Kitabı oku: «Florian»

Yazı tipi:

Felix Salten

Florian

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2021 OK Publishing

EAN 4066338113139

Inhaltsverzeichnis

Coverpage

Titelblatt

Text

Ja, gute Siebele, brav bist du, sehr brav . . . und nit arg war's dir, gelt? Brave Siebele, schöne Siebele . . .«

Die milchweiße Stute hörte aufmerksam zu. Sie spitzte die kleinen, zierlichen Ohren und sah mit ihren dunklen Augen dem jungen Burschen ins Gesicht, als verstünde sie jedes Wort. Sie hieß eigentlich Sibylle, aber der junge Bursche, der seit drei Jahren mit Sibylles Wartung betraut war, hatte sie vom ersten Tage an Siebele genannt. Durch nichts ließ er sich davon abbringen.

Er näherte sein Gesicht dem Haupt des schneeweißen Pferdes noch mehr. »Schön ist dein kleiner Sohn, Siebele, wunderschön«, flüsterte er, »ein richtiger Prinz, wie sich's gehört.«

Die Stute erschauerte leise, senkte den Kopf, bewegte die zierlichen Ohren immer rascher. Sie verstand die Güte, die da zu ihr flüsterte, begriff, daß sie gelobt wurde, und erklärte sich zufrieden.

Vor knapp drei Stunden hatte der Bursche Sibylle bei der Geburt des Fohlens Hilfe geleistet. Viel Hilfe war nicht notwendig gewesen, denn alles war leicht und glatt gegangen. Jetzt lag das Neugeborene im warmen Stroh zu Füßen der Mutter und sah recht hilflos aus. Sibylle hatte die erste Mattigkeit überwunden. Sie wußte, daß ihr Kind nun Ruhe brauchte, und sie selbst, unter dem Flüstern des Burschen, dem Streicheln seiner Hände und angeweht von seinem ihr wohlbekannten Körpergeruch, fühlte, wie ein behaglich schläfriges Duseln sie einzulullen begann.

Im Stall flimmerte die Morgensonne. Alle Boxen standen leer; denn die Pferde tummelten sich schon draußen, auf den Wiesen von Lipizza.

»Na, Anton«, rief eine Stimme von der Türe her.

Der Bursche nahm stramme Haltung an. »Zu Befehl, Herr Rittmeister«, sagte er laut.

Der Offizier kam langsam näher. »Ist es wahr?« fragte er.

»Zu Befehl«, antwortete Anton, »ein gesundes Hengstfohlen.«

Rittmeister von Neustift beeilte sich. »Sapperment noch einmal«, lachte er und trat vor die Box. »Wirklich«, er rieb sich die Hände, »wirklich, ein hübscher kleiner Kerl!«

Nun wollte er in die Box, aber Anton stellte sich ihm entgegen. »Bitte, Herr Rittmeister, noch nicht. Die Siebele wird sonst unruhig.«

»Wann war es?« wollte der Rittmeister wissen.

»Um zwei Uhr in der Nacht.«

»Und niemand dabei?«

»Melde gehorsamst, Herr Rittmeister, niemand als ich.«

»Aber du hättest doch den Gestütmeister verständigen müssen. Weißt du das nicht?«

»Bitt' vielmals«, Anton lächelte stolz, »es ist alles so schnell und so gut vorbeigegangen – wozu? Soll'n die Herren schlafen. Vor einer Stund' hab ich den Franz hingeschickt. Zum Gestütmeister und zum Arzt . . . sie sind noch nicht da.«

Sibylle hatte den Kopf gedreht und ihre großen, dunklen Augen auf die Sprechenden gerichtet, ruhig, vertrauensvoll.

Anton war rasch bei ihr. »Es ist alles in Ordnung, Siebele«, tröstete er, »niemand tut dir etwas. Dir nicht und dem Florian auch nicht. Brav seid ihr zwei, sehr brav.« Er rieb seine Hände zärtlich an dem weichen Samt von Sibylles Oberlippe. »Herr Rittmeister, bitte, ist er nicht schön, der Florian?« Und Anton wies auf das Fohlen im Stroh.

Rittmeister von Neustift schmunzelte: »Ja, ein netter kleiner Bursche. Aber wie kommst du auf Florian?«

»Melde gehorsamst, Herr Rittmeister, heute haben wir doch den vierten Mai, nicht wahr? Na, und der vierte Mai ist der Tag des heiligen Florian!«

»Ach so! Deswegen?«

»Jawohl, deswegen!« Das breite, gutmütige Bauerngesicht nahm einen eigensinnigen Zug an.

»Mein lieber Anton«, sagte der Rittmeister, und in seinem Tone war bei aller Freundlichkeit die große Distanz zwischen dem adligen Offizier und dem armseligen Stallknecht merkbar, »mein lieber Anton, das nützt dir gar nichts. Der Gestütmeister kümmert sich den Teufel um deine Kalenderheiligen; der Gestütmeister wird dem Fohlen einen ganz anderen Namen geben. Da wirst du kein Glück haben.«

»Er muß aber Florian heißen.« In Antons Stimme klang Trotz. »Er muß!« wiederholte er. »Florian und nicht anders!«

»Sag das dem Herrn Gestütmeister«, lächelte Neustift, »sag's ihm doch, wenn du dich traust.«

Anton lächelte nun gleichfalls. »Ich sag's ihm schon nicht«, meinte er, »ich trau' mich gewiß nicht.« Er blinzelte Neustift schlau zu: »Aber ein anderer wird's ihm sagen, ein großer Herr, der jetzt unser Gast ist.«

Der Rittmeister trat nun an Sibylle heran, die ihn mit hocherhobenem Haupt empfing. »Was fällt dir ein, Anton? Ich werd' doch da keine Vorschläge machen.«

»Warum denn nicht?« rief Anton.

»Na, Sibylle«, redete Neustift die Stute besänftigend an, »na, Sibylle, sei gut! Ich will dir doch nur gratulieren!« Er griff in die Kammhaare, fuhr liebkosend am unteren Teil des Halses entlang, streichelte klatschend die breite, schöne Brust. »Allen Respekt, Sibylle, ein Hengstfohlen, allen Respekt.«

»Warum denn nicht?« beharrte Anton dringender.

Neustift wandte sich ihm zu. »Weil mich das nichts angeht, verstehst du, Anton?«

Doch Anton widersprach. »Es geht Sie sehr viel an, weil . . . nämlich . . . weil . . .« Er begann zu stottern.

»Da bin ich neugierig«, warf Neustift hin und ließ nicht ab, Sibylle zu liebkosen. Auch ihn verführte dieser herrliche Pferdekörper zu langwierigen Zärtlichkeiten.

»Weil Sie der erste sind, der den Florian gesehen hat«, erklärte Anton, »der erste sind Sie, der zum Florian gekommen ist.«

Anton hatte gleichfalls eine Hand auf Sibylle gelegt. Er fuhr ihr damit sanft den Rücken entlang bis zum Kreuz.

Hier in der Enge des Raumes, ganz dicht am Leib des Pferdes, nah beieinander, umhüllt vom scharfen Duft des Stalles, der Anton wie dem Rittmeister eine angenehme Atmosphäre war, schwand der Unterschied des Ranges zwischen den beiden Menschen fast vollständig dahin. Neustift verlor seinen Herrenwillen, und Anton, als spürte er etwas davon, wurde kühner.

»Erfüllen Sie mir die Bitte, Herr Rittmeister«, sprach er und senkte seine Stimme. »Ich wäre Ihnen so dankbar. Legen Sie ein Wort ein für Florian, damit er wirklich Florian heißt. Vorbedeutung, Herr Rittmeister . . . ich glaub' an Vorbedeutung . . . und Sie auch.«

»Oho!« unterbrach ihn Neustift und lachte kurz auf.

»Aber natürlich«, beharrte Anton, »natürlich glauben auch Sie daran. Sie sind ja Kavallerist, Dragoner . . . wie ich Dragoner war. Am St. Florianstag ist er geboren, und ein Dragoneroffizier kommt als erster herein . . . Florian muß er heißen, sonst geht's nicht gut mit ihm. Und es muß gut mit ihm gehen . . . schauen Sie ihn doch an!«

Sie bückten sich alle beide zu dem Fohlen, das ganz in sich verhalten auf dem Stroh lag und leise zitterte. Dunkel war es, fast schwarz, die Farbe der ersten Kindheit. Sibylle bog den Hals zur Hüfte, betrachtete die zwei und ließ ein kurzes Schnauben hören.

Neustift wie Anton hatten die Knie ein wenig eingeknickt, wie Menschen, die sich setzen wollen. Sie stützten jeder die Hände auf die Schenkel und sahen so das Fohlen an.

