Kitabı oku: «Der ewige Gatte»

Yazı tipi:

Fjodor Michailowitsch Dostojewski

Der ewige Gatte

Inhaltsverzeichnis

Der lebenslängliche Ehemann

Erzählung

Aus dem Russischen von Hermann Röhl

I Weltschaninow

II Der Herr mit dem Trauerflor am Hute

III Pawel Pawlowitsch Trussozki

IV Die Frau, der Ehemann und der Liebhaber

V Lisa

VI Ein neuer Einfall eines Müßiggängers

VII Der Ehemann und der Liebhaber küssen sich

VIII Lisa krank

IX Das Gespenst

X Auf dem Kirchhofe

XI Pawel Pawlowitsch will heiraten

XII Bei Sachlebinins

XIII Wessen Verlust ist größer?

XIV Alexander und Nadeschda

XV Quitt

XVI Versuch einer psychologischen Erklärung

XVII Der lebenslängliche Ehemann

Die wichtigsten handelnden Personen

Impressum

Der lebenslängliche Ehemann
Erzählung
Aus dem Russischen von Hermann Röhl

Insel Verlag

[1986]

I
Weltschaninow

Der Sommer war herangekommen, und Weltschaninow war gegen alle Erwartung in Petersburg geblieben. Aus seiner Reise nach Südrußland war nichts geworden, und von seinem Prozesse war noch immer kein Ende abzusehen. Dieser Prozeß, bei dem es sich um Vermögensangelegenheiten handelte, hatte eine sehr üble Wendung genommen. Noch vor drei Monaten hatte es so ausgesehen, als wenn die Sache höchst einfach läge und gar kein Streit darüber möglich wäre; aber plötzlich hatte alles eine andere Gestalt angenommen. »Es verändert sich jetzt überhaupt alles zum Schlechteren!« Diese Redensart hatte Weltschaninow angefangen mit einer Art von Schadenfreude häufig im stillen für sich zu wiederholen. Er hatte einen geschickten, teuren, renommierten Rechtsanwalt angenommen und ließ sich das Geld nicht leid sein; aber in seiner Ungeduld und in seinem Mißtrauen hatte er es sich angewöhnt, sich auch selbst mit seinem Prozesse zu beschäftigen: Er las Akten und verfaßte selbst Schriftsätze, die sein Rechtsanwalt sämtlich in den Papierkorb warf, lief bei den Gerichtsbehörden umher, stellte Nachforschungen an und störte dadurch wahrscheinlich nur den ganzen Gang der Sache; wenigstens beklagte sich der Rechtsanwalt über ihn und wollte ihn mit Gewalt in die Sommerfrische treiben. Aber nicht einmal in die Sommerfrische zu ziehen konnte er sich entschließen. Staub, drückende Schwüle und die den Nerven so schädlichen hellen Nächte, das waren in Petersburg die Genüsse, in denen er schwelgte. Er hatte irgendwo in der Nähe des Großen Theaters eine Wohnung inne, die er erst kürzlich gemietet hatte; aber auch damit hatte er Pech gehabt; es glückte ihm eben nichts, wie er sagte. Seine Hypochondrie 10 wuchs von Tag zu Tage; zur Hypochondrie hatte er aber von jeher inkliniert.

