Kitabı oku: «Die Pharma-Falle»

Yazı tipi:


Dr. Fahmy Aboulenein: Die Pharma-Falle

Alle Rechte vorbehalten

© 2016 edition a, Wien

www.edition-a.at

Cover: JaeHee Lee

Gestaltung: Hidsch

Lektorat: Anatol Vitouch

Korrektorat: Elena Höbarth


ISBN 978-3-99001-173-7

Die in diesem Buch beschriebenen Begebenheiten

haben tatsächlich stattgefunden. Zum Schutz

der Privatsphäre handelnder Personen wurden

Namen, geografische Angaben und die Chronologie

der Abläufe teilweise geändert.

Inhalt

Ein heikles Kuvert

Der wahre Skandal

Die Pharmareferenten

DIE MEDIZINISCHE INFORMATIONSGESELLSCHAFT

ENTSPANNTE KOMMUNIKATOREN

WERBEBOTSCHAFTER IM KRANKENHAUS

STAUBSAUGERVERTRETER MIT MEDIKAMENTENKOFFERN

DAS DECKMÄNTELCHEN FORTBILDUNG

DIE LEGALE KORRUPTION

PER DU MIT DER ANDEREN SEITE

NETT ABER ÜBERFLÜSSIG

DIE SCHMEICHEL-FALLE

SYSTEMBEDINGTE SKRUPELLOSIGKEIT

Die Kongresse

AKADEMISCHER STÄDTETOURISMUS

HAUPTSACHE RAHMENPROGRAMM

STILLER DATENFLUSS

EINE KARIKATUR VON WISSENSCHAFTLICHKEIT

DIE BÜHNENVERSION DER HOCHGLANZBROSCHÜREN

SYSTEMATISCHE UNTERWANDERUNG

VEREINBARE UNVEREINBARKEIT

DAS SPIEL MIT DER WERTSCHÄTZUNG

BESSER AUSSPANNEN ALS KRITISIEREN

Die wissenschaftlichen Publikationen

DIE FREIWILLIGE ZENSUR

TOTALE ABHÄNGIGKEIT

Die wissenschaftliche Objektivität

KREATIVES STUDIENDESIGN

UNWISSENSCHAFTLICH ERWIESEN

WIRKUNGSLOSE MEDIKAMENTE

INSTRUMENT DER MANIPULATION

DIE RELATIVEN STUDIENERGEBNISSE

Die Medikamentenpreise

UNFREIER MARKT

DIE VERKAUFTEN PATIENTEN

ZIELGRUPPE PATIENTEN

Die Medikamentenflut

KAPUTT MACHENDE PHARMAZIE

KONZERNE SCHAFFEN PATIENTEN

SINNLOS UND TEUER BRINGT GEWINNE

PATIENTEN IN DER PHARMA-FALLE

Was sich ändern muss

In Dankbarkeit meinem ehemaligen

Chef, Lehrer und Mentor, der mich

stets zu einer kritischen Sichtweise

und vor allem zu gesunder Selbstkritik

ermuntert hat.


EIN HEIKLE$ KUVERT

Auf dem Weg durch die Stadt nahm ich die Einladung aus meiner Jackentasche. Die Sitzung war für 18 Uhr angesetzt. Ein Blick auf die Uhr zeigte mir, dass ich bereits zu spät dran war. Ich war wohl doch nicht rechtzeitig vom Spital losgegangen. Die Ambulanz für entzündliche Erkrankungen des Nervensystems war heute wie an so vielen Tagen übervoll gewesen.

Ich musste mich beeilen. Jetzt hatte es noch zu regnen angefangen und ich hatte keinen Regenschirm dabei.

Dennoch war ich guter Dinge, denn ich war neugierig auf das vor mir liegende Treffen. Ich war zum ersten Mal zu einer Expertensitzung eines großen Pharmakonzerns eingeladen. Wir, das heißt die geladenen Ärzte und ausgewiesene Experten in der Behandlung von Multiple Sklerose-Patienten, sollten im Rahmen dieser Veranstaltung über das von dem Konzern vertriebene Medikament diskutieren, unsere Erfahrungen und unsere Expertise einbringen.

Ziemlich nass vom Regen erreichte ich das Fünfsternehotel in der Wiener Innenstadt, dessen Adresse auf der Einladung stand. Im prächtigen Foyer ging es geschäftig zu. »Sie werden bereits erwartet. Hier entlang, bitte«, sagte eine der Empfangsdamen, nachdem ich ihr meine Einladung gezeigt hatte. Ich sah ein großes Schild vor dem glamourösen Stiegenaufgang, auf dem der Name des Konzerns und die Ankündigung der Veranstaltung stand: »advisory board – Expertengremium, im großen Konferenzsaal im 1. Stock«.

Die goldgerahmten Gemälde und Spiegel und das ebenfalls goldene Schild mit der Aufschrift »Konferenzsaal« neben einer doppelflügeligen Tür sowie das noble Ambiente gaben mir zu denken. Vielleicht hätte ich doch einen Anzug anziehen und eine Krawatte umbinden sollen, dachte ich.

Vor der Tür stand ein bulliger Mann, der meine Einladung sehen wollte. Wortlos überprüfte er sie. »Guten Abend«, sagte er danach und wies mir den Weg durch die große Doppelflügeltüre.

Drinnen waren auf kleinen Stehtischen Imbisse und Getränke vorbereitet. Meine Kollegen waren bereits da und allesamt sehr formell gekleidet. Ich fühlte mich in meiner Lederjacke und meinen Jeans zwar nicht unwohl, aber irgendwie fehl am Platz. Ursprünglich hatte es geheißen, dass ausgewählte Experten ihres Fachs eingeladen werden, in einem kleinen, informellen Rahmen über Nutzen und Risiko des bereits sehr lang etablierten Medikaments zu sprechen. Der Konzern würde nur den Rahmen schaffen, so dass wir aus ganz Österreich hier in Wien zusammentreffen könnten. Bei so einem Austausch und Diskussion sollte die Etikette zweitrangig sein, so hatte ich gedacht.

