Kitabı oku: «Expedition Antarctica»

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Alle Rechte vorbehalten, einschließlich derjenigen des auszugsweisen Abdrucks und der elektronischen Wiedergabe.

Wörterseh-Bestseller als Taschenbuch

Die Originalausgabe erschien im Wörterseh-Verlag

© 2008 Wörterseh, Lachen SZ

Wissenschaftliche Beratung: Sepp Kipfstuhl, AWI

Lektorat: Claudia Bislin

Korrektorat: Andrea Leuthold

Umschlaggestaltung: Thomas Jarzina

Foto Umschlag: Adrian Hayes

Fotos Bildteil: Hervé Le Cunff (gekennzeichnet), alle anderen Privatarchiv Evelyne Binsack

Karten: Sonja Schenk

Layout, Satz und herstellerische Betreuung: Rolf Schöner, Buchherstellung

ISBN 978-3-03763-321-2 (Taschenbuch)

ISBN 978-3-03763-004-4 (Originalausgabe, vergriffen)

ISBN 978-3-03763-517-9 (E-Book)

www.woerterseh.ch

INHALT

Zum Buch

Die Personen hinter dem Buch

DANK AN DIE PARTNER

INTRO

DIE JAHRE DAVOR 2002 bis 2006

EUROPÄISCHER PROLOG Von Innertkirchen nach Porto 1. September bis 17. Oktober 2006

AUF NACH SÜDEN Von Salt Lake City nach Peru 7. November 2006 bis 24. Mai 2007

DURCH SÜDAMERIKAS SÜDEN Von Chile durch Argentinien nach Punta Arenas 25. Mai bis 15. September 2007

PUNTA ARENAS UND AUSZEIT 16. September bis 10. November 2007

TERRA AUSTRALIS INCOGNITA Eine kurze Abenteuer- und Entdeckungsgeschichte rund um den Südpol

ANTARCTICA Von Patriot Hills über Hercules Inlet bis zum Südpol 10. November bis 31. Dezember 2007

NACHWORT

ANTARKTISCHES WÖRTERBÜCHLEIN

ZUM BUCH

»Lieber bei der Verwirklichung eines Traumes sterben als kurz vor dessen Verwirklichung scheitern.« Das schrieb Evelyne Binsack am 23. Dezember 2007 in ihr Tagebuch, setzte den Stift ab und kurz darauf nochmals an: »Es ist«, schrieb sie weiter, »als übernähme eine andere Kraft das Zepter.« Kurz vor ihrem großen Ziel fühlte sie sich am Ende ihrer Kräfte. Die letzten nicht enden wollenden Kilometer zu Fuß bei minus vierzig Grad Celsius durch die Stürme der Antarktis hatten ihr zugesetzt. Dass sie am eisig kalten Ende der Welt ankam, verdankte sie ihren mentalen Kräften, ihrer Flexibilität, ihrer Ausdauer und ihrer Demut. Am Ziel der sechzehnmonatigen Reise empfand sie schlicht und einfach Dankbarkeit. Und sie wusste definitiv – sie konnte ihren Instinkten vertrauen.

»Aufbrechen ist immer das Schwierigste – es bedeutet völliges Loslassen von Gewohnheiten, Sicherheit und Komfort.«

Evelyne Binsack

DIE PERSONEN
HINTER DEM BUCH

Evelyne Binsack, geb. 1967, verstand schon früh, dass es für das Überleben in der Steilwand essenziell ist, die Gesetze der Natur zu respektieren und die physischen sowie die mentalen Fähigkeiten unermüdlich zu trainieren. 1991 absolvierte sie als eine der ersten Frauen Europas die Ausbildung zur diplomierten Bergführerin und bestieg zehn Jahre später als erste Schweizerin den Mount Everest. Im September 2006 startete sie vor ihrer Haustür Richtung Süden, war unterwegs mit dem Fahrrad, zu Fuß, mit Skiern und dem Schlitten und kam nach 484 Tagen am Südpol an. Aber erst 2017 erfüllte sich ihr lang gehegter Traum, aus eigener Muskelkraft auch noch zum Nordpol zu gelangen. Über das Erreichen dieser drei Pole sind folgende Bücher erschienen: »Schritte an der Grenze«, »Expedition Antarctica« und »Grenzgängerin«. Evelyne Binsack, die im Berner Oberland lebt, arbeitet als Bergführerin und ist eine gefragte Referentin. In ihren Vorträgen geht es um Themen wie Risikomanagement, Selbstführung und Zielverwirklichung ebenso wie um ihr Leben und ihre Passion. Einen neuen Weg beschreitet sie, indem sie andere Menschen nicht mehr nur als Bergführerin auf Berge, sondern auch als Beraterin und Mentorin begleitet. Mehr dazu unter: binsack.ch

© Pia Zanetti

Markus Maeder, , geb. 1945, studierte in Zürich Literatur und Geschichte. Nach Aufenthalten in Afrika, Indien und China arbeitete er als Redaktor beim Zürcher »Tages-Anzeiger« und führte beim Schweizer Fernsehen in zahlreichen Dokumentarfilmen Regie. Als freier Journalist schrieb er für »Die Weltwoche«, »Das Magazin«, die NZZ und »Die Zeit«. 1987 gewann er den Zürcher Journalistenpreis. Er schrieb Hörspiele sowie Beiträge für Sachbücher. Seit über zwanzig Jahren arbeitet er als literarischer Ghostwriter. nightwriter.ch

DANK AN DIE PARTNER

Wer allein unterwegs ist, muss sich auf treue Partner verlassen können. Sie zu finden und vor allem Vertrauen zu fassen, braucht seine Zeit. Als ich startbereit war, fühlte ich mich in einem Netz von Profis aufgehoben.

Xpert.Line, »die Business Software für flexible Ansprüche«, übernahm als Hauptsponsor die Verbreitung meiner Newsletters und die Hälfte der Kosten auf Antarctica. Mit unserem Anspruch, neue Wege zu gehen, Neues zu entdecken und weiter zu gehen, fanden wir eine gemeinsame Grundlage zum Erfolg.

Transa, »die führende Anbieterin für Travel- und Outdoor-Ausrüstung in der Schweiz«, hat mich kompetent beraten und mir die Zelte und andere unerlässliche Teile der Ausrüstung zur Verfügung gestellt.

Mammut versorgte mich mit dem richtigen, alpinistisch bewährten Schlafsack sowie mit Kleidern, mit denen auch Mammut Neuland betrat. Sie hatten sich erstmals in der Antarktis zu bewähren – und taten das mit Bravour.

Sony unterstützte mich mit Kamera und Computer, Solution Provider mit einem namhaften Geldbetrag.

Business4you übernahm ab Salt Lake City spontan und unkompliziert die Administration. Die enthusiastische Begeisterung, die professionelle Abwicklung aller administrativen Aufgaben und ebenso die Dienste als Pressestelle während der Expedition Antarctica bedeuteten für mich das Rückgrat auf dem Weg zum Ziel.

Mein Lebenspartner Sandro und meine Mutter haben in unzähligen Arbeitsstunden Material besorgt, verpackt und für eine reibungslose, logistische Abwicklung gesorgt. Und meine Schwester Jacqueline verstand und versteht es, mich auch in den schwierigsten Situationen immer wieder anzuspornen.

Bei ihnen, meinem Cousin Markus mit Vreni, meiner Cousine Ruth mit Familie und meiner Cousine Liliane und allen, die mir die Daumen gedrückt und zum Gelingen dieser Expedition beigetragen haben, bedanke ich mich an dieser Stelle von Herzen.

Evelyne Binsack

PS: Den unschätzbaren Wert einer unbeschwerten Kindheit und einer Ausbildung, wie ich sie genießen durfte, kann ich erst richtig würdigen, seit ich mich als Botschafterin für SOS-Kinderdorf engagiere. Der Besuch in León, Nicaragua, hat mich begeistert (siehe Seite 67). Die SOS-Familien haben Ihre Spende mehr als verdient (www.sos-kinderdorf.ch).

INTRO

Während fast vier Jahren ging ich mit meiner Idee zu Bett und wachte morgens wieder mit ihr auf. Sie war ein Teil von mir geworden und fühlte sich inzwischen an wie meine eigenen Arme und Beine. Ich schaute mir selber zu und staunte, wie eine simple Idee – ein Konstrukt aus Gedanken – zur Wirklichkeit wurde. Was ein »Nichts« war, wurde auf einmal erlebbar und bestimmte das Handeln.

Meine erste Erkenntnis über die Antarktis war, wie wenig ich darüber wusste. Was südlich von Südafrika, Neuseeland und Südamerika lag, nahm ich als weißen Fleck auf der Karte hin, ohne mir weiter Gedanken zu machen. Erst als meine Absichten handfester wurden, begann ich das Licht und den Schatten, die Farben und Strukturen dieses Weiß aus Schnee und Eis mit wacheren Augen zu betrachten. Auf meiner geistigen Erkundungsfahrt in den südlichen Polarkreis »entdeckte« ich einen Kontinent; ich fand Buchten und Halbinseln und Berge mit Spitzen bis rund 5000 Meter über Meer. Ich lernte, verschiedene Arten von Eis zu unterscheiden, und ich entdeckte, dass dieser unbekannteste aller Kontinente auch der ungewöhnlichste ist. Der kälteste, der trockenste und der windigste Kontinent dieser Erde.

Am Südpol geht die Sonne jedes Jahr nur einmal auf, im September, um ununterbrochen bis im März am Himmel zu stehen. Auf Antarctica lagern über neunzig Prozent des Eises der Erde und siebzig Prozent der Süßwasservorräte. Das Abschmelzen dieser Inlandeiskappe würde den Meeresspiegel um sechzig Meter anheben. Hier fallen weniger Niederschläge als in der Sahara und jeder anderen Wüste der Welt. Im Mittel um die fünf Zentimeter im Jahr. Umso erstaunlicher, dass sich daraus im Laufe der Jahrmillionen Eisschichten von mehreren Tausend Metern gebildet haben.

Je mehr ich mich mit dem Weißen Kontinent von der antarktischen Halbinsel bis zum Weddell-Meer auseinandersetzte, desto klarer wurde mir, wie viele Fragen von der Forschung bis heute unbeantwortet geblieben sind. Nicht einmal die Größe von Antarctica lässt sich eindeutig bestimmen. Was gilt? Die Eisoberfläche oberhalb des Meeresspiegels? Die gesamte Erdoberfläche innerhalb der Küstenlinie oder der Rand des Schelfeises, das sich weit über die Küste ins Meer hinaus ergießt? Alles fließt. Das Inlandeis, das kilometerdick in träger Bewegung vom Herzen des Kontinents wie ein Gletscher Richtung Küste fließt und dort zu Schelfeis wird, das weit draußen im Meer abbricht und zu Eisbergen wird. Und was ist mit dem Packeis – dem gefrorenen Meerwasser rund um den Kontinent –, das im Verlauf des antarktischen Winters, von März bis September, die antarktische Eisfläche auf die doppelte Fläche des Landeises anwachsen lässt?

Ich erfuhr auch, dass Antarctica ohne seine Eisdecke ganz anders aussähe, weil das Gewicht des Inlandeises den Felsuntergrund im Lauf von Millionen von Jahren an manchen Stellen satte 1000 Meter unter die Meereshöhe gedrückt hat. Im sogenannten subglazialen Graben der Westantarktis, 2538 Meter unter dem Meeresspiegel, liegt es über 4500 Meter dick, und auch am Pol auf 2800 Meter über Meer liegt der Fels tiefer als der Meeresspiegel. Nicht weit davon entfernt durchzieht das Transantarktische Gebirge den Kontinent auf einer Länge von 4000 Kilometern, und der Mount Vinson (4892 m) in der Kette der Ellsworth Mountains erhebt sich höher als der höchste Alpengipfel, der Mont Blanc.

Nicht ganz überall reicht die weiße Decke bis an die Küste, und einige kleine Löcher hat sie auch. Drei sogenannte Trockentäler im Transantarktischen Gebirge in der Nähe von McMurdo sind seit Millionen von Jahren eisfrei, und Namen wie Victoria-See und River Onyx – mit dreißig Kilometern der längste Fluss der Antarktis – ließen fast Heimatgefühle wach werden, wenn man nicht wüsste, dass sie nur zwei Monate im Jahr eisfrei sind.

Wenn die Ostantarktis ganz eisfrei wäre, das geht aus entsprechenden Karten hervor, dürfte die übrig bleibende Landmasse der zersplitterten Seenlandschaft Finnlands und Kanadas gleichen. Und immer wieder stoßen die Forscher auf neue Überraschungen: Vor ein paar Jahren wiesen Satellitenaufnahmen in der Nähe der russischen Station Wostok auf einen riesigen See hin, bedeckt von mehr als 3600 Meter dickem Eis.

