Kitabı oku: «Der Idiot», sayfa 5

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Tozkij legte, als er sich in so liebenswürdiger Weise an ihn mit der Bitte um seinen Rat hinsichtlich einer seiner Töchter wandte, ihm durchaus ehrenhaft ein vollständiges und offenherziges Bekenntnis ab. Er eröffnete ihm, daß er entschlossen sei, vor keinem Mittel zurückzuschrecken, um seine Freiheit wiederzuerlangen; er werde sich nicht damit zufriedengeben, wenn sogar Nastasja Filippowna selbst ihm die Versicherung geben sollte, ihn künftig ganz in Ruhe lassen zu wollen; mit Worten werde er sich nicht zufriedengeben; er brauche eine vollständige Garantie. So verbündeten sich denn die beiden und beschlossen, gemeinsam vorzugehen. Sie entschieden sich dafür, es zuerst mit den mildesten Mitteln zu versuchen und sozusagen nur die »edelsten Saiten« in Nastasja Filippownas Herzen anzurühren. Beide fuhren zu ihr, und Tozkij begann geradeheraus mit der Erklärung, seine Lage sei ihm unerträglich geworden; er gestand, daß er selbst an allem schuld sei, sprach es offen aus, daß er nicht umhin könne, sein früheres Verhalten gegen sie zu bereuen; aber er sei eben ein eingefleischter Genußmensch und habe sich selbst nicht in der Gewalt. Jetzt aber wolle er heiraten, und das ganze Schicksal dieser im höchsten Grade wohlanständigen, noblen Ehe liege in ihren Händen; kurz, er erwarte alles von ihrem Edelmut. Dann begann in seiner Eigenschaft als Vater General Jepantschin zu reden; er sprach verstandesmäßig, unter Vermeidung des rührenden Elements, erwähnte nur, daß er seinerseits durchaus ihr Recht anerkenne, über Afanassij Iwanowitschs Schicksal zu entscheiden, und paradierte geschickt mit seiner eigenen Demut, indem er darauf hinwies, daß das Schicksal seiner Tochter, ja vielleicht auch das seiner beiden anderen Töchter, jetzt von ihrer Entscheidung abhänge. Auf Nastasja Filippownas Frage, was man eigentlich von ihr verlange, gestand ihr Tozkij mit der gleichen, ganz unverhüllten Offenheit wie vorher, er habe vor fünf Jahren einen solchen Schreck bekommen, daß er sich auch jetzt nicht eher ganz beruhigen könne, als bis sich Nastasja Filippowna selbst mit irgend jemand verheirate. Er fügte sogleich hinzu, diese Bitte würde von seiner Seite natürlich ungehörig sein, wenn er nicht diesbezüglich eine gewisse Veranlassung hätte. Er habe sehr wohl bemerkt und wisse mit Bestimmtheit, daß ein junger Mann von sehr guter Herkunft, der mit seinen sehr achtenswerten Angehörigen zusammen lebe, nämlich Gawrila Ardalionowitsch Iwolgin, den sie ja ebenfalls kenne und bei sich empfange, sie schon seit langem mit aller Kraft der Leidenschaft liebe und gewiß sein halbes Leben für die bloße Hoffnung, ihre Neigung zu erwerben, hingeben würde. Dieses Geständnis habe ihm Gawrila Ardalionowitsch selbst gemacht, und zwar schon vor längerer Zeit, aus Freundschaft und im Drange seines reinen, jugendlichen Herzens; auch Iwan Fjodorowitsch, der ein Gönner des jungen Mannes sei, wisse schon lange darum. Ja, auch Nastasja Filippowna selbst sei, wenn er, Afanassij Iwanowitsch, nicht irre, die Liebe des jungen Mannes schon längst bekannt, und es scheine ihm sogar, daß sie diese Liebe wohlwollend ansehe. Selbstverständlich sei es ihm ganz besonders peinlich, von alledem zu reden. Aber wenn Nastasja Filippowna seiner, Tozkijs, Versicherung Glauben schenken wolle, daß in seinem Herzen neben dem egoistischen Wunsche, sein eigenes Glück zu zimmern, auch der Wunsch für ihr Wohlergehen lebendig sei, dann werde sie begreifen, daß er schon lange mit Befremden und mit schmerzlicher Empfindung ihre Vereinsamung gesehen habe; sie bewege sich da in einem undefinierbaren Dunkel und wolle nicht an eine mögliche Erneuerung ihres Lebens glauben, das doch in der Liebe und im Familienglück eine Auferstehung erfahren und auf diese Weise ein neues Ziel gewinnen könne. So, wie sie jetzt lebe, werde sie ihre vielleicht glänzenden Fähigkeiten zugrunde richten; sie liebäugle aus freien Stücken mit ihrem Grame und gebe sich einer romantischen Überspannung hin, die weder ihres klaren Verstandes noch ihres edlen Herzens würdig sei. Er wiederholte noch einmal, niemandem könne es peinlicher sein, davon zu reden, als ihm, und schloß, er könne nicht die Hoffnung aufgeben, daß Nastasja Filippowna ihm nicht mit Verachtung antworten werde, wenn er ihr seinen aufrichtigen Wunsch ausspreche, ihr Geschick für die Zukunft sicherzustellen, und ihr eine Summe von fünfundsiebzigtausend Rubel anbiete. Er fügte zur Erklärung hinzu, die Summe sei ihr unter allen Umständen bereits in seinem Testament zugedacht; kurz, es handle sich hier ganz und gar nicht um irgendwelche Entschädigung… Warum wolle sie schließlich nicht glauben, daß er den menschlich verständlichen Wunsch habe, wenigstens irgendwie sein Gewissen zu erleichtern und so weiter und so weiter. Und so brachte er alles vor, was eben in ähnlichen Fällen über dieses Thema gesagt zu werden pflegt. Afanassij Iwanowitsch sprach lange und mit Aufgebot seiner ganzen Redekunst; dabei ließ er noch so beiläufig die interessante Bemerkung einfließen, daß er von diesen fünfundsiebzigtausend Rubel jetzt zum erstenmal habe ein Wort fallenlassen und daß selbst der hier danebensitzende Iwan Fjodorowitsch bisher nichts davon gewußt habe; kurz, daß überhaupt niemand etwas davon wisse.

