Kitabı oku: «Briefe»

Yazı tipi:

Fjodor M Dostojewski

Briefe

Übersezt von Alexander Eliasberg

Saga

Briefe

Übersezt von Alexander Eliasberg

Titel der Originalausgabe: Bukvy

Originalsprache: Russischen

Coverbild/Illustration: Shutterstock

Copyright © 1920, 2021 SAGA Egmont

Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 9788726981483

1. E-Book-Ausgabe

Format: EPUB 3.0

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Dieses Werk ist als historisches Dokument neu veröffentlicht worden. Die Sprache des Werkes entspricht der Zeit seiner Entstehung.

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Vorwort

Eine vollständige Sammlung von Briefen Dostojewskijs existiert heute noch nicht. Der erste Band der ersten Gesamtausgabe von Dostojewskijs Werken (St. Petersburg, 1883) enthält nur eine Auswahl, die in den späteren Auflagen überhaupt fehlt. Eine Reihe von Briefen, die in diese Sammlung aufgenommen werden sollten, wurde im letzten Augenblick von der Witwe des Dichters zurückbehalten; die Korrekturabzüge werden in einer versiegelten Mappe im Moskauer Dostojewskij-Museum verwahrt.

Vorliegender Ausgabe liegt das Buch von W. Tscheschichin: »Dostojewskij in der Erinnerung der Zeitgenossen, in seinen Briefen und Notizen« (Moskau, 1912), zugrunde. Die Briefe XXXVIII, XLIV, L, LVI und LVIII unseres Bandes, die in dieser Sammlung fehlen, habe ich der historischen Monatsschrift »Rußkaja Starina« entnommen; die bei Tscheschichin unvollständig wiedergegebenen Briefe XXXIX, XLVI, XLVIII und LIX habe ich ergänzt.

Dem Werke Tscheschichins wurden auch eine Anzahl der Anmerkungen sowie die Erinnerungen der Zeitgenossen im »Anhang« entnommen. Weitere Erinnerungen an Dostojewskij – von seinem Bruder Andrej und Nikolaj Strachow – finden sich in Bd. 11 und 12 der im gleichen Verlag erscheinenden Gesamtausgabe von Dostojewskijs Werken.

A. E.

I.
An den Vater, den 10. Mai 1838

Mein lieber guter Vater! Können Sie denn wirklich denken, daß Ihr Sohn zu viel verlangt, wenn er Sie um eine Unterstützung angeht? Gott sei mein Zeuge, daß ich Sie weder aus Eigennutz, noch aus wirklicher äußersten Not irgendwie schädigen will. Wie bitter ist es mir, wenn ich meine Blutsverwandten um eine Gefälligkeit bitten muß, die sie so schwer bedrückt! Ich habe meinen eigenen Kopf und eigene Hände. Wäre ich frei und selbständig, so hätte ich von Ihnen auch nicht eine Kopeke verlangt; ich hätte mich selbst an die bitterste Not gewohnt. Ich würde mich schämen, auch nur ein Sterbenswörtchen von einer Unterstützung zu schreiben. Jetzt kann ich Sie nur mit Versprechungen für die Zukunft vertrösten; doch diese Zukunft ist nicht mehr fern, und Sie werden sich mit der Zeit selbst davon überzeugen.

Jetzt bitte ich Sie, lieber Papa, zu berücksichtigen, daß ich im wahren Sinne des Wortes diene. Ich muß mich, ob ich will oder nicht, nach den Gepflogenheiten meiner jetzigen Umgebung richten. Warum sollte ich auch eine Ausnahme bilden? Solche Ausnahmestellungen sind oft mit den größten Unannehmlichkeiten verbunden. Das werden Sie auch selbst verstehen, lieber Papa. Sie haben ja genug unter Menschen gelebt. Beachten Sie also bitte folgendes: das Lagerleben eines jeden Zöglings der Militärlehranstalten erfordert mindestens vierzig Rubel. (Ich schreibe dies, weil ich zu meinem Vater spreche.) In dieser Summe sind solche Bedürfnisse, wie Tee, Zucker usw., nicht inbegriffen. Denn dies alles muß ich auch ohnehin haben, und zwar nicht nur des Anstandes wegen, sondern aus wirklicher Not. Wenn man bei feuchter Witterung und Regen in einem leinenen Zelte liegen muß, oder bei solchem Wetter müde und durchfroren von einer Übung heimkommt, so kann man ohne Tee leicht krank werden, wie ich es schon im vorigen Jahre beim Manöver erlebt habe. Ich will aber Ihre Notlage berücksichtigen und gänzlich auf Tee verzichten; ich will Sie daher nur um das Allernotwendigste bitten: um sechzehn Rubel für zwei Paar einfacher Stiefel. Ferner: ich muß ja meine Sachen, wie Bücher, Schuhwerk, Schreibzeug und Papier usw., irgendwo verwahren. Ich brauche für diesen Zweck einen Koffer, denn im Lager gibt es keine anderen Bauten als Zelte. Unsere Betten sind mit Leintüchern bedeckte Strohbündel. Nun frage ich Sie, wie ich ohne Koffer alle meine Sachen verwahren soll? Sie müssen wissen, daß der Fiskus sich gar nicht darum kümmert, ob ich einen Koffer habe oder nicht. Denn die Examina sind bald zu Ende, und dann brauche ich ja keine Bücher; der Fiskus sorgt für meine Equipierung, folglich brauche ich auch keine Stiefel usw. Wie soll ich mir aber ohne Bücher die Zeit vertreiben? Die Stiefel, mit denen uns der Fiskus versorgt, sind so schlecht, daß drei Paar davon in der Stadt für kaum ein halbes Jahr reichen.

[Es folgt eine weitere Aufzählung der notwendigen Anschaffungen.]

Von Ihrer letzten Sendung habe ich mir fünfzehn Rubel zurückgelegt. Sie sehen also selbst, lieber Papa, daß ich unbedingt noch fünfundzwanzig Rubel brauche. Anfang Juni verlassen wir das Lager. Wenn Sie also Ihrem Sohne in seiner bitteren Not beistehen wollen, so schicken Sie ihm dieses Geld zum 1. Juni. Ich wage nicht, auf meiner Bitte zu bestehen; ich verlange nicht zu viel, doch mein Dank wird grenzenlos sein.

II.
An den Bruder Michail, Petersburg, den 9. August 1838

[Der Brief beginnt mit Erklärungen, warum D. seinem Bruder so lange nicht geschrieben hat: er hat keine Kopeke Geld gehabt.]

Es ist wahr, ich bin faul, sehr faul. Was soll ich aber tun, wenn das ewige Faulenzen meine einzige Bestimmung im Leben ist? Ich weiß nicht, ob meine trüben Gedanken mich je verlassen werden. Dem Menschen ist ja nur dieser einzige Seelenzustand beschieden: die Atmosphäre seiner Seele besteht aus einer Vermengung des Himmlischen mit dem Irdischen: welch ein unnatürliches Kind ist also der Mensch; denn das Gesetz der geistigen Natur ist in ihm verletzt ... Unsere Erde erscheint mir als ein Fegefeuer für himmlische Geister, die von sündigen Gedanken getrübt worden sind. Mir scheint, daß unsere Welt eine negative Größe geworden ist und daß alles Erhabene, Schöne und Geistige sich in eine Satire verwandelt hat. Wenn nun in dieses Bild eine Person gerät, die weder in der Idee noch im Effekt mit dem Ganzen übereinstimmt, mit einem Worte eine ganz unbeteiligte Person, was kann da aus dem Bilde werden? Das Bild ist verdorben und kann nicht weiter bestehen.

Wie schrecklich ist es aber, nur die rauhe Hülle, unter der das Weltall verschmachtet, zu sehen! Zu wissen, daß eine einzige Anspannung des Willens genügt, um diese Hülle zu sprengen, um mit der Ewigkeit eins zu werden; dies alles zu wissen und dabei wie die letzte der Kreaturen zu leben ... Wie schrecklich! Wie kleinmütig ist der Mensch! Hamlet! Hamlet! Wenn ich an seine aufrührerische wilde Rede denke, in der das Stöhnen der ganzen erstarrten Welt wiederklingt, so entringt sich meiner Brust kein einziger Vorwurf, kein einziger Seufzer ... Die Seele ist dann so sehr von Gram bedrückt, daß sie sich scheut, diesen Gram ganz zu erfassen, um sich selbst nicht zu zerfleischen. Pascal hat einmal gesagt: Wer gegen die Philosophie protestiert, der ist selbst Philosoph. Eine armselige Philosophie!

Ich habe mich aber verplaudert. Von allen deinen Briefen habe ich außer dem allerletzten nur zwei bekommen. Nun, Bruder, du klagst über deine Armut. Auch ich bin nicht reich. Du wirst mir wohl gar nicht glauben wollen, daß ich beim Auszug aus dem Lager nicht eine Kopeke hatte; unterwegs habe ich mich erkältet (es regnete den ganzen Tag und wir waren ohne Obdach), bin auch vor Hunger erkrankt, und hatte dabei kein Geld, um mir die Kehle mit einem Schluck Tee anzufeuchten. Ich habe mich später erholt, litt aber im Lager die bitterste Not, bis endlich das Geld von Papa kam. Ich bezahlte meine Schulden und verbrauchte den Rest.

[D. ergeht sich noch weiter über die Lage des Bruders und seine eigenen Geldschwierigkeiten.]

Es ist aber Zeit, von etwas anderem zu sprechen. Du rühmst dich, daß du so viel Bücher gelesen hast ... Bilde dir aber bitte nicht ein, daß ich dich darum beneide. Auch ich habe in Peterhof mindestens ebensoviel gelesen wie du. Den ganzen Hoffmann russisch und deutsch (d. h. den noch nicht übersetzten Kater Murr), und fast den ganzen Balzac. (Balzac ist groß! Seine Charaktere sind Schöpfungen eines weltumfassenden Geistes! Nicht der Zeitgeist, sondern ganze Jahrtausende haben in ihrem Ringen in der Seele des Menschen eine solche Entwicklung und Lösung gezeitigt!) Ferner Goethes Faust, seine kleineren Gedichte, Polewojs Geschichte, Ugolino und Undine (über Ugolino will ich dir ein anderes Mal ausführlicher schreiben); schließlich Victor Hugo (außer Cromwell und Hernani).

Lebe wohl. Schreibe mir bitte möglichst oft, denn deine Briefe sind mir eine Freude und ein Trost. Beantworte diesen Brief sofort. Ich erwarte deine Antwort in zwölf Tagen. Spätestens. Schreibe mir, damit ich nicht verschmachte.

Dein Bruder F. Dostojewskij.

Ich habe ein neues Projekt: verrückt zu werden. Mögen sich nur die Leute wie wild gebärden, mögen sie mich kurieren, mögen sie versuchen, mich vernünftig zu machen! Wenn du den ganzen Hoffmann gelesen hast, so kannst du dich gewiß an Alban erinnern. Wie gefällt er dir? Es ist schrecklich, einen Menschen zu sehen, der das Unfaßbare in seiner Macht hat, der nicht weiß, was damit anzufangen, und mit einem Spielzeug spielt, welches Gott heißt!

III.
An den Bruder Michail, Petersburg, den 31. Oktober 1838

Wie lange habe ich dir nicht geschrieben, lieber Bruder. Das böse Examen! Es hinderte mich, dir und Papa zu schreiben und I. N. Schidlowskij (Anmerkung des Übersetzers: Nikolai Schidlowskij, Beamter im Finanzministerium, schrieb hochtrabende Gedichte abstrakt-idealistischen Inhalts. Kam später infolge Trunksucht ganz herunter). aufzusuchen. Und was kam dabei heraus? Ich bin doch nicht versetzt worden. O Grauen! Noch ein Jahr, ein ganzes Jahr in diesem Jammer zu leben! Ich hätte nicht so sehr gewütet, wenn ich nicht wüßte, daß ich einer Gemeinheit, einer puren Gemeinheit unterlegen bin! Der Mißerfolg hätte mich nicht so sehr betrübt, wenn nicht die Tränen des armen Vaters in meiner Seele brennten. Ich habe bisher nicht gewußt, was beleidigter Ehrgeiz bedeutet. Wenn sich dieses Gefühl meiner bemächtigt hätte, müßte ich wohl erröten ... Doch weißt du: nun habe ich wirklich Lust, die ganze Welt auf einmal zu zermalmen ... Ich habe so viel Zeit vor dem Examen verloren, bin dabei krank und elend geworden, habe das Examen im wahren und vollen Sinne des Wortes bestanden und bin doch sitzengeblieben ... So wollte es der Lehrer für Algebra, dem ich einmal im Laufe des Lehrjahres einige Grobheiten gesagt habe, und der jetzt so gemein war, es mir zu vergelten, indem er mir damit den Grund meiner Nichtversetzung erklärte ... Bei zehn ganzen Punkten hatte ich im Mittel neuneinhalb und bin trotzdem sitzengeblieben ... Zum Kuckuck! Wenn ich leiden muß, so werde ich eben leiden ... Ich will für diese Erörterungen kein Papier verschwenden, denn ich habe auch so selten Gelegenheit, mit dir zu sprechen.

Mein Freund! Du philosophierst wie ein Dichter. Ebenso wie die Seele nicht gleichmäßig im Zustande der Begeisterung bleiben kann, so ist auch deine Philosophie nicht richtig und nicht gleichmäßig. Um mehr zu wissen, muß man weniger fühlen und umgekehrt; dein Urteil ist voreilig, es ist ein Delirium des Herzens. Was willst du mit dem Wort wissen sagen? Natur, Seele, Liebe und Gott erkennt man mit dem Herzen und nicht mit der Vernunft. Wären wir Geister, so wohnten wir in der Sphäre jener Idee, über der unsere Seele schwebt, wenn sie sie erraten will. Wir sind aber erdgeborene Menschen und müssen die Idee erraten, können sie aber nicht von allen Seiten zugleich erfassen. Der Leiter des Gedankens durch die vergängliche Hülle ins Innere der Seele heißt Vernunft. Die Vernunft ist eine materielle Fähigkeit; doch die Seele oder der Geist leben von den Gedanken, die ihnen das Herz zuflüstert. Der Gedanke wird in der Seele geboren. Die Vernunft ist ein Werkzeug, eine Maschine, die vom seelischen Feuer angetrieben wird. Wenn die Vernunft des Menschen (das ist wieder ein Kapitel für sich) in das Gebiet des Wissens eindringt, so wirkt sie unabhängig vom Gefühl und folglich auch vom Herzen. Wenn aber das Ziel der Erkenntnis die Liebe oder die Natur ist, so beginnt hier das ureigenste Gebiet des Herzens. Ich will nicht mit dir streiten, will aber bemerken, daß ich deine Ansichten über Poesie und Philosophie nicht teile. Die Philosophie darf nicht als eine gewöhnliche mathematische Gleichung, in der die Natur die Unbekannte ist, betrachtet werden! Merke dir, daß der Dichter im Augenblicke der Begeisterung Gott erfaßt, folglich die Aufgabe eines Philosophen erfüllt. Folglich ist die poetische Begeisterung nichts anderes als philosophische Begeisterung. Folglich ist die Philosophie nichts anderes als Poesie, als eine höhere Stufe von Poesie! Es ist sonderbar, daß du im Sinne der heutigen Philosophie urteilst. Wieviel sinnlose philosophische Systeme sind letztens in den gescheitesten und feurigsten Köpfen geboren! Um aus diesem bunten Haufen ein richtiges Resultat zu gewinnen, muß man alles einer mathematischen Formel unterordnen. Das sind eben die Gesetze der heutigen Philosophie. Ich habe mich aber verplaudert. Wenn ich auch deine schlappe Philosophie für unmöglich halte, halte ich es doch für möglich, daß meine Einwendungen nicht minder schlapp sind; ich will dich also damit nicht weiter plagen.

Bruder, es ist so traurig, ohne Hoffnung zu leben! Wenn ich vorwärts schaue, so graut es mir vor der Zukunft. Ich schwebe in einer kalten arktischen Atmosphäre, in die kein einziger Sonnenstrahl dringt. Ich habe seit langer Zeit keinen einzigen Ausbruch von Begeisterung erlebt ... Dafür befinde ich mich im gleichen Zustand wie der Gefangene von Chillon nach dem Tode seiner Brüder. Der Paradiesvogel der Poesie wird mich wohl nie wieder besuchen, wird nie wieder meine erfrorene Seele erwärmen. Du sagst, ich sei verschlossen; alle meine früheren Träume haben mich aber schon längst verlassen, und von jenen herrlichen Arabesken, die ich einst geschaffen, ist die ganze Vergoldung abgefallen. Alle Gedanken, die früher mit ihrem Strahl meine Seele und mein Herz entzündeten, haben nun ihr Feuer und ihre Wärme eingebüßt, oder mein Herz ist erstarrt, oder ... Es graut mir, diesen Satz fortzusetzen. Ich will nicht gestehen, daß alles Vergangene nur ein Traum, ein goldener bunter Traum gewesen ist.

Bruder, ich habe dein Gedicht gelesen. Es hat einige Tränen aus meiner Seele herausgepreßt und sie für eine Zeitlang im Banne der Erinnerungen eingelullt. Du sagst, daß du eine Idee für ein Drama hast. Ich freue mich darüber. Schreibe doch dein Drama. Wenn du nicht diese letzten Krumen vom paradiesischen Mahle hättest, was bliebe dir dann noch vom Leben übrig? Es tut mir leid, daß ich in der vorigen Woche Iwan Nikolajewitsch [Schidlowskij] nicht aufsuchen konnte; ich war krank. Hör einmal. Mir scheint, daß die Begeisterung des Dichters auch vom Ruhm begünstigt wird. Byron war ein Egoist; sein Streben nach Ruhm war kleinlich. Doch der bloße Gedanke, daß deiner Begeisterung dereinst irgendeine schöne, erhabene Menschenseele aus dem Staube zur Himmelshöhe folgen wird; der Gedanke, daß jene Zeilen, über denen du geweint hast, von deiner Begeisterung wie von einem himmlischen Sakrament geheiligt sind und daß über den gleichen Zeilen auch die späteren Geschlechter weinen werden, dieser Gedanke ist – davon bin ich überzeugt – manchem Dichter sicher auch in Augenblicken höchster schöpferischer Begeisterung gekommen. Das Geschrei des Pöbels ist aber hohl und nichtig. Mir fallen gerade die Verse Puschkins ein, in denen er den Pöbel und den Dichter beschreibt:

So laß das blöde Volk, dein Werk verlästernd, schrein,

Und den Altar, darauf dein Feuer loht, bespein,

Und kindischen Übermuts den Dreifuß dir erschüttern ...

Wundervoll, nicht wahr? Lebe wohl.

Dein Freund und Bruder F. Dostojewskij.

