihn von ihr fernhalten wollte. Jakob wollte wissen, wo Lilith denn wohne. Da der Rabbi über sie nachgeforscht hatte, musste er doch mehr erfahren haben als nur, dass sie unehrbar sei. Der sonst so schweigsame Jakob begann, den Rabbi auszupressen wie eine süsse, überreife Grapefruit. Weil der Rabbi dachte, Jakobs Lächeln habe ihm gegolten, entschied er, ihm alles zu erzählen, was er über Lilith in Erfahrung gebracht hatte.
Alle sassen noch immer um den grossen Tisch mit dem frisch bestückten Kerzenständer. Die Deckenlampe wurde gelöscht, damit das Kerzenlicht noch mehr zum Leuchten kam. Jakob gefiel es, in die kleinen Flammen zu schauen. Sie flackerten sanft und kaum merklich. Doch wenn er sich auf sie konzentrierte, erkannte er ihren Tanz. Ihm wurde ganz warm im Herzen, und er konnte Liliths Duft riechen.
Der Rabbi erzählte von einer älteren Frau, die am Stadtrand mit ihrer Tochter in einem kleinen Häuschen wohnte, neben dem ein Wohnwagen stand. Das bescheidene Häuschen bot den beiden Frauen nicht allzu viel Raum. Es gab kein heisses Wasser und keine richtige Küche. Es gab auch keine richtige Toilette. Waschen musste man sich in der Küche in einem Becken, das man auch für das Geschirr und die Wäsche benutzte. Es gab so etwas wie eine Wohnstube mit einem kleinen Holzofen darin. Hinter einem rosaroten, mit Blumen bestickten Vorhang war ein winziger Raum, in dem ein grosses Bett stand. Es war ein Bett für Eheleute, doch es war so, dass Mutter und Tochter es sich zum Schlafen teilten. Ausser dem Bett war in dem Raum nur gerade noch Platz für ein grosses Bild der Muttergottes in blauem Schleier und weissem Kleid, ein rotes Herz auf der Brust und auf dem Kopf einen übergrossen, goldenen Kranz.
Jakob gefiel, was der Rabbi zu erzählen wusste. Seine Fantasie erwachte, und er stellte sich vor, wie er mit Lilith in diesem Bett lag und wie die Muttergottes mit rotem Herz und lieblichem Blick auf sie beide herunterschaute.
Der Rabbi berichtete, das Zimmer an diesem erbärmlichen Ort sei durchschnittlich sauber gewesen. Die Wäsche der Frauen habe verstreut auf dem Wohnzimmerboden gelegen, alles durch- und übereinander, doch habe die Wäsche trotz Unordnung nicht schlecht gerochen. Alle Schuhe seien in Reih und Glied gestanden, sauber geputzt und in vollem Glanz, jedoch alle mit hohen, spitzen Absätzen. Diese Schuhe waren pink, rot, himmelblau und schwarz. Dem Rabbi hatten sie einen besonderen Eindruck gemacht. Auf dem Tisch war laut dem Rabbi das reinste Chaos von Flaschen, Tellern, Tassen und Gläsern, halb voll mit Flüssigkeiten, die sich nicht zuordnen liessen. Der Raum roch nach Rauch, die Aschenbecher waren randvoll. Neben dem Ofen lagen Zeitschriften und Zeitungen, die nicht aussahen, als hätte man sie gelesen. An dem Ort, den die Frauen ihre Küche nannten, lagen Lippenstifte und Schminke.
In Jakobs Ohren erzählte der Rabbi aus einer Wundertüte. Dieser Ort, wo seine Herzensdame wohnte, schien ihm höchst reizvoll zu sein. Er musste ihn mit eigenen Augen sehen, denn er wusste, dass der Rabbi gerne Geschichten erzählte und so einiges auszuschmücken pflegte. Solch eine Unordnung, wie er sie geschildert hatte, konnte bei einer so schönen Frau mit solch bunten, spitzen Schuhen doch nicht herrschen. Jakob unterbrach den Rabbi mit der Frage, was es denn mit dem Wohnwagen beim Haus auf sich habe. Aber Jakobs Eltern wollten nicht, dass man auch noch über den Wohnwagen redete. Ihnen war das Häuschen wohl schon genug, um zu wissen, mit wem ihr Sohn es zu tun gehabt hatte.
Der Rabbiner jedoch fand, Jakob sollte wissen, dass der Wohnwagen den beiden Frauen als Arbeitsort diene. Aber Jakob verstand das nicht so recht. Der Rabbi erklärte weiter, die ältere Frau sei für ihre Liebesdienste bekannt. Und da Jakob ein junger Mann war und auch als Tagträumer nicht ganz weltfremd, sagte er: «Eine Hure!» Die Familienrunde erschrak ob diesem Wort, wie konnte der junge Jakob es nur laut aussprechen. Man war betreten und schaute beschämt zu Boden. Jakob kam es vor, als atme keiner mehr am Tisch. Was er mit diesem Wort bewirkt hatte, gefiel ihm. Für einmal hatte nicht er sich verkrampft, sondern alle anderen.
Plötzlich aber schoss es ihm durch den Kopf, dass laut der Geschichte des Rabbi auch Lilith eine Hure sein musste. Bei diesem Gedanken begann das Bild der schönen Blonden mit den roten Lippen und Nägeln zu bröckeln. Der Gedanke an Lilith durchbohrte sein Herz wie ein Schwert. Jakob begann zu weinen. Er glaubte, sterben zu müssen, sollte Lilith eine Hure sein. Der Rabbi und die Eltern meinten, nun hätte Jakob seine Lektion gelernt.
Jakobs Vater sprach mit dem Rabbiner ein Gebet, und kurz darauf verliess dieser das Haus. Jakob verzog sich in sein Zimmer und schloss die Tür hinter sich. Als alles ganz dunkel und ruhig war, schlich er sich in die Nacht hinaus, um in der Stadt das Abenteuer zu suchen. Er lief dorthin, wo er Lilith getroffen und die Schlägerei stattgefunden hatte, und trank ein Glas nach dem anderen, bis er den Schmerz nicht mehr spürte. Von nun an begann Jakob, noch früher am Tag und noch mehr zu trinken.
Liliths Mutter
Die Mutter spaltete Holz für den kleinen Ofen im Häuschen. Ein Bauer hatte das Holz für sie aus seinem eigenen Wald geholt. Es war die Bezahlung für die Liebesdienste, die Lilith ihm geboten hatte. Mit Geld konnte er sie nicht bezahlen, denn seine Frau durfte von seinem lustvollen Treiben natürlich nichts wissen. Aber die beiden Frauen in dem kleinen Häuschen mussten schliesslich auch über die Runden kommen. Und da sie keinen Zuhälter hatten, war das Geschäft mit der Liebe für sie nicht ganz einfach.
Genau genommen war die Mutter die Zuhälterin, denn Lilith musste ihr das Geld, das sie verdiente, abgeben. Die Mutter sah nicht mehr so frisch aus wie Lilith, die Tochter war für die Männerwelt noch reizvoll. Lilith machte sich hübsch zurecht für die Männer. Sie wusch sich mit einer süsslich riechenden Seife, deren Duft die Männer mehr liebten als Parfüm. Lilith wählte ihre Aufmachung je nach Freier.
An diesem Tag war hoher Besuch angesagt, und dafür putzte Lilith sich richtig heraus. Sie benutzte sogar Puder und schminkte sich ganz dezent. Ihr langes, blondes Haar band sie zu einem Pferdeschwanz. Sie benutzte rosa Lippenstift, den sie besonders liebte, denn das Rosa passte zu ihrem Gesicht. Sie zog fleischfarbene Strümpfe an, einen hellblauen Mini und eine rosarote Bluse. Und zum Schluss schlüpfte sie in die hellblauen, spitzen Stöckelschuhe. Lilith gefiel sich sehr.
Während sie sich entzückt im Spiegel betrachtete, schweiften ihre Gedanken zu Jakob, der seit jener Nacht immer wieder in ihre Welt hineindrängte. Sie fragte sich, ob sie Jakob so wohl auch gefallen würde. Denn sie wusste über diesen Mann nur, dass er sich ihretwegen prügelte, was noch keiner für sie getan hatte. Dieser Gedanke weckte in ihr die Sehnsucht nach Jakob und den Wunsch, ihn wiederzusehen.
Sie öffnete den Pferdeschwanz wieder, sodass die blonden Locken ihr Gesicht einrahmten und sie aussah wie in der Nacht, als sie Jakob getroffen hatte. Sie sehe aus wie ein Engel, hatte er zu ihr gesagt, und das gefiel ihr. Sie träumte davon, der Muttergottes auf dem Bild ähnlich zu sehen.
Das laute Rufen ihrer Mutter riss sie aus ihren Träumen. Der hohe Besuch war da und verlangte nach ihr.
Lilith vergass, ihr Haar wieder zusammenzubinden. Das gefiel der Mutter gar nicht, sie wetterte vor dem Besucher und jagte Lilith mit einem Holzscheit ins Haus zurück. Lilith machten die Ausbrüche der Mutter nichts aus, denn sie kannte von ihr nichts anderes. Jeder Kunde hatte seine Vorlieben, die man beachten musste, um ihn nicht zu verärgern. Und es war wichtig, dass jeder Kunde wiederkam. Dieser liebte es, wenn Lilith für ihn das kleine Mädchen spielte, und er bezahlte viel Geld für dieses Kinderspiel. Andere Kunden waren mit weniger zufrieden und nahmen Liliths Dienste auch nicht so ausgiebig in Anspruch wie dieser.
Seit sie Jakob getroffen hatte, war Lilith oft in Gedanken versunken. Manchmal vergass sie, dass sie sich nicht für Jakob herausputzte, sondern für ihre Männerkundschaft.
Lilith zog noch schnell die Lippen nach und trat wieder vor das Haus zu ihrem Besucher. Heute hatte der nicht allzu viel Zeit, und Lilith musste sich beeilen, um ihn zufriedenzustellen. Die Mutter ermahnte sie, ihn nicht zu verärgern, denn er zahle heute eine volle Stunde, obwohl er nur die halbe in Anspruch nehme.
Lilith gefiel es gar nicht, wenn dieser Kunde mit wenig Zeit kam, denn dann war er besonders brutal. Sie mochte es viel lieber, wenn ihre Kunden Zeit hatten, dann waren sie meist liebevoll und redeten mit ihr. Dieser Kunde aber schlug dann so heftig zu, dass sie manchmal blutete am Ende. Sein Wunsch war, dass sie nicht schrie, obwohl ihr zum Schreien war. Sogar von draussen konnte man die Schläge hören, doch die Mutter verschwand dann immer im Häuschen und braute sich einen starken Kaffee mit einem grossen Schuss Kirsch.
Lilith verschwand also mit dem Kunden im Wohnwagen, und die Mutter rief ihm noch nach, er solle nicht zu fest zuschlagen, da Lilith noch andere Arbeit vor sich habe. Nach einer halben Stunde ging der Mann wieder, doch Lilith kam erst nach einer Stunde aus dem Wohnwagen. Ihre Augen waren matt, der rosa Lippenstift verschmiert, ihr Haar durcheinander und ihr Körper gekrümmt. An ihrer rosaroten Bluse fehlten die Knöpfe, Laufmaschen liefen über ihre Strümpfe.
Lilith wusste, dass sie sich nach getaner Arbeit nicht bei der Mutter ausheulen konnte, sie müsste gleich nochmals Schläge einstecken. Langsam ging sie ins Haus und wusch sich mit viel Seife. Manche Stellen an ihrem Körper taten so weh, dass sie zusammenzuckte und leise winselte. Die Mutter gab ihr einen stark gekochten Kaffee mit viel Kirsch und sagte: «Stell dich nicht so an, du bist keine Prinzessin. Eine Hure zu sein ist harte Arbeit und ehrlich verdientes Geld.»
Der heisse Kaffee tat Liliths Lippen weh, doch der Kirsch nahm ihr bald die Schmerzen. Lilith dachte an Jakob, der nicht zugelassen hätte, dass man so schlecht mit ihr umging. Er hätte sich vor sie gestellt und sich mit dem Kunden geschlagen. Sie musste Jakob unbedingt wiederfinden.
Der Mann, der sie so unmenschlich behandelte, war der Wirt und Veranstalter des Fasnachtsballs. Er hatte der Mutter von Lilith und Jakob erzählt, und sie freute sich gar nicht darüber. Lilith musste sich von der Mutter anhören, diesen Jakob könne sie gleich vergessen, da er ihr Geschäft ruinieren werde. Als Mutter bestimme sie, mit welchem Mann Lilith zusammen sein dürfe. Sie sei für ein Leben mit vielen Männern bestimmt, nicht für einen einzigen Mann, denn ihre Schönheit sei ihr nicht umsonst gegeben worden. Wäre das nicht Liliths Bestimmung, dann hätte sie bestimmt keine Tochter, sondern einen Sohn geboren.
Lilith wusste selber nicht so recht, was sie mit Jakob und ihren Gedanken an ihn anfangen sollte. Sie kannte das schöne Gefühl, verliebt zu sein, nicht. In ihrer Welt sprach man nicht über solche Dinge, das passte nicht hinein. Liebe, das war nur eine Erfindung, um die Menschen einzuschränken in ihrer Lust. In Liliths Welt gab es nur Frauen, die mit sich tun und machen lassen mussten, was der Mann haben wollte. Die eigene Lust kannte sie nicht. Lilith wusste nichts von der Welt und kannte ausser einem Haufen Männer eigentlich nur ihre Mutter, ihr Häuschen, den Wohnwagen und die paar Kneipen, in denen sie verkehrte und wiederum nur Männer traf. Diese Männer erzählten ihr allerhand über ihre Frauen, doch waren es immer dieselben Geschichten. Sie gaben Lilith das Gefühl, nur sie sei eine richtige Frau, weil sie alles mit sich machen liess. Sie machte sich nicht viele Gedanken darüber, dass sie der Macht und Gewalt dieser Männer ausgesetzt war. Doch seit Jakob in ihre Welt getreten war, begann sie sanft, sich gegen die Mutter aufzulehnen. Und je mehr sich Jakob in ihren Kopf, ihr Herz und ihren Bauch schlich, desto stärker wurde ihre Rebellion.
Lilith wurde immer wütender auf ihre Mutter, weil sie, Lilith, die Männerarbeit erledigen musste. Ihre Mutter hatte nur noch selten Kunden, und wenn einmal einer für die Mutter kam, dann musste sie mit in den in den Wohnwagen, um die Hauptarbeit zu erledigen und den Kunden samt Mutter zu befriedigen. Das Geld, das sie so verdiente, steckte die Mutter ein. Um jeden Rappen musste sie betteln. Die Mutter kaufte mit dem Geld Alkohol und grosse Mengen Kaffee. Auch Lilith war sich das Trinken gewohnt, es liess sie ihre Arbeit mit den Männern leichter ertragen.
Liliths Herz sehnte sich sehr nach Jakob und Jakobs Herz nach Lilith, und beide wussten es nicht voneinander. Doch ihre Herzen wussten es. An einem Samstag machten Lilith und Jakob sich schön füreinander, in der Hoffnung, ihre Wege würden sich in der Stadt zufällig kreuzen oder sie könnten sich in einer Kneipe wiederfinden. Jakob hatte sich am Geld seiner Eltern vergriffen, um sich, wenn das Schicksal es wollte, grosszügig zu zeigen. Lilith hatte sich heimlich einen letzten Rest Geld aus der Dose genommen. Der Mutter sagte sie, sie gehe auf Werbetour für ihre Geschäfte. Sie glaubte ihr, weil Lilith sich besonders schön gemacht hatte.
Jakob und Lilith gingen beide gleichzeitig los. Das Städtchen war klein, und die Zahl der Kneipen war es auch. Doch Glück mussten die beiden trotzdem haben. Sie wussten, sie sollten die Finger voneinander lassen. Jakobs Familie war ebenso bekannt wie die stadtbekannte Hure. Jakob und Lilith gingen in Kneipen und tranken im Glauben, ihre Sehnsucht bringe sie einander mit jedem Schluck einen Schritt näher. Es blieb nicht bei einem Glas.
Lilith war in jeder Kneipe bekannt für ihre Dienste, und man zahlte kräftig, um sie vielleicht einmal etwas günstiger in Anspruch zu nehmen. Wenn Lilith schnelles Geld verdienen konnte, so hatte sie nichts dagegen. Um einen ihrer Freier auf die Schnelle zu bedienen, gab es immer wieder Gelegenheit. So musste sie der Mutter auch keine Rechenschaft ablegen und ihr das Geld nicht geben. Hatte Lilith einmal genug getrunken, konnte sie viele Männer auf die Schnelle befriedigen.
Lilith und Jakob hatten beide bis spät in die Nacht getrunken, ohne sich zu begegnen. Die Polizeistunde nahte, die Stühle wurden auf die Tische gestellt und die übrig gebliebenen Gäste gebeten, sich auf den Heimweg zu machen. Vereinzelt bewegten sich dunkle Gestalten durch die Schatten der Nacht, nicht mehr ganz sicher auf den Beinen. Manche pinkelten an die Strassenlaternen wie Hunde auf ihrer Nachtrunde. Doch in dieser Nacht konnte man zwei singende Stimmen hören. Die eine war ein bisschen höher als die andere, und beide tönten nicht ganz klar. Die höhere Stimme sang: «Er stand im Tor im Tor und ich dahinter!» Die tiefere sang: «Rote Lippen soll man küssen, denn zum Küssen sind sie da!»