Nastasja Filippownas Antwort setzte die beiden Freunde in Erstaunen.

Da war nicht die geringste Spur von ihrer früheren Spottlust, Feindseligkeit und haßerfüllten Gesinnung, keine Spur von jenem früheren Lachen, von dem immer noch bei der bloßen Erinnerung dem armen Tozkij ein kalter Schauder über den Rücken lief. Nein, ganz im Gegenteil: sie schien sich sogar darüber zu freuen, daß sie endlich mit jemand offenherzig und freundschaftlich reden könne. Sie gestand, daß sie selbst schon lange gewünscht habe, um einen freundschaftlichen Rat zu bitten; nur ihr Stolz habe sie davon zurückgehalten, aber jetzt, wo das Eis gebrochen sei, könne ihr nichts erwünschter sein. Anfangs mit einem traurigen Lächeln, dann aber mit heiterem, munterem Lachen gestand sie, daß von ihrem früheren stürmischen Wesen jedenfalls nichts mehr übriggeblieben sei; schon längst habe sie ihre Ansichten über die Dinge teilweise geändert, und obwohl sie im Herzen dieselbe geblieben sei, so müsse sie doch sehr vieles als vollendete Tatsache anerkennen; was geschehen sei, sei geschehen; was vergangen sei, sei vergangen; daher erscheine es ihr sogar seltsam, daß Afanassij Iwanowitsch immer noch ängstlich sei. Dann wandte sie sich an Iwan Fjodorowitsch und erklärte ihm mit einer Miene, die die größte Hochachtung zum Ausdruck brachte, sie habe schon längst sehr viel von seinen Töchtern gehört und sich längst daran gewöhnt, sie aufrichtig hochzuschätzen. Schon der bloße Gedanke, daß sie imstande sei, ihnen irgendwie zu nützen, mache sie glücklich und stolz. Es sei richtig, daß sie sich jetzt sehr bedrückt und einsam fühle, sehr einsam; Afanassij Iwanowitsch habe ihre Empfindungen erraten; sie habe allerdings den Wunsch, wenn auch nicht durch die Liebe, so doch durch den Besitz einer eigenen Familie ein neues Leben zu beginnen und sich eines neuen Zieles bewußt zu werden; aber was Gawrila Ardalionowitsch angehe, so könne sie in dieser Hinsicht fast noch gar nichts sagen. Es habe ja freilich den Anschein, daß er sie liebe, und sie fühle, daß es ihr möglich sein würde, ihn auch ihrerseits liebzugewinnnen, wenn sie auf die Beständigkeit seiner Zuneigung vertrauen dürfe; aber auch wenn sie an seine Aufrichtigkeit glauben wolle, sei er doch noch sehr jung; da sei es für sie schwer, einen Entschluß zu fassen. Was ihr übrigens am meisten an ihm gefalle, sei, daß er eifrig arbeite und allein die ganze Familie unterhalte. Sie habe gehört, daß er ein energischer Mann sei, der seinen eigenen Wert kenne, Karriere machen und vorwärtskommen wolle. Sie habe auch gehört, daß Nina Alexandrowna Iwolgina, Gawrila Ardalionowitschs Mutter, eine ganz vortreffliche, höchst achtenswerte Frau und seine Schwester Warwara Ardalionowna ein sehr interessantes, energisches Mädchen sei; sie habe viel über sie von Herrn Ptizyn gehört. Sie habe gehört, daß die beiden Damen ihr unglückliches Schicksal heldenmütig ertrügen; sie wünsche sehr, ihre Bekanntschaft zu machen; aber es sei noch die Frage, ob diese sie freudig in ihre Familie aufnehmen würden. Alles in allem sage sie nichts gegen die Möglichkeit dieser Ehe; aber das bedürfe noch längerer Überlegung, und sie wünsche nicht, daß man sie dränge. Was die fünfundsiebzigtausend Rubel anlange, so habe sich Afanassij Iwanowitsch unnötigerweise soviel Mühe gegeben, darüber zu reden. Sie kenne selbst den Wert des Geldes und werde die Summe natürlich annehmen. Sie danke Afanassij Iwanowitsch für sein Zartgefühl, daß er nicht nur Gawrila Ardalionowitsch, sondern auch dem General gegenüber nicht davon gesprochen habe, wiewohl eigentlich kein Grund vorhanden sei, weshalb der erstere davon nicht vorher Kenntnis haben solle. Wenn sie in seine Familie eintrete, so habe sie keinen Anlaß, sich dieses Geldes zu schämen. Jedenfalls beabsichtige sie nicht, irgend jemand wegen irgend etwas um Verzeihung zu bitten, und wünsche, daß alle dies wüßten. Sie werde Gawrila Ardalionowitsch nicht eher heiraten, als bis sie die Überzeugung gewonnen habe, daß weder er noch seine Angehörigen irgendwelche heimlichen Ansichten über sie hegten. Jedenfalls meine sie, daß sie an nichts eine Schuld trage; und es wäre sehr gut, wenn Gawrila Ardalionowitsch erführe, in welcher Art sie diese ganzen fünf Jahre hindurch in Petersburg gelebt, in welchen Beziehungen sie während dieser Zeit zu Afanassij Iwanowitsch gestanden und ob sie viel Vermögen angesammelt habe. Wenn sie schließlich das Kapital jetzt annehme, so sehe sie es durchaus nicht als Bezahlung für den Verlust ihrer jungfräulichen Ehre an, an dem sie keine Schuld trage, sondern einfach als eine Entschädigung für das Leben, das ihr dadurch verdorben worden sei.

