Kitabı oku: «Incoming-Tourismus China und Indien»

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Prof. Dr. Manuel Vermeer zählt zu Deutschlands führenden Kennern Chinas und Indiens. Er arbeitet als Unternehmensberater, Dozent und Autor.


Prof. Dr. Felix M. Kempf lehrt Tourismusmanagement an der IST-Hochschule für Management in Düsseldorf und ist dort Dekan für Tourismus & Hospitality.

Manuel Vermeer, Felix M. Kempf

Incoming-TourismusChina und Indien

Tourismus kompakt


Umschlagabbildung: © 75tiks · iStock

Autorenbild Vermeer: © Keskin

Autorenbild Kempf: © IST-Hochschule für Management

Abb. 1: © Kristina Schäfer · Mainz

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

1. Auflage 2021

© UVK Verlag 2021

– ein Unternehmen der Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen

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eMail: info@narr.de

CPI books GmbH, Leck

ISSN 2701-2212

ISBN 978-3-7398-3087-2 (Print)

ISBN 978-3-7398-8087-7 (ePDF)

ISBN 978-3-7398-0109-4 (ePub)

Was Sie vorher wissen sollten

„Chinesen und Inder werden zu uns kommen, weil sie es wollen und sich leisten können. Das ist eine große Chance, auf die wir vorbereitet sein sollten.“

In der deutschsprachigen Literatur zum Tourismus aus Indien und China wurde vor 10 Jahren bereits bemerkt, dass China weitaus mehr im Mittelpunkt des Interesses steht als Indien1. Das hing und hängt heute sicherlich noch immer mit der höheren Anzahl chinesischer Touristen in Deutschland zusammen. Jedoch verfügen beide, wenn auch auf derzeit unterschiedlichen Niveaus, über ein großes touristisches Potenzial. Zunehmend gilt das auch für Indien, das China in der Bevölkerungszahl schon überholt hat oder dies in den nächsten Jahren tun wird (wirklich verlässliche Einwohnerzahlen liegen für beide Staaten nicht vor). Die neusten Statistiken weisen für beide Staaten jeweils etwa 1,4 Mrd. Einwohner aus, wobei die Zahl für China in Wirklichkeit darunter liegen dürfte, für Indien eventuell schon darüber. Insgesamt entspricht das in etwa 40% der Weltbevölkerung.

Für Angehörige beider Nationen ist eine Reise nach Deutschland und Europa ein interkontinentaler Urlaub, der nicht mal nebenbei unternommen wird. Es ist ein Traumurlaub, auf den gespart wird. Möglich wurden Reisen in weitentfernte Länder für Inder und Chinesen durch die Entwicklungen in ihren Ländern: Der rasche Aufstieg Chinas seit den 1980er-Jahren ermöglichte vielen Chinesen erstmals nicht nur national, sondern sogar international Reisen zu unternehmen. Und auch die neu entstandene indische Mittelschicht, die seit den 1990er-Jahren von der zunehmend prosperierenden indischen Wirtschaft profitiert, nutzt ihr Geld, um die Welt kennenzulernen.

In diesem Buch werden die potenziellen Reisenden beider Nationen bewusst gemeinsam betrachtet. So werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede offensichtlich. Und es tut sich ein bunter Strauß von Möglichkeiten auf, um neue Kundenkreise treffsicher zu bearbeiten und für sich zu gewinnen.

Um die Zielgruppe richtig ansprechen zu können, sind Kenntnisse über ihre Kultur, ihre Länder, ihre soziale Herkunft wichtig; nur so versteht man, was die potenziellen Kunden erwarten und sich erhoffen und kann spezifisch reagieren. Indische und chinesische Touristen haben völlig andere Voraussetzungen und Bedürfnisse als z.B. amerikanische, und daher räumen wir in diesem Buch auch dem Wissen um diese Voraussetzungen einen breiten Raum ein. Die Leserinnen und Leser erfahren in Kürze all das, was zu einem besseren Verständnis ihrer Zielgruppe erforderlich ist, und müssen nicht zusätzlich weitere Literatur hinzuziehen.

Selbstverständlich ist es nicht möglich, in diesem Rahmen, der durch den Buchumfang begrenzt ist, die chinesische Geschichte oder indische Religionen auch nur ansatzweise angemessen darzustellen. Wir haben daher eine Tour d’Horizon zusammengestellt, die dem Verständnis von chinesischen und indischen Touristen dient. Wir bitten Spezialisten der verschiedenen Gebiete jedoch um Nachsicht, dass Vieles weggelassen wurde, verkürzt oder vielleicht auch aus einem Blickwinkel dargestellt wird, den andere so nicht gewählt hätten. Sinologen und Indologen mögen dies verzeihen; dieses Buch ist nicht für Experten dieser Kulturen gedacht.

Gemeinsam befassen wir uns seit Jahrzehnten mit dieser Weltregion; Manuel Vermeer als Sinologe mit klassischer und moderner Ausbildung und Unternehmensberater mit indischen Wurzeln aus kultureller Sicht und Felix M. Kempf als Tourismusexperte, der eine betriebswirtschaftliche Sichtweise auf die Reisenden beider Länder legt.

Auf die politische, soziale wie kulturelle Situation beider Staaten gehen wir ausführlich im → ersten Kapitel ein. Hintergründe zu den Motiven, die Welt zu bereisen, schildern wir im → zweiten und → vierten Kapitel Das gute Image Deutschlands, das wir im → dritten Kapitel darlegen und begründen, macht unser Land zu einem bevorzugten Ziel dieser neuen Schicht reiselustiger Asiaten.

Wir möchten mit diesem Buch Touristikern die Möglichkeit geben, sich eingehend mit den zukünftig – und das gilt in der Post-Corona-Zeit erst recht – international wohl am stärksten wachsenden Quellmärkten zu beschäftigen und sich zu informieren, wie sie indische und chinesische Touristen zielgruppenspezifisch empfangen, ihren Bedürfnissen entsprechen und somit zum beiderseitigen Vorteil arbeiten können. Für weitergehende Fragen, Hinweise und Unterstützung stehen wir sehr gern zur Verfügung.