Neustift war, wie schon so oft vorher, von seinem kleinen Gut in Südsteiermark, wo er den Urlaub verbrachte, nach Lipizza ins kaiserliche Gestüt zu Besuch gekommen. Er freute sich immer an den herrlichen Pferden, an ihrer trefflichen Wartung; der Anblick, den die Tiere in Freiheit boten, auf den weiten Wiesen, zwischen Bäumen, die Grazie ihrer Bewegungen, die heroische Gebärde ihres Galopps, der Übermut ihrer Launen, vereint mit der Sanftheit ihres Gemüts, entzückten ihn, bildeten für ihn einen Quell beständiger Erfrischung.

Anton war als Sohn eines Kleinbauern in Steiermark aufgewachsen. Ein Pferd, drei Kühe besaß der Vater. Dazu Hühner, Gänse und einen mageren Acker. Viel lernen die Bauernkinder ja nicht in der Schule. Lesen, Schreiben, Rechnen, ein bißchen Katechismus. Alle Kenntnisse, die sie haben, und deren sind gar nicht so wenige, trägt ihnen der Ernst des Lebens, die Arbeit zu, die beide bei den Bauern früh beginnen. Anton war schon als kleiner Bub von acht Jahren auf dem Feld und im Stall tätig. Er verstand sich gut mit den Kühen, denen er half, wenn sie kalbten, und die ihn gut leiden mochten. Den alten abgerackerten Gaul liebte er, wie ein Knabe nur den allerbesten Freund liebt. Der müde, alte Hans, ein brauner, knochiger Wallach, war auch wirklich Freund, Arbeitsgenosse und Spielgefährte für Anton. Ohne Sattel ritt er auf dem etwas eingesunkenen Rücken des Pferdes, lernte ganz von selbst, als Kind schon und später immer gründlicher, das Atmen des großen Körpers, den er zwischen den Schenkeln hielt, verstehen, lernte jede Regung des Pferdehalses, des Hauptes, der Ohren deuten, kannte die Zeichen, die ihm der Schritt des Tieres gab. Anfangs hatte er sich an der Mähne festgehalten, nach und nach saß er frei. Erriet aus eigenem, wie er mit seinem Schenkeldruck, mit dem Klopfen der Fersen an die Weichen des Tieres dessen Wegrichtung und Gangart bestimmen konnte. Und lenkte den Hansl auch ohne Zaum und Zügel. Das kam ihm zustatten, als er seine drei Militärjahre bei den Dragonern abdiente. Er war nicht nur vertraut mit Pferden, er gehörte ihnen ganz, wie eben jemand seinem eigentlichen Beruf angehört. Er führte sich musterhaft, trank nicht, lief nicht allzuviel mit Mädchen herum, wich Zank und Raufereien aus, zeigte sich gutmütig, heiter und arbeitswillig. Während er beim Militär diente, hatte der Vater wieder geheiratet. Anton fand das selbstverständlich. Die Mutter war vor Jahren gestorben, der Vater allein, da ja Anton drei Jahre lang nicht bei der Arbeit helfen konnte. Und eine Ehefrau kam billiger zu stehen als ein Knecht oder eine Magd. Aber nach Hause sehnte sich Anton nun nicht besonders. Seinem Regimentskommandanten hatte Anton es zu danken, daß er hier in Lipizza Stallknecht wurde, als man ihn vom Militär entließ. »Einen besseren dürfte man in der ganzen k. u. k. Armee kaum finden«, schrieb der Oberst an den Chef von Lipizza. »Der Korporal Anton Pointner ist beinahe ein Pferdenarr, dazu ehrlich und bescheiden.« Der Oberst schrieb noch einiges Lob mehr, und Anton erhielt die Stelle. Drei Jahre lebte er nun hier unter diesen edlen Tieren, und ihrem schönen, einfachen Dasein erschloß sich Antons rechtschaffenes Gemüt so restlos, daß kaum für anderes darin Raum blieb.

Neustift richtete sich auf, zog die Uniform glatt und lächelte: »Na, gut, Anton. Der Kleine soll Florian heißen.« Er klopfte Sibylle auf den Hals. »Sag nichts mehr, genug«, wehrte er ab. »Der Name paßt allerdings wenig für einen Sohn des Berengar und der Sybille. Schon recht, laß nur. Was an mir liegt, will ich versuchen.«

Anton schwieg. Nicht einmal »Danke« brachte er hervor. Er stand stramm, sein Gesicht strahlte. Das sagte mehr, als Worte ausdrücken könnten.

Von weither, leise, doch klar vernehmlich, rauschte die feierlich getragene Weise der Volkshymne in den Stall herein. Von einer Militärkapelle gespielt. »Gott erhalte, Gott beschütze . . .«

Neustift gab sich einen Ruck, der ihn straffte. »Das ist der Thronfolger«, sagte er, »der drüben die Truppen inspiziert.«

Doch Anton hatte jetzt nur Augen für Florian. Er dachte: Beim Kaiserlied hebt der Tausendsasa zum erstenmal den Kopf. Vorbedeutung.

Florian hob wirklich den Kopf, schwach und wirr. Der dünne Hals schwankte bebend, dieser ersten Regung noch ganz unsicher und gar nicht bewußt. Sein schmales, langes Gesicht war so unfertig und in eben dieser Unfertigkeit rührend wie das Antlitz eines Kindes. Die Augen hatten noch zu wenig Licht eingesogen und deshalb keinen Glanz. Sie schauten blicklos umher; doch wuchs unermeßliches, hilfloses Erstaunen aus diesen beiden dunklen Augen, aus diesem Kindergesicht, wuchs aus dem ganzen hingekauerten, trübschwarzen Körper, der, gewöhnt an eine warme finstere Hülle, seit wenigen Stunden dem Dasein preisgegeben war, und den das Mysterium des Lebens erschütterte.

Über dem Karstplateau von Lipizza brütete der Hochsommer. In den Wiesen ergingen sich die Rosse, fraßen lässig vom verbrannten Gras, zupften genäschig an den frisch ergrünten Büscheln der Halme, so daß hie und da das rupfende Geräusch ihrer Bisse hörbar wurde. Sie suchten die Schatten der alten Kastanien und Platanen, warfen sich zu Boden, rieben mit angezogenen Beinen Lenden und Rücken an der Kühle des Bodens. Die Stuten mit ihren Fohlen waren von den Hengsten getrennt. Aber die Drei- und Zweijährigen, die hier immer noch als Fohlen galten, blieben bei den Müttern. Von Zeit zu Zeit klang der helle hohe Wieherschrei eines Hengstes durch die Stille, herausfordernd, sehnsüchtig, lebenstoll. Dann bewegten ein paar Stuten lebhaft die kleinen Ohren, andere fingen in weiten Rundbögen zu galoppieren an, während wieder andere, die meisten, in wohligem Behagen sich am Boden rekelten, als hätten sie nichts gehört. Aber dennoch lauschten gerade diese dem Lockruf, der ihnen den Genuß ihrer Ruhe noch steigerte. Manchmal antwortete eines der Hengstfohlen mit dem hellen Ton seiner jungen Stimme, wenn der Wieherschrei erschallte. Die Mütter benahmen sich dann so, als merkten sie gar nicht, daß ein Knabe sich zum Vorlautsein hatte hinreißen lassen. Oder eine Stute hob den Kopf und blickte den in aller Harmlosigkeit Unbesonnenen mißbilligend an.

Rittmeister von Neustift schritt mit einem jungen Mädchen zwischen den Pferden umher. Anton folgte den beiden. Der Rittmeister drehte sich zu ihm um und fragte: »Wo ist der Florian? Unter den vielen Fohlen kenne ich ihn nicht. Wo ist er denn?«

»Aber da, Herr Rittmeister«, antwortete Anton, »dicht vor Ihnen!«

Ein schon weißes Füllen stand mit gegrätschten Beinen tolpatschig da und schien in tiefes Nachdenken versunken.

»Herr Rittmeister müssen ihn doch an seiner Mutter erkennen«, meinte Anton mit kaum unterdrücktem Vorwurf. »Da liegt sie.«

Sibylle lag auf dem Rücken, hielt die Hinterbeine ganz an den Leib gezogen und streckte die Vorderbeine ausgebreitet und eingeknickt von sich.

»Siebele«, rief Anton, »Siebele, komm doch her!«

Mit einem einzigen Schwung voll unvergleichlicher Anmut stand Sibylle auf den Beinen.

»Komm doch«, lockte Anton.

Sie näherte sich langsam.

Florian erwachte nun aus dem Nachdenken, durch die Mutter aufgescheucht. Mit taumelnden, schaukelnden Sprüngen hopste auch er heran. Es schien immer, als würde er die Richtung wechseln, als triebe ihn eine Menge von Einfällen oder gänzliche Ziellosigkeit jeden Augenblick anderswohin. Doch wollte er zur Mutter und kam zur Mutter.

Das junge Mädchen lachte laut.