Je mehr ich erfuhr und erahnte, umso unwiderstehlicher zog mich der Kontinent an, in dem es zur Zeit meiner Vorbereitungen noch keinen Zahnarzt und keinen Linienflug gab. Ja, es ist schon ein besonderer Ort. Da ist bis heute kein Staat zu machen und wird hoffentlich auch nicht so bald einer gemacht. Welch ein Kontinent: ohne Regierung, ohne Flagge. Frei von wirtschaftlicher Ausbeutung und fern von militärischen Konflikten sollte gemäß dem internationalen Antarktisvertrag von 1961 kein Mensch dieser Region seinen Stempel aufdrücken. Niemand besitzt Antarctica. Antarctica ist Niemandsland geblieben. Kein Krieg, kein Aufstand, keine Revolution hat je den Kontinent erschüttert. Die Ureinwohner, die Pinguine, leben nach ihren eigenen Gesetzen zusammen. Ein Meer der Stille. Fast wie auf dem Mond.

Nur an den Rändern und in den wenigen eisfreien Gebieten kann sich etwas Leben entwickeln. Mikroorganismen, Flechten und Moose sowie zwei Blütenpflanzen, die antarktische Schmiele und ein Nelkengewächs. Das größte dauerhaft landlebende Tier ist eine zwölf Millimeter große, flügellose Zuckmückenart. Nichts schimmelt, nichts fault in der aseptischen Welt der küstenfernen Regionen.

Bis heute ist der Homo sapiens hier ein flüchtiger Gast. Einige wenige Tausend sind es im Sommer. Weniger als die Hälfte bleiben über den Winter: weltweite Halbnomaden, die zwischen den Unis der Welt und den rund achtzig antarktischen Forschungsstationen hin und her pendeln. Selbst auf der größten dieser Stationen, der amerikanischen McMurdo-Station auf der Ross-Insel, übersommern kaum mehr als tausend Personen.

Auch in den nächsten Jahren dürfte es niemanden hierhin verschlagen, um sich häuslich niederzulassen und sich Schätze und Reichtum zu holen. Nur wenige sind hier geboren, aber schon viele gestorben. Erfrieren kann man sowieso, aber auch verhungern. Robert Scott ist verdurstet, mitten im größten Trinkwasser-Reservoir dieser Erde. Doch wo ist der Brennstoff, um es zu verflüssigen? Nichts ist hier leicht zu nutzen, weder Erde noch Feuer und auch nicht die Bodenschätze, so reichlich sie vorhanden sein mögen. Was ich auf Antarctica finden sollte, war eine Landschaft »reduced to the max«. Heller, klarer, sonniger und reiner als alles, was ich je erlebt hatte.

Es gibt nur ganz wenige Reize, aber die in schier unerträglichem Ausmaß. Da ist der Himmel, das Eis, der Wind und die Kälte. Nichts sonst. Bis zur Unerträglichkeit. Da locken nur geistige Werte. Der Ruhm vielleicht, die Suche nach wissenschaftlicher Erkenntnis und die Suche nach sich selbst in so viel Einsamkeit, in einer unendlich scheinenden, unberührten Natur – welch schöne Utopie zur Verwirklichung meiner Träume.

DIE JAHRE DAVOR

2002 bis 2006

Ans Ende der Welt – und zurück zu mir selbst

Am Anfang hatte ich die Begehung von drei äußersten Punkten auf dieser Erde geplant: dem höchsten, dem nördlichsten und dem südlichsten. Der Everest, der Nordpol und der Südpol. Mein nächstes Ziel nach meiner Everest-Begehung im Jahr 2001 war der Nordpol. Zum Training flog ich nach Resolute auf Cornwallis Island. Dieser kanadische Vorposten des hohen Nordens in der Baffin Bay, die in der Erforschung der Nordwestpassage Geschichte gemacht hatte, dient heute mit seiner Jet-Landepiste als Ausgangspunkt für viele Reisen in die Arktis. Hier nun erprobte ich meine Kältetauglichkeit und die Tauglichkeit verschiedener Ausrüstungsgegenstände – und lernte meine Grenzen kennen, glücklicherweise ohne dass ich sie praktisch zu erfahren brauchte.

Über Umwege fand ich in einer nahen Wetterstation Zugang zu Wayne Davidson, einem Klimatologen, der mich in die Tücken der Arktis einführte. Er zeigte mir auf Satellitenbildern, wie bei Vollmond im Packeis im Verlauf eines Tages eine über 200 Kilometer lange und 16 Kilometer breite Wasserspalte aufriss. Weil die arktische Polkappe kein Festland aufweist, sondern lediglich aus einer Platte von Packeis besteht, wird sie von Wind, Wetter und unter dem Einfluss der Mondphasen ständig bewegt. Druck und Zug pressen die Eisplatten gegeneinander hoch, reiben sie aneinander oder reißen sie weit auseinander. Wayne fragte, ob ich wisse, was mit einem geschieht, der sein Camp zufällig in dieser Zone aufschlägt. Ohne meine Antwort abzuwarten, sagte er trocken: »You are going to die.« Wer Glück hat, schwimmt mitsamt dem Zelt wie auf einem mächtigen Floß von dannen, mutterseelenallein – oder in Gesellschaft eines Eisbären.

Ein bekannter Sologänger, der daran war, den Nordpol von Russland aus nach Kanada zu überqueren, bestätigte später Waynes Warnung Wort für Wort. Er wagte sich auf junges Eis, das beim Durchzug einer Schlechtwetterfront von der Packeisplatte wegbrach. Die Bilder in den Medien vom einsamen Burschen, der sich von furchtlosen russischen Piloten von der Eisscholle bergen lässt, sehen beeindruckend aus. Die Naturgesetze der Arktis bestrafen menschlichen Ehrgeiz, der sich mit Ungeduld paart. Nur die neuesten Hilfsmittel wie Satellitentelefon und Helikopter haben die Rettung des Sologängers ermöglicht. Wer mit den Verhältnissen vertraut ist, kann das Risiko einschätzen und vermeidet die gefährdeten Stellen. Ich hatte begriffen, dass ich die Lage in den Bergen, aber nicht die in der Arktis beurteilen kann, und beschloss: Ich will festen Boden unter den Füßen haben. Festland wie auf Antarctica.

Auf der Suche nach einem Konzept

Schritt für Schritt hatten sich meine antarktischen Träume der harten Wirklichkeit und meinen begrenzten Möglichkeiten anzunähern. Mein erster Traum war es, die ganze Antarktis zu durchqueren. Von Küste zu Küste. Allein und zu Fuß. Daraus ist nichts geworden, weil ich zu wenig unvernünftig war. Ich informierte mich und versuchte mir vorzustellen, was diese und jene Information in Wirklichkeit für mich, auf mich allein gestellt, bedeuten würde. Ich suchte den kürzesten Weg vom »Rand« des Kontinents, das heißt vom Ronne-Schelf im Weddell-Meer, südlich von Südamerika, zum Pol. Und ich schaute, wohin ich gehen müsste, wenn ich den kürzesten Weg zum »Rand« auf der gegenüberliegenden Seite wählen würde. Nach McMurdo am Ross-Schelf. Selbst unzulängliche Karten machten mir klar, dass sich zwischen dem Pol und McMurdo das Transantarktische Gebirge hinzieht. Eine lange Kette hoher Gipfel, die nicht zu umgehen, aber zu übersteigen sind. Auf etwas genaueren Karten sind Gletscher zu erkennen. Und wo sich Gletscher über Senken und Kreten wälzen, öffnen sich Spalten. Ich konnte einen Übergang über den Beardmore- oder den Shackleton-Gletscher wählen, doch das ist wie die Wahl zwischen Pest und Cholera. Ich bin Bergführerin. Ich habe Freunde in Spalten verloren, ich habe gesehen, wie Leute in Spalten einbrachen. Einige zog ich eigenhändig am Seil wieder raus. Nicht dass ich vor Spalten Angst habe. Aber Respekt. Eine Seilschaft kann sich sichern. Im Alleingang kann mir alles passieren. Es ist nicht mein Traum, in der blau gleißenden Enge einer Spalte zu erfrieren.

Die Idee Südpol begann Form anzunehmen: Anreise ab Innertkirchen aus eigener Kraft bis Punta Arenas im tiefsten Süden Südamerikas und dann allein und ohne fremde Hilfe auf Skis vom Ronne-Schelf bis zum Pol und mit dem Flugzeug wieder zurück. Das musste klappen. An der Grenze der menschlichen Möglichkeiten – aber möglich, wenn ich mich voll darauf konzentrierte, alles gab und die nötigen Vorkehrungen traf, um sicher anzukommen und wieder nach Hause zu finden.

Wie einst Jürg Marmet und Ernst Schmied

Später, während der langen, eintönigen Tage auf dem Fahrrad, begannen Zweifel zu nagen. Warum hatte ich mich in diese Idee mit dem Fahrrad verbissen? In flachem Gelände fahren ist nicht mein Ding. Es zieht mich bergauf. Mit Händen und Füßen. Am liebsten senkrecht nach oben. Warum musste ich jetzt, da mein Ziel der Südpol war, so beschwerlich in Zeitlupe anreisen? War die Antarktis nicht genug? Aber ich hatte meine Gründe, mich bis Punta Arenas auf dem Sattel zu halten.

Zum Projekt gehörte von Anfang an, das Ziel aus eigenen Kräften zu erreichen. Doch die Frage blieb berechtigt. Sie stellte sich mit äußerster Dringlichkeit. Wozu dieser Auftakt, der so viel Zeit und Kraft erforderte? Mutete ich mir damit nicht Unnötiges zu? Doch jetzt, da der Erfolg auf meiner Seite ist, hat sich meine Bergsteigererfahrung bestätigt: Zu hohen Zielen gibt es keine Abkürzung. Kommst du weiter – persönlich weiter, meine ich –, wenn du hier auf dem Airport in die Maschine steigst und einen O-Saft später am anderen Ende der Welt auf den Boden kommst? Erfahrung kommt mit der Zeit und mit dem Weg. Ein Sturz vom Fahrrad gleich zu Beginn der Reise belegte das deutlich genug.

Ja, diese Welterfahrung durch ein Erfahren der Welt gehörte dazu. Vielleicht muss ich etwas weiter ausholen. Ich war noch nicht geboren, als Edmund Hillary und Sherpa Tenzing Norgay 1953 als Erste auf dem Mount Everest standen. Auch noch nicht, als die beiden Berner Jürg Marmet und Ernst Schmied drei Jahre später die Zweitbesteigung schafften. Aber die beiden sollte ich viele Jahre später persönlich kennen lernen.

2001, genau fünfundvierzig Jahre nach ihnen, stand auch ich auf dem höchsten Berg dieser Erde. Das hat sich herumgesprochen hierzulande: »Die Evelyne war auf dem Everest.« Für mich stimmt das aber nur halb. Mein Ziel war der Sagarmatha, »die Stirn des Himmels«, wie die Nepali sagen; oder wie es in Tibet heißt: die Chomolungma, die Muttergöttin der Erde. Das macht einen Unterschied. Der Everest ist wie ein anderer Berg, der äußerlich identisch an der gleichen Stelle steht – und entsprechend den Weltmachtverhältnissen im zwanzigsten Jahrhundert hat sich der westliche Namen durchgesetzt …

Der Everest hat seinen Namen vom britischen Geometer George Everest. Dieser hat im vorletzten Jahrhundert von Indien aus seine Lage vermessen. »Iivrist« soll er seinen Namen ausgesprochen haben. Die Lautverschiebung zum »Everest« machte aus dem Berg nach englisch »ever« »den Ewigsten« daraus. Ein Superlativ mit Salto mortale ins Absurde, bei dessen Besteigung sich messbare Rekorde verwirklichen lassen.

Mir ging es mehr um Erfahrung als um Leistung. Doch hatte auch ich mich von der Gipfelstürmerei anstecken lassen. Auch ich war angereist im Spitzensportlerstil zu einem Spitzensportlerspiel, als wäre das Basislager ein Wettkampfplatz. Auch ich brachte mein Gipfelbild als Beweis und Trophäe nach Hause. So erreichte ich denn mit einem Fuß die Chomolungma und mit dem andern nur den Everest. Ehrgeiz nach äußerem Erfolg beeinträchtigte meine Offenheit für die Erfahrung und Erkenntnis der Muttergöttin und der Stirn des Himmels. Das wurde mir erst allmählich bewusst. Die Offenheit für das Mystische in der Natur sollte in Zukunft mehr Bedeutung erlangen: etwas, das Tibetern und Nepalis vertraut ist, als Erfahrung eines inneren und eines äußeren Raumes.

