Kitabı oku: «Die Enkel des 20. Juli 1944»

Yazı tipi:

Felicitas von Aretin

Die Enkel des 20. Juli 1944


© Dittrich Verlag ist ein Imprint

der Velbrück GmbH, Weilerswist-Metternich 2021

ISBN 978-3-947373-64-2

eISBN 978-3-947373-73-4

Covergestaltung: Helmi Schwarz-Seibt

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Inhalt

Vorwort

Die Not der Erinnerung > Von Landesverrätern zu unbequemen Helden

Die Vielfalt des Diskurses > Vom Hilfswerk zur Forschungsgemeinschaft

Das Pathos des Redens > Von der familiären Gedenkfeier zum politischen Staatsakt

Die Spirale des Schweigens > Vom Umgang der Generationen mit einem schwierigen Tag

Der wieder entdeckte Großvater > Beatrix Heintze und der Industrielle Walter Cramer

Der Verlust der Mitte > Constanze Kuntze und der Gewerkschaftler Hermann Maaß

Europäische Visionen und ein afrikanischer Traum > Corrado Pirzio-Biroli und der Botschafter Ulrich v. Hassell

Verteufelung und Sakralisierung > Maria-Theresia Rupf-Bolz und Staatspräsident Eugen Bolz

Eine Ohrfeige als Befreiungsschlag > David Heinemann und der Sozialdemokrat Julius Leber

Gegen die Republik der Blockwart-Enkel > Jens Jessen und der Volkswirt Jens Peter Jessen

Von der Wichtigkeit der Großmütter > Clemens Schaeffer und Oberstleutnant Carl-Ernst Rahtgens

Zwischen Kiez und Forschungsgemeinschaft > Christian Lindemann und General Friedrich Lindemann

Der 20. Juli – ein Randthema > Hermann Pünder und der CDU-Mitbegründer Hermann Pünder

Wüste, Weite, Einsamkeit und der 20. Juli als Kraftquelle > Sascha Hendrikoff, Michael v. Hofacker und Oberstleutnant Cäsar v. Hofacker

Dank

Vorwort

Das hier veröffentlichte Buch gibt den Stand seines Erscheinens aus dem Jahr 2004 wieder, damals jährte sich das Attentat auf Adolf Hitler zum 60. Mal.

Zehn Jahre zuvor, also 1994, hatte ich während eines Volontariats beim Berliner Tagesspiegel einen Artikel über den 20. Juli 1944 schreiben müssen. Ich erinnere mich an einen schwülen Sonntag, an dem ich eine Kolumne über meine Rolle als Enkelin zweier Widerstandskämpfer, Generaloberst Henning von Tresckow und des Journalisten Erwein von Aretin schreiben sollte. Meine Leichtigkeit verflüchtigte sich mit der ersten Zeile. Eine Schreibhemmung hatte mich über Tage im Griff. Danach schrieb ich verklausuliert über die schwierige Situation, Enkelin eines Familienhelden zu sein, der damals bei einigen jungen Historikern für angebliche Untaten in der Sowjetunion scharf in die Kritik geraten war. Schließlich gab ich den Artikel mit der Überschrift: »Der fremde Großvater« ab. Später machte ich mich auf die Suche nach »anderen« Enkelinnen und Enkel. Damals verfügte die Stiftung 20. Juli 1944 noch über keine Adressdatei, weshalb ich die Adressen der Enkelgeneration aus dem militärischen bis hin zum sozialdemokratischen Widerstand nach dem Schneeballsystem fand. Die Gespräche mit »anderen« Enkeln waren sehr berührend und zeigten mir, dass es in allen Familien eine geheime Spur des Schweigens gab, der ich auf die Spur kommen wollte. Manches erinnerte mich an die psychologische Lektüre von Nachkommen von Opfern und Nachkommen von Tätern. Auch, war ich mir beim Schreiben meiner Doppelrolle als Enkelin und Historikerin bewusst.

Ich danke Andreas von Stedman für die Wiederauflage des Buchs.

Die Not der Erinnerung > Von Landesverrätern zu unbequemen Helden1

Am 20. Juli 1944 schlug der Bombenanschlag auf Adolf Hitler im Hauptquartier »Wolfsschanze« in Rastenburg fehl. Schon in der Nacht vom 20. auf den 21. Juli ließ Generaloberst Friedrich Fromm den Attentäter Claus Schenk Graf v. Stauffenberg, sowie seine Mitverschwörer Werner von Haeften, Friedrich Olbricht und Albrecht Ritter Mertz v. Quirnheim im Hof des Bendlerblocks in Berlin standrechtlich erschießen. Den Berufsoffizier Ludwig Beck, entscheidend im militärisch-bürgerlichen Widerstand, forderte Fromm zum Selbstmord auf und ließ ihm nach zwei missglückten Versuchen von einem Feldwebel den »Gnadenschuss« geben. Zahlreiche andere Mitverschwörer wurden verhaftet; einige entzogen sich den drohenden Folterungen und der Haft durch Selbstmord. In einer nächtlichen Rundfunkansprache wandte sich Hitler an das Volk und verkündete: »Eine ganz kleine Clique ehrgeiziger, gewissenloser und zugleich verbrecherischer, dummer Offiziere hat ein Komplott geschmiedet, um mich zu beseitigen und zugleich mit mir den Stab praktisch der deutschen Wehrmachtsführung auszurotten.«2

Bereits am 21. Juli bildete der Diktator im Amt IV des Reichssicherheitshauptamts (RSHA) die so genannte »Sonderkommission 20. Juli«, deren Chef Reichskriminaldirektor und SS-Gruppenführer Heinrich Müller wurde.3 Die Sonderkommission arbeitete in elf Fachabteilungen und wuchs bald auf 400 Mann an.4 Gleichzeitig arbeiteten alle Stellen der Polizei der Sonderkommission zu. Unter Einsatz aller Mittel suchte die Sonderkommission nach weiteren Verdächtigen, wobei sich der Kreis immer weiter ausdehnte, auf Diplomaten, Gewerkschaftler, Sozialdemokraten, Männer der Kirche, bürgerliche Intellektuelle und Wirtschaftsführer.5

Am 30. Juli 1944 fand im »Führerhauptquartier Wolfsschanze« eine Besprechung zwischen Reichsführer-SS Heinrich Himmler und dem Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, vor Hitler statt, in der das weitere Vorgehen gegen die Männer des 20. Juli und ihrer Angehörigen beschlossen wurde. Danach galt die besondere Rache Hitlers den Familien Stauffenberg und den Nachkommen des seit 1943 in sowjetischer Gefangenschaft lebenden Generals Walter v. Seydlitz-Kurzbach. Der General war bereits im Frühjahr 1944 in Abwesenheit vom Reichskriegsgericht zum Tode verurteilt worden. Außerdem ließ Hitler Anfang August einen so genannten »Ehrenhof«6 einrichten, ein neues militärisches Gremium aus Feldmarschällen und Generalen des Heeres unter Wilhelm Keitel. Diese hatten zu prüfen, wer an dem Attentat beteiligt war und wer deshalb aus dem Heer ausgeschlossen oder entlassen werden sollte. Bis Mitte September stieß der »Ehrenhof« 55 Offiziere aus der Wehrmacht aus, weitere 29 wurden auf Vorschlag des »Ehrenhofs« entlassen. Mit der Ausstoßung aus der Wehrmacht änderte sich der gerichtliche Zuständigkeitsbereich. Zuständig war für alle politischen Strafsachen, auch für Soldaten, der Volksgerichtshof, der zuvor Fälle von Landes- und Hochverrat behandelt hatte. In mehr als 50 Prozessen wurden schließlich etwa 200 Männer und Frauen angeklagt.7 An den Vorgaben bei der rachsüchtigen Verfolgung seiner Gegner ließ es Hitler an Deutlichkeit nicht fehlen: »Diesmal werde ich kurzen Prozess machen. Diese Verbrecher (...) sollen nicht die ehrliche Kugel bekommen, sie sollen hängen wie gemeine Verräter! Ein Ehrengericht soll sie aus der Wehrmacht ausstoßen, dann kann ihnen als Zivilisten der Prozess gemacht werden (...) und innerhalb von zwei Stunden nach der Verkündung des Urteils muss es vollstreckt werden. Die müssen sofort hängen ohne jedes Erbarmen.«8 In Folge des 20. Juli wurden rund 600 bis 700 Personen9 – darunter auch die Sippenhäftlinge – verhaftet.

Am 7. und 8. August fand der erste große Prozess gegen Generalfeldmarschall Erwin v. Witzleben, Oberleutnant Peter Graf Yorck von Wartenburg, Generaloberst Erich Hoepner, Generalleutnant Paul v. Hase, Generalmajor Helmuth Stieff, Hauptmann Friedrich Karl Klausing, Oberstleutnant Robert Bernardis und Oberleutnant Albrecht v. Hagen statt, der das Todesurteil für alle Angeklagten zur Folge hatte. Den Vorsitz führte bis zu seinem Tode am 3. Februar 1945 meist Präsident Roland Freisler, der für seine menschenverachtende Brutalität und seine Hasstiraden bekannt war. In der Regel ließ Freisler in keinem der darauf folgenden Prozesse die Angeklagten länger zu Wort kommen; dennoch gelang es einigen Verschwörern, das Gebrüll des Volksgerichtspräsidenten für Sekunden zu unterbrechen. Legationsrat Hans-Bernd v. Haeften nannte Hitler beispielsweise »einen großen Vollstrecker des Bösen«,10 Hauptmann d. R. Ulrich Wilhelm Graf Schwerin erwähnte als Motiv für seinen Widerstand die »vielen Morde«.11 Während über den ersten Prozess noch ausführlich in der gelenkten Presse berichtet wurde, wurde in den kommenden über 50 Prozessen – die mit mehr als 110 Todesurteilen endeten – weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelt. Hitler hatte zunächst verlangt, dass sowohl die Prozesse als auch die Hinrichtung in Plötzensee zu filmen seien. Tatsächlich endeten die letzten Aufnahmen mit dem Prozess gegen Rittmeister Friedrich Scholz-Babisch am 10. Oktober 1944. Da die Kameramänner sich weigerten, die sich lange hinziehenden Exekutionen zu filmen, sind nur die Hinrichtungen vom 7. August 1944 filmisch festgehalten. Der Film gilt allerdings seit Jahrzehnten als verschollen.12 Der letzte Prozess vor dem Volksgerichtshof gegen die Männer des 20. Juli fand am 19. April 1945 statt. Die meisten Männer wurden mit Ausnahmen, wie Carl Goerdeler und Finanzminister Johannes Popitz, wenige Stunden nach dem verhängten Todesurteil in der Hinrichtungsstätte Plötzensee gehenkt oder enthauptet. Die Witwen durften nicht Schwarz tragen, mussten die Rechnungen für die Hinrichtung bezahlen. Außerdem waren Todesanzeigen mit entsprechenden Hinweisen verboten.

Entscheidende Hinweise auf weitere Kontakte der Verschwörer hatte die Sonderkommission erhalten, als es am 10. August 1944 gelang, den ehemaligen Leipziger Oberbürgermeister Carl Goerdeler13 gefangen zu nehmen. Goerdeler hatte sich auf abenteuerliche Weise drei Wochen versteckt gehalten und wurde von einer Luftwaffenhelferin erkannt und denunziert. Einen weiteren »Erfolg« konnte das Reichssicherheitshauptamt Ende September 1944 verzeichnen, als den Ermittlungsbeamten in einem Panzerschrank in Zossen Aufzeichnungen von Oberregierungsrat Hans v. Dohnanyi über frühere Widerstandspläne aus dem Kreise des militärisch-bürgerlichen Widerstands um Generaloberst Ludwig Beck, Generalmajor Hans Oster und Generaloberst Franz Halder in die Hände fielen. Anfang April 1945 entdeckte die Sonderkommission schließlich die legendären Tagebuchaufzeichnungen des Admirals Wilhelm Canaris,14 der bis 1944 das Amt Ausland/Abwehr im Oberkommando der Wehrmacht (OKW) leitete. Angesichts des nahenden Zusammenbruchs entwickelten die Nationalsozialisten eine große Hektik, um die noch lebenden Regimegegner nicht den Alliierten in die Hände fallen zu lassen. Abwehrchef Canaris, sein Mitarbeiter Oster und der Theologe Dietrich Bonhoeffer wurden im Februar 1945 in das Konzentrationslager Flossenbürg gebracht und dort nach dem Urteil eines SS-Standgerichts am 9. April 1945 gemeinsam mit anderen Haftungen gehenkt. Zwischen dem 22. und 24. April ermordete die SS 18 Häftlinge auf einem Ruinengrundstück in der Nähe der Berliner Lehrter Straße, unter ihnen den Syndikus Klaus Bonhoeffer, Ministerialrat Rüdiger Schleicher und Professor Albrecht Haushofer.

Viele Frauen der Regimegegner hatten von dem Misslingen des Attentats erst aus dem Radio gehört und mussten ihre Angst und Sorge um ihre Männer im Sommer 1944 vor den Kindern, der Familie, Freunden und dem Personal geheim halten. Im Vergleich zu Frauen im kommunistischen Widerstand waren die Frauen des 20. Juli nur in wenigen Fällen politisch aktiv.15 Alle teilten mit ihren Männern jedoch die Verachtung für den Nationalsozialismus, der gegen jede Form von christlichen und ethischen Normen verstieß. So schrieb beispielsweise Clarita v. Trott zu Solz, rückblickend über ihre Ehe mit Adam v. Trott: »Aber die nie versiegende Freude aneinander wurde aus vielen Quellen gespeist. So gab es vor allem einen gemeinsamen Fundus ähnlicher Überzeugungen, Vorstellungen und Motivationen, die unsere Familien vermittelt hatten. Auch ich war überzeugt, dass das Leben in den Dienst überindividueller Verpflichtungen zu stellen sei.«16

Die Mehrzahl der Regimegegner führten ungewöhnlich glückliche Ehen. »Ja, ich kann sagen, meine Mutter wird wohl der wichtigste Mensch für meinen Vater gewesen sein. Ich habe als Kind immer das ganze Glück der Ehe meiner Eltern von vorneherein gespürt, aber in dieser politischen Situation glaube ich, war die Bindung meines Vaters an meine Mutter ganz entscheidend.«17 Das Wissen, von den Ehefrauen unterstützt zu werden, dürfte es für die meisten Verschwörer erst möglich gemacht haben, sich trotz der Konsequenzen für die Familien für den Widerstand zu entscheiden. In die konkreten Attentatspläne hatten viele Verschwörer ihre Frauen nicht eingeweiht, um sie und ihre (zahlreichen) Kinder im Falle eines Scheiterns des Attentats zu schützen. Einige Frauen wussten überhaupt nicht, dass ihr Mann in Staatsstreichplane verwickelt war. Relativ gut informiert waren die Frauen des Kreisauer Kreises, wie Freya Gräfin v. Moltke, Annedore Leber, Rosemarie Reichwein oder Marion Gräfin Yorck. Auch meine Großmutter Erika,18 die Frau Henning v. Tresckows, beriet ihren Mann politisch und war zudem mit ihrer besten Freundin Margarete v. Oven in das Geschehen eingebunden. Die spätere Gräfin Hardenberg hatte die Umsturzpläne geschrieben, da sie seit 1943 in Berlin als Sekretärin für die Heeresgruppe Mitte arbeitete. In der Regel wurde in den Familien der Regimegegner über Politik sehr wenig gesprochen; die Eltern waren vielmehr bemüht, den Kindern eine unbeschwerte Kindheit zu ermöglichen. »Mein Vater war ein guter Kamerad und hat viel mit uns gespielt«, erinnert sich Uta v. Aretin in dem Film Die Kinder des 20. Juli.19 Eine andere Situation bestand bei der Familie Goerdeler, die mit ihren bereits größeren Kindern offen über Politik – wenngleich natürlich nicht über Attentatspläne sprachen.

Nach der Verhaftung ihrer Männer begannen für die betroffenen Ehefrauen Tage flirrender Nervosität und Angst, da die Sonderkommission die Angehörigen nicht über den Verbleib ihrer Nächsten unterrichtete. Besonders schwer wog, dass die Frauen mit kaum jemandem sprechen konnten, auf sich gestellt waren und bisweilen nicht wussten, ob ihre Männer an dem Staatsstreich beteiligt waren. Einige Frauen wie Clarita v. Trott oder Charlotte Gräfin v. der Schulenburg reisten nach Berlin in der Hoffnung, dort mehr über das Schicksal ihrer verschwundenen Männer zu erfahren, sie noch einmal zu sehen oder zumindest bei ihrem Prozess dabei zu sein. So beschrieb beispielsweise Marion Yorck v. Wartenburg in dem Film Die Frauen des 20. Juli, wie sie es schaffte, am Tag des Prozesses gegen ihren Mann, Peter Graf Yorck v. Wartenburg, in das Gerichtsgebäude zu gelangen: »Und ich ging zu einem Wachtmeister und fragte, ob ich wohl als Zuhörer in den Saal dürfte. Und er sagte: ›Nein, da kommen nur geladene Menschen rein, ich kann keinen anderen rein lassen. Aber Sie können in unserer Wachtmeisterstube sitzen.‹ Ich habe den Prozess selbst natürlich nicht dort verfolgt, sondern habe nur die gellende Stimme von Freisler gehört. Die allerdings ausgiebig. Ein wahres Gebrüll, und wenn er böse war, schrie er. Hörte ich ihn so ohne Zusammenhang, tobte er los.«20

Die Zeit des langen Wartens, um etwas über ihren Mann Eugen zu erfahren, schilderte Brigitte Gerstenmaier: »Die meiste Zeit verbrachte man freilich damit, zu hoffen, auch wenn man völlig ins Leere hinein hoffte. Ich weiß noch, wie ich mich einmal an den Küchenschrank lehnte und dachte: Also gut, man muss das eben hinnehmen; aber am nächsten Tag versuchte man schon wieder irgendetwas und hoffte, gegen alle Vernunft. Als ich nach langen Wochen des Harrens meinem Mann zum ersten Mal Essen bringen durfte – er saß im Gefängnis Lehrter Straße –, nahm ich belegte Brötchen mit und steckte unter die Wurst ein Stück Seidenpapier, das ich mit winzigen Buchstaben eng beschrieben hatte. Ich packte es so in Cellophan ein, dass man sehen konnte, wie das Brötchen aussah. Ich habe furchtbar viel gebetet, dass der lange Knuth – das war der Leiter – das Brötchen nicht durchschnitt.«21 Wie Brigitte Gerstenmaier handelten viele Angehörige, aber auch Freunde und Bekannte, die Akten verschwinden ließen, Kassiber ins Gefängnis schmuggelten oder verschlüsselte Nachrichten darüber ins Gefängnis brachten, wer bereits hingerichtet worden sei. Andere Frauen, wie die Frau des Anwalts Josef Wirmer, erreichten, dass sie von ihrem Mann wenigstens im Konzentrationslager Ravensbrück Abschied nehmen konnten.

Die Rache der Nationalsozialisten erstreckte sich indessen nicht auf die Regimegegner. Ende August 1944 hatte die Gestapo in der so genannten »Aktion Gewitter«22 mehrere Tausende ehemalige SPD-, KPD-, oder Zentrumspolitiker und Politiker der Bayerischen Volkspartei festgenommen, die in der Regel nach zwei bis vier Wochen freigelassen wurden, wenn sich kein Zusammenhang zum 20. Juli feststellen ließ. Insgesamt erwies sich die »Aktion Gewitter« in den Augen der Nationalsozialisten als Fehlschlag, zumal die Verhaftungswelle in der Bevölkerung Unruhe und Unverständnis hervorrief. »Die Neubildung jeder demokratischen Struktur im Nachkriegsdeutschland sollte mit der ›Aktion Gewitter‹ und den Morden an prominenten Regimegegnern noch kurz vor Kriegsende verhindert werden«,23 resümieren Ulrike Hett und Johannes Tuchel.

Außerdem richtete sich der Hass der Nationalsozialisten gegen die Angehörigen der Regimegegner. Nach den Anweisungen Himmlers wurden im Juli/August 1944 140 der insgesamt mehr als 180 Sippenhäftlinge in Gewahrsam genommen.24 Von der Sippenhaft waren die oft betagten Eltern der Attentäter ebenso betroffen wie Schwäger, Tanten, Onkel und Geschwister. Vor allem aber richtete sich der Hass der Nationalsozialisten gegen die Kernfamilien der Verschwörer und damit gegen die Ehefrauen, Kinder und selbst gegen Enkel. »Sie brauchen bloß die germanischen Sagas nachzulesen. Wenn sie eine Familie in die Acht taten und für vogelfrei erklärten oder wenn eine Blutrache in einer Familie war, dann war man maßlos konsequent. Wenn die Familie vogelfrei erklärt wird und in Acht und Bann getan wird, sagten sie: Dieser Mann hat Verrat geübt, das Blut ist schlecht, da ist Verräterblut drin, das wird ausgerottet. Und bei der Blutrache wurde ausgerottet bis zum letzten Glied in der ganzen Sippe. Die Familie Graf Stauffenberg wird ausgelöscht werden bis ins letzte Glied«,25 hatte SS-Reichsführer Heinrich Himmler auf einer Gauleitertagung am 3. August 1944 in Posen erklärt. Der Chef der Deutschen Arbeitsfront, Robert Ley, richtete seinen Hass vor allem gegen den Adel: »Degeneriert bis in die Knochen, blaublütig bis zur Idiotie, bestechlich bis zur Widerwärtigkeit und feige wie alle gemeinen Kreaturen, das ist die Adelsclique, die der Jude gegen den Nationalsozialismus vorschickt … Es genügt nicht, die Täter allein zu fassen und unbarmherzig zur Rechenschaft zu ziehen, man muss auch die ganze Brut ausrotten.«26

Zwar machten die Nationalsozialisten diese Drohung nicht wahr; dennoch wurden im Laufe des Juli und August 1944 zahlreiche Ehefrauen von ihren Kindern getrennt und in verschiedenen Gefängnissen inhaftiert oder zunehmend häufiger in Frauenkonzentrationslager gebracht. Die Inhaftierten erhielten keinen Haftbefehl. Die Gestapo nahm vielmehr die Frauen der Regimegegner fest, verhörte sie stundenlang, um sie anschließend in Einzelhaft im Gefängnis zu nehmen. Manche erfuhren erst dort, ob und wann ihr Mann hingerichtet worden war. So beschreibt beispielsweise die Tochter Goerdelers, Marianne Meyer-Krahmer, wie sie gemeinsam mit ihrer Mutter im Gefängnis vom Tod des Vaters erfuhr: »Und eines Morgens wurde von der Wärterin die Tür geöffnet und mir wurde eine Zeitung hineingeworfen und dick unterstrichen: ›Todesurteil: Goerdeler wird gehenkt‹. Meine Mutter war mit mir damals in der Zelle zusammen, und wir waren so erstarrt vor Schreck, dass ich wie wild an die Gefängnistür schlug und klingelte, was man eigentlich nicht machen durfte.«27Zu dem Schock über den Tod und die Angst um das eigene Leben kam vielfach die Sorge, was mit ihren verschleppten Kindern geschehen sei. So schildert Elisabeth Freytag v. Loringhoven, wie sie Mika Gräfin Schenk v. Stauffenberg im Moabiter Gefängnis im Bad traf und diese sie fragte: »Glaubst du auch, dass man die Kinder zu medizinischen Zwecken gebrauchen wird?«28

Dennoch bot das Gefängnis, der Kontakt mit anderen Frauen in ähnlichen Situationen, so etwas wie einen geschützten Raum, in dem es Zeit gab, sich mit dem Geschehenen zu arrangieren, die oktroyierte Stille zur Einkehr und Besinnung zu nutzen. So beschrieb beispielsweise Margarete v. Oven, die Mitarbeiterin Henning v. Tresckows, ihre Eindrücke, als sie in das Gefängnis eingeliefert wurde: »Ich war glücklich, als ich im Gefängnis saß und die Tür hinter mir zu war. Da war die Spannung vorbei; nun ist es passiert, dachte ich, und wurde ruhig. Im Gefängnis sitzt man da und wartet, was kommen mag. Da kannst du nichts machen, musst nicht überlegen, ob du nun dieses oder jenes tust. Draußen bei jedem Schritt beobachtet und überall bespitzelt zu werden, das war viel anstrengender, viel schlimmer, als in einer Zelle zu sitzen. Das ist so wie ein Stafettenlauf: Man hat seinen Stab abgegeben, nun trägt ihn ein anderer, und man selbst braucht sich nicht den Kopf zu zerbrechen.«29 Das deutliche Gefühl, dass ihre Männer im Einklang mit sich gehandelt hatten, sowie ein großes Gottvertrauen verwandelte Verzweiflung, Depression und Angst in Gelassenheit. Eindrucksvoll schildert auch Marion Gräfin Yorck kurz nach ihrer Haftentlassung, wie sehr ihr die Zeit in der Zelle geholfen habe, um positiv mit dem alten Leben abzuschließen und ein neues, anderes beginnen zu können.30

Erst im November 1944 hatten die Nationalsozialisten ein neues Referat IV a 6c »Sippenhaft« eingerichtet. Über die »Sippenhaft« konnte Himmler oder der Chef der Gestapo Heinrich Müller entscheiden.31 Unerwartet hatten die Nationalsozialisten zuvor die meisten Ehefrauen Ende September/Anfang Oktober aus der Haft entlassen, deren Männer häufig bereits hingerichtet worden waren. Andere Frauen blieben bis zum Kriegsende in Konzentrationslagern oder Gefängnissen. Mit der Regelung von November 1944 hatte Himmler bestimmt, dass besonders Nachkommen der Familien Hoepner, Lindemann und Wagner wegen ihrer »reaktionären Einstellung« mit Härte zu begegnen sei. So verurteilte der Volksgerichtshof in zwei abgetrennten Verfahren beispielsweise auch die beiden Söhne von General Fritz Lindemann am 14. November 1944 und am 22. Januar 1945 zu fünf beziehungsweise sieben Jahren Zuchthaus. Die besondere Rache Hitlers galt ferner der Familie des ehemaligen Panzergenerals Erich Hoepner, der als General des XX. Korps Hitlers Befehl in der Winterkrise um Moskau nicht befolgt und seine Truppen zurückgezogen hatte. Hitler hatte darauf den Panzergeneral im Januar 1942 aus der Armee verstoßen.32 »Gegen meine Familie gingen die Nationalsozialisten mit einer ganz besonderen Grausamkeit vor«, erzählt der Enkel von Erich Hoepner, Harald Patente, der als Zahnarzt in Berlin arbeitet. Seine Frau hat für die Familie ein Album zusammengestellt, das die tragische Familiengeschichte nach dem gescheiterten Putsch erzählt. Insgesamt verhafteten die Nationalsozialisten sieben Angehörige der Familie, darunter auch die Geschwister des Generals. Hoepners Ehefrau Irma war bis Ende April 1945 im KZ Ravensbrück interniert, wo sie nach Schilderungen ihres Enkels Patente furchtbar gequält wurde. Auch die Tochter von Erich Hoepner, Ingrid Potente, und ihr Ehemann Hilmar gerieten in Haft. Sogar die kaum zweijährige Tochter, die Enkelin von Erich Hoepner, Marietta Potente, wurde der Mutter fortgenommen und tagsüber im Heim, abends von einer Pflegefamilie versorgt. Auch andere Familien behandelten die Nationalsozialisten mit besonderer Härte wie beispielsweise die Angehörigen von Friedrich Olbricht. »Meine Großmutter und meine Mutter wurden wochenlang in den feuchten Räumen der berüchtigten Prinz-Albrecht-Straße festgehalten«, erzählt der Enkel Rudolf Georgi.33 Als Spätfolgen dieser furchtbaren Behandlung litt seine Mutter bis zu ihrem frühen Tod unter schmerzhaftem Gelenkrheumatismus.

