Kitabı oku: «Ich töte wen ich will», sayfa 3
W
Je vois qu’passer du brouillard sur mes yeux
Er hatte sie gerade noch um die Ecke biegen sehen, doch als er bei der Ampel ankam, waren sie verschwunden. Unter den Passanten, die auf der Allee Richtung Bahnhof unterwegs waren, keine Spur von einem Blinden und seinem Hund. Er schritt schneller aus und folgte wieder den Straßenbahngleisen in der Via Carlo Felice. Zweimal meinte er, sie hundert Meter vor sich zu erspähen, doch beide Male verlor er sie wieder. Unter einer Treppe kamen die Klänge eines Xylophons und eines Schlagzeugs hervor, zwei ungewöhnliche Instrumente für einen Sommerabend wie diesen.
Als er auf der Piazza Vittorio ankam, war es, als hätten die Straßen sich mit Blinden gefüllt: eine Frau mit grauen, im Nacken zusammengebundenen Haaren und einem Metallschild um den Hals verkaufte getrocknete Blumen; ein anderer klopfte in regelmäßigen Abständen mit dem beschlagenen Knauf seines Stocks gegen die Mauern der Arkaden; ein Dritter mit einer Ledertasche vor der Brust stand im Eingang der Apotheke. Der Mann, den er verfolgte, saß an einem Tischchen des Kiosks auf der anderen Straßenseite, der schwarze Hund kauerte zu seinen Füßen. Corso schien, als lächelte er.
Er wartete nicht, bis die Ampel auf Grün umsprang und stürzte sich zwischen die rasselnden Straßenbahnen und die wenigen Autos. Doch jeder Schritt ohne Django war ein hinkender Schritt, das erfasste er jetzt voll und ganz. In den letzten Monaten hatte dieses Tier ihm als Kompass und Anker gedient und ihn am Boden gehalten, nicht die Arbeit, die er sich ausgedacht hatte, und auch seine gelegentlichen Liebschaften nicht, die ein paar kurze, leuchtende Nachmittage lang seine Einsamkeit gelindert hatten. Wenn Django die Nacht nicht überlebte, würde er von nun an mit diesem Schritt durch die Welt gehen müssen.
In dem Moment hupte einen Meter neben ihm ein wütender Autofahrer, weil Corso mitten auf der Kreuzung stehengeblieben war, unschlüssig, ob er weitergehen und umkehren sollte. Hätte der Mann ihn höflich darum gebeten, Corso hätte ihm Platz gemacht und sich entschuldigt. Doch der Mann hatte wie ein Irrer auf seine Hupe eingeschlagen, und wer weiß, was noch passiert wäre, wenn seine Frau ihm nicht gesagt hätte, er solle nachgeben, sah er denn nicht, dass er den König der Idioten vor sich hatte? Das Auto schaltete in einen hektischen Rückwärtsgang, umfuhr das Hindernis mit ein paar Manövern und raste unter Beschimpfungen davon. Erst als der Wagen am Ende der Straße verschwand, kam Corso wieder zu sich und beschloss, endlich die Straße zu überqueren.
Er ging an der langen Gitterschranke an der Straßenbahnhaltestelle entlang, doch als er beim Kiosk ankam, waren alle Tischchen leer. Er drehte sich um. Auch die Bettlerin mit den Blumen war verschwunden, die anderen Blinden in den Arkaden waren ebenfalls nicht mehr zu sehen. Er legte das Buch auf einen Tisch in seiner Nähe und ließ sich auf einen Metallstuhl fallen, von einer Art Seekrankheit überwältigt.