Mir wurde klar, Schmied und Marmet waren dieser Erfahrung näher gewesen. Sie hatten etwas erlebt, von dem sie fast mehr zu erzählen wussten als von den Augenblicken »jenseits der belebten Welt«. Noch vor dem Jet-Zeitalter waren die beiden mit ihren Koffern und Säcken im Bahnhof Bern in die Eisenbahn gestiegen. Sie reisten auf dem Landweg nach Osten. Wie vor ihnen Marco Polo, Phileas Fogg oder auch die beiden Schweizerinnen Annemarie Schwarzenbach und Ella Maillart. Durch Felder und Wälder, Wüsten und Steppen, durch Länder, in denen damals die Sitten und Gebräuche noch verschiedener waren als heute. Sie erlebten Distanz. Eine Reise mit einem Anfang und einem Schluss. Wie Marmet und Schmied ihre Koffer und Säcke über die alte Seidenstraße aufs Dach der Welt hinaufschleppten, das erst gab ihrem Everest-Abenteuer den soliden Boden, auf dem sich Größe auszeichnet.

Der große Luftsprung direkt an den Startplatz im Süden Chiles kam für mich einfach nicht mehr in Frage. Da war die große Neugier: Was liegt zwischen Innertkirchen und dem Eis im tiefen Süden? Die physische und psychische Erfahrung von Distanz, von Nähe und Ferne und von den Dingen, die sich stoßen im Raum. Diese Freiheit des Unterwegsseins hatte ich bisher noch nicht erfahren. Das Ungewöhnliche hat ja seinen Reiz: Allein mit der eigenen Muskelkraft von nördlichen Breiten bis zum Südpol gelangen. Das hat noch niemand zuvor gemacht. Ja, ganz ohne gesellschaftlichen Ansporn, ganz ohne Lust auf Leistung lässt sich keine neue Erfahrung gewinnen, auch das muss man sehen.

Raus, aber richtig

Den Claim meines Ausstatters Transa habe ich mir zu Herzen genommen. Es hat sich gelohnt. Je besser die Vorbereitungen, umso eher kann eine so große Reise gelingen. Es gibt so viel zu bedenken. Ziele, Zeiten, Routen und Material. Es ist wie beim Malen und Lackieren. Nach der guten Herrichtung des Untergrunds ist der Umgang mit dem Pinsel ein Kinderspiel. So viel wird geredet, so viel behauptet. Manches ist kritisch zu bedenken – und doch ernst zu nehmen. So erklärte mir ein Amerikaner, der am Rand von Mexico City im Luxus seiner Villa schwelgt, eine Fahrt auf dem Rad durch das Land sei für eine Frau tödlich. Riskanter als Gletscherspalten? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, ich habe Glück gehabt und lebe noch. Die Frau des Amerikaners fährt ausschließlich in ihrer Limousine mit Bodyguard zum Einkaufen. Ob sie sich nicht gerade damit gefährdet?

In England gibt es das Sprichwort: »Nur ein schlechter Handwerker tadelt sein Werkzeug.« Das heißt, man soll die Fehler erst bei sich selber suchen. Das finde ich auch. Anderseits ertragen große Unternehmungen keine Halbheiten. Wer sie sich leistet, lebt nicht lange. Das gilt im Alpinismus wie in der Antarktis. Nicht dass ich irdischen Gütern übermäßig Bedeutung zumesse. Wer mich kennt, weiß, wie bescheiden ich lebe. Zu Miete in einem Drei-Zimmer-Chalet, das gerade mal eine Katze als Mitbewohnerin duldet. Aber bei großen Vorhaben ist taugliches Material die erste Bedingung. Da halte ich auch das Beste nicht für Luxus. Egal, was es kostet. Viel oder wenig. Es kann auch mal das Einfachste, Günstigste sein. Fest steht: Niemand geht barfuß zum Südpol. Niemand ohne Schlafsack und Zelt. Draußen in der Natur, wo es um das »survival of the fittest« geht, bist du allein. Wenn du dich auf jemanden verlassen können musst, dann auf dein Material. Und natürlich auf dich.

Vorerst brauchte ich für die Strecke von Innertkirchen bis Punta Arenas ein Fahrrad. Aber was für eines? Es sollte mindestens 25 000 Kilometer fit bleiben, um nicht vielleicht kurz vor Schluss in der Atacama-Wüste liegen zu bleiben. Ich besuchte einen Mechanikerkurs, um Bremsklötze, Bremskabel, Speichen, Plattfüße, Gangschaltung und Kette nach allen Regeln des Handwerks zu warten und zu reparieren – und lernte dabei, dass es Fahrräder und Fahrräder gibt. Welche Kriterien sollte das meine erfüllen? Preis, Größe, Zuverlässigkeit, Sportlichkeit, Bequemlichkeit … Bis ich mir ganz sicher war, verstrichen anderthalb Jahre. Leicht sollte es sein, also Aluminium. Doch Aluminium ist brüchig und lässt sich nicht so leicht schweißen. Also doch lieber der schwerere Stahl. Um das Gewicht gering zu halten, wählte ich eine für meine Länge etwas zu kleine Größe. 56 Zoll statt 59 Zoll. Für eine angenehme, aufrechte Sitzposition fügte ich einen ziemlich hohen Lenker hinzu. Damit handelte ich mir zwar mehr Luftwiderstand ein, aber Nacken und Handgelenke brauchten nicht so zu leiden.

Beim Sattel griff ich zu Brooks, dem englischen Jahrhundertklassiker. »Weiche das Leder drei viertel Stunden in Seifenwasser ein«, riet mir der Aarios-Fahrradbauer Arnold Ramel, »dann schmiere es gleich tüchtig mit Lederfett ein, pack das Ganze in eine Plastiktüte und geh einen halben Tag fahren.« Klingt wie ein Großmutterrezept, funktioniert aber prima. Mein Sattel passt unter meinen Hintern, perfekt nach Maß. Die Form hat er nicht mehr verloren. Das ist Brooks. Ist er mit dieser Patina nicht schöner als neu?

Bei der Schaltung lernte ich: Ein Rohloff-Getriebe bewährt sich besser als eine Kettenschaltung. Die Kette nützt sich nicht ab, und wenn man die Nabe schön schmiert und stets unbelastet schaltet, läuft es ein Leben lang. Ebenso gut haben sich die Reifen gehalten. Mit ihren Stahleinlagen und ihren fetten Stollen überstanden sie manche Steine, Scherben und Nägel. Der erste Satz hielt von der Grimsel bis Chile. Doch was ich mir da zusammengestellt hatte, war nicht das leichtfüßige Ding, mit dem man zum Picknick ans nächste Waldrändchen fährt oder mit dem Rennfahrer Bergpreise ersprinten. Mein Fahrrad musste schließlich nicht nur mich, sondern auch mein ganzes Gepäck tragen können. Vierzig Kilo wog es mit den sechs Packtaschen an Vorder- und Hinterrad und auf dem Gepäckträger. Zelt, Schlafsack, Kocher, Apotheke, Kleider und Ersatzmaterial. Auf den längsten, durstigsten Strecken kamen noch gut fünfzehn Kilo Wasser und Lebensmittel dazu – und die wachsende Angst an heißen, einsamen Nachmittagen, das Wasser könnte vor der nächsten Quelle ausgehen.

Kältetest

Für Antarctica ist das Material noch wichtiger – und schwierig zu finden. Wo suchen und wem vertrauen? Die Informationen zusammenzutragen und praktische Erfahrungen zu machen, bedeutete für mich eine über vier Jahre verteilte, kostspielige, anstrengende und herausfordernde Arbeit. Suchen, suchen, suchen. Zuerst einmal Beratung. Pol-Abenteurer, die Ratschläge zur Ausrüstung geben können und wollen, kann man an einer Hand abzählen. Die erfahrensten Pol-Abenteurer sind schon tot, und die wenigen zeitgenössischen leben auf dem ganzen Globus verstreut. Der Schweizer Mike Horn war ein Glücksfall für mich. Mike hatte als erster Mensch den Äquator und den nördlichen Polarkreis aus eigener Körperkraft umrundet; und er zählt zu den ganz wenigen, die zu Fuß mit Skis und Schlitten von der Küste bis zum Nordpol gelangten. Seine erfolgreiche Nordpolbegehung, zusammen mit dem Norweger Børge Ousland, geriet jedoch wegen der medienwirksamen Rettungsaktion jenes gescheiterten Sologängers nicht gebührend in den Fokus der Öffentlichkeit. Als weltoffener, positiver und fröhlicher Mensch gab mir Mike gerne einige nützliche Tipps zur Auswahl des Schuhwerks. Dass mir gerade die Schuhe Sorge bereiten sollten, betrachte ich als eine Laune des Schicksals.

Tests in geeignetem Gelände zeigten, dass kaum ein Gegenstand den Anforderungen standhält. Zu schwer, zu zerbrechlich, zu empfindlich … Material, das minus vierzig Grad Celsius ausgesetzt ist, verhält sich anders, brüchiger als Material, das sporadisch bei minus zwanzig Grad eingesetzt wird. Zudem muss das Handling bei so eisiger Kälte einfach sein, weil die Finger innert Kürze abzufrieren drohen, wenn man zum Hantieren die Fäustlinge ausziehen muss. Fast jedes Stück, das ich bei mir hatte, verlangte Anpassungen.

Trittsicher

Die erste Frage lautete: Was brauche ich unbedingt? Ski und Schuhe. Zuallererst Schuhe. Beides ist unverzichtbar zum Laufen, beides kauft man nicht schnell um die Ecke bei einem Bergsportgeschäft. Jedenfalls nicht so, dass es den harten Ansprüchen der Antarktis genügt. Zum Schutz ist ein Zelt unerlässlich, das bei Windstärke elf und zwölf (über 103 beziehungsweise 118 km/h) stehen bleibt. Als Drittes braucht es Kleidung nach Maß. Die muss sitzen, damit der Wind nicht durch die Ritzen um den nackten Körper pfeift und sich die Kälte, dieses lähmende Gift, nicht bis in die Knochen einfrisst.

Kein anderes Land lebt so nah zu einem Pol wie Norwegen. Was sich in Norwegen bewährt, hat den Kältetest schon fast im Voraus bestanden. Die Erfahrung ist in jedem Detail zu erkennen. Und wenn es um Skis geht, hat Norwegen mit seiner Langlauftradition ohnehin das Vertrauen verdient. Meine Madshus liegen in Breite und Länge irgendwo zwischen Langlaufski und Telemarkski. Wanderskis mit Kanten. In den Belag habe ich Felle geklebt und geschraubt. Ich wollte gleiten, ohne zu rutschen. Wie groß oder klein die Felle sein müssen und dürfen, galt es auszuprobieren. Doch was Sastrugis bedeuten, konnte ich im alpinen Testgelände nicht ahnen.

Die Bindung hat Rottefella in Norwegen für Expeditionen gebaut. Sie gleicht einer Langlaufbindung. Zwei kleine Klammern halten eine kleine Achse wie Scharniere an der Spitze des Schuhs und geben ihm auf der ganzen Fläche Bewegungsfreiheit.

Als Pièce de Résistance sollten sich die Schuhe erweisen. Wie rasch sich Schmerzen an den Füßen entwickeln, können die meisten Sankt-Jakobs-Pilger schon nach den ersten Tagen aus eigener Erfahrung berichten. Antarktis-Pilger erwartet unter der stärkeren Belastung auf Skis eine vielfach größere Pein. Die Härte des Klimas potenziert jeden Schmerz. Fragt sich, wie man ihn am besten umgeht. Es gibt zwei Möglichkeiten. Starr oder weich. Ein starrer Schuh belastet die Achillesferse, ein weicher muss hart geschnürt werden und birgt die Gefahr, auf dem Rist die Durchblutung abzudrücken. Das kann innert kurzer Zeit zu Qualen und unter polaren Verhältnissen zu unheilbaren Erfrierungen führen. Am besten kauft man jeden Schuh für die Kälte zwei, drei Nummern zu groß, um Platz für genügend Socken zu haben. Aber das löst die Probleme nicht. Es gibt keine schmalen Frauenmodelle zu kaufen. Um in den klobigen und breiten Männermodellen trotzdem Halt zu finden, muss ich umso satter zuschnüren.

Deswegen entschied ich mich entgegen Mikes Rat für ein starres Modell mit guter Isolation. Sie ist so üppig, dass sich der Innenschuh im starren Gehäuse angenehm abrollen lässt. Weil man stets flach geht, zieht das bei jedem Schritt an der Achillessehne. Versuche, diesen Zug zu verringern, sollten mich über mehrere Breitengrade begleiten. Immerhin habe ich nicht an die Füße gefroren. Meine Mutter hat mir um meine Schuhe von Meindl wärmeisolierende Uberzugsgamaschen genäht, damit meine vom Himalaja kälteempfindlich gebliebenen Zehen möglichst keine weiteren Schäden davontragen müssten.

