Kitabı oku: «Trans. Frau. Sein.»
Felicia Ewert
TRANS. FRAU. SEIN.
Aspekte geschlechtlicher
Marginalisierung
3. Auflage

Felicia Ewert
TRANS. FRAU. SEIN.
Aspekte geschlechtlicher
Marginalisierung
3. Auflage 2021
© 2021 by edition assemblage
Postfach 27 46
D- 48041 Münster
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Umschlag: Alma Lauer, H. C. Rosenblatt
Digitalsatz: Zeilenwert GmbH | zeilenwert.de
Digitalvertrieb: Libreka GmbH | info.libreka.de
ISBN ePub: 978-3-96042-805-3
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Vorwort
Begriffliche Definitionen
Grundlegende Definitionen
Warum ich „Feindlichkeit“ und nicht „Phobie“ schreibe?
Was bitte sind Cissexismus, Transfeindlichkeit und Transmisogynie?
„Gatekeeping / Gatekeeper*innen“
Der Privilegienbegriff
AFAB
AMAB
Non Binary / enby
Cistem
Cisfeminismus
Dyadismus / dyadisch
Wozu überhaupt cis / cisgeschlechtlich / Cisgender?
Was ist Geschlecht?
Geschlechtliche Sozialisation
Was ist geschlechtlicher Biologismus?
Drei Perspektiven auf das trans Sein
Medizinisch-psychologisch-rechtliche Perspektive
Universitäre Gender Studies als Perspektive
Trans aktivistische Perspektive
Harry Potter und die „Geschlechtsumwandlung“
Dysphorie und Euphorie – Leid und Freude im trans Ich
Kategorien der geschlechtlichen Dysphorie
Geschlechtliche Euphorie? Ist das überhaupt erlaubt?
Die „Sex / Gender“ Problematik
Nicht auf deren Terrain ziehen lassen
„Trans Personen können nicht transfeindlich sein.“ – Mediale Darstellung von trans Personen
„Beischlafpflicht mit trans Personen“
Sexuelles und romantisches Begehren
„Persönliche Erlebnisse online / offline“
Öffentliche Toilette
Zwangsouting im Seminar
An der Bushaltestelle
Wie alles begann – Eine Twittergeschichte. Mit transfeindlichem Feminismus.
„Du eignest dir Frau Sein an!“
Das Problem mit dem *
Zum geschlechtlichen Selbstverständnis im Patriarchat
„Alle Frauen sind gemeint.“
„Für dich!“
Was bitte ist TERF?
Konzentration auf Einzelpersonen ist gefährlich
Die drei Kategorien des Ausschlusses
Vorsätzlicher Ausschluss
„Wohlwollender“ Ausschluss
Unbeabsichtigter Ausschluss / Ausschluss durch Reproduktion
Das Problem mit der „Geschlechtsidentität“
„Biologismus gegen die Pathologisierung“
„Circle of Shit“
„Das Gesetz über die Änderung der Vornamen und die Feststellung der Geschlechtszugehörigkeit in besonderen Fällen, Transsexuellengesetz“ (TSG)
Voraussetzungen
Gerichtliches Verfahren
Unwirksamkeit
Feststellung der Geschlechtszugehörigkeit
Eltern-Kind-Verhältnis
TSG Nachwirkungen und der 3. Geschlechtseintrag
Die Postironie des Ganzen?
Hier, ein Spiegel. Schau mal rein!
Kein Abschluss
Literatur
Endnoten
Weitere Bücher
Die Autorin:
Felicia Ewert ist 33 Jahre alt und lebt in Marburg. Sie ist mit einer wundervollen Frau verheiratet und studiert Politikwissenschaft im Master, Schwerpunkt Geschlechterforschung. Sie ist eine Frau, transgeschlechtlich und ziemlich lesbisch. Während ihres Bachelorstudiums entwickelte sie das Interesse an einer grundlegende Auseinandersetzung mit Fragen zu der Konstruktion von Geschlecht und wie es als Ordnungskategorie und hierarchisches Machtinstrument in Erscheinung tritt. Neben ihrem Studium hält Felicia Vorträge zu Cissexismus, Transfeindlichkeit und Transmisogynie.
Twitter: @redhidinghood_
Instagram: @feliciaewert
Vorwort
An meine trans Geschwister,
ich möchte euch hiermit wissen lassen, dass jede*r Einzelne von euch ganz und gar echt ist. Völlig unerheblich, ob ihr euch (noch) nicht sicher fühlt, wer ihr wirklich seid oder sein wollt. Ihr habt einen Weg beschritten, euch mit eurer eigenen geschlechtlichen Zuweisung auseinanderzusetzen, und seid deshalb zur Gewissheit gekommen, dass diese auf euch nicht oder vielleicht nicht vollständig zutrifft. Vielleicht wisst ihr dies gerade erst seit kurzem, vielleicht bereits seit Jahrzehnten. Es ist völlig unerheblich für eure Echtheit. Leider werdet ihr unweigerlich auf viele Hindernisse treffen und ich hoffe für euch, dass ihr ein ebenso unterstützendes Umfeld haben werdet wie ich. Für alles weitere hoffe ich, euch mit diesem Buch eine kleine Unterstützung mitgeben zu können. Sei es bei gerichtlichen Verfahren, sei es im Alltag oder im Umgang mit euch selbst.
Als ich anfing mir Gedanken über den Aufbau dieses Buchs zu machen, war ich zunächst sehr ratlos, wohin es eigentlich gehen soll. Eine reine Autobiographie? Das wäre dann ein insgesamt doch sehr kurzer Ausflug geworden. Ein reines Unterhaltungsbuch? Schon besser, doch die Thematik und die bestehenden Verhältnisse sind zu ernst, als dass ich ein vollkommen humoristisches Werk fabrizieren würde. Ein reines Fachbuch, das sich so differenziert mit der Thematik auseinandersetzt, wie es allgemein als „wissenschaftlich“ verstanden wird? Das wäre grundsätzlich toll, gerade deshalb, weil trans Personen abgesprochen wird, überhaupt Wissenschaft betreiben zu können. Klare Sache, woher sollten sie auch die notwendigen Kompetenzen, die Vernunft, die Sachlichkeit, die Differenzierung und die Distanz zur Thematik haben? Diese Fragen werden cis Biolog*innen, cis Mediziner*innen, cis Psycholog*innen wohl seltener gestellt, wenn sie über Geschlechter und deren angebliche biologische Eindeutigkeit referieren. Doch da ich auch kein rein verhochschultes Buch schreiben wollte, entschied ich mich, eine Kombination aus allen drei Kategorien zu wagen – und ihr sollt daran teilhaben.
Zu meiner Person: Ich bin 33 Jahre alt und bin eine Frau, die trans ist. Wenn ihr bei Twitter seid, könnt ihr liebend gerne @redhidinghood_ folgen. Ich bin weiß und nicht intergeschlechtlich. Ich bin mit einer wundervollen Frau verheiratet. Ich habe eine abgeschlossene Ausbildung zur Kauffrau im Gesundheitswesen und einen Bachelor of Arts in Politikwissenschaft. Während meines Studiums wurde mein Interesse angeregt, mich mit Geschlechterfragen, Machtverhältnissen und letztendlich mit der grundsätzlichen Konstruktion von Geschlecht zu befassen. Hierin erkannte ich die massiven Diskriminierungen, die gesellschaftlich, medizinisch-psychologisch, rechtlich und staatlich gegen trans Menschen wirken. Auch wenn in der Politikwissenschaft in Marburg die Gender Studies glücklicherweise ein fester thematischer Schwerpunkt sind, bemerkte ich rasch den Mangel an trans und queerer Repräsentation. Der Fokus liegt allzu oft auf weißen, deutschen, cis Frauen in Beziehungen mit Männern. Dies bewegte mich dazu, meine Abschlussarbeit zur Diskriminierung und Marginalisierung von trans Personen zu schreiben. Es sollte ein Anstoß sein, die doch recht passivierte und ironischerweise auch dort marginalisierte bis nicht existente Rolle von trans Menschen aufzuzeigen und zu kritisieren.