Ja! Teile mir bitte mit, worin die Hauptidee des Werkes von Chateaubriand »Génie du Christianisme« besteht. Ich las neulich im »Ssyn Otetschestwa« einen Aufsatz des Kritikers Nisard über Victor Hugo. Wie wenig halten doch von ihm die Franzosen! Wie niedrig schätzt Nisard seine Dramen und Romane ein! Sie sind ungerecht gegen ihn, und Nisard (wenn er auch sonst gescheit ist) redet Unsinn. Teile mir auch noch den Hauptgedanken deines Dramas mit: ich bin überzeugt, daß er herrlich ist.

Der arme Vater tut mir leid! Er hat einen so merkwürdigen Charakter. Wieviel Kummer hat er schon erlebt. Es ist so bitter, daß ich ihn mit nichts trösten kann! Weißt du übrigens: Papa steht der Welt ganz fremd gegenüber. Er hat schon fünfzig Jahre in der Welt gelebt und hat dabei die gleiche Meinung von den Menschen bewahrt, die er vor dreißig Jahren hatte. Diese selige Unwissenheit! Doch die Welt hat ihn enttäuscht, und ich glaube, daß es unser aller Schicksal ist. Lebe wohl.

IV.
An den Bruder Michail, Petersburg, den 1. Januar 1840

Ich danke dir von Herzen, mein guter Bruder, für deinen lieben Brief. Ich bin doch ein ganz anderer Mensch als du; du kannst dir gar nicht vorstellen, wie angenehm mir das Herz bebt, wenn man mir einen Brief von dir bringt; ich habe mir eine neue Art von Genuß erfunden: ich spanne mich auf die Folter. Ich nehme deinen Brief in die Hand, wende ihn einige Minuten lang hin und her, betaste ihn, ob er umfangreich ist, und nachdem ich mich am versiegelten Briefumschlag satt gesehen, stecke ich ihn in die Tasche. Du kannst dir gar nicht vorstellen, welch einen angenehmen Zustand von Herz und Seele ich mir damit verschaffe. Ich warte oft eine Viertelstunde; schließlich falle ich gierig über das Paket her, entsiegele es und verschlinge deine Zeilen, deine lieben Zeilen. Zahllose Gefühle werden in meinem Herzen wach, während ich deinen Brief lese! So viele zärtliche und unangenehme, süße und bittere Empfindungen drängen sich in meiner Seele; ja, lieber Bruder, es sind auch bittere und unangenehme darunter; du kannst dir gar nicht vorstellen, wie bitter es mir ist, wenn man mich nicht begreift, wenn man das, was ich sagen wollte, mißversteht und in ein schiefes Licht stellt. Nachdem ich deinen letzten Brief gelesen, war ich ganz enragé, weil ich dich nicht in meiner Nähe hatte: ich sah meine besten Herzensträume und meine heiligsten Grundsätze, die ich aus schweren Erfahrungen gewonnen habe, gänzlich verdreht, verstümmelt und verzerrt. Du schreibst mir ja selbst: »Schreibe mir doch, widersprich mir, streite mit mir!«; du erwartest davon irgendeinen Nutzen. Lieber Bruder, es bringt auch nicht den geringsten Gewinn! Das einzige, was du damit erreichst, ist, daß du dir mit deinem Egoismus (der Egoismus ist übrigens uns allen eigen) eine solche Meinung von mir, meinen Ansichten, Ideen und Eigenschaften bildest, wie sie dir gerade paßt. Das ist doch höchst beleidigend! Nein! Polemik in freundschaftlichen Briefen ist ein süßes Gift. Wie wird es nun sein, wenn wir uns einmal wiedersehen? Ich glaube, dies wird den Stoff zu ewigen Streitigkeiten liefern. Doch genug davon.

Nun von deinen Versen: höre einmal, lieber Bruder! Ich glaube: im Menschenleben gibt es unendlich viel Leid und unendlich viel Freude. Im Leben des Dichters gibt es Dornen und Rosen. Die Lyrik ist der ständige Begleiter des Dichters, denn er ist ein sprachbegabtes Geschöpf. Deine lyrischen Gedichte sind reizend: »Der Spaziergang«, »Der Morgen«, »Die Vision der Mutter«, »Die Rose«, »Die Rosse des Phoebus« und viele andere sind wunderschön. Alle diese Gedichte sind ein lebender Bericht von dir, mein Lieber! Und dieser Bericht geht mir so nahe. Ich konnte dich damals so gut verstehen, denn jene Monate haben sich tief in mein Gedächtnis eingeprägt. Wieviele seltsame und wunderbare Dinge habe ich damals erlebt! Es ist eine lange Geschichte, und ich werde sie niemand erzählen.

Bei meiner letzten Begegnung mit Schidlowskij bin ich mit ihm in Jekaterinhof spazierengegangen. Wie wunderbar haben wir doch diesen Abend verbracht! Wir gedachten des vergangenen Winters, als wir so viel von Homer, Shakespeare, Schiller und Hoffmann gesprochen haben; besonders von Hoffmann. Wir sprachen auch von uns selbst, von der Zukunft und von dir, mein Lieber. Nun ist er längst fort, und ich habe keine Nachrichten von ihm. Ob er überhaupt noch am Leben ist? Mit seiner Gesundheit stand es sehr schlecht; schreibe ihm doch!

Im vergangenen Winter war ich ununterbrochen in einer seltsam gehobenen Stimmung. Der Verkehr mit Schidlowskij hat mir viele Stunden eines besseren Lebens verschafft; doch dies war nicht die einzige Ursache meiner begeisterten Stimmung. Du hast mir vielleicht übel genommen und nimmst es mir noch jetzt übel, daß ich dir damals nicht geschrieben habe. Dumme Dienstangelegenheiten waren schuld daran. Ich muß dir gestehen, mein Lieber, daß ich dich immer geliebt habe; ich liebte dich um deiner Gedichte, der Poesie deines Lebens und deiner Leiden willen; das war alles; es war aber keine Bruderliebe, keine Freundesliebe. Ich hatte damals an meiner Seite einen Freund, einen Menschen, den ich so liebte. Du schriebst mir, Bruder, ich hätte Schiller nicht gelesen. Du irrst. Ich habe ihn auswendig gelernt, habe in seiner Sprache gesprochen und in seinen Bildern geträumt; ich glaube, es war wohl ein besonders gütiges Geschick, das mir die Bekanntschaft mit diesem großen Dichter gerade in jenem Zeitpunkt meines Lebens verschaffte; nie hätte ich Schiller besser kennen lernen können als gerade in jenen Tagen. Während ich mit ihm Schiller las, sah ich in ihm den edlen und feurigen Don Carlos, den Marquis Posa und Mortimer. Diese Freundschaft hat mir viel genützt und viel Leid verschafft. Doch ich will davon ewig schweigen; der Name Schiller ist mir ein liebes vertrautes Zauberwort, das in mir zahllose Erinnerungen und Träume erweckt. Diese Erinnerungen sind bitter, und aus diesem Grunde vermied ich es immer, mit dir über Schiller und über die Eindrücke, die ich ihm verdanke, zu sprechen! Schon wenn ich den Namen Schiller höre, tut mir das Herz weh.

Ich wollte noch verschiedenes gegen deine Vorwürfe einwenden, und dir zeigen, daß du mich mißverstanden hast. Auch von anderen Dingen wollte ich mit dir sprechen; doch während ich diesen Brief schreibe, überkommen mich so viele süße Erinnerungen und Träume, daß ich von nichts anderem sprechen kann. Nur einen Vorwurf will ich zurückweisen: nämlich, daß ich die großen Dichter, die ich angeblich gar nicht kenne, nach ihrer Güte sortiert hätte. Ich habe nie solche Parallelen gezogen wie zwischen Puschkin und Schiller. Ich weiß gar nicht, wie du zu dieser Behauptung kommst; zitiere mir bitte die betreffende Stelle aus meinem Brief; an eine solche Sortierung habe ich nie gedacht; es ist ja möglich, daß ich irgendwie zufällig die Namen Puschkin und Schiller nebeneinander erwähnt habe, doch ich glaube, daß zwischen diesen Worten ein Komma steht. Sie haben beide nicht die geringste Ähnlichkeit miteinander. Bei Puschkin und Byron kann man ja noch von einer Ähnlichkeit sprechen. Was aber Homer und Victor Hugo betrifft, so glaube ich, daß du mich absichtlich mißverstanden hast. Ich meinte es so: Homer (ein sagenhafter Mensch, der uns vielleicht wie Christus von Gott gesandt war) kann nur neben Christus und keineswegs neben Hugo gestellt werden. Versuche doch, Bruder, in seine »Ilias« einzudringen, lies sie aufmerksam (gestehe doch, daß du sie nie gelesen hast). Homer hat ja mit seiner »Ilias« der Welt der Antike die gleiche Organisation des geistigen und irdischen Lebens gegeben, wie sie die moderne Welt Christus zu verdanken hat. Verstehst du mich nun? Victor Hugo ist ein Lyriker, lauter wie ein Engel, und seine Poesie ist durch und durch keusch und christlich; niemand ist ihm in dieser Beziehung gleich; weder Schiller (wenn Schiller auch ein durchaus christlicher Dichter ist), noch Shakespeare, noch Byron, noch Puschkin. Ich habe seine Sonette französisch gelesen. Homer allein hat den gleichen unerschütterlichen Glauben an seinen Dichterberuf und an den Gott der Poesie, dem er dient; nur in dieser Beziehung gleicht seine Poesie der von Victor Hugo; doch nicht in der ihm von der Natur eingegebenen und von ihm ausgedrückten Idee; ich habe ja gar nicht die Idee gemeint. Mir scheint sogar Derschawin als Lyriker höher zu stehen als diese beiden. Lebe wohl, mein Lieber!

Dein Freund und Bruder F. Dostojewskij.

Ich muß dir noch eine Rüge erteilen: wenn du von der Form in der Dichtung sprichst, scheinst du mir ganz verrückt; in allem Ernst: ich habe schon längst bemerkt, daß du in dieser Beziehung nicht ganz normal bist. Neulich hast du auch über Puschkin eine ähnliche Bemerkung fallen lassen. Ich bin absichtlich darauf nicht eingegangen. Von deinen Formen will ich im nächsten Brief ausführlicher sprechen. Jetzt fehlt mir Raum und Zeit. Sage mir aber bitte, wie konntest du, als du von den Formen sprachst, die Behauptung aufstellen, weder Racine noch Corneille könnten uns gefallen, denn ihre Form sei schlecht. Du Unglücksmensch! Und dabei sagst du noch mit solcher Überlegenheit: »Glaubst du denn, daß die beiden keine echten Dichter waren?« Ob Racine kein Dichter war? Ob Racine, der feurige, leidenschaftliche, in seine Ideale verliebte Racine kein Dichter war? Das wagst du zu fragen? Hast du seine » Andromaque« gelesen? He? Hast du die » Iphigénie« gelesen? Wirst du vielleicht behaupten, daß sie nicht herrlich ist? Ist denn Racines Achilles dem des Homer nicht ebenbürtig? Racine hat ja allerdings Homer bestohlen, doch wie! Wie wundervoll sind seine Frauengestalten! Begreife es doch! Du sagst: »Racine war kein Genie; konnte er denn überhaupt (?) ein Drama schaffen? Er konnte nur Corneille nachahmen.« Und » Phèdre«? Bruder! Wenn du mir nicht beistimmen wirst, daß dies die höchste und reinste Poesie ist, so weiß ich gar nicht, was ich von dir noch halten soll. Es steckt ja die Kraft eines Shakespeare darin, wenn das Bildwerk auch aus Gips und nicht aus Marmor ist.

Nun von Corneille. Höre einmal, Bruder! Ich weiß gar nicht, wie ich mit dir sprechen soll; vielleicht muß ich vorher wie Iwan Nikiforowitsch (Anmerkung des Übersetzers: Held einer Novelle von Gogol.) eine tüchtige Portion Erbsen fressen. Ich kann es nicht glauben, Bruder, daß du ihn überhaupt gelesen hast; daher redest du auch solchen Unsinn. Weißt du denn überhaupt, daß Corneille mit seinen riesenhaften Gestalten und seinem romantischen Geist beinahe an Shakespeare heranreicht? Du Armer! Weißt du denn, daß Corneille erst fünfzig Jahre nach dem talentlosen elenden Jodel, dem Autor der ekelhaften »Kleopatra«, und nach dem an unseren Tredjakowskij gemahnenden Ronsard ausgetreten ist; und daß er beinahe ein Zeitgenosse des gefühllosen Dichterlings Malherbe war? Wie kannst du von ihm Formen verlangen? Es ist noch gut, daß er die Form von Seneca entlehnt hat. Hast du seinen » Cinna« gelesen? Was sind vor der göttlichen Gestalt des Octavius – Karl Moor, Fiesco, Tell und Don Carlos! Dieses Werk würde selbst Shakespeare zur Ehre gereichen. Du Armer! Wenn du es noch nicht gelesen hast, so lies doch wenigstens den Dialog zwischen August und Cinna, wo er ihm den Verrat vergibt (doch wie!). Du wirst sehen, daß nur gekränkte Engel so sprechen können. Besonders die Stelle, wo August sagt: » Soyons amis, Cinna«. Hast du seinen » Horace« gelesen? Höchstens noch bei Homer kannst du solche Gestalten finden! Der alte Horace ist ein Diomedes. Der junge Horace ist ein Ajax, Sohn des Telamon, doch mit dem Geiste eines Achilles; Curias ist Patrocles und Achilles in einer Person, er ist der Inbegriff der Liebessehnsucht und der Pflicht. Wie erhaben ist doch dies alles! Hast du » Le Cid« gelesen? Lies ihn, du Unglücksmensch, und falle in den Staub vor Corneille. Du hast ihn gelästert. Lies ihn unbedingt. Was ist überhaupt noch Romantik, wenn ihre höchsten Ideen nicht schon im Cid entwickelt sind? Wie wunderbar sind die Gestalten des Don Rodrigo, seines Sohnes und dessen Geliebten! Und erst der Schluß!

Nimm mir bitte meine verletzenden Äußerungen nicht übel, grolle mir nicht wie Iwan Iwanowitsch Pererepenko bei Gogol.

V.
An den Bruder Michail, den 30. September 1844

[Anfangs ist die Rede von der Schillerübersetzung, die die beiden Brüder Dostojewskis herausgeben wollten.]

Ja, Bruder, ich weiß es selbst, daß meine Lage verzweifelt ist; ich will dir nun alles genau erklären.

Ich nehme den Abschied, weil ich nicht länger dienen kann. Das Leben freut mich nicht, wenn ich meine beste Zeit so sinnlos verschwenden muß. Im übrigen hatte ich nie die Absicht, lange im Dienst zu bleiben; warum soll ich meine besten Jahre verlieren? Die Hauptsache aber ist, daß man mich in die Provinz abkommandieren wollte; sage mir bitte selbst, was könnte ich ohne Petersburg anfangen? Wozu würde ich noch taugen? Du wirst mich sicher begreifen.

Wegen meines ferneren Lebens brauchst du dir wirklich keine Sorgen zu machen. Ich werde immer meinen Lebensunterhalt finden können. Ich werde furchtbar viel arbeiten. Ich bin ja jetzt frei. Es fragt sich nur, was ich jetzt gleich anfangen soll. Denke dir nur, Bruder, ich habe achthundert Rubel Schulden; fünfhundertfünfundzwanzig Rubel schulde ich für die Miete (ich habe nach Hause geschrieben, daß ich eintausendfünfhundert Rubel Schulden habe, denn ich kenne die Leute: sie schicken mir immer ein Drittel von dem, was ich verlange). Niemand weiß noch, daß ich den Abschied nehme. Was soll ich nun anfangen, wenn ich nicht mehr im Dienste bin? Ich habe sogar kein Geld, um mir Zivilkleider zu kaufen. Ich quittiere den Dienst am 14. Oktober. Wenn ich nicht sofort Geld aus Moskau bekomme, bin ich verloren. Man wird mich in allem Ernst ins Gefängnis sperren (dies ist klar). Eine komische Lage.

[Weiter ist die Rede davon, wie sich D. Geld von seinen Angehörigen verschaffen will.]

Du sagst, meine Rettung sei das Drama. Bis es aufgeführt wird, vergeht viel Zeit. Und bis ich erst das Honorar bekomme, vergeht noch mehr Zeit. Ich habe aber den Abschied vor der Nase (mein Lieber, wenn ich das Abschiedsgesuch noch nicht eingereicht hätte, so hätte ich es jetzt getan; ich bereue gar nicht, daß ich es schon eingereicht habe). Ich habe noch eine Hoffnung. Ich vollende gerade einen Roman (»Arme Leute«) im Umfange von »Eugénie Grandet«. Der Roman ist recht originell. Ich schreibe ihn bereits ins Reine; am 14. werde ich wohl schon eine Antwort von der Redaktion haben. Ich will ihn in den »Vaterländischen Annalen« unterbringen. (Ich bin mit meiner Arbeit zufrieden.) Ich werde dafür vielleicht vierhundert Rubel bekommen; dies ist meine ganze Hoffnung. Ich hätte dir gern ausführlicher über meinen Roman geschrieben, doch mir fehlt die Zeit. (Das Drama werde ich unbedingt unterbringen. Denn ich will davon leben.)

Die Moskauer sind unglaublich dumm, eingebildet und klugschwatzend. K. rät mir in seinem letzten Brief, ohne jeden ersichtlichen Grund, ich möchte mich nicht so sehr von Shakespeare hinreißen lassen. Er sagt, Shakespeare sei nur eine Seifenblase. Ich möchte, daß du diese lächerliche Gehässigkeit gegen Shakespeare begreifst. Warum bringt er plötzlich Shakespeare aufs Tapet? Den Brief hättest du sehen sollen, den ich ihm darauf geschrieben habe! Es ist ein Muster von polemischem Stil. Ich habe ihn wirklich gut abgefertigt. Meine Briefe sind Meisterwerke der »Lettristik«.

Bruder, schreib doch um Gottes willen sofort nach Hause. Meine Lage ist verzweifelt; der 14. Oktober ist der alleräußerste Termin; ich habe mein Gesuch vor eineinhalb Monaten eingereicht. Um Himmels willen! Schreibe ihnen, sie möchten mir das Geld sofort schicken. Es ist dringend, denn sonst werde ich keine Kleidung haben. Chlestakow (in Gogols Revisor) wollte gern ins Gefängnis gehen, doch nur »in allen Ehren«. Wie kann ich aber ohne Hose »in allen Ehren« ins Gefängnis gehen?

Meine Adresse: Neben der Wladimirkirche, Haus Prjanischnikow, Grafengasse. Dostojewskij.

Ich bin mit meinem Roman außerordentlich zufrieden. Ich bin außer mir vor Freude. Für den Roman werde ich sicher Geld bekommen; was aber weiter kommt ...

Verzeihe mir, daß dieser Brief so zusammenhanglos ist.