Ich begrüßte die Kollegen, die zum Teil lange Anreisen in Kauf genommen hatten, und sah mich nach Dr. Elisabeth Hardt um, die ebenfalls auf der Gästeliste gestanden war, konnte sie aber nicht entdecken. Die neurologische Szene in Österreich ist klein und überschaubar. Es gibt nur wenige Experten, die auch als Meinungsbildner fungieren. Sie war eine davon. Von den zehn geladenen Experten waren nur zwei Frauen. Zwei Kollegen waren als Sitzungsleiter der unabhängigen Expertenrunde nominiert.

Währenddessen trat ein drahtiger Mann mit einer großen Hornbrille in die Mitte des Raumes. Er redete mit einer eindringlichen und tiefen Stimme, die ich ihm nicht zugetraut hätte. »Frau Dr. Hardt hat sich aus gesundheitlichen Gründen entschuldigen lassen«, sagte er. »Meine Damen und Herren, wir sind damit vollzählig. Bitte folgen Sie mir.«

Er führte uns in den Konferenzsaal mit einem länglichen Besprechungstisch. Auf jedem Platz gab es ein Namensschild und Unterlagen. Auf den Unterlagen lag jeweils ein weißer, großformatiger Umschlag, in dem ich noch weitere Informationen zur Expertensitzung vermutete. Die meisten Kollegen steckten aber ihren Umschlag ungeöffnet in ihre Taschen, manche riskierten einen kurzen Blick, wobei ihre Augen strahlten und sich in ihrem Gesicht ein leichtes Lächeln breit machte. Ich war mir nun plötzlich sicher, dass in den Umschlägen Honorarnoten sein mussten, und rührte meinen Umschlag nicht an. Genau in diesem Moment trat einer der anwesenden und mir schon seit Jahren bekannten Pharmareferenten an mich heran und fragte mich, ob ich nicht zumindest nachsehen wollte, bevor ich ablehnte, das Geld zu nehmen.

Ich sagte ihm, dass ich dabei bliebe, kein Geld von irgendeiner Firma zu nehmen, und letzten Endes der Einladung auch nur unter der Bedingung gefolgt war, kein Geld für meinen Aufwand zu bekommen. Er hakte nach: »Schauen Sie doch, die anderen nehmen es ja auch. Es ist doch nur legitim, dass wir Ihre Zeit, Ihre Kosten und auch für Ihren geschätzten Beitrag hier bezahlen dürfen. Wollen Sie nicht zumindest nachsehen, was Sie sich entgehen lassen?«

Ich dankte ihm nochmals und übergab ihm das Kuvert, woraufhin er meinte: »Es sind ja ohnehin nur 1.500 Euro. Es wäre das Mindeste für Ihre Teilnahme an der Sitzung. Sie brauchen nur mehr Ihre Kontonummer einzutragen, die Honorarnote zu unterschreiben und abzuschicken. Es wäre alles rechtens. Nach der Steuer bleibt ohnehin nicht mehr viel übrig. Es ist nur ein kleines Dankeschön, nicht mehr.«

Ich bedankte mich und lehnte nochmals eindringlich ab: »Nein, wirklich nicht, dies war nicht vereinbart. Ich sagte Ihnen ja, dass ich nur hier teilnehme, wenn ich meine Unabhängigkeit behalten darf. Und wenn ich Geld annehme, verliere ich meine Unabhängigkeit.«

Er hob die Augenbrauen. Offenbar hatte ich die Routine derartiger Begegnungen gestört. Er fragte nochmals nach: »Wirklich nicht? Sind Sie wirklich auch hier in einem solchen Rahmen so strikt?«

Ich nickte kurz, woraufhin er lächelte und lapidar meinte: »Kein Problem, überlegen Sie es sich noch. Sie können und sollen darüber noch nachdenken. Vielleicht denken Sie später anders darüber. Sie müssen es mir auch nicht heute sagen.« Endlich drehte er sich um, ging zu seinem Platz und steckte meinen Umschlag zu seinen Unterlagen.

Das kurze Gespräch hinterließ einen eigenartigen Eindruck bei mir. Konnte es sein, dass unsere Aufgabe hier einzig darin bestand, wie handlungsunfähige Statisten in einem schönen, noblen Ambiente anwesend zu sein? Was sollte es denn anderes bedeuten, bereits vor erbrachter Leistung ein Honorar zu bekommen? Ich fing bereits an, den Sinn und Zweck der sogenannten Expertensitzung zu hinterfragen, bevor sie eigentlich begann. War der Rahmen, das ganze Drumherum nur eine wunderschöne Verpackung, die in Wirklichkeit dazu diente, Ärzte zu beeinflussen und die Verkaufszahlen eines Medikaments in die Höhe schnellen zu lassen? Einen anderen Zweck sah ich ab diesem Zeitpunkt nicht mehr. Ich war einer von zehn geladenen Ärzten, die ein fürstliches Honorar für circa drei Stunden Teilnahme an dieser Sitzung bekommen sollten. Was konnte wohl an dieser Expertensitzung so wichtig sein, dass sich der Pharmakonzern dies vermutlich zehntausende Euro kosten ließ?

Eigentlich hatte ich mich über die Einladung gefreut und mich, wie ich mir jetzt eingestand, sogar ein wenig geehrt gefühlt. Ich hatte geglaubt, dass die Einladung deswegen an mich ergangen war, weil ich Spezialist für Multiple Sklerose war. Es hatte natürlich auch meinem Ego geschmeichelt. Doch vor allem hatte mich der Wunsch hierher hergeführt, etwas Sinnvolles zu tun, mich mit meinen Kollegen aus ganz Österreich austauschen und diskutieren zu können, somit etwas zu lernen und in Zukunft auch meine Patienten besser behandeln zu können. Von allen Dummen schien ich aber damit der Dümmste gewesen zu sein, geglaubt zu haben, dass es sich hier um ein tatsächlich »unabhängiges« Expertengremium handelte. Ich war dem Pharmakonzern aufgrund meiner Neugierde und Eitelkeit voll auf den Leim gegangen.

Das Unternehmen wollte mich also für meine »unabhängige Expertenmeinung« bezahlen. Ich fühlte mich, obwohl ich nichts angenommen hatte, irgendwie gekauft beziehungsweise zumindest »verkauft«.

Vielleicht sah ich ja alles zu dramatisch.