Transgeschlechtlichen Menschen wird leider auch hier vorwiegend eine passive Rolle als Forschungsobjekt eingeräumt und damit eine Selbstbestimmung verunmöglicht. Die Arbeit sollte somit auch zeigen, dass trans Personen nicht ausschließlich für Umfragen oder Zeitungsartikel interviewt werden, sondern eine aktive und forschende Rolle einnehmen können und sollen. Leider zeigt sich, dass trans Personen hierbei nur allzu oft auf die Gunst und das Wohlwollen von cis Personen angewiesen sind, um Raum und Plattformen zu erhalten, und dies noch einmal deutlich verschärfter, wenn es um queerfeministische Ansätze geht. Diese formulieren umfassende Ansprüche, die die bestehenden geschlechtlichen Überzeugungen vieler Menschen und Institutionen aufzeigen und kritisieren. Dies kollidiert oftmals mit der Erwartungshaltung, die an trans Personen gerichtet wird, möglichst zurückhaltend, ruhig und vor allem dankbar zu sein. Doch ebenso in feministischen Kontexten entfaltet der Wunsch von trans Personen, in ihrer Existenz anerkannt zu werden und Kritik an biologistischen Praktiken zu üben, oftmals großes Konfliktpotenzial. Personen, die gerade noch zu Recht energisch patriarchale, sexistische Zustände bekämpften, lassen davon mitunter ab, da sie queere trans Personen als neue „Gegner*innen“ ausmachen. Ebenso trans Personen, die sich nicht damit begnügen, eingleisig Sexismus zu bekämpfen, sondern ebenso weitere Diskriminierungsmechanismen erkennen und benennen, die eben auch in Feminismen reproduziert werden. Sie gelten zumeist als ein Störfaktor und werden als eine „umfassende Macht“ eingestuft. Eine „umfassende Macht“, die Feminismen zerstören will“, „die Bewegung spaltet“, die transfeindliche, biologistische Zustände in Feminismen erkennt und kritisiert. Diese Zustände motivierten mich, mein Masterstudium in der Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Gender Studies anzustreben und letztendlich auch dieses Buch zu schreiben.
Dieses Buch soll, unter Berücksichtigung bestehender gesellschaftlicher Verhältnisse, ausdrücklich auf cissexistische, transfeindliche und transmisogyne Einstellungen eingehen, die eben auch in Feminismen bestehen. Es soll existierende Missstände darstellen, zeigen, welche Formen des Ausschlusses von trans Personen bestehen und diese kritisieren. Es soll bei Leuten, vorrangig cis Personen, einen Reflexionsprozess anstoßen, der eigene biologistische Einstellungen zu Geschlecht klar werden und überdenken lässt. Ich möchte hiermit verdeutlichen, dass diese Diskriminierungsformen nicht erst mit wutschnaubenden Beleidigungen und körperlichen Attacken auf trans Personen beginnen, sondern in der Regel deutlich gesetzter, akzeptierter und ruhiger verlaufen. Cissexismus, Transfeindlichkeit und Transmisogynie sind viel häufiger der Versuch, sachlich zu begründen, weshalb es in Ordnung sei, trans Personen das Geschlecht abzusprechen. Ich werde darstellen, weshalb die in Feminismen oftmals verwendete Einteilung von Geschlecht in „Sex“ und „Gender“ hochgradig problematisch ist. Ich werde euch handfeste Beispiele aus persönlichen Erfahrungen mit alltäglichem Cissexismus zeigen und deren diskriminierende Elemente Stück für Stück zerlegen. Da es allerdings nicht die Diskriminierung von trans Menschen in Feminismen gibt, werde ich diese Einstellungen und Ausschlüsse in drei Kategorien einteilen, um euch einen Überblick zu verschaffen. Ich möchte auf explizit transfeindliche Feminismen eingehen, die auf bewusstes Absprechen unserer Geschlechter setzen, geschlechtlichen Biologismus mit vielen Formen des Widerspruchs verteidigen und uns schlicht nicht existente gesellschaftliche Machtpositionen unterstellen. Des Weiteren möchte ich aufzeigen, wie Mainstreamfeminismen1 bzw. Cisfeminismen ebenso Geschlecht weiterhin in „biologisch“ und „sozial“ einteilen und hierdurch Ausschlüsse produzieren, was ich als „wohlwollenden“ Cissexismus bezeichne. Ebenso möchte ich auf Cissexismus „in bester Gesellschaft“ eingehen, der zwar nicht vorsätzlich und bewusst betrieben wird, sich jedoch stetig wiederholt und ebenso für langwierige Aufklärungsarbeit durch trans Personen sorgt. Nicht selten führt eben jenes Verhalten zu Rückzügen von trans Personen, um Konflikte und ständiges Von-neuem-erklären-müssen zu vermeiden. Trans Personen kommen an den Punkt der Einzelfallerklärung, wenn sie quasi gezwungen sind, jede einzelne Situation und Begebenheit erneut aufzuschlüsseln und die diskriminierenden Elemente freilegen zu müssen.
Dennoch möchte ich ebenso persönliche Erlebnisse in dieses Buch einfließen lassen, die ich mit dem wissenschaftlichen Forschungsstand aber auch mit der bestehenden Rechtslage verknüpfen werde. Da es mir sehr wichtig ist, die rechtliche Situation für trans Personen in Deutschland darzustellen, werde ich ausführlich auf das so bezeichnete „Transsexuellengesetz“ eingehen. Dessen tatsächlicher Titel „Gesetz über die Änderung der Vornamen und die Feststellung der Geschlechtszugehörigkeit in besonderen Fällen“ lautet. Da dieses Gesetz weiterhin besteht, die rechtliche Anerkennung des Geschlechts und der Vornamen von trans Personen regelt, und aufgrund des Umstands, dass für trans Personen eine „eigene“ Rechtslage existiert, halte ich es für unbedingt erforderlich, dieses Gesetz einer möglichst breiten Öffentlichkeit zugänglicher zu machen. Daher nimmt die Auseinandersetzung mit diesem Gesetz in meinem Buch einen großen Raum ein. Darüber hinaus verfolge ich mit diesem Buch einen intersektionalen Ansatz. Dieser soll die verschiedensten Identitäten von Menschen und deren Diskriminierungserfahrungen aufzeigen. Intersektionalität dient nicht als eine Aufzählung von Diskriminierungen. Intersektionalität soll nicht darstellen, „zu wie viel Prozent“ eine Person diskriminiert wird. Intersektionalität soll verdeutlichen, dass Menschen gleichzeitig verschiedensten Machtstrukturen unterworfen werden, und wie sich diese auf sie auswirken. Daraus können dann Kritiken formuliert werden.
Begriffliche Definitionen
Grundlegende Definitionen
Ich möchte an dieser Stelle keine umfassende begriffliche Abhandlung schreiben, da ein starres Glossar niemals Zeiten überdauern und alle Diskurse einschließen kann. Eine gewisse Grundlegung von Begriffen halte ich allerdings für zwingend erforderlich, weil ich nicht voraussetzen kann und will, dass alle Personen, die dieses Buch lesen werden, dieselbe Basis und denselben Kenntnisstand haben. Im Zuge von ständiger Diskussion und dem Überdenken von bestimmten Termini wird weiterhin diskriminierendes Potenzial erkannt, wandeln sich diese, werden angepasst und neue Begriffe werden etabliert. Ein statisches, hunderte Wörter umfassendes Glossar erscheint also als unangemessen. Jedoch sehe ich es als unausweichlich, einen begrifflichen Leitfaden mitzugeben, um Leuten einen Überblick und möglichst einfachen Einstieg zu geben. Für trans Personen selbst ist der Weg durch viele Ausdrücke oftmals ein sehr schwerer. Für uns selbst, die von vielerlei Anfeindungen und bewusster Ignoranz betroffen sind, ist es meist schon ein schwieriger, langwieriger Prozess, sich in den bestehenden Bezeichnungen wiederzufinden. Für mich war es damals eine Art von Abklopfen, ob gelesene Erfahrungsberichte und Gefühle auf mich zutreffen. Neben der Frage, ob diese zutreffend sein können, beherrschten mich auch oft Selbstzweifel, ob ich überhaupt eine Berechtigung besitze, diese für mich zu benennen. So ganz ohne Echtheitszertifikat meinerseits. Ich möchte damit den großen Stellenwert von Begrifflichkeiten, der Kritik und der ständigen Weiterentwicklung von diesen zeigen. Ich möchte auch klarmachen, dass wir trans Personen als Betroffene von verschiedensten Diskriminierungserfahrungen selbst ebenso die Arbeit leisten müssen, Begriffe kennenzulernen, für uns als passend zu finden, uns anzueignen und nach außen vertreten zu können. Dadurch, dass wir uns über uns selbst bewusst werden, über unsere Geschlechter, haben wir häufig bereits einen langen Weg der Auseinandersetzung mit vielen Begriffen hinter uns. Wir haben oft einen langen Weg der Wissensaneignung hinter uns, bevor wir uns unserer selbst bewusst sind. Dies soll Ignoranz von cis Personen nicht relativieren oder gar entschuldigen. Ich möchte hiermit vielmehr auf deren, auf eure Verantwortung drängen. Ich möchte hierdurch klarmachen, dass wir als trans/non binary Personen bereits oftmals enorme Zeit investieren mussten, um unser Wissen aufzubauen. Ich möchte euch als cis Personen hiermit verdeutlichen, dass nicht-Betroffenheit eben kein Grund sein kann, nicht einmal ein Minimum an respektvollem Umgang, Offenheit und ehrlich interessierten Fragen zu zeigen. Ich will damit zeigen, dass uns nicht auf magische Weise ein Buch oder Datenstick mit allen relevanten Begrifflichkeiten in die Hand gedrückt wird, sobald wir uns unserer selbst bewusst sind. Es kommt kein kostenloses, automatisches Update aus dem Appstore, das uns alle Worte auf Anhieb wissen, verstehen und vertreten lässt. Wir müssen uns dieses Wissen als trans/non binary Personen Stück für Stück selbst erarbeiten, um uns über uns selbst klarzuwerden, um uns selbst bewusst zu machen, dass wir tatsächlich als unser Geschlecht auftreten können. Ohne diese investierte Zeit könnten auch wir selbst nicht über dieses Wissen verfügen. Es geht mir weder darum, Ignoranz zu relativieren, noch darum, Leute mit mangelndem Zugang zu Wissen zu kritisieren. Es geht darum, eure eigenen Einstellungen als cis Personen zu realisieren, nach der wir 24/7 zur Verfügung zu stehen haben, um Wissen zu vermitteln, das wir uns neben allen Schwierigkeiten in Kleinstarbeit selbst angeeignet oder mit erschaffen haben. Deshalb verlange ich ebenso, dass Außenstehende gelegentlich die Zeit investieren und uns zuhören, statt die Herausgabe von Wissen einzufordern. Zusätzlich erwarte ich, dass cis Personen realisieren, dass trans Menschen keine homogene Gruppe von Personen sind, die irgendwo im unabhängigen Raum diffus existieren. Wir existieren neben und mit euch, wir sind überall. Ihr seid sicherlich schon häufig trans Menschen begegnet, ohne es überhaupt zu bemerken. Ich möchte, dass euch klar wird, dass wir hier und jetzt SIND und dass wir unsere Kritik an Menschen richten, die diese transfeindlichen Verhältnisse aufbauen, mittragen und somit am Laufen halten. Das trifft sehr wahrscheinlich auf euch zu.
