Kitabı oku: «Eines Dienstags beschloss meine Mutter Deutsche zu werden»

Yazı tipi:

Fahimeh Farsaie

Eines Dienstags beschloss meine Mutter

Deutsche zu werden


Fahimeh Farsaie

Eines Dienstags
beschloss meine Mutter
Deutsche zu werden

Roman


Bibliografische Information der Deutschen

Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese

Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet

über >http://dnb.ddb.de< abrufbar.

ISBN 978-3-943941-56-2

© Dittrich Verlag GmbH, Berlin 2014

Abbildung auf dem Buchcover:

Bild der Malerin Jaleh Bagheri

Ich bedanke mich ganz herzlich bei allen, die mich, bewusst oder unbewusst, gewollt oder ungewollt, beim Verfassen dieses Romans unterstützt haben, unter anderen Helga Resch, Karin Clark, G. Kranz, Wiltrud M., Ch. Theisen und last but not least meiner heiß geliebten Tochter Golbarg!

Inhalt

Kapitel 1.

Kapitel 2.

Kapitel 3.

Kapitel 4.

Kapitel 5.

Kapitel 6.

Kapitel 7.

Kapitel 8.

Kapitel 9.

Kapitel 10.

Kapitel 11.

Kapitel 12.

Kapitel 13.

Kapitel 14.

Kapitel 15.

Kapitel 16.

Kapitel 17.

Kapitel 18.

Kapitel 19.

Kapitel 20.

Kapitel 21.

Kapitel 22.

Kapitel 23.

Kapitel 24.

Kapitel 25.

Kapitel 26.

Kapitel 27.

Kapitel 28.

Kapitel 29.

Kapitel 30.

Kapitel 31.

Kapitel 32.

Kapitel 33.

Kapitel 34.

Kapitel 35.

Kapitel 36.

Kapitel 37.

Kapitel 38.

Kapitel 39.

Kapitel 40.

Kapitel 41.

Kapitel 42.

Kapitel 43.

Kapitel 44.

Kapitel 45.

Kapitel 46.

Kapitel 47.

Kapitel 48.

Kapitel 49.

Kapitel 50.

Kapitel 51.

Kapitel 52.

GLOSSAR

FAHIMEH FARSAIE

1.

»Ich will Deutsche werden.«

Mit diesem Satz versetzte meine Mutter unsere Kleinfamilie in einen schweren, bis heute anhaltenden Aufruhr. Abbas Agha*, mein Vater, war der Erste, der die Auflehnungsflagge hisste. Denn er ist ein schrecklich stolzer Perser. Er war es immer, überall und in jeder Hinsicht. Daher ahmt er bei jeder Gelegenheit unseren aus dem Volk stammenden Nationalhelden Dash Akoll* nach. Selbst wenn er in der Morgendämmerung in seinem Restaurant hinter der Kasse sitzt und auf das trübe Tageslicht starrt, das aus dem Kölner Himmel tropft, schwelgt er in seinem persischen Stolz. Er schwebt auf einem persischen Teppich, gewoben aus Ehre und Stolz, wenn er die fette Luft seiner Kebab-Bude einatmet und, um Zeit totzuschlagen, die Kassenschublade auf- und zumacht. Ohne sein persisches Nationalgefühl verlöre Abbas Agha das Gleichgewicht wie eine Katze ohne Schnurrbart.

Beim Abendessen hielt meine Mutter tapfer dem bösen Blick Abbas Aghas stand, und nachdem sie die unentbehrlichen Vorteile ihres Deutschwerdens einzeln aufgezählt hatte, fügte sie hinzu: »Es ist mir eigentlich egal, welche Nationalität ich habe; die persische, deutsche …«

»Siiiiiiiimaaaaaa!«

Mein Vater brüllte warnend ihren Namen. Seine Stimme schwoll mit jeder Silbe. Er versuchte wie Dash Akoll zu klingen, der in unserer Erinnerung wie der persische Schauspieler Behrooz Woussoghi aussah.

Sima ließ sich nicht einschüchtern, zwinkernd sagte sie: »Was ist? Ist doch wahr. Wo meine Kinder leben, bin auch ich zu Hause. Da bin ich glücklich! Ob es in Iran ist oder auf dem Planeten Mars, ist in meinem Alter völlig egal!«

So alt ist meine Mutter gar nicht. Sie ist sogar ein paar Jahre jünger als mein Vater, der immer noch glaubt, gleichaltrig mit dem jungen Omar Sharif zu sein. Als der die Rolle des Häuptlingssohns eines einflussreichen Stammes im Film »Lawrence von Arabien« spielte, selbstverständlich. Ab und zu ahmt er Omar Sharif sogar nach, wenn er uns seine Macht demonstrieren will.

Wir lernten ziemlich früh, den Bezug auf das »Alter« nicht besonders ernst zu nehmen. »Nein, sehr spät«, interveniert mein Bruder Reza, immer wenn ich das laut auszusprechen wage. Vielleicht hat er Recht. Ich begriff es erst vor kurzem, mit zwanzig, und er schon mit fünfzehn. Seitdem will er nicht mehr Reza, sondern Ryan genannt werden.

Früher versuchte Sima Khanoom* unermüdlich, unser Leben in allen Einzelheiten nach den »Geboten des Alters« zu gestalten. Sie pflegte immer zu sagen: »Jedes Alter setzt ein bestimmtes Verhalten voraus.« Sie war der Ansicht, dass man die Verhaltensweise, die für ein gewisses Alter bestimmt sei, nicht zu einem ungeeigneten Zeitpunkt an den Tag legen dürfe. Das sei fatal. Man würde ja Tag und Nacht auch nicht gegeneinander austauschen.

Nach dieser unumstrittenen Logik durfte ich mit sechzehn meine dichten Augenbrauen nicht zupfen. Ich musste mit jenen schwarzen Balken, die wie Haare an Ziegenbeinen aussahen, bis zu meinem achtzehnten Lebensjahr herumlaufen. Reza, oh sorry, Ryan wagte bis vor kurzem nicht, Ohrringe zu tragen. Und nun? Nun hängen überall allerlei goldene und silberne Ringe von seinen Ohrläppchen, an der Nase, am Hals!

Abbas Agha* sieht in Ryan das »Licht seiner Augen«. Er soll als ältester und einziger männlicher Erbe »den Hort seiner kleinen, heiligen Familie« wie einen Backofen stets warm halten. Ryan ist gleichzeitig sein Leben, seine Seele, sein »Djahn«*. Als ob Djahn ein Bestandteil von Ryans Name wäre, benutzt Abbas Agha diesen Zusatz ausnahmslos, selbst im Streit. Es wäre ein Affront, wenn Ryan Djahn einmal nicht mit dem ehrfürchtigen Namen des Augenlichts von Abbas Agha angesprochen würde. Ryan war bis zu seiner Pubertät von diesem Ausdruck der väterlichen Zuneigung völlig entzückt. Doch nun, wo er sich auf dem Weg ins Erwachsenendasein befand und dabei war, alles, unter anderem seine Unschuld und seine mädchenhafte Stimme, zu verlieren, war er nicht mehr begeistert, besonders wenn Abbas Agha die Formel »Djahn, Djahn« wie der gütige Dash Akoll chauvimäßig betonte. Ryan Djahns Verdrossenheit ließ sich an den Nuancen seiner Stimme erkennen, die ab und zu zwischen hell und dunkel wechselte, selbst in einem einzigen kurzen Satz. Ehrlich gesagt amüsierte ich mich köstlich über diesen Klangsalat.

Jedenfalls, als wir lernten, keinen allzu großen Wert mehr auf das Alter und seine Ansprüche zu legen, stellten wir zu unserem Erstaunen fest, dass die von unserer Mutter erklärten Verbotsbereiche langsam schrumpften. Selbstverständlich unterließ Sima Khanoom ihre altersbezogenen Argumentationen nicht. Sie versuchte nur ihre Ausdrucksformen entsprechend den pädagogischen Methoden, die sie sich als versierte Lehrerin über Jahre in Iran angeeignet hatte, auszubauen. Nachdem sich Ryan zum ersten Mal an der linken Augenbraue gepierct hatte, begann Sima Khanoom mit unsichtbaren Geistern zu reden. Sie tauchten stets wie auf Befehl auf und hörten ihre Beleidigungen und Erniedrigungen widerstandslos an. Als Sima Khanoom in Ryans Unterlippe einen zweiten Ring entdeckte, beschimpfte sie die fiktiven Gespenster unverhohlen, dass sie keinen Funken Menschenwürde besäßen, dass sie den Segen, als freie Wesen leben zu dürfen, nicht zu schätzen wüssten und freiwillig als niederträchtige Sklaven aufträten.

Ryan, der sich angesprochen und sichtlich beleidigt fühlte, fragte: »Tschuldigen Sie, Mutter. Sprechen Sie so mich an?«

Aufgebracht schob meine Mutter den Kebab mit gebratenen Tomaten, der aus Abbas Aghas Restaurant geliefert worden war, in die Mikrowelle und antwortete scheinheilig: »Nein, Liebes. Ich meine die Leute, die sich so benehmen.«

Selbstverständlich sprach meine Mutter uns niemals direkt an, wenn wir ihr Missfallen erregten, zielte aber mit ihrer neuen Methode darauf ab, Schuldgefühle in uns hervorzurufen. Oft gelang es ihr. In mir lösten ihre Vorhaltungen stechende Schmerzen aus, als seien Holzsplitter in mein Fleisch eingedrungen.

2.

Der Tag, an dem uns meine Mutter über ihre Entscheidung in Kenntnis setzte, war kein günstiger Tag. Es war ein regnerischer Dienstag. Dienstage sind grundsätzlich langweilig und garstig. Sie sind weder energisch wie der Montag noch ermutigend wie der Freitag, an dessen Ausklang sich die Erwartung des nahenden Wochenendes knüpft. Am Mittwoch stellt sich ein neuer Energieschub ein bei dem Gedanken daran, dass der Woche das Kreuz gebrochen ist. Dem Dienstag fehlt dieses schwache und trübe Licht, das den Mittwoch zart erhellt. An einem Dienstag in einen Unfall verwickelt zu werden, der mich lebenslang lähmt, würde mich überhaupt nicht wundern. Aus Angst vor den unheilbaren Folgen dieses Tages verabrede ich mich dienstags auch nie, mit Peter.

In der Tat, jener Dienstag war so trüb wie der Atem eines kranken Menschen. Ich stellte mir meinen Vater vor, der an diesem Tag die ganze Zeit hinter der lautlosen Kasse in einem Restaurant saß und sehnsüchtig auf das turbulente Leben starrte, das draußen wirbelte. Von ihrer Alterslast gebeugt ging höchstwahrscheinlich auch meine Mutter an diesem Tag allein in unserer Vierzimmerwohnung auf und ab und fragte sich: »Was soll ich jetzt tun?«

Es ist die Frage, die sich Sima Khanoom stets und in jeder Situation stellt. Denn sie ist meist so in Gedanken versunken, dass sie vergisst, was sie schon erledigt hat und was noch zu tun ist. Manchmal lautet die Antwort, sie solle sich nun waschen, da ihre Notdurft schon verrichtet sei. Dann wieder, sie solle sich heftig mit Abbas Agha streiten, weil für sie das alles nicht mehr zum Aushalten wäre.

Am Ende eines solchen geplanten, durch die Was-soll-ich-jetzt-tun-Frage ausgelösten Streits hatte Sima Khanoom einmal meinen Vater so massiv unter Druck gesetzt, dass er unsere wunderschönen Seidenteppiche verkaufte und Holzparkett auf dem nackten Boden verlegte. Sima Khanoom war ausgesprochen begeistert. Sie zog ihre roten Pumps an, trippelte geräuschvoll durch die Wohnung und meinte zufrieden: »Ach, wie schön! Jetzt kann ich tagsüber wenigstens meine eigenen Schritte hören, kann merken, dass ich noch lebe und meine Ohren in Ordnung sind.«

Ihre noch recht ordentlichen Ohren bereiteten jedoch Abbas Agha später große Schwierigkeiten, weil er gezwungen war, den vor etwa einem Jahr gekauften Kühlschrank Marke Siemens zu veräußern und einen neuen anzuschaffen. Das ununterbrochene Summen des alten Geräts hatte angeblich Sima Khanoom das Gehirn wie eine Bohrmaschine durchlöchert und ihre Ohren taub gemacht.

Die Tatsache, dass meine Mutter grundsätzlich mit ihren Ohren Probleme hat, stört uns mittlerweile nicht mehr. Fatal ist nur, dass sie manchmal vergisst, dass sie überhaupt welche hat. Dann schließt sie ihre Augen und redet pausenlos wie ein Wasserfall. In solchen Situationen finden weder ich noch Abbas Agha oder Ryan bei ihr Gehör.

An jenem trüben Dienstag verhielt sich meine Mutter so, als ob sie ohne Ohren auf die Welt gekommen wäre. Beim Abendessen, während sie das Tablett mit dem aromatisch duftenden Basmatireis auf den Tisch stellte, teilte sie uns mit, Deutsche werden zu wollen. Im Reisdampf, der sich ungeduldig zum Kronleuchter schwang, strich sie sich kurz durch ihre grauen Haare und fuhr fort: »Wäre super, wenn es klappen würde. Muss nur den Antrag schnell stellen. Man weiß ja nicht, was passieren wird, jetzt wo die Große Koalition dran ist. Vielleicht ändern sie das Gesetz wieder …«

Mein Vater unterbrach sie empört und brüllte mit Dash Akoll-Stimme: »Was? Willst du wirklich Deutsche werden?

Willst du unsere Kleinfamilie zerstören? Ist dir gleichgültig, was die persische Gemeinde hier sagt? Ist dir egal, wie ich meinen Kopf danach vor meinen Landsleuten, vor meinem Volk hochhalten soll?«

Meine Mutter zeigte sich erstaunt. Zuerst streifte sie mich und Ryan Djahn mit einem kurzen Blick, dann wandte sie sich höflich an Abbas Agha: »Darf ich mal fragen, welches Volk Sie meinen?«

Diese Frage versetzte Abbas Agha-Dash Akoll, der sich immer als ein Mann aus dem Volk bezeichnete und ein Leben lang für die Rechte der einfachen Leute gekämpft hatte, plötzlich in Verlegenheit. Seine Zugehörigkeit und Verbundenheit zur persischen Volksgemeinschaft lag seiner Ansicht nach unmissverständlich auf der Hand. Niemand durfte sie in Frage stellen. Verwirrt zeigte er auf die gebratenen Tomaten auf dem Tisch und sagte: »Na, das Volk eben. Ich meine diese Perser.«

Sima Khanoom ignorierte zu Recht die als Volk angesprochenen gebratenen Tomaten, blickte sich um, und da sie niemenden außer mir und Ryan entdeckte, begann sie, die haltlosen Argumente meines Vaters zu analysieren. Mit Fragen wie »Meinst du Frau X oder Herrn Y?« blätterte sie sämtliche bekannten und unbekannten Perser in ihrem Gedächtnisregister durch und schied ausnahmslos alle als nicht dem persischen Volk zugehörig aus. Der duftende Reis löste sich im Licht des Kronleuchters auf. Das Kebab-Fett gerann. Die Haut der gebratenen Tomaten platzte. Meine Mutter jedoch war immer noch damit beschäftigt, die Perser in verschiedenen Ländern und Städten der Welt auszusortieren und der Gruppe der Nicht-zum-Volk-Gehörigen zuzuordnen.

