Kitabı oku: «Die Teufel - Dritter Band»

Yazı tipi:

Fjodor M Dostojewski

Die Teufel - Dritter Band

Roman

Übersezt von Hermann Röhl

Saga

Die Teufel - Dritter Band

Übersezt von Hermann Röhl

Titel der Originalausgabe: Besy

Originalsprache: Russischen

Coverbild/Illustration: Shutterstock

Copyright © 1872, 2021 SAGA Egmont

Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 9788726981278

1. E-Book-Ausgabe

Format: EPUB 3.0

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Dieses Werk ist als historisches Dokument neu veröffentlicht worden. Die Sprache des Werkes entspricht der Zeit seiner Entstehung.

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Erstes Kapitel

Das Fest

I

Das Fest kam zustande trotz der bedenklichen Begebnisse des »Schpigulinschen Tages«. Ich glaube, selbst wenn Lembke gerade in dieser Nacht gestorben wäre, hätte das Fest dennoch am Vormittage stattgefunden; eine so ganz besondere Bedeutung legte ihm Julija Michailowna bei. Leider verharrte sie bis zum letzten Augenblicke in ihrer Verblendung und hatte kein Verständnis für die Stimmung der Gesellschaft. Es glaubte zuletzt niemand mehr, daß der festliche Tag ohne irgendein kolossales Ereignis vorübergehen werde, ohne eine Katastrophe, wie sich manche ausdrückten, indem sie sich schon im voraus die Hände rieben. Viele bemühten sich allerdings, eine finstere Miene anzunehmen, welche Sorge für das Gemeinwohl ausdrücken sollte; aber im allgemeinen belustigt den Russen jede skandalöse Affäre, die sich in den Kreisen der vornehmen Gesellschaft zuträgt, ganz außerordentlich. Freilich kam bei uns noch ein Moment hinzu, das sehr viel ernster war als bloße Skandalsucht: es herrschte eine allgemeine Gereiztheit, eine unbändig boshafte Stimmung; es schien, als ob allen alles schrecklich zuwider geworden sei. Es war ein allgemeiner, unklarer Zynismus verbreitet, ein übertriebener Zynismus, zu dem man sich gewissermaßen erst zwang. Nur die Damen waren sich klar und einig, wenn auch nur in einem Punkte: in einem schonungslosen Hasse gegen Julija Michailowna. In diesem Gefühle kamen alle bei den Damen bestehenden Richtungen zusammen. Aber die Ärmste argwöhnte davon nichts; sie war bis zur letzten Stunde immer noch der Überzeugung, sie sei von einem großen Anhange umringt und alle seien ihr fanatisch ergeben.

Ich habe schon angedeutet, daß bei uns mancherlei elende Subjekte auftauchten. In den trüben Zeiten des Schwankens oder des Überganges finden sich solche elenden Subjekte immer und überall. Ich rede nicht von den sogenannten »leitenden Männern«, die stets allen voraneilen (das ist ihre Hauptsorge) und dabei ein zwar sehr oft recht dummes, aber doch mehr oder weniger bestimmtes Ziel verfolgen. Nein, ich rede nur von dem Gesindel. In jeder Übergangszeit erhebt sich dieses Gesindel, das in jeder Gesellschaft vorhanden ist und nicht nur kein Ziel, sondern nicht einmal eine Spur von einem Gedanken hat und nur seine innere Unruhe und Ungeduld mit aller Kraft zum Ausdruck bringt. Dabei gerät dieses Gesindel, ohne es selbst gewahr zu werden, fast immer unter die Herrschaft jenes kleinen Häufchens »leitender Männer«, die bei ihrer Tätigkeit ein bestimmtes Ziel verfolgen, und dieses Häufchen lenkt dann jenen ganzen Kehricht, wohin es ihm beliebt, wenn die »leitenden Männer« nur nicht selbst vollständige Idioten sind, was freilich ebenfalls vorkommt. Bei uns sagt man jetzt, wo alles vorüber ist, Peter Stepanowitsch habe seine Weisungen von der Internationale erhalten, Julija Michailowna die ihrigen von Peter Stepanowitsch, und diese habe nun nach seinem Kommando dem ganzen Gesindel die Richtung gewiesen. Die verständigsten Köpfe bei uns wundern sich jetzt über sich selbst, wie sie es nur fertiggebracht hätten, damals solche Fehlgriffe zu begehen. Worin eigentlich das Wesen unserer trüben Zeit bestand, und aus welchem Zustande und zu welchem Zustande sie bei uns den Übergang bildete, das weiß ich nicht, und das weiß, wie ich glaube, auch niemand außer etwa einigen fremden Gästen. Aber dabei bekamen auf einmal die allerelendesten Subjekte das Übergewicht und begannen laut alles Heilige zu kritisieren, während sie vorher nicht den Mund aufzumachen gewagt hatten, und die allerersten Männer, die bis dahin zum Segen des Ganzen die Oberhand gehabt hatten, fingen auf einmal an auf sie zu hören und selbst zu schweigen, zum Teil sogar in schmählichster Weise dazu zu kichern. Menschen wie Ljamschin und Teljatnikow, Gutsbesitzer wie Tentetnikow (in Gogols Roman »Tote Seelen«. Anmerkung des Übersetzers.), einheimische Rotznasen wie Radischtschew, melancholisch, aber hochmütig lächelnde Judenjünglinge, lachlustige, von auswärts gekommene Reisende, Dichter mit hauptstädtischer Richtung, Dichter ohne bestimmte Richtung und ohne Talent, aber dafür mit ärmellosen Jacken und Schmierstiefeln, Majore und Obersten, die sich über die Abgeschmacktheit ihres Berufes lustig machten und für einen Rubel Mehrgehalt bereit waren, sofort ihren Degen abzulegen und Eisenbahnsekretäre zu werden, Generäle, die zur Advokatur übergingen, fortschrittlich gebildete Makler, nach fortschrittlicher Bildung begierige kleine Kaufleute, unzählige Seminaristen, Frauen, die die Frauenfrage an ihrer eigenen Person in die Praxis umsetzten: all dies gewann bei uns plötzlich die Oberhand, und über wen? Über den Klub, über achtungswerte Würdenträger, über Generäle mit Stelzfüßen, über unsere so strenge, unnahbare Damenwelt. Wenn sogar Warwara Petrowna, bevor die Katastrophe mit ihrem Sohne eintrat, sich beinah zur Dienerin dieses ganzen Gesindels herabwürdigte, so kann man unseren anderen Minerven ihre damalige Torheit einigermaßen verzeihen. Jetzt führt man, wie ich schon gesagt habe, alles auf die Internationale zurück. Diese Vorstellung hat sich dermaßen festgesetzt, daß man sogar Fremden, die nach unserer Stadt kommen, über die Vorgänge in diesem Sinne berichtet. Erst neulich hat der Rat Kubrikow, ein Herr von zweiundsechzig Jahren mit dem Stanislausorden am Halse, öffentlich, ohne dazu herausgefordert zu sein, in tiefer Ergriffenheit erklärt, er habe ganze drei Monate lang unzweifelhaft unter dem Einflusse der Internationale gestanden. Und als man ihn mit aller seinen Jahren und seinen Verdiensten schuldigen Hochachtung aufforderte, sich deutlicher darüber auszusprechen, so konnte er zwar dafür keine anderen Beweise anführen, als daß er »durchaus diese Empfindung gehabt habe«, blieb aber trotzdem bei seiner Angabe, so daß man ihn nicht weiter befragte.

Ich wiederhole noch einmal. Es hatte sich auch bei uns ein kleines Häufchen vorsichtiger Leute erhalten, die sich gleich zu Anfang zurückgezogen und sich sogar eingeschlossen hatten. Aber welches Türschloß hält gegen das Naturgesetz stand? Auch in den vorsichtigsten Familien gibt es heranwachsende junge Mädchen, die notwendig manchmal ein bißchen tanzen müssen. Und so subskribierten denn schließlich auch diese vorsichtigen Leute sämtlich für das Fest zum Besten der Gouvernanten. Der geplante Ball sollte glänzend werden, etwas noch nie Dagewesenes:, man erzählte sich Wunderdinge davon; es gingen Gerüchte über zugereiste Fürsten mit Lorgnetten; über ein Dutzend Festordner, sämtlich junge Kavaliere mit Schleifen an der linken Schulter; über einige Herren aus Petersburg, die als Triebräder der geistigen Bewegung zu betrachten seien; Gerüchte, daß Karmasinow, um die Einnahmen zu erhöhen, eingewilligt habe, sein » Merci« im Kostüm einer Gouvernante unseres Gouvernements zu lesen; daß eine »literarische Quadrille« getanzt werden würde, ebenfalls vollständig in Kostümen, und jedes Kostüm eine bestimmte literarische Richtung versinnbildlichen werde; endlich daß auch »der ehrenhafte russische Gedanke« einen Kostümtanz ausführen werde, was schon an sich eine vollständige Neuheit darstelle. Wie sollte man da nicht subskribieren? Es subskribierten alle.

II

Der festliche Tag zerfiel nach dem Programm in zwei Teile: in eine literarische Matinee vom Mittage bis vier Uhr, und dann in einen Ball von zehn Uhr an die Nacht hindurch. Aber gerade in dieser Anordnung lagen schon die Keime von Unstimmigkeiten verborgen. Erstens hatte sich gleich von vornherein unter dem Publikum das Gerücht verbreitet, es werde gleich nach der Matinee oder sogar während derselben in einer extra dazu eingerichteten Pause ein Frühstück gereicht werden, natürlich gratis, als Teil des Programmes, und zwar mit Champagner. Der hohe Preis des Billetts (drei Rubel) trug dazu bei, daß das Gerücht Glauben fand. »Sonst hätte es ja gar keinen Zweck, daß ich subskribiere. Für das Fest ist ein ganzer Tag in Aussicht genommen; na, da gebe man uns auch etwas zu essen; sonst bekommt der Mensch Hunger.« In dieser Weise wurde bei uns über die Sache gesprochen. Ich muß bekennen, daß Julija Michailowna selbst durch ihre Leichtfertigkeit die Entstehung dieses Gerüchtes verschuldet hatte. Einen Monat vorher, als der große Gedanke noch seinen ersten Zauber auf sie ausübte, hatte sie diesem und jenem etwas von ihrem Feste zugeflüstert und unter anderm geäußert, es würden dabei Toaste ausgebracht werden; ja sie hatte sogar an eine der hauptstädtischen Zeitungen eine Mitteilung dieses Inhalts gesandt. Gerade diese Toaste waren es, was sie damals reizte: sie wollte sie selbst ausbringen und beschäftigte sich in ungeduldiger Erwartung bereits damit, sie abzufassen. In diesen Toasten sollte sozusagen unsere Fahne entrollt werden (was für eine Fahne? ich möchte wetten, daß die arme Frau so gut wie nichts zustande brachte), und sie sollten dann in Gestalt von Korrespondenzen in die hauptstädtischen Zeitungen übergehen, die höchste Behörde entzücken und bezaubern, dann sich über alle Gouvernements verbreiten und überall Bewunderung und Nachahmung hervorrufen. Aber für die Toaste war Champagner obligatorisch, und da man Champagner nicht auf nüchternen Magen trinken kann, so wurde selbstverständlich auch ein Frühstück notwendig. Als sich dann später durch ihre Bemühungen bereits ein Komitee gebildet hatte und man die Sache ernstlicher in Angriff nahm, da wurde ihr sofort deutlich bewiesen, daß, wenn man an Schmausereien denke, für die Gouvernanten nur sehr wenig übrigbleiben werde, selbst bei reichsten Einnahmen. Es boten sich demnach zwei Möglichkeiten dar: ein sardanapalischer Schmaus und Toaste und etwa neunzig Rubel für die Gouvernanten, oder Erzielung einer bedeutenden Einnahme für die letzteren bei einem sozusagen nur formellen Charakter des Festes. Übrigens hatte ihr das Komitee damit nur ein bißchen Bange machen wollen und ersann schließlich selbst eine vermittelnde, verständige Lösung der Frage: nämlich es solle ein in jeder Hinsicht sehr anständiges Fest gegeben werden, jedoch ohne Champagner; auf diese Art werde eine recht hübsche Summe übrigbleiben, weit mehr als neunzig Rubel. Aber Julija Michailowna war damit nicht einverstanden; ihr Charakter verachtete die kleinbürgerliche Mittelstraße. Sie erklärte sogleich, wenn der erste Gedanke undurchführbar sei, so müsse man sich unverzüglich für das entgegengesetzte Extrem entscheiden, das heißt eine kolossale Einnahme erzielen und dadurch alle übrigen Gouvernements neidisch machen. »Das Publikum muß denn doch begreifen,« schloß sie ihre flammende Rede im Komitee, »daß die Erreichung allgemein menschlicher Ziele unvergleichlich viel höher steht als leibliche Genüsse von kurzer Dauer, und daß ein Fest im Grunde nur die Verkündigung einer großen Idee ist, und daher muß es sich mit einem ganz ökonomisch eingerichteten kleinen Balle in deutscher Manier begnügen, der lediglich eine Art von Symbol sein will, wenn es denn einmal ohne einen solchen unausstehlichen Ball schlechterdings nicht geht!« Dermaßen haßte sie ihn auf einmal. Aber schließlich beruhigte man sie doch. Damals wurden zum Beispiel die »literarische Quadrille« und andere ästhetische Dinge als Ersatz für die leiblichen Genüsse ausgedacht und in Vorschlag gebracht. Damals erklärte auch Karmasinow endgültig seine Bereitwilligkeit, sein » Merci« vorzulesen (bis dahin hatte er das Komitee nur mit undeutlichen Redensarten gequält) und dadurch schon den bloßen Gedanken an das Essen in den Köpfen unseres unenthaltsamen Publikums zu ertöten. Auf diese Weise wurde der Ball wieder ein herrliches Prachtstück, wiewohl nunmehr in anderer Art. Und um sich nicht ganz in die Wolken zu verlieren, beschloß man, es solle zu Beginn des Balles Tee mit Zitrone und kleinen runden Kuchen gereicht werden, dann Orangeade und Limonade und gegen den Schluß sogar Gefrorenes, aber weiter auch nichts. Für diejenigen aber, die unfehlbar immer und überall Hunger und namentlich Durst verspürten, solle am Ende der Zimmerflucht ein besonderes Büfett aufgestellt werden; hier solle Prochorytsch, der Oberkoch im Klub, seines Amtes walten und (allerdings unter strengster Aufsicht des Komitees) den Gästen beliebige Speisen und Getränke verabfolgen, aber gegen besondere Bezahlung, und daher solle an der Tür des Saales ausdrücklich ein Plakat angebracht werden, daß das Büfett nicht zum Programme gehöre. Am Vormittag aber solle das Büfett überhaupt nicht geöffnet sein, um eine Störung der Vorlesung zu vermeiden, trotzdem das Büfett fünf Zimmer weit entfernt von dem Weißen Saale eingerichtet werden sollte, in welchem Karmasinow sein »Merci« vorzulesen eingewilligt hatte. Es ist merkwürdig, daß man diesem Ereignisse, nämlich der Vorlesung des »Merci«, im Komitee anscheinend eine ganz kolossale Wichtigkeit beimaß und sogar sehr praktisch denkende Menschen diese Auffassung teilten. Was nun aber gar die poetisch veranlagten Naturen anlangt, so erklärte zum Beispiel die Frau Adelsmarschall Herrn Karmasinow, sie werde sogleich nach der Vorlesung in die Wand ihres Weißen Saales eine Marmortafel einfügen lassen mit der goldenen Inschrift, daß an dem und dem Tage und Jahre hier an dieser Stelle der große russische und europäische Schriftsteller, nachdem er die Feder niedergelegt, sein »Merci« vorgelesen und auf diese Weise zum erstenmal vom russischen Publikum in der Gestalt der Vertreter unserer Stadt Abschied genommen habe; diese Inschrift sollten alle schon sogleich auf dem Balle lesen können, das heißt nur fünf Stunden nach der Vorlesung des »Merci« . Ich weiß zuverlässig, daß gerade Karmasinow darauf bestand, das Büfett dürfe am Vormittag während seiner Vorlesung unter keinen Umständen geöffnet sein, obwohl mehrere Komiteemitglieder bemerkten, daß dies zu unseren Sitten und Gewohnheiten nicht recht stimme.

Dies war die Lage der Dinge, während man in der Stadt immer noch an einen sardanapalischen Schmaus glaubte, das heißt an ein vom Komitee gestelltes Büfett; man glaubte daran bis zur letzten Stunde. Sogar die jungen Damen phantasierten von einer Unmenge von Konfekt und Eingemachtem und anderen schönen Dingen. Alle wußten, daß die Einnahme sehr reich ausgefallen sei, daß sich die ganze Stadt dazu dränge, daß auch aus den Kreisen viele angereist kämen und die Billette nicht ausreichten. Es war auch bekannt, daß über den festgesetzten Preis hinaus noch bedeutende Spenden dargebracht waren: Warwara Petrowna zum Beispiel hatte für ihr Billett dreihundert Rubel bezahlt und wollte zur Ausschmückung des Saales alle Blumen aus ihren Gewächshäusern liefern. Die Frau Adelsmarschall (Komiteemitglied) gab ihr Haus und die Beleuchtung her; der Klub stellte die Musik und die Bedienung und überließ dem Komitee für den ganzen Tag seinen Prochorytsch. Auch sonst waren noch Spenden gemacht, wenngleich nicht so beträchtliche, so daß sogar der Gedanke auftauchte, den ursprünglichen Preis des Billetts von drei Rubeln auf zwei herabzusetzen. Im Komitee hatte man tatsächlich zuerst gefürchtet, daß bei drei Rubeln die jungen Damen nicht kommen würden, und vorgeschlagen, Familienbillette einzurichten, dergestalt, daß jede Familie nur für eine junge Dame bezahlen solle und alle übrigen zu der Familie gehörigen jungen Damen, selbst wenn sie zehn an Zahl wären, freien Eintritt hätten. Aber alle Befürchtungen erwiesen sich als grundlos: im Gegenteil, gerade die jungen Damen erschienen zahlreich. Selbst die ärmsten Beamten brachten ihre jungen Mädchen mit, und es war ganz klar, daß, wenn sie keine jungen Mädchen gehabt hätten, es ihnen selbst gar nicht in den Sinn gekommen wäre, zu subskribieren. Ein Sekretär in untergeordneter Stellung brachte seine sämtlichen sieben Töchter mit, seine Frau natürlich ungerechnet, und außerdem noch eine Nichte, und jede von diesen Damen hatte eine Eintrittskarte für drei Rubel in der Hand. Man kann sich vorstellen, was für eine Revolution in unserer Stadt herrschte! Man ziehe auch in Betracht, daß, da das Fest in zwei Abteilungen zerfiel, auch für jede Dame zwei Toiletten erforderlich waren: eine Matinee-Toilette für die Vorlesung und eine Balltoilette für die Tänze. Viele Familien aus dem Mittelstande versetzten, wie sich später herausstellte, zu diesem Tage alles, sogar die Wäsche, die Bettlaken und beinahe auch die Matratzen bei unseren Juden. (Von Juden hat sich im Laufe der letzten zwei Jahre eine erschreckende Menge eingenistet, und der Zuzug wird immer noch je länger je stärker.) Fast alle Beamten ließen sich einen Gehaltsvorschuß geben, und manche Gutsbesitzer verkauften notwendiges Vieh; und alles nur, damit ihre Fräulein Töchter bei dem Feste wie Marquisinnen auftreten könnten. Die Pracht der Toiletten war diesmal eine für unseren Ort unerhörte. Die Stadt war in den vorhergehenden zwei Wochen voll von Familiengeschichtchen, die alle sogleich von unseren Spöttern der Frau Gouverneur zugetragen wurden. Karikaturen einzelner Familien wurden in Umlauf gesetzt. Ich selbst habe in Julija Michailownas Album mehrere derartige Zeichnungen gesehen. All dies wurde natürlich auch denjenigen Personen, auf die sich die Geschichtchen bezogen, nur zu gut bekannt; dies war, wie mir scheint, der Grund, weswegen in den Familien in der allerletzten Zeit ein so starker Haß gegen Julija Michailowna heranwuchs. Jetzt schimpfen alle auf sie und knirschen bei der Erinnerung an das Geschehene mit den Zähnen. Aber es war schon vor dem Feste klar, daß, falls das Komitee irgendeinen Fehler beginge oder der Ball in irgendwelcher Hinsicht mißglückte, ein unerhörter Ausbruch von Empörung erfolgen werde. Daher erwartete jeder im stillen einen Skandal; wenn aber alle ihn schon so erwarteten, wie hätte er da nicht eintreten sollen?

