Kitabı oku: «Sprechen wir über Europa», sayfa 4
Die Schweiz ist des Wahnsinns, FAZ 15.10.2015
«Am kommenden Sonntag wählt die Schweiz das neue Parlament. Der dritte Rechtsrutsch in sechzehn Jahren scheint eine ausgemachte Sache zu sein; aber was viele hierzulande in Unruhe versetzt, ist nicht der Wahlsonntag, sondern der ebenfalls nahende 26. Oktober.
An jenem Montag läuft nämlich die Frist aus im Sammelspiel, das Migros, der grösste Einzelhändler der Schweiz, in diesen Tagen veranstaltet. In seinen Filialen gibt es für jeden Einkauf über zehn Franken ein Glücksbeutelchen, darin eine von insgesamt fünfzig nationalen Sehenswürdigkeiten. Mit im Beutelchen ein Sticker, den der Sammler in ein Album kleben darf. Die Gebühr für das Heft wird durch die aufwendige Gestaltung gerechtfertigt. Vierfarbig glänzen da die schönsten Schönheiten des Schweizerlandes. Das Spalentor zu Basel, der Zytgloggeturm in Bern, das Schloss Chillon am Genfer See – und als Zugabe eine schillernde Postkarte, die je nach Betrachtungswinkel ihr Aussehen ändert: Im orangen Nichts schwebt oszillierend eine Scholle mit den Umrissen der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Der Titel dieser famosen Sammelaktion: ‹Suissemania›.
Heiligtum direkte Demokratie
Eine Manie ist nach dem Pschyrembel eine psychotische Störung der Affektivität, häufig mit Wahnvorstellungen und Katatonie verbunden. Man muss dies alles nicht als Diagnose der hiesigen Malaise lesen. Man muss nicht, aber man kann. Wie auf der Postkarte verliert das Land auch in der Wirklichkeit mehr und mehr jede erkennbare Kontur. Zerrüttet von den globalen Stürmen, sucht das Land Halt in nationalen Monumenten, die mittlerweile auf Miniaturgrösse geschrumpft sind, als Beifang des täglichen Konsums kostenlos abgegeben werden und problemlos in die persönliche Nippessammlung passen. Selbst der Werbespruch auf dem Umschlag scheint die hiesige Umnachtung aufzunehmen: ‹Mit vielen tollen Rätseln!›
Die Kräfte, die dieses Land im 21. Jahrhundert formen, werden derweil erfolgreich ignoriert. Wie Geister flössen sie den Menschen Angst ein und lähmen sie bis zur Katatonie. Keine der politischen Parteien hat den Mut, sich im Wahlkampf den realen Herausforderungen zu stellen. Dabei liegen sie meterhoch vor den Chalets des gebeutelten Heimatlandes, und es braucht enorme Verdrängungsleistungen, um an ihnen vorbeizusehen.
Am lautesten ist nach wie vor das Schweigen über das Verhältnis zur Europäischen Union. Die Situation ist einfach auch zu kompliziert: staatsrechtlich, diplomatisch und ökonomisch undurchschaubar und obendrein für jeden Politiker im Wahlkampf eine unerhörte Peinlichkeit. Wie soll er seinen Wählern auch erklären, was sie damals, am 9. Februar 2014, bei jener Abstimmung über die Masseneinwanderung, angerichtet haben? Und dass das Heiligste aller schweizerischen Heiligtümer, so himmelsgleich und gnadenreich, dass selbst die Spieledesigner es nicht gewagt haben, es in Plastik zu giessen, die direkte Demokratie nämlich, für diesen Unfall verantwortlich ist? Den nationalen Karren hat er so tief in den Dreck gefahren, dass keiner weiss, wie er jemals wieder befahrbaren Boden unter die Räder bekommen soll.
Was auf der Strecke bleibt
Europa ist auch im Herbst 2015 ein vergifteter Trank, von dem zu kosten sich selbst robuste Naturen nicht trauen. So hält man sich allenthalben an den Trost seiner Halluzinationen, schliesst die Augen und hofft, das Problem möge auf magische Weise von allein verschwinden. Keine erfolgreiche, aber dafür eine verbreitete Methode: Was riecht, wird auf den Balkon gehängt. So verpesten die zum Verlüften aufgehängten Kümmernisse mehr und mehr die Umgebung. Doch wer die Augen verschliesst, mag sich auch die Nase zuhalten, auch wenn ihm dann bald die Hände für eine vernünftige Arbeit fehlen.