Der Leiter der Forschungsabteilung des Pharmakonzerns eröffnete mit einem Impulsreferat. Er lobte das zur Diskussion stehende Medikament und präsentierte zahlreiche Studien, die seine Worte bestätigen sollten. Und ja, es stimmte, dass das Medikament sich in der Behandlung von Multiple Sklerose-Patienten in den letzten Jahrzehnten gut bewährt hatte. Auch ich hatte mit dem Medikament im Wesentlichen gute Erfahrungen gemacht und viele Patienten in den letzten Jahren darauf eingestellt.

Der Leiter der Forschungsabteilung des Pharmakonzerns ging jetzt aber sogar so weit, dass er aus den Studienzahlen ableiten wollte, dass das Medikament sehr früh eingesetzt werden könne – früher als jedes andere Konkurrenzprodukt, weil ja der Nutzen hoch und mögliche Nebenwirkungen sehr gering seien. Er betonte immer wieder, dass das Medikament sicher sei. In anderen Worten und überspitzt formuliert, könnten wir Ärzte frei nach dem Motto »Hilft’s nichts, schadet’s nichts« im Gießkannenprinzip das Medikament sehr großzügig verschreiben.

Ich meldete mich, um zu besagtem »Gießkannenprinzip« eine gegensätzliche, sehr kontroversielle Haltung einzunehmen, da ich es nämlich sehr wohl für bedenklich hielt, jeden Patienten immer und sofort medikamentös zu behandeln. Ich plädierte wie so oft für eine individuell maßgeschneiderte Therapie, um in jedem Einzelfall mit den Patienten gemeinsam abzuwägen, ob wir mit einer medikamentösen Therapie beginnen sollten und wenn ja, mit welcher. Ich sagte rund heraus, dass das Interesse des Konzerns, sein Medikament im Gießkannenprinzip über möglichst viele Patienten auszuschütten, durchaus legitim sei, dass es aber an uns Ärzten läge, kritischer Gegenpol zu sein, die Daten selbst zu interpretieren und mit unserem Erfahrungsschatz abzugleichen, um selbst zu entscheiden.

Die Stimmung kippte. Die Mehrheit meiner Kollegen schloss sich nicht nur meiner Meinung an, sondern sie bestätigten auch, dass sie ebenfalls bei ihren Patienten sehr sorgfältig und sicher nicht im »Gießkannenprinzip« Medikamente verschreiben würden.

Als der Forschungsleiter und die anwesenden Pharmareferenten des Konzerns unruhig wurden, ergriff der Sitzungsleiter, das heißt einer unserer Kollegen, das Wort und meinte, dass uns die Diskussion entglitten sei und dass wir uns doch wieder auf das Wesentliche konzentrieren müssten und nicht vergessen sollten, wer dieses Treffen hier organisiert und uns eingeladen habe. Zumindest als »Gebot der Höflichkeit« sollten wir das Medikament unseres Gastgebers nicht schlechtreden. Mit ernstem Gesicht kam er zum Punkt: »Das Medikament ist ein sehr gutes und lang bewährtes Basistherapeutikum mit sehr guter Wirksamkeit, wie wir alle aus den Studien und vor allem aus unserer Praxis wissen und auch hier festgestellt haben«, sagte er. »Das Problem sind die neuen, modernen, anderen Medikamente der Konkurrenz. Diese neuen, modernen Medikamente lassen den Markt für das Medikament unseres Gastgebers einbrechen.«

Genau in diesem Moment war ich froh und dankbar, vor Beginn dieser Expertenrunde den großformatigen weißen Umschlag, in dem die Honorarnote enthalten war, zurückgewiesen zu haben.

Nein, ich hatte die Sache nicht zu dramatisch gesehen.

Es ging hier nicht um Fachwissen, sondern um Marktanteile. Ich verschrieb das betreffende Medikament regelmäßig, und obwohl es vergleichsweise kostengünstig war, setzte der Hersteller allein durch meine Verschreibungen an die 1400 Euro pro Patient und Monat um, das hieß zehntausende, vielleicht auch hunderttausende Euro pro anwesendem Experten und Monat. Insofern waren die Ausgaben für das noble Meeting hier ein Klacks.

Jetzt ärgerte ich mich über meine Naivität. Fachwissen? Das interessierte hier anscheinend keinen. Die Diskussion wäre wahrscheinlich genau die gleiche gewesen, selbst wenn die Konkurrenzprodukte doppelt so gut gewirkt, weniger Nebenwirkungen gehabt und auch nur die Hälfte gekostet hätten. Wir sollten das Medikament des Gastgebers weiterhin großflächig und sehr frühzeitig verschreiben. Dem neuen Produkt der Konkurrenz sollten wir möglichst keine Chance geben. Wir sollten das Medikament des Gastgebers in höchsten Tönen loben, ohne über die Medikamente der Konkurrenz schlecht zu reden, und natürlich sollten wir unser Lob »wissenschaftlich« untermauern.

Was hier stattfand, war aus meiner Sicht nichts anderes als ein getarnter Bestechungsversuch. Zumindest wüsste ich nicht, wie ich es sonst nennen sollte. Das wissenschaftliche Drumherum sollte doch nur den objektiven Anstrich garantieren.

Nach der Sitzung plauderte ich noch eine Weile mit meinen Kollegen an den Stehtischen. Neuerlich kam der Pharmareferent mit dem weißen, großformatigem Umschlag lächelnd auf mich zu. »Sie brauchen sich deshalb keine Gedanken zu machen. Warum haben Sie ein schlechtes Gewissen? Am Ende bekommt das Geld noch jemand, der gar keine Ahnung hat«, sagte er. Seine Worte brannten sich in der Sekunde ein, in der sie ausgesprochen waren. Er schien über uns Ärzte anders zu denken, als er stets vorgab. Wir, die Experten, schienen für ihn tatsächlich nur Statisten zu sein, die gar keine Ahnung zu haben brauchten. Es schien auszureichen, dass wir hier in einem formellen Kreis zusammenkamen und als Expertengremium einem Impulsreferat des Pharmakonzerns lauschten, nachher ein bisschen plauderten und vor allem das Medikament und den Pharmakonzern beweihräucherten und dafür einen Umschlag mit einer üppigen Honorarnote bekamen. Anscheinend war es für ihn ganz normal, dass Ärzte Geld beziehungsweise Honorarnoten in Umschlägen von ihm entgegennahmen.