Pünktlich um zwölf Uhr fing das Orchester an zu spielen. Da ich zu den Festordnern gehörte, das heißt, einer der zwölf jungen Männer mit Schleifen war, so habe ich mit eigenen Augen gesehen, wie dieser Tag schmählichen Angedenkens begann. Er begann mit einem maßlosen Gedränge am Eingange. Wie kam es, daß alles gleich von Anfang an mißglückte und als erste die Polizei Fehler beging? Dem wirklichen Publikum messe ich keine Schuld bei: die Familienväter, auch hochgestellte, suchten sich nicht durchzudrängen und drängten niemanden, sondern gerieten vielmehr, wie man sagt, schon auf der Straße in Verlegenheit beim Anblick des für unsere Stadt ungewöhnlichen Andranges der Menge, die das Portal belagerte und nicht einfach hineinging, sondern einen Sturmangriff ausführte. Unterdessen kamen fortwährend Equipagen angefahren und versperrten schließlich die Straße. Jetzt, wo ich dies schreibe, habe ich sichere Beweise für die Behauptung, daß mehrere Personen des gemeinsten Gesindels unserer Stadt von Ljamschin, Liputin und vielleicht noch von einem dritten, welche alle drei, ebenso wie ich, zu den Festordnern gehörten, einfach ohne Billette hereingelassen wurden. Wenigstens wurden sogar ganz unbekannte Individuen sichtbar, die aus den Kreisen und anderswoher herbeigekommen waren. Kaum hatten diese Wilden den Saal betreten, als sie sich sofort einstimmig (wie wenn sie dazu instruiert gewesen wären) erkundigten, wo sich das Büfett befinde, und, sowie sie erfuhren, daß keines da sei, ohne allen Anstand und mit einer bisher bei uns noch nicht dagewesenen Dreistigkeit zu schimpfen begannen. Allerdings waren manche von ihnen betrunken angekommen. Einige waren wie Wilde von der Pracht des Saales der Frau Adelsmarschall überrascht, da sie noch nie etwas Ähnliches gesehen hatten, wurden beim Eintritt ein Weilchen still und sahen sich mit offenem Munde um. Dieser große Weiße Saal war tatsächlich prächtig, wenn auch von einem schon aus der Mode gekommenen Baustile: er war von gewaltigen Dimensionen, ging durch zwei Stockwerke und hatte eine altertümlich gemalte und mit Vergoldung geschmückte Decke, Galerien, Wandspiegel, rote Draperie auf weißem Grunde, Marmorstatuen (vielleicht nicht sehr schöne, aber immerhin Statuen) und altertümliche, schwere Möbel aus der napoleonischen Zeit, weiß mit Gold und mit rotem Samt überzogen. Zurzeit befand sich am einen Ende des Saales eine hohe Estrade für die Literaten, welche Vorlesungen halten sollten, und der ganze Saal war wie das Parkett eines Theaters dicht mit Stühlen vollgestellt, mit breiten Durchgängen für das Publikum. Aber nach den ersten Augenblicken des Erstaunens begannen die sinnlosesten Fragen und Bemerkungen. »Wir wollen vielleicht noch gar keine Vorlesung ... Wir haben unser Geld bezahlt ... Das Publikum ist in einer unverschämten Weise betrogen worden ... Wir sind hier die Herren vom Hause, und nicht die Lembkes! ...« Kurz, es machte den Eindruck, als seien sie gerade zu diesem Zwecke hereingelassen worden. Besonders erinnere ich mich an ein Renkontre, bei welchem sich der fremde junge Fürst auszeichnete, der am Vormittag des vorhergehenden Tages bei Julija Michailowna gewesen war, einen großen Stehkragen getragen und wie eine Holzpuppe ausgesehen hatte. Er hatte sich ebenfalls auf ihre dringende Bitte bereitfinden lassen, sich eine Schleife an die linke Schulter zu stecken und mit uns zusammen das Amt eines Festordners zu versehen. Nun stellte es sich heraus, daß diese stumme Wachsfigur, die sich nur durch ein Federwerk zu bewegen schien, wenn auch nicht zu reden, so doch in ihrer Art zu handeln verstand. Als ein pockennarbiger, hochgewachsener Hauptmann a. D., gestützt auf einen ganzen sich hinter ihm herdrängenden Schwarm von allerlei Gesindel, ihm mit der Frage zusetzte, wo man hier zum Büfett komme, da winkte er einem Polizisten. Seine Weisung wurde unverzüglich ausgeführt: trotz seines Schimpfens wurde der betrunkene Hauptmann aus dem Saale hinausspediert. Unterdes begann endlich auch das »wirkliche« Publikum zu erscheinen und zog sich in drei langen Strömen in den drei Durchgängen zwischen den Stühlen hin. Das unordentliche Element wurde ruhig; aber das Publikum, auch das »beste«, machte unzufriedene und erstaunte Gesichter; manche Damen waren geradezu ängstlich.

Endlich hatten alle Platz genommen; nun schwieg auch die Musik. Man fing an sich zu schneuzen und sich umzusehen. Man wartete jedoch mit gar zu stolzer Miene, was an sich schon immer ein schlechtes Vorzeichen ist. Aber Lembkes waren noch nicht da. Seide, Samt und Brillanten glänzten und leuchteten auf allen Seiten; die Luft war von Wohlgerüchen erfüllt. Die Männer hatten ihre sämtlichen Orden angelegt, und selbst die alten Herren trugen Uniform. Endlich erschien auch die Frau Adelsmarschall, von Lisa begleitet. Noch nie war Lisa so blendend schön gewesen wie an diesem Tage und noch nie in so reicher Toilette. Ihr Haar war in Locken frisiert, ihre Augen blitzten, auf ihrem Gesichte strahlte ein Lächeln. Sie machte augenscheinlich Effekt; man betrachtete sie und flüsterte einander Bemerkungen über sie zu. Man sagte, sie suche mit den Augen nach Stawrogin; aber weder Stawrogin noch Warwara Petrowna waren anwesend. Ich verstand damals Lisas Gesichtsausdruck nicht: warum zeigte dieses Gesicht so viel Glückseligkeit und Freude, so viel Energie und Kraft? Ich erinnerte mich an das Geschehnis vom vorhergehenden Tage und war völlig verblüfft. Aber Lembkes waren immer noch nicht da. Schon dies war ein Fehler. Ich habe später erfahren, daß Julija Michailowna bis zum letzten Augenblicke auf Peter Stepanowitsch gewartet hatte, ohne den sie in der letzten Zeit keinen Schritt tun konnte, obwohl sie sich dessen nie so recht bewußt war. Ich bemerke in Parenthese, daß Peter Stepanowitsch am vorhergehenden Tage in der letzten Komiteesitzung die Schleife eines Festordners abgelehnt und die Frau Gouverneur dadurch sehr betrübt hatte, sogar so, daß sie Tränen vergoß. Zu ihrem Erstaunen und nachher auch zu ihrer größten Bestürzung (ich werde das später erklären) blieb er den ganzen Vormittag unsichtbar und erschien auch nicht zu den literarischen Vorlesungen, so daß ihn bis zum Abend niemand zu sehen bekam. Endlich begann das Publikum deutlich seine Ungeduld zu bekunden. Auch auf der Estrade zeigte sich noch niemand. In den hinteren Reihen begann man in die Hände zu klatschen wie im Theater. Die älteren Herren und Damen machten finstere Gesichter und bemerkten: »Lembkes benehmen sich offenbar schon gar zu vornehm.« Sogar bei den besseren Teilen des Publikums begann ein törichtes Geflüster: das Fest werde vielleicht wirklich nicht stattfinden, Lembke sei vielleicht wirklich ernstlich krank, und so weiter und so weiter. Aber Gott sei Dank, endlich erschienen Lembkes: er führte sie am Arme; ich muß gestehen, ich war selbst sehr besorgt gewesen, ob sie kommen würden. Aber nun waren alle Mutmaßungen zu Ende, und die Wirklichkeit trat in ihr Recht. Das Publikum atmete gewissermaßen auf. Lembke selbst schien völlig gesund zu sein, und diesen Eindruck gewannen, wie ich mich erinnere, alle von ihm; denn man kann sich vorstellen, wie viele Blicke sich auf ihn richteten. Ich merke noch als charakteristisch an, daß es überhaupt im Kreise unserer höchsten Gesellschaft nur sehr wenige Leute gab, die da annahmen, daß Lembke irgendwie geistig erkrankt sei: sie fanden seine dienstlichen Handlungen vollständig ordnungsmäßig, dergestalt, daß sie sogar den Vorgang, der sich am vorhergehenden Tage auf dem Platze abgespielt hatte, beifällig aufnahmen. »So hätte er nur gleich von Anfang an verfahren sollen,« sagten die höheren Beamten. »Aber da kommen nun solche Herren mit philanthropischen Anschauungen her und müssen doch schließlich zu dem alten Verfahren greifen und merken dabei nicht, daß das gerade um der Philanthropie willen notwendig ist.« So urteilte man wenigstens im Klub. Man tadelte nur, daß er dabei hitzig geworden war: »So etwas muß mit größerer Kaltblütigkeit geschehen; na, aber er ist noch neu in seinem Amte,« sagten die Sachverständigen. Mit der gleichen Neugier richteten sich alle Blicke auch auf Julija Michailowna. Über einen gewissen Punkt kann natürlich von mir, dem Berichterstatter, niemand sehr eingehende Details verlangen: es handelt sich da um ein Geheimnis, um eine Frau. Ich weiß nur so viel: am Abend des vorhergehenden Tages war Julija Michailowna in Andrei Antonowitschs Arbeitszimmer gekommen und bis lange nach Mitternacht bei ihm geblieben. Sie hatte ihm vergeben und ihn getröstet. Die beiden Ehegatten hatten sich über alles geeinigt; alles war vergessen; und als am Schlusse der Aussprache v. Lembke mit Schrecken sich an die Schlußszene der vorhergehenden Nacht erinnert hatte und vor seiner Frau auf die Knie gefallen war, da hatte das reizende Händchen und nach dem Händchen auch die Lippen der Gattin den flammenden Erguß der reuigen Worte des ritterlich zartfühlenden, aber von Rührung überwältigten Mannes gehemmt. Alle sahen die Glückseligkeit auf ihrem Gesichte. Sie schritt mit offener Miene und in prächtiger Toilette einher. Sie schien auf den Gipfel ihrer Wünsche gelangt zu sein: das Fest, welches das Ziel und die Krone ihrer Politik bildete, war zur Wirklichkeit geworden. Während sie zu ihren dicht an der Estrade befindlichen Plätzen hindurchgingen, verneigten die beiden Lembkes in Erwiderung der Verbeugungen des Publikums sich nach allen Seiten. Sie wurden sofort umringt. Die Frau Adelsmarschall erhob sich, um sie zu begrüßen ... Aber da begab sich ein garstiges Mißverständnis: das Orchester ließ ohne jeden Anlaß einen schmetternden Tusch ertönen, nicht einen Marsch, sondern einfach einen Tafeltusch wie bei uns im Klub bei Tisch, wenn bei einem offiziellen Diner auf jemandes Gesundheit getrunken wird. Ich weiß jetzt, daß dies Ljamschin in seiner Eigenschaft als Festordner angeordnet hatte, als sollte damit den eintretenden Lembkes eine Ehre erwiesen werden. Freilich konnte er sich immer damit herausreden, er habe es aus Dummheit oder aus Übereifer getan ... Leider wußte ich damals noch nicht, daß diese Buben sich um Entschuldigungen überhaupt keine Sorge mehr machten und mit jenem Tage alles zum Abschluß zu bringen gedachten. Aber mit dem Tusche war es noch nicht genug: während das Publikum noch ärgerlich staunte und lächelte, erscholl plötzlich am Ende des Saales und auf den Galerien ein Hurra, ebenfalls wie den Lembkes zu Ehren. Es waren nicht viele Stimmen; aber sie setzten, wie ich gestehen muß, das Rufen eine ziemliche Weile fort. Julija Michailowna wurde dunkelrot, und ihre Augen fingen an zu funkeln. Lembke blieb an seinem Platze stehen, wandte sich nach der Seite hin, von wo das Geschrei kam, und ließ einen majestätischen, strengen Blick über den Saal schweifen. Man veranlaßte ihn, sich schleunigst hinzusetzen. Ich bemerkte wieder mit Angst auf seinem Gesichte jenes gefährliche Lächeln, mit dem er am Vormittage des vorhergehenden Tages im Salon seiner Gemahlin dagestanden und Stepan Trofimowitsch angesehen hatte, ehe er an ihn herantrat. Es schien mir, daß auch jetzt sein Gesicht einen unheilverkündenden und, was das Allerschlimmste war, einen etwas komischen Ausdruck trug, einen Ausdruck, als ob er in Gottes Namen sich zum Opfer bringen wolle, um nur damit den höheren Zielen seiner Gemahlin zu dienen ... Julija Michailowna winkte mich schnell zu sich und flüsterte mir zu, ich möchte zu Karmasinow laufen und ihn dringend bitten anzufangen. Und siehe da: kaum daß ich mich umgedreht hatte, da trug sich eine andere Abscheulichkeit zu, nur noch weit garstiger als die erste. Auf der Estrade, auf der leeren Estrade, wohin bis jetzt die Blicke und Erwartungen aller gerichtet waren, und wo nur ein kleiner Tisch, dahinter ein Stuhl und auf dem Tische ein Glas Wasser auf einem silbernen Präsentierteller zu sehen waren, auf der leeren Estrade erschien plötzlich die riesenhafte Gestalt des Hauptmanns Lebjadkin im Frack und mit weißer Halsbinde. Ich war so überrascht, daß ich meinen Augen nicht traute. Der Hauptmann schien verlegen zu sein und blieb im Hintergrunde der Estrade stehen. Auf einmal hörte man aus dem Publikum rufen: »Lebjadkin! du?« Die dumme, rote Visage des Hauptmanns (er war total betrunken) verzog sich bei diesem Anrufe zu einem breiten, stumpfsinnigen Lächeln. Er hob die Hand in die Höhe, wischte sich mit ihr die Stirn, schüttelte seinen struppigen Kopf, machte dann, wie wenn er zu allem entschlossen wäre, zwei Schritte vorwärts und – brach plötzlich in ein prustendes Lachen aus, das nicht laut, aber helltönend, langgezogen und glückselig war, und bei dem die ganze wuchtige Masse seines Körpers in schaukelnde Bewegung geriet und die kleinen Augen sich zusammenzogen. Bei diesem Anblick fing beinah die Hälfte des Publikums an zu lachen, und etwa zwanzig Menschen klatschten Beifall. Der ernste Teil des Publikums wechselte finstere Blicke; das Ganze dauerte indes nicht länger als eine halbe Minute. Liputin mit seiner Festordnerschleife und zwei Diener liefen schnell auf die Estrade; sie faßten den Hauptmann behutsam unter die Arme, und Liputin flüsterte ihm etwas zu. Der Hauptmann runzelte die Stirn, murmelte: »Na, wenn's so ist!«, machte eine Handbewegung, als verzichte er, wendete dem Publikum seinen gewaltigen Rücken zu und verschwand mit seinen Begleitern. Aber einen Augenblick darauf sprang Liputin wieder auf die Estrade. Auf seinen auch sonst stets lächelnden Lippen lag die süßeste Sorte von Lächeln, die er hervorbringen konnte, und die gewöhnlich an Essig mit Zucker erinnerte; in der Hand aber hielt er ein Blatt Briefpapier. Mit kleinen, aber schnellen Schritten trat er an den vorderen Rand der Estrade.

»Meine Herrschaften,« wandte er sich an das Publikum, »durch Unachtsamkeit ist ein komisches Mißverständnis entstanden, das bereits beseitigt ist; aber hoffnungsvoll habe ich den Auftrag übernommen und die tiefe, ehrerbietige Bitte eines in unserer Stadt lebenden Dichters ... durchdrungen von dem humanen, hohen Ziele ... trotz seines persönlichen Zustandes ... demselben Ziele, das uns alle vereinigt hat ... die Tränen armer gebildeter Mädchen unseres Gouvernements zu trocknen ... würde dieser Herr, das heißt, ich will sagen, dieser hiesige Dichter ... trotz des Wunsches, sein Inkognito zu bewahren ... er würde sehr wünschen, sein Gedicht vor dem Beginne des Balles vorgelesen zu sehen ... das heißt, ich wollte sagen, vor dem Beginne der Vorlesungen. Obgleich dieses Gedicht nicht im Programm steht und nicht darin stehen kann ... weil es erst vor einer halben Stunde eingeliefert ist, so wollte es uns doch scheinen« (wem denn: »uns«? Ich führe seine unzusammenhängende, konfuse Ansprache wörtlich an), »daß wegen der bemerkenswerten Naivität des Gefühls, das sich mit einer gleichfalls bemerkenswerten Heiterkeit vereinigt, das Gedicht vorgelesen werden könne, das heißt, nicht als etwas Ernstes, sondern nur als etwas zum Feste Passendes ... Mit einem Worte, zur Idee ... Um so mehr, da es nur einige Zeilen sind ... und ich wollte dazu die Erlaubnis des wohlgeneigten Publikums erbitten.«

»Lesen Sie es!« brüllte eine Stimme am Ende des Saales.

»Also soll ich es lesen?«

»Lesen Sie, lesen Sie!« riefen viele Stimmen.

»Ich werde es mit Erlaubnis des Publikums lesen,« sagte Liputin und verzog sein Gesicht wieder zu demselben zuckerigen Lächeln.

Indessen schien er sich doch nicht recht dazu entschließen zu können, und es kam mir sogar so vor, als befinde er sich in Aufregung. Trotz all ihrer Dreistigkeit fühlen sich solche Leute doch manchmal unsicher. Übrigens hätte der Seminarist sich nicht unsicher gefühlt; aber Liputin gehörte noch zur älteren Generation.

»Ich sage im voraus, das heißt, ich habe die Ehre im voraus zu sagen, daß dies nicht etwa eine Ode ist, wie sie früher für Feste geschrieben wurden, sondern sozusagen beinahe ein Scherz, aber voll unzweifelhaften Gefühles, das sich mit spaßhafter Heiterkeit vereinigt, und voll sehr realistischer Wahrheit.«

»Vorlesen, vorlesen!« Selbstverständlich konnte ihn niemand daran hindern. Überdies war er mit seiner Festordnerschleife aufgetreten. Mit helltönender Stimme deklamierte er:

»Der vaterländischen Gouvernante der hiesigen

Gegenden von einem Dichter zum Feste gewidmet.

›Sei gegrüßt uns, arme Gouvernante!‹

Rufen alle wir unisono!

Ob man deinen Wert auch oft verkannte,

Heute sei fidel und juble froh!«

»Das ist von Lebjadkin! Wirklich, von Lebjadkin!« erschollen mehrere Stimmen.

Gelächter ließ sich vernehmen; es wurde sogar applaudiert, wiewohl nicht von vielen.

»Kinder lehrst französisch du parlieren,

Wischst die rotz'gen Nasen ihnen rein,

Und du würdest dich gewiß nicht zieren,

Wollt' ein Kirchendiener um dich frei'n.«

»Hurra, hurra!«

»Doch in dieser Zeit voll Not und Jammer

Führt dich auch ein Kirchendiener nicht

Als sein Ehweib in die Hochzeitskammer,

Wenn es an Moneten dir gebricht.«

»Sehr richtig, sehr richtig! Das ist der echte Realismus! Ohne Moneten ist nichts anzufangen!«

»Aber heute wird es uns gelingen,

Schmausend, tanzend hier in diesem Saal,

Gouvernante, für dich aufzubringen,

Was du brauchst, ein tücht'ges Kapital.