Als ich genervt von ihren Ausführungen den Fernseher einschaltete und Ryan Djahn im Begriff war, zum Kiosk um die Ecke zu gehen, um seinen Hunger wie immer mit Chips und Cola zu stillen, gelangte meine Mutter zu der abschließenden Feststellung, dass in den persischen Volksgemeinschaften im Ausland nicht ein aus dem Volk stammender Mensch existierte, vor dem Abbas Agha sein Haupt hochhalten sollte. Am Schluss fügte sie hinzu: »Außerdem, du konntest als Mitglied der Toudeh-Partei* jederzeit deinen Kopf hochhalten, auch nach dem historischen Verrat dieser Partei an der Volksbewegung* Anfang der fünfziger Jahre und nach ihrer üblen Unterstützung des Khomeini*-Regimes. Da dürfte es dir eigentlich nicht schwer fallen, es weiter zu tun, auch wenn ich Deutsche werde!«

Mein Vater, der sich wie gewöhnlich den Diskussionen über Verrat oder Nichtverrat der Toudeh-Partei zu entziehen versuchte, rettete sich in die autoritätstrotzende Stimme des Schauspielers Omar Sharif und sagte: »Nun, es ist spät. Darüber reden wir ein anderes Mal.«

Er begab sich ins Wohnzimmer, holte die Kassette von »Lawrence von Arabien« aus dem Regal und steckte sie in den Videorecorder, um sie sich zum tausendsten Mal anzuschauen.

Abbas Agha sieht dem großen Schauspieler Omar Sharif tatsächlich nicht unähnlich. Besonders seine großen braunen Augen erinnern an Sharifs Stieraugen. Vielleicht deshalb oder auch, weil er selbst vor Zeiten in Iran ein hochrangiger Offizier gewesen war, versucht Abbas Agha Sharifs Stimme und sein Verhalten als Häuptlingssohn nachzuahmen. Dann bildet er sich ein, wieder von der unwiderstehlichen Aura von Macht und Autorität umhüllt zu sein, die ihm einst sein angriffsbereiter Stierblick und der Glanz seiner nun wertlosen Militärorden verliehen hatten. Aus unerklärlichen Gründen lassen wir uns stets von seiner Omar Sharif-Pose einschüchtern und beharren nie auf der Fortsetzung unangenehmer Diskussionen. Sogar Sima Khanoom, dank ihrer gar nicht mehr so ordentlichen Ohren, zieht es vor, sich nicht mit ihrem Omar Sharif-Double anzulegen.

So blickte sie an jenem Abend auf die kalt gewordenen Speisen auf dem Tisch, die unter dem weißen Licht des Leuchters wie eingefroren wirkten, und fragte erstaunt: »Warum habt ihr nicht zugelangt? Jetzt ist das Essen kalt und ungenießbar.«

Sirna Khanoom ist grundsätzlich nicht die Art Frau, die auf die Idee käme, dass ihre allzu entbehrlichen Ausführungen eventuell unseren Appetit verdorben haben könnten. Als ich sie ganz vorsichtig darauf ansprechen wollte, war sie zutiefst beleidigt. Wie immer rief sie ihre unsichtbaren Geister herbei und begann, das Holz ihrer »mütterlichen Pflicht« und »unserer unverschämten Undankbarkeit« zu hobeln und Splitter und Späne des Tadels zu verstreuen.

»Es ist sinnlos, sich von morgens bis mitternachts für die Familie aufzuopfern. Statt sich zu bedanken, heißt es am Ende, alles sei falsch, was man getan hat.«

Je mehr ich mich bemühte, das Missverständnis auszuräumen, desto geringer war mein Erfolg. Außerdem fühlte ich mich von ihren schmerzhaft stechenden Tadel-Splittern wie gelähmt. Sie drangen so tief in meine Seele ein, dass keine Pinzette sie herausgebracht hätte. So flüchtete ich mit dem Gedanken an Peter und an seine Schutz und Trost versprechende Schulter aus der Wohnung.

3.

Peter empfing mich, obwohl unter Stress, erfreut und umarmte mich liebevoll. Als Beweis seines Mitgefühls griff er auf sein Patentrezept zurück: »Nimm endlich Abstand von deiner Familie, mein Schatz. Sie nutzen deine Schwäche für Harmonie rücksichtslos aus.«

Bei der Vorstellung, dass Abbas Agha und Sima Khanoom meine Schwäche rücksichtslos ausnutzten, brach ich in Lachen aus. Sie waren es doch, die unserer Zukunft wegen Tag und Nacht schufteten. Dennoch widersprach ich Peter nicht. Von Streitereien hatte ich für heute genug, dazu noch ein kulturelles Missverständnis aus dem Weg zu räumen ging über meine Kräfte.

Peter ist Buchhändler von Beruf. Seine internationale Krimi-Sammlung ist bundesweit einmalig. Ständig sortiert er die Bücher nach Genre und nach den Namen der Autoren in alphabetischer Reihenfolge. Dann ordnet er sie in die vorgesehenen Regale ein. Auch sein Leben arrangiert er nach einer ähnlich strikten Ordnung, nach umständlich durchdachten, nur ihm verständlichen »kurzfristigen und langfristigen Plänen«, die er sorgfältig auf Zetteln notiert, die am Kühlschrank hängen. Sein Verhalten im Alltag ist unwillkürlich davon in Mitleidenschaft gezogen, was sich auf unsere Beziehung auswirkt. Stets redet er von »meinem Problem«, »deinem Problem«, von »meinem Geld« und »deinem Geld«, was mir völlig fremd ist. Peters scharfer Verstand gleicht einem Computer, so dass für ihn Gott und die Welt allein durch die Zahlen Null und Eins darstellbar und verständlich sind, unsere Liebesbeziehung nicht ausgenommen.

Ich verkroch mich in seinen Armen, vergaß die Holzspäneschmerzen und sagte sanft: »Aber Peter, es sind meine Eltern. Du redest so, als ob sie Fremde wären.«

Peter mit seinem 0/1-Verstand wie ein Computer, den er mir übrigens gründlich erklärte, meinte, es gäbe keinen Unterschied zwischen Verwandten und Fremden, wenn »persönliche Interessen« im Spiel sind. Stolz fügte er hinzu: »Das weiß ich, seit ich siebzehn bin!«

In seinem siebzehnten Lebensjahr war Peter von zu Hause ausgezogen und in eine Wohngemeinschaft umgesiedelt. Als Nichtraucher hatte er keine großen Ausgaben. Seine allein erziehende Mutter Margrit unterstützte ihn mit einem bescheidenen monatlichen Taschengeld. Die Großmutter übernahm seine GEW-Rechnungen. Er selbst arbeitete in der Freizeit als Fensterputzer und Transporthelfer, um seine restlichen Ausgaben zu decken. Auf dem von der Umzugsfirma gestellten T-Shirt, das er aus Zeitmangel manchmal sogar in der Schule trug, stand in großen Lettern: Ihren Umzug zu erledigen, ist unsere Pflicht.

So hatte Peter am eigenen Leib erfahren, wie hart Geldverdienen sein kann. Hart lernte er auch, seine Einkünfte zu sparen.

Im Gegensatz zu Peter geht mein Vater leichtsinnig mit Geld um. Selbst während er den Tagesumsatz zählt, blickt er träumerisch in die oftmals regnerische Nacht, als sei er beauftragt, Regentropfen statt Geld zu zählen. Er vertieft sich mit so viel Ernst in jene nasse Finsternis, als sei Regen ein seltsames, jährlich nur einmal in Deutschland zu beobachtendes Ereignis und als entginge seinen Augen eines der Weltwunder, ließe er diesen bizarren Vorfall unbeachtet. Wenn Peter dagegen den Preis eines eben verkauften Buches in die Kasse tippt, konzentrieren sich all seine Sinne allein darauf; erst erfasst er die Ziffern mit den Augen, dann registriert er sie in seinem Gedächtnis. Anschließend spürt er sie förmlich in seinen geübten Fingern, wenn er die Kassentasten berührt und die Zahlen eingibt. Am Schluss errechnet sein trainiertes Gehirn nach dem 0/1-System die bis dato prozentual eingenommene Handelsspanne. Da Peters exklusive Krimi-Angebote äußerst gefragt sind, schwebt ständig ein melodisches Kassengeklingel in der Luft, als zwitschere ohne Unterlass eine Nachtigall in seinem Laden.

4.

Nach jenem düsteren Dienstag gelang es meinem Vater nicht, Sima Khanooms Entscheidung zu ändern. Auch die Autorität Dash Akolls konnte sich nicht durchsetzen. Nicht einmal von Omar Sharifs Bullenblick ließ Sima Khanoom sich einschüchtern. Ihr Entschluss blieb unüberwindbar. Als Abbas Agha sie zum tausendsten Mal mit Dash Akoll-Stimme fragte: »Warum, zum Teufel, willst du Deutsche werden?«, antwortete ich an ihrer Stelle, zermürbt von den unendlichen Streitereien: »Unseretwegen. Sie will einfach ohne Angst und Sorge um ihr Aufenthaltsrecht bei ihren Kindern bleiben dürfen. Ist das so schwer zu verstehen?«

»Nein, das ist nicht schwer. Aber um in diesem verfluchten Land bleiben zu können, gibt es hundert andere Möglichkeiten.«

Ich kannte keine einzige. Trotzdem sagte ich: »Vielleicht haben Sie ja sogar Recht. Aber Ihre verehrte Frau hat sich für diesen Weg entschieden. Ist das so schlimm?«

Es fiel meinem Vater oft schwer, eine freie Entscheidung der Mitglieder seines »gemütlichen, warmen und hellen Familienhorts« zu respektieren. Meine Verteidigung brachte ihn erst recht in Wallung. Er bekam einen roten Kopf, riss die Augen auf und brummte empört: »Na, so was! Ich bin dir also egal, wie? Gut zu wissen, dass auch du auf ihrer Seite stehst!«

Seit geraumer Zeit gelangte mein Vater immer wieder zu dieser Schlussfolgerung. Nur ließ er sie so klingen, als sei er gerade erst darauf gekommen. Problematisch war, dass ich nie das Bedürfnis verspürte, dieses je nach Standpunkt bittere oder süße Fazit zurückzuweisen oder zu bekräftigen. Also schwieg ich auch dieses Mal und hoffte, Abbas Agha würde die Diskussion nicht weiterführen, sondern ins Wohnzimmer entschwinden und seinen Trost in einem Dash-Akoll-Video suchen.

Doch mein Vater hatte Recht. Ich konnte gar nicht auf seiner Seite sein, auf der Seite von Abbas Agha-Dash Akoll, den mein Großvater mütterlicherseits »einen echten Hurensohn« nannte, denn er habe sich bei Nacht und Nebel aus dem Staub gemacht, sobald er Wind davon bekam, dass im Land dicke Luft herrschte.

Immer wenn der Großvater gegen seinen Schwiegersohn, den Deserteur wetterte, versuchte meine Mutter, ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Obwohl sie selbst von der Flucht meines Vaters ungeheuer betroffen gewesen war, führte sie geduldig aus: »Er war in einer Zwickmühle, Agha Djahn. Als hochrangiger Offizier hat er für die Freiheit gekämpft. Er ist kein normaler, simpler Dissident. Wäre er erwischt worden, hätte man ihn sofort hingerichtet. Deshalb ist er geflüchtet, nicht um im Ausland ein schönes Leben zu genießen.«

Da mein Großvater nach einer Weile einsah, dass er den Kampf mit dem Todesengel seines Schwiegersohns – wäre der im Lande geblieben und hingerichtet worden – nicht siegreich hätte führen können, holte er eben noch weiter aus. So ließ er jedes Mal seinen Umhang auf die Schultern rutschen, fuchtelte mit dem Stock in der Luft herum und kreischte: »Dieser Hurensohn hätte von Anfang an einen großen Bogen um die Politik machen müssen. Kein anständiger Mensch legt sich mit einem vom Volk gewählten Regime an, erst recht kein Offizier, der Mitglied der geheimen Militärorganisation einer kommunistischen Partei ist. Tausendmal hab ich gesagt: Mischt euch in solche Machenschaften nicht ein. Dreht eure Fahne nach dem Wind. Diese Regierung ist wie ein Esel. Ihr solltet ihn satteln und die Zügel straff anziehen. Basta!«

Meine Mutter hielt rigoros dagegen und warf ein: »Das sind keine Esel, Agha Djahn. Diese Mullahs sind schlimmer als tollwütige Wölfe. Bis jetzt haben sie alle zerfleischt und zerfetzt, die gewagt haben, sich gegen sie aufzulehnen, oder? Man muss doch die Tatsachen sehen.«

Mein Großvater ignorierte aber die Realität lieber. Zum tausendsten Mal wetterte er gegen die Vorfahren meines Vaters, verbrannte sie komplett in den lodernden Flammen seiner Wut und zerstreute die Asche ohne Gewissensbisse in der Luft.

Die Wirkung dieser Tirade auf die Physis meiner Mutter war für mich immer wieder erstaunlich; sie wurde krumm wie ein F:ragezeichen, nahm meine Hand und verließ das Zimmer.

Meine Großmutter gab ihrer Tochter daraufhin stets zu verstehen, sie solle das Geplapper des Vaters nicht ernst nehmen. Sein übles Benehmen sei altersbedingt.

Doch meine Mutter schämte sich, dass sie nun, nachdem sie jahrelang als Lehrerin finanziell für ihre Familie gesorgt hatte, ihre Beine wieder unter den Tisch des Vaters stecken musste. Sie wurde plötzlich äußerst sparsam, versuchte weniger Wasser und Strom zu verbrauchen. Mit der Ausrede, sie wolle abnehmen, aß sie kein Abendbrot mehr und legte eine Mahlzeit auf zwei Tage um. In der Nacht träumte sie schlecht und murmelte dabei stöhnend: »Oh, Abbas, guck auf dein düsteres Leben. Schau, was du mit mir gemacht hast.«

Später bemühte sich mein Vater sehr, Sima Khanoom davon zu überzeugen, dass nicht der Offizier Abbas Azad, sondern der Führer Ruhollah Khomeini ihr Leben verdüstert hatte. Meine Mutter beharrte dennoch unerschütterlich auf ihrer Meinung. Einmal unterbrach sie am Ende einer heftigen Auseinandersetzung die erschöpfenden Ausführungen und schrie ihn ärgerlich an: »Ihr seid alle aus demselben Holz geschnitzt, wenn es um die Rechte der Frauen und Kinder geht. Da macht es keinen Unterschied, ob ihr Abbas oder Nietzsche, Khomeini oder Lenin heißt!«

Sima Khanoom kochte vor Wut, so dass mein Vater sofort das Schlachtfeld verließ. Doch um das letzte Wort zu behalten, sagte er beleidigt: »Ach, vergiss es. Man kann sowieso kein offenes Ohr bei dir finden!«

Ich glaube, in dem Moment, als meine Mutter für sich die Gleichung Abbas = Khomeini = Nietzsche = Lenin entdeckte, entschied sie sich auch, gelegentlich ohne Ohren auszukommen.