Er war ein Mensch, der bisher sein Leben gründlich genossen hatte und nun nicht mehr der jugendlichste war: Er mochte achtunddreißig oder gar neununddreißig Jahre zählen, und dieses ganze »Greisenalter«, wie er selbst sich ausdrückte, war ihm »fast ganz unerwartet« über den Hals gekommen; aber er war sich selbst darüber klar, daß er nicht sowohl durch die Zahl als sozusagen durch die Qualität seiner Jahre gealtert war, und daß, wenn sich schon mancherlei Schwächen eingestellt hatten, dies mehr innerliche als äußerliche Schwächen waren. Wenn man ihn so ansah, machte er immer noch den Eindruck eines kräftigen Mannes. Er war hochgewachsen und breitschulterig, hatte hellblondes, dichtes Haar und noch keine Spur von Grau auf dem Kopfe und in dem langen, beinah bis auf die halbe Brust hinabreichenden blonden Barte; auf den ersten Blick schien er einem etwas plump und schlaff zu sein; sah man aber genauer zu, so erkannte man in ihm sogleich einen Herrn, der einmal eine vorzügliche Kinderstube und eine durchaus weltmännische Erziehung genossen hatte. Weltschaninows Manieren waren auch jetzt ungezwungen, sicher und sogar anmutig, trotz des mürrischen, schwerfälligen Wesens, das er angenommen hatte. Er war sogar immer noch von einem unerschütterlichen, weltmännisch dreisten Selbstvertrauen erfüllt, vielleicht ohne daß er sich der ganzen Größe desselben recht bewußt gewesen wäre, obwohl er nicht nur ein kluger, sondern manchmal sogar ein scharfblickender, beinah ein gebildeter und zweifellos ein wohlbegabter Mensch war. Ehemals hatte sich die Farbe seines offenen, frischen Gesichtes durch eine weibliche Zartheit ausgezeichnet und die Aufmerksamkeit der Frauen auf sich gezogen, und auch jetzt noch sagte mancher, der ihn ansah: »Ist das mal ein kerngesunder Mensch; wie Milch und Blut!« Und doch wurde dieser »kerngesunde« Mensch in grausamer Weise von Hypochondrie geplagt. Seine großen, blauen Augen hatten vor zehn Jahren so etwas Sieghaftes gehabt; sie waren so glänzend, so heiter und so sorglos 11 gewesen, daß sie unwillkürlich auf einen jeden, mit dem er in Berührung kam, eine starke Anziehungskraft ausübten. Jetzt, nahe an den Vierzigern, war die frühere Klarheit und Gutmütigkeit fast ganz aus diesen Augen verschwunden, die sich bereits mit kleinen Runzeln umgeben hatten, und es sprach aus ihnen vielmehr der Zynismus eines nicht ganz moralischen, müde gewordenen Menschen, ferner Schlauheit, besonders häufig Spottlust und noch ein neues Gefühl, das früher nicht vorhanden gewesen war: Traurigkeit und Schmerz, eine Art von zerstreuter, gleichsam gegenstandsloser, aber doch starker Traurigkeit. Diese Traurigkeit machte sich namentlich dann geltend, wenn er allein war. Und seltsam: Dieser Mensch, der noch vor zwei Jahren so munter, vergnügt und lustig gewesen war und so komische Geschichten in so prächtiger Weise erzählt hatte, der hatte jetzt nichts so gern, als wenn er vollständig allein sein konnte. Er hatte absichtlich eine Menge von Bekanntschaften aufgegeben, die er auch jetzt noch trotz seiner vollständig zerrütteten Finanzen hätte festhalten können. Allerdings wirkte hierbei auch sein Ehrgefühl mit: Bei seinem Mißtrauen und bei seinem Ehrgefühl war eine Fortsetzung der früheren Bekanntschaften unmöglich. Aber auch sein Ehrgefühl erlitt allmählich in der Vereinsamung eine Veränderung. Es wurde nicht geringer, ganz im Gegenteil; aber es entartete zu einer besonderen Sorte von Ehrgefühl, die er früher nicht besessen hatte: Es litt jetzt manchmal aus ganz anderen Ursachen als früher gewöhnlich, – aus überraschenden, früher ganz undenkbaren Ursachen, aus »höheren« Ursachen, als es die früheren gewesen waren, »wenn man sich überhaupt so ausdrücken kann und es tatsächlich höhere und niedrigere Ursachen gibt«. Dies pflegte er selbst hinzuzufügen.