Florian stutzte bei diesem Ton, stemmte die Vorderbeine breit auseinander und sprang zur Seite. Er sprang mit allen vieren zugleich in die Luft und schnellte sich viel höher, als nötig gewesen wäre. Dann beruhigte er sich, torkelte wieder nahe zur Mutter und zu den Menschen, die bei der Mutter standen. Auf eine erheiternde Art hatte man von Florian mit seiner dünnen Gestalt, von der Unproportioniertheit seiner Gliedmaßen, vom schmalen, ramsnasigen Kopf, vom Mienenspiel seines Kindergesichts den entscheidenden Eindruck, daß er absichtlich eine drollige Komödie aufführte und nicht wüßte, was er tat, daß er dümmer wäre als das dümmste Erdwesen, dann wieder, daß er klüger und listiger wäre als alle andern Geschöpfe.

»Ein Komiker«, lachte das Mädchen.

»Wie alle gesunden Fohlen«, sagte Neustift.

Anton jedoch mußte ein Loblied anstimmen, fühlte sich verpflichtet, Bewunderung für seinen Pflegling zu erringen. »Ja, der Florian«, fing er ganz bescheiden an, »unter tausend andern Fohlen muß man ihn herausfinden, weil . . . weil . . . kein anderer ist so wie er . . . weit und breit keiner!«

Er sah die keimende Schönheit Florians, sah die werdenden Vorzüge dieses Jungtiers; er nahm jetzt schon als vollendet an, was erst im Entstehen begriffen war. Seine Erfahrung half ihm dabei, sein weiches Gemüt und seine Vernarrtheit.

Der Rittmeister hielt auf der flachen Hand Sibylle ein Stück Zucker hin. Sibylle blies es an und nahm es auf. Der Zucker knirschte zwischen ihren Zähnen. Dann begehrte sie mit vorgestellten Ohren, mit flach zu Neustifts Händen gesenktem Haupte mehr.

Das junge Mädchen bot Florian Zucker. Der kam neugierig heran, stöberte unruhig in der Hand des jungen Mädchens, warf den Zucker ins Gras, tat einen Sprung und stellte sich neben die Mutter.

»Der versteht das nicht«, entschuldigte Anton, »er trinkt ja noch und hat noch nie etwas gegessen.«

»Oh!« Das junge Mädchen war enttäuscht und ein wenig beschämt.

Neustift erwischte Florian, legte den Arm über den Widerrist. Florian wollte sich losreißen. Ein leichter Druck genügte, und er blieb ruhig, duckte sich ergeben dem beherrschenden Willen. Sibylle hatte sich an den Rittmeister gedrängt, aber nur, um zu beobachten.

»Merken Sie, Gräfin«, sagte Neustift, »wie geduldig, wie gutartig diese Lipizzaner sind?«

»Wirklich«, stimmte das junge Mädchen zu, »die geborenen Höflinge.«

»Sie treffen das Richtige«, lachte Neustift, »die Lipizzaner gehören dem Kaiser. Sie haben das Vertrauen, das die Majestät erwarten darf, und sie sind viel uneigennütziger als die andern Höflinge, sie sind zum Unterschied von den Menschen weder intrigant noch boshaft. Übrigens, sehen Sie her . . .« Er öffnete Florian den Mund. »Da haben sie ganz kleine Milchzähne. Erst wenn die Kunden an den Rändern scharf werden und der Mutter weh tun, hört das Füllen auf zu trinken.«

Er ließ Florian los. Der jagte taumelnd, hopsend, springend im engen Kreise um die Gruppe.

»Florian!« lockte Anton. »Florian!« Aber Florian hörte nicht, wollte nicht hören. Man glaubte bei seinem regellosen Laufen, er müßte stürzen und sich im Sturz überschlagen. Doch nichts dergleichen geschah. Er war nur in einem Jubel. Anton schwieg und sah entzückt, wie Florian die wiedergewonnene Freiheit feierte.

»Bei den Lipizzanern kommen die Zähne langsamer«, wandte sich der Rittmeister an das junge Mädchen. »Alles vollzieht sich bei den Lipizzanern langsam. Die Natur geht bedächtig zu Werk, um ein vollkommenes Geschöpf zu formen.«

Da Sibylle seine Taschen und Hände beschnupperte, reichte er dem jungen Mädchen ein Stück Zucker. »Da, Gräfin, geben Sie's der Sibylle.«

Nachdem Sibylle den Leckerbissen genommen hatte, rieb das Mädchen die Handflächen trocken. »Sonderbar«, murmelte es errötend, »das ist so sanft, so zärtlich . . . wie ein Kuß . . .«

Neustift blickte zur Seite, antwortete nicht, und sie gingen weiter.

Auf der Kuppe einer geringen Bodenwelle blieb das junge Mädchen stehen und sah sich um. »Ah«, rief es mit gebreiteten Armen, »ah, schön! Schön!«

Nach einer kleinen Pause setzte es hinzu: »Und alle diese herrlichen Pferde . . . zauberhaft! Gibt's das schon lange?«

»Was?«

»Nun, das hier! Lipizza?«

Neustift schwenkte die erhobene Hand: »Jahrhunderte, Gräfin, Jahrhunderte!«

»Wissen Sie das genau, oder reden Sie nur so ins Blaue?«

»Ach Gott, ein bißchen ist mir bekannt, und mehr sag' ich ja nicht . . .«

»Woher stammen Ihre Kenntnisse? Haben Sie das studiert?«

»Studiert eigentlich nicht. Unsereins weiß diese Dinge eben. Man ist doch ein Reiter.«

Das Mädchen streifte ihn mit einem wohlgefälligen prüfenden Blick. »Erzählen Sie, was Sie wissen«, befahl sie.

Vom Meere wehte ein sanfter kühlender Lufthauch über das Plateau von Lipizza und milderte die Bruthitze der Sommersonne.

Florian stand ganz nahe vor dem Mädchen und starrte es wie ein Wunder an.

»Komiker«, lächelte das junge Mädchen, und als sie sich wendete, hielt sie gegenüber Sibylle, die ihnen gefolgt war.

»Was für seelenvolle Augen«, sagte das Mädchen. »Augen der Liebe«, entschlüpfte es ihr.

Der Rittmeister sah sie fest an: »Kennen Sie die Augen der Liebe?«

Sie senkte den Blick und flüsterte: »Nein. Aber so stelle ich sie mir vor, so dunkel, so durchglüht von innerer Güte, von grenzenlosem Verstehen, von stummer Beredsamkeit . . .« Sie schwieg und wurde dunkelrot.

Eine Pause entstand. Das Mädchen klopfte Sibylle den glatten Hals.

»Auch meine Augen«, begann Neustift schüchtern, »sind Augen der Liebe, wenn ich Sie anschaue, Elisabeth.« Da keine Antwort kam, sprach er weiter: »Aber ich glaube, meine Augen sind nur blau. Ich habe keine Hoffnung . . .« Er schwieg.

Elisabeth liebkoste Sibylle, und an Neustifts Worten vorbei bemerkte sie: »Wie zart, wie fein . . . Wunderbar!« Sachlich fragte sie: »Vollblut natürlich?«

Sachlich erteilte Neustift Auskunft: »Vollblut kann man kaum sagen. Diese Spanier wurden vor etwa zweihundert Jahren mit Neapolitanern und später mit Arabern gekreuzt. Genau genommen also Halbblut, aber adligster Art!«

»Spanier? Warum nennen Sie die Lipizzaner Spanier?« Neustift sammelte sich. Er trat auf Florian zu, berührte dessen Brust und Lenden. »Dieser Bursche da ist von weit älterem Adel als wir beide. Selbst wenn wir das Alter unserer Familien zusammenrechnen und das Alter der Dynastie dazu, reicht's noch lange nicht.«

Elisabeth kam voll überraschten Interesses näher. Sie standen einander gegenüber, zu beiden Seiten des Füllens. Florian blieb ruhig zwischen ihnen, ließ sich von beiden schmeicheln und schnupperte nach seiner Mutter, die sich quer zu dieser Gruppe gestellt hatte. »Das wären ja Jahrtausende«, meinte Elisabeth mit zweifelndem Tone. »Ist das nicht übertrieben?«

»Gewiß nicht«, antwortete Neustift. »Schon Hannibal ist mit diesen Pferden über die Alpen gezogen. Denken Sie doch . . .«

Elisabeth lachte. »Hannibal mit Lipizzanern? Hören Sie auf!«

»Damals waren es Pferde aus Spanien«, entgegnete Neustift ganz ernst, »oder aus Nordafrika.«

Noch immer lachte Elisabeth ungläubig. »Wer kann das behaupten?«

»Sehen Sie sich einmal antike Reliefs an«, gab Neustift zurück, »und betrachten Sie dieses Tier.« Er wies auf Sibylle, die mit hochgeschwungenem Hals im Profil vor ihnen stand. Er wurde eifrig: »Genau so waren die Pferde zu jener Zeit, genau so! Sie hatten wie heute die prächtige Gestalt, das heroische Pathos der Gebärde, die bezaubernd leichte Anmut der Bewegung, die zierlichen Ohren, die sanfte Neigung zur Ramsnase. Deshalb glaube ich, daß Hannibals Rosse die Vorfahren von diesen da sind.« Er geriet in Begeisterung. »Bedenken Sie doch, Elisabeth, wieviel Schönes und Heiliges wir heutigen Menschen von den Ländern des Mittelmeers empfangen haben! Gott und die Götter, Kunstwerke und Poesie und . . . und . . .«

»Und diese Pferde«, ergänzte Elisabeth, die wieder lächelte.

