Kitabı oku: «Sprachbewusste Gedichtanalyse»
UTB 5035

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Fabian Wolbring
Sprachbewusste
Gedichtanalyse
Eine praktische Einführung
Vandenhoeck & Ruprecht
Dr. Fabian Wolbring ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Neuere deutsche Literatur- und Kulturwissenschaft der Universität Bonn. Seine Lehr- und Forschungsschwerpunkte liegen in der Lyrokologie, der Medientheorie und der Literaturdidaktik. Neben seiner akademischen Tätigkeit betreut und begleitete er diverse Jugendprojekte im Bereich HipHop und Rap und war außerdem schon selbst als Rapper, Blogger und Erzähler in den (Sub-)Kulturszenen des Ruhrgebiets unterwegs.
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© 2018, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG,
Theaterstraße 13, D-37073 Göttingen
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Umschlagbild: Fotografie ©Andrea Kiesendahl
Umschlaggestaltung: Atelier Reichert
Satz: SchwabScantechnik, Göttingen
EPUB-Produktion: Lumina Datametics, Griesheim
Vandenhoeck & Ruprecht Verlage | www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com
UTB-Band-Nr. 5035
ISBN 978-3-8463-5035-5
Inhalt
1.Einführendes
2.Was ist ein Gedicht?
3.Sprache als Medium
4.Mündlichkeit und Schriftlichkeit
5.Wortgruppenbildung
6.Sprechverhalten
7.Erzählweise
8.Oppositionen
9.Sympathielenkung
10.Metrum und Rhythmus
11.Lautung und Reim
12.Gedichtvergleich
13.Literatur
1. Einführendes
Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ’ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen1
Mit diesem Tweet löste eine Abiturientin aus Nordrhein-Westfalen vor einiger Zeit eine bundesweite Debatte über den lebenspraktischen Wert und Unwert aktueller Unterrichtsgegenstände aus und sprach damit offenkundig vielen Menschen aus der Seele.2 Die „Gedichtsanalyse“ [sic] gilt demnach als Inbegriff des Obsoleten; als Sammelsurium kruder Praktiken wie Reimschemabestimmung oder Versfußmessung, das ausschließlich dazu dient, nicht minder kruden Texten3 vermeintliche Bedeutungen abzuringen und aufzubürden, über deren Berechtigung bzw. Richtigkeit die jeweilige Lehrkraft dann nach schleierhaften Kriterien Urteile fällt.
Gerade in Zeiten zunehmender Standardisierung erscheint mir eine gesunde Skepsis gegenüber dem Nutzen manches Lyrikunterrichts durchaus angebracht. Statt die Lernenden für ein Gedicht und seine jeweils spezifische sprachliche Gestaltung zu sensibilisieren, werden ihnen häufig rigide schematische Lösungsmuster eingepaukt, die sie zu dem zweifellos selbstüberschätzenden Irrglauben führen, sie könnten (noch dazu in vier Sprachen) Gedichte angemessen und erschöpfend analysieren. Meine persönliche Erfahrung als Leiter zahlreicher Einführungsseminare in die Gedichtanalyse zeigt indes, dass die meisten Studierenden am Anfang ihres Studiums große Probleme oder Hemmungen haben, überhaupt etwas zu einem zuvor unbekannten Gedicht zu sagen, geschweige denn analysierende oder interpretierende Leseweisen zu entdecken, die auf sorgfältigen Textbeobachtungen basieren. Daher empfand ich es als vorderste Dozentenpflicht, meinen KursteilnehmerInnen diesbezüglich Hilfestellung zu leisten. Sie wurden angehalten, dem jeweiligen Gedicht unvoreingenommen und doch interessiert und aufgeschlossen zu begegnen, es gründlich und mehrfach zu lesen, es auf Basis des eigenen Sprachempfindens nachzuvollziehen und in seiner Wirkung zu beschreiben, sich zu wundern, Formulierungsentscheidungen zu hinterfragen und zuletzt zu versuchen, Wirkungseindrücke und Verständnishypothesen über Textbelege argumentativ zu plausibilisieren. In der Terminologie der Literaturdidaktik lassen sich diese Formen der Texterschließung unter den Begriff des textnahen Lesens subsumieren.4 In literaturwissenschaftlichen Kontexten ist hingegen von Close Readings die Rede.5
Wie bei Gedichtanalysen üblich wurde in den Seminaren oft nach einer Gesamtbedeutung des jeweiligen Gedichtes gefragt.6 Wichtiger als die finale Interpretation war aber stets die Analyse selbst, d. h. die sorgfältige Untersuchung des jeweiligen Gedichts nach unterschiedlichen Gesichtspunkten. Meine Funktion bestand darin, fragenentwickelnde Kursgespräche anzuregen; über den Text, vor allem aber auch mit dem Text, da alle Fragen an diesen gerichtet und alle potentiellen Antworten, Argumente und Hypothesen aus ihm heraus generiert werden sollten. Lediglich zur Klärung unbekannter Begriffe oder offensichtlicher Anspielungen wurden sekundäre Quellen und Hilfsmittel zugelassen (etwa wenn die Loreley namentlich im Text vorkam, der Mythos aber nicht bekannt war). Eine solche Analysepraxis, bei der literaturgeschichtliches Kontextwissen zu Autor, Gattung und Epoche zunächst weitgehend ausgeklammert wird, nennt man in der Fachsprache werkimmanent. Entsprechende Informationen mögen für die tiefergehende Analyse in schriftlichen Arbeiten sicherlich unabdingbar sein; als vorschnell herbeigegoogletes Herrschaftswissen lenken sie erfahrungsgemäß aber eher von der konzentrierten Lektüre ab und verhindern nicht selten den primär angestrebten, selbstdenkenden Erschließungsprozess der Studierenden.7 Allerdings wurde zu Beginn jeder Sitzung in einem kurzen Dozentenvortrag eine Methode oder Beobachtungshinsicht vorgestellt, die als Such-Impulse fungieren sollten, d. h. als Anregungen, das jeweilige Gedicht einmal im Lichte des jeweiligen Aspekts zu untersuchen und zu „befragen“. In diesem Sinne verstehe ich die Seminare (wie auch diesen Band) als praktisch orientiert, weil stets die konkrete Anwendung theoretischen bzw. methodischen Wissens angestrebt wird.
Was die Kursgespräche auszeichnete, war ihre Ergebnisoffenheit. Gedichtanalyse wurde nicht als Geschäft der harten Wahrheiten aufgefasst, sondern vielmehr als eine bewusst assoziative und spekulative Praxis, die dazu dient, jenseits von wahr und falsch zu nachvollziehbaren Hypothesen zu gelangen, deren Berechtigung es selbst graduell einzuschätzen und argumentativ zu vertreten gilt. Im reflektierten Abgleich mit anderen lernten die Studierenden häufig erst die eigenen Rezeptionsgewohnheiten und Verarbeitungsroutinen kennen, die das individuelle Verständnis (oder Unverständnis) für einen Text mitbestimmen. Gedichte gelten dabei bekanntlich als Texte mit besonders hohem Irritationspotential (siehe Kap. 1).8 Gleichzeitig herrschte natürlich nie der Anspruch, die eine, ausschließlich gültige, womöglich gar vom Autor legitimierte Bedeutung zu erschließen.
Die Seminare fanden bei den Studierenden viel Zuspruch und lassen diese Text-/Kurs-Gespräche als guten Nährboden für eine konzentrierte und interessierte Lektüre von Texten erscheinen. Leider lassen sie sich nicht gleichwertig in ein Buch überführen, da sie hier notwendig ihre Offenheit und Interaktivität verlieren. Trotzdem soll dieser Band seine Leserschaft zu einem vergleichbar offenen und diskursiven Umgang mit Gedichten animieren. Die elf Kapitel entsprechen dabei elf exemplarischen Textgesprächen, bei denen wie im Seminar jeweils eine Beobachtungshinsicht in den Blick gerät. Der Ton des Bandes ist dabei bewusst subjektiv gehalten, auch um die notwendig subjektiven Anteile jeder Gedichtanalyse sprachlich abzubilden (siehe Kap. 2).
Nachdem das erste Kapitel (1.) kursorisch die Frage nach den potentiellen Kennzeichen und Merkmalen eines Gedichts behandelt, wird der Blick auf die grundsätzliche Medialität von Sprache gelenkt (2.), dann auf die Unterschiede zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit (3.), auf die in einem Text verwendeten Wörter (4.), das ausgestellte Sprechverhalten (5.), narrative, d. h. erzählende Aspekte (6.), die Oppositionsstrukturen (7.), die implizite Sympathielenkung (8.), den Rhythmus (9.) und den Reim (10.). Abschließend wird ein exemplarischer Gedichtvergleich vorgeführt (11.). Natürlich erhebe ich bei dieser Auswahl keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit, glaube aber, dass die Methoden oder Beobachtungshinsichten zusammengenommen ein vielfältiges und zeitgemäßes Instrumentarium zur Erstbegegnung mit einem Gedicht ergeben. Die Reihenfolge ist dabei nicht zwingend, hat sich aber bewährt und, dass die „typischen“ formalen Gedichtanalyse-Elemente ans Ende gerückt sind, hängt durchaus damit zusammen, dass sie nach meiner Erfahrung häufig recht wenig zum basalen Textverständnis beitragen. Ist ein solches allerdings erst einmal gewonnen, können formale Aspekte den Blick noch einmal neu justieren und noch einmal neue Befunde erbringen, die die bisherigen bestätigen, spezifizieren oder auch irritieren.
Ausschlaggebend für die Auswahl der Gedichte war deren Tauglichkeit, in der jeweiligen Hinsicht „Gesprächsstoff“ zu bieten, da nicht jeder Zugang bei jedem Text gleichwertige Analyseerträge liefert. Die Beispiele reichen von kanonisierten Klassikern des 18. Jahrhunderts über romantische Verse, Biedermeier-Gedichte, moderne Lyrik, konkrete Poesie bis hin zu aktuellen Lyrikformen wie Rap; wobei sie – dem Prinzip der Seminare folgend – weitestgehend ahistorisch und dekontextualisiert aus einem heutigen Sprachempfinden heraus betrachtet werden. Ein Gedicht (Conrad Ferdinand Meyers ZWEI SEGEL) wird zudem kapitelübergreifend herangezogen, um zu demonstrieren, wie die unterschiedlichen Zugänge im Zusammenspiel dazu führen können, das Gespräch mit dem Text immer wieder neu, anders und vertiefend „in Gang“ zu halten.
Die Beobachtungshinsichten sind mehrheitlich allgemeinsprachlicher Natur und damit nicht lyrikexklusiv. Dies erklärt sich daraus, dass der hier verfolgte Zugang zur Gedichtanalyse ein explizit sprachbewusster ist, also einer, bei dem die Gedichte auf ihren jeweils spezifischen Gebrauch von Sprache hin untersucht werden. Gedichte gelten als Texte, die die Darstellungs- und Gestaltungsmöglichkeiten der Sprache in besonderem Maße exponieren (siehe Kap. 1). Sie sind daher prädestiniert zur Förderung jener im aktuellen didaktischen Diskurs häufig erwähnten „Sprachbewusstheit“, also eines reflektierten Verständnisses für die Funktions- und Wirkungsweisen der Sprache.9 Im Idealfall entwickeln die Studierenden bei der Analyse also nicht nur ein Verständnis für das jeweilige Gedicht, sondern auch eine erhöhte Sensibilität für das Medium Sprache. Hierin besteht in meinen Augen sogar der eigentliche „Bildungswert“ der in diesem Band vertretenen Form von Gedichtanalyse: Sie ermutigt zur genauen, mündigen und geduldigen Beobachtung von Sprache und regt dabei gleichermaßen zu Gründlichkeit wie Offenheit im Denken an. Sie fördert somit basale kognitive Kompetenzen, die sich in diversen (Sprach-)Kontexten und folglich nicht nur für angehende PhilologInnen als nützlich erweisen. Daher erscheinen sie mir als ebenso lernenswert und lebensnah wie das Wissen über Steuern, Miete oder Versicherungen.