Ja, so weit war es mit ihm gekommen; er quälte sich jetzt mit irgendwelchen »höheren« Motiven herum, an die er früher mit keinem Gedanken gedacht hatte. Höhere nannte er aufgrund seiner Einsicht und seines Gewissens all diejenigen »Motive«, über die er (zu seiner eigenen Verwunderung) schlechterdings nicht imstande war, im stillen für sich 12 zu spotten (etwas, was ihm bis dahin noch nicht vorgekommen war), selbstverständlich im stillen für sich; denn in Gesellschaft, oh, da war es eine andere Sache! Er wußte recht wohl, daß er, wenn die richtigen Umstände zusammentrafen, auch jetzt noch trotz aller geheimen, frommen Mahnungen seines Gewissens mit aller Seelenruhe alle diese »höheren Motive« laut leugnen und selbst der erste sein würde, der sie lächerlich machte, selbstverständlich ohne seine neuere Anschauung zu gestehen. Und das war tatsächlich so, trotz einer gewissen sogar recht beträchtlichen Portion von Selbständigkeit des Denkens, die er sich in der letzten Zeit hinsichtlich der »niedrigeren Motive« erworben hatte, von denen er sich bis dahin hatte beherrschen lassen. Und wie oft hatte er selbst, wenn er sich am Morgen vom Bette erhob, sich der Gedanken und Gefühle geschämt, die ihn in der schlaflosen Nacht erfüllt hatten! (Er litt nämlich in der ganzen letzten Zeit häufig an Schlaflosigkeit.) Er hatte schon längst bemerkt, daß er in jeder Hinsicht, mochte es sich nun um Wichtiges oder um Kleinigkeiten handeln, außerordentlich mißtrauisch geworden war, und hatte sich daher vorgenommen, auch sich selbst möglichst wenig zu trauen. Indessen gab es doch Tatsachen, die man schlechterdings als existierend anerkennen mußte. In der letzten Zeit hatten seine Gedanken und Gefühle mitunter nachts sich im Vergleich mit den sonst immer vorhandenen fast vollständig geändert und ähnelten großenteils in keiner Weise denjenigen, die ihm in der ersten Hälfte des Tages kamen. Das befremdete ihn, und er befragte sogar einen berühmten Arzt, allerdings einen Bekannten von sich, und selbstverständlich redete er mit ihm in scherzendem Tone. Er erhielt zur Antwort, eine solche Veränderung und sogar Zweiteilung der Gedanken und Gefühle des Nachts bei Schlaflosigkeit, und überhaupt des Nachts, sei bei Menschen »mit starker Denk- und Gefühlstätigkeit« nichts Seltenes; die Anschauungen des ganzen bisherigen Lebens erführen mitunter ganz plötzlich durch die melancholische Einwirkung der Nacht und der Schlaflosigkeit eine Umgestaltung; es würden auf einmal ohne erkennbaren Grund die 13 verhängnisvollsten Entschlüsse gefaßt; aber alles habe natürlich eine bestimmte Grenze, und wenn schließlich das betreffende Individuum diese Zweiteilung so stark empfinde, daß es wirklich darunter leide, so sei das unstreitig ein Symptom dafür, daß sich eine Krankheit herausbilde, und dann müsse man unverzüglich etwas dagegen unternehmen. Das beste sei eine radikale Veränderung der ganzen Lebensweise, eine Veränderung der Diät oder auch eine Reise. Auch ein Abführmittel sei natürlich nützlich.

Weltschaninow mochte nichts weiter hören; aber die Krankheit erschien ihm als vollständig erwiesen.

»Also ist das alles nur Krankheit; all dieses ›Höhere‹ ist nur Krankheit und weiter nichts!« rief er manchmal giftig im stillen für sich aus. Es widerstrebte ihm doch, dem zuzustimmen.

Bald begann sich übrigens auch vormittags dasselbe zu wiederholen, was sich bis dahin ausschließlich in den Stunden der Nacht zugetragen hatte, nur daß es dann mit mehr Erbitterung verbunden war und Bosheit an die Stelle der Reue, Spott an die Stelle der Rührung trat. Im wesentlichen waren es allerlei Vorgänge aus seinem vergangenen, längst vergangenen Leben, die ihm immer öfter »plötzlich und Gott weiß woher« ins Gedächtnis kamen, und zwar in einer ganz merkwürdigen Weise. Weltschaninow klagte nämlich schon lange über das Schwinden seines Erinnerungsvermögens: Er vergaß die Gesichter von Bekannten, die ihm das dann bei Begegnungen übelnahmen; ein Buch, das er vor einem halben Jahr gelesen hatte, vergaß er innerhalb dieses Zeitraumes manchmal vollständig. Und sollte man es glauben: Trotz dieser augenscheinlichen, täglichen Abnahme des Gedächtnisses (über die er sich stark beunruhigte) fiel ihm jetzt manchmal plötzlich allerlei ein, was einer längst vergangenen Zeit angehörte, allerlei, was er schon zehn, fünfzehn Jahre lang vollständig vergessen gehabt hatte; und zwar kam ihm das alles mit einer so erstaunlichen Genauigkeit der Eindrücke und der einzelnen Umstände ins Gedächtnis, daß er es gleichsam noch einmal zu erleben glaubte. Manche der ihm wieder einfallenden 14 Tatsachen hatte er dermaßen vergessen gehabt, daß ihm schon allein der Umstand als ein Wunder erschien, daß sie ihm hatten wieder ins Gedächtnis kommen können. Aber das war noch nicht alles; wer, der ein flottes Leben geführt hat, hätte nicht seine eigenartigen Erinnerungen? Aber die Sache war die, daß ihm alle diese wiederkehrenden Erinnerungen sozusagen unter einem ganz neuen, überraschenden, vorher ganz undenkbaren Gesichtswinkel erschienen, gerade als wenn ihn jemand jetzt auf einen anderen Standpunkt versetzt hätte. Warum erschienen ihm manche Erinnerungen jetzt geradezu als Verbrechen? Und es handelte sich dabei nicht nur um Urteile, die sein Verstand fällte: Seinem umdüsterten, vereinsamten, kranken Verstande würde er nicht geglaubt haben; aber es kam bei ihm zu Selbstverwünschungen und beinah zu Tränen, wenn nicht zu äußerlichen, so doch zu innerlichen. Ja, noch vor zwei Jahren würde er es nicht geglaubt haben, wenn man ihm gesagt hätte, er würde einmal Tränen vergießen! Übrigens gehörten anfangs diese Erinnerungen vorwiegend nicht dem Gebiete der Empfindsamkeit, sondern des Ärgers an: Es kamen ihm einige Mißerfolge und Demütigungen im gesellschaftlichen Leben ins Gedächtnis; er erinnerte sich zum Beispiel daran, wie ihn »ein Intrigant verleumdet hatte«, weswegen man in einem vornehmen Hause aufgehört hatte ihn zu empfangen; ferner, wie er (und das war gar nicht einmal so lange her) in einer eklatanten Weise öffentlich beleidigt worden war und den Beleidiger nicht gefordert hatte; wie er einmal in einem Kreise sehr hübscher Frauen durch ein witziges Epigramm abgetrumpft worden war und keine Antwort darauf hatte finden können. Es fielen ihm sogar zwei oder drei unbezahlte Schuldposten ein; sie beliefen sich allerdings nur auf geringe Summen, aber es waren Ehrenschulden an Leute, mit denen er aufgehört hatte zu verkehren, und von denen er schon Übles sprach. Auch quälte ihn (jedoch nur in den schlimmsten Augenblicken) die Erinnerung an zwei auf die dümmste Art und Weise vergeudete Vermögen, von denen ein jedes recht bedeutend gewesen war. Aber bald kamen ihm auch Dinge aus der »höheren« Gattung ins Gedächtnis. 15