Besonders scharf verhörte die Gestapo auch die Frau Claus v. Stauffenbergs, Nina, die mit ihrem fünften Kind schwanger war. Nach fünfmonatiger Einzelhaft kam die Witwe Stauffenberg über das Konzentrationslager Ravensbrück im Januar 1945 in eine NS-Frauenentbindungsstation, wo sie unter dem Namen »Schank« eine Tochter namens Konstanze bekam. Auf Grund verschiedener Erkrankungen lag sie bis April 1945 in einem Potsdamer Krankenhaus, von wo sie nach Kriegsende nach Süddeutschland floh.34 Von dort aus versuchte Nina Gräfin Stauffenberg neuere Nachricht von ihren anderen vier Kindern zu erhalten, da sie im Juni 1945 von ihrer inzwischen verstorbenen Schwägerin Melitta nur wusste, dass ihre drei Söhne und ihre Tochter nicht mehr im nationalsozialistischen Kinderheim in Bad Sachsa35 waren.

Dorthin hatte die Gestapo im August 1944 insgesamt 46 Kinder gebracht, ohne dass ihre Famüien den Aufenthaltsort kannten. »Ich komme im Auftrag von Berlin und soll die drei Kinder holen«,36 hatte ein Gestapomann eine Tante der Kinder Hofackers aufgefordert, ihm die drei jüngeren Kinder Christa, Liselotte und Alfred mitzugeben, die älteren Geschwister waren schon gemeinsam mit der Mutter verhaftet worden. Eine NS-Schwester kümmerte sich seither um die jüngeren Geschwister. »Die Fahrt von München nach Bad Sachsa kam mir unendlich vor«, erinnert sich Alfred v. Hofacker.37

Kurz nach ihrer Rückkehr aus Bad Sachsa verfasste die damals 13-Jährige Christa v. Hofacker einen beeindruckenden Bericht, in dem sie ihren fast zehn Monate dauernden Aufenthalt im Südharz schilderte.38 Interessant ist dieses Dokument vor allem auch deshalb, weil es die tiefe Verunsicherung, die Ängste und die Verzweiflung der Kinder schilderte, die nicht wussten, was aus ihren Eltern geworden war und von der Außenwelt abgeschnitten mit ihren Konflikten alleine gelassen wurden. Neben den drei Hofacker-Kindern brachte die Gestapo unter anderem auch Kinder der Familien v. Stauffenberg, v. Schwerin-Schwanenfeld, v. Trott, die Söhne von Elisabeth Freytag v. Loringhoven und zwei Töchter Henning v. Tresckows nach Bad Sachsa. Dort gab es – abgelegen von dem Kurort – zehn in der Zeit um 1935 im Schweizer Stil errichtete Häuser. Die in einer waldigen Hügellandschaft gelegenen Gebäude gehörten der Stadt Bremen, die hier ein von der nationalsozialistischen Volkswohlfahrt betriebenes Kinderheim unterhielt. Ende Juli 1944 hatten alle Kurkinder das Heim plötzlich verlassen müssen. Mehrere Gestapo-Beamte hatten die größtenteils aus Bremen stammenden Kindergärtnerinnen von der »Sonderbelegung« informiert und sie verpflichtet, mit niemandem über die Kinder zu sprechen.

Im Heim erhielten die verschüchterten Kinder im Alter von mehreren Monaten bis zu vierzehn Jahren neue Namen. Christa v. Hofacker sollte künftig ebenso wie ihre kleine Schwester Liselotte, »Franke« heißen. Die beiden Tresckow-Töchter nannten die Nationalsozialisten »Wartenberg«, den sechs Söhnen und Töchtern von Claus und Berthold Schenk Graf v. Stauffenberg gaben die Nationalsozialisten den Namen »Meister«. »Nach einiger Zeit wurde uns eröffnet, dass wir nun andere Namen hätten – unserer war Meister –, aber ich selbst hatte nie Gelegenheit, diesen zu gebrauchen«,39 erinnert sich der damals zehn Jahre alte Berthold Graf Schenk v. Stauffenberg. Gestapo-Beamte erklärten den Kindern, sie würden ihre Eltern nie mehr wiedersehen. Die Kindergärtnerinnen trennten die Namensschilder aus den Kleidern. »Mit kurzem Heil Hitler wurden wir im Büro begrüßt, dann kamen drei Kindergärtnerinnen und jede nahm einen von uns mit. Wir wurden getrennt«, schrieb Christa v. Hofacker über ihre Ankunft im Borntal. Im Haus 1 waren Jungen ab zehn Jahre, im Haus 2 Jungen von sechs bis neun, in zwei weiteren Häusern die Mädchen, in einem anderen die Kleinkinder untergebracht. Auch Fotos von Eltern und Verwandten und andere Erinnerungsstücke mussten die Kinder abgeben. Nichts sollte mehr an die ursprüngliche Identität der Kinder erinnern, die ihre Eltern schnellstmöglich vergessen sollten, um zu guten Nationalsozialisten erzogen zu werden. »Wir waren praktisch zu Unpersonen geworden«,40 erinnert sich Uta v. Aretin. Doch der Plan der Nationalsozialisten ging nicht auf. »In der kommenden Nacht kam mein Bruder in unseren Schlafsaal und meinte, wir sollten uns nun alle unsere Namen sagen. Jeder nannte seinen Familiennamen – Hofacker, Hansen, Hagen – nur Berthold Stauffenberg wagte nicht, den seinen zu nennen: Er wusste, dass sein Vater die Bombe gelegt hatte, er hatte vor der Verhaftung der Familie alles erfahren und war verängstigt«,41 erinnerte sich später der Journalist Christoph Graf v. Schwerin. Ähnliche Szenen spielten sich auch in dem Haus der größeren Mädchen ab. »Nachdem wir wussten, dass wir größtenteils miteinander verwandt waren, ging es in Bad Sachsa besser, da tiefe Freundschaften entstanden«,42 erzählt Alfred v. Hofacker. »Längst wussten Uta und ich, dass das Heim nur für Kinder vom 20. Juli freigehalten wurde«, ergänzte seine Schwester Christa v. Hofacker.

Wenige Monate nach der Internierung wurden die ersten Kinder im Oktober wieder entlassen und zu ihren ebenfalls aus der Gefangenschaft freigelassenen Müttern gebracht. Anfang Oktober zogen die »Übriggebliebenen« – wie Christa v. Hofacker sie bezeichnete – in ein Haus. Von den ursprünglich 46 Kindern lebten damals noch zwölf in einer ehemaligen Villa, die Geschwister Stauffenberg und Hofacker sowie die drei Mädchen Lore Bernardis, Renate Henke und Marie-Luise Lindemann. Im Januar 1945 wurden noch zwei kleine Jungen nach Bad Sachsa gebracht, die auf einem Flüchtlingstransport verloren gegangen waren. Tatsächlich handelte es sich um die zwei Enkel Rainer und Carl Goerdeler, damals vier und eindreiviertel Jahre alt. »An einem anderen Tag nahm ich mir den Rainer vor und fragte ihn, ob er denn nicht wisse, wie er hieße. Doch, sagte er, dös weiß i scho. I hoiß Rainer Goerdeler, Johannes, Christian«, erinnerte sich Christa v. Hofacker und ergänzte: »Nachdem ich mir dies einige Male wiederholen ließ, verstand ich endlich den Namen; gleichzeitig tauchte ein Bild aus einer Illustrierten vor mir auf: es war eine Wirtsstube, in der Fräulein Schwarz Goerdeler, der auf dem Sofa saß, an die SS-Leute verriet. Und da war mir klar: das mussten Goerdelers Enkelkinder sein!« In der Rückblende kann sich Rainer Goerdeler nicht mehr an die Zeit in Bad Sachsa erinnern. »An die Zeit von Juli 1944 bis Juli 1945 habe ich keinerlei aktive Erinnerung mehr, bis auf die Ankunft meiner Mutter in Bad Sachsa in der zweiten Julihälfte 1945«, erzählt Rainer Goerdeler und fügt hinzu, dass dies »ein guter Reaktionsmechanismus der Unterdrückung« sei.43

Ursprünglich hatten die Nationalsozialisten geplant, die Eltern umzubringen und die älteren Kinder in so genannte Napolas,44 nationalpolitische Erziehungsanstalten, zu geben; die Kleineren sollten bei stramm nationalsozialistisch gesinnten Familien aufwachsen. Als die ersten Kinder wieder nach Hause durften, brach eine Kindergärtnerin gegenüber Christa v. Hofacker und Uta v. Tresckow ihr Schweigen und erzählte den beiden Mädchen von den eigentlichen Plänen der Nationalsozialisten. »Jetzt, nachdem Fräulein Köhne uns all’ das Grauenhafte gesagt hatte, quälte mich so manche Nacht der Gedanke, ob wir wohl jemals nach Hause kommen würden. Ich konnte mit niemandem darüber reden«, schrieb Christa v. Hofacker.

Für die übrigen Kinder hielten die Erzieherinnen die Fassade aufrecht: Die Kinder spielten, gingen spazieren, rodelten und lasen die wenigen vorhandenen Bücher. »Die Verpflegung war wie in der damaligen Zeit üblich. Allerdings gab es keinerlei Kontakte zur Außenwelt, auch kein Radio, keine Zeitung, so dass ich etwa die Ardennenoffensive erst nach dem Krieg erfahren habe. Auch gab es keine Schule und natürlich keine Kirche«, erinnert sich Berthold Graf Stauffenberg an seinen Aufenthalt. Mitte November brach im Kinderheim eine Windpocken-Epidemie aus; fast jeden Tag gab es Fliegeralarm. Unter den Erzieherinnen herrschte Ratlosigkeit, was mit den verbleibenden Kindern geschehen solle, weshalb zu Weihnachten die strengen Regeln gelockert wurden. Am 24. Dezember bekamen die sechs Stauffenberg-Kinder überraschenden Besuch von ihrer Tante Melitta Gräfin Stauffenberg, der Frau des Historikers Alexander Schenk Graf v. Stauffenberg, die im Dritten Reich als erprobte Ingenieurin und Pilotin arbeitete. Am Abend veranstalteten die Kindergärtnerinnen gar eine Bescherung mit kleinen Geschenken. Christa v. Hofacker bekam einen Hund. Die trostlose Stimmung konnte dies indessen nicht vertreiben. »In der einen Ecke des Raumes stand ein Baum mit elektrischen Kerzen. Das wirkte so kalt und abstoßend, verwirrend waren die vielen Drähte, die über das Tännchen geleitet waren. Der Gesang und der ganze Hauch des Heiligen Abends stimmten wehmütig. Alfred neben mir brach fassungslos in Tränen aus – ich konnte ihm nicht helfen« – so die Erinnerungen von Christa v. Hofacker.

Mit dem Frühling hofften die Kinder auf Rückkehr zu den Eltern. Christa v. Hofacker hatte im Januar sogar ein Päckchen mit Fotos ihrer Familie erhalten. Die Wehrmacht hatte das Kinderheim inzwischen beschlagnahmt. Alles Anzeichen für die Kinder, dass nun auch sie bald nach Hause dürften. Ostern erzählten die Erzieherinnen den Kindern, sie kämen in ein neues Heim, in dem sie ihre Familien wieder treffen würden. Tatsächlich handelte es sich bei dem Heim jedoch um das Konzentrationslager Buchenwald, wo die Kinder vermutlich getötet werden sollten. Osterdienstag brachte ein LKW die Kinder zum Bahnhof, als ein halbstündiger Bombenhagel ausbrach. »Es brummte wie toll, und plötzlich hub ein ohrenbetäubendes Krachen und Pfeifen an. Die Kleinen fingen an zu schreien. Zu einem Knäuel ineinander verschlungen, lagen wir 14 am Boden, die drei Erwachsenen, die uns begleiteten, schauten einander stumm an. Eine halbe Stunde dauerte der Bombenhagel. Den Zug noch erreichen zu wollen, war sinnlos. Außerdem berichteten vorübereilende Leute, dass der Bahnhofsbunker total zugeschüttet sei«,45 schildert Christa v. Hofacker ihre Eindrücke. Zurück in Bad Sachsa gingen die Ungewissheit und das Warten weiter. »Während der Kämpfe um Bad Sachsa in den letzten Kriegstagen haben die Angestellten unter Infanterie-Beschuss und Tieffliegerangriffen die Verpflegung aus der Küche, die im Schussbereich lag, geholt, damit die Kinder genug zu essen hatten. Diese waren nämlich in einem geschützt liegenden Keller untergebracht. Nach Kriegsende haben wir die letzten Lebensmittel vor den freigelassenen, plündernden Polen verteidigt, sind mit den Kindern aufs Land zu Bauern gegangen und haben selbst Gemüse nach Hause geschleppt, damit die Kinder keine Not zu leiden brauchten«,46 erinnerte sich Ende der fünfziger Jahre eine ehemalige Kindergärtnerin, die von den Kindern als herzliche und nette Erzieherin beschrieben wurde. Weniger Mitleid mit den Kindern scheint hingegen die Heimleiterin gehabt zu haben, die von den meisten Kindern gefürchtet wurde.

Am 12. April 1945 rückten die Amerikaner in Bad Sachsa ein.47 Sie ernannten den sozialdemokratischen Postbeamten Willy Müller zum Bürgermeister, den die Bad Sachsaer Nationalsozialisten mit besonderer Brutalität verfolgt und nach dem 20. Juli in das Konzentrationslager Buchenwald verbracht hatten. Der spätere Stadtdirektor von Bad Sachsa, der eine der Kindergärtnerinnen heiratete, hatte über einen Genossen erfahren, dass es sich bei den inhaftierten Kindern um Angehörige des 20. Juli handelte. Zu einer der ersten Amtshandlungen des Bürgermeisters gehörte es, sich im Kinderheim persönlich einen Eindruck von der Situation zu verschaffen. Der gestandene Sozialdemokrat ließ die Kinder zu sich rufen, stellte sich auf einen Stuhl oder Tisch und hielt nach den Erinnerungen von Alfred v. Hofacker eine flammende Rede, die mit dem Satz endete: »Jetzt dürft ihr eure richtigen Namen wieder tragen. Ihr braucht euch eurer Namen und Väter nicht zu schämen, denn eure Väter waren Helden.«48 Am Tag der Kapitulation stellte Müller die Kinder unter seinen persönlichen Schutz und gab ihnen auch amtlich ihre alten Namen zurück. Mitte Juni konnten die Kinder nach Hause zurückkehren. Eine Tante der Familie Stauffenberg, die Rotkreuzoberin Gräfin ÜxküIl-Gyllenband, organisierte gemeinsam mit den amerikanischen und französischen Behörden die Heimkehr. Der französische Oberkommandant im Heimatort der Stauffenbergs, in Lautlingen, stellte ein Militärauto zur Verfügung, nachdem die entsprechenden Stellen der französischen und amerikanischen Militärregierung erklärt hatten, sie seien nicht für deutsche Kinder zuständig.49

Nach dem ursprünglichen Plan der Nationalsozialisten hatten die Kinder aus Bad Sachsa Ostern 1945 in das Konzentrationslager Buchenwald gebracht werden sollen. Dort war eine Reihe anderer Sippenhäftlinge – nach einer Odyssee durch ganz Deutschland – für kurze Zeit im Lager, darunter viele Ehefrauen von Verschwörern mit ihren über fünfzehn Jahre alten Kindern. Unter den Sippenhäftlingen befanden sich zahlreiche Mitglieder der Familien Stauffenberg und Goerdeler. Neben vielen Vettern und Cousinen, die nur wegen des Namens Stauffenberg inhaftiert worden waren, hatten die Nationalsozialisten auch die Schwiegermutter Claus v. Stauffenbergs, Anni v. Lerchenfeld, und seinen Bruder Alexander v. Stauffenberg, der in Griechenland verhaftet worden war, in Haft genommen. Zu Himmlers »Ehrenhäftlingen« gehörten ferner die Tochter des Botschafters Ulrich v. Hassell, Fey Pirzio-BiroIi, die in Italien von ihren kleinen Söhnen getrennt und ebenfalls nach Deutschland verschleppt wurde, sowie die Frau Cäsar von Hofackers, Ilselotte, mit ihren beiden älteren Kindern und die Frau Carl Goerdelers, Anneliese, mit ihren Töchtern Marianne und Benigna. In dem Film Die Kinder des 20. Juli bezeichnete der älteste Sohn von Cäsar v. Hofacker, Eberhard, diese Zeit als die schlimmste seines Lebens.50

Nach dem Krieg schilderte die in Italien verheiratete Fey Pirzio-Biroli ihre Irrfahrt durch verschiedene Konzentrationslager.51 Im Oktober 1944 hatte Heinrich Himmler beschlossen, die »Sippenhäftlinge« an zentralen Haftorten zu sammeln. Die Gefangenen, die sich aus Angehörigen des 20. Juli und Verwandten von Mitgliedern des Nationalkomitees Freies Deutschland zusammensetzten, wurden in die Schierbach-Baude bei Bad Reinerz verlegt, andere in der benachbart gelegenen Hindenburg-Baude untergebracht. Von dort ging es für die Gefangenen der Hindenburg-Baude im November 1944 in das Konzentrationslager Stutthof, wo die Sippenhäftlinge erfuhren, dass Himmler sie nicht töten wollte, sondern sie als »prominente Geiseln« betrachtete. »Trotz mangelhafter Verpflegung, durch die wir täglich schwächer und anfälliger wurden, waren erstaunlicherweise alle noch wohlauf (…).«52 Das änderte sich wenig später, als zunächst die Ruhr und später Typhus unter den Sonderhäftlingen ausbrach, viele Sippenhäftlinge mit dem Tode rangen und die Schwiegermutter Stauffenbergs schließlich verstarb. Vor der herannahenden Roten Armee verbrachte die SS die zum großen Teil kranken Gefangenen Mitte Januar 1945 in Gewaltmärschen bei eisiger Kälte in das Konzentrationslager Buchenwald. Dort trafen sie auf andere Sippenhäftlinge des 20. Juli, wie die Söhne Carl Goerdelers, Ulrich und Reinhard. Erneut wurde die immer größer werdende Gruppe von Sippenhäftlingen in einer isolierten Baracke untergebracht. Besonders quälte Fey Pirzio-Biroli die Sorge um ihre beiden kleinen Söhne, die die Gestapo offensichtlich nicht nach Bad Sachsa, sondern an einen unbekannten dritten Ort gebracht hatte. »Ich meinte, in meiner Verzweiflung zu versinken. Wie sollten wir denn die Kinder je wiederfinden in diesem Chaos, das nach dem Zusammenbruch noch totaler werden würde?«,53 fragt sich die 26-Jährige in ihrem Tagebuch. Da die Front immer näher rückte, transportierten die Nationalsozialisten die Sippenhäftlinge im April 1945 mit Bussen und Lastwagen Richtung Dachau und Voralpen. Inzwischen waren auch die Sippenhäftlinge aus der Schierach-Baude verlegt, so dass die Zahl von Himmlers »Ehrenhäftlingen« auf rund 200 Personen angeschwollen war. Der frühere Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht befand sich ebenso unter den Häftlingen wie Prinz Philipp von Hessen, der frühere französische Premierminister Leon Blum und Kurt v. Schuschnigg, der ehemalige österreichische Bundeskanzler. »Wir waren Gefangene aus 22 Nationen«, erinnert sich Isa Vermehren.54

Kurz vor Kriegsende entkamen die Sippenhäftlinge auf fast wundersame Weise ihrem von Himmler für den 29. April festgelegten Tod. Zwei mitgefangene Offiziere hatten im Bus ein Gespräch der beiden SS-Männer gelauscht, die für die Sippenhäftlinge verantwortlich waren. Danach wollte die SS am 29. April Bomben unter den Bussen anbringen und die Häftlinge in die Luft sprengen. Den beiden gefangenen Offizieren Bogislav v. Bonin und v. Flügge gelang es, dass die SS von der Wehrmacht entmachtet und die Sippenhäftlinge unter die Aufsicht eines Generals der Heeresgruppe Süd gestellt wurden, der den Sippenhäftlingen wohlgesonnen war. Eine größere Gruppe von 139 Menschen wurde über das Durchgangslager Reichenau bis nach Tirol gebracht. Nach der Befreiung durch die Amerikaner am 4. Mai 1945 brachten diese die Sippenhäftlinge nach Neapel und von dort nach Capri, wo sie sich von den Strapazen des einjährigen Zugs durch verschiedene Konzentrationslager erholen sollten. Doch die ehemaligen Sippenhäftlinge der Achsenmächte konnten den Aufenthalt nicht genießen, zumal sie das Hotel in Capri nicht verlassen durften und die Männer täglich von den Alliierten verhört wurden. »Uns begann die Sorge um unsere Familien sehr zu beschäftigen, von denen wir monatelang nichts gehört hatten«, erzählt die spätere Ordensschwester Isa Vermehren.55

Die Stunde Null > Die Angehörigen zwischen öffentlicher Verachtung und Anerkennung

Als die deutschen Streitkräfte am 8. Mai 1945 kapitulierten, war die deutsche Niederlage total. Deutschlands Kampf um die Hegemonie in der Welt hatte über sechzig Millionen Menschen das Leben gekostet; allein auf sowjetischer Seite starben über zwanzig Millionen Menschen. Von den Toten waren rund sechs Millionen jüdischen Glaubens. Bei allen Differenzen der vier Alliierten in der Deutschlandpolitik bestand nach der Kapitulation 1945 Einigkeit, Deutschland komplett abzurüsten, das Volk einer strengen Entnazifizierung zu unterwerfen und eine zentrale Regierung zunächst zu verhindern, um den Prozess einer dauerhaften Demokratisierung einzuleiten. Die komplette Niederlage wirkte auf das deutsche Volk wie ein Schock. Aus einem Volk, das sich angeschickt hatte, die ganze Welt zu erobern, und das begeistert seinem Führer Adolf Hitler zugejubelt hatte, war ein Volk von Verlierern geworden, das sich von der eigenen Regierung missbraucht und über Jahre verraten fühlte und schließlich von den Alliierten in vier verschiedenen Besatzungszonen verwaltet wurde.

Die Flucht und Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten, die Bombardierung und Zerstörung vieler Städte, die Vergewaltigung unzähliger Frauen, der Verlust von Angehörigen und Freunden sowie des Vermögens und der Heimat ließ die Deutschen nach Kriegsende traumatisiert und versteinert im eigenen Leiden zurück, unfähig zu begreifen, dass der aggressive Angriffskrieg von deutschem Boden ausgegangen war. Dabei stand 1945 zunächst das unmittelbare Überleben im Vordergrund. Ein Viertel der Wohnfläche wurden im Krieg zerstört. In den Großstädten hatten die alliierten Bomber sogar mehr als die Hälfte der Wohnungen und Häuser in Ruinen gelegt. Trümmerfrauen, Kinder und alte Menschen befreiten die Städte bis zur physischen Erschöpfung von Schutt, Geröll und Asche. Söhne, Ehemänner, Väter und Geliebte waren vermisst, verstümmelt, in Kriegsgefangenschaft oder tot. Auf Grund der zerstörten Transportwege und des Zusammenbruchs der deutschen Wirtschaft fehlten allerorts Nahrungsmittel.Der Schwarzmarkt mit Zigaretten blühte. Da es kaum Gas und Elektrizität gab, untergruben Kälte und Dunkelheit den Lebensmut der Menschen, die überall hungerten und froren. Eine hohe Säuglingssterblichkeit, Hungerödeme, Unterernährung und damit eine große Anfälligkeit für Krankheiten waren die Folge.