«Nein danke, immer noch nicht. Ich halte das für moralisch bedenklich. Sie brauchen mir auch nichts mehr anzubieten«, sagte ich.

Er lachte aufgesetzt und versuchte, die Contenance zu wahren. Nervös spielte er mit dem Umschlag.

Zwei Wochen später erhielt ich die Druckfahne einer Publikation zugeschickt, die der Konzern, der die Expertensitzung in dem Fünfsternehotel organisiert hatte, herausgeben wollte. In der Hochglanzbroschüre ging es um die Ergebnisse unserer Expertensitzung. Die Broschüre titelte unter anderem mit »Praxisorientierte Empfehlungen von Meinungsbildnern«. Ferner war an anderer Stelle zu lesen, dass die in dieser Publikation dargestellten Empfehlungen das Wissen und die Erfahrungen der teilnehmenden Ärzte darstellten und dass die Publikation dieser Broschüre durch die finanzielle Unterstützung des Pharmakonzerns ermöglicht wurde.

In der Broschüre fand ich unter der Rubrik »Statements aus der Praxis« Fotos von mir und allen anderen Kollegen, die an der Expertensitzung teilgenommen hatten, sowie diverse uns zugeordnete Statements. Kein einziges der Statements passte zu der sehr kontroversen Diskussion, die wir geführt hatten. Ich konnte mich jedenfalls nicht erinnern, solche Statements bei dieser Expertensitzung gehört zu haben.

Unter anderem fand ich bei meinem »Statement aus der Praxis« angeführt, dass die gute Verträglichkeit und hohe Sicherheit einen sehr frühzeitigen Therapiebeginn möglich mache, da schwere Nebenwirkungen nicht zu erwarten sind. Und dass ich bei weniger sicheren Therapieoptionen mit einer frühzeitigen Therapieentscheidung sehr zurückhaltend wäre.

Im allerersten Moment dachte ich sogar noch, dass hier eine Verwechslung vorliegen musste, mein Porträtfoto und mein Name falsch eingefügt worden waren. Aber so war es natürlich nicht.

Ich begann mich zu ärgern, denn mein »Statement aus der Praxis«, schön unterlegt mit einem Porträtfoto und natürlich mit Bildunterschrift von mir, war genau das Gegenteil von dem, was ich bei der Sitzung gesagt hatte und was ich auch bei jeder anderen Gelegenheit öffentlich sagte und schrieb. Ich trat und trete stets für die individuell maßgeschneiderte Therapie meiner Patienten ein. Dafür, dass sich Ärzte jeden Patientenfall genau ansehen und sehr sorgfältig abwägen und entscheiden, ob, und wenn ja, mit welchem Medikament eine Behandlung notwendig ist, oder ob kontrolliertes Zuwarten möglich ist. Dies umso mehr, da viele Medikamente beträchtliche Nebenwirkungen haben und ich ein Gießkannenprinzip für gefährlich und nicht gerechtfertigt halte. Dies wussten auch die Verantwortlichen des Pharmakonzerns, der diese Expertensitzung organisiert und bezahlt hatte.

Ich verlangte, dass die Herausgeber der Broschüre mein »Statement aus der Praxis« entsprechend korrigieren sollten, und auch, dass sie anführten, dass ich keine finanzielle Unterstützung von dem Pharmakonzern bekommen hatte. Ferner bat ich, die Teilnehmerliste auf der Titelseite zu korrigieren, da die entschuldigte Kollegin ebenfalls darauf zu finden war. Schließlich regte ich noch an, etwaige Interessenkonflikte aller Teilnehmer offenzulegen, das heißt anzuführen, wer ein Honorar oder andere Vergütung für seine Teilnahme an dem unabhängigen Expertengremium bekommen hatte. Eine solche Offenlegung, die sogenannten disclosures, sind in der Wissenschaft üblich. Also sah ich nicht ein, warum das bei dieser Broschüre »unabhängiger« Experten nicht so sein sollte.

Als ich schließlich die endgültige Version bekam, waren mein Name aus der Teilnehmerliste und mein »Statement aus der Praxis« samt meinem Porträtfoto verschwunden.

Dafür fand ich nun ein neues »klinisches Statement aus der Praxis« in der Broschüre – jenes der Kollegin Dr. Elisabeth Hardt. Zumindest war ihr Name nun von der Teilnehmerliste genommen worden und angeführt, dass sie verhindert und deshalb bei der Expertensitzung nicht anwesend gewesen war. Ihr »klinisches Statement aus der Praxis« war meinem nunmehr entfernten Statement zum Verwechseln ähnlich.


DER WAHRE $KANDAL

Denken Sie an Ihren letzten Arztbesuch. Vielleicht waren Sie bei Ihrem praktischen Arzt, vielleicht auch bei einem Facharzt. In jedem Fall ist er Ihnen bestimmt höflich begegnet und hat Ihnen, so gut er konnte, geholfen. Zuerst sprach er mit Ihnen über Ihre Symptome, dann stellte er eine Diagnose und am Ende verschrieb er Ihnen ein Medikament.

Darauf, welches Medikament er Ihnen verschrieb, hatten Sie vermutlich so viel Einfluss wie darauf, welche Schere Ihr Friseur verwendet. Sie wollten auch gar keinen Einfluss darauf nehmen. Denn Sie dachten, dass ein Arzt Ihnen ein Medikament aus einem einzigen Grund verschreibt: weil es nach seinem besten Wissen und Gewissen jenes ist, das Ihnen am besten helfen kann.

Was tatsächlich dazu geführt hat, dass der Arzt Ihres Vertrauens Ihnen ausgerechnet dieses Medikament verschrieb, welche Studien dazu beigetragen haben und wie sie zustande kamen, welche Gespräche und Handschläge stattgefunden haben könnten und welche Briefumschläge dabei eine Rolle gespielt haben könnten, werde ich in diesem Buch zeigen.