Mit 'ner Mitgift kann dir's dann nicht fehlen;

Man bewirbt sich stark um deine Hand;

Wirst im Handumdrehen dich vermählen,

Und dann spuck auf deinen früh'ren Stand!«

Ich muß gestehen, ich traute meinen Ohren nicht. Dies war eine so offenkundige Frechheit, daß keine Möglichkeit blieb, Liputin auch nur mit Dummheit zu entschuldigen. Und Liputin war überhaupt nicht dumm. Die Absicht war klar, wenigstens für mich: es sollte so bald wie möglich alles in Unordnung gebracht werden. Einige Verse dieses verrückten Gedichtes, zum Beispiel der letzte, waren derartig, daß keine Dummheit sie entschuldigen konnte. Liputin schien auch selbst die Empfindung zu haben, daß er mit der Ausführung dieser seiner Heldentat zu weit gegangen sei; er bekam einen solchen Schreck über seine eigene Dreistigkeit, daß er nicht einmal von der Estrade herunterging, sondern stehen blieb, wie wenn er noch etwas hinzufügen wollte. Er hatte sicherlich angenommen, daß die Sache einen anderen Ausgang nehmen werde; aber selbst das Häufchen von Tumultuanten, das während der Ausführung des schändlichen Streiches applaudiert hatte, schwieg auf einmal, wie wenn es selbst erschrocken wäre. Das Allerdümmste war, daß viele von ihnen das ganze Gedicht zunächst als echtes Pathos aufgefaßt hatten, das heißt, nicht als ein Pasquill, sondern tatsächlich als wirkliche Wahrheit über die Gouvernanten, als eine tendenziöse Dichtung. Aber die übermäßige Ungeniertheit des Ausdrucks machte schließlich auch sie stutzig. Was nun das gesamte Publikum anlangt, so fühlte sich der ganze Saal nicht nur unangenehm berührt, sondern offensichtlich beleidigt. Ich irre mich nicht, wenn ich dies als die allgemeine Empfindung bezeichne. Julija Michailowna sagte später, sie sei nahe daran gewesen, in Ohnmacht zu fallen. Einer der achtungswertesten alten Herren veranlaßte seine Gattin aufzustehen, und beide verließen, von den aufgeregten Blicken des Publikums begleitet, den Saal. Wer weiß, vielleicht hätte dieses Beispiel noch manchen zur Nachahmung bewogen, wenn nicht in diesem Augenblicke Karmasinow selbst auf der Estrade erschienen wäre, in Frack und weißer Binde und mit einem Hefte in der Hand. Julija Michailowna richtete einen Blick voll Entzücken auf ihn wie auf einen Retter ... Ich aber war schon hinter den Kulissen; ich mußte mit Liputin sprechen.

»Das haben Sie mit Absicht getan!« sagte ich und ergriff ihn empört am Arme.

»Ich habe mir, weiß Gott, nichts dabei gedacht,« erwiderte er sofort, indem er sich zusammenkrümmte; er log und spielte den Unglücklichen. »Die Verse waren soeben gebracht worden, und ich dachte, daß sie als ein heiterer Scherz …«

»Das haben Sie gar nicht gedacht. Halten Sie denn dieses abgeschmackte Zeug wirklich für einen heiteren Scherz?«

»Ja, das tue ich.«

»Sie lügen einfach, und das Gedicht ist Ihnen gar nicht eben erst gebracht worden. Sie haben es selbst mit Lebjadkin zusammen verfaßt, vielleicht schon gestern, um einen Skandal hervorzurufen. Der letzte Vers rührt zweifellos von Ihnen her; ebenso das von dem Kirchendiener Gesagte. Warum ist er denn im Frack auf die Estrade gekommen? Offenbar war von Ihnen alles dazu vorbereitet, daß er das Gedicht selbst vorlesen sollte, wenn er sich nicht betrunken hätte.«

Liputin blickte mich kalt und boshaft an.

»Was geht Sie das an?« fragte er auf einmal mit seltsamer Ruhe.

»Was ist das für eine Frage? Sie tragen ebenfalls diese Schleife ... Wo ist Peter Stepanowitsch?«

»Ich weiß es nicht; er wird wohl hier irgendwo sein; wieso?«

»Ich will sagen, daß ich jetzt alles durchschaue. Das ist einfach ein Komplott gegen Julija Michajlowna, um das Fest durch einen Skandal zu stören ...«

Liputin warf mir wieder einen schrägen Blick zu.

»Was kümmert es Sie?« sagte er lächelnd, zuckte mit den Achseln und ging zur Seite.

Es überlief mich kalt. Alle meine bösen Ahnungen gingen in Erfüllung. Und ich hatte noch gehofft, daß ich mich irrte! Was sollte ich nun tun? Ich dachte schon daran, Stepan Trofimowitsch um Rat zu fragen; aber dieser stand vor dem Spiegel, probierte verschiedene Arten des Lächelns und blickte alle Augenblicke auf einen Zettel, auf dem er sich Notizen gemacht hatte. Er sollte unmittelbar nach Karmasinow auftreten und war nicht mehr imstande mit mir ein Gespräch zu führen. Sollte ich zu Julija Michailowna laufen? Aber dazu war es noch zu früh; für sie war eine weit stärkere Lektion erforderlich, um sie von der Einbildung zu kurieren, daß sie von Anhängern »umringt« und alle ihr »fanatisch ergeben« seien. Sie hätte mir nicht geglaubt und mich für einen Gespensterseher gehalten. Und wodurch hätte sie auch helfen können? »Ach was!« dachte ich; »was geht es mich eigentlich an? Ich werde die Schleife abmachen und nach Hause gehen, sobald die Geschichte losgeht.« Ich gebrauchte diesen Ausdruck: »sobald die Geschichte losgeht«; das ist mir noch im Gedächtnis.

Aber ich mußte hingehen und Karmasinow hören. Als ich zum letztenmal einen Blick hinter die Kulissen warf, bemerkte ich, daß sich dort ziemlich viel fremdes Volk herumtrieb, kam und ging, darunter sogar Weiber. Dieses »hinter den Kulissen« war ein ziemlich enger Raum, der vom Publikum durch einen Vorhang vollständig abgeschlossen war und nach hinten zu über einen Korridor weg mit den anderen Zimmern in Verbindung stand. Hier warteten unsere Vorleser, bis sie an die Reihe kamen. Aber mich setzte in diesem Augenblicke besonders der Lektor in Erstaunen, der auf Stepan Trofimowitsch folgen sollte. Dies war ebenfalls eine Art Professor (ich weiß auch jetzt nicht genau, was er eigentlich war), der freiwillig nach einem Studentenkrawalle von einer Hochschule abgegangen und aus irgendwelchem Grunde nach unserer Stadt gekommen war, und zwar erst vor einigen Tagen. Er hatte ebenfalls Empfehlungen an Julija Michailowna mitgebracht, und sie hatte ihn voll Verehrung aufgenommen. Ich weiß jetzt, daß er vor der Vorlesung nur an einem Abend bei ihr gewesen war, den ganzen Abend über bei ihr geschwiegen, über die Scherze und den ganzen Ton der Gesellschaft, die sich um Julija Michailowna scharte, zweideutig gelächelt und durch sein hochmütiges und gleichzeitig bis zur Schreckhaftigkeit empfindliches Wesen auf alle einen unangenehmen Eindruck gemacht hatte. Zu einer Vorlesung hatte ihn Julija Michailowna selbst angeworben. Jetzt ging er von einer Ecke in die andere und flüsterte ebenfalls, gerade wie Stepan Trofimowitsch, etwas vor sich hin, blickte aber zu Boden und nicht in den Spiegel. Er probierte nicht verschiedene Arten des Lächelns, obwohl er häufig und grimmig lächelte. Es war klar, daß auch mit ihm nicht zu reden war. Er war von Statur klein, anscheinend etwa vierzig Jahre alt, kahlköpfig, mit grauem Barte, anständig gekleidet. Aber am meisten interessierte es mich, daß er bei jeder Wendung die rechte Faust in die Höhe hob, sie in der Luft über seinem Kopfe schüttelte und dann auf einmal niederfallen ließ, als ob er einen Gegner zu Boden schmetterte. Diesen Hokuspokus machte er alle Augenblicke. Mir wurde bänglich zumute. Ich lief so schnell wie möglich hin, um Karmasinow zu hören.

III

Im Saale herrschte wieder eine unheimliche Atmosphäre. Ich erkläre im voraus: ich verbeuge mich respektvoll vor der Größe eines Genies; aber warum benehmen sich denn diese Herren, unsere Genies, am Ende ihrer ruhmvollen Jahre manchmal vollständig wie kleine Knaben? Was hatte es für Sinn und Verstand, daß Karmasinow mit einer Grandezza auftrat, die für fünf Kammerherrn ausgereicht hätte? Kann man denn das Interesse eines solchen Publikums, wie es das unsrige ist, für einen einzigen Gegenstand eine ganze Stunde lang rege erhalten? Und dann habe ich allgemein die Beobachtung gemacht, daß selbst ein großes Genie bei einer öffentlichen, populären literarischen Vorlesung das Publikum nicht länger als zwanzig Minuten ungestraft mit seiner eigenen Persönlichkeit beschäftigen kann. Allerdings wurde das Auftreten des großen Genies in höchst respektvoller Weise begrüßt: sogar die strengsten alten Herren gaben ihr Wohlgefallen und ihr Interesse zu erkennen und die Damen sogar ein gewisses Entzücken. Das Händeklatschen indes war nur von kurzer Dauer und sozusagen uneinheitlich und verwirrt. Dafür wurde in den hinteren Reihen bis zu dem Augenblicke, wo Herr Karmasinow zu sprechen anfing, keine einzige Ausschreitung begangen, und auch dann geschah fast nichts besonders Schlimmes; es war, als sei man dort im unklaren. Ich habe schon früher erwähnt, daß er eine sehr kreischende, sogar einigermaßen weibische Stimme hatte und außerdem in echt vornehmer, adliger Manier lispelte. Kaum hatte er ein paar Worte gesprochen, als sich plötzlich jemand erlaubte laut zu lachen, wahrscheinlich irgendein unerfahrener Dummkopf, der noch nichts von der Welt kannte und obendrein eine angeborene Lachsucht besaß. Aber es fand nicht die geringste Demonstration statt; im Gegenteil zischte man dem Dummkopf zu, und er versank in ein Nichts. Aber nun erklärte Herr Karmasinow in affektierter Weise, er habe anfänglich sich um keinen Preis dazu verstehen wollen, zu lesen (es war auch wohl sehr nötig, dies zu erklären!). Es gebe Gedanken, die dermaßen aus dem tiefsten Herzen quöllen, daß man sie nicht einmal mit Worten aussprechen dürfe, so daß es in keiner Weise zulässig sei, sie vor das Publikum zu bringen (nun, warum tat er es dann trotzdem?); aber da man ihn dringend gebeten habe, so habe er nachgegeben, und da er überdies die Feder für immer niederlegen wolle und sich geschworen habe, künftig um keinen Preis mehr etwas zu schreiben, so habe er nun in Gottes Namen diese letzte Schrift verfaßt; und da er sich geschworen habe, um keinen Preis künftig jemals wieder etwas dem Publikum vorzulesen, so wolle er nun in Gottes Namen dieses letzte Werk noch dem Publikum vorlesen, und so weiter und so weiter, alles in dieser Art.

Aber alles das wäre noch nichts gewesen, und wer kennt nicht die Vorreden der Autoren? Wiewohl ich bemerke: bei der geringen Bildung unseres Publikums und bei der Reizbarkeit der hinteren Reihen konnte dies alles eine unerwünschte Wirkung ausüben. Wäre es nicht besser gewesen, eine kleine Novelle vorzulesen, eine kurze Erzählung von der Art, wie er sie früher geschrieben hatte, das heißt, zwar affektiert und verkünstelt, aber doch manchmal geistreich? Dadurch hätte er alles retten können. Aber nein, es kam etwas ganz anderes! Es begann eine erbauliche Ansprache! Mein Gott, was war da nicht alles darin! Ich kann mit Bestimmtheit sagen, daß sogar ein hauptstädtisches Publikum dadurch in starre Betäubung versetzt worden wäre, nicht nur das unsrige. Man stelle sich beinah zwei Druckbogen voll des geziertesten, zwecklosen Geredes vor; überdies las dieser Herr noch gewissermaßen von oben herab, mit trüber Miene, wie aus Gnade und Barmherzigkeit, so daß es sogar wie eine Beleidigung unseres Publikums herauskam. Das Thema ... Aber wer konnte es herausfinden, dieses Thema? Es war eine Art von Bericht über Empfindungen und Erinnerungen. Aber über was für Empfindungen und Erinnerungen? Wie sehr wir armen Provinzialen auch während der ganzen ersten Hälfte der Vorlesung unsere Stirnen in Falten zogen, wir konnten nicht daraus klug werden, so daß die zweite Hälfte nur noch aus Höflichkeit angehört wurde. Es war allerdings viel von Liebe die Rede, von der Liebe eines Genies zu irgendeiner Person; aber ich muß gestehen, das kam etwas ungeschickt heraus. Meiner Ansicht nach paßte es nicht recht zu der kleinen, dicken Figur des genialen Schriftstellers, daß er von seinem ersten Kusse erzählte ... Und was wieder beleidigend wirkte, diese Küsse begaben sich in anderer Weise als bei der ganzen übrigen Menschheit. Da mußte unfehlbar ringsumher Ginster wachsen (unfehlbar Ginster oder ein anderes derartiges Kraut, das man erst in der Botanik nachschlagen muß). Außerdem mußte der Himmel unfehlbar eine Art von violetter Färbung haben, die allerdings noch nie ein anderer Sterblicher beobachtet hat, das heißt, es haben sie zwar alle gesehen, aber nicht verstanden, sie zu beobachten, und da sagte er nun gewissermaßen: »Ich habe sie genau beobachtet und schildere sie nun euch Dummköpfen wie etwas ganz Gewöhnliches.« Der Baum, unter dem das interessante Paar saß, mußte unfehlbar eine Art Orangenfarbe haben. Sie sitzen irgendwo in Deutschland. Auf einmal sehen sie Pompejus oder Cassius am Vorabend einer Schlacht, und beide überläuft ein kalter Schauer des Entzückens. Eine Waldnymphe quiekt im Gebüsch. Gluck spielt im Röhricht auf der Geige. Das Stück, das er spielt, heißt En toutes lettres, ist aber niemandem bekannt, so daß man darüber ein musikalisches Nachschlagewerk befragen muß. Inzwischen hat sich ein Nebel zusammengeballt, so zusammengeballt, so zusammengeballt, daß er mehr einer Million von Kissen als einem Nebel gleicht. Und plötzlich verschwindet alles, und das große Genie setzt im Winter bei Tauwetter über die Wolga. Das Übersetzen dauert zwei und eine halbe Seite lang; aber dennoch fällt das Genie in eine Wuhne. Das Genie geht unter, man denkt, es ertrinkt? Fällt ihm nicht ein, das alles hat nur den Zweck, daß, wenn das Genie schon ganz untergegangen ist und Wasser geschluckt hat, vor ihm ein Eisstückchen aufschimmert, ein winziges Eisstückchen, nur erbsengroß, aber rein und durchsichtig »wie eine gefrorene Träne«, und in diesem Eisstückchen spiegelt sich Deutschland wider oder, richtiger gesagt, der Himmel Deutschlands, und diese Widerspiegelung ruft durch ihr regenbogenartiges Farbenspiel dem Genie eben jene Träne ins Gedächtnis zurück: »›Erinnerst du dich wohl, sie rann aus deinem Auge, als wir unter dem smaragdenen Baume saßen und du freudig ausriefst: Es gibt kein Verbrechen!‹ ›Ja,‹ sagte ich unter Tränen, ›aber wenn dem so ist, dann gibt es ja auch gar keine Gerechten.‹ Wir schluchzten und trennten uns für immer.« Sie begibt sich irgendwohin an das Gestade des Meeres, er in eine Höhle; und da steigt er hinab, immer tiefer hinab, drei Jahre lang steigt er in Moskau unter dem Sucharew-Turme immer tiefer hinab, und auf einmal findet er in den innersten Eingeweiden der Erde in einer Höhle ein vor einem Heiligenbilde brennendes Lämpchen und vor dem Lämpchen einen Asketen. Der Asket betet. Das Genie drückt sich an ein kleines vergittertes Fensterchen und hört auf einmal einen Seufzer. Man denkt wohl, daß der Asket geseufzt hat? Mag sein; aber was schert sich das Genie um den Asketen! Bei diesem Seufzer erinnert es sich ganz einfach an den ersten Seufzer jenes weiblichen Wesens vor dreißig Jahren: »›Du erinnerst dich, es war in Deutschland; wir saßen unter dem achatfarbenen Baume, und du sagtest zu mir: Wozu liebt man? Siehe, ringsumher wächst Ocker, und ich liebe; aber der Ocker wird aufhören zu wachsen, und ich werde aufhören zu lieben.‹ Da ballte sich wieder der Nebel zusammen, es zeigte sich Theodor Amadeus Hoffmann, eine Waldnymphe pfiff eine Chopinsche Melodie, und plötzlich erschien aus dem Nebel, mit einem Lorbeerkranze auf dem Haupte, über den Dächern Roms Ancus Marcius. Ein Wonneschauer ging uns über den Rücken, und wir trennten uns für immer«, und so weiter und so weiter. Kurz, ich gebe es vielleicht nicht ganz richtig wieder und verstehe auch nicht, das zu tun; aber der Sinn des Geredes war ganz von dieser Art. Und schließlich, welch eine schmähliche Passion für »elegante Witze« findet sich bei unsern großen Geistern! Die großen westeuropäischen Philosophen, die großen Gelehrten und Erfinder, die Sklaven der Arbeit und Märtyrer, all diese Mühseligen und Beladenen sind für unser großes russisches Genie nur eine Art von Köchen in seiner Küche. Er ist der Herr, und sie erscheinen vor ihm mit der Mütze in der Hand und erwarten seine Befehle. Allerdings lacht er auch über Rußland hochmütig, und nichts macht ihm größeres Vergnügen als vor den Ohren der großen Geister Westeuropas zu erklären, daß Rußland in jeder Hinsicht bankerott sei; aber was ihn selbst anlangt, nein, er ist über diese großen Geister Westeuropas schon weit hinausgestiegen: die liefern alle nur Material für seine Witze. Er nimmt einen fremden Gedanken, verflicht damit das Gegenteil desselben, und der Witz ist fertig. Es gibt ein Verbrechen, es gibt kein Verbrechen; es gibt keine Wahrheit und keine Gerechten; der Atheismus, der Darwinismus, die Moskauer Glocken ... Aber leider glaubt er an die Moskauer Glocken nicht mehr; Rom, der Lorbeer ... Aber er glaubt nicht einmal an den Lorbeer ... Da findet sich der obligate Anfall Byronschen Grames, eine Grimasse aus Heine, eine Äußerung von Petschorin – und nun geht's los, nun geht's los, die Eisenbahn hat gepfiffen ... Und bei sich denkt er: »Übrigens lobt mich nur, lobt mich nur; das habe ich furchtbar gern; ich sage das ja nur so, daß ich die Feder hinlegen werde; wartet nur, ich werde euch noch dreihundertmal langweilen; ihr werdet es müde werden, mich zu lesen ...«

Selbstverständlich konnte die Sache kein harmonisches Ende haben; aber schlimm war, daß das üble Ende mit einem von ihm selbst begangenen entscheidenden Fehler anfing. Schon lange hatte Scharren, Schneuzen, Husten und alles Sonstige begonnen, was stattzufinden pflegt, wenn bei einer literarischen Vorlesung der Vorleser, wer er auch sei, das Publikum länger als zwanzig Minuten in Anspruch nimmt. Aber der geniale Schriftsteller bemerkte davon nichts. Er fuhr fort zu lispeln und zu kauen, ohne jede Rücksicht auf das Publikum, so daß alle in Erstaunen gerieten. Da plötzlich ließ sich aus den hintersten Reihen eine einzelne, aber laute Stimme vernehmen:

»Herr Gott, was für Quatsch!«

Dieser Ausruf erfolgte ganz unwillkürlich, und ich bin überzeugt, daß damit keine Demonstration beabsichtigt war. Der Betreffende war einfach müde. Aber Herr Karmasinow hielt inne, warf einen spöttischen Blick auf das Publikum und lispelte mit der Würde eines beleidigten Kammerherrn:

»Ich langweile Sie wohl tüchtig, mein Herrschaften?«

Gerade das war ja nun ein Fehler von ihm, daß er als erster ein Gespräch begann; denn indem er auf diese Weise zu einer Antwort aufforderte, gab er eben dadurch dem ganzen Pöbel die Möglichkeit mitzureden und sozusagen sogar mit Fug und Recht, während, wenn er Zurückhaltung beobachtet hätte, sie sich wohl noch immer weiter geschneuzt haben würden, die Sache aber doch wohl noch einigermaßen leidlich abgelaufen wäre ... Vielleicht erwartete er Beifallklatschen als Antwort auf seine Frage; aber dergleichen erfolgte nicht; im Gegenteil, alle hatten gewissermaßen einen Schreck bekommen, krümmten sich zusammen und schwiegen.

»Sie haben Ancus Marcius überhaupt nie gesehen; das sind Phrasen!« rief jemand in gereiztem Tone, ja, als ob ihm ein Schmerz zugefügt sei.