Hin und wieder verstummten die Stimmen, wenn ein Auto vorbeisauste oder ein Hund zu bellen begann. Und dann war plötzlich Ruhe, kein «Er stand im Tor im Tor» mehr, keine «roten Lippen». Die zwei standen unter einer Laterne, Lilith und Jakob. Sie sahen sich an, und vier Sterne funkelten in diesem Augenblick so hell, dass man die Laterne getrost hätte löschen dürfen. Sie standen da und glaubten an ein Wunder. Ihre Hände bewegten sich aufeinander zu, berührten sich und hielten sich fest. Sie wollten sich nicht mehr loslassen, um den anderen nie mehr zu verlieren. Dann verschwanden Lilith und Jakob Arm in Arm glücklich schwankend in die Nacht, bis die Dunkelheit die beiden verschlang. Nach dieser glückseligen Nacht waren sie für immer verstossen.
Jakob und Lilith
Ohne Familienbande, versuchten Jakob und Lilith, einander Familie zu sein, so gut es ging. Lilith ohne ihre Mutter, die ihre Lebensbahn bestimmt hatte, und Jakob ohne seine Eltern und die jüdische Gemeinde, die für ihn stets die Kohlen aus dem Feuer geholt hatten. Beide waren nach dieser einen Nacht ganz auf sich selbst gestellt. Jakob und Lilith fanden ein kleines Zimmer mit Platz für ein Ehebett und einen Tisch mit vier Stühlen. Dusche und Toilette waren im Treppenhaus, ein Stockwerk höher. Warmes Essen gab es nicht, da eine Kochgelegenheit fehlte. Man ging für warmes Essen in eine Wirtschaft, was Jakob und Lilith nur recht war, hatten sie doch ausser ihren Saufkumpanen keine Freunde.
Jakob hatte als Tagelöhner nur wenig Geld zur Verfügung, und manchmal gab es für ihn keine Arbeit. Doch er wollte Lilith beweisen, dass er als Mann für sie sorgen konnte. Lilith gefiel es, dass sie nun keiner Arbeit nachgehen musste, dass sie tun und lassen konnte, was sie wollte. Am Tag schlief sie, und die Nacht schlug sie sich mit Trinken um die Ohren. Damit sie beide genug zu trinken hatten, musste aber auch genügend Geld durch ihre Hände fliessen. Sie sparten beim Essen, weil sie beim Alkohol nicht sparen konnten, da er ihnen das Leben erträglicher machte.
Es kam der Zeitpunkt, da Jakob nicht mehr für Lilith sorgen wollte und sie bedrängte, sich eine Arbeit zu suchen. Er verbot ihr jedoch, sich zu prostituieren. Lilith versuchte, mit Putzen Geld zu verdienen. Doch sie hatte bald keine Lust mehr, diese Arbeit für andere zu verrichten. Sie sah auch nicht ein, weshalb die Menschen es so sauber haben wollten, und verlor immer wieder ihre Arbeit. Lilith trieb sich lieber in den Kneipen herum und liess sich von anderen aushalten. Das war nicht anstrengend und an keine Zeit gebunden. Sie konnte zu Bett gehen und aufstehen, wann sie wollte. Und ausserdem war Lilith zum ersten Mal schwanger und sollte sich schonen, nicht arbeiten.
Je runder Lilith wurde, desto mehr musste sie an so manches denken. Aber Denken und Nachdenken war für Lilith und Jakob eine anstrengende Sache und gehörte nicht in ihre Welt. Jakob und Lilith tranken lieber Bier, und je mehr sie tranken, desto ausgelassener und entspannter waren sie. Nur so konnten sie vergessen, was am Tag zuvor gewesen war. Und nur so liess es sich einigermassen miteinander leben. Lilith und Jakob wurden abhängig voneinander, denn sie hatten beide ihre Familien verloren. Sie glaubten, zusammen zu sein sei nun ihr Schicksal für den Rest ihres Lebens.
Jakob wusste, dass man den Bund der Ehe eingehen sollte, wenn man Kinder in die Welt setzte. Lilith brauchte keinen Altar, denn ihr genügte ein Gebet vor der schwarzen Madonna, die ihre Schutzpatronin war. Jakob war dieser Schutz zu wenig. Am liebsten wollte er eine jüdische Hochzeit, die ihm jedoch verwehrt blieb. So beschlossen Lilith und Jakob, katholisch zu heiraten. Nur – mit welchem Geld und welchen Gästen? Das Geld, das sie hatten, reichte ja kaum bis zum Ende des Monats.
Sie begannen am Stammtisch über ihren Heiratswunsch zu reden und hofften auf einen Weg, damit die Hochzeit doch stattfinden könnte. Sie versuchten es mit Lotto und anderen Spielen, bei denen sie auch das wenige Geld, das Jakob verdiente, verloren. Schulden wurden gemacht und häuften sich an. Und weil der Schuldenberg immer höher wurde, schauten Lilith und Jakob immer tiefer in ihre Gläser.
Lilith und Jakob sahen bald nicht mehr über den Berg hinaus. Sie hatten keine Ahnung mehr, wem sie was schuldeten, und lange Zeit war es ihnen auch egal. Doch unter den Stammtischfreunden regte sich Unmut, sie wollten ihr Geld zurück und übten Druck aus auf Jakob und Lilith. Jakob sah, dass er auf dem Weg ins Verderben war, wenn er sich nicht um eine feste Arbeit bemühte. Er suchte wie ein Verrückter. Doch man konnte seine Neigung zum Alkohol meilenweit riechen und wollte ihn nicht haben.
Da Lilith schwanger war und Jakob der Überzeugung, für sie sorgen zu müssen, koste es, was es wolle, schloss er einen Pakt mit dem Teufel. Er wusste, dass Lilith nichts dagegen haben würde, denn sie war glücklich, bei ihm zu sein. Sie sah in Jakob ihren Befreier, der ihr ein kleines Haus bot, ohne dass sie einen Finger krümmen musste. Als Gegenleistung dafür hätte er ihren Körper also ganz für sich allein haben können.
Lilith wusste nicht, dass Jakob einen Pakt mit dem Teufel eingegangen war. Und Jakob wusste nicht, dass Lilith mit dem Teufel schon längst einen Pakt hatte. Wenn er allein auf Kneipentour ging, traf er nicht selten ihre ehemaligen Freier. Lilith lachte oft mit ihnen und Jakob glaubte, sie hätten einfach noch immer ein gutes Verhältnis. Zudem offerierten sie Lilith laufend Getränke. Und so machte Jakob sich zu Liliths Zuhälter, weil er dachte, so könnte man einige Probleme lösen. Jakob machte nun die Preise und versprach, der Meistbietende dürfe nach der Geburt der Erste sein, noch bevor er, Jakob, Lilith wieder anrühre. Die Freier gingen auf sein Angebot ein. Jene, bei denen er keine Schulden hatte, mussten im Voraus bezahlen. Bei den anderen bezahlte er seine Schulden ab, indem er seine Lilith vergab.
Was Jakob nicht wusste, war, dass Lilith wegen der Geldsorgen schon seit einiger Zeit ihre Dienste wieder zur Verfügung stellte. Sie erlebte, wie sehr es die Männer reizte, dass sie sich ihnen schwanger anbot, und das brachte ihr viel Geld ein. Lilith hielt es gut versteckt, damit sie am Ende doch noch vor den Traualtar kämen. Denn wenn Jakob sich dies so sehr wünschte, wollte sie, Lilith, auch etwas beitragen. Ihre Freier hatte sie gebeten, Jakob nichts zu verraten, denn sie wolle ihn überraschen. Wenn sie den Mund halten konnten, würde sie dafür mit dem Preis heruntergehen, oder ihre Dienste durften dann ein wenig länger dauern.
Am Stammtisch machte man sich lustig darüber, dass Jakob so blauäugig war. Diejenigen, die im Voraus bezahlten, machten zur Bedingung, dass sie zum Hochzeitsfest eingeladen würden. Das war Jakob nur recht, da sonst kaum jemand kommen würde, und feiern tat man ja in Gesellschaft. Auch Lilith hatte ihren Freiern eine Einladung versprochen.
Jakob dachte, er hätte einen guten Handel gemacht. Er hatte im Sinn, nach der Heirat umzuziehen, in eine andere Stadt, wo er einer Arbeit nachgehen konnte. Auch hatte er den Wunsch, viele Kinder zu haben. Und wenn Lilith immer schwanger wäre, dann hätte keiner mehr Lust auf ihre Dienste. Doch Jakob hatte nicht bedacht, dass Lilith über das Kinderkriegen anderer Ansicht war. Lilith und Jakob redeten nicht viel über die Zukunft, und so träumten sie ihren Traum vom Leben zu zweit in verschiedene Richtungen. Nur in einem trafen sie sich genau und gleichermassen ausschweifend: in ihrem Durst nach Sex und Alkohol. Was sie ebenso verband, war die Einsamkeit, die sie auch in der Zweisamkeit fast nicht aushalten konnten, denn beide hatten Sehnsucht nach ihren Familien.
Lilith wusste, dass ihre Mutter kleine Mädchen liebte, weil sie in ihnen eine Geldquelle sah. Würde sie ein Mädchen gebären, dachte sie sich, könnte die Mutter ihren Ungehorsam vergessen. Doch bevor die Geburt anstand, musste sich Lilith nun um die Hochzeit kümmern. Sie bat Jakob darum, die Vorbereitungen dafür allein treffen zu dürfen. So fiel ihm nicht auf, wie viel Geld sie dafür beiseitegelegt hatte.
Geheiratet wurde in einer grossen Kirche, und die geladenen Gäste waren ihre Stammtischfreunde. Es waren nur wenige, aber sie tranken viel und assen gerne. Lilith trug ein weisses Kleid, das sie eigens für sich zugeschnitten hatte. Nach dem Trinken hatte sie sich in der Kneipe oft an den Tisch gesetzt und noch daran genäht. Als Lilith hochschwanger an dem grossen Tag neben Jakob vor dem Altar stand und gerade ihr Jawort «bis dass der Tod euch scheidet» geben wollte, platzte die Fruchtblase.
Lilith schrie vor Schreck, sodass alle, die versammelt waren, erschraken. Der Pfarrer staunte über die grosse, nasse Pfütze, die er auf seinem heiligen Boden erblickte. Plötzlich redeten alle durcheinander, und jeder wollte etwas tun, nur Jakob behielt die Ruhe und meinte, nun sei es an der Zeit, ins Spital zu fahren, damit Lilith gebären könne. Doch Lilith wusste, dass sie ihr Kind in der Kirche zur Welt bringen würde.
Liliths Mutter war während der Hochzeit vor der Kirche gestanden. Sie hörte Liliths Schrei und eilte mit heftigen Schritten herbei, denn sie war die Einzige, die wusste, was zu machen war. Der Pfarrer hatte keine Freude, dass ein Kind in seiner Kirche zur Welt kommen sollte. Wie angewurzelt stand er auf dem nassen, heiligen Boden. Lilith spreizte ihre Beine im Stehen und schrie ihren Schmerz in die kirchliche Stille hinaus. Die geladenen Gäste standen rund um Lilith, stützten sie oder hielten ihre Hände zwischen Liliths Beine, um das Kind aufzufangen, wenn es denn kommen sollte.
Andächtig wartete man auf den Kopf des Kindes. Alle halfen Lilith beim Atmen, als beteten sie gemeinsam. Auch gepresst wurde gemeinsam, bis das Kind in ihre Mitte kam, aufgefangen von Jakobs Händen. Alle waren erleichtert und erstaunt, wie schnell es doch gegangen war. Nur Lilith war noch nicht am Ende und schrie noch einmal laut. Mit Zwillingen hatten Jakob und Lilith nicht gerechnet. Der Zweite kam fast noch schneller als der Erste. Fast wäre er auf dem harten Steinboden aufgeschlagen, wäre da nicht Liliths Mutter gewesen, die schnell und flink zur Stelle war.
Da der Krankenwagen auf sich warten liess, wollte Lilith die Kinder gleich taufen. Und obwohl das dem Pfarrer gar nicht passte, hob sie den Holzdeckel vom Taufbecken und bat Jakob, die Kinder ins geweihte Wasser zu tauchen. Die von der Käseschmiere noch glitschigen Wesen hatten keine Wahl. Sie mussten aus der Wärme direkt ins kalte Nass und wurden so für diese Welt abgehärtet. Namen gab man ihnen nicht. Das war wohl zu hart für die Kleinen, denn ihnen war nur ein ganz kurzes irdisches Leben beschieden.
Lilith erholte sich schnell und war bald nicht mehr müde und erschöpft. Jakob hingegen war es sehr. Ihn plagte der Gedanke an seinen teuflischen Handel, dass er Lilith, die ihm das Jawort am Ende nicht hatte geben können, an andere Männer verkauft hatte. Jakob suchte nach einer neuen Bleibe und nach Arbeit. Lilith war damit einverstanden, denn ihrer Arbeit konnte sie noch nicht wieder nachkommen.
Jakob fand schliesslich Arbeit auf einem Bauernhof, nicht allzu weit weg von der Stadt. Die Bleibe war ein Stöckli mit mehreren Räumen, Toilette, Dusche und einer Küche. Für Lilith war das ein Luxus, und am Anfang lief alles sehr gut. Jakob ging regelmässig zur Arbeit, und Lilith half der Bauersfrau im Garten, wenn sie Lust dazu verspürte. Doch schon nach einer Weile hatte der Alkohol die beiden wieder fest im Griff. Man vertrieb sie vom Hof und aus dem Stöckli. Sie fanden abermals eine neue Bleibe, die aber mehr schlecht als recht war.
Lilith nahm ihre Arbeit wieder auf, und die Herren lösten nun bei Lilith ein, was sie schon im Voraus bezahlt hatten. Lilith und Jakob feierten immer verruchtere Feste. Würde und Moral gab es in ihrem Leben nicht mehr. Die Liebe oder das, was Liebe hätte sein können, hatten sie beide vergessen. Lilith wurde wieder schwanger, und wieder zogen sie um, diesmal mit Kind. Arabat hiess es.
Liliths Tochter
Als Lilith wieder schwanger war, wusste sie nicht, wer der Vater war. Sicher war nur, dass ihr erstes Kind das von Jakob war. Als Lilith die Schwangerschaft bemerkte, wollte sie das Kind nur loswerden. Sie versuchte es mit Schlaftabletten und Alkohol, doch es gelang ihr nicht, weil sie zu wenig davon nahm. Lilith hatte Angst, sie könnte selber sterben. Sie versuchte es damit, die Treppen hinunterzufallen, bis sie sich einen Rippenbruch holte. Doch das Kind in ihr war fest entschlossen, Liliths Unterfangen einen Strich durch die Rechnung zu machen. Lilith versuchte, es mit einer Stricknadel aus sich herauszubekommen, was ihr einen Spitalaufenthalt und lange Bettruhe brachte. Lilith war fast im siebten Monat schwanger und die Ärzte versuchten, das Kind zu retten. Und es half kräftig mit, weil es für sich entschieden hatte, das Licht dieser Welt zu erblicken. Die Ärzte hatten Lilith klipp und klar gesagt, sie hätte Glück, wenn es ein gesundes Kind würde. Das Kind hatte gewonnen, und Lilith war verzweifelt, fand sich aber damit ab, dass es nun wohl auf die Welt kommen sollte.
Lilith bekam Besuch von der Behörde der Gemeinde, in der sie gerade lebten, und das gefiel ihr überhaupt nicht. Man schlug ihr vor, den Buben in einem Heim unterzubringen, und legte ihr ans Herz, das Kind, das sie erwartete, zur Adoption freizugeben. Lilith wollte nicht und bekam es mit der Angst zu tun, solche Angst, dass sie noch am selben Tag den Wohnort wechselte, ihre drei Zuhälter immer im Schlepptau. Einer war Pietro aus dem Tessin, einer Kurt aus dem Berner Oberland, und der Dritte war Jakob. Alle kassierten ein, und wenn sie genug hatten, verliessen sie sie für ein paar Tage oder Monate, damit der nächste wieder sein Geschäft machen konnte. Waren sie knapp bei Kasse, tauchten sie wieder auf. Sie reichten Lilith in der ganzen Schweiz an ihren Stammtischen herum.
Lilith war abgestumpft, verbraucht und hatte alles Mitgefühl verloren. Luisa kam im November 1961 in einem kleinen Dorf zur Welt, ohne Arzt und Hebamme. Lilith wollte nicht ins Spital, weil sie fürchten musste, dass man ihr das Kind wegnehmen würde. Lilith roch von nun an immer, wenn die Behörden bald vor der Tür stehen würden. Sie zog mit ihren beiden Kindern von einer Gemeinde in die andere und konnte sich so der Justiz entziehen.
Auf Luisa folgten noch Mascha, Alioscha, Mara, Mira, Lisa und als Letztgeborene Veronica.