»Ja, auch diese Pferde«, sagte Neustift energisch. Er klopfte Sibylle auf die Kruppe. »Gibt es etwas Herrlicheres als Pferde? Und unter allen Pferden etwas, das diesen Pferden gleichkäme? Für mich nicht. Für mich gehört das Pferd zu den hohen Dingen. Entschuldigen Sie, ich bin nur ein Reiter.«

Elisabeth ging an ihm vorbei. »Nur ein Reiter«, sagte sie, »nur!« Sie faßte Sibylle bei den Kinnbacken und drückte einen Kuß auf ihre Nase. »Da, meine Gute! Auch für mich gehörst du zu den hohen Gütern dieser schönen Welt, auch für mich.« Sie wandte sich zu Neustift. »Wirklich, ich bin sehr froh, daß wir hergefahren sind. Noch nie war ich in Lipizza. Merkwürdig. Es ist doch gar nicht so weit von uns. Sie sagten vorhin, das Gestüt besteht schon sehr lange . . .«

»Sehr, sehr lange.«

»Weiter! Wissen Sie nicht noch mehr? Reden Sie doch! Woran denken Sie eigentlich?«

»Eigentlich an Sie«, sprach Neustift leise, »nur an Sie, Elisabeth! Sie haben mich gefragt, also darf ich sprechen. An Ihr kupferbraunes Haar, an Ihre schönen braunen Augen, an Ihre stolze kleine Nase, an den tapferen Schwung Ihrer Lippen, an . . .«

»Genug«, unterbrach ihn Elisabeth, nun gleichfalls flüsternd. »Nicht hier, bitte . . . bitte . . .« Laut redete sie weiter: »Sie wollten doch von Lipizza erzählen . . .« Sie warf einen forschenden Blick zu Anton hinüber, der hinterdrein ging. Aber Anton war mit Sibylle und Florian beschäftigt.

»Ja, Lipizza«, gehorchte Neustift, »da ist nicht viel zu sagen, Gräfin. Gegründet hat das Gestüt der Erzherzog Karl . . .«

»Der von Aspern, der Napoleon besiegt hat?«

Neustift unterdrückte ein Lächeln: »O nein! Der Erzherzog Karl, den ich meine, hat im sechzehnten Jahrhundert gelebt. Der Vater des steirischen Ferdinand . . .«

»Der steirische Ferdinand? Wer ist das wieder?«

»Das war der erste römisch-deutsche Kaiser, unter dem der Dreißigjährige Krieg ausgekämpft wurde.«

»Ach, ich bin verzweifelt über meine Unbildung.« Elisabeths frisches Mädchenantlitz war von Kummer umdüstert.

Neustift ergriff ihren Arm, was sie duldete. »Du bist herrlich, wie du bist«, sagte er, an ihr Ohr geneigt. »Ich hasse die Gebildeten!«

Elisabeth löste sich von ihm. »Sie, Neustift?« Es klang verwundert. »Ein Gelehrter wie Sie?«

Er lachte kurz auf. »Ich ein Gelehrter? Ich weiß knapp so viel, wie ein Österreicher braucht, damit er begreift, was Österreich und ein Österreicher ist.«

»Zu Hause werden Sie mir noch mehr erzählen«, bat Elisabeth, »ja . . . vom steirischen Ferdinand . . .«

»Gern, gern.« Neustift wurde enthusiastisch. »Und von Matthias und von Rudolf dem Zweiten, der auf dem Hradschin auf der Prager Burg mit Löwen und Adlern in einem Saal gewohnt hat . . .«

»In einem Saal?«

»Ja! Er war die leibhaftige, die geheimnisvolle Majestät! Man hat kaum einen Begriff von den großen Persönlichkeiten, die es unter den Habsburgern gab. Da hat die Geschichtsfälschung seit 1866 viel verwischt und verschlechtert.« Neustift geriet in Feuer. »Dieser Rudolf hat das Fundament zu allen unseren Kunstsammlungen gelegt. Er fühlte den Zauber, der von den Gemälden und Statuen und von den Werken der Goldschmiede ausgeht. Und er liebte die Pferde. Weißt du, er hat als Kaiser niemals mehr im Sattel gesessen, aber seinen Marstall hat er Tag für Tag aufgesucht, hat sich am Anblick der edlen Rosse gefreut und sie gehätschelt.«

»Wir wollen heim«, schlug Elisabeth vor. Sie war angeregt. »Das also«, sagte sie froh, »das ist Lipizza, seit vielen hundert Jahren.« Sie drehte sich im Kreise.

Mitten durch die Rudel schritten sie, schlenderten langsam dem Ausgang zu. Elisabeth drängte sich absichtlich zwischen zwei oder drei Stuten, sooft sie derartige Gruppen nahe beisammen sah. »Hoh!« rief sie, »Platz!« oder: »Geh, mein Kind!« Sie wußte, daß man die Tiere ansprechen muß, um sie nicht zu erschrecken. Daß ein Lipizzaner nur sehr selten scheu wird, davon hatte sie freilich keine Ahnung.

Neustift ging hinter ihr, neben ihr, wie sich's eben traf. Er pfiff leise Kavalleriesignale vor sich hin.

Sibylle und Florian folgten, als hätte der Besuch nur ihnen allein gegolten, und als wäre es ihnen nun angenehme Pflicht, den Gästen das Geleite zu geben. Anton wich nicht von seinen Pfleglingen.

Rechts und links tasteten die Hände von Elisabeth und Neustift an Pferdeleibern, an einer glatten, prächtig gerundeten Kruppe mit anerkennendem Klatschen, an einer breiten, gesunden Brust mit liebkosendem Klopfen, an einem steil und stolz gebogenen Hals, im Flaum des warmen Seidenfells oder, vom tiefen dunklen Blick der Pferdeaugen ruhig und forschend betrachtet, mit zärtlichem Streicheln über die samtzarten Nüstern.

Sie waren ganz eingeschlossen, ganz dicht umgeben von der Herde, atmeten mit dem Grasgeruch, mit der salzigen Luft, die vom Meere heraufwehte, den scharfen Dunst, der diesen starken Körpern entströmte. Er hatte hier im Freien etwas Erfrischendes, etwas vom warmen, kräftigen unschuldigen Leben. Milchweiße Schimmel waren da, Eisenschimmel, deren schneeiger Leib stellenweise wie von feinen, grauen Wolken überbreitet schien. Ein nobles Perlgrau mischte sich in willkürlichen, immer geschmackvollen Zeichnungen bald auf dem Rücken, bald gegen Brust und Lenden hin, bald abwärts von den Schenkeln mit der festlich weißen Grundfarbe. Das Weiß der Mähnen aber und der langen dichten Schweife, die gleich kostbarem Fahnenschmuck getragen wurden, hatte manchmal einen Stich ins Elfenbeinfarbene, manchmal eine strahlende Helligkeit wie gesponnenes Mondlicht.

Elisabeth blieb stehen. »Auf bald«, sang sie beinahe, so fröhlicher Schwung war in ihrer Stimme. »Auf baldiges Wiedersehen, Lipizza!«

Jemand berührte sanft ihre Schulter. »Oh Sibylle«, rief sie aus, »du brauchst mich nicht zu mahnen. Ich weiß, was sich gehört.«

Sie hielt dem Tier wieder ein Stück Zucker hin: »Da, zum Abschied. Auf Wiedersehen, Sibylle.«

Florian begann in Kreisen seinen grotesken Fohlengalopp. Er galoppierte um die Mutter, um Elisabeth und Neustift.

»Florian!« rief Elisabeth. Anton schrie: »Florian!« Er brüllte: »Florian! Florian!«

Florian hörte nicht.

»Lassen wir ihn«, meinte Elisabeth, »ich bin dagegen, kleine Kinder zum Adieusagen zu zwingen.«

Und sie gingen.

Eines Tages kam Bosco.