So erinnerte er sich zum Beispiel plötzlich »ganz aus heiler Haut« der von ihm vergessenen, im höchsten Grade vergessenen Gestalt eines gutherzigen alten Beamten, eines grauhaarigen, komischen Männchens, den er einmal vor langer, langer Zeit öffentlich ungestraft beleidigt hatte, und zwar einzig und allein aus törichter Prahlsucht: Nur um ein komisches, wohlgelungenes Witzwort nicht unausgesprochen zu lassen, das ihm Ruhm eintrug und viel kolportiert wurde. Er hatte die Geschichte so vergessen gehabt, daß er sich nicht einmal an den Familiennamen dieses alten Mannes erinnern konnte, wiewohl ihm jetzt alle Umstände des Vorganges mit unbegreiflicher Klarheit vor Augen standen. Er erinnerte sich deutlich, daß der alte Mann damals für die Ehre seiner Tochter eingetreten war, einer alten Jungfer, die mit ihm zusammen lebte, und über die in der Stadt gewisse Gerüchte im Umlauf waren. Der Alte hatte auf das Witzwort eine zornige Antwort geben wollen, hatte aber auf einmal vor der ganzen Gesellschaft zu weinen und zu schluchzen angefangen, was sogar einigen Eindruck gemacht hatte. Die Sache hatte damals damit geendet, daß man dem alten Manne zum Spaß gehörig Champagner zu trinken gegeben und sich dann doppelt über ihn lustig gemacht hatte. Und als Weltschaninow sich jetzt »ganz aus heiler Haut« daran erinnerte, wie das alte Männchen damals wie ein Kind geschluchzt und sein Gesicht mit den Händen bedeckt hatte, da kam es ihm auf einmal so vor, als hätte er es niemals vergessen gehabt. Und seltsam: Damals war ihm das alles sehr komisch vorgekommen; jetzt aber erregte es bei ihm die entgegengesetzte Empfindung, namentlich manche Einzelheiten wie das Bedecken des Gesichtes mit den Händen. Ferner erinnerte er sich, wie er lediglich zum Scherz die sehr schöne Frau eines Schullehrers verleumdet hatte und die Verleumdung dem Manne zu Ohren gekommen war. Weltschaninow hatte jenes Städtchen bald darauf verlassen und wußte nicht, welche Folgen seine Verleumdung damals gehabt hatte; aber jetzt malte er sich diese Folgen auf einmal aus, und Gott weiß, wohin seine Einbildunskraft dabei noch gelangt wäre, wenn ihm nicht 16 auf einmal eine ihn noch weit näher angehende Erinnerung gekommen wäre, die Erinnerung an ein Mädchen aus dem einfachen Bürgerstande, das ihm nicht einmal gefallen, ja, dessen er sich, die Wahrheit zu sagen, sogar geschämt hatte, mit dem er aber doch, ohne selbst recht zu wissen warum, ein Kind gehabt hatte; dann aber hatte er bei seiner Abreise von Petersburg das Mädchen mitsamt dem Kinde im Stich gelassen, ohne auch nur Lebewohl zu sagen (er hatte allerdings auch keine Zeit gehabt). Nach diesem Mädchen suchte er nun ein ganzes Jahr lang, konnte es aber absolut nicht finden. Übrigens tauchten solche Erinnerungen beinahe zu Hunderten auf, und eine jede schien ein Dutzend andere hinter sich herzuziehen. Allmählich fing auch sein Ehrgefühl dabei an zu leiden.