5.

Abbas Agha kam einen Schritt auf mich zu und brummte noch einmal »Keine Hemmungen! Sag klipp und klar, dass es dir egal ist, ob es mich gibt oder nicht. So viel bin ich euch wert!«

Das stimmte so nun auch wieder nicht. Wenn mein Vater und der Inhalt seiner oft stummen Kasse nicht gewesen wäre, hatte ich nicht weiter studieren können. Als Kind war es mir ziemlich egal, dass er ein »echter Hurensohn« war. Denn wenn er kein Hurensohn gewesen wäre, hätte er ein Märtyrer sein müssen, wie meine Mutter behauptete, und zwar ein toter. Denn während des Iran-Irak-Kriegs gab es auch lebendige Märtyrer. Meine Großmutter verkündete immer, alle Kriegsinvaliden seien lebendige Märtyrer. Hätten die Passdaran* meinen Vater damals verhaftet und ins Gefängnis gesteckt, wäre auch er durch Folter und Furcht in einen »lebendigen Märtyrer« verwandelt worden. Vorausgesetzt, man hätte ihn nicht sofort hingerichtet.

Abbas Agha wollte nicht in einem iranischen Gefängnis verschwinden, sondern noch eine Weile in Deutschland leben. Den Ehrentitel »lebendiger Märtyrer« verlieh er sich aufgrund seines märtyrerischen Aussehens selbst, nachdem er einen Monat lang durch Berg und Tal auf der Flucht gewesen und endlich in Deutschland gelandet war. Sein märtyrerisches Aussehen bewahrte er sich anscheinend auch während des Asylverfahrens. Er wurde sofort als einfache Arbeitskraft beim Bau eines Tunnels beschäftigt, damit niemand ihn zum Wirtschaftsflüchtling stempeln konnte, der durch politisches Asyl das reiche und wohlhabende Deutschland berauben wolle, wie es in politischen Debatten so gerne hieß.

Auf diese Weise verschwand Abbas Agha vor Sonnenaufgang unter der Erde und tauchte nach Sonnenuntergang wieder an die Oberfläche. Zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang setzte mein Vater beim Schaufeln all seine Kraft und Energie um in Schweiß, Blut und Tränen, bis er eines Tages bemerkte, dass sein Körper jede Flüssigkeit verloren hatte und seine Haut aufgerissen war wie bei einem geräucherten Fisch.

Dieser Zustand überwältigte Abbas Agha so plötzlich, dass er nicht einmal mehr dazu kam, den Grund seines Trockenheitsgefühles zu analysieren. Er fiel einfach um, zum gedämpften Klang der Schaufel, mit der er sechs Monate lang die Eingeweide der Erde ausgegraben hatte und die über die gesamte Zeit seine einzige Vertraute gewesen war.

»Ein einmaliges Erlebnis, wenn man einer Schaufel sein Herz ausschüttet!« So lautete die einzige Moral, die mein Vater aus seiner Märtyrerzeit zog. Jedes Mal, wenn er auf seine »einmaligen Erlebnisse« zu sprechen kam, brach er in Lachen aus. Er lachte auch beim Erzählen der erschütternden Ereignisse seiner Flucht, während Tränen über seine Wangen rollten.

»Im Krankenhaus waren alle neugierig. Jeder wollte wissen, welch wichtige Rolle die Schaufel in meinem Leben gespielt hatte, da ich im Koma und im Traum ständig nach meiner Schaufel rief. Zuerst dachten sie, meine Frau oder meine Tochter hießen so.«

»Schaufel« gehörte zu den ersten deutschen Worten (neben »Bahnhof«, »egal« und »Scheiße«), die mein Vater lernte. Ohne diese Ausdrücke kam er in seinem Alltag auch später nicht mehr zurecht. Mit ihnen war er in der Lage, sich gegen die allgemeinen Vorurteile zu verteidigen, die unweigerlich mit der Unterschrift unter einen Asylantrag einhergingen: dass er nämlich nach Deutschland gekommen sei, um diese Wohlstandsgesellschaft zu ruinieren und die Deutschen ihrer Arbeitsplätze und Wohnungen zu berauben.

Als mein Vater erfuhr, dass der zu »Schaufel« gehörige Artikel feminin ist, war er tief enttäuscht. Es war ihm nicht begreiflich, wie ein derart kraftvoller Gegenstand, der ihm einerseits als Werkzeug einen gesicherten Aufenthalt in Deutschland ermöglicht und es ihm andererseits erlaubt hatte, wie ein Ochse die Erde umzupflügen, weiblichen Geschlechts sein konnte.

Vielleicht denkt er, wenn er aus dem Fenster auf die Straße starrt, statt auf seinen Umsatz zu achten, auch an die Schaufel und deren weiblichen Artikel und lacht heimlich in sich hinein.

6.

Abbas Agha musterte mich immer noch mit seinem Stierblick à la Omar Sharif und wollte wissen, ob mir seine Existenz oder Nicht-Existenz egal wäre. Ich konnte ihm dabei leider nicht weiterhelfen, weil ich mir selbst nicht im Klaren war. So stand ich unwillig auf und ging wortlos in die Küche. Hartnäckig lief er hinter mir her.

In Abbas Aghas »warmem und hellem Familienhort« stand nun jeden Abend zum Abendessen das Thema »Einbürgerung, ja oder nein« auf der Tagesordnung und brachte unser Leben durcheinander. Es war wieder ein düsterer Dienstag, als meine Mutter sich notgedrungen dazu gezwungen sah, ihren Koffer zu packen, um uns wegen Abbas Aghas ablehnender Haltung zu verlassen, und auch ich meine Sachen auf dem Bett anhäufte und meinem Vater zu verstehen gab, wenn er die Entscheidung seiner Frau nicht akzeptiere, würde ich ihm ebenfalls abhanden kommen.

Augenblicklich schlüpfte er in die Gestalt Omar Sharifs und gab sich affektiert autoritär: »Ach, jetzt drohst du mir auch? Unverschämt! Also, so weit bist du, ja? Von Anfang an war mir klar, dass du auf der Seite deiner Mutter stehst, dass du ihre Tochter bist!«

Hätte ich seiner Meinung nach die Tochter unseres berühmten Dichters Hafiz* sein sollen? Weder der große Dichter noch mein lieber Vater waren da, wenn ich sie dringend brauchte. Nur meine Mutter unterstützte mich, und zwar immer und überall. Etwa als ich auf unserer Flucht vor Angst ständig zitterte. Da war es meine Mutter, die fest meine Hand hielt und mich tröstete. In jenen turbulenten Tagen war ich wie besessen von der Furcht, irgendwann verloren zu gehen. Als wir damals von einem Bus auf einen Lastwagen umstiegen oder einen Packesel mit einem Mofa tauschen mussten. Als wir stundenlang mit einem Kamel in der Wüste herumirrten und dann in einem schrottreifen PKW Zuflucht fanden. Endlos war mir die Flucht mit all diesen unterschiedlichen Verkehrsmitteln damals vorgekommen. In den ersten Tagen hatte ich mir vorgestellt, wir unternähmen nur einige zufällige Ausflüge, obwohl Sima Khanoom mir bereits gesagt hatte, dass ich mich wie »Alice im Wunderland« auf eine abenteuerliche Reise vorbereiten sollte. Was sie tatsächlich damit meinte, ahnte ich nicht. Ich war aber froh, eine Weile Abstand von meinem netten Großvater zu bekommen. Der fuchtelte immer noch mit seinem Stock in der Luft herum und beschimpfte die Vorfahren meines von Hinrichtung bedrohten Vaters so heftig, dass sie sich im Grabe umgedreht hätten, wäre es ihnen zu Ohren gekommen. Nach einer Weile, als die Alicesche Reise zum Zwang wurde, hatte ich gar keinen Spaß mehr daran. Ich sehnte mich sogar manchmal nach meinem Großvater, seinen Flüchen und Schmähungen. Vielleicht, weil das Wunderland, das wir entdecken sollten, nicht so wunderbar war, wie mir meine Mutter versprochen hatte. Es war eine uferlose Wüste, ohne Anfang und Ende; nur die Menschen, die uns begleiteten, waren alle höchst wundersam.

Da gab es sieben oder acht Männer mit dichten Schnurrbärten, die ständig zum Horizont starrten und dir ihre gelben Zähne zeigten, wenn dich ihr Blick ungewollt streifte. Sie grinsten dich an mit einem verklemmten, furchterregenden Lächeln.

Einer, ohne Brille und fast blind, hieß Herr Nokteh Bin. Später, als meine Mutter den anderen von unserer Flucht erzählte, führte sie ihn als Registeramtsbeamten ein. Manche Männer der Gruppe verspotteten ihn hinter seinem Rücken seiner Hofsprache wegen und äfften ihn nach. Vor dem Schlafengehen verabschiedete er sich jeden Abend mit dem Satz: »Ich darf mich, gnädige Mitreisende, jetzt empfehlen.« »Hassan-das Sprichwort«, dessen Äußerungen stets mit Sprichwörtern gespickt waren, vertrat die Ansicht, Herr Nokteh Bin würde das Exil nicht länger als ein Jahr überleben, weil es ihm niemals gelingen könne, die deutsche Hofsprache zu erlernen. Denn im Exil würde es die Seele töten, wenn man beredt und dennoch sprachlos sei. Meine Mutter prophezeite, »Hassan-das Sprichwort« werde sogar schon nach sechs Monaten Exil durchdrehen. Es sei ebenso unmöglich, die deutsche Sprache so weit zu beherrschen, dass man in Sprichwörtern reden könne.

Das Erscheinungsbild des Reiseführers, den alle A Sardar nannten, war am schrecklichsten. Alles an ihm sah wirr und wüst aus; von seinem vollen Bart und den Augenbrauen bis zu seinem großen Tuch, das er mehrmals um den Kopf gewickelt hatte. Sogar seine Hose war so geschlungen, dass es aussah, als seien die engen Beinpartien in den Zwickel eingebunden oder umgekehrt. Er ähnelte den Biestern, die ich von meiner Großmutter her kannte. Mansureh Khanoom, meine Großmutter, hatte mich immer gemahnt, ein braves Mädchen zu sein und die Suppe ohne Meckern aufzuessen. Sonst rufe sie ihre vertrauten Ungeheuer und befehle ihnen, mich in einem Zug zu verschlingen.

Als ich A Sardar zum ersten Mal sah, brach ich vor Angst in Tränen aus. Ich hatte nicht gewusst, dass auch meine Mutter mit diesen Ungeheuern bekannt war. Das Schlimmste war, dass ich nicht begreifen konnte, warum sie sie ausgerechnet in diesem Moment rief. Hatte ich vielleicht etwas falsch gemacht? Ich war während unserer ganzen Wunderland-Reise völlig brav gewesen. Und auch an diesem Tag jammerte ich nicht, obwohl ich den ganzen Tag nur ein paar Tropfen Wasser zu trinken bekommen hatte. Nur um ein Stück Brot hatte ich meine Mutter ab und zu angefleht und war von ihr bis zur Ankunft im »nächsten« Dorf vertröstet worden. Einige dieser nächsten Dörfer lagen bereits hinter uns, und der schrottreife Kombi sauste unbeirrbar weiter. Fuhren wir an Siedlungen vorüber, warnte uns A Sardar jedes Mal: »Hier können wir nicht anhalten. Es ist gefährlich. Die Dörfler gehören nicht zu unserer Sippe. Keinen Mucks! Zieht eure Tücher über den Kopf, damit man euch nicht sehen kann!«

Die Männer vermummten sich noch fester mit ihren großen Tüchern und sanken tiefer in sich, in der Hoffnung, von niemandem gesehen zu werden.

Ich saß auf dem Schoß meiner Mutter im hinteren Raum des offenen Kombis und spielte mit ihrem Tschador, um meinen Hunger zu vergessen. Plötzlich knurrte mein Magen so sehr, dass es mir schwarz vor Augen wurde. Aus Angst zu erblinden schrie ich: »Brot! Ich will Brot!« Ehe meine Mutter reagieren konnte, blickte A Sardar aus dem Zwischenfenster des Kombis so böse auf mich, dass ich glaubte sterben zu müssen. Von unendlicher Furcht gepackt, begann ich zu heulen. Alle zappelten vor Entsetzen, kümmerten sich um mich und bettelten mich an, doch noch eine Weile, nur bis zum nächsten sicheren Dorf, still zu halten. An der Brust meiner Mutter weinte ich mir leise die Seele aus, bis ich schließlich einschlief. Ich merkte nicht, wann wir das nächste sichere Dorf erreichten. Als ich meine rot geschwollenen Augen aufschlug, die immer noch vom Tränensalz brannten, drückte mir meine Mutter ein großes Stück Brot mit Käse in die Hand und sagte: »Das hat dir Onkel Sardar aufbewahrt.«

7.

Abbas Agha haute mit voller Kraft auf den Tisch und brüllte noch einmal mit Omar Sharif-Stimme: »Antworte mir! Warum redest du nicht? Ich will wissen, ob ihr überhaupt Wert auf mein Wort, meine Ehre, auf mich persönlich legt oder nicht? Oder ist nur das wichtig, was Sima sagt, was sie tut?«

Aus einer Mücke einen Elefanten zu machen, ist die Stärke meines Vaters. Außerdem besitzt er großes Talent, die Dinge zu verkomplizieren. Er bauscht eine Lappalie so lange auf, bis man nicht mehr weiß, auf welchen Aspekt des Themas man eingehen soll. Deshalb schwieg ich auch weiterhin. Während ich über eine vernünftige Antwort grübelte, kam es mir in den Sinn, dass Abbas Agha heute Nacht wieder von seiner Schaufel träumen könnte, um ihr sein Herz auszuschütten.

Mein Vater musterte meine Lippen eine Weile und da er endlich begriff, dass ich sie nicht auseinander bekommen würde, ließ er von seinem Gebaren ab. Er blickte zur Decke hinauf und sagte mit seiner eigenen, ratlos klingenden Stimme: »Oh weh, schau mal, wie einfach meine Familie zerstört wird, mein warmer und heller Familienhort.«

Obwohl er den Satz im Passiv formulierte, lag es auf der Hand, dass er mich und meine Mutter als Zerstörerinnen seiner Familie ansah.