Sie geriet sogar (was übrigens nur natürlich war) bei all diesen Darlegungen so in Hitze und Erregung, daß General Jepantschin sehr zufrieden war und die Sache für erledigt hielt; aber Tozkij, der nun einmal ängstlich geworden war, traute dem Frieden auch jetzt noch nicht ganz und fürchtete immer noch, es könnte unter den Blumen eine Schlange verborgen sein. Dennoch begannen die Unterhandlungen; derjenige Punkt, auf dem das ganze Manöver der beiden Freunde beruhte, nämlich die Möglichkeit, Nastasja für Ganja zu interessieren, gewann allmählich eine klarere, bestimmtere Gestalt, so daß selbst Tozkij manchmal anfing, an die Möglichkeit des Gelingens zu glauben. Unterdessen sprach sich Nastasja Filippowna mit Ganja aus: Worte wurden dabei allerdings nur wenige gewechselt, als litte ihr Schamgefühl gar zu sehr. Sie gestattete ihm, sie weiter zu lieben, erklärte aber auf das bestimmteste, sie wolle sich in keiner Weise binden; sie behalte sich bis zur Hochzeit (wenn es wirklich zur Hochzeit komme) das Recht vor, nein zu sagen, sogar bis zur letzten Stunde; ganz dasselbe Recht gestehe sie auch ihm zu. Bald darauf erfuhr Ganja durch einen günstigen Zufall, daß der Widerwille seiner ganzen Familie gegen diese Ehe und gegen Nastasja Filippownas Person, der sich in wiederholten häuslichen Szenen geäußert hatte, bereits mit vielen Einzelheiten zu Nastasja Filippownas Kenntnis gelangt war; sie selbst redete mit ihm nicht darüber, obgleich er es täglich erwartete. Es ließe sich übrigens noch vieles von all den unangenehmen Geschichten erzählen, die anläßlich dieser Brautwerbung und der Verhandlungen vorkamen; aber wir haben so schon vorgegriffen; auch erschien manches davon erst in Form sehr unbestimmter Gerüchte. So hatte zum Beispiel Tozkij irgendwoher erfahren, daß Nastasja Filippowna in irgendwelche nicht näher bekannten, geheimen Beziehungen zu den Jepantschinschen jungen Damen getreten sei – ein ganz unglaubwürdiges Gerücht. Dagegen schenkte er einem anderen Gerüchte unwillkürlich Glauben und wurde dadurch in große Angst versetzt: er hörte als sicher, Nastasja Filippowna wisse ganz genau, daß Ganja sie nur des Geldes wegen heiraten wolle, daß Ganja ein schwarzes, habgieriges, unverträgliches, neidisches und grenzenlos egoistisches Herz habe, daß Ganja zwar früher wirklich leidenschaftlich danach gestrebt habe, sie zu erobern, daß er aber, seitdem die beiden Freunde beschlossen hätten, diese nunmehr von beiden Seiten beginnende Leidenschaft zu ihrem Vorteil auszubeuten und ihn zu kaufen, indem sie ihm Nastasja Filippowna als rechtmäßige Gattin verkauften, die bisher Geliebte nun grimmig hasse, daß in seinem Herzen Leidenschaft und Haß jetzt in sonderbarer Weise vereinigt seien und er zwar schließlich nach qualvollem Hinundherschwanken endlich eingewilligt habe, »das liederliche Frauenzimmer« zu heiraten, aber sich selbst im stillen geschworen habe, sich später dafür bitter an ihr zu rächen und sie schwer »büßen zu lassen«, wie er sich selbst ausgedrückt habe. Alles dies wisse Nastasja Filippowna und bereite im geheimen irgend etwas vor. Tozkij war dermaßen beängstigt, daß er nicht einmal dem General Jepantschin etwas von seinen Befürchtungen mitteilte; aber es kamen auch Augenblicke vor, in denen er, wie das schwachherzige Menschen zu tun pflegen, den Kopf wieder aufrichtete und schnell neuen Mut faßte; so ermutigte es ihn zum Beispiel außerordentlich, als Nastasja Filippowna endlich den beiden Freunden das Versprechen gab, sie werde am Abend ihres Geburtstages das entscheidende Wort sprechen.