Wir haben bereits gesagt, daß sein Ehrgefühl nach einer besonderen Richtung hin entartet war. Dies war ganz zutreffend. Zuzeiten (diese Zeiten waren freilich nur selten) ging er in der Nichtachtung seiner eigenen Person so weit, daß er sich nicht einmal schämte, keine eigene Equipage zu besitzen, zu Fuß bei den Gerichtsbehörden umherzuwandern und sich etwas nachlässig zu kleiden; und wenn es vorgekommen wäre, daß ihn einer seiner alten Bekannten deswegen auf der Straße mit einem spöttischen Blicke gemessen hätte oder ihn einfach nicht hätte kennen wollen, so wäre er wirklich stolz genug gewesen, ein völlig gleichmütiges Gesicht zu bewahren. Und zwar hätte er das in allem Ernst getan, nicht etwa nur um des Aussehens willen. Selbstverständlich kam diese Stimmung nur selten vor; es waren nur vereinzelte Augenblicke der eigenen Nichtachtung; aber doch entfernte sich sein Ehrgefühl allmählich von den Gegenständen, auf die es früher gerichtet gewesen war und konzentrierte sich auf eine einzige Frage, die ihm nicht aus dem Sinn kam.

»Nun sieh mal an«, begann er manchmal sein stilles Selbstgespräch in satirischem Tone (wenn er über sich selbst nachdachte, geriet er fast immer in den satirischen Ton hinein), »nun sieh mal an, da gibt sich jemand Mühe, meine Moralität zu bessern, und sendet mir diese verdammten 17 Erinnerungen und diese ›Tränen der Reue‹. Na, meinetwegen; helfen wird es nichts! Es sind ja doch alles nur blinde Schreckschüsse! Als ob ich nicht sicher wüßte, sicherer als sicher wüßte, daß ich trotz dieser Reuetränen und der Selbstverurteilung keine Spur von Festigkeit besitze, trotz meiner dummen vierzig Jahre! Es braucht nur gleich morgen eine ebensolche Versuchung an mich heranzutreten, es brauchen sich zum Beispiel die Umstände nur so zu fügen, daß es mir vorteilhaft ist, ein Gerücht in Umlauf zu setzen, als ob die Lehrerfrau von mir Geschenke genommen habe, und ich werde mit aller Sicherheit ein solches Gerücht ohne zu zucken verbreiten, und die Sache wird noch häßlicher sein als das erstemal, weil es eben schon das zweitemal und nicht das erste sein wird. Na, und sollte mich jetzt gleich wieder dieser junge Fürst, der einzige Sohn seiner Mutter, beleidigen, dem ich vor elf Jahren das Bein zerschossen habe, so werde ich ihn sofort fordern und ihm wieder zu einem Stelzfuße verhelfen. Na, sind das also nicht leere, bedeutungslose Schreckschüsse? Was haben also alle diese Erinnerungen für Zweck, wenn ich es doch nicht verstehe, mich auch nur einigermaßen in anständiger Weise von mir selbst loszumachen!«

Und obgleich sich die Geschichte mit der Lehrerfrau nicht wiederholte, und obgleich er niemanden wieder zu einem Stelzfuß verhalf, so quälte ihn doch schon der bloße Gedanke, daß sich alles mit Sicherheit ebenso abspielen würde, wenn die Umstände sich so fügten; wenigstens quälte er ihn bisweilen. Immer braucht man sich ja allerdings nicht mit Erinnerungen selbst zu peinigen; man darf sich doch auch erholen und amüsieren, sozusagen in den Zwischenakten.