Der in Heidelberg lehrende Philosoph Karl Jaspers befasste sich in einer Vorlesung mit der Abgestumpftheit der Deutschen im Hungerwinter 1945/46: »Wir leben in Not, ein großer Teil unserer Bevölkerung ist in so großer, so unmittelbarer Not, dass er unempfindlich geworden zu sein scheint für solche Erörterungen. Ihn interessiert, was die Not steuert, was Arbeit und Brot, Wohnung und Wärme bringt. Der Horizont ist eng geworden. Man mag nichts hören von Schuld, von Vergangenheit, man ist nicht betroffen von der Weltgeschichte. Man will einfach aufhören zu leiden, will heraus aus dem Elend, will leben und nicht nachdenken. Es ist eher eine Stimmung, als ob man auch nach so furchtbarem Leid gleichsam belohnt, jedenfalls getröstet werden müsste, aber nicht noch mit Schuld beladen werden dürfte.«56

Folgerichtig fühlten sich die meisten ausgebombten, vertriebenen und ihrer Liebsten beraubten Deutschen als Opfer Hitlers dunkler Schicksalsmächte. Den verlorenen Weltkrieg empfanden viele als moralische Niederlage, für den sie umsonst so hart gekämpft und so viele Entbehrungen auf sich genommen hatten. Von den zahlreichen Gewaltverbrechen, besonders an den jüdischen Mitbürgern, wollte kaum jemand gewusst haben oder gar dafür die Verantwortung übernehmen. Die meisten Deutschen wollten so schnell wie möglich die eigene Schuld verdrängen und an die Brutalitäten des von den meisten mitgetragenen Regimes nicht mehr erinnert werden. Erneut bildete sich unter den Deutschen eine Schicksalsgemeinschaft, die sich gegenseitig deckte und gegenseitig »Persilscheine« ausschrieb, um nicht zur Verantwortung gezogen zu werden. In dieser Situation kam den Deutschen der Beginn des Kalten Krieges sogar entgegen. Denn die einsetzenden politischen Spannungen der Alliierten führten dazu, dass der Prozess der Entnazifizierung weit weniger rigoros verlief, als ursprünglich geplant. Am konsequentesten und schnellsten arbeiteten die Sowjets, die in der inneren Verwaltung und im Justizdienst der sowjetischen Zone 90 Prozent des Personals entließen und später auch nicht mehr einstellten – wobei die Umgestaltung zur sozialistischen Gesellschaft im Vordergrund stand. In den drei westlichen Zonen blieben dagegen gerade im öffentlichen Dienst zahlreiche ehemalige Nationalsozialisten als Lehrer, Juristen, Staatsanwälte, aber auch in der Industrie und der Ärzteschaft auf ihren Posten. Insgesamt verurteilten die westlichen Besatzungsmächte im Zuge der Nürnberger Prozesse rund 5 000 Angeklagte als Kriegsverbrecher. Spätestens seit 1946 zeichnete sich für die Amerikaner ab, dass die eigentliche Gefahr nicht von den Deutschen, sondern von den kriegsverbündeten Sowjets ausging, die hofften, über eine Umstrukturierung der deutschen Wirtschaft und Gesellschaft, Deutschland unter kommunistischen Einfluss zu bringen. Mit der Einrichtung der englisch-amerikanischen Bizone am 1. Januar 1947 einerseits und der SBZ andererseits war der Weg für zwei deutsche Staaten bereits beschritten, der mit der Währungsreform von 1948 von den Engländern, Amerikanern und Franzosen konsequent weiter verfolgt wurde. Nur vier Jahre nach Kriegsende gründeten die Westalliierten 1949 die Bundesrepublik Deutschland, die sie zunehmend mehr als Bündnispartner in ihrem Kampf gegen den Kommunismus in der Sowjetunion und der Deutschen Demokratischen Republik dringend benötigten.

Das Ende der Gegnerschaft hatte sich auch an dem bald nach der Kapitulation einsetzenden »Gnadenfieber«, der Amnestie zahlreicher Nationalsozialisten, gezeigt, die von den Westalliierten mitgetragen wurde, um fähige Fachleute und Beamte für den Neuaufbau der Bundes- und Länderverwaltungen zu gewinnen. In dieser labilen Situation hatten weder die Alliierten57 noch die deutsche Bevölkerung ein Interesse daran. an die weit verzweigte Opposition gegen Hitler zu erinnern.58 Um das eigene Gesicht zu wahren, machte sich die Mehrzahl der deutschen Bevölkerung weis, es habe unter der Diktatur Hitlers keinerlei Möglichkeiten des Widerstandes oder auch nur der Resistenz gegeben. Das Wachhalten der Erinnerung an den 20. Juli hätte diesen bequemen Verdrängungsmechanismus bedroht. Die meisten Deutschen haben deshalb in den Nachkriegsjahren einen aktiven Widerstand gegen Hitler, vor allem aber die Breite der Opposition, geleugnet. Stattdessen hatte sich Hitlers Ausspruch über die kleine »Clique ehrgeiziger Offiziere« in den Köpfen der Menschen festgesetzt, wonach die Attentäter als Hoch- und Landesverräter galten.59

»Einiges spricht denn auch dafür, dass in der Abwertung des Widerstands, zumindest in den frühen Nachkriegsjahren, der Affekt einer Generation von Mitläufern und deren Nachkommen zum Vorschein kam, die sich die eigenen Versäumnisse nicht ausgerechnet von der noch einmal groß ins Blickfeld rückenden, zum Untergang verurteilten Schicht von Militär und Aristokratie ins Bewusstsein rufen lassen wollten«,60 urteilt Joachim Fest. In ähnlicher Weise argumentiert auch der Politologe Peter Steinbach, der von einer »doppelten Unfähigkeit der Deutschen zu trauern« spricht und in der Ablehnung des Widerstands im Nachkriegsdeutschland auch das Versagen einer Generation widergespiegelt sieht, die »mitmachten, wo sich andere aus politischen, ethischen oder religiösen Gründen versagt hatten.« In einer repräsentativen Umfrage des Instituts für Demoskopie in Allensbach von 1956, wie das Attentat vom 20. Juli zu beurteilen sei, antworteten folgerichtig 34 Prozent, der Staatsstreich sei zu verurteilen, 27 Prozent waren in ihrer Meinung schwankend. Bis in die fünfziger Jahre hinein weigerte sich die Mehrzahl der Deutschen beispielsweise, eine Schule nach Claus Schenk Graf v. Stauffenberg zu benennen.61

Für einen kurzen historischen Moment sah es hingegen so aus, als wären die sowjetischen Machthaber in der SBZ dem Widerstand gegenüber aufgeschlossener begegnet. »denn das Ansehen des neuen Deutschlands in der Welt wird sich danach richten, was die Welt über die deutsche Widerstandsbewegung erfährt«, formulierte Günther Weisenborn am 11. Mai 1946 im Berliner Hebbeltheater vor ehemaligen politisch Verfolgten des KZ Sachsenhausen in einer Rede, die wegen ihres programmatischen Charakters in gleichen Jahr im Aufbau erschien.62 Unmittelbar nach der Befreiung aus den Konzentrationslagern und dem Ende der Kampfhandlungen empfanden es politische Verfolgte in der SBZ als ihre Pflicht, über ihre Leidenszeit zu berichten. Die Dokumentation der nationalsozialistischen Verbrechen gegen die Menschlichkeit stand dabei im Vordergrund.63 In der SBZ setzte sich der Stalinismus allmählich durch, unter dem der konservative Widerstand in Misskredit gebracht wurde. In der unmittelbaren Nachkriegszeit bestand gegenüber dem 20. Juli eine ambivalente Haltung: Noch wurden die Attentäter in den antifaschistischen Gründungsmythos der späteren DDR integriert, wie sich auch an den gemeinsamen Gedenkveranstaltungen zeigt.64 So nahmen am 9. September 1945 rund 60 000 Menschen in der Berliner Werner-Seelenbinder-Kampfbahn an einer Großkundgebung für die Widerstandskämpfer teil. 1946 versammelten sich Tausende im Berliner Lustgarten im gemeinsamen Gedenken an alle Widerstandskämpfer. Dort sprach auch Marion Gräfin Yorck v. Wartenburg als Angehörige des Kreisauer-Kreises und als Repräsentantin des 20. Juli. Auch Straßen, wie beispielsweise in Leipzig, wurden nach prominenten Attentätern aus dem konservativen Widerstand, wie nach Beck, Goerdeler, Hoepner oder v. Witzleben benannt, bis sie 1952 ausgetauscht wurden. Vor allem ehemalige Widerstandskämpfer65 wie die Mitbegründer der CDUD Jakob Kaiser und Andreas Hermes oder der Sozialist Gustav Dahrendorf66 bemühten sich darum, die Erinnerung an den 20. Juli in der SBZ wach zu halten. Enttäuscht über die Entwicklung in der späteren DDR, zog sich Dahrendorf 1946 als SPD-Parlamentarier nach Hamburg zurück; Andreas Hermes geriet unter anderem wegen der radikalen Bodenreform im Osten in Opposition mit der sowjetischen Militärbehörde und verließ ebenfalls die SBZ. Sein Nachfolger als Vorsitzender der CDUD wurde der christliche Gewerkschaftler Jakob Kaiser, der sich der Idee eines demokratischen Sozialismus auf christlicher Grundlage verschrieben hatte. Er wurde im Dezember 1947 von der Sowjetischen Militär-Administration (SMAD) abgesetzt und spielte später in der CDU in Westdeutschland eine wichtige Rolle.

Die Sowjetunion hatte das Attentat vom 20. Juli bereits 1945 als eine imperialistisch-restaurative Verschwörung ohne Verbindung zum Volk verurteilt. Damit war es eine Frage der Zeit, wann sich die SMAD und die SED diesem Geschichtsbild anpassen würden. Dazu passte es, dass die Geschichte des Widerstandes an den neu eröffneten Universitäten der SBZ nicht gelehrt wurde und es im Gegensatz zu Westdeutschland keine nennenswerte wissenschaftliche Auseinandersetzung über den widerstand gab.

Vor allem die 1947 gegründete Vereinigung der Verfolgten des Nationalsozialismus (VVN) widmete sich in der unmittelbaren Nachkriegszeit der Aufgabe, die Erinnerung an Widerstand und Verfolgung wach zu halten und umfängliches Material zu sammeln, wobei die Arbeit von Verfolgten und nicht von Historikern gestaltet wurde. Bis 1948 bemühte sich der VVN, den Widerstand in seiner ganzen Breite, das heißt vom kommunistischen, bürgerlichen bis hin zum militärischen Widerstand zu erforschen. In der Zeitschrift Unser Appell äußerte sich beispielsweise der Journalist Rudolf Pechel über den 20. Juli, Walter Janka würdigte die Emigration als Form des Widerstands gegen den Nationalsozialismus, und Probst Grüber schrieb über den Kampf der Kirchen.67 Noch im September 1948 organisierte der Verband der Verfolgten eine große Ausstellung unter dem Thema: »Das andere Deutschland. Eine Schau der Widerstandsbewegung gegen das NS-Regime«, die im ehemaligen Reichspräsidentenpalais gezeigt wurde. Dabei gelang es dem Verband, ohne politische Propaganda, sowohl den kommunistischen als auch den militärischen Widerstand zu zeigen. Ziel der Schau war es, das Publikum über die Breite des Widerstands in Deutschland aufzuklären. Allein in Berlin sahen sich rund 55 000 Besucher die Ausstellung an.

Der zunächst pluralistische Ansatz des VVN vertrug sich auf Dauer nicht mit dem Machtanspruch und der Geschichtspolitik der SED, die zur zentralen Partei in der SBZ geworden war. Der Verfolgtenverband passte sich dem offiziellen, von Moskau diktierten Geschichtsbild der SED insofern an, als er den kommunistischen Widerstand in den Mittelpunkt stellte und gegen andere Widerstandsbewegungen, besonders den des 20. Juli, und Sozialdemokraten wie Julius Leber, zu polemisieren begann. So schrieb Anton Ackermann schon 1947 in der Einheit: »Zunächst ist erstaunlich, wer nicht alles dabei gewesen sein will. Ein ganzer Rattenschwanz hängt sich an den 20. Juli an, wobei es sich nicht seIten um direkte politische Hochstapelei handelt. Dunkle Elemente, die ihre ganzen Kenntnisse der Vorgänge aus der Zeitungslektüre schöpfen, prahlen mit einer Mitbeteiligung an der Bewegung, wobei der Zweck allerdings sehr durchsichtig ist, nämlich der Versuch einer Reinwaschung von ihrer recht braunen Vergangenheit.«68 Nach 1948 machte sich der Verfolgtenverband die kommunistische Faschismusinterpretation zu eigen, was zu einer Einteilung des Widerstands in »gut« und »schlecht«, das heißt in »antifaschistisch« und »reaktionär« führte. 1949 trat Marion Gräfin Yorck v. Wartenburg aus dem VVN aus, der in der Bundesrepublik bis in die neunziger Jahre weiter bestand.69 Gleichzeitig ging der Verfolgtenverband jedoch auf Konfrontationskurs mit der SED, indem er betonte, dass sowohl die Kommunisten im deutschen Untergrund als auch in den Konzentrationslagern nach 1938 Widerstand geleistet hätten, ohne von der KPD-Führung im Moskauer Exil abhängig zu sein. Unter dem Vorwand, dass der VVN nicht in der Lage sei, die Geschichte des Widerstands angemessen zu dokumentieren, veranlasste die SED schließlich 1953 die Zwangsauflösung in der DDR. Die Widerstandsforschung wurde dem Marx-Engels-Lenin-Institut übertragen, dem späteren Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED. Seit 1947 verdächtigte die SED auch die Sozialdemokraten innerhalb der Widerstandsbewegung 20. Juli der »antisowjetischen« Überlegungen. Die Polemik gipfelte darin, dass Julius Leber von dem Kommunisten Otto Winzer als Agent des amerikanischen Imperialismus beschimpft wurde. Gezielt versuchte die SED, sich mit derartigen Verdächtigungen der SPD innerhalb der SBZ/DDR zu entledigen. Nach Auffassung der dominierenden SED stand es nur ihren Parteimitgliedern zu, die einheitliche Arbeiterklasse zu vertreten. Dabei ging es den kommunistischen Funktionalen der späteren DDR darum, ihren deutschen Teilstaat als Antwort auf die sich abzeichnende Gründung der Bundesrepublik zu legitimieren.

Der Widerstandsgeschichtsschreibung kam die Aufgabe zu, die Gründung der DDR als Folge eines erfolgreichen Kampfes antifaschistischer Kräfte zu definieren. In den Mittelpunkt rückte deshalb der kommunistische Widerstand,70 der gegenüber allen anderen Widerstandsformen eine Monopolstellung einnahm. Dabei bestimmte in der DDR das nach Moskau emigrierte Funktionärskorps das Bild des kommunistischen Widerstandshelden.71

Schon bald setzte im Sinne des herrschenden Marxismus-Leninismus eine Mythenbildung des antifaschistischen Widerstands ein, der die Opfer auf eine merkwürdige Weise entindividualisierte und damit das Erinnern an den Widerstand zu einem typisierten Gedenken werden ließ. Der anonyme kommunistische Held, der für den Anbeginn einer neuen gerechteren Weltordnung stand, machte es den DDR-Bürgern leichter, ihre eigene Täterschaft, ihr eigenes Mitläufertum im Dritten Reich zu kaschieren und nicht aufzuarbeiten. Denn ähnlich wie die Westalliierten waren auch die Russen, und später die DDR-Führung unter Ministerpräsident Walter Ulbricht, daran interessiert, die Mehrheit der Mitläufer und kleinen Parteimitglieder zu integrieren, statt sie auszugrenzen.

Zunehmend definierten SED-Funktionäre während der Phase des strengen Stalinismus den Widerstand als Klassenkampf. In erster Linie zählte die Einstellung zur Sowjetunion und zur KPD und damit zum »Nationalkomitee Freies Deutschland«. Den militärisch-konservativen Widerstand wertete die SED als »reaktionär« ab. Vor allem die beiden ZK-Beschlüsse der SED über »Die wichtigsten ideologischen Aufgaben der Partei« (1951) und »Die Verbesserung der Forschung und Lehre in der Geschichtswissenschaft der DDR« (1955) begünstigten die schon vorhandene Tendenz, nur den kommunistischen Widerstand in Konzentrationslagern, in Betrieben und bestimmten Regionen zu untersuchen. Alle anderen Widerstandsformen wurden in der DDR als nicht konform mit dem Marxismus-Leninismus fallen gelassen, »der kommunistische Widerstand zum Maßstab des Widerstandskampfs insgesamt«.72

Auch in den drei westlichen Zonen gab es unmittelbar nach dem Krieg Bemühungen, Gedanken des Widerstands für die neue politische Ordnung zu nutzen. Vor allem in den Landesverwaltungen griffen die Alliierten auf unbelastete Personen, die während der Nazi-Zeit zu den Regimegegnern zählten, zurück. So wurde Theodor Steltzer, Mitglied des Kreisauer Kreises, 1946 zum ersten Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein ernannt. Unter anderen wirkten Josef Müller in Bayern, Werner Hilpert in Hessen, Karl Arnold in Düsseldorf und Andreas Hermes politisch in der Verwaltungsarbeit mit. Jakob Kaiser73 war von 1949 bis 1957 Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen, Eugen Gerstenmaier74 wurde 1954 als Bundestagspräsident gewählt.

Unter den Nationalsozialisten verfolgte Intellektuelle hofften nach dem Naziterror, Deutschlands Wandel, hin zu einer Synthese von Christenturn und Sozialismus, durch eine tiefe Katharsis aus eigener Kraft zu bewerkstelligen.75 In der unmittelbaren Nachkriegszeit entstanden deshalb eine Reihe von politisch-literarischen Magazinen, in denen sich das »andere Deutschland« repräsentierte und die von den Alliierten mit dem Ziel der »Reeducation« genehmigt wurden. Die einflussreichste Zeitschrift, die seit Frühjahr 1946 erschien und sich dem Dialog von Marxismus und Christentum verschrieb, waren die von Walter Dirks und Eugen Kogon herausgegebenen Frankfurter Hefte. Als überzeugten katholischen Pazifisten hatten die Nationalsozialisten Eugen Kogon von 1938 bis 1945 im Konzentrationslager Buchenwald inhaftiert. Nach der Befreiung durch die Amerikaner schrieb Kogon 1946 sein Buch Der SS-Staat,76 das den Nationalsozialismus dechiffrierte und im In- und Ausland große Beachtung fand. Um Kogon und Dirks bildete sich der so genannte Frankfurter Kreis, der für ein starkes Europa statt für einen »amerikanischen Mammutfaschismus« oder einen russischen Bolschewismus eintrat. In eine ähnliche Richtung argumentierte auch der Ruf. Blätter der jungen Generation, der von 1946 bis 1947 von den Schriftstellern Alfred Andersch und Hans-Werner Richter herausgegeben wurde und dessen Ideen in der Gruppe 47 gründeten. Mit der Währungsreform gingen die meisten Zeitschriften und Magazine ein. Daneben gründeten sich in der Nachkriegszeit einzelne Zirkel, die sich um einen radikalen Neuanfang Deutschlands bemühten, und die sich andeutende Teilung des Landes mit großer Sorge betrachteten. Eine der wichtigsten Gesellschaften, in denen sich Wissenschaftler, Publizisten und Politiker aus beiden Einflussbereichen Deutschlands trafen, war die Gesellschaft Imshausen.77 Auf Einladung des Journalisten und Bruders von Adam v. Trott, Werner, trafen sich in den Jahren 1947/48 auf dem Landsitz der Familie Trott im nordhessischen Imshausen überlebende Sozialisten, Kommunisten, Adelige, Intellektuelle, Gewerkschaftler und Politiker. Dabei luden die beiden Brüder Trott, Werner und Heinrich sowie der Journalist Eugen Kogon Überlebende aller politischen Richtungen ein, wie Walter Dirks, Alfred Kantorowicz, Ernst Niekisch, Carl Spicker (Mitbegründer der Zentrumspartei), Walter Markov, Carlo Schmid, Carl Friedrich von Weizsäcker und Alfred Andersch. Dreimal kam man für mehrere Tage in Imshausen zusammen, um über die künftige Ausrichtung der deutschen Politik zu diskutieren und um die geistige Erneuerung Deutschlands zu ringen. Die letzte Sitzung im Mai 1948 endete mit einem Eklat: Die Positionen des Kalten Krieges hatten auch die Mitglieder der Gesellschaft erfasst, die sich nicht mehr auf eine gemeinsame Position einigen konnten.

Das Leben der Witwen und Nachkommen in den Nachkriegsjahren

Das »Odium des Landesverräters« wurde in den Nachkriegsjahren auf die Witwen des 20. Juli und ihre Familien übertragen, die statt Hilfe und Anerkennung zu bekommen, vielfach Unverständnis und Gehässigkeiten ausgesetzt waren. Verachtung schlug beispielsweise Erica v. Hagen nach ihrem Gefängnisaufenthalt in der Haftanstalt Köslin entgegen. Als sie von dort zurück auf das Hagensche Gut in Langen kam und den Kutscher begrüßen wollte, spielte sich eine bedrückende Szene ab: »Als der Kutscher mich erkannte, erschrak er, wendete sich ab, richtete den Blick zu Boden und ohne aufzusehen, machte er sich weiter mit der Forke beim Ausmisten des Stalls zu schaffen. Das traf mich sehr. Für ihn war ich die Frau des jungen Herrn Albrecht, der versucht hatte, den Führer zu ermorden.«78 In seinem Buch über die »Junge Generation des Widerstands« schildert Detlef Graf v. Schwerin eine typische Szene der Nachkriegszeit: »Die Atmosphäre unter den Deutschen war auch nach der Befreiung so feindselig gegenüber dem Widerstand, dass etwa die kirchliche Trauerfeier für Schwerin, an seinem ersten Todestag, als ein Gottesdienst für ›einen Gefallenen‹ bezeichnet werden musste.«79

Verständnis oder Zuspruch bekamen die oft jungen Witwen nur von politisch gleichgesinnten Verwandten und von nahen Freunden, Bekannten und Arbeitskollegen ihrer Männer, die sich bisweilen finanziell um die Witwen kümmerten. Viele Familien waren indessen in Anhänger und Gegner des Dritten Reiches gespalten. Häufig mussten die Frauen ihre Trauer, Verzweiflung und ihre Erlebnisse nach dem Attentat für sich behalten, was sie erneut in ihrer näheren Umgebung isolierte. Aus der ablehnenden Haltung ihrer Mitmenschen heraus wird verständlich, dass viele Witwen auch in späteren Jahren nicht über ihr Erleben und ihre tief sitzenden Ängste und ihre Verzweiflung sprechen konnten. So beschrieb beispielsweise Uta v. Aretin in einem Interview, wie wenig sich ihre Mutter nach 1945 über das Vorgefallene äußern konnte: »Meine Mutter konnte überhaupt nicht reden. Sie arbeitete in Göttingen bei der Eheberatung und der Telefonseelsorge. Aber über jene Zeit konnte sie sich nicht mitteilen. (…) Sie stellte sich wohl immer wieder die Frage nach Schuld und Vergebung. Seltsam, dass jene, die das Äußerste im Kampf gegen Hitler gewagt hatten, sich ununterbrochen mit dem Problem von eigener Schuld und Sühne und Vergebung auseinandergesetzt haben, während die anderen, die nichts unternommen haben, die Schuld entweder nicht wahrgenommen oder fleißig verdrängt haben.«80

Die meisten Witwen teilten ihre Erlebnisse mit niemanden und bewahrten die Briefe als Zeugnisse einer tiefen und innig empfundenen Liebe im Angesicht des nahenden Todes auf. »Die Briefe treiben mir noch heute die Tränen in die Augen«, erzählt ein Enkel von Fritz-Dietlof Graf v. der Schulenburg.81 Es verwundert nicht, dass in dieser Seelenlage die Witwen auch mit ihren Kindern kaum über den Vater sprechen und damit den Söhnen und Töchtern, in der Verarbeitung ihrer eigenen traumatisierenden Erlebnisse, nur wenig Stütze sein konnten. Im Vordergrund stand zunächst, den eigenen Kindern eine gute und sinnvolle Erziehung zu geben, ein neues Zuhause aufzubauen und finanziell wieder Boden unter die Füße zu bekommen. Denn in den Nachkriegsjahren lebten viele Widerstandsfamilien in finanziell bedrängten Verhältnissen, zumal wenn sie das Schicksal von Millionen Deutschen teilten und aus ihrer alten Heimat geflohen waren. »Meine Mutter erhielt erst 1953 eine Rente«, erinnert sich Uta v. Aretin, zuvor habe sie zahlreiche Bittgänge zu Behörden gemacht. »Ich weiß nicht, wie sie das alles ausgehalten hat, nachdem sie ihren Mann und ihren Sohn im Krieg verlor, selbst im Gefängnis saß, ihre beiden Töchter verschleppt worden waren und sie aus ihrer Heimat vertrieben war.«82

Bis Anfang der fünfziger Jahre erhielten die Witwen – je nachdem in welcher Zone sie wohnten – allenfalls eine geringe Überbrückungsrente. Am einfühlsamsten verhielt sich die Verwaltung in der französischen Zone, so dass die Witwe Stauffenbergs relativ früh eine angemessene Pension erhielt. In einer Reportage für die Süddeutsche Zeitung beschrieb die Journalistin Ursula v. Kardorff, wie schlecht viele Witwen in den Nachkriegsjahren versorgt waren. Im Sommer 1950 war Kardorff durch ganz Deutschland gereist, um verschiedene Witwen über ihre näheren Lebensumstände zu interviewen, für die sich bislang von offizieller Seite niemand interessierte.83 Danach kochte die Witwe Cäsar v. Hofackers in Tübingen für Studenten, um ihre fünf Kinder durchzubringen; die Witwe des christlichen Gewerkschaftlers Max Habermann schlug sich in Berlin mehr schlecht als recht mit einem Papiergeschäft durch; die Witwe des Rechtsanwalts Josef Wirmer machte eine Buchhandlung im Deutschen Bundestag in Bonn auf, die Witwe von Adam v. Trott arbeitete bis zu ihrem Studienbeginn bei dem ehemaligen Gefängnispfarrer Harald Poelchau.84 »Die ersten Jahre waren doch sehr hart. Nichts zu essen, kein Geld. Die rührende Kinderschwester, die immer noch bei uns war, die kriegte kein Gehalt. Und Wilhelm, der Älteste, kam dann als Knecht auf einen Hof und hat da gearbeitet, weil es noch keine Schule gab«,85 erinnerte sich Marianne Gräfin Schwerin v. Schwanenfeld an die unmittelbare Nachkriegszeit. Viele Frauen waren bei Verwandten untergekommen, da sie keine Miete zahlen konnten. Schlecht ging es auch den sechs Kindern von Hermann Maass, deren Mutter kurz nach der Hinrichtung des Vaters gestorben war. »Auch nach dem Krieg weigerten sich die Behörden, uns die Lebensversicherung unseres Vaters auszuzahlen«, erzählt Michael Maass.86

Charlotte Gräfin v. der Schulenburg fand bei einem Verwandten auf der Burg Hehlen Quartier, der ihr – obgleich sie sich nicht kannten – geschrieben hatte: »Liebe Cousine, habe gehört, dass es dir dreckig geht. Du kannst nach Hehlen kommen, die Engländer haben mein Haus freigegeben.«87 Finanziell hielt sich die Mutter von sechs Kindern mit einer geringen Überbrückungshilfe und dem Verkauf von Schmuckstücken auf dem Schwarzmarkt über Wasser. In den fünfziger Jahren arbeitete sie als Pädagogin in dem Reformgymnasium Birklehof. Nach ihrer Flucht im Mai 1946 bewirtschaftete Erica v. Hagen einen kleinen Pachthof eines Verwandten in Niedersachsen, der so wenig Geld einbrachte, dass sie als Vertreterin für Unterwäsche mit dem Fahrrad über Land fuhr, um sich und ihre beiden Kinder durchzubringen.88

Andere – wie beispielsweise Rosemarie Reichwein – wurden von den politischen Freunden ihres Mannes unterstützt. »Ich war durchaus abhängig von Hilfe. Und das muss ich heute deutlich sagen: Die Freunde meines Mannes haben mir über den Berg geholfen«,89 erzählte die damals 94-Jährige ihrem Biographen. An anderer Stelle ergänzt sie: »Ich musste sehr intensiv arbeiten, weil ich also meine Unterstützung, das heißt die Anerkennung der Pension meines Mannes und die Entschädigung für Schaden am Leben erst nach zehn Jahren bekam. Die Kriegerwitwen gingen vor. Es ging nach dem Alphabet. Und da waren einfach Kriegerwitwen schon eher versorgt als wir vom Widerstand.«90 Im November 1946 verließ Rosemarie Reichwein mit ihren vier Kindern Deutschland, um ihre Kenntnisse der Krankengymnastik aufzufrischen, Abstand von den Erlebnissen zu gewinnen und von der besseren Versorgungslage in Schweden für ihre vier Kinder zu profitieren. Die Kinder wurden dabei in Schweden verteilt. »Ein richtiges Familienleben fand nach dem Tod des Vaters zunächst nicht mehr statt«,91 erinnert sich Sabine Reichwein.