Aber dagegen erwies sich ein ganz seltsames und ganz unglaubliches Gerücht, das den achtenswerten Iwan Fjodorowitsch selbst betraf, leider mehr und mehr als richtig. Auf den ersten Blick erschien dabei alles als der barste Unsinn. Es war schwer zu glauben, daß Iwan Fjodorowitsch bei seinem würdigen Alter, bei seinem vortrefflichen Verstand und seiner praktischen Lebenskenntnis und so weiter und so weiter sich in Nastasja Filippowna verliebt haben sollte, und zwar gleich dermaßen, daß diese wunderliche Verirrung fast zu einer Leidenschaft wurde. Worauf er dabei seine Hoffnungen gründete, das war schwer auszudenken; vielleicht sogar auf Ganjas eigenen Beistand. Tozkij vermutete wenigstens etwas Derartiges; er vermutete, daß eine beinahe ohne Worte abgeschlossene, auf gegenseitigem Verständnis beruhende Verabredung zwischen dem General und Ganja bestehe. Übrigens ist bekannt, daß ein Mensch, der in den Bann einer Leidenschaft gerät, namentlich wenn er schon bei Jahren ist, vollständig blind wird und sich Hoffnungen macht, wo für ihn nicht die geringste Aussicht ist, ja alles gesunde Urteil verliert und, obwohl sonst ein Ausbund von Klugheit, nun wie ein törichtes Kind handelt. Man wußte, daß der General vorhatte, Nastasja Filippowna zu ihrem Geburtstage einen wundervollen Perlenschmuck zu schenken, der ein gewaltiges Geld kostete, und sich von diesem Geschenk viel versprach, obgleich er Nastasja Filippownas Uneigennützigkeit kannte. Am Abend vor ihrem Geburtstag war er wie im Fieber, obwohl er sich geschickt beherrschte. Von eben diesem Perlenschmuck hatte auch die Generalin Jepantschina gehört. Allerdings hatte Lisaweta Prokofjewna schon seit längerer Zeit Proben von der Flatterhaftigkeit ihres Gatten gehabt und sich sogar zum Teil daran gewöhnt, aber eine solche Gelegenheit durfte sie nicht unbenutzt vorübergehen lassen: das Gerücht von dem Perlenschmuck regte sie außerordentlich auf. Der General merkte das zum Glück noch rechtzeitig, da die Generalin schon am Abend vor dem Geburtstag ein paar Anspielungen darauf machte; er ahnte, daß die eigentliche Auseinandersetzung ihm noch bevorstand, und fürchtete sich davor. Dies war der Grund, weshalb er an dem Morgen, mit dem wir unsere Erzählung begonnen haben, schlechterdings keine Lust verspürte, im Kreise der Familie sein Frühstück einzunehmen. Noch bis zur Ankunft des Fürsten war er entschlossen gewesen, sich mit dringenden Geschäften zu entschuldigen und der Sache aus dem Wege zu gehen. Aus dem Wege gehen bedeutete bei dem General manchmal nichts anderes als die Flucht ergreifen. Er wollte wenigstens diesen einen Tag und namentlich den heutigen Abend ohne Unannehmlichkeiten genießen. Da stellte sich plötzlich, wie gerufen, der Fürst ein. ›Den hat mir Gott gesandt!‹ dachte der General im stillen, als er zu seiner Gemahlin ins Zimmer trat.