So handelte Weltschaninow denn auch: Er gönnte sich in den Zwischenakten ein Amüsement; aber doch wurde ihm der Aufenthalt in Petersburg, je länger er dauerte, um so unangenehmer. Schon war der Juli herangekommen. Manchmal ging ihm der Gedanke durch den Kopf, alles stehen und liegen zu lassen, auch den Prozeß, und ohne weiteres ganz plötzlich irgendwohin zu fahren, beispielsweise etwa nach der Krim. Aber eine Stunde darauf verwarf er 18 diesen Gedanken gewöhnlich schon wieder und lachte über ihn: »Diese dummen Gedanken wird mir, da sie sich nun einmal eingestellt haben, auch ein Aufenthalt im Süden nicht austreiben, wenn ich ein wenigstens halbwegs anständiger Mensch bin; folglich ist es zwecklos, vor ihnen zu flüchten, und es ist ja auch kein Grund dazu vorhanden.

»Und wozu sollte ich auch davongehen?« fuhr er trübselig zu philosophieren fort; »hier ist es so staubig und schwül, in diesem Hause und in diesen Gerichtsbureaus, in denen ich mich herumtreibe, ist alles so schmutzig, alle diese Geschäftsleute zeigen eine so mäusehafte Betriebsamkeit, eine so kleinliche Sorglichkeit, all diesen Leuten, die in der Stadt geblieben sind und vom Morgen bis zum Abend an einem vorüberhuschen, steht ihre ganze Selbstsucht, ihre ganze harmlose Frechheit, die ganze Feigheit ihrer Seelen, die ganze Hühnerhaftigkeit ihrer Herzen mit so naiver Offenheit auf dem Gesichte geschrieben, daß hier wirklich ein wahres Paradies für einen Hypochonder ist, ganz im Ernste gesagt! Alles ist unverhüllt und offen; kein Mensch hält es für nötig, sich zu maskieren, wie das unsere Damen in der Sommerfrische und in den ausländischen Badeorten tun, – und folglich verdient alles schon allein für diese Offenheit und Ehrlichkeit die vollste Hochachtung! . . . Ich reise nicht weg! Und wenn ich hier krepieren sollte, ich reise nicht weg!«

II
Der Herr mit dem Trauerflor am Hute

Es war der dritte Juli. Die Schwüle und die Hitze waren unerträglich. Dieser Tag war für Weltschaninow vollständig mit Geschäften ausgefüllt: Den ganzen Vormittag über hatte er in der Stadt herumlaufen und herumfahren müssen, und für den Abend stand ihm noch als unumgänglich notwendig in Aussicht, einen Besuch bei einem für ihn sehr wichtigen Herrn zu machen, bei einem Staatsrate, einem tüchtigen 19 Juristen; dieser wohnte zur Zeit in der Sommerfrische irgendwo am Schwarzen Bache, und Weltschaninow beabsichtigte, ihn unerwartet zu Hause zu überfallen. Zwischen fünf und sechs Uhr trat Weltschaninow endlich in ein Restaurant (es war zwar von etwas zweifelhaftem Charakter, aber französisch) am Newski-Prospekte bei der Polizejski-Brücke, setzte sich in seine gewöhnliche Ecke an sein Tischchen und bestellte sich sein gewöhnliches Mittagessen.

Er speiste täglich für einen Rubel zu Mittag (Wein extra), was er als ein Opfer betrachtete, das er verständigerweise seinen derangierten Verhältnissen brachte. Obwohl er sich jedesmal darüber wunderte, wie man so schlechte Kost überhaupt nur genießen könne, vertilgte er doch immer alles bis auf den letzten Bissen, und jedesmal mit einem solchen Appetit, als ob er vorher drei Tage lang nichts gegessen hätte. »Das ist etwas Krankhaftes«, murmelte er vor sich hin, wenn er manchmal seines Appetites inne wurde. Aber diesmal ließ er sich an seinem Tischchen in sehr übler Laune nieder, schleuderte seinen Hut ärgerlich irgendwohin beiseite, stützte sich mit den Ellbogen auf den Tisch und versank in Gedanken. Hätte jetzt ein anderer in seiner Nähe speisender Mittagsgast sich irgendwie bemerklich gemacht oder hätte der ihn bedienende Kellner einen Auftrag nicht gleich beim erstenmal richtig verstanden, so hätte er, der es doch so gut verstand, höflich zu sein und nötigenfalls eine hochmütige, unbewegliche Miene zu machen, sicherlich einen Lärm gemacht wie ein Fähnrich und womöglich einen Skandal herbeigeführt.