Auch Freya v. Moltke emigrierte mit ihren beiden Söhnen 1948 zunächst nach Südafrika, wo die Familie ihres Mannes mütterlicherseits herstammte.92 Als eine große Schwierigkeit erwies es sich, dass die meisten Frauen des 20. Juli vor dem Krieg keine abgeschlossene Ausbildung oder Studium absolviert hatten. Einige von ihnen holten deshalb in den fünfziger Jahren eine Ausbildung nach: So setzte Erika v. Tresckow, die Frau von Gerd v. Tresckow, ihr Medizinstudium fort und eröffnete später in Bonn eine eigene Augenarzt-Praxis. Auch Clarita v. Trott zu Solz wendete sich der Medizin zu und ließ sich später als Psychoanalytikerin in Berlin-Dahlem nieder. Rosemarie Reichwein öffnete ebenfalls in Berlin eine Krankengymnastik-Praxis und entwickelte eine wichtige Therapie für spastische Patienten.93 Marion Gräfin Yorck v. Wartenburg holte ihr zweites juristisches Staatsexamen nach und wurde Jugendstrafrichterin in Berlin. Bis weit über die Nachkriegsjahre hinaus konzentrierten sich die jungen Witwen auf den beruflichen Neubeginn und die Versorgung ihrer Kinder. Einige Witwen gingen nach dem Krieg eine neue Herzensbindung ein. Oft wuchsen die Kinder des 20. Juli jedoch ohne männliche Bezugspersonen auf. Gerade die ältesten Söhne mussten der Mutter den Ehemann und häufig den ebenfalls gefallenen älteren Bruder ersetzen, was in einigen Familien zu Schwierigkeiten führte.

Unbürokratische und schnelle Hilfe leistete in den Anfangsjahren der Bundesrepublik nur das Hilfswerk 20. Juli 194494 das unmittelbar nach Kriegsende, unter anderem von dem Ehepaar Graf Carl-Hans und Gräfin Renate Hardenberg, Walter Bauer, Elisabeth Strünck, Eugen Gerstenmaier und Fabian v. Schlabrendorff, als Selbsthilfe-Verein ins Leben gerufen wurde. Alle Gründungsmitglieder des Hilfswerks hatten schwere Schicksale hinter sich und fühlten sich auf Grund der Tatsache, dass sie überlebt hatten, zu einer besonderen Hilfe verpflichtet. Graf Hardenberg arbeitete nach dem Krieg als Bevollmächtigter der Vermögensverwaltung des Hauses Brandenburg-Preußen und war 1946 nach Nörten-Hardenberg nahe Göttingen übergesiedelt. Denn schon 1946 war absehbar, dass sein großer Besitz in Neuhardenberg in der SBZ entschädigungslos enteignet werden würde,95 obgleich sich Hardenberg,96 unmittelbar nach seiner Befreiung aus dem KZ Sachsenhausen durch die Rote Armee, dem Magistrat von Berlin in der sowjetisch besetzten Zone für den Wiederaufbau zur Verfügung gestellt hatte. Seine Frau setzte sich als erste Geschäftsführerin des Hilfswerks unermüdlich und mit großer Energie für die Sorgen der Witwen und deren Kinder ein. Auch der Fabrikant Walter Bauer, der als Mitglied des Freiburger Kreises und der Bekennenden Kirche nach dem 20. Juli inhaftiert worden war, und der Rechtsanwalt und spätere Richter am Bundesverfassungsgericht Fabian v. Schlabrendorff stellten ihr ganzes wirtschaftliches und juristisches Wissen und ihre Kontakte in den Dienst des Hilfswerks. Schlabrendorff, Ordonnanzoffizier Henning v. Tresckows, war nur durch den Tod Freislers vor der sicheren Hinrichtung gerettet worden. Eine wichtige Rolle spielte auch die Witwe von Theodor Strünck, Elisabeth, die durch ihre umfangreichen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kontakte das Hilfswerk bis zu ihrem Tod großzügig unterstützte.

Nach Kriegsende hatten sich verschiedene Selbstorganisationen von Opfern97 der nationalsozialistischen Verfolgung gegründet, wie die bereits genannte, zonenübergreifend arbeitende Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN). Auch wenn die Opferorganisationen bisweilen verschiedene Ziele verfolgten, arbeiteten die Vereinigungen in der unmittelbaren Nachkriegszeit eng zusammen, bis der Kalte Krieg dies zunichte machte. Die Zunahme politischer Spannungen ließ den VVN in den drei westlichen Zonen zunehmend in Verdacht geraten, von der Sowjetunion ferngesteuert zu werden, weshalb sich als weitere Verbände der Bund der Verfolgten des Naziregimes (BVN) und der Zentralverband der deutschen Widerstandskämpfer und Verfolgten (ZDWV) gründeten, die jeweils der CDU/CSU beziehungsweise der SPD nahe standen.

In den Anfangsjahren versuchte das Hilfswerk vor allem Gelder und Hilfsgüter aus dem Ausland zu beschaffen, unterstützte bedürftige Witwen und Waisen und beriet sie über ihre Rechte. Im Sommer 1946 kümmerte sich das Hilfswerk um 350 Personen. Eine besondere Hilfe erhielt es dabei von der Evangelischen Kirche Deutschlands unter dem Vorsitz von Eugen Gerstenmaier, der ebenfalls im Widerstand aktiv gewesen war. Auch Emigranten und Kollegen aus den USA und England halfen, in den Nachkriegsjahren die unmittelbare Not zu lindern. In England gründete beispielsweise der Bischof von Chichester einen 20. Juli Memorial Fund, der von der Journalistin Christabel Bielenberg,98 die gemeinsam mit ihrem Mann Peter Bielenberg eng mit Adam v. Trott verbunden gewesen war, unterstützt wurde.99 Peter Bielenberg hatte das Schicksal vieler seiner Freunde geteilt und war nach dem 20. Juli ebenfalls inhaftiert worden. In den USA rief ein Committee to Aid the Survivors of the German Resistance zur Hilfe auf und schickte die so genannten Care-Pakete. Je mehr Gelder eingingen, umso schwieriger wurde es für die zunächst eher wie ein Freundeskreis arbeitende Stiftung zu definieren, wer förderbedürftig sei und wer nicht. 1947 gab sich das Hilfswerk eine Satzung und richtete ein Kuratorium und einen Vorstand als Entscheidungsgremien ein. Dabei war absehbar, dass das Hilfswerk nur kurzfristige Unterstützung leisten, aber auf längere Dauer keine Renten und Pensionen für Witwen und Waisen zahlen konnte. Andere Verfolgtenverbände kämpften schon seit Ende der vierziger Jahre um eine staatliche Wiedergutmachung. »Die Wiedergutmachungsfrage wurde zur Nagelprobe für das gewachsene Selbstverständnis des Hilfswerks als einer auch politisch tätigen Interessenvereinigung«,100 resümiert Christine Toyka-Seid.

Im Jahr 1951 kam es endlich von staatlicher Seite zur Lösung der längst überfälligen Wiedergutmachungs- und Rentenfrage101 für die Witwen und Nachkommen von Widerstandskämpfern. Eine erste Etappe stellte dabei das Gesetz zur Wiedergutmachung von NS-Unrecht für Angehörige des öffentlichen Dienstes (BWGöD) dar. Da viele Männer des 20. Juli im öffentlichen Dienst gearbeitet hatten, versorgte das Gesetz eine Reihe von Witwen und Nachkommen. Außerdem bewilligte der Deutsche Bundestag im Herbst 1951 einen jährlichen Zuschuss für das Hilfswerk. So hatte Ministerialrat Ernst Wirmer im Bundeskanzleramt und Jakob Kaiser, Minister für innerdeutsche Fragen, vorgeschlagen, dass statt eines eigenen Versorgungsgesetzes für die Hinterbliebenen des Attentats die Bundesregierung dem Hilfswerk jährlich einen Zuschuss zahlen solle. Damit hatten der Bruder des hingerichteten Rechtsanwalts Josef Wirmer und der Widerstandskämpfer Jakob Kaiser erreicht, dass das Hilfswerk schnell und unbürokratisch auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Angehörigen reagieren konnte. In der Haltung der Bundesrepublik bedeutete die materielle Unterstützung indessen einen entscheidenden Wandel der offiziellen Einstellung, die sich als Erstes in der Rechtsprechung zeigte. So erklärte die Bundesregierung im Oktober 1951: »Es ist eine ›Ehrenpflicht‹ des deutschen Volkes, für die Witwen und Waisen der Männer zu sorgen, die im Kampf gegen Hitler ihr Leben für Deutschland geopfert haben (…) Die Welt empfing durch die Männer und Frauen des 20. Juli noch einmal den Beweis, dass nicht die Gesamtheit des deutschen Volkes dem Nationalsozialismus verfallen war.«102 Die staatliche Unterstützung für das Hilfswerk 20. Juli 1944 betrug zunächst 150 000 DM und wurde 1953 vom Deutschen Bundestag auf 400 000 DM erhöht.103 Für einige Angehörige besteht bis heute eine finanzielle Unterstützung durch die seit 1994 umbenannte Stiftung 20. Juli 1944.

1953 regelte die Bundesregierung zudem in einem umfangreichen Wiedergutmachungsgesetz den Schaden für Überlebende nationalsozialistischer Zwangs- und Verfolgungsmaßnahmen in dem so genannten Bundesergänzungsgesetz zur Entschädigung für Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung,104 von dem auch die Nachkommen aus Widerstandsfamilien profitierten. Das Hilfswerk kritisierte das Gesetz, da es die Sippenhaft nicht berücksichtigte und NSDAP-Mitglieder von vorneherein von der Wiedergutmachung ausschloss, auch wenn sie später Widerstand geleistet hatten. So kommentierte das Kuratorium des Hilfswerks: »Es ist unerträglich, wenn auf der einen Seite die Parteizugehörigkeit wiedergutmachungsunwürdig macht, obwohl der aktive Widerstand nach der Präambel des BEG ›ein Verdienst um das Wohl des Deutschen Volkes und des Staates ist‹, auf der anderen Seite sogar Bundesminister ehemalige Parteigenossen sind.« Immerhin erreichte das Hilfswerk, dass in begründeten Einzelfällen anders entschieden wurde. Die jahrelange Diskussion um die Entschädigungsgesetze band in den ersten Jahren entscheidende Kräfte des Hilfswerks.

Häufig nützten den Angehörigen die Wiedergutmachungsgesetze wenig, da sich Beamte von nachrangigen Behörden weigerten, die Gesetze anzuwenden. Für Furore sorgte der Fall des Generalquartiermeisters Eduard Wagner,105 den die Süddeutsche Zeitung aufgriff. Danach verweigerte die zuständige Oberfinanzdirektion der Witwe Elisabeth Wagner die Auszahlung der Rente und begründete dies mit den Worten: »Ihr Mann hat überhaupt kein nationalsozialistisches Unrecht erlitten, er hat sich vielmehr selbst erschossen und ein erledigendes nationalsozialistisches Unrecht nicht abgewartet.«106 Auf Grund des Artikels in der Süddeutschen Zeitung entschuldigte sich das Bayerische Staatsministerium der Finanzen und bedauerte »die wenig glückliche Formulierung« und versprach, für Abhilfe zu sorgen. Viele Witwen machten ähnliche Erfahrungen. So kämpfte Charlotte v. der Schulenburg jahrelang um ihre Witwenrente, da ihr Mann 1932 in die NSDAP eingetreten war. In ihren Memoiren schrieb sie: »Es war alles grotesk und sehr anstrengend. Dann fand man heraus, dass ein preußischer Beamter, der zum Tode verurteilt worden war, also zum Beispiel auch ein Mörder, nach einem Gesetz von ungefähr 1850 für seine Familie auch keine Pension beanspruchen könnte. Die beamtenrechtlichen Folgen dieses Gesetzes mussten erst überwunden werden. Und immer wieder dauerte es Monate, bis irgendein Bescheid kam.«107

Im Gegensatz zu der öffentlichen Meinung begann sich in der Politik und Rechtsprechung zu Beginn der fünfziger Jahre jedoch ein spürbarer Wandel abzuzeichnen, der in der Kabinettserklärung Konrad Adenauers 1951 zum Widerstand, vor allem aber in der Rede von Bundespräsident Theodor Heuss 1954 ihren ersten Höhepunkt fanden. Widerstand wurde als Abwehrrecht gegen einen totalitären Staat verstanden und zu Beginn der fünfziger Jahre zunehmend mehr für die eigene Staatsvorstellung instrumentalisiert: In dem Maße, in dem die DDR den antifaschistischen Widerstand für sich reklamierte und jede Verantwortung an NS-Verbrechen ablehnte, wurde der Widerstand in der Bundesrepublik als Vorgeschichte einer demokratischen und freiheitlichen Nation umgedeutet und damit in Teilen heroisiert, wobei der kommunistische und sozialistische Widerstand unbeachtet blieb.

Gleichzeitig kümmerte sich das Hilfswerk um die Nachkommen von Widerstandskämpfern, die zusätzlich zu der traumatischen Erfahrung häufig in der Schule, in der Lehre oder der Universität wegen ihres Vaters ausgegrenzt wurden oder sich isoliert fühlten. Der Austausch mit anderen Nachkommen aus Widerstandsfamilien sollte helfen, die Einsamkeit und das Leid der Söhne und Töchter zu lindern. In der Schule hätten alle gedacht, sie wäre eine Jüdin, da die Mitschüler nichts vom Widerstand wussten, erinnert sich Clarita Müller-Plantenberg, die Tochter Adam v. Trotts.108 Außerdem setzte sich das Hilfswerk dafür ein, dass Überlebende des Attentats den Nachkommen die Motive, die inneren Kämpfe und Ziele ihrer Väter näher brachten, um den Weg in den Widerstand für die Kinder verständlicher zu machen, die bisweilen die Motive ihrer Väter nicht verstanden. Gleichzeitig verwaltete das Hilfswerk Schulstipendien für Hermann-Lietz-Schulen, für das Internat in Salem und die Odenwaldschule. Dahinter verbarg sich die Überlegung, den Söhnen und Töchtern die Chancen in der Bundesrepublik einzuräumen, die ihnen ihre Herkunftsfamilien unter anderen Umständen auch gewährt hätten. »Das war damals eine sehr kräfteraubende und zeitintensive Arbeit, die die Gräfin Hardenberg leistete«,109 erinnert sich Christine Blumenberg-Lampe, die den Aufbau des Hilfswerks als Tochter von Gertrud Lampe, der Nachfolgerin Gräfin Hardenbergs, seit der Gründung verfolgt hat.

Im Jahr 1946 stand die Gesundheit der Kinder im Vordergrund: Die Kinder mussten »aufgepäppelt« werden. Der Schweizer Arzt, Albert v. Erlach, hatte deshalb eine Hilfsaktion für die Kinder des 20. Juli gegründet und ermöglichte 130 von ihnen einen dreimonatigen Aufenthalt in ausgesuchten Schweizer Familien. Andere Kinder kamen in Schweizer Kinderheime. Von diesem Aufenthalt profitierten die Kinder nicht nur, sondern fühlten sich teilweise erneut alleine gelassen und abgeschoben. »So kam ich zur Familie des Müllers Lanz nach Wiedlisbach im Kanton Solothurn und erlebte dort drei Monate lang ganz wunderschöne Ferien. Die Erinnerung an diese Zeit, das gute Essen, die netten Leute, der zauberhafte Ort ist mir unvergesslich. Noch heute besuchen mein Mann und ich einmal im Jahr voller Freude und Dankbarkeit die Familie Lanz in Solothurn«,110 erinnert sich Helmtrud v. Hagen. Zahlreiche amerikanische Vereine, Rotary-Clubs und Schulen luden Kinder von Widerstandskämpfern für ein Jahr auf ihre Kosten in die Vereinigten Staaten ein.

Außerdem bemühte sich das Hilfswerk zu erfahren, was den Kindern während ihres Aufenthalts in Bad Sachsa tatsächlich passiert sei. So hatten einige Mütter das Gefühl, dass sich ihre Kinder seit dieser Zeit merklich verändert hatten. Vor allem kleinere Kinder, die sich kaum artikulieren konnten, litten und leiden teilweise bis heute unter der für sie unerklärbaren Trennung von den Eltern. So erzählte die Witwe Adam v. Trotts, Clarita, in einem Interview: »Die zweieinhalbjährige Verena ist durch die Küchentür ins Haus gekommen und hat gesagt: ›Da bin ich wieder.‹ Aber als wir wieder vereint waren, konnte ich sie drei Tage lang nicht trösten, so unaufhörlich weinte sie kläglich vor sich hin.«111 Auch Helmtrud v. Hagen erlebte die Zeit als traumatisch: »Ich war die letzte, die kam, behaupte ich. Die Mädchen kannten sich oder hatten vielleicht schon zusammen gespielt. Ich war da so ein Fremdkörper, der wahrscheinlich auch störte.«112 Andere Kinder verarbeiteten die Erlebnisse auf den ersten Blick anders. So berichtete die Witwe Elisabeth Freytag v. Loringhoven: »Man hat ihnen Schauergeschichten erzählt, damit sie nicht weglaufen, aber ansonsten wurden sie wohl nicht schlecht behandelt. Meine beiden Älteren fanden dort sofort Anschluss und Freunde. Wir waren kaum zusammen, da stürzten sich die Buben über mich und sprudelten mit Namen heraus, von Kindern, mit denen sie zusammengewesen waren, Stauffenberg, Hansen …«113 Christa v. Hofackers Erinnerungen lassen hingegen die Schwere erahnen, die der Aufenthalt in Bad Sachsa und die Veränderungen in den Familien bewirkten. So berichtet sie in einem Nachsatz ihres Artikels, dass nach 1944 eine »tiefe Wunde« geblieben sei. »Aber dann ist mir, als habe sich vor dieses eine Jahr ein dichter Schleier gezogen und all das Erlebte sei nur ein Traum.«114

1953 ließ die engagierte Geschäftsführerin Renate Gräfin Hardenberg durch einen Bekannten Nachforschungen in Bad Sachsa anstellen.115 Dort stieß er zunächst auf eine Mauer des Schweigens. Das Personal des ehemaligen Kinderheims, das nach dem Krieg in ein Erholungsheim für TBC-verdächtige Kinder umgewandelt geworden war, war nicht mehr auffindbar. Schließlich gelang es ihr nach einigen Überredungskünsten, das Vertrauen des Ehepaares Bock zu erlangen, das die in Bad Sachsa inhaftierten Kinder im Juni 1945 in einem großen, mit Holzgas betriebenen Omnibus nach Süddeutschland gebracht hatte. Diese erzählten, am 5. Juni 1945 sei eine würdige ältere, aber sehr energische Rotkreuzoberin aufgetaucht, die den Abtransport der Kinder mit Hilfe der Amerikaner in die Hand genommen hätte. Frau Bock habe sich um die Lebensmittel für die lange Fahrt gekümmert. »Laut Ehepaar Bock seien die Kinder im NSV-Heim anständig behandelt worden«, resümierte der Bekannte der Gräfin Hardenberg.

Später organisierte Renate Gräfin Hardenberg, selbst Mutter von fünf Kindern, 1956 ein Treffen für Nachkommen zwischen 16 und 26 Jahren auf Burg Liebenzell. Dort saß eine Gesellschaft zur Förderung überkonfessioneller, überparteilicher und internationaler Zusammenarbeit. Renate Hardenberg gewann den Autor Eberhard Zeller, den ehemaligen Panzergeneral Gert Graf Schwerin und den persönlichen Referenten von Eugen Gerstenmaier, Hans Fritzsche, ehemals im Infanterie-Regiment 9 und jahrelang in sowjetischer Gefangenschaft, als Referenten. Graf Schwerin hatte nach einer Strafversetzung nach Norditalien vor der allgemeinen Kapitulation mit seiner Truppe kapituliert, um auf den aussichtslosen Kampf hinzuweisen. In den fünfziger Jahren hatte Graf Schwerin die Himmeroder Tagung vorbereitet, aus der die »Denkschrift über die Aufstellung eines deutschen Kontingents im Rahmen einer internationalen Streitmacht zur Verteidigung Westeuropas« hervorging.116

Unsicher, ob ihre Aktion überhaupt auf Resonanz stoßen würde, schrieb die Geschäftsführerin 182 »jugendliche« Nachkommen an, von denen fast die Hälfte, nämlich 73, kamen. Schon beim »Glühwein löste sich die Fremdheit«117. Die Nachkommen schlossen auf Grund ähnlicher Erfahrungen wichtige, mitunter lebenslange Freundschaften und genossen vor allem die vertrauensvolle Atmosphäre, in der sie diskutieren und Fragen stellen konnten, die ihnen auf dem Herzen lagen. Positiv wirkte sich dabei aus, dass die eingeladenen Referenten offen über Probleme sprachen und die Nachkommen mit Weggefährten ihrer Väter in Kontakt kamen, die ihnen diese näher bringen konnten. So berichtete Graf Schwerin davon, wie schwierig es sei, als Nachkomme von Widerstandskämpfern in der Bundeswehr aufgenommen zu werden; Eberhard Zeller, Autor des Buches Vom Geist der Freiheit118 riet den jungen Söhnen und Töchtern, sich mit den Fakten des Attentats vertraut zu machen, um sich gegen Angriffe wehren zu können. Mit ihrer Initiative hatte die Gräfin Hardenberg das Bedürfnis der Söhne und Töchter getroffen, die zu Hause oft nicht über ihre Sorgen und Nöte sprechen konnten. In einem Schreiben an die Teilnehmerin Friederike Richter äußerte sich Renate Gräfin Hardenberg selbst überrascht über den Erfolg: »Die Begeisterung übertrifft bei weitem meine Erwartungen«, schrieb sie und fügte hinzu: »Herr Fritzsche war tief gerührt, die Ähnlichkeit mit den Vätern in manchen Gesichtern wieder zu finden.«119

Auf Grund der großen Resonanz organisierte Gräfin Hardenberg im kommenden Jahr das nächste Treffen in Liebenzell – eine Tradition, die bis in die sechziger Jahre hinein weitergeführt wurde. Diesmal standen auch tagespolitische Fragen auf dem Programm.120 Hierzu hatte Gräfin Hardenberg führende Politikwissenschaftler eingeladen, wie Arnold Bergstraesser, der über die aktuelle Situation der Bundesrepublik in der Weltpolitik referierte. Hans Fritzsche steuerte einen Diavortrag über eine Asien-Reise von Eugen Gerstenmaier bei, während Eberhard Zeller bei abendlichen Kamingesprächen über »Deutschlands Politik in der veränderten Welt« referierte. Über diesen Vortrag entwickelte sich eine lebhafte Debatte, die zeigte, wie sehr sich die Nachkommen der Widerstandskämpfer für eine Demokratisierung der Bundesrepublik stark machten, nicht zuletzt, um das Erbe ihrer Väter weiterzuentwickeln. Für erhitzte Diskussionen sorgte vor allem Hans Fritzsche, der die »Bewältigung der jüngsten Vergangenheit« thematisierte. In seinem Beitrag bewertete Fritzsche die Entwicklung und den Aufstieg der rechtsradikalen Sozialistischen Reichspartei121 (SRP) und sprach über die Rolle von Hans Globke, der die Nürnberger Gesetze kommentiert hatte. Der persönliche Referent Gerstenmaiers erreichte mit seinen Ausführungen, dass die Teilnehmer offen über die Diffamierung ihrer Väter in ihrem eigenen Umfeld sprachen. Gleichzeitig artikulierten viele Teilnehmer der Tagung ihre Ängste, dass erneut ein rechtsradikales Regime die Führung in Deutschland übernehmen könne. »Beim Abendessen wich die Erregung nur langsam«,122 resümierte die Medizinstudentin Friederike Richter die erhitzte Debatte und fügte hinzu, dass beim abendlichen Tanz die Anspannung des Tages gewichen sei. Beim dritten Liebenzeller Treffen sprach der Präsident der deutschen Bundesbank, Karl Blessing, und versuchte die Frage zu beantworten, warum Hitler an die Macht gekommen war. Der Wiesbadener Rechtsanwalt Fabian v. Schlabrendorff erklärte das »Ethos der Männer des 20. Juli«. Die Teilnehmer diskutierten lebhaft über das Problem des Landesverrats und der Eidbindung, woran sich eine kontroverse Debatte über Atombewaffnung anschloss. Die Jugendtreffen entwickelten sich mehr und mehr zu einer Plattform für politische Zeitfragen, was dem Bedürfnis der zweiten Generation nach Klärung politischer Fragen entgegenkam. Eberhard Zeller hingegen fragte, ob in dieser Entwicklung tatsächlich die Zukunft der Jugendtreffen liegen könnte. In einem Schreiben an Gräfin Hardenberg hieß es: »Kommt die menschliche Einflussnahme, das Erzieherische, das, was Sie, glaube ich, einmal Lebenshilfe für die jungen Leute nannten, nicht zu kurz?«123 Die Gräfin ließ Eberhard Zeller wissen: »Ach wissen Sie, ich finde, dass wir doch eine ganze Menge durch die wiederholten Jugendtreffen erreicht haben.«124

In der Tat führten die Jugendtreffen dazu, dass die jungen Erwachsenen, die an den Treffen teilnahmen, lebenslange Verbindungen eingingen und sich für das Hilfswerk 20. Juli 1944 oder die 1973 gegründete Forschungsgemeinschaft 20. Juli einsetzten. So liest sich die Teilnehmerliste der Jugendtreffen wie eine Liste der Personen, die sich später im Hilfswerk oder der Forschungsgemeinschaft engagierten und dieses Interesse auch an ihre Kinder, das heißt an die Enkelgeneration, weitervermitteln konnten. So nahmen der gleichnamige Sohn Helmuth v. Moltke, Friedrich Wilhelm v. Hase, Axel Smend, Rüdiger v. Voss, Wilhelm Graf Schwerin, Günther Habermann ebenso an dem Treffen 1957 teil wie Walter Bonhoeffer, Peter Finckh und Fritz Graf v. d. Schulenburg.