Wiesloch und Düsseldorf, im Herbst 2021

Manuel Vermeer und Felix M. Kempf

Hinweis zum Gendern

Im Buch wird in der Regel die männliche Form verwendet. Diese Vorgehensweise dient der leichteren Lesbarkeit und soll keineswegs ein Geschlecht ausschließen.

Inhalt

Was Sie vorher wissen sollten

1China und Indien: Geschichte, Wirtschaft und Gesellschaft

1.1China

1.1.1Historie

1.1.1Wirtschaftliche Entwicklung

1.1.2Kultur und Sprache

1.2Indien

1.2.1Historie

1.2.2Wirtschaftliche und gesellschaftliche Lage

1.2.3Kultur und Sprache

1.2.4Religionen

1.2.5Das indische Kastensystem und das Denken in Hierarchien

2Betrachtung des indischen und chinesischen Outgoing-Tourismus

2.1China

2.1.1Die Treiber des chinesischen Tourismus

2.1.2Betrachtung des chinesischen Reisenden

2.1.3Reisezeiten, Reisedauer, Reisegebiete und Reiseform

2.1.4Informationsgewinnung und Buchungsentscheidung

2.2Indien

2.2.1Die Treiber des indischen Tourismus

2.2.2Reisezeiten, Reisedauer, Reisegebiete und Reiseform

Exkurs | Destination Placement in Bollywood-Filmen

2.2.3Reiseinformationsgewinnung und Buchungsentscheidung

3Das Image Deutschlands

3.1China

3.2Indien

4Die Reisemotive der Touristen

4.1China

4.2Indien

5Anreise und Transfers

5.1China

5.2Indien

6Übernachtung und Hotel

6.1China

6.2Indien

7Gastronomie

7.1China

7.2Indien

8Shopping

8.1China

8.2Indien

9Was interessiert

9.1China

9.2Indien

10Bezahlung

10.1China

10.2Indien

11Sonstiges

11.1Stellung der Frau

11.2Fengshui

11.3Handeln

11.4Hygiene

11.5Sprache

12Social Media und Apps

13Schlussbetrachtung: Die Zukunft nach Corona

Quellen

Stichwörter, Personen, Organisationen

1China und Indien: Geschichte, Wirtschaft und Gesellschaft

Zunächst soll ein Überblick über die Geschichte, Wirtschaft und Gesellschaft gegeben werden. Vor allem das geschichtliche Verständnis differiert essenziell von unserer westlichen Sichtweise. Wer die Grundzüge kennt, kann schon vieles besser einordnen und verstehen. An dieser Stelle sollen daher nur exemplarisch einige wenige Ereignisse dargestellt werden, die so der chinesischen und indischen Historie nicht gerecht werden können, aber die ein Touristiker kennen sollte, um sich in seine Kundschaft hineinzudenken.

1.1China
1.1.1Historie

Die Anfänge der verschriftlichten chinesischen Kultur werden von Chinesen in eine etwa 5.000 Jahre zurückliegende Zeit datiert. Historisch belegbar sind davon ungefähr 3.000–4.000 Jahre; so alt datieren die frühesten Zeugnisse der sog. Orakelknochen, den auf menschliche Schulterblätter oder auf Schildkrötenpanzern eingravierten Vorläufern der chinesischen Schrift. Die chinesischen Dynastiegeschichten beginnen traditionell mit der Xia- und der Shang-Dynastie (etwa 2.200 v.u.Z bis 1.000 v.u.Z.). Dann findet sich eine Abfolge von insgesamt 24 offiziellen Dynastien bis zum Untergang des Kaiserhauses im Jahre 1911. Die Anzahl ist so nicht wörtlich zu nehmen; es gab mehr als diese 24 Dynastien, aber viele wurden nicht aufgenommen, weil sie zu klein, zu kurz oder zu illegitim waren. Manche, wie die Yuan-Dynastie (1279–1368) oder die Qing-Dynastie (1644–1911) waren im Grunde ohnehin keine chinesischen Dynastien, sondern eigentlich Zeiten der Fremdherrschaft über China.

Mit dem „Ersten Kaiser“, Qin Shi Huang Di, begann 221 v.u.Z. das eigentliche chinesische Reich, da er große Teile dessen, was wir heute China nennen (Ostchina, da die westlichen Provinzen erst später hinzukamen), vereinte, eine einheitliche Schrift festlegte, die Wagenspur normierte etc. Weltbekannt wurden die Terrakotta-Soldaten. Sie sind eine in den 1970er-Jahren nahe der zentralchinesischen Stadt Xi’an entdeckte und teils freigelegte Armee von Tausenden von Soldaten, Pferden, Streitwagen aus einem tonähnlichen Material. Eben dieser Qin Shi Huang Di hatte sich sein Grabmal schon zu Lebzeiten konzipiert. Die Armee diente zu seinem Schutz im Jenseits und kann heute wohl als einer der Top-Reisedestinationen der Welt bezeichnet werden.

Es folgten fast 2.000 Jahre wechselnder Herrscher (und sehr weniger Herrscherinnen), verschiedener Staatengebilde, manchmal mehrere gleichzeitig im Norden und Süden, ständige Kämpfe mit aus chinesischer Sicht unzivilisierten Völkern an den Grenzen und Aufständischen im Innern, die dann oft zur nächsten Dynastie führten. Aber im Gegensatz zu anderen Kulturregionen der Welt gab es tatsächlich über zwei Jahrtausende hinweg ein Staatengebilde, mit einheitlicher Schrift und vielen gemeinsamen Werten, einer erstaunlich widerstandsfähigen Bürokratie, Morallehren und kulturellen Normen, wenn auch in ständig wechselnden Dimensionen und politischen Zusammensetzungen.

Das bedeutet aber auch, dass es nie so etwas wie Demokratie gab und auch keine Aufklärung. Es bestand fast immer eine Zentralmacht, die bis in die letzten Winkel des jeweiligen Reiches hineinregieren konnte und das teils mit erstaunlicher Konsequenz tat.