Zu tun gäbe es genug. Die Schweiz hat seit 1990 das niedrigste Wirtschaftswachstum aller OECD-Länder. Ein Umstand, den man hier angeht, indem man Arbeitnehmer drangsaliert, Arbeitszeiten verlängert und Löhne kürzt. Die Linke und die Gewerkschaften, von denen man Protest erwarten könnte, verharren in einer über Generationen angelernten Bravheit, glauben immer noch an den Arbeitsfrieden und den Sozialvertrag und haben noch immer nicht verstanden, dass sie vom Melker zur Kuh geworden sind.
Die Exportwirtschaft ächzt unter dem starken Franken, aber man deutet die monetäre Folter zum Ertüchtigungsprogramm um, das in der gesundbeterischen Logik der ökonomischen Elite schliesslich dem gesamten Organismus zugutekommen wird. Weil sich höhere Angestellte gern beim Dauerlauf in Schwung halten, reden sie sich ein, auch eine Volkswirtschaft müsse ein wenig an die Grenzen gehen, um zu besseren Zeiten zu rennen. Was bleibt dabei auf der Strecke? Löhne, Steuern, Investitionen in Bildung und Forschung.
Ein Land unter Druck
Hoffnung für die Wirtschaft kommt nur aus deutschen Exklaven und den grenznahen Gebieten jenseits des Rheins. Dort hat man sich auf die Verhältnisse eingestellt und neue, innovative Geschäftsmodelle entwickelt. Weil die Schweizer Konsumenten schneller als die Politik begriffen haben, dass man den starken Franken in diesen Zeiten besser hortet als ausgibt, kaufen sie ihre Ware gerne bei ausländischen Lieferanten im Internet. Die fakturieren glücklicherweise in Euro, also viel billiger. Und um gleich noch die Mehrwertsteuer zu sparen, lässt sich der helvetische Shopper das Paket an eine deutsche Adresse schicken. Und so erblüht das deutsche Jestetten, fast ganz von schweizerischem Territorium umgeben, im Zug der florierenden Paketdienste. Getränkehändler und Frisörsalons stellen ihre Postadressen preisbewussten Schweizern zur Verfügung, nehmen die Ware in Empfang, lagern sie treu, bis der Eigentümer sie auslöst. Die Autokolonnen am Wochenende und nach Feierabend nimmt man in Kauf. Schliesslich verdient man ordentlich. In Jestetten. Für die schweizerische Volkswirtschaft bedeutet der Einkaufstourismus im laufenden Jahr einen Schaden von elf Milliarden Franken.
Ganz zu schweigen vom Geld, das der öffentlichen Hand durch die Schlaumerei entzogen wird. Die demographische Entwicklung wird die Altersvorsorge zusätzlich demontieren, aber darüber hört der Schweizer selten Verlässliches. Sicher ist nur: Die Kantone stöhnen unisono unter Haushaltsdefiziten. Und auch diese Jeremiaden werden so wenig Anlass zum Handeln wie der von der Regierung längst versprochene Energiewandel. Der älteste Atommeiler der Welt steht bekanntlich auf schweizerischem Boden. Das Kernkraftwerk Beznau produziert ebenso zuverlässig Strom wie Störfälle. Internationale Experten schütteln über die Fahrlässigkeit den Kopf. Die Aktien der Trägergesellschaft liegen vollständig in den Händen der Kantone, und die verspüren wenig Lust, für sicheren Strom mehr Geld zu bezahlen. Und so lässt man den Lotter-Reaktor weiter brennen. Und hofft, der Herrgott im Himmel möge der Eidgenossenschaft weiter so gnädig sein wie bisher und das Schlimmste verhindern.
Niemand sollte glauben, dass sich das Land nicht verändert. Im Gegenteil. Es transformiert sich so schnell wie Ektoplasma aus Hollywood. Die Form, die es sich anzunehmen schickt, ist nicht dem himmlischen Schicksal überantwortet, sondern reagiert, wie jedes Plasma, auf Druck. Und Druck ist reichlich da. Dass sich die Schweiz seit zwanzig Jahren in einem Kulturkampf befindet, bezweifelt niemand mehr. Obwohl es einige Pessimisten gibt, die behaupten, dieser Kampf sei bereits entschieden und seit kurzem vorbei.