Es wurde ihm die Suppe gebracht, und er nahm den Löffel in die Hand; aber bevor er ihn gefüllt hatte, warf er ihn plötzlich wieder auf den Tisch und sprang beinah vom Stuhle auf. Ein überraschender Gedanke war auf einmal in seinem Kopfe aufgeblitzt: In diesem Augenblicke war ihm (Gott weiß durch welche Ideenassoziation) plötzlich die Ursache seiner Verstimmung vollkommen klar geworden, dieser besonderen eigentümlichen Verstimmung, die ihn schon mehrere Tage hintereinander, die ganze letzte Zeit 20 über gequält hatte, ihn Gott weiß wie angeflogen war und Gott weiß warum nicht wieder hatte von ihm weichen wollen; jetzt aber durchschaute er auf einmal alles und begriff die Sache vollständig.

»Das ist einzig und allein dieser Hut!« murmelte er, als wenn ihn eine Inspiration überkommen hätte. »Nur er, nur dieser verdammte Zylinderhut mit dem abscheulichen Trauerflor, ist an allem schuld!«

Er fing an nachzudenken, und je länger er nachdachte, um so ingrimmiger wurde er, und um so wunderbarer erschien ihm »diese ganze Begebenheit«.

»Aber . . . aber was liegt denn hier überhaupt für eine Begebenheit vor?« wollte er opponieren, da er sich selbst mißtraute. »Hat denn hier etwas stattgefunden, was auch nur eine entfernte Ähnlichkeit mit einer Begebenheit hätte?«

Die ganze Sache verhielt sich folgendermaßen. Es mochte schon fast vierzehn Tage her sein (genau erinnerte er sich eigentlich nicht; aber so lange, meinte er, war es her), da war er zum erstenmal auf der Straße, an der Ecke der Podjatscheskaja- und der Meschtschanskaja-Straße, einem Herrn mit einem Trauerflor am Hute begegnet. Der Herr sah so aus wie alle Leute, hatte nichts Besonderes an sich, ging schnell vorbei, sah aber Weltschaninow sehr scharf an und zog dadurch sofort dessen Aufmerksamkeit in hohem Grade auf sich. Wenigstens war ihm das Gesicht des Herrn bekannt vorgekommen. Er mußte ihm offenbar schon irgendwann und irgendwo begegnet sein. »Aber wieviel tausend Gesichter habe ich in meinem Leben zu sehen bekommen; die kann ich unmöglich alle behalten!« sagte er sich. Als er zwanzig Schritte weitergegangen war, hatte er die Begegnung anscheinend bereits vergessen, trotz des starken Eindrucks, den sie zuerst auf ihn gemacht hatte. Aber doch hielt sich der Eindruck den ganzen Tag über, und zwar war es ein recht eigenartiger Eindruck, in Gestalt eines besonderen, grundlosen Ärgers. Er erinnerte sich jetzt, vierzehn Tage nachher, deutlich an alles dies; er erinnerte sich auch, daß er damals durchaus nicht begriffen hatte, woher dieser sein Ärger stammte, es so wenig begriffen hatte, daß er die 21 Verstimmung, in der er sich jenen ganzen Abend über befand, keinen Augenblick mit der Begegnung am Vormittag in Zusammenhang gebracht hatte. Aber der Herr beeilte sich selbst, sich wieder in Erinnerung zu bringen: Er traf am andern Tage wieder mit Weltschaninow auf dem Newski-Prospekte zusammen und sah ihn wieder in einer sonderbaren Weise an. Weltschaninow spuckte aus; aber nachdem er das getan hatte, wunderte er sich sofort selbst über sein Verhalten. Es gibt allerdings Gesichter, die gleich von vornherein einen starken Widerwillen erregen, ohne daß man einen Grund dafür anzugeben vermöchte. »Ja, ich bin ihm tatsächlich schon irgendwo begegnet«, murmelte er nachdenklich, als seit der Begegnung bereits eine halbe Stunde vergangen war. Dann verbrachte er wieder den ganzen Abend in der verdrießlichen Stimmung; er hatte in der Nacht sogar einen häßlichen Traum, und dennoch kam ihm der Gedanke nicht in den Kopf, daß die ganze Ursache dieser seiner neuen, eigenartigen Hypochondrie nur der soeben wiedergesehene Herr mit dem Trauerflor war, obgleich er sich an diesem Abende mehrmals an ihn erinnert hatte. Er ärgerte sich sogar flüchtig darüber, daß »so ein Quark« sich unterstand, so lange in seinem Gedächtnisse zu haften; aber seine ganze Aufregung auf ihn zurückzuführen, das hätte er sicherlich geradezu für unwürdig gehalten, wenn ihm ein solcher Gedanke überhaupt in den Sinn gekommen wäre. Zwei Tage darauf begegneten sie einander wieder, im Gedränge beim Aussteigen aus einem Newadampfer. Bei diesem dritten Male hätte Weltschaninow darauf schwören mögen, daß der Herr mit dem Trauerflor ihn erkannt hatte und zu ihm hinstrebte, aber durch die Menge davongetragen und fortgedrängt wurde; anscheinend »erdreistete« er sich sogar ihm die Hand entgegenzustrecken; vielleicht schrie er sogar auf und rief ihn beim Namen. Letzteres hörte Weltschaninow übrigens nicht deutlich; aber »wer ist denn eigentlich diese Kanaille, und warum kommt er nicht zu mir heran, wenn er mich wirklich erkennt und ihm soviel daran liegt, mit mir in Beziehung zu treten?« dachte er ärgerlich, als er sich in eine Droschke 22 setzte und nach dem Smolny-Kloster fuhr. Eine halbe Stunde darauf war er bereits in lautem Streit mit seinem Rechtsanwalt begriffen; aber am Abend und in der Nacht quälte er sich wieder mit ganz abscheulichen und phantastischen hypochondrischen Gedanken herum. »Ob am Ende ein starker Gallenerguß stattfindet?« fragte er sich argwöhnisch, indem er in den Spiegel blickte.