Das Erste, was bei ihm ankam, war das Kreischen der Räder. Dann die Schreie zweier Frauen auf dem Gehweg und schließlich die Schreie der Menschen in der Straßenbahn 19: ein Mann war auf den Gleisen ausgerutscht und gestürzt. Vielleicht war es ein aufblitzender Strahl der untergehenden Sonne in einem Fenster, vielleicht ein Steinchen unter dem Schuh, vielleicht das Öl, das eine vom Markt kommende Frau vergossen hatte. Die Frau am Steuer der Straßenbahn hatte entsetzt die Bremse gezogen und der Wagen hatte etwas wie das Trompeten eines Elefanten von sich gegeben, doch die Tram war bereits in die Kurve gefahren und rollte nun dank des Trägheitsmoments weiter. Einige Passagiere waren hingefallen, andere hatten sich mit aller Kraft an die Eisenstangen geklammert, einer hatte sich die Tasche vors Gesicht gehalten, war aber hart gegen das Fenster geprallt. Ein Knall, wie etwas, was zerplatzt. Glassplitter, die der Fahrerin entgegen spritzen, andere, die nach draußen auf die Gleise fliegen, die Straßenbahn, die abrupt zum Stehen kommt. Als der Lärm des Unfalls einer eisigen Stille wich, rollte auf den dunklen Pflastersteinen Roms eine rote, unförmige Kugel über die leichte Neigung an dieser Stelle der Straße. Corso sprang auf, wollte instinktiv zum Unfallort eilen … Mit Grauen sah er, dass der abgetrennte Kopf eines Passanten langsam auf ihn zu rutschte. Ekel lähmte seine Glieder und verschleierte ihm den Blick.
Wenige Minuten später war der Platz voller Krankenwagen und Streifenwagen der Polizei. Viele Frauen hatten einen Schock erlitten und wurden weggebracht, die von den Glassplittern verletzte Straßenbahnfahrerin erhielt erste Hilfe. Es ist nicht meine Schuld, sagte sie unaufhörlich, es ist nicht meine Schuld. Der Leichnam des Opfers wurde mit einem glänzenden Tuch bedeckt, doch man konnte ihn erst fortschaffen, als alle Untersuchungen, die ein solcher Fall erforderte, abgeschlossen waren.
In der Via Carlo Felice und den anderen Verkehrsadern des Viertels bildete sich eine Schlange aus Autos, Touristenbussen und Straßenbahnen, die eine hinter der anderen stillstanden wie eine geordnete Reihe Ameisen, während unter den Arkaden die Schar der Neugierigen stetig wuchs. Es dauerte über eine Stunde, bis der Platz wieder geräumt war. Einige chinesische Barbetreiber, die an der Ecke arbeiteten, kümmerten sich darum, die Blutlache, die sich noch immer auf den Gleisen ausbreitete, mit Sägemehl zu bestreuen.
Corso beobachtete das traurige Durcheinander. Seine Augen konnten sich nicht von der runden Masse am Boden lösen, die mitleidige Hände mit einem Laken vor der morbiden Neugier der Menschen geschützt hatten. Das hätte ihm selbst passieren können. Wenn er noch später dran gewesen wäre, wenn er nicht diesem Blinden gefolgt wäre, wenn er es geschafft hätte, ihm das Buch wiederzugeben, das er noch immer bei sich trug … Ein Polizist, der die Aussagen der Augenzeugen aufnahm, kam, um ihm einige Fragen zu stellen. Der Tote war noch keine vierzig Jahre alt, und dem Anschein nach ein holländischer Tourist.
Er brauchte eine weitere halbe Stunde, bevor er Kraft genug hatte, um den Nachhauseweg anzutreten. Die Tür seiner Dachwohnung ließ sich mühelos öffnen, aber die Unordnung traf ihn wie ein Schlag ins Gesicht. Er wusste, in welchem Zustand er die Wohnung verlassen hatte, und war dennoch überrascht, als hätte sich das Chaos inzwischen noch vergrößert. Recht bedacht, schien es unmöglich, dass sie alles derart durcheinandergebracht hatten und das innerhalb so kurzer Zeit. Außer den Hängeschränken in der Küche und dem Waschbecken war nichts mehr an seinem Platz, selbst der Kühlschrank war von der Wand abgerückt worden.