Notorische Lügen
Die nationale Rechte lässt die Bären tanzen, wo und wann sie will. Was die Schweiz von Ländern wie Frankreich und Österreich unterscheidet, sind die 3,6 Milliarden Privatvermögen, über die der Extremismus hierzulande verfügt. Geld in den Händen eines chemischen Industriellen, Christoph Blocher, der seit Jahr und Tag das Land mit seinen obskuren Ideen inspiriert. Kunstsinnig wie immer, ist er auf seine alten Tage zudem grosszügig geworden. Der Mann besitzt nicht nur Milliarden, er scheint mehr und mehr gewillt, sie auch auszugeben.
Zum Frühstück spendiert er sich die erste öffentliche Ausstellung seiner privaten Gemäldegalerie in einem respektablen Kunstmuseum, dem Oskar Reinhart Museum in Winterthur, das des Industriellen Sammlung hiesiger Genremaler ausstellen darf und ihn dafür mit dem Glanz des Gönners salbt. Und weil ein rechtsnationaler Sammler mit Sendungsbewusstsein ein paar Selbstporträts veröffentlicht sehen will, kauft sich der Mäzen gleich die passende Publikation dazu. Das Du-Magazin, über Jahrzehnte das Zentralorgan des honorablen, kunstbeflissenen Bürgertums, hat praktischerweise sein Konzept gewechselt. Nun kann jeder, der sechzigtausend Schweizer Franken zu zahlen bereit ist, das Blatt komplett buchen, und niemand stört sich daran, dass eine Zeitung, die einmal bekannt war für die Arbeiten von Werner Bischoff und Hugo Lötscher, eine Woche vor den nationalen Wahlen den politischen Extremismus mit den Weihen der Kunst bemäntelt und rechtfertigt.
Das bunte Blatt im Hochformat reiht sich damit ein in die neue mediale Front, die von der Zürcher Weltwoche über die Basler Zeitung alle jene verbindet, die bereit sind, ihre journalistischen Standesregeln zu verhökern. Das Geschäftsmodell dieser Parteiorgane sorgt sich längst nicht mehr um Inserate, Abonnenten oder gar Leser. Wie die Defizite gedeckt werden, hat selten jemand gefragt, nie jemand recherchiert. Einer solchen Aufgabe scheinen die schweizerischen Medienhäuser zurzeit nicht gewachsen zu sein. Man begnügt sich mit den notorischen Lügen der Beteiligten.
Gezählt wird nur noch mit neun Nullen
Schweizerische Medien? Muss man sich um sie Sorgen machen? Man muss nicht, aber man sollte vielleicht. Der Durchmarsch der Rechten hat gerade erst begonnen. Den Sturm auf die Chefredaktion der Neuen Zürcher Zeitung konnte eine mutige Redaktion gerade noch verhindern. Bei der Neubesetzung der Feuilletonleitung ist ihr das leider nicht mehr gelungen. Der rechte Verwaltungsrat hat aus der vorigen Niederlage gelernt und im letzteren Fall den Arbeitsvertrag wohl zuerst unterschrieben – und dann erst über die Personalie informiert. Was vom neuen Kulturchef zu erwarten ist, bleibt abzuwarten. Ein Schuft, der an seiner Haltung zweifelt, nur weil sein letzter Arbeitsort eine Publikation mit einschlägig faschistischer Vergangenheit ist. In diesem Familienstück der Reaktionäre hiess der Chefredakteur früher ‹Hauptschriftleiter›, die Financiers hofierten Hitler und versorgten den Faschismus mit Barschaft. Heutzutage kommt das Geld von einem Privatbankier, der sein Institut unter dem Druck der amerikanischen Steuerbehörden verscherbeln musste. Aber auch danach blieb offensichtlich genug Geld und Einfluss übrig, um seinen journalistischen Zögling in eine der einflussreichsten Positionen der deutschsprachigen Publizistik zu hieven. Qualifikationen? Unnötig. Internationale Erfahrung? Das wäre in diesen Tagen geradezu unerwünscht.
Aber es gibt ja noch die Konkurrenz auf der anderen Seite der Sihl. Leider scheint auch mancher Redaktor des Tages-Anzeiger mittlerweile von den ewigen Budgetkürzungen zermürbt. Anders kann man es sich nicht erklären, dass der dortige Kulturchef in dasselbe Horn wie jener Schriftsteller bläst, der neulich in der NZZ zur Schliessung von Theatern aufgerufen hat und obendrein die nicht ganz von der Hand zu weisende Behauptung aufstellte, Dichter von seiner Sorte gebe es zu viele – ein Mann, der am Schweizerischen Literaturinstitut den Nachwuchs ausbildet. Solche spektakulären Pointen kann man bei der NZZ noch verlässlich dem neoliberalen Schema und ihrem Duktus zuordnen.