Der Band richtet sich vornehmlich an Bachelorstudierende und OberstufenschülerInnen (bzw. deren Dozenten- und Lehrerschaft) und möchte diese ermutigen, Texten unbefangen und interessiert zu begegnen. Er versteht sich daher als Ergänzung zu anderen Einführungen (wie z. B. Burdorf 2015, Felsner et al. 2012 oder Elit 2008), die insgesamt eher gattungstheoretisches und -historisches Wissen vermitteln. Das Literaturverzeichnis am Ende (Kap. 12) eröffnet zahlreiche Anschlüsse für alle, die sich tiefergehend mit der Lyrikologie, d. h. der Lyriktheorie und anderen Bereichen der Lyrikforschung, auseinandersetzen möchten.10
1Naina (@nainablabla), 10.01.2015, Tweet.
2Vgl. etwa Franz Nestlers Artikel „Wie ein Tweet eine Bildungsdebatte auslösen konnte“ in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG vom 16.1.2015.
3Vgl. zu den generellen Ressentiments vieler Schülerinnen und Schüler gegenüber Lyrik z. B. Pfeiffer 2013, S. 65 oder Waldmann 2006, S. 5.
4Vgl. Jürgen Belgrad und Karlheinz Fingerhut (Hrsg.): TEXTNAHES LESEN. ANNÄHERUNGEN AN LITERATUR IM UNTERRICHT. Hohengehren 1998.
5Vgl. Hallet 2010, S. 294.
6Die Seminare standen folglich durchaus im Zeichen der Hermeneutik, also des ausdeutenden Interpretierens von Texten. Die Hermeneutik hat als „Kunst der Auslegung“ eine bis in die Antike zurückreichende Tradition (vgl. Berensmeyer 2010, S. 29 ff.).
7Vgl. Belgrad und Fingerhut: „Textnahes Lesen stellt zunächst den vorliegenden Primärtext in den Vordergrund. Wir lassen also zunächst die Hilfestellung zusätzlicher Informationen über Autor, Werk, Gattung, Epoche usw. beiseite, und zwar weil diese den Text unter dem gewählten Gesichtspunkt (z. B. Gattung) ‚modellieren‘ würden. Deutungen, die sich vorwiegend auf den Hintergrund von Autor, Gattung, Epoche stützen, geben dem Text einen allgemeineren, einen überindividuellen (in der Sprache Derridas einen ‚logozentrischen‘) Charakter. Die Interpretation verweist sofort über diesen Text hinaus auf Generelles beim Autor, der Gattung oder der Epoche. Sie übersehen oft Wichtiges, das im Text vor Augen liegt, indem sie prinzipiell immer auf etwas anderes verweisen. Sie unterstellen unbefragt, daß das Spezielle sich dann schon im Allgemeinen zeigt“ (Belgrad und Fingerhut 1998, S. 8 f.).
8Vgl. etwa Anja Pompe: „Keine andere literarische Ausdrucksform ist so sehr auf das Aussetzen der Verständnisroutine angelegt, mithin auf Verzögerung, wie die Lyrik“ (Pompe 2015, S. 7).
9Vgl. etwa den Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 18.10.2012 zu den Bildungsstandards im Fach Deutsch für die Allgemeine Hochschulreife, S. 20.
10Einen kommentierten Überblick über verschiedene einschlägige Lyrik-Einführungen stellt etwa Oliver Müller seiner eigenen Lyrik-Einführung voran (s. Müller 2011, S. 10 ff.).
2. Was ist ein Gedicht?
Was ist eigentlich ein Gedicht? Diese schlichte Frage steht erfahrungsgemäß am Anfang beinahe jedes Einführungsbandes und Proseminars zur Gedichtanalyse. Und obwohl die meisten Menschen gemeinhin einen als Gedicht intendierten Text ohne Schwierigkeiten auch als solches erkennen und überdies sicher leicht selbst ein Beispielgedicht benennen und womöglich gar rezitieren könnten, fällt es doch erstaunlich schwer, Alleinstellungsmerkmale anzugeben und das Wesen eines Gedichts zu definieren.1 Entsprechend kursieren in Literatur wie Seminardiskurs erstaunlich vielfältige Hypothesen zu den potentiellen Kennzeichen von Gedichten, von denen ich die gängigsten im Folgenden kurz und überblicksweise vorstellen und an einem Beispiel auf ihre Tauglichkeit hin prüfen möchte.
Mein Beispiel stammt aus Loriots berühmtem Fernseh-Sketch WEIHNACHTEN BEI HOPPENSTEDTS aus dem Jahr 1978. Der propere Familienspross Dicki wird von Mutter Hoppenstedt aufgefordert, unterm Tannenbaum ein Gedicht aufzusagen und Dicki skandiert unaufgeregt die drei Worte:
Zicke, Zacke – Hühnerkacke.
Ist das nun ein Gedicht? Aus Mutter Hoppenstedts Reaktion („Nein, das nicht.“), lässt sich ableiten, dass sie Dickis Aussage zwar als unpassendes, aber eben doch als Gedicht anerkennt. Und aus literaturwissenschaftlicher Perspektive?
Lyrik als Gattung
Die Frage, ob ein Text ein Gedicht sei oder nicht, erscheint hier als eine Frage nach der Gattung. Klassischerweise werden mit Epik, Dramatik und Lyrik drei Großgattungen unterschieden, wobei Gedichte mehrheitlich oder sogar vollständig letztgenannter zugehören sollen.2 Abgegrenzt wird diese Gattung dabei häufig durch Negativbefunde. Im Gegensatz zu den Texten der Epik wären Gedichte etwa konstitutiv „fabellos“,3 d. h. sie erzählten grundsätzlich keine Geschichten. Im Gegensatz zu den Texten der Dramatik, die stets dialogisch seien, handle es sich bei Gedichten konstitutiv um „Einzelreden“4, die zudem nicht „auf szenische Aufführung hin angelegt“5 wären. Für Dickis Text ließe sich all dies nun durchaus bestätigen (wobei der Vortrag wohl auch etwas von einer „Aufführung“ hat), aber dass dies ausreicht, um einen beliebigen Text als Gedicht zu erkennen, scheint fragwürdig.
Formale Kennzeichen
Im REALLEXIKON DER DEUTSCHEN LITERATURWISSENSCHAFT findet sich eine sehr knappe, rein formale und anscheinend recht verbindliche Minimaldefinition von Gedicht, die da lautet: „Text in Versen“6. Obgleich sich auch die offenkundige Anschlussfrage, was denn nun eigentlich ein Vers sei, trefflich diskutieren ließe (siehe Kap. 9), erfüllt Dickis Aussage dieses Kriterium geradezu bravourös: Acht trochäisch geordnete Silben (betont/unbetont) formen zwei Verse mit deutlicher Zäsur dazwischen. Darüber hinaus erfüllt der Text mit seinen markanten Endreimen („Zacke“ auf „-kacke“), wie auch mit dem konsonantischen Binnenreim („Zicke“ auf „Zacke“),7 das landläufig wohl verbreitetste Klassifizierungs-Kriterium des „Gereimtseins“ (siehe Kap. 10). Und auch das ebenfalls formale Kriterium der „relativen“ Kürze8 lässt sich attestieren.
Landläufig wird die Gattung zuweilen auch inhaltlich oder thematisch bestimmt. So wird sie etwa häufig als „Affektgattung“ aufgefasst, die konstitutiv von einem „lyrischen Ich“ handle, das durch das Gedicht seine Emotionen zum Ausdruck brächte.9 Entsprechende Liebes- oder Sehnsuchtsgedichte zählen sicher zu den populärsten Texten der Gattung, doch in Dickis Fall ist davon zunächst nichts zu entdecken (auch wenn man durchaus Rückschlüsse auf dessen Gefühlslage ziehen könnte [s. u.]). Ebenfalls schwierig erscheinen inhaltliche Bestimmungsversuche, nach denen Gedichte stets bestimmte Augenblicke oder Situationen einfangen.10 Davon ist bei Dickis Text nichts auszumachen. Eher fängt der Sketch eine Situation ein (Weihnachtsabend) und Dickis Verse bilden eine grundsätzlich situationsunabhängige, beliebig rekontextualisierbare Einheit. Auch die Einschätzung, Gedichte lieferten „prägnant[e] Zeitdiagnosen“11 ihrer jeweiligen Epoche, überzeugt in diesem Fall nicht. Der Sketch mag das deutsche Spießertum der späten 70er portraitieren oder persiflieren, doch Dickis Worte wirken als typische Kinderverse merkwürdig ahistorisch.
Inhaltliche Kriterien
Insgesamt passender erscheinen da Bestimmungsversuche, nach denen der Inhalt bei einem Gedicht eben keine oder nur eine untergeordnete Rolle spielt, weshalb es als „semantisch entlasteter“ Text besonders „ästhetisch“ wirken könne (s. u.). Oder geht es womöglich wirklich um Hühnerkacke? Vielleicht solche, die im „Zickzack“, also kreuz und quer im Hühnerstahl verteilt wurde? Und wie verhält es sich mit der These, Gedichte hätten als „autoreferentielle Texte“12 stets sich selbst zum Inhalt? Trifft dies auf ein „Zicke, Zacke – Hühnerkacke.“ auch zu?
das „lyrische Ich“
Nicht einmal ein explizites „lyrisches Ich“ taucht im Gedicht auf, das ebenfalls gelegentlich als bestimmendes Merkmal der Gattung angegeben wird.13 Aber gibt es nicht immer ein Äußerungssubjekt, also jemanden, der das „Zicke, Zacke – Hühnerkacke.“ notwendigerweise spricht oder gesprochen haben muss (siehe Kap. 2)? Kaspar Spinner definiert das „lyrische Ich“ als „Leerdeixis“14, d. h. als unbesetzte Sprecherrolle, die weder vom Autor noch von einer näher bestimmbaren Figur eingenommen wird.15 Tatsächlich erscheint auch unser Gedicht weder als die unmittelbare Aussage der Figur Dicki (die eher zu rezitieren scheint), noch als die des Sketch-Autors Loriot. Vermutlich ist Loriot auch nicht der Autor des Gedichts, sondern es handelt sich um jahrzehntelang bekannte Verse eines längst vergessenen Urheber-Kindes, die – ganz im Sinne einer Leerdeixis – bereits von zahllosen Sprecherkindern zitiert und adaptiert wurden. Aber wäre ein Verstext, bei dem das Äußerungssubjekt eindeutig einem Autor oder einer Rolle zuzuschreiben ist, demnach kein Gedicht?
poetische Sprache?