Zu meiner Schreibweise, also zum Beispiel „trans Sein“, ist zu erwähnen, dass es eine Vielzahl von Möglichkeiten gibt, dieses schriftlich und sprachlich zu formulieren. So bezeichnen sich trans Personen möglicherweise selbst als „TranssexuelleR“, als „Transmann/Transfrau“ oder schlichtweg als beispielsweise „ein Transgender“. Das sind allesamt gültige Selbstbezeichnungen. So gelten für mich zum Beispiel: „Ich bin trans/transgeschlechtlich“ oder „Ich bin eine trans Frau“ als korrekte Bezeichnungen, wobei diese bei anderen Personen stark variieren können. Ich verwende das „trans“ oder „transgeschlechtlich“ hierbei als Adjektiv und nicht als Substantiv. Das „trans“ als Adjektiv zu verwenden erfüllt bei mir gegenüber anderen Personen die Möglichkeit, es als eine Eigenschaft meines Frau Seins darzulegen. „Ich bin eine Frau, die trans ist“ als Abgrenzung zu einem möglichen „Ich bin eine Frau, die cis2 ist“, wäre eine ebenso denkbare und sprachlich sensible Formulierung. Hierdurch soll keine „Spaltung“ von Frauen bezweckt werden, sondern die Vielfältigkeit soll Sichtbarkeit erlangen. Des Weiteren erfüllt dies den Zweck, vorrangig mein Frau Sein präsentieren zu können. Dies soll bestehende Normen durchbrechen, die davon ausgehen, eine Person sei Mann, Frau oder eine trans Person. Bei trans oder cis handelt es sich somit um ein Adjektiv, das Auskunft über die Eigenschaft des Geschlechts geben kann. Im Verlauf des Buches werde ich ebenso auf Selbstdefinitionen des trans Seins eingehen.
Warum ich „Feindlichkeit“ und nicht „Phobie“ schreibe?
Leider werden Diskriminierung und Hass immer noch vorrangig als „Phobie“ benannt. So zum Beispiel als „Homophobie“, „Transphobie“ oder auch „Islamophobie“. Auch wenn dies vorwiegend nicht beabsichtigt ist, wird hierbei Diskriminierung mit einer Angst verknüpft und dadurch teilweise entschuldigt. Ich lehne diese Verknüpfung, ja auch die unbeabsichtigte, ab. Diskriminierende Einstellungen und Taten geschehen nicht aus „Furcht und Angst“, sondern aus Hass und aufgrund von bestehenden, schädigenden Normen.
Was bitte sind Cissexismus, Transfeindlichkeit und Transmisogynie?
Transfeindlichkeit bezeichnet zunächst einmal die vielschichtigen Formen des Ausschlusses von trans Personen, der Gewalt ihnen gegenüber und auch ihre Einstufung als Fehler oder Abweichung. Vielschichtig auch deshalb, weil sich diese Feindlichkeit auf unterschiedlichste Weisen in sprachlicher und physischer Gewalt zeigen kann. Auch wenn eine Differenzierung zur Analyse unbedingt erforderlich ist, darf keineswegs in „harmlos“ oder „weniger diskriminierend“ unterteilt werden. Transfeindlichkeit umfasst somit alle Begebenheiten, in den trans Personen Ausschluss und Gewalt erfahren. Zur genaueren Bestimmung und Definition dient der Begriff Cissexismus. Dieser kehrt die Problematik um und zeigt, wo die Diskriminierung ihren Ursprung hat. Sie nimmt somit die Verantwortung von trans Personen weg und weist diese cis Personen zu. Daher wäre auch der Begriff der Cisnormativität oder geschlechtlicher Biologismus denkbar. Cisnormativität, ähnlich der Heteronormativität, geht davon aus, dass alle Personen cis seien. Selbst wenn dem Großteil der Bevölkerung nicht einmal die Bedeutung dieses Begriffes geläufig ist. Daraus ergibt sich ein Othering-Prozess, der trans Personen als Abweichung vom gesetzten Normalzustand definiert. Sie gelten hiernach als eine Art Ausnahme oder gar Fehler. Das Wort Cissexismus ist natürlich angelehnt an den Begriff Sexismus. Sexismus beruft sich auf die fälschliche Herleitung von bestimmten Charaktereigenschaften, Interessen, Fähigkeiten etc. aufgrund des Geschlechts. Cissexismus greift grundlegender und leitet aus Organen, Hormonen und Chromosomen bestimmte Geschlechter ab. Im Einzelfall kann diese Zuweisung auch noch detaillierter erfolgen, ich werde später darauf eingehen. Der Kern des Cissexismus ist somit die Herleitung eines bestimmten Geschlechts, indem dieses einem Körper aufgrund vermeintlicher Eindeutigkeit zugewiesen wird. Hieraus werden dann Einschlüsse und Ausschlüsse formuliert, die einer geschlechtlichen Selbstbestimmung von Menschen zuwiderlaufen. Anders ausgedrückt wird ein Körper betrachtet und ihm aufgrund von Cissexismus ein bestimmtes Geschlecht zugewiesen. Umgekehrt wird das Vorhandensein oder nicht Vorhandensein bestimmter Organe mit einem Geschlecht verknüpft. So gilt die universelle, jedoch cissexistische Annahme, dass eine Person mit Vulvina eine Frau zu sein hat und eine Person mit Penis ein Mann sein müsse. Ich kann dir im Namen von trans Personen garantieren, dass dies nicht der Fall ist und du unabhängig vom Status von Reproduktions- und/oder Ausscheidungsorganen, oder salopp ausgedrückt „Intimbausätzen“, dein selbstbestimmtes Geschlecht innehaben kannst. Dass weiterführende Faktoren wie geschlechtliche Vorstellungen, Wahrnehmung in der Öffentlichkeit und rechtliche Aspekte existieren, steht auf einem anderen Blatt.
Echt!
Wozu ist nun noch der Begriff der Transmisogynie erforderlich, wenn doch mit den vorangegangen prinzipiell alles geklärt ist? Transmisogynie soll auf die spezielle Form von Feindlichkeit gegenüber trans Weiblichkeiten, trans Frauen, Femmes, enby Personen aufmerksam machen (vgl. Serano 2007: 14; 140). Er soll die Verwobenheiten (Intersektionen) von Transfeindlichkeit und Misogynie aufzeigen. Die Geschichte der Transfeindlichkeit zeigt, dass sich Hass und Verachtung vorwiegend gegen trans weibliche Menschen entlädt. Der Kern ist somit die Ablehnung, Abwertung und der Hass auf Femininität beziehungsweise Weiblichkeit, wie auch immer sich diese äußert. Dieser Zustand und die Tatsache, als z.B. trans Frau nicht heute mal Sexismus und morgen mal Transfeindlichkeit zu erleben, macht eine besondere Benennung erforderlich. Es soll hiermit ebenso auf speziellere Ausschlüsse verwiesen werden, die trans weibliche Personen treffen, wohingegen trans männliche Personen mitunter unbeachtet bleiben. Beispielweise werden trans Frauen oftmals gezielt aus feministischen Räumen ausgeschlossen, weil sie als Männer betrachtet und misgendert werden. Dass dies für trans männliche Personen mitunter nur ein scheinbarer Vorteil ist, erläutere ich im späteren Verlauf des Buches.