Beim Tages-Anzeiger scheinen sie bisweilen nur noch verwirrt zu sein. Das ist allerdings kein Wunder in einem Haus, das fünfzig Prozent des Geschäfts nicht mehr mit Journalismus, sondern mit Adresshandel und einem Internetauktionshaus verdient. Noch weniger erstaunlich ist es, wenn man weiss, dass in diesem Mischkonzern in den letzten Jahren eine gute Milliarde von den Redaktionen zu den Aktionären verschoben wurde. Hierzulande zählt man nur noch mit neun Nullen. Für manches Rückgrat in den Redaktionsstuben ist das nicht ohne Folgen geblieben.
Ein Volk von Zwergen
Hoffnung brächte eigentlich das gebührenfinanzierte Staatsfernsehen. Doch was man dort von Kritik hält, zeigt sich in der Art und Weise, wie man mit Intellektuellen umspringt. Ein kritischer Film über die Schweiz, verantwortet vom Schriftsteller Robert Menasse und dem Übersetzer Stefan Zweifel, wurde kurzerhand aus dem Programm gekippt. Und auch hier fanden die Verantwortlichen, als sie sich nach Tagen zum ersten Mal vernehmen liessen, nur die Fadenscheinigkeit der mangelnden Qualität und also die bekannte Rückzugsposition aller Feiglinge als Rechtfertigung für die Zensur. Vertrauen kann ein Schweizer Bürger heute eigentlich nur noch auf die Justiz. Allerdings nicht auf die schweizerische, sondern auf die amerikanische. Sie sorgt regelmässig dafür, dass die Eidgenossenschaft den Kontakt zu den zivilisatorischen Nationen nicht ganz verliert. Ohne die Staatsanwälte aus Übersee hätten die Banken das Gold der ermordeten Juden bis heute nicht zurückbezahlt. Die internationalen Steuerhinterzieher würden sich immer noch auf das Bankgeheimnis verlassen können. Und korrupte Sportfunktionäre könnten weiterhin unbehelligt von Zürich aus die Jugend der Welt an den Mammon verkaufen. Da nimmt man als Bürger die peinlichen Wildwest-Szenen aus den Strassen Zürichs, die im Sommer um die Welt gingen, gerne in Kauf. Ein Volk von Zwergen will man hierzulande sein und bleiben. Darauf besteht man durch alle sieben Böden und bis ins hinterste Tal. Und man zeigt sich jetzt immer erstaunter, dass man vom Ausland plötzlich auch als Zwerg behandelt wird. Die Schweiz hat immer weniger zu sagen. Die Verhandlungen über das europäisch-amerikanische Freihandelsabkommen finden selbstverständlich ohne die Schweiz statt. Die neuen Bestimmungen in allen wirtschaftlichen Bereichen werden die Schweiz in einer Weise verändern, die die Torturen der letzten Jahre als lockere Dehnungsübungen aussehen lassen werden. Als Schweizer hat man dazu kein Wort zu sagen, aber wir werden natürlich nachvollziehen müssen. Der einzige Trost liegt im Umstand, dass man sich auch daran mittlerweile gewöhnt hat. Ein guter Teil der eidgenössischen Verwaltung ist damit beschäftigt, Gesetze nachzuvollziehen, die nicht in Bern, sondern in Brüssel oder New York erlassen wurden.
Böses Erwachen
Als Schweizer hat man in der globalisierten Welt nichts mehr zu sagen. Gefühle der Ohnmacht werden gerne mit grossen Worten kompensiert. Und wenn grosse Worte nicht mehr reichen, nimmt man eben unanständige. Der Populismus wird immer frecher, die Anwürfe immer primitiver. Im Schweizer Fernsehen muss sich ein Moderator zur besten Sendezeit auf eine Weise antisemitisch angehen lassen, die in keinem anderen Land möglich wäre, vielleicht mit Ausnahme Irans. Die Empörung darüber hält sich in sehr engen Grenzen. Genauso wenige stört es, wenn die grösste Partei der Schweiz mit Nazisymbolen Werbung macht. Die Einzige, die ihr Fett abbekommt, ist die Schriftstellerin, die darauf hingewiesen hat, dass die Ziffernfolge ‹88›, die in diesem Wahlclip einer Bundesratspartei präsentiert wird, unter Nazis als Chiffre für ‹Heil Hitler› steht. Sie muss sich von den Parteiideologen in ihren Kampfschriften anpöbeln lassen und erhält Morddrohungen, wie sie viele kennen, die hierzulande kritische Fragen stellen.
