Kitabı oku: «Das Nibelungenlied»

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Das Nibelungenlied

Übersetzt von Felix Genzmer

Anmerkungen und Nachwort von Bernhard Sowinski

Reclam

1965, 1992, 2021 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Covergestaltung: Cornelia Feyll, Friedrich Forssman

Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Made in Germany 2021

RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart

ISBN 978-3-15-961908-8

ISBN der Buchausgabe 978-3-15-978-3-15-014190-8

www.reclam.de

Inhalt

 Das NibelungenliedWie Kriemhild bei den Burgunden aufwuchsWie Sigfrid erzogen wardWie Sigfrid nach Worms kamWie Sigfrid mit den Sachsen strittWie Sigfrid Kriemhild zum ersten Male sahWie Gunther gen Island zu Brünhild fuhrWie Gunther mit seinen Gefährten nach Island kamWie Sigfrid zu den Nibelungen, seinen Recken, fuhrWie Sigfrid nach Worms gesandt wardWie König Gunther zu Worms mit Frau Brünhild Hochzeit feierteWie Sigfrid sein Weib zu seinem Heimatlande brachte und wie sie daheim ihre Hochzeit feiertenWie Gunther Sigfrid und Kriemhild nach Worms einlud, wo man ihn später erschlugWie Kriemhild mit ihrem Mann zum Hofgelage zogWie sich die Königinnen überwarfenWie man zu Worms Fehde ansagteWie Sigfrid ermordet wardWie Kriemhild ihren Mann beklagte und wie man ihn begrubWie Kriemhild dort blieb und ihr Schwäher von dannen rittWie der Nibelungenhort nach Worms gebracht wardWie der König Etzel nach Frau Kriemhild zu Worms seinen Boten sandteWie Kriemhild von Worms schied, als sie zu den Hunnen fuhrWie Kriemhild und Etzel in der Stadt Wien Hochzeit feiertenWie der König Etzel und Frau Kriemhild zu ihren Gefreundten nach Worms sandtenWie die Boten zum Rheine kamen und wie sie von dort schiedenWie die Könige zu den Hunnen zogenWie sie mit Else und Gelfrat stritten und wie es ihnen da gelangWie der Markgraf die Könige mit ihren Recken in seinem Hause empfing und wie er sie dann versorgteWie die Nibelunge zu Etzels Burg kamen und wie sie da empfangen wurdenWie er nicht vor ihr aufstandWie die Könige mit ihren Recken schlafen gingen und was ihnen da geschahWie die Herren zur Kirche gingenWie Blödel mit Dankwart in der Herberge strittWie Dankwart die Nachricht seinen Herren zum Hofe brachteWie Iring erschlagen wardWie die drei Könige mit ihrer Schwester über die Sühne redetenWie Rüdeger erschlagen wardWie Dietrichs Recken alle erschlagen wurdenWie Dietrich Gunther und Hagen bezwang

  Anmerkungen

 LiteraturhinweiseTextausgabenAusgewählte Forschungsliteratur

 NachwortDas Nibelungenlied um 1200SagengeschichtlichesAufbau und ErzählstrukturDas Erzählkonzept der NibelungengeschichtenSigfrid und seine LiebesgeschichteKriemhilds Liebe und RacheHagens GegenspielZur Rezeption des NibelungenliedesZur vorliegenden Übersetzung

Das Nibelungenlied

Erstes Abenteuer

Wie Kriemhild bei den Burgunden aufwuchs

 1 Uns sind in alten Mären Wunder viel gesagtvon Helden, reich an Ehren, von Kühnheit unverzagt,von Freude und Festlichkeiten, von Weinen und von Klagen,von kühner Recken Streiten mögt ihr nun Wunder hören sagen.

 2 Es erwuchs in Burgunden ein edles Mägdelein,dass in allen Landen kein schöneres mochte sein:Kriemhild war sie geheißen; sie ward ein schönes Weib.Um sie mussten der Degen viel verlieren Leben und Leib.

 3 Geliebt zu werden ziemte der minniglichen Maid.Viel Recken sie begehrten; keinem war sie leid.Schön ohne Maßen, so war ihr schmucker Leib.Der Jungfrau edle Sitten wären eine Zier für jedes Weib.

 4 Sie pflegten drei Könige, edel und reich:Gunther und Gernot, denen keiner gleich,und Giselher, der junge, ein ausgewählter Degen.Die Maid war ihre Schwester; die Fürsten hatten sie zu pflegen.

 5 Ute ihre Mutter, die reiche Herrin, hieß.Ihr Vater, der hieß Dankrat, der das Erbe hinterließnach seines Lebens Ende, an Kraft ein mächtiger Mann,der auch in seiner Jugend großer Ehren viel gewann.

  6 Die Herren waren milde, von Herkunft hochgeboren,maßlos kühn an Kräften, die Recken auserkoren,dort bei den Burgunden; so war ihr Land genannt.Sie wirkten starke Wunder später noch in Etzels Land.

  7 Zu Worms an dem Rheine sie saßen in ihrer Kraft.Aus ihren Landen diente viel stolze Ritterschaftin rühmlichen Ehren all ihres Lebens Zeit.Voll Jammers später sie starben durch zweier edler Frauen Streit.

  8 Die drei Könige waren, wie ich gegeben an,hohes Heldenmutes. Ihnen waren untertanauch die besten Recken, von denen man gesagt,starke und vielkühne, in scharfen Kämpfen unverzagt.

  9 Das war von Tronje Hagen und auch der Bruder sein,Dankwart, der gar schnelle, von Metz Herr Ortwein,die beiden Markgrafen, Gere und Ekkewart,Volker von Alzei, in allen Kräften wohl bewahrt.

 10 Rumolt war Küchenmeister, ein auserwählter Degen,Sindold und Hunold; die alle mussten pflegendes Hofes und der Ehren, den Königen untertan.Sie hatten noch manchen Recken, den ich nimmer nennen kann.

 11 Dankwart war der Marschall. Da war der Neffe seinTruchsess des Königs: von Metz Herr Ortwein.Sindold, der war Mundschenk, ein auserwählter Degen;Kämmerer war Hunold. Sie konnten hoher Ehren pflegen.

 12 Von des Hofes Glanze und ihrer großen Kraft,von ihrer hohen Würde und ihrer Ritterschaft,die die Herren da übten in Freuden all ihr Leben,davon könnte euch wahrlich niemand volle Kunde geben.

 13 In diesen hohen Ehren träumte Kriemhilden,wie sie zöge einen Falken, einen starken, schönen, wilden,den ihr zwei Aare erkrallten: da sie das musste sehn,ihr konnt auf dieser Erde nie ein größer Leid geschehn.

 14 Den Traum sie da sagte ihrer Mutter Uten.Die konnte nicht besser deuten ihn der Guten:»Der Falke, den du ziehest, das ist ein edler Mann.Ihn wolle Gott behüten; sonst ist es bald um ihn getan.«

 15 »Was sagt ihr vom Manne, vielliebe Mutter mein?Ohne Reckenminne, so will ich immer sein.So schön will ich bleiben bis an meinen Tod,dass ich von Mannesminne nie gewinnen möge Not.«

 16 »Lehn ab es nicht so gänzlich«, die Mutter sprach also;»sollst du je auf Erden von Herzen werden froh,das ist von Mannesminne. Du wirst ein schönes Weib,wenn Gott dir bescheret noch eines guten Ritters Leib.«

 17 »Dies Wort in Ruhe bleibe, Herrin mein, fürwahr!Es ist an manchem Weibe oft schon worden klar,wie Liebe mit Leide am Ende lohnen kann.Ich muss sie meiden beide; so ficht kein Missgeschick mich an.«

 18 Kriemhild hielt im Mute von Minne frei den Sinn.Sie lebte, die viel Gute, manchen Tag dahin,so dass sie niemand wusste, den sie wünschte zum Mann,bis sie doch mit Ehren einen kühnen Ritter gewann.

 19 Das war derselbe Falke, den sie im Traume sah,den ihr gedeutet die Mutter. Wie rächte sie es daan ihren nächsten Magen, die ihn geschlagen tot!Durch des einen Sterben kam mancher Mutter Kind in Not.

Zweites Abenteuer

Wie Sigfrid erzogen ward

 20 Da wuchs in den Niederlanden eines reichen Königs Kind,sein Vater, der hieß Sigmund, seine Mutter Sigelind,in einer reichen Feste, weithin wohlbekannt,drunten an dem Rheine; Santen war sie genannt.

 21 Ich sag euch von dem Degen, wie so schön er ward.Er blieb vor jeder Schande immer wohl bewahrt.Ruhmreich und kräftig ward bald der kühne Mann.Hei, was an hohen Ehren auf dieser Erde er gewann!

 22 Sigfrid war geheißen der schnelle Degen gut.Er erprobte viele Reiche in kraftbeherztem Mut.Seines Leibes Stärke bracht ihn in manches Land.Hei, was an schnellen Degen er bei den Burgunden fand!

 23 Bevor der kühne Degen erwachsen war zum Mann,da hatt er solche Wunder mit seiner Hand getan,davon in aller Zukunft man singen mag und sagen,dass wir von dem verschweigen müssen viel in diesen Tagen.

 24 In seinen besten Zeiten, zu seinen jungen Tagen,mochte man viele Wunder von Sigfrid schon sagen,wie Ehren ihm erwuchsen, wie schön ward sein Leib.Drum dachte sein in Minne manches anmutige Weib.

 25 Man erzog ihn mit der Sorgfalt, die ziemt dem edeln Mann;durch sein eignes Wesen viel Tugend er gewann.So ward er zur Zierde für seines Vaters Land,dass man in allen Dingen wahrhaft herrlich ihn erfand.

 26 Er war nun erwachsen und zu Hof zu gehn bereit.Die Leute sahn ihn gerne; manche Frau und manche Maidwünschten, dass sein Wille ihn immer zöge dahin.Ihm waren hold gar viele; das spürte wohl des Degens Sinn.

 27 Nie ließ ohne Obhut man reiten ihn als Kind.Ihn ließ mit Kleidern zieren seine Mutter Sigelind.Sein pflegten auch die Weisen, denen Ehre wohlbekannt.Drum mochte er wohl erwerben beides: die Leute wie das Land.

 28 Nun war er reif an Kräften, dass er Waffen trug;was dazu er brauchte, das hatte er genug.Schon sann er zu werben um manches schöne Weib.Die dachten wohl mit Ehren an des kühnen Sigfrids Leib.

 29 Da ward von König Sigmund den Mannen kund gemacht,er hätte mit lieben Freunden ein hohes Fest bedacht.Die Kunde man da brachte in andrer Könige Land.Den Fremden und den Freunden gab er Ross und Gewand.

 30 Wen man finden konnte, der Ritter sollte sein,von Art seiner Magen, die Edelknaben fein,den lud man nach dem Lande zu der Festlichkeit,dass mit dem jungen König das Schwert er nähme zur selben Zeit.

 31 Von dem hohen Feste konnte man Wunder sagen,Sigmund und Sigelind mochten davon tragenviel Ehre durch Geschenke, die verteilte ihre Hand.Drum sah man viele Fremden zu ihnen reiten durch das Land.

 32 Vierhundert Schwertdegen sollten gekleidet seinmit dem jungen König. Manch schönes Mägdeleinwar rastlos am Werke; sie waren ihm alle hold.Viele edeln Steine legten die Frauen in das Gold.

 33 Die wollten sie mit Borten auf die Gewande nähnden stolzen Schwertdegen; das musste so geschehn.Der Wirt ließ Sitze bauen für manchen kühnen Mannzu einer Sonnenwende, bei der die Festlichkeit begann.

 34 Da ging zu einem Münster so mancher schmucke Knechtund mancher edle Ritter. Die Alten taten recht,dass sie den Jungen dienten, wie man ihnen einst getan;sie hatten ihre Kurzweil und auch viel Freude daran.

 35 Gott man da zu Ehren eine Messe sang.Mit Macht von den Leuten da jeder vorwärtsdrang,wie sie zu Rittern wurden nach Ritterbrauch gemachtmit also hohen Ehren, dass nie man schaute mehr an Pracht.

 36 Sie eilten, wo sie fanden gesattelt Rosse vielin dem Hofe Sigmunds; da gabs ein Ritterspiel,dass man ertosen hörte Palas und Saal.Die hochgemuten Degen erhoben mächtigen Schall.

 37 Von Alten und von Jungen man hörte manchen Stoß;es ward vom Schäftebrechen das Getöse groß.Splitter sah man fliegen bis zum Palas hinan;von mancher Recken Hände ward voll Eifers dies getan.

 38 Der Wirt gebot es zu lassen. Man führte die Rosse fort.Nun sah man auch zerbrochen viel starke Schilde dort,viele edeln Steine gestreut auf das Feldvon lichten Schildes Spangen; die hatte da ein Stoß zerschellt.

 39 Da gingen des Wirtes Gäste, wo man sie sitzen hieß.Von vieler edeln Speise Ermattung sie verließ,vom allerbesten Weine, den man in Fülle trug.Den Fremden und Bekannten bot man Ehre da genug.

 40 So viel auch bei Kurzweil den Tag sie brachten zu,viele fahrenden Leute kamen nicht zur Ruh.Sie dienten um die Gaben, die man da reichlich fand.Drum ward ihr Lob zur Zierde König Sigmunds ganzem Land.

 41 Der Fürst hieß verleihen Sigfrid, dem jungen Mann,Lande und Burgen, wie einst er selbst getan.Seinen Schwertgenossen gab viel seine Hand.Da freute sie die Reise, dass sie gekommen in das Land.

 42 Die Festlichkeit währte bis an den siebenten Tag.Siglind, der reichen, von Alters ob es lag,um des Sohnes willen zu verteilen rotes Gold.Sie konnte es wohl verdienen, dass ihm die Leute waren hold.

 43 Gar wenig man an armen Fahrenden da fand:Rosse und Kleider verschleudert ihre Hand,als hätten sie zu leben nur eines Tages Zeit.Man sah bei Ingesinde nie größre Freigebigkeit.

 44 Mit preislichen Ehren schloss die Festlichkeit.Mächtige Herren hörte man sagen nach der Zeit,dass sie den Jungen wollten haben zu ihrem Herrn.Sigfrid, dem gar schmucken, lag solches Begehren fern.

 45 Solange beide lebten, Sigmund und Sigelind,nicht wollte die Krone tragen ihr geliebtes Kind.Doch wollt er Herr werden aller Gewalt im Land,die irgend furchtbar dünkte den Degen kühn und vielgewandt.

 46 Ihn durfte niemand schelten, seit er die Waffen nahm.Zur Ruhe kam gar selten der Recke lobesam.Es suchte nichts als Streiten seine starke Hand.Die ward zu allen Zeiten in fremden Reichen wohlbekannt.

Drittes Abenteuer

Wie Sigfrid nach Worms kam

 47 Den Herren traf da selten irgendein Herzeleid.Er vernahm die Kunde, dass eine so schöne Maidbei den Burgunden wäre, wie man nur wünschen kann,von der er noch viele Freuden und viel Mühsal auch gewann.

 48 Von ihrer stolzen Schönheit ging die Kunde weit;und auch ihr Hochgemüte zu der gleichen Zeithatte bei der Jungfrau so mancher Held erkannt.Das lockte viele Degen hin in König Gunthers Land.

 49 So viele um ihre Minne man auch werben sah,Kriemhild in ihrem Sinne selber nie geschah,dass sie jemand wollte haben zum trauten Mann.Noch fremd geblieben war ihr, dem bald sie wurde untertan.

 50 Da sann auf hohe Minne der Siglinde Kind.Aller andern Werben, das ging in den Wind.Er mochte wohl verdienen schöner Frauen Leib.Bald ward die edle Kriemhild des kühnen Helden Sigfrid Weib.

 51 Ihm rieten seine Magen und auch manch andrer Mann,wenn auf stete Minne sich richtete sein Plan,dass er eine wählte, die an Rang gleich ihm käme.Da sprach der edle Sigfrid: »Kriemhild alsdann ich nehme,

 52 die edele Jungfrau aus Burgundenlandin ihrer großen Schönheit. Das ist mir wohlbekannt,kein Kaiser sei so mächtig; hätt er ein Weib im Sinn,ihm zu minnen ziemte diese reiche Königin.«

 53 Diese Märe hörte da König Sigmund.Davon sprachen seine Leute. Dadurch ward ihm kundder Willen seines Sohnes. Das war ihm bitter leid,dass er werben wollte um diese herrliche Maid.

 54 So vernahm es auch die Mutter, die edle Sigelind.Sie musste schwere Sorge haben um ihr Kind:sie meint ihn zu verlieren durch Gunthers Heeresbann.Die Werbung man dem Degen sehr zu widerraten begann.

 55 Da sprach der starke Sigfrid: »Viellieber Vater mein,ohn aller Frauen Minne wollte ich immer sein,ich würbe denn, wo mein Herze innige Liebe hat.«Was man auch reden mochte, es gab dawider keinen Rat.

 56 »Willst du davon nicht lassen«, der König sprach also,»so bin ich deines Willens doch im Innern frohund will zum Ziel dir helfen, wie ichs am besten kann.Doch hat der König Gunther gar manchen übermütigen Mann.

 57 Wenns niemand anders wäre als Hagen, der Degen;der weiß voll Übermutes der Hoffahrt zu pflegen,so dass ich sehr befürchte, dass es uns werde leid.Solche Mär erzählt man von den Recken weit und breit.«

 58 »Wie kann uns das hindern?« hub da Sigfrid an.»Was ich nicht in Freundschaft von ihnen erbitten kann,das mag mit ihren Kräften erwerben meine Hand;ich trau mich zu erzwingen beides, Leute und Land.«

 59 »Die Rede ist mir schmerzlich«, sprach König Sigmund;»denn wenn diese Märe am Rheine würde kund,dann dürftest du nimmer reiten in das Land:Gunther und Gernot, die sind mir lange bekannt.

 60 Mit Gewalt erwerben kann niemand die Maid«,sprach der König Sigmund. »Da weiß ich wohl Bescheid.Wollen wir aber mit Recken reiten in das Land,unsern besten Freunden gebe ich die Fahrt bekannt.«

 61 »So ist mir nicht zumute«, sprach da Sigfrid,»dass mir Recken sollen zum Rheine folgen mit,wohl auf einer Heerfahrt; das wäre mir gar leid,sollt ich so erzwingen diese herrliche Maid.

 62 So soll sie erwerben allein meine Hand:Ich will mit zwölf Gefährten in König Gunthers Land;dazu sollt Ihr mir helfen, Vater Sigmund.«Da gab man seinen Degen zu Kleidern Stoff, grau und bunt.

 63 Da vernahm auch diese Kunde seine Mutter Sigelind.Sie begann zu trauern um ihr liebes Kind.Sie war in schwerer Sorge vor König Gunthers Heer.Die Königin, die edle, darüber weinte sie sehr.

 64 Da kam der Herr Sigfrid, wo die Frau er sah,hin zu seiner Mutter. Gütig sprach er da:»Um meinetwillen sollt Ihr nimmer weinen, Frau:sorglos jeden Helden zu bestehn ich mich getrau.

 65 Doch helfet mir zur Reise nach Burgundenland,dass ich mit meinen Recken habe solch Gewand,wie es so stolze Helden in Ehren mögen tragen.Dank dafür will ich Euch von Herzen immer sagen.«

 66 »Willst du davon nicht lassen«, sprach Frau Sigelind,»so helf ich dir zur Reise, mein einziges Kind,mit der besten Kleidung, die je ein Ritter trug,dir und deinen Gefährten; ihr sollt von allem haben genug.«

 67 Da neigte sich ihr mit Züchten der vielkühne Mann.Er sprach: »Zur Fahrt will ich niemand nehmen anaußer zwölf Gefährten, prächtig anzusehn.Ich will gern versuchen, wie es um Kriemhild möge stehn.«

 68 Da saßen schöne Frauen den Tag und die Nacht;wenig war auf Muße eine von ihnen bedacht,bis sie gefertigt hatten Sigfrids Kleiderstaat.Der wollte für seine Ausfahrt weiter haben keinen Rat.

 69 Sein Vater gab zur Zierde ein ritterlich Gewand,darin er reiten sollte zum Burgundenland.Ihre lichten Brünnen, die waren auch bereit,und ihre festen Helme; ihre Schilde waren schön und breit.

 70 So kam für ihre Ausfahrt die Zeit nun heran.Wie es ihnen ergehen würde, zu sorgen man begann,ob sie wieder kommen würden in ihr Land.Da belud man für die Degen Pferde mit Waffen und Gewand.

 71 Schön waren die Rosse, das Reitzeug golden rot.Dünkte sich jemand höher, das wäre keine Not,als Sigfrid es wäre und auch seine Mannen.Urlaub er begehrte, zu reiten nun nach Worms von dannen.

 72 Den gewährten traurig König und Königin.Er tröstete sie beide mit minniglichem Sinn.Er sprach: »Um meinetwillen traget keine Pein!Um mein Leben sollt Ihr immer ohne Sorge sein.«

 73 Trauer schuf es den Recken; es weinte manche Maid.Mich dünkt, dass im Herzen sie ahnten das Leid,dass ihnen viele Freunde darum lägen tot.Sie hatten Grund zur Klage; das schuf ihnen einstmals Not.

 74 Am siebenten Morgen zu Worms auf den Strandritten nun die Kühnen. All ihr Gewandwar von rotem Golde; geziert ihr Reitzeug war.Die Rosse gingen in Ordnung in des Herren Sigfrids Schar.

 75 Neu waren ihre Schilde, stark sowie breit,und licht ihre Helme, als mit dem GeleitSigfrid zu Hofe ritt in Gunthers Land.Man schaute an Helden nie so herrliches Gewand.

 76 Die Schwertspitzen reichten nieder auf den Sporn;sie führten scharfe Speere, die Ritter auserkorn.Sigfrid führte einen wohl zwei Spannen breit,der mit seinen Schneiden gar gefährlich war im Streit.

 77 Goldrote Zäume hielt ihre Hand;mit seidnen Brustriemen kamen sie in das Land.Das Volk allenthalben sie anzustaunen begann.Gunthers Mannen liefen viele zu ihnen da heran.