Zwei
Ich, Luisa, liebte meinen Bruder Arabat, der sehr ängstlich war, blond gelocktes Haar hatte und wie ein blasser Engel aussah. Wir lebten seit Kurzem in einem Häuschen am Dorfrand, auf einem Fabrikareal, wo es immer nach Eisen roch. Wir waren weggezogen aus einem Haus, das meine Mutter Lilith nicht behalten durfte. Denn es gab dort keinen Strom und kein Wasser, und es war nicht schön dort für uns Kinder.
Ich war blondrot, klein, frech und grenzenlos lebendig. Arabat und ich stritten uns nicht, wir spielten miteinander, und ich gab den Ton an. Meine Mutter Lilith durften wir nicht stören, wenn sie Besuch von Männern hatte. Wir durften dann nur in unserem Zimmer sein. Arabat hielt sich an ihre Anweisungen, ich, Luisa, aber nicht. Mir war im Zimmer langweilig. Manchmal hatte ich Hunger, eigentlich immer, denn Mutter Lilith kochte selten für uns. Also musste ich mir selbst helfen und in der Küche nach etwas Essbarem stöbern. Tisch und Stühle halfen mir, in die höheren Gegenden zu gelangen. Am Abend vor dem Schlafengehen bekam Arabat immer noch Muttermilch. Arabat genoss diese Zweisamkeit am liebsten ungestört, weil die Mutter am Tag kaum Zeit für uns hatte. Ich gewährte ihm seine Zeit. Dieses Muttermilchritual gefiel mir nicht. Ich ertrug diese Nähe nicht.
Mutter Lilith zwang mich manchmal trotzdem an ihren widerlichen Busen, an dem so mancher nuckelte und der so voller verschiedener Gerüche war. Da half nur kräftiges Beissen, um dieser Nähe zu entkommen. Sie suchte sie immer wieder, doch ihre Zuckerstimme nützte nichts und auch nicht ihr süsses Geschwätz: «Meine Prinzessin, mein Schätzeli und Zuckerpüppchen!»
Arabat schlief oft an ihrem Busen ein. Mich brachte Lilith wortlos zu Bett, was wohl als Strafe gedacht war, weil ich ihren Busen ablehnte. Wir standen oft wieder auf, um hungrig in der Küche etwas Essbares zu suchen. Egal ob es ein Glas Gomfi war oder einfach ein wenig Brot, wir assen alles, was unsere Augen sehen und unsere Hände greifen konnten.
Lilith war nachts auf der Jagd nach Männern, und wir waren allein. Wenn gerade ein Zuhälter bei uns wohnte, waren wir bei dem. Die Zuhälter hatten nicht viel übrig für uns Kinder. Sie sassen am liebsten vor einem Harass Bier und Frauen, die wir nicht kannten. Wir mussten nur leise genug sein, dann konnten wir machen, was wir wollten. Wenn kein Zuhälter da war und wir ganz allein waren, ging es laut zu und her. Die Küche wurde zum Bergsteigerparadies. Arabat und ich rückten den Küchentisch vor den grossen Schrank, wo Mutter Lilith meistens ein Kilo Zucker, Schokolade, Brot und verschiedene Gomfis aufbewahrte. Dazu eine Unmenge Raucherwaren und Flaschen mit stark riechendem Wasser, manchmal war es sogar farbig. Wenn wir es probierten, brannte uns der Mund, und wir mussten heftig husten. Und wenn wir zu viel von diesem Zeug getrunken hatten, mussten wir kötzeln. Um an die Flaschen heranzukommen, stellten Arabat und ich einen Stuhl auf den Tisch und auf diesen Stuhl nochmals einen Stuhl. Diese Sache mit dem Tisch und den Stühlen war unser Abenteuer. Wir waren auf Bergtour. Weil Arabat Angst hatte, den Berg zu besteigen, stürmte ich den Gipfel und fiel manchmal auch herunter, wenn er zu beben anfing. Mit der Zeit aber wusste ich genau, wie ich mich hinaufbewegen musste.
Die Nächte, in denen unsere Mutter auf der Jagd war, dauerten lange. Wir hatten viele Ideen, seilten die Flaschen an Schnüren herunter und wieder hoch auf den Gipfel – das war die Kunst des Gleichgewichts. So manche Flasche ging in die Brüche. Solange wir aber alles auf- und wegräumten, würde uns nichts geschehen. Das wussten wir. Oft war ich ganz klebrig von der Gomfi und dem Zucker, sogar meine Haare klebten. Mit der Zeit breitete sich auf meinem Kopf so etwas wie ein Filzteppich aus, denn Waschen war für uns nicht alltäglich, das machte man nur ab und zu. Da wir uns selbst überlassen waren, kam es auch gar nicht darauf an, was für Kleider wir trugen. Alles roch süss und manchmal auch leicht nach Urin. Durfte ich einmal in warmem Wasser baden, fand ich das schön, aber ich vermisste danach den Geruch nach Süssem und Urin. Diese Gerüche verliehen mir ein Wohlgefühl, und ich fühlte mich sicher in meiner Welt.
Wenn wir unsere Bäuche gefüllt hatten, gingen wir schlafen, und ich wickelte mich in das klebrige, süss riechende Leintuch. Arabat wimmerte oft vor sich hin und lullte mich damit langsam in den Schlaf. Arabat war traurig, aber mir gab er mit seinem Wimmern das Gefühl, nicht allein zu sein. Arabat war der einsamste Junge, den es auf der Welt gab. Arabat und ich standen am Morgen immer allein auf, denn Mutter Lilith schlief meist noch und war manchmal gar nicht zu Hause. Dann fing die Suche nach Essen wieder von vorne an. Am Abend gingen wir mit den Kleidern ins Bett und standen am anderen Tag fertig angezogen wieder auf. Wir wechselten die Kleider erst, wenn Mutter Lilith endlich Zeit und Lust dazu hatte, uns frisch einzukleiden. Aber diesen frischen Geruch mochte ich nicht.
Wenn am Morgen niemand zu Hause war, machten Arabat und ich uns auf den Weg in die grosse weite Welt hinaus, obwohl Mutter Lilith und Vater Jakob uns dies verboten hatten. Die Menschen, denen wir draussen begegneten, verstanden wir nicht. Und diese Menschen verstanden auch uns nicht. Die grosse Welt war uns fremd. Aber für mich war sie voller Reize. Ich war sehr neugierig und kannte keine Grenzen. Alles, was ich sehen, riechen und anfassen konnte, war für mich wie ein grosses Abenteuer. Bei diesen Ausflügen in die Welt hinaus konnte ich mein kleines Herz klopfen hören. Das gefiel mir sehr, und ich fühlte mich lebendig. Ich hatte keine Angst. Ich war dort draussen ganz zu Hause.
Oft kam es vor, dass ich aus Gärten Blumen holte. Die Menschen, die mich dabei erwischten, waren lieb und lächelten mich an, auch wenn ich mit ihnen redete und wir uns nicht verstanden. Da ich ein kleines Mädchen war und sehr anders war als andere kleine Mädchen, hatte man nur Mitleid mit mir. Ich wurde sogar mit Essen belohnt. Es war viel besser als das, was ich zu Hause bekam. Ich genoss das Mitleid sehr. Es gab mir das Gefühl, alles nehmen zu dürfen und überall eintreten zu können.
Mutter Lilith freute sich über die Blumen, die ich ihr von den verbotenen Ausflügen mitbrachte, ermahnte mich aber, zu Hause zu bleiben. Meine zerzausten Blumen standen dann im Wohnzimmer, und ich dachte, wie schön der Raum doch war und wie gut es roch. Weil die Blumen, die ich pflückte, im blauen Dunst einen guten Duft verbreiteten, gewöhnte ich mir an, nur solche Blumen zu pflücken, die besonders intensiv dufteten. Mutter Lilith wurde von den Leuten im Dorf oft aufgefordert, mir zu sagen, ich solle das Stehlen, wie sie es nannten, doch unterlassen. Meiner Mutter war das aber einerlei, denn ich wusste mich ja selbständig zu bewegen. So hatte sie ihre Ruhe und musste mich und meinen Bruder nicht beschäftigen.
Einmal aber ging ich viel zu weit. Das brachte Mutter Lilith wieder das Sozialamt ins Haus, wovor sie grosse Panik hatte. Auf Entdeckungsreise im Dorf kamen wir wie so oft an einem Haus vorbei, das einen grossen Reiz auf mich ausübte. Ich wollte dort unbedingt die Umgebung erforschen, und da die Besitzerin immer sehr lieb war, dachte ich nicht an etwas Unrechtes. Es gab dort eine Scheune, an der ein Strauch mit lauter stark duftenden Blüten emporwuchs, und viele fleissige, summende, fliegende Tierchen kamen und gingen, woher und wohin wusste niemand. Mit meinen klebrigen Händen fing ich an zu buddeln, und Arabat half kräftig mit. Die Finger taten mir bald weh und verkrampften sich. Es stellte sich als zu schwierig heraus, den Strauch auszugraben. Er hatte so viele Wurzeln, die sich nicht aus der Erde lösen wollten. Der Strauch konnte nicht loslassen, und das ärgerte mich so, dass ich böse wurde und anfing, seine Blüten abzurupfen. Wütend zerstörte ich seine Wurzeln. Ich stopfte so viele abgerupfte Blüten in meine Kleider, wie ich nur konnte, und auch in die meines Bruders – egal, ob sie wieder herausfielen. Wir stopften uns richtig aus damit. Bald sah der Strauch erbärmlich aus, und mir kam es vor, als würde er weinen, ja sogar schreien, und da überkam mich ein ungutes Gefühl. So schnell und zielgerade waren Arabat und ich noch nie nach Hause gerannt, mit der Angst im Nacken, es könnte uns jemand folgen. Zu Hause angekommen, war ich gar nicht mehr so ausgestopft, und auch Arabat nicht. Es waren nur noch wenige Blüten da, die aber noch immer ihren intensiven Duft verströmten, und wir rochen beide so herrlich!
Mutter Lilith, im Morgenrock, war diesmal gar nicht begeistert. Sie murmelte vor sich hin und nahm einen Schluck aus einer Flasche. Sie schloss uns im Zimmer ein, und da sollten wir bleiben. Vater Jakob war wieder einmal zu Hause, und ihm gefiel das nicht. Die beiden stritten sich laut, als wäre ein Gewitter ausgebrochen. Ich hörte, wie Tisch und Stühle krachten, verzweifelte Schreie – nichts, was mich ängstigte. Wenn die beiden zusammen waren, war das ihr Umgang miteinander. Arabat aber kroch dann immer unter die Decke, wo er für eine Weile blieb, so lange, bis Vater Jakob ins Zimmer trat und uns einen Würfelzucker gab. Ich wusste nicht, warum wir den bekamen, aber er schmeckte und machte uns zufrieden.
Kurz darauf klingelte es an der Tür. Es klingelte öfter bei uns, doch diesmal stand kein Mann vor der Tür, sondern eine Frau, die mit Lilith reden wollte. Vater Jakob hörte, wie Mutter Lilith wetterte. Sie fluchte vor sich hin, liess die Frau kaum zu Wort kommen und bedrohte sie mit einem Stuhl, sodass Vater Jakob eingreifen musste. So hatte ich meine Mutter noch nie gesehen. Wie sie mit fremden Menschen umging, machte mir Angst. Trotzdem beobachtete ich alles ganz genau von der Schlafzimmertür aus, sodass ich, falls es schlimm würde für mich, schnell die Tür schliessen konnte. Die Frau zeigte immer wieder auf mich, wedelte mit Blüten vor sich herum, als wollte sie ihren guten Duft im Raum versprühen. Mutter Lilith drückte sie zur Tür hinaus und Vater Jakob versuchte, Lilith zu besänftigen, was ihm nicht gelang. Es gab lautes Geschrei, bis die Tür zuknallte. Ich schämte mich, denn ich war schuld. Der Strauch hatte mich verraten. Ich, Luisa, war schuldig, weil ich ihm wehgetan hatte. Lilith und Jakob stritten heftig weiter, und Lilith warf Dinge nach ihm – er duckte sich ständig –, bis das Zimmer nicht wiederzuerkennen war für meine Kinderaugen.
Ich schloss die Tür hinter mir zu. Ich war ganz still, denn ich wusste, jetzt musste man die beiden in Ruhe lassen. Ich musste still sein, nicht da sein, mich gab es nicht. Ich musste abwarten, wie immer, wenn sich Vater und Mutter stritten. Ich musste sie ihre farbigen Getränke trinken lassen, und wenn ich ganz still in der Stille verharrte, konnte ich die komischen Geräusche der beiden hören, und ich wusste, bald darauf würde Vater Jakob uns wieder verlassen. Es war immer so, und es machte mir nichts aus. Wenn Vater Jakob gegangen war, kam meistens ein anderer, der brachte uns keinen Würfelzucker. Aber meine Mutter bekam jedes Mal etwas in die Hand, und ich musste an Würfelzucker denken.
Wieder einmal hatte Mutter Lilith bei uns zu Hause ein kleines Männerfest. Wir durften nicht aus unserem Zimmer, obwohl wir nicht schlafen konnten. Ich hatte aber keine Lust mehr, schlaflos im Zimmer zu liegen und diesem Treiben zuzuhören. Es war fürchterlich laut, und der Gesang der Herren machte mir in der Dunkelheit Angst. Ich wollte bei meiner Mutter sein. Ich ging aus dem Zimmer, ohne zu wissen, was mich draussen erwartete. Ich hätte es bleiben lassen sollen.
Bis dahin war das Kinderzimmer für mich ein schützender Ort gewesen, dort konnte mir nichts geschehen. Es war unsere Welt, meine und die meines Bruders. Für mich war unser Zimmer harmonisch und lieb, voller Kinderträume, Farben und Fantasie, auch wenn es unordentlich war. Mein Bruder und ich waren eins in dieser Welt, die nur uns gehörte. Mit dem Öffnen der Tür hatte ich das Tor zur Hölle geöffnet, und es gab kein Zurück mehr. Der scharfe Geruch, die Erregtheit der Stimmen, das völlig Verruchte – das alles drang nun in unser Zimmer, das bis dahin mein Schutzraum gewesen war.
Die Männer sassen auf jeder brauchbaren Fläche, einige standen, die meisten hielten eine Flasche in der Hand und andere nuckelten an braunen, dicken, stinkenden Stumpen, die wie Holz aussahen. Einige hatten dicke Bäuche, andere waren dünn, und bei jedem hing zwischen den Beinen etwas herunter. Bei zweien oder dreien hing es nicht, sondern stand hervor. Es sah aus wie Würste. Manche hatten ihre Würste in den Händen und bearbeiteten sie, alleine oder gegenseitig. Einer beugte sich mit dem Bauch über den Tisch, hielt sich verkrampft mit beiden Händen am Tischrand fest, und ein zweiter hinter ihm war in einer Bewegung, die ich noch nie gesehen hatte. Die Geräusche unter dem Gesang und der Musik waren erschreckend. Meine Mutter sass auf dem Sofa, den Rücken zu mir gewandt. Sie hatte vier Beine, und ihre Arme waren verdreht. Ihr langes, blondes, gelocktes Haar war das einzig Liebliche und Vertraute an ihr. Ich wusste nicht, wo ich war, und dachte, ich hätte mich einfach verirrt. Ich stand da und konnte mich nicht bewegen, ich schaute und schaute und fand doch nichts mir Bekanntes. Ich spürte, wie alles an meinem kleinen Körper hart wurde, ich wurde plötzlich so schwer und konnte kaum mehr atmen. Ich sah Farben an diesen Menschen, die ich noch an keinem gesehen hatte. Ich atmete Gerüche ein, die mein kleines Hirn nicht zuordnen konnte. Ich spürte, wie kleine, eiskalte Tropfen meinen Körper bedeckten und mich zum Frieren brachten. Ich zitterte, und es hörte nicht mehr auf. Ich stand da und konnte nicht zurück ins Bett, meine kleinen Füsse waren wie festgenagelt. Ich war gefesselt, wollte rennen, wollte in mein Zimmer, doch es ging einfach nicht.
Ich weiss nicht, wie lange ich da stand, bis mich einer dieser wurstgreifenden Männer bemerkte und auf mich zukam. Er brummte etwas vor sich hin, und ich starrte einfach in die Menge, ohne etwas zu sehen, als schweiften meine Gedanken weit, weit weg und verliessen mich. Die Männer gingen vom Tisch weg, und ich stand plötzlich darauf wie ein Brett. Für sie war ich wie ein zartes Erdbeerchen, so jung, so frisch, sodass sie mich verzehren wollten. Ich aber wollte ein Radieschen sein, möglichst scharf bei jedem Biss. Die Männer standen rund um den Tisch, klatschten in die Hände, jaulten und grunzten und hatten den Blick dabei immer auf mich gerichtet. Je mehr sie mich mit ihren gierigen Blicken verschlangen, desto leiser wurden die Stimmen und desto mehr verdufteten die Gerüche. Als Mutter Lilith mich lächelnd ansah, spürte ich meinen Körper plötzlich nicht mehr. Ich war aufgelöst, gespalten, meine Augen waren an der Decke und konnten von dort alles mit ansehen. Ich sah meinen kleinen Körper auf dem Tisch, erstarrt. Ich sah, wie Hände diesen kleinen Körper berührten – zu viele Hände. Ich spürte nichts, ich konnte sehen, aber nicht fühlen, auch nicht, als meine Mutter mir die Kleider auszog und mich berührte. Ich wachte klatschnass in meinem Bett auf, und die Angst hielt mich fest in ihrem Griff.