Schon immer wusste jeder Einwohner des Reiches, dass er bzw. sie unter der Kontrolle der jeweiligen Obrigkeit stand. Und das ist heute mehr denn je der Fall. Diese Besonderheit des chinesischen Reiches ist wichtig; Revolutionen, im Chinesischen als „ge ming“, wörtlich „das Mandat des Himmels ändern“ bezeichnet, dienten letztlich der Errichtung eines neuen Kaiserhauses, einer neuen Dynastie, aber nicht der Etablierung einer völlig neuen Regierungsform. Für einen chinesischen Touristen bedeutet der Besuch eines westlichen Parlaments daher nicht das ehrfürchtige Staunen vor politischer Willensbildung und der Herrschaft des Volkes, sondern zunächst nur das Betreten eines Gebäudes, von welchem staatliche Macht ausgeht.

Während der großen und bekannten Dynastien, z.B. der Tang oder der Song im 7. bis 13. Jhd., erreichte das chinesische Reich eine Blütezeit, die es über alles stellte, was zeitgleich in anderen Teilen der Welt bestand. Im 10. Jhd. hatte die Hauptstadt Chinas, damals Chang’an, das heutige Xi’an, über 1 Mio. Einwohner, Kunst und Kultur blühten, es entstanden noch heute bewunderte Gedichte und Malereien; Islam, Buddhismus wie auch daoistische und konfuzianische Morallehren existierten friedlich nebeneinander, während London oder Paris schmutzige Dörfer waren und der Papst in Rom die Gläubigen aufforderte, um des wahren Glaubens willen auf Kreuzzügen Jerusalem zu befreien.

Chinesen hatten schon im 1. Jhd. u.Z. das Papier erfunden, später das Papiergeld, das Schießpulver, den Kompass, das Gießen von Eisen (800 Jahre vor dem Westen), den Buchdruck mit beweglichen Lettern etc. Der Stolz auf diese frühen technischen Erfindungen ist bis heute zu spüren und wird allen Kindern auch in der Schule nachhaltig vermittelt.

Chinesische Touristen reisen daher sehr gern nach Mainz ins Gutenberg-Museum; voller Stolz verweisen sie dann auf die eigenen diesbezüglichen Errungenschaften. Das gilt ebenso für das Tourismusziel Meißen; das Porzellan hatten die Chinesen schon lange vor Böttger erfunden (die genaue Datierung ist aufgrund unterschiedlicher Bezeichnungen und Zusammensetzungen schwierig; vermutlich spätestens in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten, vielleicht auch deutlich früher, spricht man von professioneller Produktion) und in große Teile der bekannten Welt, vor allem nach Südostasien, exportiert.

Im 15. Jhd. fuhren chinesische Seefahrer mit der größten Flotte, die die Welt je gesehen hatte, auf Entdeckungsfahrt; vermutlich fast 30.000 Mann waren auf riesigen Schiffen (fünfmal so groß wie die Santa Maria des Kolumbus) unterwegs und erreichten den Vorderen Orient, Afrikas Ostküste und eventuell auch Australien.

Wissen! Chinesen und Handel

Aber im Gegensatz zu den meist gewalttätigen europäischen Eroberern und Kreuzfahrern waren die Chinesen nicht primär auf Missionierung oder Ausdehnung ihres Machtbereiches mit militärischer Gewalt aus, sondern schlicht auf neue Geschäftsfelder.

Kriegerische Auseinandersetzungen wie in Südasien dienten der Etablierung von Handel, nicht der Landeroberung.

In Afrika oder Australien gab es jedoch keine interessanten Möglichkeiten, der Handel mit Indien und Südostasien war lange etabliert, und da diese Reisen den Staatshaushalt übermäßig belasteten, stellte der Kaiserhof sie schließlich ein und China untersagte jeglichen Kontakt zum Ausland bei hoher Strafandrohung.

Das chinesische Reich kapselte sich ab, und in den folgenden Jahrhunderten waren es die Europäer, die wesentliche Erfindungen machten und ihren Machtbereich in alle Welt ausdehnten. Im 19. Jhd. eroberten zunächst die Briten (Hong Kong), später auch die Franzosen, die Russen, Japaner und schließlich auch die Deutschen nicht nur große Teile Asiens, sondern auch Gebiete entlang der chinesischen Ostküste.

Das 19. Jhd. sollte als das Jahrhundert der Demütigung Chinas in Erinnerung bleiben. Auch aus diesem Grund drängt China heute zunehmend den ausländischen Einfluss in China zurück und zeigt weltweit seine Dominanz, geriert sich aber auch anderen Entwicklungsländern gegenüber auch als „Bruderland“, das, selbst einst kolonialisiert, nun anderen schwachen Staaten hilft, sich zu entwickeln.

Heute gehört auch die Stimulation von touristischen Aktivitäten dazu. Es werden für Chinesen Anreize geschaffen, in diese Länder zu reisen.

Im Unterschied zu anderen Kolonialmächten beuteten die Deutschen in ihrer Schutzzone Qingdao („Tsingtau“, genau genommen war Qingdao nur die Hauptstadt der deutschen Kolonie Kiautschou) die Chinesen nicht nur aus, sondern bildeten sie auf ihren Werften auch aus. Zusammen mit der Errichtung einer Kanalisation, einer strikten Quarantäne anlässlich einer Epidemie und anderem (Gründung der „Germania“ Brauerei, die noch heute, unter dem Namen Qingdao Brewery, ein weltweit bekanntes Bier gemäß dem deutschen Reinheitsgebot braut!), hat sich daher schon früh ein recht positives Deutschlandbild etabliert, das auch heute noch vorherrscht.

Nach dem Niedergang des chinesischen Kaiserreiches, der 1911 mit einer Revolution offiziell vollzogen wurde, stolperte China in einen Bürgerkrieg, der sich bis 1949 hinziehen sollte. Auf der einen Seite standen die Nationalisten um Jiang Jieshi, in der uns vertrauteren Schreibweise Chiang Kaishek, und auf der anderen Seite die Kommunisten um Mao Zedong.

Die Kommunistische Partei Chinas war 1921 mit sowjetischer Hilfe gegründet worden (und feiert daher 2021 ihren 100. Geburtstag!).