Das war ein ganz junger Foxterrier von kaum zwei Monaten. Seine Mutter hieß Maja, wohnte in Lipizza, gehörte dem Stallmeister Voggenberger, hielt sich im Stall bei den Hengsten auf und hatte sich mit ihrem Stallgefährten, dem schmucken Foxterrier Jackie, vermählt. Fünf Junge bildeten den ersten Familiensegen. Voggenberger wollte der Maja nur drei lassen. »Fünf sind zuviel«, sagte er und war gerade im Begriff, zwei Junge zu ertränken, als Anton dazu kam. »Schenken Sie mir das eine«, bat er, »ich möcht' schon lang einen Hund.« Voggenberger gab ihm das winzige, blinde Kügelchen, das die vier Pfoten spreizte und an dem Finger, den Anton ihm ins Mäulchen steckte, inbrünstig, aber vergeblich zu saugen begann. »Wenn er am Leben bleibt, heißt er Bosco«, sagte der Stallmeister. Anton erklärte sich einverstanden: »Gut, Bosco! Ich danke Ihnen vielmals.«

Anton nahm den kleinen Bosco mit in sein Zimmer. Er besorgte für ihn eine Milchflasche, dazu einen Schnuller und ersetzte ihm derart die Mutter. Der winzige Bursche, der sehr rasch wuchs, machte Anton viel Spaß. Er ließ ihn bei Tag wie bei Nacht in seinem Bett schlafen und trug ihn manchmal zwischen Hemd und Rock mit sich herum, weil er gern die dunstige Wärme Boscos spürte, der an Antons Brust geruhsam schlief oder neugierig den klugen Kopf hervorstreckte und alles, was er erreichen konnte, mit seinen nadelspitzen Zähnen benagte.

Nach und nach begann Bosco zu strampeln, wenn er an Antons Brust zwischen Rock und Hemd seinen Platz hatte. Er wurde zur Ruhe verwiesen. Aber als Anton wieder einmal mit Bosco im Rock draußen bei Sibylle und Florian war und das Hündchen aufs neue ungeduldig zu strampeln anfing, löste Anton die untersten zwei Knöpfe. Bosco fiel zur Erde, überkugelte sich und stand endlich ganz erstaunt auf den Beinen, hob langsam, mit steigender Neugier, den Kopf, um sich die Welt zu betrachten. So erschien Bosco unter den Lipizzanern.

Bosco blinzelte, nieste, und in seinem ausdrucksvollen Gesicht war die Überlegung: »Was unternehme ich jetzt?«

Da tat Florian, neben dem der junge Hund plötzlich zur Erde gefallen war, einen Sprung. Florian war durch das unerwartete Erscheinen Boscos erschrocken, denn Hunde hatte er bis jetzt nur von weitem gesehen.

Bosco quittierte das Schauspiel mit einem einzigen hohen Japplaut. Es war gleichsam ein Kindersopran und klang wie ein Jubelruf.

Dann starrten Florian und Bosco einander an.

Da war, vor den Augen Boscos, ein weißes Riesengeschöpf, ein Ungetüm, einfach ein Rätselwesen. Bosco empfand aber keinen Augenblick Angst. Nur Neugier, nichts als Neugier. Vor den Augen Florians dagegen stand ein winzigkleiner Bursche. Weiß, mit zwei schwarzen Flecken an Augen, Stirn und Ohren, die in der Mitte eine weiße dünne Linie vom Scheitel zur rosigen Nase frei ließen.

Bosco brauchte nun nicht mehr zu überlegen, was er unternehmen sollte. Er stürzte sich auf Florian, jaulend, jauchzend, angriffslustig, spielfreudig.

Florian nahm einfach Reißaus.

Bosco jagte hinterdrein, und Anton hatte gut rufen: »Florian! Bosco!« Keiner der beiden achtete darauf.

Die zwei fegten nur so über die Wiese, einer hinter dem andern. Der gute Bosco mit seinem dicken Milchbauch blieb weit zurück. Er war das schnelle Laufen nicht gewöhnt.

Florian aber wurde bald müde. Er gewahrte, daß er seinem Verfolger entschlüpft war, fiel aus dem gestreckten Galopp in Trab, aus dem Trab in Schritt und stand bei Sibylle still. Anton näherte sich gerade, als Bosco atemlos herangejappt kam. Mit der Hartnäckigkeit des Terriers fuhr er Florian an die Hinterbeine und war eben im Begriff, sich ganz harmlos, nur zum Scherz, daran festzubeißen.

Florian aber zeigte keinen Sinn für diesen Scherz. Er feuerte mit beiden Beinen so hoch und so nachdrücklich aus, daß er, von vorn gesehen, mit gesenktem Hals und Haupt den Anschein erweckte, als vollführte er eine regelrechte Verbeugung.

Bosco flog weithin durch die Luft. Kein Hufschlag hatte ihn getroffen, nur die Schnellkraft von Florians Muskeln schleuderte ihn in hohem Bogen fort. Er überschlug sich einige Male während seines blitzartigen Fluges, er rollte, wieder zur Erde gelangt, ein paarmal kopfüber um seine Achse und brach dann, endlich zu Atem gelangt, in klägliches Weinen aus, das von kurzem beleidigten Bellen unterbrochen war. Mit eingezogenem Schweif, den Rücken etwas gekrümmt, stand er da, blieb jedoch in respektvoller Entfernung.

Jetzt machte sich Anton daran, zwischen den beiden Kindern Frieden zu stiften.

Er lockte den verwirrten, hilfsbedürftigen Bosco, der zögernd und scheu herankroch. Anton hob ihn auf und trug ihn zu dem Fohlen.

»Da«, sagte er, während er Bosco vor die Pferdenase hielt, »seid doch gescheit, ihr zwei.«

Doch Florian erkannte den kleinen Verfolger und gab durch die flach zurückliegenden Ohren zu erkennen, daß er immer noch entrüstet war.

Bosco hatte sich in Antons Armen aufgerichtet, schnupperte mit lauten Atemstößen Florians Nase ab und wurde dabei immer vergnügter und zärtlicher.

Florian fühlte sich gekitzelt. Er schnaubte sacht den kleinen Schmeichler an und stellte die Ohren hochgerichtet nach vorn. Die großen Augen blickten fragend, erwartungsvoll.

Da begann Bosco stürmisch Florians Nase mit seiner kleinen Zunge zu waschen. Das geschah wie eine leidenschaftliche Liebeserklärung, wie ein ekstatischer Ausbruch unbegrenzter Freundschaft. Nur Kinder sind fähig, so zu lieben, so unschuldig und begeistert einer plötzlichen Neigung zu folgen.

Florian mußte Gefallen daran finden, denn er senkte das Haupt und ließ Nase, Nasenrücken und Stirn von Boscos Zunge küssen.

Genug, dachte Anton und setzte Bosco zu Boden.

Der Terrier umwedelte Florian, bog vor zärtlicher Begeisterung den Leib zusammen, sah entzückt zu seinem neugewonnenen großen Freunde empor und sang ihm mit den höchsten Tönen winzige Liedchen, die rasch abbrachen, dann wieder anfingen, eilige, unbeholfene Strophen.

Ich muß gehen, meinte Anton zu sich, ich hab' noch Arbeit. »Bosco«, rief er im Fortschlendern, »Bosco!«

Einmal, zweimal rannte ihm Bosco nach, sprang rund um ihn herum und kehrte sogleich wieder zu Florian zurück.

Anton rief noch, pfiff, brüllte und pfiff wieder. Aber Bosco brachte es nicht über sich, sich von Florian zu trennen. Auch Sibylle trottete die paar Schritte herbei und senkte das Haupt. Beide Pferde standen dicht beisammen, beide hielten die Häupter zu dem kleinen Burschen gebeugt, der vor ihnen lag und schweifwedelnd das Gras peitschte.

Bosco schaute ihnen in die großen, dunkelglänzenden, gewölbten Augen. Plötzlich sprang er auf. Er war ausgeruht. Wie wär's? fragte seine Haltung, sein straffes Dastehen, das gezügelte Flinkheit verriet und Frohlaune.

Florian schnellte den Kopf hoch. Seine Ohren bewegten sich rasch, seine geschlossenen Lippen nahmen einen vergnügten, neugierigen Ausdruck an. Sibylle hob ihr Haupt langsam.

Bosco drehte sich wie närrisch um sich selbst. So tanzte er vor den beiden.

Ein Zeichen Florians mußte ihm gesagt haben: Einverstanden! Ein Zeichen von Sibylle: Meinetwegen!

Bosco nahm Atem, Beine, Herz und Hirn zusammen. Er sauste davon wie abgeschossen. Ein weißes, längliches Projektil, das über den grünen Rasen hinpfeilte.

Florian rannte hinter ihm drein, eher nachlässig im Tempo, als wäre es nur eine Kleinigkeit, das Hündchen zu überholen. Sibylle folgte. Sie machte das Ganze lediglich zur Aufsicht mit, hielt knappe Distanz, richtete sich nach Florians Schnelligkeit.

Eine Weile machte es Florian Spaß, den kleinen Bosco vor sich zu haben. Dann erwachte in ihm das Verlangen, den Enteilenden einzuholen. Florian ging zu scharfem Trab über . . . vergeblich, zu immer schärferem Trab . . . umsonst. Er begann zu keuchen.

Sibylle hörte das. Mit raschen Sprüngen war sie an seiner Seite, war ihm voraus. Und warf sich quer in Florians Weg zu Boden. Mit eingestemmten Beinen bremste Florian seinen Lauf, dann schleuderte er sich in die weiße Flanke der Mutter und fing sogleich zu trinken an.