Mit dem Öffnen dieser Tür zur Hölle war mein Kindsein vorbei. Von dieser Nacht an konnte Mutter Lilith mehr Geld verdienen, und mein Körper musste ihr und ihrer Männerwelt dienen. Sie nahm sich jetzt viel mehr Zeit für mich, auch wenn sie müde war von der Nacht. Mutter Lilith wollte, dass ich mit ihr tanze, und dafür stellte sie mich auf den Tisch. Das Tanzen gefiel mir aber nicht, trotz der Musik. Schon wenn sie mich auf den Tisch heben wollte, schrie ich laut in den Raum. Sie konnte mich nicht zum Tanzen bringen, auch nicht, wenn sie Arabat mit auf den Tisch stellte. Kaum war ich hinuntergeklettert, stellte mich die Mutter wieder auf den Tisch. Dieser Kampf mit ihr und dem Tisch ermüdete mich sehr. Ich versuchte, dem Tisch, so gut es ging, fernzubleiben. Ich spielte auch keine Spiele mehr mit ihm. Es gab kein Bergsteigen mehr. Wenn wir einmal gemeinsam assen, setzte ich mich auf den Boden, denn der Tisch war zu meinem Feind geworden, und ich hatte Angst vor ihm.
Von dieser Nacht an hatte ich mit der Angst zu kämpfen, und meine Abenteuerlust war weg. Ich verhielt mich nun wie mein Bruder Arabat, blieb auch oft im Zimmer, in mich gekehrt und unauffällig. Nur manchmal besuchten mich die Lebensgeister doch wieder und ich stellte fest, dass ich noch voller Ideen war und mich wieder spürte. Ich war immer froh, wenn Mutter Lilith nicht da war. Das hiess für mich, dass ich nicht auf den Tisch musste. Ich konnte tun und lassen, was ich wollte.
Arabat und ich gingen wieder auf Erkundungstour. Wir wohnten inzwischen schon längere Zeit dort, und jeder kannte uns, denn wir waren die Kinder der Vaganten, so nannte man uns. Man hielt im Dorf Sitzungen ab darüber, wie es weitergehen sollte mit uns Vagantenkindern, die inzwischen allen ein Dorn im Auge waren. Das Mitleid war verschwunden. Wir trübten das Dorfbild, man wollte uns nicht mehr. Man hatte einiges in Erfahrung gebracht über Mutter Lilith, und es wurde auch viel geredet. Man wusste, dass Mutter Lilith eine Fahrende war und dass man sie als Kind der Mutter weggenommen hatte. Die Leute machten sich keine Gedanken darüber, welcher Arbeit Lilith nachging. Vielmehr störte es sie, dass Lilith eine Fahrende war, und dafür schämte man sich in der Gemeinde. Alle Augen waren wie Feldstecher auf uns gerichtet, das heisst, auf Mutter Lilith. Die Stadt, aus der wir gekommen waren, forderte die Gemeinde auf, uns Kinder aus diesem Milieu zu holen. Man stritt sich aber noch darüber, wer bezahlen müsse.
Unsere Erkundungstour an einem schönen Tag war der Gemeinde dann aber doch zu viel. Es war heiss, und wir waren uns selbst überlassen. Arabat und ich wanderten zum Dorfbrunnen. Wir mussten dorthin ein schönes Stück Weg unter die Füsse nehmen und grosse Strassen überqueren. Der Weg führte an der Gemeindeverwaltung und am Polizeiposten vorbei. In diesem Dorf thronte die Kirche über dem Dorfbrunnen, und wenn man in die Kirche gelangen wollte, musste man viele Treppen steigen. Der Brunnen erschien unter diesem herrischen Gebäude gar winzig, doch für uns Kleine war er gefährlich.
Wir zogen uns aus und kletterten in den Brunnen, der randvoll mit Wasser gefüllt war und kräftig vor sich hin plätscherte. Das Wasser war kalt, und es ging eine Weile, bis sich unsere Körper dem kalten Nass angepasst hatten. Arabat und ich tobten uns aus, wir waren fröhlich und vergassen unseren Kummer. Es war so heiss, dass der Asphalt sofort wieder trocknete, wenn er mit Wasser in Berührung kam. Uns gefiel das so gut, dass wir kaum nachkamen damit, die Strasse zu benetzen.
Plötzlich standen zwei Uniformierte vor uns. Sie rochen gut und lächelten mich freundlich an. Ich stand immer noch im Brunnen, und beim Anblick ihres Lächelns, das ihre weissen Zähne zum Vorschein brachte, fing ich an zu frösteln. Ich sah das freundliche Lächeln nicht mehr, ich sah nur noch, dass ihre Hände mich packen und aus dem Brunnen heben wollten. Mir war, als stünde ich auf dem Tisch, und ich fing an zu schreien. Ich wollte nicht aus diesem Brunnen, ich wollte nicht angefasst werden. Da konnten sie noch so gut riechen und eine Uniform tragen, das nützte mir nichts. Ehe ich mich versah, fand ich mich schreiend in einem Auto wieder, und das ängstigte mich noch mehr, denn ich war noch nie in so einem Ding gefahren. Der Gestank des Autos kam mir verdächtig vor. Ich schrie vor lauter Verzweiflung, aber es half mir nicht weiter. Einer der Männer drückte mich auf seinen Schoss und hielt mich fest in seinen kräftigen Armen, die mir fast den Atem nahmen. Ich kam mir vor wie eine Zitrone, die ausgepresst wird, und konnte keinen Widerstand leisten. Ich schrie bis zur Erschöpfung, die mich lähmte und ruhig werden liess. Ich ergab mich diesen kräftigen Armen, liess sogar meinen Kopf auf seine Brust sinken und spürte dort ein schnelles Pochen, das mich ganz zur Ruhe brachte.
Arabat hingegen hatte Freude an seiner ersten Autofahrt, die uns nach Hause zu Mutter Lilith brachte. Als die Autotür geöffnet wurde, hielt der Uniformierte mich immer noch fest in den Armen. Ich war froh, von ihm getragen zu werden, denn ich spürte meine Beine nicht mehr und meine Füsse hätten mich nicht getragen, so erschöpft war ich. Der andere Mann führte Arabat an der Hand und klingelte an der Haustür. Mutter Lilith öffnete, und als sie uns mit den beiden Männern erblickte, begannen ihre Augen zu funkeln. Sie riss mich aus den Armen des Uniformierten und zog auch Arabat zu sich heran. Sie schrie, stampfte und schnaubte wie ein Wildschwein. Sie stellte uns so grob in die Wohnung, dass ich hinfiel und mir wehtat.
Die beiden Männer wollten sie besänftigen, ihre Stimmen klangen für mich wie ein Lied. Je sanfter dieses Lied für mich klang, desto mehr erzürnte es aber Mutter Lilith. Ihr Körper bebte, ebenso ihre Stimme, die sich überschlug. Sie kreischte, und ihre Hände fuchtelten durch die Luft. Ich stellte mir vor, wie sie gleich vom Boden abheben würde, und liess mich von diesem Gedanken treiben, bis die Tür knallte und mich in die Wirklichkeit zurückholte. Mutter Lilith stand da, den Rücken fest an die Tür gepresst. Sie bebte noch immer am ganzen Körper, dessen Hitze mir entgegenströmte. Plötzlich brach sie wie ein Sandberg in sich zusammen, schluchzte und kam mir nicht mehr so stark vor. Auch die Hitze war weg, und ich hätte Mutter Lilith mit dem kleinen Finger umstossen können. Ich stand da und sah sie an und verstand gar nichts von diesem Leben, auch wenn ich noch so viel darüber nachdachte.
Als sich Mutter Lilith von dem Schrecken erholt hatte und uns wieder anlächeln konnte, stellte sie das Radio ein. Musik ertönte, und sie sang mit. Immer wenn sie mitsang, hiess das für mich, dass ich bald auf dem Küchentisch tanzen musste. Ich fügte mich und stieg auf den Tisch, zur Freude meiner Mutter, die ganz entzückt war von meinem kindlichen Tanz.
*
Nach dem Besuch der Uniformierten zogen wir noch am gleichen Tag weg in einen anderen Kanton. Wir durften nichts mitnehmen, liessen alles stehen und liegen – nicht einmal unsere Spielsachen packte Mutter Lilith ein. Wieder brachen wir in ein frei stehendes Haus ein, abseits vom Dorf, wo wir keinen Kontakt mit der Bevölkerung hatten. Auch keinen Strom, das Kerzenlicht musste genügen. Und alle Wasserhähne waren versiegelt. Wasser holten wir mit dem Eimer aus dem Fluss.
Dank einem der vielen Männer, die Mutter Lilith kannte, zogen wir von dort bald weiter an einen Ort, wo wir wieder Licht und Wasser hatten. Wichtig war, dass wir eine Bleibe weit weg von den anderen Bewohnern hatten. So konnte meine Mutter den Männern ihre Dienste anbieten, ohne die Harmonie der Gemeinde zu stören. Sobald wir jeweils einen Ort fanden, wo wir bleiben durften, lud meine Mutter all ihre Herren und auch neue zu einem ausschweifenden Abend ein. Ich wurde dann am Nachmittag davor gewaschen, und meine Haare wurden zurechtgemacht, sodass sie leicht und luftig waren und gut rochen. Mir war immer angst und bange, und mein kleines Herz wurde schwer, es fühlte sich an, als rutschte es in mir hinunter. Dann konnte ich nicht Pipi machen vor Angst, mein kleines Herz könnte mit hinauswollen.
Am Anfang stand ich in einem schönen, geblümten, orangefarbenen Kleidchen da, auf das ich stolz war, in weissen Kniesöckchen und hellblauen Lackschuhen. Mein rotblondes Haar war zu zwei kleinen, lockigen Schwänzchen hochgebunden, manchmal auch nur zu einem. Für solche Abende hatte ich auch ein besonderes Höschen, das mir sehr gut gefiel, denn hinten hatte es rosa Rüschen. Was ich anhatte, zogen andere Mädchen an Festtagen und für die Kirche an, um niedlich auszusehen. Warum durfte ich nicht auch am Tag niedliche Kleider tragen, warum nur in der Nacht und für Mutter Lilith und ihre Welt? Ihre Welt war doch nicht meine!
Auf dem Tisch tanzend in der Tiefe der Nacht, bei lautem Männergesang und schlechtem Geruch, holte ich die Dämonen herbei, damit diese Teufelin sie voll und ganz befriedigen konnte. Meine Mutter zog mich Stück für Stück aus und trieb es vor meinen Augen. Wenn sie und der Mann sich der Lüsternheit hingaben, richteten beide ihre Augen auf meinen kleinen Körper, sie lächelnd und der Mann voller Lust, wie ein Stier stossend und mit tiefem Geröhre!
Das reizvolle Höschen mit den Rüschen durfte ich je nach Kundschaft länger oder weniger lang tragen, bis es mir ebenfalls ausgezogen wurde. Dann legte mich meine Mutter auf den Tisch und eine Kälte überkam mich und meine Kinderseele verliess diesen kalten Körper und meine Augen sahen von der Decke herab dem Treiben dort unten zu, denn die Dämonen hatten nun freie Bahn, sie durften sich an dem Frischfleisch vergehen, jeder auf seine Weise. Meine Mutter schaute dem Treiben in ihrer rot-schwarzen Reizwäsche zu.
Wenn meine Seele zu langsam war, um sich von mir zu entfernen, und meine Augen bei mir blieben und nicht zur Decke hochgingen, dann taten die Männerpranken meinem Körper weh. Die Gummis, die mein Haar zusammenhalten sollten, wurden mir vom Kopf gerissen. Das sanfte Streicheln wurde grob, aus den Berührungen wurden Schläge. Meine Händchen wurden zu Fliessbandarbeiterinnen an ihren prallen Würsten, und die Flüssigkeit, die sich über mich ergoss, rieben sie in meinen Körper ein und leckten ihn dann ab. Ich wurde zum Leckerbissen. Wenn ich meine Beinchen nicht spreizen wollte, tat es Mutter Lilith für mich, und wenn ich zu schreien anfing, gab sie mir einen Klaps. Eine blaue Büchse mit fettiger Creme lag immer griffbereit. Es schmerzte dann weniger beim Einführen der Finger. Meistens war der erste Finger, der in mich eindrang, der meiner Mutter, dann kamen andere nach. Sie bedienten sich an allen drei Öffnungen meines Körpers, die beliebteste war die kleine Scheide, dann der Mund und der After. Der war nicht so beliebt, weil ich schnell blutete. Meine Seele und meine Augen lernten mit der Zeit, vor den Fingertaten das Weite zu suchen, und so fühlte ich keinen Schmerz. Von den Kunden durfte keiner seine Wurst in den After oder die Scheide stecken, dafür war Mutter Lilith zuständig. Mein kleiner Mund musste den Männern genügen.
Manchmal, wenn die Dämonen Durst hatten oder rauchen mussten, hatten mein Körper und ich eine Pause. Dann kamen meine Seele und meine Augen zurück. Ich lag da, in Schmerzen gebadet, während die Mutter mit den anderen rauchte und trank. Kälte und Hitze plagten meinen Körper abwechselnd weiter, am schlimmsten waren die Krämpfe in Bauch, After und Scheide, als würde ein Messer mich zerschneiden. Das heftige Pochen meines kleinen, gebrochenen Herzens erinnerte mich daran, dass ich noch lebte. Und manchmal gelang es mir, wenn ich noch die Kraft dazu hatte und wieder auf den Füssen stehen konnte, die Dämonen und ihre Hölle unbemerkt zu verlassen. Wenn ich die Kraft dazu nicht mehr hatte, wurde mein Kinderkörper weiter geschunden, über Stunden, die nicht vergehen wollten. Wenn ich das Zwitschern der Vögel hören konnte oder ein kleines Licht der Dämmerung erkannte, dann wusste ich, dass es bald vorbei sein würde.
Nach solchen Höllennächten schlief ich oft auf dem Tisch ein. Meine Mutter fand es nicht nötig, mich ins weiche Bett zu legen, sie deckte mich nur zu und überliess mich dem Morgen und seinen Armen. Sie aber legte sich mit einem der Gäste oder der Zuhälter ins weiche Bett und stand nur noch auf, um die Tür für einen Freier zu öffnen und sich dann gleich wieder hinzulegen. So missbraucht und geschunden, wie ich einschlief, wachte ich auch auf und konnte diesen Dreck nicht abwaschen. Arabat holte mich meistens in den Tag. Und wenn ich mein Herz dann immer noch rennen hörte, wusste ich, dass ich noch lebte, dass ich noch riechen und hören konnte, dass Arabat mein Bruder war, dass ich einen Vater hatte, eine Mutter, dass es Tisch und Stuhl gab. Und dass es da sogar eine schwarze Katze gab.
Plötzlich war sie einfach da gewesen, wie aus dem Nichts aufgetaucht. Am selben Tag, an dem meine Mutter mir sagte, dass ich ein Geschwisterchen bekommen würde. So, wie ich die Schwester meines Bruders sei, komme noch jemand dazu, der viel kleiner sei als ich und viel schlafen würde. Mir schien, dass die Katze zu viel war, denn die ass ja auch. Sie bekam von der Mutter jeden Abend etwas zu essen, und wir hatten manchmal nichts. Sie durfte sogar auf dem Bett der Mutter schlafen und manchmal auf ihrem Schoss sitzen. Diese Katze konnte nicht bei uns bleiben, diese Katze musste weg.
Eine Zeit lang geschah nicht viel, ausser dass ich auf dem Tisch tanzen musste. Der Tisch hatte sich fest in meine Kinderwelt geschoben, die Hölle hatte mich immer wieder und machte, dass ich fast keinen Hunger mehr hatte. Ich verwandelte mich in ein kleines Höllengerippe. Das Bäuchlein meiner Mutter wuchs. Und die schwarze Katze strich dauernd um mich herum und berührte meine Beine. Manchmal schnurrte sie dabei.
Vater Jakob tauchte auf und verschwand im Zimmer meiner Mutter. Es dauerte nicht lange, bis wir Schreie hören konnten, es rumpelte und Türen knallten. Arabat verschwand unter seiner Decke. Vater Jakob war dieses Mal genauso wütend wie Mutter Lilith. Die beiden schaukelten sich gegenseitig auf in ihrem Zorn. Wieder flogen uns Gegenstände um die Köpfe. Und dieses Mal würde der Vulkan ausbrechen. Meine Mutter öffnete plötzlich das Fenster, rannte Jakob schnaubend entgegen, packte ihn, hob ihn in die Luft, rannte mit ihm auf das Fenster zu und warf ihn mit voller Kraft hinaus. Für einen kurzen Augenblick herrschte Ruhe, gerade so lange, dass ich einmal ein- und ausatmen konnte. Mein Mund stand offen, ich staunte darüber, dass mein Vater fliegen konnte. Meine Mutter befahl mir, nach ihm zu schauen, und ich lief, so schnell ich konnte, zu ihm hinaus. Vater Jakob lag reglos da, ich kniete mich zu ihm hin und sah ihn einfach an. Sein Bauch und sein Gesicht waren zum Boden gerichtet und sein Rücken und Hinterteil Richtung Himmel. Wohin seine Beine und Arme zeigten, fand ich nicht recht heraus. Ich konnte sein Gesicht nicht sehen, nur seine Ohren, und da tropfte Blut heraus. Ich sah einen Fremden vor mir liegen. Meine Mutter rief etwas von oben herab, was ich nicht verstand. Dann kam ein Auto mit Blaulicht, ohne Sirene, mit Frauen oder Männern, die sich um Jakob kümmerten, ihn auf einer Bahre ins Auto schoben. Vater Jakob war nun für sehr lange Zeit weg. Der Sturz aus dem Fenster hatte ihm beide Arme und Beine gebrochen.