Er schob die Bücher mit den Füßen beiseite und kniete nieder, um sie zu kleinen Stapeln aufzuhäufen. Die zerbrochenen Platten fegte er weg. Léo Ferré, Cheb Bami, Charles Aznavour, Juliette Gréco, Georges Moustaki … Er zerrte den Lederstuhl dorthin, wo er immer gestanden hatte, hob die Schreibtischschubladen vom Boden auf und sammelte die herausgerissenen Buchseiten und andere, auf dem Parkett verstreute Papiere ein. Zuletzt stieg er auf den Hängeboden und legte alle aufs Bett geworfenen Kleidungsstücke zusammen. Nachdem er sie wieder im Schrank verstaut hatte, öffnete er in der Küche die Kaffeedose auf dem Fensterbrett, füllte die Espressokanne und stellte sie auf den Herd.
In dieser Nacht zündete Corso sich eine der Gitanes aus seinem Vorrat an, nach der er sich den ganzen Tag lang gesehnt hatte und begann, einen Brief an seinen Vater zu schreiben. Auch dies war im Grunde eine abgebrochene Beziehung ja, die Mutter aller Beziehungen, die er in seinem Leben abgebrochen hatte. Er setzte sich in die Mitte des Zimmers, das monatelang sein Refugium gewesen war, wie in die Mitte eines geschändeten Hauptquartiers und schlug ein Notizbuch mit rotem Einband auf, das wer weiß woher aufgetaucht war. Solche Notizbücher besaß er zu Dutzenden, zwischen den Büchern verstreut, denn er war überzeugt, dass der Moment kommen würde, da er sie brauchte. Wenn er sich recht erinnerte, hatte er dieses auf einer Reise durch Nordspanien gekauft. Er glättete den Falz mit einem Finger, leckte an der gerundeten Ecke der Seiten und begann:
Lieber Vater,
bis jetzt habe ich dir nur Ansichtskarten geschrieben, jahrelang, jeden Tag, an die Adresse des Hotels, wo du mich gezeugt hast, die einzige Verbundenheit, die das Leben uns gewährt hat, unsere vereinbarte, schicksalhafte Adresse. Eine Unzahl fragmentarischer Sätze, nichts als das, denn du und ich, wir haben keine gemeinsamen Erinnerungen, also auch nicht Liebe noch Hass, keine Anhäufung von Vorwürfen und Ressentiments, keine Anschuldigung, kein Tadel, diese stillschweigende Verschwörung der Spiegel, wie sie immer zwischen einem Vater und einem Sohn herrscht und sich manchmal in einen tödlichen Kampf verwandelt, manchmal in die verheerendste Zuneigung zu dem, der uns vorausgeht oder uns folgt, das hängt von der Rolle ab, die uns bei dieser unvermeidlichen, und ja, geradezu klassischen Komödie zugewiesen wurde.
Die Worte ergaben sich von selbst, ohne dass er sie suchen musste, ja ein paar Sätze erwiesen sich als überflüssig, waren folglich zu streichen.
Heute Abend will ich dir aber einen abschließenden Brief schreiben. Einen unmöglichen Brief an einen inexistenten Adressaten. Du hast mich vom »Spiegeln« befreit und vom Wettkampf, mithin sowohl von der Rivalität als auch vom Nacheifern. Dennoch bist auch du, wie K. an einen sehr viel dominanteren Vater schrieb, für mich das Maß aller Dinge gewesen. Dein Sohn zu sein, bedeutet, ein Sohn der Abwesenheit zu sein, aufgrund von Genetik und Schicksal einer Familie von Gespenstern anzugehören, Blutsbande mit den Schatten geschlossen zu haben.