Das war Labsal.

Er hörte, hingeschmiegt an den vertrauten Leib, der ihn nährte, den Pulsschlag der Mutter gegen seine Lippen pochen. Sein eigener heftiger Puls hämmerte ihm durch Gesicht, Hals und Schläfen.

Als der gleichmäßige Doppeltakt der Hufe hinter ihm mit einemmal abbrach, stand Bosco still, schaute umher, zuerst frohlockend, dann erstaunt, weil seine beiden Gefährten verschwunden waren. Er hob schnuppernd die Nase, empfing die Witterung vieler Pferde, erkannte den Geruch Sibylles, den Geruch Florians. Schnurgerade begab er sich im Hundegalopp zu ihnen.

Andächtig betrachtete er die Szene, mit der das Spiel einstweilen geendet hatte. Er hatte kein Erinnern mehr an die eigene Mutter, keines mehr daran, wohlig dazuliegen und von Leib zu Leib genährt zu werden. Das war zu traumhaft entfernt. Aber als Foxterrier, dem von seinen Vorfahren her adliges Blut in den Adern rollte, hatte er feine Instinkte und nobles Begreifen. Manierlich blieb er ein paar Sekunden stehen, dachte keinen Augenblick daran, das Bild, das sich ihm bot, zu stören. Ganz still warf er sich dann ins Gras, den beiden gegenüber, kam jetzt erst darauf, daß er selbst erhitzt war, und ließ die Zunge heraushängen, deren rasches Gelappe verriet, wie rasend Atem und Herz arbeiteten. Dennoch lachte Bosco den beiden zu: War es nicht schön? Seine munteren Foxaugen erklärten sprechend, lebenssprühend: Wie gut, daß ich bei euch bin!

Von den Hengsten herüber drang heller Wieherschrei, laut, inbrünstig, heiß verlangend. Bosco spitzte die Ohren. Diese Welt gefiel ihm.

Sibylle wälzte sich, scheuerte den Rücken im Gras, zeigte die schönen Linien des Bauches und schlug mit allen vier Beinen lässig in die Luft. Behagen war das, Aufforderung für Florian, fröhlich zu sein.

Florian ließ sich nicht bitten. Er vollführte tolle Drehungen am Boden, er zappelte mit den Beinen himmelwärts. Er kugelte zur Seite und trommelte mit den jungen Hufen auf den Widerrist der Mutter, auf ihre Flanken und auf ihre straffe Kruppe.

Bosco verfolgte das Treiben mit gespannter Aufmerksamkeit. Er stand, denn er konnte nicht sitzenbleiben. Er unterhielt sich großartig. Diese beiden Erhabenen, zu denen er beständig emporblicken mußte, deren Antlitz immer hoch über ihm schwebte, sie waren jetzt so nah und niedrig. Er tanzte um Sibylle und Florian herum, er sprang über sie hinweg, und dieses Hinwegspringen über so Gewaltige bereitete ihm unbewußt eine ganz besondere Genugtuung. Manchmal berührten seine Beine Sibylles Hals, manchmal die Schulter Florians. Bosco jauchzte dabei, schrie unaufhörlich; er verursachte ein wahres Gezeter von Ausgelassenheit.

Anton, der nach ein paar Stunden wiederkam, fand das Trio einträchtig hingelagert.

Bosco begrüßte ihn stürmisch, wedelte, drehte sich im Kreis um sich selbst, sprang an Anton empor, wieder und immer wieder.

Sibylle blickte ihn nur an. Mit großen, dunkel leuchtenden Augen.

Und Florian dehnte sich langsam, bog den Hals weit zurück und zeigte so, daß er sich wohl befand.

Nach wolkenverhangenen Tagen, nach wilden Stürmen bedeckte eine dünne Schneeschicht die Wiesen von Lipizza. Blauer Himmel weithin und eine Sonne, die ein wenig blasser war als sonst, spendeten Heiterkeit. Glasklar und regungslos stand die Luft.

Alle Pferde bewegten sich im Freien, trabten, galoppierten, trollten über den hier so seltenen Schnee, und die weißen Tiere nahmen sich auf dem weißen Boden aus, als hätte die Natur dem Menschenkarneval zuliebe ein Kostümfest veranstaltet.

Die Pferde zeichneten kreuz und quer die Schrift ihrer Hufe in den Schnee, der zu schmelzen begann. Einige von ihnen schlürften ein bißchen mit zusammengezogenen Lippen das kalte, halbfeste Naß. Dann fuhr ihr Haupt sogleich in die Höhe. Ein plötzlicher, kraftvoller Ruck war das. Sie schnaubten laut, heftig zwei-, dreimal nacheinander und begannen einen kurzen, ziellosen Galopp. Keinem von ihnen kam es in den Sinn, sich hinzuwerfen, sich zu rekeln oder zu wälzen. Dieser weiße Boden hatte etwas Blendendes im Flimmern der Sonne, aber er lud nicht gastlich ein, sich niederzulassen.

Einzig Bosco und drei oder vier andere Terrier wurden rasch mit dem Schnee vertraut, ergötzten sich daran wie Kinder, die aus der Schule kommen und den Schnee als Aufforderung nehmen, Allotria zu treiben.

Bosco tauschte mit seinen Artgenossen kurze Höflichkeiten. In längere Gespräche ließ er sich mit keinem jemals ein. Nur was die einfachen guten Manieren von Foxterrier zu Foxterrier geboten, das befolgte er, entledigte sich dieser Pflicht aufs knappste, um sich ganz und gar Florian zu widmen.

Dieser konnte den kleinen Gefährten anscheinend auch nicht missen. Er stand still und wartete, wenn Bosco sich einmal weiter als sonst entfernte. Dann stand Sibylle gleichfalls und wartete, bis Bosco kam. Schon von weitem rief er ihnen zu: Da bin ich! Da! Er sprang an ihnen empor, immer vorn, immer so, daß sie ihn sehen konnten. Man glaubte, Bosco wollte sie in die Nase beißen. Doch Bosco wollte sie gar nicht beißen. Ihm war der erste Purzelflug, zu dem ihm das Ausfeuern Florians verholfen hatte, eingeprägt geblieben. Er hielt sich vor den großen Freunden, unter ihren Augen; das gewährte ihm Sicherheit und war besser geeignet, sich mit ihnen zu verständigen.

Jetzt umtanzte er Florian, rannte ihm voraus, warf sich in den Schnee, zappelte, scheuerte, die Beine nach oben gekehrt, den Rücken, sprang jählings auf und schüttelte sich so kräftig, daß ein Sprühregen winziger Tropfen nach allen Seiten von ihm wegstob. Dann sauste er wieder davon, und Florian mußte etliche Male mit breitgestemmten Vorderbeinen haltmachen, um nicht auf Bosco zu treten, der wieder rücklings im Schnee strampelte.

Bosco war jetzt fast um die Hälfte größer als bei seinem Erscheinen. Er war reifer, hatte schon bei allen Merkmalen der Jugend die schöne, schlanke Gestalt der Foxterrier, diesen festen, glatten Körperbau, der Munterkeit, Grazie und bedenkenlose, tapfere Entschlossenheit verriet.

Er schlief nun bei Florian und Sibylle in ihrer Box. Das hatten sie gemeinsam durchgesetzt.

Eine kleine Untreue war dazu nötig gewesen, die Bosco an Anton leichten Herzens beging. Er liebte Anton, erkannte in ihm den Herrn, wäre ohne Zögern bereit gewesen, sich für ihn zu opfern. Aber er gehörte doch mehr zu Florian. Diese beiden waren einander viel näher, als Tier und Mensch es jemals sein können.

Das erstemal schlich Bosco davon, als Anton abends mit ihm in der Kantine saß. Anton suchte ihn überall, draußen in den Hürden, beim Stallmeister, bei Kollegen. Er pfiff und schrie, was Bosco freilich hörte, wodurch er sich aber nicht bewogen fühlte, seinen Platz im Stroh bei Florian aufzugeben. Anton war verzweifelt, bis ihm jemand riet, im Stall nachzusehen.

Bosco tat, als läge er in tiefem Schlaf. Anton hob ihn auf und trug ihn behutsam in seine Kammer.

Das zweitemal entwischte Bosco kurz vor dem Schlafengehen aus Antons Bett. Er wurde bemerkt und zurückgeholt, noch ehe er sein Ziel erreicht hatte.

Da nahm Bosco die Gewohnheit an, des Nachts aus dem Bett zu springen. Des Morgens fand Anton ihn auf den Fußboden hingestreckt, glaubte, dem Hund sei es zu heiß gewesen, und fügte sich.

Eines Tages aber fand Anton ihn nicht. Bosco war während der Nacht aus der Kammer geschlichen, zu Florian. Das tat er fortan Nacht für Nacht. Er wartete immer Antons tiefen Schlaf ab. Auf diese Weise glückte ihm das Entschlüpfen regelmäßig aufs beste.