Kurz: Cissexismus teilt Menschen in zwei Geschlechter ein, die vermeintlich biologisch exakt von einander zu trennen seien. Diese Einteilung erfolgt per Zirkelschluss „Körper = Geschlecht“ und umgekehrt. Hierbei schließt Cissexismus Personen von einem geschlechtlichen Label aus und zwingt gleichzeitig Menschen unter ein Label, dem sie überhaupt nicht angehören.
„Gatekeeping/Gatekeeper*innen“
Als Gatekeeper*innen werden alle Personen bezeichnet, die in entsprechenden Positionen sitzen, um über Abschnitte im Leben von trans Personen zu entscheiden. Dies können Therapeut*innen in der Begleittherapie sein, Endokrinolog*innen, die in der Regel die Hormonersatztherapie einleiten und begleiten, aber ebenso Richter*innen und Gutachter*innen, die über eine Vornamens- und/oder Personenstandsänderung entscheiden. Der Begriff „Gatekeeping“ mutet gefährlich an und ist durch die oftmals langfristigen und erniedrigenden Prozeduren begründet, die trans Personen auferlegt werden.
Der Privilegienbegriff
Ich verwende den Privilegienbegriff äußerst selten, weil es unterschiedliche Auslegungen des Begriffes und somit völlig verschiedene Formen gibt, ihn zu verwenden und ihn zu begreifen.
Wenn ICH von Privilegien spreche, meine ich prinzipiell:
„Du bist von dieser Diskriminierung nicht negativ betroffen“.
Wenn ich von Privilegien spreche, meine ich NICHT:
„Du erlebst keine negativen Situationen in deinem Leben und bist immer glücklich.“
Es geht darum, klarzumachen, dass eine Person von einer bestimmten Diskriminierung, im Fall dieses Buches hauptsächlich Cissexismus, Transfeindlichkeit, Transmisogynie, nicht negativ betroffen ist.
AFAB
Assigned female at birth: Eine Person, der bei der Geburt das Geschlecht „weiblich“ zugewiesen wurde.
AMAB
Assigned male at birth: Eine Person, der bei der Geburt das Geschlecht „männlich“ zugewiesen wurde.
Beide Begriffe sollen den vermeintlich natürlichen Zustand von Geschlecht in Frage stellen. Statt von einem „biologischen“ Geschlecht zu sprechen, wird somit der Begriff zugewiesenes Geschlecht verwendet.
Non Binary/enby
Der Begriff steht für nicht binäre Geschlechter. Beispielweise agender, neutrois, genderfluid, oder auch genderqueer. Der Punkt ist, hierbei geht es um Menschen, die sich nicht oder nicht ausschließlich mit einem bestehenden binären Geschlecht (Mann oder Frau) identifizieren. Weil hierzu häufiger die Frage aufkommt: Wenn sich non binary Personen als trans verstehen, dieser Oberbegriff für sie selbst also zutreffend ist, dann sind sie es auch.
Cistem
Mit „Cistem“ wird das bestehende System der Zweigeschlechtlichkeit bezeichnet. Also das System aus binärer Geschlechterzuweisung. Darüber hinaus soll dies den strukturellen cissexistischen und transfeindlichen Normalzustand bezeichnen.
Cisfeminismus
Cisfeminismus bedeutet nicht zwingend, dass es sich ausschließlich um cisgeschlechtliche Menschen handelt. Mit diesem Begriff soll eine bestimmte Prägung und Ausrichtung benannt werden. Hierbei geht es um Feminismen, die trans Personen nicht vorsätzlich ausschließen. Es geht um verinnerlichte, erlernte Vorstellungen über Geschlechter, die unreflektiert reproduziert werden. Der Begriff cisnormativer Feminismus wäre auch denkbar.
Dyadismus/dyadisch
Dyadismus oder Interfeindlichkeit bezeichnet die Diskriminierungen und Gewalt, die sich gegen intergeschlechtliche/inter Personen richten. Diese Gewalt kann sich sowohl in falschen und entwürdigenden Darstellungen als auch in Zwangsoperationen widerspiegeln. Dyadisch bezeichnet also den Zustand, nicht inter zu sein. Ähnlich wie bei cis und trans dient der Begriff dazu, den vermeintlichen Normalzustand korrekt zu benennen.
Wozu überhaupt cis/cisgeschlechtlich/Cisgender?
Der Begriff „cis“ soll den vermeintlichen Normalzustand sichtbar machen, weil dieser bisher unmarkiert war. Hiermit soll klargemacht werden, dass cis Personen nicht „normal“, sondern eben cis sind. Dies soll die gängige Sichtweise brechen und die Bedingungen ändern, unter denen transgeschlechtliche Menschen stets als Abweichung, als Fehler begriffen werden und sich immer wieder für ihre Geschlechter rechtfertigen müssen.
Trans, trans*, transgeschlechtlich, transsexuell oder auch Transgender sind Begrifflichkeiten, die im weitesten Sinne dasselbe beschreiben. Jedoch werden diese Begriffe von Personen oftmals nicht gleichbedeutend verwendet oder gar als Selbstbezeichnung geführt. Besonders der Asterisk in „trans*“ wird so nicht von allen Personen verwendet. Ursprünglich sollte dieser bezwecken, auch nicht-binäre trans Personen sprachlich zu integrieren und auf sie aufmerksam zu machen. Das „trans“ oder „trans*“ kann auch als Abkürzung für „transgeschlechtlich“, „transident“ etc. verstanden werden. Ich für mich sage, dass nicht-binäre trans Personen trans Personen sind und von mir keinesfalls ausgeschlossen werden. Deshalb verwende ich ihn nicht. Trans Personen sind keine homogene Masse, sondern empfinden ihr trans Sein in vielfältiger Weise und exakt dies muss berücksichtigt werden. Kritik an verschiedenen Begrifflichkeiten erfolgt meinerseits vorwiegend in Richtung einer falschen medialen Verwendung und weniger an der Verwendung als Selbstbezeichnung. Hierbei ist zu beachten, dass auch Selbstbezeichnungen andere Personen verletzen können und sensibel mit ihnen umzugehen ist. Verschiedenste Worte haben im Laufe der Zeit Aneignungen erfahren, so zum Beispiel der Queer-Begriff. Ursprünglich eine rein homo- und transfeindliche Beschimpfung, erfuhr er ein Reclaiming als Selbstbezeichnung und als Ausdruck einer radikalen Kritik bestehender sexistischer, heteronormativer und transfeindlicher Verhältnisse. Dies bedeutet jedoch nicht, dass der Begriff völlig unumstritten ist. Er wird nach wie vor beleidigend verwendet und dies sollte bedacht werden. Zusätzlich erfährt der Queer-Begriff auf verschiedenste Formen Ablehnung. Mit ihm wird ebenso in feministischen Kontexten mitunter eine umfassende Macht definiert, die in der Lage sei, Personen einzuschüchtern oder gar „mundtot“ zu machen. Zumeist ist der Ausgangspunkt hierfür eine antiintersektionale Basis. Weil im Zuge von Queerfeminismus ebenso die Beteiligung von Frauen an Diskriminierungsmechanismen aufgrund bestimmter gesellschaftlicher Machtpositionen analysiert wird, entstehen hierdurch Abwehrhaltungen. Die Beteiligung weißer (cis) Frauen an nationalistischen und rassistischen Politiken wird ebenso kritisiert wie beispielsweise die Verteidigung transfeindlicher Positionen, die trans Menschen, insbesondere trans Weiblichkeiten, aus feministischen Kontexten ausschließen. Deshalb verwenden verschiedene Personen die Begriffe „queer“, „Queerfeminismus“, gerne auch „Queeraktivist*innen“, anderweitig abfällig. Massiv zugenommen hat auch die abfällige Bezeichnung als POMO oder POMO-Bubble. Das „POMO“ steht hierbei für „Postmoderne“ und versucht, vielschichtige intersektionale, also queerfeministische, antirassistische und antiableistische Strömungen als eine Art überflüssige Praktik zu definieren. In dem Zusammenhang fällt auch oftmals der Begriff der Identitätspolitik. Leider fällt letzterer Begriff häufig von antiintersektionalen linken Personen.3 Ich bezeichne sie auch als „Mono-Linke“ oder „Einschienen-Linke“, weil sie die Benennung von Diskriminierungsmechanismen mit dem vermeintlich mangelnden Wunsch, die kapitalistische, ausbeuterische Realität zu kritisieren gleichsetzen. Debatten über Haupt- versus Nebenwiderspruch werden in absehbarer Zeit nicht enden. Ebenso jedoch wird der Wunsch von trans Personen nach geschlechtlicher Respektierung und die Schöpfung und Weiterentwicklung von Begriffen allzu oft abfällig als „Luxusproblem“ bezeichnet. Dazu sei gesagt, dass dies mehrfach marginalisierten Personen unterstellt, sie würden keinerlei negative Auswirkungen des Kapitalismus auf sich selbst spüren. Zu einem solchen Schluss kann nur anhand von bewusster Ignoranz gegenüber vielen Lebensrealitäten gekommen werden. Derartige Aussagen sind auch oft der bewusste Versuch, Kritiken an strukturellen und institutionellen Diskriminierungen zu delegitimieren. Der Begriff „POMO“ ist ein Versuch, die Kritik an diskriminierenden Begriffen zu delegitimieren. Er steht zugleich als Platzhalter für ebendiese Begriffe, um sich dieser Kritik zu entziehen und sich dabei sogar den Anschein einer „seriösen Analyse“ – ja echt! – zu geben. Darüberhinaus ist der Vorwurf der „Postmoderne“ beziehungsweise der „Postmodernen Beliebigkeit“ ein Verlangen nach einer bestimmten Ordnung. Es ist das Verlangen nach einer einfach, klar und im wahrsten Sinne eindeutig strukturierten Welt. Eine Welt, die so niemals existierte. Im weiteren Verlauf des Buches werde ich beschreiben, wie sich Personen, die für diskriminierende Praktiken kritisiert werden, hierdurch selbst als unterdrückte Gruppe inszenieren, die ihre Aufrechterhaltung von zum Beispiel transmisogynen Positionen als eine Art „Befreiungsschlag“ darstellt.