VI.
An den Bruder Michail, den 24. März 1845

Du brennst wohl schon lange vor Ungeduld, liebster Bruder. Die Ungewißheit meiner Lage hinderte mich am Schreiben. Ich kann mich keiner Beschäftigung hingeben, wenn ich nichts als Ungewißheit vor Augen habe. Es ist mir noch immer nicht gelungen, meine Angelegenheiten irgendwie zu ordnen; ich will dir aber trotz dieser Ungewißheit schreiben; denn ich habe dir schon so lange nicht geschrieben.

Ich habe von den Moskauern fünfhundert Rubel bekommen. Ich hatte aber so viel alte und neue Schulden, daß das Geld mir für den Druck nicht langte. Das wäre ja noch nicht so schlimm. Ich könnte ja das Geld der Druckerei schuldig bleiben, oder die Schulden zu Hause nur zum Teil bezahlen; der Roman war aber noch nicht fertig. Ich hatte ihn ja noch im November fertig geschrieben, im Dezember beschloß ich aber, ihn gänzlich umzuarbeiten; ich habe ihn umgearbeitet und ins Reine geschrieben; doch im Februar begann ich wieder zu feilen, zu polieren, einzelne Stellen zu streichen und andere neu einzufügen. Gegen Mitte März war ich damit fertig und mit meiner Arbeit zufrieden. Nun kam etwas Neues dazwischen: die Zensur braucht einen ganzen Monat zum Lesen. Schneller geht es nicht. Die Zensurbeamten sind angeblich mit Arbeit überladen. Ich wußte nicht, was ich anfangen sollte und habe mir das Manuskript zurückgeben lassen. Denn außer den vier Wochen für die Zensur mußte ich noch weitere drei Wochen für den Druck rechnen. Das Buch könnte also frühestens im Mai erscheinen. Das wäre zu spät! Da begann man, mich von allen Seiten zu bestürmen, ich möchte den Roman an die »Vaterländischen Annalen« schicken. Das wäre Unsinn. Ich müßte es sicher bereuen. Erstens würden sie das Manuskript gar nicht lesen, und wenn sie es auch lesen würden, so doch nicht vor einem halben Jahre. Sie haben auch ohnehin genug Manuskripte liegen. Und wenn sie das Werk auch drucken, so bekomme ich dafür keinen Heller. Denn bei dieser Zeitschrift herrscht eine wahre Oligarchie. Was brauche ich den Ruhm, wenn ich des täglichen Brotes wegen schreibe? Ich habe einen verzweifelten Entschluß gefaßt: noch weiter warten und unter Umständen neue Schulden machen; gegen den 1. September, wenn alle nach Petersburg umgezogen sind und wie die Spürhunde nach Neuem suchen, will ich versuchen, für die letzten Kopeken, die möglicherweise gar nicht reichen werden, den Roman drucken zu lassen. Wenn ich das Werk in eine Zeitschrift gebe, so komme ich unter das Joch nicht nur des ersten Maître d'hôtel, sondern auch aller Küchenmägde und Küchenjungen, die überall, wo die Kultur gemacht wird, nisten. Es gibt dort mehr als einen Diktator: es sind ihrer zwanzig. Wenn ich aber das Werk auf eigene Kosten drucke, so kann ich mir mit meiner eigenen Kraft den Weg bahnen; und wenn das Werk gut ist, so wird es nicht verloren gehen; es wird mich sogar vor den Schulden und Nahrungssorgen retten.

Und nun von den Nahrungssorgen! Du weißt ja, Bruder, daß ich in dieser Beziehung auf meine eigenen Kräfte angewiesen bin. Ich habe mir aber geschworen, wie schlecht es mir auch gehen möge, mich zusammenzunehmen und unter keinen Umständen auf Bestellung zu schreiben. Bestellte Arbeit wird mich erdrücken und verderben. Ich will, daß jedes meiner Werke unzweifelhaft gut sei. Sieh dir nur Puschkin und Gogol an. Beide haben sehr wenig geschrieben, sich aber Denkmäler verdient. Gogol bekommt schon jetzt für den Druckbogen tausend Rubel, Puschkin hat aber, wie du wohl weißt, für jede Verszeile einen Dukaten bekommen. Beide, besonders aber Gogol, haben ihren Ruhm mit Jahren bitterer Not erkauft. Die alte Schule geht zugrunde; die neue Schule schreibt aber nicht: sie schmiert. Das ganze Talent wird für einen breiten Schwung verschwendet, in dem man nur eine unfertige ungeheuerliche Idee und kolossale Muskelkraft entdecken kann; es steckt aber fast gar keine ernsthafte Arbeit darin. Béranger sagte von den modernen französischen Feuilletonisten, ihre Arbeit sei wie eine Flasche Chambertin in einem Eimer Wasser. Bei uns ahmt man sie nach. Raffael arbeitete an jedem Bild viele Jahre und feilte an jedem Detail lange herum; so schuf er Wunderwerke. Unter seinem Pinsel entstanden Götter! Heute malt Vernet in einem Monat ein Bild fertig, das einen eigens dazu erbauten riesengroßen Saal erfordert; die Perspektive ist großartig, der Schwung kolossal; ernsten Wert hat aber das Bild für keinen Heller. Sie alle sind nichts als Dekorationsmaler.

Mit meinem Roman bin ich wirklich zufrieden. Es ist ein ernstes und gut ausgebautes Werk. Es hat aber auch entsetzliche Mängel. Der Druck wird mich für alles belohnen. Jetzt, solange ich keine neuen Ideen habe, möchte ich gern irgend etwas schreiben, um mich beim Publikum einzuführen, oder auch nur des Geldes wegen; ich habe aber wirklich keine Lust, etwas Wertloses zu schreiben; zu Ernstem brauche ich aber viel Zeit.

Es naht die Zeit, die ich mit euch, meine lieben Freunde, verleben wollte. Ich werde aber keine Mittel, d. h. kein Geld haben. Ich habe beschlossen, in der alten Wohnung zu bleiben. Hier habe ich wenigstens einen Vertrag mit dem Vermieter und brauche mich sechs Monate lang um nichts zu bekümmern. Die Sache ist eben die, daß mein Roman alles decken soll. Wenn mir dies nicht gelingt, werde ich mich aufhängen.

Ich möchte mir bis zum August wenigstens dreihundert Rubel sparen. Ich kann das Buch auch für dreihundert Rubel drucken. Die Rubel laufen aber wie die Krebse nach allen Richtungen auseinander. Ich hatte gegen vierhundert Rubel Schulden (die neuen Ausgaben und Kosten der Kleidung inbegriffen); nun bin ich für mindestens zwei Jahre anständig gekleidet. Ich werde übrigens unbedingt zu euch kommen. Schreibe mir möglichst gleich, was du dir über meine Wohnung denkst. Es ist ein entscheidender Schritt. Was soll ich aber tun?

Du schreibst, es graue dir vor der Zukunft ohne Geld. Schiller wird aber alles decken, außerdem kann ja auch mein Roman etwas einbringen. Schreibe mir bald. Mit der nächsten Post werde ich dir alle meine Entschlüsse mitteilen.

Dein Bruder Dostojewskij.

Küsse von mir die Kinder und grüße Emilie Fjodorowna (Frau des Michail Dostojewskij.). Ich denke oft an euch. Es interessiert dich vielleicht, was ich treibe, wenn ich nicht schreibe: ich lese. Ich lese sehr viel, und die Lektüre hat auf mich eine seltsame Wirkung. Wenn ich irgend etwas, was ich schon vor Jahren einmal gelesen habe, wieder lese, so spüre ich in mir neue Kräfte; ich dringe in das Buch tief ein, begreife alles und schöpfe daraus auch Schaffenskraft für mich.

Vom Dramenschreiben will ich nichts wissen. Dazu brauche ich jahrelange Ruhe und Mühe. Es ist ja heute so leicht, Dramen zu schreiben. Das Drama neigt jetzt zum Melodrama. Shakespeare verschwindet im Nebel und erscheint im Dunste des elenden modernen Dramas wie ein Gott, wie ein Brockengespenst. Im Sommer werde ich vielleicht doch noch versuchen, etwas zu schreiben. Wollen wir noch zwei oder drei Jahre abwarten! Bruder, in literarischer Beziehung bin ich nicht mehr derselbe, der ich vor zwei Jahren war. Damals war alles Kinderei und Unsinn. Die zwei Jahre ernsten Studiums haben mir vieles genommen und vieles eingebracht.

Im »Invalid« las ich soeben im Feuilleton von den deutschen Dichtern, die an Hunger, Kälte oder in Irrenhäusern gestorben sind. Es sind im ganzen an die zwanzig; und was für Namen sind darunter! Mir ist auch jetzt noch unheimlich zumute. Man sollte wirklich ein Scharlatan sein ...

VII.
An den Bruder Michail, den 4. Mai 1845

Liebster Bruder! Verzeihe, daß ich dir wieder so lange nicht geschrieben habe. Ich habe noch immer verdammt viel zu tun. Mein Roman, den ich unmöglich loswerden kann, macht mir unendlich viel zu schaffen; wenn ich es vorher gewußt hätte, so hätte ich ihn wohl gar nicht angefangen. Ich habe mich entschlossen, ihn wieder umzuarbeiten; er hat dadurch, bei Gott, sehr viel gewonnen. Jetzt bin ich auch damit fertig, und diese Neubearbeitung ist wirklich die allerletzte. Ich habe mir das Wort gegeben, ihn nicht wieder anzurühren. Es ist schon einmal das Schicksal aller Erstlingswerke, daß man sie unzähligemal abändert. Ich weiß nicht, ob Chateaubriands »Atala« sein Erstlingswerk war, ich weiß aber, daß er dieses Werk siebzehnmal umgearbeitet hat. Puschkin verfuhr so auch mit ganz kurzen Gedichten. Gogol pflegte seine wundervollen Werke zwei Jahre lang zu feilen; und wenn du die »Empfindsame Reise«, ein winziges Buch, von Sterne gelesen hast, so wirst du dich wohl erinnern können, was Walter Scott in seiner Notiz über Sterne, mit Berufung aus Sternes Diener La Fleur sagt. La Fleur behauptet, sein Herr hätte etwa hundert Buch Papier mit der Schilderung seiner Reise durch Frankreich vollgeschrieben. Nun fragt es sich, was aus dieser Menge Papier geworden ist. Das Ganze ergab ein Büchlein, zu dem ein sparsamer Schreiber, wie z. B. Pljuschkin (Anmerkung des Überestzers: Gestalt aus Gogols »Toten Seelen«; personifizierter Geiz.), ein halbes Buch Papier verwendet hätte. Ich begreife gar nicht, wieso dieser selbe Walter Scott in wenigen Wochen so vollendete Werke wie »Mannering« fertigstellen konnte. Vielleicht nur, weil er um jene Zeit vierzig Jahre alt war.

Ich weiß gar nicht, Bruder, was aus mir werden soll! Du urteilst falsch, wenn du behauptest, daß mich meine Lage gar nicht bedrückt. Sie peinigt mich entsetzlich, und ich kann oft nächtelang vor den quälenden Gedanken nicht einschlafen. Verständige Leute sagen mir, daß ich zugrunde gehe, wenn ich den Roman als Buch herausgebe. Sie sagen zwar, das Buch werde sehr gut sein, ich sei aber kein Kaufmann ... Die Buchhändler seien Wucherer; sie würden mich selbstverständlich ausbeuten, und ich würde totsicher hereinfallen.

Aus diesem Grunde habe ich doch den Entschluß gefaßt, den Roman in einer Zeitschrift, z. B. in den »Vaterländischen Annalen« unterzubringen. Die »Vaterländischen Annalen« haben eine Auflage von zweitausendfünfhundert Exemplaren, folglich werden sie von mindestens hunderttausend Leuten gelesen. Wenn ich den Roman in dieser Zeitschrift erscheinen lasse, so ist meine literarische Zukunft und mein ganzes Leben gesichert. Ich kann dabei leicht mein Glück machen. Ich bekomme dann ständigen Zutritt in die »Vaterländischen Annalen«, und habe immer Geld; wenn mein Roman im August- oder im Septemberheft erscheint, kann ich ihn im Oktober noch als Buch auf eigene Rechnung herausgeben, und zwar mit der sicheren Aussicht, daß alle, die überhaupt Romane kaufen, ihn sich anschaffen werden. Außerdem werden mich auch die Anzeigen nichts kosten. Ja, so stehen die Sachen!

Ehe ich den Roman untergebracht habe, kann ich nicht nach Reval kommen; ich will nicht die Zeit umsonst vergeuden. Ich darf keine Mühe scheuen. Ich habe noch eine Reihe neuer Ideen, die mir einen literarischen Namen verschaffen werden, sobald mein erster Roman untergebracht ist. Dies sind alle meine Aussichten für die Zukunft.

Was aber das Geld betrifft, so habe ich leider keines. Der Teufel weiß, wo es hingekommen ist. Dafür habe ich wenig Schulden ...

Wenn ich den Roman einmal untergebracht habe, wird es mir auch ein leichtes sein, deine Schillerübersetzung unterzubringen, so wahr ich lebe! Der »Ewige Jude« ist nicht übel. Sue scheint mir übrigens recht beschränkt zu sein.

Ich spreche nicht gern davon, lieber Bruder, doch deine Lage und das Schicksal deines Schiller quälen mich so sehr, daß ich oft meine eigene Lage vergesse. Und ich habe es wirklich nicht leicht.

Wenn ich den Roman nicht unterbringe, so gehe ich vielleicht in die Newa. Was soll ich denn tun? Ich habe mir schon alles überlegt! Ich werde den Tod meiner fixen Idee nicht überleben können!

Schreibe mir bald, denn ich langweile mich.

VIII.
An den Bruder Michail, den 8. Oktober 1845

Liebster Bruder! Ich hatte bisher weder Zeit noch die nötige Stimmung, um dir irgend etwas von meinen eigenen Angelegenheiten zu schreiben. Alles war ekelhaft und häßlich und die ganze Welt ödete mich an. Erstens hatte ich während der ganzen Zeit kein Geld und lebte auf Kredit, was höchst unangenehm ist, mein lieber und einziger Freund. Zweitens war ich auch sonst in jener schlechten Stimmung, bei der man jeden Mut verliert, doch nicht in stumpfe Gleichgültigkeit verfällt, sondern, was viel schlimmer ist, viel zu viel an sich selbst denkt und unbändig wütet. Anfangs dieses Monats besuchte mich Nekrassow (Anmerkung des Übersetzers: Nikolai Alexejewitsch Nekrassow (1821-77), namhafter Dichter liberaler Tendenz, leitete 1846-66 die von Puschkin begründete Monatsschrift »Ssowremennik« (= Der Zeitgenosse)). und zahlte mir einen Teil seiner Schuld zurück; den Rest bekomme ich in einigen Tagen. Ich muß dir sagen, daß Bjelinskij (Anmerkung des Übersetzers: Wissarion Grigorjewitsch Bjelinskij (1810-48), hervorragendster russischer Kritiker extrem-liberaler Richtung.) mir vor vierzehn Tagen eine umfassende Belehrung erteilt hat, wie man sich in unserer literarischen Welt einleben kann; schließlich erklärte er mir, daß ich um meines Seelenheiles willen nicht weniger als zweihundert Rubel für den Druckbogen verlangen darf. Mein Goljädkin (»Der Doppelgänger.«) würde mir in diesem Falle mindestens fünfzehnhundert Rubel einbringen. Nekrassow, den offenbar Gewissensbisse peinigten, kam ihm zuvor und versprach mir zum 15. Januar hundert Rubel für meinen Roman »Arme Leute«, den er von mir erworben hat. Er mußte mir selbst gestehen, daß ein Honorar von hundertfünfzig Rubel durchaus unchristlich sei; er hat es mir auch um hundert Rubel erhöht. Dies alles ist ja recht schön. Sehr unangenehm ist mir aber, daß ich noch immer keine Nachricht von der Zensur wegen der »Armen Leute« habe. Sie verschleppen diesen unschuldigen Roman, und ich weiß gar nicht, womit das enden wird. Und wenn sie ihn verbieten? Oder gänzlich zusammenstreichen? Es ist ein wahres Unglück; Nekrassow sagt mir aber, daß der Almanach nicht rechtzeitig wird erscheinen können und daß ihn dieses Unternehmen bereits viertausend Rubel kostet.

Jakow Petrowitsch Goljädkin ist ein Charakter. Er ist durch und durch gemein, und ich kann mit ihm wahrlich nicht fertig werden. Er will nicht vorwärts kommen, denn er behauptet, er sei noch immer nicht fertig; er sei noch nichts, könne aber, wenn es notwendig ist, auch seinen wahren Charakter zeigen; warum denn nicht? Im übrigen sei er nicht ärger als die andern. Was geht ihn meine Arbeit an! Ein furchtbar gemeiner Kerl! Vor Mitte November will er unter keinen Umständen seine Karriere abschließen. Er hat bereits eine Unterredung mit Seiner Exzellenz gehabt und ist nicht abgeneigt, den Abschied zu nehmen; warum auch nicht? Doch mich, seinen Autor, versetzt er in eine peinliche Lage.