Er hob den Stift vom Blatt. Ging einen Lappen mit Wasser tränken und fuhr damit über die Stelle, wo er Django gefunden hatte. Das Blut aus seiner Nase war auf dem Parkett zu kleinen dunklen Flecken geronnen. Sie wirkten wie eine natürliche Verfärbung des Holzes, doch er brauchte nur kräftig zu reiben, um sie zu entfernen. Er wrang den Lappen mehrmals aus, und das Wasser im Eimer wurde erst trübe, dann dunkel. Als er ihn im Bad ausgoss, spürte er, wie ihn die ganze Müdigkeit der letzten Stunden überfiel. Die restlichen Dinge würde er morgen aufräumen.
Zurück am Schreibtisch, klappte er das Notizbuch zu und ließ es auf dem Tisch liegen, auch den Brief verschob er auf einen späteren Zeitpunkt. Er zog sein schmutziges Hemd aus und warf sich aufs Bett, breitete die Arme aus und öffnete die Handflächen zur Decke. Gijón, dieses Notizbuch hatte er in Gijón in Asturien gekauft. Er war dort hingefahren, weil er eine Skulptur an der Küste vor dem Ozean sehen wollte. Das waren seine Obsessionen aus früheren Zeiten: die Grenzen der Welt sehen, sie fotografieren, daraus eine Karte zusammenstellen. Bis jetzt hatte er nur die näheren Grenzen besucht und alle in einem Notizbuch verzeichnet, das er Stationen genannt hatte. Das Tor zu Europa in Lampedusa, die Klippen von Cabo da Roca, das »Lob des Horizonts« in Gijón. Dieser Name hatte ihn fasziniert, seit er ihn kannte. Es war eine der nördlichsten Grenzen der iberischen Halbinsel, also von Kontinentaleuropa, eine Grenze des Festlands, obwohl diese Bezeichnung eigentlich dumm ist, dachte er, denn auch Inseln sind Festland. Er war dort angekommen, nachdem er einen grünen Hügel hinaufgestiegen war, den Cerro de Santa Catalina, auf dessen Gipfel sich dieses Monument aus Stahlbeton abzeichnete, ein offener Ring wie ein Magnet oder ein Hufeisen, gestützt von zwei enormen Pfeilern am Rand eines Kaps.
Emiliano, sein Buchhändlerfreund, behauptete, der Horizont gehöre inzwischen einer vergangenen Menschheitsepoche an, als er noch eine magnetische Verlockung oder ein Glücksversprechen war. Als man auf Sicht und mit den Sternen segelte. Doch für den Brief, den zu schreiben er nie den Mut gehabt hatte, konnte es kein geeigneteres Heft geben. Er wollte einschlafen und träumen, dass er zu den Azoren oder zum Ural oder nach Island aufbrach, doch erst schob er das Mobiltelefon auf dem Nachttisch näher zu sich. Nachdem er den Versuch gemacht hatte, einige Wochen lang ohne auszukommen, hatte er vor kurzem wieder eines gekauft, ein einfaches Modell mit wenigen Funktionen. Er hoffte, es würde in dieser Nacht nicht läuten, denn danach hätte er das Geräusch für alle Zeiten gehasst und hätte das Telefon loswerden müssen, diesmal für immer, den Koffer packen, alles zurücklassen und wirklich zum Nordkap oder an irgendeinen anderen abgelegenen Ort auf dem Planeten Erde aufbrechen.
Wieder verfluchte er sich, weil er sich nicht an den Wortlaut des kleinsten Gebets erinnerte. Er stieß das Laken mit den Füßen von sich, die Hitze in dieser Dachwohnung war unerträglich. Das Dach schien Wärme auszustrahlen, und kein Lufthauch drang durch die Fenster. Er stand auf, von einer Unruhe gepackt, gegen die es kein Mittel gab, und beschloss, nach draußen zu gehen.
V
Dans le jour blême sont effacés
Die Bierbar Marconi war voller Touristen. In der einen Ecke eine Gruppe Spanier, die dröhnend lachten, während an den Tischen in der Mitte einige junge Leute, vielleicht Studenten einer amerikanischen Akademie, nicht weniger lautstark diskutierten. Corso setzte sich auf einen der wenigen freien Hocker und versuchte, den vertrauten Klang mancher Worte zu erraten.