Den Materialschlitten schließlich hatte ich bei den beiden Polfahrern Paul Landry und Matty McNair gesehen. Leicht sollte er sein und breit genug, um die Unebenheiten des südlichen Polareises durchzustehen. Marke Fjellpulken aus Norwegen. Siebeneinhalb Kilo scheinen nicht schwer, aber über mehr als tausend Kilometer und beladen mit über hundert Kilo Material, fällt jedes Kilo ins Gewicht. Das Verdeck darüber ist leicht – zu leicht vielleicht, und ob der Klettverschluss sich im Schneetreiben bewährt, würde ich sehen. Auch die Zuggurte sind von Fjellpulken. Eigentlich für die Kitesurfer gebaut, habe ich sie für meine Zwecke umgearbeitet, mit einem verstellbaren Karabiner versehen und mit dem Gestell eines Rucksacks verbunden. So konnte ich den Zug auf Hüfte und Schultern beliebig verteilen.

Hemd und Hose

Für lange Jahre galt Goretex bei nassem Wetter als Garant für trockene Haut. In der Antarktis bewähren sich sogenannte Hybridstoffe besser. Sie schützen vor Wind, sind aber nicht wasserdicht, sodass die Körperfeuchtigkeit nach außen besser entweicht. Mammut hat alle meine Erwartungen bestens erfüllt. Um weder zu frieren noch zu schwitzen, setzte ich aufs Zwiebelprinzip. Ich hatte genügend Schichten zum Schälen dabei: Unterziehleibchen, Uberziehleibchen, zwei Pullis, einer über dem andern zu tragen, eine Jacke und eine zweite Jacke über die erste. Für die Pausen muss eine Daunenjacke griffbereit liegen. Man kühlt sehr schnell aus. Zur Jacke gehört unbedingt eine Kapuze mit Pelzrand gegen den Wind. Schafpelz ist untauglich, da der Schnee in der Wolle verklumpt. Das wussten schon Pioniere wie Amundsen, Scott oder Shackleton: Meine Fuchspelzchen sind schon auf den Fotos von damals zu sehen. Die alten Fotos geben auch zu erkennen, dass es damals weder den Reiß- noch den Klettverschluss gab. Und durch Knopflöcher und Ösen fühlst du die Kälte fast wie eine Flüssigkeit in ekligen Bächlein der Haut entlangrieseln.

Auch im Gesicht kommt unter der Kapuze Schicht über Schicht. Zuerst eine Halskrause bis unter den Mund. Darüber eine Balaklava und ein winddichtes Stirnband. Meine Mutter hatte mir gegen Wind und Kälte maßgerecht auch eine Gesichtsmaske geschneidert. Um mich voll zu vermummen, setzte ich eine Sturmbrille darüber. Doch all das sollte die Wangen nicht genügend vor Frostbeulen schützen. Sie kommen heimtückisch, schmerzlos. Erst abends, wenn man sich berührt, erschrickt man über die Gefühllosigkeit.

Und sonst noch? Handschuhe in drei Schichten – und natürlich, wie sich das gehört für eine Frau, das kleine Schwarze … Denkste. Für die ganzen fünfzig Tage Antarktis habe ich mir nur drei paar Unterhosen geleistet. Waschen unmöglich.

My Tent is my Castle

Nicht dass ich gedachte, bei Pfadfinderromantik viel Zeit im Zelt zu verbringen. Wichtig jedoch ist der Schutz vor Wind und Wetter in den kurzen Stunden der Erholung. Hunderte verschiedener Zelte für höchste Ansprüche bieten sich an. Doch hier ist die Auswahl ziemlich einfach. Wer in die Antarktis geht, wählt ein Tunnelzelt. Alles andere disqualifiziert sich von selbst: Kuppelzelte verlangen zum Aufbauen mehr als zwei Hände. Giebelzelte flattern wie Fahnen im Wind.

Unsere »Hillebergs« trotzten sämtlichen Stürmen. Innen- und Außenzelt hängen zusammen und lassen sich in einem Arbeitsgang leicht von zwei Händen aufbauen. Wenn man sie in den Wind stellt, pustet sie der Wind von allein auf. Beim Abbauen bleiben die Stangen drin und kommen in der Mitte zusammengesteckt auf den Schlitten. Um mein Hilleberg Antarktis-tauglich zu machen, nähte meine Mutter »Flaps« an die Unterkante. Mit Schnee beschwert, verbessern sie bei Wind die Standfestigkeit. Sie bewährten sich gleich am ersten Tag: Bei einem einzigen, harmlosen Stangenbruch wetterten sie alles ab, was vom Himmel kam.

Für einen guten, tiefen Schlaf ist der Schlafsack überlebensnotwendig. Daunen bleiben das Maß der Dinge. Sie halten unerreicht warm, sind federleicht und trocknen rasch in der Sonne. In meinem »Mammut« steckt mindestens ein Kilo Daunen. Das reicht mit der entsprechenden Wäsche auch an den kältesten Tagen für wohlige Wärme.

Die kleine Hausapotheke

Zu Material und Verpflegung gehört auch Medizin für alle Fälle. So wenig wie möglich, so viel wie nötig, lautete die Devise für meine Packzettel. Ohne Notapotheke in die Wildnis zu gehen, ist grob fahrlässig. Trotzdem hatte ich nicht viel mehr als Verbandstoff und einige Tabletten dabei. Schmerzmittel, Entzündungshemmer und Antibiotika an erster Stelle, aber auch Schlaftabletten, falls ich nach einem anstrengenden Tag zu zappelig wäre und doch am nächsten Morgen wieder fit sein wollte. Aber da blieb ich vorsichtig. Zu mehr als einer halben Tablette habe ich mich jeweils nicht getraut. Ich will nicht abhängig werden. Von gar nichts. Es reicht schon, dass mich die Bergsteigerei nicht mehr loslässt.

Für schwerere Fälle verlasse ich mich stets auf mein Allerweltsheilmittel »Milan«. Mit Milan bin ich besser bedient als mit einem ganzen Koffer Chemie. Seine Wirkung ist schon in homöopathischen Dosen rasch und nachhaltig. Keine Nebenwirkungen. Uberdosis unmöglich. Dr. Milan Cermak. Unter anderem Professor an der Universität in Straßburg und für die NASA in der Telemedizin tätig. Milan kann ich am Telefon fragen, ob meine Kopfschmerzen ein Symptom für Malaria sind oder wie ich mit einer Frostbeule umgehe, wenn sie partout nicht heilen will. Es ist wunderbar, in Milan einen Freund zu wissen, der auch erklären kann, wie eine Supernova funktioniert oder wie lange es dauert, den Mars zu erreichen. Bei all seinen Titeln ist Milan ein Mensch geblieben, der alle möglichen Fragen ernster nimmt als sich selber. Gibt es ein besseres Sedativum und Antidepressivum als Milan? Den Expeditionsteilnehmern einer Himalaja-Expedition zum Cho Oyo (8188 m) riet er in perfektem Deutsch mit dem Akzent seiner tschechischen Heimat: »Einmal richtig gefurzt ist besser als sieben Ärzte!« Voilà. Mit Milan in der Rückhand kehrte ich noch jedes Mal gesund nach Hause zurück.

Meine Welt sind die Berge

Vor meinem Unternehmen Antarctica hatte ich zweiundzwanzig Jahre lang Alpinismus bis an die Leistungsgrenze betrieben. Die Leistungsgrenze bildet eine äußerst reizvolle Linie in der Innenwelt der menschlichen Erfahrung. An exponierten Stellen eines Bergs ist man bis in die letzte Faser gereizt. In diesen Phasen äußerster körperlicher wie psychischer Sensibilität lernt man viel über sich und den Berg. Man lernt vom Berg über sich.

Man begegnet seinen Stärken und seinen Schwächen, lernt den Ehrgeiz zügeln, wenn er ungesund wird und man vor Ungeduld die Gefahren missachtet. Ich staunte über meine innere Ruhe, wenn ich zu Rettungsaktionen aufgerufen wurde, um Tote zu bergen oder ein Risiko auf mich zu nehmen. Ich lernte, Angst in Wut umzusetzen – Wut über das persönliche Unvermögen – und aus dieser Wut Energie zu schöpfen, um daraus Kraft zum Handeln zu gewinnen. Die Wut erweist sich als unglaublich schöpferische Kraft. Sie befähigt einen zu schier übermenschlichen Leistungen. Sie kann mich die Wände hochtreiben. Beim Klettern wirst du oben mit einem Blick der Götter entschädigt. Das Universum liegt dir zu Füßen.

Um dieses göttliche Gefühl zu erleben, ist es oft nötig, den Körper so nahe an die Leistungsgrenze zu bringen, dass man auf Messers Schneide geht. Kleinste Fehler können da Leben kosten. Deins oder das der Kameraden. Nur äußerste Wachsamkeit und Achtsamkeit bewahren den Kletterer vor dem Fall. Das verlangt laufend Risikoentscheide: Kann ich mein Ziel erreichen? Entfesselt meine Egozentrik übertriebenen Ehrgeiz? Hat sich die Lage verändert – zum Guten oder zum Schlechten? Ist der Luftdruck gefallen, kommt Wind, kommen Wolken auf? Wie steht es um meine Leute? Brauchen sie Ansporn, Beruhigung? Nutze ich alle Chancen, wie sieht der Ausweichplan aus? Indem ich Geist und Körper stärke, trainiere ich mich für jene Konzentration zur Ausschöpfung der äußersten Kräfte, mit denen ich je länger, je höhere Ziele erreiche. Der Everest war nicht das Äußerste.

Immer warten noch längere, schwierigere Wände in härteren Klimazonen, für die der Körper oder die Psyche noch nicht bereit sind – aber bereit, sich dafür zu stärken. Zweiundzwanzig Jahre lang kam ich auf diese Weise weiter und höher hinaus. Ich wusste, wie ich mich am Berg verhalte. Ganz falsch war es nie. Keiner meiner Begleiter hatte je einen Unfall. Bei mir selber ging selten genug mal ein »Blätz ab«. Am Berg bin ich zu Hause. Seine Wände sind meine Herberge. Verbunden mit der Erde, bin ich ein Teil davon. Das ist ein unbeschreibliches Glücksgefühl, für das ich tief dankbar bin.

Doch leise, und erst fast unbemerkt, stieß ich an andere Grenzen. Eine wirklich neue, andere Erfahrung konnte mich der Berg nicht mehr lehren. Der Aufwand, um noch höher hinaus zu gelangen, würde das Verhältnis von Aufwand und Ertrag aus dem Gleichgewicht kippen. Ich fühlte mich in der Vertikalen gefangen. Irgendwie weltfremd. Neue Dimensionen lockten. Weite Horizonte, Steppen und Wüsten. Ich spürte die Lust, die Welt zu erfahren, so wie es andere nach der Schule tun. Meine Lehr- und Wanderjahre nachholen, um die Wahrheit zwischen den Menschen zu finden. Weltgewandtheit, könnte man sagen, nach zweiundzwanzig Jahren im Schutz der Berge, unbehelligt vom Gewimmel, Gezappel, Gestrampel, Geheul und Gejauchze dieser Welt.

Ich bin süchtig nach Bergen, und ich weiß um meine Sucht nach diesem Erleben der Erlösung, der Befreiung und eines unbeschreiblichen Glücks im Ausgesetztsein auf der Bergspitze. Der Berg bedeutet mir fast alles. Ich habe ihn als Subjekt erfahren, mit einem Willen und der Fähigkeit, mit mir in Beziehung zu treten. Er ist mein Lehrer, mein Meister, oder mein Feind und mein Freund, manchmal auch bloß ein Kumpel, zu dem ich mal Du sagen darf. Mehr als eine geologische Unregelmäßigkeit im platten Erdenrund erkenne ich in ihm eine Persönlichkeit mit einem reichen Charakter. Mal schön, mal hässlich, mal verlockend, mal abschreckend. Er hat tausend Gesichter, aber wo immer ich ihm begegne, in den Alpen, im Himalaja, in den Rockies oder in den Anden, hänge ich von seinem Wohlwollen ab – und kann mir seine Gunst nur durch mein persönliches Rüstzeug und meine aufrichtige Haltung ihm gegenüber erwirken. Die Begegnung mit ihm findet im Dialog statt. Wie das in der Liebe so ist, wenn sie größer und tiefer wird. Der Berg lässt mich nur auf den Gipfel, wenn wir füreinander bereit sind.

»Die Berge« sind damit nicht zu vergleichen. Sie sind zahllos, schön und beliebt und oft mit der Seilbahn erreichbar. »Der Berg« sprengt dieses Postkartenformat. Er ist das Ganze, die Seele gleichsam, die das Leben in »den Bergen« ausmacht. Vom Berg kannst du dir kein Bildnis machen. Er ist in dir drin. Er ist deine Liebe. Du kannst Bilder machen von deinen Geliebten, den Bergen. Aber nicht vom Berg. Deiner Liebe. So ist das.