Ich werde es nicht anhand einer umfassenden und detailreichen Analyse der Pharmaindustrie und ihrer Wechselwirkungen mit dem Gesundheitswesen zeigen, sondern auf Basis meiner täglichen Erfahrungen im Krankenhaus. Manches mag provokant klingen, manches vielleicht polemisch. Das ist eine Folge des Ärgers über die herrschenden Zustände, der sich in vielen Jahren bei mir aufgestaut hat. Ich schreibe dieses Buch, weil ich genug habe.Wirksame Medikamente sind ein wertvolles Gut für die Menschheit. Zwischen 1918 und 1920 forderte die Spanische Grippe Schätzugen zufolge zwischen 25 und 50 Millionen Todesopfer, wogegen wir dank der Forschung der Pharmaindustrie jetzt viel besser vorbereitet wären. AIDS ist dank der Pharmaindustrie und ihrer teils genialen Wissenschaftler und Forscher kein Todesurteil mehr, gleiches gilt für andere schwere Erkrankungen.

Das Problem sind die Gier und das Geld. Im Spiel der Kräfte des freien Marktes wollen Pharmakonzerne wie jedes andere Unternehmen auch so viele ihrer Produkte wie möglich an so viele Endabnehmer wie möglich bringen, und was überhaupt ein Produkt ist und wer es bekommen soll, scheinen dann oft nicht wissenschaftliche Vernunft und medizinischer Bedarf, sondern Anlegerinteressen und Profitdenken zu entscheiden.

Das Ausmaß an Einflussnahmen, Einflüsterungen und Manipulationen, die der Entscheidung Ihres Arztes, Ihnen ausgerechnet dieses Medikament zu verschreiben, vorausgegangen sind, wird Sie schockieren. Es wird Sie schockieren zu erkennen, dass es bei dieser Entscheidung tatsächlich nicht in erster Linie um Sie und Ihr wichtigstes Gut, Ihre Gesundheit, geht, sondern um das Streben von Medikamentenherstellern nach Marktmacht und Gewinn.

Es wird Sie schockieren, dass es mittlerweile ein in sich und durch sich gewachsenes System ist, das sich natürlich im gesetzlichen Rahmen bewegt, und dass wir die Manipulation als Normalität und Selbstverständlichkeit wahrnehmen und mit ihr leben, wie ein Arzt und Standesvertreter einmal öffentlich sagte: »Von meinem Gehalt als Spitalsarzt kann ich ja gar nicht leben«, weswegen es nur legitim sei, wenn die Pharmaindustrie seine Kongresskosten übernehme.

Es wird Sie schockieren, dass unsere Gesetze solche Praktiken überhaupt möglich machen. Sie werden sich fragen, warum die Gesetze nicht verschärft werden, und werden es genauso wenig verstehen wie ich, da die Lösungsvorschläge auf der Hand liegen, aber keiner von den politischen Verantwortlichen scheinbar etwas tun möchte.

Sie haben schon einmal gehört, dass die Pharmakonzerne nicht die Guten sind, nicht wahr? Da war doch etwas, denken Sie. Ja genau. Da waren die Skandale, die in den vergangenen Jahrzehnten Wellen der Empörung ausgelöst haben. Doch ein paar Strafzahlungen und außergerichtliche Vergleiche später hat sich nichts verbessert, im Gegenteil. Die Skandale gingen vorüber, der Aufschrei verhallte und die Industrie wurde in ihrem Handeln nicht unbedingt transparenter, sondern bloß subtiler. Sie schöpft einfach nur ihre Möglichkeiten aus.

Die Pharmakonzerne scheinen begriffen zu haben, dass sie nur geschickter agieren müssen, um das gleiche Spiel weiter zu treiben, und dass, selbst wenn sie dabei Fehler machen, ihre Risiken gering sind. Sie müssen nur an den richtigen Schräubchen drehen und die richtigen Hebel in Bewegung setzen, um die richtigen Rädchen im Getriebe zu beeinflussen.

Das haben sie zum Beispiel im Zuge der Malversationen rund um das Schmerzmittel Vioxx begriffen, das der amerikanische Pharmakonzern Merck 2004 unter zunächst mysteriösen Umständen vom Markt nahm. Es herrschte allgemeine Verwunderung über die Entscheidung von Merck, an dessen Gesamtumsatz Vioxx bis dahin einen nennenswerten Anteil hatte.

Allmählich sickerte die Wahrheit durch. Eine von Merck finanzierte Studie sollte neue Anwendungsgebiete für das erfolgreiche Medikament erschließen. Konkret ging es um die Frage, ob das Schmerzmittel auch bei der Vorbeugung gegen bestimmte Dickdarmtumore wirksam wäre. Doch die sogenannte APPROVE Studie dokumentierte neben der erwarteten und erwünschten Wirkung auf die an sich gutartigen Dickdarmtumore auch sehr gefährliche Nebenwirkungen von Vioxx: Das Risiko, einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall zu erleiden, verdoppelte sich bei Patienten, die das Medikament einnahmen, allerdings erst nach einer längeren Beobachtungszeit.

Merck nahm Vioxx vom Markt. Fraglich ist bis heute, wie viele durch Vioxx verursachte Todesfälle verhindert hätten werden können, wenn der Pharmakonzern das Medikament gleich vom Markt genommen hätte, als die ersten Herzinfarkte und Schlaganfälle auftraten.

In den darauffolgenden Jahren stimmte der Pharmakonzern einem Vergleich zu, bei dem er etwa 900 Millionen Dollar Schmerzensgeld an die Opfer zahlte. Klingt dramatisch, war es aber für Merck eigentlich nicht. Denn Merck hatte zuvor 2,5 Milliarden Dollar Umsatz mit Vioxx erziehlt, und zwar jährlich. Weshalb die scheinbar horrende Zahlung in der Endabrechnung den Gewinn von Merck mit Vioxx bloß ein wenig schmälerte.

Was die Pharmakonzerne aus der Causa lernen konnten, war: Lege einen Rainy Day Fund an, also eine Rücklage für derartige Vorfälle, und kalkuliere dessen Dotierung in den Medikamentenpreis ein. Um den Imageschaden kümmern sich die PR-Strategen, die Anwälte finden neue Tricks und Techniken zur Umgehung der schärferen Kontrollen und Vorgaben bei der Zulassung, die der politische Wille im Gefolge solcher Skandale hervorbringt, und schon ist ein Skandal mit ein paar tausend Toten »geschluckt«.