 78 Die hochgemuten Recken, Ritter sowie Knecht,eilten ihnen entgegen – sie taten, wie es recht –und empfingen die Gäste in ihrer Herren Land;sie nahmen ihnen die Rosse und die Schilde von der Hand.

 79 Zu dem Stall man wollte die Rosse führen fort.Doch Sigfrid sprach, der starke, zu den Helden dieses Wort:»Lasst uns noch die Pferde eine Weile stehn!Das ist meine Absicht: wir wollen bald von hinnen gehn.

 80 Man soll auch unsre Schilde davon nimmer tragen.Wo ich den König finde, kann mir das jemand sagen,Gunther, den reichen, aus Burgundenland?«Da sagte es ihm einer, dem genau es war bekannt.

 81 »Wollt Ihr den König finden, das kann wohl geschehn:in jenem weiten Saale hab ich ihn gesehnunter seinen Degen. Wollt Ihr gehn hinan,so könnt Ihr bei ihm finden manchen auserwählten Mann.«

 82 Inzwischen auch dem König gebracht die Kunde war,auf seinem Hofe wäre eine wackre Ritterschar,die lichte Brünnen trüge und herrliches Gewand.Sie kannte noch niemand in der Burgunden Land.

 83 Den König nahm es wunder, woher gekommen andie herrlichen Recken, so glänzend angetanund mit so schönen Schilden, neu sowie breit.Dass niemand es sagen konnte, das tat dem König Gunther leid.

 84 Antwort gab ein Recke, der hieß Ortwein –stark sowie mutig mochte er wohl sein –:»Wenn wir sie nicht erkennen, so sollt Ihr holen gehnmeinen Oheim Hagen; den wollen wir sie lassen sehn.

 85 Ihm sind kund die Reiche und alles fremde Land.Kann er sie erkennen, so gibt ers uns bekannt.«Ihn ließ der König holen mit den Mannen sein.Züchtiglich trat er am Hofe vor dem König ein.

 86 Was der Herrscher wolle, so fragte da Hagen.»Es sind zu meinem Hause gekommen fremde Degen,die niemand hier kennet; habt im fremden LandIhr sie schon gesehen, so gebt es, Hagen, uns bekannt!«

 87 »Das tu fürwahr ich gerne.« Zum Fenster trat er da;mit prüfendem Blicke er auf die Gäste sah.Wohl gefiel ihm ihr Geräte und auch ihr Gewand;doch waren sie ihm fremde in der Burgunden Land.

 88 Er sprach, woher auch kämen die Recken an den Rhein,sie möchten Fürsten selber oder Fürstenboten sein.»So schön sind ihre Rosse, ihre Kleider sind so gut.Woher sie auch geritten, sie haben einen hohen Mut.«

 89 Also sprach da Hagen: »Soweit ichs sagen mag,sah ich auch nimmer Sigfrid bis auf diesen Tag,so will ich doch glauben, wie es damit auch geht,dass er es ist, der Recke, der dort so herrlich vor uns steht.

 90 Er bringet uns Märe her in dieses Land:die kühnen Nibelungen schlug des Helden Hand,die reichen Königssöhne Schilbung und Nibelung;er wirkte große Wunder mit seines starken Armes Schwung.

 91 Als der Held alleine ohn alle Hilfe ritt,fand er vor einem Berge – so teilte man mir mit –beim Nibelungenhorte manchen kühnen Mann.Sie waren ihm noch fremde, bis er die Kunde dort gewann.

 92 Der Hort König Nibelungs, der wurde da getragenaus einem hohlen Berge. Nun hört Wunder sagen,wie ihn teilen wollten die Nibelungen dann!Das sah der Degen Sigfrid. Der Held zu wundern sich begann.

 93 Er kam so nahe ihnen, dass er die Recken sahund ihn auch die Degen. Einer sagte da:›Hier kommt der starke Sigfrid, der Held aus Niederland.‹Viel seltsame Dinge er bei den Nibelungen fand.

 94 Den Recken wohl empfingen Schilbung und Nibelung,Einmütig baten die edeln Fürsten jung,den Schatz ihnen zu teilen, den vielkühnen Mann.Sie baten ihn so lange; und er gelobte es alsdann.

 95 Er sah viel edle Steine, wie wir hörten sagen –hundert Lastwagen könnten es nicht tragen –,noch mehr des roten Goldes von Nibelungenland.Das sollte alles teilen des vielkühnen Sigfrids Hand.

 96 Sie gaben ihm zum Lohne König Nibelungs Schwert.Doch ward der Dienst ihnen gar übel gewährt,den ihnen da leisten sollte der vielkühne Mann:er bracht es nicht zustande. Da griffen sie den Helden an.

 97 Den Schatz musste er liegen lassen ungeteilt.Der beiden Könige Mannen kamen zum Kampf geeilt.Mit ihres Vaters Schwerte, das Balmung war genannt,erstritt von ihnen der Kühne den Hort und das Nibelungenland.

 98 Sie hatten da als kühne Freunde zwölf Mann,die stark wie Riesen waren. Was focht ihn das an?Die schlug alsbald im Zorne Sigfrids starke Hand;und siebenhundert Recken bezwang aus Nibelungenland

 99 er mit dem guten Schwerte, geheißen Balmung.In ihrem starken Schrecken gar manche Recken jung,den vor dem Schwert sie hatten und vor dem kühnen Mann,das Land mit den Burgen machten sie ihm untertan.

 100 Dazu die reichen Könige, die schlug er beide tot.Durch Alberich kam er darauf in große Not:seine Herrn wollt schleunig rächen seine Hand,bevor die große Stärke er an Sigfrid erkannt.

 101 Da konnt ihn nicht bestehen der kräftige Zwerg.Wie die wilden Löwen liefen sie an den Berg,wo er die Tarnkappe Albrich abgewann.Da ward der Herr des Hortes Sigfrid, der vielkühne Mann.

 102 Die da gewagt zu kämpfen, die lagen alle erschlagen.Den Schatz ließ alsbald er hinbringen und tragen,woher Niblungs Mannen zuvor ihn gebracht.Alberich, der starke, ward zum Kämmerer gemacht.

 103 Er musst ihm Eide schwören. Er diente ihm als Knecht;jeder Art Dienste leistet’ er ihm recht.«So sprach Hagen von Tronje: »Das hat er getan.Also große Kräfte nie ein Recke noch gewann.

 104 Noch eine Mär weiß ich; die ist mir wohl bekannt:Einen Linddrachen erschlug des Helden Hand.Dann badet’ er in dem Blute. So ward dem Recken wertdie Haut von solcher Härte, dass keine Waffe sie versehrt.

 105 Nun sollen wir den Helden empfangen desto bass,dass wir uns nicht zuziehn seinen starken Hass.Er ist so kühnes Sinnes; man soll hold ihm nahn.Er hat mit seinen Kräften so manches Wunder schon getan.«

 106 Da sprach der reiche König: »Du sprichst, mein ich, wahr.Nun sieh, wie heldenmäßig er steht vor Streitgefahr,er und seine Degen, der wunderkühne Mann.Wir wollen ihm entgegen hinuntergehn und ihn empfahn.«

 107 »Das mögt Ihr«, sprach Hagen; »Ehre ziemt ihm schon:er ist von hoher Abkunft, eines reichen Königs Sohn,er steht so da, der hehre; mich dünkt – das wisse Christ! –dass es nichts Kleines wäre, darum er hergeritten ist.«

 108 Da sprach der Herr des Landes: »So sei er uns willkommen!Er ist kühn und edel; das hab ich wohl vernommen.Das soll er auch genießen im Burgundenland.«Da ging der König Gunther hin, wo Sigfrid er fand.

 109 Der Fürst und seine Recken empfingen so den Gast,dass mit hohen Ehren begann seine Rast.Drum neigte sich ihnen der Vielkühne da.Züchtiglich stehen vor seinen Recken man ihn sah.

 110 »Mich wundert«, sprach der König, zu seinem Gast gewandt,»von wannen Ihr, edler Sigfrid, kommt in unser Land,oder was Ihr begehret zu Worms an dem Rhein?«Da sprach der Gast zum König: »Das soll Euch unverhohlen sein.

 111 Mir ward gesagt die Märe in meines Vaters Land,dass hier bei Euch wären – das hätt ich gern erkannt –die allerkühnsten Recken – so hab ichs oft vernommen –die je gewann ein König; darum bin ich hergekommen.

 112 Auch hörte ich Euch selber Mannheit zugestehn,so dass man keinen kühnern König je gesehn.Das rühmen viel die Leute in diesem ganzen Land.So will ich nimmer ruhen, bis ich es selber habe erkannt.

 113 Ich bin auch ein Recke und soll die Krone tragen.Ich will das gern erreichen, dass sie von mir sagen,dass mit Recht ich hätte die Leute wie das Land.Dafür sei meine Ehre und auch mein Haupt gesetzt zum Pfand.

 114 Seid Ihr nun so tapfer, wie Euch die Kunde zeiht,so frag ich nicht, ob es jemand sei lieb oder leid.Ich will von Euch erzwingen, was Euch gehöret an;Land sowie Burgen, das soll mir werden untertan.«

 115 Den König nahm es wunder und sein Volk umher,als er vernommen hatte des Helden Begehr,dass er die Absicht hätte, zu nehmen ihm sein Land.Das hörten seine Degen; da wurden sie gar zornentbrannt.

 116 »Wie hätt ich das verdienet«, sprach Gunther, der Degen,»dem mein Vater lange in Ehren obgelegen,dass wirs verlieren sollten ob jemandes Kraft?Wir ließen übel sehen, dass wir auch pflegen Ritterschaft.«

 117 »Ich will davon nicht lassen«, sprach der kühne Mann.»Mag sein, dass durch deine Kräfte Friede das Land gewann;ich will sein nun walten und auch des Erbes mein.Doch gewinnt es deine Stärke, so soll es dir untertänig sein.

 118 Dein Land und auch das meine sollen gleich viel wiegen:wer von uns beiden den andern kann besiegen,dem soll es alles dienen, die Leute und auch das Land.«Dawider schnell alleine der Herr Gernot Worte fand.

 119 »Wir wollen es nicht vollbringen«, sprach da Gernot,»dass wir Lande erzwingen, darum jemand totläge von Reckenhänden. Wir haben ein reiches Land,das dient uns mit Rechten und niemand besser zugewandt.«

 120 In grimmigem Zorne da standen die Freunde sein;da war auch darunter von Metz Herr Ortwein.Der sprach: »Diese Sühne ist mir von Herzen leid;wider Euch hat Sigfrid unverdient erhoben Streit.

 121 Ob Ihr und Eure Brüder auch hättet keine Wehrund ob er auch führte ein großes Königsheer,ich wollte wohl erstreiten, dass der kühne Mannden Übermut, den großen, wohl mit Rechten gäbe dran.«

 122 Darob grimmig zürnte der Held aus Niederland:»Vermessen nicht erhebe wider mich die Hand!Ich bin ein reicher König, du eines Königs Mann.Dir ziemt es nicht zum Streite wider meinesgleichen zu treten an.«

 123 Nach Schwertern rief da eifrig von Metz Herr Ortwein.Er mochte Hagens von Tronje Neffe wahrlich sein.Dass der so lang geschwiegen, das war dem König leid.Eingriff da aber Gernot, der Recke kühn und kampfbereit.

 124 Er sagte zu Ortwein: »Halt dein Zürnen an!Uns hat der Herr Sigfrid solches noch nicht getan.Wir können es wohl noch schlichten in Güte, das ist mein Rat,und ihn zum Freunde haben. Das ist die rühmlichere Tat.«

 125 Antwort gab da Hagen: »Es mag uns sein zum Leidund allen andern Degen, dass er ritt zum Streitjemals her zum Rheine. Er hätt es lassen sollen.Ihm hätten meine Herren solch ein Leid nicht antun wollen.«

 126 Da sprach aber Sigfrid, der kraftvolle Held:»Wenn Euch, was ich gesprochen, Herr Hagen, missfällt,so will ich lassen sehen, dass die Hände meinwerden gar gewaltig bei den Burgunden sein.«

 127 »Das denke ich zu wenden«, sprach da Gernot.Allen seinen Degen zu reden er verbotetwas Übermütiges, was ihm wäre leid.Da gedachte auch Sigfrid an die gar herrliche Maid.

 128 »Was ziemt uns zu streiten?« sprach weiter Gernot.»Wenn darob nun Helden müssen liegen tot,wir hätten wenig Ehre, täten wir es schon.«Darauf gab ihm Antwort Sigfrid, König Sigmunds Sohn.

 129 »Warum wartet Hagen und auch Ortwein,dass er ablehnt zu kämpfen mit den Freunden sein,deren er so viele hier zu Lande hat?«Sie mussten die Rede meiden; das war Gernots Wille und Rat.

 130 »Ihr sollt uns sein willkommen«, sprach Giselher, das Kind,»und Eure Heergesellen, die mit Euch gekommen sind.Wir wollen gern Euch dienen, ich und die Magen mein.«Da hieß man den Gästen schenken König Gunthers Wein.

 131 Da sprach der Herr des Landes: »Was uns gehöret an,erbittet Ihrs mit Ehren, das sei Euch untertan,und sei mit Euch geteilet, Leben und Gut.«Da ward dem Herren Sigfrid ein wenig sanfter zumut.

 132 Da ließ man sie behalten all ihr Wehrgewandund gab ihnen Herberge, die beste, die man fand,allen Knappen Sigfrids ein gut Gemach allda.Den Gast fortan man gerne bei den Burgunden sah.

 133 Man bot ihnen große Ehre danach manche Tage:tausendfach vermehren müsst ich, was ich sage.Das hat verdient seine Stärke; ihr sollt wohl wissen das.Man sah wohl selten jemand, der wider ihn empfunden Hass.

 134 Der Kurzweil sich beflissen die Herrscher und ihre Mannen;stets war er der Beste, was sie auch begannen.Gleichtun konnt ihm niemand: so groß war seine Kraft,ob den Stein sie warfen oder schleuderten den Schaft.

 135 Wenn so vor den Frauen nach höfischem Brauchdie wackeren Ritter der Kurzweil pflegten auch,da sah man immer gerne den Helden aus Niederland.Er hatt auf hohe Minne seine Sinne gewandt.

 136 Alsbald an dem Hofe fragten die schönen Fraun,wer sei der fremde Recke, so stolz anzuschaun:»Sein Wuchs ist so herrlich, gar reich sein Gewand.«Da sprachen ihrer viele: »Das ist der König aus Niederland.«

 137 Was man beginnen mochte, dazu war er bereit.Er trug in seinem Herzen eine minnigliche Maidund einzig ihn die Jungfrau, die nimmer er geschaut.Sie sprach im Geheimen von ihm gar vieles lieb und traut.

 138 Wann immer auf dem Hofe die Jugend das Spiel begann,Ritter sowie Knappen, so schaut es eifrig anKriemhild durch die Fenster, die Königin hehr.Keine Kurzweil brauchte zu solchen Zeiten sie mehr.

 139 Wüsst er, dass ihn schaute, die er im Herzen trug,davon hätt er Kurzweil immerdar genug.Könnt auch er sie schauen, glauben ihr mirs könnt:ihm wäre auf dieser Erde nie ein besser Los gegönnt.

 140 Wenn er bei den Recken auf dem Hofe stand,wie es noch jetzt die Leute zur Kurzweil tun im Land,so stand da so minnig der Siglinde Kind,dass ihm in Herzensliebe manche Frau war wohlgesinnt.

 141 Auch er dacht zuweilen: Wie soll das geschehn,dass ich die edle Jungfrau könnte mit Augen sehn,die ich von Herzen minne, wie ichs lang getan?Sie ist mir gar fremde. Drum muss ich traurig sein fortan.

 142 Wenn die mächtigen Fürsten ritten in das Reich,so mussten stets die Ritter mit ihnen allzugleich.Mit diesen ritt auch Sigfrid. Das war den Frauen leid.Er hatte durch hohe Minne viel Beschwerde allezeit.

 143 So wohnt er bei den Herren – das ist gewisslich wahr –in König Gunthers Lande ein volles Jahr,da er die Minnigliche die ganze Zeit nicht sah,durch die einst viele Liebe und auch viel Leides ihm geschah.

Viertes Abenteuer

Wie Sigfrid mit den Sachsen stritt

 144 Da kam fremde Nachricht in König Gunthers Landdurch Boten, die von ferne man dorthin gesandtvon unbekannten Recken, die erfüllt von Hass.Als sie die Mär vernahmen, leid war ihnen von Herzen das.

 145 Die will ich euch nennen: es waren Lüdegeraus dem Sachsenlande, ein mächtiger König hehr,dazu vom Dänenlande der König Lüdegast.Dessen Freunde gern trugen jeder Unterstützung Last.

 146 Ihre Boten waren kommen zum Burgundenland;dessen Widersacher hatten sie hingesandt.Man fragte nach ihren Wünschen die unbekannte Schar;dann brachte man sie eilend zu Hof, wo der König war.

 147 Da sprach der König Gunther: »Nun seid mir willkommen!Wer euch hierhergesendet, hab ich noch nicht vernommen.Das möget ihr hören lassen«, sprach der Ritter gut.Da zagten sie gar heftig vor des grimmen Gunthers Mut.

 148 »Wollt Ihr uns, König, erlauben, dass wir die Botschaft sagen,die wir Euch nun bringen, so wollen wirs vortragen.Wir nennen die Herren, die uns hergesandt:Lüdegast und Lüdeger, die wollen heimsuchen dies Land.

 149 Ihr habt deren Hass erworben, Ihr könnt glauben das.Wider Euch hegen die Recken grimmen Hass.Sie planen eine Heerfahrt nach Worms an den Rhein.Ihnen folgen viele Recken. Daran soll Euch kein Zweifel sein.

 150 Binnen zwölf Wochen soll die Fahrt geschehn.Habt Ihr gute Freunde, lasst bald sie es ersehn,dass sie Euch schirmen helfen die Burgen und Euer Land!Sie werden hier zerhauen manches schmucken Schildes Rand.

 151 Oder wollt Ihr verhandeln, so legt dieses dar!Dann reitet nicht so nahe ihre starke Scharnach Worms an dem Rheine zu Euerm Herzeleid,davon verderben müsste manch guter Ritter hier im Streit.«

 152 »Verzieht nun eine Weile«, der edle König sprach,»bis ich es erwogen! Ich künde es euch danach.Hab ich getreue Mannen, denen will ichs vortragen:so wichtige Botschaft muss ich meinen Freunden sagen.«

 153 Dem König war die Botschaft Leides genug;die Kunde im Geheimen im Herzen er trug.Er ließ Hagen holen. Auch andere er entbot.Er hieß alsbald auch gehen zu Hofe hin zu Gernot.

 154 Da kamen nun die Besten zu ihm, die man fand.Er sprach: »Heimsuchen will man unser Landmit starken Heerscharen. Das lasst euch werden leid!Ohne Verschulden will man wider uns erheben Streit.«

 155 »Dem wehren wir mit Schwertern«, sprach da Gernot.»Dann stirbt, wem es beschieden; der soll liegen tot.Darob will ich vergessen nie der Ehre mein.Unsere Widersacher sollen uns willkommen sein.«

 156 Da sprach der starke Hagen: »Das dünkt mich nicht gut.Lüdegast und Lüdeger sind erfüllt von Übermut.Wir können das Heer nicht sammeln in so wenigen Tagen«,sprach der kühne Recke. »Drum müsst Ihr Sigfrid dieses sagen.«

 157 Herberge den Boten in der Stadt man wies.Waren sie auch Feinde, gut zu verpflegen hießsie Gunther, der reiche – das war wohlgetan –,bis er fände die Freunde, die zur Hilfe zögen heran.

 158 Dem König seine Sorgen schufen jedoch viel Leid.Da sah ihn in Trauer der Degen tatbereit,der nicht wissen konnte, was ihm wäre geschehn.Da bat er den König, des Kummers Grund ihm zu gestehn.

 159 »Mich wundert es gar schmerzlich«, sprach da Sigfrid,»wie Ihr so habt verändert die fröhliche Sitt,die Ihr mit uns nun lange mochtet seither pflegen.«Drauf antwortet ihm Gunther, der gar stattliche Degen:

 160 »Nicht mag ich allen Leuten von dem Schweren sagen,das ich muss im Geheimen in meinem Herzen tragen.Doch soll man wahren Freunden klagen die Herzensnot.«Da ward Sigfrids Farbe beides, bleich bald und rot.

 161 Er sprach zu dem König: »Empfanget meinen Eid!Ich will Euch wenden helfen all Euer Leid.Wollt Ihr Freunde suchen, so will ich einer sein.Ich denke es zu vollbringen in Ehren bis zum Ende mein.«

 162 »Nun lohn Euch Gott, Herr Sigfrid! Die Rede dünkt mich gut.Selbst wenn mir Eure Stärke nimmer helfen tut,ich freue mich doch der Kunde, dass Ihr mir seid so hold.Sollt ichs noch erleben, ich wohl es Euch vergelten wollt.

 163 Ich will Euch hören lassen, warum ich traurig bin:durch Boten meiner Feinde vernahm das mein Sinn,dass sie heimsuchen wollen mit einem Heer mich hie.Solches taten Degen uns in diesem Land noch nie.«

 164 »Das achtet nur geringe«, sprach da Sigfrid,»und sänftigt Euern Kummer. Tut, was ich bitt,lasst mich Euch erwerben Ehre und auch Gewinn,eh dass Eure Feinde kommen zu diesem Lande hin!

 165 Wenn Eure starken Feinde zur Hilfe hätten wohldreißigtausend Recken, ich sie bestehen soll,hätt ich deren tausend, Ihr könnt vertrauen mir.«Da sprach der König Gunther: »Das will ich stets vergelten dir.«

 166 »Lasset mir drum folgen von Euch tausend Mann,da ich von den meinen nicht mehr stellen kannals nur zwölf Degen! So schirm ich Euer Land.Euch soll immer dienen fortan in Treuen Sigfrids Hand.