Er stemmte die Pfote gegen die Türe, die unversperrt und meist nur halb eingeschnappt war. Dann öffnete sich ein Spalt, hinlänglich, um den schmalen Körper Boscos durchzulassen. Hielt die Klinke aber einmal fest, so gab Bosco das Spiel darum keineswegs verloren. Er sprang auf den Stuhl, der neben der Türe stand, stieg in die Hinterbeine und drückte die Klinke so lange nieder, bis die Türe aufschnappte. Das gab einen kurzen metallischen Laut. Bosco erschrak jedesmal, blieb eine Weile vorsichtshalber ganz still und lauschte zu Antons Bett hinüber. Wenn sich dort nichts rührte und nur Antons leise schnaubender Atem zu hören war, huschte Bosco hinaus und eilte geradeswegs in den Stall zu Florian. Zwar schlug ihm das Gewissen immer wegen dieses Verrats. Aber der Wunsch, bei Florian zu sein, war stärker.

Dort lag er glückselig, an Florians Rücken geschmiegt, und schlief beruhigt, zufrieden und gut. Oft stützte er, beim Erwachen, sein Kinn auf Florians Hals oder Widerrist.

Wenn Anton des Morgens kam, begrüßte Bosco ihn mit begeistertem Wedeln, entzücktem Augenverdrehen, verkrümmtem Leib und freudigem Aufjauchzen. Das war immer eine große Szene. Bosco benahm sich, als wäre er nicht listig durchgebrannt, sondern felsenfest überzeugt, Anton müßte alles verstehen und billigen.

Anton verstand jedoch nur, daß Bosco ihn heimlich im Stich gelassen hatte. Das Wiedersehen, das Bosco so stürmisch feierte, hielt er für eine Art tätiger Reue, wurde davon immer sofort besänftigt und versuchte nun seinerseits Bosco zu beschwichtigen. »Du Lump«, murmelte er, »du Ausreißer . . . na, na . . . schon gut, schon gut.« Doch Bosco gab nicht nach, bis Anton im Striegeln der Pferde innehielt, sich niederbeugte, Bosco den Kopf tätschelte und dabei sprach: »Brav, brav . . . braver Bosco!« Dann fuhr Bosco noch ein paarmal im ganzen Stall wie rasend umher, als ein tadelloser Fox, dem sein Herr das Bravsein bestätigt hatte. Anton lachte und setzte sein Pflegewerk fort.

Abend für Abend nahm er dennoch Bosco mit in die Kammer, legte ihn zu sich ins Bett, gedachte seinen Willen gegen den Willen des Hundes, gegen dessen vermeintlich unvernünftige Neigung zu behaupten. Er trug ihn auf seinem Arm aus dem Stall, wenn Bosco dem Befehl nicht gehorchte und nicht von selbst mitging.

Einmal aber, als Anton den Foxterrier wieder vom Stroh weggehoben hatte und sich mit ihm entfernte, vernahm er ein leichtes Getrappel hinter sich. Er drehte sich um, und da stand Florian. Mit naivem Gesicht, mit vorgespitzten Ohren, die großen, schönen Augen auf Bosco gerichtet.

Anton begriff nicht recht, was das bedeuten sollte.

Florian kam ganz nah heran, streckte den Hals, und seine Nase berührte die Nase Boscos, der sich an Antons Brust aufgerichtet hatte. Es war, als sagten sich die beiden Mund an Mund gute Nacht. Oder auch, als verlangte Florian von Bosco: Bleib doch da, und Bosco antwortete: Ich kann jetzt nicht, du siehst ja . . .

Anton ließ Bosco los, der zu Boden sprang.

Sogleich machte Florian kehrt und ging in seine Box zurück, aus der schon Sibylles spähendes Haupt sichtbar wurde. Ganz langsam ging Florian, und schweifwedelnd, lautlos spazierte Bosco neben ihm.

Anton schaute den beiden nach, die in der Box verschwanden.

Florian wollte also den Freund bei sich haben. Das begriff Anton nun. Da gab es für ihn kein Widerstreben. Mir kann's recht sein, dachte er und begab sich allein zu Bett.

Florian wuchs langsam wie alle Lipizzaner, die später zur Reife gelangen als andere Pferde. Nach einem Jahr hatte er noch Form und Wesen der Kindlichkeit, indessen Bosco schon als Erwachsener umherlief, übermütig, stolz, gutartig und Florian in unwandelbarer Treue ergeben.

Sie blieben beständig beieinander. Jeder von ihnen wurde unruhig, wenn er den andern nicht sah.

Aber Florian ging noch immer mit der Mutter, obgleich er schon so groß war wie sie. Er zeigte noch nicht die geringste Selbständigkeit. Bosco dagegen hatte Erfahrung, war durchaus selbständig und übertraf Florian erheblich an Verstand. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb bewunderte Bosco Florian, bewunderte Florians Mutter und alle die hohen lichten Geschöpfe, die hier lebten. In Bosco war ein Wissen, daß eine Gemeinschaft zwischen ihm und diesen sanften, schweigsamen Riesen bestand. Sie gehörten alle miteinander jenem mächtigen Wesen, dem Menschen, den Bosco anbetete, wie die Menschen Gott anbeten. Nur hatte Bosco das glücklichere Los. Er konnte seinen Gott mit Augen sehen, mit der Nase riechen, mit den Ohren hören. Er empfing von den Händen seines Gottes Liebkosungen, empfing aus seinem Munde gute Worte; zudem hatte Bosco einen besonders gütigen Gott. Denn niemals gab es Schläge und niemals Schelte. Anton verstand die Tiere zu gut, um an dergleichen Häßlichkeiten zu denken.

Wurde Sibylle hin und wieder angeschirrt, vor einen ganz leichten Wagen gespannt und eine halbe Stunde oder länger im Gebiet von Lipizza herumkutschiert, dann lief Florian nebenher, so dicht bei der Mutter, als wäre er mit einem Seil an sie gebunden. Bosco sprang voraus, drehte sich um sich selbst, ließ zu Anfang ein lustiges Bellen hören, schwieg aber bald, als wünschte er zu beweisen, daß er ebenso stumm sein konnte wie seine großen Freunde. So gern er es manchmal auch wollte, er lief niemals weit voraus. Immer hielt er sich ganz dicht bei Florian, umkreiste höchstens ab und zu den Wagen und schlug nach den tollen Drehungen und dem freudigen Bellen zu Beginn immer seinen richtigen Hundetrab an.

Das Kutschieren besorgten die Stallmeister des Gestüts. Sie hielten zwar eine Peitsche in der Hand, doch keiner vollführte einen wirklich schmerzhaften Hieb. Das gab es nicht in Lipizza. Die Pferde durften nicht geschlagen werden und wurden nicht geschlagen. Das Ergebnis dieser Schonung war so glanzvoll, daß es im Laufe der Jahrhunderte ganz von selbst zum ungeschriebenen, aber streng beobachteten Gesetz wurde, sanft mit den sanften Tieren zu sein. In den Pferden aber wuchs von Generation zu Generation ererbtes Verstehen des menschlichen Willens, atavistische Bereitwilligkeit, diesen Willen zu erraten, sich ihm ohne jeden Widerstand gleich und gern zu fügen. So tanzte die Peitschenschnur bloß ganz leicht und leise auf Kruppe, Kreuz oder Rücken der Pferde, kitzelte sie, selten einmal, hoch oben am Halse, und diese Zeichen genügten vollständig, um das Tempo zu beschleunigen. Ebenso genügte ein kleiner behutsamer Ruck am Zügel, höchstens noch ein bestimmter Laut von den Lippen des Kutschers, und das Pferd stand. Niemals wurde ein Roß im Maul »verrissen«. Sie waren alle weich, empfindlich und zart. Und blieben so. Auch in Wien, im kaiserlichen Marstall.

Anton wußte das. Dennoch stand er immer beinahe erschrocken da, wenn Sibylle im Geschirr, von Florian gefolgt, von Bosco umtanzt, davonsauste. Und war jedesmal erst beruhigt, wenn er Sibylle abhalftern, sie und Florian bürsten und ihnen Decken aufschnallen konnte.

Die Zeit wehte vorüber, sachte, gleichmäßig. Florian hatte das dritte Jahr seines Daseins vollendet. Er hatte nun die Gestalt eines Erwachsenen. Und von all den jungen Pferden hier war er das schönste. Keines war wie er, so strahlend weiß. Ohne die leiseste Trübung durch Flecken oder Gewölk glänzte er ganz hell, wie Silber, wie Milch, wie frischgefallener Schnee. Man mochte noch so viele Vergleiche heranholen, es paßte kaum einer. Die Stallmeister erzählten, einer der Vorväter Florians, vor fünf oder acht Dezennien, ein Prachtexemplar von einem Hengst namens Hannibal, sei so tadellos weiß gewesen.