Ich komme oft zu Bjelinskij. Er ist mir über alle Maßen gewogen und sieht in mir eine Rechtfertigung seiner Ansichten vor dem Publikum. Ich habe neulich Kroneberg, den Übersetzer Shakespeares (er ist ein Sohn des alten Professors aus Charkow) kennen gelernt. Meine Zukunft (und zwar die nächste Zukunft) kann sich im allgemeinen recht günstig gestalten, kann aber auch entsetzlich schlecht werden. Bjelinskij treibt mich an, meinen Goljädkin fertig zu schreiben. Er hat schon in der ganzen literarischen Welt Gerüchte über diesen Roman verbreitet und ihn beinahe an Krajewskij (Anmerkung des Übersetzers: Herausgeber der »Vaterländischen Annalen«.) verkauft. Von den »Armen Leuten« spricht bereits das halbe Petersburg. Großartig ist ein Ausspruch von Grigorowitsch (Anmerkung des Übersetzers: Dmitrij Wassiljewitsch Grigorowitsch (1822-99), beliebter Schriftsteller, Verfasser zahlreicher Romane und Novellen. Kollege Dostojewskijs in der Ingenieurschule.). Er hat mir selbst gesagt Je suis votre claqueur-chauffeur!«

Nekrassow ist ein echter Schwindler; anders würde er gar nicht existieren können; es ist ihm schon so angeboren. Gleich nach seiner Ankunft kam er abends zu mir und entwickelte das Projekt eines kleinen fliegenden Almanachs, an dem die ganze literarische Gemeinde nach Kräften mitarbeiten soll; an der Spitze der Redaktion sollen aber ich, Grigorowitsch und Nekrassow stehen. Der letztere will die Kosten tragen. Der Almanach soll zwei Druckbogen stark sein und alle vierzehn Tage erscheinen: am 7. und 21. jeden Monats. Er soll »Suboskal« (Der Spötter) heißen. Wir wollen alles schonungslos verspotten und auslachen, Theater, Zeitschriften, Gesellschaft, Literatur, Tagesereignisse, Ausstellungen, Zeitungsmeldungen, Nachrichten aus dem Auslande, mit einem Worte alles; das Ganze soll in einer Richtung und einem Geiste geschrieben werden. Das erste Heft soll am 7. November erscheinen. Dieses Heft ist wunderbar zusammengestellt. Erstens wird es auch Illustrationen bringen. Als Motto nehmen wir die berühmten Worte Bulgarins (Anmerkung des Übersetzers: Faddej Bulgarin (1789-1859), Journalist, stand im Solde der Polizei und war als Denunziant und Lockspitzel gehaßt und gefürchtet.) aus seinem Feuilleton in der »Nordischen Biene«: »Wir sind bereit, für die Wahrheit zu sterben, denn wir können nicht ohne Wahrheit leben usw.« Darunter setzen wir die Unterschrift Faddej Bulgarin. Mit dem gleichen Motto wird auch die Anzeige versehen sein, die am 1. November erscheinen wird. Das erste Heft wird folgende Beiträge enthalten: einen Aufsatz Nekrassows »Über gewisse Petersburger Gemeinheiten« (die selbstverständlich erst in diesen Tagen geschehen sind). Den zukünftigen Roman von Eugène Sue: »Die sieben Todsünden« (der ganze Roman umfaßt drei Seiten). Eine Übersicht aller Zeitschriften. Einen Vortrag Schewyrjows über Puschkins Verse: sie sind so harmonisch, daß, als Schewyrjow einmal im Coliseum zu Rom in Damengesellschaft einige Strophen Puschkins rezitierte, alle Frösche und Eidechsen, die im Coliseum hausen, hervorgekrochen waren, um die wunderbaren Verse zu hören. (Schewyrjow hat eine solche Vorlesung in der Moskauer Universität gehalten.) Dann kommt ein Bericht über die letzte Sitzung der Gesellschaft der Slawophilen, in der feierlich bewiesen wurde, daß Adam ein Slawe war und in Rußland gelebt hatte; bei dieser Gelegenheit wird auf die Bedeutung und den Nutzen der Lösung dieser großen sozialen Frage für das Wohlergehen der ganzen russischen Nation hingewiesen werden. In der Kunstchronik wird sich unser »Suboskal« mit der »Illustration« Kukolniks solidarisch erklären und sich dabei ganz besonders auf folgende Stelle in dieser Zeitschrift berufen: (es ist bekannt, daß die »Illustration« so schlecht redigiert und korrigiert wird, daß auf dem Kopf stehende Buchstaben und durcheinandergekommene Worte eine ganz normale Erscheinung sind). Grigorowitsch wird eine »Wochenchronik« schreiben und darin einige seiner Wahrnehmungen zum besten geben. Ich werde »Notizen eines Lakaien über seinen Herrn« schreiben. Die Zeitschrift wird, wie du siehst, recht lustig werden; etwas in der Art der »Guèpes« von Alphonse Carre. Das Unternehmen ist glänzend, denn auf mich allein werden monatlich im ungünstigsten Falle hundert bis hundertfünfzig Rubel kommen. Das Buch wird Erfolg haben. Nekrassow will sich auch mit Versen beteiligen.

... Lies unbedingt »Teverino« (von George Sand in den »Vaterländischen Annalen«, Oktober). Dergleichen hat es in unserem Jahrhundert noch nicht gegeben. Es kommen darin wahre Urbilder von Menschen vor ...

IX.
An den Bruder Michail, den 16. November 1845

Liebster Bruder! Ich schreibe dir in aller Eile, da meine Zeit sehr knapp ist. Goljädkin ist noch immer nicht fertig; ich muß ihn aber unbedingt zum 25. fertig schreiben. Du hast mir so lange nicht geschrieben, daß ich bereits um dich besorgt war. Schreibe mir doch öfter; was du über Zeitmangel schreibst, ist Unsinn. Braucht man denn wirklich viel Zeit, um einen Brief zu schreiben? Das Provinzleben mit dem ewigen Nichtstun richtet dich einfach zugrunde, mein Liebster; das ist alles.

Ja, Bruder, ich glaube, mein Ruhm steht jetzt in seiner höchsten Blüte. Man bringt mir überall unglaubliche Achtung und kolossales Interesse entgegen. Ich habe eine Menge höchst anständiger Menschen kennen gelernt. Fürst Odojewskij bittet mich um die Ehre meines Besuches, und Graf Ssollogub rauft sich vor Verzweiflung die Haare aus. Panajew hat ihm erklärt, es gäbe ein neues Talent, vor dem sie alle verschwänden. S. lief lange herum, besuchte u. a. Krajewskij und fragte ihn ganz unvermittelt: »Wer ist Dostojewskij? Wo kann ich Dostojewskij erwischen?« Krajewskij, der vor niemand Respekt hat und alle schneidet, gab ihm zur Antwort: »Dostojewskij wird wohl nicht geneigt sein, Ihnen das Glück und die Ehre seines Besuches zu schenken.« Es stimmt ja wirklich: der Junker steigt nun aufs hohe Roß und glaubt, mich mit seiner Huld vernichten zu können. Alle betrachten mich als ein Weltwunder. Wenn ich nur den Mund aufmache, so hallt es gleich in allen Ohren nach, was Dostojewskij gesagt hat, was Dostojewskij zu tun beabsichtigt. Bjelinskij liebt mich über alle Maßen. Der Dichter Turgenjew, der soeben aus Paris zurückgekehrt ist, hat sich mir gleich am ersten Tage in inniger Freundschaft angeschlossen, und Bjelinskij behauptet, Turgenjew hätte sich in mich verliebt. T. ist ein wirklich herrlicher Mensch! Auch ich bin in ihn beinahe verliebt. Ein hochbegabter Dichter, Aristokrat, schön, reich, klug, gebildet und erst fünfundzwanzig Jahre alt; ich weiß wirklich nicht, was er sich vom Schicksal noch wünschen könnte. Außerdem hat er einen ungemein aufrichtigen, schönen, wohl beherrschten Charakter. Lies doch seine Novelle »Andrej Kolossow« in den »Vaterländischen Annalen«. Der Held dieser Novelle ist er selbst, obwohl er gar nicht die Absicht hatte, sich selbst zu schildern.

Ich bin noch immer nicht reich, obwohl ich auch nicht über Not klagen kann. Neulich saß ich ganz ohne Geld. Nekrassow hat inzwischen den Plan gefaßt, einen reizenden humoristischen Almanach »Suboskal« herauszugeben; die Anzeige habe ich geschrieben. Diese Anzeige hat großes Aufsehen erregt; denn es ist der erste Versuch, ähnliche Erzeugnisse in einem leichten und humoristischen Stil zu schreiben. Diese Anzeige erinnert mich an das erste Feuilleton des Lucien de Rubempré (Anmerkung des Übersetzers: In den » Illusions perdues« von Balzac.). Meine Anzeige ist bereits in den »Vaterländischen Annalen« und in den »Vermischten Nachrichten« erschienen. Ich habe für diese Arbeit zwanzig Rubel bekommen. Als ich neulich so ganz ohne Geld war, besuchte ich Nekrassow. Während ich bei ihm saß, kam mir die Idee, einen Roman in neun Briefen zu schreiben. Nach Hause zurückgekehrt, schrieb ich den Roman in einer Nacht fertig; sein Umfang beträgt einen halben Bogen. Am Morgen brachte ich das Manuskript zu Nekrassow und bekam dafür hundertfünfundzwanzig Rubel; der »Suboskal« zahlt mir also für den Bogen zweihundertfünfzig Rubel. Am Abend wurde mein Roman in unserem Kreise, d. h. vor zwanzig Anwesenden vorgelesen und hatte einen kolossalen Erfolg. Er wird im ersten Heft des »Suboskal« erscheinen. Ich werde dir das Heft am 1. Dezember schicken. Bjelinskij sagte mir, er sei jetzt meiner sicher, denn ich hätte die Fähigkeit, die verschiedenartigsten Elemente in Angriff zu nehmen. Als Krajewskij neulich hörte, daß ich kein Geld habe, bat er mich ganz ergebenst, von ihm ein Darlehen von fünfhundert Rubel anzunehmen. Ich glaube, daß ich von ihm zweihundert Rubel für den Bogen bekommen werde.

Ich habe eine Menge neuer Ideen; wenn ich aber auch nur etwas irgend jemand, z. B. Turgenjew anvertraue, wird es schon morgen in allen Ecken und Enden von Petersburg heißen, daß Dostojewskij dies und das schreibt. Ja, Bruder, wenn ich dir alle meine Erfolge aufzählen wollte, so würde mir das Papier dazu nicht ausreichen. Ich glaube, daß ich bald viel Geld haben werde. Goljädkin gerät mir großartig; es wird mein Meisterwerk werden. Gestern war ich zum ersten Male bei P. und habe mich, wie mir scheint, in seine Frau verliebt. Sie ist klug und schön, dabei liebenswürdig und ungewöhnlich aufrichtig. Ich vertreibe mir die Zeit gut. Unser Kreis ist sehr groß. Ich schreibe aber nur über mich selbst, verzeihe es mir, Liebster; ich will dir aufrichtig sagen, daß ich jetzt von meinem Ruhm gänzlich berauscht bin. Mit meinem nächsten Brief werde ich dir den »Suboskal« schicken. Bjelinskij sagt, ich profanierte mich, wenn ich am »Suboskal« mitarbeitete.

Leb wohl, Freund. Ich wünsche dir Glück. Ich gratuliere dir zu der Beförderung. Ich küsse deiner Emilie Fjodorowna die Hände und umarme deine Kinder. Wie geht es ihnen?

Dein Dostojewskij.

Bjelinskij hält mir die Verleger vom Leibe. Ich habe diesen Brief durchgelesen und festgestellt, daß ich erstens fürchterlich schreibe und zweitens ein Prahlhans bin.

Leb wohl und schreibe mir um Gottes willen.

Unser Schiller wird sicher zustande kommen. Bjelinskij lobt unsere Absicht, das gesamte Werk Schillers herauszugeben. Ich glaube, daß ich die Arbeit mit der Zeit günstig unterbringen werde; vielleicht bei Nekrassow.

Lebe wohl.

Alle die Minnchen, Klärchen, Mariannchen usw. sind unglaublich hübsch geworden, doch kosten sie eine Menge Geld. Turgenjew und Bjelinskij haben mich neulich wegen meines unordentlichen Lebenswandels ausgeschimpft. Diese Herren wissen gar nicht, wie sie mir ihre Liebe bezeugen können; sie sind alle in mich verliebt.

X.
An den Bruder Michail, den 1. Februar 1846

Liebster Bruder! Erstens, zürne mir nicht, weil ich dir solange nicht geschrieben habe. Ich hatte, bei Gott, keine Zeit, was ich dir gleich beweisen werde. Am meisten wurde ich vom Schurken Goljädkin aufgehalten, den ich erst am 28. fertig geschrieben habe. Es ist schrecklich! So ist es immer, wenn der Mensch sich etwas vornimmt: ich wollte ihn noch im August vollenden, mußte es aber bis zum Februar hinziehen! Jetzt schicke ich dir den Almanach. Die »Armen Leute« sind schon am 15. erschienen. Wenn du nur wüßtest, Bruder, wie erbittert man auf das Buch schimpft! Die Kritik in der »Illustration« ist ein ununterbrochenes Geschimpfe. Auch die Kritik in der »Nordischen Biene« ist unglaublich; ich kann mich aber noch erinnern, wie Gogol von der Kritik aufgenommen wurde, und wir beide wissen, was man über Puschkin schrieb. Selbst das Publikum ist ganz wütend: dreiviertel der Leser schimpfen und ein Viertel (vielleicht noch weniger) loben das Buch über alle Maßen. Es wird unendlich viel debattiert. Sie schimpfen, schimpfen, schimpfen und lesen es doch. (Der Almanach wird unglaublich gut gekauft. Es ist Aussicht vorhanden, daß die ganze Auflage in 14 Tagen ausverkauft sein wird.) So war es auch mit Gogol. Sie schimpften und schimpften, lasen ihn aber doch. Jetzt haben sie sich mit ihm versöhnt und loben ihn. Ich habe den Hunden einen harten Knochen vorgeworfen. Sollen sie sich nur darum balgen: die Dummköpfe machen mich damit nur berühmt! Die Kritik in der »Nordischen Biene« ist der Gipfel von Blamage für dieses Blatt. Sie ist unerhört dumm! Was ich aber auch für Lob zu hören bekomme! Denke dir nur, alle unsrigen und selbst Bjelinskij finden, daß ich Gogol weit übertroffen habe. In der »Bibliothek für Lektüre«, wo die Kritiken von Nikitenko geschrieben werden, wird demnächst ein sehr langer mir günstiger Aufsatz über die »Armen Leute« erscheinen. Bjelinskij wird im März anfangen, mit allen Glocken zu läuten. Odojewskij schreibt einen Aufsatz, der ganz den »Armen Leuten« gewidmet ist. Mein Freund Ssollogub tut dasselbe. So bin ich, mein Bruder, in die höchsten Kreise gestiegen und werde dir in drei Monaten persönlich von allen meinen Erlebnissen berichten.

Unser Publikum hat wie jeder Pöbel den richtigen Instinkt, doch keine Bildung. Sie können nicht begreifen, wie man einen solchen Stil schreiben kann. Sie sind es gewöhnt, in einem jeden Werke die Fratze des Verfassers zu sehen. Ich habe aber die meinige nicht zeigen wollen. Sie wollen es gar nicht einsehen, daß diese oder jene Ansichten von Djewuschkin und nicht von mir ausgesprochen werden und daß Djewuschkin gar nicht anders sprechen kann. Sie finden den Roman zu sehr in die Länge gezogen, und doch ist darin kein einziges überflüssiges Wort. Manche (wie Bjelinskij) finden es originell, daß ich analytisch und nicht synthetisch vorgehe, d. h. in die Tiefe eindringe, den Atomen auf die Spur komme und aus ihnen das Ganze aufbaue. Gogol geht aber immer aufs Ganze aus und ist daher nie so tief wie ich. Wenn du mein Buch liest, wirst du dich selbst davon überzeugen. Ich habe eine glänzende Zukunft vor mir! Heute erscheint mein »Goljädkin«. Vor vier Tagen habe ich noch an ihm gearbeitet. Er wird in den »Vaterländischen Annalen« elf Bogen füllen. »Goljädkin« ist zehnmal besser als die »Armen Leute«. Die Unsrigen sagen, daß es in Rußland nach den »Toten Seelen« nichts Ähnliches gegeben habe und daß es ein wirklich geniales Werk sei; sie sagen noch viel mehr. Was sie von mir nicht alles erwarten! »Goljädkin« ist mir wirklich glänzend geraten. Er wird dir sicher über alle Maßen gefallen. Hält man bei euch die »Vaterländischen Annalen«? Ich weiß nicht, ob Krajewskij mir ein Freiexemplar geben wird.

Ich habe dir so lange nicht geschrieben, lieber Bruder, daß ich gar nicht weiß, wo ich zuletzt stehengeblieben bin. Es ist inzwischen so viel passiert! Wir werden uns bald wiedersehen. Im Sommer komme ich unbedingt zu euch, meine Freunde, und werde den ganzen Sommer schrecklich viel schreiben: ich habe Ideen. Auch jetzt schreibe ich.

Für den Goljädkin habe ich genau sechshundert Rubel bekommen. Ich habe auch sonst noch eine Menge Geld verdient, so daß ich nach unserer letzten Begegnung mehr als dreitausend Rubel verlebt habe. Ich lebe eben sehr unordentlich, das ist die Sache! ... Meine Gesundheit ist gänzlich zerrüttet; ich bin nervenkrank und befürchte ein Nervenfieber. Ich bin so liederlich, daß ich gar nicht mehr ordentlich leben kann ...

XI.
An den Bruder Michail, den 1. April 1846

Du machst mir wohl Vorwürfe, weil ich dir so lange nicht geschrieben habe. Ich stehe aber auf dem Standpunkt Poprischtschins (Anmerkung des Übersetzers: Held der »Memoiren eines Verrückten« von Gogol.) : »Briefe sind Unsinn; nur Apotheker schreiben Briefe.« Was hätte ich dir schreiben können? Wenn ich alles, was ich dir zu sagen habe, schreiben wollte, müßte ich ganze Bände voll schreiben. Jeder neue Tag bringt mir soviel Neues, so viele Veränderungen, Eindrücke, angenehme und unangenehme, günstige und ungünstige Dinge, daß ich keine Zeit zum Nachdenken habe. Erstens bin ich immer beschäftigt. Ich habe eine Menge Ideen und schreibe ununterbrochen. Stelle dir nur nicht vor, daß ich auf Rosen gebettet bin. Unsinn. Erstens habe ich sehr viel Geld ausgegeben (d. h. genau viertausendfünfhundert Rubel seit unserem letzten Wiedersehen) und etwa tausend Rubel Vorschuß auf meine Ware bekommen. Bei meiner dir wohlbekannten Genauigkeit habe ich mich also vollständig bestohlen; so kommt es wieder oft vor, daß ich ganz ohne Geld bin ...

Das macht aber nichts. Mein Ruhm hat seinen Höhepunkt erreicht. Im Laufe von zwei Monaten wurde ich nach meiner Berechnung fünfunddreißigmal in verschiedenen Zeitschriften erwähnt. In einzelnen Kritiken werde ich über alle Maßen gelobt, in anderen mit Einschränkungen und in anderen wieder entsetzlich beschimpft. Was könnte ich denn noch verlangen? Unangenehm und qualvoll ist es aber für mich, daß meine eigenen Freunde, Bjelinskij und die anderen, mit meinem »Goljädkin« unzufrieden sind. Der erste Eindruck war ein unbewußtes Entzücken, großes Aufsehen und unendliches Gerede. Der zweite Eindruck war die Kritik. Alle, d. h. meine Freunde und das ganze Publikum erklärten einstimmig, daß mein »Goljädkin« langweilig und fad sei und so sehr in die Länge gezogen, daß man ihn unmöglich lesen könne. Einer von den unsrigen beschäftigt sich nun ausschließlich damit, daß er täglich ein Kapitel liest, um nicht zu ermüden; dabei grunzt er vor Vergnügen. Ein Teil des Publikums schreit, das Buch sei ganz unmöglich, es sei unsinnig, solche Werke zu schreiben und zu drucken; andere schreien wieder, daß alles aus dem Leben geschöpft sei und daß sie sich im Buche erkennen; zuweilen bekomme ich auch solche Lobhymnen zu hören, daß ich mich schäme, sie wiederzugeben. Was mich betrifft, so war ich für einige Zeit völlig entmutigt. Ich habe ein entsetzliches Laster: ich bin unerlaubt ehrgeizig und eitel. Der Gedanke, daß ich alle auf mich gesetzten Hoffnungen betrogen und ein Werk, das sehr bedeutend werden konnte, verdorben habe, bedrückte mich sehr schwer. Mich ekelte vor dem Goljädkin. Vieles darin habe ich zu flüchtig und in Augenblicken der Ermüdung geschrieben. Die erste Hälfte ist besser als die zweite. Neben vielen glänzenden Stellen gibt es ekelhafte und so schlechte, daß ich sie selbst nicht lesen kann. Dies alles versetzte mich für eine Zeitlang in eine Hölle; ich war ganz krank vor Ärger. Lieber Bruder, ich will dir den Goljädkin in vierzehn Tagen schicken. Lies ihn und teile mir deine aufrichtige Meinung mit.