 167 Dazu helfe uns Hagen und auch Ortwein,Dankwart und Sindold, die werten Recken dein;auch soll mit uns reiten Volker, der kühne Mann;der soll die Fahne tragen: niemand besser als er es kann.

 168 Nun lasst die Boten reiten wieder in ihr Land!Dass sie uns bald da sähen, das gebe man ihnen bekannt,so dass unsere Städte Frieden haben fortan!«Da hieß der König entbieten jeden Magen und jeden Mann.

 169 Lüdegers Gesandte zu Hofe kamen so.Dass sie nach Hause sollten, dess waren sie gar froh.Da bot ihnen reiche Gaben Gunther, der König gut,und verhieß ihnen Geleite. Da ward ihnen freudig der Mut.

 170 »Nun sagt«, sprach da Gunther, »dieses den Feinden mein:sie sollten mit ihrer Ausfahrt daheim lieber sein!Doch wollen sie heimsuchen mich hier in meinem Land,es zerrönnen denn meine Freunde, ihnen wird dann Mühsal bekannt.«

 171 Den Boten reiche Gaben man zu Handen trug:davon hieß ihnen geben der reiche König genug.Die durften nicht verschmähen Lüdegers Mannen.Urlaub sie dann nahmen und zogen wohlgemut von dannen.

 172 Als die Boten waren nach Dänemark gekommenund der König Lüdegast dieses hatte vernommen,was sie am Rhein geredet; als er erhielt Bescheid,sein Übermut, der starke, ward ihm ohne Maßen leid.

 173 Man sagte ihm, sie hätten manchen Kühnen bei sich stehn;darunter hätte einen bei Gunther man gesehn,der sei geheißen Sigfrid, der Held aus Niederland.Leid war es Lüdegaste, da er die Kunde recht erkannt.

 174 Da die vom Dänenlande solches hörten melden,da mühten sie noch mehr sich, zu sammeln ihre Helden,so dass der König Lüdegast an Magen und Mannwohl zwanzigtausend Degen zu der Heerfahrt gewann.

 175 Da sammelte auch aus Sachsen der König Lüdeger,bis sie vierzigtausend hatten und noch mehr,mit denen sie reiten wollten in König Gunthers Land.Dort hatten in der Heimat die drei Könige ausgesandt

 176 zu den Burgunden und wackerer Mannen mehr,die zum Krieg sie wollten führen in ihrem Heer.Sie eilten, sich zu rüsten. Das schuf manche Not;darob mussten Degen später schauen viel den Tod.

 177 Sie rüsteten sich zur Reise. Als die Fahrt begann,die Fahne ward anbefohlen Volker, dem kühnen Mann,da sie ziehen wollten bei Worms übern Rhein.Hagen, der starke, der sollte Scharmeister sein.

 178 Mit ihnen ritt Sindold und auch Hunold,die wohl verdienen mochten reicher Könige Gold,Dankwart, der schnelle, und auch Ortwein;die mochten wohl mit Ehren bei dem Heereszuge sein.

 179 »Herr König, bleibt zu Hause«, sprach da Sigfrid,»da mir Eure Recken sollen folgen mit!Weilet bei den Frauen und habt guten Mut!Ich will Euch wohl behüten beides, Ehre so wie Gut.

 180 Die Euch heimsuchen wollen nach Worms an dem Rhein,das will ich wohl verhüten; es soll ihr Schade sein:wir wollen ihnen reiten so weit in ihr Land,dass der Übermut ihnen sei bald in Sorge umgewandt.«

 181 Vom Rheine sie durch Hessen mit den Helden rittengegen das Land der Sachsen. Da ward bald gestritten.Mit Raub und mit Brande verheerten sie das Land,dass es beiden Fürsten bald mit Schmerzen ward bekannt.

 182 An die Mark sie kamen. Die Knechte rückten an.Sigfrid, der vielstarke, zu fragen da begann:»Wer soll das Gesinde uns wohl hüten hie?«Es ward fürwahr in Sachsen zu größerm Leid geritten nie.

 183 Sie sprachen: »Die Unerfahrenen lasst hüten auf den Wegenden vielkühnen Marschall! Er ist ein schneller Degen.Wir büßen umso weniger durch Lüdeger dann ein.Lassen wir ihn und Ortwein bei der Nachhut darum sein!«

 184 »Selber will ich reiten«, sprach Sigfrid, der Degen,»und will wider die Feinde der Warte pflegen,bis ichs recht erkenne, wo die Recken sind.«Da ward bald gewaffnet der schönen Siglinde Kind.

 185 Das Heer befahl er Hagen, als er ausritt dann,und mit ihm Gernot, der vielkühne Mann.Dann ritt allein von dannen er in der Sachsen Land,wo die rechte Kunde wohl mit Ehren bald er fand.

 186 Er sah das Heer, das große, dort liegen auf der Mark;wider seine Mannschaft war es überstark.Es waren wohl vierzigtausend oder noch mehr.Der Held hohen Mutes sah mit Freuden dieses Heer.

 187 Da hatt sich auch ein Recke aus der Feinde Scharbegeben auf die Warte, der wohlbewaffnet war.Den sah der Herr Sigfrid und ihn der kühne Mann.Jeder auf den andern mit Zorn zu blicken da begann.

 188 Ich sag euch, wie er geheißen, der auf Wache stand –einen lichten Schild aus Golde, den trug seine Hand.Es war der König Lüdegast; der hielt des Heeres Hut.Der vieledle Fremdling zeigte gar herrlichen Mut.

 189 Nun hatte auch Herr Lüdegast als Feind ihn sich erkorn.Den Rossen stachelten beide die Flanken mit dem Sporn.Sie senkten auf die Schilde die Schäfte mit ihrer Kraft.Das hat dem hehren König große Mühsal verschafft.

 190 Gespornt die Rosse trugen die Könige geschwindgewaltig wider einander, als trüge sie ein Wind.Mit dem Zaum sie sie wandten gar ritterlich sodann.Mit dem Schwert es erprobte jeder grimmig starke Mann.

 191 Dass das Feld erschallte, schlug da Sigfrid los:es sprühten aus dem Helme wie von Bränden großheißen Feuers Funken von des Helden Hand.Da stritt gar gewaltig der edle Herr aus Niederland.

 192 Da schlug auch ihm Lüdegast gar manchen starken Hieb,dass die Spur beider Stärke auf den Schildern blieb.Das hatten da vernommen von den Seinen dreißig Mann.Ehe sie zu Hilfe kamen, den Sieg Sigfrid da gewann

 193 durch drei starke Wunden, die er dem König schlug,durch die lichte Brünne – die waren gut genug.Das Schwert mit seinen Schneiden hieb aus Wunden Blut.Da ward dem König Lüdegast nun gar traurig der Mut.

 194 Er bat um sein Leben und bot ihm sein Landund sagte ihm, er wäre Lüdegast genannt.Da kamen seine Recken. Sie hatten wohl gesehn,was da zwischen beiden auf der Warte war geschehn.

 195 Da er ihn von dannen führte, da ward er angeranntvon jenen dreißig Recken. Da wehrte Sigfrids Handseinen reichen Geisel mit heftigen Schlägen.Noch mehr Schaden tat dann Sigfrid, der auserwählte Degen.

 196 Die dreißig er zu Tode da wahrlich alle schlug.Nur einen ließ er leben. Der ritt schnell genugund sagte ihnen die Kunde, was hier wäre geschehn;auch konnte man die Wahrheit an seinem roten Helme sehn.

 197 Dänemarks Kriegern ward es grimmig leid,dass ihr Herrscher gefangen, als ihnen ward der Bescheid.Lüdeger man es sagte: zu toben er begannaus übergroßem Zorne. Ihm war Leid angetan.

 198 Lüdegast, der reiche, ward da gebrachtzu Gunthers Gefolgschaft durch Sigfrids Übermacht.Er übergab ihn Hagen, der kühne Recke gut.Als der vernahm die Kunde, da ward ihm fröhlich zumut.

 199 Er hieß die Burgunden die Fahne binden an.»Nun wohl auch«, sprach Sigfrid, »hier wird noch mehr getan.Eh der Tag sich neiget, wenn ich am Leben bleib,trauert im Sachsenlande manches guten Recken Weib.

 200 Ihr Helden von dem Rheine, nun nehmet es wahr:ich kann euch wohl geleiten zu Lüdegers Schar.Da seht ihr Helme zerhauen von guter Helden Hand,eh wir uns wieder wenden hin zum Burgundenland.«

 201 Zu den Rossen eilte Gernot und die ihm untertan.Volker, der kühne, die Fahne hob alsdann,der vielstarke Fiedler; da ritt er vor der Schar.Da waren auch die Gefährten herrlich kampfgerüstet fürwahr.

 202 Sie führten nicht mehr Krieger denn eintausend Mann,dazu noch zwölf Recken. Zu stieben da begannder Staub auf der Straße. Sie ritten über Land.Man sah von ihnen glänzen manchen schmucken Schildesrand.

 203 Dann waren auch die Sachsen mit ihrem Heer gekommenmit wohlgeschärften Schwertern, wie wir es vernommen.Die Schwerter schnitten kräftig in der Recken Hand.Da wollten sie den Fremden die Städte wehren und das Land.

 204 Der Fürsten Scharmeister das Heer da führte an.Da war auch Sigfrid kommen mit seinen Degen heran,die er mitgeführet aus dem Niederland.An diesem Tage ward blutig im Kampfe manches Schildes Rand.

 205 Sindold und Hunold und auch Gernotschlugen in dem Streite gar manchen Helden tot,eh sie es recht erprobet, der Kühnheit zu vertraun;das mussten noch beweinen gar manche wackeren Fraun.

 206 Volker und Hagen und auch Ortwein,die löschten im Streite gar manches Helmes Scheinmit fließendem Blute, kühn in der Schlacht.Da ward auch von Dankwart manche Heldentat vollbracht.

 207 Die Dänen erprobten gar wohl ihre Hand.Vom Anprall hörte man tönen manchen Schildesrandund auch von scharfen Schwertern, damit man Wunden schlug.Die streitkühnen Sachsen taten Schaden da genug.

 208 Jedoch die Burgunden drangen vor im Streit.Von ihnen ward geschlagen manche Wunde weit.Da sah man über Sättel fließen das Blut.So warben um die Ehre diese Ritter kühn und gut.

 209 Man hörte laut erschallen in der Helden Handihre scharfen Waffen, da die von Niederlandihrem Herrn nachdrängten in die dichte Schar.Ritterlich sie kamen mitsamt Sigfrid fürwahr.

 210 Denen von dem Rheine folgte niemand nach.Man konnte fließen sehen den blutigen Bachdurch die lichten Helme von Sigfrids starker Hand,bis er König Lüdeger vor seinen Heergesellen fand.

 211 Dreimal hin und wieder vordrang er dabis an des Heeres Ende. Nun war auch Hagen nah;der half ihm wohl erfüllen, was erstrebt sein Mut,an diesem Tage starben durch sie gar viele Ritter gut.

 212 Als der starke Lüdeger Sigfrid nun fand,und dass er so kräftig schwang in seiner Handdie wundscharfe Waffe und ihrer viel erschlug,darüber ward der König vor Leide zornig genug.

 213 Da gabs ein scharf Gedränge und lauten Schwerterklang,als beider Gefolge wider einander drang.Da erprobten die beiden Recken schärfer sich.Die Scharen begannen zu weichen. Da erhob sich Hass gar grimmiglich.

 214 Dem Herrscher der Sachsen ward gesagt Bescheid,sein Bruder sei gefangen; das schuf ihm herbes Leid.Nicht wusst er, dass der Sieger war Siglindes Kind;man zieh dessen Gernot. Doch bald erkannt er es geschwind.

 215 Solche Schläge gab es von Lüdegers Schwert,dass unterm Sattel Sigfrids strauchelte das Pferd;doch erhob es sich wieder. Der kühne Sigfridin diesem Kampfessturme auf gefährliche Weise stritt.

 216 Da half ihm wohl Hagen und auch Gernot,Ortwein und Volker – da lagen viele tot –,Sindold und Hunold, jeder ein kühner Mann,um die manche Fraue großen Schaden da gewann.

 217 Im Kampfe untrennbar waren die Fürsten hehr.Da sah man über die Helme fliegen manchen Speerdurch die lichten Schilde von der Degen Hand.Man sah gefärbt von Blute manches schmucken Schildes Rand.

 218 In dem starken Sturme schwang sich mancher Mannnieder von dem Rosse. Einander stürmten anSigfrid, der kühne, und auch Lüdeger.Da stritten wohl um Ehre die beiden Helden kühn und hehr.

 219 Der Schildbeschlag des Königs flog weg durch Sigfrids Hand.Sieg zu gewinnen dachte der Held aus Niederlandüber die kühnen Sachsen. Die hatten Ungemach.Hei, was an lichten Ringen der schnelle Dankwart zerbrach.

 220 Da hatte König Lüdeger auf dem Schild erkanntgemalt eine Krone vor Sigfrids Hand.Nun sah er, dass es wäre der hochgemute Mann.Der Held zu seinen Freunden da laut zu rufen begann:

 221 »Gebt es auf zu kämpfen, wer mein Mage und Mann,da ich Sigmunds Erben vor mir sehen kann!Von Niederland den Starken hab ich hier erkannt,ihn hat der üble Teufel zu uns Sachsen hergesandt.«

 222 Da senkte man die Fahnen in dem Kampfe nieder.Frieden er begehrte. Den gewährte man ihm wieder.Doch musst er Geisel werden in König Gunthers Land.Dazu hatt ihn gezwungen des kühnen Sigfrids starke Hand.

 223 Einmütig ließen sie da ab vom Streit.Viel durchschlagne Helme und auch Schilde breitaus der Hand sie legten, so viel man deren fand;die trugen blutige Farbe durch der Burgunden Hand.

 224 Die fingen, wen sie wollten: sie hatten die Gewalt.Da ließen der Herr Gernot und Hagen legen alsbalddie Wunden auf die Bahre. Sie führten mit sich dannan stattlichen Gefangnen nach Burgund fünfhundert Mann.

 225 Die sieglosen Recken nach Dänemark ritten.Es hatten auch die Sachsen so tapfer nicht gestritten,dass man Lob ihnen zollte; drum waren sie verzagt.Da wurden die Gefallnen von ihren Freunden sehr beklagt.

 226 Die Saumtiere trugen die Waffen an den Rhein.Es hatte wohl gefochten mit den Recken seinSigfrid, der starke, er hatte es gut getan.Das musst ihm zugestehen aus Gunthers Heere jedermann.

 227 Zurück nach Worms sandte Boten Gernot.Daheim in seinem Lande den Freunden er entbot,wie es ihm gelungen wäre und den Freunden sein.Es hatten die Vielkühnen wohl erhöht der Ehren Schein.

 228 Ihre Knappen eilten und brachten den Bescheid.Da freuten sich die Schönen, die vorher trugen Leid,hocherfreut ob der Kunde, die zu ihnen gekommen.Da ward edler Frauen eifriges Fragen vernommen,

 229 wie der reichen Könige Mannen es geglückt.Da ward einer der Boten zu Kriemhild geschickt.Das geschah gar heimlich: sie durfte nicht fragen laut;denn einer war darunter, der ihrem Herzen lieb und traut.

 230 Da sie den Boten kommen zur Kemenate sah,Kriemhild, die vielschöne, freundlich sprach sie da:»Sag an frohe Kunde, so geb ich dir mein Gold!Tust du es ohne Trügen, so will ich stets dir bleiben hold.

 231 Wie schied aus dem Kampfe mein Bruder Gernotund meine andern Gefreundten? Blieb ihrer mancher tot?Und wer tat das Beste? Das sollst du mir sagen.«So sprach der biderbe Bote: »Wir hatten nirgends einen Zagen.

 232 Doch zuvorderst im Streite ritt niemand so scharf,vieledle Königstochter, wenn ichs Euch sagen darf,als der vielkühne Fremde aus dem Niederland.In dem Kampf vollbrachte große Wunder Sigfrids Hand.

 233 Was die Recken alle in dem Kampf getan,Dankwart und Hagen, manch edler Königsmann,wie ehrenvoll sie stritten, das ist doch ein Windwider den starken Sigfrid, König Sigmundes Kind.

 234 Sie haben in dem Kampfe der Helden viel geschlagen.Doch könnte Euch die Taten niemand völlig sagen,die Sigfrid vollbrachte, ritt er in den Streit.Den Fraun an ihren Gesippen schuf er grimmiges Leid.

 235 Tod musste beklagen gar manches Helden Braut.Seine Schläge man hörte auf den Helmen also laut,dass aus den Wunden strömte das fließende Blut.Er ist in jeder Tugend ein Ritter tapfer und gut.

 236 Da hat auch viel geleistet von Metz Ortwein:wen er konnt erlangen mit dem Schwerte sein,der musste wund da liegen oder meistens tot.Doch schuf Euer Bruder die allergrößeste Not,

 237 die in Kampfesstürmen konnte je geschehn.Man muss den Auserwählten die Wahrheit zugestehn:die stolzen Burgunden bestanden so die Fahrt,dass sie vor jeder Schande die Ehre haben wohl bewahrt.

 238 Man sah von ihren Händen manchen Sattel leer,als das Feld hallte von ihren Hieben schwer.Die Recken von dem Rheine, die haben so gestritten,dass ihre Feinde besser hätten den Kampf vermieden.

 239 Auch die kühnen Tronjer, die schufen großes Leid,als mit Heereskräften man sie traf im Streit.Da schlug manchen zu Tode des kühnen Hagens Hand.Viel wäre davon zu sagen hier im Burgundenland.

 240 Sindold und Hunold in Gernots Heeresbannund Volker, der kühne, haben so viel getan,dass Lüdeger es immer wird bleiben leid,dass er meine Herren vom Rheine gerufen zum Streit.

 241 Das allerschärfste Streiten, das irgendwo geschah,vom ersten bis zum letzten, das jemand sah,das hat gern gefochten Sigfrids starke Hand.Er bringt reiche Geiseln her in König Gunthers Land.

 242 Die zwang mit seinen Kräften der wackere Mann,so dass der König Lüdegast Schaden viel gewann,und auch von den Sachsen der König Lüdeger.Nun hört von meiner Botschaft, vieledle Königin, noch mehr!

 243 Die hat gefangen beide Sigfrids starke Hand.Nie wurden so viel Geiseln gebracht in dieses Land,als durch seine Verdienste kamen an den Rhein.«Ihr konnte diese Kunde nicht willkommener sein.

 244 »Man bringt an Gesunden fünfhundert oder mehrund auch an Todwunden, wisset, Fraue hehr,wohl achtzig blutige Bahren her in unser Land.Die meisten streckte nieder des kühnen Sigfrids starke Hand.

 245 Die vordem uns vermessen Kampf ansagten am Rhein,die müssen nun Gefangne König Gunthers sein.Die bringt man mit Freuden her in unser Land.«Da erblüht ihre Farbe, da diese Botschaft ihr gesandt.

 246 Es ward ihr lichtes Antlitz vor Liebe rosenrot,da mit Freude war geschieden aus der großen Notder minnigliche Recke, Sigfrid, der kühne Mann.Freude ob der Gefreundten sie mit Rechten auch gewann.

 247 Da sprach die Minnigliche: »Du gabst mir Gutes bekannt.Dafür sollst du haben zum Lohn ein reich Gewand,und zehn Mark von Golde man dir zahlen soll.«So mag man solche Botschaft reichen Frauen bringen wohl.

 248 Man gab ihm zum Lohne das Gold und auch das Kleid.Da trat an die Fenster manche schöne Maid;Sie schauten auf die Straße. Reiten man da fandviele Hochgemuten in der Burgunden Land.

 249 Da sah man Unverletzte; der Wunden Schar da kam.Sie konnten Grüße der Freunde hören ohne Scham.Der König seinen Gästen freudig entgegenritt.Sein übergroßer Kummer, zu Ende war es damit.

 250 Da empfing er wohl die Seinen und die Fremden auch,wie dem reichen König geziemte solcher Brauch,gütig ihnen zu danken, die zu ihm gekommen,dass sie Sieg mit Ehren im Kampfe hatten genommen.

 251 Gunther bat, die Kunde von seinen Freunden zu sagen,wer auf der Heerfahrt wäre tot und erschlagen.Da hatt er nur verloren im Ganzen sechzig Mann,die man beklagen musste, wie man um Helden stets getan.

 252 Die Unversehrten brachten zerhauen manchen Rand,und manche Helme zerschroten in König Gunthers Land.Sie stiegen von den Rossen ab vor dem Saalzu freundlichem Empfange; man hörte fröhlichen Schall.

 253 Zur Herberge brachte die Wegmüden man.Der König seinen Gästen viel zu danken begann.Er hieß die Wunden pflegen und schaffen das Gemach,wie es seiner Tugend gegen Feinde auch entsprach.

 254 Zu Lüdeger sprach er: »Nun seid mir willkommen!Durch Eure Schuld hab ich Schaden viel genommen.Der wird mir entgolten, wenn mirs gelingen kann.Gott lohne meinen Freunden! Sie haben großen Dienst mir getan.«

 255 »Ihr könnt ihnen gerne danken«, sprach König Lüdeger;»so hohe Geiseln gewann kein König mehr.Für würdigen Gewahrsam bieten wir reiches Gut,damit Ihr nun in Gnaden an mir und meinen Freunden tut.«

 256 »Ihr könnt euch«, sprach der König, »frei bewegen hier.Doch dass meine Feinde nicht entweichen mir,dafür begehr ich Bürgen, dass aus meinem Land,sie fliehn nicht ohne Frieden.« Das gelobte ihm der beiden Hand.

 257 Man brachte sie zur Ruhe in guter Herberge da.Die Verwundeten gar sorglich gebettet man da sah.Man schenkte den Gesunden Met und guten Wein.Da konnte das Gefolge nimmer fröhlicher sein.

 258 Die zerhaunen Schilde in den Gewahrsam man trug.Blutiger Sättel gabs da auch genug;die hieß man verbergen: so weinten nicht die Fraun.Gar wehrmüde war da mancher Ritter anzuschaun.