Häufig liest man auch, Gedichte seien durch eine eigene, eben „poetische Sprache“ gekennzeichnet, die von der „Normalsprache“ zu unterscheiden sei.16 Aber wodurch? Etwa durch ein eigenes Vokabular? Die Worte „Zicke“ und „Zacke“ – insbesondere im Zusammenspiel – erscheinen mir tatsächlich nicht dem alltagssprachlichen Lexikon zuzugehören; „Hühnerkacke“ indes schon. Es ist offensichtlich nicht Teil jener gedichtexklusiven „gesteigerten Sprache“, die, dem Literaturdidaktiker Winfried Pielow zufolge, „auch noch das ‚Zarteste‘ sagen kann“,17 und auch nicht jenes konventionellen Registers „poetischer Sprache“, das Begriffe wie Ach! und Weh!, Herzeleid, Nymphe oder Windeshauch enthält.18 Reicht das aus, um Dickis Versen den Status „Gedicht“ abzuerkennen? Dass Gedichte gemeinhin einen entsprechend erhabenen Stil oder „hohen Ton“ erwarten lassen, zeigt sich daran, dass dessen Nichtentsprechung letztlich die Komik des Sketches generiert. Von einer gedichttypischen „verdichteten Bildsprache“,19 die sich wohl etwa im metaphorischen bzw. symbolhaften Gebrauch von Begriffen wie Rose, Schiff oder Sonne niederschlägt, ist bei Dicki ebenfalls nichts zu erkennen. Zumindest fiele mir nichts ein, wofür die Hühnerkacke hier Symbol oder Metapher sein könnte. Die poetische Sprache von Gedichten – so liest man – sei dazu imstande, im „synästhetischen Vollzug“20 mehrere Sinneswahrnehmungen zu verschränken, doch Dickis Zeilen erwecken in mir (zum Glück) weder bildliche, noch haptische oder gar olfaktorische Vorstellungen. Mal liest man, die Sprache im Gedicht zeichne sich durch ihre Mehrdeutigkeit aus21 und mal durch ihre Prägnanz und darstellerische Genauigkeit.22 Mal gilt sie als besonders hermetisch (also verschlossen) und mal als genuin assoziativ; ein anderes Mal als besonders klangvoll, harmonisch oder gar musikalisch.23 Letzteres mag auf Dickis Verse, die tatsächlich den Charakter eines Spottliedes haben, durchaus zutreffen, aber der Rest? Mir fällt es schwer, in den Zeilen einen klaren Sinn zu erkennen, aber ist es deswegen schon hermetisch oder mehrdeutig? Ich finde sie (vor allem im Weihnachtsabendkontext) auch durchaus drastisch; aber besonders prägnant oder genau?
Für unser Vorhaben, im Gespräch mit Gedichten die Wirkungsweise von Sprache zu reflektieren, erscheint mir die Vorannahme, Gedichte würden eine genuin „andere“ Sprache verwenden als andere Texte, nicht zielführend. Eher nutzen sie dieselbe Sprache wie alle auf gedichtspezifische Weisen, um die oben genannten Effekte (oder auch andere) zu generieren. Ihre AutorInnen wenden womöglich bestimmte Verfahren bei der Erstellung eines Gedichtes an, d. h. sie folgen (bewusst oder unbewusst) bestimmten Regeln und Grundsätzen (Poetiken) bei der Konzeption ihrer Texte und produzieren so den Eindruck von Poetizität, d. h. eines ungewöhnlich kunstvollen Sprachgebrauchs. Aber was genau macht diese Verfahren aus?
Normen im Gedicht
Gelegentlich wird die Position vertreten, dass in Gedichten Sprachnormen überschritten24 und die basalen Anordnungs- und Flexionsregeln sprachlicher Äußerungen (Syntax und Grammatik) nicht länger gelten würden. Für Dickis Verse ließe sich etwa feststellen, dass sie keinen vernünftigen deutschen Satz bilden, weil ihnen das Prädikat fehlt. Andererseits liest man auch, dass Gedichte dadurch gekennzeichnet wären, dass sie vielmehr zusätzlichen Anordnungsregeln folgten, die im alltäglichen Sprachgebrauch missachtet würden. Typischerweise sind dies (wie bei Dicki) Vers- oder Reimmuster, die eingehalten werden (müssen?), möglicherweise aber auch Prinzipien wie eine festgelegte Wortanzahl, bestimmte Lautmuster (z. B. nur „dunkle“ Vokale) oder auch ein bestimmtes Vokabular (z. B. viele „Farbwörter“). Muster entstehen dabei vor allem durch Wiederholungsstrukturen und Rückbezüge (Rekurrenzen) im Text, zumeist in Form von Variationen.
Überstrukturiertheit
Besonders beliebt ist die Vorstellung, der Sprachgebrauch im Gedicht sei dadurch gekennzeichnet, dass er Form und Inhalt in Einklang brächte, also eine „Gestalt-Gehalt-Korrespondenz“25 generiere. Das Wie der Darstellung entspräche folglich dem Was des Inhalts, etwa indem ein wilder Galopp in einem entsprechend „galoppierenden“ Sprechrhythmus umgesetzt oder eine traurige Stimmung mit vielen dunklen Vokalen „orchestriert“ würde. Gerade in diesem Zusammenhang taucht im theoretischen Diskurs gelegentlich der Begriff der Überstrukturiertheit von Gedichten auf. Überstrukturiertheit bedeutet, dass die Sprache in Gedichten auf unterschiedlichen Ebenen bedeutungstragend eingesetzt wird.26 Während in der Alltagssprache die Sätze und Wörter vorwiegend semantisch eindeutig in ihrer lexikalischen Grundbedeutung (Denotation) benutzt würden, seien im Gedicht auch assoziative Nebenbedeutungen (Konnotationen) relevant und auch der Klang der Wörter und der Rhythmus der Verse würden bedeutungstragend eingesetzt. Demnach kommuniziert ein Gedicht also „mehrkanalig“ und die dadurch gleichzeitig vermittelten Botschaften können zueinander in Beziehung gesetzt werden. Klappt das auch bei Dicki? Nun ja, man könnte etwa sagen: das Wort „Hühnerkacke“ hat neben seiner denotativen Bedeutung als Bezeichnung für Unrat, diverse konnotative Nebenbedeutungen durch seine Assoziationen mit Unwerten, Unnützem, Schmutzigem, Lächerlichem, aber auch Ländlichem, Bäuerlichem etc. „Zicke, Zacke“ hat anscheinend keine unmittelbare denotative Bedeutung (s. o.). Oder ist mit Zicke doch eine weibliche Ziege gemeint (die ja thematisch gut zum Huhn passen würde)? Immerhin wird dieses Wort vielfach auch figurativ und abwertend für „launische Frauen“ verwendet. Für mich klingt die Wortfolge aber eher nach Tempo und Bewegung; ähnlich wie zackig oder Ruckizucki oder auch nach Hin und Her. Reim und Rhythmus verhelfen den Worten dann zudem zu einer liedhaften Komponente, die ihnen den Charakter eines Spottliedes verleihen, vergleichbar mit dem trotzigen Näh-NähNäh-Näh-Näh eines entwischten Kindes beim Fangenspiel. Lassen sich die vermeintlichen „Bedeutungen“ der unterschiedlichen Ebenen denn nun sinnvoll zu einer einzigen Bedeutung zusammenführen? Womöglich gar zu einer Botschaft oder „Lehre“27 für die Leser? Ist das überhaupt nötig? Und welche könnte das sein? Und wer hat sie dort „versteckt“?
Funktionen eines Gedichtes
Man könnte die Bedeutung von Dickis Versen an ihrer Funktion festmachen. Etwa indem man sagt, sie dienten als Provokation der Mutter. Eine solche Funktion hängt dabei gar nicht notwendigerweise von den expressis verbis behandelten Inhalten oder vom Sprachgebrauch ab, sondern wohl eher an der kommunikativen Absicht des Äußerungssubjektes. Tatsächlich sind auch einige der gängigen Bestimmungsversuche von Gedichten in dieser Art und Weise funktionsorientiert. Die Selbstaussprache gilt dabei als besonders typische Funktion eines Gedichtes,28 selbst wenn der Text die Emotionen und Gefühle nicht explizit erwähnt. Dickis stoische Coolness ließe sich daher vielleicht als bewusst ausgestellter Anti-Affekt interpretieren bzw. als Beleg von Affektkontrolle, als Ausdruck von Langeweile oder als rebellischer Akt gegenüber der biederen, aufoktroyierten Weihnachtsidylle. Dass Sprechakte – also durch sprachliche Äußerungen vollzogene Handlungen – das Wesen von Gedichten bestimmen, ist seit Heinz Schlaffers einflussreichem Aufsatz SPRECHAKTE DER LYRIK eine verbreitete Annahme der Lyriktheorie (siehe Kap. 5). Gedichte dienten etwa dem Loben, Klagen, Mahnen, Danken, usw. Allerdings liest man auch, dass sie als „Performativitätsfiktionen“29 lediglich der Ausstellung oder literarischen Fingierung von Sprechakten dienten. Aber welchen Sprechakt stellt Dicki hier eigentlich aus? Eine genaue Bestimmung scheint schwierig.
Exponierung der Sprache
Mancher erkennt das Wesen des Gedichts denn auch in dessen Absichts- und Funktionslosigkeit.30 Es sei „entpragmatisiert“ und diene folglich – anders als ein Sach- oder Alltagstext – nicht der unmittelbaren Vermittlung von Informationen oder der Referenz eines lebenswirklichen Sachbestandes und auch nicht dem Vollzug eines lebenspraktischen Sprechaktes. Auf Dickis Nonsense-Verse könnte dies durchaus zutreffen. Allerdings erweist sich die Funktionslosigkeit von Gedichten bei näherer Betrachtung zumeist gar nicht als funktionslos. So dient sie dem Literaturwissenschaftler Jonathan Culler zufolge dem foregrounding der Sprache, also ihrer Exponierung als Medium (siehe Kap. 2).31 Damit schließt Culler seinerseits an Überlegungen des Strukturalisten Roman Jakobson an, der verschiedene Funktionen sprachlicher Äußerungen unterschieden und untersucht hat. Als poetische Funktion der Sprache bestimmt er dabei diejenige, bei der die „Einstellung auf die Nachricht als solche, die Zentrierung auf die Nachricht um ihrer selbst willen“32 dominiert. Bezogen auf unser Beispiel hieße das, Dickis Verse sind vor allem ästhetischer Selbstzweck. Sie werden gesprochen weil sie „gut“ klingen. Durch Rhythmus und Reim werde das Wortmaterial selbst in den Mittelpunkt des Interesses gerückt, also seine Lauteigenschaften und spezifische Anordnung.
rituelle Texte
In vielerlei Hinsicht entsprechen Dickis Verse somit auch einem Ideal, nach dem ein Gedicht stets für den mündlichen Vortrag33 oder gar für den Gesang bestimmt ist. Schließlich wird der „Zicke, Zacke!“-Schlachtruf auch in Fußballstadien skandiert. Allerdings kursiert auch ein anderes Gedichtideal, nach dem Gedichte dezidiert Schriftprodukte sein sollten, die geschrieben und gelesen werden müssten.34 Ursprünglich wurden Gedichte wohl vor allem als Bestandteil von Ritualen realisiert, d. h. dass die frühesten Gedichte womöglich zeremonielle Texte wie Gebete, Zaubersprüche oder Beschwörungsformeln waren. Dickis Verse könnten als typische Auszähl- oder Spottverse betrachtet werden, wie sie vielfach Kinderspiele begleiten. Die Komik des Sketches erklärt sich dann daraus, dass das Weihnachtsfest einen ganz anderen Typ von zeremoniellem Begleitgedicht erwarten lässt.
Mit Blick auf modernere Ausprägungen der Lyrik wird inzwischen auch die Meinung vertreten, dass es letztlich nur der Kontext und die Rahmung sei, die aus einem Text (oder womöglich auch jeder anderen Daseinsform) ein Gedicht machten.35 Ein Text, der in einer Lyrik-Anthologie erscheint, auf einer als Dichterlesung deklarierten Veranstaltung deklamiert oder in einem Lyrikseminar präsentiert wird, würde demnach als Gedicht rezipiert, auch wenn er kein einziges der bisher erwähnten Kriterien erfüllt. In Dickis Fall hieße das, dass die Ankündigung der Mutter alleine jede Äußerung Dickis als Gedicht erscheinen lassen würde. Wenn Dicki allerdings erwidert hätte: „Nee, kein Bock!“, hätte das wohl niemand als Gedicht interpretiert, oder?