Das Karl-Marx-Haus in Trier zählt nach wie vor zu den beliebtesten Reisezielen der Chinesen in Deutschland! Auch wenn China heute alles andere als kommunistisch ist, so gilt der Begründer dieser Lehre doch nach wie vor als offizielles Vorbild und selbst junge Chinesen eilen für das obligatorische Foto nach Trier.

Die zunächst sehr kleine und finanziell schlecht ausgestattete Truppe der Kommunisten hatte gegen die von den USA unterstützen Nationalisten keine Chance. Sie mussten sich in den 1930er-Jahren schließlich in die unwegsamen Lößhöhlen Zentralchinas zurückziehen, eine Flucht, die später als der „Lange Marsch“ in ein Heldenepos umgedeutet wurde. Erst als durch den 2. Weltkrieg die USA der Kuomintang des Chiang Kaishek ihre Gelder entzogen, gelang es den Kommunisten, die den größeren Rückhalt in der Bevölkerung genossen, wieder vorzurücken und Stadt um Stadt zurückzuerobern. 1949 schließlich musste Chiang nach Taiwan fliehen, wo er die „Republik China“ ausrief, während der Anführer der Kommunisten, Mao Zedong, am 1. Oktober 1949 in Beijing auf dem Tiananmen, dem Platz des Himmlischen Friedens, die „Volksrepublik China“ ausrief.

Beide Seiten betrachten sich im Grunde als die legitimen Nachfolger des chinesischen Reiches, und auch wenn de facto Taiwan inzwischen ein unabhängiger Staat ist, so wird das von Beijing nach wie vor kategorisch bestritten und eine möglicherweise tatsächlich verbal ausgeführte Unabhängigkeitserklärung Taiwans sogar als Kriegsgrund genannt.

Mao herrschte von 1949 bis zu seinem Tode 1976 mit eiserner Hand und einer Politik, die nach Schätzungen zwischen 30 und 70 Millionen Todesopfer forderte. Erst nach seinem Tod wurden mit dem unter Mao gestürzten, jedoch in den 1980er-Jahren starken Mann Chinas, Deng Xiaoping, Reformen möglich, die China wirtschaftlich in bis dahin unvorstellbare Höhen bringen sollten.

Wissen! Chinas Wachstum

Aus einem der (noch zu Beginn der 1980er-Jahre) ärmsten Länder der Welt wurde, mit jährlichen Wachstumsraten des BIP von bis zu 10%, bis 2020 die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt.

Aber das ging keineswegs mit politischen Reformen einher, wie sich der Westen das erträumt hatte; der absolute Führungsanspruch der Kommunistischen Partei war nie in Frage gestellt worden und wird es auch heute nicht. Vielleicht abgesehen von den Demonstrationen auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989, die in der Niederschlagung dieser Demokratiebewegung durch die Truppen der Volksbefreiungsarmee endeten. Das Datum ist ebenso wie die ganze Thematik in China absolutes Tabu und sollte daher auch im Umgang mit chinesischen Touristen nicht angesprochen werden. In China selbst findet keinerlei Gedenken statt und die Ereignisse werden in keinem Geschichtsbuch erwähnt.

Selbst subtile Konnotationen wie ein Weinpräsent aus dem Jahrgang 1989 oder vergleichbare zeitliche Zusammenhänge sollten vermieden werden.

Mit der Machtübernahme durch Xi Jinping ab 2012 festigte die Kommunistische Partei ihre Macht weiter. Es wurden die wenigen Lockerungen der Meinungs- und Pressefreiheit, die China tatsächlich zugelassen hatte, wieder zurückgenommen und die staatliche Überwachung verstärkt.

Politisch ist China heute, 2021, ein sehr stark auf die Person Xi zugeschnittener Einparteienstaat sozialistischer Prägung. Marktwirtschaft ja, aber stets mit starker staatlicher Kontrolle durch die Partei.

Die Kommunistische Partei Chinas (KP) zählt etwa 90 Mio. Mitglieder. Sie ist das eigentliche Machtzentrum Chinas. Das Parlament, mit etwa 3.000 Mitgliedern das größte der Welt (danach folgt übrigens das deutsche), wählt das Zentralkomitee, dieses wiederum das Politbüro, dieses den Ständigen Ausschuss des Politbüros. Die Wahlen sind nicht mit Wahlen in demokratischen Staaten gleichzusetzen. An der Spitze des Staates (als Staatspräsident) und der Partei (als Generalsekretär der KP, hier liegt die wahre Macht) und in Personalunion auch des Militärs steht Xi Jinping.

Seine Gedanken sind im Parteistatut verankert, die zeitliche Beschränkung seiner Machtpositionen hat er aufheben lassen. Seit Mao Zedong war kein Parteiführer so mächtig wie Xi. Er postulierte bei seinem Machtantritt, dass die Partei entweder die Zügel anziehen musste oder, wie die russische Kommunistische Partei, zum Untergang verurteilt war. Er bekämpfte die Korruption, stärkte die KP in allen Bereichen und sorgte gleichzeitig dafür, dass es den Menschen im Land dabei materiell besser ging als je zuvor. Er trug somit aktiv zur wachsenden Mittelschicht bei, also den Menschen, die wir heute als Touristen bei uns begrüßen.

Trotz aller Einschränkungen, trotz aller Überwachung (Stichwort: Social-Credit-System), trotz Einschränkungen der Meinungsfreiheit bis hin zur Verfolgung ganzer Volksgruppen ist es daher sicher richtig zu sagen, dass die meisten Chinesen recht zufrieden sind mit dem, was die Partei geschafft hat: China hat sich seinen Platz in der Welt zurückerobert, es ist mächtig, fordert die USA heraus; den Chinesen geht es materiell besser als je zuvor. Dabei liegt der Gini-Koeffizient Chinas nicht so niedrig, wie es von einem Staat, der sich als sozialistisch bezeichnet, erwartet werden könnte. Vielmehr ist die Vermögensungleichverteilung höher als in Deutschland und ähnlich der in den USA (das gilt übrigens auch für Indien). Es darf gesagt werden, solange man sich politisch zurückhält, hat man als Chinese durchaus viele Rechte und Möglichkeiten.