»Ganz richtig,« fiel sogleich ein anderer ein. »Heutzutage gibt es keine Geistererscheinungen, sondern nur Naturwissenschaften. Schlagen Sie im Naturgeschichtsbuch nach!«

»Meine Herrschaften, solche Einwände hatte ich am allerwenigsten erwartet,« erwiderte Karmasinow höchst erstaunt.

Das große Genie hatte sich in Karlsruhe vollständig von den Sitten seines Vaterlandes entwöhnt.

»In unserem Zeitalter ist es eine Schande zu sagen, daß die Welt auf drei Fischen ruhe,« Bezieht sich auf einen Volksglauben.rief ein junges Mädchen. »Daß Sie in eine Höhle zu einem Einsiedler hinabgestiegen wären, Karmasinow, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Und wer spricht jetzt überhaupt von Einsiedlern?«

»Meine Herrschaften, am meisten wundere ich mich darüber, daß Sie das so ernst auffassen. Übrigens ... übrigens ... haben Sie durchaus recht. Niemand kann die realistische Wahrheit höher schätzen als ich ...«

Er lächelte zwar ironisch, war aber stark betroffen. Sein Gesichtsausdruck besagte: »Ich bin ja gar nicht so einer, wie ihr meint; ich stehe ja ganz auf eurer Seite; nur lobt mich, lobt mich noch mehr, so viel wie möglich; das habe ich schrecklich gern ...«

»Meine Herrschaften,« rief er endlich, nunmehr aufs tiefste verletzt, »ich sehe, daß mein geringes Dichtwerk hier kein Treffer gewesen ist. Und auch meine eigene Person ist hier wohl kein Treffer gewesen.«

»Er hat auf eine Krähe gezielt und eine Kuh getroffen,« (Eine Redensart im Sinne von »er hat gewaltig vorbeigeschossen.« Anmerkungen des Übersetzers.) rief ein wahrscheinlich betrunkener Dummkopf aus voller Kehle. Natürlich wäre es das Richtige gewesen, ihn gar nicht weiter zu beachten.

Allerdings ließ sich ein respektloses Lachen vernehmen.

»Eine Kuh, sagen Sie?« fiel Karmasinow sogleich ein. Seine Stimme war noch kreischender geworden. »Über Krähen und Kühe zu reden, dessen möchte ich mich enthalten, meine Herrschaften. Ich achte jedes Publikum zu sehr, um mir Vergleiche, wenn auch unschuldiger Art (»Krähe« ist im Russischen eine Bezeichnung für einen Maulaffen. Anmerkung des Übersetzers.) zu erlauben; aber ich hatte geglaubt ...«

»Aber Sie, mein Herr, sollten nicht so sehr ...« rief jemand aus den hintersten Reihen.

»Aber ich hatte gedacht, wenn ich die Feder niederlegte und vom Leser Abschied nähme, so würde man mich anhören ...«

»Ja, ja, wir wollen hören, wir wollen hören!« ertönten endlich einige mutig gewordene Stimmen aus der ersten Reihe.

»Lesen Sie, lesen Sie!« fielen einige enthusiastische Damenstimmen ein, und endlich brach ein Beifallklatschen aus, das allerdings nur dünn und schwach war.

Karmasinow verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln und erhob sich von seinem Platze.

»Seien Sie überzeugt, Karmasinow, daß alle es sich sogar zur Ehre anrechnen ...« konnte sich die Frau Adelsmarschall selbst nicht enthalten zu bemerken.

»Herr Karmasinow,« ertönte auf einmal eine helle, jugendliche Stimme aus der Tiefe des Saales. Es war die Stimme eines sehr jungen Lehrers der Kreisschule, eines hübschen, ruhigen, anständigen jungen Menschen, der noch nicht lange in unserer Stadt wohnte. Er stand sogar von seinem Platze auf. »Herr Karmasinow, wenn ich das Glück hätte, mich so zu verlieben, wie Sie das geschildert haben, so hätte ich wahrhaftig über meine Liebe nichts in eine für eine öffentliche Vorlesung bestimmte Schrift aufgenommen ...«

Er war sogar ganz rot geworden.

»Meine Herrschaften,« rief Karmasinow, »ich schließe. Ich werde den letzten Abschnitt fortlassen und abtreten. Erlauben Sie mir nur noch, die Schlußzeilen vorzulesen!«

»Ja, lieber Leser, lebe wohl!« begann er sogleich aus seinem Manuskripte zu lesen, ohne sich noch einmal auf den Stuhl zu setzen. »Lebe wohl, lieber Leser! Ich spreche nicht einmal die dringende Bitte aus, daß wir als Freunde scheiden möchten: in der Tat, wozu soll ich dich mit einer solchen Bitte belästigen? Schimpfe sogar, o schimpfe auf mich, soviel du willst, wenn es dir Vergnügen macht! Das Beste aber wäre, wenn wir einander für immer vergäßen. Und wenn Sie alle, liebe Leser, jetzt vor mir auf die Knie fielen und mich mit Tränen bäten: ›Schreibe, o schreibe um unsertwillen, Karmasinow, um des Vaterlandes willen, um der Nachwelt willen, um der Lorbeerkränze willen!‹ so würde ich auch dann, selbstverständlich mit höflichstem Danke, Ihnen antworten: ›Nein, wir haben uns schon genug miteinander abgemüht, liebe Landsleute, merci! Es ist Zeit, daß wir jeder seines Weges gehen! Merci, merci, merci! ‹«

Karmasinow machte eine zeremonielle Verbeugung und begab sich ganz rot, wie wenn er gekocht wäre, hinter die Kulissen.

»Es wird überhaupt kein Mensch auf die Knie fallen; eine wunderliche Phantasie!«

»Ist das eine Eitelkeit!«

»Das ist nur Humor,« wollte ein Vernünftiger berichtigen.

»Nein, bleiben Sie uns mit Ihrem Humor vom Leibe!«

»Aber das ist doch eine Dreistigkeit, meine Herren!«

»Na, wenigstens hat er jetzt aufgehört.«

»War das aber eine Langeweile!«

Aber all diese groben Ausrufe der hinteren Reihen (übrigens nicht nur der hinteren) wurden nun übertönt durch das Beifallklatschen des übrigen Publikums. Karmasinow wurde herausgerufen. Mehrere Damen, an ihrer Spitze Julija Michailowna und die Frau Adelsmarschall, drängten sich bei der Estrade zusammen. Julija Michailowna hielt ein weißes Samtkissen in den Händen, auf dem ein prachtvoller Lorbeerkranz innerhalb eines anderen Kranzes von frischen Rosen lag.

»Lorbeeren!« sagte Karmasinow mit einem feinen, etwas boshaften Lächeln. »Ich bin natürlich gerührt und nehme diesen im voraus fertiggestellten, aber noch nicht verwelkten Kranz mit lebhaftem Gefühle des Dankes an; aber ich versichere Ihnen, mesdames, ich bin auf einmal ein solcher Realist geworden, daß ich meine, in unserem Zeitalter sind Lorbeeren in den Händen eines geschickten Koches weit mehr am Platze als in den meinigen ...«

»Ja, ein Koch ist nützlicher,« rief jener selbe Seminarist, der in der »Sitzung« bei Wirginski gewesen war.

Die Ordnung wurde jetzt etwas gestört. Die Anwesenden sprangen aus vielen Reihen auf, um die Überreichung des Lorbeerkranzes mit anzusehen.

»Für einen Koch würde ich jetzt noch drei Rubel zulegen,« sagte eine andere Stimme laut, sogar sehr laut und mit starkem Nachdruck.

»Ich auch.«

»Ich auch.«

»Ist denn hier wirklich kein Büfett?«

»Meine Herren, das ist einfach Betrug ...«

Übrigens muß ich bekennen, daß diese zügellosen Herren sich noch stark vor unseren Würdenträgern und vor dem im Saale anwesenden Polizeikommissar fürchteten. Nach ungefähr zehn Minuten war alles wieder einigermaßen zum Sitzen gekommen; aber die frühere Ordnung existierte nicht mehr. Und gerade in dieses beginnende Chaos geriet der arme Stepan Trofimowitsch hinein ...

IV

Ich lief jedoch noch einmal zu ihm hinter die Kulissen und teilte ihm ganz außer mir in der Geschwindigkeit mit, daß meiner Ansicht nach alles verloren sei und er am besten tun würde, überhaupt nicht aufzutreten, sondern sofort nach Hause zu fahren, allenfalls mit der Begründung, daß er von Cholerine befallen sei; ich würde ebenfalls die Schleife ablegen und mit ihm mitkommen. Er war in diesem Augenblicke schon auf die Estrade getreten, blieb plötzlich stehen, sah mich hochmütig vom Kopfe bis zu den Füßen an und sagte feierlich:

»Warum halten Sie mich einer so unwürdigen Handlungsweise für fähig, mein Herr?«

Ich trat zurück. So sicher wie davon, daß zweimal zwei vier ist, war ich überzeugt, daß er von dort nicht ohne eine Katastrophe wieder wegkommen werde. Während ich in tiefer Niedergeschlagenheit dastand, fiel mir wieder die Gestalt des fremden Professors in die Augen, der nach Stepan Trofimowitsch an die Reihe kommen sollte und vorhin immer die Faust in die Höhe gehoben und in vollem Schwunge hatte niederfallen lassen. Er ging immer noch ebenso, in Gedanken vertieft, auf und ab und murmelte mit einem boshaften, triumphierenden Lächeln etwas vor sich hin. Fast ohne jede Absicht (eine Art von innerem Drange trieb mich) trat ich auch zu ihm heran.

»Wissen Sie,« sagte ich, »aus vielen Beispielen steht fest, daß, wenn ein Vorleser das Publikum mehr als zwanzig Minuten lang in Anspruch nimmt, dieses nicht mehr zuhört. Selbst Zelebritäten können sich nicht eine halbe Stunde lang behaupten ...«

Er blieb plötzlich stehen und fing sogar am ganzen Leibe an zu zittern, wie wenn er schwer beleidigt wäre. Ein maßloser Hochmut prägte sich auf seinem Gesichte aus.

»Machen Sie sich darüber keine Sorge!« murmelte er geringschätzig und ging vorbei.

In diesem Augenblicke wurde im Saale Stepan Trofimowitschs Stimme vernehmbar.

»Ach, hol euch alle der Teufel!« dachte ich und lief in den Saal.

Stepan Trofimowitsch hatte sich auf den Sessel niedergelassen, während die Unordnung noch fortdauerte. In den ersten Reihen empfing man ihn offenbar mit unfreundlichen Blicken. (Im Klub mochte man ihn in der letzten Zeit nicht mehr recht leiden und schätzte ihn weit weniger als früher). Übrigens war auch das schon ein Glück, daß nicht gezischt wurde. Schon seit dem vorhergehenden Tage wollte mir ein sonderbarer Gedanke nicht aus dem Kopfe gehen: ich meinte immer, man würde ihn gleich bei seinem Erscheinen auszischen. Indessen wurde er infolge der noch fortdauernden Unordnung nicht einmal sofort bemerkt. Worauf konnte dieser Mensch hoffen, wenn die Zuhörer schon mit Karmasinow so umgesprungen waren? Er war blaß; seit zehn Jahren war er nicht vor das Publikum hingetreten. Aus seiner Aufregung und aus allen sonstigen Anzeichen, die ich an ihm nur zu gut kannte, war es mir klar, daß auch er selbst sein jetziges Erscheinen auf der Estrade als etwas für sein Schicksal Entscheidendes oder dergleichen ansah. Und gerade das war es, was ich fürchtete. Dieser Mensch war mir teuer. Wie wurde mir aber zumute, als er die Lippen öffnete und ich seinen ersten Satz hörte!

»Meine Herrschaften!« begann er in einem Tone, wie wenn er zu allem entschlossen wäre, und dabei doch mit fast versagender Stimme. »Meine Herrschaften! Noch heute morgen lag vor mir eines jener neuerdings hier verbreiteten gesetzwidrigen Blätter, und ich legte mir zum hundertsten Male die Frage vor: worin besteht ihr Geheimnis?«

Der ganze Saal war mit einem Schlage still geworden; alle Blicke hatten sich ihm zugewandt, manche mit einem Ausdrucke von Angst. Man mußte es ihm lassen: er hatte es verstanden, gleich beim ersten Worte das Interesse zu erregen. Sogar hinter den Kulissen streckten sich Köpfe hervor; Liputin und Ljamschin hörten mit einer Art von Gier zu. Julija Michailowna winkte mich wieder mit der Hand zu sich heran.

»Halten Sie ihn zurück, halten Sie ihn um jeden Preis zurück!« flüsterte sie mir aufgeregt zu.

Ich zuckte nur mit den Achseln; war es etwa möglich, einen Menschen, der in dieser Weise zu allem entschlossen war, zurückzuhalten? O weh, ich verstand Stepan Trofimowitschs Absicht.

»Ah, von den Proklamationen spricht er!« flüsterte man im Publikum; der ganze Saal geriet in unruhige Bewegung.

»Meine Herrschaften, ich habe dieses ganze Geheimnis ergründet. Das ganze Geheimnis ihrer Wirkung besteht in ihrer Dummheit!« (Seine Augen funkelten). »Ja, meine Herrschaften, wäre das eine beabsichtigte, planmäßig imitierte Dummheit, oh, dann wäre das sogar genial! Aber man muß diesen Blättern Gerechtigkeit widerfahren lassen: sie imitieren nichts. Das ist die nackteste, einfältigste, simpelste Dummheit, c'est la bêtise dans son essence la plus pure, quelque chose comme un simple chimique. Wäre das, was darin gesagt wird, auch nur um eine Spur verständiger, so würde jedermann sofort die ganze Armseligkeit dieser simplen Dummheit erkennen. Aber jetzt stutzen alle verwundert: niemand mag glauben, daß es wirklich so bodenlos dumm ist. ›Es muß doch noch etwas dahinterstecken,‹ sagt sich jeder, sucht einen verborgenen Sinn, sieht darin ein Geheimnis, möchte zwischen den Zeilen lesen, – und der Effekt ist da! Oh, noch nie hat die Dummheit eine so großartige Belohnung erhalten, trotzdem ihr Belohnungen so oft verdientermaßen zuteil geworden sind ... Denn, en parenthèse, die Dummheit wie das höchste Genie sind in den Geschicken der Menschheit in gleicher Weise nützlich.«

»Witzworte aus den vierziger Jahren!« bemerkte zunächst jemand, indes in sehr bescheidenem Tone.

Aber gleich nach ihm brach ein Sturm los; es wurde gelärmt und geschrien.

»Meine Herrschaften, Hurra! Ich bringe ein Hoch aus auf die Dummheit!« rief Stepan Trofimowitsch, der in vollständiger Raserei den ganzen Saal herausforderte.

Ich lief zu ihm hin, indem ich tat, als ob ich ihm Wasser eingießen wollte.

»Stepan Trofimowitsch, hören Sie damit auf; Julija Michailowna bittet Sie dringend ...«

»Nein, lassen Sie mich, Sie junger Müßiggänger!« schrie er mich aus voller Kehle an.

Ich lief von ihm weg.

» Messieurs !« fuhr er fort; »wozu die Aufregung, wozu das Geschrei der Entrüstung, das ich höre? Ich bin mit dem Ölzweige hergekommen. Ich werde noch ein letztes Wort hierüber sagen (denn in dieser Sache steht mir das letzte Wort zu), und auf Grund dessen werden wir uns versöhnen.«

»Hinaus!« riefen die einen.

»Still, lassen Sie ihn reden, lassen Sie ihn sich aussprechen!« brüllte ein anderer Teil.

Besonders aufgeregt war der junge Lehrer, der, nachdem er einmal Mut zum Reden gefaßt hatte, nun, wie es schien, nicht aufhören konnte.

» Messieurs, das letzte Wort in dieser Sache ist: Generalpardon. Ich, ein abgelebter alter Mann, erkläre feierlich, daß in der jungen Generation der Geist des Lebens wie früher weht und die lebendige Kraft nicht versiegt ist. Der Enthusiasmus der modernen Jugend ist ebenso rein und leuchtend wie der unserer Zeiten. Nur eines ist vorgegangen: die Ziele haben sich geändert; eine Schönheit ist durch eine andere ersetzt worden! Der ganze Zweifel besteht nur darin: was ist schöner, Shakespeare oder ein Paar Stiefel, ein Raffaelsches Gemälde oder Petroleum?«

»Das ist eine Denunziation!« brummten manche.

»Kompromittierende Erörterungen!«

» Agent-provocateur !«

»Aber ich erkläre,« kreischte Stepan Trofimowitsch in hitzigster Erregung weiter, »aber ich erkläre, daß Shakespeare und Raffael höher stehen als die Bauernbefreiung, höher als die Nationalität, höher als der Sozialismus, höher als die junge Generation, höher als die Chemie, höher fast als die ganze Menschheit; denn sie sind die Frucht, die wahre Frucht der ganzen Menschheit und vielleicht die höchste Frucht, die es überhaupt nur geben kann! Die ideale Form der Schönheit ist bereits erreicht; wäre sie nicht erreicht, so würde ich vielleicht nicht einmal leben mögen ... O Gott!« rief er und schlug die Hände zusammen, »vor zehn Jahren habe ich ganz ebenso in Petersburg von einer Estrade gesprochen, ganz ebenso und mit denselben Worten, und in ganz derselben Weise wie jetzt haben sie nichts begriffen, sondern gelacht und gezischt; ihr törichten Menschen, was für ein Mangel hindert euch denn am Verständnis? Wissen Sie wohl, wissen Sie wohl, daß ein Fortbestehen der Menschheit möglich ist ohne die Engländer, möglich ist ohne Deutschland, sehr möglich ist ohne die Russen, möglich ist ohne Wissenschaft, möglich ist ohne Brot, und daß es nur ohne die Schönheit unmöglich ist; denn dann wäre auf der Welt überhaupt nichts mehr anzufangen! Das ist das ganze Geheimnis, die ganze Sache! Selbst die Wissenschaft kann nicht einen Augenblick ohne die Schönheit bestehen; hören Sie wohl, Sie, die Sie da lachen; sie verwandelt sich in ein Lakaientum; auf diese Art kann man nicht einmal einen Nagel erfinden! ... Ich gebe nicht nach!« schrie er sinnlos zum Schlusse und schlug aus aller Kraft mit der Faust auf den Tisch.

Aber während er so ohne Vernunft und Ordnung kreischend redete, hatte die Ordnung im Saale aufgehört. Viele waren von ihren Plätzen aufgesprungen; manche hatten sich nach vorn gedrängt, näher an die Estrade heran. All das ging weit schneller vor sich, als ich es erzähle, und es war keine Zeit, Maßregeln dagegen zu ergreifen. Vielleicht wollte man es auch nicht.

»Ja, Sie haben es gut, Sie Glückspilze; Sie sitzen im Fettöpfchen!« brüllte dicht bei der Estrade jener selbe Seminarist und fletschte vergnügt die Zähne gegen Stepan Trofimowitsch.

Dieser bemerkte es und sprang an den Rand der Estrade.

»Habe ich nicht selbst soeben erklärt, daß der Enthusiasmus bei der jungen Generation ebenso rein und leuchtend ist, wie er es früher war, und daß sie nur deswegen zugrunde geht, weil sie sich über die Formen des Schönen im Irrtum befindet? Genügt Ihnen das noch nicht? Und wenn Sie dann noch bedenken, daß das ein gebeugter, schwer gekränkter Vater gesagt hat, kann man da wirklich, was Unparteilichkeit und Ruhe der Anschauung anlangt, einen höheren Standpunkt einnehmen, o ihr törichten Menschen? ... Ihr Undankbaren; ihr Ungerechten, warum, warum wollt ihr euch nicht versöhnen? ...«

Und plötzlich brach er in ein krampfhaftes Schluchzen aus. Er wischte sich mit den Fingern die herabrinnenden Tränen weg. Seine Schultern und seine Brust schütterten vor Schluchzen ... Er hatte alles in der Welt vergessen.

Ein gewaltiger Schrecken ergriff das Publikum; fast alle erhoben sich von ihren Plätzen. Auch Julija Michailowna sprang schnell auf, faßte ihren Gemahl unter den Arm und zog ihn von seinem Sessel in die Höhe ... Es entstand ein grenzenloser Lärm.