 259 Der König sorgte eifrig für seiner Gäste Wohl.An Fremden und Bekannten ward das Land da voll.Wer schwer verletzt, den ließ man gütig verpflegen.Gering war geworden da der Übermut der Degen.

 260 Wer in Heilkunst bewandert, dem bot man reichen Sold,Silber ohne Waage, dazu das lichte Gold,dass sie die Helden heilten nach des Streites Not.Dazu große Gaben der König seinen Gästen bot.

 261 Wem wieder nach Hause zur Heimfahrt stand der Mut,den bat er, noch zu bleiben, wie man mit Freunden tut.Wie dem Gefolge er lohne, ging der König zu Rat:sie hatten seinen Willen in Ehren erfüllt durch ihre Tat.

 262 Da sprach der König Gernot: »Lasst sie fort alsdann.Über sechs Wochen, sei ihnen kundgetan,dass sie zu einem Feste kommen wieder her.Dann ist mancher geheilet, der nun liegt verwundet schwer.«

 263 Da begehrt auch Urlaub der Held von Niederland.Als dem König Gunther sein Wille ward bekannt,bat er minniglich ihn zu ändern seinen Plan.Wär es nicht um Kriemhild, er hätte nimmer dies getan.

 264 Dazu war zu reich er, dass er nähme Sold.Er hätt es wohl verdienet: der König war ihm holdund alle seine Magen: die hatten wohl gesehn,was durch seine Kräfte in dem Kampfe war geschehn.

 265 Um der Schönen willen zu bleiben er gedacht,die so gern er sähe. Da ward es so gemachtganz nach seinem Wunsche. Sie ward ihm wohlbekannt.Dereinst ritt er fröhlich heim in seines Vaters Land.

 266 Der Fürst ließ alle Zeiten Ritterspiele pflegen.Das tat dann frohen Willens so mancher junge Degen.Auch ließ er Sitze bauen bei Worms an dem Strandfür die, die kommen sollten zu ihm ins Burgundenland.

 267 Zu den selben Zeiten da sie sollten kommen,da hatte die Frau Kriemhild die Kunde wohl vernommen,er plane Festlichkeiten für Mage und Mann.Da ward mit großem Eifer von schönen Frauen viel getan.

 268 Mit Kleidern und mit Bändern, die sie da wollten tragen.Ute, die reiche, hörte die Kunde sagenvon den stolzen Degen, die da sollten kommen.Da ward aus seinen Hüllen manches gute Kleid genommen.

 269 Ihrem Kinde zuliebe ließ sie schneiden manches Kleid,womit sich da zierte manche Frau und manche Maidund viele junge Recken aus Burgundenland.Da ward auch vielen Fremden bereitet herrliches Gewand.

Fünftes Abenteuer

Wie Sigfrid Kriemhild zum ersten Male sah

 270 Man sah sie nun alltäglich reiten an den Rhein,die bei den Festlichkeiten gerne wollten sein,die den Königen zuliebe kamen in das Land.Man gab da ihrer vielen beides, Ross und Gewand.

 271 Da war auch das Gestühle für alle wohl bereit,die höchsten und die besten, wie man uns gab Bescheid:zweiunddreißig Fürsten da zum Festgelag.Da schmückte sich voll Eifers gar manche Jungfrau für den Tag.

 272 Da war auch gar geschäftig Giselher, das Kind:die Fremden und ihre Magen, gar gütig gesinnt,empfingen er und Gernot und beider Mannen da.Sie begrüßten die Degen, wie es in Ehren stets geschah.

 273 Die goldfarbnen Sättel brachten sie ins Land,die gezierten Schilde und herrlich Gewanddem König zuliebe für die Festlichkeit.Mancher wunde Kranke war zur Freude da bereit.

 274 Die in den Betten lagen und litten an Wunden und Not,die mussten es vergessen, wie bitter sei der Tod;die Siechen und die Kranken gab man auf zu beklagen.Sie freuten sich der Kunde von der Festlichkeiten Tagen,

 275 wie sie leben wollten da beim Festesmahl.Wonnen ohne Maßen, der Freuden Überzahlhatten all die Leute, so viel man ihrer fand.Da hob sich große Freude über Gunthers ganzes Land.

 276 An einem Pfingstmorgen sah man sie gehn hinan,wonniglich gekleidet, so manchen kühnen Mann,fünftausend oder mehr noch da zur Festlichkeit.Hohen Ruhm erwarben die Burgunden allezeit.

 277 Der König hatt im Sinne – er hatt es wohl erkannt –,wie von ganzem Herzen der Held von Niederlandseine Schwester liebte, die man nie ihn sehen ließ,deren große Schönheit vor allen Jungfraun jeder pries.

 278 Er sprach: »Nun rate jeder, Mage mein und Mann,wie das Fest so rühmlich gestaltet werden kann,dass man uns nicht schelte je nach dieser Zeit.Jeder sei zu rühmen uns für unser Werk bereit.«

 279 Aus Metz da sagte der Degen Ortwein:»Soll voller Ehren die Festlichkeit sein,so lasst bei dieser Feier die schönen Frauen sehn,denen so viele Ehren in Burgundenland geschehn.

 280 Was wäre Mannes Wonne, was freut er sich zu schaun,wärens nicht schöne Maiden und herrliche Fraun?Lasset Eure Schwester zu Euerm Feste gehn!«Der Rat war zur Freude so manchem Degen geschehn.

 281 »Das will ich gern befolgen.« Der König sprach also.Alle, die es erfuhren, waren von Herzen froh.Man sagte es auch Frau Uten und ihrer Tochter schön,dass sie mit ihren Jungfraun hin zum Feste sollte gehn.

 282 Da ward aus den Truhen gesucht manch gut Gewand,so viel man in den Hüllen an glänzender Kleidung fand.An Borten und Ringen war da viel bereit.Minniglich sich schmückte da manche herrliche Maid.

 283 Gar mancher junge Recke richtete drauf den Mut,dass er anzuschauen schiene den Frauen gut,weil dafür er nähme keines Königs Land.Sie sahen die mit Freuden, die ihnen vordem nie bekannt.

 284 Da wies der reiche König seine Schwester an,dass ihr folgen sollten wohl hundert Mann,ihr und seiner Mutter, das Schwert in der Hand.Dies war das Hofgefolge aus der Burgunden Land.

 285 Ute, die reiche, die sah man mit ihr kommen;sie hatte schöne Frauen sich zum Geleit genommen.Hundert oder mehr noch, geziert mit reichem Kleid.Nun ging auch mit Kriemhild gar manche wohlgeschmückte Maid.

 286 Aus einer Kemenate man alle kommen sah;ein eifriges Schauen der Recken gab es da,die die Hoffnung hatten, es könnte das geschehn,dass sie Kriemhilde voller Freude könnten sehn.

 287 Nun kam die Minnigliche, wie das Morgenrotscheint aus trüben Wolken. Da schied von jeder Not,wer sie trug im Herzen, so lange es auch geschehn:er sah die Minnigliche nun gar herrlich vor ihm stehn.

 288 Von ihrem Kleide strahlte so mancher Edelstein;ihre rosige Farbe gab minniglichen Schein.Was jemand wünschen mochte, er musste doch gestehn,dass er auf dieser Erde etwas Schöneres nie gesehn.

 289 Wie der lichte Vollmond vor den Sternen steht,dessen Schein so lauter durch die Wolken geht,dem stand sie nun gleichend vor mancher Fraue gut;da ward wohl gehoben den schmucken Helden der Mut.

 290 Die reichen Kammerherren, die sah man vor ihr gehn.Die hochgemuten Degen ließen das nicht geschehn,sie drängten, da sie sahen die minnigliche Maid.Sigfrid, dem edeln, schuf es beides, Freude und Leid.

 291 Er dacht in seinem Mute: Wie stellt ich das wohl dar,dass ich dich minnen sollte, wie meine Hoffnung war?Sollt ich dich aber missen, so wär ich lieber tot.Er fühlt um ihretwillen heimlich Freude sowie Not.

 292 So minniglich stand Sigfrid, von Kriemhild getrennt,als wäre er entworfen auf ein Pergamentdurch guter Meister Künste; man musste zugestehn,man hätte noch nirgends so schmucken Helden je gesehn.

 293 Die mit Kriemhild gingen, die hießen allerwegenweichen die Männer; dem folgten viele Degen.Stolz im Herzen tragend, erfreute sie Seele und Leib.In Züchten sah man gehen so manches herrliche Weib.

 294 Da sprach von Burgunden der Herr Gernot:»Der Euch seine Dienste so liebevoll bot,Gunther, lieber Bruder, lohn ihm seine Treuvor allen diesen Degen! Den Rat ich nimmermehr bereu.

 295 Heiße nun Sigfrid, König Sigmunds Sohn,zu Kriemhilden gehen! Das wäre der rechte Lohn.Die Recken niemals grüßte, ihn begrüßen soll,damit den schmucken Degen als Freund wir gewinnen wohl.«

 296 Hin gingen Gunthers Mannen, wo man den Recken fand.Sie sagten es dem König aus dem Niederland:»Erlaubt hat Euch der Herrscher, Ihr sollt zu Hofe gehn.Seine Schwester Euch begrüße; das ist zu Ehren Euch geschehn.«

 297 Durch diese Botschaft wurde der Degen hoch erfreut.Er fühlte im Gemüte Freude ohne Leid,dass der Wonniglichen Anblick er gewann.In minniglicher Tugend begrüßte Sigfrid sie sodann.

 298 Als sie den Hochgemuten vor sich stehen sah,erblühte ihre Farbe. Die schöne Maid sprach da:»Willkommen seid, Herr Sigfrid, edler Ritter gut!«Da ward ihm von dem Gruße gar erhoben sein Mut.

 299 Er neigte sich in Züchten; sie fasst ihn an der Hand.Wie minniglich zu schauen, der Recke bei ihr stand!Mit liebevollen Blicken sahn sie einander an,der Herr und die Fraue; doch ward es heimlich nur getan.

 300 Ob ihr zärtlich wurde gedrückt die weiße Handin herzlieber Minne, das ist mir unbekannt.Doch kann ich auch nicht glauben, dass es unterblieb.Sie ließ es klar erkennen, dass er ihr war von Herzen lieb.

 301 Zu des Sommers Zeiten und in des Maien Tagenkonnt er in seinem Herzen nimmermehr wohl tragenan minniglichen Freuden, als er da gewann,da die ihm ging so nahe, die zu erwerben Sigfrid sann.

 302 Da dachte mancher Recke: Wäre mir so geschehn,dass ich Hand in Hand mit ihr ginge, wie ichs bei ihm gesehn,oder bei ihr läge, das nähme ich freudig hin.Es diente noch kein Recke besser einer Königin.

 303 Von welcher Könige Landen ein Gast auch war gekommen,die haben einmütig die beiden wahrgenommen;ihr ward erlaubt zu küssen den stattlichen Mann.Ihm ward in seinem Leben noch nie so Liebes angetan.

 304 Von Dänemark der König sprach da zur Stund:»Wegen des hohen Grußes liegt mancher Degen wund –des muss ich wohl gedenken – von Sigfrids starker Hand.Gott gebe, dass nie wieder er komme in mein Fürstenland!«

 305 Das Volk hieß allenthalben man weichen von den Wegenvor der minnigen Frauen. So manchen kühnen Degensah man in Züchten mit ihr zu Hofe gehn.Da ward von ihr geschieden dieser Recke ausersehn.

 306 Dann ging man zu dem Münster. Ihr folgte manches Weib.Da war so gezieret Kriemhildens Leib,dass von hohen Wünschen mancher ging verloren.Sie war zur Augenweide vielen Recken da geboren.

 307 Kaum konnte er erwarten, dass man die Messe sang.Er mochte in seiner Sälde immer sagen Dank,dass die ihm so gewogen, die er im Herzen trug.Doch war auch er der Schönen nach Gebühren hold genug.

 308 Als sie kam aus dem Münster, wie man ihn schon eher gesehn,schaute man ihn in Freundschaft hin zu Kriemhild gehn.Da begann ihm zu danken die vielschöne Maid,dass er vor ihren Magen so herrlich gefochten im Streit.

 309 »Nun lohn Euch Gott, Herr Sigfrid«, sprach das schöne Kind,»dass Ihr es habt verdienet, dass hold Euch alle sind,wie sie fürwahr es schuldig, wie ich sie hör gestehn.«Minniglich begann er da Frau Kriemhild anzusehn.

 310 »Ich will Euch immer dienen«, also sprach der Degen;»mein Haupt will ich nimmer eher zur Ruhe legen,bis ich verdient die Hulde, da mir liegt daran.Um Eurer Huld, Frau Kriemhild, ist eifrig alles dies getan.«

 311 Innerhalb zwölf Tagen, sooft ein Tag verstrich,sah man bei dem Recken die Maid wonniglich,wenn sie zu Hofe sollte zu den Fürsten gehn.Die Ehre war dem Degen aus großer Liebe geschehn.

 312 Freude und Wonne und mächtigen Schallhörte man da täglich vor König Gunthers Saal,draußen und drinnen von manchem kühnen Mann.Ortwein sowie Hagen große Taten da begann.

 313 Was man beginnen sollte, sie waren stets bereitmit ihren vollen Kräften, die Helden froh im Streit.So wurden den Gästen die Recken wohl bekannt.Sie wurden eine Zierde für König Gunthers ganzes Land.

 314 Die vordem wund gelegen, man nun gehen sah.Kampfspiel wollten sie üben mit Gunthers Recken da:sich schirmen mit den Schilden und werfen oft den Schaft.Dazu verhalf ihnen mancher. Sie hatten mächtige Kraft.

 315 Bei dem Feste ließ sie der König verpflegenmit der besten Speise. Er war allerwegenentgangen jedem Tadel, den je ein Fürst gesehn.Man sah ihn in Freundschaft hin zu seinen Gästen gehn.

 316 Er sprach: »Ihr guten Degen, ehe ihr von uns geht,nehmet meine Gaben! Darauf mein Sinnen steht,euch immerdar zu dienen. Verschmäht nicht mein Gut!Ich will es mit euch teilen, willig ist dazu mein Mut.«

 317 Die vom Dänenlande sprachen kurzerhand:»Eh wir wieder reiten heim in unser Land,begehren wir Versöhnung und geben reiches Gutund gewähren Euch die Sicherheit, wie Ihr es immer wünschen tut.«

 318 Von seinen Wunden war da Lüdegast geheilt;der Herrscher der Sachsen gesund bei Gunther weilt’.Etliche Toten ließen sie im Land.Da ging der König Gunther dorthin, wo er Sigfrid fand.

 319 Er sprach zu dem Degen: »Nun ratet, was zu tun!Unsere Widersacher wollen scheiden nun.Dauernde Versöhnung begehren sie von mir.Nun rat mir, kühner Degen, was da richtig scheinet dir.

 320 Was mir die Helden bieten, das will ich dir sagen:was fünfhundert Rosse an Golde können tragen,das tragen sie mir gerne für ihre Freiheit an.«Da sprach der Herr Sigfrid: »Übel wäre das getan.

 321 Ihr sollt sie beide ledig von hinnen lassen ziehn.Und dass die Recken beide sich wahren fürderhin,dass sie nie wieder führen ein Heer in Euer Land,dafür lasst Euch Sicherheit geben durch der Herren Hand!«

 322 »Dem Rate will ich folgen.« Sie gingen fort alsdann.Seinen Feinden wurde dieses kundgetan,ihr Gold begehre niemand, das sie geboten eh;daheim ihre lieben Freunde um die Heermüden fühlten Weh.

 323 Gefüllt mit Schätzen viele Schilde man trug.Er verteilte ohne Waage seinen Freunden genug,an Mark wohl fünfhundert und etlichen noch mehr.Gernot riet das Gunther, dieser Degen kühn und hehr.

 324 Urlaub nahmen sie alle, die scheiden wollten dann.Da sah man die Recken zu Kriemhild gehen hinanund auch, wo Frau Ute, die Königin, weilt’.Noch nie wurde Degen ein bessrer Urlaub erteilt.

 325 Leer die Herbergen wurden, da sie von dannen ritten.Daheim aber blieben mit ritterlichen Sittender König und seine Magen, so mancher edle Mann;die sah man alle Tage zu Frau Kriemhild gehen hinan.

 326 Urlaub wollt auch nehmen Sigfrid, der Recke gut:er hoffte nicht zu erreichen, worauf ging sein Mut.Der König hörte das sagen, dass er wollte ziehn.Giselher, der junge, begann dringend zu bitten ihn.

 327 »Wohin wollt Ihr nun reiten, vieledler Sigfrid?Bleibet bei den Degen – tut, worum ich Euch bitt! –bei Gunther, dem König, und auch bei seiner Schar!Hier sind viel schöne Frauen; die lässt man gern Euch sehn fürwahr.«

 328 Da sprach der starke Sigfrid: »Die Rosse lasset stehn!Ich wollt von hinnen reiten; das soll nun nicht geschehn.Tragt auch fort die Schilde! Ich wollte in mein Land.Das hat nun Herr Giselher mit großer Treue abgewandt.«

 329 So blieb der kühne Recke den Freunden zuliebe dort;er hatte in seinem Leben an keinem andern Ortsich so wohl gefühlet. Denn nunmehr das geschah,dass er, sooft er wollte, die schöne Kriemhilde sah.

 330 Wegen ihrer hohen Schönheit der Degen da blieb.Mit so mancher Kurzweil man die Zeit vertrieb.Dass ihn zwang die Minne, das schuf ihm viele Not.Darum dereinst der Kühne lag zu großem Jammer tot.

 331 Da erhob sich neue Märe übern Rhein.Es sagten zu dem König die höchsten Magen sein,warum er nicht zur Ehe sich nähme ein Weib.Da sprach der reiche König: »Nicht lange mehr ich ledig bleib.

 332 Drum will ich mich bedenken, wo ich die nehmen soll,die mir und meinem Reiche zur Frau geziemte wohlan Adel und an Schönheit, der geb ich meine Hand,wenn ich die rechte finde. Das soll euch werden wohlbekannt.«

Sechstes Abenteuer

Wie Gunther gen Island zu Brünhild fuhr

 333 Es war eine Königin gesessen überm Meer;eine, die ihr gliche, fände man wohl schwer:schön war sie über die Maßen, gewaltig ihre Kraft;sie warf mit schnellen Degen um die Minne den Schaft.

 334 Den Stein warf sie ferne, danach sie weithin sprang.Wer auf sie richten wollte seine Wünsche frank,drei Spiele musst er gewinnen mit der Frau, hochgeboren;verlor er auch nur eines, so hatte er das Leben verloren.

 335 Die Königin hatte sehr oft das schon getan.Da vernahm es an dem Rheine ein Ritter wohlgetan;der richtete seine Sinne auf das herrliche Weib.Darum mussten der Helden viel verlieren Leben und Leib.

 336 Als sie eines Tages saßen, der König und seine Schar,auf mancherlei Art sie ermaßen, was dafür und dawider war,welche ihr Herrscher sollte bitten um ihre Hand,die zur Frau er wollte und die geziemen würde dem Land.

 337 Da sprach der Vogt vom Rheine: »Ich will nieder zur Seehin zu Brünhilde, was mir auch gescheh.Um ihrer Schönheit willen wage ich Leben und Leib.Die will ich gerne verlieren; Brünhild werde denn mein Weib.«

 338 »Dem muss ich widerraten«, sprach da Sigfrid.»Es macht ihre Sitte gefährlich solchen Schritt.Wer wirbt um ihre Minne, dem kommt es hoch zu stehn.Das mögt Ihr für die Reise aus meinem Rate wohl ersehn.«

 339 Da sprach der König Gunther: »Nie ward geboren ein Weib,so stark und so kühn auch, dass ich ihren Leib,im Streit nicht bezwänge mit meiner eignen Hand.«»Schweigt!« sprach da Sigfrid. »Euch ist ihre Stärke nicht bekannt.

 340 Und wären ihrer viere, die könnten nicht bestehnvor ihrem grimmen Zorne; den Wunsch lasst Euch vergehn!Das rat ich Euch in Treuen. Wollt Ihr nicht liegen tot,so lasst durch ihre Minne Euch bringen nimmermehr in Not!«

 341 »Sie sei so stark sie wolle, ich lasse die Reise nichthin zu Brünhilde. Was mir auch geschieht,um ihrer Schönheit willen muss gewagt es sein,ob Gott es mir gewähret, dass sie mir folget an den Rhein.«

 342 »So will ich Euch wohl raten«, sprach da Hagen,»dass Ihr Sigfrid bittet, mit Euch zu tragendie starke Beschwerde. Mein Rat dahin geht,da es ihm so bekannt ist, wie es um Brünhilde steht.«

 343 Er sprach: »Willst du mir helfen, Degen Sigfrid,die Minnige zu erwerben? Tust du, worum ich bitt,und wird mir zur Trauten das herrliche Weib,so will nach deinem Willen ich wagen Ehre und Leib.«

 344 Zur Antwort gab da Sigfrid: »So wie es steht mit mir,gibst du mir deine Schwester, so will ich helfen dir,die schöne Kriemhilde, die Königstochter hehr;keinen Lohn begehr ich für meine Hilfe dann mehr.«

 345 »Das gelobe ich«, sprach Gunther, »Sigfrid, dir in die Hand.Kommt die schöne Brünhild her in dieses Land,so will ich dir zum Weibe meine Schwester geben,so magst du mit der Schönen immerdar in Freuden leben.«

 346 Sie schwuren darauf Eide, die beiden Recken hehr.Doch schuf es ihnen Mühe bei weitem noch mehr,ehe sie die Wohlgezierte brachten an den Rhein.Drum mussten die Vielkühnen noch in starker Sorge sein.

 347 Von manchem wilden Zwergen habe ich hören sagen,es sei in hohlen Bergen und zum Schirm zu tragen,was Tarnkappe heißet, von wunderbarer Art:wer sie hat an seinem Körper, der solle sein gar wohlbewahrt

 348 vor Hieben und vor Stichen. Ihn könne auch niemand sehn,wenn er darein gehüllet. Aber hören und spähnkönne er nach seinem Willen, obwohl ihn niemand sieht.Er sei auch viel stärker, teilt uns dies Abenteuer mit.