Plötzlich ging die Tür auf und Ryan Djahn betrat die Wohnung. Abbas Aghas Augenlicht war seines Vaters letzte Rettung. Hilfe suchend blickte er ihn an: »Reza Djahn, komm du und sprich mit diesen Damen. Ich hab mir den Mund fusselig geredet. Aber sie haben wohl Knöpfe in den Ohren.«

Tatsache war, dass er kein vernünftiges Wort mit uns geredet hatte. Was er reden nannte, war nackte Omar Sharif-Drohung. Eine Weile versuchte er auch, uns seinen Willen mit der heroischen Autorität eines Dash Akoll aufzuzwingen. Dazu kam, dass er immer wieder Sima Khanoom beschuldigt, seine Würde und Ehre verletzt und geraubt zu haben.

Das »Augenlicht« des Abbas Agha würdigte uns keines Blickes. Es war tief beleidigt, weil es nicht mehr Reza gerufen werden wollte. Ryan Djahn kam rückwärts auf uns zu, während er mit einer Hand wie immer den Ring an seiner Augenbraue drehte und mit der anderen die Fernbedienung betätigte, um von einem Fernsehkanal zum anderen zu zappen. Sein Hosenbund hing ihm auf dem Po, der aufgeblähte Zwickel reichte bis zum Knie.

Meine Mutter ergriff ihren Koffer und ehe sie ihn hochhob, fragte sie Ryan: »Wo bleibt denn deine Begrüßung , mein Sohn?«

Abbas Agha unterbrach sie rasch: »Ja! Bitte schön! Die schlechten Manieren hat er von den Deutschen, von diesem grünäugigen Jungen, Kai. Wie ein Esel platzt er immer hier ins Haus, ohne auch nur ein einfaches Hallo zu sagen. Und jetzt willst du auf Biegen und Brechen Deutsche werden?«

Ryan drehte sich kurz zu uns um und warf Abbas Agha einen düsteren Blick zu, weil er seinen Freund beleidigt hatte, hielt aber den Mund. Sima Khanoom grinste, nahm den Koffer und sagte: »Okay. Ich gehe jetzt. Redet ihr zuerst miteinander. Ich erfahre dann alles, wenn ich mich demnächst bei euch melde.«

Ich war bereit, meiner Mutter zu folgen, und zerrte entschlossen am Reißverschluss des Sackes, in den ich all meine Sachen gestopft hatte. Sobald Ryan merkte, dass es ernst war, hörte er abrupt auf, den Ring an seiner Augenbraue zu drehen und die Programme umzuschalten. Mein Bruder, der sich immer lässig und leger ausdrückte, sprach diesmal höflich und gefasst, halb auf persisch, halb auf deutsch: »Wohin gehen Sie denn wollen? Sie haben in dieser fremden Stadt nicht Freunde.«

Meine Mutter stand schon am Ausgang. Ohne sich umzudrehen, erklärte sie der Wohnungstür: »Wohin schon? Ins Frauenhaus!«

Erstarrt hielt ich mit dem Schließen des Reißverschlusses inne. Augenblicklich beschloss ich, Peters Rat zu folgen und Abstand von meiner heiligen Familie zu nehmen, bevor sie mein Leben völlig zerstörte. Peter würden die Worte fehlen, wenn er hörte, dass meine Mutter Zuflucht im Frauenhaus gesucht hatte.

Ryan Djahn drehte vor Ratlosigkeit dieses Mal den Ring an seiner Unterlippe. Darin erschöpfte sich die Weisheit von Abbas Aghas männlichem Erben. Mein Vater, der mit zwei Sprüngen am Ende des Flurs landete, um die Tür abzuschließen, rief entsetzt: »Wie bitte?! Wohin?! Wohin sonst alle geschlagenen Frauen gehen? Wir haben dich alle nur mit Samthandschuhen angefasst, oder? Warum willst du unsere Ehre absichtlich beschmutzen?«

Während meine Mutter mit Abbas Agha um den Schlüssel rang, den er nach Abschließen der Tür in die Hosentasche zu stecken versuchte, schrie sie lauter: »Diese Ehre ist nur deine Ehre, nicht unsere. Außerdem, was ist schlimm am Frauenhaus? Auch das ist ein Teil der deutschen Kultur, die ich sowieso kennen lernen muss.« Und mit einem kräftigen Ruck riss sie meinem Vater den Schlüssel aus der geballten Faust.

Ich stieß Ryan Djahn an, der mittlerweile wieder mit seinem Augenbrauenring beschäftigt war, damit er Sima Khanooms Koffer in die Küche brachte. Ryan Djahn sprang auf und rutschte zur Tür, wobei seine Hosenbeine den Boden fegten. Schwermütig und um männliche Festigkeit seiner Stimmbänder bemüht, sagte er wie ein zimperliches Mädchen: »Wollen Sie uns wirklich verlassen? Was machen wir denn ohne Sie?«

Sima Khanoom, von Ryans Leid und Trauer unbeeindruckt, nahm sanft seine Hand, um ihn von der Tür fortzuziehen. Dabei sagte sie ebenfalls betrübt: »Ohne mich habt ihr es doch besser. Besonders diesem Abbas Agha geht’s dann hervorragend. Geh beiseite! Ich muss raus.«

Da begriff Abbas Agha plötzlich, dass meine Mutter wirklich entschlossen war, uns zu verlassen. Er nahm wieder Dash Akolls Gestalt an und schwor auf Gott und die Welt, dass Sima Khanoom ein falsches Bild von ihm habe, dass er Tag und Nacht arbeite, nur um die Wünsche seiner Familie zu erfüllen, um seinen Familienhort hell und warm zu halten. Besonders wolle er, dass Sima Khanoom glücklich und zufrieden sei … Und weiteres sinnloses Gerede, an das ich mich nun nicht mehr erinnern kann. Am Schluss versicherte er besorgt: »Glaub mir, ein Stachel in deinem Fuß ist für mich so schmerzvoll wie ein Metallpfahl in meinem eigenen Auge!«

Das war nicht nur für Sima Khanoom, sondern auch für Ryan Djahn und mich völlig neu. Staunen und tiefe Rührung ließen Tränen in Ryans Augen hervorschießen, die wiederum mich zum Handeln ermutigten. Um die katastrophalen Folgen zu verhindern, die ein Stachel im Fuß Sima Khanooms oder ein Metallpfahl im Auge von Abbas Agha verursachen könnten, schubste ich Ryan Djahn in Richtung unserer Mutter, damit er ihr um den Hals fiel. Ich selbst packte den Griff ihres Koffers. Ob Ryan tatsächlich über Sima Khanooms Weggehen entsetzt war oder seine Rolle wie ein versierter Schauspieler spielte, konnte ich in diesem Moment nicht genau abschätzen. An ihrem Hals hängend flennte er halb auf persisch, halb auf deutsch: »Um Gottes Willen, Mama, verlassen Sie uns nicht! Ohne Sie sind wir echt verloren!«

Hastig den Koffer an Abbas Agha vorbeizerrend, antwortete ich anstelle meiner Mutter laut: »Mach dir keine Sorgen, Ryan Djahn. Mama geht nirgendwohin. Papa sagte mir eben, dass er jetzt einverstanden ist, dass Mama Deutsche wird. Nicht wahr, Papa?!«

Abbas Agha murmelte eine Weile verwirrt vor sich hin. Doch er konnte kein klares Wort sprechen. Stattdessen stellte uns Sima Khanoom in aller Deutlichkeit eine neue Bedingung, die, wie ich befürchtete, die Aufführung des Streit-Koffer-Schlüssel-Flennen-Stücks in vier Akten automatisch wieder in Gang setzen würde: »Nur unter der Bedingung, dass euer Vater mich als Managerin seines Betriebs anstellt. Ich meine, nur auf dem Papier. Ich will im Einbürgerungsantrag bei der Frage nach meinem Beruf nicht Hausfrau eintragen müssen.«

8.

An jenem düsteren Dienstag, an dem uns Sima Khanoom ihre Bedingungen mitteilte, begann sie, Deutsche zu werden. Zuerst beschäftigte sie sich mit den Voraussetzungen, die man erfüllen musste, um einen deutschen Pass zu erhalten.

Obwohl äußerliche Anpassung als Voraussetzung in den Verordnungen des Innenministeriums nirgendwo vermerkt war, färbte meine Mutter ihre Haare allmählich hell und heller. Sie legte ihre Standardkleidung, ausgeleierte Pullover und abgenutzte Jeans, beiseite und bestellte sich aus Katalogen ständig neue Hosenanzüge, elegante Jacken und Röcke. Fast jeden Tag kaufte sie ein anderes buntes Halstuch, das sie angeblich zufällig gesehen hatte, und band es sich um den Hals, um die wenigen Falten zu verbergen. Ihre Aktentasche Marke Samsonite, mit der sie wie eine selbstbewusste und kompetente Managerin wirkte, kaufte sie, nachdem Ryan und ich die Aufführung des Vierakters Streit-Koffer-Schlüssel-Flennen erfolgreich wiederholt und Vater bedrängt hatten, sie nur der Form halber anzustellen. Abbas Agha wäre es natürlich recht gewesen, wenn meine Mutter mit Hand angelegt und die Verantwortung für die Küche übernommen hätte. Mit dem Argument, sie werde das nicht schaffen, weigerte sich meine Mutter vehement. Als Gymnasiallehrerin habe sie nie mit Zwiebeln, Spieß und Schafsspeck zu tun gehabt, nur mit Büchern und Federkielen. Jedenfalls stellte Sima Khanoom nach unserer gelungenen Vorführung endlich bei der zuständigen Behörde einen Antrag auf Gewährung der deutschen Staatsangehörigkeit.

Die gesetzlichen Voraussetzungen zur Einbürgerung bezogen sich nicht auf das Äußere der Bewerber, sondern auf ihre inneren Einstellungen. Antragstellerinnen und Antragsteller hatten sich zuerst mit der deutschen Mentalität vertraut zu machen und sich dann den »deutschen Lebensverhältnissen« anzupassen. Es stellte sich aber allmählich heraus, dass der Begriff »deutsche Mentalität und Lebensart« äußerst verwirrend war. Denn jeder definierte ihn anders. Je mehr sich Sima Khanoom mit diesem Thema beschäftigte, umso weniger wurde sie daraus schlau. Zuerst beschlagnahmte sie unsere Geschichts- und Geographiebücher und las sie alle durch. Sie verfolgte in den Zeitungen die Diskussionen zwischen Politikern unterschiedlicher Parteien und diversen Fachleuten. Nie versäumte sie Interviews mit amtierenden Abgeordneten und Ministern zum Thema Einwanderung, Einbürgerung und Fragen, wer ein Deutscher und was deutsche Kultur sei. Besonders machte sie sich mit CDU-Stellungnahmen und -Programmen so gründlich vertraut, dass sie über die internen Meinungsunterschiede zwischen den einzelnen Flügeln mehr wusste als langjährige Parteimitglieder. Sie kannte sogar weniger bekannte von ihnen beim Namen.

Die Menschenkenntnis meiner Mutter ist beispielhaft. In zwanzig Jahren solider Erfahrung als Lehrerin und der Auseinandersetzung mit etlichen Schülertypen entwickelte sich diese elementare Fähigkeit bis zur Perfektion. Manchmal reicht ihr ein kurzer Blick, die Seele eines Menschen zu erfassen und Charaktere an ihrem Verhalten zu erkennen. Meist erweisen sich ihre Einschätzungen als wahr. Den Menschenschieber A Sardar etwa beschreibt sie als einen netten Onkel, der uns habe helfen wollen. Er sei nicht so wie andere Schmuggler gewesen, die Flüchtlinge einfach in der Wüste ausrauben, ihnen Geld und Schmuck stehlen und plötzlich verschwunden seien. Zwar nannte sie ihn auch Knäuel-Onkel, doch wahrscheinlich nicht seines wirren Aussehens wegen, sondern aufgrund seines verwirrenden Benehmens, das sogar die Männer unserer Fluchtgemeinschaft beunruhigte. Er behauptete, ein Gedächtnis wie ein Elefant zu haben und sich in der Gegend bestens auszukennen. Doch er war nicht in der Lage, die Entfernung zwischen zwei Dörfern einzuschätzen und konnte uns erst recht nicht sagen, wie lange noch bis Karatschi zu fahren sei. Dabei fand er es stressig, dass seine »ungeduldigen Fahrgäste« ihn ständig löcherten. Wurde er eindringlich gefragt: »Wie lange müssen wir noch fahren?«, schüttelte er verstimmt den Kopf und erwiderte: »Ihr nervt mich gewaltig mit euren überflüssigen Fragen. Was für ungeduldige Fahrgäste habe ich diesmal zu transportieren, oh Gott! Eine halbe Stunde. Ab jetzt sind wir nicht viel mehr als eine halbe Stunde unterwegs. Guck mal da! Siehst du die blühenden Bäume? Da ist das nächste Dorf, sein Wasser ist so klar wie Tränen. Das Kleidchen dieses süßen Fräuleins ziehen wir dort aus, schubsen sie in den Bach und lassen sie nackt im Wasser spielen, solange sie will.«

Das süße Fräulein« war ich. Jedes Mal, wenn ich hörte, dass sie vorhatten, mich ins Wasser zu werfen, packte mich ein so ungeheures Entsetzen, dass ich rasch Zuflucht unter dem Tschador meiner Mutter suchte. Seitdem der Knäuel-Onkel sein Käsebrot für mich aufbewahrt hatte, wusste ich wenigstens, dass er mich nicht wie die Ungeheuer Mansureh Khanooms auffressen wollte. Oft ging mir auf unserer Flucht durch den Kopf, dass es nicht schlecht wäre, wenn dieses Knäuel-Ungeheuer sich um uns kümmern könnte, besonders wenn ich in schlaflosen Nächten hörte, dass meine Mutter heimlich unter ihrem Tschador weinte, weil mein Hurensohn-Vater sich so rasch aus dem Staub gemacht hatte, ohne an uns zu denken. Es war dringend notwendig, einen Beschützer zu arrangieren, da unsere Wunderreise jeden Tag abenteuerlicher und gefährlicher wurde.