»Stepan Trofimowitsch!« schrie der Seminarist fröhlich. »Hier in der Stadt und in der Umgegend treibt sich jetzt der Sträfling Fedka umher, der von der Zwangsarbeit entwichen ist. Er raubt und hat erst kürzlich einen neuen Mord begangen. Gestatten Sie die Frage: wenn Sie ihn nicht vor fünfzehn Jahren zum Militär verkauft hätten, um eine Karten-Spielschuld zu bezahlen, das heißt einfach, wenn Sie ihn nicht im Kartenspiel verloren hätten, sagen Sie mal, wäre er dann ins Zuchthaus geraten? Würde er dann Menschen ermorden, wie er es jetzt im Kampfe ums Dasein tut? Was sagen Sie, Herr Ästhetiker?«

Ich verzichte darauf, die nun folgende Szene zu schildern. Zunächst erscholl ein wütendes Beifallklatschen. Nicht alle klatschten, sondern nur etwa der fünfte Teil der im Saale Anwesenden; aber diese klatschten eben wütend. Das ganze übrige Publikum strömte dem Ausgange zu; aber da der applaudierende Teil des Publikums sich nach vorn zur Estrade hindrängte, so war das Resultat eine allgemeine Verwirrung. Die Frauen schrien auf; einige junge Mädchen fingen an zu weinen und baten, man möchte sie nach Hause bringen. Lembke stand neben seinem Stuhle und ließ befremdet seine Augen zu wiederholten Malen durch den Saal schweifen. Julija Michailowna hatte völlig die Fassung verloren, zum erstenmal seit sie in unserer Stadt lebte. Was Stepan Trofimowitsch anlangt, so schien er im ersten Augenblick durch die Worte des Seminaristen buchstäblich niedergeschmettert zu sein; aber auf einmal hob er beide Arme in die Höhe, wie wenn er sie über das Publikum hinstrecken wollte, und schrie:

»Ich schüttle den Staub von meinen Füßen und spreche einen Fluch aus ... Es ist alles zu Ende ... alles zu Ende ...«

Er wandte sich um und lief, indem er drohend die Arme schwenkte, hinter die Kulissen.

»Er hat die Gesellschaft beleidigt! ... Werchowenski soll wieder herauskommen!« brüllten die Wütenden.

Sie wollten sogar hinter ihm herstürzen und ihm nachsetzen. Sie zu beruhigen, war unmöglich, wenigstens in diesem Augenblicke, und – auf einmal schlug die endgültige Katastrophe wie eine Bombe in die Versammlung ein und explodierte in ihrer Mitte: der dritte Vorleser, jener Schauspieler, der immer hinter den Kulissen die Faust geschwungen hatte, kam plötzlich auf die Bühne gelaufen.

Er sah vollständig wie ein Verrückter aus. Mit einem breiten, triumphierenden Lächeln voll maßlosen Selbstbewußtseins überschaute er den aufgeregten Saal und schien sich selbst über die Unordnung zu freuen. Es setzte ihn nicht im geringsten in Verlegenheit, daß er in einem solchen Wirrwarr lesen sollte; im Gegenteil hatte er offenbar sein Vergnügen daran. Das war so offensichtlich, daß es sogleich die Aufmerksamkeit auf ihn lenkte.

»Was gibt es da noch?« wurde gefragt. »Wer ist das noch? Ssst! Was will er sagen?«

»Meine Herrschaften!« schrie der Schauspieler, ganz am Rande der Estrade stehend, aus voller Kehle und fast mit ebenso weibisch kreischender Stimme wie Karmasinow, nur ohne das vornehme Lispeln. »Meine Herrschaften! Vor zwanzig Jahren, am Vorabende eines Krieges mit halb Europa, stand Rußland in den Augen aller Staats- und Geheimräte als ein Ideal da! Die Literatur stand unter Zensur; auf den Universitäten wurden Vorlesungen über das Exerzieren gehalten; die Armee hatte sich in ein Ballett verwandelt; das Volk aber bezahlte Steuern und schwieg unter der Knute der Leibeigenschaft. Der Patriotismus bestand darin, daß man Bestechungsgelder von Lebenden und Toten erpreßte. Wer keine Bestechungsgelder nahm, galt als Rebell; denn er störte die Harmonie. Die Birkenhaine wurden vernichtet, um der Ordnung zu Hilfe zu kommen. Westeuropa zitterte. Aber noch niemals ist Rußland im Laufe des ganzen einfältigen Jahrtausends seines Bestehens zu einem so schmählichen Zustande gelangt …«

Er hob die Faust in die Höhe, schwenkte sie wild und drohend über seinem Kopfe und ließ sie dann auf einmal wütend niederfallen, wie wenn er einen Gegner in Grund und Boden schmettere. Ein wütendes Geheul erscholl von allen Seiten; ein betäubendes Beifallklatschen erdonnerte. Es applaudierte schon fast die Hälfte des Saales; sie ließen sich ganz harmlos hinreißen: Rußland wurde vor allem Volke öffentlich beschimpft; mußte man da nicht brüllen vor Entzücken?

»Ja, so ist es! Das ist richtig! Hurra! Nein, das ist nun mal kein Ästhetiker!«

Der Schauspieler fuhr enthusiastisch fort:

»Seitdem sind zwanzig Jahre vergangen. Die Universitäten sind geöffnet und haben sich vermehrt. Das Exerzieren ist zur Legende geworden; an Offizieren fehlen zum vollen Bestande Tausende. Die Eisenbahnen haben alle Kapitalien aufgezehrt und Rußland wie mit einem Spinnennetze überzogen, so daß man etwa in fünfzehn Jahren vielleicht auch wird irgendwohin fahren können. Die Brücken brennen nur selten ab; die Städte aber verbrennen regelmäßig, in der festgesetzten Ordnung, der Reihe nach, in der Saison der Feuersbrünste. Bei den Gerichten werden salomonische Urteile gefällt, und die Geschworenen nehmen nur im Kampfe um das Dasein Bestechungsgelder an, wenn sie nahe daran sind zu verhungern. Die freigelassenen Leibeigenen prügeln sich gegenseitig mit Ruten, wie es ihnen früher die Gutsbesitzer taten. Meere und Ozeane von Branntwein werden ausgetrunken zum Besten des Staatssäckels, und in Nowgorod ist gegenüber der alten, nutzlosen Sophienkathedrale feierlich eine kolossale Bronzekugel zur Erinnerung an die tausendjährige Dauer der nunmehr vergangenen Unordnung und Unvernunft aufgestellt worden. (Gemeint ist das in Nowgorod im Jahre 1862 zur Feier des tausendjährigen Bestehens des russischen Reiches errichtete Rurikdenkmal: auf einem runden Sockel ruht ein großer Reichsapfel. Anmerkung des Übersetzers.) Westeuropa macht ein finsteres Gesicht und beginnt von neuem unruhig zu werden … Fünfzehn Jahre der Reformen! Und doch ist Rußland noch nie, nicht einmal in den schlimmsten Zeiten seiner Unvernunft, zu einem so schmählichen Zustande gelangt …«

Die letzten Worte waren wegen des Gebrülles der Menge nicht zu verstehen. Man sah nur, wie er wieder den Arm in die Höhe hob und ihn noch einmal siegreich niederfallen ließ. Die Begeisterung überschritt alle Grenzen: man heulte, schlug in die Hände, manche Damen riefen sogar: »Genug! Etwas Besseres können Sie nicht mehr sagen!« Die Leute waren wie betrunken. Der Redner ließ seine Augen über alle dahinschweifen und zerschmolz gewissermaßen im Gefühle seines Triumphes. Ich sah flüchtig, daß Lembke in unbeschreiblicher Aufregung jemandem etwas befahl. Julija Michailowna, die ganz blaß geworden war, sagte hastig etwas zu dem Fürsten, der eilig zu ihr herangetreten war ... Aber in diesem Augenblicke kam ein ganzer Haufe, etwa sechs Menschen von mehr oder weniger amtlichem Charakter, aus den Kulissen auf die Estrade gestürzt; sie ergriffen den Redner und zogen ihn hinter die Kulissen. Ich begreife nicht, wie er es möglich machte, sich von ihnen wieder loszureißen; aber es gelang ihm; er sprang von neuem bis an den Rand der Estrade vor und schrie noch einmal, so laut er konnte, unter starkem Schwingen der Faust:

»Aber noch nie ist Rußland zu einem so schmählichen Zustande gelangt ...«

Aber da zogen sie ihn von neuem fort. Ich sah, wie vielleicht fünfzehn Menschen, um ihn zu befreien, hinter die Kulissen eilten, aber nicht über die Estrade hinweg, sondern seitwärts, wobei sie eine leichte Barriere zerbrachen, so daß diese schließlich auch umfiel ... Ich sah dann (ich traute meinen Augen nicht), daß plötzlich von irgendwoher eine Studentin, die Schwester Wirginskis, auf die Estrade sprang, mit derselben Papierrolle unter dem Arme, ebenso gekleidet, ebenso rot, ebenso wohlgenährt, von zwei, drei Frauen und zwei, drei Männern umgeben und in Begleitung ihres Todfeindes, des Gymnasiasten. Ich verstand sogar noch ihre Worte:

»Meine Herrschaften, ich bin hergekommen, um von den Leiden der unglücklichen Studenten zu sprechen und sie aller Orten zum Protest aufzurufen.«

Aber ich lief fort. Meine Schleife steckte ich in die Tasche und gelangte durch einen mir bekannten hinteren Ausgang auf die Straße. Vor allem eilte ich natürlich zu Stepan Trofimowitsch.

Zweites Kapitel

Der Schluß des Festes

I

Er nahm meinen Besuch nicht an. Er hatte sich eingeschlossen und schrieb. Auf mein wiederholtes Klopfen und Rufen antwortete er durch die Tür:

»Mein Freund, ich habe meine Rechnung ganz abgeschlossen; wer kann noch etwas von mir fordern?«

»Sie haben keine Rechnung abgeschlossen, sondern nur dazu beigetragen, daß alles zusammengestürzt ist. Um Gottes willen, lassen Sie die witzigen Redensarten, Stepan Trofimowitsch, und machen Sie auf! Wir müssen Maßregeln ergreifen; am Ende kommen Ihre Feinde noch her und beleidigen Sie ...«

Ich hielt mich für berechtigt, besonders nachdrücklich und sogar gebieterisch zu reden. Ich fürchtete, er werde irgend etwas noch Sinnloseres unternehmen. Aber zu meiner Verwunderung stieß ich bei ihm auf eine ungewöhnliche Festigkeit.

»Seien Sie nicht der erste, der mich beleidigt! Ich danke Ihnen für alles Frühere; aber ich wiederhole: ich habe meine Rechnung mit den Menschen ganz abgeschlossen, mit den guten und mit den bösen. Ich schreibe einen Brief an Darja Pawlowna, die ich bisher in so unverzeihlicher Weise vergessen habe. Tragen Sie ihn ihr morgen hin, wenn Sie wollen; aber jetzt: merci !«

»Stepan Trofimowitsch, ich versichere Sie: die Sache ist ernster, als Sie meinen. Sie meinen, Sie hätten dort jemanden zermalmt? Sie haben niemanden zermalmt, sondern sind selbst zerschlagen worden wie ein leeres Fläschchen« (oh, ich war grob und unhöflich; ich erinnere mich daran mit Betrübnis!). »An Darja Pawlowna zu schreiben haben Sie schlechterdings keinen Anlaß ... und was werden Sie jetzt ohne meinen Beistand anfangen? Was verstehen Sie vom praktischen Leben? Sie haben gewiß noch irgendwelche besonderen Pläne? Sie werden nur noch einmal Malheur haben, wenn Sie wieder so etwas aushecken ...«

Er stand auf und trat dicht an die Tür heran.

»Sie haben noch nicht lange mit jenen Menschen verkehrt, haben sich aber doch schon von ihrer Sprache und ihrem Tone anstecken lassen; Dieu vous pardonne, mon ami, et Dieu vous garde ! Aber ich habe an Ihnen immer einen anständigen Kern bemerkt, und daher werden Sie sich vielleicht noch ändern, – après le temps natürlich, wie wir Russen alle. Was Ihre Bemerkung über mein unpraktisches Wesen anlangt, so erinnere ich Sie an einen Gedanken, den ich neulich aussprach: daß bei uns in Rußland eine Unmenge von Menschen ihr Amüsement darin finden, mit besonderem Ingrimm und mit einer Zudringlichkeit, wie Fliegen im Sommer, über das unpraktische Wesen anderer Leute herzufallen und all und jeden dieses Fehlers zu beschuldigen, nur sich selbst nicht. Cher, vergessen Sie nicht, daß ich sehr aufgeregt bin, und quälen Sie mich nicht! Noch einmal sage ich Ihnen merci für alles, und dann lassen Sie uns voneinander scheiden wie Karmasinow vom Publikum, das heißt, vergessen wir einander möglichst edelmütig! Allerdings war es von ihm nur ein schlaues Manöver, daß er seine bisherigen Leser dringend bat, ihn zu vergessen; quant à moi, so bin ich nicht so selbstsüchtig und hoffe vor allem auf die Jugendlichkeit Ihres unverdorbenen Herzens: wie sollten Sie denn lange an einen nutzlosen alten Mann denken? ›Leben Sie weiter!‹ mein Freund, wie mir das an meinem letzten Namenstage Nastasja wünschte (ces pauvres gens ont quelquefois des mots charmants et pleins de philosophie) . Ich wünsche Ihnen nicht viel Glück; das Glück langweilt. Ich wünsche Ihnen auch nicht Unglück. Sondern ich wiederhole einfach gemäß der Volksphilosophie: ›Leben Sie weiter!‹ und bemühen Sie sich, sich nicht allzusehr zu langweilen! Diesen gehaltlosen Wunsch füge ich aus dem Meinigen hinzu. Nun, leben Sie wohl, leben Sie in allem Ernste wohl! Und bleiben Sie nicht an meiner Tür stehen; ich werde nicht aufschließen.«

Er ging weg, und ich erreichte nichts weiter. Trotz der von ihm erwähnten Aufregung hatte er fließend, ohne Hast und energisch gesprochen und offenbar gewünscht, auf mich Eindruck zu machen. Gewiß hatte er sich über mich ein bißchen geärgert und wollte sich nun indirekt an mir rächen, vielleicht noch wegen des gestrigen Bauernwagens und der auseinandergehenden Dielen. Die Tränen, die er am Vormittag vor dem Publikum vergossen hatte, hatten ihn trotz einer Art von Sieg dennoch (das wußte er) in eine etwas komische Situation gebracht, und es gab keinen Menschen, der um die strenge Innehaltung einer schönen Form im Verkehr mit Freunden so besorgt gewesen wäre wie Stepan Trofimowitsch. Oh, ich klage ihn nicht an! Aber diese Pedanterie und Spottlust, die sich bei ihm trotz aller Erschütterungen erhalten hatten, beruhigten mich damals: ein Mensch, der anscheinend so wenig von seinem sonstigen steten Wesen abgegangen war, konnte schließlich in diesem Augenblicke nicht zu etwas Tragischem oder Ungewöhnlichem Lust verspüren. So urteilte ich damals, und, o Gott, wie irrte ich mich! Ich hatte dabei gar zu vieles außer acht gelassen! ...

Den Ereignissen vorgreifend führe ich hier die ersten Zeilen des Briefes an Darja Pawlowna an, den diese wirklich am folgenden Tage empfing.

» Mon enfant, meine Hand zittert; aber ich habe mit allem abgeschlossen. Sie waren bei meinem letzten Zusammenstoße mit den Menschen nicht zugegen; Sie waren nicht zu dieser ›Vorlesung‹ gekommen, und Sie hatten gut daran getan. Aber man wird Ihnen erzählen, daß in unserem an Charakteren so armen Rußland ein kühner Mann aufgestanden ist und trotz der furchtbarsten Bedrohungen, mit denen er von allen Seiten überschüttet wurde, diesen Dummköpfen die Wahrheit gesagt hat, nämlich, daß sie Dummköpfe sind. O, ce sont de pauvres petits vauriens et rien de plus, de petits Dummköpfe, voilà le mot! Der Würfel ist geworfen; ich verlasse diese Stadt für immer und weiß nicht, wohin ich gehe. Alle, die ich geliebt habe, haben sich von mir abgewandt. Aber Ihnen, Sie reines, kindliches Wesen, Ihnen, Sie sanftes Geschöpf, dessen Schicksal sich nach dem Willen eines launenhaften, herrschsüchtigen Herzens beinah mit dem meinigen vereinigt hätte, Ihnen, die Sie mich vielleicht mit Geringschätzung angesehen haben, als ich kurz vor unserer nicht zustandegekommenen Ehe kleinmütige Tränen vergoß, Ihnen, die Sie, wie Sie auch immer sein mögen, mich notwendigerweise als eine komische Person betrachten müssen, o Ihnen, Ihnen gilt der letzte Aufschrei meines Herzens, gegen Sie habe ich meine letzte Pflicht zu erfüllen, nur gegen Sie! Ich kann Sie nicht für immer in der Meinung belassen, daß ich ein undankbarer Tor, ein grober Egoist sei, wie Ihnen das wahrscheinlich ein undankbares, grausames Herz, das ich leider nicht vergessen kann, täglich von mir versichert ...«

Und so weiter, und so weiter, im ganzen vier Seiten großen Formates.

Nachdem ich zur Antwort auf sein »Ich werde nicht aufschließen« dreimal mit der Faust gegen die Tür geschlagen und ihm nachgerufen hatte, er werde noch heute Nastasja dreimal zu mir schicken, um mich zu holen, ich würde aber nicht kommen, verließ ich ihn und eilte zu Julija Michailowna.

II

Hier wurde ich Zeuge einer aufregenden Szene: die arme Frau wurde, ihr gerade ins Gesicht, belogen und betrogen, und ich konnte nichts dabei tun. In der Tat, was konnte ich ihr sagen? Ich war schon einigermaßen zur Besinnung gekommen und zu der Anschauung gelangt, daß ich nur gewisse Empfindungen und argwöhnische Vermutungen hätte, aber weiter nichts. Ich fand sie in Tränen, beinah in Krämpfen; sie befeuchtete sich das Angesicht mit Eau de Cologne und trank ab und zu Wasser aus einem Glase. Vor ihr stand Peter Stepanowitsch, der ohne Unterbrechung redete, und der Fürst, welcher schwieg, als ob er ein Schloß vor dem Munde hätte. Mit Tränen und Geschrei machte sie Peter Stepanowitsch Vorwürfe wegen seiner »Abtrünnigkeit«. Von vorn herein überraschte es mich, daß sie den ganzen Mißerfolg, den ganzen schmählichen Verlauf dieses Vormittages, mit einem Worte alles einzig und allein darauf zurückführte, daß Peter Stepanowitsch nicht dabei gewesen war.

An ihm selbst bemerkte ich eine wichtige Veränderung: er war anscheinend über irgend etwas sehr in Sorge, ja er war beinah ernst. Gewöhnlich sah er nie ernst aus; er lachte immer, sogar wenn er ärgerlich war, und er war oft ärgerlich. Oh, er war auch jetzt ärgerlich und redete grob, nachlässig, mürrisch und ungeduldig. Er versicherte, er habe in der Wohnung Gaganows, den er zufällig früh morgens besucht habe, Kopfschmerzen und Erbrechen bekommen. Leider hatte die arme Frau die größte Lust, sich noch weiter betrügen zu lassen! Die wichtigste Frage, die bei meiner Ankunft verhandelt wurde, war, ob der Ball, das heißt die ganze zweite Hälfte des Festes, stattfinden solle oder nicht. Julija Michailowna erklärte, sie werde »nach den Beleidigungen von vorhin« um keinen Preis auf dem Balle erscheinen; mit andern Worten, sie wünschte dringend, dazu gezwungen zu werden, und zwar gerade von ihm, von Peter Stepanowitsch. Sie betrachtete ihn wie ein Orakel und würde sich, wenn er sogleich weggegangen wäre, ins Bett gelegt haben. Aber er wollte gar nicht weggehen: er selbst wollte durchaus, daß der Ball heute stattfände und Julija Michailowna unbedingt auf ihm erschiene.

»Na, was ist da zu weinen? Müssen Sie denn durchaus eine Szene machen und an jemandem Ihren Ärger auslassen? Na, lassen Sie ihn immerhin an mir aus, aber recht schnell; denn die Zeit vergeht, und wir müssen zu einem Entschlusse kommen. Haben wir mit der Vorlesung Pech gehabt, so wollen wir es mit dem Balle wieder wettmachen. Da, der Fürst ist derselben Meinung. Ja, wenn der Fürst nicht dagewesen wäre, wie wäre die Sache dann erst abgelaufen?«

Der Fürst war anfänglich gegen den Ball (das heißt gegen Julija Michailownas Erscheinen auf dem Balle; der Ball selbst mußte in jedem Falle stattfinden); aber nach zwei oder drei solchen Berufungen auf seine Meinung fing er allmählich an zum Zeichen der Zustimmung zu brummen.