Im Kern ist also das System nach dem Vioxx- Skandal und den anderen Skandalen das gleiche geblieben, nur die Pharmakonzerne haben sich weiterentwickelt. Sie agieren schlauer als früher. Sie brauchen sich nicht in die plumpe Illegalität zu wagen. Sie haben es auch nicht nötig, sich mit kriminellen Praktiken Vorteile zu Lasten der Patienten zu verschaffen, das können sie auch im Rahmen der Gesetze und der existierenden Grauzonen tun. Der wahre Skandal spielt sich jetzt im Rahmen der geltenden Gesetze vor unser aller Augen ab, bloß sieht ihn keiner, weil der Wahnsinn zur Normalität wurde und ihn viele Meinungsbildner nicht sehen wollen. Aber die sogenannten Meinungsbildner – oder key opinion leaders – werden in der Industrie in den allermeisten Fällen von der Industrie »gemacht« und meines Erachtens nur zu einem Zweck, nämlich um andere Ärzte zu beeinflussen. Dies ist einer der effektivsten Mechanismen, der Hauptmultiplikator, der die Verkaufszahlen der beworbenen und von Meinungsbildnern empfohlenen Produkte vervielfachen kann.

Ich schreibe dieses Buch in dem Bewusstsein, dass es vielen Menschen, die in der Pharmaindustrie oder im Gesundheitswesen tätig sind, und vielleicht auch Patienten, die lieber blind vertrauen als hinterfragen, missfallen wird. Ich habe mich dazu entschlossen, weil wir als Gesellschaft aufwachen müssen. Denn die Pharmakonzerne sind gut vorbereit im 21. Jahrhundert angekommen, wir hingegen hinken hinterher.

Die Pharmakonzerne verfolgen klare Ziele, die sich aus Quartalsplänen und Profitmaximierung zusammensetzen. Wer will es ihnen auch verübeln? Schließlich müssen sie sich in einer globalen Marktwirtschaft behaupten.

Doch es fehlt das Korrektiv. Denn diesen Konzernen stehen inhaltlich überforderte politische Entscheidungsträger, planlose Wissenschaftler, überarbeitete Ärzte und eine ahnungslose Zivilgesellschaft gegenüber, die zum Teil schon selbst die globale Marktwirtschaft als übergeordnetes Prinzip akzeptiert haben.

Medikamente sind aber eben kein Produkt wie jedes andere. Irgendwann sind wir alle Patienten und dann haben wir ein fundamentales Recht auf eine Behandlung, die ausschließlich unseren Interessen, unserer Gesundheit dient.

Außerdem schreibe ich dieses Buch auch deshalb, weil es für mich als Arzt unerträglich ist, zusehen zu müssen, wie sich gut ausgebildete Mediziner gutgläubig »kaufen« lassen und bereitwillig die von den Pharmakonzernen gebauten goldenen Brücken beschreiten, mit deren Hilfe sie sich nicht als korrupt fühlen müssen. Und ja, ich spreche von »sich kaufen lassen« und »sich nachher selbst belügen«.

Nicht zuletzt schreibe ich dieses Buch, weil die beschränkten Ressourcen des Gesundheitssystems ökonomisch sinnvoll eingesetzt werden müssen. Sie sind kostbar und begrenzt. Und wir dürfen nicht vergessen, dass funktionierende Versicherungssysteme in unseren westlichen Gesellschaften die Eckpfeiler unseres sozialen Friedens sind. Unsere Versicherungssysteme dürfen nicht systematisch und hemmungslos ausgebeutet werden, wie dies zum Beispiel durch unverschämt hohe Preise für Medikamente, deren Wirkung vielleicht auch noch oft fragwürdig ist, tagtäglich geschieht. Wir benötigen ein Korrektiv: durch den Gesetzgeber, durch die Medizin, die Wissenschaft und durch uns alle. Ein solches Korrektiv kann nur durch das Schaffen von Bewusstsein, durch Auflärung und einen Blick hinter die Kulissen entstehen.


DIE PHARMAREFERENTEN

Als Patienten werden Menschen bezeichnet, die ärztliche Hilfe oder eine andere medizinische Dienstleistung in Anspruch nehmen wollen oder müssen. Jeder Mensch, zumindest jeder in einer Industrienation lebende, war mindestens schon einmal in seinem Leben Patient. Sei es als Neugeborener im Kreissaal, als Kleinkind wegen Impfungen beim Kinderarzt oder als Erwachsener wegen einer Erkrankung.

Patienten bezahlen ihre Leistung manchmal direkt, aus eigener Tasche vor Ort, aber meistens indirekt über ihre Krankenversicherung. In der Regel bezahlt die Krankenversicherung dem Arzt die erbrachte medizinische Leistung nach einem festgelegten Tarif. Die Voraussetzung dafür ist, dass der Patient seine Versicherungsbeiträge bezahlt. Es herrscht Versicherungspflicht, denn der Staat hat erkannt, dass die meisten Menschen wochenlange Krankenhausaufenthalte, ein paar Tage auf der Intensivstation, Rettungstransporte, die jährlichen Untersuchungen und die notwendigen Medikamente nicht aus eigenen Mitteln bezahlen könnten. Da nach unseren Wertvorstellungen niemandem Gesundheitsleistungen, die er benötigt, vorenthalten werden dürfen, zahlen wir in einen gemeinsamen Topf ein, um im Ernstfall daraus schöpfen zu können. Darauf hat jeder Krankenversicherte einen Anspruch.

Das bedeutet, die eigentliche Zielgruppe der Pharmakonzerne sind zwar die Patienten, doch es bringt ihnen wenig, sich direkt an sie zu wenden, zumal die meisten Medikamente verschreibungspflichtig sind. Zur wichtigsten Zielgruppe der Pharmakonzerne wird damit eine vorgelagerte: die Ärzte, die sich aus Sicht der Pharmakonzerne in vier für sie allesamt interessante Gruppen unterteilen.

• Gruppe 1: Ärzte, die hauptsächlich Patienten behandeln.

• Gruppe 2: Ärzte, die hauptsächlich Forschung betreiben.