V

Die Generalin war auf ihre Abstammung stolz. Wie mußte ihr da zumute sein, als sie so geradezu und ohne alle Vorbereitung hörte, daß dieser letzte Sprößling des Myschkinschen Fürstengeschlechtes, über den ihr bereits einiges zu Ohren gekommen war, nichts weiter als ein kläglicher Idiot und beinah ein Bettler sei und Almosen annehme! Denn der General haschte bei der Schilderung nach Effekt, um gleich von vornherein das Interesse seiner Gattin für ihn zu erwecken und ihre Gedanken irgendwie in eine andere Richtung zu lenken.

Bei besonderen Ereignissen riß die Generalin gewöhnlich die Augen sehr weit auf, bog den Oberkörper etwas zurück und blickte; ohne ein Wort zu sagen, starr vor sich hin. Sie war eine hochgewachsene Frau, von gleichem Alter wie ihr Mann, mit dunklem, größtenteils schon ergrautem, aber noch dichtem Haar, etwas gekrümmter Nase, mager, mit gelben, eingefallenen Wangen und schmalen, welken Lippen. Ihre Stirn war hoch, aber nicht breit; die grauen, ziemlich großen Augen hatten mitunter einen recht ungewöhnlichen Ausdruck. Sie hatte früher die Schwäche gehabt, zu glauben, daß ihr Blick außerordentlichen Effekt mache, und diese Überzeugung war ihr unausrottbar verblieben.

»Empfangen? Sie sagen, ich soll ihn empfangen, jetzt, auf der Stelle?« Dabei riß die Generalin die Augen auf, soweit es nur ging, und blickte den vor ihr auf und ab gehenden Iwan Fjodorowitsch an.

»Oh, du brauchst mit ihm gar keine Umstände zu machen, liebe Frau, falls du überhaupt Lust hast, ihn zu sehen«, beeilte sich der General erläuternd hinzuzufügen. »Er ist das reine Kind und dabei so bemitleidenswert; er leidet an irgendwelchen Krankheitsanfällen; er kommt soeben aus der Schweiz, direkt von der Bahn, trägt einen sonderbaren Anzug, wohl nach deutscher Art, und hat überdies buchstäblich keine Kopeke in seinem Besitz; er weint beinah. Ich habe ihm fünfundzwanzig Rubel geschenkt und will ihm bei uns in einem Büro eine kleine Stelle als Schreiber verschaffen. Und euch, mesdames, bitte ich, ihn zu bewirten, da er, wie es scheint, auch recht hungrig ist…«

»Sie setzen mich in Erstaunen«, erwiderte die Generalin in derselben Art wie vorher, »hungrig und Anfälle! Was sind denn das für Anfälle?«

»Oh, sie wiederholen sich nicht oft, und überdies ist er sonst wie ein Kind, übrigens macht er den Eindruck eines gebildeten Menschen. Ich wollte euch bitten, mesdames«, wandte er sich wieder zu seinen Töchtern, »ihn ein bißchen zu examinieren; es wäre doch gut, wenn man wüßte, wozu er zu brauchen ist.«

»Ex-a-mi-nie-ren?« fragte die Generalin in gedehntem Tone und ließ höchst erstaunt ihre Augen wieder von ihren Töchtern zu ihrem Manne und umgekehrt hin und her rollen.

»Ach, liebe Frau, so mußt du das nicht auffassen… übrigens ganz, wie es dir beliebt; ich wollte ihm eine kleine Freundlichkeit erweisen und ihn bei uns verkehren lassen, denn das ist beinahe ein gutes Werk.«

»Bei uns verkehren lassen? Aus der Schweiz kommt er?«

»Die Schweiz kann dabei nicht hinderlich sein; übrigens noch einmal: ganz, wie du willst. Ich wünschte es deswegen, weil er erstens dein Namensvetter und vielleicht sogar ein Verwandter von dir ist und weil er zweitens nicht weiß, wo er sein Haupt hinlegen soll. Ich dachte sogar, du würdest dich für ihn ein wenig interessieren, da er ja doch zu unserer Familie gehört.«

»Selbstverständlich, maman, wenn wir mit ihm keine Umstände zu machen brauchen«, sagte Alexandra, die Älteste. »Überdies wird er von seiner Reise hungrig sein; warum sollen wir ihm da nicht etwas zu essen geben, wenn er nicht weiß, wo er bleiben soll?«

»Und obendrein ist er das reine Kind; man kann mit ihm noch Blindekuh spielen.«

»Blindekuh spielen? Wieso?«

»Ach, maman, hören Sie doch bitte auf, sich so anzustellen!« unterbrach Aglaja sie ärgerlich.