In Erstaunen versetzte mich auch Peter Stepanowitschs ganz ungewöhnlich unhöflicher Ton. Oh, mit Entrüstung weise ich das nachher verbreitete gemeine Geklätsch zurück, als ob Julija Michailowna mit Peter Stepanowitsch irgendwelches Verhältnis gehabt habe. Es hat nichts Derartiges bestanden, und es konnte auch gar nichts Derartiges bestehen. Er hatte nur dadurch eine so große Macht über sie erlangt, daß er ihr gleich von Anfang an bei ihren phantastischen Hoffnungen, auf die Gesellschaft und auf das Ministerium Einfluß zu gewinnen, aus aller Kraft zugestimmt hatte, auf ihre Pläne eingegangen war, ihr solche selbst entworfen, die gröbste Schmeichelei bei ihr zur Anwendung gebracht, sie vom Kopf bis zu den Füßen umstrickt hatte und ihr so notwendig geworden war wie die Luft. Als sie mich erblickte, rief sie mit funkelnden Augen:

»Da, fragen Sie ihn! Er ist ebenfalls, gerade wie der Fürst, die ganze Zeit über nicht von meiner Seite gewichen. Sagen Sie, ist es nicht deutlich, daß das alles ein Komplott ist, ein gemeines, schlaues Komplott, um mir und Andrei Antonowitsch alles mögliche Böse anzutun? Oh, sie haben sich verschworen! Sie hatten einen bestimmten Plan. Das ist eine geschlossene Partei, eine ganze Partei!«

»Sie gehen zu weit, wie immer. Sie haben stets Phantasiegebilde im Kopfe. Ich freue mich übrigens über die Anwesenheit dieses Herrn« (er tat, als hatte er meinen Namen vergessen); »er wird Ihnen seine Ansicht sagen.«

»Meine Ansicht«, beeilte ich mich zu erwidern, »stimmt in allen Punkten mit Julija Michailownas Ansicht überein. Daß ein Komplott vorliegt, ist klar. Ich habe Ihnen diese Bänder zurückgebracht, Julija Michailowna. Ob der Ball stattfindet oder nicht, das ist natürlich nicht meine Sache, da ich darüber nichts zu sagen habe; aber meine Rolle als Festordner ist beendet. Verzeihen Sie meine Heftigkeit; aber ich kann nicht gegen die gesunde Vernunft und gegen meine Überzeugung handeln.«

»Hören Sie, hören Sie!« rief sie und schlug die Hände zusammen.

»Ich höre,« versetzte er. »Und nun ein Wort zu Ihnen,« wandte er sich an mich. »Ich glaube, Sie haben alle irgendein Tollkraut gegessen, von dem Sie so irrereden. Meiner Ansicht nach hat sich nichts zugetragen, absolut nichts, was nicht auch früher schon passiert wäre, und was nicht immer in dieser Stadt passieren könnte. Was für ein Komplott soll denn stattgefunden haben? Es ist ein häßlicher, schmählich dummer Vorfall gewesen; aber wo ist da ein Komplott zu finden? Und ein Komplott gegen Julija Michailowna, die doch gerade diese Menschen verzogen und patronisiert und ihnen all ihre leichtfertigen Streiche unverdientermaßen verziehen hat? Julija Michailowna! Was habe ich Ihnen einen ganzen Monat lang unaufhörlich wiederholt? Wovor habe ich Sie gewarnt? Wozu in aller Welt hatten Sie denn dieses ganze Pack nötig? Mußten Sie sich denn mit diesen gemeinen Menschen liieren? Um eine Vereinigung der Gesellschaft herbeizuführen? Die werden auch gerade eine Vereinigung eingehen; ich bitte Sie!«

»Wann hätten Sie mich gewarnt? Im Gegenteil, Sie haben es gebilligt; Sie haben es geradezu verlangt ... Ich muß gestehen, ich bin im höchsten Grade erstaunt ... Sie selbst haben mir viele seltsame Leute zugeführt.«

»Nein, ich habe mich mit Ihnen darüber gestritten und es nicht gebilligt; was aber das Zuführen anlangt, so ist es richtig, daß ich Ihnen welche zugeführt habe, aber erst als sie schon von selbst sich dutzendweise herandrängten, und erst in der letzten Zeit, um die literarische Quadrille zustande zu bringen; denn dabei kann man diesen Pöbel nicht entbehren. Aber ich möchte darauf wetten: heute haben diese Kerle noch ein Dutzend ebensolchen Gesindels ohne Billette mitgebracht!«

»Zweifellos!« stimmte ich ihm bei.

»Sehen Sie wohl, Sie sind schon meiner Ansicht. Erinnern Sie sich wohl, was hier in der letzten Zeit für ein Ton geherrscht hat, ich meine in der ganzen Stadt? Überall nichts als Frechheit und Schamlosigkeit; unaufhörlich wurden Skandalgeschichten ausposaunt. Und wer ermutigte dieses Treiben? Wer deckte es durch seine Autorität? Wer hat sie alle aus Rand und Band gebracht? Wer hat die ganze untere Volksklasse vor den Kopf gestoßen? In Ihrem Album sind ja alle hiesigen Familiengeheimnisse reproduziert. Haben Sie nicht Ihren Dichtern und Zeichnern den Kopf gestreichelt? Haben Sie nicht diesem Ljamschin Ihre Hand zum Küssen gereicht? Hat nicht in Ihrer Gegenwart der Seminarist den Wirklichen Staatsrat ausgeschimpft und seiner Tochter mit seinen Teerstiefeln das Kleid verdorben? Wie können Sie sich da darüber wundern, daß das Publikum unfreundlich gegen Sie gesinnt ist?«

»Aber das ist doch alles Ihr eigenes Werk! O mein Gott!«

»Nein, ich habe Sie gewarnt; wir haben uns gestritten, hören Sie wohl? Wir haben uns gestritten!«

»Sie lügen mir ja ins Gesicht!«

»Na, das können Sie allerdings leicht sagen. Sie brauchen jetzt ein Opfer, an dem Sie Ihren Ärger auslassen können; na gut, lassen Sie ihn an mir aus; ich habe es schon einmal gesagt. Ich will mich lieber an Sie wenden, mein Herr ...« (Er konnte sich gar nicht auf meinen Namen besinnen.) »Lassen Sie uns an den Fingern abzählen: ich behaupte, daß es außer Liputin keinen Verschwörer gegeben hat, ab-so-lut keinen! Das werde ich beweisen; aber sehen wir uns zunächst einmal diesen Liputin genauer an! Er hat ein Gedicht des Narren Lebjadkin vorgebracht, – ist das nun also Ihrer Ansicht nach ein Komplott? Wissen Sie, Liputin hat das möglicherweise einfach für einen Witz gehalten. Im Ernst, im Ernst, für einen Witz. Er hat das einfach in der Absicht vorgebracht, alle zu erheitern und zum Lachen zu bringen, und in erster Linie seine Gönnerin Julija Michailowna; das ist die ganze Geschichte. Glauben Sie das nicht? Na, war das denn etwa nicht in ganz demselben Tone, der hier einen ganzen Monat lang geherrscht hat? Und mit Ihrer Erlaubnis möchte ich sagen: weiß Gott, unter anderen Umständen hatte das auch vorkommen können! Der Scherz war plump, na ja, von starkem Kaliber, zugegeben, aber doch immerhin lächerlich.«

»Wie? Sie halten Liputins Benehmen für witzig?« rief Julija Michailewna in heftiger Entrüstung. »Diese Dummheit, diese Taktlosigkeit, diese schändliche Gemeinheit, dieses Attentat? Oh, Sie reden absichtlich so! Danach muß man annehmen, daß Sie selbst mit diesem Menschen im Komplott sind!«

»Unzweifelhaft; ich habe im Hintergrunde gesessen, mich versteckt gehalten und die ganze Maschinerie in Bewegung gesetzt. Aber wenn ich an einem Komplott beteiligt gewesen wäre, dann würde (das sollten Sie begreifen) die Sache mit der Liputinschen Geschichte allein nicht zu Ende gewesen sein! Also Ihrer Ansicht nach habe ich mit meinem Papa ein Komplott gemacht, damit er absichtlich einen solchen Skandal hervorrufen sollte? Na, wer ist denn schuld daran, daß Papachen eine Vorlesung halten durfte? Wer hat Sie gestern davon zurückzuhalten gesucht, noch gestern, noch gestern?«

»Oh, hier il avait tant d'esprit ; ich rechnete so auf ihn; und dabei besitzt er gute Manieren: ich dachte, der und Karmasinow ... und nun!«

»Ja, und nun! Aber trotz tant d'esprit hat Papachen die Sache verdorben; wenn ich aber selbst voraus wußte, daß er die Sache verderben würde, hätte ich dann als Mitglied eines unzweifelhaft gegen Ihr Fest gerichteten Komplotts Ihnen gestern davon abgeredet, den Bock zum Gärtner zu machen? Nun aber habe ich Ihnen gestern davon abgeredet, habe Ihnen davon abgeredet, weil ich eine Ahnung hatte. Alles vorherzusehen war natürlich unmöglich: wahrscheinlich hat nicht einmal er selbst eine Minute vorher gewußt, wie er losschießen werde. Diese nervösen alten Herren haben ja gar keine Ähnlichkeit mit anderen Menschen. Aber die Sache läßt sich noch retten: schicken Sie gleich morgen zur Genugtuung des Publikums mittels administrativer Anordnung und mit aller schuldigen Rücksicht zwei Ärzte zu ihm, um seinen Gesundheitszustand festzustellen; es würde sogar heute schon gehen; und dann geradeswegs in eine Kaltwasserheilanstalt mit ihm! Wenigstens werden alle lachen und einsehen, daß sie keinen Grund haben, sich für beleidigt zu halten. Ich werde davon gleich heute auf dem Balle in meiner Eigenschaft als sein Sohn Mitteilung machen. Mit Karmasinow ist es eine andere Sache; der ist als grüner Esel aufgetreten und hat das Publikum mit seinem Opus eine ganze Stunde gelangweilt, – der ist also ohne Zweifel mit mir im Komplott! Er hat gewiß zu mir gesagt: ›Erlauben Sie, daß ich ebenfalls das Fest verderbe, um Julija Michailowna zu schaden!‹«

»Oh, Karmasinow, quelle honte! Ich wollte in den Boden sinken vor Scham über unser Publikum!«

»Na, ich wäre nicht in den Boden gesunken, sondern hätte mir Herrn Karmasinow selbst gehörig vorgenommen. Das Publikum hatte ja ganz recht. Und wer ist nun wieder an Karmasinow schuld? Habe ich ihn Ihnen ans Kleid gehängt? Habe ich mich an seiner Vergötterung beteiligt? Na, hol ihn der Teufel, aber der dritte, der politisierende Schauspieler, na, mit dem ist es etwas anderes. Dabei haben wir alle einen Bock geschossen und nicht nur mein Verschwörerbund!«

»Ach, reden Sie nicht davon; das ist ja schrecklich, ganz schrecklich! An dem bin ich allein schuld!«

»Gewiß, aber hier habe ich für Sie eine Entschuldigung in Bereitschaft. Wer in aller Welt soll sie genau kennen, diese ›Aufrichtigen‹? Selbst in Petersburg kann man sich nicht vor ihnen hüten. Er war Ihnen ja doch empfohlen, und noch dazu wie! Geben Sie also selbst zu, daß Sie jetzt sogar verpflichtet sind, auf dem Balle zu erscheinen. Denn das ist doch eine ernste Sache, daß Sie ihn selbst auf das Katheder geführt haben. Sie müssen jetzt öffentlich erklären, daß Sie mit ihm nicht solidarisch sind, daß der dreiste Mensch sich schon in den Händen der Polizei befindet, und daß Sie auf eine unbegreifliche Weise getäuscht worden sind. Sie müssen mit Entrüstung erklären, daß Sie das Opfer eines Verrückten geworden sind. Denn ein Verrückter ist er ja, weiter nichts. In diesem Sinne muß auch über ihn nach oben berichtet werden. Ich kann diese bissigen Kerle nicht ausstehen. Ich äußere mich ja selbst vielleicht noch ärger, aber doch nicht vom Katheder herab. Und gerade jetzt machen die Leute ein Gerede von einem Senator.«

»Von was für einem Senator? Wer macht Gerede?«

»Sehen Sie, ich selbst begreife nichts davon. Ist Ihnen, Julija Michailowna, nichts von einem Senator bekannt geworden?«

»Von einem Senator?«

»Sehen Sie, die Leute sind davon überzeugt, daß in Petersburg bereits ein Senator dazu designiert ist, Sie hier abzulösen. Ich habe es von vielen gehört.«

»Ich habe es auch gehört,« bemerkte ich bestätigend.

»Wer hat das gesagt?« rief Julija Michailowna, die dunkelrot geworden war.

»Sie meinen, wer es zuerst gesagt hat? Woher soll ich das wissen? Es wird nun eben so geredet. Die ganze Einwohnerschaft redet es. Namentlich gestern wurde es gesagt. Alle waren dabei ganz ernst, obgleich man daraus nicht recht klug werden kann. Freilich, die Verständigeren, Sachkundigeren reden dabei nicht mit; aber auch von denen hören manche zu.«

»Was für eine Gemeinheit! Und – was für eine Dummheit!«

»Na, eben deswegen müssen Sie auf dem Balle erscheinen, um es diesen Dummköpfen zu zeigen.«

»Ich muß gestehen, ich habe selbst die Empfindung, daß ich dazu sogar verpflichtet bin; aber ... wie, wenn ein anderer Schimpf meiner wartet? Wie nun, wenn die Leute nicht kommen? Und es wird ja niemand kommen, niemand, niemand!«

»Unnötige Sorge! Die werden nicht kommen? Und die Kleider, die sie sich haben machen lassen, und die Toiletten der jungen Mädchen? Wenn Sie so reden, kann ich Sie gar nicht mehr für eine Frau halten. Ist das eine Menschenkenntnis!«

»Die Frau Adelsmarschall wird nicht da sein; sie wird bestimmt nicht da sein!«

»Aber was ist denn im Grunde passiert, weswegen man wegbleiben sollte?« rief er endlich ärgerlich und ungeduldig.

»Eine Blamage, eine Schande, – das ist passiert! Was eigentlich passiert ist, weiß ich nicht genau; aber jedenfalls war es etwas Derartiges, daß ich nun unmöglich hingehen kann.«

»Warum nicht? Was können Sie denn schließlich dafür? Warum nehmen Sie die Schuld auf sich? Ist nicht weit eher das Publikum schuld, die alten Herren, die Familienväter? Die mußten die Taugenichtse und Herumtreiber im Zaume halten; denn um Taugenichtse und Herumtreiber handelt es sich dabei einzig und allein, nicht um irgendwelche ernst zu nehmenden Elemente. In keiner Gesellschaft und nirgends läßt sich lediglich durch die Polizei zurechtkommen. Aber bei uns verlangt jeder, wenn er hereinkommt, daß hinter ihm ein besonderer Polizist aufgestellt wird, um ihn zu behüten. Die Leute begreifen nicht, daß die Gesellschaft sich selbst beschützen muß. Aber was tun bei uns die Familienväter, die Würdenträger, die Frauen und Mädchen in solchen Fällen? Sie schweigen und fühlen sich gekränkt. Nicht einmal dazu reicht die Willenskraft der Gesellschaft aus, solche Schlingel im Zaum zu halten.«

»Ach wie wahr, wie wahr! Sie schweigen, fühlen sich gekränkt und sehen sich um.«

»Wenn das aber wahr ist, dann müssen Sie es auch dort aussprechen, laut, stolz und streng. Sie müssen gerade zeigen, daß Sie nicht geschlagen sind. Gerade diesen alten Herren und den Müttern. Oh, Sie verstehen sich darauf, Sie haben Talent dazu, wenn Ihr Kopf klar ist. Sie werden alle um sich herumgruppieren und dann laut, ganz laut reden. Und dann schicken wir eine Korrespondenz an den Golos und die Börsennachrichten. (Petersburger Zeitungen, von denen namentlich der Golos eine entschieden liberale Richtung vertrat. Anmerkung des Übersetzers.) Warten Sie, ich werde mich selbst an die Arbeit machen und Ihnen alles arrangieren. Natürlich wird erhöhte Aufmerksamkeit vonnöten sein; wir werden das Büfett beobachten müssen; wir müssen den Fürsten bitten und diesen Herrn hier ... Sie dürfen uns nicht im Stich lassen, monsieur, jetzt, wo alles eigentlich von neuem beginnen soll. Na, und zuletzt erscheinen Sie an Andrei Antonowitschs Arm. Wie steht es mit Andrei Antonowitschs Befinden?«

»O wie ungerecht, wie falsch, wie beleidigend haben Sie immer über diesen engelhaften Menschen geurteilt!« rief Julija Michailowna plötzlich in einem unerwarteten Ausbruch ihrer Empfindungen; sie brach beinahe in Tränen aus und führte das Taschentuch an die Augen.

Peter Stepanowitsch konnte im ersten Augenblick nur stottern:

»Ich bitte Sie, ich ... aber wieso denn ... ich habe immer ...«

»Nein, niemals, niemals! Sie haben ihm niemals Gerechtigkeit widerfahren lassen!«

»Aus einer Frau kann man doch nie klug werden!« brummte Peter Stepanowitsch mit einem schiefen Lächeln.

»Er ist der redlichste, zartfühlendste, engelhafteste Mensch! Der beste Mensch!«

»Aber ich bitte Sie, was seine Herzensgüte anlangt ... ich habe seine Herzensgüte immer anerkannt ...«

»Niemals! Aber lassen wir das! Ich habe ihn früher immer nur in sehr ungeschickter Weise in Schutz genommen. Vorhin hat diese Jesuitin, die Frau Adelsmarschall, ebenfalls ein paar spöttische Bemerkungen über die Geschichte von gestern fallen lassen.«

»Oh, jetzt wird sie keine Lust mehr haben, Bemerkungen über gestrige Geschehnisse zu machen; sie hat heute ihr eigenes Erlebnis. Und warum beunruhigen Sie sich so darüber, daß sie nicht auf den Ball kommen wird? Kommen wird sie allerdings nicht, nachdem sie in eine solche Skandalgeschichte hineingeraten ist. Vielleicht trägt sie dabei keine Schuld; aber für ihren Ruf ist es doch sehr nachteilig; sie hat eben schmutzige Hände bekommen.«

»Was bedeutet das? Ich verstehe das nicht. Wieso hat sie schmutzige Hände bekommen?« fragte Julija Michajlowna, ihn erstaunt anblickend.

»Das heißt, ich behaupte es nicht; aber in der Stadt sagt man allgemein, sie habe die beiden zusammengebracht.«

»Was bedeutet das? Wen zusammengebracht?«

»Aber wissen Sie denn etwa noch nichts davon?« rief er mit vorzüglich fingiertem Erstaunen. »Nun, Stawrogin und Lisaweta Nikolajewna!«

»Wie? Was?« riefen wir beide.

»Aber wissen Sie es wirklich nicht? Hui! Da hat sich ein tragischer Roman abgespielt: Lisaweta Nikolajewna ist aus dem Wagen der Frau Adelsmarschall direkt in Stawrogins Kutsche umgestiegen und mit diesem Letzteren nach Skworeschniki gefahren, am hellen Tage. Erst vor einer Stunde; es ist noch nicht einmal eine Stunde her.«

Wir waren starr. Selbstverständlich bestürmten wir ihn mit weiteren Fragen; aber obgleich er selbst »zufällig« Zeuge des Vorganges gewesen war, konnte er doch zu unserer Verwunderung nichts Genaueres darüber erzählen. Die Sache hatte sich angeblich folgendermaßen zugetragen: als die Frau Adelsmarschall nach der Vorlesung Lisa und Mawriki Nikolajewitsch in ihrem Wagen zu dem Hause von Lisas noch immer fußkranker Mutter gebracht hatte, da hatte nicht weit von der Haustür, etwa fünfundzwanzig Schritte entfernt, seitwärts ein anderer Wagen gewartet. Sobald Lisa an der Haustür hinausgesprungen war, war sie geradeswegs zu diesem Wagen hingelaufen; der Schlag war geöffnet und dann wieder zugeschlagen worden; Lisa hatte Mawriki Nikolajewitsch zugerufen: »Kümmern Sie sich nicht um mich!« und der Wagen war im schnellsten Tempo nach Skworeschniki gefahren. Auf unsere hastigen Fragen, ob eine Verabredung vorgelegen habe, und wer in dem Wagen gesessen habe, antwortete Peter Stepanowitsch, er wisse das nicht; eine Verabredung habe gewiß vorgelegen; aber Stawrogin selbst habe er im Wagen nicht bemerkt; vielleicht habe dessen Kammerdiener, der alte Alexei Jegorowitsch, darin gesessen. Auf die Fragen: »Wie kam es denn, daß Sie gerade dabei waren? Und woher wissen Sie denn so bestimmt, daß sie nach Skworeschniki gefahren ist?« antwortete er, er sei dort zufällig vorbeigekommen und, als er Lisa erblickt habe, sogar an den Wagen herangelaufen (und doch hatte er nicht bemerkt, wer in dem Wagen saß, er bei seiner Neugier!); aber Mawriki Nikolajewitsch habe nicht nur keine Verfolgung unternommen, sondern nicht einmal versucht, Lisa zurückzuhalten; ja er habe sogar der Frau Adelsmarschall, die aus voller Kehle geschrien habe: »Sie will zu Stawrogin, sie will zu Stawrogin!« mit der Hand den Mund zugehalten. Hier verlor ich plötzlich die Geduld und schrie Peter Stepanowitsch wütend an:

»Das haben Sie Taugenichts alles angestiftet! Darauf haben Sie den Vormittag verwendet! Sie haben Stawrogin geholfen; Sie sind in dem Wagen hingefahren; Sie haben sie einsteigen lassen, Sie, Sie, Sie! Julija Michailowna, dieser Mensch ist Ihr Feind; er wird auch Sie zugrunde richten! Nehmen Sie sich vor ihm in acht!«

Und ich lief Hals über Kopf aus dem Hause.