Was ist Geschlecht?
Da die Kategorie Geschlecht die Basis dieses Buches ist, ist es selbstverständlich unerlässlich, eine rechtliche Definition von Geschlecht darzulegen, anhand derer die Problematiken geschlechtlicher Marginalisierung von trans Personen analysiert werden können. Jedoch muss berücksichtigt werden, dass die Kategorie Geschlecht lediglich auf vermeintlich biologisch begründbarer Existenz beruht und deshalb über keinerlei rechtliche Definition verfügt (vgl. Adamietz 2012: 2). In verschiedenen Dokumenten wird die Angabe des Geschlechts verlangt, es gibt jedoch keine rechtliche Definition, was Geschlecht genau ist, wie Geschlecht definiert wird und welche Person weshalb welche Geschlechtszugehörigkeit besitzt (vgl. ebd.). Sowohl in der Geburtsurkunde, im Geburtenregister wie auch im Reisepass wird das Geschlecht aufgeführt (ebd.), jedoch besteht kein gesetzlicher Artikel, der zunächst darlegt, wie die Bestimmung des Geschlechts erfolgt. Die Zuweisung des Geschlechts wird also der Medizin überlassen und es erfolgt keinerlei weitere Definition abseits einer binär biologistischen Einteilung. Faktisch ist die Kategorie Geschlecht jedoch in verschiedenen Dokumenten und ebenso im Alltag stets gegenwärtig. Das führt zu der Annahme, dass sich die Definition von Geschlecht einzig auf die medizinischen Bestimmungen einer scheinbar eindeutigen Zweigeschlechtlichkeit stützt. Eine Zweigeschlechtlichkeit, die aufgrund anatomischer Gegebenheiten zugewiesen wird. Diesbezüglich heißt es bei Güldenring:
„Das Geschlecht eines Menschen wird in den meisten Kulturen unmittelbar nach der Geburt durch medizinische Expert_innen wie Hebammen oder Geburtshelfer_innen bestimmt. Penis oder Vulva beeinflussen als körperliche Geschlechtsmerkmale für männlich oder weiblich maßgeblich die Zuweisung des Geschlechts.“ (Güldenring 2015: 31).
Darüber hinaus beschreibt Güldenring, dass mit diesem zugewiesenen Geschlecht, kulturabhängig, eine Vielzahl von stereotypen Vorstellungen über Verhaltensweisen entsprechend der gedachten Geschlechtsrolle verbunden werden (vgl. ebd.). Ergänzend möchte ich auf Serano verweisen, die kritisch ausführt, dass allein die Existenz eines rechtlichen Geschlechts die Problematik einer geschlechtlichen Eindeutigkeit aufzeigt (vgl. Serano 2007: 24). Die rechtliche Einteilung in zwei Geschlechter verdeutliche, dass Zweigeschlechtlichkeit hierdurch erschaffen werde und nicht naturgegeben existiere. Neugeborene, die intersex /inter/intergeschlechtlich sind, fallen oftmals durch körperliche Normierung aus dieser Einteilung heraus. Die internationale Vereinigung intergeschlechtlicher Menschen (IVIM 2012) übt diesbezüglich scharfe Kritik an der grundsätzlichen geschlechtlichen Zuweisung von Kindern (vgl. IVIM 2013). Darüber hinaus kritisiert die IVIM die fortwährenden Operationen zur Herstellung geschlechtlicher Eindeutigkeit bei Neugeborenen (ebd.). An dieser Stelle möchte ich eine Kritik äußern und einen Perspektivwechsel auf die Kategorie Geschlecht ermöglichen. Geschlecht ist eine Ordnungskategorie, um Menschen aufgrund von Annahmen, die mit körperlichen Aspekten verknüpft werden, geschlechtlich in produktive und reproduktive Ebenen (Arbeitsteilung) einzuordnen (Bourdieu 2012: 22). Auch Foucault beschrieb dies gleichermaßen und ergänzte mit den Begriffen „Bio-Politik“, beziehungsweise „Bio-Macht“ (Foucault 1981/ 1985), da diese produktive und reproduktiven Ebenen im Prinzip eine staatlich organisierte Fortpflanzungs- oder Fruchtbarkeitspolitik bedeuten. Annahmen deshalb, weil zum Beispiel von einem vermuteten Organstatus fälschlicherweise auf ein bestimmtes Geschlecht geschlossen wird. Im umgekehrten Fall geschieht diese Zuweisung ebenso. Jedoch ebenso fälschlicherweise. Allein der Begriff „Geschlechtsmerkmale“ verdeutlicht das Verständnis von Geschlecht sehr gut. Dieser offenbart, dass Geschlecht kaum mit Selbstbestimmung, sondern stets mit der Begutachtung von Körpern und einer geschlechtlichen Zuweisung durch Dritte verknüpft wurde und wird. Letztendlich wird das gesamte geschlechtliche Verständnis immer wieder auf die möglichen Formen von Fortpflanzung heruntergebrochen.
Geschlechtliche Sozialisation
Im Verlauf des Buches werde ich häufiger den Begriff von „weiblicher /männlicher Sozialisation“ verwenden, oder eher darstellen. Sozialisation soll die Fülle an Prägungen im Laufe unseres Aufwachsens und Lebens beschreiben. Es gibt verschiedenste Formen davon, wie und in welchen Bereichen Menschen sozialisiert werden, zum Beispiel politisch. Als einer der stärksten und tiefgreifendsten Bereiche gilt die Zuordnung in ein bestimmtes Geschlecht (Küppers 2012). Deshalb wird der Begriff der Sozialisation besonders in Feminismen häufig aufgegriffen und anhand dessen Diskriminierungsmechanismen, erlebte und ausgeübte Gewalt und vergeschlechtlichte Verhaltensweisen erklärt. Mit dem Begriff der geschlechtlichen Sozialisation sollen Erfahrungen und Erlebnisse als etwas Strukturelles und Gesellschaftsweites dargestellt werden. Etwas, das Allgemeingültigkeit besäße. So weit, so okay. Problematisch wird es, wenn anhand bestimmter Prägungen Ausschlüsse formuliert werden. Wenn trans Frauen also zum Beispiel anhand ihrer – unterstellten – Erlebnisse abgesprochen wird, „überhaupt zu wissen“ wie es sei als Frau im Patriarchat behandelt zu werden. Beispiele folgen hierzu im Kapitel ‚Was bitte ist Terf?‘“.
Was ist geschlechtlicher Biologismus?
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, geschlechtliche Aspekte mit Biologismus zu verknüpfen, also bestimmte Schlüsse zu ziehen und daraus Aussagen zu formulieren. Beispielsweise werden vermeintlich geschlechtliche Verhaltensweisen und Stereotype naturalisiert. Ihnen wird also ein Status von Normalität unterstellt, der sich von einem bestimmten Geschlecht ableitet. Derartige Vergeschlechtlichungen von Verhaltensweisen werden weitestgehend auch von cis Feminismen zu Recht auf schärfste kritisiert. Aus solchen Stereotypen heraus werden bestehende Sexismen als gerechtfertigt dargestellt, da sie mit „biologischen Tatsachen“ *räusper* verbunden werden. Ein banales Beispiel wäre, dass Frauen aufgrund von vermeintlich geringeren Konzentrationen an Testosteron im Körper ein weniger ausgeprägtes Selbstbewusstsein und geringere Durchsetzungsfähigkeiten hätten. Eine derartige Argumentation würde wohl in der überwiegenden Zahl von Feminismen umgehend kritisiert werden. Der tatsächlich zugrunde liegende zweigeschlechtliche Biologismus, der argumentiert, Geschlechter von Körpern ablesen zu können, bleibt hierbei jedoch meist unangetastet. Verhaltensweisen zu biologisieren, beziehungsweise als natürlich zu erklären, ist weitestgehend verworfen und gilt als sexistisches Mittel der Einordnung von Menschen. Geschlechtlicher Binarismus, Gleichsetzung von Organen, Hormonen und Chromosomen mit Geschlechtern, wird dennoch weiterhin als Standard aufgefasst.