Bis zur Hälfte der Strecke etwa konnten wir nachts bei Freunden des Knäuel-Onkels übernachten. Doch nahe der Grenze zu Pakistan trauten wir uns nicht einmal, das Dorf zu betreten, das als nächstes am Weg lag. Denn in diesem Gebiet hatte der Knäuel-Onkel statt Freunden viele Feinde. Deshalb mussten wir in der unendlichen Wüste zwischen den Dörfern zelten und zitterten die ganze Nacht – vor Kälte, aus Angst vor den Angriffen der Wölfe, aus Furcht vor den Bissen der Schlangen, deren Rascheln zu hören war. Der Knäuel-Onkel wollte uns stets beruhigen: »Keine Angst. Sie sind nicht giftig. Ich schwöre beim Heiligen Mula Ghodss, die sind harmlos.«

Keiner schenkte ihm Glauben. Keiner kannte seinen Heiligen Mula Ghodss. So blieb die Gruppe von seinen Schwüren unbeeindruckt. Hinter seinem Rücken flüsterten alle: »Er weiß nicht einmal, wie groß die Entfernung zwischen diesen Dörfern ist. Woher will er wissen, ob die Schlangen in diesen Kaffs giftig sind oder nicht.«

Als der Knäuel-Onkel von diesem misstrauischen Gemurmel Wind bekam, benahm er sich noch verwirrender. Eines Abends, als wir rund um ein schäbiges Tuch zusammenhockten und trockenes Brot mit Joghurt aßen, sprang A Sardar plötzlich hoch, schlich lautlos durch den Zelteingang ins Freie und tauchte nach einer Weile mit einer glänzenden schwarzen Schlange vor uns wieder auf. Er hielt den Kopf der Schlange mit seiner von Joghurt triefenden Hand fest und wickelte ihren reglosen Körper um seinen Arm. Vor Schreck steckte ich meinen Kopf unter den Tschador meiner Mutter und begann wie immer zu heulen. Ich schluchzte so laut, dass ich vom Streit zwischen der Gruppe und dem Knäuel-Onkel nichts mitbekam. Nach einer Weile hörte ich auf, weil das entsetzliche und anhaltende Bellen eines wilden Hundes zu mir drang. Ich fürchtete, der Knäuel-Onkel habe zu seiner Verteidigung einen Hund auf die Gruppe losgehetzt. Der Oberkörper meiner Mutter war ständig in Bewegung, als ob sie heftig mit jemandem ringen würde. Vielleicht mit der schwarzen Schlange, die A Sardar ihr zugeworfen hatte, um sich zu rächen, dachte ich. Mich packte eine gewaltige Angst. Mein Herz pochte in meiner Kehle. Plötzlich jedoch begann der Knäuel-Onkel lauter zu bellen als der Hund. Er brüllte zweimal hintereinander: »Die sind nicht giftig! Ich schwöre! Auf das Licht dieser Petroleumlampe!«

Eine kalte Stille füllte das Zelt. Ich blieb im Schoß meiner Mutter versteckt aus Furcht vor der Vorstellung, alle, auch sie hätten das Zelt verlassen, weil der Knäuel-Onkel sie mit der Schlange vergiften wollte, um mit ihnen abzurechnen. Dann wäre ich in diesem Zelt und in dieser Nacht allein gelassen, verloren in der Wüste, in der Welt, und nicht einmal mehr meine Mutter wäre am Leben, um mich zu retten.

Plötzlich packte eine Hand meine Schultern und zog daran. »Kopf hoch, mein liebes Mädchen. Setz dich gerade hin! Ich muss meine schlaffen Beine ausstrecken.«

Ich hob meinen Kopf. Weder Schlange noch Schlangenfänger waren zu sehen. Der Hund bellte nicht mehr. Alle saßen still um das Tuch. Die Joghurtschüssel war immer noch voll. Über das Tuch zerstreut lagen die dünnen Brotstücke. Alles sah genau so aus wie es vor der Vorführung von Knäuel-Onkels Schlangenfang-Spiel gewesen war. Nur das Licht der Petroleumlampe hatte sich verändert, es flackerte aus Mangel an Brennstoff. Auch wenn alles durcheinander geraten war, blieb die Welt für mich greifbar und hielt mich. Alles konnte wieder geregelt und neu geordnet werden. Sogar den abschreckenden Umständen der Reise und dem stechenden Schmerz der Vaterlosigkeit konnte ich standhalten. Denn Sima Khanoom, meine Mutter, mit einem kurdischen Kopftuch um den Hals, das ihr überhaupt nicht stand, lebte noch, saß neben mir und streckte mit viel Weh und Ach ihre Beine aus und sagte: »Um Gottes Willen, schau mal, das Licht. Das von der Petroleumlampe. Es verglimmt. Der Docht verbrennt bald völlig, weil nicht mehr genug Öl in der Lampe ist. Auf so ein Licht kann nur A Sardar schwören!«

Alle starrten auf die Petroleumlampe, als ob bisher niemand im Zelt die beängstigende Finsternis wahrgenommen hätte. Dann wiederholten sie einzeln das Gelöbnis des Schlangenfängers A Sardar und stellten fest, dass kein Wort davon der Wahrheit entsprach. Hassan-das Sprichwort lachte.

»Das nenne ich ein indianisches Ehrenwort nach der Art des Heiligen Abbas*.«

Ihm war eingefallen, dass der Knäuel-Onkel bei seinem Schwur sowieso nicht auf die Petroleumlampe, sondern auf den Zeltbalken gedeutet hatte.

Herr Nokteh Bin bestätigte Hassans Beobachtung: »Warum hat er nur ›die sind‹ statt ›diese Schlange ist‹ gesagt? Noch eindeutiger hätte er zum Beispiel sagen können: ›Diese Art von Schlangen hier in der Gegend‹. Warum hat er es nicht getan?«

Die Diskussion über Schlangen, Schlangengift und Schlangenbisse und über A Sardars Ehrenwort dauerte so lange an, bis dieser ohne Schlange ins Zelt zurückkehrte. Gleichgültig hob er das trübe Glas der Lampe hoch, löschte die schwache Flamme am verbrannten Docht mit seinen unheimlichen, feuerfesten Fingern und meinte: »Wisst ihr was? Wenn ihr sterben wollt, und zwar nicht am Biss einer giftigen Schlange, sondern aus Angst vor Schlangengift, könnt ihr ruhig sterben. Also, alle Schlangen in dieser Gegend sind gefährlich. Zufrieden?«

9.

Meine Mutter warf die Zeitung mit voller Wucht in eine Ecke und rief aufgeregt: »Derartige Aussagen sind höchst gefährlich. Sie schüren nichts als Hass und Unsicherheit in dieser Gesellschaft.«

Mein Vater, der immer noch auf der Suche nach schlagfertigen Argumenten war, um meine Mutter auf seinen Kurs zu bringen, hob hastig die Zeitung auf und las die von meiner Mutter markierten Stellen laut vor. Sie stammten aus einem Artikel des CSU-Politikers Beckstein, in dem deutsches Blut und deutsche Kultur, deren Schutz vor den ausländischen Einflüssen die wichtigste nationale Pflicht sei, in den Himmel gelobt wurden. Mein Vater war von der Lektüre so begeistert, als ob der bayerische Innenminister diesen Artikel nur zur Bestätigung von Abbas Aghas Theorien niedergeschrieben hätte. Erfreut sagte er: »Bitte schön! Ich hab von Anfang an gesagt, dies hier ist ein verdammtes Land.«

Nach diesem Vorfall wurden Sima Khanooms Ohrenprobleme wieder akut. Jeder Ton drang in ihren Schädel und hallte mit doppeltem Echo nach. Von nun an versuchte sie immer wieder, Abbas Agha zum Umzug zu bewegen, denn der Straßenlärm sei unerträglich geworden. Tatsächlich hörte meine Mutter Geräusche, die wir überhaupt nicht wahrnahmen: Die dröhnenden Wagen der Müllabfuhr, in die genau vor dem Fenster ihres Zimmers sämtliche Mülltonnen der Straße geleert wurden; das Lockgebimmel der Straßenverkäufer, die ständig in unserem Viertel unterwegs waren und bis zum Verkauf der letzten Kartoffel und Zwiebel eifrig ihre Schellen betätigten; die Kirchenglocken, die zwei Straßen von unserer Wohnung entfernt jede Viertelstunde läuteten. Selbst Töne, die sie bisher als angenehm empfunden hatte, bohrten sich nun durch die Schädeldecke direkt in ihr Gehirn; das Getöse der Schulkinder etwa, die lachend und albernd auf dem Schulweg an ihrem Fenster vorbeigingen; der Pausenlärm auf dem nahen Schulhof, den sie früher als Zwitschern der Sperlinge bezeichnet hatte. Bisher hatte ihr das fröhliche Lärmen der Kinder immer signalisiert, dass das Leben weiterging, dass sie noch lebendig war, dass man die Hoffnung auf eine bessere Zukunft nie aufgeben durfte. Nun, beteuerte sie, bekäme sie Atemnot, wenn sie während des Lesens der Statements von Merz und Merkel oder Beck und Böhmer derartige Geräusche hörte. Sie hätte das Gefühl, dem Durchdrehen nahe zu sein. Stöhnend klagte sie: »Hätte ich doch nur einen Moment Ruhe, ein bisschen Sicherheit. Wann geht meine Qual zu Ende? Wie lange soll ich dem Druck noch die Stirn bieten?«

Schließlich linderte der älteste und einzige männliche Erbe Abbas Aghas ihre Pein mit dem einfachen Vorschlag flexiblen Standhaltens. Eines Abends am Essenstisch, als der Konflikt über den unerträglichen Lärm einen neuen Höhepunkt erreicht hatte, empfahl Ryan Djahn meiner Mutter, zunächst Türen und Fenster fest zu schließen; wenn die schrecklichen Geräusche sie weiterhin in ihrem Zimmer angriffen, solle sie sich in die Küche zurückziehen. Wenn die Kinder ihre Tumultaktionen unter dem Küchenfenster veranstalteten, müsse sie sich eben im Wohnzimmer verschanzen, und so weiter und so fort …

Mein Vater, der sich aufgrund dieses Vorschlags nicht mehr mit Umzugsfragen beschäftigen musste, klopfte mehrmals stolz auf die Schulter seines Augenlichtes und sagte gerührt: »Prima, sehr klug! Das ist die beste Lösung. Damit hast du gezeigt, dass du mein Sohn bist.«

Dann leierte er mit der Stimme Dash Akolls einen Vers des großen iranischen Dichters Saadi* herunter: »Einen Jungen, der von seinem Vater nichts erbt, nenne nicht Sohn, sondern einen Fremden.«

Der so reichhaltig mit seinem Erbe beschenkte junge Ryan bereute als erster seine Lösungsvorschläge. Denn er musste nun, da Umziehen kein Thema mehr war, sowohl den bösen Blick Sima Khanooms aushalten als auch Abbas Aghas Litanei anhören, und zuletzt blieb ihm nichts anderes übrig, als sich in den Genuss des unberührten Kebabs zu retten, der wie ein steifer Schlauch in kaltem Fett lag. Ich war im Begriff, meiner Mutter den Vorschlag zu machen, sich nicht länger mit all den Artikeln und Vorträgen zu beschäftigen. Denn ich war der Auffassung, dass nicht der Schul- und Straßenlärm Sima Khanoom in den Wahnsinn trieb, sondern das Gerede und Geschreibe gewisser Volkparteien, welches sich allerdings als »respektable Meinung der Mehrheit« sehr gut verkaufte. Doch ich sagte nichts. Sie hätte auch mich bezichtigen können, gegen ihr Deutschwerden zu sein.

Mehr als Sima Khanooms böser Blick und Abbas Aghas salbadernde Stimme rief der Zwang zum Verzehr schlauchartiger Kebabstücke in Ryan eine ungewöhnliche Reaktion hervor. Abbas Agha war mit seinem Geleier noch nicht zu Ende gekommen, da sprang Ryan plötzlich auf, huschte zur Tür und sagte aufgeregt auf persisch: »Ach, fast vergessen! Mit Kai verabredet, Chemie üben! Bin zu spät!«

Es wunderte mich immer wieder, wie Ryan Djahn es schaffte auf persisch in einer Reihe von abgehackten Sätzen etwas auszudrücken und trotzdem verstanden zu werden. Wenn mich Sima Khanoom damals nicht gezwungen hätte, Persisch zu sprechen, würde ich jetzt vielleicht auch wie Ryan sprechen. Ich habe dunkel in Erinnerung, dass es in dieser Frage keinen ernsthaften Konflikt zwischen Abbas Agha und Sima Khanoom gab – ein sehr seltenes Ereignis. Obwohl sich die Art meiner Mutter, mich zu motivieren, von der Methode meines Vaters gewaltig unterschied. Er war der Auffassung, dass die persische Sprache honigsüß sei und dass wir, egal wo wir uns befinden, Perser seien und für immer blieben und dass der geehrte Iran auch unsere begehrte Heimat sei. Es sei unsere unumgängliche Pflicht, unser kulturelles Erbe – also auch die Sprache – zu kennen, zu bewahren und zu verbreiten. Meine Mutter brachte irdische und wirksamere Argumente ein. Wir dürften nicht vergessen, betonte sie aufgrund ihrer schlechten Erfahrungen immer entschieden, dass nichts stetig und alles vergänglich sei. Wir müssten vorbereitet sein, richtig und rechtzeitig zu handeln, und zwar in jeder außergewöhnlichen Notsituation.

»Stell dir mal vor, du musst allein in den Iran. Du gibst einem Taxifahrer am Flughafen die Adresse deines Großvaters. Wie kannst du merken, dass er dich wirklich zu deinem Opa fährt, wenn du die persische Schrift nicht kennst und die Straßennamen nicht lesen kannst?«

Ich wäre ungern freiwillig in den Iran zurückgekehrt, weil ich keine schönen Erinnerungen an meine »begehrte Heimat« hatte, an den herausfordernden Stock des Großvaters und seinen Umhang. Dennoch war ich schlauer als Ryan Djahn, der dachte, er sei in Deutschland zu Hause und keiner könne ihn zwingen, nach Teheran, in ein fremdes Land zurückzukehren. Abbas Agha versuchte mehrmals, ihn mit seinem Nachlass in Iran zu bestechen. Er müsse doch irgendwann nach Teheran, um sein Vermögen von jenem »blutrünstigen Regime« zurückzuverlangen. Vergebens. Jedes Mal, wenn mein Vater über Ryan Djahns ungewollte Erbschaft sprach, fragte dieser mich höchstens neugierig nach der Bedeutung von ›blutrünstig‹ auf Deutsch, obwohl ich es ihm bereits x-mal erklärt hatte.

Auf jeden Fall motivierte mich meine Urangst davor, in den Straßen meiner »begehrten« Heimat verloren zu gehen, mehr als der honigsüße Geschmack persischer Worte, meine Muttersprache nicht zu verlernen. Um gerecht zu sein, muss ich betonen: Ohne die nächtliche Unterstützung meines Vaters wäre ich der Sprache nicht so mächtig geworden. Er legte viel Wert darauf, mir als Kind Gute-Nacht-Geschichten vorzulesen. Egal wo er sich befand, jeden Abend, ehe ich zu Bett ging, stürzte er in die Wohnung, um mir aus klassischen Büchern wie »Hossain, der Kurde aus Schabester« oder »Der Meisterkämpfer Samak«* oder »Die Altstadt von Theran«* vorzulesen. Da aber jene aufregenden Geschichen in einer für Kinder unverständlichen Sprache geschrieben waren, übersetzte er mir jeden Abschnitt, nachdem er das Original einmal vorgelesen hatte. Das einzige, was mich in diesen abenteuerlichen Nächten gewaltig störte, war die Geruchsmischung aus Schafsspeck, Zwiebeln und Fett, die meinen Vater wie ein unsichtbarer Nebel umhüllte. Ganz abgesehen davon, dass er mich mit seiner überflüssigen Fragerei, ob ich alles verstanden hätte, immer wieder weckte.