Ich verstehe bis jetzt noch nicht und wundere mich selber darüber, wie ich ihm dies damals habe zuschreien können. Aber ich hatte ganz richtig geraten: alles war fast genau so zugegangen, wie ich es zu ihm gesagt hatte; das hat sich in der Folge herausgestellt. Sehr auffällig war vor allen Dingen die offenbar gekünstelte Manier, in der er uns die Nachricht mitteilte. Er erzählte sie uns nicht sofort, nachdem er ins Haus gekommen war, als erste, außerordentliche Neuigkeit, sondern tat, als glaube er, daß wir es schon ohne ihn wüßten, was doch in so kurzer Zeit unmöglich war. Und wenn wir es gewußt hätten, so hätten wir nicht davon schweigen können, bis er darüber zu reden anfing. Auch hatte er nicht hören können, was in der Stadt bereits über die Frau Adelsmarschall »allgemein gesagt« wurde, wiederum wegen der Kürze der Zeit. Außerdem lächelte er beim Erzählen ein paarmal in einer gemeinen, leichtfertigen Art, wahrscheinlich weil er uns schon für völlig betrogene Dummköpfe hielt. Aber ich hatte keine Lust, weiter an ihn zu denken; den eigentlichen Kern seiner Mitteilung hielt ich für wahr und lief ganz außer mir von Julija Michailowna weg. Diese Katastrophe empfand ich wie einen tiefen Stich ins Herz. Vor seelischem Schmerze kamen mir fast die Tränen, und vielleicht habe ich sogar wirklich geweint. Ich wußte gar nicht, was ich unternehmen sollte. Ich eilte zu Stepan Trofimowitsch; aber ärgerlicherweise schloß er wieder seine Tür nicht auf. Nastasja versicherte mir in ehrfurchtsvollem Flüstertone, er habe sich schlafen gelegt; aber ich glaubte es nicht. In Lisas Hause gelang es mir, die Dienerschaft zu befragen; sie bestätigten die Flucht, wußten aber selbst weiter nichts. Im Hause herrschte Wirrwarr; die kranke gnädige Frau hatte Ohnmachtsanfälle bekommen, und Mawriki Nikolajewitsch befand sich bei ihr. Diesen herausrufen zu lassen erschien mir unmöglich. Über Peter Stepanowitsch wurde mir auf meine Fragen gesagt, er sei in der letzten Zeit täglich verstohlen im Hause erschienen, mitunter zweimal an einem Tage. Die Dienerschaft war betrübt und sprach von Lisa mit besonderem Respekt; sie hatten sie alle gern gehabt. Daß sie verloren war, vollständig verloren, daran zweifelte ich nicht; aber die psychologische Seite des Vorgangs war mir völlig unverständlich, namentlich nach der Szene, welche Lisa tags zuvor mit Stawrogin gehabt hatte. Durch die Stadt zu laufen und mich in den Häusern schadenfroher Bekannter zu erkundigen, wo sich die Nachricht jetzt natürlich verbreitete, das widerstrebte mir und schien mir auch entwürdigend für Lisa. Aber sonderbarerweise lief ich zu Darja Pawlowna, wo ich übrigens nicht empfangen wurde (im Stawroginschen Hause wurde seit dem vorhergehenden Tage niemand empfangen); ich weiß nicht, was ich ihr hätte sagen können, und warum ich zu ihr gelaufen war. Von ihr begab ich mich zu ihrem Bruder. Schatow hörte mich mürrisch und schweigend an. Ich bemerke, daß ich ihn in ungewöhnlich düsterer Stimmung getroffen hatte; er war sehr nachdenklich, und es schien ihn große Anstrengung zu kosten, mir zuzuhören. Er redete fast nichts und ging in seinem Zimmerchen auf und ab, von einer Ecke in die andere, wobei er stärker als sonst mit den Stiefeln aufstampfte. Als ich beim Weggehen schon auf der Treppe war, rief er mir nach, ich möchte zu Liputin herangehen: »Dort werden Sie alles erfahren.« Aber ich ging nicht zu Liputin heran, sondern kehrte, als ich schon ziemlich weit weg war, wieder zu Schatow zurück, öffnete die Tür halb und fragte ihn ohne einzutreten lakonisch und ohne alle Erklärungen, ob er heute zu Marja Timofejewna gehen werde. Darauf fing Schatow an zu schimpfen, und ich ging weg. Um es nicht zu vergessen, merke ich hier an, daß er noch an diesem Abend expreß nach dem Rande der Stadt zu Marja Timofejewna ging, die er seit ziemlich langer Zeit nicht gesehen hatte. Er fand sie den Umständen nach bei guter Gesundheit und in heiterer Stimmung; Lebjadkin aber war sinnlos betrunken und schlief auf dem Sofa im ersten Zimmer. Das war genau um neun Uhr gewesen. So berichtete er mir selbst gleich am folgenden Tage, als er mir eilig auf der Straße begegnete. Es war schon zwischen neun und zehn Uhr abends, als ich mich entschloß, auf den Ball zu gehen, aber nicht mehr in der Eigenschaft als Festordner (ich hatte auch meine Schleife bei Julija Michailowna gelassen), sondern aus unbezähmbarer Neugier, um ohne eigene Fragen zu hören, wie man bei uns in der Stadt über all diese Ereignisse rede. Auch wollte ich gern Julija Michailowna sehen, wenn auch nur von weitem. Ich machte mir starke Vorwürfe, daß ich vorher so formlos von ihr weggelaufen war.

III

Diese ganze Nacht mit ihren beinah absurden Ereignissen und mit der furchtbaren »Entwickelung« am Morgen schwebt mir noch bis auf den heutigen Tag wie ein häßlicher, beängstigender Traum vor und bildet, wenigstens für mich, den peinlichsten Teil dessen, was ich hier berichte. Ich hatte allerdings den Anfang des Balles versäumt, kam aber zu seinem Ende hin; so schnell war ihm zu enden beschieden. Es war schon zehn Uhr vorbei, als ich zum Portale des Hauses der Frau Adelsmarschall gelangte, wo derselbe Weiße Saal, in welchem vor kurzem die Vorlesung stattgefunden hatte, trotz der Kürze der Zeit bereits aufgeräumt und zurechtgemacht war, um als Haupttanzsaal für die ganze Stadt, wie geplant war, zu dienen. Aber eine wie ungünstige Prognose ich auch dem Balle am Vormittage gestellt hatte, so hatte ich doch nicht die volle Wahrheit geahnt: es war keine einzige Familie aus den höheren Kreisen erschienen; sogar die einigermaßen angesehenen Beamten fehlten, was ein sehr bemerkenswerter Zug war. Was die Frauen und jungen Mädchen anlangt, so ergab sich, daß Peter Stepanowitschs Voraussagungen (die sich jetzt offenbar als heimtückisch erwiesen) im höchsten Grade fehlerhaft waren: es waren nur äußerst wenige erschienen; auf vier Männer kam kaum eine Dame, und was für Damen! Die bedenklichen Gattinnen einiger höherer Offiziere des Regimentes, die Frauen kleinerer Post- und Verwaltungsbeamten, drei Doktorfrauen mit ihren Töchtern, zwei oder drei ärmere Gutsbesitzersfrauen, die sieben Töchter und die Nichte jenes Sekretärs, dessen ich schon oben Erwähnung getan habe, Kaufmannsfrauen, – war dies das Ballpublikum, welches Julija Michailowna erwartet hatte? Sogar von den Kaufmannsfamilien war die Hälfte nicht gekommen. Was die Männer anlangt, so bildeten sie trotz des vollständigen Fehlens unserer vornehmen Welt doch eine kompakte Masse; aber diese Masse machte einen zweideutigen, verdächtigen Eindruck. Allerdings waren darunter auch mehrere sehr ruhige, achtbare Offiziere mit ihren Frauen, einige sehr gehorsame Familienväter, wie zum Beispiel immer derselbe Sekretär, der Vater der sieben Töchter. Dieses ganze friedliche Völkchen war erschienen sozusagen, »weil es sich nicht vermeiden ließ,« wie sich einer dieser Herren ausdrückte. Aber andererseits schien die Menge verwegener Persönlichkeiten und außerdem die Menge derjenigen, von denen ich und Peter Stepanowitsch vorher geargwöhnt hatten; daß sie ohne Billette hereingelassen seien, sich gegen vorhin noch vermehrt zu haben. Sie saßen vorläufig sämtlich beim Büfett, und zwar begab sich ein jeder gleich beim Eintreffen geradeswegs dorthin wie nach einem im voraus bestimmten Platze. So schien es mir wenigstens. Das Büfett war am Ende einer Zimmerflucht in einem geräumigen Saale untergebracht, wo sich Prochorytsch mit allen Verlockungen der Klubküche und mit einer verführerischen Ausstellung von kalten Speisen und Getränken eingerichtet hatte. Ich bemerkte hier mehrere Individuen in beinah zerrissenen Röcken, in höchst zweifelhaftem, durchaus nicht ballmäßigem Anzuge, Leute, die offenbar nur mit großer Mühe für kurze Zeit nüchtern gemacht und Gott weiß woher herangeholt waren, einige sogar aus anderen Städten. Es war mir freilich bekannt, daß nach Julija Michailownas Idee der Ball einen demokratischen Charakter tragen sollte; selbst Kleinbürger sollten nicht ausgeschlossen werden, wenn sie ihre Billette bezahlten. Das hatte sie kühn in ihrem Komitee ausgesprochen, fest davon überzeugt, daß es keinem der durchweg sehr armen Kleinbürger unserer Stadt in den Sinn kommen werde, ein Billett zu nehmen. Aber dennoch befremdete es mich, daß man diese traurigen Subjekte in beinah zerrissenen Röcken hatte hereinlassen können, trotz aller demokratischen Gesinnung des Komitees. Aber wer hatte sie hereingelassen und in welcher Absicht? Liputin und Ljamschin trugen ihre Festordner-Schleifen nicht mehr (obwohl sie beim Balle anwesend waren, da sie an der literarischen Quadrille teilnahmen); aber an Liputins Stelle war zu meiner Verwunderung jener Seminarist von vorhin getreten, der die Matinee durch sein Renkontre mit Stepan Trofimowitsch am meisten gestört hatte, und an Ljamschins Stelle Peter Stepanowitsch selbst; was konnte man unter solchen Umständen Gutes erwarten? Ich bemühte mich, die Gespräche mit anzuhören. Manche Ansichten überraschten durch ihre Seltsamkeit. So wurde zum Beispiel in einer Gruppe behauptet, die ganze Geschichte mit Stawrogin und Lisa habe Julija Michailowna eingefädelt und dafür von Stawrogin Geld erhalten. Es wurde sogar die Summe genannt. Es wurde behauptet, sie habe sogar das Fest in dieser Absicht arrangiert, und eben darum sei die halbe Stadt nicht erschienen, weil sie gewußt habe, um was es sich handle, und Lembke selbst sei darüber so frappiert gewesen, daß sein Verstand in Unordnung gekommen sei, und sie behandle ihn jetzt als Verrückten. – Es gab dort auch viel Gelächter, heiseres, rohes, selbstgefälliges Gelächter. Alle kritisierten scharf den Ball und schimpften ganz ungeniert auf Julija Michailowna. Im allgemeinen ging dieses Gerede ohne Ruhe und Ordnung vor sich und bestand aus abgerissenen Bemerkungen Halbbetrunkener, so daß es schwer war, daraus klug zu werden und etwas daraus zu entnehmen. Ebendort beim Büfett hatte sich auch eine Anzahl von Leuten niedergelassen, die einfach vergnügt waren; es waren sogar einige Damen da von der Art, die man durch nichts mehr in Verwunderung oder in Schrecken versetzen kann, sehr liebenswürdige, ausgelassene Damen, größtenteils Offiziersfrauen mit ihren Männern. Sie hatten gruppenweise an einzelnen Tischen Platz genommen und tranken höchst vergnügt Tee. Der Büfettraum hatte sich in einen behaglichen Zufluchtsort für fast die Hälfte des anwesenden Publikums verwandelt. Und doch mußte nach einiger Zeit diese ganze Masse in den Saal fluten; man bekam einen Schreck, wenn man daran auch nur dachte.

Unterdessen waren im Weißen Saale unter Mitwirkung des Fürsten drei dürftige Quadrillen zustande gekommen. Die jungen Damen tanzten, und die Eltern freuten sich über sie. Aber auch hier begannen schon viele dieser achtungswerten Personen daran zu denken, wie sie, wenn ihre Töchter sich hinreichend amüsiert haben würden, sich möglichst frühzeitig davonmachen könnten, und nicht erst dann, »wenn es losgehe«. Daß es unfehlbar losgehen werde, davon waren alle fest überzeugt. Julija Michailownas eigenen Seelenzustand zu schildern würde schwer sein. Ich sprach nicht mit ihr, obgleich ich ihr mehrmals ziemlich nahe kam. Auf meine Verbeugung beim Eintritt antwortete sie nicht; sie schien mich nicht bemerkt zu haben (sie hatte mich tatsächlich nicht bemerkt). Ihr Gesicht hatte einen leidenden Ausdruck; der Blick war verächtlich und hochmütig, aber fahrig und unruhig, Sie nahm sich mit offenbarer Qual zusammen, wozu und für wen? Sie hätte unbedingt wegfahren und vor allen Dingen ihren Gemahl wegschaffen sollen; aber sie blieb! Schon an ihrem Gesichte konnte man wahrnehmen, daß ihr die Augen »vollständig aufgegangen« waren, und daß sie nichts Gutes mehr erwartete. Sie rief nicht einmal Peter Stepanowitsch zu sich heran (dieser schien sie auch selbst zu vermeiden; ich sah ihn am Büfett; er war außerordentlich heiter). Aber sie blieb dennoch auf dem Balle und ließ Andrei Antonowitsch keinen Augenblick von ihrer Seite. Oh, bis zum letzten Augenblick würde sie noch vorhin bei der Matinee jede Anspielung auf seinen Gesundheitszustand mit der aufrichtigsten Entrüstung zurückgewiesen haben; aber jetzt mußten ihr auch in dieser Hinsicht die Augen aufgehen. Was mich betrifft, so hatte ich gleich beim ersten Blicke den Eindruck, daß Andrei Antonowitsch schlechter aussah als am Vormittage. Er schien sich in einem Zustande der Selbstvergessenheit zu befinden und gar nicht zu wissen, wo er eigentlich war. Ab und zu sah er mit auffallend strenger Miene um sich, so zum Beispiel ein paarmal nach mir hin. Einmal versuchte er, über irgendeinen Gegenstand ein Gespräch anzufangen; er begann laut und kräftig, sprach aber nicht zu Ende und versetzte dadurch einen friedlichen alten Beamten, der zufällig in seiner Nähe war, in Schrecken. Aber auch diese friedliche Hälfte des Publikums, die sich im Weißen Saale befand, hielt sich mit düsterer, ängstlicher Miene von Julija Michailowna fern und richtete gleichzeitig sehr sonderbare Blicke auf ihren Gemahl, Blicke, deren Beharrlichkeit und Offenheit zu der sonstigen Schüchternheit dieser Leute wenig stimmte.

»Sehen Sie, dieses Benehmen war es, was mir einen Stich ins Herz gab, und ich fing auf einmal an, etwas über Andrei Antonowitsch zu ahnen,« gestand Julija Michailowna mir selbst später.

Ja, sie hatte wieder einen Fehler begangen. Wahrscheinlich war sie vor kurzem, als sie nach meinem Davonlaufen sich mit Peter Stepanowitsch dafür entschieden hatte, den Ball stattfinden zu lassen und auf ihm zu erscheinen, wahrscheinlich war sie da wieder in das Arbeitszimmer des schon bei der Vorlesung endgültig »erschütterten« Andrei Antonowitsch gegangen, hatte wieder all ihre Zauberkünste zur Anwendung gebracht und ihn mit sich mitgeschleppt. Aber welche Qual stand sie aller Wahrscheinlichkeit nach jetzt aus! Und trotzdem fuhr sie nicht weg! Ob ihr Stolz sie peinigte, oder ob sie einfach die ruhige Überlegung verloren hatte, ich weiß es nicht. Bei all ihrem Hochmute versuchte sie es doch, demütig lächelnd mit einigen Damen ein Gespräch anzuknüpfen; aber diese wurden sofort verlegen, machten sich mit den einsilbigen, mißtrauischen Antworten »ja« und »nein« los und vermieden sie dann unverhohlen.

Von den unbestrittenen Würdenträgern unserer Stadt befand sich nur einer auf dem Balle, jener selbe angesehene General a. D., den ich schon einmal geschildert habe, und der bei der Frau Adelsmarschall nach Stawrogins Duell mit Gaganow »für die Ungeduld der ganzen Gesellschaft die Schleusen öffnete.« Er wanderte in würdevoller Haltung durch die Säle, betrachtete alles, hörte hier und da zu und suchte sich den Anschein zu geben, als sei er mehr zum Studium der Charaktere als zu seinem wirklichen Vergnügen hergekommen. Zuletzt ließ er sich definitiv bei Julija Michailowna nieder und wich keinen Schritt von ihr, offenbar bemüht, sie zu ermutigen und zu beruhigen. Ohne Zweifel war er ein herzensguter, sehr vornehmer und schon so bejahrter Mann, daß man es von ihm sogar ertragen konnte, bedauert zu werden. Aber Julija Michailowna fühlte sich sehr indigniert, da sie bemerkte, daß dieser alte Schwätzer sie zu bedauern und sogar zu protegieren wagte und ihr durch seine Gegenwart eine Ehre zu erweisen glaubte. Der General aber ließ von ihr nicht ab und schwatzte ohne Aufhören.