Nun wusste ich, wie ich es anstellen konnte, dass die schwarze Katze unser Haus verliess. Ich musste ihr nur das Fliegen beibringen. Ich öffnete das Fenster, schaute hinunter, ob Arabat seinen Posten bezogen hatte, nahm die Katze und warf sie hinaus. Unten knallte sie auf den harten Boden und war ganz benommen. Arabat brachte sie mir dann wieder hinauf und ich knallte sie nochmals aus dem Fenster. Das Spiel mit der Katze ging so lange, bis der Tod sie endlich packte.
Da lag sie nun mit offenen Augen, und ihr Zünglein hing heraus. Plötzlich wollte ich, dass die Katze wieder lebendig wäre. Ich warf Steine nach ihr. Doch sie blieb einfach reglos liegen. Ich trat die Katze mit den Füssen, versuchte sie auf die Pfoten zu stellen. Aber sie fiel in sich zusammen, ihr Zünglein draussen und mit halb geöffneten Augen. Ich gab meine Versuche auf, sie wieder lebendig zu machen, und legte sie an die Hausmauer. Keiner, der zur Mutter kam, bemerkte die tote Katze. Und da Mutter Lilith nicht nach draussen ging, lag die Katze noch eine ganze Weile da, sodass ich sie immer wieder besuchen konnte. Ich machte noch einen letzten Versuch und legte ihr Futter hin, ich dachte, wenn sie Hunger hätte, würde sie gewiss aufwachen. Manchmal war das Futter dann weg, aber die Katze lag immer noch da, und auf ihr immer mehr Tierchen. Ich nahm an, dass die Katze aufwachte und frass, weil das Futter ja weg war, wenn ich nachschaute. Also brachte ich immer wieder neues hin und immer mehr kleine Lebewesen gesellten sich zur Katze. Ich konnte beobachten, wie die kleinen, weissen Würmchen auf ihr herumturnten, sich aus ihren Augen und in ihren Mund bohrten, sogar in den kleinen Nasenlöchern gingen sie ein und aus. Mit der Zeit stank es sehr. Die weissen Würmchen begannen mich zu ekeln, und dieses Todesfressen faszinierte mich nicht mehr. Mutter Lilith trauerte der schwarzen Katze noch lange nach und hoffte, sie komme wieder. Aber ich wusste es besser, ich hatte ein Geheimnis, das Geheimnis vom Tod.
Wieder zogen wir um, weil man uns unserer Mutter wegnehmen wollte. Wir wohnten nun in einem alten Käserhaus. Die neue Käserei war nicht allzu weit davon entfernt. Jeden Morgen und jeden Abend konnte ich die Bauern mit ihren Traktoren und Anhängern mit den grossen Milchkannen beobachten. Sie brachten die Milch ihrer Kühe dorthin. Die Bauern und der Käser hatten dicke Oberarme, denn eine solche Kanne war sehr schwer. Wir hatten nun regelmässig Milch zu trinken. Wir tranken viel, hatten aber trotzdem Hunger. Mutter Lilith kam mit dem Geld nicht aus, weil sie eine Menge Trink- und Rauchwaren, Schminke und Schuhe für sich brauchte. Oft hatten wir zu wenig Milchbatzen.
Aber Mutter Lilith war schlau und weihte uns in die Kunst der Elstern ein. Arabat und ich mussten in der Käserei sein, bevor die ersten Bauern ihre Milch brachten. Die Käserfrau hatte dann schon alles vorbereitet, auch die Kasse mit den Milchbatzen lag immer offen da. Meistens waren der Käser und die Käserin noch beschäftigt, bevor das Eintreiben der Milch begann, und so waren wir allein in der Käserei. Arabat hielt das Milchchübeli in der Hand und ich hatte meine Hand in der Kasse, um mir ein paar Batzen zu greifen. Hatte ich die Batzen, so standen wir wartend da, bis die Milchbauern kamen und es kesselte und laut wurde. Wenn dann die Käserin kam, streckte ich ihr die Hand mit den Batzen hin, die ich mir vorher genommen hatte, und wir bekamen so viel Milch, wie es dafür gab. Manchmal hatten wir ein ganzes Chübeli voll, meistens jedoch nur ein halbes. Meine Hand war zu klein und zu zart, um genügend Batzen für ein volles Milchchübeli zu greifen. Mutter Lilith war stolz auf mich, weil ich das mit dem Milchholen so gut machte. Sie konnte sich auf mich verlassen und es ganz uns beiden überlassen. Und für mich war klar, dass ich das Geld nehmen durfte, weil es ja so offen dalag.
Nach einer Weile zogen wir wieder um, damit meine Mutter in Ruhe gebären konnte. Es war keine Geburt im Spital, die kleine Mascha kam zu Hause in unsere Welt. Ich durfte mit Vater Jakob die Nachgeburt im Wald vergraben. Wir gruben mit den Händen ein tiefes Loch in die Erde, Vater Jakob legte die Nachgeburt hinein und übergoss sie mit einer ganzen Flasche von dem stark riechenden Wasser. Vorher nahm er noch einen grossen Schluck davon. Unsere Hände deckten die Nachgeburt, gesegnet mit diesem Feuerwasser, mit Erde zu. Ich durfte Holz sammeln und es, dort wo die Nachgeburt im Dunkeln lag, auf einen Haufen legen. Als wir genug Holz hatten, kam Mutter Lilith mit Arabat und der kleinen Mascha dazu. Mascha sah man nicht, sie war in eine Decke eingewickelt. Papier wurde zwischen die Hölzer gestopft und noch eine Flasche Feuerwasser geopfert, dann kamen die rot-, gelb- und blauorangen Flammen. Es zischte, krachte und rauchte.
Mir war, als wollten die Flammen mir etwas sagen, doch ich konnte es nicht verstehen, wie so vieles. Ich starrte in die Flammen und spitzte die Ohren. Ich sah das Feuer und seine Farben. Und manche Farben, die ich darin sah, konnte ich auch an den Menschen, Pflanzen und Tieren erkennen. Das Feuer weckte in mir das Bedürfnis, es zu berühren. Das helle Licht der Flammen berührte sanft meine Seele und liess mich am Zauber seiner Wärme teilnehmen. Ich wurde selbst zu einer Flamme und tanzte, knisterte, krachte und rauchte mit dem Feuer. Zum ersten Mal erlebte ich Glück. Und dieses Glück gefiel mir viel, viel besser als das Tanzen auf dem Tisch. Das Glück fühlte sich so warm an. Das Tanzen aber war eisige Kälte. Bald darauf rief die Teufelin aber wieder ihre Dämonen aus der Hölle. Das Opfer lag schon auf dem Tisch bereit. Mascha durfte nicht auch ein Höllenopfer werden.
Die Tage gingen dahin und nichts veränderte sich bei uns zu Hause. Tagein, tagaus dasselbe. Ich hatte bloss ein Kind mehr, um das ich mich sorgte und kümmerte, damit niemand es anfassen möge. Die Männer kamen und nahmen mich und meine Mutter. Mutter Lilith wurde wieder schwanger, und bald war auch Bruder Alioscha unter uns. Mutter Lilith zog mit uns weiter, diesmal aber direkt in die Arme der Behörden. Vater Jakob hatte dafür gesorgt, dass wir endlich von ihr weggeholt wurden. Er konnte es nicht mehr mit ansehen, wie wir leben mussten. Helfen konnte er uns nicht, denn er konnte sich selbst nicht helfen. Weil es bei der Gemeinde ein Hin und Her gegeben hatte und keiner die Verantwortung dafür übernehmen wollte, wer was und wie viel bezahlen müsse, ging Vater Jakob schliesslich zu Leuten, die schon bei Lilith und ihrer Mutter im Spiel gewesen waren. Jakob wurde von ihnen mit offenen Armen empfangen, und dann ging es blitzschnell. Wir Kinder kümmerten sie nicht allzu sehr, sie fragten kaum nach, warum und wieso. Es genügte ihnen, zu wissen, dass meine Mutter eine Fahrende, eine Vagantin war. Und weil mein Vater kein Fahrender war, durfte er wünschen, wo er uns haben wollte. Er wollte uns in seiner Nähe haben.
10. Juni 1963,
Akte einer Schweizer Stadt
Mit Entscheid vom 14. August 1962 hat die Vormundschaftsbehörde der Stadt über Arabat und Luisa eine Erziehungskontrolle angeordnet und gleichzeitig die Wegnahme der beiden Kinder aus dem elterlichen Haushalt beschlossen.
Vater Jakob ist am 25. August 1962 von der Stadt fortgezogen. Die zuvor längere Zeit von ihm getrennt lebende Ehefrau Lilith hat die Stadt ebenfalls verlassen. Sie ist nun zu ihrem Jakob zurückgekehrt und auch die Kinder Arabat und Luisa haben wieder Aufnahme in der Familiengemeinschaft gefunden. Daraus ergibt sich, dass die Vormundschaftsbehörde der Stadt zur Führung der Erziehungskontrolle nicht mehr zuständig ist und die Massnahme nach Art. 284 ZGB nicht mehr vollziehen kann. Auf Grund dieser Situation ersuchte die Vormundschaftsdirektion der Stadt am 3. April 1963 die nun zuständige Vormundschaftsbehörde des neuen Kantons die Erziehungskontrolle zu übernehmen und die rechtskräftig beschlossene Wegnahme der Kinder durchzuführen. Eine Antwort auf dieses Gesuch ist bis jetzt nicht eingegangen.
21. Oktober 1965,
Protokoll der neuen Wohngemeinde
(...) Die mit Schlussnahme vom 13. Juni 1963 vormundschaftlich eingesetzte Erziehungs-Kontrollperson Herr Pfarrer Reinhard erstattet Schlussbericht in der Angelegenheit der Familie Jakob, Lilith, deren Kinder Arabat und Luisa.
Dem Bericht ist zu entnehmen dass beide Elternteile ihrer Erziehungsaufgabe nicht gewachsen seien und dass eine Gefährdung der Kinder durch das charakterliche Benehmen der Eltern (Nikotin, Alkohol, Herumziehen etc.) bestehe. Herr Pfr. Reinhard kommt in seinem Bericht zum Schluss, dass eine Überwachung und Betreuung der Erziehung der Kinder auch in Zukunft nötig ist.
Auszug von Pfr. Reinhard
Ich habe die Familie einige Male besucht. Zuerst hatte ich den Eindruck, dass die Kinder sehr vernachlässigt waren. Ich habe der Mutter zugesprochen, sich hier ein wenig aufzuraffen. Leider war die oft nicht daheim. Dafür traf ich einen Mann, der im Hause war. Es schien mir, dass durch die Erziehungskontrolle die Eltern doch wenigstens besorgt waren im Haus bessere Ordnung zu halten und die Kinder ein wenig mehr zu pflegen.
Ich musste die Feststellung machen, dass die Eltern (zum Teil mit den Kindern) viel unterwegs waren.
Um eine Unterstützung wurde ich nur einmal in der ersten Zeit ihrer Niederlassung gebeten.
Einer Überwachung und Betreuung werden die Kinder auch in Zukunft bedürfen. Die beiden Eltern sind ihrer Erziehungsaufgabe nicht gewachsen, vor allem wird das charakterliche Benehmen der Mutter und der Männer die ein und ausgehen (Nikotin, Alkohol, viel auswärts sein, keine religiöse Bedürfnisse) die Kinder sehr gefährden. (...)
8. November 1965,
Protokoll der neuen Wohngemeinde
Als Erziehungskontrollperson wird ernannt Frau Alice am Hübeliweg mit dem Auftrag, periodische Kontrollen durchzuführen und dem Gemeinderat Mitteilung zu machen, falls sich Massnahmen im Sinne von Art. 283/85 ZBG aufdrängen sollten. Nach Ablauf von 2 Jahren ist dem Gemeinderat über die Erziehungskontrolle schriftlich Bericht zu erstatten.
9. Dezember 1965,
Schreiben der Gemeindepolizei
Im Gemeinderat ist darauf aufmerksam gemacht worden, dass die im Dollhaus wohnhafte Frau Lilith in sittlicher Beziehung zu Klagen Anlass gebe. Es sei deshalb die Frage zu prüfen, ob die Kinder der dort lebenden Lilith in sittlicher Beziehung nicht gefährdet seien.
Wir ersuchen Frau Alice, diese Feststellung auf ihre Richtigkeit zu prüfen und uns Bericht erstatten zu wollen.
21. Mai 1966,
Brief von Zuhälter Pietro an den Gemeinderat
Nach Beschreibung von Frau Alice wollen sie Lilith zwei Kinder wegnehmen, so wie sie sagen wenigstens zwei! Ich bin bis Jetzt für diese Frau und deren Kinder aufgekommen, seit Vater Jakob aus dem Haus ist.
Ich habe sie während der Scheidung unterstützt. So wie Frau Alice mir sagte sind die Kinder in Ordnung und finde es nicht nötig das die Kinder fort müssen, ich habe ja Anfangs Januar unterschrieben das ich für alle sorgen werde. Wenn sie die beiden Kinder holen wird der Frau und mir grosses Leid angetan. Ich hoffe sie übersehen die Schreibfehler, da ich sonst nur Italienisch schreibe, und nur mich wehren möchte um mein Recht.
Hochachtungsvoll
Grüsst
31. Mai 1966,
Schreiben der Gemeindepolizei
Prekäre Familienverhältnisse
Bei der Gemeindepolizei gingen in letzter Zeit häufig Klagen ein, dass die Familienverhältnisse bei der Fam. Lilith stets prekärer werden.
Wir verweisen auf den Bericht vom 15. Dez. 1965.
Es zeigte sich, dass Vater Jakob seit einem Monat nicht mehr bei der Familie nächtigt. Seit dem November 1965 ist ein anderer Mann bei der Frau, anfänglich ca. 1 Monat. Er arbeitete an verschiedenen Stellen und konnte keine halten. Er wurde bei der letzten Stelle fristlos entlassen, da er nur gelegentlich zur Arbeit erschien und zudem verlangte er stets Vorschuss.
Dieser Mann äusserte sich mir gegenüber, dass er unter allen Umständen Lilith heiraten werde!!!
Vor ca. 3 Monaten zog noch ein anderer Mann noch zu Lilith. Seit der Mann bei Lilith wohnte kümmerte er sich nirgends um einen Arbeitsplatz. Auf dem Betreibungsamt ist der Mann Fr. 1759.– eingeschrieben.
Der Mann wurde von mir aufgefordert, das Haus zu verlassen. Bei allen Kontrollen stellte ich fest, dass die Kinder ärmlich gekleidet sind. Zudem wurden wir von den Nachbarn dieser Familie aufmerksam gemacht, dass die Kinder bei ihnen Geld und Brot betteln. Ausserdem hat Mutter Lilith Lebensmittelschulden Fr. 166.–.
Am 26. Mai 1966 hatten sie zum Mittagessen Hundefleisch. Die Wohnung ist ihnen seit dem 13. Januar 1966 gekündigt. Eine andere haben sie bis jetzt noch nicht.
Wir schildern ihnen diese Umstände, weil in nächster Zeit fürsorgliche Massnahmen getroffen werden müssen.
Mit vorzüglicher Hochachtung
[Der Gemeindepolizist]
1. Juni 1966,
Brief des Gemeindeammanns an Zuhälter Pietro
Dem Gemeinderat ist bekannt geworden, dass Sie nicht regelmässig Arbeiten. Wir sehen uns deshalb veranlasst, Sie wegen dieses arbeitsscheuen Lebenswandels allen Ernstes zu verw[arnen und Sie darauf aufmerksam zu machen, dass Personen, die sich der Gefahr eines Notstandes und der Verarmung aussetzen gemäss Art. 370 ZGB unter Vormundschaft gestellt werden müssten. Wir wären veranlasst gegen sie vormundschaftliche Massnahmen zu ergreifen, falls Sie in Zukunft nicht regelmässig arbeiten sollten.
Hochachtungsvoll
Im Namen des Gemeinderates
1. Juni 1966,
Brief des Gemeinderates an Frau Alice
(...) Wir übermitteln Ihnen beiliegend die zwei Zuschriften an die beiden Zuhältern von Frau Lilith, sowie den Bericht der Gemeindepolizei über die Familienverhältnisse vom 31. Mai 1966 mit dem Ersuchen, zu diesen Akten Stellung nehmen zu wollen. Der Gemeinderat wird sowohl die beiden Herren auffordern, sofort für regelmässige Arbeit zu sorgen, ansonst der Gemeinderat gehalten wäre, entsprechende Massnahmen zu ergreifen. Der Zuhälter Kurt hat in der Gemeinde keine Schriften deponiert, weshalb ihm auch Wegweisung angedroht wird. Wie uns der Herr Gemeinderat mitteilt, wäre Vater Jakob bereit, zwei der vier Kinder auf seine Kosten und freiwillig in das Kinderheim zu verbringen. Wir ersuchen Sie, mit ihm in dieser Angelegenheit zu sprechen und von ihm eine schriftliche Erklärung zu verlangen.