»Das Hilfswerk hat in den ersten 25 Jahren viel für die Nachkommen der Attentäter getan«, erzählt Christine Blumenberg-Lampe, die als Tochter des Freiburger Wirtschaftswissenschaftlers Adolf Lampe die Forschungsgemeinschaft bis zum Jahr 2004 leitete. Besonders wichtig sei für ihre Generation der Raum für Gespräche und das Kennenlernen von jungen Menschen mit einem ähnlichen Schicksal gewesen. Nach dem Tod der Gräfin Hardenberg übernahm die Witwe von Adolf Lampe, Gertrud Lampe, 1960 die Geschäftsführung des Hilfswerks. Damit verlagerten sich die Schwerpunkte. Gertrud Lampe stellte das Zusammenwachsen Europas in den Mittelpunkt der Treffen.

In den sechziger Jahren veranstaltete das Hilfswerk mehrere Jugendtreffen als Reisen, die unter anderem nach Straßburg, Aachen und Brüssel führten, wo die Nachkommen die Europäische Gemeinschaft, die NATO und den Europarat besichtigten. Die Begegnungen waren von dem Geist der Versöhnung zwischen den Völkern bestimmt. So legten beispielsweise die Nachkommen der Attentäter einen Kranz für die belgische Resistance nieder und führten in der deutschen Botschaft in Brüssel Gespräche mit belgischen Angestellten, die von den Deutschen in Konzentrationslager gebracht worden waren. Anschließend fuhr die Gruppe nach Valkenberg, wo in den letzten Kriegstagen belgische Untergrundkämpfer erschossen worden waren. Wie auch die Jugendtreffen finanzierte das Hilfswerk die Reisen in erster Linie aus Spenden. Für viele Teilnehmer wurden die Reisen zu prägenden Erlebnissen. Neben der Völkerversöhnung förderte das Hilfswerk auch das politische Verständnis und Interesse der Nachkommen, nicht zuletzt, um sie auf Karrieren oder Möglichkeiten in Europa vorzubereiten. Spätere Reisen führten nach Paris, Grenoble, Oradour und Limoges. In Oradour-sur-Glane hatte die SS am 10. Juni 1944 ein Massaker unter der französischen Bevölkerung angerichtet, als Repressalie gegen die französische Widerstandsbewegung. Die SS hatte die Bevölkerung des kleinen Ortes in die Kirche getrieben und diese danach angesteckt. »Wir waren eine der ersten deutschen Gruppen, die den Ort nach dem Massaker besucht haben«, erinnert sich Christine Blumenberg-Lampe.

1963 regte der Staat Israel eine dreiwöchige Reise durch den neu gegründeten Staat an, die in erster Linie dazu dienen sollte, die Vorurteile der Israelis nach dem Eichmann-Prozess zu überwinden. Als »Botschafter« für ein anderes Deutschland waren die Söhne und Töchter der Regimegegner geeignet. Das Hilfswerk unterstützte die Reise mit Spenden. Erstmals mussten die rund 30 Söhne und Töchter einen kleinen Beitrag selbst entrichten.125 Die Reise führte vom Toten Meer durch die damals noch umkämpfte Negev-Wüste nach Jerusalem und Tel-Aviv. An der Reise nahmen rund dreißig Teilnehmer teil. »Es war höchst spannend und aufregend für uns«, erzählt Christine Blumenberg-Lampe. Die Israel-Reise war der Höhepunkt der Tagungsreisen.

1973 endeten die Jugendtreffen. Die zweite Generation war selbst erwachsen geworden, hatte erste Berufserfahrungen gesammelt, geheiratet und Kinder bekommen. Dennoch ließ die Vergangenheit viele Nachkommen nie ganz los. In einem Artikel für die Deutsche Tagespost von 1987 bemerkte der langjährige Präsident der Forschungsgemeinschaft 20. Juli, Rüdiger v. Voss: »Die Schatten des Todes reichen weit. Kennzeichnend für fast alle Kinder, die ich kenne, ist eine tiefe persönliche Betroffenheit, mit der zu leben nicht einfach ist.«126 Die Schatten des Todes, vor allem aber die eigene Lebenserfahrung, ließen so manchen der zweiten Generation in eine andere Richtung gehen, als es die Mütter und die wenigen Überlebenden vorhergesehen oder bisweilen gewünscht hätten. In den späten sechziger Jahren spielte sich deshalb auch unter den Nachkommen des 20. Juli ein Generationenkonflikt ab, der deutlich von der Studentenrevolte geprägt war. Im Vergleich zu der vorsichtig gewordenen ersten Generation wollten viele Nachkommen der zweiten Generation mehr oder weniger bewusst das Erbe ihrer Väter fortsetzen, indem sie sich politisch und sozial betätigen. Dabei brach unter den Nachkommen ein mit Vehemenz geführter Streit über den wahren Charakter des Widerstandes aus, fast als wollten die Söhne und Töchter stellvertretend für die hingerichteten Väter die politischen Diskussionen der Nachkriegszeit führen. Höchstwahrscheinlich wäre es zu diesen Auseinandersetzungen auch unter den Vätern gekommen.

Die Angehörigen setzen sich gegen den Vorwurf des Landesverrates zu Wehr

»Beinah die Hälfte aller Leute, die über den 20. Juli mitreden können, sagten über die Verschwörer nur Nachteiliges, vor allem, dass es sich um Verrat handele, um Hochverräter, Landesverräter, Volksverräter oder Staatsverräter. Weiter wird ihnen Feigheit vorgeworfen, gelegentlich auch Egoismus.« Derart nüchtern resümierte das Institut für Demoskopie in Allensbach 1954 nach einer repräsentativen Umfrage die Meinung der deutschen Bevölkerung. Auch die Juristenschaft teilte im Nachkriegsdeutschland häufig diese Ansicht, was daran lag, dass es eine fatale Kontinuität in den Beamtenkarrieren gab und zahlreiche höhere Beamte, die vor 1945 Recht sprachen, dies auch nach 1945 taten. So verloren die Angehörigen des 20. Juli in der Nachkriegszeit eine Reihe von Prozessen, in denen sie oder die Ermordeten von rechtsradikalen Kreisen beleidigt worden waren. Das Hilfswerk hat die Prozesse mit großem Aufwand begleitet und die Angehörigen unterstützt.

Wolfgang Hedler, Angestellter eines christlichen Hilfswerks und Bundestagsabgeordneter der Sozialistischen Reichspartei, bezeichnete im November 1949127 im Bundestag in einer Rede die Widerstandskämpfer kollektiv als Landesverräter. Seine Rede war mit zahlreichen antisemitisehen Äußerungen durchsetzt. Insbesondere beschimpfte Hedler Theodor Steltzer, ein Mitglied des Kreisauer Kreises, als Vaterlandsverräter. Den Fall Hedler nahm die Frankfurter Rundschau auf. Am 12. Dezember 1949 berichtete sie unter dem Titel »Geteilte Meinung eines Abgeordneten über Vergasung von Juden«128 über die Rede des einstigen Stahlhelm-Mitgliedes. Hedler wurde vor dem Landgericht Kiel der Prozess gemacht, in dem eine Reihe von Widerstandsfamilien als Nebenkläger auftraten. Am 31. Januar 1950 sprach das Gericht Hedler frei, der von einer jubelnden Menge empfangen wurde.

Die Sozialdemokraten warfen daraufhin den beteiligten Richtern Rechtsbeugung vor. Dreißig jüdische Kultusgemeinden protestierten gegen das Urteil. In Kiel und Neumünster gingen 14 000 Gewerkschaftler mit Transparenten auf die Straße, auf denen zu lesen war: »Nie wieder Hitler. Nie wieder Hedler«. In dem Revisionsverfahren wurde Hedler zu neun Monaten Haft verurteilt. Dennoch tauchte Hedler im Parlament auf, um einen Nebenraum für Interviews zu nutzen. Daraufhin prügelten SPD-Abgeordnete, unter ihnen auch Herbert Wehner, Hedler mit dem Satz aus dem Bundestag: »Wir lassen uns nicht noch einmal im KZ die Knochen polieren.«129 Gleichzeitig scheiterten die Sozialdemokraten mit dem Versuch, ein Gesetz gegen die Feinde der Demokratie und ein Gesetz zur Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts in der Strafrechtspflege durchzusetzen.

Ein Jahr später mussten die Angehörigen des 20. Juli erleben, dass das Münchner Landgericht die beiden Vorsitzenden des SS-Standgerichts, den SS-Standartenführer Walter Huppenkothen, sowie SS-Sturmbannführer und Richter Otto Thorbeck vom Vorwurf der Folter und des Mordes freisprach. Beide hätten sich – so das Gericht – nach der damaligen Rechtslage völlig korrekt verhalten, als kurz vor Kriegsende im KZ die Widerstandskämpfer Hans v. Dohnanyi, Wilhelm Canaris und Dietrich Bonhoeffer zum Tode verurteilt und erhenkt wurden. Erst nach jahrelangen juristischen Querelen wurde Huppenkothen wegen Beihilfe zum Mord zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt, während Thorbeck aus Mangel an Beweisen freigelassen wurde. Am Ende dieser Prozessreihe verurteilte der Bundesgerichtshof die Widerständler gewissermaßen neu,130 schrieb der Sohn von Justus Perels, Joachim Perels.

Wie Hedler war Generalmajor Otto-Ernst Remer Mitglied der Sozialistischen Reichspartei (SRP). Die SRP hatte sich in den Nachkriegsjahren als Auffangbecken für enttäuschte Nationalsozialisten etabliert. Auf Grund der hohen Arbeitslosigkeit und des Flüchtlingselends hatte die SRP vor allem in Niedersachsen und Schleswig-Holstein Erfolg. Als ungekrönter Star der Partei begeisterte der ehemalige Generalmajor Otto Ernst Remer auf zahlreichen Wahlkundgebungen in Niedersachsen die Menge.131 Die Historikerin Ute Frevert zitierte einen Schweizer Journalisten, der 1952 geschrieben hatte: »außerhalb Deutschlands« sei Remer »der bekannteste deutsche Politiker neben Adenauer«.132

Der Kommandeur des in Berlin stationierten Wachbataillons Großdeutschland war dafür verantwortlich, dass der Staatsstreich am 20. Juli in Berlin niedergeschlagen wurde. So hatte sich Remer am 20. Juli 1944 dem Befehl des Generals Paul v. Hase widersetzt und den Propagandaminister Joseph Goebbels persönlich in seinem Palais aufgesucht. Goebbels hatte Remer daraufhin telefonisch mit dem angeblich getöteten Hitler verbunden. Remer hob daraufhin die von den Widerstandskämpfern in der Bendlerstraße verhängte Absperrung des Regierungsviertels auf und unterstellte sich den eintreffenden Einheiten und Stoßtruppen.133

Bei seinen Wahlkampfreden gefiel sich Remer in der Rolle des Rächers, der den Aufstand der »Eidbrecher« vereitelt hatte. Trotz zahlreicher Klagen und Strafanträge betonte Remer weiterhin: »Wenn man schon bereit ist, Hochverrat zu begehen. dann bleibt die Frage offen, ob nicht in sehr vielen Fällen dieser Hochverrat gleich Landesverrat ist. Diese Verschwörer sind zum Teil in starkem Maße Landesverräter gewesen, die vom Ausland bezahlt wurden. Sie können Gift darauf nehmen, diese Landesverräter werden eines Tages vor einem deutschen Gericht sich zu verantworten haben.«134

Die Bundesregierung verhielt sich gegenüber den kämpferischen Reden Remers zunächst passiv. Vor allem die beiden liberalen Parteien DP und FDP und der liberale Justizminister Thomas Dehler blieben abwartend, um das rechte Wählerpotential nicht abzuschrecken. Erst als sich der amerikanische Hochkommissar John McCloy beunruhigt über Remer zeigte und Adenauer unter Druck setzte, war der Bundeskanzler zum Eingreifen bereit. Dabei spielte es vermutlich eine Rolle, dass Adenauer fürchtete, bei einer Verschleppung des SRP-Verbotes könne der Besatzungsstatus von den Alliierten wegen politischer Unreife der Deutschen nicht aufgehoben werden. Das Wahldebakel am 6. Mai 1951 schien Adenauers Ängsten Recht zu geben: Die SRP errang, trotz eines in letzter Minute von der Bundesregierung verhängten Verbotes ihrer aktivistischen Gliederung, elf Prozent ihrer Stimmen in Niedersachsen und wurde damit viertstärkste Fraktion im Landtag. Erst Mitte November 1951, nachdem die SRP bei den Bremer Bürgerschaftswahlen am 7. Oktober 7,7 Prozent der Stimmen errang, beantragte die Bundesregierung ein Verbot der SRP, dem 1956 das der KPD folgte.

Das zögerliche Verhalten der Regierung erboste den damaligen konservativen Bundesinnenminister, ein Mitglied des Kreisauer Kreises, Robert Lehr (CDU) derart, dass er mit den beiden Witwen Annedore Leber und Marion Yorck v. Wartenburg und anderen einen Strafantrag gegen Remer wegen übler Nachrede und Beschimpfung des Andenkens Verstorbener stellte. Lehr, der sich nach einer Reise durch Niedersachsen von der Gefährlichkeit der neonationalistischen Partei überzeugt hatte,135 handelte bewusst als Privatperson. Erst am 23. Oktober 1952 erklärte das neu gegründete Bundesverfassungsgericht die Partei für verfassungswidrig.

Zuvor aber war es im März 1952 in Braunschweig zu einem denkwürdigen Prozess gegen Remer gekommen, bei dem es letztlich um die Frage ging, ob die Männer des Widerstandes Landes- und Hochverrat begangen hätten. Leiter der Generalanwaltschaft von Frankfurt a. M. war Fritz Bauer, der von den Nationalsozialisten bereits 1933 in Schutzhaft genommen worden war und dem später die Flucht nach Dänemark gelang. Bauer gehörte zu den wenigen rassisch und politischen Verfolgten, die nach 1949 mit dem Ziel nach Deutschland zurückkehrten, die deutsche Gesellschaft mit juristischen Mitteln zu einer Selbstaufklärung nationalsozialistischer Verbrechen zu bewegen. Bauer ging es in dem Remer-Prozess um eine Rehabilitierung der Männer des 20. Juli und damit um eine »Wiederaufnähme« der Verfahren vor dem Volksgerichtshof Roland Freislers. Außerdem wollte er die Schmach der auf dem rechten Auge blinden Justiz im Hedler-Prozess wieder gutmachen.136

Bauer hatte in dem Prozess prominente Überlebende des Widerstandes, wie den Präsidenten des Verfassungsschutzamts, Dr. Hans Lukaschek, oder Dr. Fabian v. Schlabrendorff, den späteren Richter am Bundesverfassungsgericht, in den Zeugenstand gebeten. Zu einem »Forum historisch-politischer Aufklärung« wurde das Gericht vollends, als hochrangige Gutachter wie der Völkerrechtler Hans-Günther Seraphim, der Jurist Ernst Wolf und die Theologen Rupert Angermeier und Hans-Joachim Iwand das Recht auf Widerstand im Unrechtsstaat aus ihrer jeweiligen Fachrichtung begründeten. In einem Plädoyer sprach Fritz Bauer den denkwürdigen Satz: »Am 20. Juli war das deutsche Volk total verraten, verraten von seiner Regierung, und ein total verratenes Volk kann nicht Gegenstand eines Landesverrates sein.« Bauer widersprach damit der Auffassung, im NS-System habe es keine Möglichkeit gegeben, sich der Willkür, dem Tenor zu widersetzen. Dies zeige die Arbeiterbewegung genauso wie Einzelne aus der Wehrmacht. Gleichzeitig argumentierte Bauer, dass der Widerstand schon deshalb nicht als Hochverrat bestraft werden könne, da nur ein erfolgloser Hochverrat strafbar sei, der 20. Juli aber bereits den Kern des künftigen demokratischen Staats gebildet habe. Besonders den Widerstand gegen Hitler wollte Bauer als einen Widerstand der Deutschen begriffen haben. »Ich glaube, im Namen des deutschen Volkes sollten wir dagegen protestieren und uns klar und deutlich und mit Stolz zu unseren Widerstandskämpfern bekennen, die seit dem Jahre 1933 durch die Konzentrationslager gingen und mit eisernem Willen und heißem Herzen für die Wiederherstellung der Freiheitsrechte, für die Grundrechte und Menschenrechte in Deutschland gekämpft haben.«137 Der Prozess fand ein großes Medienecho und wurde damit zu einem Lehrstück in Demokratie. Nach einer Woche Prozess mit hochkarätigen und gewichtigen Gutachtern kam das Oberlandesgericht zu dem Schluss, die Widerstandskämpfer hätten aus «heißer Vaterlandsliebe und selbstlosem, bis hin zur bedenkenlosen Selbstopferung gehendem Verantwortungsbewusstsein gegenüber ihrem Volk« gehandelt. »Es gereicht der Justiz jedoch zur Ehre, dass sie sich 1952 trotz ihrer Erziehung im juristischen Positivismus zur ethischen und rechtlichen Anerkennung der Widerstandstaten vom 20. Juli 1944 durchrang«,138 urteilte Rudolf Wassermann.

Damit hatte erstmals ein Gericht in der Bundesrepublik die Widerstandskämpfer rehabilitiert, auch wenn die Mehrheit der Bevölkerung über den Widerstand bis in die sechziger Jahre hinein anders dachte. Dieses Urteil beeinflusste zehn Jahre später die Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts, wonach »politischer Widerstand« ein, »der politischen Überzeugung des Täters entspringendes Verhalten (war), welches dazu bestimmt ist und, wenigstens in der Vorstellung des Täters, auch dazu geeignet war, das abgelehnte Regime als solches über den Rahmen des Einzelfalls zu beeinträchtigen«. Auf der anderen Seite bemaß der Bundesgerichtshof den »Erfolg« des Widerstands als maßgebliche Doktrin. Mit seinem Einsatz erzwang Bauer in zahlreichen Gerichtsverfahren eine deutliche und unmissverständliche Position gegenüber dem Widerstand.

Die Mehrzahl ehemaliger Soldaten warf den Widerstandskämpfern in der Nachkriegszeit »Feigheit« und »Landesverrat« vor, was nicht zuletzt daran lag, dass die Alliierten zunächst kein Interesse hatten, die Bevölkerung über die Opposition gegen Hitler aufzuklären. Gestützt wurde diese Einstellung auch durch das Auftreten von Alfred Jodl und Gerd v. Rundstedt während des Nürnberger Prozesses und durch die abwertende Beurteilung Heinz Guderians und Erich v. Mansteins in ihren Autobiographien.139 Dabei verlief die Diskussion oft plakativ zwischen »Eidhaltern« und »Eidbrechern«, was die Traditionsfindung der neuen Armee in ihrer Planungsphase extrem erschwerte. »Wer sollte Vorbild sein? Der Offizier, der tapfer gekämpft hatte, weil er ein glühender Nationalist und vielleicht aus Kurzsichtigkeit sogar Nationalsozialist war, oder der, der tapfer kämpfte, obwohl er kein Nationalsozialist war, oder derjenige, der sich am Widerstand beteiligte?«, fragte Wilfried v. Biedow.140 1951 sprachen sich noch 59 Prozent der ehemaligen Berufssoldaten gegen die Widerstandskämpfer aus.

Bei seiner Berufungspolitik achtete Konrad Adenauer darauf, nur Männer für den Aufbau der neuen Armee zu berufen, die sich »nicht im Sinne des NS-Regimes exponiert hatten«. Als »Beauftragter des Bundeskanzlers für die mit der Vermehrung der alliierten Truppen zusammenhängenden Fragen« amtierte seit 1955 Theodor Blank, der einen »radikalen Bruch mit (dem) Militarismus der Vergangenheit« zu vollziehen versprach, gleichzeitig aber die These vertrat, »die Beteiligung oder Nichtbeteiligung am Attentat sei eine Gewissensentscheidung gewesen, die in jedem Falle zu respektieren« sei. Mit dieser betont vorsichtigen Haltung versuchte die Bundesregierung vor allem die konservativen Soldatenverbände zu beschwichtigen, auf die die Regierung bei der Rekrutierung von Soldaten angewiesen war. In der Dienststelle Blank arbeiteten mit Axel v. dem Bussche, Johann Adolf Graf v. Kielmansegg, Joachim Oster und Ernst Wirmer eine Reihe von Mitarbeitern, die von dem Widerstand tief beeinflusst und geprägt waren. Entscheidend für den Wiederaufbau der Streitkräfte wurde auch Wolf Graf v. Baudissin, der für eine Armee eintrat, die den »Bürger in Uniform« förderte und das Prinzip der »inneren Führung« befürwortete.

Auch bei der Suche nach neuen militärischen Führern spielte die Einstellung zum 20. Juli eine Rolle. Der Bundestag hatte am 23. Juli 1955 das Gesetz über den Personalgutachterausschuß für die Streitkräfte beschlossen, nach dem künftige Soldaten auf ihre persönliche Eignung hin überprüft wurden. In dem Ausschuss saßen auch ehemalige Widerstandskämpfer, wie Fabian v. Schlabrendorff oder die Witwe Julius Lebers, Annedore. »Insgesamt kann gesagt werden, dass von den Bewerbern um eine Position als militärischer Führer in der neuen Armee grundsätzlich eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit verlangt wurde«,141 resümiert Robert Buck.

Einen ersten Abschluss der lange Jahre geführten Kontroverse, ob sich die Bundeswehr auf Männer des 20. Juli berufen könne, die ihren Eid gebrochen hatten, bildete der Tagesbefehl zum 20. Juli 1959, mit dem der Generalinspekteur der Bundeswehr, Adolf Heusinger,142 erstmals den Vorbildcharakter der Männer des Widerstands betonte. So heißt es in dem Tagesbefehl: »Wir Soldaten der Bundeswehr stehen in Ehrfurcht vor dem Opfer dieser Männer, deren Gewissen durch ihr Wissen aufgerufen war. Sie sind die vornehmsten Zeugen gegen die Kollektivschuld des deutschen Volkes. Ihr Geist und ihre Haltung ist uns Vorbild.«143

Während die neugegründeten Zeitungen wie Der Ruf oder Die Frankfurter Hefte dem Widerstand sehr aufgeschlossen gegenüberstanden, überwog in einigen Tageszeitungen die kritische Haltung in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Den Familienmitgliedern und Witwen wuchs die Aufgabe zu, der Verunglimpfung ihrer Angehörigen entgegenzuwirken. Gleichzeitig bestätigten die Auseinandersetzungen in der Presse so manchen Nachkommen in seinem Eindruck, der Mann, Vater, Verlobte, Bruder oder Freund wäre umsonst in den Tod gegangen. Zu einer ersten Auseinandersetzung in den Medien um die Bedeutung des 20. Juli kam es bereits im Dezember 1946. Damals warf der Mitbegründer und Herausgeber des Berliner Tagesspiegels, Erik Reger, Stauffenberg und dem ehemaligen Leipziger Bürgermeister Carl Goerdeler vor, zu spät gehandelt zu haben. In dem Artikel »Der improvisierte Widerstand. Der 20. Juli und das andere Deutschland« stellte Reger die Situation des Attentats so dar, als hätten Stauffenberg und Goerdeler aus persönlichem Ehrgeiz und erst in der aussichtslosen Lage Deutschlands gehandelt. »Es fehlten überall Härte des Willens, unbestechliches Urteil und Mut zur letzten Konsequenz des Denkens, und dies ist in Wirklichkeit der tiefere Grund, weshalb man nicht handeln konnte«, hieß es in Regers Artikel. Weiter kritisierte Reger die Ziele der Attentäter. Denn die nach dem Sturz Hitlers ins Auge gefasste Regierung wäre nur eine Neuauflage der Regierung Schleicher vor der Wende der Jahre 1932/33 gewesen. »Die gleiche verschwommene Ideologie, der gleiche illusionistische Standpunkt, der gleiche Grad von Inkonsequenz, die gleiche Beziehungslosigkeit zur Masse des Volkes.«144 Gegen Regers Kritik wandten sich sowohl die Witwe des Widerstandskämpfers Julius Leber, die Publizistin Annedore Leber, als auch Marion Gräfin Dönhoff Anfang 1947 in der ZEIT. Doch Reger blieb bei seiner Meinung und warf der Witwe Leber einen Mangel an historischem Sinn vor, der dadurch zu entschuldigen sei, dass »sie keine Politikerin, sondern nur die Witwe eines Politikers ist«.145 Der Tagesspiegel stand mit dieser Meinung im Nachkriegsdeutschland nicht allein da. Auch ein Artikel unter der Überschrift »Ein Kilo Dynamit zu wenig. 20. Juli 1944. Die Tragödie der deutschen Widerstandsbewegung« in der Süddeutschen Zeitung von 1949 vertrat die Auffassung, Stauffenberg habe die zweite Bombe im Führerhauptquartier absichtlich nicht gezündet, da er wusste: »Du sollst nicht töten.«146

Eine andere Sprache fand sich in Wochenzeitungen und Zeitschriften. In der ZEIT brach Marion Gräfin Dönhoff, die mit einigen Widerstandskämpfern befreundet war, eine Lanze für die Verstorbenen. So erschien bereits 1946 ein ganzseitiger Artikel in der ZEIT, in der Marion Gräfin Dönhoff nicht nur die Breite der Widerstandsbewegung von den Sozialdemokraten bis hin zu den hohen Militärs beschrieb, sondern auch auf vorangegangene Attentatsversuche einging. Noch ganz von der feindlichen Stimmung gegen die Widerstandskämpfer geprägt, schrieb Gräfin Dönhoff, nachdem sie zuvor Hitlers erfolgreichen Versuch beschrieben hatte, den Widerstand in Misskredit zu bringen: »So hat das deutsche Volk nie erfahren, dass sich in jener Bewegung noch einmal die besten Männer aller Bevölkerungsschichten, die letzten positiven Kräfte eines völlig ausgebluteten Landes zusammengefunden hatten. Die Not der Stunde, die Verzweiflung über das Ausmaß an Verbrechen, Schuld und Unheil, die der Nationalsozialismus über Deutschland gebracht und weit hinaus in die Welt getragen hatte, führte diese Männer zu einer letzten großen Kraftanstrengung zusammen. Die führenden Persönlichkeiten der Gewerkschaften und der Sozialisten, Vertreter der beiden christlichen Kirchen und jene Offiziere der Wehrmacht, die das eigene Urteil und die Stimme des eigenen Gewissens über den blinden Gehorsam stellten, zahlreiche Vertreter des Adels und des Bürgertums, verantwortungsbewusste Beamte bis hinauf zu Ministern und Botschaftern, sie alle waren bereit, ihr Leben einzusetzen, um Deutschland von der Verbrecherbande zu befreien.«147 In der ersten Ausgabe der Gegenwart berichtete der Freiburger Professor Gerhard Ritter über die Rolle der Universitäten im Dritten Reich.148

Auch die Frankfurter Rundschau mahnte 1949: »Wir ehren heute die Toten des 20. Juli und mit ihnen die Überlebenden und die Hinterbliebenen und wir stellen fünf Jahre nach dem Putsch fest, dass man wohl die Pensionen für die Hinterbliebenen der Nationalsozialisten festgesetzt hat, aber die rechtliche Grundlage der Hilfe für die Hinterbliebenen der politisch und rassisch Verfolgten ist praktisch noch nicht geschaffen.«149 Vielfach spiegelten die Presseberichte der vierziger Jahre das mangelnde Wissen der Deutschen über den Widerstand wider.