Ich übergehe mein Leben und mein Studium und teile dir einige Neuigkeiten mit. 1. Eine große Neuigkeit: Bjelinskij verläßt die Redaktion der »Vaterländischen Annalen«. Seine Gesundheit ist arg zerrüttet, und er geht in ein Bad, vielleicht ins Ausland. Er will etwa zwei Jahre lang keine Kritiken mehr schreiben. Um seine Finanzen zu stärken, gibt er einen Almanach von fabelhaftem Umfang (sechzig Druckbogen) heraus. Ich schreibe für ihn zwei Erzählungen: l. »Der abrasierte Backenbart«, 2. »Die Erzählung von den abgeschafften Kanzleien«; beide Erzählungen sind von einer erschütternden Tragik und außerordentlich interessant, dabei äußerst knapp. Das Publikum ist auf sie sehr gespannt. Beide Erzählungen sind kurz ... Außerdem werde ich etwas für Krajewskij und einen Roman für Nekrassow schreiben. Das Ganze wird etwa ein Jahr in Anspruch nehmen. Der »Abrasierte Backenbart« ist in diesen Tagen fertig.

Die zweite Neuigkeit. Es ist eine ganze Menge neuer Schriftsteller aufgetaucht. In einzelnen sehe ich Nebenbuhler. Besonders interessant sind Herzen (Iskander) und Gontscharow. Von Herzen ist schon einiges erschienen; Gontscharow fängt erst eben an und ist noch nicht gedruckt. Beide werden über alle Maßen gelobt. Ich habe aber vorläufig den Vorrang und hoffe, ihn für immer zu behalten. Im literarischen Leben war noch nie so viel los wie jetzt. Es ist ein gutes Zeichen ...

[Es folgen einige unwesentliche Mitteilungen über D.s Leben. Er erteilt u. a. dem Bruder den Rat, Goethes »Reineke Fuchs« zu übersetzen.]

XII.
An den Bruder Michail, den 17. September 1846

Ich habe dir schon mitgeteilt, daß ich mir eine Wohnung gemietet habe. Es geht mir nicht schlecht, ich habe aber keinerlei Mittel für die Zukunft. Krajewskij hat mir fünfzig Rubel gegeben, ich konnte aber seinem Gesicht ablesen, daß er mir nichts mehr geben wird; ich werde es ziemlich schwer haben.

Eine gewisse Stelle [Zensur] hat meinen »Prochartschin« entsetzlich verstümmelt. Die Herren haben mir sogar, Gott weiß warum, das Wort »Beamter« gestrichen; das Ganze war ja ohnehin durchaus unschuldig, doch haben sie es furchtbar zusammengestrichen. Sie haben in dem Buch das ganze Leben getötet. Es ist nur ein Skelett dessen, was ich dir vorgelesen habe, zurückgeblieben. Nun sage ich mich von meinem Werke los ...

Ich schreibe noch immer den »Abrasierten Backenbart«. Die Arbeit geht sehr langsam vorwärts. Ich fürchte, daß sie nicht rechtzeitig fertig wird. Ich habe von zwei Herren, nämlich von Grigorowitsch und einem gewissen Beketow II. gehört, daß der »Petersburger Almanach« in der Provinz nur unter dem Namen »Arme Leute« bekannt ist. Der übrige Inhalt interessiert sie nicht im geringsten; der Absatz in der Provinz ist kolossal, die Leute zahlen oft den doppelten Preis. In den Buchhandlungen z. B. in Pensa und in Kiew kostet der Almanach ganz offiziell fünfundzwanzig und dreißig Rubel. Es ist ja wirklich merkwürdig: hier ist das Buch durchgefallen, und in der Provinz reißt man sich darum. Grigorowitsch hat eine wirklich wunderbare Erzählung geschrieben; ich und Maikow (der übrigens einen langen Aufsatz über mich schreiben will) haben es durchgesetzt, daß die Erzählung in den »Vaterländischen Annalen« gedruckt wird; die Zeitschrift ist übrigens sehr verarmt. Sie haben keine einzige Erzählung im Vorrat.

Bei uns herrscht entsetzliche Langeweile. Die Arbeit geht daher schlecht vorwärts. Ich habe bei euch wie im Paradiese gelebt; wenn es mir gut geht, muß ich immer alles mit meinem verdammten Charakter verderben ...

XIII.
An den Bruder Michail, (Brief ohne Datum) 1846

Liebster Bruder! Ich will dir nur einige Worte schreiben, denn ich habe entsetzlich viele Sorgen, und meine Lage ist verzweifelt. Die Sache ist die, daß alle meine Pläne ins Wasser gefallen sind. Der Sammelband kommt nicht zustande, denn keine einzige von den Erzählungen, von denen ich dir neulich schrieb, ist zustande gekommen. Auch den »Abrasierten Backenbart« habe ich aufgegeben. Ich habe alles aufgegeben, denn alles ist nur eine Wiederholung des Alten und längst von mir Ausgesprochenen. Ich habe eine Menge origineller, lebendiger und klarer Gedanken, die alle zu Papier gebracht werden wollen. Als ich den Schluß des »Abrasierten Backenbarts« schrieb, kam ich ganz von selbst zu dieser Einsicht. In meiner Lage ist jede Eintönigkeit mein Verderben.

Ich schreibe an einer neuen Erzählung, und die Arbeit geht wie bei den »Armen Leuten« leicht und frisch vorwärts. Ich habe diese Erzählung für Krajewskij bestimmt. Die Herren vom »Zeitgenossen« mögen mir darüber zürnen; es rührt mich wenig. Wenn ich die Erzählung im Januar fertig habe, werde ich bis zum nächsten Jahr nichts mehr drucken lassen; ich will einen Roman schreiben, und er gibt mir schon jetzt keine Ruhe.

Um aber inzwischen irgendwie leben zu können, will ich »Die armen Leute« und den überarbeiteten »Doppelgänger« in Buchform erscheinen lassen ...

XIV.
An den Bruder Michail, den 26. November 1846

Alle meine Verlagsprojekte sind durchgefallen. Das Ganze war wenig lohnend, erforderte viel Zeit und war verfrüht. Das Publikum hätte sich vielleicht ablehnend verhalten. Ich will alles zum nächsten Herbst verschieben. Das Publikum wird mich inzwischen besser kennen lernen, und meine Stellung wird klarer sein. Außerdem habe ich einige Vorschüsse zu erwarten. Der »Doppelgänger« ist bereits von einem Moskauer Künstler illustriert. Zu den »Armen Leuten« werden jetzt hier von zwei Künstlern Illustrationen gemacht; wer sie besser macht, bekommt den Auftrag. Bernardskij (Anmerkung des Übersetzers: Bernardskij – ein um jene Zeit beliebter Kupferstecher und Buchillustrator.) sagt mir, daß er mit mir im Februar in Unterhandlungen treten will und mir einen gewissen Betrag für das Recht, meine Werke mit seinen Illustrationen herauszugeben, bezahlen wird. Bisher war er mit den Illustrationen zu den »Toten Seelen« beschäftigt. Mit einem Worte, die Verlagspläne interessieren mich nicht mehr. Außerdem habe ich auch wenig Zeit. Ich habe eine Menge Arbeit und Aufträge. Ich muß dir mitteilen, daß ich alle Beziehungen zum »Zeitgenossen« in Person Nekrassows abgebrochen habe. Er ärgerte sich, weil ich auch für Krajewskij schreibe, dem ich noch seine Vorschüsse abarbeiten muß, und weil ich nicht die von ihm gewünschte öffentliche Erklärung abgeben wollte, daß ich nicht zum Redaktionsverbande der »Vaterländischen Annalen« gehöre. Als er sah, daß er von mir in der allernächsten Zeit keine neue Arbeit bekommen kann, warf er mir verschiedene Grobheiten an den Kopf und beging die Unvorsichtigkeit, von mir Geld zu verlangen. Ich nahm ihn beim Wort und stellte einen Schuldschein über den ganzen Betrag, zahlbar am 15. Dezember, aus. Ich will, daß sie selbst zu mir kommen. Als ich Nekrassow tüchtig ausgeschimpft hatte, tänzelte er und jammerte wie ein bestohlener Jude. Es ist mit einem Worte eine schmutzige Geschichte. Jetzt verbreiten sie über mich das Gerücht, daß ich von Ehrgeiz angesteckt sei und mich dem Krajewskij verkauft habe, weil Maikow (Anmerkung des Übersetzers: Valerian Maikow – Kritiker an den »Vaterländischen Annalen«.) mich in seiner Zeitschrift lobt. Nekrassow hat nun die Absicht, mich herunterzureißen. Was aber Bjelinskij betrifft, so ist er so charakterlos, daß er selbst in literarischen Dingen seine Ansichten fünfmal in der Woche ändern kann. Nur zu ihm allein habe ich noch meine früheren guten Beziehungen bewahrt. Er ist ein durchaus edler Mensch. Krajewskij hat sich über diese ganze Geschichte so sehr gefreut, daß er mir Geld gab und außerdem alle meine Schulden zum 15. Dezember zu bezahlen versprach. Dafür muß ich bis zum Frühjahr für ihn arbeiten.

Nun siehst du, Bruder: aus der ganzen Geschichte habe ich eine weise Regel gewonnen. Erstens schädigt sich der beginnende begabte Autor, wenn er freundschaftliche Beziehungen mit den Verlegern und Besitzern von Zeitschriften unterhält; die Folge davon ist, daß die Leute sich nachher zu viel erlauben und sich schmutzig benehmen. Hinzu kommt die Unabhängigkeit des Dichters, und schließlich muß er seine Arbeit ganz der heiligen Kunst weihen; diese Arbeit ist heilig, keusch und erfordert ein einfältiges Herz; mein Herz bebt jetzt wie noch nie vor all den neuen Gestalten, die in meinem Geiste entstehen. Bruder, ich mache jetzt nicht nur eine moralische, sondern auch eine physische Wandlung durch. Noch nie war in mir solche Klarheit, solcher innerer Reichtum, noch nie war mein Charakter so gleichmäßig, meine Gesundheit so zufriedenstellend wie jetzt. Ich verdanke dies in hohem Grade meinen guten Freunden: Beketow, Saljubezkij und den anderen, mit denen ich lebe. Es sind tüchtige, kluge Menschen mit feiner Herzensbildung und edlem festem Charakter. Der Umgang mit ihnen hat mich geheilt. Ich machte ihnen schließlich den Vorschlag, zusammen zu wohnen. Wir mieteten uns eine große Wohnung und teilen alle Auslagen für die Wirtschaft zu gleichen Teilen, was höchstens zwölfhundert Rubel pro Kopf und Jahr ausmacht. So groß sind die Segnungen des Genossenschaftsprinzips! Ich habe ein eigenes Zimmer und arbeite den ganzen Tag.

XV.
An den Bruder Michail 1847

Lieber Bruder! Ich muß dich schon wieder um Vergebung bitten, weil ich nicht Wort gehalten und dir nicht gleich mit der nächsten Post geschrieben habe. Ich war aber während der ganzen Zeit in einer so gedrückten Stimmung, daß es mir unmöglich war, zu schreiben. Ich habe mir auch viele qualvolle Gedanken über dich gemacht. So schwer ist dein Schicksal, lieber Bruder! Bei deiner schwachen Gesundheit, deinen Gedanken, ganz ohne Gesellschaft, bei ständiger Langeweile anstatt eines Festes und bei den ständigen Sorgen um deine Familie, die dir zwar süß sind, doch immerhin als schweres Joch auf dir lasten, ist das Leben unerträglich. Verliere aber nicht den Mut, Bruder. Es werden noch bessere Tage kommen. Weißt du: je reicher wir an Geist und innerem Gehalt sind, um so schöner erscheint unser Leben. Schrecklich ist ja natürlich die Dissonanz zwischen uns und der Gesellschaft. Das Äußere und das Innere müssen im Gleichgewicht sein. Denn beim Mangel an äußeren Erlebnissen werden die inneren Erlebnisse immer die Oberhand gewinnen, was höchst gefährlich ist. Die Nerven und die Phantasie machen sich in diesem Falle in unserem Wesen zu breit. Jedes äußere Erlebnis erscheint uns kolossal und ängstigt uns. Wir fangen an, das Leben zu fürchten. Es ist noch ein Glück, daß die Natur dich mit Liebe und Charakterstärke ausgestattet hat. Du hast noch einen starken, gesunden Verstand und Funken eines diamantenen Humors und frohen Temperaments. Dies ist deine Rettung. Ich denke immer viel an dich. Mein Gott, es gibt so viele häßliche, gemeine und beschränkte graubärtige Philosophen, Lebenskünstler und Pharisäer, die auf ihre Lebenserfahrung, d. h. Unpersönlichkeit (denn sie sind alle nach der gleichen Schablone gearbeitet) stolz sind, zu nichts taugen, die immerwährend Zufriedenheit mit dem Schicksal, einen Glauben an irgend etwas, Beschränkung im Leben und Zufriedenheit mit seiner Lage predigen, und dabei gar nicht an den Sinn dieser Worte denken; denn ihre Zufriedenheit gleicht der klösterlichen Selbstkasteiung; sie verurteilen mit unendlich kleinlicher Gehässigkeit die starke, glühende Seele eines jeden, der sich ihrem abgeschmackten Tagesprogramm und Lebenskalender nicht fügen will. Wie gemein sind doch diese Prediger des falschen irdischen Glückes! Ja, sie sind alle gemein! So oft ich ihnen in die Hände gerate, dulde ich Höllenqualen ...

[Hier folgt der Bericht über einen Besucher, der Dostojewskij mit seiner Kleinlichkeit außer sich gebracht hatte.]

... Ich möchte dich so gerne wiedersehen. Zuweilen quält mich eine namenlose Trauer. Ich muß manchmal daran denken, wie schwerfällig und eckig ich bei euch in Reval war. Ich war damals krank. Ich erinnere mich noch, wie du mir einmal gesagt hast, daß mein Benehmen dir gegenüber gegenseitige Gleichheit ausschließt. Mein geliebter Bruder! Du warst ungerecht. Ich habe ja wirklich einen schlechten, abstoßenden Charakter. Ich habe dich aber immer über mich gestellt. Ich könnte für dich und die Deinigen mein Leben opfern; doch auch wenn mein Herz in Liebe glüht, kann man von mir oft kein einziges freundliches Wort herausbekommen. In solchen Augenblicken habe ich meine Nerven nicht in der Gewalt. Ich erscheine lächerlich und abstoßend und muß unsagbar darunter leiden, daß mich meine Mitmenschen falsch beurteilen. Man sagt, ich sei trocken und herzlos. Wie oft habe ich Emilie Fjodorowna, einer Frau, die tausendmal besser ist als ich, Grobheiten gesagt. Ich kann mich erinnern, daß ich mich oft ohne jeden Grund über deinen Sohn Fedja ärgerte, obwohl ich ihn zur gleichen Zeit vielleicht noch mehr liebte, als dich. Ich kann mich nur dann als ein Mensch von Herz und Gemüt zeigen, wenn die äußeren Umstände mich gewaltsam aus dem ewigen Alltag herausreißen. Wenn dies aber nicht geschieht, bin ich immer abstoßend. Diese Ungleichmäßigkeit erkläre ich mit meiner Krankheit. Hast du die »Lucretia Floriani« gelesen? Sieh dir auch den »König« an. Bald wirst du aber meine »Netotschka Neswanowa« lesen können. Diese Erzählung wird wie der »Goljädkin« meine Beichte sein, wenn auch anders im Ton. Über »Goljädkin« bekomme ich oft solche Äußerungen zu hören, daß es mir ganz bange wird. Manche sagen, dieses Werk sei ein wirkliches, doch unverstandenes Wunder, es werde in der Zukunft eine kolossale Bedeutung haben, und dieser »Goljädkin« allein genüge schon, um mich berühmt zu machen; viele finden die Erzählung spannender als die Werke von Dumas. Nun fange ich schon wieder an, mich zu loben. Wie angenehm ist es aber, Bruder, richtig verstanden zu werden! Wofür liebst du mich eigentlich so sehr? Ich werde mir Mühe geben, dich möglichst bald wieder zu sehen. Laß uns doch einander glühend lieben. Wünsche mir Erfolg. Ich arbeite jetzt an der »Wirtin«. Sie gerät mir besser als die »Armen Leute«. Die Erzählung ist im gleichen Genre. Eine Quelle von Begeisterung, die meiner Seele entspringt, leitet meine Feder. Es ist ganz anders als beim »Prochartschin«, an dem ich den ganzen Sommer gelitten habe. Wie gern möchte ich dir, Bruder, sobald als möglich helfen. Hoffe felsenfest auf das Geld, das ich dir versprochen habe. Küsse von mir alle Deinigen. Inzwischen bin ich

dein Dostojewskij.

XVI.
An den Bruder Michail

[Nachschrift zu einem längern Geschäftsbrief vom Frühjahr 1847.]

Du wirst es kaum glauben. Es ist schon das dritte Jahr meiner literarischen Tätigkeit, und ich bin wie im Rausche. Ich sehe das Leben um mich herum gar nicht, habe keine Zeit, zur Besinnung zu kommen; ich habe auch keine Zeit, um etwas zu lernen. Ich will endlich etwas Sicheres erreichen. Sie haben mir einen zweifelhaften Ruhm geschaffen, und ich weiß nicht, wie lange noch diese Hölle, diese Armut und die vielen eiligen Arbeiten dauern werden; o könnte ich einmal Ruhe haben!!

XVII.
An den Bruder Michail, den 18. Juli 1849

[Aus der Festung.]