Und nun nahm ich Abschied von der Liebe zu diesem Berg. Das war schmerzhaft. Ich wusste, wie schwer es würde, mich von einer unwiderstehlichen Liebe zu lösen. Die Lösung vom Berg hatte ich selber gewollt. Ich hatte ein Ziel und die Erwartung eines Geschenks, das ich mir am Ende in die Hosentasche stecken könnte, und niemand wird es mir dann noch nehmen können. Doch der Erwartung folgte die Ungewissheit vom Start bis zum Ziel. Sechzehn Monate sollte ich unterwegs sein. Mit dem Aufwand hätte ich gut und gern ein Dutzend Achttausender finanziert. Und vielleicht zwei oder drei auch zeitlich bewältigen können. Da beginnt man schon zu rechnen – und hie und da auch mit sich zu rechten.

EUROPÄISCHER PROLOG

Von Innertkirchen nach Porto

1. September bis 17. Oktober 2006

2400 Kilometer

Start auf der Grimsel

Was ich zum Gelingen von Antarctica tun konnte, hatte ich mit bestem Wissen und Gewissen getan. Vor mir lag die Ungewissheit. 484 Tage Ungewissheit. 25 000 Kilometer Ungewissheit. Evelyne gegen den Rest der Welt. Nicht ganz, aber es fühlte sich so an im Augenblick, als ich mich aufs Rad schwang.

Der Starttag war nicht mein Tag. Das zeigte sich bereits morgens um sechs vor meinem Chalet auf dem geliebten Hubel ob Innertkirchen im Berner Oberland. Mein Lebenspartner Sandro war eigens aus Kanada gekommen. Umarmungen, Abschiedsküsse, beste Wünsche. Seine Anwesenheit zerriss mir ein bisschen das Herz. Gedankenverloren stand er in der Eingangstür.

Ich schwang mich auf den Sattel, zupfte mir nochmals die Hosen zurecht, schlüpfte in die Handschuhe, riegelte an den Kettenblättern, fädelte mich mit den Füßen in die Klickpedale ein, schwankte etwas hin und schwankte etwas her, fragte mich, will ich das wirklich, mache ich mir etwas vor, und wie wird das enden? Ich winkte und winkte noch mal, und bevor mein Hexenhäuschen hinter der Kurve verschwand, die mich in die weite Welt hinaustragen sollte, drehte ich mich noch einmal um, verlor das Gleichgewicht, blieb in diesen Klickpedalen hängen – und, zack, fiel ich bereits auf den ersten dreißig Metern auf den Asphalt. Evelyne, willst hoch hinaus – und fällst so tief, noch bevor es losgeht.

Es tat mir ziemlich alles weh. Die Hüfte links tut mir heute noch weh, wenn ich daran denke. Man ist ja so dünnhäutig in solchen Augenblicken. Ob das ein gutes Vorzeichen war? Hätte ich mich mit dem Fahrrad und seinen Tücken besser anfreunden sollen? Nicht fragen jetzt, sei tapfer, Evelyne, wenn dir nichts Schlimmeres passiert auf den nächsten vielen Tausend Kilometern während der anderthalb Jahre, hast du Glück gehabt. Also weiterfahren, als sei nichts gewesen. Ich hatte mir ja bloß die Knochenhaut an der Hüfte verletzt. Das sollte ich bis Südamerika spüren – und spürte es noch viel mehr, gleich drei Stunden später, beim offiziellen Start oben auf der Grimselpasshöhe.

Meine erste Pressekonferenz. Das war ich den Sponsoren schuldig. Radio, Fernsehen und Print. Alle sollten berichten, und alle erschienen auch, um zuzuschauen, wie eine Frau aus Innertkirchen Richtung Südpol in die Pedale trat. Als ob das sehenswert wäre. Die früheren Unternehmungen wie die Expedition zum Dhaulagiri oder den Begehungsversuch der Mount- Everest-Südseite hatte ich ganz allein und ohne Medienrummel gemacht. Doch jetzt, wo die Kosten für mein Abenteuer wieder einzuspielen waren, musste die Öffentlichkeit zuschauen können. Selten aber hatte ich mich so fremd gefühlt in meinen Kleidern. Mir schien das Ganze ein Desaster, die Emotionen schwirrten in alle Richtungen. Gleichzeitig reden und wegen des Hüftschmerzs auf die Zähne beißen, das konnte nicht gut gehen.

Da saßen wir an einem Tisch im Restaurant Grimselblick, mein Doktor Milan Cermak, Jérôme Strijbis, der Vertreter von SOS-Kinderdorf, der Mann vom Backoffice zu Hause und dazwischen ich, alle mit Namenstäfelchen und Mikrofonen vor uns. Es sollte schließlich professionell aussehen. Im Grunde war mir schon damals klar, was Journalisten wissen möchten, doch fiel ich schon bei der ersten Frage auf die Nase. Also, zum Ersten: »Warum machen Sie das?« Gute Frage. Hmm. Ja. Warum machte ich das? Ich lächelte etwas hilflos durch meinen Schmerz und meinte: »Wenn ich es wüsste, müsste ich es nicht machen. Fragen Sie mich wieder nach meiner Rückkehr.« Und da bin ich jetzt wieder, anderthalb Jahre später, um Erfahrung und Erkenntnis reicher.

Warum hast du das gemacht?

Ja, damals, was wollte ich wirklich? Ich nannte es Expedition. Aber war es das? Bin ich in Neuland aufgebrochen, habe ich etwas entdeckt, der Wissenschaft einen Fortschritt gebracht? Es hat mich weitergebracht. Es wurde mein Projekt. Indem ich es entwickelte, habe ich mich entwickelt. Über fünf, sechs Jahre, bis zur Verwirklichung des Schritts zum Südpol, hatte sich meine Sicht der Dinge und meine Befindlichkeit geändert. Die Höchstleistung war aus dem Mittelpunkt des Trachtens gerückt. Sie wurde ein Mittel, um ein Ziel zu erreichen. Wie reagieren Körper, Psyche und Seele, wie reagiere ich auf meine Umwelt, wie fühle ich mich so nah zur Natur? Nicht zuletzt das. Das Erlebnis der Nähe zu einer Natur in ihrer Vielfalt, in ihrer Rauheit, ihrer Schönheit und ihrem Schrecken.

Jetzt habe ich die Gewissheit. Ich bin bereichert wieder hier. Stärker an Körper und Seele. Ich trage etwas in mir, das ich zuvor nicht in mir trug und das ich gerne nach außen vermittle. Gewiss, ich sehe mich nach wie vor als Alpinistin. Bergführerin ist mein Beruf. Aber vielleicht denke ich heute eher in Kategorien der Kunst als in denen des Sports. Die Leistung könnte das Handwerk sein, mein Körper das Werkzeug, mit dem ich an meinem Lebenskunstwerk arbeite. Das wurde mir bewusster, je weiter ich vorstieß. Und es gab auch äußere Zeichen, die mich in die Richtung trugen. Nach den ersten hundert Kilometern auf dem Fahrrad ging der Kilometerzähler kaputt. Ich habe ihn nicht ersetzt. Wozu auch. Verkürzt die Messung die Distanz? Steigern Zahlen die Intensität des Erlebens? In meiner Kindheit hatten wir einen Milchwächter. Ich merkte bald, die Milch kommt nicht früher, sie läuft auch nicht weniger über, wenn der Wächter drin ist. Auf die Achtsamkeit kommt es an. Jeder wacht über seine eigenen Messinstrumente, die sich nicht in Zahlen ausdrücken und weder klappern noch piepsen.

Das verflixte Fahrrad

Der Berg war mir vertraut. Aber das Fahrrad? Wie oft habe ich es verflucht. Um die halbe Welt bin ich damit geradelt, aber es ist keine Liebe daraus gewachsen. In Europa hoffte ich, meiner Klettersucht davonzuradeln. Aber man wird nicht in einem Tag von der Bergführerin zur Radfahrerin. Bis zum Ziel in Punta Arenas habe ich mich nie ganz als Radlerin gefühlt. Schon gar nicht als Extremradlerin. Je heftiger ich dem Berg davonradeln wollte, umso heftiger packte er mich wieder. Ich war in mein Projekt verliebt: in die Idee, aber nicht in die Ausführung.

Das Rad war bloß ein Mittel zum Ziel. Das einzig mögliche Mittel, denn aus eigener Kraft – was wäre außer Wandern sonst noch möglich gewesen? Mein einziges Ziel, das mein Tun definierte, war: aus eigener Kraft Punta Arenas erreichen, diese äußerste größere Stadt der südlichen Hemisphäre. Darüber hinaus kein Programm, kein Leistungstest. Es ging allein ums Erlebnis, und was ich erlebte, nahm ich als Geschenk. Dafür war das Bike am besten geeignet. Ich ahnte, es könnte eine große Erfahrung daraus werden, aber ich wusste nicht, welche.

Die Faszination, die ich beim Klettern empfinde, diese elektrisierende Hellwachsamkeit, bei der es tausend Dinge gleichzeitig wahrzunehmen gilt, diese geistige Vorwegnahme aller Möglichkeiten, aus denen sich die richtigen Entscheide ergeben, das alles hat mir die Radlerei selten gebracht. Am Morgen erwachen und wissen, jetzt sitzt du dann wieder auf diesem Caballo, deinem »Pferd«, und hoffst, du findest Lebensmittel und Wasser, und suchst dir wieder ein verborgenes Plätzchen zum Schlafen. Radfahren droht oft mit etwas Öde und Leere: Man ist in der Tretmühle und gleichzeitig die Tretmühle selbst, schlägt sich den Tag um die Ohren, um müde zu werden und schlafen zu können. Und dann dreht sich immer viel um diesen technischen Kram. Wer hat die schicksten Bremsen, den leichtesten Kettenwechsel, die neueste Federung? Beim Klettern zählt die sorgfältige Vernachlässigung von modischem Tand. Cool ist der Typ mit dem abgewetzten, ausgebleichten T-Shirt, der wie eine Eidechse die Wände hochgeht.

In guten Phasen strömen die Gedanken, die Zeit geht vergessen, und aus dem Stumpfsinn des Strampelns fallen Ideen vom Himmel, für die ich mich beim lieben Gott, der sie mir schenkt, für den Rest meines Lebens bedanke. Ich kam auf Dinge, die mir im Traum nicht eingefallen wären. Schließlich hat mir mein Fahrrad vieles näher gebracht. Ich fand die Nähe zur großen, weiten Welt um mich herum fast mehr, als ich sie suchte: einen Einblick in die Häuser im Dorf, den Duft nach Brot und Kaffee am Morgen, den Duft von Heu an den langen Chausseen, in den Wüsten den Geschmack von Sand auf den Zähnen. »Hi« oder »Hola«, je nachdem, wo ich gerade war. Auf dem Fahrrad fährst du mitten durchs tägliche Leben hindurch, du erlebst einen Querschnitt durch eine Landschaft, eine Stadt, eine Kultur. Je länger ich fuhr, desto deutlicher wurde mir das.

Ach, Europa

Die Strecke von der Grimsel bis Portugal verdränge ich gerne. Sie schenkte mir nur wenige Sternstunden. Zweieinhalbtausend Kilometer. Bis Südfrankreich blieb ohnehin nicht viel hängen. Ich hatte mir da etwas vorgemacht. Das war mehr als ein harmloser Prolog.

Das Fahrrad zeigte mir seine Tücken. Hätte ich üben sollen? Fahrradfahren kann jeder, nicht wahr? Wie im Flug war ich jeweilen von meinem Hubel hinunter nach Innertkirchen gesaust, und leichtfüßig strampelte ich danach die umliegenden Alpenpässe hoch. Reichte das nicht? Wenn nicht, dachte ich, ist der Weg bis zum Südpol lang genug, da würde ich genug zum Üben kommen. Irrtum. Kaum hatte ich den Sturz zu Beginn in den Klickpedalen halbwegs bewältigt, machte mir die Haltung zu schaffen. Der Buckel, der Knick im Nacken, um den Blick zum Horizont zu erheben, und dann der Druck auf die Handgelenke. Vielleicht hätte ich einen noch höheren Lenker wählen sollen. So oder so. Schon nach ein paar Kilometern krabbelten mir Ameisen die Arme hoch. Die Arme wollten sich bewegen. Ich hängte mich an Bäume, machte Klimmzüge, um wieder den Tonus der Muskeln zu spüren, und fragte mich: Warum hänge ich nicht am Berg? Die Erinnerungen hingen wie Banderillas im Fleisch.