Mit vorzüglicher Hochachtung
Im Namen des Gemeinderates
25. Juni 1966,
Schreiben der Gemeindepolizei
Wir stellen fest, dass Frau Lilith mit den Kindern und ihren beiden Zuhältern Kurt und Pietro um 20 Uhr unsere Gemeinde fluchtartig verlassen hat!
Vater Jakob hat seinen Wohnsitz immer noch in unserer Gemeinde.
Mit vorzüglicher Hochachtung
[Gemeindepolizei]
9. November 1966,
Schreiben der Leitung einer Organisation
Mit einem Schreiben haben wir das Gerichtspräsidium der Stadt ersucht, im Ehescheidungsverfahren Mutter Lilith und Vater Jakob die vorsorglichen Massregeln gemäss Art. 145 ZGB in Bezug auf die Versorgung der Kinder zu treffen.
Als Begründung für diese Massnahme haben wir festgestellt, dass der Stadtrat, als Vormundschaftsbehörde am 14. August 1962 die Wegnahme der Kinder verfügt hat. (Diese Verfügung wurde im Beschwerdeverfahren am 18. Februar 1963 sanktioniert)!
Da sich für die Kinder in der Zeit nichts geändert hat, sei eine Wegnahme der Kinder dringend erforderlich.
Das Gerichtspräsidium teilt uns nun mit, das bis heute kein Präliminarbegehren eingegangen sei, gestützt auf welches die Verhältnisse der Familie zu regeln wären.
Wir bitten Sie, das administrative Verfahren im Sinne von Art. 283 und 284 ZGB durchzuführen und die Kinder zu versorgen!
Mit freundlichen Grüssen
7. Januar 1967,
Bericht von Frau Alice
Am 2. Januar 1967 besuchte ich gemeinsam mit meinem Mann die Familie Lilith in ihrer Wohnung. Bekanntlich lebt Vater Jakob nicht zuhause bei Lilith und Kindern, doch ist ein anderer Mann anwesend, ein Untermieter, wie Frau Lilith mir mitteilte.
Obwohl wir unangemeldet vorsprachen, fanden wir eine gut aufgeräumte Wohnung vor. Die Kinder waren sauber gekleidet. Alle vier Kinder entwickeln sich nach unserem Dafürhalten absolut normal. Anzeichen einer Unterernährung oder seelischern Verwahrlosung konnten wir nicht beobachten. Mutter Lilith erwartet ihr fünftes Kind.
Gesprächsweise sind wir auf die Frage der Versorgung der Kinder in einer Anstalt eingegangen. Mutter Lilith wehrte sich energisch.
Wir haben Mutter Lilith in Anwesenheit des dort lebenden Mannes dringend gebeten, in Bezug auf die Ehe, nun endlich geordnete Verhältnisse anzustreben.
Anschliessend möchten wir festhalten, dass sich eine Versorgung der Kinder aus den oben erwähnten Beobachtungen nicht aufdrängt, dass die finanziellen Mittel aber sehr knapp sein dürften (Mietzinsrückstand) und sich Massnahmen eher in diesem Bereich aufdrängen dürften.
Mit freundlichen Grüssen
Frau Alice
11. Januar 1967,
Schreiben des Fürsorgeamtes
Bekanntlich ist der Fall Mutter Lilith die am 18. Juni 1966 in eine andere Gemeinde fortzog, neuerdings aktuell geworden.
Folgende Erkenntnisse haben wir gewonnen
1. Die Familie wurde von Frau Alice, die durch den Gemeinderat mit dem Schreiben vom 8. Nov. 1965 mit der Erziehungskontrolle über die vier Kinder beauftragt worden war, häufig besucht und intensiv betreut.
Ich selber habe die Familie nur wenige Male besucht, dabei aber leider nie befriedigende Verhältnisse angetroffen. Die vier Kinder waren in einem Zimmer eingesperrt – die Mutter lag um 11 Uhr noch im Bett, ein andermal waren sie ebenfalls aus der Stube ausgeschlossen und hatten im kalten Gang, zum Teil dürftig bekleidet, sich zu verweilen, Küche und Stube in bedenklicher Unordnung.
Als durch die Gegenwart sowohl von Vater Jakob als auch von einem anderen Mann im gleichen Haushalt immer grössere Probleme und Schwierigkeiten entstanden, tendierte das Fürsorgeamt in Richtung Wegnahme der beiden älteren Kinder.
Vater Jakob war schliesslich mit einer Platzierung in ein Kinderheim einverstanden. Im letzten Moment weigerte er sich indessen, die entsprechende Erklärung zu unterzeichnen.
Am 18. Juni 1966 zogen die Leute weiter und entzogen sich damit unserer Einflusssphäre.
2. Aus dem Bericht von Frau Alice ist zu entnehmen, dass die Kinder im gegenwärtigen Milieu zu belassen seien.
3. Unsere Stellungnahme ist folgende:
Man tut der Mutter einen Dienst, wenn man Ihr die Kinder belässt. Ob aber auch den Kleinen?
Die Familie stösst bei jeder Gemeinde an und fällt mir ihrem Verhalten auf. Mutter Lilith lebt mit verschiedenen Männern in unsittlicher Weise im Konkubinat. Vater Jakob teilt immer wieder Lilith mit den bei ihr lebenden vorbeikommenden Männern.
Die Szenen spielen sich immer gleich ab, auch wenn sie weiterziehen.
Dieses sich teilen von verschiedenen Männern ist ernstlich bedenklich.
Ob das körperliche-seelische Wohl der Kleinen einigermassen gewährleistet ist, ist fraglich.
Ein wichtiges Moment in unsere Frage spielt der Umstand, dass Mutter Lilith das 5te Kind erwartet. Sie hat verschiedentlich gedroht, dass ein Familiendrama entstehe, (sie meint damit, dass sie sich selber und die Kleinen umbringen würde), wenn man auch nur eines der Kinder wegzunehmen versuche.
Das Problem um die Kinder kann nicht für sich gesondert behandelt werden, sondern steht in engstem Zusammenhang mit den Problemen der Eltern. Es muss eine Gesamtlösung angestrebt werden. Es ist für die Familie auch psychologisch erträglicher, wenn die Regelung der Kinderfrage im Rahmen des immer freiwillig angestrebten Entscheidungsprozesses geschieht. Wichtig aber, im Interesse der Kinder, ist nun unbedingt eine beschleunigte Prozessführung und eine rasche Entscheidung darüber, was mit den Kindern zu geschehen hat (bloss nicht vor der Geburt des 5. Kindes!). Aus menschlichen Erwägungen sollten sodann auf keinen Fall alle Kinder miteinander weggenommen werden, – und bei auch nur einigermassen günstiger Weiterentwicklung nur als vorübergehende Massnahme.
Mit vorzüglicher Hochachtung
Fürsorgeamt
12. Januar 1967,
Brief von Frau Alice an das Fürsorgeamt
Wie uns scheint dramatisiert der Gemeindeschreiber den ganzen Fall sehr, um das Konkubinat von Mutter Lilith bald aus seinem Arbeitsbereich herauszubekommen. Unsere Ansicht wird durch verschiedene Berichte von Gemeindemitgliedern bestärkt.
Wir stellen fest, dass diese Leute weder mit materiellen noch mit geistigen Gütern gesegnet sind. Das Konkubinat von Mutter Lilith wird nicht von langer Dauer sein. Wir sind der Ansicht, dass man das ganze Problem reifen lassen muss.
Auf eine Wegnahme der Kinder reagieren die Leute bitter. Hilfe aus der Armenkasse wirt nicht gewünscht.
Neben der fürsorgerischen Seite, welche der materiellen wenn immer möglich vorgezogen werden sollte, ist auf die ernormen Auslagen, welche eine Versorgung der Kinder verursachen würde, hinzuweisen.
Ich beantrage, dem Gemeinderat zu empfehlen, Frau Lilith und ihre Kinder armenrechtlich gem. Konkordat zu unterstützen. Eine solche Massnahme dürfte vorerst für die zahlungspflichtigen Gemeinden die billigste und nach Ansicht von mir für die Familie auch die beste Lösung sein.
Mit freundlichen Grüssen
Frau Alice
10. Februar 1967,
Schreiben der Vormundschaftsbehörde
Frau Lilith und ihre Kinder wurden auf die Strasse gestellt. Die Frau und Ihre vier Kinder haben Unterschlupf gefunden bei Vater Jakob.
Hinsichtlich Hausrat ist folgendes festgestellt worden:
Es ist ein einziges Bett vorhanden, in das sich Vater Jakob und die vier Kinder teilen, (3 Kinder schlafen auf der Obermatratze, nur dürftig bedeckt, – Vater Jakob und Luisa benützen die Untermatratze). Frau Lilith schläft auf dem alten Sofa im kleinen Stübli.
Den Kindern fehlt es an Kleidern, sie tragen defekte, schmutzige Kleidchen.
Das Dringendste haben wir den Kindern im Anschluss an den Hausbesuch aus den Mitteln des Fürsorgefonds sofort angeschafft.
Das jetzige Logis ist für die Kinder absolut ungeeignet.
Zudem duldet Vater Jakob es nur als rein vorübergehend, kurzfristige Lösung.
Menschlich-psychologische Situation:
Sie ist im Prinzip die genau gleiche wie vor einem Jahr, 4 Kinder, 2 bis vier Männer und eine Frau.
Die Kinder sind oft alleine, sogar tagelang.
Folgende Lösung:
Die vier Kinder sind vorläufig wegzunehmen.
Für die Durchführung ist polizeiliche Hilfe unerlässlich. Auf Grund einer telefonischen Besprechung mit dem Bezirksammann, mit dem wir den überaus heiklen Fall näher diskutierten, sowie einer Besprechung zwischen Herrn Gemeinderat und der Kantonspolizei wird vorgeschlagen, dass die Kinder durch je einen Gemeinde- und einen Kantonspolizisten abgeholt werden. Die Aufgabe der Fürsorgerin wird darin bestehen, das Möglichste zu tun, dass die weitere Betreuung der Kinder soweit nur immer denkbar auch die spärlichen Ansätze einer positiven Zusammenarbeit mit der Mutter nicht zum vornherein zerschlagen werden. Sie wird die Kleinen ins Heim begleiten, nicht aber dabei sein bei der Abholung im Hause der Mutter.
Die Frage: wohin platzieren wir die Kinder, ist bis zur Stunde trotz intensiver Bemühung noch nicht gelöst.
Die Geschwister sollten wenn immer möglich beieinander bleiben.
Hochachtungsvoll
[Vorsteher der Vormundschaftsbehörde]
Die Kantonspolizei, der Bezirksschreiber und eine Frau standen vor der Haustür. Mutter Lilith war mit uns Kindern alleine zu Hause. Es war schon dunkel. Als die Türglocke verstummt war, klopfte es an der Tür. Meine Mutter schaute aus dem Fenster. Ein Schrei, dann sammelte sie uns hastig zusammen, ich spürte, wie ihr Körper zitterte, als wollten tausend kleine Flämmchen zu einem grossen Feuer werden. Auch ihre Stimme zitterte, und wir bekamen es mit der Angst zu tun. So kannte ich meine Mutter nicht. Wenn wir alleine waren oder wenn ein Freier für sie vor der Tür stand, war sie anders. Sie nahm den einjährigen Alioscha auf den Arm und drückte ihn fest an sich. Mascha, noch keine zwei Jahre alt, krallte sich vor Angst an Mutter Liliths Bein. Und Arabat hielt Mascha mit einer Hand, die zur Faust wurde, am Röckchen fest. Ich stand losgelöst von den anderen da, und mein Herz klopfte so schnell, als wollte es aus mir hinausspringen und wegrennen.
Ich meinte, den Tod riechen zu können. Meine Mutter stürzte mit Alioscha auf dem Arm, Mascha an ihrem Bein und Arabat an Maschas Röckchen in die Küche und holte sich ein Messer. Mascha fiel hin, meine Mutter fast mit ihr, Mascha schrie und Alioscha begann zu weinen. Arabat weinte mit. Und ich stand immer noch einfach da. Ich kam mir verlassen vor, wollte an diesem wilden Durcheinander nicht teilnehmen, wünschte mir aber eine menschliche Berührung.
«Aufmachen, hier ist die Kantonspolizei!», tönte es durch die Tür. Mit Alioscha im Arm, Mascha am Bein, Arabat im Schlepptau und dem Messer in der Hand öffnete Mutter Lilith die Tür und schrie den uniformierten Männern ins Gesicht. Sie fuchtelte wild mit dem Messer herum und im Handgemenge hielt sie es plötzlich auf Alioscha gerichtet. In diesem Augenblick stand allen der Atem still. Ich war die Einzige, die schrie. Ich tat es aus voller Kehle, als hätte ich gerade den Todesstoss bekommen. Meine Mutter liess das Messer fallen, als hätte ihr mein Schrei bewusst gemacht, was sie in ihrer Verzweiflung vorgehabt hatte. Dann ging alles ganz schnell: Alioscha wurde ihr aus dem Arm gerissen, Mascha von ihrem Bein gezerrt und Arabat, der sich noch immer an Maschas Röckchen klammerte, gleich mit. Und ich, Luisa, stand immer noch da, ganz allein. Ich glaubte schon, sie hätten mich vergessen. Da trat die Frau zu Mutter Lilith und sagte: «Reissen Sie sich doch zusammen, Sie bekommen sie ja wieder!» Mit diesem Satz nahm sie meine Hand und führte mich ganz ruhig zur Tür hinaus. Ich wusste, sie hatte meine Mutter angelogen.
Es wurde eine lange Fahrt in die Nacht hinein mit drei weinenden Kindern. Ich war still, schaute in die Dunkelheit, grelle Lichter rasten an mir vorbei. Alioscha kötzelte weinend vor sich hin, und es roch unangenehm. Die grellen Lichter wurden immer zahlreicher, und dann hielten wir plötzlich an und mussten aussteigen. Ich stand vor einem Tor. Es kam mir riesig vor und begann sich langsam zu bewegen. Zum Vorschein kam eine von Kopf bis Fuss schwarz gekleidete Gestalt. Sie hatte ein Gesicht mit zwei Augen, einer Nase und einem Mund, so wie wir, aber keine Ohren und auch keine Haare. Stattdessen hatte diese Gestalt etwas Weisses über der Stirn und trug ein schwarzes, langes Tuch. Sie machte mir Angst, und ich blieb stehen. Doch dann wurde ich sanft, aber bestimmt hineingeschubst. Ich hörte, wie das grosse Tor mühevoll ins Schloss fiel, es stöhnte wie meine Mutter, wenn sie mit einem Mann zugange war. Ich wurde über viele kleine Kieselsteinchen weitergeschubst bis zu einer grossen Tür, wo noch mehr schwarze Gestalten warteten.
Wir gelangten in einen langen Gang aus roten Steinen, und manche der Steine bewegten sich unter meinen Füssen. Es gab keine Fenster, dafür riesige Wände und an der Decke hingen grosse Lampen, viel zu grosse. Zu Hause hatten wir nur kleine. Es roch nach nichts, und mich fröstelte. Am Ende des Ganges war wieder eine Tür, und ich musste auch dort hindurch. Wir kamen in einen riesigen Raum mit vielen Tischen und Stühlen, der zu Fangis und Versteckis einlud. Eine Wand bestand ganz aus Fenstern, und man konnte die Nacht draussen gut sehen. Ich konnte sie sogar fühlen. Wir mussten uns setzen und ein wenig warten, zusammen mit einer dieser Gestalten, die man hier Schwester nannte. Das schien mir doch etwas seltsam, denn meine Mutter hatte ja immer kleine Schwestern mit in die Familie gebracht, und die sahen gar nicht aus wie diese. Ich wollte zu dem grossen Fenster laufen und in die Nacht schauen, doch die Schwester hielt mich mit der Hand zurück und befahl mir, mich wieder hinzusetzen. Aber das Warten dauerte mir einfach zu lange, und ich rannte los, um die Tische herum und zum grossen Fenster. Mascha wollte mir nach, aber sie hatte noch zu kurze Beine. Ich kletterte auf das Fensterbrett, presste mein Gesicht an die kalte Scheibe und sah in die tiefe, dunkle Nacht hinaus. Ich konnte nichts erkennen. Mein Herz wurde schwer, und ich weinte.