An der Theke zwei Frauen, dem Anschein nach Französinnen, die miteinander flüsterten, ihre Lippen streiften abwechselnd das Ohr der anderen. Um sie herum reckten sich Dutzende geröteter Arme, die sich die Gläser von den zwei Barkeepern bis zum Rand füllen lassen wollten, auch sie Fremde.
In diesem Babel hatte Corso sich sofort wohlgefühlt. Es lag nur wenige Schritte von der Via Merulana entfernt, im seitlichen Schatten der Basilika, und hier kannte ihn niemand. Er hatte ein Pils vom Fass bestellt und trank es in kleinen Schlucken. Dann hatte er eine Unterhaltung mit einem Mädchen angefangen. Sie waren höchstwahrscheinlich die einzigen Italiener im Lokal. Corso hätte nicht sagen können, wer von ihnen zuerst gesprochen hatte, er erinnerte sich nur noch, dass sie ihn gefragt hatte, ob er der Mann war, der die Leute mit Büchern behandelte. Nicht im Traum hätte er sich vorgestellt, diese Frage hier drinnen zu hören.
»Woher weißt du das?«
»Du bist einer, den man bemerkt.«
Der besondere rosa Farbton ihrer Bluse mit weit geschnittenen Ärmeln färbte ihre Art zu lächeln mit Schüchternheit.
»Ich bin Elsa.«
Corso reichte ihr die Hand.
Bei der zweiten Runde Bier war sie schon in Stimmung für Geständnisse, was ihm sonst nur mit Marta, seiner besten Freundin, hätte passieren können, wenn er die Kraft gehabt hätte, sie anzurufen. Jedes Ereignis dieses Tages schien eingehüllt in eine irreale Aura. Doch Elsa überraschte ihn abermals.
»Ich habe ein Problem, obwohl du die am wenigsten geeignete Person bist, der ich es anvertrauen könnte.«
Wieder nahm sie einen tiefen Schluck Bier, in aller Ruhe. Jetzt gab es eine schwebende Intimität zwischen ihnen, die sie von ihrem Umfeld isolierte.
»Ich glaube nicht mehr an die Worte.«
Wieder lächelte sie und senkte den Blick auf die hölzerne Theke. Um das Gewicht dessen, was sie eben gesagt hatte, zu mildern, fügte sie hinzu: »Ist es sehr schlimm, Dottore?«
Corso sah sich gezwungen, sich abzuwenden; dieses plötzliche Bekenntnis ließ für nichts mehr Raum. Während er die Gläser und Flaschen vor sich beobachtete, die Arbeit der Barkeeper, die Warteschlange an der Kasse, die Tür, die ständig auf und zuging, dachte er an all die Wörter, die er in den letzten Jahren in seine Hefte geschrieben hatte, an die Wörter, mit denen Bücher anfingen, an die, mit denen sie endeten, und an all die anderen, die den Anfang der Geschichten der Menschen und die, die ihr Ende bildeten, die ihn aber enttäuscht hatten, Tag für Tag, wie sie vielleicht auch diese Frau enttäuscht hatten, die an einem Sommerabend an derselben Theke einer Bierbar gesessen hatte. Mit welchen übriggebliebenen Wörtern hätte er ihr den Kummer beschreiben können, den er wegen Django empfand? Und das Gefühl der Verstörung und Bedrohung, in das er abgestürzt war, und das ihn dazu gebracht hatte, sich vom Bett loszureißen und ins nächstgelegene Lokal zu laufen? Er dachte an die trockene Kehle, die die Welt jetzt ihretwegen hatte. Er fragte sie, was sie vor kurzem erlebt hatte, aber er fragte nur aus Gewohnheit.