Man darf sich deswegen nicht beklagen. Andere zahlen einen noch höheren Preis. Etwa jener jüdische Mitbürger, der in Zürich am helllichten Tage von einem braunen Mob angegangen wurde. Zusammenhänge? Man wird doch nicht so paranoid sein! Suissemania: Der Wahnsinn, die Katatonie, die psychotische Störung können nicht ewig herrschen. Die Vernunft hierzulande ist nicht tot, sie schläft einfach sehr, sehr tief. Es wäre an der Zeit, sich zu regen und den Monstern zu trotzen, die ihre Ruhe gebiert. Sonst wartet am Ende einer langen Nacht ein böses Erwachen und als Trost nur die Nippessammlung, das Kloster Einsiedeln, die Schlacht am Morgarten und das Schellen-Ursli-Haus im schönen Graubünden, jedes davon durchschnittlich drei Zentimeter gross, aus ordinärem Plastik und selbstverständlich made in China.»
Bärfuss, Lukas. Die Schweiz ist des Wahnsinns. Ein Warnruf. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.10.2015.

Peter von Matt (*1937)
Der Mensch ist das lebenslange Studienobjekt des Germanisten Peter von Matt. Zu Gewalt ist der Mensch fähig, aber auch zu Liebe und Versöhnung. In seiner Rede am 1. August 2009 auf dem Rütli verweist Peter von Matt auf die Gewalttätigkeit von Wilhelm Tell, aber auch auf den Rütlischwur und die Verbrüderung. Schillers Tell ist ein einsamer Mensch, glücklich scheint er nicht zu sein. Ist die Schweiz in der Verbindung mit Europa vielleicht auch glücklicher als alleine?
«Der Mensch ist das geschichtenerzählende Tier»,104 sagt der Germanist Peter von Matt. Das Wort, die Sprache, die Literatur: Sie sind, was den Menschen ausmachen. Das Wort kann «gewaltlos und ohne Falsch»105 sein, aber auch gewalttätig, die Gewalt suchend106 und bewusst falsch, fake. Das ist der Ursprung jeder Geschichte: dass Menschen sie hören, dass sich die Menschen mit dieser Geschichte auseinandersetzen, dass sie sie beurteilen als eine gute oder schlechte, als eine wahre oder falsche Geschichte. In Geschichten geben Menschen Auskunft über Menschen und über ihr Verhalten.
Darin gründet die Liebe Peter von Matts zu den Menschen, zu den Existenzen. Über Tschechow schreibt er einmal: «Seine Botschaft ist sein Blick, seine Lehre die Einzigartigkeit jeder Figur.»107 Wer liest, dem bieten sich Einsichten in die Vielfalt der menschlichen Existenz. Und so einzigartig die Figuren in der Literatur auch sind, mal grundböse, mal liebend, mal offen, mal verschlossen – sie zu definieren, fällt einem schwer. Die Literatur hat nicht moralisch zu sein, sie hat aufzuzeichnen, sie hat die Beziehungen zwischen den Menschen wiederzugeben, sie hat den Menschen zu zeigen, wie er ist oder wie er sein könnte. Das moralische Urteil fällt ganz alleine auf den Leser zurück. Er selbst darf entscheiden, wer sich im Buch moralisch richtig verhält und wer nicht.
Zwei wesentliche Eigenschaften zeichnen den Menschen aus: Erstens ist er gewalttätig. Die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte der Gewalt. Die Literatur kann uns hier etwas lehren, sie kann uns Einsichten geben in die verschiedenen Formen von Gewalt, denn solange wir noch von Gewalt lesen, von Krieg, von Unterdrückung, solange können wir auch den Frieden wollen. Nichts ist schlimmer, als wenn die Menschen nicht mehr wissen, was Krieg ist. «Um Glück», sagt Peter von Matt, «eine bestimmte und fundamentale Form des Glücks, geht es überall, wo es um den Frieden geht. Dieses Glück wird nur erfahren, wer um das Gegenteil des Friedens weiss. Wo man es vergessen hat, wird der Frieden zum öden Alltag.»108 Das Gegenteil von Gewalt ist das Glück, die Liebe, in der Literatur der Kuss: Es ist die zweite wesentliche Eigenschaft des Menschen. Die Geschichte des Menschen ist auch eine Geschichte der Liebe. Die Liebe, der Kuss: meistens ein kurzer Moment in einer Geschichte, aber immer ansteckend. Ein weiterer Kuss muss folgen, und koste es das eigene Leben. Wer einmal geküsst hat, der «trägt das Wissen vom Glück immerzu mit sich herum»,109 sagt von Matt.