Die ganze Welt schaut auf China. Nicht zuletzt, da Xi von der bedächtigen Politik der 1980er-Jahre abwich, die Deng Xiaoping damals zur Maxime machte: Nämlich unauffällig an seiner Stärke arbeiten, sich langsam vortasten, sich schwächer geben als man eigentlich ist. Xi dagegen warnt Taiwan vor der Unabhängigkeitserklärung und besucht demonstrativ Truppen an der Taiwan gegenüberliegenden Ostküste, dehnt den Machtbereich Chinas im Südchinesischen Meer signifikant und gegen den Willen der Anrainerstaaten und jegliches Völkerrecht aus, droht Australien und stichelt immer wieder an der chinesisch-indischen Grenze im Himalaya. Er macht deutlich, dass China weiß, wie stark es ist. Und das kommt bei der Bevölkerung überwiegend gut an.

Chinesische Touristen sind daher stolz und selbstbewusst bis nationalistisch, wenn es um ihr eigenes Land geht. Aus ihrer Sicht waren die letzten Dekaden eine Erfolgsstory.

1.1.1Wirtschaftliche Entwicklung

Nach den katastrophalen Jahren der Herrschaft Maos besann sich China zu Beginn der 1980er-Jahre wieder auf seine Stärken. Nach dem „Großen Sprung nach vorn“, einem desaströs endenden Versuch, China wirtschaftlich zu industrialisieren, wie auch der Kulturrevolution (1966–1976), einem politisch motivierten Bürgerkrieg, von Mao selbst initiiert, der China wirtschaftlich weiter zerstörte und zu Elend und Not wie auch zu Hungersnöten führte, lag China politisch wie wirtschaftlich am Boden.

Der Tod Maos 1976 machte den Weg für eine Abkehr von der reinen Planwirtschaft frei und Deng Xiaoping begann vorsichtig, Chinas gewaltigen Markt für marktwirtschaftliche Reformen zu öffnen. Schon bald strömten die Ausländer auf diesen potenziell riesigen Markt von über einer Milliarde Menschen und machten China in wenigen Jahren zur sog. Werkbank der Welt. Nichts, was sich hier nicht billiger als im Rest der Welt herstellen ließ, schneller, in größeren Mengen und noch dazu oft ohne auf lästige Umweltvorschriften Rücksicht nehmen zu müssen. Kaum eine Supply Chain kam ohne China aus, und das sollte sich in den folgenden Jahrzehnten noch verstärken. Jeder Investor träumte von potenziell einer Milliarde Menschen, die genau sein Produkt kauften, und diese Naivität bezahlten viele teuer.

China nutzte den gewaltigen Zufluss an Devisen geschickt und baute seine Infrastruktur auf, errichtete Städte, Flughäfen, Bahnhöfe, Schnellstraßen, baute das Stromnetz aus, schloss entlegene Dörfer im Westen infrastrukturell an die reiche Ostküste an, später auch an das Internet. Schon 2014 reichte das 4G-Netz bis Tibet, ab 2020 war dies sogar ein 5G-Netz – und das auf dem „Dach der Welt“! Bezahlt wird in China fast ausschließlich online und somit bargeldlos, auch die Steuererklärung kann über eine in die WeChat-Plattform integrierte App an die Finanzbehörden übermittelt werden. (Mehr zum Thema Bezahlung siehe → Kapitel 12 zu Social Media und Apps).

Die Verlagerung ausländischer Produktion nach China bedeutete auch den Transfer ausländischen Know-hows, und davon ließ sich – aus chinesischem Blickwinkel – trefflich lernen.

Wissen! Forschung

Langsam und von vielen im Ausland fast unbemerkt, entwickelte China seine eigenen Forschungszentren und besetzte sie mit im Ausland (oft in den USA, aber häufig auch in Deutschland) ausgebildeten Fachkräften.

Und die Führung der Partei wusste bei allen Schwierigkeiten, trotz Korruption und der Rückständigkeit vieler Gebiete doch langsam, aber sicher den Lebensstandard der meisten Chinesen nach und nach anzuheben. Vielen ging das zu langsam, manchen zu schnell, aber es will wohl niemand wieder zurück zu den Zeiten Mao Zedongs und seiner Planwirtschaft, die China in ein verheerendes Desaster stürzte.

Nachdem China jahrzehntelang von seiner Exportwirtschaft lebte, ist es jetzt wichtig, auch den Binnenkonsum zu beleben. Dass schlägt sich nieder in der sog. Dual Circulation, wie sie für den Fünf-Jahres-Plan 2021–2025 ausgerufen wurde. Dual im Sinne von Ausland und Inland, beide Kreisläufe müssen berücksichtigt werden und ineinandergreifen. China wird sich noch mehr auf seinen eigenen Stärken besinnen (zum Beispiel im aufgrund des Handelskonfliktes mit den USA sehr wichtigen Sektor der Chipherstellung) und andererseits ausländische Unternehmen, deren Technologien für China nicht relevant sind, zunehmend spüren lassen, dass sie unerwünscht sind. Die Zeiten werden rauer für ausländische Firmen, und China wird sich zunehmend auch auf dem Weltmarkt engagieren, und nicht nur als Verkäufer, sondern auch als Käufer von Unternehmen und Ressourcen.

Stellvertretend sei die Belt and Road Initiative (BRI) genannt, die bei uns auch als Neue Seidenstraße bekannt ist. Dadurch sichert sich China, mit wirtschaftlichen Mitteln (Investitionen und Kreditvergabe), Einfluss und Rohstoffe in vielen Teilen der Welt.

China investiert in Afrika, in Südamerika, im Grunde inzwischen überall – es benötigt Ressourcen, seien es Öl, Gas, Sojabohnen oder Coltan und Lithium. Und es führt dadurch, dass gerade arme Staaten das chinesische Investment mangels Alternative benötigen, diese Länder häufig in eine Schuldenfalle. Aber die schiere wirtschaftliche Macht lässt oft keine andere Möglichkeit. Im Gegensatz zu den USA dehnt China seinen Machtbereich eben nur wirtschaftlich aus, und nicht mit Waffengewalt. Das lässt sich sehr deutlich an den Zahlen des Geschäftsreisetourismus in diese Länder ablesen.