Kontext und Rahmung
Wäre der Satz in Peter Handkes Gedichtband DIE INNENWELT DER AUSSENWELT DER INNENWELT erschienen, vermutlich schon. Diesem entstammt nämlich das beliebteste Beispiel für ein einzig durch den Kontext erkennbares „ready-made“-Gedicht DIE AUFSTELLUNG DES 1. FC NÜRNBERG VOM 27.1.1968:
Wabra
LeupoldPopp
Ludwig MüllerWenauerBlankenburg
StarekStrehlBrungsHeinz MüllerVolkert
Spielbeginn:
15 Uhr
Anscheinend handelt es sich hierbei um einen ursprünglich literaturfernen Gebrauchstext, womöglich aus einer Sportzeitschrift, die lediglich über die Aufstellung einer Fußballmannschaft informieren will und dabei keine poetischen Absichten verfolgt. Aber erfüllt er nicht doch wesentliche Kriterien eines Gedichtes? Zumindest ließen sich die einzelnen Zeilen durchaus als Verse auffassen. Auch das Kriterium der Kürze ist erfüllt. Und die Worte „Starek“ und „Strehl“ sind doch alliterierend, oder nicht?
Hypothesenbildung
Allerdings muss ich mir eingestehen, dass mir diese Kennzeichen ohne die Klassifizierung als Gedicht gar nicht aufgefallen wären. Offensichtlich verändert der Status Gedicht meinen Umgang mit dem Text. In jedem Detail wittere ich nun potentielle Bedeutung36 und ich versuche, aus meinen Teilbeobachtungen Hypothesen für eine übergeordnete „Gesamtbedeutung“ oder eine mögliche kommunikative Absicht zu erstellen. Solche Zweitbedeutungen, die über das basale Verständnis des Textes als Mannschaftsaufstellung hinausgehen, lassen sich mit Klaus Weimar als ein Verstehen zweiten Grades bestimmen, d. h. als „Antwort auf die Frage, als was etwas sehr wohl Verstandenes sonst noch zu verstehen sei“37. Dabei kann es durchaus unterschiedliche plausible Zweitbedeutungen für diese exponierte Aufstellung geben.38 Ist es womöglich eine Hommage des Fußballenthusiasten Handke an die legendäre Mannschaft? Oder im Gegenteil eher eine kritische Thematisierung der allgegenwärtigen Fußballmanie, die womöglich die Kunst und Literatur zu verdrängen sucht? Oder aber die bewusste Unterwanderung der Unterscheidung von Kunst und Alltagsdiskurs? Spielt Handke womöglich auf irgendein historisches Ereignis an? Will er die Entindividualisierung des Menschen durch eine Listenrhetorik vor Augen führen? Geht es womöglich in irgendeiner Art sogar um die Nürnberger Prozesse? Gerade das symbolische Ausdeuten des Textes gilt schließlich als typischer „Modus der Interpretation“39 bei Gedichten. Oder geht es hier gerade um die Dokumentation unmittelbarer Gegenwart, also jenen Moment im Jahr 1968, an dem das große Spiel begann?
Plötzlich ergeben sich Fragen zur genauen Anordnung der Spielernamen: Hat die Pyramidenform irgendeine Bedeutung? Oder vielleicht die Wortanzahl in den jeweiligen Zeilen (1/2/4/6)? Warum wurde die gegnerische Mannschaft nicht aufgeführt? Wer sich eingehender mit der Referenz-Partie befasst (etwa indem er – wie auch ich – den entsprechenden Wikipedia-Artikel liest), lernt dann auch, dass das Spiel eigentlich bereits um 14 Uhr begann, und zwar mit Helmut Hilpert statt Horst Leupold in der Innenverteidigung. Wozu dienen diese Änderungen? Oder waren das einfach Transkriptionsfehler Handkes?
Die Literaturwissenschaftler Alwin Binder und Heinrich Richartz gehen in ihrer Einführung in die Gedichtanalyse davon aus, dass eben jene Analyse zwingend voraussetzt, dem Text zu unterstellen, dass er „künstlerisch vollendet“ sei und somit „nichts Zufälliges, sondern nur ‚Bedeutendes‘“40 enthalte. Alle Beobachtungen werden folglich „semantisiert“ und „funktionalisiert“41. Bemerkenswerterweise hatte ich bei Dickis Versen – die ja viel eher die gängigen Kriterien eines Gedichtes erfüllen als Handkes Text – ursprünglich keinen starken Impuls, ihn auf mögliche Bedeutungsdimensionen hin abzuklopfen. Vermutlich weil er mir bei aller Merkwürdigkeit in seiner Funktion bzw. Funktionslosigkeit relativ eindeutig erschien. Durch die genaue Beobachtung habe ich aber auch hier ein durchaus tieferes Verständnis gewonnen. Wie bei vielen Kindergedichten wird ein semantisch vager, aber unstrittig derber Inhalt in ein durch Reim und Rhythmus streng geordnetes Versgewand gekleidet, durch das der „anarchische Quatsch“ wie lautlich legitimiert wirkt.42 Dickis Gedicht wirkt dabei tatsächlich invariant, d. h. formvollendet. Würde man auch nur eine Silbe verändern, verlöre es wohl seine freche Ausdrucksstärke.
totale Bedeutsamkeit
Für die tiefergehende Analyse scheint es daher ratsam, „dem allzu schnellen Verstehen einen Widerstand entgegensetzen“43. Die Unterstellung einer „totalen Bedeutsamkeit“ erweist sich für ein Gespräch mit dem Text in der Regel nämlich als sehr produktiv, weil sie dazu auffordert, den eigenen Beobachtungsaufwand zu intensivieren, vielfältige Fragen an den Text zu stellen und Hypothesen aufzuwerfen und gegebenenfalls auch wieder zu verwerfen, falls sie nicht zu anderen Befunden passen. Da es aber auch Gedichte gibt, die auf Träumen basieren, die im Rausch oder Zufallsexperiment entstanden oder die von ihren Autoren schlichtweg nicht bis in letzte Details durchdacht worden sind, kann die Unterstellung einer totalen Bedeutsamkeit auch zu Überinterpretationen führen.
Rezeptionsmodi und Anschlusshandlungen
Ist es womöglich dieser Umgang oder „Rezeptionsmodus“, der ein Gedicht ausmacht? Gelegentlich liest man tatsächlich, dass Gedichte konstitutiv einer mehrfachen, intensiven, analysierenden Lektüre bedürften.44 Andernorts heißt es wiederum, Gedichte müssten gerade affektiv gehört, sinnlich erfahren und eben nicht „krampfhaft“ (über-)interpretiert werden.45 Man kann sogar beide Rezeptionsmodi kombinieren, indem man den Text zunächst unbefangen und affektiv auf sich wirken lässt und danach reflektiert, wodurch der entstandene Eindruck wohl erweckt wurde und somit dem berühmten Diktum des Schweizer Germanisten Emil Staiger folgen, „daß wir begreifen, was uns ergreift.“46 Grundsätzlich sind wohl auch andere Rezeptionsmodi denkbar, vor allem aber auch vielfältige Anschlusshandlungen vom Auswendiglernen bis hin zum Konsultieren von Sekundärliteratur zu Autor, Werk, Epoche, usw. Die Lyrikdidaktik schlägt vor allem diverse „produktionsorientierte“ Anschlusshandlungen vor, sei es den Text mit Musik zu untermalen, ihn pantomimisch umzugestalten47 oder mehrere Texte zu einem eigenen Gedichtbuch zusammenzustellen, usw.48 Inwieweit man sich einem Text dadurch annähert oder doch eher von ihm entfernt, wird sich wohl von Fall zu Fall ent- und unterscheiden. Mir selbst leuchten am ehesten solche produktionsorientierten Anschlusshandlungen ein, die die poetologischen Verfahren der Gedichte kopieren oder variieren (etwa ein selbstgereimtes „Schnöttel! Döttel! Schweineköttel!“).49
Jeder Text ein Gedicht?
Aber braucht man für diesen Rezeptionsmodus überhaupt einen eindeutig als Gedicht bestimmbaren Text? Aus meiner Sicht ließe sich tatsächlich jeder Text als Gedicht behandeln. Vor allem lässt sich stets sinnvoll seine sprachliche Ausgestaltung reflektieren, selbst wenn der eigentliche Urheber diese womöglich gar nicht bewusst gestaltet hat. Interessante Textgespräche gäbe es vermutlich überall zu führen, eben auch mit Mannschaftsaufstellungen, Kassenbons50 oder Gebrauchsanweisungen. Sie alle haben auch eine Ästhetik, im Sinne einer wahrnehmbaren und mitwirkenden Sinnlichkeit; ob man sich dieser nun bewusst wird oder nicht. Aber sind deshalb nun alle Texte Gedichte? Sicherlich nicht, wenn der Status „Gedicht“ im Sinne einer Qualitäts-Auszeichnung und Würdigung ästhetischer Brillanz „verliehen“ bzw. „verdient“ werden muss, aber das scheint mir für ein unbefangenes Textgespräch ohnehin eine schlechte Prämisse zu sein.
Proto-Gedichte
Offensichtlich gibt es recht unterschiedliche Vorstellungen davon, was ein Gedicht kennzeichnet und wie es zu sein hat. Sicher hängt das jeweilige Verständnis maßgeblich von eben jenem „Proto-“ oder „Ideal-“ Gedicht im eigenen Kopf ab, das unsere Erwartungen an ein Gedicht determiniert. Welcher Epoche oder welcher Untergattung gehört es an? Denkt man eher an Celans TODESFUGE, an ein Frühlingsgedicht von Hoffmann von Fallersleben oder eben an Dickis kleine Weihnachtsverse? Die bisher aufgeführten Kriterien wären demnach allesamt nur als Tendenzen51 zu verstehen, die zudem auch historisch und kontextuell differieren.
Manche Texte sind aber für jedermann als Gedicht zu erkennen, wie eben jener von Conrad Ferdinand Meyer, der in diesem Buch als ständig befragter Gesprächspartner dient.
Zwei Segel
Zwei Segel erhellend
Die tiefblaue Bucht!
Zwei Segel sich schwellend
Zu ruhiger Flucht!
Wie eins in den Winden
Sich wölbt und bewegt,
Wird auch das Empfinden
Des andern erregt.
Begehrt eins zu hasten,
Das andre geht schnell,
Verlangt eins zu rasten,
Ruht auch sein Gesell.
Zwei Segel
Hier wird augenscheinlich beinahe jedes genannte und erdenkliche Kriterium eines Gedichtes erfüllt: Von der deutlichen Versstruktur, zu den Reimen, zum irgendwie „gefühligen“ Inhalt, zur konventionell „poetischen“ Sprache mit ihren bedeutungsschwangeren Segeln und Winden, usw. Der Text erscheint mir als solches Ideal-Gedicht, dass er selbst den bis hierhin so deutlich erscheinenden Widerspruch aufzulösen vermag, zwischen der angeblich notwendig suggestiven, unvermittelt wirksamen „Musikalität“ von Gedichten und ihrer angeblich ebenfalls notwendigen Hermetik und Widerständigkeit. Er wirkt nämlich irgendwie sangbar, melodisch und subtil und zugleich auch etwas kryptisch, anspruchsvoll und bedeutungsoffen.