Wer sich, wie Peter von Matt, den anthropologischen Konstanten der Intrige und des Kusses in ganzen Büchern widmet, für den ist Literatur auch ein «Spiel» zur Veranschaulichung des Menschen. «Alle Konflikte, in die die Menschen geraten können, hat die Literatur […] durchzuspielen, und desgleichen alle Formen ihres möglichen Ausgangs. Spiel als Erkenntnis.»110 Das Spiel der Literatur kennt keine Grenzen, auch keine Hierarchien. Alles ist erlaubt, einzig eine Interpretation muss möglich sein. Die Leserin, der Leser tritt in einen Dialog mit dem Stück: Was will ich aus dir lernen? Was nehme ich mit, was lasse ich zurück? Literatur provoziert also unzählige unterschiedliche Meinungen bei den Lesern. Auch dadurch wird Literatur menschlich, wird sie anthropologisch. «Der Streit der Meinungen» gehört für von Matt «zur Würde des Menschen».111 Die einzig wahre Meinung gibt es nicht, «die Wahrheit kommt immer in der Mehrzahl daher».112
Eine Mehrzahl von möglichen Wahrheiten? Das ist etwas Neues in der Geschichte der Menschheit. War Wahrheit bis zur Aufklärung «von oben deklariert»,113 war sie früher «Epiphanie»,114 so ist sie heute für Peter von Matt ein «Resultat»,115 etwas, das «gemeinsam errungen»116 wird. Das gemeinsame Ringen um Wahrheit ist Dialog, Diskussion, «das Gespräch, die Debatte, der Disput, der Diskurs».117 Wo dieser Diskurs nicht stattfindet, da herrscht Gewalt und Rechthaberei. Die Welt der Gewalt aber ist eine einfache Welt, oder um es in den Worten Peter von Matts zu sagen: «Sobald Schüsse fallen, wird die Welt einfacher.» Wenn man sich gegenseitig umbringt, dann «verschwinden alle Widersprüche. Man war in Probleme verstrickt, sie sind gelöst. Man hat sich mit Fragen herumgeschlagen, sie sind beantwortet.»118 In der Welt der Gewalt gibt es nur eine Wahrheit: Wir sind die Guten, die anderen sind unsere Feinde, sie sind die Bösen. Die Welt der Sprache, der Kommunikation – die Welt der Liebe, des Kusses? – ist komplexer, in dieser Welt gibt es viele Wahrheiten. Der Mensch muss «die Wahrheit suchen» und bleibt sich selbst damit treu: «Solange er weitersucht, bleibt er menschlich; sobald er damit aufhört, wird er gefährlich.»119
Wo Dialog stattfindet, manifestiert sich Demokratie, es entsteht eine politische Öffentlichkeit. «Moderne Demokratien», so Peter von Matt, beruhen «auf dem Prinzip der Gleichheit.» Sie stellen somit einen wichtigen Gegensatz zur «Differenz» dar, die in heutigen populistischen Zeiten als etwas Unausweichliches verstanden wird, als eine «naturhafte Gegebenheit».120 Versteht man die modernen westlichen Demokratien als ein Produkt der Aufklärung, dann trifft Peter von Matt hier auf einen der wichtigsten europäischen Gegensätze überhaupt: den Gegensatz zwischen Natur und Vernunft. Es ist ein Gegensatz, der Peter von Matt bis heute nicht loslässt. Die populistische Hetze macht von Matt zu schaffen, die Verrohung der Sprache irritiert ihn zutiefst, so tief, dass er manchmal nicht mehr weiterweiss mit Europa. «Ich übersehe gegenwärtig nicht mehr, was in und mit Europa läuft», schreibt er in einer Notiz zu diesem Buchprojekt. «Ich fürchte Attacken gegen Europa aus der Mitte von Europa selbst heraus, die fatale Folgen haben könnten.» Da sich «die Wahrheitsfindung