Lieber Bruder, ich habe mich über deinen Brief unsagbar gefreut; ich habe ihn am 11. Juli erhalten. Endlich bist du frei, und ich kann mir lebhaft vorstellen, wie glücklich du warst, als du deine Familie wieder sahst. Mit welcher Ungeduld haben sie dich wohl erwartet! Wie ich sehe, beginnst du dir dein Leben anders einzurichten. Womit bist du jetzt beschäftigt und, vor allen Dingen, wovon lebst du jetzt? Hast du Arbeit, und was für welche? Der Sommer ist ja in der Stadt so schwer zu ertragen. Du berichtest nur, daß du dir eine neue Wohnung gemietet hast; da wirst du es wohl noch enger haben. Es ist schade, daß du nicht den ganzen Sommer auf dem Lande verbringen kannst. Ich danke dir für deine Sendungen; sie haben mir Erleichterung und Zerstreuung verschafft. Du schreibst mir, geliebter Freund, ich solle den Mut nicht verlieren. Ich verliere ja gar nicht meinen Mut; es ist mir allerdings recht langweilig und traurig, was soll ich aber machen! Übrigens ist es auch nicht immer langweilig. Die Zeit vergeht mir überhaupt recht ungleichmäßig – bald zu schnell, bald zu langsam. Zuweilen habe ich den Eindruck, als hätte ich mich bereits an dieses Leben gewöhnt und als wäre mir alles gleich. Ich suche mir natürlich alle verführerischen Gedanken aus dem Kopfe zu jagen, kann aber mit ihnen oft nicht fertig werden; das frühere Leben mit den früheren Eindrücken bestürmt meine Seele, und ich durchlebe alles Vergangene von neuem. Das ist ja auch in der Ordnung der Dinge. Die Tage sind jetzt zum größten Teil heiter, und es ist mir etwas lustiger zumute. Die regnerischen Tage sind dagegen unerträglich, und die Kasematte sieht dann noch viel unfreundlicher aus. Ich habe auch Beschäftigung. Ich habe die Zeit nicht unnütz vertan: ich habe den Plan zu drei Erzählungen und zwei Romanen gefaßt; einen Roman schreibe ich jetzt, vermeide aber, zuviel zu arbeiten.

Solche Arbeit, besonders wenn ich sie mit großer Lust mache (ich habe nie so sehr con amore gearbeitet wie jetzt), hat mich immer angegriffen und auf meine Nerven gewirkt. Solange ich in Freiheit arbeitete, mußte ich immer die Arbeit durch Zerstreuungen unterbrechen; hier muß aber die auf die Arbeit folgende Erregung ganz von selbst vergehen. Meine Gesundheit ist gut, bis auf die Hämorrhoiden und die Zerrüttung der Nerven, die crescendo fortschreitet. Ab und zu bekomme ich Anfälle von Atemnot, der Appetit ist wie früher sehr ungenügend, der Schlaf ist schlecht und dazu noch mit krankhaften Träumen. Ich schlafe etwa fünf Stunden am Tage und erwache jede Nacht an die viermal. Dies ist das einzige, was mich bedrückt. – Am unangenehmsten sind die Stunden der Abenddämmerung! Um neun Uhr ist es bei uns schon ganz finster. Ich schlafe oft erst um ein und um zwei Uhr nach Mitternacht ein, und die fünf Stunden, die ich im Finstern liegen muß, sind schwer zu ertragen. Dadurch wird meine Gesundheit am meisten angegriffen. Wann unser Prozeß beendigt sein wird, kann ich gar nicht sagen, denn ich habe jede Vorstellung für die Zeit verloren und führe nur einen Kalender, auf dem ich rein passiv jeden vergangenen Tag streiche: erledigt! Ich habe hier nicht sehr viel gelesen: zwei Beschreibungen von Reisen ins Heilige Land und die Werke des Demetrius von Rostow. Die letzteren haben mich sehr interessiert; doch diese Lektüre ist nur ein Tropfen im Meere; jedes andere Buch würde mich, wie mir scheint, ganz außerordentlich freuen und könnte mir auch recht nützlich sein, denn so würde ich meine eigenen Gedanken durch fremde unterbrechen oder auf einen anderen Ton stimmen.

Hier hast du alle Einzelheiten über mein jetziges Leben; sonst kann ich dir nichts mitteilen. Es freut mich, daß du deine Familie bei bestem Wohlsein angetroffen hast. Hast du schon nach Moskau von deiner Befreiung geschrieben? Es ist schade, daß dort nichts werden will. Wie gerne möchte ich wenigstens einen Tag mit euch verbringen! Es sind schon bald drei Monate, seit wir hier in der Festung sitzen; was wohl noch weiter kommen mag! Vielleicht werde ich in diesem Sommer überhaupt kein grünes Blatt zu sehen bekommen. Weißt du noch, wie man uns manchmal im Mai ins Gärtchen spazieren führte? Dort begann es damals zu grünen, und ich mußte an Reval denken, wo ich dich um diese Jahreszeit besuchte, und an den Garten am Ingenieurhause. Es schien mir immer, daß auch dir dieser Vergleich in den Sinn kommen müsse; so traurig war mir zumute. Ich hätte auch Lust, manche andere Menschen zu sehen. Mit wem kommst du jetzt zusammen? Alle sind wohl aus dem Lande. Unser Bruder Andrej muß jetzt unbedingt in der Stadt sein; hast du Nikolja gesehen? Grüße sie alle von mir. Küsse von mir alle deine Kinder, grüße deine Frau und sage ihr, daß es mich sehr rührt, daß sie an mich denkt; mache dir nicht zu viel Sorgen wegen mir. Ich habe nur den einen Wunsch, gesund zu sein; die Langeweile ist etwas Vorübergehendes, und die gute Laune hängt ja schließlich von mir selbst ab. Im Menschen steckt unglaublich viel Zähigkeit und Lebenskraft; ich hatte nie erwartet, daß ich so viel davon habe; nun weiß ich es aus Erfahrung. Lebe wohl! Ich hoffe, daß dir diese wenigen Zeilen recht viel Freude machen werden. Grüße alle, die du siehst, und die ich kannte; vergiß niemand. Ich habe niemand vergessen. Was mögen wohl deine Kinder über mich denken und wie suchen sie sich zu erklären, wohin ich verschwunden bin! Lebe wohl. Wenn es irgendwie geht, schicke mir die »Vaterländischen Annalen«. So werde ich wenigstens etwas zu lesen haben. Schreibe mir auch einige Zeilen, es wird mich außerordentlich freuen.

Auf Wiedersehen!

Dein Bruder F. Dostojewskij.

XVIII.
An den Bruder Michail, den 27. August 1849

[Aus der Festung.]

Es freut mich, daß ich dir antworten darf, lieber Bruder, und mich bei dir für die Büchersendung bedanken kann. Es freut mich auch, daß du gesund bist, und daß die Haft keinerlei schlimme Folgen für deine Gesundheit gehabt hat. Ganz besonders bin ich dir für die »Vaterländischen Annalen« dankbar. Du schreibst mir aber viel zu wenig, und meine Briefe sind viel ausführlicher als die deinigen. Dies nur nebenbei, du wirst dich schon ein anderes Mal bessern.

Von mir kann ich dir nichts Bestimmtes sagen. Über unsern Prozeß weiß ich noch immer gar nichts. Mein persönliches Leben ist noch ebenso eintönig, wie bisher; man hat mir aber erlaubt, im Garten spazieren zu gehen, wo es fast siebzehn Bäume gibt. Dies ist für mich ein großes Glück. Außerdem bekomme ich in den Abendstunden eine Kerze: dies ist mein zweites Glück. Das dritte Glück werde ich erleben, wenn du mir möglichst bald antwortest und das nächste Heft der »Vaterländischen Annalen« schickst; ich bin ja in der Lage eines auswärtigen Abonnenten und warte auf jedes Heft wie auf ein großes Ereignis, wie ein vor Langeweile vergehender Gutsbesitzer in der Provinz. Willst du mir einige geschichtliche Werke schicken? Das wäre ausgezeichnet. Am besten wäre es aber, wenn du mir die Bibel (beide Testamente) schicken wolltest. Ich brauche sie. Sollte es unmöglich sein, so schicke sie mir in französischer Übersetzung. Wenn du aber auch noch eine slawische Ausgabe hinzufügen könntest, so wäre es der Gipfel der Vollkommenheit.

Von meiner Gesundheit kann ich dir nichts Gutes berichten. Seit einem ganzen Monat lebe ich fast ausschließlich von Rizinusöl. Meine Hämorrhoiden quälen mich ganz außergewöhnlich; außerdem spüre ich einen Schmerz in der Brust, den ich noch nie gehabt habe. Meine nervöse Empfindlichkeit hat sich bedeutend verschärft, besonders in den Abendstunden; nachts habe ich lange häßliche Träume, und in der letzten Zeit habe ich oft das Gefühl, als ob der Fußboden unter mir schwankte, und ich säße in meinem Zimmer wie in einer Dampferkajüte. Aus all diesem schließe ich, daß meine Nerven immer mehr zerrüttet werden. So oft ich früher solche nervöse Störungen hatte, nützte ich sie aus, um zu schreiben: in solchem Zustande schreibe ich viel mehr und viel besser als gewöhnlich; jetzt enthalte ich mich aber des Schreibens, um mich nicht gänzlich zugrunde zu richten. Ich hatte eine Pause von drei Wochen, wo ich überhaupt nicht schrieb; jetzt habe ich wieder angefangen. Übrigens macht das alles nichts; ich kann es noch immerhin aushalten. Vielleicht werde ich mich noch einmal erholen.

Du hast mich ins höchste Erstaunen versetzt, als du mir schriebst, daß man in Moskau, wie du glaubst, nichts von unserm Abenteuer weiß. Ich habe darüber nachgedacht und bin zum Schluß gekommen, daß dies ganz unmöglich ist. Sie werden es ganz bestimmt wissen, und ihr Schweigen führe ich auf eine ganz andere Ursache zurück. Das war auch übrigens zu erwarten. Die Sache ist ja klar ...

[Weiter ist in diesem Briefe die Rede von der Familie des Bruders; auch macht D. einige unbedeutende Bemerkungen zu den Aufsätzen in den »Vaterländischen Annalen«.]

XIX.
An den Bruder Michail, den 14. September 1849

[Aus der Festung.]

Deinen Brief, lieber Bruder, die Bücher (Shakespeare, Bibel und die »Vaterländischen Annalen«) und das Geld (zehn Rubel) habe ich erhalten und danke dir für alles. Es freut mich, daß du gesund bist. Mir geht es wie früher. Immer dieselben Verdauungsstörungen und Hämorrhoiden. Ich weiß gar nicht, wann das alles vorübergehen wird. Es nahen die für mich so schweren Herbstmonate, und mit ihnen kommt auch meine Hypochondrie wieder. Der Himmel ist schon jetzt trüb; meine Gesundheit und meine gute Laune sind vom kleinen Fetzen des heiteren Himmels, den ich aus meiner Kasematte sehen kann, abhängig. Doch bin ich vorläufig noch am Leben und verhältnismäßig gesund. Diese Tatsache steht für mich fest. Darum bitte ich dich, dir meinen Zustand nicht allzu düster vorzustellen. Meine Gesundheit ist vorläufig gut. Ich hatte Schlimmeres erwartet, und jetzt sehe ich, daß ich so viel Lebenskraft in mir habe, daß sie sich gar nicht erschöpfen läßt.

Ich danke dir noch einmal für die Bücher. Sie geben mir wenigstens Zerstreuung. Seit fast fünf Monaten lebe ich ausschließlich von meinen eigenen Mitteln, d. h. von meinem Kopf allein und sonst von nichts. Diese Maschine ist vorläufig noch im Gange. Es ist übrigens unsagbar schwer, nur zu denken, ewig zu denken, ohne alle äußeren Eindrücke, die die Seele erfrischen und nähren! Ich lebe gleichsam unter der Glocke einer Luftpumpe, aus der man die Luft herauspumpt. Mein ganzes Wesen hat sich im Kopfe konzentriert und ist aus dem Kopfe in die Gedanken geflüchtet, obwohl die Gedankenarbeit von Tag zu Tag größer wird. Die Bücher sind zwar nur ein Tropfen im Meere, doch helfen sie mir immerhin. Meine eigene Arbeit verzehrt aber, wie mir scheint, meine letzten Kräfte. Übrigens macht sie mir viel Freude.

Ich habe die von dir geschickten Bücher gelesen. Für den Shakespeare bin ich dir besonders dankbar. Das war ein guter Einfall von dir! Der englische Roman in den »Vaterländischen Annalen« ist sehr gut. Die Komödie von Turgenjew ist dagegen unerlaubt schlecht. Warum hat er immer solches Pech? Ist es ihm denn immer beschieden, jedes seiner Werke, dessen Umfang einen Druckbogen übersteigt, zu verderben? Ich habe ihn in dieser Komödie gar nicht wiedererkannt. Keine Spur von Originalität: alles steckt bei ihm im alten, ausgefahrenen Geleise. Alles ist schon vor ihm ausgesprochen worden und noch viel besser. Die letzte Szene zeigt eine kindliche Ohnmacht. Hie und da glaubt man Spuren von Begabung zu sehen, doch nur in Ermangelung eines Besseren. Wie prächtig ist der Aufsatz über die Banken! Und wie allgemeinverständlich! Ich danke allen, die sich meiner erinnern; grüße mir deine Emilie Fjodorowna, unsern Bruder Andrej und küsse die Kinder, denen ich besonders Erholung wünsche. Ich weiß wirklich nicht, Bruder, wann und wie wir uns wiedersehen werden! Lebe wohl und vergiß mich bitte nicht. Schreibe mir, wenn auch erst in zwei Wochen.

Auf Wiedersehen!

Dein F. Dostojewskij.

Mache dir bitte keine Sorgen über mich. Wenn du mir irgendwelche Lektüre verschaffen kannst, so schicke sie mir.

XX.
An den Bruder Michail, den 22. Dezember 1849

[Aus der Festung.]

Heute, am 22. Dezember, wurden wir alle nach dem Semjonower Platz verbracht. Dort verlas man uns das Todesurteil, ließ uns das Kreuz küssen, zerbrach über unseren Köpfen den Degen und machte uns die Todestoilette (weiße Hemden). Dann stellte man drei von uns vor dem Pfahle auf, um das Todesurteil zu vollstrecken. Ich war der sechste in der Reihe; wir wurden in Gruppen von je drei Mann aufgerufen, und so war ich in der zweiten Gruppe und hatte nicht mehr als eine Minute noch zu leben. Ich dachte an dich, mein Bruder, und an die Deinigen; in dieser letzten Minute standest du allein vor meinem Geiste; da fühlte ich erst, wie sehr ich dich liebe, mein geliebter Bruder! Ich hatte noch Zeit, Pleschtschejew und Durow, die neben mir standen, zu umarmen und von ihnen Abschied zu nehmen. Schließlich wurde Retraite getrommelt, die an den Pfahl Gebundenen wurden zurückgeführt, und man las uns vor, daß Seine Kaiserliche Majestät uns das Leben schenke. Dann wurden die endgültigen Urteile verlesen. Palm allein ist vollständig begnadigt worden. Man hat ihn mit dem gleichen Rang in die Linie versetzt.

F. Dostojewskij.

XXI.
An den Bruder Michail, [Aus Omsk], den 22. Februar 1854

Endlich kann ich mit dir etwas ausführlicher und, wie mir scheint, auf einem zuverlässigeren Wege sprechen. Bevor ich dir aber auch nur eine Zeile schreibe, muß ich dich fragen: sag' mir um Gottes willen, warum hast du mir bisher keine einzige Silbe geschrieben? Durfte ich denn das von dir erwarten? Glaube mir, in meiner einsamen und isolierten Lage verfiel ich einigemal in vollständige Verzweiflung, denn ich glaubte, du seist nicht mehr am Leben; ganze Nächte lang machte ich mir Gedanken, was wohl mit deinen Kindern werden wird, und ich verfluchte mein Schicksal, weil ich ihnen nicht helfen konnte. So oft ich aber hörte, daß du bestimmt am Leben bist, wurde ich wütend (dies kam aber nur in krankhaften Stunden vor, deren ich recht viel erlebt habe), und ich begann dir bittere Vorwürfe zu machen. Doch auch solche Zustände vergingen; ich entschuldigte dich, ich bemühte mich, Rechtfertigung für dich zu finden, beruhigte mich, so oft ich eine fand, und gab kein einziges Mal meinen Glauben an dich auf: ich weiß, daß du mich liebst und mich im guten Andenken bewahrst. Ich habe dir einen Brief durch unseren Stab geschrieben. Du hast ihn unbedingt bekommen müssen; ich habe von dir Antwort erwartet und keine bekommen. Hat man dir denn verboten, mir zu schreiben? Ich weiß aber, daß es erlaubt ist, denn ein jeder von den hiesigen politischen Sträflingen bekommt mehrere Briefe im Jahre. Auch Durow hat einige Briefe bekommen; wir fragten oft bei der Behörde an, wie es mit der Korrespondenz stehe, und man bestätigte uns, daß man wohl das Recht habe, Briefe zu schreiben. Mir scheint, ich habe den wahren Grund deines Schweigens erraten. Du warst zu faul, auf die Polizei zu gehen; und wenn du auch einmal hingegangen bist, so hast du dich wohl bei der ersten abschlägigen Antwort beruhigt, die dir irgendein Beamter, der den Sachverhalt nicht genau kennt, gegeben haben mag. Du hast mir dadurch viel egoistischen Kummer gemacht. Ich dachte mir: wenn er sich wegen eines Briefes nicht bemühen will, wird er sich doch sicher auch in irgendeiner wichtigeren Sache nicht bemühen wollen! Schreibe und antworte mir so schnell als möglich, schreibe mir, ohne eine Gelegenheit abzuwarten, offiziell, schreibe möglichst genau und ausführlich. Ich bin jetzt wie ein von einem Brotlaib abgeschnittenes Stück; ich möchte wieder anwachsen, kann es aber nicht. Les absents ont toujours tort. Sollte denn dieser Satz auch bei uns beiden stimmen? Sei aber unbesorgt, ich glaube an dich.

Es ist schon eine Woche vergangen, seit ich das Zuchthaus verlassen habe. Diesen Brief schicke ich dir streng geheim, sage niemandem nur eine Silbe davon. Ich werde dir übrigens auch noch einen offiziellen Brief durch den Stab des Sibirischen Armeekorps schicken. Aus den offiziellen Brief antworte mir sofort, auf diesen aber – bei der ersten passenden Gelegenheit. Du mußt übrigens auch im offiziellen Brief sehr ausführlich schreiben, was du in diesen vier Jahren erlebt hast. Was mich betrifft, so hätte ich dir gerne ganze Bände geschrieben. Da aber meine Zeit auch zu diesem Brief kaum ausreicht, werde ich dir nur das Wichtigste mitteilen.

Was ist das Wichtigste? Was war für mich in der letzten Zeit am wichtigsten? Wenn ich es mir überlege, komme ich zur Einsicht, daß dieser Brief auch für das Wichtigste viel zu wenig Raum bietet. Soll ich dir denn davon, was in meinem Kopfe vorgeht, was ich durchgedacht, was ich durchgemacht, was für Überzeugungen ich gewonnen und zu welchen Schlüssen ich gekommen bin, mitteilen? Ich kann diese Aufgabe gar nicht übernehmen. Eine solche Arbeit ist absolut unausführbar. Ich liebe es nicht, eine Arbeit nur halb zu tun; nur einiges sagen – hieße nichts sagen. Du hast jetzt übrigens meinen ausführlichen Bericht in Händen: lies ihn und entnimm ihm, was du willst. Es ist meine Pflicht, dir alles mitzuteilen, und darum beginne ich mit meinen Erinnerungen.