»Ich habe mich verliebt«, sagte sie, »aber es hat nicht funktioniert. Es war alles ein riesengroßer Irrtum, von Anfang an.«
Corso überkam wieder die Lust zu rauchen. Vielleicht hätte er Feng einen Brief schreiben sollen, nicht dem Gespenst seines Vaters.
Elsa setzte ihr Glas ab.
»Ich möchte eine Pflanze werden, ein Baum, und mit anderen Lebewesen nur natürliche oder räumliche Beziehungen haben. Ich möchte vom Licht geleitet werden, von der Temperatur, nichts weiter brauchen als ein bisschen Wasser, verstehst du? Ich möchte auf den Regen warten, den Schnee fürchten, alle Nahrung aus dem Erdboden schöpfen. Zu einer bestimmten Jahreszeit würde ich gerne blühen und meine Wurzeln immer an derselben Stelle schlagen, um dann langsam zu welken, zu vertrocknen. Aber alles stumm. Wäre es so nicht viel einfacher?«
Corso nahm den nächsten Schluck. Gegen keine einzige dieser Feststellungen hätte er etwas einwenden können. Wir leben im Trugschluss, das stimmt, und im Trugschluss gedeihen wir. Nur manchmal, in Extremsituationen oder dank eines unvorhergesehenen Ereignisses können wir einen davon auflösen, doch nie vollständig. Das Leben ist ein einziges Missverständnis.
»Pardon, ich wollte meine unbedeutenden Gefühlsdesaster nicht auch noch zu all denen hinzufügen, die du dir ohnehin anhören musst. Ich weiß wirklich nicht, wie du so einen Beruf haben kannst.«
»Ich musste. Hätte man mich unterrichten lassen, säße ich jetzt in einer Pension irgendwo in der Provinz, tränke Grappa und würde den Dreißigjährigen Krieg noch einmal durchgehen.«
Beide lachten, dann sprach Corso weiter.
»Die Wahrheit ist, dass wir den Worten, die wir verwenden, niemals dieselbe Bedeutung geben, darum sollten wir auch nicht auf das hören, was die Menschen sagen, sondern auf die Musik, die sie machen, wenn sie sprechen.« Corso sah sie an.
»Kennst du dieses Video, in dem Marina Abramović nach langer Zeit ihre erste Liebe wiedersieht? Sie machte im MoMA in New York eine ihrer aufreibenden Performances, sie saß an einem Tisch, und jeder konnte sich eine Minute lang ihr gegenüber hinsetzen, vorausgesetzt, er schwieg. Kein Wort. Nur Blicke, sonst nichts. Das ging mehrere Tage lang so, bis sich ein Mann mit weißem Bart, länglichem Gesicht und in die Stirn geschobener Brille aus dem Publikum löste. Er trug Turnschuhe und eine dunkle Jacke. Marina trug ein rotes Kleid. Sie hielt die Augen noch geschlossen, um sich zu konzentrieren, das machte sie bei jedem Wechsel ihres Gegenübers. Als sie die Augen wieder öffnete, strahlte ihr Gesicht vor Staunen. Seit dreißig Jahren hatten sie sich nicht gesehen. Ulay bewegte den Kopf, als wollte er sagen: Siehst du, hier sind wir, es ist okay, hier sitzen wir jetzt. Er zuckte mit den Schultern, um seine Rührung zu beherrschen. Marina aber öffnete den Mund, Ulay tat einen langen Atemzug, schloss die Lider. Marina weinte, reglos. Sie hatten sich so viel zu sagen und hatten kein Wort dafür. Ulay drehte noch immer den Kopf hin und her, dann streckte Marina die Arme auf dem Tisch aus, Ulay lächelte, als wäre er endlich frei von jedem Schmerz, von Schuld und vom Vergeben, vom Unverständnis, von den Provokationen und sogar vom Spiel der Täuschung und der Wahrheit. Alles war aufrichtig und trügerisch zugleich. Er drückte ihre Hände, und die Menschen, die zuschauten, konnten nicht anders, als begeistert zu applaudieren und diesen unwiederholbaren Gleichklang zu zerstören, bis Ulay sich erhob und den Platz dem nächsten schweigenden Gesprächspartner überließ. Nicht immer haben wir Worte, um alles zu sagen, doch die Gefühle existieren auch ohne sie. Darum sollten wir unsere Worte sorgfältig wählen oder auf sie verzichten.«
Elsa nahm wieder einen Schluck.