In den Bergen wurde es bald ziemlich nass und kalt. Natürlich wusste ich, dass ich in den Herbst hineinfuhr und dass die Herbststürme von Westen her über das Land sausen. Fast täglich einmal luden sie ihre nasse Fracht über mich ab. Immer bei Gegenwind. Ich hatte mit einigem gerechnet, aber mich da drin wiederzufinden, war noch mal etwas anderes. Wenigstens abends hätte ich mich gerne ein bisschen verwöhnt. Mit dem Duft von Seife und einer warmen Dusche vielleicht. Aber die Campingplätze waren schon fast alle geschlossen, sodass ich mich manche Nacht in die Büsche schlug.

Bei dem Wetter schienen die langen, geraden Straßen durch Frankreich noch länger, als sie sowieso sind. Lastwagen, Lärm, Abgase, so weit das Auge reichte, und jenseits des Horizonts vielleicht noch mehr davon. Arme Evelyne. Wollte ich das wirklich? Und hatten vor mir nicht Tausende, wenn nicht Hunderttausende diese Strecken gefahren? Und zwar nicht nur Pilger, für die es Programm war, auf dem Zahnfleisch zu gehen. Kurz, Selbstmitleid war kein Erfolgsrezept.

Das Blümchen

Es war irgendwo zwischen Frankreich und Spanien, am Fuß der Pyrenäen, auf einer dieser Routes Nationales, auf denen die Fernfahrer rollen, um sich den Mautzoll auf den Autobahnen zu sparen. Wind, Kälte, Regen, einmal mehr. Jeder Truck wehte in seinem Heckwirbel den ganzen Dreck der Straße fein zerstäubt auf die Velos am Rand. Auf zwei Rädern hat man auf der Straße stets zu nehmen, was übrig bleibt. An diese Wehrlosigkeit gegenüber dem Recht des Stärkeren hatte ich mich wohl zu gewöhnen. Aber mit dieser Dreckschicht auf der Brille ließ sich beim besten Willen nicht fahren. Und ohne Brille schon gar nicht. Vielleicht hatte ich mich mit einer rosa Brille auf die Reise gemacht?

Seit ich in die Berge gehe, lasse ich mich von Schönheit, Ruhe, Raum, Harmonie und Farben berühren. Sie lassen die Saiten in mir schwingen. Doch seit ich unterwegs war, schrie die Seele auf und ließ sich nicht mehr beruhigen. Dabei braucht es so wenig, um Qualität zu erzeugen. Etwas Kontrolle: Was denke ich, was sage ich, was tue ich. Umso härter traf mich die Wirklichkeit außerhalb des geschützten Raums im Gebirge. Trostlose Industriequartiere, die Hektik, der Lärm und die schmutzige Luft auf den Straßen widersprachen meinen Vorstellungen von Harmonie und Schönheit zutiefst. Ich hatte daran zu nagen, dass die Waage, in deren Schalen die Eigenschaften der Welt verteilt sind, aus dem Gleichgewicht geraten ist. Meine Abenteuerlust verkam zu Frust und stürzte mich in eine persönliche Krise. Ich erlebte eine Art Apokalypse.

Ich hätte auf Nebenstraßen ausweichen und im Zickzack aufkreuzen können, wie einst die Segelschiffe, doch das kann die Länge mancher Strecke gut und gerne verdoppeln. Wollte ich den ganzen Winter durch strampeln? Lieber nicht. Überdies hatte ich Hunger. Nach Stunden unterwegs – Pause. Ich setzte mich an die Böschung und aß eine Banane. Als ich die Brille ablegte, fiel der Blick auf ein Blümchen. Es war vom gleichen Bananengelb, aber unscheinbar klein, und jedes Mal, wenn ein Truck vorbeidonnerte, wuschsch, drückte ein Luftstoß das wehrlose Geschöpfchen zu Boden. Dann kam es wieder hoch, rein und schön wie zuvor, immer aufs Neue. Ich bedauerte das Blümchen wegen seines Standplatzes und weil es keine Beine hatte wie ich, um von hier zu flüchten. Als Nächstes überlegte ich mir, dass es einer kostbaren Demut bedarf, sich den täglichen Demütigungen zu stellen und trotzdem derart als Blume leuchten zu können. Kaum ein Mensch vor mir hat dieses Blümchen wahrgenommen, kein Mensch ihm gesagt, wie schön es sei. Trotzdem gibt es sein Bestes und blüht, solange ihm die Zeit gegönnt ist.

»Evelyne«, sagte ich unversehens zu mir, »wenn du jetzt nicht in Sentimentalitäten versumpfen willst, nimmst du dir das Blümchen zum Vorbild.« Magst du noch so übersehen, missachtet und mit Dreck eingedeckt werden: Machs wie das Blümchen. Komm wieder hoch. Jedes Mal, wenn es dich umhaut, stehst du wieder auf. Das Blümchen lehrte mich, dass Demut nicht bedeutet, gesenkten Hauptes durch das Leben zu wandeln, sondern dass sie es ermöglicht, die Egozentrik zu regulieren und zu akzeptieren, dass große Ziele immer auch Verzicht verlangen. Das ist die Lektion des gelben Blümchens, die ich meiner Krise an der Böschung am Fuß der Pyrenäen verdanke.

Die Botschaft der Zufälle

Bald nach der Grenze in Spanien wurde ich krank. Eine Grippe oder so was. Mitten auf der Fahrt erwischte sie mich. Ich weiß nicht mehr, wo. Aber ich sehe vor mir noch das Tal. Ein langes, einsames Tal, und dort, wo es sich öffnete, verschlossen Wolken den Ausgang. Schwarz und schwefelgelb. Schon wieder Regen? Nein, das sah nach Hagel aus. Nicht auch das noch, bitte, bitte, nicht! Wie weit war es noch bis zum nächsten Dorf? Ob ich es trocken erreichte?

Vielleicht war es zu weit bis zum Dorf, oder ich fuhr zu langsam. Es fehlten nur ein paar Hundert Meter. Bis ich die ersten Häuser erreichte, war ich nass bis auf die Knochen und gepiekst vom niederprasselnden Hagel. Vor allem die Hagelschläge empfand ich als gemeine Schikane. Ich heulte auf und rief den lieben Gott an, er möge sich meiner erbarmen. Bei einer Bushaltestelle fand ich Unterstand. Wenigstens Trockenheit. Aber die Kleider wechseln, wozu? Sie würden gleich wieder nass. Und ich hatte nur ein trockenes Set dabei. Es war Oktober und kalt, und hier konnte ich nicht übernachten. Das Dorf schien ausgestorben, das nächste unendlich weit entfernt. Nach einer Weile setzte sich ein alter Mann auf meine Bank. Er trug eine Windjacke. Die hätte ich zu gerne gehabt, um meine Gänsehaut zu bedecken. Vielleicht kannte der Mann eine Herberge. Ich fragte ihn. Er hörte schlecht und sagte lange nichts. Ob er nachdachte oder ob er nichts dachte, war ihm nicht anzusehen. Er schob bloß langsam seinen Kiefer hin und her. Ich hatte ihn schon fast aufgegeben, da mummelte er: »Da oben wohnt ein Holländer mit seiner Frau. Einer Französin. Die haben ein Hotel. Geh diese Straße rauf bis zu einem braunen Tor. Geh daran vorbei und bieg dann rechts ab. Bis zu einem weiteren Tor. Geh hindurch in den Innenhof und frag dort, ob du übernachten kannst.«

Es klang wie im Märchen, das Männchen mit seinem zahnlosen Mund, diese Tore, die wie Prüfungen auf einem Lebensweg stehen. Als ich mich hochgeschleppt hatte, klopfte ich. Die Frau war entzückt. Sie hatte ihr Haus eben erst für Gäste geöffnet. Ich war ihr erster Gast. Sie schloss mir ihr bestes Zimmer auf und verwöhnte mich wie eine Prinzessin. Es gab eine Dusche mit zwölf Düsen in einer Oase von Luxus und Wohlstand.

In dieser märchenhaften Stimmung spürte ich es wieder. Wir sind begleitet. Es gibt diese Zufälle, fast immer, die einem ganz einfach zufallen. Solche Zufälle haben meinen Glauben an eine Kraft, von welcher uns als Kind gelehrt wurde, dass sie Gott heißt, im Laufe meines Lebens vertieft. Nennen wir diese Zufälle mal einfach Giuseppe. Hinter diesen Erlebnissen steckt eine Botschaft. Giuseppe sendet solche Botschaften. Sie sprechen für sich. Man braucht sie nicht aufzuschreiben und man erinnert sich doch. Ein Leben lang.

La Peregrina

Fast unvermeidlich führte mich das Netz der Straßen in Spanien auf den Jakobsweg nach Santiago de Compostela. Ich wurde Pilgerin. Peregrina. Für andere Jakobs-Pilger bedeutet Santiago das Ziel. Für mich war es nur eine Etappe. Dort, so dachte ich, hole ich den Segen für meine weitere Reise. Nicht, dass ich fromm wäre in einem kirchlichen Sinn. Aber ich mache mich nie auf den Weg ohne die Verbindung, die sich im Glauben äußert.

Zaragoza, Logroño, Burgos, León … Durchs Weingebiet des Rioja, durch die erbarmungslos kahle Hochebene der Meseta und über den nicht enden wollenden lärmigen Highway in Galicien näherte ich mich dem Ziel, das Millionen von Pilgerinnen und Pilgern seit dem Mittelalter über diese Straßen anzieht. Es ist ein Sog, dem sich kaum jemand entzieht, der davon einmal erfasst ist.

Unwiderstehlich, von weit her sichtbar, ragten die Doppeltürme der Kathedrale auf dem Stadthügel mächtig in den atlantischen Himmel, aus dem so oft die ganze Nässe des Meeres abregnet; und jetzt, an diesem Sonntagnachmittag, als die Verheißung dieses besonderen Ortes schon fast mit Händen zu greifen war, rissen die Wolken auf. Eine kleine Offenbarung.

Müde, verschwitzt und verstaubt wie jeder Pilger hielt ich Einzug auf dem prächtigen, barocken Platz vor der Kathedrale, auf dem die Besucher wie Bühnenhelden im Mittelpunkt des Geschehens stehen, sitzen, singen, beten und den Neuankömmlingen vorspielen, wie es sich fühlt, angekommen zu sein.

Lebensabschnitte soll man feiern. Wie alle Pilger suchte ich Schutz und Zuspruch unter den schweren, kerzenrauchgeschwärzten Gewölben der Kathedrale. So wie es sich von alters her gehört, schritt ich um den heiligen Jakobus herum, um ihn von hinten zu umarmen. Und abends besuchte ich die Messe. Der Prediger forderte uns auf, nach Dingen zu streben, die man nicht kaufen kann, und im Vertrauen auf Gott furchtlos weiterzupilgern. Wünschte ich mir etwas anderes?

Down

Nach gebührender Rast flitzte ich die Kurven zur Küste nach Finisterre hinunter. Diese lange, sanfte Halbinsel südlich von La Coruna, wo die alte Welt zu Ende ist, zeigt wie ein Finger hinaus ins Meer, hinüber in die neue Welt, in der ich als Pilgerin gleichsam erlöst von den Plagen des alten Europas mit neuem Mut einen zweiten Anfang beschloss.

Schließlich erreichte ich Porto, diese wunderbare Stadt im Norden Portugals, an einem tief eingeschnittenen Fjord, über den sich in weitem Bogen Eiffels berühmte, wohlgewölbte Eisenbrücke spannt. Ich hatte wenig Sinn für die Reize der blau gekachelten Häuser, die an den steilen Hängen kleben, und wenig Sinn für die Felsenkeller unten am Wasser, wo der Portwein in Eichenfässern für die Verschiffung in alle Welt heranreift. Im Grunde wollte ich bloß weg von Porto, weg von Europa, Richtung Westen, Richtung neue Welt. Aber die europäischen Plagen wollten noch nicht von mir lassen.

Tief liegende, schwere Wolken und Regengüsse raubten mir den Sinn für die Lebendigkeit dieser Stadt, die mit dem Charme ihres Zerfalls spielt. Nach einer Nacht in einem heruntergekommenen Hotel erkundigte ich mich bei Meteotest telefonisch über das Wetter in Portugal. Ralph Rickli war das Mitgefühl anzuhören. Für die nächsten fünf Tage saß ich in der Waschmaschine eines Tiefs, das mich bis Lissabon mit Niederschlägen und Stürmen eindecken würde. Mist. Missmutig schob ich mein Fahrrad über die holprigen Straßen von Porto Richtung Bahnhof. Zwei Jugendliche mussten wohl meine schlechten Schwingungen gespürt haben. Jedenfalls rief mir der eine hinterher: »I want to fuck you.«

Ihr schmutziges Gelächter gab mir den Rest. So eine Niedertracht. Nein, jetzt bloß nicht schon wieder Selbstmitleid. Wäre ich etwas besser drauf gewesen, hätte ich vielleicht gesagt: »So spricht man nicht mit einer Dame.« Aber so, wie es mir ging, forderte ich die Welt heraus, mich zum Opfer zu machen. Am nächsten Tag folgte ein dritter Tiefschlag. Diesmal aus dem Kreis meiner Freunde.