Wissen! Selbstbewusstes China

China sucht sich einen Platz am Tisch der Weltmächte, und mit diesem Selbstbewusstsein kommen auch chinesische Besucher zu uns: Wir sind Chinesen. Wir sind euch nicht mehr unterlegen, manchmal, wie bei Künstlicher Intelligenz und Digitalisierung, sogar voraus. Wir erwarten, auch entsprechend behandelt zu werden.

Chinesen, die als Touristen nach Deutschland bzw. Europa reisen, sind darauf stolz. Sie reisen nicht zu uns, um sich illegal abzusetzen und in Europa zu bleiben, auch wenn es in der Boulevardpresse immer wieder diesbezügliche Artikel geben sollte.

1.1.2Kultur und Sprache

Chinesen sind sehr stolz auf ihre jahrtausendealte Kultur. Die Schriftzeichen zeugen von einer Hochkultur schon vor mehr als 2.500 Jahren, und die zahlreichen Erfindungen in vielen Bereichen von Technik und Wissenschaft legen gleichfalls Zeugnis davon ab, dass das Klischee des reinen Kopierens und Nachahmens weder historisch noch aktuell der Wahrheit entspricht. Chinesische Unternehmen haben viel Know-how illegal übernommen, ja, aber in vielen Bereichen haben sie das vorhandene Know-how entweder weiterentwickelt (E-Mobility) oder sind selbst äußerst innovativ (Drohnen, Gesichtserkennung etc.). Schwerpunkte sind naturgemäß die Digitalisierung und das Feld der Künstlichen Intelligenz (KI).

Das Kopieren bzw. die in China positive Konnotation desselben lässt sich auf die jahrhundertealte Tradition zurückführen, Texte und sogar Handschriften alter Meister nachzuahmen, um ihnen gewissermaßen Reverenz zu erweisen: Nachahmung gleich Respekt. Dass das keine Rechtfertigung für Technologieklau sein kann, ist evident. Für Unternehmensbesuche, die im Rahmen touristischer Reisen stattfinden, kann das möglicherweise relevant sein.

Die Lehren des Konfuzius, der vor etwa 2.500 Jahren gelebt haben soll, sind noch heute präsent und werden, da diffus, von den Herrschenden gern instrumentalisiert. Werte wie das Achten von Hierarchie, Seniorität und lebenslangem Lernen sind tief im chinesischen Denken verwurzelt und ebenso selbstverständlich wie ein gewisses Misstrauen Anderen gegenüber, die nicht zum eigenen Netzwerk gehören oder mit denen nichts verbindet. Ist eine Verbindung jedoch aufgebaut, eine Guanxi, ein Netzwerk, so sind die Mitglieder desselben nicht nur aufeinander angewiesen, sondern verlassen sich auch aufeinander. Sie empfehlen sich wechselseitig, helfen einander und sorgen dafür, dass all das funktioniert, was der Staat nicht organisiert.

Wissen! Beziehungen sind wichtig

Beziehungen, „Guanxi“ eben, sind der Grundpfeiler chinesischen sozialen Lebens.

Dies ist gerade aus touristischer Sicht von nicht zu überschätzender Bedeutung, da Reiseziele in deutlich höherem Maße aufgrund von „Guanxi“, also Empfehlungen, ausgesucht werden, als dies in anderen Ländern der Fall ist. Mundpropaganda, hier besser „Chat-Propaganda“, ist ein wichtiges Marketinginstrument.

Die Lehren eines Konfuzius oder Laozi sind auch deshalb noch heute relevant, weil die Schriften, die diesen Weisen zugesprochen werden, noch heute lesbar sind! Die chinesischen Schriftzeichen, es gibt Tausende von ihnen, haben sich in der Mehrzahl in den letzten 2.000 Jahren nicht verändert. Ihre Bedeutung mag sich wandeln, aber die Texte sind auf jeden Fall verständlich, anders als bei Texten im Deutschen. Schon Goethe mutet manchem sprachlich seltsam an, und bei Schriften des Mittelalters ist eine Spezialausbildung dem Verständnis dienlich.

Wissen! Chinesische Schriftzeichen

Die Zeichen gelten im gesamten chinesischen Sprachraum, werden zwar lokal unterschiedlich ausgesprochen, aber überall gleich geschrieben. Mit einer App, die beispielsweise deutsche Sprache in Schriftzeichen umwandelt, ist es daher möglich, sich mit über einer Milliarde Menschen „schriftlich“ zu verständigen.

Etwa 3.000 Zeichen sollten erlernt werden, um den rudimentären Sinn einer Tagesszeitung zu erfassen, und diese Zeichen lassen sich eben nur durch ständiges Wiederholen und somit Nachahmen bzw. Kopieren erlernen. Der Prozess des Auswendiglernens hat daher schon immer einen höheren Stellenwert, als das bei unseren 26 Buchstaben der Fall ist.

Wollte man obigen Überblick zusammenfassen, so ließe sich (wenn auch notwendigerweise als Überblick über ein Fünftel der Menschheit unzulässig) konstatieren, dass Chinesen stolz sind auf das Erreichte, selbstbewusst zu uns kommen, uns digital überlegen sind und, da sie ihr Geld sehr gern in Deutschland lassen, sehr gute Kunden bzw. Touristen sind.

1.2Indien
1.2.1Historie

Im Gegensatz zum oben beschriebenen chinesischen Kaiserreich, das sich über etwa 2.000 Jahre erstreckte, bestand zu praktisch keiner Zeit ein einheitliches indisches Reich, das den gesamten Subkontinent umfasste. Vielmehr existierten zahlreiche kleine und große (maha) Königreiche, regiert von kleinen und großen Königen (rajas). Ein Maharaja war also schlicht ein Herrscher über ein großes Reich. Und wenn auch manche Dynastien über längere Zeitperioden herrschten, so eben doch nur über begrenzte Territorien. Die noch heute unfassbare Vielfalt dessen, was Indien genannt wird, lässt sich sicher auch aus dieser schon immer bestehenden „Unordnung“ herleiten.