Daraus ergibt sich auch, dass die Beantwortung der eingangs gestellten Frage, woran man denn ein Gedicht nun eindeutig als solches erkennen kann, für ein Gespräch mit dem Text von ernüchternd nachrangiger Dringlichkeit zu sein scheint. Die Frage „Ist das ein Gedicht?“ beantwortet sich mit einem unaufgeregten „ja“. Glücklicherweise sind uns beim Versuch einer Beantwortung etliche spannendere Fragen begegnet, die sich durchaus zu stellen lohnen, z. B.:
–Wovon handelt der Text?
–Wie ist er formal gestaltet?
–Wer äußert ihn?
–Welche Situation referiert er?
–Wann ereignet er sich?
–Welche Vokabeln und Sprachregister werden benutzt?
–Wie gebraucht er die Sprache?
–Mit welchen poetischen Verfahren und nach welchen Anordnungsregeln wurde er verfasst?
–Welche Assoziationen weckt er?
–Wie verhalten sich seine unterschiedlichen „Kanäle“ zueinander?
–Hat er eine Zweitbedeutung? Und wenn ja, welche?
–Welche Funktionen erfüllt er?
–Welche Sprechakte stellt er aus?
–Wird er gehört oder gelesen?
–In welchen Kontext gehört er und in welchem wird er geäußert?
–Wie wirkt er auf mich?
–Wie gehe ich mit ihm um?
–usw.
Fragen dieser Art erweisen sich im Umgang mit Texten erfahrungsgemäß als durchaus anregend. Natürlich ist nicht jede für jedes Gespräch gleich produktiv und je nachdem, welche man stellt, entwickelt sich eine unterschiedliche Gesprächsdynamik. Häufig ist es sinnvoll, sich vom eigenen Erkenntnisinteresse leiten zu lassen, manchmal allerdings auch, ein paar Fragen „ins Blaue hinein“ zu stellen.
Erstverständnis
Zu Beginn empfehle ich stets, sich seines Erstverständnisses des Textes bewusst zu werden, grundsätzliche Verständnisprobleme mit einzelnen Wörtern auszuräumen (etwa mittels Lexikon und Wörterbuch) und erste Beobachtungen und Auffälligkeiten festzuhalten. Offensichtlich handelt es sich um einen Text über zwei Segelboote in einer Bucht, die sich vom Wind getrieben stets gleichartig bewegen. Bereits beim ersten Lesen wittere ich zudem eine „heimliche“ Metaphorik, nach der die Segel wohl stellvertretend für zwei Menschen stehen; womöglich um zwei in enger Beziehung zueinander. Um das Gespräch mit dem Text nicht enden zu lassen, bevor es überhaupt begonnen hat, notiere ich mir ein paar Fragen, die sich für mich aus meinem Erstverständnis ergeben, z. B.: Wieso handelt der Text von zwei Segelbooten, wenn es doch anscheinend um Menschen geht? Wie kommt der Eindruck einer zweiten Bedeutungsebene zustande? Um was für eine Art von Beziehung handelt es sich? etc. Diese möchte ich im Laufe des Gesprächs mit dem Gedicht nach Möglichkeit klären. Dabei muss ich allerdings aufpassen, mein Erstverständnis nicht allzu selbstbewusst als einzig mögliche Verständnismöglichkeit anzunehmen und dabei Unverständlichkeiten und Ambiguitäten zu übersehen. Oft ist es sehr hilfreich und ergiebig, auch andere nach ihrem Ersteindruck zu befragen und den Kreis der Gesprächsteilnehmer zu erweitern. Vielleicht haben diese einen wesentlich anderen Ersteindruck, der sich produktiv abgleichen ließe.
In einem zweiten Schritt versuche ich in der Regel, den Text inhaltlich zusammenzufassen. Mein Angebot für die erste Strophe lautet knapp: Zwei Segelboote fahren in eine Bucht. Bei näherem Hinsehen muss ich mich (und den Text) allerdings fragen, wieso ich so selbstverständlich davon ausgehe, dass es sich um zwei Boote handelt. Könnte mit den zwei Segeln nicht auch ein Boot mit zwei Masten bezeichnet sein? Denkbar wäre auch, dass es sich nur um ein Boot mit einem Segel handelt, das sich im Wasser spiegelt und dadurch die zuvor dunkle Wasseroberfläche erhellt. Wenn ich Studierende nach ihren Vorstellungen befrage, geben in Regel etwa genauso viele ein wie zwei Boote an. Gegenüber meiner Inhaltsangabe ließe sich auch einwenden, dass das (die) Boot(e) nicht einführe(n), sondern sich bereits in der Bucht befände(n) oder gar unmittelbar davor stünde(n) aufzubrechen. Für die „Einfahrtshypothese“ spricht der Vorgang des Erhellens (Z. 1): die zuvor dunkle Bucht wird demnach durch die eben auftauchenden (womöglich weißen) Segel erhellt und damit der Ankunftsmoment markiert. Auf der anderen Seite scheint mir der Vorgang des „sich zur Flucht Schwellens“ (Z. 3) als Marker des unmittelbar bevorstehenden Aufbruchs. Warum dieses merkwürdige Changieren zwischen Ankunft und Abfahrt?, notiere ich mir als offene Frage an den Text.
Inhaltsangabe
Die Inhaltsangabe der beiden Folgestrophen birgt für mich indes weniger Diskussionsstoff und lautet in etwa: Beide Segel verhalten sich jeweils synchron, d. h. sie wölben sich im Wind jeweils genauso stark oder schwach bzw. bewegen sich genauso schnell oder langsam wie das andere. Mit diesen Erstbefunden auf dem Zettel widme ich mich meinem ersten Beobachtungsaspekt: der sprachlichen Medialität.
1Vgl. etwa die derzeitigen Definitionsbemühungen des DFG geförderten NETZWERKS LYRIKOLOGIE. KONTUREN EINES FORSCHUNGSFELDES.
2Vgl. etwa Dieter Burdorf: „Lyrik ist die literarische Gattung, die alle Gedichte umfaßt“ (Burdorf 2015, S. 20).
3Klotz 2011, S. 32.
4Lamping 1989, S. 63.
5Burdorf 2015, S. 21.
6Lamping 2007, S. 669.
7Beim konsonantischen Reim unterscheiden sich die Reimwörter nicht wie beim Endreim im Anlaut, sondern im Vokal der Stammsilbe (siehe Kap. 10).
8Vgl. etwa Strobel 2015, S. 23.
9Vgl. etwa Pfeiffer 2010, S. 54.
10Vgl. etwa den Begriff der lyrischen Präsenz bei Petra Anders (Anders 2013, S. 46).
11Schläbitz 2007, S. 10. Schlaffer zufolge sind Gedichte weniger stark von ihrem historischen Kontext beeinflusst als alle anderen Textsorten: „Alle Werke sind geschichtlich lokalisiert, aber sie gehen nicht in dieser Umgebung auf. Bereits durch ihre immanenten Formstrukturen (z. B. Metrum und Reim) heben sie sich bewußt als imaginative Synthesen inselhaft aus dem Fluß der Geschichte heraus.“ (Schlaffer 1985, S. 394).
12Bode 2001, S. 14.
13Volker Klotz spricht in diesem Zusammenhang etwa von der „All- und Alleinperspektive“ des lyrischen Ichs wie auch von dessen „All- und Alleinstimme“ (Klotz 2011, S. 35).
14Spinner 1975, S. 17.
15Vgl. etwa Waldmann 2003, S. 111 oder Schlaffer 1995, S. 40.
16Vgl. etwa Müller 2011, S. 19.
17Pielow 1978, S. 47.
18Vgl. etwa Crystal 1993, S. 73.
19Werner 2010, S. 5.
20Klotz 2011, S. 47.
21Vgl. etwa Kliewer und Kliewer 2002, S. 177.
22Vgl. etwa Kaspar Spinner: „In der Prägnanz lyrischer Sprache liegt begründet, daß Verse häufig zu einem Aha-Erlebnis führen: Der Leser findet plötzlich treffend in Sprache gefaßt, was er erlebnismäßig diffus erfahren hat.“ (Spinner 2008, S. 6).
23Vgl. etwa Anders 2013, S. 49. Hartmut Vollmer spricht sich zu Beginn seiner Verstheorie generell für eine deutlichere Bewusstmachung des liedhaften Wesens von Versen aus. Schließlich würden Verse „normalerweise gesungen“ (Vollmar 2008, S. 5) und auch der literarische Sprechvers habe sich „überall aus dem gesungenen Vers entwickelt“ (ebd.).
24Vgl. vor allem Fricke 1981.
25Anders 2013, S. 76.
26Vgl. etwa Link 1976, S. 37.
27Kliewer und Kliewer 2002, S. 105.
28Vgl. etwa Kammler 2009, S. 5.
29Hempfer 2014, S. 30.
30Vgl. etwa Pielows Rede vom „non plus ultra der Absichtslosigkeit“ bei Gedichten (Pielow 1978, S. 47).
31Culler 2008 [1997], S. 116.
32Jakobson 1972, S. 108.
33Vgl. etwa Wolf 2005.
34Vgl. etwa Pielow 1978.
35Vgl. etwa Bode 2001, S. 14.
36Christoph Bode führt hierzu aus: „Nicht-trivial ist dagegen der Nachweis, daß man Leser allein durch die Suggestion, es handle sich bei einem beliebigen Text um einen poetischen, dazu bringen kann, ihn auf bestimmte Weise recht produktiv und erhellend zu entschlüsseln – auf eine Weise, die gerade seine ‚poetischen‘ Qualitäten würdigt“ (ebd., S. 13).
37Weimar 2002, S. 110.
38Vgl. Zabka 2005, S. 79 f.
39Kammler und Noack 2012, S. 6.
40Binder und Richartz 1984, S. 14. Ähnliche Überlegungen finden sich bereits bei Juri M. Lotman: „Wir brauchen den Text jedoch nur als poetischen zu identifizieren, und sofort tritt die Präsumption in Kraft, daß alle in ihm vorkommenden Geordnetheiten einen Sinn haben“ (Lotman 1972, S. 161).
41Binder und Richartz 1984, S. 14.
42Rühmkorf kommentiert diesen vermeintlichen Widerspruch zwischen der strengen Form und dem derben Inhalt des Kindergedichts wie folgt: „Noch das plumpste Bemühen um Reim und rhythmische Gliederung verweist auf die Schranken, die die Ungezogenheit sich setzt. Noch der rüdeste Anstandsverstoß respektiert im Versmaß ein höheres Ordnungsprinzip“ (Rühmkorf 1967, S. 61).
43Spinner 2008, S. 12.
44Pielow 1978, S. 39.
45Vgl. hierzu die berühmten Kritiken an Gedichtinterpretationen von Susan Sontag (Sontag 1966) oder Hans Magnus Enzensberger (Enzensberger 1982). Vgl. auch das spöttische Gedicht GEDICHTBEHANDLUNG von Bernd Lunghard.
46Staiger 1953, S. 11.
47Petra Anders schlägt dieses Vorgehen etwa für unser Beispielgedicht ZWEI SEGEL vor (Anders 2013, S. 9).
48Vgl. etwa Kliewer und Kliewer 2002, S. 27. Vgl. auch die sinnvolle Unterscheidung von „Analyse und Mimese“ des Literaturdidaktikers Ulf Abraham (Abraham 1996, S. 173 ff.).
49Reiner Werner schreibt diesbezüglich enthusiastisch: „Es ist immer wieder verblüffend zu sehen, wie bei Schülern die Fähigkeit im Verständnis von Gedichten zunimmt, wenn sie anfangen, selber Gedichte zu schreiben. Der Einblick in die ‚Werkstatt‘ des Dichtens setzt bei Schülern nicht nur kreative Kräfte frei, sie macht sie auch sensibler für die Techniken, die andere Dichter, die großen zumal, bei ihren Gedichten angewendet haben“ (Werner 2010, S. 67).