Damit komme ich auch zum Kernstück des geschlechtlichen Biologismus: Dem Schluss vom Körper auf das Geschlecht und davon wiederum auf bestimmte Verhaltensweisen.
Dass diese Ansichten allerdings unweigerlich Diskriminierung und Ausschlüsse mit sich bringen, wird zu oft ignoriert, vorsätzlich verfolgt oder auch für das eigene Empowerment in Kauf genommen. Selbst wenn dabei Mehrfachmarginalisierte unsichtbar gemacht werden. Deshalb möchte ich dazu auffordern, die bestehenden Biologismen bei sich selbst und in der Öffentlichkeit zu erkennen und zu kritisieren. Ich möchte den Anstoß dazu geben, den Schluss vom Körper auf das Geschlecht in allen möglichen Facetten zu unterlassen.
Statt also von bestimmten Organen auf ein Geschlecht zu schließen, kann jedes Körperteil und jedes vergeschlechtlichte Organ jedem Geschlecht zugehörig sein. Eine Frau kann ausgeprägte Brüste und einen Penis haben. Sie kann diese Organe haben und sie für sich völlig anders bezeichnen, weil bestehende vergeschlechtlichte Begriffe bei der Person teilweise schwere Dysphorie auslösen können. Ich möchte hier nicht jede mögliche Konstellation einzeln ausführen. Der Punkt ist, dass die Vergeschlechtlichung von Körpern und welche Schäden dies bei Menschen anrichten kann, in unseren Köpfen überdacht werden soll.
Um es abzukürzen:
Falsch: „Ah, dieser Körper weist diese und jene Organe auf, muss also weiblich sein.“
Richtig: „Diese Person teilte mir mit, dass they eine Frau ist. Their Körper ist also der einer Frau.“
Richtig +: „Ich schließe nicht von der Erscheinung von Personen auf deren Geschlecht und erwarte/verlange auch keinerlei Auskunft darüber von einer Person.“
Ganz nebenbei: Das Geschlecht einer Person zu vermuten und falsch zu liegen, ist eine Sache. Personen ein Geschlecht zuzuweisen und deren Willen nicht zu respektieren, ist Gewalt. Es läuft der geschlechtlichen Selbstbestimmung einer Person zuwider, wenn versucht wird, eigene diskriminierende Einstellungen und Überzeugungen als wichtiger zu betrachten. Glaubt mir, Transfeindlichkeit ist nicht kreativ und auch nicht edgy, sie reproduziert nur das bestehende binäre Geschlechtersystem.
Biologismus: Schluss vom Körper auf das Geschlecht, Abweichungen werden pathologisiert oder maximal als Identität/Empfinden eingestuft.
Ich: umgekehrte Herangehensweise → Wenn Person eine Frau, dann Körper einer Frau.
Drei Perspektiven auf das trans Sein
Zunächst muss vorangestellt werden, dass abseits der medizinischpsychologisch-rechtlichen Ebene eine konkrete, allgemeingültige Definition des trans Seins nur schwer Bestand haben kann. Diese unterliegt, gerade in den universitären Gender Studies beziehungsweise in aktivistischen Bereichen, wie sämtliche Begriffe, ständigem Diskurs. Daher ist selbst eine scheinbar simple Definition davon, was Personen zu trans Personen macht, nicht in Kürze und unumstößlich formulierbar. Deshalb sollen im Folgenden drei verschiedene Perspektiven Aufschluss geben.
Medizinisch-psychologisch-rechtliche Perspektive
Transsexualität oder transsexuell Sein sind die ursprünglichen medizinischen und rechtlichen Begriffe, um trans Sein zu beschreiben. Sie sind nach wie vor in Medizin und deutschem Recht feststehend, deshalb werde ich diese zu Beginn erläutern. Transsexualität soll den Zustand beschreiben, eine Abweichung vom vermeintlich angeborenen, sogenannten biologischen, körperlichen oder auch somatischen Geschlecht zu empfinden. Darüber hinaus soll Transsexualität mit dem Bestreben einhergehen, den eigenen Körper hormonell und operativ möglichst weit an das sogenannte andere Geschlecht anzugleichen (vgl. DIMDI 2012).
Diesbezüglich hier ein Auszug aus der internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, Ausgabe 10 (ICD-10):
„Der Wunsch, als Angehöriger des anderen Geschlechtes zu leben und anerkannt zu werden. Dieser geht meist mit Unbehagen oder dem Gefühl der Nichtzugehörigkeit zum eigenen anatomischen Geschlecht einher. Es besteht der Wunsch nach chirurgischer und hormoneller Behandlung, um den eigenen Körper dem bevorzugten Geschlecht soweit wie möglich anzugleichen.“ (ebd.)
Zur Ergänzung hier noch eine andere Formulierung aus dem Pschyrembel:
„Fehlende Übereinstimmung der Geschlechtsidentität mit dem somatischen Geschlecht; im Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders Nummer 5 (DSM-5) als Geschlechtsdysphorie bezeichnet. Kennzeichnend ist die Unzufriedenheit mit der biologischen Geschlechtszugehörigkeit. Zum Teil werden nur Teilaspekte abgelehnt (partielle Geschlechtsdysphorie; engl. gender confusion). Häufiger besteht aber eine vollständige und anhaltende Ablehnung des somatischen Geschlechts (Transsexualität).“ (Pschyrembel 2016)
Diese Formulierungen, die sich auf die Definition aus der ICD-10 unter dem Kapitel V, Psychische- und Verhaltensstörungen und dem Diagnosecode F64.0, beziehen, legen fest, dass trans Sein als eine Störung der Geschlechtsidentität betrachtet wird. Diese müsse in der Regel operativ und/oder hormonell behandelt werden, um schrittweise den empfundenen Leidensdruck möglichst zu verringern. Beide Formulierungen beinhalten auffallende Unterschiede in der möglichen Ausprägung, dem Erleben und Empfinden des trans Seins. Wo die Fassung des Deutschen Instituts für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) noch beschreibt, dass mit der Geschlechtsidentitätsstörung häufig ein Leidensdruck einhergehe, ohne dies weiter auszuführen, wird im Pschyrembel bereits die Möglichkeit einer so bezeichneten partiellen Geschlechtsdysphorie erwähnt (ebd.). Diese Defintion beschreibt zwar weiterhin, dass dieser Zustand nicht häufig auftrete, es lässt jedoch die Möglichkeit zu, dass ein schrittweiser Abbau der bestehenden Vorstellungen über „korrektes“ Empfinden von Geschlechtsdysphorie möglich sein kann. Darüber hinaus verwendet die zweite Formulierung, im Gegensatz zur Version des DIMDI, den Begriff der Geschlechtsdysphorie. Dieser Begriff, manchmal auch nur Dysphorie, orientiert sich an der englischsprachigen Bezeichnung der gender dysphoria. Dieser kann in der Definition des trans Seins des britischen National Health Service (NHS) gefunden werden (vgl. NHS 2016). Neben dem Begriff der gender identity disorder ist dies ein gängiger Ausdruck, um trans Sein zu beschreiben.
Hierzu die Definition des NHS:
„Gender dysphoria is a condition where a person experiences discomfort or distress because there‘s a mismatch between their biological sex and gender identity. It‘s sometimes known as gender identity disorder (GID), gender incongruence or transgenderism.“ (ebd.)
Dies zeigt, dass der Dysphoriebegriff im Deutschen wie im Englischen gleichbedeutend verwendet wird. Im Deutschen wird der Begriff im medizinischen Bereich ebenso aufgefasst wie zum Beispiel beim NHS und als Synonym zur Geschlechtsidentitätsstörung verwendet. Da das trans Sein in medizinischen Definitionen mit dem Leidensdruck und daraus resultierenden operativen Eingriffen gleichgesetzt wird, beschreibt die Dysphorie hierbei keinen gesonderten Zustand des jeweiligen Empfindens, sondern wird lediglich als ein austauschbarer Begriff zu Transsexualität oder auch Geschlechtsidentitätsstörung verwendet.