 349 Mit sich führte Sigfrid die Tarnkappe dann,die der kühne Degen mit großer Mühe gewanneinst von einem Zwerge; der hieß Alberich.Da rüsteten die kühnen Recken zu der Ausfahrt sich.

 350 Wenn der kühne Sigfrid die Tarnkappe trug,dann hat er in der Hülle Kräfte genug:zwölf Männer Stärke zu seinem eignen Leib.Er gewann mit großen Listen das gar herrliche Weib.

 351 Auch war diese Tarnhaut also getan,dass in ihr wirken konnte ein jeglicher Mann,was er selbst begehrte, so dass ihn niemand sah.So gewann er Brünhild, wodurch ihm Leides einst geschah.

 352 »Du sollst mir sagen, Sigfrid, eh unsere Fahrt ergeh,wie wir mit vollen Ehren kommen über See.Sollen wir Ritter führen in Brünhildes Land?Zweitausend Degen, danach wird leicht nun ausgesandt.«

 353 »So viel«, sprach Sigfrid, »an Volk wir führen hin,die Königin heget so grimmigen Sinn,die müssten alle sterben durch ihren Übermut.Ich will Euch besser raten, Degen tapfer und gut.

 354 Wir müssen in Reckenweise fahren hinab den Rhein;die will ich Euch nennen, die bei uns sollen sein:mit uns zwein noch zweie, sonst keiner auf See.So gewinnen wir die Fraue, wie es auch danach ergeh.

 355 Der Gefährten seid Ihr einer, der andre will ich sein,Hagen sei der dritte – so mögen wir wohl gedeihn.Dankwart sei der vierte, der vielkühne Mann;so mögen wohl zweitausend im Kampf uns nimmer greifen an.«

 356 »Die Kunde wüsst ich gerne«, der König sprach also,»eh wir von hinnen scheiden; darüber wär ich froh,was für Kleidung wir sollen vor Brünhilde tragen,die uns da wohl gezieme, das müsst Ihr mir alsbald nun sagen.«

 357 »Die besten Gewande, die man jemals fand,trägt man zu allen Zeiten in Brünhildes Land.Drum müssen wir reiche Kleidung vor der Fraue tragen,die uns nicht Schande mache, hört man davon die Nachricht sagen.«

 358 Da sprach der gute Degen: »Ausgehe selbst ich dannzu meiner lieben Mutter, ob ich erreichen kann,dass ihre schönen Mägde uns rüsten unser Kleid,das wir mit Ehren tragen vor der herrlichen Maid.«

 359 Hagen von Tronje sagte mit herrlichen Sitten:»Was wollt Ihr Eure Mutter um solche Dienste bitten?Lasst Eure Schwester hören, worauf geht unser Mut!So kunstreich ist die Schöne, dass die Kleider werden gut.«

 360 Da entbot er seine Schwester, dass er sie wollte sehn,und auch der Herr Sigfrid. Eh dass dies geschehn,legte an die Schöne ein gar schmuckes Kleid;dass sie sie sehen wollten, war sie froh und gern bereit.

 361 Geschmückt war ihr Gesinde, wie ihr zu es kam.Die Fürsten kamen beide. Da sie das vernahm,erhob sie sich vom Sitze. In Züchten sie da ging,als sie den edlen Fremdling und ihren Bruder auch empfing.

 362 »Willkommen sei, mein Bruder, und der Gefährte dein!Die Kunde wüsst ich gerne«, sprach das Mägdelein,»was Ihr wollt erreichen, da Ihr zu Hofe kommt.Das lasst mich beide hören, was Euch Hochgemuten frommt!«

 363 Da sprach der reiche König: »Frau, ich will Euch sagen:wir müssen große Sorge bei hohem Mute tragen;wir wollen zu Hofe reiten fern in fremdes Land.Wir müssen zu der Reise haben prächtiges Gewand.«

 364 »Nun setzt Euch, lieber Bruder«, sprach das Königskind,»lasst mich die Kunde hören, wer die Frauen sind,die Ihr begehrt zur Minne in anderer Fürsten Land!«Die Auserwählten beide nahm die Maid da bei der Hand.

 365 Da ging sie mit den Degen, wo sie selber saß.Prächtige Polster – ihr sollt glauben das –bei ihr allenthalben auf dem Boden lagen.Bei der Fraue konnte es den Helden wohl behagen.

 366 Gar liebliche Blicke und minnigliches Sehn,das mochte zwischen beiden da gar viel geschehn:er trug sie in dem Herzen, sie war ihm Leben und Leib.Durch treuen Dienst erwarb ers, dass sie doch später ward sein Weib.

 367 Da sprach der König Gunther: »Vieledle Schwester mein,ohne deine Hilfe könnte es nimmer sein:wir wollen zu Wettspielen ziehn in Brünhilds Land.Da brauchen wir zum Tragen vor den Frauen herrliches Gewand.«

 368 Da sprach die Königstochter: »Viellieber Bruder mein,was ich von meiner Seite Euch kann zur Hilfe sein,des sollt Ihr innewerden, dass ich dazu bereit;versagt es Euch eine andre, das wäre Kriemhilden leid.

 369 Ihr sollt mich, edle Ritter, nicht in Sorgen bitten;Ihr könnt mir gebieten mit hochgemuten Sitten:was Euch gefalle, dazu bin ich bereitund tu es guten Willens«, sprach die herrliche Maid.

 370 »Wir wollen, liebe Schwester, tragen ein gut Gewand.Das soll bereiten helfen Eure weiße Hand.Das fertigen Eure Mägde, dass es uns prächtig steht,da mich für diese Reise niemand anders sonst berät.«

 371 Die Jungfrau da sagte: »Ich will Euch gern es sagen,ich habe da Seide. Nun lasset her uns tragenGestein auf den Schilden! So machen wir jedes Kleid,dass Ihr es tragt mit Ehren vor der herrlichen Maid.«

 372 »Wer sind die Gefährten«, sprach die Königin,»die mit Euch gekleidet zu Hofe sollen ziehn?«»Das bin ich und Sigfrid und meiner Degen zwei,Dankwart und Hagen; die sind auf dieser Fahrt dabei.

 373 Nun merket, liebe Schwester, recht, was wir sagen:dass wir vier Gefährten tragen an vier Tagenje zweierlei Kleider und also gut Gewand,dass wir ohne Schande verlassen können Brünhilds Land.«

 374 Das gelobte sie den Recken. Die Herren schieden dann.Da rief von ihren Jungfraun dreißig Maide heranaus ihrer Kemenate Kriemhild, die Königin.Die Wohlgeschickten hatten für die Kunst einen rechten Sinn.

 375 Allerhand Seide und weiß wie der Schneeaus Zazamank, dem Lande, grün wie der Klee,da hinein legten sie Steine. Es ward manch gutes Kleid.Zu schnitt es Kriemhild, die gar minnigliche Maid.

 376 Von fremder Fische Häuten Bezüge wohlgetan,zu schauen wert den Leuten, so viel man deren gewann,die deckte man mit Seide, Gold war aufgetragen.Man konnte große Wunder von der glänzenden Kleidung sagen.

 377 Aus dem Land Marokko und auch aus Libiadie allerbeste Seide, die man jemals sahKönigssippen tragen, die hatte sie genug.Die Frau ließ wohl erkennen, dass Hulde sie im Herzen trug.

 378 Weil zu der Hofreise sie hatten so begehrt,die Hermelinpelze dünkten sie wenig wert;Seide lag da oben, gar schwarz anzusehn,wie sie schnellen Degen mag zu Festlichkeiten stehn.

 379 Aus arabischer Seide glänzte mancher Stein.Die Mühe der Frauen, die war nimmer klein.In sechs Wochen fertig war dann jedes Kleid.Da waren auch die Waffen für die guten Recken bereit.

 380 Als sie gerüstet waren, war ihnen auf dem Rheinfleißig auch gezimmert ein starkes Schifflein,das sie tragen sollte nieder auf die See.Den schönen Jungfrauen schuf da ihre Arbeit Weh.

 381 Da sagte man den Recken, ihnen sei gemacht,die sie da tragen sollten, die prächtige Tracht.Was die Helden begehrten, das war nun bereit.Da wollten sie am Rheine weilen nicht noch lange Zeit.

 382 Nach den Heergesellen ward da bald gesandt,ob sie schauen wollten ihr neues Gewand,ob es den Helden wäre zu kurz nicht, noch zu lang.Den Frauen dafür sie sagten von Herzen den schuldigen Dank.

 383 Von wem sie immer kamen, der musste es gestehn,er hätte auf dieser Erde Schöneres nie gesehn.Das mochten sie gerne da bei Hofe tragen.Von besserer Heldenkleidung wüsste niemand euch zu sagen.

 384 Dank da gar eifrig wurde ihr gesagt.Urlaub erbaten die Helden unverzagt;in ritterlichen Züchten taten die Helden das.Drum wurden lichte Augen vom Weinen trübe und nass.

 385 Sie sprach: »Viellieber Bruder, ändert Euern Planund werbt um eine andre! Das hieße ich wohlgetan;wo Ihr nicht wagen müsset so sehr Leben und Leib!Ihr könnt näher finden auch manches wohlgeborne Weib.«

 386 Mich dünkt, ihnen sagt ihr Herze ihr künftiges Ungemach.Sie weinten alle zusammen, was auch jemand sprach.Auf ihrer Brust der Goldschmuck ward von Tränen fahl;die rannen ihnen reichlich von den Augen zu Tal.

 387 Sie sagte: »Herr Sigfrid, lasst Euch empfohlen seinin Treue und in Gnade den lieben Bruder mein,dass nichts ihm Schaden bringe in Brünhildens Land!«Das gelobte der Vielkühne der Frau Kriemhild in die Hand.

 388 Da sprach der kühne Degen: »Solang mein Leben währt,bleibet von allen Sorgen, Fraue, unbeschwert!Gesund ich ihn Euch bringe zurück an den Rhein.Das glaubet bei meinem Leibe!« Ihm dankte das schöne Mägdelein.

 389 Ihre goldroten Schilde, die trug man an den Strandund brachte zu dem Schiffe all ihr Gewand.Die Rosse ließ man bringen. Sie wollten fahren dann.Manche schöne Fraue bitter zu weinen da begann.

 390 Da stand an dem Fenster manch minnigliches Kind.Das Schiff mit dem Segel trieb ein frischer Wind.Die stolzen Heergesellen waren auf dem Rhein.Da sprach der König Gunther: »Wer soll nun Schiffsmeister sein?«

 391 Da sprach der starke Sigfrid: »Ich kann Euch auf der Flutwohl von hinnen führen. Das wisset, Helden gut!Die rechten Wasserstraßen, die sind mir wohlbekannt.«Mit Freuden sie da schieden aus der Burgunden Land.

 392 Der König von Niederlanden die Ruderstange nahm.Vom Gestade begann zu schieben der Held lobesam.Gunther, der kühne, selbst ein Ruder schlug.Sie entfernten sich vom Lande und waren fröhlich auch genug.

 393 Sie hatten reiche Speise, dazu auch besten Wein,den man irgend finden konnte an dem Rhein.Dankwart, Hagens Bruder, der saß und zogan einem starken Ruder; sein Mut war über die Maßen hoch.

 394 Die starken Segeltaue straffte der Wind mit Macht.Sie fuhren viele Meilen, bevor es wurde Nacht.Mit Freuden sie da kamen auf die hohe See.Ihre starke Arbeit schuf einst den Hochgemuten Weh.

 395 Binnen zwölf Tagen, wie wir hören sagen,hatten sie die Winde weit hinfort getragennach dem Isensteine zu Brünhildes Land.Das war Hagen von Tronje noch mitnichten bekannt.

Siebentes Abenteuer

Wie Gunther mit seinen Gefährten nach Island kam

 396 Da der König Gunther die vielen Burgen sahund auch die weiten Marken, gar bald sprach er da:»Saget mir, Freund Sigfrid, ist Euch das bekannt,wessen sind die Burgen und auch das herrliche Land?

 397 Ich hab in meinem Leben, das muss ich gestehn,so wohlgebaute Burgen nimmermehr gesehnin irgendeinem Lande, wie man hier sie schaut.Ein Mächtiger ist es gewesen, der diese hier hat gebaut.«

 398 Antwort gab da Sigfrid: »Es ist mir wohlbekannt:Frau Brünhild gehören Leute und Landund Isenstein, die Feste, wie Ihr von mir gehört.Schöner Frauen Anblick wird Euch heute noch gewährt.

 399 Ich will Euch Helden raten, habt alle diesen Mut,dass wir dasselbe sagen! So dünkt es mich gut.Wenn wir noch heute zu Brünhilde gehn,so müssen wir mit Sorgfalt vor der Königin stehn.

 400 Wenn wir die Minnigliche und ihr Gefolge sehn,so sollt Ihr auf einer Behauptung bestehn:Gunther sei mein Herrscher und ich sein höriger Mann;wir können unsere Absicht sicherlich erreichen dann.«

 401 Bereit dazu sie waren, wie er sie geloben hieß;keiner übermütig von der Rede ließ.Sie sprachen, wie er wollte – zum Vorteil es geschah –,als der König Gunther die schöne Brünhilde sah.

 402 »Solches ich nicht sage um deinen Wunsch allein,nur um Kriemhilds willen, das schöne Mägdelein.Die gilt mir wie die Seele und wie mein eigner Leib;ich will es gern verdienen, dass sie werde mein Weib.«

 403 Während sie so sprachen, war ihr Schiff so nahzur Burg herangekommen, dass der König sahoben in den Fenstern gar manche schöne Maid.Da begann zu fragen der Recke kühn voll Freudigkeit:

 404 »Saget mir, Freund Sigfrid, auf die Frage mein:kennet Ihr die Frauen und auch die Mägdelein,die dort herniederschauen zu uns auf die Flut?Sie zeigen durch ihr Gebaren, dass sie haben hohen Mut.«

 405 Da sprach der kühne Sigfrid: »Ihr mögt von hier aus spähn,heimlichen Sinnes, und sollt mir dann gestehn,welche Ihr nehmen wolltet, hättet Ihr die Wahl.«»Das tu ich«, sprach Gunther, der kühne Recke allzumal.

 406 »Von ihnen sehe ich eine in jenem Fenster stehnin schneeweißer Kleidung; die ist so wunderschön,die wollen meine Augen. Wohlgetan ist ihr Leib;wenn die Wahl ich hätte, sie müsste werden mein Weib.«

 407 »Die hat recht erkoren deiner Augen Schein:es ist die starke Brünhild, das schöne Mägdelein,die dein Herze minnet, dein Leib und auch dein Mut.«All ihr Gebaren, das dünkte König Gunther gut.

 408 Die Königin hieß da von den Fenstern gehndie minniglichen Maide: sie sollten da nicht stehnzum Anblick für die Fremden. Sie folgten unverwandt.Was da die Frauen taten, das ist uns weiter auch bekannt.

 409 Für die Unbekannten zierten sie ihren Leib,wie es übt als Sitte jedes wackre Weib.An die engen Fenster traten sie heran,wo sie die Recken sahen; das wurde heimlich getan.

 410 Ihrer vier nur waren, die da kamen an Land:Sigfrid, der starke, zog ein Ross an der Hand.Das sahen durch die Fenster die minniglichen Fraun.Da war für König Gunther eine große Ehre zu schaun.

 411 Sigfrid hielt am Zaume das stattliche Ross,das gute und schöne, stark und groß,bis der König Gunther in dem Sattel saß.Also dient ihm Sigfrid, was er doch später ganz vergaß.

 412 Er holte auch das seine von dem Schiffe dann.Solche Dienste hatte selten er getan,dass er je den Bügel gehalten Helden mehr.Das sahen durch die Fenster die Frauen schön sowie hehr.

 413 In derselben Weise den Rittern freudenreichvon schneeweißer Farbe waren völlig gleichdie Rosse und die Kleider. Ihrer Schilde Randleuchtete gar prächtig den edeln Männern von der Hand.

 414 Auf schön gezierten Sätteln mit Brustriemen schmalherrlich ritten die Helden vor Brünhildens Saal.Daran hingen Glöcklein aus lichtem Golde rot.Sie kamen zu dem Lande, wie ihre Tapferkeit gebot,

 415 mit Speeren, neu geschliffen, und wohlgeschmiedetem Schwert,das bis auf die Sporen reichte den Helden wert.Das führten die Vielkühnen, scharf, dazu auch breit.Das alles sah Brünhild, die gar minnigliche Maid.

 416 Mit ihnen zusammen kamen Dankwart auch und Hagen.Nun hört diese Kunde, wie die beiden Degenvon rabenschwarzer Farbe trugen ein reich Gewand.Gute und schöne Schilde, große und breite, hielt ihre Hand.

 417 Man sah sie Steine tragen aus Libia, dem Land,die funkeln man schaute, bewegte sich ihr Gewand.Sie ließen unbehütet ihr Schifflein auf der Flut.So ritten zu der Feste, die Helden tapfer und gut.

 418 Sechsundachtzig Türme drinnen stehn sie sahn,drei weite Pfalzen und einen Saal wohlgetanaus edelm Marmelsteine, grün wie das Gras,darin die starke Brünhild mit ihrem Ingesinde saß.

 419 Das Tor ward aufgeschlossen, die Burg aufgetan.Brünhildes Mannen eilten da heranund empfingen wohl die Kühnen in ihrer Herrin Land.Man nahm in Hut die Rosse und ihre Schilde von der Hand.

 420 Ein Kämmerer sprach da: »Gebt uns Euer Schwertund auch die lichte Brünne!« »Das wird Euch verwehrt«,sprach Hagen, der kühne. »Wir wollen sie selber tragen.«Da begann ihm Sigfrid rechten Bescheid zu sagen.

 421 »In dieser Burg ist es üblich, das will ich Euch sagen,dass keiner der Gäste darf hier Waffen tragen.Gebt sie in Verwahrung! Das ist wohlgetan.«Sehr ungern tat dieses Hagen, König Gunthers Mann.

 422 Man schenkte ein den Gästen und sorgte für ihre Ruh.Gar manchen schnellen Degen sah man dem Hofe zuin fürstlichem Gewande allenthalben gehn.Eifrig ward von allen nach den kühnen Helden da gesehn.

 423 Da gab man Brünhilde die Nachricht bekannt,es seien fremde Recken gekommen in das Landin reichen Gewanden, geschifft über die Flut.Da begann zu fragen diese Jungfrau schön und gut.

 424 »Ihr sollt mich wissen lassen«, sprach die Königin,»welche fremde Recken zu uns gefahren hin,die in meiner Feste so herrlich hier stehn,und aus welchem Grunde der Helden Reise sei geschehn.«

 425 Da sprach der Mannen einer: »Herrin, ich muss gestehn,dass ich ihrer keinen bisher habe gesehn.Doch einer ist darunter, der Sigfrids Aussehn hat.Ihr sollt ihn wohl empfangen. Das ist in Treuen mein Rat.

 426 Der andre der Gesellen ist rühmlich und hehr;wenn die Macht er hätte, ein König wäre der,möchte er sie haben, ob Fürstenlanden weit.Man sieht ihn bei den andern stehn in rechter Herrlichkeit.

 427 Der dritte der Gesellen, der zeigt finstern Sinnund ist doch schönen Aussehns, reiche Königin.Furchtbare Blicke er so viele tut.Er hat in seinem Wesen, glaub ich, grimmigen Mut.

 428 Der Jüngste ist darunter, so lieblich dünkt er mich,in jungfräulichen Züchten seh ich so minniglichin edeler Haltung den reichen Degen stehn.Wir müssten es alle fürchten, wäre ihm ein Leid geschehn.

 429 So freundlich der Zucht er pfleget, so schön auch ist sein Leib;er könnte wohl weinen machen manches wackere Weib,begönne er zu zürnen. So ist seine Gestalt;er ist in jeder Tugend ein Held von kühner Gewalt.«

 430 Da sprach die Königstochter: »Nun bringt mir mein Gewand!Ist der starke Sigfrid gekommen in mein Landum meiner Minne willen, es geht ihm an den Leib,so sehr ich ihn nicht fürchte, dass ich würde sein Weib.«

 431 Die Königin legte bald an ein schmuckes Kleid.Es folgte ihren Schritten gar manche schöne Maid,wohl hundert oder drüber; geziert war ihr Leib.Die Gäste wollten schauen gar manches minnigliche Weib.

 432 Mit ihnen gingen Recken da aus Island,Brünhildens Degen, das Schwert in der Hand,fünfhundert oder drüber; das war den Gästen leid.Aufstanden von den Sitzen die Helden kühn und wohl bereit.

 433 Als die Königstochter Sigfrid nun sah,züchtig die Jungfrau zu dem Recken sagte da:»Seid willkommen, Sigfrid, hier in diesem Land!Weswegen Ihr gekommen, gerne hätt ich das erkannt.«

 434 »Dank für Eure Gnade, Frau Brünhild,dass Ihr mich geruht zu grüßen, Fürstentochter mild,vor diesem kühnen Recken, der vor mir stehet hier.Denn mein Herr ist dieser, die Ehre nicht gebühret mir.

 435 Vom Rhein ist er geboren; das gibt er dir bekannt.Er hat um deinetwillen besucht dieses Land.Er will dich gerne minnen, was auch die Folge sei.Nun bedenke dich beizeiten! Mein Herr gibt nimmermehr dich frei.