50In diesem Zusammenhang sind Susann Körners Kassenzettel-Gedichte sehr zu empfehlen (Körner 2001).
51Vgl. hierzu auch Müller-Zettelmann 2000, 67 f.
3. Sprache als Medium
Wenn ich im Gespräch mit dem Text mein Sprachbewusstsein schulen und die Wirkungsweisen der Sprache reflektieren möchte, brauche ich zunächst eine Vorstellung davon, was Sprache überhaupt ist und was sie kennzeichnet. Natürlich sind auch hierzu zahllose Definitions- und Betrachtungsweisen im Umlauf. Ich beschränke mich in der Folge auf ein Verständnis von Sprache als Medium, das sich in der Praxis als sehr anschaulich und produktiv erwiesen hat.1
Der Begriff des Mediums
Der Begriff lenkt den Blick auf den Aspekt der Vermittlung selbst und damit auf das, was gemeinhin durch das primäre Interesse am Vermittelten (also der Botschaft) in den Hintergrund rückt. Für weite Teile der Medienwissenschaften legitimiert sich diese Prioritätenverschiebung dadurch, dass die Botschaft ja erst durch das jeweilige Medium geschaffen wird, also quasi eine Erscheinung und damit eine Existenz erhält. Marshall McLuhan, einer der einflussreichsten Pioniere in diesem Feld, postulierte diesbezüglich bereits 1964: „Das Medium ist die Botschaft.“2. Und dennoch betont der Begriff des Mediums immer auch dessen Mittelbarkeit und damit auch seinen genuinen Abstand zum Vermittelten.
Medialität
Im Folgenden werde ich einige (wenige) Aspekte der spezifischen Medialität von Sprache erörtern, d. h. signifikante Kennzeichen ihrer operativen Verfahren zur Vermittlung und Generierung von Information. Sprachliche Medialität unterscheidet sich dabei erheblich von anderen Medialitäten, insbesondere etwa von primär visuellen (wie z. B. Fotografien), weshalb ich Formulierungen wie „Sprachbilder“ oder „bildhafte Sprache“, wie sie im Umgang mit Gedichten häufig verwendet werden (siehe Kap. 1), vermeide.
Ein Gedicht, das diese Medialität der Sprache zu thematisieren scheint, ist Gottfried Benns EIN WORT. Es entstand 1941 und wurde 1948 im Band STATISCHE GEDICHTE veröffentlicht.
Ein Wort
Ein Wort, ein Satz –: aus Chiffren steigen
erkanntes Leben, jäher Sinn,
die Sonne steht, die Sphären schweigen,
und alles ballt sich zu ihm hin.
Ein Wort – ein Glanz, ein Flug, ein Feuer,
ein Flammenwurf, ein Sternenstrich –
und wieder Dunkel, ungeheuer,
im leeren Raum um Welt und Ich.
Erstverständnis
Der Text, – so zumindest mein etwas unsicheres Erstverständnis – handelt davon, wie aus Schriftzeichen („Chiffren“) eine Vorstellung erwächst („Sinn“). Diese kann dem Anschein nach so stark sein, dass sie für einen kurzen Moment, den ansonsten offenbar (sinn-)leeren Raum „um Welt und Ich“ zu erleuchten und damit zu erfüllen vermag.
Medientransparenz
Für Gedichte ist es nicht ungewöhnlich, von der Sprache zu handeln und somit das eigene Medium explizit zu thematisieren, weshalb sich diesbezüglich viele von ihnen als „Gesprächspartner“ eignen würden. Auch herrscht bei Gedichten häufig die Tendenz vor, die Sprache durch einen außergewöhnlichen Sprachgebrauch zu exponieren und die Grenzen ihrer darstellerischen Möglichkeiten auszuloten (siehe Kap. 1). Der Literaturwissenschaftler Rüdiger Zymner erkennt gar das wesentliche Merkmal von Texten der Gattung Lyrik darin, dass diese als „Display sprachlicher Medialität“3 fungierten. Damit „arbeiten“ entsprechend gestaltete Gedichte in gewisser Hinsicht gegen das gemeinhin unterstellte Bestreben jedes Mediums, sich möglichst „hinter“ seinem Inhalt oder seiner Botschaft verborgen zu halten. Zumeist bedarf es einer Veränderung oder Irritation der eigenen Rezeptionsgewohnheiten, um den Blick vom vermittelten Ertrag auf den Vermittlungsprozess und damit auf die Medialität zu lenken.4 Sprache gilt dabei als besonders wenig wahrgenommenes, also vergleichsweise transparentes Medium, dessen Botschaften wir – unseren alltäglichen Denkgewohnheiten gemäß – intuitiv decodieren und verarbeiten.5 Ein Wort will normalerweise wohl auch nicht in seiner Eigenschaft als Wort, d. h. als bedeutungstragendes Sprachzeichen betrachtet werden, sondern vielmehr in seiner Bedeutung als Feuerwehr, Pflaumenkuchen oder Kabeljau. Bei Benn erfahren wir nicht einmal, welchem Wort genau hier diese geradezu übernatürliche Sinngenese gelingt. Ist es etwa irgend-ein Wort, also potentiell jedes?
(Un-)Bestimmtheiten
Das Medium Sprache kennzeichnet, dass es einige Informationsaspekte sehr bestimmt vermittelt, während es andere völlig unbestimmt lässt. Könnte man mit einem Foto oder Film etwa ein Phänomen so darstellen, dass es gleichzeitig absolut eindeutig als Wort erkennbar ist (nicht etwa als Krickelei oder sinnlose Zeichenfolge), und doch nichts darüber verraten, um welches Wort es sich handelt; wie lang oder kurz es ist, mit welchem Buchstaben es anfängt, usw.? Die Fotographie eines geschriebenen Wortes würde wohl zwangsläufig vieles bestimmen, was der Text offenlässt. Vor allem würde es das Wort in irgendeiner Weise verorten, es kontextualisieren als Teil eines Geschehens, einer einmaligen Situation, die unendlich viele weitergehende Informationen bereithält, von denen der Text nichts weiß oder zumindest nichts verrät. Wie ist das Papier beschaffen (oder der Computerbildschirm?), auf dem das Wort erscheint; steht es alleine oder inmitten anderer Wörter? Welche Type oder Schrift wurde verwendet? Wie sind die Lichtverhältnisse?, usw. Bei unserem Text ist nicht mal klar, ob hier eine bestimmte Situation beschrieben oder eingefangen wird, in der jenes eine bestimmte Wort den (womöglich einmaligen) plötzlichen „Sinnorkan“ auslöst, oder aber ob eine generelle Aussage zu Worten getroffen wird, die potentiell (und immer wieder) dazu in der Lage sein können, in beschriebener Weise zu wirken.
konventionalisierte Information
Dieses Changieren zwischen allgemeiner und bestimmter Bedeutung ist ein markanter Wesenszug sprachlicher Medialität. Sprache arbeitet mit einem tendenziell begrenzten Repertoire an Wörtern, d. h. standardisierten, vom Kollektiv der Sprachnutzer einigermaßen verbindlich festgelegten Lautzeichen, die in unterschiedlichen Kontexten eindeutig identifizierbar sein müssen. Das Wort Wort „zitiert“ also, selbst wenn es gekrakelt geschrieben oder nuschelig ausgesprochen wird, immer wieder das identische Lautzeichen /ɔʁt/. Mit diesem notwendig konstanten Lautzeichen korrespondiert nun ein ebenfalls einigermaßen konstantes Bedeutungsspektrum rund um eine definierte „Standardbedeutung“. Das Wort Wort bezeichnet also relativ eindeutig eine sprachliche Einheit, genau wie das durchaus ähnliche Wort Wirt relativ eindeutig einen Gastronom bezeichnet (oder doch eher einen parasitär befallenen Organismus?). Sprachlich vermittelte Information ist dadurch immer schon konventionalisiert, d. h. naturgemäß stets einmalige Phänomene der Lebenswirklichkeit werden durch die Bezeichnung mit den immer gleichen Worten zum eindeutig identifizierbareren, allgemeinen Fall von Wort, oder Wirt oder Feuerwehr, usw.
Dass das Medium Sprache Informationen stets durch bereits vertraute Begriffe vermittelt, führt zu einer basalen „Innovationsbeschränkung“. Genuin Neues kann durch Sprache womöglich gar nicht erfahren werden, weil es stets in etablierten Kategorien gefasst ist. Alle Vorstellungen, die in mir produziert werden, beruhen womöglich auf bereits vorhandenen, die lediglich aufgerufen werden. Der Bennsche Text thematisiert dieses Wiedererkennen bereits bekannter Information im Umgang mit Sprache m. E. sogar, indem er von „erkannte[m] Leben“ (Z. 2) spricht. Folglich muss auch er seinen im Grunde wohl völlig einmaligen und unbeschreiblichen Moment der Sinndurchflutung letztlich mittels des vertrauten Vokabulars der Allgemeinheit vermitteln (Ob ihm das gelingt, mag jeder für sich entscheiden). Gleichzeitig demonstriert der Text einen gedichttypischen Ausweg aus dieser lexikalischen Beschränkung, indem er einen Neologismus, d. h. eine Wortneuschöpfung einführt, nämlich den „Sternenstrich“. Dieser ist offensichtlich ein Kompositum (zusammengesetztes Wort) aus zwei gebräuchlichen Substantiven, weshalb es auf mich wohl auch eine gewisse Vertrautheit ausstrahlt. Gleichzeitig fällt es mir durchaus schwer, mir das Phänomen „Sternenstrich“ konkret bzw. bildlich vorzustellen (vielleicht am ehesten als eine Art Meteorit mit Schweif). Es verleitet daher zu einer eher assoziativen oder symbolischen Rezeptionseinstellung gegenüber dem Text, wie sie für Gedichte typisch ist (siehe Kap. 1).
„Neue“ Informationen und spezifische Bedeutungen erhalten die konventionellen Wörter vor allem durch den Kontext; d. h. zum einen durch ihren jeweiligen Äußerungskontext und zum anderen durch den Textzusammenhang. Der Äußerungskontext bedingt etwa, dass dasselbe ja, das wir über den Tag hinweg als Füllwort hundertfach unbedarft in unsere Sätze einfließen lassen, vor dem Traualtar gemeinhin wesentlich an Bedeutung gewinnt oder dass dasselbe ich, von jedem verwendet wird und so auch jeden meinen kann. Der Textzusammenhang wiederum bedingt, dass die immer gleichen, bekannten und begrenzten Sprachzeichen zu einer unendlichen Anzahl von Wortfolgen kombiniert werden, die die Texte letztlich wieder individualisieren. Gebe ich bei Google etwa das Wort Wort ein, erhalte ich prompt über 98.100.000 Suchergebnisse aus allen möglichen Kontexten, in denen es verwendet wird. Gebe ich allerdings die Wortfolge „Ein Wort, ein Satz“ ein, werde ich geradewegs auf mein Benn-Gedicht verwiesen. Der französische Strukturalist Roland Barthes kommentiert den innovativen Umgang mit Sprache entsprechend wie folgt:
Kombinatorik
[M]an spielt mit einem außergewöhnlichen Gegenstand, dessen paradoxen Charakter die Linguistik oft hervorgehoben hat: stets gleichbleibend strukturiert und dennoch unendlich abwandelbar: etwa so wie das Schachspiel.6
Grammatik
Dennoch bleibt das Medium Sprache nicht nur durch die Konventionalität seiner Wörter beschränkt, sondern auch durch seine Anordnungs- und Flexionsregeln. Sprachnutzer kombinieren die bekannten Wörter in der Regel nämlich zu grammatikalisch korrekten Sätzen. Die gängigsten bestehen in der Basis aus einem Subjekt (als Aktanten) und einem Prädikat. Folglich tendiert das Medium Sprache in seiner Darstellung von Geschehen auch dazu, dieses als Reihung von Handlungen aufzubereiten und die Subjekte und ihre Tätigkeiten ins Zentrum der Wahrnehmung zu rücken. Bei unserem Gedicht fällt auf, dass solche konventionellen Sätze (mit handelnden Subjekten) nur in der ersten Strophe verwendet werden (der Sinn steigt, die Sonne steht, die Sphären schweigen, alles ballt sich), während die zweite Strophe komplett auf Prädikate verzichtet und damit den „Aufzählungsstil“ fortführt, mit dem beide Strophen gleichermaßen beginnen. Wozu?