Wissen! Viele Sprachen und Religionen

Es gibt keine einheitliche Sprache, geschweige denn Schrift. Es gibt viele Religionen, Kulturräume, Verhaltensweisen, Ethnien.

Was die Menschen verbindet, ist zunächst nur die Tatsache, dass sie in diesem Dreieck zwischen zwei Meeren und einem schier unüberwindlichen Gebirge, dem Himalaya, eingezwängt sind.

Im heutigen Pakistan liegt ein Fluss, der im Sanskrit „Sindhu“ hieß, dem Terminus für „Fluss“, und der heute Indus genannt wird. Die Perser leiteten daraus den Namen für die Menschen und die Region ab, Hindus und somit Hindustan (Stan=Land). Hindustan war zunächst also ein eher vager Begriff für den westlichen Teil des Subkontinents, der dann über den Rest ausgedehnt wurde und beschreibt die etymologische Herkunft Indiens. Die Kultur des Industals war eine der frühen Hochkulturen der Welt mit einer eigenen, bis heute nicht entschlüsselten, Schrift. Schon vor 4.000 bis 5.000 Jahren existierten geplante Städte; erst etwa 1.000 Jahre später entstanden auch weiter östlich erste größere Siedlungen. Im 4. Jhd. v.Chr. entsteht mit dem Maurya-Reich zum ersten Mal ein indisches Großreich; König Ashoka, berühmt für seine Hinwendung zum Buddhismus, herrschte in der größten Ausdehnung über fast den ganzen Subkontinent. Aber sein Reich war nicht von langer Dauer; auch die nachfolgenden Herrscher der Gupta-Dynastie – etwa 320 bis 550 n.Chr. – konnten sich nicht lange halten.

Und eben das ist der Unterschied zu den großen und andauernden Dynastien Chinas, die für eine Homogenisierung vieler Lebensbereiche ihrer Untertanen sorgten; in Indien gelang das nie und das ist noch heute in der bunten Vielfalt des Landes zu erkennen.

Der Süden fühlt sich als eigener Staat, und sieht alles aus der Hauptstadt Delhi kommende mindestens skeptisch, wie auch der Norden etwas herablassend auf den Süden blickt.

Dies sollte nicht mit regionalen oder kulturellen Unterschieden in Europa gleichgesetzt werden; Südinder entsprechen nicht automatisch Südeuropäern.

Mit dem Einfluss des Islam ab dem 8. Jhd., der Mongolen ab dem 13. Jhd. und später, erst ab dem 16. Jhd., der Europäer, begannen sich jeweils größere Verwaltungseinheiten unter der Herrschaft der Eroberer herauszubilden. Die Mongolen unter Timur dem Lahmen (Timurlan) eroberten Delhi und etablierten in der Folge das Reich der Mogulherrschaft (daher der Name Mogul, abgeleitet von Mongolen), das zwischen dem 16. und dem 18. Jhd. in unfassbarem Reichtum (hohes Steueraufkommen und rücksichtslose Ausbeutung der Bevölkerung) über weite Teile Nordindiens herrschte. Da die Moguln zum Islam konvertiert waren, entstanden in dieser Zeit berühmte Bauwerke wie das Taj Mahal, die islamisch geprägt sind.

Mit der Ankunft der Portugiesen (Vasco da Gama 1498) begann der europäische Einfluss auf den indischen Subkontinent, der schließlich in der Beherrschung Indiens seine größte Ausdehnung erfahren sollte, einer Kolonialherrschaft, wie China sie nie erlebte. Zu Beginn des 20. Jhd. kontrollierten die Briten etwa 60% des indischen Staatsgebietes.

Die Portugiesen ließen sich zunächst auf Goa nieder, das bis 1961 portugiesische Kolonie bleiben sollte. Neben der Missionstätigkeit waren die Europäer primär am Handel mit Gewürzen, Tee und Seide interessiert. Die Fugger aus Augsburg partizipierten, indem sie Holz zum Schiffbau bereitstellten und auch das Silber lieferten, das zum Bezahlen der exotischen Güter benötigt wurde. Später kamen auch die Franzosen und sogar die Dänen nach Indien. Beide Nationen ließen sich an der Ostküste nahe dem heutigen Chennai nieder.

Wissen! Von der India Company zum Commonwealth

In England war im Jahre 1600 die erste Aktiengesellschaft der Welt gegründet worden, die British East India Company (EIC). Diese private Firma war es, die nicht nur Handel trieb, sondern recht bald Niederlassungen in Indien und Südostasien eröffnete, sie mit lokalen Söldnern und später auch mit britischen Soldaten schützte und nach und nach begann, den uneinheitlichen, ungeregelten und nicht unter einer Zentralherrschaft stehenden indischen Markt zu kontrollieren.

Es war also nicht so, dass die Briten Indien militärisch erobert hätten, sondern vielmehr herrschten sie über und beherrschten von ihren Niederlassungen aus immer größere Gebiete, bis schließlich das ganze Land unter der de facto Herrschaft einer privaten Firma stand! Erst 1858 wurde die EIC verstaatlicht und Indien unterstand nun, von einem Vizekönig regiert, der britischen Krone und wurde Teil des Commonwealth.

1947 schließlich erlangte Indien seine Unabhängigkeit; Mohandas Gandhi, Mahatma, die „Große Seele“ genannt, war zum berühmtesten Freiheitskämpfer geworden, dessen Strategie der Gewaltlosigkeit die Briten nichts entgegenzusetzen hatten. Die Muslime unter Muhammad Ali Jinnah nutzen die Gunst der Stunde und verlangten einen eigenen Staat, da sie im Westen wie auch im äußersten Osten des Subkontinents die jeweilige Mehrheit der Bevölkerung stellten. So entstand Pakistan, zunächst geteilt in ein Pakistan West und ein Pakistan East, aus dem sich 1971 das heutige Bangladesch bildete.