• Gruppe 3: Ärzte, die Meinungsbildner sind, also in der Regel zu Expertensitzungen und Expertengremien geladen sind, Vorträge für medizinische Fachgesellschaften oder die Pharmaindustrie halten oder vielleicht auch einflussreiche Mitglieder von Fachgesellschaften sind und für wissenschaftliche Journale arbeiten, das heißt als Redakteure oder als Gutachter fungieren.

• Gruppe 4: Ärzte, die als Fachberater auf politische Entscheidungen Einfluss nehmen.

In allen diesen Rollen sind Ärzte wichtige Ansprechpartner der Pharmakonzerne. Sehr plakativ ausgedrückt sind Ärzte das wichtigste Bindeglied in der Verkaufskette. Durch die Ärzte wird das Produkt Medikament an die Endverbraucher, die Patienten, gebracht, das heißt verkauft.

Und noch viel wichtiger: Ärzte sind eine Drehscheibe im gesamten Gesundheitswesen, das für die meisten Menschen kaum mehr überschaubar ist, weil es dermaßen komplex ist.

Ärzte haben vielfältigste Funktionen. Sie sind in der Grundlagenforschung tätig, genauso wie in der klinischen Forschung. Als Redakteure der medizinischen Wissenschaftsjournale bestimmen sie maßgeblich mit, welche Studie in bestimmten Journalen publiziert und hiermit der großen wissenschaftlichen Fachwelt vorgestellt wird.

Ärzte haben über ihre medizinischen Fachgesellschaften großen Einfluss auf die Verschreibungspraxis zigtausender anderer Ärzte. Die Leit- und Richtlinien, die von den medizinischen Fachgesellschaften herausgegeben werden, sind hierfür eines ihrer wichtigsten Instrumente. Außerdem beraten die Fachgesellschaften die Entscheidungsträger im Gesundheitswesen und in der Politik.

Es versteht sich von selbst, dass Ärzte demnach im Fokus vieler Interessen sind. Das Hauptinteresse der Pharmakonzerne liegt selbstverständlich im Verkauf ihrer Produkte, das heißt letzten Endes immer in höheren Verschreibungszahlen.

Die medizinische Informationsgesellschaft

Es liegt in der Verantwortung der Ärzte, über die Medikamente, die sie verschreiben, genau Bescheid zu wissen. Sich über das Angebot und dessen Wirkung zu informieren, ist eine ihrer wichtigsten Aufgaben. Schließlich ist die Verschreibung eines Medikaments in vielen Fällen das Ergebnis ihrer Arbeit, nachdem sie mit ihren Patienten gesprochen, sie untersucht und eine Diagnose gestellt haben. Der Erfolg ihrer Arbeit hängt dann auch davon ab, dass das Medikament, das sie verschrieben haben, wirkt.

Ärzte müssen deshalb ständig die über Medikamente verfügbaren Informationen prüfen. Sie müssen versuchen, aus der Flut der über Medikamente verfügbaren Informationen die objektiv richtigen auszuwählen, um im Sinne ihrer Patienten handeln zu können. Doch das ist schwierig, denn im Kampf um diese objektiv richtigen Informationen steht einer überforderten Ärzteschaft eine übermächtige Pharmaindustrie gegenüber.

Die Pharmaindustrie stellt mit 1000 Milliarden Euro globalem Gesamtumsatz, so die Schätzung für 2015, einen wirtschaftlichen Machtfaktor gigantischer Größe dar. Entsprechend ihrer wirtschaftlichen Macht sind die Pharmakonzerne hervorragend auf die Kommunikation mit ihren Zielgruppen, vorwiegend den Ärzten, vorbereitet.

Die Budgets für Werbung und Marketing der einzelnen Konzerne sind enorm. Qualifizierten Schätzungen des Datendienstleisters GlobalData zufolge gab zum Beispiel der Pharmakonzern Johnson&Johnson im Jahr 2013 satte 17,5 Milliarden US-Dollar für Werbung und Marketing aus. Novartis folgte dicht dahinter mit 14,6 Milliarden US-Dollar. An dritter Stelle reihte sich Pfizer mit 11,4 Milliarden US-Dollar ein.

Der Hauptteil der Werbe- und Marketingmaßnahmen der Pharmakonzerne richtet sich wie gesagt an die Ärzte. Sie können für diese Zielgruppe enorme Mittel aufwenden, denn es zahlt sich aus, wie sich etwa anhand des eingangs beschriebenen Beispiels leicht nachrechnen lässt: Wenn ich das Medikament, um das es bei dem Treffen in dem Wiener Nobelhotel ging, ein Jahr lang 100 Patienten verschreibe, bedeutet das für den Hersteller knapp 1,7 Millionen Euro Jahresumsatz nur durch mich mit diesem einen Produkt und diesen 100 Patienten.

Das bedeutet, dass es sich für die Pharmakonzerne lohnt, die Kommunikation mit Ärzten mit hohem Einsatz an Mitteln in ihrem Sinn zu gestalten. Mit dem Ziel, dass die Ärzte möglichst vielen Patienten ihre Produkte möglichst frühzeitig und möglichst lang verschreiben. Ihr wichtigstes und dementsprechend teuerstes Kommunikationsmittel sind dabei die Pharmareferenten.

Entspannte Kommunikatoren

Die Pharmareferenten sind ziemlich entspannt. Sie beziehen ein Einstiegsgehalt von 2500 bis 3000 Euro monatlich, plus Erfolgsprämien, mit denen sie ihr Einkommen verdoppeln können. Diese Prämie kriegen auch die meisten von ihnen. Denn wer sie nicht kriegt, soll angeblich nicht mehr lange in seiner Firma oder gar Branche bleiben. Dazu kommen bequeme Dienstautos, aus denen sie in maßgeschneiderten Anzügen steigen, wenn sie einen der wenigen ihnen zugeteilten Ärzte besuchen.

Die Ärzte sind weniger entspannt. Ihre Gehälter ähneln sehr oft den Einstiegsgehältern der Pharmareferenten, wobei die Ärzte aber im Gegensatz zu den Pharmareferenten einem sogenannten gefahrengeneigten Beruf nachgehen, oftmals rund um die Uhr arbeiten und sich keinen Fehler erlauben dürfen. Die ärztliche Ausbildung ist sehr lang, beginnt an der Universität und wird nach der Universität im Spital direkt am Krankenbett fortgesetzt. Fortbildung und Weiterbildung enden aber nie. Der Beruf ist knallhart.