Vor allem Freunde, Verwandte und Mitverschwörer sahen es in der Nachkriegszeit als ihre Aufgabe an, die Erinnerung und das Erbe der Ermordeten wach zu halten.150 Damit wollten sie nicht zuletzt die Stammtischreden von den Landesverrätern zum Schweigen bringen und über das andere Deutschland und die weite Verzweigung des Widerstandes aufklären, auch wenn die Autoren Widersprüche im Widerstand bewusst herunterspielten. Auf einer Tagung in Hindelang im Juli 1947 fasste auch das Hilfswerk folgenden Beschluss: »Angesichts der schweren Verkennung der deutschen Widerstandsbewegung in der deutschen und ausländischen Presse und angesichts der vielen irrigen oder halbwahren Nachrichten, die über die Widerstandsbewegung im Umlauf sind, ist es notwendig, rechtzeitig alle authentischen Materialien zu sammeln und zu sichten, die über die deutsche Widerstandsbewegung, soweit sie zum 20. Juli 1944 führt, heute noch erkennbar sind.« Die beiden Historiker Alexander v. Stauffenberg und Gerhard Ritter, der mit vielen Regimegegnern befreundet war, wurden beauftragt, eine ›vollständige‹ Geschichte des Widerstands zu schreiben, die 1954 in der Biographie Ritters über Carl Goerdeler mündete. Dieser Auftrag bewies seine Tücken. ›Aufzuzeigen, wie es eigentlich gewesen‹ – diesem Anspruch standen nicht nur die unschwer zu erklärende Kargheit der Quellen im Wege, sondern auch die durch dieses Thema provozierten Emotionen«,151 schreibt Christiane Toyka-Seid, die bislang als Einzige sich mit der Geschichte des Hilfswerks auf Quellenbasis auseinandergesetzt hat.

Bereits 1946 gab die Witwe des ehemaligen deutschen Botschafters in Rom, Ilse v. Hassell, die gekürzten Tagebücher ihres Mannes Ulrich v. Hassell heraus, der von den Nationalsozialisten am 8. September 1944 hingerichtet worden war. Der Titel Vom anderen Deutschland wurde synonym für ein Deutschland verwendet, das auf dem Boden der Rechtsstaatlichkeit stehen wollte. Ebenso wie Erinnerungen des späteren Bundesverfassungsrichters Fabian v. Schlabrendorff und die Arbeit des Journalisten Rudolf Pechel ließen auch die Aufzeichnungen Hassells keinen Zweifel daran, dass der 20. Juli in einer langen Kette gescheiterter Attentatsversuche stand.152 Auf Grund der zunächst ablehnenden Haltung der Alliierten gegenüber dem 20. Juli konnten diese Bücher nur in der Schweiz erscheinen und erreichten das deutsche Lesepublikum damit auf Umwegen. Vielfach wurden die kaum zugänglichen Bücher aber in deutschen Zeitungen abgedruckt.153 In der unmittelbaren Nachkriegszeit interessierten sich die Menschen vor allem für religiöse und schöngeistige Literatur, die sie nicht an die Schreckensjahre der NS-Zeit und ihre eigene Rolle erinnerte. Auch die Westalliierten waren nach 1945 noch von der Propagandathese durchdrungen, wonach es sich bei den Widerstandskämpfern um eine kleine Gruppe ehrgeiziger Offiziere gehandelt habe, die, um die eigene Kaste zu retten, einen Separatfrieden mit dem Westen anstrebten. Das Anerkenntnis einer in der deutschen Bevölkerung breit angelegten Widerstandsbewegung hätte bedeutet, dass Amerikaner und Engländer ihre eigene zwiespältige Rolle gegenüber Männern wie Adam v. Trott oder Dietrich Bonhoeffer hätten überdenken müssen. Gleichzeitig erschienen ebenfalls Bücher, die sich kritisch mit dem Widerstand auseinander setzten.154

Ein Umdenken in den Medien zeichnete sich zum zehnten und fünfzehnten Jahrestag des Attentats ab. So erschien das zunächst 1948 in Amerika verlegte Buch des Historikers Hans Rothfels 1949 in einem größeren deutschen Verlag. Rothfels versuchte, den Widerstand aus einer objektiveren Sicht zu bewerten. Sein Buch Die deutsche Opposition gegen Hitler155 stellte das Attentat vom 20. Juli als die »entscheidende Aktion« heraus und würdigte vor allem die ethischen und religiösen Motive der Attentäter Von entscheidender Bedeutung für die öffentliche Wahrnehmung des Widerstands wurde der zweiteilige Sammelband Das Gewissen entscheidet und Das Gewissen steht auf. Annedore Leber hatte für die beiden Sammelbände zahlreiche Porträts von zum Teil schon vergessenen Widerstandskämpfern zusammengetragen und die Porträts mit zahlreichen Originalzitaten angereichert. Herausgegeben wurden die beiden 1954 und 1959 erschienenen Publikationen von Annedore Leber, Willy Brandt und dem Historiker Karl-Dietrich Bracher.

Auch in der Presse156 ließ der Argwohn gegenüber den Widerstandskämpfern zum zehnten Jahrestag vorsichtig nach. Dies lag nicht zuletzt an der Anerkennung des 20. Juli durch Bundespräsident Theodor Heuss 1954. So würdigten alle überregionalen Zeitungen zum zehnten Jahrestag mit großen Artikeln und Sonderseiten die Opposition gegen Hitler. Die noch fünf Jahre zuvor deutlich spürbare Häme wich dabei allmählich der Anerkennung des Mutes und der Opferbereitschaft der Männer des 20. Juli. So publizierte beispielsweise die Frankfurter Allgemeine Zeitung 1954157 in ihrer Tiefdruckbeilage an zwei aufeinander folgenden Wochenenden Auszüge aus dem Buch Annedore Lebers Das Gewissen steht auf. Das Parlament158 druckte eine Sonderausgabe zum zehnten Jahrestag des Attentats. Die Beilage Aus Politik und Zeitgeschichte griff in verschiedenen Ausgaben unterschiedliche Aspekte des 20. Juli heraus.159 Die Frankfurter Rundschau veröffentlichte eine Seite über Männer aus dem Widerstand aus unterschiedlichen sozialen Schichten.160 Der Berliner Tagesspiegel dokumentierte den zehnten Jahrestag ausführlich: Auf der ersten Seite fand sich ein Artikel: »Bekenntnis zu den Opfern des 20. Juli«, auf der dritten Seite wurde aus der Rede von Bundespräsident Theodor Heuss zitiert.161 Auch der Leitartikel der Süddeutschen Zeitung bewertete das Verhalten der Männer des 20. Juli positiv: »Kein Offizier, Soldat oder Beamter, der selbst zu wenig Zivilcourage hatte, um eine außergewöhnliche Entscheidung zu treffen, hat heute das Recht, aus seiner damaligen Schwäche heraus die wenigen Menschen, die den Mut zur stolzen Tat hatten, als Hochverräter oder gar Landesverräter zu bezeichnen.«162 Eine breitere Öffentlichkeit sah ferner 1955 die beiden gleichzeitig als Konkurrenz produzierten Kinofilme Der 20. Juli und Es geschah am 20. Juli des bekannten Filmregisseurs Georg Wilhelm Pabst. Der Regisseur des Filmes Der 20. Juli, Falk Hamack, gehörte zum Kreis der Geschwister Scholl und wurde 1943 mit angeklagt. Hamacks Film zum 20. Juli erhielt 1956 den deutschen Filmpreis für seine Förderung des demokratischen Gedankenguts.163

Im Wesentlichen stellten die Journalisten am fünfzehnten, zwanzigsten und fünfundzwanzigsten Jahrestag des Attentats die positiven Auswirkungen der Opposition für Deutschland heraus und ließen die Opposition gegen Hitler oft wie eine direkte Vorgeschichte der Bundesrepublik erscheinen. Auf Grund des hohen Unwissens der Bevölkerung brachten die meisten Zeitungen erneut ausführliche Sonderseiten über das Attentat.164 Vor allem zum zwanzigsten Jahrestag des Widerstands war »der Höhepunkt dieser Identifizierung mit dem Widerstand erreicht«.165 In den späten sechziger Jahren reflektiert die Publizistik die Bemühungen der Forschung, sich anderen Widerstandsgruppen als dem 20. Juli zuzuwenden, was unter dem Stichwort: »Es gab nicht nur den 20. Juli« zunehmend populärer wurde.

Mit zeitlicher Nähe zu 1968 betonen die überregionalen Blätter, vor allem liberale Zeitungen wie die Süddeutsche Zeitung und die Frankfurter Rundschau, dass es in allen Volksschichten Widerstand gegen Hitler gegeben habe, und bedauern die einseitige Berichterstattung über den militärischen Widerstand. In der Frankfurter Rundschau berichtete Karl Hermann Flach 1964, dass »der deutsche Widerstand wesentlich breiter war als der 20. Juli«.166 Fünf Jahre später kommentierte Wolfgang Bartsch in der gleichen Zeitung unter dem Titel: »Unser aller Scheitern«: »… wir getrauen uns ja bis heute nicht einmal einzugestehen, dass der agilste, energischste und opferbereiteste Widerstand insgesamt der von Kommunisten und Sozialisten war – und nicht der der Offiziere, die am 20. Juli 1944 in dem Berliner Bendlerblock ermordet worden sind.«167 Mit größerer Akzeptanz des Widerstands in der Fachöffentlichkeit und der Politik wuchs in den Zeitungen systematisch der Raum, der dem 20. Juli eingeräumt wurde. In den meisten Zeitungen dauerte es allerdings bis zum zwanzigsten Jahrestag, bis auf der Frontseite der Zeitung über die Feierlichkeiten zum 20. Juli geschrieben wurde.168 Sogar der SPIEGEL, der den 20. Juli jahrelang nicht erwähnte, ließ 1964 Fabian v. Schlabrendorff auf den hinteren Seiten eine Buchbesprechung verfassen, in dem sich der Jurist darüber beklagte, dass die Jugend nichts mehr über den 20. Juli wisse.169

Trotz der großen Medienberichterstattung versäumte es kein Journalist, darauf hinzuweisen, dass die Bevölkerung über den 20. Juli kaum etwas wüsste und das Datum damit noch lange nicht »Teil des nationalen Bewusstseins« sei, wie es beispielsweise in der Süddeutschen Zeitung vom 20. Juli 1960 zu lesen war.170 In der breiten Öffentlichkeit fand der Widerstand – mit Ausnahme der Geschwister Scholl – nach wie vor nur sehr wenig Widerhall. Bis in die sechziger Jahre hinein hielt die Mehrheit der deutschen Bevölkerung die Widerstandskämpfer für Landesverräter. Und so galt auch am zwanzigsten Jahrestag, was der Journalist Karl Gerald in der Frankfurter Rundschau 1959 betont hatte: »Nichts gegen die Worte und Kränze. Aber alles gegen die Lauheit, gegen die Herzensträgheit, gegen manche Krieger mit tönenden Worten im Mund, die wir heute wiedersehen.«171

1Dieses Kapitel ist ein einleitender Essay, um die Befindlichkeit der Enkelgeneration zu verstehen, und erhebt keinesfalls den Anspruch einer umfassenden Rezeptionsgeschichte des Widerstands, oder gar, die Geschichte von Hilfswerk 20. Juli 1944 oder der Forschungsgemeinschaft schreiben zu wollen.

2Zitiert nach: Joachim Fest, Staatsstreich. Der lange Weg zum 20. Juli. Berlin 1997, S. 278.

3Maßgeblich: Ulrike Hett, Johannes Tuchel, Die Reaktionen des NS-Staates auf den Umsturzversuch vom 20. Juli 1944. In: Peter Steinbach, Johannes Tuchel (Hg.) Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Schriftenreihe Band 323, Bundeszentrale für politische Bildung. S. 377 ff; Ute Ueberschär-v. Livonius, Gerd R. Ueberschär, Polizeiliche Verfolgungsmaßnahmen »Sonderkommission« und die Ankläger gegen die Verschwörer beim »Volksgerichtshof«. In: Bengt v. zur Mühlen, Die Angeklagten des 20. Juli vor dem Volksgerichtshof, Berlin 2001, S. 27–34.

4Klaus J. Bade, »Widerstand ohne Volk«. Die Verschwörung der Eliten und die Kommunisten im Krieg. In: Universitas. Zeitschrift für interdisziplinäre Geschichtswissenschaft 48, 7/1993, Nr. 565, S.629.

5Peter Hoffmann, Widerstand. Staatsstreich. Attentat. Der Kampf der Opposition gegen Hitler. 4. neue überarbeitete und ergänzte Auflage. München, Zürich 1985, S. 623 ff; Huberta v. Voss-Wittig, Erbe und Rezeption des 20. Juli. 1944. Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestags, Infobrief, Februar 2004.

6Gerd R. Ueberschär, Der »Ehrenhof« nach dem Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944. In: Bengt v. zur Mühlen, Die Angeklagten des 20. Juli vor dem Volksgerichtshof, Berlin 2001, S. 22–26.

7Ute Ueberschär-v. Livonius, Gerd R. Ueberschär, Polizeiliche Verfolgungsmaßnahmen. In: Bengt v. zur Mühlen, Die Angeklagten, S. 27.

8Fest, Staatsstreich, S. 294.

9Hett, Tuchel, Reaktionen, in: Steinbach, Tuchel, Widerstand gegen den Nationalsozialismus, S. 378.

10v. zur Mühlen, Angeklagte, S. 215.

11Detlef Graf v. Schwerin, »Dann sind’s die besten Köpfe, die man hängt«. Die junge Generation im Widerstand. München 1991, S. 426.

12Hans-Gunter Voigt, »Verräter vor dem Volksgericht«. Zur Geschichte eines Films. In: v. zur Mühlen, Angeklagte, S. 398–401.

13Über Carl Goerdeler informiert die Biographie von Gerhard Ritter, Carl Goerdeler und die deutsche Widerstandsbewegung, 3. Aufl., Stuttgart, 1956; Ines Reich, Carl Friedrich Goerdeler. Ein Oberbürgermeister gegen den NS-Staat. Köln, Weimar, Wien 1997.

14Heinz Höhne, Canaris. Patriot im Zwielicht, München 1976, S. 563 ff.

15Vgl. hierzu vor allem: Dorothee v. Meding, Mit dem Mut des Herzens. Die Frauen des 20. Juli. Berlin 1992; Martha Schade, Frauen gegen Hitler. Schicksale im Nationalsozialismus. München 2002; Jana Leichsenring (Hg.), Frauen und Widerstand. Münster 2003.

16Clarita v. Trott zu Solz, Adam v. Trott zu Solz. Eine Lebensbeschreibung. Schriften der Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Berlin 1994, S. 151.

17So äußert sich die Tochter von Carl Goerdeler, Marianne Meyer-Krahmer, in dem Film: »Die Frauen des 20. Juli«, Regie: Irmgard v. zur Mühlen. Die Interviews sind abgedruckt in: Leichsenring, Frauen, S. 111 ff.

18Erika v. Tresckow, Erinnerungen an Henning v. Tresckow. In: Sigrid Grabner, Hendrik Röder: Henning v. Tresckow. Ich bin der ich war. 2. Aufl. Berlin 2003; v. Meding, Mut des Herzens. S. 103 ff.

19Irmgard v. zur Mühlen, Ekkehard Kühn, Die Kinder des 20. Juli. Erbe und Vermächtnis. ZDF 1987.

20Leichsenring, Frauen, S. 118.

21Meding, Mut des Herzens, S. 92.

22Über die Aktion Gewitter gibt es bislang keine eigenständige Arbeit. Vgl. deshalb; Heit, Tuchel, Reaktionen. In: Steinbach, Tuchel, Widerstand gegen den Nationalsozialimus, S. 382.

23Ulrike Hett, Johannes Tuchel, Reaktionen des NS-Staats, S. 389.

24Ebd., S. 383 f.

25Zitiert nach Eberhard Birk, Die Kinder des 20. Juli. In: Armee im Einsatz 4 (2002), S. S2ff.

26Detlef Graf v. Schwerin, »Dann sind’s die besten Köpfe die man hängt«, S. 430.

27Meyer-Krahmer, in: Die Frauen des 20. Juli, S. 122.

28Meding, Mut des Herzens, S. 81.

29Ebd, S. 115.

30Marion Gräfin Yorck v. Wartenburg, Die Stärke der Stille. Erzählungen eines Lebens aus dem deutschen Widerstand. Köln 1985.

31Ulrike Hett, Johannes Tuchel, Reaktionen des NS-Staats, S. 383.

32Ober General Hoepner fehlt bislang eine gute Biographie, deshalb: Heinrich Bücheler, Generaloberst Erich Hoepner und die Militäropposition gegen Hitler. Gedenkstätte Deutscher Widerstand. 5. Auflage 1985; Klaus Achmann, Hartmut Bühl, 20. Juli 1944. Lebensbilder aus dem militärischen Widerstand, Hamburg, Berlin, Bonn, 3. erw. Aufl. 1990, S. 111 ff; Peter Steinkamp, Die Haltung der Hitlergegner Generalfeldmarschall Wilhelm Ritter von Leeb und Generaloberst Erich Hoepner zur verbrecherischen Kriegsführung bei der Heeresgruppe Nord in der Sowjetunion 1941. In: NS-Verbrechen und der militärische Widerstand gegen Hitler, Gerd R. Ueberschär. Darmstadt 2000,S. 47–61.

33Mit Rudolf Georgl führte die Autorin ein längeres Gespräch in Berlin im Mai 2004. Alle weiteren Zitate stammen aus diesem Interview.

34Meding, Mut des Herzens, S. 282 ff.

35Über das Kinderheim in Bad Sachsa gibt es – bis auf eine Diplomarbeit von Ulrike Hett an der Freien Universität Berlin – keine eigenständige Publikation. Vgl.: Eberhard Birk, Die Kinder des 20. Juli. In: Armee im Einsatz 4 (2002), S. 72 ff; Berthold Schenk Graf v. Stauffenberg, Eine Kindheit im Dritten Reich – Vom Systemkonformen zum Volksfeind, in: Thomas Vogel (Hg.), Aufstand des Gewissens. Militärischer Widerstand gegen Hitler und das NS-Regime 1933–1945. Hamburg, Berlin, Bonn, S. 293. Die Autorin dankt Herrn König für die wertvollen Hinweise zu Bad Sachsa.

36Christa v. Hofacker, Die Rache am ganzen Geschlecht. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19. Juli 1961.

37Alfred v. Hofacker. In: Die Kinder des 20. Juli, ZDF 1987.

38Christa v. Hofacker, Die Rache am ganzen Geschlecht. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19. Juli 1961.

39Berthold Schenk Graf v. Stauffenberg, Kindheit im Dritten. In: Vogel (Hg.), Aufstand des Gewissens, S. 293.

40Uta v. Aretin. In: Die Kinder des 20. Juli, ZDF 1987.

41Christoph Graf v. Schwerin, Als sei nichts gewesen. Erinnerungen. Berlin 1997, S. 57.

42Alfred v. Hofacker. In: Die Kinder des 20. Juli, ZDF 1987.

43Rainer Goerdeler an Felicitas v. Aretin, 8. Mai 2004.

44Christian Schneider, Cordelia Stillke, Bernd Leineweber, Das Erbe der Napolas. Versuch einer Generationengeschichte, Hamburg 1996.

45Hofacker, Die Rache am ganzen Geschlecht, FAZ, 19. Juli 1961.

46Elsa Müller, unveröffentlichtes Manuskript.

47Hoffmann, Widerstand, S. 657.

48Alfred v. Hofacker, Die Kinder des 20. Juli. In: Bild am Sonntag, 13. Juli 2003.

49Hoffmann, Widerstand, S. 657.

50Eberhard v. Hofacker. In: Die Kinder des 20. Juli, ZDF 1987.

51Auch über die Sonderhäftlinge Hitlers gibt es keine eigenständige Publikation. Fey v. Hassell, Niemals sich beugen. Erinnerungen einer Sondergefangenen der SS. München 1990; Isa Vermehren, Reise durch den letzten Akt, Zürich 1946; Sigismund Best, The venlo incident, London 1949; Ulrike Hett, Johannes Tuchel, Die Reaktionen des NS-Staats, S. 387.

52Hassell, Erinnerungen, S. 148.

53Ebd., S. 172

54Isa Vermehren, in: Die Kinder des 20. Juli, ZDF 1987.

55Ebd.

56Karl Jaspers, Die Schuldfrage. In: Jaspers, Hoffnung und Sorge. Schriften zur deutschen Politik 1945–1965. München 1965, S. 75.

57Vgl. u. a. Lothar Kettenacker, Die Haltung der Westalliierten gegenüber dem Hitlerattentat und Widerstand nach dem 20. Juli 1944. In: Der 20. Juli. Das andere Deutschland in der Vergangenheitspolitik nach 1945, Gerd R. Ueberschär (Hg.), S. 27 ff.; Edgar Wolfrum, Frankreich und der deutsche Widerstand gegen Hitler 1944–1964. Von der Aberkennung zur Anerkennung. In: Ueberschär, Andere Deutschland, S. 68 ff.; Gerd R. Ueberschär (Hg.). Der deutsche Widerstand gegen Hitler. Wahrnehmung und Wertung In Europa und den USA. Darmstadt 2002.

58Über die Rezeptionsgeschichte des 20. Juli gibt es eine anwachsende Flut von Publikationen. Vgl. u. a. Peter Steinbach, »Stachel im Fleisch der deutschen Nachkriegsgesellschaft«. Die Deutschen und der Widerstand. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament 28 (1994), S. 3 ff.; Gerd R. Ueberschär, Der 20.Juli. Das andere Deutschland in der Vergangenheitspolitik nach 1945; Peter Steinbach, Widerstand im Widerstreit. Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus in der Erinnerung der Deutschen, 2. erw. Aufl., Paderborn 2001.

59Aleida Assmann, Ute Frevert, Geschichtsvergessenheit. Geschichtsversessenheit. Vom Umgang mit deutschen Vergangenheiten nach 1945. Stuttgart 1999, S. 151 ff.

60Fest, Staatsstreich, S. 326.

61Assmann, Frevert, Geschichtsvergessenheit, S. 202.

62Günter Weisenborn, Rede über die deutsche Widerstandsbewegung. In: Aufbau 6 (1946), S. 578.

63Werner Bramke, Das Bild vom deutschen Widerstand gegen den Nationalsozialismus im Lichte unterschiedlicher Erfahrungen von Teilung und Umbruch. In: ZfG 7 (1994), S. 600. Peter Steinbach/Johannes Tuchel (Hg.), Widerstand in Deutschland 1933 bis 1945. München 1994.

64Zur Widerstandsrezeption in der DDR vgl. u. a. Ines Reich, Erinnern und verweigern. Der 20. Juli 1944 in der öffentlichen und wissenschaftlichen Wahrnehmung der sowjetischen Besatzungszone und der DDR. In: Aufstand des Gewissens, S. 355 ff. Ines Reich. Kurt Finker, Reaktionäre oder Patrioten? Zur Historiographie und Widerstandsforschung in der DDR bis 1990. In: Ueberschär, Andere Deutschland, S. 159 ff.; Ines Reich. Geteilter Widerstand. Die Tradierung des deutschen Widerstands in der Bundesrepublik und der DDR. In: ZfG 7 (1994), S. 635 ff.

65Über den Einfluss der überlebenden Widerstandskämpfer gibt es keine eigenständige Publikation, vgl. deshalb: Wilhelm Ernst Winterhagen, Enttäuschte Hoffnungen: Zum Anteil der Überlebenden des 20. Juli am politischen Wiederaufbau in Westdeutschland nach 1945. In: Ueberschär, Andere Deutschland, S. 313 ff. Jüngst fand deshalb eine Tagung der Forschungsgemeinschaft 20. Juli zu diesem Thema statt. Vgl Andreas Rosenfelder, Das richtige Erbe, Frankfurter Allgemeine Zeitung 3. März 2004, S. 39. Die Tagung wird in der Schriftenreihe der Forschungsgemeinschaft publiziert werden.

66Vgl. die Memoiren: Theodor Steltzer, Sechzig Jahre Zeitgenosse. München 1966; Anna Hermes, Und setzet ihr nicht das Leben ein. Andreas Hermes – Leben und Wirken. Stuttgart 1971; Fritz Reichhardt, Andreas Hermes. Neuwied 1953.

67Jürgen Danyel, Bilder vom »anderen Deutschland«. Frühe Widerstandsrezeption nach 1945. In: ZfG 7 (1994), S. 611 ff.

68Anton Ackermann: »Legende und Wahrheit über den 20. Juli 1944«. In: Einheit 2 (1947), S. 1172.

69Zu den verschiedenen Verbänden vgl.: Olaf Groehler: »Verfolgten- und Opfergruppen im Spannungsfeld der politischen Auseinandersetzungen in der Sowjetischen Besatzungszone und in der Deutschen Demokratischen Republik« In: Jürgen Danyel (Hg.). Die geteilte Vergangenheit. Zum Umgang mit dem Nationalsozialismus und Widerstand in beiden deutschen Staaten. Berlin 1995, S. 25.