 436 Er ist geheißen Gunther und ist ein König hehr.Erwirbt er deine Minne, so begehrt er nichts mehr.Er gebot mir herzufahren, der Recke edler Art.Hätt ichs verweigern dürfen, ich unterließe gern die Fahrt.«

 437 Sie sprach: »Ist dein Herr er und bist du sein Mann,die Spiele, die ich bestimme, wagt er sich daranund gewinnt er die Meisterschaft, so minne ich seinen Leib.Wenn nicht, muss er sterben, statt dass ich werde sein Weib.«

 438 Hagen sprach da von Tronje: »Fraue, lasst uns sehnEure starken Spiele! Ehe Ihr mögt bestehnGunther, meinen Herrscher, da müsst es übel sein.Er wird wohl noch gewinnen ein so schönes Mägdelein.«

 439 »Den Stein soll er werfen und springen danach,den Speer mit mir schleudern. Bedenket Euch gemachund übereilt es nimmer!« Sprach das schöne Weib:»Gebrichts ihm nur an einem, es gehet Euch an Leben und Leib.«

 440 Sigfrid, der schnelle, zu dem König trat.Ganz nach seinem Willen zu reden er ihn batmit der starken Brünhild: es könnt ihm nichts geschehn.»Anders wird es enden; ihr Übermut soll ihr vergehn.«

 441 Da sprach der König Gunther: »Königin hehr,teilt mit, was Ihr gebietet! Und wäre es auch noch mehr,das bestünd ich alles gerne um Euern schönen Leib.Mein Haupt will ich wagen, damit Ihr werdet mein Weib.«

 442 Als da seine Rede vernahm die Königin,ließ sie das Spiel beeilen, wie es ihr passend schien.Auch ließ sie sich bringen alsbald ihr Streitgewand:eine starke Brünne und einen guten Schildesrand.

 443 Ein Waffenhemd aus Seide legte an die Maid,das durchschneiden konnte keine Waffe im Streit.Von Stoffen aus Libia war es wohl gemacht.Man sah daran glänzen lichtgewirkter Borten Pracht.

 444 Inzwischen ward den Recken die Drohung wohl bewusst.Dankwart und Hagen hatten verloren alle Lust:wie es dem König ginge, sorgte sich ihr Mut.Sie dachten: unsre Reise tut uns Recken nimmer gut.

 445 Derweil hatte Sigfrid, der Held ritterlich,ehe es jemand bemerkte, zum Schiff begeben sich,wo er die Tarnkappe verborgen liegen fand.Hinein schlüpft er eilend. Da ward von niemand er erkannt.

 446 Zurück eilte er wieder. Da fand er Recken viel,als Brünhild bekannt gab nun ihr hohes Spiel.Dann ging er hin gar heimlich; man ließ es geschehn,so dass niemand von allen, die da waren, ihn gesehn.

 447 Der Ring war bezeichnet; da sollte das Spiel geschehnvor vielen kühnen Recken, die es sollten sehn,mehr als siebenhundert; die sah man Waffen tragen.Wer das Spiel gewönne, das sollten diese Helden sagen.

 448 Da war gekommen Brünhild, die man gewaffnet fand,als ob sie streiten wollte um aller Könige Land.Sie trug auf der Seide viel Goldstäbchen fein.Ihre minnige Farbe gab drunter herrlichen Schein.

 449 Dann kam auch ihr Gesinde. Die trugen unverwandtaus allrotem Golde einen lichten Schildesrandmit stahlharten Spangen, gewaltig groß und breit;damit wollte führen das Kampfspiel die hehre Maid.

 450 Der Fürstin Schildfessel war eine Borte fein,grün wie Gras drauf glänzte edeles Gestein;das strahlte mannigfaltig im Schimmer gleich dem Gold.Gar teuer musst es verdienen, wer die Fraue minnen wollt.

 451 Der Schild hatt unterm Buckel, wie man uns gesagt,wohl dreier Spannen Dicke, den tragen sollte die Magd.Von Stahl und auch von Golde war er stark genug,den von ihren Kämmerern selbst die Vierzahl mühsam trug.

 452 Als der starke Hagen den Schild da tragen sah,der Recke von Tronje voll Unmut sagte da:»Wie nun, König Gunther? Um Leben gehts und Leib;die Ihr begehrt zu minnen, die ist fürwahr des Teufels Weib.«

 453 Hört von ihren Kleidern! Sie hatte deren genug:Von Azagaug aus Seide einen Waffenrock sie trug,gar köstlich und gar edel, so dass hellen Scheinvon der schönen Brünhild gab mancher herrliche Stein.

 454 Dann trug man hin der Fraue, groß und dazu schwer,den allzeit sie geschleudert, einen mächtigen Ger,scharf und ungefüge, lang sowie breit,der an seinen Kanten gar gefährlich schnitt im Streit.

 455 Von des Gers Gewichte höret Wunder sagen!Mit viertehalb Maßen war er beschlagen.Ihn trugen hin zu Brünhild mit Mühe drei Mann.Gunther, der vielkühne, schwer zu sorgen da begann.

 456 Er dacht in seinem Sinne: wie soll das ergehn?Der Teufel aus der Hölle, wie könnt er da bestehn?Wäre ich da lebend wieder an dem Rhein,sie dürfte hier gar lange meiner Minne ledig sein.

 457 Ihm schufen seine Sorgen, das wisset, Leid genug,herbei alle Waffen für ihn allein man trug.Da ward der reiche König gewaffnet wohl zum Streit.Beinahe ward verwandelt Hagen da der Mut vor Leid.

 458 Da sprach von den Burgunden der kühne Dankwart:»Mich muss immer reuen zum Hofe diese Fahrt.Wir hießen immer Recken; gehts uns an den Leib,soll uns in diesem Lande nun verderben solch ein Weib?

 459 Mich kränkt das gar schmerzlich, dass ich kam in dieses Land.Ja, hätt mein Bruder Hagen die Waffen in der Handund auch ich die meinen, so möchte sanfter fürwahrin ihrem Übermute auftreten Brünhilds Schar.

 460 Das sag ich euch in Wahrheit: sie müssten sich bescheiden;und hätt ich auch beschworen den Frieden mit tausend Eiden,eh dass ich sterben sähe den lieben Herren mein,ihr Leben müsste lassen das vielschöne Mägdelein.

 461 Wir würden in Freiheit räumen dieses Land,ich und mein Bruder Hagen. Hätten wir das Gewand,des wir in Not bedürfen, und unsere Schwerter gut,so würde wohl besänftigt der Fraue starker Übermut.«

 462 Die Königin es hörte, was Dankwart sagte da.Mit lächelndem Munde sie über die Achsel sah:»Dünkt er sich so tapfer, so bringet ihr Gewand!Und ihre scharfen Waffen gebt den Recken in die Hand!

 463 Mir gilt das nicht anders, wenn sie bewaffnet sind,als ob sie bloß dastünden«, sprach das Königskind.»Ich fürchte niemandes Stärke, der mir ward bekannt,ich getraue mich zu bestehen im Streit wohl jedes Helden Hand.«

 464 Da sie die Schwerter erhielten, wie die Frau gebot,da wurde vor Freude der kühne Dankwart rot.»Lasst spielen, was sie wollen!« sprach der Recke wert.»Gunther ist unbezwungen, da wir nun haben unser Schwert.«

 465 Brünhildes Stärke zeigte sich nicht klein.Man trug in den Ring ihr einen runden Marmelstein,groß und ungefüge, gewaltig und schwer.Zwölf kühne Helden trugen mühsam nur der Frau ihn her.

 466 Den warf sie alle Zeiten, wie sie den Ger verschoss.Der Burgunden Sorge wurde übergroß.»Wehe«, sprach da Hagen, »ist die dem König traut?Sie sollte in der Hölle sein des übeln Teufels Braut!«

 467 An ihren weißen Armen sie die Ärmel wandund schickte sich an, zu fassen den Schild mit der Hand.Den Ger schwang sie nach oben. Der Kampfbeginn war das.Gunther und Sigfrid waren besorgt um Brünhilds Hass.

 468 Wär ihm der starke Sigfrid nicht rasch zu Hilfe gekommen,so hätte sie dem König das Leben wohl genommen.Hinzu trat er gar heimlich und rührte seine Hand.Gunther ob seiner Künste in großer Sorge sich befand.

 469 Wer hat mich da berühret? dachte der kühne Mann.Er schaute allenthalben; doch traf er niemand an.Der sprach: »Ich bin es, Sigfrid, der liebe Helfer dein.Ohne Sorge sollst du vor dieser Königin nun sein.

 470 Den Schild gib in die Hand mir und lass mich ihn tragen!Und merke meine Lehre, die du mich hörest sagen:du habe die Gebärde! Das Werk vollbringe ich.«Als dieses er vernommen, in Trost der König fasste sich.

 471 »Verhehl nun meine Künste! Das ist uns beiden gut.Die Königin vermag dann ihren starken Übermutan dir nicht zu vollbringen, darauf ihr Wille geht.Nun sieh, wie furchterweckend vor dir sie in dem Ringe steht!«

 472 Da warf mit allen Kräften die vielstarke Maidden Ger nach dem Schilde, mächtig und breit.Den trug an seinem Arme der Siglinde Kind.Feuer sprang aus dem Stahle, als ob da wehete ein Wind.

 473 Des starken Speeres Schneide so den Schild durchdrang,dass lohendes Feuer aus den Ringen sprang,vom Wurf strauchelten beide, die Recken auserkoren:betäubt waren so stark sie, dass sie das Leben fast verloren.

 474 Sigfrid, dem Vielkühnen, aus dem Munde schoss das Blut.Doch schnell sprang auf er wieder. Dann nahm der Recke gutden Ger, den sie geschleudert ihm durch des Schildes Rand.Den warf zurück ihr wieder seine kraftgewaltige Hand.

 475 Er dachte: ich will nicht treffen das schöne Mägdelein.Er kehrte des Geres Spitze hinter den Rücken sein.Mit der Speerstange warf der kühne Mannauf sie mit solchen Kräften, dass sie zu straucheln begann.

 476 Feuer stob aus dem Stahle, als triebe es ein Wind.Den Wurf tat mit Kräften der Sigelinde Kind.Sie konnte nicht bestehen den Wurf mit ihrer Kraft.Das hätte König Gunther fürwahr nimmer geschafft.

 477 Brünhild, die schöne, auf gar eilend sprang.»Gunther, edler Ritter, für den Wurf habe Dank!«Sie wähnte, dass er es hätte mit seiner Kraft getan.Ihr war heimlich begegnet ein viel stärkerer Mann.

 478 Dann ging sie hin geschwinde, zornig war ihr Mut.Den Stein hob empor sie, die edle Jungfrau gut.Sie warf mit allen Kräften ihn weit aus der HandNachsprang sie dann dem Wurfe, dass laut erklang ihr Gewand.

 479 Der Stein war gefallen wohl zwölf Klafter weit.Doch übertraf im Sprunge den Wurf die edle Maid.Wo der Stein gelegen, ging da Sigfrid hin.Berühren tat ihn Gunther; doch warf der edle Recke ihn.

 480 Sigfrid war ja tapfer, dazu stark und lang.Den Stein warf er weiter, dazu er weiter sprang.Das war ein großes Wunder und kunstvoll genug,dass er bei dem Sprunge den König Gunther auch noch trug.

 481 Der Sprung, der war vollführet; der Stein, er lag da.Dennoch keinen andern als Gunther man sah.Brünhild, die schöne, ward vor Zorne rot,Sigfrid hatte bewahret König Gunther vor dem Tod.

 482 Zu ihrem Ingesinde sprach die Fürstin da,da sie am Rand des Ringes gesund den Helden sah:»Sogleich tretet näher, wer mein Mage und Mann!Ihr sollt dem König Gunther alle werden untertan.«

 483 Da legten die Kühnen die Waffen aus der Hand.Es neigte sich zu Füßen aus BurgundenlandGunther, dem reichen, mancher kühne Mann.Sie wähnten, die Spiele hätt er mit seiner Kraft getan.

 484 Er grüßte sie in Minne; denn er war tugendsam.Die liebliche Jungfrau an der Hand ihn nahm.Sie erlaubt ihm, dass er sollte haben die Gewalt.Drob freute sich da Hagen, der als kühn und verwegen galt.

 485 Sie bat den edeln Ritter, mit ihr zu gehen fortin den weiten Palas, viel Mannen waren dort.In Ehrfurcht man dem Degen besten Dienst entbot;durch Sigfrids Kräfte waren sie gekommen aus der Not.

 486 Sigfrid, der schnelle, war wohl klug genug,so dass die Tarnkappe zum Versteck er wieder trug.Dann kam zurück er wieder, wo manche Fraue saß.Er sprach zu dem König und tat ganz unbefangen das:

 487 »Was wartet Ihr, mein Herrscher, wann beginnt das Spiel,dazu Euch entboten die Königin so viel?Nun lasset das uns schauen, wie dies werde getan!«Als ob er nichts gesehen, stellte sich der listige Mann.

 488 Die Königin sprach da: »Wie ist das geschehn,dass Ihr habt, Herr Sigfrid, die Spiele nicht gesehn,die hier hat gewonnen König Gunthers Hand?«Antwort gab da Hagen, der Held aus Burgundenland:

 489 »Als Ihr also schmerzlich betrübt uns den Mut,da war bei dem Schiffe Sigfrid, der Degen gut,wie der Held vom Rheine das Spiel mit Euch gewann.Drum ist es ihm unbekannt«, sprach da König Gunthers Mann.

 490 »Wohl mir ob der Kunde«, sprach Sigfrid, der Degen,»dass Euer Hochmut also ist erlegen,dass ein so Kühner lebet, der Euer Meister möchte sein.Nun sollt Ihr, edle Jungfrau, von hier uns folgen an den Rhein.«

 491 Die Königin sprach da: »Das kann noch nicht sein.Es müssen erst erfahren die Magen und Mannen mein.So leicht kann ich wahrlich nicht verlassen mein Land.Meinen hohen Gefreundten muss es werden erst bekannt.«

 492 Boten hieß sie reiten allenthalben alsdann:sie sandte zu ihren Gefreundten, jedem Magen und Mann;die bot sie bald zu kommen zu Hof nach Islandund gebot, allen zu geben reiches, herrliches Gewand.

 493 Sie ritten alle Tage zur Burg der Königinvom Morgen bis zum Abend scharenweise hin.»Ja doch«, sprach Hagen; »was erreichten wir?Wir erwarten uns zum Schaden der schönen Brünhild Mannen hier,

 494 wenn in solcher Stärke sie kommen in das Land;Brünhildes Wille ist uns unbekannt.Wenn sie also zürnet, dass wir wären verloren,so ist die edle Jungfrau zum großen Unheil uns geboren.«

 495 Da sprach der edle Sigfrid: »Dem will ich widerstehn.Was euch Sorgen schaffet, das lass ich nicht geschehn.Ich will euch Hilfe bringen her in dieses Landvon auserwählten Degen, die euch bisher noch unbekannt.

 496 Ihr sollt nach mir nicht fragen. Ich will von hinnen fahren.Gott möge eure Ehre derweil wohl bewahren!Gar bald kehr ich wieder und bringe euch tausend Mannder allerbesten Degen, von denen jemand Kunde gewann.«

 497 »So bleibet nur nicht zu lange!« der König sprach also.»Wir sind ob Eurer Hilfe aus rechtem Grunde froh.«Er sprach: »Ich kehre wieder in wenigen Tagen.Dass Ihr mich ausgesendet, das sollt Ihr Brünhilde sagen.«

Achtes Abenteuer

Wie Sigfrid zu den Nibelungen, seinen Recken, fuhr

 498 Sigfrid, der kühne, von dannen ging zum Strandin seiner Tarnkappe, wo er das Schifflein fand.Hinein begab sich heimlich König Sigmunds Kind.Er führt es also schleunig, als ob es triebe der Wind.

 499 Den Schiffer sah doch niemand, so schnell dahin es schossdurch Sigfrides Stärke; die war also groß.Man glaubte, dass es triebe ein wunderstarker Wind.Nein: es führte Sigfrid, der schönen Sigelinde Kind.

 500 Nach Verlauf eines Tages und nach einer Nachtkam er zu einem Lande von gewaltiger Pracht;das hieß Zu den Nibelungen und stand in seinem Bann.Das Land und die Burgen, das war ihm alles untertan.

 501 Der Held fuhr alleine zu einem Werder breit.Das Schiff vertäute eilend der Ritter tatbereit.Er ging zu einem Berge, wo er eine Stadt erblickt.Er suchte Herberge, wie sichs für Reisemüde schickt.

 502 Da kam er an die Pforte. Verschlossen war sie gut.Sie wahrten ihre Ehre, wie man noch heute tut.Ans Tor begann zu pochen der unbekannte Mann.Das war wohl behütet. Da traf innerhalb er an

 503 einen Ungefügen; der pflegte der Hut.Bei ihm zu allen Zeiten lag eine Waffe gut.Der sprach: »Wer ists, der pochet von außen an das Tor?«Da verstellte seine Stimme der kühne Sigfrid davor.

 504 Er sprach: »Ich bin ein Ritter. Schließet auf die Tür!Sonst erzürne ich gar manchen noch heute dafür,der gern in Ruhe läge und hätte sein Gemach.«Da zürnte der Pförtner, als Sigfrid also zu ihm sprach.

 505 Nun hatte der kühne Riese die Waffe an sich genommen;den Helm hatt er gar schleunig auf sein Haupt bekommen.Den Schild zückte er eilend; das Tor auf er schwang.Wie voller Grimme er da gegen Sigfrid sprang!

 506 Wie er zu wecken wagte manchen kühnen Mann!Da wurden schnelle Schläge von seiner Hand getan.Da musste sich schirmen der herrliche Gast:Der Pförtner zerschlug ihm sein Schildgespänge nun in Hast

 507 mit einer Eisenstange; die schuf dem Helden Not.Da musste schon fürchten Sigfrid den Tod,als der grimme Pförtner so rasend auf ihn schlug.Dafür war ihm gewogen Sigfrid, sein Herr, genug.

 508 Die Burg scholl, da sie gingen aufeinander los.Ihre Kräfte waren über die Maßen groß.Er bezwang den Pförtner, indem er ihn band.Davon erklang die Kunde über alles Nibelungenland.

 509 Da hörte das grimme Streiten fernhin aus dem BergAlberich, der starke, der tapfere Zwerg.Gar bald war er gewaffnet. Hin lief er, wo er fandden edelen Fremden. Der war ihnen beiden unbekannt.

 510 Alberich war grimmig, dazu auch stark genug.Helm und Panzerringe auf dem Leibe er trugund eine schwere Geißel von Gold in seiner Hand.Damit lief er eilend hin, wo Sigfrid er fand.

 511 Sieben schwere Knöpfe, die hingen vorn daran,womit er vor der Linken den Schild dem kühnen Mannschlug mit solchem Grimme, dass der zerbrach ihm fast.Drum kam in große Sorge da der wackere Gast.

 512 Die Schutzwehr von der Linken er zerbrochen schwang;weg warf er da eilig seine Waffe, die war lang.Seinen Kämmerer wollte er nicht schlagen tot;er schonte seine Leute, wie seine Tugend ihm gebot.

 513 Mit seinen starken Händen griff er Alberich an.Da fasst er bei dem Barte den altersgrauen Mann.Er zog ihn so gewaltig, dass laut schrie der Zwerg.Gar wehe tat dem Alberich da des jungen Helden Werk.

 514 Laut rief der Kühne: »Lasset mir das Leben!Dürft ich mich zu eigen einem Recken geben,als dem ich geschworen, ich wär ihm untertan;ich dient Euch, bis ich stürbe«, sprach der wohlbedachte Mann.

 515 Den Alberich band er wie den Riesen eh.Sigfrids Kraft dem Zwerge tat da gar weh.Da fragte ihn dieser: »Wie seid Ihr genannt?«Er sprach: »Ich bin es, Sigfrid; ich glaubt, ich wär Euch wohlbekannt.«

 516 »Wohl mir der Kunde!« sprach da der Zwerg.»Nun hab ich wohl erfahren dieses ritterliche Werk,dass Ihr mit vollem Rechte des Landes Herrscher seid.Da Ihr mich geschonet, folge ich Euch allezeit.«

 517 Da sprach der kühne Sigfrid: »Macht Euch auf geschwindund bringt mir von den Recken die besten, die da sind,tausend Nibelungen, dass die mich hier sehn!«Was er mit allen wollte, das hört ihn niemand gestehn.

 518 Alberich und den Riesen beide los er band.Hinlief jener eilend, wo er die Recken fand.Er weckt voll großen Eifers gar manchen kühnen Mann.Er sprach: »Wohlauf, ihr Helden, ihr sollt dem Sigfrid jetzt nahn!«

 519 Sie sprangen aus den Betten und waren gleich bereit.Tausend schnelle Degen taten an ihr Kleid.Sie kamen, wo Sigfrid stehen sie sahn.Da gabs ein schönes Grüßen; das ward mit Ehrfurcht getan.

 520 Viel Kerzen wurden entzündet; man schenkt ihnen lautern Trank.Dass sie so bald gekommen, sagt er ihnen Dank.Er sprach: »Ihr sollt von hinnen mit mir über die Flut.«Allbereit da fand er die Degen tapfer und gut.

 521 Wohl dreitausend Recken, die waren schnell gekommen.Aus denen wurden tausend der besten da genommen.Denen brachte man Helme und auch ihr Kampfgewand,da er sie führen wollte in der Brünhilde Land.

 522 »Hört, ihr guten Ritter, was ich euch jetzt sage!Ein jeder reiche Kleidung dort bei Hofe trage,da wir sehen werden manch minnigliches Weib!Deshalb sollt ihr zieren mit schmucker Tracht euern Leib.«

 523 Da spricht ein Unerfahrner: »Das muss wohl Lüge sein.Wie sollen so viel Ritter beieinander wohl gedeihn?Wo nehmen sie die Speise? Wo nehmen sie die Gewande?Sie könntens nicht vollbringen; und dienten ihnen dreißig Lande.«

 524 So reich, wie ihr vernommen, war Sigfrid dort.Das Königreich ihm diente und der Nibelungen Hort.Davon gab seinen Degen er völlig genug.Doch ward er nicht kleiner, so viel Gut man von ihm trug.

 525 Früh an einem Morgen erhoben sie sich dann.Was an schnellen Gefährten Sigfrid da gewann!Sie führten gute Rosse und herrliches Gewand.Ritterlich sie kamen in der Brünhilde Land.