Linearität
Dieses „Aufzählen“ wiederum repräsentiert in gewisser Hinsicht einen weiteren wesentlichen Zug des Mediums Sprache in seiner „Anordnungsmechanik“, nämlich seine Linearität. Ein Text ist stets bestimmt durch die sukzessive und lineare Folge von Worten, was bedingt, dass in der sprachlichen Darstellung auch alle geschilderten Sachverhalte nacheinander benannt werden müssen. Entsprechend scheitert er geradezu substantiell darin, gleichzeitig ablaufendes Geschehen adäquat zu vermitteln.7 Im Geschehen, das uns der Text (vermutlich) darstellen will, passiert vieles gleichzeitig, das wir nacheinander erfahren,8 so z. B. das Stehen der Sonne und das Schweigen der Sphären. Die Reihenfolge, in der ein Text seine Worte setzt und damit auch seine Informationen übermittelt, lässt sich dabei stets hinterfragen und ausdeuten. So ist es vermutlich von Bedeutung, dass der Text das Wort „Wort“ so prominent nach vorne setzt und zu Beginn der zweiten Strophe noch wiederholt und ebenso dass er ausgerechnet auf dem bis dahin unerwähnten „Ich“ endet (ob es durch diese Position nun besonders betont oder besonders marginalisiert wird, sei mal dahingestellt).
implizites Äußerungssubjekt
Das Wort Ich scheint mir hier bemerkenswerterweise nicht als Personalpronomen eingesetzt worden, sondern wiederum eher in einer allgemeinen Bedeutung als „jedermanns Ich“ gemeint zu sein. Darüber hinaus gibt es in diesem Text (wie in jedem anderen auch) aber ein implizites, d. h. verstecktes Ich, nämlich jenes, dass die Wörter im Text geäußert haben muss. Wörter (als konkrete Laut- oder Schriftphänomene) sind ja nicht einfach so da, sondern müssen von irgendjemandem bewusst produziert werden, um in die Welt zu gelangen. Der Sprachphilosoph John Searle klassifiziert entsprechend jede Form der Sprachverwendung notwendig als „regelgeleitetes intentionales Verhalten“9 einer Person und damit als Handlung (siehe Kap. 5). Schließlich kennzeichnet das Medium Sprache in seiner Linearität und seinem notwendigen „Geäußertwordensein“ auch eine Tendenz zur Einstimmigkeit. Ein Text präsentiert immer nur eine Zeichenfolge, genau wie ein Sprechapparat nur eine Stimme erklingen lässt und nicht mehrere gleichzeitig. Eine sprachliche Äußerung erscheint stets als das Ergebnis der Auswahl und Sortierung dieses einen Ichs.10 Bei literarischen Texten wird die Einstimmigkeit allerdings häufig dadurch „unterwandert“, dass man ihnen einen fiktionalen Statuts zuerkennt. Dieser bedingt, dass Autor und Äußerungssubjekt unterschieden und damit entkoppelt werden, wodurch sich die Äußerung in gewisser Hinsicht „verdoppelt“. Bezogen auf unser Gedicht hieße das: Wir haben zum einen den Text als eine Äußerung seines Autors Gottfried Benn und zum anderen gleichzeitig als eine Äußerung jenes namenlosen, impliziten Ichs im Text. Beide Äußerungen sind zwar im Wortlaut identisch, aber eben Teil unterschiedlicher Kommunikationszusammenhänge: Der Autor „spricht“ zur Leserschaft, das Ich zu einem (ebenfalls namenlosen) Du im Text.
Äußerungsrelevanz
Autoren haben in gewisser Hinsicht absolute Kontrolle darüber, welche der verfügbaren Sprachzeichen, in welcher Reihenfolge in ihren Texten auftauchen und welche nicht. Alle vorgefundenen Zeichen – so ließe sich demnach unterstellen – wurden bewusst gesetzt; ungenutzte Zeichen womöglich bewusst ausgelassen. Mit diesem Umstand gehen weitere Unterstellungen einher, die für ein Textgespräch von Bedeutung sein können, nämlich: der Äußernde hält die durch die Zeichen vermittelten Informationen für relevant und ausreichend vollständig,11 zudem hält er seine Äußerung insgesamt für relevant (also äußerungswürdig), sonst hätte er sie ja gar nicht getätigt. Für ein Textgespräch schließen sich folglich viele Fragen nach der Wortauswahl an: Warum diese Wörter und nicht andere oder weniger oder noch mehr? Worin sieht ihr Verwender ihre Äußerungswürdigkeit und Relevanz? Wem gegenüber äußert er sie? Was sagt die Auswahl über den Äußernden aus? Die Unterstellung einer „totalen Bedeutsamkeit“, die die Gedichtanalyse ausmacht (siehe Kap. 1), erscheint mir für den Umgang mit Texten dabei angemessener als bei anderen Medien. Wenn man etwa auf einem Foto im Hintergrund einen Vogel entdeckt, könnte dieser unbeabsichtigt ins Bild geraten sein, als Teil der Umstände des lebenswirklichen Geschehens eben. Wenn ein Vogel in einem Text erwähnt wird, muss dieser vom Textproduzenten hingegen bewusst dort platziert worden sein. Durch die Nennung erhält der Vogel unweigerlich Relevanz und gerät – zumindest für den Moment – in den Fokus. Bezogen auf unser Gedicht lässt sich etwa festhalten, dass ein Bild oder Film bei der Darstellung von Geschehen große Schwierigkeiten hätte, seinen Betrachtern die Information „die Sphären schweigen“ adäquat zu vermitteln. Wir würden diese Sphären (was sich immer mit diesem recht kryptischen Begriff nun genau bezeichnet werden soll) vermutlich gerade wegen ihres „Schweigens“ nicht wahrnehmen.
Behauptungspotenzial
Das Medium Sprache hat zudem – anders als viele andere Medien – die Möglichkeit und die Tendenz, Sachverhalte einfach zu behaupten. Unser Text behauptet z. B. einfach, dass die Sphären schweigen und ich bin überraschenderweise bereit dazu, ihm zu glauben, ohne auch nur zu wissen, was genau diese schweigenden Sphären überhaupt sein sollen. Genauso schafft er einen „Flammenwurf “ zumindest in meiner Vorstellung, einfach durch die Reihung einiger weniger Schriftzeichen. Im Grunde belegt und veranschaulicht er damit die „Evokationsmacht“ der Sprache, die er selbst thematisiert. Indem die Sprache etwas benennt, schafft sie im Rezipienten (häufig recht konkrete) Vorstellungen, ohne großen Material- und Simulationsaufwand und ohne dass diese Vorstellungen etwas mit lebenswirklichen Tatsachen zu tun haben müssten. Sprache ist damit – ihrer konventionsbedingten Beschränktheit zum Trotz – ein wahres „Schöpfungs-Medium“. Versteht man das Bennsche „Wort“ als Anspielung auf den berühmten Anfang des Johannesevangeliums: „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort“ ergibt sich eine Lesart des Textes, die sprachliche Schöpfung als Äquivalent von göttlicher Schöpfung skizziert.12
Informationsrudimente
Wie genau die evozierten Vorstellungen nun allerdings aussehen, entscheidet sich wohl in jedem Rezipientengehirn individuell; wenn auch sicherlich nicht beliebig. Sieht man wirklich einen Flammenwurf vor dem inneren Auge, spürt man womöglich gar seine sengende Hitze oder akzeptiert man (wie ich) eher informativ, dass der Text einen Flammenwurf benennt (und damit seine Existenz behauptet) und damit ohne sich eine konkrete Vorstellung über dessen physische Beschaffenheit zu machen. Ein Text liefert in seiner asituativen Informationspolitik letztlich immer nur „Informationsrudimente“, die es selbstdenkend zu ergänzen gilt, um daraus kohärente, d. h. zusammenhängende Vorstellungen zu entwickeln. Häufig geschieht dies wohl auch ganz unbewusst auf Basis des eigenen Weltwissens, Erfahrungsschatzes und Sprachgebrauchs. Ich habe zum Beispiel direkt gedacht, dass das Wort, um das es geht, Teil des Satzes sein muss, der in der ersten Zeile gleich im Anschluss erwähnt wird. Mir scheint es, als würde ein Leseprozess beschrieben, bei dem ein Wort nach dem anderen rezipiert wird, wodurch sich Schritt für Schritt eben jener jähe Sinn entfaltet, zu dem sich alles hin ballt. Dass der Text dennoch auf dem titelgebenden einen also einzelnen Wort zu bestehen scheint, das jenen epiphanischen Sinnmoment initiiert, deute ich als Markierung eines bestimmten Erkenntnismomentes innerhalb des Lektüreprozesses. So ließe sich auch der geänderte Umgang mit Prädikaten von der ersten zur zweiten Strophe erklären. Prädikate suggerieren Prozesshaftigkeit und Dauer; der Verzicht auf eben diese führt zu einer empfundenen Beschleunigung der Ereignisse, wie sie hier effektvoll evoziert wird. Wort, Glanz, Flug, Feuer, Flammenwurf und Sternenstrich scheinen sich unmittelbar auseinander zu ergeben. Tatsächlich scheint es mir, als würde der entscheidende Moment im Bindestrich nach dem „Sternenstrich“ (und damit nach der Wortneuschöpfung) in seiner Wirkungsdauer dann exakt terminiert und eingefangen und somit in gewisser Hinsicht gerade „jenseits“ der Wortebene situiert. Mit dem „und“ der Folgezeile setzt dann wieder der „gewohnte“ Zustand von Dunkelheit und Leere ein.
Bei näherer Betrachtung wirken die Bezüge zwischen den Wörtern im Text auf mich allerdings doch sehr ambivalent. Ist das eingangs erwähnte Wort wirklich Teil des Satzes oder ist es womöglich bereits der ganze Satz? Und sind das erkannte Leben und der jähe Sinn (Z. 2) dasselbe oder zweierlei? Die Plural Verbform „steigen“ suggeriert, dass mehrere „Aktanten“ aus den Chiffren steigen (also Leben und Sinn), das Personalpronomen „ihm“ in der vierten Zeile steht allerdings im Singular und könnte sich sowohl auf das Leben als auch auf den Sinn beziehen; oder sogar auf das Wort oder gar den Satz? Oder fallen Wort und Sinn im beschriebenen Moment gerade in eins und lösen dadurch gerade den fulminanten „Sinnorkan“ aus?
Poetologische Lesart
Bei nochmaliger Lektüre der zweiten Strophe werde ich auf einmal verunsichert, ob es sich wirklich um einen Leseprozess handelt, der dargestellt wird. Flammenwurf und Sternenstrich wecken in mir eher Assoziationen an einen Schaffensprozess, also womöglich den Prozess des Dichtens, bei dem auf einmal jenes eine „magische Wort“ erkannt und verwendet wird. Vielleicht erklärt sich diese Unsicherheit damit, dass der Schaffensprozess in der Dichtung in gewisser Hinsicht immer auch ein Leseprozess ist, weil dabei stets im vorhandenen Zeichenrepertoire der Sprache gesucht und damit „gelesen“ wird. Das Gedicht wäre damit ein poetologisches, d. h. eines, das die Dichtkunst behandelt.