Florians Leib zeigte das gedrungene, in Kraft blühende Ebenmaß der Lipizzaner. Sein Hals hob sich in steiler, königlich stolzer Kurve und trug das feine Haupt, das mit den zierlichen Ohren, den herrlich großen, schwarz leuchtenden, beseelten Augen jeden zum Entzücken hinriß. Um die Nüstern und Lippen spielte ein hauchzartes, wie von Rosafarbe untermaltes Grau, das immer noch etwas Weiß bewahrte. Die Nüstern und die schwellenden Lippen fühlten sich verführerisch, zu Küssen lockend, zu Liebkosungen zwingend an.

Florian schien zu tanzen, wenn er ging, zu schweben, wenn er galoppierte. Er schien aus Kraft, Feuer, Anmut und Sanftheit geformt, aus Temperament und maßvoller Beherrschtheit.

In diesem Sommer kam Rittmeister von Neustift wieder nach Lipizza. Er hatte seine Frau bei sich, Elisabeth, die immer noch mädchenhaft aussah. Sie schritten langsam über die Wiesengründe. Anton lächelte, als er sie erblickte, stand stramm und salutierte.

»Ah, der Pointner . . .« Neustift hielt inne. »Da ist der Florian gewiß nicht weit. Wo steckt er denn?«

»Ich meine gehorsamst«, sagte Anton und salutierte wiederum, »den werden der Herr Rittmeister selbst finden.«

Neustift schaute sich um: »Ich soll ihn finden . . . keine leichte Sache.«

»O doch«, beteuerte Anton, »ganz leicht, Herr Rittmeister.«

»Da!« rief Elisabeth und wies mit ausgestreckter Hand auf einen blanken Schimmelhengst. »Da ist er! Das muß er sein!«

»Die gnädige Frau Gräfin haben recht«, Anton nickte, »das ist er, der Florian.« Er pfiff und rief: »Florian! Bosco! Florian!« Und zu den Gästen gewendet: »Nur einen Augenblick, gleich wird er kommen.«

Sie brauchten nicht lange zu warten. Sie sahen Florian heranschlendern und hatten das Gefühl, als näherte sich ihnen ein Fürst.

Lichtvoll stand Florian vor ihnen, bezaubernd in seiner Schönheit und seinem ruhigen Vertrauen.

Neustift flüsterte: »Hast du Zucker bei dir?«

»Hjah!« Elisabeth fuhr auf, wie aus einem Traume geweckt, und kramte in ihrer Tasche. Dann hielt sie auf der flachen Hand Florian den weißen Würfel hin. Er nahm ihn mit behutsamen Lippen und kam dann einen Schritt näher, um Elisabeths Hände zu suchen. Sein Atem blies leise und warm.

»Er verlangt mehr! Sieh doch, wie er sucht«, rief Elisabeth.

Hastig kramte sie einen zweiten Würfel hervor, und während Florian ihn sanft zu sich nahm, sagte Neustift: »Wie groß er geworden ist!«

»Und wie herrlich«, fügte Elisabeth hinzu.

Florian sah ihr geradeaus ins Gesicht. Erwartungsvoll, bittend. Ein Blick, so sprechend, so tief und rein, daß es undenkbar war, ihm zu widerstehen.

»Der wird, Pointner«, meinte Neustift, »der wird, der Florian . . . ein Schmuck für die Spanische Reitschule!«

Anton stimmte trübselig zu. »Wahr ist's, Herr Rittmeister. Da kann man nix machen. Mir ist heut schon Angst vor dem Tag, an dem Florian nach Wien muß!«

Mit vielen andern Dreijährigen stand Florian in der Schmiede. Bosco lag vor ihm am Boden und lappte fiebernd vor Neugier mit der Zunge, sah zu Florian auf, zu Anton, zu allen Pferden und Menschen im Umkreis und zu dem flackernden Schmiedefeuer.

Anton hielt Florian ganz lose an der Mähne. Alle andern Fohlen wurden an Stricken oder Riemen geführt, hatten die Backenstücke angelegt bekommen, daran das Leitseil niederhing. Manche bissen flockenschäumend in die Gebißkette oder den Stangenzaum, den sie vor wenigen Tagen hatten annehmen müssen.

»Natürlich«, sagte einer der Burschen, »natürlich, der Florian geht noch frei, der hat noch nix am Kopf oder im Maul.«

Mürrisch und hochmütig entgegnete Anton: »Der braucht nix.«

Der andere bekräftigte: »Ich sag' ja, er geht noch frei.«

Indessen trat der Schmiedegesell heran: »Na, was ist denn?« fragte er grob. »Wie soll man denn den Gaul da halten?«

»Das ist kein Gaul!« entrüstete sich Anton. »Hab keine Angst, der hält von selbst.«

»Angst?« grollte der Schmied. »Wer hat Angst?«

Anton ergriff ein Bein Florians am Fußgelenk. »Da, schau her«, sagte er großartig. Und Florian ließ das Bein so fromm in Antons Hand wie ein Hündchen, das Pfotegeben gelernt hat. »Probier die Größe«, befahl Anton dem Schmied. »Es werden ohnehin keine großen nötig sein. Ganz leichte, ganz dünne Eisen! Es sind ja die ersten.«

Der Schmied brummte: »Das seh' ich selbst, blöder Kerl.«

Anton entschloß sich das zu überhören. Er wünschte freundliche Beziehungen zu dem Mann, der Florian zum erstenmal die Hufe beschlug. Florian hob willig einen Fuß nach dem andern. Bei jedem Hammerschlag, der auf seinen kleinen, hochgelben Huf niedersauste, richtete er das Haupt höher auf, hielt er den Hals steiler.

»Gleich wird er ausfeuern«, lachte der eine Bursche.

»Und durchbrennen!« schrie ein anderer.

»Schmarrn wird er!« knurrte Anton, ohne Florians Bein loszulassen. »Das ist eine Seele von einem Roß«, flüsterte er dem Schmied ins Ohr, »so was war noch nie da!«

Der Schmied lachte: »Ich kenn' ihn ohnehin.« Und er hämmerte weiter.

Nun war das Werk vollendet. Florian hatte Hufeisen.

»Meiner Seel, er freut sich«, sagte Anton zum Schmied. Der patschte die schneeweiße Kruppe Florians, so daß eine schwarze Fingerspur sichtbar wurde, und meinte: »Er darf sich auch freun.« Aber Anton dachte über den Sinn dieser Worte gar nicht nach.

»Gehn wir«, sagte er zu Florian und schritt voraus. Florian, von Bosco umsprungen, folgte ihm langsam, mitten durch das Rudel der andern Fohlen. Als er an Nausikaa vorbeikam, hob er wieder sein Haupt, und heller, fröhlich-sehnsüchtiger Wieherschrei erklang.

Nausikaa antwortete sogleich. Sie war eine junge Stute, fein gebaut, mit schönem, weißem Kopf und rosa Nüstern. Doch ihr Leib zeigte nur an Hals, Widerrist und einem Teil des Rückens das Weiß des Schimmels. Lenden, Kruppe wurden von einem leichten Grau umwölkt, das sich gegen die Beine zu verdunkelte, als trüge Nausikaa perlgraue Gamaschen.

Mit keinem andern Fohlen war Florian so befreundet wie mit Nausikaa. Nur mit ihr hatte er gespielt, nur mit ihr war er um die Wette gelaufen. Sie verstanden einander vortrefflich, wurden eins dem andern unentbehrlich, und sie waren in aller Unschuld übereingekommen, immer beisammen zu bleiben.

Als Florian vor der Schmiede Nausikaa mit einem Zuruf begrüßte, ahnte er nicht, daß es einen Abschied, daß es eine Trennung galt.

Anton schritt ihm voraus. Bosco war so lustig wie je. Doch jetzt ging es nicht mehr zur Mutter. Florian verließ die Stätte seiner Kindertage, ohne zu wissen, daß er sie verließ. Er kam zu den Junghengsten, abseits von den Müttern, fern von den Stutenfohlen. Er kam in einen neuen Stall, erhielt sein Abteil allein. Nur Bosco blieb bei ihm. Und Anton, der den Auftrag erhalten hatte, Florian weiterhin zu pflegen.

Zunächst war auch die neue Wohnung ein Fest. Die Sehnsucht nach der Mutter empfand Florian nur gelinde. Er sah Sibylle von weitem, wurde von ihr gesehen. Mutter und Sohn verständigten sich durch Zeichen in ihrer Sprache. Die Sehnsucht nach Nausikaa jedoch grub sich tief in Florians Brust. Es genügte nicht, sie zu erblicken, genügte nicht, von ferne mit ihr und ganz flüchtig nur zu sprechen. Florian begehrte mit Nausikaa beisammen zu sein. Er wußte, daß Nausikaa gleichfalls dieses Sehnen hegte. Beide kannten das Ziel ihrer Wünsche freilich nicht. Doch ihre Neigung zueinander war darum nicht weniger heiß.

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