Diese dargelegten Definitionen setzen zunächst Zweigeschlechtlichkeit als Normalzustand fest und machen Personen, die von diesem abweichen, diagnosebedürftig. Darüber hinaus legen sie fest, dass die Abweichung des geschlechtlichen Empfindens stets mit einem speziellen Leidensdruck einhergehe. Dies legt zunächst offen, dass die hierzu benötigte Vorstellung von Geschlechtern streng binär ist und davon ausgeht, dass diese an Körpern ablesbar seien. Eine körperliche und geschlechtliche Selbstbestimmung wird hierbei kaum berücksichtigt. Personen, die dieses Empfinden nach Zugehörigkeit zu einem bestehenden binären Geschlecht nicht oder nicht die entsprechenden „korrekten“ Empfindungen haben, werden von dieser Diagnose nicht erfasst und können somit auf dem bestehenden Weg keinerlei Behandlung erfahren.4
Universitäre Gender Studies als Perspektive
Innerhalb der universitären Gender Studies ergibt sich noch oftmals die Aufteilung des Geschlechts in Sex und Gender (vgl. Kerner 2007: 5ff.). Also in das sogenannte biologische und das sogenannte soziale Geschlecht (ebd.). Die Kategorie des biologischen Geschlechts gibt hiernach Auskunft über die anatomischen Gegebenheiten einer Person, wohingegen das soziale Geschlecht beschreibt, welche soziale geschlechtliche Rolle gelebt werde (Gleichstellungsbeauftragte der Universität Duisburg-Essen 2013). Hieraus ergibt sich für das trans Sein leider zu oft die Definition, dass Personen entsprechend einer Abweichung zwischen angenommenem anatomischen Geschlecht und der gelebten sozialen Rolle aufweisen (vgl. Serano 2007: 26). Oder anders ausgedrückt, es wird definiert, dass so bezeichnetes biologisches und soziales Geschlecht nicht miteinander übereinstimmen (ebd.). Grundlegende Kritiken an bestehenden Biologismen tauchen noch zu selten auf und somit haben trans Personen einen äußerst schweren Stand, der mit viel emotionaler Aufklärungsarbeit verbunden ist. Sofern sie dem Druck standhalten können, sich immer und überall zu erklären. Judith Butler beschrieb zwar bereits 1990 in Gender Trouble/Das Unbehagen der Geschlechter nicht lediglich ein soziales, sondern Geschlecht generell als sozial konstruiert (ja, auch das „biologische“). Doch obwohl Butler weithin bekannt ist, wird die Existenz von transgeschlechtlichen Menschen leider allzu häufig als außerhalb des gesellschaftlichen Lebens stehend begriffen. Trans Personen gelten allzu oft lediglich als passive Forschungsobjekte, die als lebendige Datensätze fungieren. Eine aktive Rolle als Aktivist*innen oder Forscher*innen wird ihnen zu selten zugeschrieben oder gar nicht erst zugetraut.
Trans aktivistische Perspektive
Aus meiner aktivistischen Perspektive bedeutet trans Sein, dass eine Person über keine, oder keine vollständige Identifikation mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht verfügt. Hierzu folgendes Zitat:
„Transgender or Transexuality is an umbrella term for anyone whose internal experience of gender does not match the gender they were assigned at birth(…). Transgender people often experience discomfort or distress due to their gender not being recognized by others, and therefore wish to transition to being viewed as their true gender identity. (…).“ (GenderWikia 2016)
Entgegen der vorangegangenen Definitionen konzentriert sich diese darauf, dass das trans Sein durch eine fälschliche Zuweisung von außen entsteht. Der Wunsch nach dauerhaften operativen und hormonellen Behandlungen wird zwar erwähnt, jedoch nicht als Grundvoraussetzung festgelegt. Ferner verzichtet diese Definition auf Begrifflichkeiten wie „biologisches“, „anatomisches“ oder „Geburtsgeschlecht“, sondern bezieht sich einzig auf die geschlechtliche Selbstbestimmung als Grundvoraussetzung für das trans Sein. Diese Definition erscheint ebenso einfach wie verwirrend, da Personen, die sich mit der Thematik nicht beschäftigen müssen, trans Sein häufig allein mit Zuständen psychischen Leidens, Hormonersatztherapien und operativen Eingriffen gleichsetzen. All dies können durchaus Aspekte von Transgeschlechtlichkeit sein, jedoch sollten sie nicht generalisiert und definitorisch verwendet werden. Die Ausprägungen des potenziellen Leidens und die Abneigung gegenüber verschiedenen Partien des eigenen Körpers sind Empfindungen, die von Person zu Person unterschiedlich sind oder ebenso gar nicht vorkommen können. Am trans Sein, also einer Nicht-Identifikation oder nur teilweisen Identifikation mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht, ändert dies nichts.
Harry Potter und die „Geschlechtsumwandlung“
Ich möchte nun zwei problematische Ebenen des Begriffs „Geschlechtsumwandlung“ darstellen. Zum einen die cisnormative Vorstellung, dass trans Menschen ein „eigentliches“, „körperliches“ bzw. „biologisches“ Geschlecht innehätten, von dem aus irgendwohin „gewechselt“ werden würde. Ich möchte noch kurz vorwegnehmen: es kommt kein Harry und auch keine Hermine mit dem Zauberstab. Gebt „Umwandlung“sbegriffe auf. Wirklich.
Fest etablierte medizinische Fachbegriffe wie „Mann-zu-Frau transsexuell“ oder „Frau-zu-Mann transsexuell“ verdeutlichen dies. Mit diesen cisnormativen Mitteln wird versucht, trans Menschen einteilen zu können. Es dient der Aufrechterhaltung der Ordnung. Hiernach gibt es nur zwei Geschlechter, Personen können, oder gar dürfen, zwar von einem zum anderen „wechseln“, am geschlechtlichen Biologismus, der Herleitung von Geschlecht aus Körpern, wird aber nicht gekratzt. Das Wort „Geschlechtsumwandlung“ ist kein selbstgewähltes, es soll die Geschlechter von cis Personen absichern und festigen. Denn die Geschlechter von trans Menschen gelten lediglich als „gefühlt“ oder „identifiziert sich als“. Hieraus entspringen auch kreative Sätze von zumeist cis Personen wie: „er ist jetzt eine Frau“, „sie lebt jetzt als Mann“, oder auch „er möchte zukünftig mit ‚sie‘ angesprochen werden“. Der cisnormative Anker in den Köpfen, auch in denen von trans Personen, sitzt sehr, sehr fest. Deshalb kommen auch irrtümliche Verwendungen zustande, wie zum Beispiel einen trans Mann als „trans Frau“ zu bezeichnen. Dieser Mann wird oftmals als „eigentliche Frau“ betrachtet, „die“ nun eine geschlechtliche Transition anstrebe, oder Ähnliches. Die Denkweise ist hierbei umgekehrt zur Realität und deshalb halten Personen in diesem Fall die Bezeichnung als „trans Frau“ für trans Männer als korrekt. Gewiss kann dies bei offen transfeindlichen Personen mitunter äußerst amüsant werden, wenn sie trans Frauen als „biologisch weiblich“ bezeichnen und somit unbeabsichtigt meine Weiblichkeit bestätigen. Klappt leider nicht immer so.
Ich besuchte ein Seminar, in dem unter anderem Homo- und Transfeindlichkeit thematisiert wurden. Vor einem Referat sprachen mich die beiden Referentinnen auf bestimmte Begrifflichkeiten an. Sie waren sich unsicher, ob der Begriff „Geschlechtsumwandlung“, der in vielen, auch aktuelleren, Quellen auftauchte, noch akzeptabel sei. Ich verneinte dies und wies sie darauf hin, dass zum Beispiel der Begriff „geschlechtliche Transition“ sensibler und ein selbstgewählter Begriff ist. Sie änderten die Worte noch hastig vor ihrem Referat und waren sehr glücklich. Während des Referats fiel mir sanft lächelnd auf, dass sie fortan nur noch diesen Begriff verwendeten und sich geradezu daran festklammerten. Ich fand das überhaupt nicht schlimm, denn es verdeutlichte mir quasi die Hilflosigkeit, die selbst sensibilisierte Personen aufweisen. Sie hatten schlicht keinerlei begriffliche Alternativen, auf die sie ausweichen konnten. Keine separate Ansprache von Hormonersatztherapie, keine Erwähnung von verändertem Auftreten, neuen Pronomen, neuem, selbstgewählten Namen. Dies machte mir klar, dass dies überhaupt nicht mitgedacht wird, wenn von geschlechtlichen Transitionen von trans Menschen gesprochen und daran gedacht wird. Wenn an sie gedacht wird, wenn über sie berichtet wird, wird zu allermeist von „Geschlechtsumwandlungen“, im Höchstfall von „Geschlechtsangleichungen“ gesprochen. Es verdeutlicht, dass eine trans Person, so die cisnormative Vorstellung, nur „echt“ trans sein kann, wenn diese „DIE OP“ hat oder hatte. Ja, mit „DIE OP“ meinen sie „DIE OP“. Logo, ne? Es besteht in cisnormativer Ordnung kein trans Sein ohne operative Eingriffe, denn darum geht’s ja schließlich bei uns. Und wer davon abweicht, kann es nicht ernst meinen. Fall geklärt, denn trans Menschen sind ja alle gleich. Spoiler: Nein, sie sind Individuen.