Die Mittlere, Adelaida, ein lachlustiges Ding, konnte sich nicht länger halten und lachte los.

»Rufen Sie ihn her, Papa, maman erlaubt es«, entschied Aglaja.

Der General klingelte und gab Befehl, den Fürsten zu rufen.

»Aber nur unter der Bedingung, daß ihm jedenfalls eine Serviette um den Hals gebunden wird, wenn er sich an den Tisch setzt«, erklärte die Generalin. »Ruft Fjodor oder Mawra … es soll einer hinter ihm stehen und auf ihn aufpassen, wenn er ißt. Verhält er sich denn wenigstens ruhig, wenn er seine Anfälle bekommt? Schlägt er nicht mit den Armen um sich?«

»Er ist sogar im Gegenteil sehr wohlerzogen und hat sehr gute Manieren. Etwas zu naiv ist er manchmal… Aber da ist er ja selbst! Hier stelle ich euch den Fürsten Myschkin vor, den Letzten dieses Geschlechtes, einen Namensvetter und vielleicht sogar Verwandten; nehmt ihn freundlich auf! Es findet gleich das Frühstück statt, Fürst; erweisen Sie uns also die Ehre… Mich aber entschuldigen Sie bitte; ich habe mich schon verspätet und muß mich beeilen…«

»Man weiß schon, wohin Sie es so eilig haben«, sagte die Generalin würdevoll.

»Ich muß eilen, ich muß eilen, liebe Frau; ich habe mich schon verspätet. Gebt ihm auch eure Albums, mesdames, damit er euch etwas hineinschreibt; er ist ein Kalligraph, wie man ihn selten findet! Dort bei mir in meinem Arbeitszimmer hat er in altertümlicher Schrift geschrieben: ›Der Abt Pafnutij hat dies eigenhändig unterzeichnet‹ … Nun, auf Wiedersehen!«

»Pafnutij? Abt? So warten Sie doch, warten Sie doch, wohin wollen Sie denn, und was ist das für ein Pafnutij?« rief die Generalin eigensinnig, ärgerlich und beinah in Aufregung ihrem davoneilenden Gatten nach.

»Ja, ja, liebe Frau, das war so ein Abt in alten Zeiten … Aber ich muß zum Grafen; er wartet auf mich, schon lange, und vor allen Dingen: er hat mir die Zeit selbst bestimmt… Auf Wiedersehen, Fürst!«

Der General entfernte sich mit schnellen Schritten.

»Ich weiß, zu welchem Grafen er es so eilig hat!« bemerkte Lisaweta Prokofjewna in scharfem Ton und lenkte gereizt ihre Blicke auf den Fürsten. »Ja, was war doch gleich?« begann sie, indem sie sich mürrisch und ärgerlich zu erinnern suchte. »Wovon redeten wir nur? Ach ja: was war das für ein Abt?«

»Maman!« begann Alexandra, und Aglaja stampfte sogar mit dem Füßchen.

»Stören Sie mich nicht, Alexandra Iwanowna!« schalt die Generalin. »Ich will das auch wissen. Setzen Sie sich, Fürst, da auf diesen Sessel mir gegenüber; nein, hierher, rücken Sie mehr in die Sonne, ins Licht, damit ich Sie sehen kann! Nun also, was war das für ein Abt?«

»Der Abt Pafnutij«, antwortete der Fürst aufmerksam und ernst.

»Pafnutij? Das ist interessant; also was war mit ihm?«

Die Generalin fragte ungeduldig, schnell, in scharfem Ton, ohne die Augen von dem Fürsten wegzuwenden, und als der Fürst antwortete, nickte sie zu jedem seiner Worte mit dem Kopfe.