»Wie die Pflanzen«, sagte sie.
»Ja, wie die Pflanzen. Weißt du, vorhin hast du mich auf ein Buch gebracht, das ich vor kurzem wiedergelesen habe. Es erzählt die Geschichte einer Frau, die ein Baum werden wollte.«
»Aha.«
»Eigentlich geht es nicht nur darum. Es ist auch die Geschichte von der Beziehung zweier Schwestern, von der Mittelmäßigkeit der Menschen, von einer Familie, die in die Brüche geht. Doch im Mittelpunkt steht dieser Skandal. Der Skandal einer Frau, die vegetabil werden will, auf den Zustand einer Pflanze regredieren will. Darum weigert sie sich, Fleisch zu essen.«
»Was für eine Frau ist sie?«
»Sie hat einen Mongolenfleck auf dem Rücken.«
»Was ist das?«
»Ein hellblaues Muttermal, das viele Kinder im Orient bei der Geburt etwas oberhalb oder neben dem Kreuzbein tragen. Gewöhnlich verschwindet es, wenn sie heranwachsen, nicht so bei ihr. Sie ist nicht die erste Romanfigur, die von einer Lilie auf der Schulter oder einem Buchstaben auf der Brust gezeichnet wird. Doch die wurden mit Feuer in die Haut der Frauen gebrannt. Der Fleck von Yeong-Hye ist ein naturgemachtes Siegel.«
»Yeong-Hye …«
»Ja, sie ist Koreanerin.«
»Und was ist ihre Sünde oder ihre Schande?«
»Die Verweigerung von Zugehörigkeit. Zum Vater, zum Ehemann, zur Familie und zum Menschengeschlecht. Es handelt sich um einen radikalen Verzicht, Yeong-Hye verweigert nicht nur die Nahrung, sondern auch die Sprache. Sie wird vergewaltigt, gedemütigt, wegen Schizophrenie und nervöser Magersucht in eine psychiatrische Klinik eingewiesen, doch sie hört nicht auf, ihren Plan zu verfolgen. Auf den letzten Seiten findet die Schwester sie im Kopfstand wie einen Baumstamm, und ihre Haare fallen auf den Boden wie Wurzeln … Ich weiß nicht, ob sie auch nicht mehr an die Worte glaubte, wie du. Auf jeden Fall spricht sie nie selbst. Ihre Stimme hören wir nur auf wenigen Zeilen, als sie uns von ihren schrecklichen Träumen erzählt: Wälder, Messer, die sie schlucken muss, Morde, ein Hund. Alles andere über sie wird von den anderen Figuren erzählt.«
»Was hat bei ihr nicht funktioniert?«
»Das wird uns nicht verraten. Im Mittelpunkt ihrer Geschichte steht ein Geheimnis. Es scheint fast, als wäre dieser Roman wie eine umgekehrte Ermittlung konstruiert. Was zählt, ist die Irreführung, nicht die Lösung, man will das Rätsel beschützen, als könnte es nur auf diese Weise respektiert werden, man will vermeiden, dass es missverstanden wird.«
»Das hört sich nach einem sehr harten Buch an.«
»Das ist es, hart und verstörend. Es erzählt von vielen Dingen. Da gibt es einen Teil, in dem der Schwager, ein bildender Künstler mit wenig Talent, den unerklärlichen Wunsch verspürt, ihren Körper zu bemalen. Er malt ihr rote Blumen auf die Haut, Knospen, Stängel, Blätter. Er bedeckt sie mit Farben, und das macht sie mit einem Mal glücklich, es geht ihr gut dabei.«
»Und du glaubst, auch mir täte es gut, dieses Buch zu lesen?«
»Das weiß ich nicht, aber in wahren, ehrlichen Büchern findet jeder das, was er braucht.«