Meine Mutter deutete erneut auf die schlappen Kebabstücke und den Reis und rief überrascht: »Du heiliger Strohsack! Das Essen ist richtig kalt geworden. Habt ihr keinen Appetit mehr?«

10.

Ryan Djahn schlich, um einer Antwort zu entgehen, geräuschlos durch die halb geöffnete Tür hinaus und machte sich auf den Weg zu Kai. Selbstverständlich nicht aus Lerneifer oder der Chemie wegen, sondern um auf den Boden zu spucken, über die Streber in seiner Klasse zu lästern und dabei Cola aus Dosen zu schlürfen. Mehr als hundertmal warnte ich ihn, er werde sich mit diesem Giftgetränk den Magen durchlöchern. Wenn er sich trotz meiner Warnung dafür entschied, solle er aber ein Mindestmaß an Verantwortung seiner und der kommenden Generation gegenüber beweisen und statt aus Dosen gefälligst aus Flaschen trinken. Ich ging sogar so weit, ihm die Nachteile aus ökologischer Sicht zu erklären, dass die Herstellerfirmen nämlich zur Wiederaufbereitung von Dosen, deren virulenten Inhalt er seinem verwahrlosten Magen zuführte, so viel Strom verbrauchten, wie man zum Kochen von vierzig Tassen Kaffee braucht. Dies sei für die Umwelt ebenso schädlich wie Coca-Cola für seinen Verdauungstrakt.

Das letzte Mal, als ich versuchte, Abbas Aghas einzigen männlichen Erben für umweltgerechtes Verhalten zu gewinnen, brummte er mürrisch: »O.k., demnächst werde ich nach jeder Dose Cola an der Kreuzung lauern und vierzig Deutsche darum bitten, an dem Tag eine Tasse Kaffee weniger zu trinken. Einverstanden? Sind wir jetzt quitt? .«

Ryan Djahn trinkt Cola aus der Dose zur Demonstration seiner Muskelkraft, über deren beispielloses Ausmaß er mit seinen Freunden Wetten abschließt. Nachdem er die letzten Tropfen in die Kehle hat rinnen lassen, greift er die Dose an den Enden und versucht, sie zu zerknüllen. Die Rolle seiner Freunde beschränkt sich auf die Begutachtung, ob er die Dose mit einem Ruck zu einer perfekten Schleife formen kann. Anderenfalls verliert Ryan Djahn, der zurzeit in jeder Hinsicht seine Manneskraft beweisen will, seine Wette. Sollte das geschehen, wirft er die demolierte Dose auf den Boden kickt sie wie einen Stein den ganzen Weg rollend bis zu Haustür oder kauft sich eine neue Dose, um seine Muskelkraft einem weiteren Test zu unterziehen.

So ist es kein Wunder, dass Ryan Djahn ständig unter Bauchschmerzen leidet. Abbas Agha, der mit den Ereignissen außerhalb seines Blickfelds nicht vertraut ist, sorgt sich um die feinfühlige Seele seines männlichen Erben. Vielleicht sitzt er gerade wieder, den bizarren Regen beobachtend, vor seiner stummen Kasse und versucht, Ryans sensibles Wesen zu ergründen. Vor kurzem bat er Sima Khanoom, den Sohn seiner schlechten und »beschämenden« Noten in Chemie, Physik und Mathe wegen nicht dauernd zu tadeln. Vorwurfsvoll bekräftigte er: »Setz den Jungen nicht so unter Druck! Merkst du nicht, er hat so schon ein schlechtes Gewissen und könnte ein Magengeschwür haben. Dass ein 15-Jähriger ständig unter Bauchschmerzen leidet, ist nicht normal, oder? Lass ihn bitte in Ruhe. Du machst ihn mit deinen Vorwürfen fertig. Streue bitte kein Salz mehr in seine Wunden.«

Meine Mutter streute also eine Weile kein Salz mehr auf Ryans Wunde. Dennoch heilten die Löcher in seinem Magen nicht. Im Gegenteil: Noch weitere tauchten auf, in seinem Bauchnabel, in den Augenbrauen und an seiner Unterlippe. Nach einer Weile merkte ich, dass sogar sein gutes Benehmen Löcher bekam wie ein Stück Wollstoff, das von Motten zerfressen wurde. Abbas Aghas Augenlicht vergaß seinen höflichen Umgang mit den Älteren (also auch mit mir) und wurde taktlos dreist. Ohne einen Hauch von Schamgefühl behauptete er etwa, ich hätte niemals unter den grausamen Umständen der Flucht gelitten. Er erklärte, ich wäre zu dieser Zeit zu klein gewesen, um die Geschehnisse verstehen zu können. Er beharrte rücksichtslos darauf, alles, was ich von unserer Aliceschen Reise erzählte, hätte sich entweder in meiner Phantasie abgespielt oder wäre eine gefälschte Kopie dessen, was meine Mutter wiederholt berichtet hatte. Hätte ich ihm nicht irgendwann Grenzen gesetzt, wäre sogar A Sardar die Fähigkeit abgestritten worden, Schlangen zu fangen!

Nachdem Sima Khanoom mit dem Salzstreuen aufgehört hatte, erklärte sich Abbas Agha alias Omar Sharif bereit, Ryans Erziehung oder vielmehr Umerziehung in die Hand zu nehmen. Denn Sima Khanoom war sowieso mit wichtigeren Dingen als der Resozialisierung des männlichen Erben unserer Familie beschäftigt. Vor lauter Aufregung benahm sie sich manchmal wie Knäuel-Onkel. Es reichte schon, wenn Ryan oder ich sie ansprachen. Das Wort »Mama« war noch nicht ganz verklungen, da schrie sie zum Himmel: »Seht ihr nicht, dass ich beschäftigt bin? Ich muss all diese Dinge lernen! Sie sind so kompliziert und verwirrend, dass ich gar nicht mehr weiß, wo ich anfangen soll!«

Die Dinge, die Sima Khanoom sich einzuprägen versuchte, bezogen sich überwiegend auf historische oder aktuelle Informationen, mit denen niemand etwas anzufangen wusste: Die deutsche Nationalhymne wurde um 1841 zum ersten Mal gesungen; Oliver Kahn, der Torhüter Bayern Münchens, erhielt 2000 den Titel ›bester Fußballspieler des Jahres‹; der letzte Außenminister, Joschka Fischer, war gewalttätig, als er in einer Sponti-Villa in Frankfurt wohnte. Damals habe er bei einer Demonstration einen Polizisten namens Jürgen Weber angegriffen.

Einmal warf mein Vater ein: »Also, wenn du dabei bist, dich über Deutschland und die Deutschen zu informieren, solltest du auch lernen, dass Rechtsradikale im Jahr 1999 mindestens 36 Menschen umgebracht haben und etwa 10.000 deutsche Touristen jeden Tag in den so genannten Dritte-Welt-Ländern unterwegs sind, um mit Kindern Sex zu machen. Das sind auch Deutsche, oder?«

Meine Mutter hielt sich bedeckt: »Ich lerne, was man mich eventuell bei der Prüfung fragen könnte.«

Und las weiter an einer Meldung über das Gerichtsverfahren gegen den Kölner Thomas Drachen, der 1996 den Hamburger Multi-Millionär Reemtsma entführt und ein Lösegeld in Höhe von 30 Millionen Mark gefordert hatte. Die nächste Meldung, die meine Mutter mit Bestürzung vorlas, handelte von der Heimkehr des nach Florida geflüchteten Fußballtrainers Christoph Daum. Wegen des Konsums von Kokain in die Schlagzeilen gekommen, war er nach Köln zurückgekehrt, um seine Unschuld zu beweisen. Auch Boris Becker enttäuschte Sima Khanoom zutiefst: Laut Medien konnte das russische Fotomodell Anna Omakova beweisen, dass der berühmte Ex-Tennisspieler sie in einer Wäschekammer geschwängert hatte, und forderte Unterhalt für sein neugeborenes Töchterchen.

Beim Anblick der kostenpflichtigen sowie der unentgeltlichen Zeitungen, die seine gnädige Frau auf dem Boden ausgebreitet hatte und denen sie ihre Weisheiten entnahm, schäumte mein Vater eines Tages dermaßen vor Wut, dass er die dreifache Rolle Abbas Agha-Omar Sharif-Dash Akoll spielte: »Was nutzt dir all dieser Quatsch? Damit vergiftest du nur deine Seele!«

Sima Khanoom argumentierte daraufhin gelassen, dass jener vergiftende Quatsch zu den Themen gehöre, für die sich mindestens 95 Prozent der deutschen Bevölkerung interessieren. Das sei eine Tatsache und wir hätten sie zu akzeptieren, wollten wir in dieser Gesellschaft leben. Sie fügte hinzu: »Damals hast du dich auch nicht aufgeregt, als 98 Prozent der persischen Bevölkerung das blutrünstige islamische Regime wählten. Du sagtest, das sei die Entscheidung des Volkes. Man müsse sie respektieren. Was ist inzwischen passiert, dass jetzt die Meinung des deutschen Volkes nicht zählen soll?«

Sima Khanoom ließ meinem Vater keine Zeit, sich zu verteidigen. Sie wandte sich an uns und fragte naiv, wieviel Prozent der 2.500 Schüler an unserer Schule sich mit solchem Quatsch beschäftigten?

Meine Mutter hatte Recht. Auch Ryan Djahn und ich diskutierten oft mit Freunden über derartige Themen. Es war uns unbegreiflich gewesen, wie der begehrte und reiche Boris Becker eine Affäre mit einem einfachen und erfolglosen Fotomodell haben und sich mit ihr in einer Wäschekammer vergnügen konnte. Einige meiner Freunde nahmen sich damals aber sogar vor, die Beckersche Methode bei erster Gelegenheit selbst auszuprobieren, um festzustellen, ob Sex unter ähnlichen Umständen zu den ganz besonderen Erlebnissen zähle.

Im Gegensatz zu den anderen war mir der Gedanke zuwider, Peter in einem Wäscheraum, zwischen den Hemdsärmeln und Hosenbeinen fremder Menschen zu lieben. Peter würde dieses Liebesnest vermutlich auch nicht gefallen, da es seine buchhändlerischen Methoden und sein computergesteuertes Gedankensystem in Gefahr brächte. Ich könnte mir vorstellen, dass er nach liebevollen Verrenkungen, umgeben von unzähligen halb getrockneten Klamotten, nicht mehr wüsste, ob er beim Einpacken eines Buches zuerst die linke oder die rechte Ecke des Geschenkpapiers umschlagen soll.

Ryan Djahn hielt sich hinsichtlich der Beckerschen Beischlafmethoden bescheiden zurück. Ab und zu holte er zwar aus der Tiefe seiner Kehle mädchenhaft helle Ja- oder Nein-Töne hervor, aber das war alles. Denn er selbst schien, im Gegensatz zu seinen Altersgenossen, noch keine rechte Beziehung zum anderen Geschlecht zu haben.

Das war sogar Sima Khanoom aufgefallen. Sie machte sich deswegen aber keine großen Sorgen, obwohl das sexuelle Verhalten ihres Sohnes den Anforderungen seines Alters definitiv nicht entsprach. Stattdessen warf sie mir vor, am Telefon mit den Jungs zu flirten und ständig die Leitung besetzt zu halten. Ich solle mir an Ryan ein Beispiel nehmen. Wenn Mädchen ihn anriefen, gab er entweder vor, tief und fest zu schlafen, oder gestikulierte, er wolle auf keinen Fall mit ihnen reden. Wenn das tatsächlich stimmte, stellte sich die berechtigte Frage: Woher kamen seine Knutschflecken an Hals und Oberarmen? Was mir schon mehrfach aufgefallen war: Ryan Djahn sprang jedes Mal wie unter Strom auf und stürzte ans Telefon, wenn Kai anrief. Er verschwand dann in einer versteckten Ecke der Wohnung und flüsterte so leise, dass niemand von seinem Gespräch etwas mitbekam. Mein Vater war von der Freundschaft seines Augenlichts mit dem grünäugigen Kai sowieso nicht begeistert. Er schrieb die Löcher in Ryans Nabel und Gesicht, auch seine hängende Hose allein Kai und seinem üblen Einfluss zu. Ryan blieb sein Augenlicht, das er bevormunden möchte, als ob dieser weder selbstständig handeln noch sich eine eigene Meinung bilden könnte. Als sein einziger männlicher Nachwuchs ihm mitteilte – und das selbstverständlich an einem Dienstag –, er wolle seine Schulter tätowieren lassen, fragte er empört: »Wer hat dich zu diesem Unsinn überredet? Ich hab dir tausendmal gesagt: Lauf nicht hinter diesem grünäugigen Deutschen her! Bei uns tätowieren sich nur Drogendealer und Schwerverbrecher. Willst du, dass dich alle verspotten?«

Ryan Djahn versuchte, seine hell klingenden Stimmbänder zu bändigen und fragte mit brüchiger Stimme: »Wen meinen Sie? Wer sind alle?«

Diese einfältige Frage brachte Abbas Agha aus der Fassung. Grimmig antwortete er: »Wer alle sind? Alle Perser selbstverständlich!«

Ryan räusperte sich und meinte eigensinnig: »Ich lebe aber nicht in Iran, sondern …«

Offizier Abbas Agha wurde ungeduldig und unterbrach Ryan: »Das ist gleichgültig. Wir sind und bleiben Perser, egal wo wir leben. Ab sofort darfst du mit diesem grünäugigen Deutschen nicht mehr verkehren. Sonst gibt es kein Taschengeld, verstanden?«

Wütend spielte Ryan Djahn eine Weile mit den Ringen an Augenbraue und Unterlippe herum. In seiner Kehle gurgelte es, doch kein Wort kam aus seinem Mund. Offensichtlich fiel es ihm schwer, die gedrückte Stimmung zu ertragen. Auch mich schaffte der ewige Schlagabtausch. Ich sehnte mich nach frischer Luft, von der es in unserer 120 Quadratmeter großen Wohnung keinen Kubikzentimeter mehr zum Atmen gab. Deshalb packte ich meine Sachen. Ich würde übers Wochenende zu Peter fahren und mich von ihm trösten lassen.

11.

Die aufmunternde Vorstellung, in einer halben Stunde in Peters Arme zu sinken, beruhigte mich. Peter ist »Mein starkes Bärchen«. Wenn er mich umarmt, kommt alles von alleine ins rechte Lot. Ich vergesse meinen Kummer und meine Nöte. Dann kommen mir die größten und kompliziertesten Schwierigkeiten einfach und lösbar vor. Anfänglich brachte ich den Kosenamen »Mein starkes Bärchen« schwer über die Lippen. In Peters Ohren mochte das liebevoll und zärtlich klingen, für mich hörte es sich aber grob und derb an. Bevor ich Peter kennen lernte, beschimpfte ich immer Ryan Djahn mit »Du dicker Bär« im Sinne von faul und untauglich. Doch seitdem sich Peter mit dieser »Beschimpfung« geschätzt und geliebt fühlt, klingt es auch in meinen Ohren anders.