Zu diesem Zeitpunkt erscheint es mir sinnvoll, den Blick von diesem Text zu lösen und andere ins „Gespräch“ einzubeziehen; andere Benn-Gedichte ähnlichen Inhalts etwa oder auch poetologische Gedichte anderer Autoren, die das Bennsche Schreiben womöglich beeinflusst haben (wie Rainer Maria Rilke oder Stéphane Mallarmé).13 Da dies aber über den hier verfolgten Ansatz hinausgehen würde, lasse ich an dieser Stelle vom Benn-Gedicht ab, wohl wissend, dass es noch viele Unklarheiten aufzuklären gelte. Gerade die offenen Ambivalenzen werte ich als Analyseerfolg, da sie die Sprache in ihrer Medialität stets genuin bestimmen und sie aufgrund ihrer trügerischen Vertrautheit und Behauptungsgewalt dennoch häufig übersehen werden. Die Sprache ist in ihrer klaren Begrifflichkeit pseudo-genau, dabei kann sie ein lebenswirkliches Geschehen im Grunde nie darstellen, ohne es massiv zu verklären bzw. eben zu „versprachlichen“. Auf einmal erhalten eigentlich gleichzeitig präsente Phänomene eine Reihenfolge; entstehen Lautbeziehungen zwischen völlig wesensfremden Entitäten (wie etwa der Reim zwischen „Ich“ und „Sternenstrich“).
Grundsätzlich kann Sprache eigentlich nur Sprache einigermaßen genau und überzeugend abbilden (etwa in Form von wörtlicher Rede). An diesem Meta-Text über Sprache zeigt sich aber auch ihr diesbezügliches Unvermögen, schließlich braucht sie zwei Worte um „ein Wort“ überzeugend und verständlich darzustellen. Da die sprachlichen Informationsrudimente notwendig im Kopf der Rezipienten selbstdenkend ergänzt werden, ist eine gewisse Ambivalenz unerlässliches Kennzeichen ihrer Medialität und wird gerade in Gedichten gerne produktiv eingesetzt, um Bedeutungsspielräume zu eröffnen. Eine Interpretationspraxis, die glaubt auf Basis ihrer Deutungshoheit eindeutig zwischen einer richtigen und vielen falschen Lesarten Urteile fällen zu können, erweist sich demnach in der Regel als einzig richtig falsche.
Wie lassen sich unsere bisherigen Überlegungen und Befunde zur Medialität der Sprache nun aber für andere Textgespräche funktionalisieren, d. h. auch solche, bei denen die Sprache nicht explizit Thema ist (wie etwa ZWEI SEGEL)?
Zwei Segel
Wie bereits bei der Inhaltsangabe festgestellt (siehe Kap. 1), kann man sich etwa für die diversen Unbestimmtheiten im Text sensibilisieren, bzw. den eigenen unbewussten Ergänzungsprozess beobachten und zu plausibilisieren versuchen. Dabei erweist es sich wiederum häufig als sinnvoll, den eigenen Leseeindruck mit anderen Lesenden zu diskutieren. Neben der Anzahl der Boote oder dem potentiellen Ein- oder Ausfahren kann etwa über die Tageszeit diskutiert werden, die im Text keinerlei Erwähnung findet. Etwa die Hälfte der Studierenden gab an, dass das Geschehen bei Tag stattfindet, bei strahlendem Sonnenschein. Vermutlich ist dies die gewohnheitsmäßige Annahme, sofern nichts Anderweitiges vom Text angedeutet wird. Allerdings gab ein gutes Drittel an, sie gingen davon aus, das Geschehen fände in der Nacht bei Mondschein statt. Vielleicht suggeriert für sie das Erhellen im Text eine notwendige Dunkelheit. Auch die ruhige Flucht strahlt etwas von Heimlichkeit und Ruhe aus, die man wohl mit Nacht assoziieren könnte. Besonders interessant ist eine dritte Gruppe, die angibt, keine Vorstellung von der Tageszeit und den entsprechenden Lichtverhältnissen zu haben, einfach weil sie sich das durch den Text vermittelte Geschehen nicht in ein konkretes Vorstellungsbild übersetzen. Tatsächlich sind wir im Umgang mit Sprache gerne dazu bereit, – wider unsere lebensweltliche Erfahrung – Geschehen zu akzeptieren, das keiner (vollständigen) Situation zugeordnet ist und bemerkenswert unvollständige Informationen vermittelt; wie Boote ohne konkrete Erscheinung, Szenarien ohne Lichtverhältnisse und Buchten ohne Gestalt. Bei der Übertragung des Textgeschehens in ein Bild wäre wohl notwendigerweise vieles festzulegen, was in der Sprache offenbleibt. Dabei liegen in ihrer eigenwillig teilbestimmten Informationspolitik häufig große Wirkungspotentiale und ergiebige Analyseerträge.
Satz für Satz-Paraphrase
Um sich für die Informationspolitik des jeweiligen Textes zu sensibilisieren, bietet es sich an, die spezifische sprachliche Darstellung zu hinterfragen, indem man überlegt, wie sie alternativ hätte gestaltet werden können und was sich dadurch verändern würde. Eine bewährte Technik ist hierbei die Satz für Satz-Paraphrase, bei der die einzelnen Sätze dem eignen Sprachgebrauch und -empfinden gemäß umformuliert werden, um so – im Vergleich beider Versionen – auf Besonderheiten und Merkwürdigkeiten der ursprünglichen Formulierungen zu stoßen. Hierzu eignen sich auch Ersatz-, Umstell-, Weglass, Ergänzungs- und Klangproben.14 Dabei wird häufig auch sinnfällig, ob der Text Ordnungsmustern unterliegt, die bestimmte Formulierungsentscheidungen plausibilisieren könnten, z. B. ein Reimzwang oder wiederholte Zeilenanfänge, etc. Ein Stück weit gilt es dabei also auch den Produktionsprozess nachzuvollziehen; wenn auch nur fiktiv. Auch bei der Paraphrase kann und sollte man wie bei der (eng. verwandten) Inhaltsangabe die eigene Version mit anderen Lesenden diskutieren, um ein Gefühl dafür zu entwickeln, inwieweit das eigene Textverständnis dem allgemeinen Leseeindruck entspricht.
Im Falle von ZWEI SEGEL stelle ich mir und dem Text etwa die Frage, warum von „Segel[n]“ und nicht von Booten die Rede ist. Viele Interpretationen gehen wie selbstverständlich davon aus, dass es eigentlich um Boote geht, die stellvertretend durch das Segel bezeichnet werden, wohl weil Segel uns in der Regel nur als Bootsbestandteil begegnen. Dabei ist die Sprache in ihrer Vermittlung (und Behauptung) von Informationen nicht grundsätzlich an unsere Lebensund Erfahrungswelt gebunden, sodass hier auch Segel ohne Boot eine Bucht erhellen könnten; oder auch Kuchen essen oder Kreise quadrieren, ohne dass dies notwendigerweise symbolisch verstanden werden müsste (siehe Kap. 1). Auch könnte durch den Segel-Begriff womöglich die Beobachterperspektive des Äußerungssubjektes gekennzeichnet werden, das von seiner Position aus nur die Segel erkennen kann. Dennoch gestehe ich mir ein, dass auch ich die beiden Segel im Kopf direkt zu zwei (Segel-)Booten ergänzt habe. Man nennt diese Technik der Benennung eines Phänomens durch einen Bestandteil in der Rhetorik Synekdoche. Diese Darstellungsweise ist dabei weniger medienspezifisch, als man meinen könnte. Bildmedien müssen häufig zwangsläufig Ausschnitte oder Details stellvertretend für Phänomene setzen, die sie in Gänze nicht abbilden können (z. B. fünf Soldaten anstelle einer ganzen Armee, o. ä.). Die Sprache hat hier in der Regel echte Darstellungsvorteile und kann etwa ganze Staaten oder Bevölkerungsgruppen gesamtheitlich benennen und damit evozieren. Die Wahl des Segel-Begriffs anstelle des (Segel-)Boot-Begriffs erscheint mir folglich durchaus relevant zu sein, weil er auf diesen Bestandteil fokussiert und dabei deutlich andere semantische Implikationen und Assoziationen hervorruft. Die Betonung des Segels lenkt den Fokus stärker auf die Mechanik des Segelns, während das Boot vielleicht eher Assoziationen der Reise und des Weges weckt, die die Bedeutung des Textes als Allegorie – d. h. als Text, der gesamtheitlich einen zweiten, metaphorischen Leseweg nahelegt – in eine andere Richtung lenken würde (etwa: Das Leben als Reise). Im Unterschied zum Boot ist ein Segel schlicht, da es nur aus einem (in der Regel weißen) Tuch besteht. Es dient dem Antrieb und ist somit essentieller Bestandteil bestimmter Boote; gleichzeitig ist es im Wortsinne abhängig vom Boot, an dem es befestigt ist, wie vom Wind, der eigentlichen Antriebskraft des Segels. Ein Segel ist damit in seiner Funktionalität – stärker als ein Boot – von einer bemerkenswerten Ambivalenz zwischen Aktivität und Passivität gekennzeichnet. Für die Lesart des Textes als Allegorie stellt sich zudem die Frage, welche Stellvertreterposition Segel und Boot denn einnehmen. Stehen die Segel für zwei Menschen, die entsprechend als unselbstständiger Bestandteil eines größeren Zusammenhangs [dem (den) unerwähnten Boot(en)] zu betrachten wären oder aber für einen Bestandteil der Menschen [ergo Boote], etwa deren phonetisch anklingende Seele?
Auffällig finde ich auch die merkwürdigen Partizip-Präsens-Verbformen, die sich nicht sinnvoll über den Reimzwang erklären lassen (denkbar wäre auch erhellen/sich schwellen). Durch diesen Kniff entzieht sich der Text allerdings der basalen grammatikalischen Anforderung, die Segel im Satz als Subjekte oder aber als Objekte einer Handlung festzulegen. Vielleicht sind die Partizipien daher eine grammatische Entsprechung dieser ambivalenten Dynamik zwischen Aktivität und Passivität, die das Segel auch in seiner Funktion als Antrieb kennzeichnet.
In der zweiten Strophe lässt sich eine ähnliche Beobachtung machen: Hier wird das erstgenannte Segel zwar grammatisch als aktiv bestimmt, semantisch wird aber auf den Wind als eigentlich handelnden verwiesen (eine alternative Formulierung wäre etwa: Wie eins durch den Wind gewölbt und bewegt wird). Das semantisch klare Abhängigkeitsverhältnis zwischen Segel und Wind ist überdies ein vom Text marginalisiertes. Im Zentrum steht offensichtlich eher das Verhältnis zwischen den Segeln, über das allerdings wiederum ambivalente Informationen vermittelt werden. In Strophe 1 werden sie gemeinsam als Handlungsträger (bzw. -Objekt) benannt und können folglich lexikalisch nicht unterschieden werden. Ab Strophe 2 werden zwar Handlungsträger im Singular benannt und grammatisch unterschieden, diese bleiben aber in der Bezeichnung und Unterscheidung der einzelnen Segel unbestimmt. Damit trickst der Text die durch die Linearität erzwungene, implizit wertende Reihenfolge der Textinformationen aus; da wir die Segel nicht bestimmt voneinander unterscheiden können, gibt es auch kein erst- und zweitgenanntes.
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