»Was hast du darin gefunden?«
»Einen Satz. Den sagt ihre ältere Schwester, zum Ende hin. Diese Schwester ist voller Energie, fleißig, menschenfreundlich, sie führt einen Laden für Kosmetik, hat niemandem je etwas zuleide getan. Sie unterstützt Yeong-Hye, versucht ihr zu helfen, aber sie versteht sie nicht. Ihr Ehemann hält sie für eine Frau von erdrückender Herzensgüte. Doch als alles in die Brüche geht, begreift sie, dass ihre Ruhe, ihre Geduld nur Überlebenstechniken waren, dass ihr Leben bis zu diesem Moment nur eine gespenstische, zermürbende Zurschaustellung von Widerstandskraft war.«
»Versuchst du gerade, mir damit etwas zu sagen?«
»Ich kenne dich nicht, ich habe nur mit mir selbst gesprochen.«
»Naja, wenn das deine Methode ist, muss ich zugeben, sie ist ziemlich erstaunlich.«
Elsa berührte ihre Haare.
»Ich hatte auch einen autoritären Vater, ich musste viel Verantwortung übernehmen, denn ich war das Erste von drei Kindern, ich habe Probleme mit dem Essen, die Männer haben mich immer enttäuscht, und ich habe überlegt, ob ich mir ein Tattoo auf den Hintern machen lassen soll. Außerdem bin ich eine zwanghafte Leserin. Ich glaube, so wie die Dinge jetzt stehen, muss ich unbedingt nach diesem Roman suchen.«
»Ich hatte wirklich nicht die Absicht …«
»Du hast mir den Titel noch nicht genannt.«
»Die Vegetarierin.«
»Hat eine Frau das Buch geschrieben?«
»Ja, eine koreanische Schriftstellerin.«
»Das werde ich nicht vergessen.«
»Es wird keine schmerzlose Lektüre sein.«
»Das ist egal.«
Corso lächelte. Er war dieser jungen Frau dankbar, sie hatte ihn eine Weile daran gehindert, an Django, an die verwüstete Wohnung, an den von der Straßenbahn geköpften Mann zu denken.
Elsa legte eine Hand auf seinen Arm.
»Dann stimmt es also, was man sich erzählt.«
»Was erzählt man sich denn?«
»Dass es hilft, mit dir zu sprechen.«
»Um die Wahrheit zu sagen, meine Sitzungen haben immer zu vernichtenden Niederlagen geführt.«
»Deinem Ruf nach zu urteilen, würde man das nicht sagen.«
»Auch das ist ein gigantisches Missverständnis, Elsa. Ich habe für nichts ein Heilmittel … Es stimmt nämlich wirklich, alle Medikamente für die Seele sind Scheiße. Die Seele heilt man, indem man den Bauch heilt.«4
»Möglich. Aber du bist einer, der den Menschen wenigstens direkt in die Augen blickt.«
Corso trank sein Bier aus und stand vom Hocker auf.
Vielleicht war auch der Überfall dieser Eindringlinge auf seine Dachwohnung ein Missverständnis. Ein zufälliges Ereignis. Sie waren bis zum letzten Stockwerk hinaufgegangen, weil es isoliert war. Sie konnten nicht wissen, dass sie in seiner Wohnung einen stummen Hund finden würden.
»Es war ein Vergnügen, dich kennenzulernen«, sagte Elsa.
»Für mich auch. Gehst du?«
»Ich trinke noch aus.«
»Gut.«
Corso tippte ihr auf die Schulter, dann ging er zur Tür. Draußen empfing ihn das gelbliche Licht der Straßenlaternen.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.