»Eine Stadt, sagt man, kann ohne sieben Gerechte nicht bestehen ... sieben, glaube ich, ich besinne mich nicht mit Be-stimmt-heit auf die Zahl. Ich weiß nicht, wie viele von diesen sieben ... unzweifelhaften Gerechten unserer Stadt ... die Ehre haben, Ihren Ball zu besuchen; aber trotz ihrer Anwesenheit bekomme ich das Gefühl, daß ich hier in Gefahr bin. Vous me pardonnerez, charmante dame, n'est-ce pas? Ich rede nur so an-deu-tungs-wei-se; aber ich ging in das Büfettzimmer und war froh, als ich mit heiler Haut wieder heraus war ... Unser unschätzbarer Prochorytsch ist da nicht an seinem Platze, und gegen Morgen werden sie ihm wohl seine ganzen Speisevorräte wegnehmen. Übrigens macht mir die Sache Spaß. Ich warte nur, wie sich die li-te-ra-ri-sche Quadrille machen wird; dann aber heißt es bei mir: ins Bett. Verzeihen Sie einem alten Podagriker; ich pflege mich früh hinzulegen und würde auch Ihnen raten, nach Hause zu fahren und sich in die Baba zu legen, wie man aux enfants sagt. Ich bin um der schönen jungen Damen willen hergekommen ... die ich nirgends in solcher Vollzähligkeit zu sehen bekommen kann wie hier ... Sie sind alle von jenseits des Flusses, und da komme ich nicht hin. Die Frau eines Offiziers ... wohl eines Jägeroffiziers ... ist eine sehr hübsche Erscheinung, sehr hübsch und ... und sie weiß das auch selbst. Ich habe mich mit dieser schalkhaften Person unterhalten; sie ist sehr keck und ... na, ihre Töchter sind auch ganz frisch; aber weiter auch nichts; außer ihrer Frische ist an ihnen nichts Besonderes. Übrigens hat es mir Vergnügen gemacht. Es gibt so Knöspchen, da sind nur die Lippen dick. Überhaupt besitzen schöne russische Frauengesichter wenig von jener Regelmäßigkeit und ... und bekommen leicht etwas Pfannkuchenhaftes ... Vous me pardonnerez, n'est-ce pas? ... übrigens neben schönen Augen ... lachenden Augen. Diese Knöspchen sind während zweier Jugendjahre ent-zü-ckend, sogar drei Jahre lang ... na, aber dann werden sie weich und schwammig für das ganze Leben ... und rufen bei ihren Männern jene bedauerliche Gleich-gül-tig-keit hervor, durch die die weitere Entwickelung der Frauenfrage so sehr befördert wird ... wenn anders ich diese Frage richtig verstehe ... Hm! Der Saal ist schön; die Zimmer sind nett ausgeschmückt. Es könnte schlechter sein. Die Musik könnte viel schlechter sein ... ich sage nicht, daß sie schlechter sein sollte. Es macht einen schlechten Eindruck, daß so wenig Damen da sind. Von den Toiletten will ich nicht reden. Unpassend, daß der da in den grauen Hosen sich so offen erlaubt Kankan zu tanzen. Ich würde es verzeihen, wenn er es aus Freude täte, und weil er ein hiesiger Apotheker ist ... aber vor elf Uhr ist es doch zu früh, auch für einen Apotheker – Da im Büfettzimmer haben sich zwei geprügelt, ohne daß sie hinausgebracht worden wären. Vor elf Uhr müssen Raufbolde noch hinausspediert werden, mögen die Sitten des Publikums sein, wie sie wollen ... ich rede nicht von der Zeit nach zwei Uhr morgens; da muß man schon den Anschauungen der betreffenden Gesellschaft eine gewisse Konzession machen, – wenn dieser Ball überhaupt bis nach zwei Uhr dauert. Warwara Petrowna hat doch nicht Wort gehalten und keine Blumen hergegeben. Hm! Sie wird wohl jetzt an andere Dinge denken als an Blumen, pauvre mère! Und die arme Lisa, haben Sie es gehört? Man sagt, es sei eine geheimnisvolle Geschichte, und ... und wieder erscheint dieser Stawrogin auf dem Plan ... Hm! Ich möchte gern wegfahren und mich schlafen legen ... ich kann schon den Kopf gar nicht mehr gerade halten. Wann mag denn diese li-te-ra-ri-sche Quadrille anfangen?«

Endlich fing auch die literarische Quadrille an. In der Stadt war man in der letzten Zeit, sobald irgendwo ein Gespräch über den bevorstehenden Ball begonnen hatte, immer alsbald auf diese literarische Quadrille zu reden gekommen, und da sich niemand so recht vorstellen konnte, was das sei, so hatte sie maßlose Neugier erregt. Nichts konnte für den Erfolg gefährlicher sein, und – wie groß war nun die Enttäuschung!

Eine bis dahin verschlossene Seitentür des Weißen Saales öffnete sich, und plötzlich erschienen einige Masken. Das Publikum umringte sie mit lebhaftem Interesse. Alle, die bisher im Büfettzimmer gewesen waren, kamen bis auf den letzten Mann auf einmal in den Saal geströmt. Die Masken stellten sich zum Tanzen auf. Es gelang mir, mich in die vorderste Reihe durchzudrängen, und ich kam gerade hinter Julija Michailowna, v. Lembke und den General zu stehen. In diesem Augenblicke sprang zu Julija Michailowna Peter Stepanowitsch heran, der bis dahin nirgends zu sehen gewesen war.

»Ich halte mich immer im Büfettzimmer auf und beobachte,« flüsterte er mit der Miene eines schuldbewußten Schulknaben, die er übrigens absichtlich fingierte, um sie noch mehr zu reizen.

Diese wurde dunkelrot vor Zorn.

»Wenn Sie mich nur wenigstens jetzt nicht mehr betrügen wollten, Sie frecher Mensch!« entfuhr es ihr beinah laut, so daß man es im Publikum hören konnte.

Peter Stepanowitsch lief, mit sich selbst höchst zufrieden, davon.

Es war schwer, sich eine kläglichere, gemeinere, dümmere, fadere Allegorie als diese »literarische Quadrille« vorzustellen. Man hätte nichts ersinnen können, was für unser Publikum weniger geeignet gewesen wäre, und dabei hatte diese Quadrille, wie gesagt wurde, Karmasinow ausgedacht. Arrangiert hatte sie allerdings Liputin nach Beratungen mit eben jenem lahmen Lehrer, der an der abendlichen Zusammenkunft bei Wirginski teilgenommen hatte. Aber Karmasinow hatte doch die Idee dazu geliefert und hatte sogar, wie man sagte, sich selbst verkleiden und eine besondere, selbständige Rolle übernehmen wollen. Die Quadrille bestand aus sechs Paaren von kläglichen Masken; eigentlich waren es gar keine Masken, da die betreffenden Personen ebensolche Kleider trugen wie alle andern. So hatte zum Beispiel ein bejahrter Herr von kleiner Statur einen Frack an, war, mit einem Worte, ebenso gekleidet wie alle Leute; nur hatte er sich einen würdevollen, grauen Bart angeheftet, und darin bestand sein ganzes Maskenkostüm; dieser Herr tanzte mit ernstem Gesichtsausdrucke immer auf einem Fleck herum, indem er mit raschen, kleinen Schritten umhertrippelte und sich fast nicht von der Stelle bewegte. Er stieß mit einer leidlichen, aber heiseren Baßstimme einige Laute aus, und diese heisere Stimme sollte eine bekannte Zeitung bedeuten. Dieser Maske gegenüber tanzten zwei Riesen X und Z, und diese Buchstaben waren ihnen an den Frack angeheftet; aber was diese Buchstaben X und Z bedeuteten, blieb unaufgeklärt. »Der ehrenhafte russische Gedanke« wurde von einem Herrn in mittlerem Alter dargestellt, mit Brille, Frack, Handschuhen und – Fußfesseln (echten Fußfesseln). Unter dem Arm trug dieser Gedanke ein Portefeuille mit irgendwelchen Akten. Aus seiner Tasche schaute ein aus dem Auslande gekommener, erbrochener Brief hervor, der für alle Zweifler eine Bescheinigung über die Ehrenhaftigkeit des »ehrenhaften russischen Gedankens« enthielt. All dies wurde von den Festordnern mündlich auseinandergesetzt; denn lesen konnte man natürlich den aus der Tasche heraussehenden Brief nicht. In der erhobenen rechten Hand hielt der »ehrenhafte russische Gedanke« ein Trinkglas, wie wenn er einen Toast ausbringen wollte. Rechts und links neben ihm trippelten zwei Nihilistinnen mit kurz geschorenem Haar umher, und vis-à-vis tanzte ein ebenfalls bejahrter Herr im Frack, aber mit einem schweren Knittel in der Hand; er stellte angeblich ein nicht in Petersburg erscheinendes Revolverjournal »Wen ich kriege, dem wasche ich den Kopf!« dar. Aber trotz seines Knittels konnte er die Blicke, die der »ehrenhafte russische Gedanke« durch seine Brillengläser beharrlich auf ihn richtete, nicht ertragen und bemühte sich zur Seite zu sehen, und wenn er einen pas de deux ausführte, so drehte und wand er sich und wußte nicht, wo er bleiben sollte; so quälte ihn wahrscheinlich das Gewissen ... Übrigens kann ich mich nicht auf all diese albernen Einfälle besinnen; es war alles von derselben Art, so daß ich mich schließlich in peinlichem Grade schämte. Und siehe da, diese selbe Empfindung der Scham prägte sich auch auf den Gesichtern des ganzen übrigen Publikums aus, sogar in den mürrischen Physiognomien derjenigen, die aus dem Büfettzimmer gekommen waren. Eine Zeitlang schwiegen alle und sahen mit unwilligem Staunen zu. Wer sich schämt, wird gewöhnlich unwillig und bekommt Lust zu schimpfen. Allmählich machte sich im Publikum ein dumpfes Gemurmel hörbar.

»Was soll denn das vorstellen?« brummte in einer Gruppe ein Büfettfreund.

»Irgendeine Dummheit.«

»Etwas aus der Literatur. Der Golos wird kritisiert.«

»Was kümmert das mich?«

In einer andern Gruppe:

»Die Esel!«

»Nein, sie sind keine Esel, sondern wir sind Esel.«

»Warum bist du ein Esel?«

»Nein, ich bin kein Esel.«

»Na, wenn du kein Esel bist, dann bin ich schon lange keiner.«

In einer dritten Gruppe:

»Man müßte ihnen allen einen Fußtritt geben und sie zum Teufel jagen!«

»Den ganzen Saal in Aufregung zu bringen!«

In einer vierten:

»Daß sich bloß die Lembkes nicht schämen, dabei zuzusehen!«

»Warum sollen sie sich schämen? Du schämst dich ja auch nicht!«

»Doch, ich schäme mich; und er ist doch der Gouverneur.«

»Und du bist ein Schafskopf.«

»In meinem ganzen Leben habe ich noch keinen so ordinären Ball gesehen,« sagte giftig dicht neben Julija Michailowna eine Dame, offenbar mit der Absicht, von dieser gehört zu werden.

Diese Dame war etwa vierzig Jahre alt, stämmig, geschminkt; sie trug ein grellfarbiges Seidenkleid; in der Stadt kannten sie fast alle; aber niemand empfing sie. Sie war die Witwe eines Staatsrates, der ihr ein hölzernes Haus und eine kärgliche Pension hinterlassen hatte; aber sie lebte auf großem Fuße und hielt sich Wagen und Pferde. Vor zwei Monaten hatte sie der neuen Frau Gouverneur ihrerseits zuerst einen Besuch gemacht, war aber nicht angenommen worden.

»Das war ja auch vorherzusehen,« fügte sie hinzu, indem sie Julija Michailowna frech ins Gesicht blickte.

»Wenn Sie das vorhersehen konnten, warum sind Sie denn dann hergekommen?« konnte sich Julija Michailowna nicht enthalten zu entgegnen.

»Aus Harmlosigkeit,« erwiderte die schlagfertige Dame sofort und setzte sich mit einem Ruck in Positur (sie hatte die größte Lust, mit Julija Michailowna anzubinden); aber der General trat zwischen die beiden:

»Chère dame,« sagte er, sich zu Julija Michailowna hinbeugend, »Sie sollten wirklich wegfahren. Wir genieren hier die Leute nur, und sie werden sich ohne uns vorzüglich amüsieren. Sie, meine Gnädige, haben alles getan; Sie haben ihnen den Ball eröffnet; nun, so überlassen Sie denn jetzt die Leute sich selbst ... Und auch Andrei Antonowitsch scheint sich nicht voll-stän-dig wohl zu fühlen ... Daß nur nicht noch ein Malheur passiert!«

Aber es war schon zu spät.

Andrei Antonowitsch hatte während der ganzen Quadrille den Tanzenden mit einer Art von zornigem Erstaunen zugesehen; aber als nun die lauten Bemerkungen im Publikum anfingen, begann er unruhig um sich zu blicken. Da fielen ihm zum erstenmal einige Persönlichkeiten aus dem Büfettzimmer in die Augen, und sein Blick drückte die größte Verwunderung aus. Plötzlich erscholl ein lautes Gelächter über ein Kunststück in der Quadrille; der Herausgeber des »nicht in Petersburg erscheinenden Revolverjournals«, der mit dem Knittel in der Hand tanzte, fühlte endlich, daß er die auf ihn gerichteten Brillengläser des »ehrenhaften russischen Gedankens« nicht länger ertragen konnte, und da er nicht wußte, wo er vor seinem Visavis bleiben sollte, ging er in der letzten Tanzfigur diesem plötzlich auf den Händen mit den Beinen nach oben entgegen, was (wie ich anmerke) das beständige Auf-den-Kopf-Stellen des gesunden Menschenverstandes in dem »nicht in Petersburg erscheinenden Revolverjournal« versinnbildlichen sollte. Da nur Ljamschin auf den Händen zu gehen verstand, so hatte er es übernommen, den Herausgeber mit dem Knittel darzustellen. Julija Michailowna wußte absolut nichts davon, daß da auf den Händen gegangen werden würde. »Das hatte man mir verheimlicht, das hatte man mir verheimlicht,« sagte sie später ganz verzweifelt und entrüstet zu mir. Das Gelächter der Menge galt natürlich nicht dem allegorischen Sinne, um den sich niemand kümmerte, sondern einfach dem Gehen auf den Händen in einem Frack mit Schößen. Lembke kochte vor Wut und zitterte am ganzen Leibe.

»Taugenichts!« schrie er, auf Ljamschin zeigend. »Man fasse den Schurken und drehe ihn um ... um, drehe ihn mit den Beinen um ... mit dem Kopf ... der Kopf soll oben sein ... oben!«

Ljamschin sprang auf die Füße. Das Gelächter wurde noch stärker.

»Man jage alle Schurken, die da lachen, hinaus!« befahl Lembke plötzlich.

Die Menge murrte und lachte.

»Das geht nicht, Exzellenz.«

»Das Publikum darf man nicht schimpfen.«

»Selbst ein Narr!« erscholl eine Stimme aus irgendeiner Ecke.

»Die Flibustier!« rief jemand von einem andern Ende her.

Lembke drehte sich auf diesen Ruf schnell um und wurde ganz blaß. Ein stumpfsinniges Lächeln zeigte sich auf seinen Lippen, wie wenn er auf einmal etwas begriffe und sich an etwas erinnerte.

»Meine Herren,« wandte sich Julija Michailowna an die herandrängende Menge, indem sie gleichzeitig ihren Mann hinter sich herzog, »meine Herren, entschuldigen Sie Andrei Antonowitsch; er ist nicht wohl ... entschuldigen Sie ... verzeihen Sie ihm, meine Herren!«

Ich hörte genau, daß sie sagte: »Verzeihen Sie.« Die Szene spielte sich sehr schnell ab. Aber ich erinnere mich bestimmt, daß ein Teil des Publikums in diesem Augenblicke schon aus dem Saale hinausstrebte, anscheinend erschrocken, namentlich nach diesen Worten Julija Michailownas. Ich erinnere mich sogar, daß eine Frauenstimme, von Tränen fast erstickt, krampfhaft schrie:

»Ach, wieder wie am Vormittag!«

Und plötzlich schlug in dieses schon beginnende Gedränge wieder eine Bombe ein, gerade »wieder wie am Vormittag.«

»Feuer! Die ganze jenseitige Stadt brennt!«

Ich erinnere mich nur nicht, wo dieser schreckliche Ruf zuerst erscholl: ob in den Sälen, oder ob jemand, wie es scheint, mit diesem Rufe von der Treppe und aus dem Vorzimmer hereingelaufen kam; aber unmittelbar darauf trat ein solcher Wirrwarr ein, daß ich es nicht unternehme, ihn zu schildern. Mehr als die Hälfte des auf dem Balle anwesenden Publikums war aus dem jenseitigen Stadtteile und besaß dort Holzhäuser oder wohnte in solchen zur Miete. Sie stürzten zu den Fenstern; im Nu waren die Gardinen auseinandergezogen, die Rouleaus zerrissen. Der jenseitige Stadtteil brannte. Allerdings war die Feuersbrunst erst im Entstehen; aber es brannte an drei ganz verschiedenen Stellen; gerade das war es, was Schrecken erregte.

»Brandstiftung! Die Schpigulinschen!« wurde in der Menge gerufen.

Ich erinnere mich an einige sehr charakteristische Ausrufe.

»Das habe ich doch geahnt, daß sie Feuer anlegen werden; all diese Tage her habe ich es geahnt!«

»Die Schpigulinschen, die Schpigulinschen; kein anderer!«

»Man hat uns hier absichtlich versammelt, um dort Feuer anzulegen!«

Dieser letzte, wunderlichste, unwillkürliche Ausruf rührte von einer Frau her, die ihr Haus ebenfalls gefährdet wußte. Alles strömte dem Ausgange zu. Ich versuche nicht zu schildern, welches Gedränge im Vorzimmer beim Suchen nach den Pelzen, Tüchern und Pelerinen herrschte, wie erschrockene Frauen kreischten und junge Mädchen weinten. Diebstähle sind wohl kaum vorgekommen; aber es ist kein Wunder, daß bei solcher Unordnung manche Leute ohne ihre warmen Überkleider wegfuhren, da sie das Ihrige nicht hatten finden können; darüber kursierten nachher in der Stadt viele Erzählungen mit legendenhaften Ausschmückungen. Lembke und Julija Michailowna wurden von der Menge in der Tür beinahe erdrückt.

»Alle zurückhalten! Niemanden hinauslassen!« schrie Lembke und streckte den Drängenden drohend die Hand entgegen. »Alle sollen Mann für Mann aufs strengste visitiert werden, sofort!«

Aus dem Saale antwortete ein Hagel kräftiger Schimpfworte.

»Andrei Antonowitsch! Andrei Antonowitsch!« rief Julija Michailowna in heller Verzweiflung.

»Die soll zuerst verhaftet werden!« schrie dieser und wies drohend mit dem Finger auf sie. »Die soll zuerst visitiert werden. Der Ball ist zum Zwecke der Brandstiftung arrangiert worden ...«

Sie schrie auf und fiel in Ohnmacht (oh, natürlich in eine wirkliche Ohnmacht). Ich, der Fürst und der General stürzten zu ihr hin, um ihr zu helfen; es fanden sich auch andere, die uns in diesem schweren Augenblicke beistanden, sogar einige Damen. Wir trugen die Unglückliche aus dieser Hölle hinaus und setzten sie in ihren Wagen; aber erst als wir bei ihrem Hause vorfuhren, kam sie zur Besinnung, und ihr erster Schrei betraf wieder Andrei Antonowitsch. Nach der Zerstörung all ihrer Phantasiegebilde stand nur noch Andrei Antonowitschs Gestalt vor ihrem geistigen Blicke. Wir schickten zu einem Arzte. Ich wartete bei ihr eine ganze Stunde lang, desgleichen der Fürst; der General wollte in einem Anfall hochherziger Gesinnung (obwohl er selbst einen großen Schreck bekommen hatte) die ganze Nacht nicht »von dem Bette der Unglücklichen« weggehen; aber nach zehn Minuten schlief er, noch ehe der Arzt gekommen war, im Saale auf einem Lehnstuhle sitzend ein; da ließen wir ihn denn auch.

Dem Polizeimeister, der sofort den Ball verließ, um zum Feuer zu eilen, gelang es, Andrei Antonowitsch hinter uns her hinauszuführen, und er wollte ihn veranlassen, zu Julija Michailowna in die Kutsche zu steigen, indem er Seiner Exzellenz aus aller Kraft zuredete, sich doch zu beruhigen. Aber ich begreife nicht, warum er nicht auf diesem Verlangen bestand. Allerdings wollte Andrei Antonowitsch nichts von Ruhe hören, sondern wollte mit Gewalt zum Feuer; aber das hätte kein Grund sein dürfen. Schließlich nahm ihn der Polizeimeister in seinem eigenen Wägelchen mit zum Feuer. Später erzählte er, Lembke habe während der ganzen Fahrt gestikuliert und schreiend ganz absonderliche, unausführbare Ideen vorgebracht. In der Folge lautete denn auch die amtliche Darstellung, Seine Exzellenz habe zu jener Zeit »infolge des plötzlichen Schrecks« bereits ein Nervenfieber gehabt.

Ich brauche nicht erst zu erzählen, wie der Ball endete. Ein paar Dutzend Strolche und mit ihnen sogar einige Damen waren in den Sälen zurückgeblieben. Polizei war keine mehr da. Die Musik ließ man nicht weg; die Musikanten, die fortgehen wollten, wurden geprügelt. Bis zum Morgen wurden dem Koche Prochorytsch seine sämtlichen Vorräte weggenommen; man trank bis zur Bewußtlosigkeit, tanzte den Kamarinski ohne Zensur, besudelte die Zimmer, und erst bei Tagesgrauen eilte ein Teil dieser Bande völlig betrunken zur Brandstätte, um dort neuen Unfug zu treiben. Die andere Hälfte übernachtete in den Sälen, in sinnlos betrunkenem Zustande mit allen Folgen desselben, auf den Samtsofas und auf dem Fußboden. Am Morgen, so bald es irgend möglich war, zog man sie an den Beinen auf die Straße hinaus. So endete das Fest zum Besten der Gouvernanten unseres Gouvernements.

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9788726981278
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