 526 Da stand an dem Fenster manch minnigliches Kind.Die Königin da sagte: »Weiß jemand, wer die sind,die uns entgegenkommen so fern über die See?Sie führen reiche Segel; die sind weißer als der Schnee.«

 527 Da sprach der Vogt vom Rheine: »Meine Mannen sind dies,die ich auf der Reise hier nahebei verließ.Gesandt hab ich zu ihnen, Frau, die sind gekommen.«Die herrlichen Gäste wurden eifrig wahrgenommen.

 528 Da sah man Sigfrid stehen auf eines Schiffes Bugin herrlichen Kleidern. Ihm folgten Mannen genug.Die Königin sprach da: »Herr König, Ihr sollt mir sagen:soll ich die Gäste empfangen oder des Grußes mich entschlagen?«

 529 »Ihr sollt ihnen entgegen«, sprach er, »in Züchten gehn,wie gern wir sie sahen, dass sie das wohl verstehn.«Die Königin tat da, wie ihr der König riet.Sigfrid bei dem Gruße sie von den andern unterschied.

 530 Man schuf ihnen Herberge willig alsogleich.Da waren so viele Gäste gekommen in das Reich,dass sich allenthalben drängten ihre Scharen.Da wollten die Vielkühnen zu den Burgunden fahren.

 531 Die Königin ließ da verteilen kurzerhandGold sowie Silber, manch Ross auch und Gewand,Fremden und Bekannten, gar manchem werten Mann,was nach ihres Vaters Tod als Erbe sie gewann.

 532 Sie ließ auch sagen den Recken vom Rhein also hehr,dass sie von den Schätzen nähmen, minder oder mehr,dass sie es mit sich führten zum Burgundenland.Da gab ihr Antwort Hagen, hohen Mutes unverwandt:

 533 »Vieledle Königin, nehmt dieses zum Bescheid:es hat der König vom Rheine Gold und manches Kleid,so viel davon zu geben. Wir haben guten Ratdass wir von hier nicht nehmen Euer Gold und Euern Kleiderstaat.«

 534 »Nein; doch mir zuliebe«, sprach sie zu dem Herrn,»will davon mit ich führen zwanzig Schreine gernvoll Gold und auch voll Seide, das verschenke meine Hand,wenn über See ich gekommen in des König Gunthers Land.«

 535 Die Königin sprach dann: »Wem lass ich all mein Land?Das soll nun hier bestimmen unser beider Hand.«Da sprach der edle König: »Lasst kommen den herbei,der Euch dazu gefalle! Zum Landvogt der bestellet sei.«

 536 Ihrer nächsten Magen einen die Frau bei sich sah;der war ihr Mutterbruder; zu ihm sprach sie da:»Nun lasst Euch anbefohlen Burgen sein und Land,bis das Recht hier weise König Gunthers eigne Hand!«

 537 Aus dem Gesinde wählte sie dann tausend Mann,die mit ihr zum Rheine fahren sollten alsdann,zu jenen tausend Recken aus Nibelungenland.Sie rüsteten sich zur Reise. Man sah sie reiten an den Strand.

 538 Sie führte mit von dannen sechsundachtzig Fraun,dazu wohl hundert Mägde; die waren schön zu schaun.Sie säumten da nicht länger und kamen rasch heran.Die sie daheim ließen, ach, welch ein Klagen da begann!

 539 In tugendreichen Züchten räumten sie ihr Land.Sie küsste die Gefreundten, die sie bei sich fand.Mit gutem Abschiede kamen sie auf See.Zu ihrem Vaterlande kam die Fraue nimmermeh.

 540 Auf der Seefahrt hörte man allerhand Spiel.Kurzweil jeder Weise hatten sie da viel.Auf kam zu der Reise ein rechter Wasserwind.Sie fuhren von dem Lande und waren alle frohgesinnt.

 541 Doch wollte sie den König nicht minnen auf der Fahrt.Ihre Kurzweil wurde für das Haus aufgespartzu Worms in der Feste, für die Hochzeit sein,da die Freudenreichen mit ihren Recken zogen ein.

Neuntes Abenteuer

Wie Sigfrid nach Worms gesandt ward

 542 Da sie gefahren waren volle neun Tage,da sprach der kühne Hagen: »Nun merket, was ich sage!Ihr säumet mit der Kunde nach Worms an den Rhein;Eure Boten sollten bei den Burgunden schon sein.«

 543 Da sprach der König Gunther: »Ihr habt gar recht gesagt.Nun rüstet Euch zur Reise, Ritter unverzagt,da ich zu dieser Stunde niemand nennen kann,der dorthin reiten könnte!« Da sprach der hochgemute Mann:

 544 »Wisset, Herr, mein lieber, ich bin kein Bote gut,ich will Euch einen weisen, der es doch gerne tut:Sigfrid, dem kühnen, sollt Ihr es nicht versagen.Eurer Schwester zuliebe wagt er es nimmer abzuschlagen.«

 545 Er sandte zu dem Recken; der Herr kam sogleich;er sprach: »Da wir nahen heimwärts meinem Reich,müsste ich Botschaft senden der lieben Schwester meinund auch meiner Mutter, dass wir nun wieder nahn dem Rhein.

 546 Drum bitt ich Euch, Herr Sigfrid, dass Ihr die Reise tut.An Euch und mir es vergelte die edle Jungfrau gutund allen meinen Freunden, den Recken freudebereit.«Da sprach der kühne Sigfrid: »Zur Fahrt für Euch bin ich bereit.

 547 Gebietet, was Ihr wollet! Verweigert wird es nicht.Der Minniglichen bringe ich gerne Bericht.Wie sollt ich auf die verzichten, von der mein Herze voll?Was Ihr für sie gebietet, alles das geschehen soll.«

 548 »Sagt meiner Mutter und auch der Schwester mein:wir können ob dieser Reise hohes Mutes sein!Lasst wissen meine Brüder, wie geworben wir!Auch unsre andern Freunde sollen hören diese Kunde hier.

 549 Kriemhild und meiner Mutter sollt Ihrs nicht verschweigen,dass ich mich ihr mit Brünhild in Diensten wolle neigenund all ihrem Gesinde und jedem, der mein Mann;wonach gestrebt mein Herze, wie wohl ich alles das gewann!

 550 Und sagt auch meinen Brüdern und den Gefreundten mein,dass sie mit großem Eifer dazu gerüstet sei’n.Man gebe allen Degen die Kunde wohl bekannt:eine große Hochzeit mit Brünhild halte ich im Land.

 551 Und saget meiner Schwester, damit sie das vernommen,ich sei mit meinen Gästen nun an Land gekommen,dass eifrig sie empfänge die Geliebte mein.Dafür will immerdar ich in Treuen ihr zu Diensten sein.«

 552 Da der vielkühne Recke Urlaub von ihm nahmund auch von Brünhilde, der Ritter lobesamritt in großer Freude nach Worms an den Rhein.Es konnte in allen Landen wohl kein bessrer Bote sein.

 553 Mit vierundzwanzig Recken er nach Worms da ritt;ohne den König kam er. Als man das teilte mit,litt das ganze Gefolge in Jammer da Not:sie fürchteten, dass ihr Herrscher dort geblieben wäre tot.

 554 Abstiegen die Boten; gar hoch stand ihr Mut.Eilend kamen beide, die jungen Könige gut,und alles Hofgesinde. Doch Gernot sprach da,weil er seinen Bruder nicht bei dem kühnen Sigfrid sah:

 555 »Willkommen, edler Ritter! Ihr sollt uns hören lassen,wo Ihr meinen Bruder, den König, habt verlassen!Brünhildes Stärke hat ihn uns genommen.Dann ist durch hohe Minne großer Schaden uns gekommen.«

 556 »Euch beiden edlen Recken und allen Magen seinentbietet seine Hulde der Heergeselle mein.Ich verließ ihn in Gesundheit. Er hat mich abgesandtals Boten mit der Nachricht, dass ich Euch gäbe die bekannt.

 557 Ihr sollt nun dies bedenken, wie das bald gescheh,dass ich Eure Mutter und Eure Schwester seh.Die will ich hören lassen was ihnen hat bestelltGunther, der edle König, dessen Ehre glänzt in aller Welt.«

 558 Da sprach der junge Giselher: »Geht zu ihnen hinan!Da habt Ihr meiner Mutter viel Liebes angetan.Sie ist in schwerer Sorge um den Bruder mein.Sie sehn Euch beide gerne. Drum sollt ohne Furcht Ihr sein.«

 559 Da sprach der kühne Sigfrid: »Was ich ihnen dienen kann,das soll gutes Willens in Treue sein getan.Wer sagt es nun den Frauen, dass ich dorthin will gehn?«»Das tu ich«, sprach da Giselher, der wackre Degen ausersehn!

 560 Der stolze, kühne Recke zu seiner Mutter sprachund auch zu seiner Schwester in beider Frauen Gemach:»Zu uns ist Sigfrid kommen, der Held aus Niederland.Ihn hat mein Bruder Gunther vom Rheine her zu uns gesandt.

 561 Er bringt uns die Kunde, wie es um den König steht.Nun sollt Ihr ihm erlauben, dass er zu Hofe geht.Er bringt die rechte Kunde her von Island.«Noch war den edeln Frauen da große Sorge bekannt.

 562 Sie eilten nach ihren Kleidern; die legten sie sich an.Sie baten da Sigfrid, zu Hof zu gehen hinan.Das tat er guten Willens, da er sie gerne sah.Kriemhild, die vielschöne, zu ihm freundlich sprach sie da:

 563 »Willkommen seid, Herr Sigfrid, Ritter lobesam!Sagt, wohin mein Bruder, der reiche König, kam!Durch Brünhilds Stärke haben wir ihn wohl verloren.O weh, mir armer Jungfrau, dass ich jemals ward geboren!«

 564 Da sprach der kühne Ritter: »Nun gebt mir Botenbrot,Ihr edeln Jungfrauen! Ihr sorget ohne Not:gesund verließ ich Gunther; das geb ich Euch bekannt.Er und die schöne Brünhild haben mich Euch beiden hergesandt.

 565 Sie verheißen Euch getreulich Dienste hierzuland,vielreiche Königinnen; das geb ich Euch bekannt.Nun lasst Euer Weinen! Sie werden baldigst kommen.«Seit langer Zeit hatte sie liebere Kunde nie vernommen.

 566 Mit schneeweißen Tüchern ihre Augen wohlgetanwischte sie frei von Tränen. Sie dankte sodanndem Boten für die Kunde, die ihr da gekommen.Da war die tiefe Trauer und auch das Weinen ihr genommen.

 567 Den Boten hieß sie sitzen; dazu war er bereit.Die Jungfrau da sagte: »Mir brächte es kein Leid,wenn als Botenlohn ich Euch geben dürfte mein Gold;doch seid zu reich Ihr selber. Ich will Euch immer bleiben hold.«

 568 »Hätte ich alleine«, sprach er, »manches Land,so empfinge ich doch gerne Gabe aus Eurer Hand.«Da sprach die Minnigliche: »So soll dies geschehn.«Sie hieß ihren Kämmerer nach der Kemenate gehn.

 569 Vierundzwanzig Ringe besetzt mit Steinen gut,die gab sie ihm zum Lohne. Da beschloss sein Mut,er wollte es nicht behalten: er gab es kurzerhandihrem nächsten Gesinde, das bei der Kemenate er fand.

 570 Die Mutter bot ihre Hulde gütig ihm an.»Ich muss Euch mehr noch sagen«, sprach da der kühne Mann,»worum der König bittet, kommt er nun hierher.Er will Euch immer danken, leistet Ihr, was er begehr.

 571 Seine reichen Gäste Ihr wohl empfangen sollt.Drum bittet er Euch dringend, dass Ihr nicht säumen wollt,zu reiten ihm entgegen bei Worms an den Strand.Daran seid von dem König in großen Treuen Ihr gemahnt.«

 572 Da sprach die Minnigliche: »Das will ich gerne tun.Kann ich ihm Dienste leisten, das soll geschehen nunin Freundschaft und Treue; so sei es getan.«Da hob sich ihre Farbe, die sie in Liebe da gewann.

 573 Es ward ein Fürstenbote empfangen besser nie.Wagte sie ihn zu küssen, das tat gerne sie;wie er in rechter Minne von den Frauen schied!Die Burgunden taten, was ihnen Sigfrid da riet.

 574 Sindold und Hunold und Rumold, der Degen,die mussten unermüdlich in dieser Zeit sich regen,richten das Gestühle, wie es war bekannt.Des Königs Amtsleute man da mitarbeiten fand.

 575 Ortwin und Gere, des reichen Königs Mannen,die sandten allenthalben zu den Freunden von dannen,zu künden ihnen die Hochzeit, die da sollte sein.Da rüsteten sich zu dieser die vielschönen Mägdelein.

 576 Der Palas und die Wände, die waren überallgeschmückt für die Gäste. König Gunthers Saalward wohl ausgezimmert von manchem fremden Mann.Diese große Hochzeit hob mit vieler Freude an.

 577 Da ritten allenthalben die Wege durch das Landder drei Könige Magen. Man hatte ihnen gesandt,sie sollten derer warten, die zu ihnen wollten kommen.Da ward aus den Truhen reiche Kleidung viel genommen.

 578 Da sagte man die Kunde, dass man reiten sahden König mit seinen Gästen. Ungemach erhob sich dadurch des Volkes Menge im Burgundenland.Hei, was man schnelle Degen bei Frau Brünhilde fand!

 579 Da sprach die schöne Kriemhild: »Ihr, meine Mägdelein,die bei dem Empfange mit mir wollet sein,sucht jede aus den Truhen das allerschönste Kleid,das ihr finden möget; und sagt den Frauen auch Bescheid!«

 580 Dann kamen auch die Recken. Zu bringen man gebotdie herrlichsten Sättel, von lichtem Golde rot.Die Frauen sollten reiten bei Worms an den Rhein.Besseres Reitzeug konnte nirgendwo da sein.

 581 Hei, wie die Rosse strahlten von lichten Goldes Schein!Aufgesetzt auf den Zäumen war mancher Edelstein.Die goldenen Schemel aus lichten Stoffen gut,brachte man dort den Frauen. Sie waren alle hochgemut.

 582 Gegürtet mit Seide, gar schön sowie groß,brachte man den Frauen manch treffliches Ross.Reiches Vorderzeug auch sah man die Pferde tragenaus der besten Seide, davon konnte jemand sagen.

 583 Sechsundachtzig Frauen hieß man kommen dann,die Stirnbinden trugen; zu Kriemhild herankamen die Schönen und trugen lichtes Kleid.Da ward auch wohl geschmücket manche minnigliche Maid.

 584 Fünfzig und viere vom Burgundenland:so waren es die besten, die man bei Hofe fand;die sah man blonden Haares mit lichten Bändern gehn.Was König Gunther verlangte, das war mit Eifer geschehn.

 585 Von lichten, reichen Stoffen fern aus Heidenlandsie trugen vor den Gästen manch treffliches Gewand,das ihrer reichen Schönheit wohl mit Recht gebührt.Der war schwaches Sinnes, der ihre Schönheit nicht verspürt.

 586 Von Hermelin und Zobel viel Kleider man da fand.Da ward auch wohl geschmücket mancher Arm und manche Handmit Ringen auf der Seide, die sie da sollten tragen.Es konnte solch Bemühen euch zu Ende niemand sagen.

 587 Manch köstlichen Gürtel, gut sowie lang,über reiche Kleidung manche weiße Hand da schwang,über seidenwollne Röcke und Stoff aus Arabin,dass auf der ganzen Erde nichts Besseres zu finden schien.

 588 Es ward das Brustgespänge mancher schönen Maidvielminniglich genähet. Es mochte ihr werden leid,dass ihre lichte Farbe nicht überstrahlt den Stoff.So schönes Ingesinde gibts nun an keinem Königshof.

 589 Da die Minniglichen nun trugen ihr Gewand,die sie da führen sollten, die waren rasch zur Hand;der hochgemuten Recken große HeldenkraftMan trug auch mit den Schilden herbei so manchen Eschenschaft.

Zehntes Abenteuer

Wie König Gunther zu Worms mit Frau Brünhild Hochzeit feierte

 590 Jenseits des Rheines sah man in starken Scharenden König mit den Gästen zu den Gestaden fahren.Auch sah man am Zaume geleitet manche Maid.Die sie empfangen sollten, die waren alle bereit.

 591 Das Gefolge aus Island zu Schiff kam heran,auch von den Nibelungen Sigfrids Heerbann.Sie eilten zu dem Lande. Eifrig war ihre Hand,als man des Königs Freunde jenseits des Gestades fand.

 592 Nun hört auch diese Kunde von der Königin,Ute, der gar reichen, wie sie die Mägdlein hinvon der Burg geführet und selber ritt zum Strand!Da wurden miteinander Ritter und Maide viel bekannt.

 593 Der Markgraf Gere führte Kriemhild dannnieder aus der Feste. Sigfrid, der kühne Mann,diente ihr in Minne. Sie war ein schönes Kind.Dafür ward ihm gelohnet von der Jungfrau holdgesinnt.

 594 Ortwein ritt, der kühne, bei Frau Ute bereit.Ihnen sich gesellten manche Ritter und manche Maid.Bei solchem Empfange, das muss man wohl gestehn,ward solche Schar von Frauen beieinander nie gesehn.

 595 Prächtige Ritterspiele wurden dann getriebenvon Helden, gar so viele. Nicht wohl wärs unterbliebenvor Kriemhild, der schönen, bei den Schiffen dann.Da hob man von den Rossen manche Fraue wohlgetan.

 596 Der König selbst war kommen, manch werter Gast danach.Hei, was man starker Schäfte vor den Frauen brach!Hurtig man da hörte von Schilden manchen Stoß.Hei, wie prächtiger Buckel laut Getöse war da groß!

 597 Die gar Minniglichen am Hafen man da sah.Gunther mit den Gästen von den Schiffen sprang allda.Er führte Brünhilde selbst an seiner Hand.Da glänzten miteinander Edelsteine und ihr Gewand.

 598 In tadellosen Züchten Frau Kriemhild da ging,als sie Brünhilde mit ihrem Gesinde empfing.Gerückt war da höher von wonniglicher Handgar manches reiche Kränzlein, die sie empfingen da an Land.

 599 Da sprach wohlerzogen Kriemhild, die Königin:»Euch heißt in diesen Landen willkommen unser Sinn,mir und meiner Mutter und allen unsern Fraun.«Da ward der beiden Frauen innig Küssen anzuschaun.

 600 Da Brünhildes Frauen gekommen an den Strand,da wurde gar minnig genommen bei der Handvon herrlichen Recken manch Weib ausersehn.Man sah die schönen Mägde bei den Königinnen stehn.

 601 Bis beendet die Begrüßung, verging lange Zeit.Ja, da war zum Küssen manch roter Mund bereit.Noch standen beieinander die Königstöchter schön.Manche wackern Recken freuten sich, das anzusehn.

 602 Da spähten mit den Augen, die oft gehört vorher,so Minnigliches hätte gesehn man nimmermehrals die beiden Frauen. Da sagte mancher Held,dass sie den Preis der Schönheit müssten haben in der Welt.

 603 Wer Frauen schätzen konnte und herrlichen Leib,der pries um ihre Schönheit König Gunthers Weib.Doch sprachen da die Weisen, die hatten recht gesehn,man möchte Kriemhilde den Preis vor Brünhild zugestehn.

 604 Miteinander gingen beide, Mägde und Fraun.Wohl gezieret war da manch schöner Leib zu schaun.Da standen seidene Hütten und manches reiche Zelt;davon war bedecket da vor Worms das ganze Feld.

 605 Von des Königs Magen ein Drängen war geschehn.Da hieß die Königinnen man von dannen gehn,mit ihnen alle Frauen, wo man Schatten fand.Dorthin brachten die Degen sie aus Burgundenland.

 606 Nun waren auch die Gäste zu Ross alle kommen,manch prächtiges Lanzenstechen durch Schilde ward vernommen.Staub erhob sich im Felde, als ob alles Landentbrannt in Lohe wäre. Da machten Degen sich bekannt.

 607 Was die Helden trieben, manche Maid da sah.Man sagte, dass Herr Sigfrid mit seinen Degen damanches Mal wieder vor die Hütten ritt.Er führte der Nibelungen tausend treffliche Helden mit.

 608 Da kam Hagen von Tronje, wie ihm der König riet;den Buhurt in Freundschaft da der Held nun schied,dass unbestaubt man ließe der Minniglichen Kleid.Dazu waren die Gäste in Züchten auch alsbald bereit.

 609 Da sprach der Herr Gernot: »Die Rosse lasset stehn,bis es kühl geworden! Dann wollen wir gehn,zu führen die schönen Frauen vor den Palas weit.Doch will der König reiten, dass ihr alsdann zur Stelle seid!«

 610 Als der Buhurt beendet auf dem ganzen Feld,da gingen zur Kurzweil in manches hohe Zeltdie Ritter und die Frauen. Auf hohe Freude man sann.Man vertrieb sich die Stunden, bis man reiten wollte dann.

 611 Vor der Vesperstunde, da die Sonne niedersankund es kühler wurde, säumte man nicht lang:in die Stadt begaben sich da Mann und Weib.Mit Augen ward geliebkost da mancher Jungfraue Leib.

 612 Da ward von guten Recken manch Gewand zerritten,von den hochgemuten, nach ihres Landes Sitten,bis vor dem weiten Palas der König abstieg nun.Da half man den Frauen, wie hochgemute Helden tun.

 613 Da schied auch von den andern die reiche Königin.Frau Ute und ihre Tochter, die gingen beide hinmit ihrem Ingesinde in ein weites Haus.Da hörte man allenthalben gar lautes Jubelgebraus.

 614 Man richtete die Stühle. Der König wollte gehnzu Tisch mit seinen Gästen. Da sah man bei ihm stehnBrünhild, die schöne. Die Krone sie da trugin des Königs Lande. Sie war gewandt und reich genug.

 615 Gar manches Gestühle mit guten Tafeln breitvoll Speise war gerichtet. Des gab man uns Bescheid.Nichts fehlte, was sie wollten, an der Speisen Last.Da sah man bei dem König so manchen herrlichen Gast.