70Bernd Faulenbach, Auf dem Weg zu einer gemeinsamen Erinnerung? Das Bild vom deutschen Widerstand gegen den Nationalsozialismus nach den Erfahrungen von Teilung und Umbruch. In: ZfG 7, 1994, S. 589 ff.

71Jürgen Danyel, Die Opfer- und Verfolgtenperspektive als Gründungskonsens? Zum Umgang mit der Widerstandstradition und der deutschen Schuldfrage in der DDR. In: Danyel, Vergangenheit, S. 31–47.

72Bramke, Bild, S. 602.

73Vgl. u. a. Elfriede Nebgen, Jakob Kaiser: Der Widerstandskämpfer. Stuttgart u. a. 1967; Werner Conze, Jakob Kaiser. Politiker zwischen Ost und West 1945–1949. Stuttgart 1969; Tilman Mayer (Hg.), Jakob Kaiser: Gewerkschafter und Patriot. Eine Werkauswähl. Köln 1988.

74Eugen Gerstenmaler, Streit und Friede hat seine Zeit. Ein Lebensbericht. Frankfurt a. M.1981.

75Assmann, Frevert, Geschichtsvergessenheit, S. 158 ff.

76Eugen Kogon. Der SS-Staat. Das System der deutschen Konzentrationslager. Neuaufläge München 1974, Erstauflage 1946.

77Ausführlich mit großem Literaturverzeichnis: Wolfgang M. Schwiedrzik. Träume der ersten Stunde. Die Gesellschaft Imshausen. Berlin 1991

78Dagmar Albrecht, Mit meinem Schicksal kann ich nicht hadern … Sippenhaft in der Familie von Albrecht von Hagen. Berlin 2001, S. 173.

79Detlef Graf v. Schwerin, Köpfe, S. 438.

80Ein Gespräch mit Uta v. Aretin, Dazu gehörte viel christliche Glaubenskraft und Disziplin. In: Sigrid Grabner, Hendrik Röder, Henning v. Tresckow. Ich bin der ich war. Berlin 2001, S. 77 f.

81Helmuth James von Moltke. Bericht aus Deutschland im Jahre 1943. Letzte Briefe aus dem Gefängnis Tegel 1945. 13. Aufl. Berlin 1981; Helmut Gollwitzer u. a. (Hg.) Du hast mich heimgesucht bei Nacht. Neuauflage Gütersloh 2004.

82Uta v. Aretin. In: Die Kinder des 20. Juli, ZDF 1987.

83Über die Situation der Angehörigen nach 1945 gibt es ebenfalls keine eigene Publikation. Vgl. deshalb Ursula v. Kardorff, Ihre Männer starben von Henkershand. Süddeutsche Zeitung 6./7. April 1950.

84Vgl. u. a. die neue Biographie über den ehemaligen Gefängnispfarrer, der viele Regimegegner vor ihrer Hinrichtung seelsorgerisch betreute. Klaus Harpprecht. Harald Poelchau. Ein Leben im Widerstand. Berlin 2004.

85Marianne Gräfin Schwerin v. Schwanenfeld. In: Leichsenring, Frauen, S. 125.

86Michael Maass. In: Die Kinder des 20. Juli, ZDF 1987.

87Elisabeth Rüge, Charlotte Gräfin v. der Schulenburg zur Erinnerung 20. Juli 1909 bis 18. Oktober 1991. Hamburg 1992, S. 71.

88Dagmar Albrecht, Mit meinem Schicksal, S. 184.

89Rosemarie Reichwein, Die Jahre mit Adolf Reichwein prägten mein Leben. Ein Buch der Erinnerungen. München 1999, S. 86.

90Rosemarle Reichwein. In: Leichsening, Frauen, S. 124.

91Sabine Reichwein. In: Die Kinder des 20. Juli, ZDF 1987

92Vgl. auch die Briefe ihrer Schwiegermutter: Dorothy v. Moltke. Ein Leben in Deutschland. Briefe aus Kreisau und Berlin. München 2003.

93Sabine Reichwein, Meine Mutter. In: Die Jahre mit Adolf Reichwein prägten mein Leben, S. 110f.

94Bislang gibt es keine ausführliche Geschichte des Hilfswerk 20. Juli. Vgl. deshalb einleitend: Christiane Toyka-Seid, Gralshüter, Notgemeinschaft oder gesellschaftliche ›pressure group‹. Die Stiftung Hilfswerk 20. Juli 1944 im ersten Nachkriegsjahrzehnt. In: Ueberschär, Andere Deutschland, S. 196 ff.

95Näheres u. a. bei Arnd Bauernkämpfer, Der verlorene Antifaschismus. Die Enteignung der Großgrundbesitzer und der Umgang mit dem 20. Juli bei der Bodenreform in der Sowjetischen Besatzungszone. In: ZfG 7 (1994), S. 623 ff.

96Klaus Gerbet, Carl-Hans Graf v. Hardenberg. 1891–1958. Ein preußischer Konservativer in Deutschland. Berlin 1993. Günter Agde, Carl-Hans Graf v. Hardenberg. Ein deutsches Schicksal im Widerstand. Berln 1994.

97Christiane Toyka-Seid, Der Widerstand gegen Hitler und die westdeutsche Gesellschaft: Anmerkungen zur Rezeptionsgeschichte des »anderen Deutschland« in den frühen Nachkriegsjahren. In: Peter Steinbach, Johannes Tuchel (Hg.), Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Bundeszentrale für politische Bildung. Schriftenreihe Bd. 323, Bonn 1994, S. 572–581.

98Christabel Bielenberg, Es war ein weiter Weg nach Munny House. München 1993.

99Gina Thomas, Die unerschütterlichen Mauern der Integrität, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4. November 2003.

100 Toyka-Seid, Gralshüter, S. 203.

101 Hier kann nicht näher auf den langwierigen Prozess eingegangen werden. Constantin Goschler, Wiedergutmachung. Westdeutschland und die Verfolgten des Nationalsozialismus (1945–1954). München 1992; Christian Pross, Wiedergutmachung. Der Kleinkrieg gegen die Opfer. Herausgegeben vom Hamburger Institut für Sozialforschung. Frankfurt a. M. 1988.

102 Toyka-Seid, Gralshüter, S. 203 f.

103 Ebd. Anm. 40, S. 210.

104 Steinbach, Widerstand im Widerspruch, S.106.

105 Eduard Wagner, Der Generalquartiermeister: Briefe und Tagebuchaufzeichnungen. München, Wien 1963.

106 Süddeutsche Zeitung, 18./19.JulI 1953.

107 Rüge, Erinnerung, S. 92.

108 Clarita Müller-Plantenberg. In: Die Kinder des 20. Juli. ZDF 1987.

109 Die Zitate gehen auf ausführliche Gespräche mit Dr. Christine Blumenberg-Lampe im Frühjahr 2004 zurück, wofür die Autorin nachdrücklich dankt.

110 Dagmar Albrecht, Mit meinem Schicksal, S. 184.

111 Clarita v. Trott. In: Mit dem Mut des Herzens, S. 186.

112 Dagmar Albrecht, Mit meinem Schicksal, S. 154.

113 Elisabeth Freytag v. Loringhoven. In: Mit dem Mut des Herzens, S. 83.

114 Christa v. Hofacker, Die Rache am ganzen Geschlecht, FAZ, 19. Juli 1961.

115 Dr. Ulrich am 31.10.1953 an Renate Gräfin Hardenberg. Archiv für ChristIich-Demokratische Politik (ACDP) der Konrad-Adenauer-Stiftung e.V. Forschungsgemeinschaft 20. Juli, 06-056-022/1.

116 Buck, Rezeption. In: Ueberschär, Das anders Deutschland, S. 272.

117 Friederike Richter, Bericht über das Treffen auf Burg Liebenzell, 29. September bis 1. Oktober 1956; ACDP, Forschungsgemeinschaft 20. Juli, 06-056-022/1.

118 Eberhard Zeller, Der Geist der Freiheit: Der zwanzigste Juli, München 1952.

119 Renate Gräfin Hardenberg an Friederike Richter, 26. Oktober 1956, ACDP, Forschungsgemeinschaft 20. Juli, 06-056-022/1.

120 Renate Gräfin Hardenberg, Rundschreiben vom 6. Mai 1957, ACDP, Forschungsgemeinschaft 20. Juli, 06-0a6-022/1.

121 Zur SRP vgl. u. a. Richard Stöss, Rechtsextremismus im vereinten Deutschland. 3. aktualisierte Auflage. Berlin 2000.

122 Bericht Friederike Richter über das Jugendtreffen in Burg Liebenzell vom 14. Juni bis 18. Juni, ACDP, Forschungsgemeinschaft 20. Juli, 06-056-022/1.

123 Eberhard Zeller an Renate Gräfin Hardenberg, 6. Juli 1958, ACDP, Forschungsgemeinschaft 20. Juli, 06-056-C30/2.

124 Renate Gräfin Hardenberg an Eberhard Zeller, 26. Juli 1958, ACDP, Forschungsgemeinschaft 20. Juli, 06-056-C30/2.

125 ACDP, Forschungsgemeinschaft 20. Juli, 06-056-012/2, - 013/2.

126 Deutsche Tagespost, 23. Juli 1987. ACDP, Forschungsgemeinschaft 20. Juli, 06-056035/14.

127 Norbert Frei. Vergangenheitspolitik. Die Anfänge der Bundesrepublik und die NS-Vergangenheit. München 1996, S. 308 ff. oder Norbert Frei: »Erinnerungskampf. Zur Legitimation des 20. Juli im Nachkriegsdeutschland«. In: Von der Aufgabe der Freiheit. Politische Verantwortung und bürgerliche Gesellschaft im 19. und 20. Jahrhundert. Festschrift für Hans Mommsen. Berlin 1995, S. 493–504.

128 Frankfurter Rundschau, 12. Dezember 1949, S. 2.

129 Peter Reichel, Vergangenheitsbewältigung in Deutschland. Die Auseinandersetzung mit der NS-Diktatur von 1945 bis heute. München 2001, S. 149.

130 Joachim Perels, Die schrittweise Rechtfertigung der NS-Justiz. Der Huppenkothen-Prozess. In: Peter Nahamowitz, Stefan Breuer (Hg.) Politik – Verfassung – Gesellschaft. Traditionslinien und Entwicklungsperspektiven. Otwin Massing zum 60. Geburtstag. Baden- Baden 1995, S. 60; Reichel, Vergangenheitsbewältigung, S. 140.

131 Zum Fall Remer vgl. u. a. Dirk Geile. Der Remer-Mythos in der frühen Bundesrepublik. Ein Beitrag zum organisierten Rechtsextremismus in Niedersachsen. M.A. Göttingen 1993. Rudolf Wassermann, Zur juristischen Bewertung des 20. Juli 1944. Der Braunschweiger Remer-Prozess als Meilenstein der Nachkriegsgeschichte. In: Recht und Politik 2 (1984), S. 68–80; Reichel, Vergangenheitsbewältigung, S. 97 ff.

132 Assmann, Frevert, Geschichtsvergessenheit, S. 199.

133 Fest. Staatsstreich, S. 272f.

134 Zitiert nach Frei, Erinnerungskampf, S. 500.

135 Frei, Erinnerungskampf, S. 499 ff; Reichel, Vergangenheitsbewältigung, S. 102 ff.

136 Frei, Erinnerungskampf, S. 500.

137 Zitiert nach: Steinbach, Stachel im Fleisch, S. 8

138 Rudolf Wassermann, Widerstand als Rechtsproblem. Zur rechtlichen Rezeption des Widerstands gegen das NS-Regime. In: Ueberschär, Das andere Deutschland, S. 261.

139 Hierzu vor allem: Stefan Geilen, das Widerstandsbild in der Bundeswehr. In: Aufstand des Gewissens, S. 331; Robert Buck, Die Rezeption des 20. Juli 1944 in der Bundeswehr. Anmerkungen zu deren Traditionsverständnis. In Ueberschär, Das andere Deutschland, S. 268 ff.; Wilfried v. Bredow, Die Last der Tradition. In: Deutsche Studien. Tradition in der Bundeswehr und der Nationalen Volksarmee. Sonderheft Januar 1981, S. 41 ff.

140 Bredow, Last, S. 41.

141 Buck, Die Rezeption des 20. Juli in der Bundeswehr. In: Ueberschär, Das andere Deutschland, S. 280.

142 Adolf Heusinger (1897–1982) billigte die Attentatspläne auf Hitler; trat später als Zeuge im Nürnberger Prozess auf, war als Berater Adenauers führend beim Aufbau der Bundeswehr; Leiter der militärischen Abteilung in der so genannten Dienststelle Blank, später Chef Abt. Gesamtstreitkräfte der Bundeswehr.

143 Geilen, Widerstandsbild, S. 337.

144 Erik Reger, Der andere 20. Juli. In: Der 20. Juli 1944. Reden zu einem Tag der deutschen Geschichte. Bd. 1. Hg.: Gedenkstätte Deutscher Widerstand 1984, S. 32 ff.

145 Über diesen Streit berichtet Nana Brink unter: Der erste Streit. Bereits 1946 erhitzte der 20. Juli die Gemüter. In: Der Tagesspiegel. 19. Juli 1994.

146 Süddeutsche Zeitung, 19. Juli 1949, S. 3.

147 Marion Gräfin Dönhoff, Das »heimliche Deutschland« der Männer des 20. Juli. In: DIE ZEIT, 18. Juli 1946, S. 3.

148 Gerhard Ritter, Der deutsche Professor im »Dritten Reich«, Die Gegenwart, 24. Dezember 1945, S. 23 ff.

149 Frankfurter Rundschau, 20. Juli 1949, S. 2.

150 Ulrich v. Hassell. Vom anderen Deutschland. Aus den nachgelassenen Tagebüchern 1938–1944. Zürich/Freiburg 1946; Fabian v. Schlabrendorff. Offiziere gegen Hitler. Zürich 1946; Rudolf Pechel. Deutscher Widerstand. Erlenbach/Zürich 1947; Allen Welsh Dulles, Germany’s Underground. New York 1947.

151 Nähere Angaben sind nachzulesen bei Toyka-Seid, Widerstand gegen Hitler. In: Steinbach, Tuchel, Widerstand, S. 578.

152 Gleichzeitig gab es andere Überlebende wie Botho v. Wussow und Albrecht v. Kessel, die ihre kurz nach 1945 geschriebenen Memoiren nicht veröffentlichten. Schwerin, Köpfe, S. 436 ff.

153 Toyka-Seid, Widerstand gegen Hitler. In: Steinbach, Tuchel, Widerstand, S. 580.

154 Vgl. u. a. Margret Boveri, Der Verrat im 20. Jahrhundert. Für und gegen die Nation. Reinbek bei Hamburg 1956; Hans Bernd Gisevius, Bis zum bitteren Ende: Vom Reichstagsbrand bis zum 20. Juli 1944. Hamburg o. J.

155 Hans Rothfels, Die deutsche Opposition gegen Hitler. Eine Würdigung. Krefeld 1949; Annedore Leber, Willy Brandt, Karl-Dietrich Bracher, Das Gewissen steht auf. Lebensbilder aus dem deutschen Widerstand. Berlin, Frankfurt a. M. 1954; Dies. (Hg.), Das Gewissen entscheidet. Berlin, Frankfurt a. M. 1947.

156 Bislang gibt es keine Analyse von überregionalen Tageszeitungen, die den Widerstand in den Zeitläuften beschreibt. Deshalb nach wie vor: Regina Holler, 20. Juli 1944 – Vermächtnis oder Alibi? Wie Historiker, Politiker und Journalisten mit dem deutschen Widerstand gegen den Nationalsozialismus umgehen. Eine Untersuchung der wissenschaftlichen Literatur, der offiziellen Reden und der Zeitungsberichterstattung in Nordrhein-Westfalen von 1945–1986, München, New Providence, London, Paris 1994.

157 Das Gewissen steht auf, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17. und 24. April 1954.

158 Das Parlament. Sonderausgabe zum 20. Juli 1954.

159 Aus Politik und Zeitgeschichte, Aus den Akten des 20. Juli. Der Bericht des Major Remer, 17. November 1954; Aus Politik und Zeitgeschichte, Die Vollmacht des Gewissens. Deutsche Gespräche über das Recht zum Widerstand, 9. Juni 1954; Aus Politik und Zeitgeschichte, Theodor Heuss. Zur 10. Wiederkehr des 20. Juli, 22. Juli 1954.

160 Aufstand des Gewissens, Frankfurter Rundschau, 20. Juli 1954.

161 Bekenntnis zu den Opfern des 20. Juli; Grenzsituation sittlicher Entscheidung. In: Der Tagesspiegel, 20. Juli 1954, S. 1 und 3.

162 Süddeutsche Zeitung, 19. Juli 1954, S. 3.

163 Bislang ist die Geschichte des 20. Juli im Film, die hier nur ganz oberflächlich angerissen werden kann, nicht geschrieben. Eine Aufzählung der bekannten Filme enthält der Band von Bengt v. zur Mühlen, Die Angeklagten des 20. Juli vor dem Volksgerichtshof, S. 402–408; Assmann, Frevert, Geschichtsvergessenheit, S. 201 mit Angaben der einzelnen Filmrezensionen.

164 Hans Rothfels, Der deutsche Widerstand gegen Hitler, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17. Juli 1969.

165 Peter Steinbach, Der Widerstand als Thema der politischen Zeitgeschichte. Ordnungsversuche vergangener Wirklichkeit und politischer Reflexion. In: Steinbach, Widerstand im Widerstreit, S. 40.

166 Karl-Hermann Flach, Fragen über Fragen, Frankfurter Rundschau, 20. Juli 1964.

167 Wolfgang Bartsch, Unser aller Scheitern, Frankfurter Rundschau, 19. Juli 1969.

168 Lübke spricht am 19.7. in der FU, Der Tagesspiegel, 20. Juli 1964; Regierung würdigt Widerstandskämpfer, Süddeutsche Zeitung, 21. Juli 1964.

169 Fabian v. Schlabrendorff, Der 20. Juli, DER SPIEGEL, 22. Juli 1964, S. 66.

170 Das Attentat in der Wolfsschanze, Süddeutsche Zeitung, 20. Juli 1960.

171 Karl Gerald, Die Besten des Volkes haben sich erhoben, Frankfurter Rundschau, 20. Juli 1959, S. 3.

Die Vielfalt des Diskurses > Vom Hilfswerk zur Forschungsgemeinschaft

Die Bundestagswahl von 1969 und die Regierungsbildung einer sozialdemokratisch-liberalen Koalition bedeuteten in der Geschichte der Bundesrepublik eine entscheidende Zäsur. »Wir stehen nicht am Ende unserer Demokratie, wir fangen gerade erst richtig an«, hatte der neue Bundeskanzler Willy Brandt in seiner Regierungserklärung am 28. Oktober 1969 nicht ohne Pathos verkündet. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger Kurt Georg Kiesinger – der als einziger Bundeskanzler ehemaliges NSDAP-Mitglied war – verkörperte der Emigrant Brandt das andere Deutschland, mit dem sich die junge Generation identifizieren konnte. Brandts Kniefall bei der Kranzniederlegung vor dem Denkmal für die Ermordeten des Warschauer Ghettos wirkte wie ein Fanal für eine neue Zeit,1 in der es entscheidend war, sich der Vergangenheit und der deutschen Schuldverstrickung zu stellen, anstatt die deutsche Geschichte zwischen 1933 und 1945 zu verdrängen. Zudem machten die großen NS-Prozesse, wie der Prozess gegen die Ulmer Einsatztruppe, der Prozess gegen Eichmann in Jerusalem und der Auschwitz-Prozess deutlich, in welchem Ausmaße sich die Deutschen in Schuld verstrickt hatten, und wie halbherzig man in den fünfziger Jahren strafrechtlich gegen Juristen, Beamte, Ärzte und Politiker, die im Dritten Reich aktiv waren, vorgegangen war. »Mit dem zeitlichen Abstand von Auschwitz wurden die im Holocaust gipfelnden Verbrechen nicht blasser und farbloser, sondern sie rückten näher und wurden konkreter«,2 resümierte Klaus Schönhoven folgerichtig, was sich auch in der langanhaltenden Verjährungsdiskussion bis in die siebziger Jahre hinein zeigte. Das Aufdecken nationalsozialistischer Verbrechen machte den Widerstand in der Bevölkerung populärer.

Eine vorsichtige Ost-West-Entspannung machte den Weg für eine Geschichtsbetrachtung frei, die nicht nur der Tagespolitik des Kalten Krieges geschuldet war. Der Politikwissenschaftler Wilhelm Hennis sprach angesichts des Regierungswechsels vom »Mythos einer zweiten Stunde Null«: Erstmals seit 1930 war ein Sozialdemokrat, der zudem noch Emigrant war und dem Widerstandskämpfer Julius Leber nahe stand, Bundeskanzler. Der SPD-Mann Gustav Heinemann löste Heinrich Lübke als Bundespräsident ab. Brandts Wahl passte zu der allgemeinen Aufbruchstimmung der Pariser Mai-Unruhen des Jahres 1968, des Prager Frühlings und der Hippie- und Protestbewegung in den USA, die sich zunehmend politisierte und gegen das amerikanische Eingreifen in Vietnam auf die Straße ging. Auch in Deutschland protestierte die jüngere Generation gegen autoritäre und strenge Strukturen in Schule, Betrieb, Familie und Universitäten. Diese Generation wollte angesichts der NS-Prozesse und des zunehmenden Rechtsradikalismus wissen, was ihre Eltern während des Krieges getan und was sie unterlassen hatten. Unverständlich erschien, warum es in den fünfziger Jahren keinen wirklichen Neuanfang gegeben hatte, sondern viele ehemalige Nationalsozialisten in führenden Positionen in der Bundesrepublik saßen.

Aus dem zunächst künstlerisch-anarchischen Prozess der Münchener Boheme um Dieter Kunzelmann entwickelte sich um 1968 in Berlin und Frankfurt ein studentischer Protest, der auch von Oberschülern mitgetragen wurde. Es kam zu großen Demonstrationen gegen den Vietnam-Krieg der USA, gegen die Notstandsgesetze und den zunehmenden Rechtsradikalismus in der Bundesrepublik. Als während einer Demonstration gegen den Besuch des Schahs von Persien in Berlin am 2. Juni 1967 der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen wurde, eskalierte der Protest. Angeheizt wurde die Spirale der Gewalt, als während der Ostertage 1968 der Gelegenheitsarbeiter Josef Bachmann mit Pistolenschüssen den populären Studentenführer Rudi Dutschke am Kurfürstendamm auf seinem Fahrrad niederschoss. Tausende Studierende lieferten sich Prügeleien mit der Polizei, Autos gingen in Flammen auf, Fensterscheiben zu Bruch. Der Sozialistische Deutsche Studentenverband rief zu direkten Aktionen auf, um die repressive Macht und den Kapitalismus an der Wurzel auszurotten, um den »latenten Faschismus« in der deutschen Gesellschaft zu demaskieren und zugleich zu bekämpfen.

Am 2. April 1968 – also vor dem Attentat auf Rudi Dutschke – wurden in Frankfurt am Main zwei Kaufhäuser in Brand gesteckt. Die Brände waren von den späteren Leitfiguren der Baader-Meinhof-Gruppe durch Brandsätze ausgelöst worden. Damit hatte die Gewalt eine neue Stufe erreicht, da der Terror erstmals auch gegen Personen und nicht mehr nur gegen Sachen ausgeübt wurde. Aus einem kleinen Teil des SDS ging die Rote Armee Fraktion (RAF) hervor, die nach dem Vorbild der Stadtguerilla das angeblich manipulierte Volk zur Gewalt gegen den Staat aufrief und sich dabei auf ein Widerstandsrecht berief. Seit 1970 erschütterten Bombenattentate und Entführungen die Bundesrepublik. Diese Entwicklung erreichte im deutschen Herbst 1977 mit der Ermordung von Generalbundesanwalt Siegfried Buback, des Bankiers Jürgen Ponto und des Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer ihren Höhepunkt. Im Oktober kaperten arabische Terroristen in Mogadischu eine deutsche Boing 737 der Lufthansa, um die Freilassung deutscher Terroristen aus dem Untersuchungsgefängnis Stuttgart-Stammheim zu erreichen. Ein Sonderkommando des Bundesgrenzschutzes stürmte daraufhin in Mogadischu die Maschine; anschließend beging der harte Kern der Terroristen in dem Hochsicherheitstrakt der Haftanstalt unter nicht restlos geklärten Umständen Selbstmord. Auch wenn die terroristische Gefahr danach für das Erste gebannt schien, hatte sich das Klima in der Bundesrepublik massiv geändert. Die Politik bekämpfte die Terroristen mit allen Mitteln, die ihr die wehrhafte Demokratie ließ. Isolierhaft für Terroristen, geänderte Gesetze und Strafprozessbestimmungen, Straßensperren und ein erhöhtes Polizeiaufkommen bestimmten den Alltag und ließen bei der bundesrepublikanischen Gesellschaft alte Ängste hochkommen. Bei der jungen Generation machte sich Mitte der siebziger Jahre zunehmend Verdrossenheit über die Politik der etablierten Parteien breit, die in zahlreichen Bürgerinitiativen, Kinderläden-Projekten, der Ökologiebewegung und dem Anti-Atom-Protest neue Ausdrucksformen fand.

Schon zu Beginn der sechziger Jahre war unter dem Einfluss der Außerparlamentarischen Opposition und der Studentenbewegung eine heftige Diskussion über den Widerstandsbegriff ausgebrochen. Dabei stand die Frage im Mittelpunkt, ob und inwieweit in einer Demokratie Widerstand legitimierbar sei.3 Bis dahin hatten Historiker und Politologen, wie Hans Rothfels oder Rudolf Pechel, Widerstand als Synonym für Putsch oder Opposition verwendet. Als Vorbild diente der Attentäter aus dem militärischen Widerstand, der den Sturz Hitlers aus religiösen und ethischen Gründen plante und dabei das eigene Leben riskierte. Dabei haftete dem Widerstand lange Jahre das Odium eines »missglückten Staatsstreichs« an, der erst in letzter Minute von hohen adligen Militärs begangen worden sei, die sich selbst schützen wollten. 1961 kam der Bundesgerichtshof (BGH) im Rahmen von Wiedergutmachungsverfahren von Angehörigen des Widerstands zu einer neuen Einschätzung. Die Bewilligung von Wiedergutmachungen knüpften die Richter an das Kriterium des Erfolges und stellten damit klar, dass dem Attentat reflektierte Überlegungen zum Regimewechsel folgen mussten. Damit war der militärische Widerstand ein Stück weit von höchster richterlicher Stelle rehabilitiert, da die Richter die verschiedenen Neuordnungspläne Deutschlands anerkannten. Der BGH benachteiligte mit diesem Urteil allerdings die Angehörigen von Widerstandskämpfern, die Einzeltäter waren oder deren Pläne nicht den Ideen für eine Neuordnung der Bundesrepublik entsprachen; dies waren in erster Linie die Kommunisten, deren Partei seit 1956 verboten war.