Interessanterweise ist die genaue Zahl von Pharmareferenten nicht bekannt. Die Pharmakonzerne halten sich bedeckt. Scheinbar möchte sich niemand gerne in die Karten schauen lassen. In Österreich sind Schätzungen zufolge 1800 Pharmareferenten tätig, in Deutschland 20.000. Für den klinischen Alltag bedeutet das, dass es jeden Tag in jedem Spital von Pharmareferenten geradezu wimmelt.

Die Pharmareferenten machen auch gar kein Hehl daraus, dass sie im Vergleich zu den gestressten und aufgrund des Spardruckes im Gesundheitswesen zunehmend überlasteten Ärzten ziemlich entspannt sind. »Wenn Ihnen die Medizin einmal keinen Spaß mehr macht, dann kommen Sie doch einfach zu uns«, sagte ein Pharmareferent einmal zu mir. »Da schieben Sie eine ruhige Kugel, haben weniger Aufwand, lernen interessante Menschen kennen und fahren ab und zu auf Kongresse. Außerdem ist Ihr Gehalt dann sicherlich besser als Ihr jetziges. Wenn Sie gut sind, sind Sie schnell beim Dreifachen.«

Pharmareferenten sind aber sicher nicht bösartiger oder rücksichtsloser als andere Menschen. Ihr Job ist auch nur einer wie jeder andere. Sie haben ihre gesetzten Ziele sowie ihre vorgegebenen Vorgehensweisen und Mittel, mit denen sie diese Ziele zu erreichen trachten. Sie verkaufen eben ein Produkt. Das Produkt ihres Auftraggebers. Sie sind Verkäufer, die teilweise eine spezielle Ausbildung machen müssen. Logischerweise werben die Pharmakonzerne aber gerne auch gleich Mediziner und Ärzte ab.

Werbebotschafter im Krankenhaus

Nach außen stellen die Pharmakonzerne die Pharmareferenten als Informationsvermittler dar. Sie sollen es den Ärzten erleichtern, ihrer Pflicht, sich über neue Medikamente und deren Wirkungen zu informieren, nachzukommen. Sie tragen das Mäntelchen der Objektivität, zumindest versuchen sie es mehr oder weniger beherzt zu tragen.

Nach innen ist die Selbstdefinition dieses Berufsstandes schon etwas anders. Die Pharmareferenten sehen sich selbst oft schlicht als Verkäufer. Einer ihrer Standesvertreter formulierte das Profil dieser Berufsgruppe einmal so: »Als Pharmareferenten eignen sich besonders Personen, die gerne auf Menschen zugehen. Gefragt ist der Einzelkämpfertyp mit Managementqualitäten, denn oft müssen Entscheidungen vor Ort schnell und ohne Rücksprache mit Vorgesetzten getroffen werden. Dabei ist es wichtig, Prioritäten zu erkennen. »Ferner führte er aus: »Von der Industrie wird der Pharmareferent als wertvolles Instrument angesehen. Die Industrie steckt viel Geld in die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter, wobei nicht nur auf Produktschulung Wert gelegt wird. Es ist wichtig, über den Tellerrand zu schauen. Man muss sich auch mit aktuellen Dingen, etwa wirtschaftspolitischen Entwicklungen, vertraut machen.«

Die nach außen hin betonte Verantwortung, die Pharmareferenten natürlich auch gegenüber Patienten hätten, habe ich leider nur selten gesehen. Vordergründig geht es um Umsätze und Aufstieg auf der Karriereleiter, wie jener Standesvertreter, der den Job künftigen Bewerbern schmackhaft machen wollte, offen erklärte: »Als Pharmareferent Karriere zu machen heißt, seinen Fuß in der Tür zum Management zu haben. Man tut sich auch in anderen Berufsfeldern der Branche wesentlich leichter, wenn man Erfahrung im Außendienst hat, etwa im Marketing als Produktmanager. Der ideale Einstieg in diese gut bezahlte Branche ist also der Job als Pharmareferent, da der Referent die wichtigste Schnittstelle zwischen pharmazeutischer Industrie auf der einen Seite und den Ärzten, Apothekern und dem medizinischen Personal in Spitälern auf der anderen Seite ist. Der Erfolg von Pharmaprodukten hängt zu einem großen Teil von den Fähigkeiten des Pharmareferenten ab. Damit ist er eine zentrale Figur im Unternehmen. Dementsprechend sind die Erwartungen an ihn hoch, aber die Vergütung ist es auch.«

Was heißt das genau? Pharmareferenten sollen Ärzte auf Gedeih und Verderb, ohne Rücksicht auf Verluste davon überzeugen, das von ihnen beworbene Medikament zu verschreiben? Auf der Karriereleiter aufsteigen und gut verdienen werden nur die Pharmareferenten, deren Ärzte die »richtigen Verschreibungszahlen« bringen. Das heißt, die Verschreibungszahlen müssen hoch sein. Je höher desto besser.

Das Mäntelchen der Objektivität tragen manche von ihnen dabei, wenn überhaupt noch, inzwischen sehr nachlässig. Wechselt zum Beispiel ein Pharmareferent seinen Arbeitgeber, kann es vorkommen, dass er ein Produkt abqualifiziert, das er bei seinem bisherigen Job gelobt hat. Sie agieren wie Söldner in einem kapitalistisch funktionierenden Markt. Einmal angeheuert versuchen sie unablässig, allen Ärzten ihr Produkt aufzuschwatzen. Aber natürlich können die meisten auch gar nicht anders, da sie die entsprechenden Fachkenntnisse gar nicht haben. Somit sind sie auf die Informationen ihrer Arbeitgeber, den großen Pharmakonzernen, voll und ganz angewiesen.

Pharmareferenten unterscheiden sich von Vertretern anderer Branchen wie zum Beispiel Staubsaugervertretern noch am ehesten dadurch, dass es gemessen an der geringen Zahl ihrer »Kunden«, den Ärzten, sehr viele von ihnen gibt. Grob geschätzt ist das Verhältnis Pharmareferenten zu Ärzten gleich 1:10 bis 1:20. Ein solches Betreuungsverhältnis gibt es nur in wenigen Sparten, weil es sich normalerweise nicht rechnet.

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