Die Republik Indien orientierte sich ab 1947 unter ihrem Premier Nehru zunächst an der Sowjetunion und der sozialistischen Wirtschaftsweise. Das führte dazu, dass im Grunde bis in die 1990er-Jahre die Wachstumsrate minimal war, die Armut zunahm und Indien wirtschaftlich in der Welt keine Rolle spielte, während China schon ab 1979 begann, sich zu öffnen. Dieser Vorsprung Chinas, gepaart mit den Mitteln einer Diktatur, politische Vorgaben einfach umzusetzen, ist bis heute für Indien uneinholbar und wurde durch die Corona-Pandemie und die sehr unterschiedlichen Auswirkungen auf die beiden Staaten noch verstärkt.

Nach Nehru kam seine Tochter Indira Gandhi (nicht verwandt mit dem Mahatma) an die Macht; aber sie wurde aufgrund religiöser Auseinandersetzungen von ihren Leibwächtern, zwei Angehörigen der religiösen Minderheit der Sikhs, getötet. Grund war die vorangegangene gewaltsame Erstürmung des Heiligtums der Sikhs, des Tempels von Amritsar, durch Regierungstruppen. Ihr Sohn, Rajiv, folgte ihr im Amt; auch er wurde von einer, diesmal tamilischen, Freiheitskämpferin ermordet. Erst mit dem Sikh Manmohan Singh gelang es in den 1990er-Jahren, sowohl die Dynastie der Gandhis vorläufig zu beenden (Rajivs Sohn Rahul trat 2014 und 2019 als Gegenspieler Modis zu Wahl an und verlor, ist aber weiter politisch aktiv), als auch endlich Wirtschaftsreformen voranzutreiben.

Ab 2014 begann sich Indien unter dem neuen Premierminister Narendra Modi weiter wirtschaftlichen Reformen gegenüber zu öffnen. Modi stammt aus Gujarat an der indischen Westküste, kommt aus einfachen Verhältnissen und ist bisher nicht mit einem der in Indien üblichen Korruptionsskandale in Verbindung gebracht worden. Politisch ist er jedoch sehr umstritten, da er als Hindu und Anhänger des RRS (Rashtriya Swayamsevak Sangh, etwa „Nationale Freiwilligen Organisation“), einer rechtslastigen hindunationalistischen Organisation, das Land zunehmend spaltet. Die fast 200 Mio. Muslime fürchten um ihre Rechte, muslimfeindliche Fanatiker bedrohen alle, die sich nicht zu heiligen Traditionen (wie der besonderen Bedeutung der Kuh im Hinduismus) bekennen. Die Grenze zwischen Pakistan und Indien hat sich zu einer der gefährlichsten Grenzen der Welt entwickelt. Auch wenn die Aggressionen primär von Pakistan ausgehen, von wo auch die Attentäter auf die Stadt Mumbai im Jahre 2008 stammen, so trägt Modis Politik, beispielweise im umstrittenen Kaschmir, nicht zu einer Befriedung bei. So ist diese Region, in der Indien, Pakistan und China aneinandergrenzen, von ständigen Auseinandersetzungen geprägt, die jederzeit eskalieren könnten.

Im Jahr 2021 sitzt Premierminister Modi fest im Sattel und es ist derzeit kein ernsthafter Gegenspieler erkennbar. Die nächsten Wahlen finden 2024 statt; der indische Premier kann unbegrenzt wiedergewählt werden. Indien kann als stabile Demokratie bezeichnet werden; Visa für indische Urlauber werden problemlos erteilt und es gibt keinerlei prinzipielle Reisebeschränkungen ins europäische Ausland.

1.2.2Wirtschaftliche und gesellschaftliche Lage

Nach der jahrelangen Stagnation infolge der Konzentration auf staatliche Eingriffe und wenig Unterstützung der Privatwirtschaft nach sowjetischem Vorbild begannen unter Premier Singh in den 1990er-Jahren erste durchgreifende Reformen, so durch die Abwertung der Rupie. Premier Modi führt das fort, aber es ist zu betonen, dass es der oben beschriebene Manmohan Singh war, der begann, Indien marktwirtschaftlich neu aufzustellen und für internationale Investoren interessant zu machen. Modi setzt auf ausländische Investitionen, baut Handelshemmnisse ab und wirbt weltweit für sein Make-in-India-Programm, um auch eine Produktionsverlagerung nach Indien attraktiv erscheinen zu lassen.

Er stellt Indien hierbei bewusst als Alternative zu China dar, nämlich mit günstigeren Löhnen, einer immerhin in Teilen englischsprachigen Bevölkerung und natürlich der größten Demokratie der Welt.

Im zunehmend schwierigeren Umfeld der amerikanisch-chinesischen Handelskonflikte soll Indien als Zielland internationaler Konzerne ins Bewusstsein gelangen und in Standortentscheidungen einbezogen werden.

Die indische Gesellschaft ist heute vielleicht gespaltener denn je. Über Jahrhunderte lebten die Religionen friedlich nebeneinander; auch heute kann jeder in Mumbai problemlos vom jüdischen Viertel ins christliche oder ins muslimische Viertel spazieren, ohne dass es gefährlich wäre; aber Modi hat durch seine hindunationalistische Politik wo nicht für Ablehnung, da doch für große Befürchtungen um den sozialen Frieden gesorgt. Er selbst hält sich dabei weitgehend zurück, hindert seine Gefolgschaft jedoch auch nicht daran, übergriffig zu werden. Und die drängenden Probleme des Milliardenvolkes, also Armut, Wassermangel, schlechte bis keine medizinische Versorgung, mangelnde Absicherung im Alter usw., werden nach Meinung vieler auch nicht im erforderlichen Umfang und mit der nötigen Entschlossenheit angegangen. Gleichzeitig ist für manche Beobachter der Druck auf Institutionen (auch Hochschulen z.B.) wie Einzelpersonen gewachsen, sich nicht regierungskritisch zu äußern.

Wissen! Reisende Mittelschicht

Die seit den 1990er-Jahren gewachsene Mittelschicht entdeckt zunehmend auch das Reisen für sich. Waren es zunächst meist englischsprachige Länder wie die USA und Kanada, so steht nun auch Europa sehr hoch im Kurs. Reisen zu den europäischen Sehenswürdigkeiten ist zum Statussymbol geworden.

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