Im Zuge der 68er-Bewegung geriet das Widerstandsrecht in der Demokratie angesichts der Notstandsgesetze, der Verjährungsdebatten und des amerikanischen Vorgehens in Vietnam erneut in die Kritik. Nach dem Krieg war eine neue Generation erwachsen geworden, die Aufklärung über das Dritte Reich verlangte und Widerstand nicht nur im 20. Juli verankert sah. Sowohl Studenten als auch die Außerparlamentarische Opposition nahmen für sich ein übergesetzlich verbrieftes Recht auf Widerstand in Anspruch. Dabei spielte die Angst vor einem Wiederaufleben faschistischer Strukturen eine große Rolle, die für die APO in der Wahl von Kurt Georg Kiesinger zum Bundeskanzler und dem Einzug der Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) in die Landtage von Hessen und Bayern zum Ausdruck kam. Doch war es laut Grundgesetz überhaupt möglich, in einer Demokratie Widerstand zu leisten?

Die Verfassungsväter des Grundgesetzes hatten nach den Erfahrungen mit dem Dritten Reich das Modell der so genannten »wehrhaften« Demokratie geschaffen, wonach es staatliche Abwehrrechte, wie beispielsweise die Fünf-Prozent-Klausel für Parteien gab. Als Reaktion auf die lang anhaltende Diskussion um die Notstandsgesetze konstruierte der Gesetzgeber 1968 den umstrittenen Artikel 20, GG.4 Doch war dieses unter dem Druck der Straße entstandene Recht auf Widerstand nur ein Abwehrrecht. Denn Widerstand in der Demokratie musste im Rahmen des demokratischen Staates stattfinden, den es zu schützen galt, während Widerstand im Dritten Reich auf den Sturz der geltenden Diktatur abzielte. Ohnehin war die juristische Frage rein akademisch, ob Widerstand nach Art. 20, (4) den Widerstand gegen eine Diktatur meinte oder auch das Widerstandsrecht in einer Demokratie umfasste. Gleichzeitig wurde der Widerstandsbegriff oft fast inflatorisch und damit höchst unpräzise gebraucht. Im Zusammenhang mit der »Nachrüstung« und der Stationierung von amerikanischen Mittelstrecken-Raketen beriefen sich Atomwaffengegner5 auf ein übergesetzliches Widerstandsrecht. Wehrdienstverweigerung oder Hausbesetzung galten in den späten sechziger Jahren ebenso als »Widerstand« wie Demonstrationen und Vorlesungsboykotte. »Im Zuge einer inflatorischen Verwendung wurde der Begriff des Widerstands vielfach prinzipiell verneint und Widerständigkeit als Kampf gegen die politische Ordnung des Grundgesetzes, gegen Infrastrukturpolitik, gegen Energiesicherung, Verteidigungskonzeptionen und allgemein gegen das etablierte System definiert«, analysierte der Politologe Peter Steinbach.6 Auch die spätere Terroristin Ulrike Meinhof nutzte den Widerstandsbegriff und bezog sich ausdrücklich auf den 20. Juli, um der eskalierenden Gewalttätigkeit der Studentenproteste eine historische Legitimation zu verschaffen.7 Ulrike Meinhof setzte dabei die demokratische Bundesregierung mit Faschismus und Imperialismus gleich und folgerte wie das RAF-Mitglied Andreas Baader: »Das Widerstandsrecht erschöpft sich nicht im innerstaatlichen Bereich. Es überschreitet die nationalstaatlichen Grenzen. Es steht nicht nur jedermann zu, sondern kann auch zugunsten von jedermann ausgeübt werden.«8 Die Baader-Meinhof-Gruppe nahm im Kampf gegen den »Schweinestaat« bewusst die Gewalt gegen Menschen in Kauf.

Es verwundert nicht, dass sich insbesondere die Überlebenden und die Witwen der Widerstandskämpfer durch die Inflation des Widerstandsbegriffs missverstanden und die Taten ihrer Freunde und Männer nicht mehr geachtet sahen; während sich die zweite Generation des Öftern den zeitgenössischen Forderungen anpasste. Fast alle Gedenkredner9 warnten deshalb bei den alljährlichen Feiern zum 20. Juli davor, das Recht auf Widerstand falsch zu verstehen. Besonders deutlich betonte dies beispielsweise Bundesjustizminister Gerhard Jahn 1973 bei der Gedenkfeier in Plötzensee. »Die Grundwerte unserer freiheitlich-demokratischen Ordnung stehen und fallen damit, dass die Bürger sie zu ihrer eigenen Sache machen, und das heißt eben auch, Widerstand leisten gegen jeden Versuch, sie zu beseitigen oder auch nur einzuschränken. Hier müssen wir scharf und genau die Grenze erkennen und beachten, die sich für das Recht zum Widerstand nach dem Grundgesetz ergibt. Widerstand kann und darf nur das letzte, unersetzliche, äußerste Mittel sein, mit dem die Bürger unsere freiheitlich demokratische Ordnung verteidigen, falls alle anderen Mittel ausgeschöpft sind. Widerstand gegen die vom Grundgesetz verfasste freiheitliche Ordnung kann und darf es nicht geben.«10

Stellvertretend für viele Angehörige der ersten Generation verfasste der Freund und Biograph von Dietrich Bonhoeffer, Eberhard Bethge, 1981 bei einer Tagung der Evangelischen Akademie in Berlin ein zweiseitiges Thesenpapier. Darin grenzte er die klassische Widerstandsdefinition gegen den inflationär gebrauchten Begriff des Widerstands in den siebziger Jahren ab. Während sich heute jeder, der mit einer politischen oder gesellschaftlichen Maßnahme nicht einverstanden sei, gleich Widerstandskämpfer nenne, habe es den Begriff vor 1945 nicht gegeben. So schreibt Bethge: »Mitglieder des 20. Juli – vornehmlich bewusste Christen – stellten sich im Putsch ihrer Verantwortung im Bewusstsein früherer Unterlassungen und darum nun unumgänglicher Schuld und erwarteten ihre Rechtfertigung vor Gott (…) In heutigen Protestbewegungen wird häufig gedacht und gehandelt aus ungebrochener Ideologie, welche für Rechtfertigung sorgt, und dieses ermöglicht, Mitverantwortung für die Vergangenheit abzuweisen.«11 Drei Jahre zuvor hatte der Präsident der Forschungsgemeinschaft 20. Juli, Rüdiger v. Voss, einen Sammelband herausgegeben, in dem er der Frage von Widerstand und Terrorismus nachging.12

Die Diskussion um den erweiterten Widerstandsbegriff beeinflusste die historische Forschung und war deutlich von dem Lebensumfeld des jeweiligen Historikers und von den Zeitläuften geprägt. Zu Beginn der sechziger Jahre hatten sich der Theologe Eberhard Bethge und der Historiker Konrad Repgen darum bemüht, den Widerstand in verschiedene Stufen zwischen Nonkonformität und Umsturzplanung einzuteilen.13 Ende der sechziger Jahre weiteten die Historiker Hans Mommsen, Hermann Graml und Karl Schmitthenner den Widerstandsbegriff aus.14 Von »signalartiger Bedeutung«15 seien die Arbeiten von Graml und Mommsen, die sich mit den Zielvorstellungen des bürgerlichen Widerstands um Beck, Hassell, Popitz und Goerdeler beschäftigten, worin der Schlüssel zur Verurteilung der linksliberalen Publizistik liegt, in dem bürgerlichen Widerstand hauptsächlich die autoritären Staatsvorstellungen zu kritisieren.

Gleichzeitig knüpften sie den Widerstandsbegriff nicht mehr an den Erfolg. In eine ähnliche Richtung ging auch das neu gegründete Institut für Zeitgeschichte in München. Am Beispiel einer Studie über Bayern in der NS-Zeit entwickelte das Team um den Historiker Martin Broszat die neutralere Definition von Resistenz. Darunter verstand Broszat die »wirksame Abwehr, Begrenzung, Eindämmung der NS-Herrschaft oder ihres Anspruches, gleichgültig von welchen Motiven, Gründen und Kräften her«.16 Der Zeithistoriker legte bei seiner Begriffsdefinition größten Wert darauf, dass Resistenz primär auf die Motivation und die Aktion des Einzelnen abziele, wobei die Wirkung und der Erfolg in den Hintergrund rückten. Der Politologe Richard Löwenthal fasste die Vielschichtigkeit des menschlichen Verhaltens, auf einen totalitären Staat zu reagieren, in den Begriffen weltanschauliche Dissidenz, gesellschaftliche Verweigerung und politische Opposition zusammen.17

Angesichts der Vielfältigkeit von Widerstandsmöglichkeiten während der NS-Zeit leuchtet es ein, dass es bis heute keine allgemein akzeptierte Definition von Widerstand gibt. Es hat vielmehr – wie der Politologe Peter Steinbach feststellte – eine Ausweitung des Blicks und eine Sensibilisierung für Lebensverhältnisse in einer totalitären Diktatur stattgefunden, auch wenn der Widerstandsbegriff deshalb deutlich unpräziser zu fassen ist. Hinter der Unschärfe des Begriffs verbarg sich bisweilen auch der Wunsch, dem bürgerlichen und militärischen Widerstand nun einen Widerstand weiter Teile der Bevölkerung hinzuzufügen.

Gleichzeitig wie in der Bundesrepublik Deutschland setzte auch in der DDR in den sechziger Jahren eine langsame Neubewertung des Widerstandes ein, wobei sich die historische Wissenschaft in beiden deutschen Teilstaaten vorsichtig annäherte. So hing hinter dem Rednerpult ein überlebensgroßes Bild Claus Graf Stauffenbergs, als Heinrich Scheel am 20. Juli 1964 bei einer Festveranstaltung des Nationalrats der Nationalen Front und der Arbeitsgemeinschaft ehemaliger Offiziere über den deutschen Widerstand referierte. Schon in den fünfziger Jahren hatte in der DDR eine gewisse Stauffenberg-Verehrung begonnen, der als Gegenfigur zu dem bürgerlich-konservativen Carl Goerdeler vom ZK der SED aufgebaut worden war.18 In seiner Festansprache würdigte Scheel neben dem obligaten Arbeiterwiderstand auch andere Attentäter. Die Rede markiert eine wichtige Wende in der DDR-Historiographie. Mit dem Abflauen des Stalinismus nach dem Tod des Diktators 1956 und der Artikulation einer jüngeren Historikergeneration begannen auch in der DDR die Stereotypen langsam aufzuweichen. »Das Ausblenden der Individualität der Täter und Opfer blieb lange Jahre eine deutschdeutsche Gemeinsamkeit«,19 folgerte Klaus Schönhoven.

Erstmals zogen DDR-Historiker Primärquellen für ihre Untersuchungen heran und führten Interviews mit Zeitzeugen. Mit der Würdigung des Nationalkomitee Freies Deutschland und des Bunds Deutscher Offiziere, die 1958 einsetzte, rückten auch andere Teile der deutschen Generalität in den Mittelpunkt, die sich Hitler widersetzt hatten. Entscheidend für die Rezeption in der DDR wurde 1964 die Studie des russischen Historikers Daniel Melnikow 20. Juli 1944,20 die in deutscher Sprache erschien und mit vielen Vorurteilen aufräumte. Drei Jahre später legte der DDR-Historiker Kurt Finker21 eine Biographie über Claus Graf Stauffenberg vor, die erst 1971 zum zweiten Mal aufgelegt wurde, da das Institut für Marxismus-Leninismus den Arbeiterwiderstand ungenügend gewürdigt sah. Die Biographie stieß in der DDR auf ein großes Leseinteresse und erlebte bis 1989 sieben Auflagen mit über 60 000 Exemplaren. Im Umfeld des zwanzigsten Jahrestages drehte der Regisseur Karl Gass die erste Femsehdokumentation Revolution am Telefon, die am 20. Juli 1964 im staatlichen Fernsehen ausgestrahlt wurde.22

Trotz erster Fortschritte blieb die Erforschung des Widerstands außerhalb der Arbeiterbewegung in der DDR eine Marginalie, die keine staatliche Unterstützung erhielt. Ende der siebziger Jahre setzte in der DDR eine Diskussion um Erbe und Tradition ein, die darauf abzielte, die »sozialistische deutsche Nation« historisch zu begründen. Gleichzeitig kam es im Rahmen des KSZE-Prozesses zu einer allgemeinen Entspannung, die sich auch auf die Geschichtspolitik in der DDR positiv auswirkte: Die offizielle Geschichtsschreibung bewertete die Historie nicht nur unter dem Motiv des »Klassenkampfes«, sondern begann ein differenziertes Geschichtsverständnis zu entwerfen. Neben dem Theologen und Bauernführer Thomas Münzer würdigte die DDR auch den Reformator Martin Luther, den Humanisten Erasmus v. Rotterdam, aber auch die Dichter Johann Wolfgang v. Goethe, Gerhard Hauptmann und Theodor Fontäne und Heinrich v. Kleist sowie den Philosophen Anselm Feuerbach und die Künstler Karl Friedrich Schinkel und Adolf v. Menzel. Sinnbildlich für das neue Geschichtsverständnis in der Zeit unter Erich Honecker ritt der restaurierte Friedrich der Große seit 1980 wieder auf seinem Reiterstandbild Unter den Linden. Selbst die Büsten der Generale v. Scharnhorst, v. Blücher, v. Gneisenau, v. Yorck und der preußische Reformator v. Stein konnten an ihre ursprünglichen Plätze in Berlin zurückkehren. Ein weiteres Tabu wurde 1985 gebrochen, als der Ost-Berliner Historiker Ernst Engelberg23 eine umfangreiche Bismarck-Biographie herausgab, die ein Jahr später bereits im westdeutschen Siedler-Verlag erschien. In die Neubewertung der DDR-Geschichte floss auch der 20. Juli 1944 ein, der 1984 in der DDR feierlich begangen wurde. Dabei hatte sich der lange als reaktionär verschrieene Widerstand in einen »antifaschistischen« verwandelt. In der Zeitschrift Militärgeschichte erschien ein Artikel unter der Überschrift: »Politischer Realismus und militärisches Verantwortungsbewusstsein. Einige geschichtliche Erfahrungen aus dem 20. Juli 1944«. Gleichzeitig fand zum vierzigsten Jahrestag ein internationales Kolloquium in Sellin24 statt, auf dem die DDR erstmals mit einer eigenen Forschung zur Widerstandsgeschichte vertreten war. Die Wiederkehr des Datums und der entspanntere politische Umgang machte es schließlich in den achtziger Jahren möglich, dass einzelne Gemeinden und Familien mit Gedenkfeiern, Gottesdiensten und Gedenktafeln der Toten gedachten. So sorgte beispielsweise Pfarrer Gottfried Kunzendorf in der Bornstedter Kirche seit 1984 dafür, dass am 20. Juli ein Angehöriger zu der Gemeinde sprach. In Lübbenau brachte die Gemeinde am 21. Juli 1989 eine Gedenktafel für Friedrich Wilhelm Graf zu Lynar an der Außenmauer des Schlosses an. Auch die Medien der DDR konnten sich erstmals ausführlicher mit dem 20. Juli und seinen unterschiedlichen Facetten auseinander setzen. So drehte der Filmautor Eberhard Görner 1981 ein fiktives Porträt von Peter Yorck v. Wartenburg, das auf einer Novelle von Stephan Hermlin beruhte. Auch das Staatsfernsehen der DDR entdeckte in den achtziger Jahren den konservativen Widerstand.25 In loser Folge entstanden seit 1983 filmische Porträts von Henning v. Tresckow, Claus Graf v. Stauffenberg, Adolf Reichwein, Carl-Hans Graf v. Hardenberg und Ludwig Beck, die sich durch den Versuch einer objektiven Darstellung auszeichnen.26

Zwischen 1970 und 1984 entstand auch in der Bundesrepublik eine fast kaum mehr zu überschauende Literatur zum 20. Juli,27 die indirekt auch eine Auseinandersetzung mit der DDR waren. Neben einer Vielzahl von Biographien über Männer aus dem militärischen Widerstand rückten der Kreisauer Kreis28 und der Widerstand von SPD-Politikern, wie Julius Leber oder Carlo Mierendorff, in das historische Interesse. Auch über den Widerstand im Exil entstanden vorurteilsfreie, intensive Untersuchungen, wie über Widerstand von Jugendgruppen, die nicht mehr ausschließlich auf die Weiße Rose reduziert wurden. Gleichzeitig räumten Historiker mit dem Vorurteil auf, Juden, KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter hätten sich gegen ihre unmenschliche Behandlung nicht zur Wehr gesetzt.29 Auch wenn die sozialgeschichtliche Sichtweise zunehmend stärker wurde, richtete sich der Fokus der Historiker nach wie vor auf Einzelfiguren aus dem bürgerlichen, kirchlichen und militärischen Widerstand. Dabei war es zunehmend möglich, Tabus zu brechen, wie es der Darmstädter Historiker Christof Dipper tat, der sich mit dem Antisemitismus einiger Widerstandskämpfer aus dem bürgerlich-militärischen Kreis30 beschäftigte – und das entsprechende Echo in der Presse fand. Andere Historiker, wie Klaus Scholder, entmythologisierten den Kirchenkampf und wiesen nach, dass keineswegs die gesamte evangelische Kirche am Widerstand beteiligt war31 und Kirchenkampf nicht mit der evangelischen Kirche gleichgesetzt werden dürfe.

Je mehr die Bevölkerung über unterschiedliche Möglichkeiten des Widerstehens erfuhr, umso mehr rückten die Ereignisse des 20. Juli in den Hintergrund. 1970 wussten weniger als die Hälfte der befragten Jugendlichen nicht, was am 20. Juli überhaupt geschehen war. Da das Hilfswerk hauptsächlich karitative Aufgaben wahrnahm, gründete sich zum anstehenden 25. Jubiläum des Attentats 1969 die Aktionsgemeinschaft 20. Juli, die von Prof. Dr. Helmuth Krausnick, einem Mitarbeiter Adolf Reichweins, dem Münchner Verleger Gotthold Müller, Ferdinand Prinz v. d. Leyen und dem Sohn von Ulrich-Wilhelm Graf Schwerin, dem Journalisten Christoph Graf Schwerin, ins Leben gerufen wurde. In dieser Aktionsgemeinschaft arbeiteten Mitglieder der ersten und zweiten Generation ohne Spannungen zusammen. Ziel war es, den 20. Juli, der von der Bevölkerung vergessen zu werden drohte, stärker im öffentlichen Bewusstsein zu verankern. Hierzu starteten Müller und Graf Schwerin eine höchst wirksame PR-Kampagne, die sich aus drei Aktionen zusammensetzte: Kurz vor dem 20. Juli erschienen in deutschen Zeitungen und Magazinen, von BILD, über die BUNTE, bis hin zur Frankfurter Allgemeinen Zeitung und dem SPIEGEL, große Anzeigen, die an das Attentat erinnerten. Außerdem stellte die Aktionsgemeinschaft 20. Juli Artikel namhafter Redakteure und Journalisten32 zu einzelnen Aspekten des 20. Juli für kleinere Zeitungen kostenfrei zum Abdruck zur Verfügung und ließ in Zusammenarbeit mit dem Münchner Institut für Zeitgeschichte in hoher Auflage eine Broschüre drucken, die sich mit dem schwierigen Gedenktag auseinander setzte. Autor der Broschüre war der Journalist Klaus Harpprecht, der in seiner Broschüre auch den sozialdemokratischen Widerstand und den Kreisauer Kreis würdigte und deutlich der 68er-Bewegung Rechnung trug.

Die Aktionsgemeinschaft erreichte, dass Zeitungen, Boulevardblätter und Zeitschriften aller politischen Richtungen die großformatige Anzeige kostenfrei druckten. Die über hundert Personen, die den Aufruf unterzeichneten, verkörperten unterschiedliche politische Ansichten. Der Frankfurter Philosoph Theodor W. Adorno, die Schriftsteller Günter Grass, Heinrich Böll, Peter Härtling und Carl Zuckmayer gehörten ebenso zu den Unterzeichnern wie Richard v. Weizsäcker, der Theologe Karl Rahner, Julius Kardinal Döpfner oder der damalige Außenminister Willy Brandt und der Bankier Hermann J. Abs. Außerdem hatten Bundesarbeitsminister Hans Katzer, der Oberbürgermeister von Stuttgart, Arnulf Klett, der Oberbürgermeister von München, Hans-Jochen Vogel, sowie Bundesinnenminister Ernst Benda den Aufruf unterschrieben. Auch ehemalige Widerstandskämpfer wie Axel v. d. Bussche, Emil Henk, Staatssekretär a. D. Hermann Pünder und Nachkommen von Widerstandskämpfern wie Michael Maaß, die Tochter von Ludwig Beck, Gertrud Neubaur und Staatssekretär Klaus v. Dohnanyi befanden sich unter den Unterzeichnern. Die Aktionsgemeinschaft 20. Juli warb um einen erweiterten Widerstandsbegriff. So hieß es im Vorspann: »Die deutsche Opposition jener verschiedenen politischen Gruppen, die unter Stauffenberg zusammenfanden und die weiße Rose sind Teile eines umfassenderen Widerstands gegen ein verbrecherisches Regime im eigenen Land.«33 Gleichzeitig forderten die Unterzeichnet von den Medien, dass sie die Bevölkerung vermehrt über die verschiedenen Formen des Widerstands aufklärten. So heißt es in dem Aufruf: »Trotz aller wissenschaftlichen und publizistischen Würdigung, trotz aller offiziellen Ehrungen des deutschen Widerstandes ist die Gefahr nicht zu verkennen, dass das Bewusstsein für das historische Phänomen der Widerstandsbewegung und ihre fortwirkende geistige und politische Bedeutung in unserem Volke schwindet.«34

Die kostenlos zum Abdruck angebotenen Artikel von namhaften Redakteuren überregionaler Zeitungen reflektierten ebenfalls die Vielfalt des Widerstands, setzten sich kritisch mit der Widerstandsrezeption nach 1945 auseinander und arbeiteten die besondere religiöse Haltung und Einstellung der Widerstandskämpfer heraus. In seinem Broschürentext problematisierte auch Klaus Harpprecht das mangelnde Wissen der Jugend über den Widerstand und berichtete von dem merkwürdigen Zwielicht, in dem der Widerstand seit seinem Scheitern in der Rezeption der Nachwelt erschien. Gleichzeitig spannte Harpprecht den Bogen vom 20. Juli bis hin zu den Studentenprotesten. In der Broschüre heißt es: »Das Ereignis des 20. Juli und das Erbe des Widerstands sind tot, wenn wir uns weigern, die radikale Entscheidung des Täters, des Denkers und des ›Verräters‹ anzunehmen. Ohne sie verliert die Legende jede Substanz. Ohne sie ist sie nicht glaubhaft. Ohne sie scheitert jeder Anspruch auf Tradition. Ohne sie geht sie in den Wirren kommender Unruhen verloren. Ohne sie hört Deutschland auf, europäisch zu sein. Ohne sie wird es im amorphen Prozess einer Wohlstandsgesellschaft untergehen, die weder ein Heute noch das Gestern kennt – und kein Morgen. Ohne die Toten existiert keine Zukunft. Und ohne die Gescheiterten kein Glück.«35 Gleichzeitig gelang es der Aktionsgemeinschaft von führenden deutschen Unternehmen, wie der Siemens AG, Daimler Benz, der Bosch GmbH, aber auch vom Bundesinnenministerium Spenden einzuwerben. Die Kosten für die von Harpprecht verfasste Broschüre übernahm die Bonner Bundeszentrale für politische Bildung, die das Gedenkblatt in einer Auflage von 19 700 Stück drucken und vor allem an Jugend- und Studentenverbände verteilen ließ.

Die Aktionsgemeinschaft plante, auch über den 25. Jahrestag hinaus Veranstaltungen zu organisieren, um das Gedenken an den 20. Juli aufrechtzuerhalten. Zunächst war die Resonanz groß. So hieß es im Rundschreiben des Hilfswerk 20. Juli im Dezember 1969: »Wenn wir auf die Gedenkfeiern dieses Jahres zurückblicken, so können wir mit Dankbarkeit feststellen, dass unseren Toten die Ehrungen und die Würdigung, die sie verdienen, in Deutschland und darüber hinaus in stärkerem Maße zuteil wurden als in der Vergangenheit.«36 Auch fand im Oktober ein Treffen zwischen Christoph Graf Schwerin und Gotthold Müller mit dem damaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann statt, der der Aktionsgemeinschaft sehr positiv gegenüberstand.

Auf Dauer hatten sich die Organisatoren jedoch überschätzt. Außerdem erwies es sich als ein faktischer Fehler, so viele Personen in die Anzeigenkampagne eingebunden zu haben, zumal die Vielzahl der vertretenen politischen, kirchlichen und wirtschaftlichen Meinungen ein gezieltes gemeinsames Vorgehen unmöglich machte. Darauf hatte im August 1969 der Schriftsteller Günter Grass schon Gotthold Müller aufmerksam gemacht, als er an diesen schrieb: »… und wenn ich gleichzeitig in Ihrer Liste Namen namhafter CDU- und CSU-Politiker finde, die nichts, aber auch gar nichts getan haben gegen die Diffamierung deutscher Emigranten, insbesondere gegen die gezielte Diffamierung des damaligen Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Willy Brandt, durch den damaligen Bundeskanzler Konrad Adenauer, dann stellt sich mir die Frage, ob die AG wohl vorhaben könnte, Böcke zum Gärtner zu machen und demnächst den Bundeskanzler Kiesinger als Mitglied aufzunehmen.«37 Der Versuch der Aktionsgemeinschaft, Politiker von rechts und links gemeinsam für das Andenken des 20. Juli einzusetzen, war in der Theorie gut durchdacht, scheiterte jedoch im politischen Alltagsgeschäft. Zu weiteren Vorhaben der Aktionsgemeinschaft kam es nicht mehr.

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10 haziran 2025
Hacim:
461 s. 2 illüstrasyon
ISBN:
9783947373734
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