Weißt du noch, wie wir uns getrennt haben, du mein Teurer, Geliebter? Kaum warst du von mir fortgegangen, als man uns drei: Durow, Jastrschembskij und mich fortführte, um uns einzuschmieden. Genau um Mitternacht, d. h. am Weihnachtsabend (1849) wurden mir zum erstenmal Fesseln angelegt. Sie wogen etwa zehn Pfund und erschwerten außerordentlich das Gehen. Dann setzte man uns in offene Schlitten, einen jeden für sich mit einem Gendarmen, und so verließen wir auf vier Schlitten, der Feldjäger eröffnete den Zug, Petersburg. Mir war es schwer ums Herz, und die vielen verschiedenartigen Eindrücke erfüllten mich mit wirren und unbestimmten Gefühlen. Das Herz lebte noch von einer eigentümlichen Unruhe, und sein Schmerz war daher gedämpft. Doch die frische Luft wirkte auf mich belebend, und da man gewöhnlich vor einem jeden neuen Lebensabschnitt eine besondere Lebendigkeit und Rüstigkeit empfindet, so war ich im Grunde genommen durchaus ruhig. Ich betrachtete aufmerksam alle festlich erleuchteten Häuser von Petersburg und nahm von jedem einzelnen Abschied. Man führte uns an deiner Wohnung vorbei, und bei Krajewskij waren die Fenster festlich erleuchtet. Du hattest mir gesagt, daß es bei ihm eine Weihnachtsfeier und einen Christbaum geben würde, und daß deine Kinder mit Emilie Fjodorowna hingehen wollten; vor diesem Hause wurde mir entsetzlich traurig zumute. Ich nahm gleichsam Abschied von den Kinderchen. Sie taten mir so sehr leid, und selbst nach Jahren dachte ich an sie oft mit Tränen in den Augen. Man führte uns über Jaroslawl; nach drei oder vier Stationen machten wir beim ersten Morgengrauen in Schlüsselburg halt und kehrten in ein Wirtshaus ein. Wir tranken den Tee mit solcher Gier, als ob wir seit acht Tagen nichts genossen hätten. Nach den acht Monaten Gefängnis machten uns die sechzig Werst Schlittenfahrt einen Appetit, an den ich noch heute mit Freude denke.

Ich war in guter Laune, Durow plauderte ununterbrochen, und Jastrschembskij äußerte ungewöhnliche Befürchtungen über die Zukunft. Wir alle bemühten uns, unsern Feldjäger näher kennen zu lernen. Er war ein guter Alter, uns sehr freundlich gesinnt, ein Mann, der schon manches in seinem Leben gesehen hatte; er hatte schon ganz Europa mit Depeschen bereist. Unterwegs hat er uns viele Gefälligkeiten erwiesen. Er hieß Kusma Prokofjewitsch Prokofjew. Er ließ uns u. a. in einen geschlossenen Schlitten umsteigen, was uns sehr willkommen war, denn der Frost war fürchterlich.

Der zweite Tag war ein Feiertag; die Kutscher, die auf den verschiedenen Stationen abwechselten, trugen Mäntel aus grauem deutschem Tuch mit hellroten Gürteln; in den Dorfstraßen war kein Mensch zu sehen. Es war ein herrlicher Wintertag. Man führte uns durch die entlegeneren Teile des Petersburger, Nowgoroder und Jaroslawler Gouvernements. Es waren lauter unbedeutende Städtchen, in großem Abstande voneinander. Wir fuhren aber an einem Feiertag, und daher gab es überall genug zu essen und zu trinken. Die Fahrt war entsetzlich. Wir waren zwar warm gekleidet, doch saßen wir zehn Stunden ununterbrochen im Schlitten und hielten nur auf fünf bis sechs Stationen; es war fast unerträglich. Ich fror bis ans Herz und konnte mich in den warmen Zimmern der Stationen kaum wieder erwärmen. Merkwürdigerweise hatte ich mich bei dieser Fahrt vollständig erholt. In der Gegend von Perm hatten wir einmal nachts einen Frost von vierzig Grad. Das möchte ich dir nicht empfehlen. Es war recht unangenehm. Traurig war der Augenblick, als wir über den Ural fuhren. Die Pferde und die Schlitten versanken im Schnee. Ein Schneesturm wütete. Wir stiegen aus dem Schlitten – es war Nacht – und warteten stehend, bis man die Schlitten wieder herauszog. Um uns herum wütete der Schneesturm. Wir standen an der Grenze von Europa und Asien, vor uns lag Sibirien und die geheimnisvolle Zukunft; hinter uns – unsere ganze Vergangenheit; es war sehr traurig, Tränen traten mir in die Augen. Unterwegs strömten die Bauern aus allen Dörfern zusammen, um uns zu sehen; obgleich wir gefesselt waren, verdreifachte man für uns auf allen Stationen die Preise. Kusma Prokofjewitsch nahm die Hälfte unserer Auslagen auf seine Rechnung, so sehr wir uns auch dagegen sträubten; auf diese Weise hatte ein jeder von uns während der ganzen Reise nur fünfzehn Rubel Auslagen gehabt.

Am 12. Januar (1850) kamen wir nach Tobolsk. Nachdem man uns der Obrigkeit vorgestellt und durchsucht hatte, wobei man uns unser ganzes Geld abnahm, führte man mich, Durow und Jastrschembskij in eine eigene Zelle; die übrigen, Spjeschnjow usw., die vor uns angelangt waren, saßen in einer anderen Abteilung, und wir bekamen einander während der ganzen Zeit fast nicht zu sehen.

Ich hätte dir gerne ausführlicher über unsern sechstägigen Aufenthalt in Tobolsk und über die Eindrücke, die dieser Aufenthalt auf mich gemacht, berichtet. Hier reicht mir aber der Raum dazu nicht aus. Ich will dir nur sagen, daß die große Teilnahme und Sympathie, die uns dort entgegengebracht wurden, uns wie ein großes Glück für alles frühere entschädigt haben. Die Sträflinge aus der früheren Zeit (Anmerkung des Übersetzers: Die nach Sibirien verbannten Teilnehmer am Staatsstreich vom 14. Dezember 1825 (Dekabristen).) (vielmehr ihre Frauen) sorgten für uns wie für Verwandte. Diese herrlichen, in fünfundzwanzigjährigen Leiden und Selbstaufopferung erprobten Seelen! Wir bekamen sie nur flüchtig zu sehen, denn man hielt uns streng; sie schickten uns aber Kleider und Nahrungsmittel, trösteten und ermutigten uns. Ich hatte viel zu wenig Kleider mitgenommen und mußte es bereuen.

Sie schickten mir sogar Kleider. Schließlich verließen wir Tobolsk und kamen nach drei Tagen nach Omsk.

Schon in Tobolsk zog ich Erkundigungen über meine zukünftigen Vorgesetzten ein. Man sagte mir, daß der Kommandant ein sehr anständiger Mensch sei, dafür aber der Platzmajor Kriwzow eine ganz außergewöhnliche Canaille, ein kleinlicher Barbar, Trunkenbold, Schikaneur, kurz, das größte Scheusal, das man sich vorstellen kann. Gleich am Anfang nannte er uns beide, mich und Durow, Dummköpfe und versprach, uns beim ersten Vergehen körperlich züchtigen zu lassen. Er war bereits seit zwei Jahren Platzmajor und machte die schrecklichsten Gesetzlosigkeiten; nach zwei Jahren kam er dafür vors Gericht. Gott hatte mich vor ihm bewahrt. Er kam zu uns immer sinnlos betrunken (nüchtern habe ich ihn überhaupt nie gesehen), suchte sich irgendeinen nüchternen Sträfling aus und prügelte ihn, unter dem Vorwande, daß dieser betrunken sei. Manchmal kam er nachts zu uns und bestrafte irgend jemand, weil der Betreffende auf der linken und nicht auf der rechten Seite schlief, weil er im Schlafe sprach oder schrie, kurz, für alles, was ihm in seiner Betrunkenheit gerade einfiel. Mit einem solchen Menschen mußte ich also auskommen können, und dieser Mensch schrieb über uns monatliche Berichte nach Petersburg.

Die Zuchthäusler hatte ich noch in Tobolsk kennen gelernt; in Omsk machte ich mich bereit, mit ihnen vier Jahre Zusammenleben zu müssen. Es sind rohe, gereizte und erbitterte Menschen. Der Haß gegen den Adel ist grenzenlos; sie empfingen uns, die wir alle vom Adel sind, feindselig und mit Schadenfreude. Sie hätten uns am liebsten aufgefressen, wenn sie nur gekonnt hätten. Urteile übrigens selbst, in welcher Gefahr wir schwebten, da wir mit diesen Leuten einige Jahre lang zusammenleben, essen und schlafen mußten, und dabei nicht einmal die Möglichkeit hatten, uns wegen der uns ständig zugefügten Beleidigungen zu beschweren.

»Ihr Adelige habt eiserne Schnäbel, ihr habt uns zerhackt. Früher, als ihr Herren wart, habt ihr das Volk gepeinigt, und jetzt, wo es euch schlecht geht, wollt ihr unsere Brüder sein.«

Dieses Thema wurde vier Jahre lang behandelt. Hundertfünfzig Feinde wurden nicht müde, uns zu verfolgen; dies war ihr Vergnügen, ihre Zerstreuung, ihr Zeitvertreib; den einzigen Schutz gewährte uns unsere Gleichgültigkeit und moralische Überlegenheit, die sie anerkennen und ehren mußten; auch imponierte ihnen, daß wir uns ihrem Willen nicht fügen wollten. Sie waren sich stets bewußt, daß wir über ihnen standen. Von unsern Vergehen hatten sie nicht den geringsten Begriff. Wir schwiegen auch selbst darüber, und darum konnten wir einander nicht verstehen; wir mußten die ganze Rachsucht und den ganzen Haß, den sie gegen den Adel empfinden, über uns ergehen lassen. Wir hatten es da sehr schlecht. Das Militärzuchthaus ist viel ärger als das gewöhnliche.

Die ganzen vier Jahre verbrachte ich hinter den Kerkermauern und verließ das Gefängnis nur dann, wenn ich zur Zwangsarbeit hinausgeführt wurde. Die Arbeit war schwer, doch nicht immer; zuweilen verließen mich bei schlechtem Wetter, bei Regen, oder im Winter bei unerträglichem Frost meine Kräfte. Einmal mußte ich vier Stunden bei einer Extraarbeit verbringen, und zwar bei solchem Frost, daß das Quecksilber einfror; es waren vielleicht vierzig Grad unter Null. Ich hatte mir einen Fuß erfroren. Wir wohnten alle zusammen in einer Kaserne. Stelle dir einen alten, baufälligen hölzernen Bau vor, der schon längst abgebrochen werden soll und zu nichts taugt. Im Sommer ist es darin unerträglich heiß und im Winter unerträglich kalt. Alle Dielen sind verfault. Auf dem Fußboden liegt der Schmutz einige Zoll hoch, man kann jeden Augenblick ausgleiten und hinfallen. Die kleinen Fenster sind so eingefroren, daß man auch am Tage kaum lesen kann. Die Eisschicht auf den Fensterscheiben ist an die drei Zoll dick. Von den Decken tropft es, von allen Seiten zieht es. Wir sind zusammengepfercht wie die Heringe in einem Faß. Man heizt den Ofen mit sechs Holzscheiten; im Zimmer ist es dabei so kalt, daß das Eis nicht einmal auftaut; der Dunst ist unerträglich; und so geht es den ganzen Winter lang. In der gleichen Stube waschen die Sträflinge ihre Wäsche und machen dabei alles so naß, daß man sich gar nicht rühren kann. Von der Abenddämmerung bis zum Morgen ist es uns verboten, die Kaserne zu verlassen, die Kasernen werden versperrt; im Vorraum wird ein großer Holztrog zur Verrichtung der Notdurft aufgestellt, und man kann daher kaum atmen. Alle Zuchthäusler stinken wie die Schweine; sie sagen, daß sie nicht anders leben können, denn sie seien doch nur Menschen. Wir schliefen auf bloßen Brettern; einem jeden war nur ein Kopfkissen erlaubt. Wir bedeckten uns mit kurzen Halbpelzen, und die Füße blieben die ganze Nacht bloß. So froren wir ganze Nächte hindurch. Flöhe, Läuse und anderes Ungeziefer gab es Scheffel voll. Im Winter bekamen wir dünne Halbpelze, die gar nicht wärmten, und Stiefel mit niederen Schäften; so mußten wir in den Frost hinausgehen.

Zu essen bekamen wir Brot und eine Kohlsuppe; die Suppe mußte laut Vorschrift ein viertel Pfund Fleisch pro Kopf enthalten; man tat aber Hackfleisch hinein, und so bekam ich nie ein Stück Fleisch zu sehen. An Feiertagen bekamen wir einen Brei, doch fast ganz ohne Butter. An Fasttagen – Kohl und sonst nichts. Ich habe mir gründlich den Magen verdorben und hatte oft an schweren Verdauungsstörungen zu leiden.

Daraus kannst du selbst ersehen, daß man hier ohne Geld gar nicht leben kann; hätte ich kein Geld, so wäre ich ganz bestimmt zugrunde gegangen; kein einziger Sträfling könnte dieses Leben ertragen. Ein jeder tut aber irgendeine Arbeit, die er verkauft; und so verdient jeder Sträfling einige Pfennige. Manchmal trank ich Tee und kaufte mir ein eigenes Stück Fleisch; dies war meine Rettung. Sich des Rauchens zu enthalten war ganz unmöglich, denn sonst konnte man bei dem Gestank ersticken. Dies alles wurde hinter dem Rücken der Aufseher getan.

Ich lag oft krank im Spital. Meine Nerven waren so zerrüttet, daß ich einigemal epileptische Anfälle bekam; es kam übrigens ziemlich selten vor. Ich habe auch noch Rheumatismus in den Beinen. Abgesehen davon, fühle ich mich recht wohl. Denke dir noch zu allen diesen Annehmlichkeiten hinzu, daß es beinahe unmöglich war, sich ein Buch zu verschaffen, und wenn ich mir schon eines verschaffte, so mußte ich es heimlich lesen; ewige Feindseligkeit, Geschrei und Zank um mich herum; ständige Bewachung, die Unmöglichkeit, auch nur einen Augenblick für sich allein zu sein; und so ging es ohne Abwechslung vier Jahre lang; du wirst mir also glauben, wenn ich dir sage, daß es mir nicht gut ging. Denke dir außerdem die ewige Angst, mir irgendeine Bestrafung zuzuziehen, die Fesseln und die vollständige Unterdrückung des Geistes – dies ist das Bild meines Lebens.

Ich will dir gar nicht sagen, welche Wandlungen meine Seele, mein Glaube, mein Geist und mein Herz in diesen vier Jahren durchgemacht haben. Ich müßte lange erzählen. Doch die ewige Konzentration, die Flucht in mich selbst vor der bitteren Wirklichkeit, brachten ihre Früchte. Ich habe jetzt viele neue Bedürfnisse und Hoffnungen, an die ich früher nie gedacht habe. Dies sind aber für dich lauter Rätsel, und darum gehe ich daran vorüber. Ich will nur noch das eine sagen: vergiß mich nicht und hilf mir. Ich brauche Bücher und Geld. Schicke es mir, um Christi willen.

Omsk ist ein ekelhaftes Nest. Es gibt hier fast keine Bäume. Im Sommer – Hitze und Winde, welche Sandwolken mitbringen, im Winter – Schneestürme. Von der Natur habe ich fast nichts gesehen. Das Nest ist schmutzig, fast ausschließlich von Militär bewohnt und im höchsten Grade liederlich. Ich meine das einfache Volk. Hätte ich hier nicht einige Menschen gefunden, so wäre ich wohl gänzlich zugrunde gegangen. Konstantin Iwanowitsch Iwanow behandelt mich wie einen Bruder. Er hat für mich alles getan, was er nur konnte. Ich schulde ihm Geld. Wenn er einmal nach Petersburg kommt, bedanke dich bei ihm. Ich schulde ihm fünfundzwanzig Rubel. Womit kann ich aber seine Freundlichkeit bezahlen, seine ständige Bereitwilligkeit, jede meiner Bitten zu erfüllen, seine Aufmerksamkeit und seine Sorge um mich, wie um einen Bruder? Und er war nicht der einzige, dem ich dies alles zu verdanken habe. Bruder, es gibt sehr viel edle Menschen in der Welt.

Ich habe schon geschrieben, daß mich dein Schweigen oft quälte. Ich danke dir für die Geldsendung. In deinem nächsten Brief (wenn auch in einem offiziellen, denn ich weiß noch nicht, ob es mir jetzt möglich ist, mit dir zu korrespondieren) – in deinem nächsten Brief schreibe mir so ausführlich als möglich von allen deinen Angelegenheiten, von Emilie Fjodorowna, den Kindern, allen Verwandten und Bekannten, auch von denen in Moskau, wer lebt und wer gestorben ist, und von deinen Geschäften; schreibe mir auch, mit welchem Kapital du das Geschäft (Anmerkung des Übersetzers: M. M. Dostojewskij besaß um jene Zeit eine Tabak- und Zigarettenfabrik.) begonnen hast, ob es einträglich ist, ob du etwas besitzest, und schließlich, ob du mich mit Geld unterstützen, und wieviel du mir jährlich schicken kannst. Mit dem offiziellen Brief schicke mir aber kein Geld; höchstens, wenn ich keine Deckadresse finden sollte. Vorläufig gib auf allen Sendungen Michail Petrowitsch als Absender an (du verstehst doch?). Vorderhand habe ich aber noch Geld; dafür habe ich keine Bücher. Wenn es dir möglich ist, so schicke mir die Zeitschriften für dieses Jahr, wenigstens die »Vaterländischen Annalen«. Was ich aber unbedingt brauche, ist folgendes: ich brauche (sehr notwendig) ältere Historiker (in französischer Übersetzung), neuere Historiker: Guizot, Thierry, Thiers, Ranke usw., volkswirtschaftliche Werke und die Kirchenväter. Wähle die billigsten und kompaktesten Ausgaben aus. Schicke sie mir umgehend. Man hat mich nach Semipalatinsk, das beinahe in der kirgisischen Steppe liegt, kommandiert; die Adresse werde ich dir noch mitteilen. Hier ist sie übrigens für jeden Fall: »Semipalatinsk, Sibirisches Linienregiment, Bataillon Nr. 7, dem Gemeinen F. D.« Dies ist die offizielle Adresse. An diese Adresse schreibe mir deine Briefe. Doch für die Bücher werde ich dir eine andere mitteilen. Vorläufig schreibe mir aber als Michail Petrowitsch. Merke dir, daß ich vor allen Dingen ein deutsches Wörterbuch brauche.