im öffentlichen Prozess» im Bereich der Sprache ereignet, benötigt sie laut Peter von Matt «eine entsprechende sprachliche Kultur. Die Qualität der Öffentlichkeit bemisst sich auch nach dem Entwicklungsstand ihrer Sprache.»121 Wo Komplexität herrscht, da darf die Sprache nicht vereinfachen. Wer achtsam in der Wahl seiner Worte ist, der ist es auch mit seinen Mitmenschen. Die Auseinandersetzung mit Sprache und Literatur führt zu einer Erkenntnis, die vielfältig, frei und beständig ist, weil sie sich immer wieder erneuert. «Literatur», so ist von Matt überzeugt, «kennt keinen Untergang ihrer Wahrheit.»122 Mit der rassistisch-populistischen Hetze, mit der Vereinfachung der Sprache erobert sich die gewalttätige Natur ihren Platz in der aufgeklärten europäischen Gesellschaft zurück. Nicht die Wahrheitssuche zählt mehr, sondern es wird eine Wahrheit gesetzt. Das führt zu Gewalt, sagt von Matt: «Die Wahrheit als Setzung schielt insgeheim immer auf Gewalt.»123 Wenn im heutigen Europa also die Menschenrechte kritisiert werden, wenn die universale Gleichheit an der Grenze im Mittelmeer haltmacht, wenn Wahrheiten Fake News werden, dann kann man die Ratlosigkeit Peter von Matts verstehen. Für ihn fällt Europa damit in einen Naturzustand zurück, von dem es sich die letzten Jahrhunderte versucht hat zu befreien. «Die Natur», so Peter von Matt, «kennt keine Rechte. Die Natur kennt nur Gewalt und List. Die freie Setzung der Menschenrechte ist daher eine der grössten Leistungen der Vernunft.»124
Die Vernunft, auch die Demokratie, «das ist glanzlos»,125 sagt Peter von Matt jetzt. Eine komplexe Sprache, viele mögliche Wahrheiten, Dialog und Kompromiss, wahrlich, diese Begriffe leuchten nicht sehr hell. «Die Demokratie hat im Arsenal der grossen Träume keinen Platz. Ihr Wesen ist der Kompromiss, das Beigeben, sind immer nur die halben Siege als immer auch halbe Schlappen.»126 «Unansehnlich von Natur aus»127 ist die Demokratie in den Augen Peter von Matts, sie ist «umständlich» und «schildkrötenhaft langsam».128 Die Demokratie hat also ihre Schwächen, sie ist vielleicht zu träge in der sich hektisch bewegenden Welt, doch für den Germanisten gehört der «demokratische Staat […] zu den höchsten Errungenschaften, die es auf unserem gequälten Planeten gibt».129 Aber: Demokratie ist schwierig.130 Demokratie gibt zu tun, «auch die Schweiz hat zu tun gegeben».131 Wer den Blick öffnet, von der Schweiz auf Europa hin, der findet hier einen Anknüpfungspunkt. Die Schweiz hat in Sachen Demokratisierung bereits einen langen Weg beschritten und verschiedene Krisen erfolgreich überwunden. Sie ist hier weiter als Europa, das sich in der bildhaften Beschreibung Peter von Matts «etwa im Zustand eines Pubertierenden» befindet, «der seinen Eltern schlaflose Nächte macht».132 Demokratie braucht Geduld, doch was aus der Demokratie entsteht, ist kristallklar, hat Wert, hat Substanz. «Die wirklichen Abläufe geschehen gletscherhaft langsam in der Tiefe»,133 sagt Peter von Matt und rückt damit die alpine Schweiz in das Zentrum Europas. Föderalismus und direkte Demokratie, das sind die nächsten Etappen der «langen Reise», die das pubertäre Europa noch zu gehen habe, und die Schweiz könne hier ein «Wegweiser»134 sein.