Um mein starkes Bärchen auf einen spontanen und also gänzlich ungeplanten Liebesakt vorzubereiten, holte ich mein Handy aus der Tasche, kaum dass ich aus der U-Bahn an der Haltestelle »Neumarkt« ausgestiegen war, und wählte seine Telefonnummer. Ich hielt mich am Geländer fest, während ich mit der Rolltreppe hochfuhr. Ausgerechnet in dem Moment, als Peter an den Apparat ging, spürte ich etwas Klebriges unter meiner Handfläche; es war gelbe Spucke, die sich mit Unterbrechungen über die ganze Länge des Geländers hinzog. Von der Berührung des Speichels eines womöglich kranken Menschen, der Gift und Galle in der Öffentlichkeit gespuckt hatte, wurde mir übel. Ich legte auf, um in meiner Tasche nach einem Taschentuch zu suchen und die Spuren des krankheitserregenden Schleimes zu beseitigen. Wahrscheinlich handelte es sich um das spucktechnische Meisterwerk einiger kühner Jugendlicher wie Ryan und Kai, die vom eintönigen Alltag müde waren und sich langweilten. Vielleicht hatte sich der coole Nachwuchs irgendwo in einer Ecke versteckt und lachte sich über mein von Ekel verzerrtes Gesicht tot, während er die Baggiepants hochzog und die unechten Ringe in Augen-, Lippen- und Ohrlöchern herumdrehte.

Plötzlich fiel mir ein, dass ich Peter nicht jederzeit anrufen durfte. So etwas könnte seinen Tagesrhythmus durcheinander bringen. Morgens musste ich ihn anrufen, bevor er die Tür seines Autos öffnete. Danach war es fast unmöglich, ihn zu erreichen. Würde ich es versuchen, ginge er nicht an den Apparat, obwohl er meine Telefonnummer auf dem Display sehen konnte. Seitdem es verboten war, im Auto ohne Kopfset zu telefonieren, führte er während der Fahrt keine telefonischen Gespräche mehr. Meiner Ansicht nach war diese Entscheidung nicht nur auf seinen unerschütterlichen Glauben an die Rechtsstaatlichkeit zurückzuführen, sondern auch auf seine Urangst vor dem Tod, die sein Leben bis in die alltäglichsten Handlungen hinein prägte. Um diese Furcht zu mindern, entwickelte er eine ungewöhnliche Neigung zu Vorbeugemaßnahmen jeglicher Art. Diese Tendenz nahm jeden Tag größere Dimensionen in seinem Leben ein. Einmal entdeckte ich bestürzt einen Hammer in der Seitenablage seiner Autotür, fragte ihn aber halb scherzend: »Auf wessen Kopf willst du mit diesem Hammer hauen? Auf den der Autodiebe?«

Er antwortete ernsthaft: »Wenn es erforderlich wäre, hätte ich keine Hemmungen. Den verwahre ich aber für den Fall, dass ich in einen Unfall verwickelt werde. Sollte sich unter Umständen die Tür nicht öffnen lassen, kann ich damit die Fensterscheibe einschlagen und mich durchs Fenster retten.«

Peter verwahrte auch eine Schere im Auto. Würde sich der angeschnallte Gurt nach einem eventuellen Unfall nicht lösen lassen und ihn praktisch fesseln, könnte er ihn mit der Schere durchschneiden und sich in Sicherheit bringen, ehe das Auto explodierte. Irgendwo hatte er gelesen, dass 53 Prozent der Unfallopfer ums Leben kommen, weil ihnen kein oder nicht ausreichend Bewegungsraum zur Verfügung steht, um sich zu retten. Neben den für Vorbeugemaßnahmen im Innenraum verwendbaren Instrumenten befand sich darüber hinaus im Kofferraum seines Autos so etwas wie eine mobile Werkstatt voller Geräte und Gegenstände, die zum Festbinden, Öffnen, Füllen, Ausleeren, Anzünden und Löschen etlicher Materialien und Rohstoffe wie Holz, Eisen, Glas oder Plastik geeignet sind. Der Kofferraum war so vollgepfropft, dass wir unser Gepäck auf den Rücksitz stellen mussten, wenn wir zu zweit für eine Nacht irgendwohin fuhren. Wenn wir gar für ein paar Tage unterwegs waren und mehr Gepäck benötigten, wurden alle weiteren Stücke auf meinen Schoß und zu meinen Füßen platziert. Als ob ich, um mich eventuell zu retten, ohne Hammer, Schere und Bewegungsraum auskäme.

12.

Da ich nur noch einige Straßen von Peters Wohnung entfernt war, verzichtete ich auf einen weiteren Anruf. Ich brauchte am Ende einer schmalen Gasse nur noch ein paar Stufen hochzulaufen, einen kleinen Platz zu überqueren und an dessen südlicher Ecke links abzubiegen. Mein starkes Bärchen saß in seiner Wohnung im zweiten Haus der Straße, dachte wohlvergnügt an mich und freute sich über das ununterbrochene Zwitschern seiner Kasse. Plötzlich überkam mich eine innige Sehnsucht, ruhig neben ihm in seinem Auto zu sitzen und ihn beim Fahren anzuschauen, dabei meinen Ellbogen auf die Stütze zu lehnen, die er selbst aus Schaum und Leder angefertigt hatte – hätte er die Armlehne beim Autohersteller bestellt, würde sie bestimmt ein Vermögen gekostet haben –, und ihn zärtlich über den Arm und die Schulter zu streicheln oder sein anziehend männliches Profil zu bewundern. Ich würde seine rechte Hand in die meine nehmen, leidenschaftlich küssen und auf meine Brust legen – vorausgesetzt natürlich, er musste in diesem Moment nicht gerade den Gang wechseln. Mein Herz begann zu pochen bei der Vorstellung, wie er den Kopf zu mir drehen und mich mit seinen traumhaft schönen blauen Augen anlächeln würde. Ich sehnte mich nach seiner klangvollen Stimme, besonders danach, dass er auf meine Frage, ob er mich liebe, mir als Zeichen seiner innigen Zuneigung auf persisch erwiderte: »Areh, eschteman!«

Peter gibt sich Mühe bei diesen Worten und geht davon aus, dass er mir antwortet: »Ja, meine Liebe!« Tatsächlich aber sagt er, ins Deutsche zurückübersetzt: »Ja, mein Eiter!«

Anfänglich versuchte ich, seine Aussprache zu korrigieren, und machte ihn darauf aufmerksam, dass es »äschghe inan« und nicht »eschteman« heißt. Doch weil er das, seinem exzellenten Verstand zum Trotz, einfach nicht aussprechen konnte, versuche ich nun, die persische Bedeutung des falsch ausgesprochenen Wortes zu vergessen. Es blieb mir ja nichts anderes übrig, und nach einiger Übung gelang es mir auch. Nicht weil ich klüger bin als Peter, nein! Sondern weil man erstens den Ausdruck »Ja, mein Eiter!« im Persischen eher selten als Liebeserklärung verwendet und weil zweitens in mir bei der Übersetzung ins Deutsche sofort eine synchrone Lautkorrektur aktiviert wird, sobald ich jemanden sprechen höre.

Wahrscheinlich spielte meine besondere Zuneigung zur deutschen Sprache eine entscheidende Rolle bei der Anordnung der Sprachdateien in meinen Gedächtnisregalen – so könnte es Peter auch formuliert haben! Jedenfalls verdanke ich diese ausgeprägte Zuneigung wohl ausgerechnet der anfänglichen Abneigung meines Vaters der deutschen Sprache gegenüber, obgleich auch er sie ziemlich gut beherrschen lernen musste. Als Abbas Agha erstmals seine negative Einstellung der deutschen Sprache gegenüber auf mich zu übertragen versuchte, geschah dies zu einer Zeit, in der ich bereits feststellte, dass ich beim Deutschsprechen unheimlich schön wurde.

Es geschah in den ersten Stunden, als Sima Khanoom und ich am Ende unserer Aliceschen Reise erstmals deutsches Territorium erreichten und an der Haltestelle Friedrichstraße, auf der Grenze von Ost- nach Westberlin ausgestiegen waren. Nach den wochenlangen Landstreichereien durch namenlose Wüsten, begleitet von Sardar-Schlangenfänger, waren wir endlich angekommen. Auch damals war es ein trüber Dienstag. Die Sprache, in der sich die Menschen in unserer Umgebung unterhielten, schuf eine fremdartige Geräuschkulisse.

Noch nie zuvor hatte ich eine unterirdische Straße gesehen; erfreulicherweise zeigte sich hier aber keines der schrottreifen Verkehrsmittel, mit denen wir während unserer glühenden Odyssee gefahren waren. Die Station wimmelte vor Menschen, doch niemand schubste den anderen oder stieß gegen ein Kind. Ein Zug rauschte rauch- und lärmlos in einem tiefen, trockenen Bach dicht an einer Wand entlang. Als er bei uns anhielt, drängelte sich niemand vor, alle bildeten schweigend eine Schlange und stiegen erst ein, wenn sie an der Reihe waren. Wären hier nicht so viele Menschen, dache ich mir, könnte ich schön auf dem glatten Boden der unterirdischen Straße rutschen. Vor Angst, meine Mutter zu verlieren, hielt ich ihre Hand fest umklammert und entfernte mich keinen Schritt von ihr. Um mir gut zuzureden, beschrieb sie mir die Umgebung: »Keine Angst, meine Liebe. Schau mal, wie ordentlich und fein die Leute hin und her gehen. Sei sicher, dass ich dich nicht verliere! Außerdem ist das hier keine Straße, sondern eine Haltestelle. Es ist unmöglich, dass du mir abhanden kommst, und wenn, finde ich dich hundertprozentig wieder.«

Ich war einigermaßen beruhigt. Erfreut glättete ich sorgfältig die Falten meines kurzen roten Rockes, den meine Mutter in Karachi gekauft hatte. Ich war eben im Begriff, meine ebenso neuen roten Schuhe mit Spucke zu polieren, als plötzlich ein Wüstenungeheuer vor uns erschien. Laut lachend tauchte es vor uns auf und riss meine Hand aus der meiner Mutter. Während es mich auf seine Schultern hob, redete es einige Worte in Säuglingssprache, die ich nicht verstand, weil ich vor Entsetzen wie am Spieß schrie. Seltsamerweise ließ meine Mutter weinend und lachend ohne Protest zu, dass die pompöse Männergestalt, als die sich das Ungeheuer entpuppte, mich, ihre wehrlose Tochter, von ihr trennte. Es handelte sich offensichtlich um den Versuch einer Kindesentführung, sie aber begehrte überhaupt nicht dagegen auf. Im Gegenteil! Sie hakte sich fröhlich bei dem Entführer unter und putzte ihre Tränen und ihre Nase am Ärmel des Mannes ab, der wie das Abbild der Geister meiner Großmutter, Mansureh Khanooms, aussah. Ich machte fürchterliche Anstrengungen, mich von seiner Schulter in Sima Khanooms Arme zu stürzen. Vergeblich! Schließlich gab er auf, packte mich mit einer Hand fest beim Nacken, hob mich aus der Wölbung seiner Schulter wie eine ungestüme Katze hoch und stellte mich auf den Boden. Schreiend klammerte ich mich an den Beinen meiner Mutter fest. Erst als ich ihre beruhigende Hand auf meinem Kopf spürte, hörte ich auf, mir die Seele aus dem Leib zu brüllen. Doch Sima Khanoom schenkte mir keine Aufmerksamkeit. Das Ungeheuer hatte sie im Griff, umarmte sie fest und küsste sie in aller Öffentlichkeit. Wäre mein Großvater da gewesen, hätte er mit einem Stockschlag sein Gehirn zerschlagen. Um meine Mutter zu retten, wollte ich wieder zu weinen anfangen. Doch sie befreite sich aus den Armen des Unbekannten, kniete sich vor mich hin und sagte: »Siehst du diesen Mann, Liebes? Das ist dein Vater. Dein Baba. Sag Baba Djahn. «

»Baba« kitzelte mich mit seinen dicken Fingern an der Nase und versuchte, sich in Kinderlauten, bischi-bouschi, mit mir zu unterhalten. Dann bestand er darauf, Baba genannt zu werden. Ich versteckte mich hinter Simas Beinen und ahmte meinen Großvater nach: »Hurensohn, Baba!«

Beide brachen in Gelächter aus. Der Klang ihres Lachens war noch nicht im Bremsenquietschen des Zuges untergegangen, da tauchten zwei Polizisten vor uns auf. Entsetzt umarmte und drückte mich Sima so fest, als ob die Polizisten mich entführen wollten. Trotz der bedrohlich wirkenden Uniformen, der Waffen und Knüppel der Wachmänner fühlte ich mich in den warmen und gemütlichen Armen meiner Mutter ganz sicher. Einer von ihnen kam einen Schritt auf uns zu und sagte: »Ihre Ausweise, bitte!«

Mein Vater wurde plötzlich leichenblass. Statt den Polizisten zu antworten, drehte er sich zitternd zu uns um und versicherte: »Keine Angst, keine Angst! Euch passiert nichts! Es ist alles gut!«

Später erfuhren wir, dass uns die Ordnungshüter nur routinemäßig hatten kontrollieren wollen, da in der unterirdischen Friedrichstraße zahlreiche Menschen- und Zigarettenschmuggler unterwegs waren. Jedes Mal, wenn Sima Khanoom von unserer Ankunft in Deutschland erzählt, macht sie Abbas Agha wegen seiner »unangemessenen Furcht und Verwirrung« dafür verantwortlich, dass die Männer uns verdächtigten. Nur seinetwegen, der die Polizei fürchtete wie der Teufel das Weihwasser, hätten sie uns aufs Revier mitgenommen.

»Kommen Sie mit zur Wache!«, hatten sie befohlen.

Auf dem Polizeirevier versuchte Abbas Agha laut und in gebrochenem Deutsch, unsere Lebensgeschichte zu erzählen. Die Bullen – so nennt Ryan die Polizei – verwandelten für mich einen Drehstuhl in ein exklusives Karussell und drehten mich darauf um die eigene Achse, während sie meinen Vater nach allen Regeln ihrer Kunst ausfragten. Abbas Agha dachte, wenn er lauter spräche und seine Rede mit Gesten untermalte, würden sie ihn eher verstehen. Wie ein Affe sprang er von hier nach da, zeigte völlig unvermittelt mit dem Finger auf Sima, dann wieder auf sich, baute sich unverhofft vor dem Schreibtisch auf, intonierte »Schaufel Schaufel« und begann ein imaginäres Loch auszubuddeln.