 616 Die Kämmerer des Königs in Becken golden rotbrachten das Wasser. Das wäre vergebene Not,wenn euch jemand sagte, dass besser bediente manauf eines Königs Hochzeit: ich glaubte schwerlich daran.

 617 Bevor der Vogt vom Rheine das Wasser da nahm,da tat der Herr Sigfrid, wie es ihm zukam:er gemahnt ihn seiner Treue, wie er ihm verhieß,bevor ihn dieser Brünhild daheim auf Island sehen ließ.

 618 Er sprach zu dem König: »So schwur mir Eure Hand,wenn einst Frau Brünhild käme in dieses Land,gäbt Ihr mir Eure Schwester. Wo sind die Eide hinkommen?Ich hab auf Eurer Reise sehr große Müh auf mich genommen.«

 619 Da sprach der reiche König: »Ihr habt mich recht gemahnt.Nicht soll meineidig drum werden meine Hand.Ich will es wohl vollbringen, wie ich es bestens kann.«Zu Hofe hieß man Kriemhild zum König kommen alsdann.

 620 Mit ihren schönen Maiden vor den Saal sie ging.Da sprang von einer Treppe Giselher flink;umkehren hieß er die schönen Mägdelein:»Allein meine Schwester soll mit uns bei Hofe sein.«

 621 Hinführte er Kriemhild, wo man den König fand.Da standen edle Ritter aus mancher Fürsten Land.In des Saales Mitte hieß man sie stillestehn.Da sah man Frau Brünhild nun zu ihrem Sitze gehn.

 622 Sie wusste nicht die Absicht, die man begonnen schon,da sprach zu seinen Magen König Dankrats Sohn:»Helft mir, dass meine Schwester Sigfrid nehme zum Mann!«Vereint sprachen alle: »Das ist mit Ehren wohlgetan.«

 623 Da sprach der König Gunther: »Lass dirs nicht werden leid,meine liebe Schwester, und löse meinen Eid!Ich gelobte dich einem Recken; und wird er dein Mann,so hast nach meinem Willen gar getreulich du getan.«

 624 Da sprach die edle Jungfrau: »Viellieber Bruder mein,du sollst darum nicht flehen. Denn ich will immer sein,was Ihr mir gebietet; das sei nun getan.Ich will mich dem verloben, den Ihr, Herr, mir gebt zum Mann.«

 625 Von lieber Augenweide ward Sigfrids Farbe rot.Zu Diensten sich der Recke Frau Kriemhilden bot.Man stellte sie zusammen in den Ring alsdannund fragte, ob sie wollte den gar trefflichen Mann.

 626 In magdlichen Züchten hielt sie sich zurück.Jedoch war so vollkommen Sigfrids Heil und Glück,dass sie nicht versagen wollte ihre Hand;auch verlobte sich der Jungfrau der edle König aus Niederland.

 627 Da sie sich ihm verlobet und er sich der Maid,ein liebevoll Umfangen war da wohl bereitvon Sigfrides Armen dem minniglichen Kind.Geküsst ward nach der Sitte die schöne Königin geschwind.

 628 Das Gesinde sich teilte, sobald das geschah.Auf dem Sitz gegenüber man Sigfrid da sahmit Kriemhilde sitzen. Dort dient ihm mancher Mann.Man sah die Nibelungen danach Sigfrids Sitze nahn.

 629 Gesetzt hatt sich auch Gunther und Brünhild, die Maid.Da sah sie jetzt Kriemhild – ihr ward nie größeres Leid –neben Sigfrid sitzen. Zu weinen sie begann;so manche heiße Träne ihr über die lichten Wangen rann.

 630 Da sprach der Herr des Hauses: »Was ist Euch, Fraue mein,dass Ihr Euch lasset trüben der lichten Augen Schein?Ihr solltet lieber lachen; denn Euch ist untertanmein Land und reiche Burgen und mancher treffliche Mann.«

 631 »Ich kann mit Recht wohl weinen«, sprach die schöne Maid.»Um deine Schwester ist mir so grimmes Leid.Ich seh sie sitzen nahe dem Eigenholden dein.Ich muss mich immer grämen, soll sie so verstoßen sein.«

 632 Da sprach der König Gunther: »Ihr mögt es still ertragen.Ich will zu andern Zeiten diesen Grund Euch sagen,warum ich meine Schwester diesem Recken gegeben.Sie mag mit dem Degen in Freuden immerdar leben.«

 633 Sie sprach: »Mich jammert immer ihre Schönheit und ihre Zucht.Wüsst ich, was ich sollte, ich ergriffe gern die Flucht;denn ich will Euch nimmer liegen nahe bei,sagt Ihr nicht, warum Kriemhild die Braut Sigfrids jetzt sei.«

 634 Da sprach der reiche König: »Ich geb Euch wohl bekannt:er hat so viele Burgen wie ich und weites Land.Ihr sollt fürwahr es wissen: er ist ein König reich.Drum gönn ich ihm zu minnen die schöne Maid, der keine gleich.«

 635 Was der König auch sagte, trübe war ihr Mut.Da gingen von den Tischen viele Ritter gut.So hart ward ihr Buhurt: es erklang das ganze Schloss.Den König bei den Gästen da zu weilen sehr verdross.

 636 Er dachte, er läge sanfter bei der Schönen wohl.Da ward von der Hoffnung ihm das Herz so voll;ihm müsse durch ihre Minne Liebes viel geschehn.Gar freundlich begann er die Jungfrau da anzusehn.

 637 Von Ritterspielen hieß man die Gäste abzustehn.Der König mit seinem Weibe zu Bette wollte gehn.Vor des Saales Treppe trennten die Frauen sichin minniglichen Züchten, wie ich es glaube sicherlich.

 638 Nun kam ihr Ingesinde. Die säumten länger nicht:die stattlichen Kämmerer, die brachten ihnen das Licht.Beider Könige Recken trennten sich allda.Gar viele von den Degen man da mit Sigfrid gehen sah.

 639 Hin kamen beide Herrscher, wo sie sollten liegen.Da gedachte jeder in Minne obzusiegenbei den minnigen Frauen. Getröstet war sein Mut.Sigfrids Kurzweil wurde da gar herziglich und gut.

 640 Da der edle Sigfrid bei Kriemhild lag so liebund er es so herzlich mit der Jungfrau trieb,in Minne ihm ward sie wert gleich dem eignen Leib.Das hatte sie verdienet als ein tugendreiches Weib.

 641 Ich sage euch nicht weiter, wie Kriemhild er umfing.Nun höret diese Kunde, wie es Gunther gingbei seinem Weibe! Der ruhmreiche Degenhatte sehr viel sanfter bei anderen Frauen gelegen.

 642 Das Volk hatt ihn verlassen, Frau sowie Mann.Da ward die Kemenate alsbald zugetan.Er wähnt, er sollte kosen ihren minniglichen Leib.Es war noch sehr ferne, bis dass sie wurde sein Weib.

 643 In weißem Leinenhemde sie zu dem Bette ging.Da dachte der edle Degen: nun habe ich jedes Ding,was ich je begehrte in allen meinen Tagen.Sie musste in ihrer Schönheit mit vollem Recht ihm wohlbehagen.

 644 Das Licht begann zu bergen des edeln Gunthers Hand.Da ging der reiche König, wo die Frau er fand.Er legte sich ihr nahe, seine Freude, die war groß,als er die Minnigliche alsbald mit den Armen umschloss.

 645 Minnigliches Kosen konnt er da viel begehn,hätte gewollt die Fraue ihm das zugestehn.Doch zürnte sie gar heftig, dass er begehrte das.Er wähnte Freude zu finden; doch fand er feindlichen Hass.

 646 Sie sprach: »Edler Ritter, lasst Euch das vergehn!Was Ihr da habt im Sinne, das wird nicht geschehn.Ich will noch Jungfrau bleiben, Ihr wohl das wissen sollt,bis über alle Dinge die Wahrheit Ihr gestehen wollt.«

 647 Er rang nach ihrer Minne. Das war der Fraue leid.Da griff nach ihrem Gürtel die herrliche Maid,einer starken Borte, die sie allzeit trug.Sie erfüllte dem König seinen Willen schlecht genug.

 648 Die Füße und auch die Hände zusammen sie ihm band,trug ihn zu einem Nagel und hing ihn an die Wand.Er konnte sich nicht wehren. Grimm war seine Not.Er hatte durch ihre Stärke beinahe erlitten den Tod.

 649 Da begann zu flehen, der Minne hatte im Sinn:»Nun löset meine Bande, vieledle Königin!Ich gedenke, Euch nimmer mit Minne zu besiegenund will auch nie wieder Euch so nahe, Fraue, liegen.«

 650 Sie fragte nicht, wie ihm wäre, da sie in Ruhe lag.Dort musst er dauernd hängen die Nacht bis an den Tag,bis durch die Fenster strahlte des Morgens heller Schein.Des Königs Kurzeweile war derweilen äußerst klein.

 651 »Nun sagt mir, Herr Gunther, wär Euch das nicht leid,wenn Euch gebunden fänden«, sprach die schöne Maid,»Eure Kammerherren durch einer Fraue Macht?«Da sprach der edle Ritter: »Das würde übel Euch verdacht.

 652 Auch hätt ich wenig Ehre«, sprach der edle Mann.»Bei Eurer eignen Tugend nehmt mich bei Euch an!Doch wenn Euch meine Minne ist so grimmig leid,so will ich nimmer rühren mit meiner Hand an Euer Kleid.«

 653 Auf solche Worte löste sie ihn, wie er hing.In das Bett er wieder zu der Fraue ging.Er legte sich so ferne, dass er ihr schönes Kleidnicht erreichen konnte. Das war da auch der Wunsch der Maid.

 654 Da kam ihr Ingesinde und brachte ihr Gewand.Davon war an dem Morgen wohl genug zur Hand.Wie man sich auch gebarte, traurig war genugda der Fürst des Landes, als er am Tag die Krone trug.

 655 Nach der Landessitte, die man befolgt als Pflicht,der König und seine Fraue säumten länger nicht:sie gingen nach dem Münster, wo man die Messe sang.Auch kam der Herr Sigfrid. Viel des Volkes ein da drang.

 656 An königlichen Ehren war für sie dort bereit,was sie haben sollten: die Krone und das Kleid.Da wurden sie geweihet. Als das war geschehn,da sah die vier man alle unter der Krone herrlich stehn.

 657 Viel Knappen das Schwert empfingen, vierhundert oder mehr,den Königen zu Ehren; Glauben ich begehr.Da gab es viele Freude in des Königs Land:man hörte Schäfte brechen in der Schwertdegen Hand.

 658 Da saßen in dem Fenster die schönen Mägdelein.Sie sahen vor sich glänzen vieler Schilde Schein.Da hielt sich gesondert der König von seiner Schar;was andre auch taten, man sah ihn traurig immerdar.

 659 Da war ihm und Sigfrid ungleich zumut.Wohl wusste seinen Kummer der kühne Degen gut.Da ging er zu dem König. Zu fragen er begann:»Wie ist es Euch heut gelungen? Diese Kunde gebt mir an!«

 660 Gunther sprach zum Gaste: »Ich klag Euch meinen Schaden.Ich habe den übeln Teufel in mein Haus geladen.Als ich sie wähnte zu minnen, schmerzlich sie mich band,sie trug mich zu einem Nagel und hing mich hoch an die Wand.

 661 Dort hing ich in Ängsten bis an den Tag die Nacht,bevor sie mich löste. Böses hat sie vollbracht;das sei im Vertrauen als Freund Euch geklagt.«Da sprach der starke Sigfrid: »Das ist mir sehr zum Leid gesagt.

 662 Das will ich Euch wohl weisen; und lasst Ihrs gern geschehn,ich schaffe, Ihr sollt so nahe sie bei Euch liegen sehn,dass sie ihre Minne Euch weigert nimmermehr.«Die Rede war da Gunther nach seinem Schmerze lieb gar sehr.

 663 »Nun schaut meine Hände, wie die geschwollen sind.Sie presste sie so heftig, als wäre ich ein Kind,dass Blut allenthalben mir aus den Nägeln sprang.Ich wähnte, dass mein Leben dauern würde nicht mehr lang.«

 664 Da sprach der starke Sigfrid: »Vom Leid sollst du genesen.Uns beiden ist es ungleich heute Nacht gewesen.Mir gilt deine Schwester wie mein eigner Leib.Es muss die Fraue Brünhild noch heute werden dein Weib.

 665 Ich komme nachts gar heimlich zur Kemenate deinmit meiner Tarnkappe – des sollst du sicher sein –,so dass sich meiner Listen niemand kann versehn.Drum lass deine Kämmerer zu ihrer Herberge gehn.

 666 Dann lösch ich auch den Knappen die Lichter in der Hand.An diesem Wahrzeichen soll dir sein bekannt,dass ich nah dir weile. Dein Weib dann zwing ich dir,dass du sie heute minnest, wenn ich das Leben nicht verlier.«

 667 »Ohne dass du sie kosest«, der König sprach also,»meine liebe Fraue. Anders bin ich froh.Sonst tu, was du wollest; und nimmst du ihr das Leben –sie ist ein Ungeheuer –, das wollte ich dir wohl vergeben.«

 668 »Das nehme ich«, sprach Sigfrid, »auf die Treue mein,dass ich sie nicht minne; die schöne Schwester dein,die ist mir wert vor allen, die ich gesehn danach.«Des freute sich da Gunther, als nun Sigfrid also sprach.

 669 Da schufen die Kurzweilen und das Gedränge Not.Das Turnier und Lärmen alles man verbot;denn die Frauen sollten in den Palas gehn.Die Kämmerer hießen die Leute nicht im Wege stehn.

 670 Von Rossen und von Leuten geräumt war der Hof.Jede von den Frauen führte ein Bischof,als sie vor dem König zu Tische sollten gehn.Es folgte zu den Stühlen mancher Recke trefflich anzusehn.

 671 Der König guter Laune bei seinem Weibe saß:was Sigfrid ihm gelobet, wohl dachte er an das.Der eine Tag ihn deuchte wohl dreißig Tage lang.An Brünhildes Minne stets zu denken, es ihn zwang.

 672 Kaum konnte er erwarten, dass man den Tisch verließ.Die schöne Brünhilde man da kommen hießund auch Kriemhilde zu dem Gemache da.Hei, was man kühner Degen bei den schönen Frauen sah!

 673 Sigfrid und Kriemhild, in Minne einander hold,lieber und lieber kosten, wie ihr mir glauben sollt.Was sie ihm antun konnte, wie wenig sie das ließ!Da musste Sigfrid leisten, was er Gunther verhieß.

 674 Er stahl sich von der Fraue, um heimlich hinzugehn,wo er viele Kämmerer fand mit Lichten stehn.Die begann er zu löschen den Knappen in der Hand.Dass es Sigfrid wäre, das ward da Gunther bekannt.

 675 Wohl wusst er, was der wollte. Fort dann hieß er gehndie Mägde und Frauen. Als das war geschehn,verschloss er mit Sorgfalt selber das Tor.Zwei starke Riegel, die legte er schnell davor.

 676 Das Licht verbarg er eilend hinter dem Bettvorhang.Das Spiel begann da – sie warteten nicht lang –Sigfrid, der starke, und auch die schöne Maid.Das ward da dem König sowohl lieb wie auch leid.

 677 Der Held legte nahe sich zu der Jungfrau hin.Sie sprach: »Lass das, Gunther, begehrt es auch dein Sinn,dass Euch keine Mühsal wie gestern gescheh!«Sodann tat die Fraue dem König Sigfrid noch weh.

 678 Er hehlte seine Stimme; kein Wort sprach er da.Der König alles hörte, wiewohl er ihn nicht sah,dass heimlicher Dinge durch ihn nichts geschah.Sie hatten in dem Bette beide wenig Ruhe da.

 679 Er tat, als ob er wäre Gunther, der König reich.Er umschloss mit seinen Armen die Maid alsogleich.Sie warf ihn aus dem Bette daneben auf die Bank,dass ihm sein Haupt dröhnend an dem Schemel erklang.

 680 Auf mit allen Kräften sprang der schnelle Mann.Er wollt es besser versuchen, was er da begann,dass ers ihm wollt erzwingen, dem ers gelobt vorher.Solche Wehr von Frauen, glaub ich, gibt es nimmermehr.

 681 Als ers nicht lassen wollte, auf die Maid da sprang:»Ihr sollt mir nicht zerreißen mein Hemd also blank.Ihr seid ungebärdig. Dass mir solches leid,Euch beibringen will ichs«, sprach da die minnigliche Maid.

 682 Mit ihren starken Armen umschloss sie den Degen.Sie wollte ihn in Fesseln wie den König legen,damit in ihrem Bette sie Ruhe haben möcht.Dass er ihr Hemd zerrissen, hat grimmig da die Frau gerächt.

 683 Was half ihm seine Stärke und seine große Kraft?Sie zeigte wohl dem Degen ihres Körpers Meisterschaft.Mit Gewalt trug sie – ihre Kraft wies sich nicht klein –mit ungestümer Stärke ihn an der Wand zu einem Schrein.

 684 O weh, gedachte der Recke, soll Leben ich und Leibdurch eine Magd verlieren, so möchte jedes Weibhiernach immer höher tragen ihren Mut.Dann versuchte es gar manche, die sonst solches nimmer tut.

 685 Gar sehr sich da schämte der vielkühne Mann,ob ihrs gelingen sollte. Zu zürnen er begann.Mit ungeheuren Kräften widersetzt er sich.An der kühnen Jungfrau erprobte er sie bitterlich.

 686 So schwer sie ihn auch presste, sein Zorn ihn da zwangund seine große Stärke, dass er ihr nicht zu Danksich wieder aufgerichtet. Seine Sorge, die war groß.Es gab in dem Gemache hier und da gar manchen Stoß.

 687 Auch der König Gunther war da in Ängsten schwer.Er musste sehr sich wenden im Raume hin und her.Sie rangen so gewaltig, dass es wunder nahm,wenn eines von dem andern mit dem Leben da entkam.

 688 Sehr den König schmerzte der beiden Kämpfer Not.Doch fürchtete er immer des starken Sigfrids Tod,da sie fast das Leben dem Degen genommen.Er wagte es nimmer; sonst wär er zu Hilfe ihm gekommen.

 689 Der Kampf zwischen ihnen dauerte gar lang,bis die Fraue wieder auf das Bett er zwang.So sehr sie sich wehrte, ihre Kraft er schließlich brach.Der König hing derweilen vielen sorgenden Gedanken nach.

 690 Es deuchte ihn gar lange, bevor er sie bezwang.Sie presste seine Hände, dass aus den Nägeln sprangdas Blut durch ihre Kräfte. Das war dem Helden leid.Doch zwang er, zu verleugnen die gar herrliche Maid

 691 ihren ungestümen Willen, den sie gezeigt vorher.Der König hörte alles, sprach jener auch nimmermehr.Aufs Bett er sie presste, dass die heftig schrie.Sie schmerzten seine Kräfte wie etwas anderes noch nie.

 692 Da griff sie nach dem Gürtel, den sie dort liegen fand,und wollte ihn damit binden. Da wehrte es seine Hand,dass ihr die Glieder krachten. Da verzagte ihr Leib.So war der Kampf entschieden. Da ward sie König Gunthers Weib.

 693 Sie sprach: »Edler König, lass am Leben mich!Ich will es wohl sühnen, was begangen ich.Nimmer will ich wehren der edeln Minne dein.Wohl erkannt ichs habe: du kannst der Frauen Meister sein.«

 694 Sigfrid trat zur Seite – liegen ließ er die Maid –,als ob er von dem Körper ziehen wollte das Kleid.Er nahm ihr ein Ringlein von Golde sodann.Wollte Gott im Himmel, er hätte nimmer es getan!

 695 Dann nahm er den Gürtel; der war aus Borten gut.Ich weiß nicht, ob er dieses tat aus Übermut.Er gab ihn seinem Weibe. Das schuf ihm später Leid.Da lagen beieinander Gunther und Brünhild, die Maid.

 696 Er koste sie in Minne; wie es zu ihm kam.Da musste sie lassen ihren Zorn und ihre Scham.Von seinen Heimlichkeiten dem König sie erblich.Hei, wie ihr durch die Minne ihre große Kraft entwich!

 697 Da war sie auch nicht stärker als ein andres Weib.Er koste in Minne ihren schönen Leib.Versuchte sie sich zu sträuben, das war vergebner Wahn.Das hatte König Gunther mit seiner Minne getan.

 698 Wie in rechter Minne sie ihm nahe lag,in freundlicher Liebe, bis an den lichten Tag!Auch war der Herr Sigfrid gegangen wieder hin.Da ward er wohl empfangen von einer schönen Königin.

 699 Er schwieg zu ihrer Frage, nach der ihr stand der Mut,und verhehlte es lange, der kühne Degen gut.Daheim er ihr schließlich die Kleinode gab.Da brachte sich der Degen mit ihnen selber in das Grab.

 700 Dem König war am Morgen viel besser zumut,als ihm zuvor gewesen. Da war die Freude gutin allen seinen Landen von manchem hohen Mann.Die er zu Hof geladen, Gunst ward denen viel getan.

 701 Die Hochzeit da währte zwölf Tage lang,dass, ohne zu verstummen, stets der Schall erklangvon allerhand Freude, deren jemand wollte pflegen.Viele hohe Kosten musste der König da erlegen.

 702 Des edeln Wirtes Magen nach des Königs Gebotverschenkten viele Kleider, dazu viel Goldes rot,Rosse dazu und Silber gar manchem fremden Mann.Wer Gaben nehmen wollte, der schied gar fröhlich alsdann.

 703 Sigfrid, der Herrscher aus dem Niederlandmit seinen tausend Rittern, alles das Gewand,das sie zum Rheine brachten, das ward hingegeben,die Rosse mit den Sätteln. Sie konnten freigebig leben.

 704 Eh die reichen Gaben man allen gab zu Dank,die wieder heimwärts wollten, die deuchte es zu lang.Niemals sah man Gäste besser verpflegen.So endete die Hochzeit. Das wollte Gunther, der Degen.

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