»Der Abt Pafnutij lebte im vierzehnten Jahrhundert«, begann der Fürst. »Er stand einem Kloster an der Wolga vor, in unserem jetzigen Gouvernement Kostroma. Er war durch sein frommes Leben weit und breit bekannt; er reiste auch zur Goldenen Horde, half die damals schwebenden Angelegenheiten ordnen und unterzeichnete ein Schriftstück; von dieser Unterschrift habe ich ein Faksimile gesehen. Die Schrift gefiel mir, und ich übte mich in ihr. Als der General vorhin sehen wollte, wie ich schreibe, um mir eine passende Stellung anzuweisen, schrieb ich einige Sätze in verschiedenen Schriftgattungen nieder und unter anderm auch den Satz: ›Der Abt Pafnutij hat dies eigenhändig unterzeichnet‹ in der Schrift des Abtes Pafnutij. Das gefiel dem General sehr, und so hat er es denn jetzt erwähnt.«

»Aglaja«, sagte die Generalin, »merk es dir: Pafnutij! Oder notier es dir lieber; ich vergesse dergleichen sonst immer. Übrigens hatte ich gedacht, die Sache würde interessanter sein. Wo ist denn diese Unterschrift?«

»Ich glaube, sie ist im Arbeitszimmer des Generals geblieben, auf dem Tisch.«

»Schickt doch gleich jemand hin und laßt sie herholen!«

»Ich werde sie Ihnen lieber noch einmal schreiben, wenn es Ihnen recht ist.«

»Gewiß, maman«, sagte Alexandra, »aber jetzt wäre es das beste, wenn wir frühstückten, wir sind hungrig.«

»Auch das«, erwiderte die Generalin. »Kommen Sie, Fürst, haben Sie großen Hunger?«

»Ja, ich habe jetzt allerdings großen Hunger und sage Ihnen meinen besten Dank.«

»Das ist sehr nett, daß Sie so höflich sind, und ich finde, daß Sie überhaupt nicht so ein … Sonderling sind, wie man Sie uns geschildert hat. Kommen Sie! Setzen Sie sich hierher, mir gegenüber!« sagte sie, als sie ins Eßzimmer gekommen waren, geschäftig und nötigte den Fürsten zum Sitzen. »Ich möchte Sie gern ansehen können. Alexandra, Adelaida, sorgt ihr beide für den Fürsten! Nicht wahr, er ist gar nicht so … krank? Vielleicht ist auch die Vorsichtsmaßregel mit der Serviette nicht nötig… Hat man Ihnen beim Essen eine Serviette umgebunden, Fürst?«

»Früher, als ich etwa sieben Jahre alt war, hat man das wohl getan, aber jetzt lege ich mir die Serviette gewöhnlich auf die Knie, wenn ich esse.«

»So ist das auch in der Ordnung. Und Ihre Anfälle?«

»Anfälle?« fragte der Fürst ein wenig verwundert. »Anfälle kommen jetzt bei mir nur sehr selten vor. Übrigens, ich weiß nicht, es wird mir gesagt, das hiesige Klima werde mir schädlich sein.«

»Er spricht gut«, bemerkte die Generalin zu ihren Töchtern, sie nickte immer noch zu jedem Worte des Fürsten mit dem Kopf, »ich hatte das gar nicht erwartet. Es war also wie gewöhnlich nur dummes Zeug und Unwahrheit. Essen Sie, Fürst, und erzählen Sie, wo Sie geboren und wo Sie erzogen sind! Ich möchte alles wissen; Sie interessieren mich ganz außerordentlich.«

Der Fürst bedankte sich, und während er mit großem Appetit aß, begann er von neuem all das mitzuteilen, wovon er an diesem Morgen schon mehrmals zu reden Anlaß gehabt hatte. Die Generalin zeigte sich immer mehr befriedigt. Auch die jungen Damen hörten recht aufmerksam zu. Man suchte die Verwandtschaft festzustellen, wobei sich herausstellte, daß der Fürst seinen Stammbaum ziemlich gut im Kopf hatte; aber trotz aller Bemühung wollte sich zwischen ihm und der Generalin keinerlei Verwandtschaft ergeben. Nur zwischen den beiderseitigen Großvätern und Großmüttern hätte sich allenfalls eine entfernte Verwandtschaft annehmen lassen. Dieser trockene Gesprächsstoff gefiel der Generalin ganz ausnehmend, da sie fast nie Gelegenheit hatte, von ihrem Stammbaum zu sprechen, obwohl sie das sehr gern tat, und als sie vom Tisch aufstand, befand sie sich in angeregter Stimmung.