Stefan Pfander, mit dem ich nach der Everest-Besteigung mit unserer Dia-Show durch die Schweiz tourte, sollte auch für Antarctica zuständig sein. Unsere Zusammenarbeit hatten wir wie immer zuvor per Handschlag besiegelt. Wir waren einander durch Vertrauen verbunden. Wegen Missverständnissen war das Vertrauen unversehens weg. Ich kehrte sofort nach Hause zurück, um das Backoffice zur Verwaltung sowie zur Betreuung der Sponsoren und der Medien neu aufzubauen. Das war nicht vorgesehen.

Da meine Administration kein öffentliches Interesse erweckt, wollte ich meinen Abstecher in die Schweiz nicht unnötig bekannt machen. Aber bedrängt von den Medien, stellte ich mich den Interviews, obwohl es nichts zu berichten gab. Und böse Zungen meinten: Die Everest-Besteigerin hat schlappgemacht bei Wind und Wetter in Europa. Was hat die am Südpol verloren? Mit mildem Lächeln redete man mir zu: »Liebe Evelyne, überschätze dich nicht. Bleib lieber zu Hause, das ist besser für dich.« Aber ich dachte nicht daran, aufzugeben. Jeder Zweifel an meiner Entschlossenheit spornte mich erst recht zum Weitermachen an.

Über Feinde

Mit Feinden pflege ich meinen eigenen Umgang. Ob es der Berg ist, ein Tier oder ein Mensch. ich bin überzeugt: Feinde sind unvermeidbar – und unverzichtbar, als Gegner, Rivalen und Spiegel der eigenen Schwächen. Es ist eine gute Fähigkeit, dem Feind Gehör zu schenken. Er ist ja in den gleichen Strukturen verfangen, von den gleichen Emotionen getrieben. In seinem Gesicht sehe ich meine eigene Fratze. Unwissentlich und unwillentlich gibt er manches preis, das sich nutzen lässt.

Deshalb liegt mir daran, meinen Feind am Leben zu halten. Ich brauche ihn für den Wettkampf. Ohne ihn und die Zuwendung, die er mir schenkt, kann ich nicht gewinnen. Als Zeichen für diese Wertschätzung darf ich ihm sogar Ehre antun. Wie jeder Schweizer Schwinger im Ring, der seinem unterlegenen Rivalen das Sägemehl vom Rücken klopft, und wie jeder Sportler, der seinem Bezwinger für seinen Sieg die Hand reicht, zolle ich meinen Feinden Respekt. Ich sehe sie eher als Gegner, die mich nicht vernichten, sondern mir zu meiner wahren Größe verhelfen. Je stärker der Feind, umso würdiger fordert er mich heraus, aus meinen Fehlern und seiner Stärke zu lernen. So gesehen ist der christliche Anspruch »Liebe deine Feinde« gar nicht so selbstlos. Wenn die Bibel empfiehlt, die andere Wange auch noch hinzuhalten, steckt dahinter die Erfahrung, dass der Schmerz und die Demütigung die Energie erzeugen, um über den Gegner und sich selbst hinauszuwachsen.

Bilanz: In den gut anderthalb Monaten war ich gemäß Karte bis Porto 2406 Kilometer und weit über 25 600 Höhenmeter geradelt. Auf dem 41. Grad nördlicher Breite war meine europäische Reise zu Ende gegangen. Auf dem gleichen 41. Grad sollte sie im amerikanischen Salt Lake City ihre Fortsetzung finden.

AUF NACH SÜDEN

Von Salt Lake City nach Peru

7. November 2006 bis 24. Mai 2007

14 500 Kilometer

Sporty Spice im Wilden Westen

Warum von Utah aus und nicht der atlantischen Küste entlang durch die USA Richtung Süden, wurde ich oft gefragt. Gewiss, dann hätte ich ausschließlich Meer überflogen. Aber nach den Erfahrungen von Europa wollte ich den Highways durch die Ostküstenstaaten so weit wie möglich ins Landesinnere ausweichen. Ich suchte das Weite.

Salt Lake City erschien mir – nach Bern und Luzern selbstverständlich – als eine der schönsten Städte der Welt. Nicht nur wegen jenes vergoldeten Tempels, der die Mormonenmetropole überstrahlt, sondern auch wegen Olympia, das nach wie vor seinen Geist verströmt und fassbar bleibt in seinen Gebäuden.

Die USA entschädigten mich in der Tat für die europäischen Leiden. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, in dem ich Ende der Neunzigerjahre meine Ausbildung zum Commercial Helicopter Pilot genossen hatte, fühlte ich mich noch immer zu Hause. Natur pur, so weit das Auge reicht. Auf einsamen Wegen zog ich südwärts durch die Weiten des Zion National Park, die National Parks von Moab und die rostroten Einöden in den Tafelbergen von Sedona. Hier, auf Staubstraßen, auf schmalen Trails lernte ich die stillen, der Welt abgekehrten Seiten der USA kennen. Ich flitzte in Schluchten hinunter und wieder hoch auf Kreten, über denen in jedem Augenblick Lucky Luke oder der Marlboro-Mann auftauchen konnte.

Sie hätten mir wohl kaum einen Blick gegönnt. Während der ganzen Zeit zwischen Innertkirchen und dem Südpol fand die Eitelkeit wenig Raum. Es sind viele Arbeitsgänge, mit denen eine Frau ihre Weiblichkeit pflegt. Doch unterwegs: Haare waschen, Fingernägel anmalen, Augenbrauen zupfen, Achselhaare rasieren … Wozu? In meinem Outfit wirkte ich alles andere als modisch. Leibchen und Hosen trug ich meist mehrere Tage bis zur nächsten Waschgelegenheit. Wenn ich Ersatzwäsche sparte, kam ich leichter voran.

Ich übernachtete in öffentlichen Camping-Grounds ohne fließendes Wasser und leistete mir nur hin und wieder den Eintritt ins Fitnesscenter einer größeren Siedlung, um meine Spinnenarme wieder etwas zu stärken und die Segnungen einer Dusche entgegenzunehmen. So stand ich dann gelegentlich irgendwo auf dem Fahrradweg in amerikanischen Vorstädten, wo gehätschelte Hausfrauen auf ihren Luxusrädern frisch gewaschen und parfümiert ein Workout abwickelten und manchmal mit etwas Mitleid, manchmal mit Verachtung auf mich wie auf einen Outlaw niederblickten.

Nicht dass ich stolz bin darauf. Es war einfach so, dass ich mich als Randexistenz jenseits von Geschlechterrollen bewegte, übersehen, wie vielleicht sonst eine Frau, die sich zu weit von den gängigen Schönheitsidealen entfernt. Aber ich war ja nicht als Sporty Spice unterwegs. Ich war nicht unterwegs, um Frau zu sein und mir mein Selbstwertgefühl mit Kosmetik aufzubauen, sondern um den Südpol zu erreichen. Das Einzige, an dem sich der gesellschaftlich orientierte Teil meines Egos festhalten konnte, war die goldene Kreditkarte. Merkwürdig, wie so ein Plastikteil die Augenhöhe verschiebt.

Mein Fahrrad ist keins, das mir hundertmal geklaut wird, kaum habe ich ihm den Rücken zugekehrt. Umso perfekter sind damit Kilometer zu machen. Täglich pedalte ich mich sechzig bis neunzig Kilometer weiter südwärts, unbehelligt von den Unannehmlichkeiten, die mich in Europa die neue Welt hatten ersehnen lassen.

In Arziona ließ mich der Grand Canyon auf meine Art jauchzen. Ich konnte nicht anders. So schlaff die Muskeln vom Pedalen sein mochten, ich rannte die 1400 Höhenmeter des South Kaibab Trail hinunter zum Rinnsal, das durch die Schlucht rieselt, und keuchte danach über den Bright Angel Trail wieder hinauf zum Fahrrad und meinen Habseligkeiten.

Etwas weiter südlich kreuzte ich die Route Sixty-Six bei Flagstaff, Arizona: ein Name, der mir von Bobby Troups Song wie Musik in den Ohren klang. Später im Jahr brachte der Winter kältere Tage, und zwischen Flagstaff und Yuma in Arizona wird die Landschaft so öde und leer, dass kaum Nahrung aufzutreiben war und über manche Kilometer weder Handy noch ein Internetcafé den Kontakt mit dem Rest der Welt möglich machten. Ich genoss es, den Lärm der Welt für eine Weile abgeschüttelt zu haben und in die Stille zu horchen. Vor dem Einschlafen legte ich mich auf den Rücken und blickte hinauf in die Milchstraße, die sich gleißend weiß über den Nachthimmel zog. Ich zählte die Sternschnuppen, wie ich als Kind Schäfchen gezählt hatte, bis der Schlaf mich überfiel. Noch selten habe ich so viele Sternschnuppen gesehen wie in jenem November in den Wüsten im Süden der Vereinigten Staaten.

In Yuma besuchte ich den Ort Felicity mit der Postleitzahl 1. Ich lernte die Gründer Istel und Felicia kennen, die vor den Nazis geflohen waren und hier in der Wüste in den Achtzigerjahren ein Desert-Monument errichtet hatten: eine haushohe Glaspyramide, die sie zum Mittelpunkt der Welt erklärten, obwohl doch Felicity nicht einmal Distrikt-Hauptort ist. Istel ist daran, die ganze Menschheitsgeschichte in Steinplatten zu meißeln, vom Augenblick an, da Gott Adam erschuf, bis heute. Fünf lange Reihen Steinplatten stehen schon draußen unter dem stahlblauen Himmel, aber das ist erst ein Anfang. Noch fehlen etwa die griechischen Philosophen, der Buddhismus und die Geschichte der Mathematik. Allein die Renaissance wird noch 110 Steinplatten erfordern. Aber das alte Paar hat einen langen Atem. Gerade am Tag, als ich da war, wurden die Glocken aufgezogen an einer Kirche, für deren Fundament sie einen Berg von 150 000 Tonnen Erde hinkarren ließen, als ob sie beweisen wollten, dass der Glaube Berge versetzt. Istel erzählte seine Geschichte, während Felicia strickend im Hintergrund saß. Sie hat ihren Mann immer begleitet. »Weißt du, Evelyne«, sagte er, »wenn ich zu Felicia sage, wir fliegen zum Mars, fragt sie wie selbstverständlich: ›Was soll ich einpacken?‹

Wenn es in Yuma nachts von weitem grollt und der Boden unter dem Zelt zu zittern beginnt, naht wieder einer dieser endlos langen, schweren Güterzüge, die sich etwa im Viertelstundentakt folgen … Ich hatte mein Zelt aus Achtlosigkeit nicht weit von den Gleisen aufgestellt und wurde die ganze Nacht wie von innen erschüttert. Noch selten fühlte ich mich so ausgeliefert wie am Morgen, als unversehens ein Brocken eines ziemlich verwahrlosten Mannes neben mir stand: Ein Trainman sei er, sagte er. Ich wusste gar nicht, dass es das noch gibt: ein Hobo, der nicht zum Sonntagsvergnügen, sondern aus schierer Notwendigkeit auf Güterzüge zwischen Kanada und Kalifornien auf- und abspringt, um sich kostenlos zum nächsten Wanderarbeiter-Job zu verladen. In den Vierziger- und Fünfzigerjahren hatten die Hobos die Beat-Generation entzückt. Ich hatte bloß Schiss. Aber er war ein guter Kerl, der nur kam, um mich zu warnen, wie schlecht viele andere seien …

In den USA hatte ich aus der Rückschau die wohl unbeschwerteste Zeit auf der Straße verbracht – und mir doch einiges abgefordert. Am Ende des Roadmovies, nach all den Schotterpisten, klapperte das Rad wie der Schwanz einer Rattlesnake, der man zu nahe tritt. Ich zog alle Schrauben nach, reinigte und schmierte Kette und Kettenblätter – und staunte über die Gutmütigkeit meines Caballo. 2300 Kilometer und ich weiß nicht, wie viele Höhenmeter sind wir in den USA prima zusammen gefahren. Ach, wenn ich auch bei mir einfach die Schrauben anziehen könnte, wenn es mal klappert oder klemmt.

Mal sehen, wie wir die größeren Strapazen Lateinamerikas überstehen. Um ehrlich zu sein, ich brauchte schon »guts«, wie die Amerikaner sagen, bevor ich in Mexicali den Sprung über die Grenze nach Baja California wagte. Nach allem, was man so hörte.