Ich weiß nicht, was mich in Semipalatinsk erwartet. Der Dienst läßt mich ziemlich kalt. Was mir aber nicht gleichgültig ist: bemühe dich für mich, verwende dich für mich bei irgend jemand. Ob man mich nicht in einem Jahr oder in zwei Jahren nach dem Kaukasus versetzen kann? – dann wäre ich wenigstens im europäischen Rußland! Dies ist mein sehnlichster Wunsch, vergib es mir um Christi willen! Bruder, vergiß mich nicht! Ich schreibe dir und schalte und walte über alles, selbst über dein Vermögen. Mein Glaube an dich ist aber noch nicht erloschen. Du bist mein Bruder und du hast mich geliebt. Ich brauche Geld. Ich muß von irgend etwas leben, Bruder. Diese Jahre sollen nicht unnütz vergehen. Ich brauche Geld und Bücher. Was du für mich ausgibst, ist kein verlorenes Geld. Wenn du mir Geld gibst, wirst du damit deine Kinder nicht berauben. Wenn ich nur am Leben bleibe, werde ich dir alles mit Zinsen und Zinseszinsen zurückgeben. In sechs Jahren, vielleicht auch früher, werde ich ja sicher die Erlaubnis bekommen, meine Werke zu drucken. Es kann ja vieles anders werden, ich schreibe jetzt aber keinen Unsinn. Du wirst von mir noch hören.

Wir werden uns bald wiedersehen, Bruder. Ich glaube daran wie an das Einmaleins. In meiner Seele ist alles klar. Ich sehe meine ganze Zukunft und alles, was ich vollbringen werde, deutlich vor mir. Ich bin mit meinem Leben zufrieden. Ich fürchte nur Menschen und Willkür. Wie leicht kann ich zu einem Vorgesetzten geraten, der mich aus irgendeinem Grunde nicht leiden mag (es gibt solche!), der mich auf Schritt und Tritt verfolgen und mit dem strengen Dienst zugrunde richten wird; ich bin aber sehr schwach und selbstverständlich nicht imstande, die ganze Last des Soldatenlebens zu tragen. Man sagt mir zum Trost: »Dort sind lauter einfache Menschen.« Ich fürchte aber die einfachen Menschen mehr als die komplizierten. Menschen sind, übrigens, überall Menschen. Selbst unter den Raubmördern im Zuchthause habe ich in diesen vier Jahren Menschen kennen gelernt. Glaube mir, es gibt unter ihnen tiefe, starke und schöne Naturen, und es machte mir oft große Freude, unter einer rohen Hülle Gold zu finden. Und das war nicht ein einzelner Fall, auch nicht zwei, sondern mehrere Fälle. Die einen flößten Respekt ein, die anderen waren absolut schön. Ich habe einen jungen Tscherkessen (der wegen Raubmord nach Sibirien verschickt worden war) in der russischen Sprache und im Lesen unterrichtet. Wie dankbar war er mir! Ein anderer Zuchthäusler weinte, als ich von ihm Abschied nahm. Ich hatte ihm allerdings manchmal Geld gegeben, es war aber so wenig. Sein Dank dafür war aber grenzenlos. Mein Charakter ist inzwischen schlechter geworden; ich war im Umgange mit den Leuten launisch und ungeduldig. Sie nahmen Rücksicht auf meinen geistigen Zustand und ertrugen alles ohne zu murren. Apropos: wieviel volkstümliche Gestalten und Charaktere habe ich im Zuchthause kennen gelernt! Ich habe mich mit ihnen eingelebt, und glaube sie daher gut zu kennen. So viele Lebensläufe von Landstreichern und Räubern habe ich kennen gelernt, und überhaupt das ganze traurige Leben des gemeinen Volkes! Meine Zeit habe ich überhaupt nicht unnütz verbracht. Ich habe ja das russische Volk so gut kennen gelernt, wie es nur wenige kennen. Darauf bin ich etwas eitel. Ich hoffe, daß diese Eitelkeit verzeihlich ist.

Bruder! Schreibe mir unbedingt über alle wichtigsten Vorfälle in deinem Leben. Schicke die Briefe nach Semipalatinsk, und nichtoffiziell, wie du schon weißt. Schreibe mir von allen unseren Bekannten in Petersburg, von der Literatur (möglichst viel Einzelheiten) und schließlich von den Unsrigen in Moskau. Wie geht es unserem Bruder Kolja? Was macht (und das ist noch viel wichtiger) Schwester Sascha? Ist der Onkel noch am Leben? Was treibt Bruder Andrej? Ich schreibe der Tante durch Schwester Wera. Um Gottes willen, halte diesen Brief streng geheim und verbrenne ihn: du könntest durch ihn verschiedene Leute kompromittieren. Vergiß nicht, lieber Freund, mir Bücher zu schicken. Vor allen Dingen Geschichte und Volkswirtschaft, »Vaterländische Annalen«, Kirchenväter und Kirchengeschichte. Schicke mir die Bücher nicht alle auf einmal, doch sobald als möglich. Ich verfüge über dein Geld, als ob es mir gehörte; doch nur, weil mir deine gegenwärtige Lage unbekannt ist. Schreibe mir ausführlich über deine Verhältnisse, damit ich irgendeine Vorstellung darüber habe. Merk dir aber, Bruder: die Bücher sind mein Leben, meine Nahrung, meine Zukunft! Verlaß mich nicht, um Gottes willen. Bitte! Versuche doch die Erlaubnis zu bekommen, mir die Bücher auch ganz offiziell zu schicken. Sei übrigens vorsichtig. Wenn es auf dem offiziellen Wege geht, so schicke sie mir offiziell. Wenn es aber nicht geht, so schicke sie durch den Bruder Konstantin Iwanowitschs, an seine Adresse. Man wird sie mir übergeben. Konstantin Iwanowitsch kommt übrigens selbst in diesem Jahre nach Petersburg; er wird dir alles erzählen. Was er für eine Familie hat! Und was für eine Frau! Sie ist eine junge Dame, Tochter des Dekabristen Annenkow. Was für ein Herz, was für ein Gemüt, was haben sie alles durchmachen müssen!

Ich werde mich bemühen, mir in Semipalatinsk, wohin ich mich in acht Tagen begebe, eine neue Deckadresse zu verschaffen. Ich bin noch nicht ganz gesund, muß daher hier noch etwas bleiben. (Schicke mir den Koran und die » Critique de raison pure« von Kant), und wenn du die Möglichkeit haben wirst, mir etwa nichtoffiziell zu schicken, dann noch unbedingt Hegel; besonders aber Hegels »Geschichte der Philosophie«. Davon hängt meine ganze Zukunft ab. Um Gottes willen verwende dich für mich, daß man mich nach dem Kaukasus versetzt; suche von kundigen Menschen zu erfahren, ob man mir gestatten wird, meine Werke zu drucken, und auf welchem Wege ich um diese Genehmigung nachsuchen kann. Ich will in zwei oder drei Jahren um Erlaubnis nachsuchen. Ich bitte dich, mich so lange auszuhalten. Ohne Geld werde ich vom Soldatenleben erdrückt werden. Also bitte!

Vielleicht werden mich im Anfang auch die andern Verwandten irgendwie unterstützen? In diesem Falle möchten sie das Geld dir einhändigen, und du sollst es mir schicken. In meinen Briefen an die Tante und an Wera bitte ich sie übrigens nie um Geld. Sie können es selbst erraten, wenn sie überhaupt an mich denken.

Filippow schenkte mir vor seiner Abreise nach Sebastopol fünfundzwanzig Rubel. Er ließ sie beim Kommandanten Nabokow zurück, und ich wußte nichts davon. Er glaubte, daß ich kein Geld hätte. Eine gute Seele! Alle Unsrigen leben in der Verbannung nicht schlecht. Toll hat die Strafe abgebüßt und lebt jetzt recht ordentlich in Tomsk. Jastrschembskij ist in Tara, seine Zeit geht eben zu Ende. Spjeschnjow ist im Irkutsker Gouvernement; er hat dort allgemeine Liebe und Achtung gewonnen. Ein merkwürdiges Schicksal hat dieser Mensch! Wo und unter welchen Umständen er auch erscheint, überall bringen ihm selbst die unzugänglichsten Menschen Ehrfurcht und Achtung entgegen. Petraschewskij ist nach wie vor nicht bei Sinnen; Mombelli und Lwow sind gesund; der arme Grigorjew hat gänzlich den Verstand verloren und befindet sich im Spital. Und wie geht es bei euch? Siehst du noch manchmal Frau Pleschtschejew? Was macht ihr Sohn? Von Sträflingen, die auf der Durchreise hier waren, habe ich gehört, daß er am Leben ist und sich in der Festung von Orsk befindet; Golowinskij soll längst auf dem Kaukasus sein. Was macht deine Literatur und dein Interesse für die Literatur? Schreibst du etwas? Was macht Krajewskij, und wie sind deine Beziehungen zu ihm? Ostrowskij gefällt mir nicht, von Pissemskij habe ich nichts gelesen, vor Druschinin habe ich Ekel. Eugenie Tur hat mich entzückt. Auch Krestowskij gefällt mir.

Ich hätte dir gern noch viel mehr geschrieben, es ist aber inzwischen so viel Zeit vergangen, daß mir auch dieser Brief Schwierigkeiten macht. Es kann ja nicht sein, daß sich unser Verhältnis irgendwie verändert haben soll. Küsse deine Kinder. Können sie sich noch an Onkel Fedja erinnern? Grüße alle Bekannte; halte aber diesen Brief streng geheim. Leb wohl, leb wohl, mein Teurer! Du wirst noch von mir hören und mich vielleicht auch sehen. Ja, wir werden uns ganz bestimmt wiedersehen! Lebe wohl. Lies aufmerksam alles, was ich dir schreibe. Schreibe mir möglichst oft (wenn auch offiziell). Ich umarme dich und alle Deinigen unzähligemal.

Dein Dostojewskij.

P. S. Hast du meine Kindergeschichte (Anmerkung des Übersetzers: Gemeint ist »Der kleine Held«. Diese Erzählung erschien erst im Jahre 1857 in den »Vaterländischen Annalen«, unter dem Pseudonym M-ij.), die ich in der Festung geschrieben habe, erhalten? Wenn sie in deinen Händen ist, so fange damit nichts an und zeige sie niemand. Wer ist Tschernow, der im Jahre 1850 einen »Doppelgänger« geschrieben hat?

Auf Wiedersehen!

Dein Dostojewskij.

XXII.
An Frau N. D. Fonwisin, Omsk, Anfang März 1854

(Anmerkung des Übersetzers: Frau des Dekabristen M. A. Fonwisin. Dostojewskij hatte sie 1850 in Tobolsk kennen gelernt. Während seines Aufenthaltes im Zuchthause, als er selbst mit seinen Brüdern nicht korrespondieren durfte, war sie die einzige Mittelsperson in seinem Verkehr mit der Außenwelt.)

Endlich schreibe ich Ihnen, meine gute N. D., nachdem ich meinen bisherigen Aufenthaltsort verlassen habe. Als ich Ihnen zuletzt schrieb, war ich an Leib und Seele krank. Die Sehnsucht verzehrte mich, und ich glaube, daß mein Brief ganz sinnlos war. Dieses lange farblose, physisch und moralisch schwere Leben hat mich erdrückt. Es ist mir immer traurig, in solchen Augenblicken Briefe zu schreiben; und ich halte es für Kleinmut, wenn man seinen Gram andern Leuten, wenn auch solchen, die einem sehr gewogen sind, aufdrängt. Diesen Brief schicke ich Ihnen auf Umwegen, und es freut mich, daß ich mit Ihnen endlich ganz ungeniert sprechen kann, um so mehr, als ich bald nach Semipalatinsk ins siebente Bataillon versetzt werde und daher gar nicht weiß, auf welche Weise ich in der Zukunft mit Ihnen korrespondieren können werde.

[Dostojewskij erörtert weiter die Frage, wie er am sichersten mit seinem Bruder und Frau Fonwisin korrespondieren könnte.]

Mit weichem Genuß habe ich Ihre Briefe gelesen, teuerste N. D.! Sie schreiben ganz vorzügliche Briefe, oder, genauer gesagt, Ihre Briefe kommen leicht und natürlich aus Ihrem gütigen und humanen Herzen. Es gibt verschlossene und verbitterte Naturen, die in sehr seltenen Augenblicken expansiv sind. Ich kenne solche Menschen. Es sind durchaus keine schlechten Menschen, sogar ganz im Gegenteil.

Ich weiß nicht warum, doch ich errate aus Ihrem Brief, daß Sie in trauriger Stimmung in die Heimat zurückgekehrt sind. Ich begreife es; ich habe einigemal daran gedacht, daß wenn auch ich einmal in die Heimat zurückkehre, ich dort in meinen Eindrücken mehr Leid als Freude finden werde. Ich habe Ihr Leben nicht gelebt und vieles davon ist mir unbekannt, wie überhaupt jeder Mensch das Leben seines Mitmenschen nie genau kennen kann; doch das menschliche Gefühl ist uns allen gemein, und es scheint mir, daß jeder Verbannte bei seiner Rückkehr in die Heimat in seinem Bewußtsein und in seinen Erinnerungen das ganze vergangene Leid neu durchkostet. Es ist wie eine Wage, mit der man das echte Gewicht dessen, was man durchgemacht, erduldet und verloren hat und was man uns genommen hat, nachprüfen kann. Gott gebe Ihnen ein langes Leben! Ich habe von vielen gehört, daß Sie sehr religiös sind. Doch nicht weil Sie religiös sind, sondern weil ich es selbst erfahren und durchgemacht habe, will ich Ihnen sagen, daß man in solchen Augenblicken »wie trockenes Gras« nach dem Glauben lechzt und ihn schließlich findet, eigentlich nur aus dem Grunde, weil man im Unglück die Wahrheit klarer einsieht. Ich will Ihnen von mir sagen, daß ich ein Kind dieser Zeit, ein Kind des Unglaubens und der Zweifelsucht bin und es wahrscheinlich (ich weiß es bestimmt) bis an mein Lebensende bleiben werde. Wie entsetzlich quälte mich (und quält mich auch jetzt) diese Sehnsucht nach dem Glauben, die um so stärker ist, je mehr Gegenbeweise ich habe. Und doch schenkt mir Gott zuweilen Augenblicke vollkommener Ruhe; in solchen Augenblicken liebe ich und glaube auch geliebt zu werden; in diesen Augenblicken habe ich mir mein Glaubensbekenntnis aufgestellt, in dem mir alles klar und heilig ist. Dieses Glaubensbekenntnis ist höchst einfach, hier ist es: ich glaube, daß es nichts Schöneres, Tieferes, Sympathischeres, Vernünftigeres, Männlicheres und Vollkommeneres gibt als den Heiland; ich sage mir mit eifersüchtiger Liebe, daß es dergleichen nicht nur nicht gibt, sondern auch nicht geben kann. Ich will noch mehr sagen: Wenn mir jemand bewiesen hätte, daß Christus außerhalb der Wahrheit steht, und wenn die Wahrheit tatsächlich außerhalb Christi stünde, so würde ich es vorziehen, mit Christus und nicht mit der Wahrheit zu bleiben.

Davon will ich lieber gar nicht reden. Ich weiß übrigens nicht, warum gewisse Gesprächsstoffe in der Gesellschaft nie berührt werden dürfen, und wenn sie jemand berührt, es auf die anderen einen peinlichen Eindruck macht. Doch genug davon. Ich hörte, daß Sie irgendwo nach dem Süden reisen wollen. Gebe Gott, daß es Ihnen gelingt, die Erlaubnis dazu zu bekommen. Sagen Sie mir doch bitte, wann wir endlich ganz frei, oder wenigstens so frei wie die anderen Menschen sein werden? Vielleicht erst dann, wenn wir die Freiheit nicht mehr brauchen? Was mich betrifft, so will ich entweder alles, oder nichts. In der Soldatenuniform bin ich der gleiche Sträfling wie vorher. Ich freue mich so sehr darüber, daß ich in meiner Seele noch für lange Zeit Geduld finde, daß ich mir keine irdischen Güter wünsche und daß mir nichts fehlt als Bücher, die Möglichkeit zu schreiben und täglich einige Stunden für mich allein zu sein. Das letztere macht mir die größte Sorge. Seit fast fünf Jahren bin ich ständig unter Bewachung oder mit vielen Menschen zusammen und nicht eine Stunde für mich allein. Das Alleinsein ist ein normales Bedürfnis, wie das Essen und Trinken; sonst wird man bei diesem gewaltsamen Kommunismus unbedingt Menschenfeind. Die ständige Gesellschaft von Menschen wirkt wie Gift oder Pest, und an dieser unerträglichen Marter habe ich in den letzten vier Jahren am meisten gelitten. Es gab Augenblicke, in denen ich jeden Menschen, ob gut oder böse, haßte und als einen Dieb, der mir ungestraft mein Leben stiehlt, betrachtete. Das Unerträglichste ist, wenn man selbst ungerecht, gehässig und schlecht wird, sich dessen bewußt ist, sich sogar Vorwürfe macht und dabei doch nicht die Kraft hat, sich zu übermannen. Ich habe es erfahren. Ich bin überzeugt, daß Gott Sie davor bewahren wird. Ich glaube, daß Sie als Frau viel mehr Kraft haben, zu vergeben und zu dulden.

Schreiben Sie mir doch etwas, N. D. Ich komme jetzt in eine wahre Wüste, nach Asien, und dort, in Semipalatinsk werden mich, wie mir scheint, meine ganze Vergangenheit, alle Erinnerungen und Eindrücke verlassen; denn die letzten Menschen, die ich noch liebte und die wie ein Schatten meiner Vergangenheit vor mir standen, werden mich verlassen müssen. Ich gewöhne mich so furchtbar leicht an Menschen und verwachse so fest mit meiner Umgebung, daß ich mich später von ihr nur unter großen Schmerzen losreißen kann. Ich wünsche Ihnen, N. D., daß Sie möglichst glücklich und möglichst lange leben! Wenn wir uns wiedersehen, werden wir uns von neuem kennen lernen, und ein jeder von uns wird vielleicht noch viele glückliche Tage erleben. Ich lebe in ständiger Erwartung; ich bin jetzt noch immer etwas krank und es scheint mir, daß mit mir bald, sehr bald etwas Entscheidendes geschehen muß, daß ich mich dem kritischen Punkt meines ganzen Lebens nähere, daß ich gleichsam für irgend etwas reif geworden bin und daß mir vielleicht etwas Stilles und Heiteres, vielleicht auch Drohendes, jedenfalls aber etwas Unabwendbares bevorsteht. Sonst wäre mein ganzes Leben verfehlt. Vielleicht ist das Ganze nur ein krankhaftes Delirium! Leben Sie wohl, N. D., oder lieber auf Wiedersehen; wollen wir hoffen, daß wir uns noch wiedersehen!

Ihr D.

P. S. Verzeihen Sie, um Gottes willen, diesen unordentlichen und schmierigen Brief! Ich kann aber bei Gott nicht ohne Durchstreichungen schreiben. Seien Sie mir nicht böse.

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