»Wir wollen jetzt alle in unser Gesellschaftszimmer gehen«, sagte sie, »und auch der Kaffee soll dorthin gebracht werden. Wir haben ein solches gemeinsames Zimmer«, wandte sie sich an den Fürsten, den sie führte. »Es ist ganz einfach mein kleiner Salon, wo wir, wenn kein Besuch da ist, uns zusammenfinden und jede von uns sich in ihrer Weise beschäftigt; Alexandra hier, meine älteste Tochter, spielt Klavier oder liest oder stickt; Adelaida malt Landschaften und Porträts (sie wird nur mit nichts fertig), und Aglaja sitzt da und tut nichts. Mir geht die Arbeit ebenfalls nicht vonstatten: es kommt nichts Ordentliches heraus. Nun, sehen Sie, da sind wir, setzen Sie sich hierher, Fürst, an den Kamin, und erzählen Sie! Ich möchte gern wissen, wie Sie zu erzählen verstehen. Ich möchte ganz genaue Kenntnis von allem erlangen, und wenn ich dann mit der alten Fürstin Bjelokonskaja zusammenkomme, will ich ihr viel von Ihnen erzählen. Ich möchte, daß alle Leute ebenfalls für Sie Interesse gewinnen. Nun also, reden Sie!«

»Aber maman, es ist doch sehr sonderbar, so auf Befehl erzählen zu müssen«, bemerkte Adelaida, die unterdessen ihre Staffelei zurechtgerückt, Pinsel und Palette zur Hand genommen hatte und nun anfing, eine schon vor längerer Zeit begonnene Landschaft nach einem Kupferstich zu kopieren.

Alexandra und Aglaja setzten sich nebeneinander auf ein kleines Sofa, legten die Hände zusammen und machten sich bereit, das Gespräch mit anzuhören. Der Fürst bemerkte, daß sich von allen Seiten eine gespannte Aufmerksamkeit auf ihn richtete.

»Ich würde nichts erzählen, wenn es mir auf solche Weise befohlen würde«, bemerkte Aglaja.

»Warum denn? Was ist denn dabei weiter sonderbar? Warum soll er nicht erzählen? Wozu hat er denn seine Zunge? Ich will wissen, wie er zu reden versteht. Sprechen Sie also, worüber Sie wollen! Erzählen Sie, wie Ihnen die Schweiz gefallen hat, welches der erste Eindruck gewesen ist! Ihr werdet sehen, er wird unverzüglich anfangen und sehr hübsch erzählen.«

»Der erste Eindruck war sehr stark…«, begann der Fürst.

»Seht ihr wohl«, unterbrach ihn die ungeduldige Lisaweta Prokofjewna, zu ihren Töchtern gewendet, »er hat schon angefangen.«

»Lassen Sie ihn doch wenigstens sprechen, maman!« schalt Alexandra. »Dieser Fürst ist vielleicht ein arger Schelm und gar kein Idiot«, flüsterte sie ihrer Schwester Aglaja zu.

»Höchstwahrscheinlich verhält es sich so, ich merke das schon lange«, versetzte Aglaja. »Es ist häßlich von ihm, uns so eine Rolle vorzuspielen. Hofft er etwa, dadurch in unseren Augen zu gewinnen?«

»Der erste Eindruck war sehr stark«, sagte der Fürst noch einmal. »Als man mich aus Rußland wegbrachte und wir durch verschiedene deutsche Städte fuhren, blickte ich alles nur schweigend an und erkundigte mich, soviel ich mich erinnern kann, nach nichts. Das war nach einer Reihe starker, qualvoller Anfälle meiner Krankheit; jedesmal aber, wenn die Krankheit sich in dieser Weise steigerte und die Anfälle mehrmals hintereinander erfolgten, verfiel ich in vollständigen Stumpfsinn, verlor gänzlich das Gedächtnis, und wenn auch der Verstand noch weiterarbeitete, so war doch die logische Aufeinanderfolge der Gedanken anscheinend unterbrochen. Mehr als zwei oder drei Gedanken vermochte ich nicht folgerichtig miteinander zu verknüpfen. So ist mir das in Erinnerung. Als dann aber die Anfälle nachließen, wurde ich wieder gesund und kräftig wie jetzt. Ich weiß noch, daß die Traurigkeit, die mich erfüllte, ganz unerträglich war; ich hätte am liebsten losgeweint, ich befand mich dauernd in größter Erregung und Unruhe. Einen furchtbaren Eindruck machte es auf mich, daß dies alles mir fremd war; denn soviel begriff ich. Das Fremde drückte mich nieder. Aber (daran erinnere ich mich aufs deutlichste) ich erwachte eines Abends in Basel bei der Ankunft in der Schweiz völlig aus dieser geistigen Umnachtung, und was mich erweckte, das war das Geschrei eines Esels auf dem Marktplatz. Dieser Esel war für mich eine großartige Überraschung und gefiel mir aus nicht recht verständlichen Gründen außerordentlich, und gleichzeitig wurde in meinem Kopfe sozusagen alles auf einmal wieder hell.«

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Litres'teki yayın tarihi:
11 eylül 2025
Hacim:
1100 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9788726981230
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