Der Begriff der geschlechtlichen Transition ist ein selbst gewählter und soll die Brutalität des fremdbestimmten medizinischen Apparates aufdecken und zerlegen. Er soll verdeutlichen, dass die Dimensionen des trans Seins wesentlich weitgehender sind, als die cisnormative Vorstellung es begreift und zulassen will. Sich eigene Begrifflichkeiten zu kreieren und zu vertreten ist ein Akt der Selbstbestimmung. Niemand würde eine Nasenscheidewandkorrektur „Nasenumwandlung“, oder eine Zahnoperation „Gebissumwandlung“ nennen. Es existieren präzise Begriffe hierfür. Weil es aber eben keinen weitgehenden Bedarf (von cis Seite) gibt, neue Begriffe zu entwickeln oder zu akzeptieren, wird alles unter „Geschlechtsumwandlung“ zusammengefasst. Deshalb gehen viele Leute auch leider davon aus, dass sämtliche Veränderungen einzig hormonell und operativ herzustellen seien.
Dazu: Kaum jemand dachte ein halbes Jahr vor Beginn meiner Hormonersatztherapie, dass ich bis dato weder Operationen gehabt hatte noch Hormone nahm. Meine Erscheinung entsprach scheinbar bereits so sehr cisnormativen Erwartungen von weiblichem Auftreten, dass dies damit verknüpft wurde. Der Einfachheit und Ignoranz halber wird einfach von „Umwandlung“ gesprochen, weil ja klar ist, dass „eh alle wissen was gemeint ist“. Und dabei wissen sie meist überhaupt nichts und gehen davon aus, dass trans = OP ist und zu sein hat.
Ich möchte hiermit klarmachen, dass es nicht möglich ist „einfach und sachlich“ von „Geschlechtsumwandlungen“ zu sprechen, ohne damit die Existenz und die Identitäten von trans Personen im Kern zu attackieren. Ich möchte hiermit klarmachen, dass der gesamte Prozess der Selbstfindung, der Selbstbestimmung und alle potenziell angestrebten Veränderungen bereits unter den Begriff der geschlechtlichen Transition fallen. Operationen und Hormonersatztherapien sind Optionen der Transition und keine Pflicht.
Zur Verdeutlichung: Um das Geschlecht einer Person – von außen – „umzuwandeln“, müsste diese Person manipulativen Techniken unterzogen werden. Techniken, die darauf abzielen, den Willen einer Person zu brechen und deren persönliche Realität und Selbstwahrnehmung als nicht existent zu definieren. Derartige Methoden werden als „Konversionstherapie“ bezeichnet und erlangen gerade mehr Aufmerksamkeit, da auf Bundesebene Vorstöße gemacht werden, diese zu verbieten (Ärzteblatt 2019/Deutschlandfunk 2019). Allerdings betrifft dies derzeit lediglich jene „Therapien“, die sich ausdrücklich auf Sexualität und romantisches Begehren beziehen. Die Manipulation von transgeschlechtlichen Menschen wird hierbei unbeachtet gelassen.
Und abschließend dazu von meiner Seite:
Die geschlechtliche Transition hat mir das Leben gerettet und das tut sie auch weiterhin jeden Tag.
Dysphorie und Euphorie – Leid und Freude im trans Ich
In den vorangegangenen Definitionen tauchte ab und zu der Begriff „geschlechtliche Dysphorie“ auf. In den bestehenden medizinischen Definitionen wird dieser oftmals gleichbedeutend zum trans Sein an sich verwendet. Allerdings gilt diese Dysphorie nicht als individuelles Fühlen, Leiden und Empfinden, sondern als der Zustand, der zu bestehen hat, um korrekt diagnostiziert zu werden. Welche Konsequenzen dies in Bezug auf Vereinheitlichung von trans Lebensläufen haben kann, beschrieb ich bereits. Auch wenn in einer Definition der Begriff der „partiellen Dysphorie“ auftauchte, gilt doch zumeist eine „volle Ablehnung des eigenen Körpers“ als einzige Bestätigung, dass eine Person „echt“ trans sein könne. Allein der Begriff des trans Seins ist bereits ein rein aktivistisch geprägter. Die Vorstellung, offen trans Aktivismus zu betreiben und aus vollem Herzen zu sagen, dass du froh über dein trans Sein bist, könnte für Gatekeeper*innen bereits einen Grund für Sanktionen darstellen. Dein Glücklichsein kann als „mangelnder Leidensdruck“ ausgelegt werden. Lose-Lose Situation. Geschlechtliches Dysphorieempfinden ist so viel mehr, und kann so viel individueller sein, als medizinische Definitionen parat halten. Aus meiner individuellen Perspektive ist Dysphorie etwas, das grundsätzlich stets da ist und war, weil mich meine Umwelt nicht so wahrnahm, wie ich mich fühlte und es mir wünschte – als Frau. Prozessartig zeigten sich bei mir verschiedenste Abneigungen gegen meinen Körper, gegen einzelne Regionen meines Körpers, gegen meine Stimme. Auch wenn Normierungen von Körpern erkannt und hinterfragt werden, werden trans Personen aus den eigenen Abneigungsgefühlen und Ängsten, die durch diese Normen entstehen, nur schwerlich allein herauskommen.
„Dann sollten wir lieber die Normen bekämpfen, als dass trans Personen ihren Körper verändern!“
Why not both?! Normierungen können erkannt und kritisiert werden. Gleichzeitig kann es trans Personen maximal erleichtert werden, zu transitionieren. Völlig gleich, welche individuellen Vorstellungen sie dabei haben. Ich kann Normen erkennen und kritisieren. Ich kann systematische Diskriminierungen erkennen und benennen, jedoch nicht außerhalb von ihnen existieren. Wohl aber kann ich versuchen, die Umstände in ihnen zu verbessern. Letztendlich kann ich mich auch individuell mit zum Beispiel als „stereotyp“ bezeichnetem Auftreten völlig wohlfühlen und es nicht ausschließlich aus Zwängen heraus betreiben. Dazu später noch mehr.
Allein der Bereich der Stimme ist so viel größer, als es sich Leute, die nicht negativ von Cissexismus betroffen sind, und alle medizinischen Definitionen zusammen, zumeist vorstellen können. In jedem Niesen, Husten, Lachen und Räuspern steckt deine Stimme. Dies spürte ich auch tatsächlich erst, als meine Wahrnehmung stetig sensibler wurde. Und so sang ich laut, gewiss nur wenn ich alleine war, und ich las laut, jeden Text, jedes Buch, auch nur wenn ich alleine war. Ich las und sang teilweise mit imaginierter Heliumstimme, um meinen gesamten Sprechapparat, hauptsächlich für mich selbst, wohlklingender zu gestalten. Über die vergangenen Jahre erinnerte ich mich häufig, als Heranwachsende für meine „zu hohe“ Stimme gemaßregelt und das ein oder andere Mal verspottet zu werden. Ich realisierte, wie ich während der Pubertät und dem jungen Erwachsenenalter stetig versucht hatte, meine Stimme tiefer, grober und „männlicher“ klingen zu lassen. Ich realisierte, dass meine gewöhnlich gesprochene Stimmlage im Jahr 2014 mit 28 Jahren keine „biologisch, natürlich“ gewachsene, sondern vielmehr das Produkt eines jahrelangen Trainings war. Ich selbst hatte, durch äußere, diskriminierende Einflüsse, meine Stimme zu dem gemacht, was sie nun war.
Doch nicht nur meine Stimme, auch mein Auftreten, meine Mimik und Gestik, all dies waren Produkte des jahrelangen Übens, um möglichst maskulin zu erscheinen. Ich habe dies all die Jahre nie hinterfragt.
Trans Sein und Transitionieren wird von transfeindlichen Menschen als Verstümmelung des eigenen „natürlichen“ Körpers begriffen und oftmals so dargestellt. Dabei erfahren viele trans Personen Dinge während ihrer Pubertät, oder sogar früher, durch die sie gezwungen wurden, eine Person zu sein, die sie nicht waren. Anders ausgedrückt, Selbstbestimmung und so zu Leben wie du wirklich bist, gilt für trans Personen oftmals nicht, sondern wird mit aller Härte bekämpft. Was cis Personen begreifen sollen ist, dass viele trans Kindheiten traumatisch sind, weil wir oftmals keine Ansprechpersonen und Vorbilder haben, dafür aber viele Leute, die uns zu etwas machen wollen, das wir nicht sind.
Anmerkung: Als feminin bezeichnete Stimmen, Gesten und Mimiken sind kein „Anzeichen“ dafür, dass eine Person trans ist. Ich möchte ebenso, dass cis Personen durch ihr „abweichend“ vergeschlechtlicht wahrgenommenes Auftreten keinerlei Nachteile erfahren müssen. In Bezug auf trans Personen kann sich dies, auch im späteren Verlauf ihres Lebens, allerdings anderweitig negativ auswirken. Zum Beispiel, wenn ich jahrelang mühselig üben muss, um meine Stimme in eine für mich angenehme Tonlage zu befördern.
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