Die anderen Schwestern kamen zurück und stellten uns in eine Reihe. Nur Alioscha durfte sich auf den Tisch setzen. Eine der Schwestern musste mich vom Fenstersims holen, denn ich wollte von dort nicht mehr weg. Als sie mich zu packen versuchte, rannte ich los und schwupps, ging das Fangisspiel los. Da ich viel kleiner war als die Schwester, konnte ich unter den Tischen durchschlüpfen und ihr entkommen. Es war herrlich, so herumzutoben, schneller und flinker zu sein als die Frau in ihren schwarzen, langen Tüchern. Ich vergass meine Angst. Noch zwei Schwestern liessen sich von meiner Freude am Fangis anstecken, und das freute mich sehr. So hatte ich noch nie mit Grossen spielen dürfen. Die Krönung wäre gewesen, wenn auch die schwarzen Frauen sich getraut hätten, unter den Tischen durchzukriechen. Sie beugten sich aber nur unter die Tische, sodass ihre Köpfe ganz rot wurden, und riefen mir etwas zu. Aber ich verstand es nicht.
Ein Mann spielte schliesslich den Köder: Er verführte mich mit Schokolade. Er schob mir kleine Stücke unter den Tisch. Süss schmeckten diese braunen Schokoladentäfelchen, und ich wollte noch mehr davon haben. Also kroch ich unter dem Tisch hervor. Es gab dann aber nur noch ein letztes, kleines Stück, bevor er mich packte, lachte und mich zurück in die Reihe zu meinen Geschwistern stellte. Die anderen bekamen jetzt auch Schokolade als Belohnung für ihr strammes Warten. Aber dann fing dieser Mann an, Alioscha anzufassen. Und so tanzte ich wieder aus der Reihe, um besser sehen zu können, was mit Alioscha geschah. Die schwarzen Frauen hielten Stifte in der Hand. Sobald der Mann etwas sagte, hatten sie allerhand zu schreiben. Auch das gefiel mir nicht. Ich fürchtete, sie könnten Alioscha damit zum Verschwinden bringen, dass man ihn am Ende nur noch auf dem Papier sehen könnte. Der Mann fuhr mit einem Kamm über Alioschas Köpfchen, starrte dann auf den Kamm, schüttelte den Kopf und lächelte Alioscha an. So wie er ihn anlächelte, war das ein gutes Zeichen für mich.
Alioscha sollte auch den Mund aufmachen, was ihm nicht gefiel, und er weinte bitterlich vor sich hin, als der Mann ihm den Mund öffnete. Doch Alioscha, gar nicht dumm, biss ihm dafür mit seinen wenigen spitzen Zähnen den Finger wund. Ich war stolz auf ihn, weil er sich so gut wehren konnte. Es wurde noch allerhand an diesem kleinen, weinenden Kind herumgefingert und dann aufgeschrieben. Als sie damit fertig waren, nahm eine Schwester Alioscha auf den Arm und verschwand mit ihm. Es ging so schnell, dass ich nicht wusste, wohin. Ich spürte, wie mein Körper sich verkrampfte und mein Herz schreien wollte, aber nicht konnte. Meine Hände ballten sich zu Fäusten, die sich wie Feuer anfühlten. An Mascha durfte kein Mann heran! Ich schrie und tobte und stampfte mit den Füssen, so fest ich konnte, weil seine Hände nicht von Mascha liessen. Ich krümmte mich auf dem Boden und über mir war diese fremde, schwarze Frau, die mich fest umklammerte. Ich konnte sie atmen hören. Endlich liess der Mann Mascha los, mein Körper entspannte sich, das Feuer wich aus meinen Fäusten, das Schreien in mir hörte auf. Mein Herz musste nicht mehr rasen, und ich hörte, wie es zu summen begann.
Dann wurde Mascha weinend von einer schwarzen Frau aus dem grossen Saal getragen und war auch verschwunden. Arabat und ich waren nun allein mit zwei Schwestern und diesem Mann. Arabat liess alles mit sich machen. Seine Augen waren leer. Ich konnte darin so wenig erkennen wie in der schwarzen Nacht vor dem Fenster. Nur war es in seinen Augen nicht schwarz, sondern grau, nicht einmal eine Träne, gar nichts war da. Auch Arabat verschwand mit einer Schwester. Sie hatte keine schönen Farben um sich herum, und ich traute ihr nicht. In meiner Seele wusste ich, dass Arabat nichts Gutes geschehen würde, aber Arabat lief mit ihr mit. Ich blieb allein zurück mit dem Mann und der letzten Schwester. Der Mann wollte mit mir dasselbe tun wie mit meinen Geschwistern, aber ich liess es nicht zu. Ich wehrte mich mit heftigen Bissen, sodass er nicht an mich herankam und mich schliesslich mit der Schwester aus dem Raum gehen liess. Sie wollte mir die Hand reichen, ich ergriff sie aber nicht. Wir gingen wieder diesen langen Gang entlang, und wieder gab es eine Tür, die sich öffnete, und ich musste hinein ins Ungewisse. Ich stand vor einer langen Holztreppe, die sich die Wand entlangschlängelte. In der Mitte jeder Stufe war ein kleiner, geblümter Fleck, den ich mir auf den Knien genauer anschauen musste. Die Schwester wartete geduldig auf mich. Ich fuhr mit der Hand über den Fleck, und er kratzte, nur nicht an jenen Stellen, wo er ganz glatt war – als hätte er dort keine Haare, die ihm zu Berge standen. Ich musste an ihm riechen, und er roch nach vielen verschiedenen Füssen.
Die Blümchen luden mich ein, auf sie zu treten und die Treppe hochzugehen. Ich achtete darauf, dass ich immer schön auf die glatte Stelle trat, denn dort hatte es fast keine Blümchen. Diese Treppe war lang, ich hatte noch nie so viele Stufen hinaufsteigen müssen, und meine Beine mussten viel arbeiten. Ich wurde müde und setzte mich auf eine Stufe. Die Schwester setzte sich neben mich und redete zu mir, doch ich verstand das meiste nicht. Ich schaute sie nur an. Es war seltsam, ein Gesicht zu sehen, aber keine Ohren und keine Haare. Ihre Augen strahlten, als sässen zwei kleine Flammen darin. Die Schwester nahm behutsam meine Hand und ich liess es zu, denn sie war so warm und freundlich und zart. Ich musste weiter die Treppe hoch. Da war wieder eine Tür und neben der Tür ein Stuhl, auf dem eine schwarz eingehüllte Frau mit einem Buch in der Hand sass. Die beiden Schwestern begrüssten sich, und es ging weiter die Treppe hoch, es schien kein Ende zu nehmen. Es kam mir vor, als würde ich in den Himmel steigen. Endlich müde im Himmel angekommen, öffnete sich für mich eine letzte Tür, und ich sah einen grossen Raum mit vielen, vielen Betten. Es war unheimlich still. Die Schwester hielt den Finger vor den Mund, was wohl bedeutete, dass ich nicht mehr atmen sollte. Das versuchte ich, aber ohne ein- und auszuatmen konnte ich nicht weitergehen, also blieb ich einfach stehen, bis ich nicht mehr konnte und nach Luft ringen musste. Die Schwester hob mich vorsichtig auf den Arm und trug mich zwischen den vielen Betten hindurch an ein Fenster, das ein wenig Licht in den grossen Raum hereinliess.
Nun war ich am Ende meiner Reise angekommen. Ich musste mich ausziehen und ein neues Kleidchen anziehen, das nach Seife roch. Ich wurde behutsam in ein Bett gelegt und zugedeckt. Eine Weile sass die Schwester neben mir, wachsam. Ich war müde von der Fahrt, und das Licht in ihren Augen liess mich in die Welt der Träume reisen. Als ich erwachte, blickte ich in die Nacht hinaus, in den Himmel, und ich konnte die Sterne leuchten sehen. Ich sah Alioscha, Mascha und Arabat vor mir, die alle weinten. Ich glaubte zu hören, wie sie meinen Namen riefen: «Luisa, Luisa, wo bist du? Komm uns holen!» Ich setzte mich auf und ihr Rufen verstummte. Ich rieb mir heftig die Augen und spitzte die Ohren. Ich konnte nur die unheimliche Stille hören in diesem viel zu grossen Raum mit diesen vielen Betten. Ich wagte kaum zu atmen. Ich schaute in den Schlafsaal und bemerkte, dass in jedem Bett ein Häufchen lag, das sich aufblies wie ein kleiner Ballon und dann die Luft wieder herausliess.
Ich hatte Heimweh nach meinen Geschwistern. Zu Hause schliefen wir immer zusammen in zwei Betten. Ich fühlte mich einsam ohne ihre Wärme. Ich kletterte aus dem Bett und machte mich so leise wie möglich auf die Suche nach ihnen. Ich lief von Bett zu Bett und schaute in die schlafenden Gesichter. Um sie zu erkennen, musste ich mich auf die Zehenspitzen stellen und mich im Gleichgewicht halten. Aber keines der Gesichter gehörte zu meinen Geschwistern. Auch mit der Nase konnte ich sie nicht ausfindig machen, denn ein strenger Seifengeruch lag in der Luft. Ich ging wieder zurück zu meinem Bett, kletterte hinein und deckte mich zu. Ich schaute in die Nacht hinaus, hoch hinauf zu den leuchtenden Sternen, die friedlich vor sich hin strahlten, bis meine Augenlider schwer wurden.
Als ich erwachte, standen lauter kichernde Mädchen um mich herum und zupften und rupften an meiner Decke und meinem Kleidchen. Sie kamen mir vor wie wild gewordene Vögel, die schon lange nichts mehr zu picken gehabt hatten. Es machte mir Angst, und ich versteckte mich unter der Decke. Aber sie wurde mir gleich wieder weggezogen, und eine der Schwestern stand neben mir mit Kleidern in der Hand. Eine andere hatte ihre liebe Mühe, die Mädchenhorde zusammenzutrommeln.
Die Schwester nahm mich bei der Hand. Ich war froh um ihre Hand, denn ich fühlte mich verloren. Ich glaubte, wir würden nun zu meinen Geschwistern gehen, hinaus und die grosse Treppe hinunter. Doch wir gingen durch einen Gang, den ich nicht kannte, und eine andere Treppe hinunter. Es roch muffig, es stank. Auf den Steinstufen hätten meine kleinen Füsse zehnmal Platz gehabt. Wieder ging eine Tür für mich auf, und ich befand mich in einem hohen Raum mit Steinmauern und kleinen, schmalen Fenstern. Die Luft war rauchig und feucht. Es roch nach Seife. An der Wand stand ein Gefäss, gross wie ein Boot, unter dem ein Feuer brannte. Als mir die Schwester das Kleidchen auszog, wusste ich: Da musste ich hinein. Ich wollte nicht in diese grosse Pfanne, ich wollte nicht gekocht werden und stampfte und schrie, als wäre der Teufel hinter mir her. Hatte man Arabat, Mascha und Alioscha auch gekocht?
Mein Schreien und Stampfen half nichts. Ich wurde in den Topf gesetzt und plötzlich umgab mich eine angenehme Wärme. Ich hörte auf zu schreien. Aber kaum gefiel mir etwas, kam wieder etwas, was ich hasste: Meine Haare wurden nass gemacht, eingeseift und ausgespült, es brannte in den Augen. Dann wurde ich aus der Pfanne gehoben und trocken gerieben, vom Kopf bis zu den Füssen. Ich roch nur noch nach Seife, wie alle anderen in diesem Haus. Ich war nun eine von ihnen. An meinen Haaren wurde herumgerupft und mit einem Messer hantiert. Meine Kopfhaut juckte. Mein Haar wurde nicht zu zwei Schwänzchen gebunden, wie meine Mutter es machte, sondern eng geflochten. Meine Kopfhaut juckte.
Geputzt und gestriegelt, durfte ich dieses Gemäuer endlich verlassen, und ich fühlte mich, als hätte ich nun auch noch meine Seele verloren. Ich, Luisa, war mir fremd. Ich roch nicht mehr wie Luisa. Ich stieg die dicke Steintreppe hinauf und gelangte in den Saal, den ich schon kannte. Es war laut, und die vielen Tische und Stühle waren von Kindern besetzt. Ich liess mich auf einen freien Stuhl fallen und wartete, bis meine Seele wieder zu mir zurückfand. Ich sass bei vielen Mädchen am Tisch, und wir reichten uns die Hände. Die Mädchen sangen ein Tischgebet, und endlich durfte ich etwas essen. Es schmeckte mir nicht. Das Brot war sauer und machte mir Bauchweh.
Dann verging Tag um Tag, und ich gewöhnte mich allmählich an die Grösse dieses Kinderheims. Aber das Heimweh nach meinen Geschwistern wurde immer stärker. Sie waren in einem anderen Gebäude bei den Säuglingen und Kleinkindern untergebracht. Mein Bruder Arabat war zwar im selben grossen Gemäuer wie ich, doch die Buben und Mädchen wurden getrennt. Nur die Mahlzeiten im grossen Speisesaal durften wir drei Mal am Tag zusammen mit den Buben geniessen, unter strenger Aufsicht und in absoluter Stille. Am Anfang und am Schluss der Mahlzeiten wurde gesungen. Ich war sehr einsam unter den vielen Mädchen. Das meiste, was sie sagten, konnte ich nicht verstehen, weil wir zu Hause nur Jiddisch, Jenisch und Hebräisch sprachen. Ich war in einem fremden Land, unter fremden Menschen.
Drei
Ich, Luisa, war mit all den anderen Mädchen für lange Zeit im obersten Stockwerk untergebracht, im Schlafsaal. Die vielen Treppen, die ich steigen musste, rundeten den Tag ab und übergaben mich der Nacht. Die Betten waren in zwei Reihen aufgestellt, vor jedem ein Stuhl für die Kleider. Fein säuberlich gefaltet musste ich sie am Abend hinlegen. Am Anfang gelang mir das nicht recht, und bevor ich ins Bett durfte, musste ich so lange vor diesem Stuhl stehen, bis ich es schaffte. Dann konnte ich endlich in das Land der Träume eintauchen. Ich lag im Bett, schaute in die Nacht hinaus und bestaunte die vielen hellen Sterne, manchmal auch den Mond. Ich wurde immer trauriger, und vor lauter Trauer verschlug es mir allmählich die Sprache.
Das Aufstehen am Morgen war das Schwierigste. Ich hatte Angst, aus dem Schlafsaal zu gehen und in den Tag hinein. Die Buben, zu denen auch mein Bruder Arabat gehörte, hatten ihren Schlafsaal unter uns. Wir Mädchen mussten immer zuerst an den Buben vorbei in den Speisesaal gehen. Hatte einer von ihnen ins Bett gemacht, mussten wir zu ihm sagen: «Du hast ins Bett gemacht. Pfui, du bist ein böses Kind!» Die Tage, an denen sich das auch Arabat von uns Mädchen bieten lassen musste, wurden immer zahlreicher. Seine tieftraurigen Augen versetzten meinem Herzen jedes Mal einen schmerzhaften Stich. Ich konnte ihm kein Lächeln schenken, was ich zu Hause oft gemacht hatte. Arabat war sehr einsam, wie ich. Ein einziges Mal nahm ich seine Hände, als ich vor ihm stand, aber eine Schwester trennte uns heftig und gab uns eine Ohrfeige. Zum Glück hatte Arabat das Weinen nicht verlernt. Ich hatte es zu Hause auf dem Tisch verloren, doch innerlich weinte ich Tag und Nacht. Arabat lernte nicht, das Bett bis zum Morgen trocken zu halten.
Ich zog mich in eine Welt zurück, die niemand kannte. Jeden Abend schlüpfte ich aus meinem kleinen Körper hinaus, aber nicht mehr zur Decke hinauf, um mich selbst zu beobachten. Nein, ich hatte gelernt, auf diese Weise meine Geschwister zu besuchen, um ihnen nahe zu sein und mit ihnen zu kuscheln. Doch dieses Kuscheln genügte mir nicht, und die Reisen zu meinen Geschwistern waren anstrengend. Ich wurde davon immer trauriger und blasser.
Wenn ich konnte, klebte ich in dem grossen Essraum mit der Fensterfront stundenlang an der Scheibe und schaute in den grossen Garten. Bis eines Tages ein Kopf vor diesem Fenster hin und her spazierte. Es war ein weisser Kopf ohne Augen, Ohren, Nase und Mund, der immer nur hin und her ging. Ich schloss die Augen und dachte: «Jetzt ist er weg!» Doch als ich die Augen öffnete, war er wieder da. Meine Angst wurde immer grösser, bis ich vor allen Kindern, die still dasassen, zu schreien begann. Mein Schreien schlug in die Stille ein wie ein gewaltiger Blitz. Die Schwestern kamen angerannt, als jagte ein Bienenschwarm hinter ihnen her. Ich hatte schreiend meine Sprache wiedergefunden und zeigte auf den weissen Kopf, der immer noch ganz gemütlich vor der Fensterfront hin und her spazierte. Aber ich begriff schnell, dass niemand ausser mir ihn sehen konnte. Eine Schwester führte mich hinaus und steckte mich ins Bett. Ich zog die Bettdecke über den Kopf, denn ich wollte nichts mehr hören und sehen. Ich hatte genug gesehen.
Der weisse Kopf erschien immer wieder, wenn ich im Esssaal war. Mit der Zeit wurde er zu meinem ständigen Begleiter und bald freute ich mich sogar, ihn da zu sehen. Dann konnte ich in die Welt hinauslachen, zum Erstaunen der anderen, die nicht wussten, weshalb ich lachte. Im Garten war auch immer ein Mann zu sehen, der Einzige im Heim. Er machte sich dort an den Bäumen und Sträuchern zu schaffen. Manchmal kämpfte er mit einem grossen Schwert gegen die langen Gräser, die dann auf dem Boden liegen blieben, bis er sie mit einer grossen, schweren Gabel zusammenschob, als müsse er das Gras aufessen.