Im Reich der Machos

2. Dezember 2006

An der Grenze zu Mexiko stoßen zwei Welten wie Schwarz und Weiß aneinander. Englisch und Spanisch, Dollars und Pesos, die Welt der Efficiency und die Welt des Mañana. Jenseits des Stacheldrahts stürzte ich in ein Wechselbad der Gefühle, das ich nicht immer ganz leicht nehmen konnte, besonders wenn der Körper auch noch krasse Klimawechsel wegzustecken hatte.

In Baja California lernte ich die Armut und die Ausgesetztheit in der Dritten Welt kennen. Diese unwegsame, fast menschenleere Halbinsel Mexikos, größer als Italien, die sich wie ein Finger von der US-Grenze aus nach Süden in den Pazifik erstreckt, lässt einen erleben, dass die Wüste lebt. Riesenspinnen in der Größe von Taranteln zuckelten über die Straße, und unter dem Zeltboden machten sich mehr als einmal Skorpione bemerkbar. Wehe, wenn sie in die Schuhe krabbeln, die ich nachts anziehe, um pinkeln zu gehen.

Aber das bekümmerte mich nicht weiter. Wer die erbarmungslose Dauersonne dieses betörend öden Landstrichs überlebt, wird auch anderswo gedeihen. Im Desierto Central dauerte es oft Tage von einem Dorf zum andern. Manche Siedlung bestand bloß aus einem Dutzend eingefallener Hütten und kaputter Wohnwagen, in denen ein paar arme Seelen und räudige Hunde wohnten. Trinkwasser und Lebensmittel waren von da kaum zu bekommen, und abends juckte die Haut von der Salzschicht, die nach heißen, durchgeschwitzten Tagen den Körper bedeckte.

Von Hunden und Menschen

Meist schlug ich mein Zelt noch vor Sonnenuntergang auf. Bei aller Freundlichkeit der Bewohner wurde die Vorsicht meine ständige Begleiterin. Nie nannte ich mein Ziel mit Namen, und nach einer Nacht in einem Dorf brach ich zuerst in die Gegenrichtung auf, und erst, wenn ich alle möglichen Verfolger abgeschüttelt glaubte, schwenkte ich auf Nebenwegen wieder auf die geplante Route ein. Mit meinem Spanisch lernte ich immerhin, dem Fluch des »Gringo« oder der »Gringa« die Spitze zu brechen.

Die Exponiertheit am Berg hast du in den eigenen Händen. Auf der Landstraße exponiert man sich ganz anderen Gefahren. Ihnen ist man blind ausgeliefert. Dritte bestimmen dein Schicksal. Im Guten wie im Schlechten. Nicht mehr mein Ich war das Problem, sondern die Umwelt um mich herum. Ich wurde Beute. Weißes, blondes Freiwild, dem Mann gnadenlos nachstellen durfte. Auf den einsamen Highways hielten die Lastwagen an. Die Fahrer pfiffen und grölten hinter mir her und ließen nicht locker, sodass mein Herz zu flattern und meine Knie zu zittern begannen, wenn wieder ein Truck, der mich soeben überholt hatte, rechts am Rand anhielt, als ob er eine Panne hätte. Anfangs glaubte ich, der Fahrer brauche eine hilfreiche Hand für die Reparatur, bis offensichtlich wurde, dass er bloß seine fünf Glieder kaum im Zaum halten konnte.

Schon nach den ersten paar Tagen in Mexiko litt ich unter dem Machismo, wie nur eine Gringa darunter leiden kann. Ich war so genervt, dass ich mich in die Berge zurückzog, bevor ich mich wieder auf den Sattel wagte. Und zwar nur noch bewaffnet. Ein Elektroschocker, der Angreifer in eine längere Bewusstlosigkeit schickt, gab mir die Selbstsicherheit, meine einsame Spur von Norden nach Süden weiterzuziehen. Ich fragte mich oft, ob ich nicht doch auf den Geschäftsmann mit seinen Bodyguards hätte hören sollen. Die Tatsache, dass ich noch am Leben bin, beweist noch nicht, dass er unrecht hatte. Bloß, dass ich noch einmal davongekommen bin.

Gewiss, kein Wesen zeigt sich so undurchschaubar wie ein Mensch in feindlicher Absicht. Aber auch die Hunde machten mir zu schaffen, kaum war ich in Mexiko. Bis hinunter nach Chile streunen sie durch Dörfer und Felder und lauern jedem auf, der in ihre Riechweite kommt. Einzeln oder in Rudeln verfolgen sie alles, was sich bewegt, um mit lautem Gebell, gesträubtem Fell und fletschenden Zähnen Beute zu machen. Eine Flucht mit vierzig Kilo Gepäck auf dem Fahrrad ist aussichtslos. Selbst auf ebener Strecke, geschweige denn bergauf. Habe ich nicht vorhin gesagt, Feinde seien Spiegel der eigenen Schwächen? Diese Hunde. Ich beobachtete, dass sie meist einen Augenblick zögern, um die Kräfteverhältnisse abzuschätzen, bevor sie zum Angriff anhetzen. Das ist der Augenblick, vom Sattel zu springen, Steine zu werfen und ihnen fest entschlossen und schreiend entgegenzuschreiten.

Das kostet Kraft, oft mehrmals am Tag, doch reizt der Sieg umso mehr, als die Bauern der Umgebung den Wettkampf mit erbarmungsloser Gleichgültigkeit verfolgen. Sie pfeifen die Hunde nicht zurück, reagieren aber auch nicht, wenn einer, von einem Stein getroffen, winselnd das Weite sucht. In meiner Angst-Wut schrie ich dann »No me gustan los perros« – ich mag keine Hunde – und hatte wenigstens das Gelächter auf meiner Seite.

Kurz vor Loreto, der einzigen Stadt weit und breit im südlichen Baja California, traf ich Jörg und Andrea, ein deutsches Tourenbiker-Paar, die einen ähnlichen Weg wie ich in den tiefsten Süden Südamerikas vor sich hatten. Mein Ziel war Punta Arenas, das ihre Ushuaia. Es tut gut, ein bisschen zu klönen, ohne groß erklären zu müssen, warum und worüber man klönt. Doch unsere Wege sollten sich bald wieder trennen. Die beiden suchten einen Umweg rund um die beiden mexikanischen Provinzen Oaxaca und Chiapas herum. Für mich flog Sandro ein, um an meinen Erlebnissen Anteil zu nehmen. Er begleitete mich mit dem Auto durch die mexikanischen Staaten Mexico City, Puebla, Oaxaca und Chiapas bis San Cristóbal de las Casas, nahm mir in der schwersten Hitze das Gepäck ab – und gab mir Begleitschutz vor der Zudringlichkeit so mancher mexikanischer Männer.

Jörg, Andrea und ich sollten uns noch zwei-, dreimal wiedersehen, doch auch wenn wir verschiedene Wege fuhren, verband uns das Wissen um unsere ähnlichen Hoffnungen und Ängste während mancher einsamen Stunde irgendwo zwischen Himmel und Erde.

Rund 4000 Kilometer Luftlinie sind es in Mexiko von Grenze zu Grenze, und die Einsamkeit im Hochland ist ebenso hinreißend wie das Leben in den Städten. Die Kolonialstadt Guadalajara, »die Perle Mexikos«, wie die Reiseführer einander durchs Band weg abschreiben, gilt als die zweitgrößte und mexikanischste der mexikanischen Städte, geprägt von historischen Prachtbauten, Mariachi-Musik und dem Chic einer globalen Metropole: Gelegenheit, Material und Kleider zu ersetzen und mich für die nächsten paar Tausend Kilometer Provinz auszustatten.

Indios

Trotz allen Widerständen, die mir das Leben in Mexiko erschwerten, begeisterte ich mich doch für den Reichtum von Natur und Kultur. Meine Befindlichkeit schwankte wie eine Schalenwaage regelmäßig und heftig um ein labiles Gleichgewicht herum. Auf glückshormongesättigte Tage folgten schwarze und umgekehrt. Durch diese innere Gesetzmäßigkeit einer stabilen Instabilität lernte ich, die schwarzen Tage wegzustecken, bevor sie begannen, und die guten Zeiten umso rückhaltloser und bewusster zu genießen. Oft waren es Indios, die meiner Erkenntnis kleine Glanzlichter aufzustecken vermochten.

Sie, die einem oft grußlos begegnen und achtlos ihres Weges gehen, lassen uns gleichzeitig eine Fremdheit und eine tiefere Verwandtschaft spüren. Sie leben so nah zur Natur wie wohl auch wir in vergangenen Zeiten. Dürre, Flut und Plagen sind sie wehrlos ausgeliefert, doch eine Wirtschaftskrise, bei der wir für unser Vermögen vor der Bank Schlange stehen, kann sie kaum berühren. Jenseits von fließendem Wasser und elektrischem Strom schenken ihnen ein Esel, eine Sau und ein Acker was sie brauchen zum Leben – wenn sie sich dieses Geschenk mit genügend harter Arbeit verdienen. Manche Frauen, deren Haar offen den Hintern bedeckt, tragen Zöpfe. Sie kennen kein L’Oréal, kein Kérastase und kein Redken, und doch schimmert ihr Haar noch mit sechzig in gleißendem Schwarz.

Statt über Oaxaca de Juárez zu fahren, wählte ich einen kleinen Pass in einer öden Gegend auf 2800 Meter über Meer. Auf den Dächern der Lehmhäuser trocknete Mais. Die Landschaft erinnerte mich an die ausgestorbenen Dörfer des Nordtessins. Während ich mich keuchend und ausgedörrt vom Aufstieg an einem Brunnen im Bergdorf Benito Juárez erholte, kam ein alter Mann auf mich zu. Sein Gesicht war von tiefen Falten zerfurcht, und wenn er lächelte, sah man, dass er kaum mehr Zähne hatte. Er erzählte, wie schön das hier früher mal war, als Blumen blühten und die Kartoffel mehr als genug zum Leben hergab. Dann kamen amerikanische Düngemittelvertreter und versprachen weltliche Wunder. Mit den geeigneten Pulvern würden die Kartoffeln viel größer und zahlreicher werden. So war es denn auch. So große Kartoffeln hatte der Mann zuvor und danach nicht mehr gesehen. Aber die Freude währte nur kurze Jahre. Die Äcker verwüsteten. »La patata y las flores ya no quieren darse«, sagte der Mann mit einer Geste des Staunens und der Verzweiflung, da sich das Wunder nicht mehr einstellen wollte. »Die Kartoffel und die Blumen wollen sich nicht mehr zeigen.« Der Mann meinte, seither lebten sie mehr von Mais als von Kartoffeln, aber der Boden sei dennoch verwundet. »Que pena.« Welches Leid. Für den Mann sind Kartoffeln und Blumen etwas Beseeltes, deren Willen es zu respektieren gilt, weil aus jeder Seele das Göttliche spricht.

In diesem Dorf übernachteten Sandro und ich zweimal bei einer Frau voller Energie. Von ihr und anderen Indios lernte ich viel über die Kraft des Gebetes und des Bewusstseins. Überdies erhielt ich Einsicht in einen anderen Umgang mit Zahlen und Zeit und der Kunst, die Dinge zu nehmen, so wie sie sind.

Tiefer im Süden von Chiapas machten wir halt an einem Haus, vor dem auf einem Holzkohlenfeuer ein Suppentopf stand. Wer hier vorbeikam, rastete für eine Weile und ließ sich den Teller füllen. Neben der Herdstelle stand ein Tisch so nahe am Feuer, dass die Plastikplatte anschmorte. Sandro sagte: »Die Tischplatte schmort an.« Ohne sich umzusehen, rührte die Frau weiter in ihrer Suppe. Sie sagte: »Das ist, weil der Tisch so nahe beim Feuer steht.« Sandro war drauf und dran gewesen, den Tisch beiseitezuschieben, doch nun ließ er es bleiben. Jedem Ding sein Ort, und der Ort des Feuers war nun mal nahe beim Tisch.

Die gleiche Selbstverständlichkeit ließ immer wieder Leute an Bushaltestellen warten. Sie warteten wie Katzen vor einem Mausloch, mit geduldiger Zuversicht. Egal, wie lange sie warten, irgendeinmal erscheint die Maus. Vielleicht eine große, vielleicht eine kleine. Irgendeinmal kommt der Bus. Ob das nächste Dorf einen Kilometer, zehn oder hundert Kilometer entfernt liegt? Spielt das eine Rolle? Wir warten. Einmal wird ein Bus hinfahren.

Ich nahm mir die Haltung immer wieder zum Vorbild. Aber dem Vorbild nachleben konnte ich kaum. Nur hie und da fühlte ich mich auf dem richtigen Weg. Der Kilometerzähler fehlte mir nicht mehr.

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19 aralık 2025
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