Mein Vater schrie so laut, dass die Bullen nach einer Weile ungeduldig wurden. Plötzlich brüllte einer: »Ruhe!«

Eine schwere Stille erfüllte das Zimmer. Die Beamten hörten auf, mich auf dem Stuhl zu drehen, und ohne ein Wort miteinander zu wechseln, verließen sie den Raum. Abbas Agha legte seinen Arm um Simas Schulter, die mit aller Macht versuchte, nicht in Tränen auszubrechen, und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Beide waren so mit sich beschäftigt, dass sie mich vergaßen. Mir war bewusst, wie verzweifelt und wehrlos wir alle drei waren. Ich blickte in Simas Augen, die nun nicht mehr glänzten. Es kam mir vor, als ob sie nicht in der Lage wäre, mir oder sich selbst zu helfen. Um nicht loszuheulen, begann ich, einige Wörter, die mir im Gedächtnis geblieben waren, zu wiederholen: »Ausweis! Kommen Sie! Schaufel! Ruhe!«

Abbas Agha schaute hoch und musterte mich mit einem trüben Blick. Ein blasses Lächeln öffnete seinen Mund. Wahrscheinlich war er stolz auf seine Tochter, die wie ein Papagei Wörter wiederholte. Nach einer Weile spannten sich seine Gesichtsmuskeln wieder an: »Lass diese verdammte Sprache! Du hast noch genügend Zeit, dich damit zu quälen. Um einen einfachen Satz wie ›Ich hab keinen Ausweis dabei‹ zu sagen, muss man auf so vieles achten! Vor allem darf man nie das Artikelwort vergessen. Ich verstehe immer noch nicht, wofür das gut ist!«

Meine Mutter stellte sich sofort auf meine Seite: »Lass das Kind, Abbas! Ist jetzt der geeignete Moment, um mit ihr über die deutsche Sprache zu diskutieren? Lass uns erst mal abwarten, was mit uns passiert! Wie lange müssen wir noch hier warten? Stecken sie uns nun ins Gefängnis? Wohin sind die Polizisten gegangen?«

Um die für mich unbegreiflichen Sorgen meiner Mutter zu verdrängen, begann ich, während ich auf die Spitzen meiner roten Schuhe starrte, die Wörter noch einmal zu wiederholen, in der Hoffnung, so schnell wie möglich aus dieser Sackgasse herauszukommen. Meine Großmutter, Mansureh Khanoom, macht es genauso, wenn sie eine Vereinbarung mit Gott trifft; dann spricht sie nämlich stundenlang Gebete auf Arabisch, ohne mit deren Bedeutung vertraut zu sein. Plötzlich stellte ich fest, dass sich meine Lippen bei »Ausweis«, »Schaufel« und »Ruhe« wie eine Knospe spitzten. Bisher musste ich immer, wenn Sima Khanoom mich hatte fotografieren wollen, »Hooloo« – Pfirsich – sagen, damit mein Mund sich wie eine Knospe formte, und jedes Mal sagte sie dann: »So siehst du auf dem Foto schöner aus. Hübsche Leute werden von allen geliebt. Deshalb sind sie immer gut gelaunt und nett. Ihre Wünsche gehen auch alle in Erfüllung.« Von jetzt an würden vielleicht alle meine Wünsche in Erfüllung gehen, wenn ich nur ausdrücklich um »Ruhe« bat!

Als der Abend dämmerte, nahmen die Polizisten das affenhafte Hin- und Herhüpfen meines Vaters als Unschuldsbeweis an, und wir durften die Wache verlassen. Auf dem Nachhauseweg beschwerte sich Abbas Agha über die komplizierten Regeln der deutschen Sprache und sagte am Schluss, dass deren harter Klang, den er aus Spielfilmen und aus Reden von Hitler, Himmler und Goebbels kannte, eine gewisse Antipathie in ihm hervorriefe. Meine Mutter, die wahrscheinlich am ersten Abend des Wiedersehens ihrem Mann nicht ständig widersprechen wollte, lenkte meine Aufmerksamkeit auf die endlosen Grünanlagen und prachtvoll mit Licht und bunten Reklamen eingerichteten Schaufenster. Ich hörte ihr staunend zu und nickte verwirrt.

Am Abend saßen wir zum ersten Mal nach langer Zeit in Abbas’ Einzimmer-Appartement zusammen und sahen zu dritt fern. Es wurden Nachrichten gesendet, die eine hübsche Sprecherin verlas. Mir fiel auf, dass die Sprecherin bei der Aussprache der Wörter ihre Lippen ebenfalls wie eine Knospe spitzte. Ihre Augen ähnelten denen von Sima Khanoom. Sie schien mir nicht nur hübsch zu sein, sondern auch nett. Denn sie lächelte viel. Wahrscheinlich war sie wunschlos glücklich. Plötzlich schlug mein Herz höher. Es kam mir vor, als sei ihre Sprache die Sprache der Schönheit und Zuneigung. An meine Mutter gewandt, die mich mit Koseworten anflehte, ins Klappbett zu steigen, das sie neben der Tür für mich eingerichtet hatte, sagte ich: »Unter einer Bedingung: ab morgen nur Deutsch sprechen.«

Mein Hurensohn-Baba, der es noch eiliger hatte als Sima Khanoom, mich schlafen zu sehen, und ihr permanent einredete: »Schick deine Tochter schlafen!«, küsste lachend meine Stirn und brummte: »Das ist unser Los, Kind. Jetzt müssen wir die Suppe auch auslöffeln, die wir uns eingebrockt haben!«

13.

Die anfängliche Abneigung meines Vaters gegen das Deutsche hatte historische Gründe, so behauptete er wenigstens. Diese »geschichtliche Tatsache« hatte Abbas uns eines Tages beim Frühstück verraten, als er mit Hilfe meiner fernen Großmutter, Sima von ihrer Entscheidung, Deutsche zu werden, abzubringen versuchte.

Nachdem uns mein Vater berichtet hatte, dass Mansureh Khanoom mit dem Deutschwerden ihrer Tochter nicht einverstanden sei, verließen wir alle die Küche. Ryan Djahn holte sich seine Tasche, während er den Ring an seiner Unterlippe drehte, um wie immer zum Kiosk zu gehen und zusammen mit seinen alten Freunden unbesiegbare Muskelkraft zur Schau zu stellen. Sima Khanoom, die von der unmittelbaren, über tausende Kilometer hinweg erfolgten Einmischung ihrer Mutter sowieso nicht begeistert war, hörte sich deren Ansicht kommentarlos an und ging noch vor Ryan aus der Küche. Abbas Aghas verdutzter Ruf »Wohin?« ließ sie beide erstarren. Meine Großmutter habe ihn letztlich beauftragt, uns allen ihre Argumente gegen Simas Deutschwerden ausführlich zu schildern; und zwar »einige ausschlaggebende Gründe, die auch mit der Geschichte und dem Schicksal unseres Landes« zu tun hätten. Ryan Djahn, der die Bedeutung von »Geschichte« mit der des Wortes »Märchen« gleichsetzte, war der Erste, der in dem ihm eigenen Sprach-Mischmasch protestierte: »Es war einmal, nicht wahr? Kein Grund ist Es-war-einmal! Hab vergessen Verabredung. Chemie üben. «

Nur Abbas Agha konnte sein Augenlicht verstehen. Verständnisvoll sagte er: »Wenn du verabredet bist, um Chemie zu lernen, ist es okay. Du kannst gehen. Aber das, was ich erzählen will, ist kein Märchen und keine Es-war-einmal-Geschichte, sondern eine wirkliche Begebenheit, die der Tante deiner Großmutter vor dem Ersten Weltkrieg passiert ist.«

Nach Ryans Zeitverständnis sind Ereignisse schon ein paar Stunden später Bestandteil der Geschichte. Seiner Auffassung nach lohnt es überhaupt nicht, sich damit auseinander zu setzen. Weder auf die Vergangenheit noch auf die Zukunft, sondern nur auf die Gegenwart legte Ryan Djahn Wert. Er wusste selbstverständlich nicht, dass er in dieser Hinsicht unseren großen Dichtern Saadi, Hafiz und Khayam ähnelte. Auch sie vertraten den philosophischen Standpunkt »Ergreife den Augenblick«. Der kleine Unterschied zwischen ihrem und Ryans Augenblick war, dass diese großen Dichter ihre »Gegenwart« mit Dichten, Wein und Damengesellschaft gefüllt hatten, während Ryan Djahn seine Zeit damit verbrachte, auf den Boden zu spucken, Blechdosen zu Schleifen zu verbiegen und mehrere Liter Coca-Cola am Tag zu konsumieren. Mein Vater machte sich etwas vor, wenn er glaubte, er könne mit Geschichten aus der Zeit des Ersten Weltkriegs Ryan Djahns Interesse am warmen Hort seiner Familie wecken. Der erste und letzte männliche Erbe Abbas Aghas sagte, während er die Küche verließ: »Oje, vor des Kriegs von Ersten . Das ist noch schlimmer als ein Es-war-einmal!«

Am schlimmsten jedoch war, dass wir vergessen hatten, wie es Sima Khanoom erging, als sie anfangs versucht hatte, sich auf der Basis des deutschen Es-war-einmal in die hiesigen Lebensverhältnisse zu integrieren. Das einzige Ergebnis: wochenlange Auseinandersetzungen mit ihrem verehrten Ehemann. Nun wollte Abbas Agha mit der iranischen Version von Es-war-einmal Sima daran hindern, Deutsche zu werden. Mit der Stimme meiner Großmutter sagte ich: »Möge unser Schicksal mit Güte zu Ende gehen.«

Nachdem Ryan schnell und ohne ein Wort des Abschieds verschwunden war, bewegte sich meine Mutter in Richtung Flur und sagte, dass sie die Geschichte und das Schicksal ihres Landes, besonders nach dem Ersten Weltkrieg, auswendig kenne und auch mit den wichtigsten Ereignissen hinreichend vertraut sei, die sich während dieser Zeit in ihrer Familie abgespielt hatten. So bestünde keine Notwendigkeit, sich diese noch einmal anzuhören, und erst recht nicht aus Abbas Munde. Abbas Agha, der immer in Stumpfsinn verfiel, wenn er in Panik geriet – ein Verhalten, dass Ryan und ich als ›Gehirnstottern‹ bezeichneten –, dachte, das Problem läge in seiner Stimme und seiner Erzählweise. Um Missverständnisse auszuräumen, sagte er eindringlich: »Nein, nein, nein! Ich habe Mansureh Khanooms Stimme aufgenommen. Soll ich sie vorspielen?«

Sima und ich schrien im Chor: »Nein, nein!«

Mansureh Khanooms Stimme mit ihren Geschichten zu hören, war genauso unangenehm wie Abbas› Erzählungen in seiner Omar-Sharif-Stimme. Das Unerträgliche daran war im Grunde genommen, dass in ihren Geschichten ständig Tod, Trauer, Weinen und Gejammer die Hauptrolle spielten. Anscheinend geschah in Mansurehs Familie grundsätzlich nur, was zu einem traurigen Ende führte: Jemand starb, ein anderer ging Pleite und ein Dritter litt an einer unheilbaren Krankheit. Stets zog meine Großmutter Parallelen zwischen historischen Ereignissen der Menschheitsgeschichte und den Vorkommnissen in ihrer eigenen Familie. In beiden Fällen erwuchsen aus anfänglichem Glück, Gesundheit und Frieden unnötige Kriege, Unglück und Krankheiten. Dazwischen lagen wenig aufregende, eintönige und langweilige Phasen, in denen vorangegangene Epochen der Gefechte, Katastrophen und Auszehrungen aufgearbeitet wurden. Manchmal, wenn Ryan Djahn sich zu uns setzte, um Mansurehs Geschichten mit anzuhören, stand er nach einer Weile ungeduldig auf und fragte: »Sie lustige Geschichten nicht kennen? Überhaupt lachen nicht können?

Einmal streichelte Mansureh seine Hände und erwiderte: »Nein, Liebes! Weder kennen noch können. Wenn unser heiliger Führer Khomeini offenbart, ›Alle Tage sind Ashora, das ganze Land ist Kerbela‹, wie kann man da nicht das Lachen verlernen?«

Ryan brach daraufhin in Lachen aus. Von ihren Ausführungen hatte er sicher nicht das Geringste verstanden, außer die Worte ›Lachen verlernen‹. Er starrte mich mit aufgerissenen Augen an, wahrscheinlich weil der Widerspruch zwischen Mansureh Khanooms lautem Lachen und ihrer Behauptung für ihn intellektuell nicht zu bewältigen war.

Es wäre besser, dachte ich, wenn Ryan Djahn in seinem der Unwissenheit geschuldeten Erstaunen befangen bliebe, als dass ich ihm erklären müsste, Ashora sei der Tag, an dem der dritte Iman der Schiiten mit seinen 72 Anhängern gegen 680 n. Chr. in einer Stadt namens Kerbela im Krieg als Märtyrer umgekommen war. Aus diesem Anlass mussten wir uns – laut Khomeini – heute Asche aufs Haupt streuen.

Es wäre wirklich besser, denn sonst hätte ich Ryan zusätzlich noch alles über die Schiiten*, den Islam und die Kriege zwischen Sunniten* und Schiiten und vieles mehr erklären müssen. Und das war nicht meine Pflicht, sondern die seiner Geschichts- und Religionslehrer, die dank des deutschen Lehrplans selbst kaum davon wussten. So fasste ich Mansurehs Aussage knapp zusammen: »Das bedeutet, dass man immer und überall und in jeder Situation jaulen und flennen muss, also ›Lachen verlernen‹.«

Als ich einmal Peter diese lustige Geschichte erzählte, damit wir uns amüsieren und lachen konnten, schaute er mich wider Erwarten sehr ernst an: »Ich glaube, auch wir sind eine Nation, die aus welchem Grund auch immer zu lachen verlernt hat. Deshalb müssen wir einen Deckel voll Bier trinken, ehe die Stimmung fröhlich wird und wir lachen können.«

Vielleicht hatte er Recht. Da ich offenbar keine erheiternde Wirkung auf ihn ausüben konnte, sagte ich kein Wort mehr. Dabei hatte ich mit meiner Geschichte eigentlich zwei Ziele erreichen wollen:

Erstens: den Beweis gegen Peters Vorwürfe erbringen, alle unsere Gespräche drehten sich ausschließlich um meine familiären Probleme und Sorgen.

Zweitens: ihn psychisch zugleich auf ein Gespräch über das aktuelle von Mansureh Khanoom verursachte Problem vorzubereiten.

Doch Peter hatte meinen Plan mit seiner für ihn typischen Reaktion völlig durcheinander gebracht. Obwohl wir in einer Kneipe saßen, gegrillte Kartoffeln mit Quark aßen und mehrere Gläser Kölsch getrunken hatten, wollte kein Lachen aufkommen. Vielleicht weil wir beide in unseren Welten voller Sorgen und eigenen Gedanken gefangen blieben; Peter ging wahrscheinlich durch den Kopf, wie er seine zwitschernde Kasse noch stärker zum Klingen bringen könnte. Und ich war in den historischen Abgründen der Hindernisse versunken, die auf dem Weg zu Sima Khanooms Deutschwerden aufgetreten waren. Zugegebenermaßen hätte uns unter diesen Umständen nicht einmal der 99-prozentige iranische Schnaps in eine fröhliche Stimmung versetzen können, geschweige denn ein leichtes deutsches Bier.

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Yaş sınırı:
0+
Hacim:
279 s. 32 illüstrasyon
ISBN:
9783943941562
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
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