Seit meiner ersten Begegnung mit dem Geist durfte ich nicht mehr beim grossen Fenster sitzen. Aber wir wurden in den Garten geschickt zum Spielen. Die Buben durften immer zuerst nach draussen. Erst wenn sie wieder im Haus waren, durften wir Mädchen hinaus. Die Schwestern sprachen oft mit dem Mann im Garten, und so waren ihre Augen nicht immer auf uns gerichtet. Es gelang mir, zu entwischen und im Garten mein eigenes Abenteuer zu suchen. Es gab dort so vieles zu entdecken und zu bestaunen. Für mich war es ein Paradies. Mehrere kleine Häuschen standen verstreut zwischen Sträuchern, als wollten sie sich verstecken. Wenn man nicht genau hinschaute, sah man sie kaum. Ich wollte natürlich wissen, was in diesen Häuschen drin war, ob vielleicht jemand darin wohnte, vielleicht sogar Kinder. Aber ich war noch zu klein, um an den Türriegel zu gelangen, auch wenn ich die Zehen spitzte. Ich musste etwas zum Hinaufsteigen finden, das ich aus eigener Kraft schieben oder tragen konnte, einen Stuhl vielleicht. Nach langem Suchen fand ich einen Kübel voller Gartengeräte.
Ich leerte den Kübel und trug ihn zu dem Häuschen, das ich auskundschaften wollte. Ich stellte mich darauf und versuchte, die Tür zu öffnen, aber meine Kraft reichte nicht aus. So ging ich rund um das Häuschen und entdeckte ein kleines Fenster, das mit kräftigen, grünen Blättern und vielen kleinen Wurzeln überwachsen war. Ich war auch zu klein, um durch das Fenster zu schauen. Aber auch hier half mir der Eimer, der vor der Tür nur darauf wartete, mit mir eine neue Herausforderung zu bewältigen. Trotzdem gelangte ich nicht ganz an das Fenster heran. Da es nach aussen gekippt war, konnte ich mich aber mit beiden Händen daran hinaufziehen, und meine Füsse halfen mir, ganz nach oben zu klettern. Ich zwängte mich durch die Öffnung hindurch, klammerte mich am Fensterrahmen fest und fand mit den Füssen einen festen Untergrund. Meine Hände schmerzten und bluteten ein wenig.
Ich stand hoch oben auf einem Gestell mit lauter Flaschen, Büchsen und Schläuchen, alles fein säuberlich nebeneinander, aber staubig. Der kleine Raum war voll mit Gestellen. An einem blieben meine Augen hängen: Darauf lagen ganz viele bunte Bälle, und sie sahen aus, als hätte sie noch nie jemand angerührt. Ich kletterte vorsichtig hinunter, sodass nichts in die Brüche gehen oder herunterfallen konnte. Endlich bei den bunten Bällen angelangt, traute ich meinen Augen nicht: Die Bälle dufteten wie neu erfunden, es gab kleine und grosse in allen Farben, prall gefüllt mit Luft! Sie luden mich ein, mit ihnen zu spielen, denn bis jetzt war es ihnen langweilig gewesen in diesem Verliess. Ich vergass die grosse Welt draussen und rollte die Bälle, spielte sie an die Decke, fing sie wieder auf, schnupperte an ihnen. Ich räumte auch die Gestelle auf, in denen sie lagen. Danach waren viele Sachen am Boden verstreut, die im Gestell hätten bleiben sollen. In den Ecken und an den Wänden hingen kleine Netze, an denen Fliegen und andere kleine Lebewesen hingen. Die Bälle und ich, wir holten sie herunter. Es stob, und ich musste immer wieder niesen, da es mich in der Nase kitzelte. Unser Spiel hörte erst auf, als plötzlich verschiedene Stimmen die Luft mit meinem Namen füllten.
Ich wusste, dass ich schnell wieder hinausmusste. Auf den Zehenspitzen versuchte ich, die Tür von innen zu öffnen. Doch es war dasselbe schwierige Unterfangen, wie von aussen nach innen zu gelangen. So blieb mir nichts anderes übrig, als auf das Gestell hochzuklettern und mich wieder durch die schmale Fensteröffnung hindurchzuzwängen. Doch der Rückweg stellte sich als einiges schwieriger heraus. Mein Körper sass fest und kam auch mit aller Kraft nicht weiter. Die Stimmen, die meinen Namen riefen, klangen immer unfreundlicher, sie machten mir Angst. Ich gab auf und kroch rückwärts wieder hinunter. Erschöpft setzte ich mich auf den kühlen Holzboden neben die vielen, bunten Bälle, die mich freundlich anstrahlten. Bald konnten sich meine müden Augen nicht mehr offen halten, und ich reiste für eine ganze Weile in die Welt der Träume. So lange, bis ich ausgeträumt hatte und die Kälte mich zurückholte. Es waren keine Stimmen mehr zu hören, nur die Dunkelheit hielt mich in ihren Armen. Es war so dunkel, dass ich gar nichts erkennen konnte. Auch die bunten Bälle hatten sich in der Dunkelheit versteckt.
In die Stille horchend hörte ich, wie es um das Häuschen herum ganz leise raschelte. Das Geräusch erschreckte mich, und ich wünschte mir plötzlich, im grossen Haus bei den anderen zu sein. Das Geraschel näherte sich dem Fenster, ich versuchte, etwas zu erkennen. Ich konnte nur einen Schatten ausmachen, der sich langsam und behutsam bewegte. Das waren keine Menschen. Aber was sonst bewegte sich so leicht geschmeidig an diesem Fenster? Angst und Neugierde hielten sich in mir fest umschlungen. Sie waren wie Verwandte, die auf meinen abenteuerlichen Reisen immer dann aufeinandertrafen, wenn ich grossen Mut beweisen musste. Plötzlich sprang der Schatten hoch, weich und geräuschlos. Dann hörte ich ein leises Schnurren, wie ein Motörchen, das die Stille füllen wollte. Es war eine Katze, und ich war nicht mehr allein.
Die Katze näherte sich mir mit weichen Bewegungen, und mit einem ebenso weichen Miauen erzählte sie mir eine Geschichte aus ihrem Katzentag. Sie hatte viel zu erzählen und liess sich lange von mir streicheln, lag auf meinem Schoss und wärmte mir den Bauch, die Hände und die Beine. Vom Streicheln und Schnurren wurde ich müde und schlief wieder ein. Als mich die Kälte weckte, war die Katze weg. Von draussen konnte ich das frühmorgendliche Konzert der Vögel hören, es kam mir vor, als feierten sie ein grosses Fest. Ein bisschen Licht spähte durch das Fenster, es wollte wohl schauen, wie es mir ging. Und ich konnte schwach die Farben der Bälle wiedererkennen.
Fröstelnd zog ich mich nochmals am Fensterrahmen hoch, und das eingetrocknete Blut an meinen Händen wurde wieder lebendig. Statt mit dem Kopf voran versuchte ich es nun zuerst mit den Beinen, stützte mich mit den Händen an der Wand ab und konnte mich so aus dem Fenster schieben. Dann hielt ich mich am Fensterrahmen fest, liess mich in die Tiefe fallen und landete nicht gerade sanft neben dem Eimer, der immer noch dastand. Die Beine taten mir weh, und auch die Hände. Ich musste eine Weile einfach so liegen bleiben. Ich roch Sträucher und das Gras, Wassertröpfchen befeuchteten meine Lippen, und ich merkte, wie durstig ich war. Dann hörte ich Schritte und Gesang. Ich rappelte mich auf, ging leise um das Häuschen herum und sah einen Mann in einem langen, braunen Mantel mit Kapuze, um den Bauch einen langen Strick. Auch um seinen Hals hing ein Strick.
Er sang und sang in einer mir unbekannten Sprache. Ich stand ganz still, damit er mich nicht bemerkte. Er schloss die Tür zum Häuschen auf, und als er die Türfalle hinunterdrückte, knirschte sie, als wollte sie sagen: «Lass mich doch in Ruhe.» Mir schien, dass die Tür sich nicht so richtig öffnen wollte, denn sie knirschte weiter und stimmte mit ein in seinen Gesang. Der Kapuzenmann ging hinein. Die Tür blieb einen Spaltbreit offen, sodass ich mich anschleichen und hineinschauen konnte, ohne dass der Mann mich sah. Er rückte einen Tisch mit einem Stuhl darauf in die Mitte des Raums, stieg hinauf, stellte sich auf den Stuhl und hantierte ununterbrochen singend an der Decke herum. Ich konnte nicht so richtig sehen, was er machte. Plötzlich stiess er den Stuhl um und baumelte an der Decke. Er zappelte mit den Beinen, als wollte er durch die Luft rennen. Er zuckte noch eine Weile, dann wurde er wohl müde. Dann hing er da, als würde er schlafen.
Ich musste an die Katze denken, die ihr Zünglein draussen hatte, nicht mehr frass und nicht mehr auf ihren Beinen stehen konnte. Ich wollte nachsehen, ob der Kapuzenmann auch die Zunge draussen hatte, und schlich mich leise in den Raum. Ich konnte nicht recht sehen, ob seine Zunge heraushing, aber seine Augen waren gross, und er starrte in den Raum. Dieses Starren erschreckte mich, und ich rannte aus dem Häuschen und in die Arme einer Schwester, die betend im Garten stand.
Dann ging alles sehr schnell. Ich stand plötzlich vor der Schwester Oberin. Tausende von Fragen prasselten auf mich nieder, es war, als würden mich grosse Wellen verschlingen. Ich rang nach Luft, bis mir ganz schwarz wurde vor Augen und ich in den tosenden Wellen die Orientierung verlor. Ich konnte keine einzige dieser vielen Fragen beantworten. Den Mann, der so oft in dem grossen Garten gewesen war, sah ich nie mehr.
*
Natürlich wollte ich danach auch die anderen Häuschen im Garten auskundschaften. Jedes Mal, wenn wir draussen spielten, suchte ich eine Gelegenheit, um zu verschwinden. Doch die Augen der Schwestern waren jetzt immer auf mich gerichtet. Bis es mir eines Tages schliesslich gelang, mich ihren Blicken zu entziehen, und meine Entdeckungslust mich wieder lebendig machte. Ich rannte davon, so schnell ich konnte, und stand plötzlich vor einem grösseren Häuschen. Die Tür stand offen, als hätte es auf mich gewartet und sich für mich geöffnet, damit ich nicht durch das Fenster klettern musste.
Drinnen lag ein riesiger Plastikknäuel. Er bewegte sich ganz langsam auf mich zu und machte eigenartige Geräusche. Dieses lebendige Plastik machte mir Angst. Trotzdem blieb ich stehen, starrte ihn an und hielt den Atem an. Er kam näher und näher, und ich wusste nicht, ob er mit mir spielen oder mich fressen wollte. Dann erschien wie aus dem Nichts der weisse Kopf. Er ging langsam zur Tür hinaus, kam wieder zurück und ging wieder hinaus, so als wollte er mir sagen: «Komm mit mir, ich bringe dich zurück.» Ich rannte davon. Mein Herz schien hinter mir herzurennen, so schnell waren meine Beine. Ich wollte an dem kleinen Häuschen mit den bunten Bällen vorbeirennen, doch meine Füsse liefen dort einfach nicht mehr weiter. Also blieb ich stehen und verschnaufte, bis auch mein Herz wieder bei mir war. Die Tür zum Häuschen stand einen Spaltbreit offen. Und auch ihr unfreundliches Knarren konnte mich nicht daran hindern, noch einmal hineinzugehen. Vielleicht warteten die bunten Bälle ja darauf, dass ich mit ihnen spielte.
Ich schaute zur Decke, wo der Kapuzenmann durch die Luft gerannt war, bis er ausgezuckt hatte. Aber es sah alles genauso aus, wie als ich durchs Fenster gekrochen war. Nur die bunten Bälle waren nicht mehr da. Ich dachte, sie hätten sich vielleicht versteckt, und begann sie zu suchen. Ich kletterte auf den Gestellen herum und schob alles zur Seite, aber die schönen Farben waren nirgends zu entdecken, und es lag auch kein Duft nach etwas Neuem mehr in der Luft.
Dann hörte ich eine Stimme meinen Namen rufen und beeilte mich, wieder zu den anderen zurückzukehren. Lauter fragende Augen schauten mich an, als ich wieder auftauchte. Eine Schwester packte mich schimpfend und schüttelte mich, hob ihre Hand und schlug mir ins Gesicht, sodass mein Kopf ganz heiss wurde und meine Wangen Feuer fingen. Ich vergoss keine Träne.
Wieder musste ich ins Büro der Schwester Oberin. Durch das Fenster sah ich auf der Strasse Mutter Lilith mit dem Kinderwagen auf und ab gehen. Ich wollte geradewegs zu ihr laufen. Doch ich musste dableiben und der Schwester Oberin zuhören. Ich hörte ihre Stimme nur aus der Ferne, denn ich wollte doch sehen, was in dem Scheesenwagen war. Ich wollte zu meiner Mutter, wollte sie riechen und bei ihr sein. Ich spürte, wie es mein Herz zerriss, weil ich nicht zu ihr durfte, und mein Körper begann zu weinen. Ich zitterte am ganzen Leib, bis ich mich nicht mehr auf meinen Beinen halten konnte und zusammenbrach. Dann kam der Mann im weissen Kittel, den ich von unserer Ankunft im Heim her kannte. Er stach mich und ich fiel in einen tiefen und heftigen Schlaf.
Von jenem Tag an musste ich jeden Abend ein kleines Becherchen mit einer Flüssigkeit trinken, die mir nicht schmeckte. Am Anfang spuckte ich sie wieder aus, bis die Schwestern anfingen, mich zu zweit dazu zu zwingen, sie zu schlucken. Die eine hielt mich fest, umklammerte mich mit dem Arm, als müsste sie mich ersticken, die andere hielt mir die Nase zu, bis ich den Mund öffnete und sie mir den Trank einflössen konnte. Sie krallte sich solange an meiner Nase fest, bis ich ihn geschluckt hatte. Danach schlief ich sehr schnell ein. Am Morgen war ich immer müde. Der Trank machte mich zu einem kleinen, leblosen Mädchen, das immer lieb und nett bei den anderen Mädchen blieb, nicht sprach und nicht lachte. Ich war in einer Welt, die still und ohne Farben war und in der ich keinen weissen Kopf mehr als Begleiter hatte.
Ich dachte, ich sei gestorben. Bald konnte ich das Bett nicht mehr verlassen. Die Einsamkeit machte mich krank. Ich vermisste die Wärme meiner Geschwister. Man rollte mich in Wolldecken ein, die mich von aussen wärmten, aber in mir drin wurde es kälter und kälter. Im grossen Schlafsaal war ich für Stunden ganz allein. Ab und zu kam eine Schwester, die mich mit viel Geduld und Überredungskunst dazu brachte, etwas zu trinken und zu essen. Eines Tages begann diese Schwester, an meinem Bett zu singen. Mein Herz wärmte sich an ihrem Gesang. Er erfüllte den Raum mit Freude, und ich konnte wieder Farben sehen. Licht und Wärme durchfluteten den Schlafsaal und liessen die Kälte weichen. Meine innere Kraft kam langsam zurück, und bald konnte ich wieder aufrecht sitzen.
Dann begann die Schwester, mir Geschichten zu erzählen. Ihr Singen gefiel mir aber besser, denn die Geschichten handelten immer von einem Mann, der alle Menschen liebte und alles heilen konnte. Das Geheimnis sei, einfach daran zu glauben. Einmal fragte mich die Schwester: «Glaubst du daran?» Ich schüttelte den Kopf. Es konnte nicht stimmen, dass es einen Mann gab, der so lieb war. Wenn sie aber Lieder sang über eine Mutter, die Maria hiess, gefiel mir das. Dann strömte viel Licht aus ihren Augen und Wärme strahlte durch ihr langes, schwarzes Kleid. Und ich stellte mir vor, dass diese Mutter Lilith sein könnte.
Als ich wieder gesund war, durfte ich mit dieser Schwester zusammen oft die Kapelle besuchen. Dort gab es an den Wänden grosse Bilder zu den Geschichten, die sie mir erzählt hatte. Die Mutter Maria stand in einem blau-weissen Kleid in einer Nische und schaute mich mit sanftem Blick an. Auf dem Arm hielt sie ein Kind, das Jesus hiess. Die Mutter und auch das Kind trugen einen strahlenden, goldenen Reif um den Kopf, der mir sehr gefiel. Ich schaute mir die vielen Bilder an den Wänden lange an, doch für meinen kleinen Kopf ergaben sie keinen richtigen Sinn. Maria und alle Erwachsenen in der Himmelswelt waren in lange Kostüme gekleidet. Nur die kleinen Kinder und die Engel, die sich durch diesen goldenen Kranz von den Kindern unterschieden, waren nackt. Die Bilder liessen mich wieder nackt auf dem Tisch tanzen, die Gerüche und das Stöhnen der Männer erfüllten plötzlich den Raum.
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