Man kann also argumentieren, dass Demokratie und Aufklärung an ihrer Langsamkeit, an ihrer Langweiligkeit kranken. Das scheint auch Friedrich Schiller erkannt zu haben, und so hat er seinen Wilhelm Tell als ein gewalttätiges Gegenstück zum friedlichen, pathetisch aufgeladenen Rütlischwur in Szene gesetzt, ihm sozusagen ein bisschen Würze verliehen. Tell ist, um hier weiterhin am Gegensatz von Gewalt und Liebe festzuhalten, der Intrigant, wie ihn Peter von Matt beschreibt: «Der Intrigant […] sagt: Ich mache es selbst. […] Mein Schicksal bin ich selbst, und so handle ich auch.»135Wilhelm Tell als Intrigant? Das grenzt schon beinahe an Gotteslästerung. Doch Peter von Matt kann sich erklären: Schlüssig argumentiert er, dass Tell ein Wilder sei, ein «Waldmensch, der keinen braucht, der sich selbst genug ist, der alles kann», ein «Einzelgänger, mehr noch: Er ist ein vorpolitischer Mensch», ein «Nichtrepublikaner».136 Peter von Matt findet in einer der wichtigsten literarischen Figuren der Schweiz mehr als viele andere vor ihm. Nicht die Gewalt, nicht der Tyrannenmord sind die zentralen Motive, sondern Tells Eigenbrötlerei. Doch in seiner Einsamkeit gehört Tell für ihn nicht zu den «tatsächlichen politischen Leistungen der Schweiz». Die wahren Leistungen, «das sind: die Kunst des politischen Kompromisses, die verhinderte Machtballung bei Einzelpolitikern und die überproportionale Förderung der Minderheiten».137 Nicht der gewalttätige und einsame Wilhelm Tell ist demnach für von Matt die grosse Leistung Schillers, sondern der Schwur auf dem Rütli: «Mich persönlich interessiert die Inszenierung der Menschenrechte am meisten. Das war das Gebot der Stunde. In der Rütliszene der Gestus: Wir holen die ewigen Gesetze vom Himmel herunter, im Sinne einer Berufung auf das Naturrecht.»138 Das ist grossartig. Den Wilhelm Tell – er stammt übrigens aus Dänemark, auch das verrät uns von Matt einmal – des deutschen Autors Schiller als ein Produkt der Französischen Revolution, des europäischen Humanismus verstehen zu können, das kann nur dem «Europäer»139 Peter von Matt gelingen. Damit ist Schillers Wilhelm Tell mehr als ein Stück über die «symbolische Gewalt der Berge»,140 es ist ein Stück über das «politische Know-how der Schweiz», über «ihre in Jahrhunderten entwickelte Versöhnungskultur».141
Europäer ist der Schweizer Peter von Matt durch die Literatur geworden. Die Schweizer Literatur ist seit ewig mit Europa verbunden, ist von Matt überzeugt, sie besitzt eine «doppelte Staatsbürgerschaft»,142 sie ist immer einerseits schweizerisch, andererseits aber auch europäisch, da sie sich an den grossen Sprachräumen des Deutschen, des Französischen und des Italienischen orientiert. Weiter weist von Matt darauf hin, dass die Schweiz für Napoleon «offensichtlich eine europäische Angelegenheit»143 war. Für Peter von Matt gibt es daher immer eine enge Verflechtung der Schweiz mit Europa, deren Beziehung reziprok ist: Die Schweiz kann Europa ein Wegweiser zu mehr Demokratie und Föderalismus sein, Europa wiederum hilft mit, die Schweiz als kleinen Staat zu beschützen und ihr ihre Neutralität zu lassen.
Auch wenn Tell beim Rütlischwur durch seine Abwesenheit glänzt, so ist das Stück von Friedrich Schiller doch Teil des europäischen «Raums der Inspiration».144 Wo die Politik versucht, Wilhelm Tell zum Eidgenossen zu machen, da macht ihn die Literatur zum Europäer. Die Literaten Europas, «die schaffenden Geister»,145 kommunizieren miteinander, sie überschreiten Grenzen und lassen ihre Helden dieselben Grenzen überschreiten. «Don Quijote reitet über alle Grenzen» heisst das dann bei Peter von Matt. Es gibt offensichtlich keine Nationalliteratur; alle Literatur ist für ihn grenzüberschreitend. Alles Nationalisierende ist zu verwerfen, alle Versuche, ein Volk als etwas Homogenes darzustellen, verlieren ihre Gültigkeit, der «Stacheldraht an den Grenzen der Staaten»146 wird belanglos, die Gewalt muss verworfen werfen und mit ihr die Vereinfachung. Was zählt, ist die Liebe, ist die Verbindung, ist die Diskussion, und «wenn es eine europäische Identität gibt, dann wurzelt sie hier, im gemeinsamen Raum der Inspiration».147
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