Das war die dritte Begegnung. Darauf begegnete ihm fünf Tage hintereinander absolut »niemand«, und von der »Kanaille« war nichts zu sehen und zu hören. Aber trotzdem mußte er ab und zu an den Herrn mit dem Trauerflor denken. Mit einem gewissen Erstaunen ertappte sich Weltschaninow auf diesem Gedanken. »Was ist mir denn nur?« fragte er sich. »Sehne ich mich etwa nach ihm? Hm! . . . Er muß wohl auch viele Geschäfte in Petersburg haben, . . . und um wen trägt er nur den Flor? Offenbar hat er mich erkannt, während ich ihn nicht erkenne. Warum diese Menschen nur einen Trauerflor anlegen? Das steht ihnen gar nicht gut . . . Ich glaube, wenn ich ihn näher ansähe, würde ich ihn erkennen . . .«

Und da begann sich etwas in seinem Gedächtnisse zu regen, wie wenn man ein Wort, das man recht wohl kennt, auf einmal vergessen hat und sich nun aus aller Kraft bemüht, sich daran zu erinnern; man kennt es sehr gut und weiß, daß man es kennt; man weiß, was es bedeutet, und geht nun immer drum herum; aber das Wort will einem absolut nicht einfallen, und wenn man sich auch noch so sehr mit ihm abquält!

»Das war . . . Das war vor langer Zeit . . . und es war irgendwo . . . da war es . . . da war es . . . na, hol es der Teufel, was das war und nicht war! . . .« rief er auf einmal ärgerlich. »Lohnt es sich wohl, daß ich mich um diese Kanaille so abquäle und erniedrige? . . .«

Er war furchtbar aufgebracht; als ihm aber am Abend auf einmal einfiel, daß er kurz vorher aufgebracht gewesen sei, »furchtbar« aufgebracht, da war ihm das doch höchst unangenehm; es war ihm, als hätte ihn jemand bei etwas ertappt. Er wurde verlegen und wunderte sich: »Es muß also 23 doch ein Grund vorhanden sein, weshalb ich mich um nichts und wieder nichts so ärgere . . . bei der bloßen Erinnerung . . .« Er beendete den Satz in Gedanken nicht.

Aber am andern Tage ärgerte er sich noch mehr; diesmal jedoch glaubte er allen Grund dazu zu haben und vollkommen im Rechte zu sein; »es war eine unerhörte Dreistigkeit«: Die Sache war nämlich die, daß eine vierte Begegnung stattgefunden hatte. Der Herr mit dem Trauerflor war wieder erschienen, wie wenn er aus der Erde aufgestiegen wäre. Eben hatte Weltschaninow auf der Straße jenen für ihn so wichtigen Staatsrat erwischt, auf den er auch jetzt Jagd machte, indem er ihn wenigstens in der Sommerfrische unversehens zu überfallen gedachte (denn dieser Beamte, der mit Weltschaninow kaum bekannt war, aber auf den Gang des Prozesses großen Einfluß hatte, ließ sich auch damals, ebenso wie jetzt, nicht so leicht attrappieren und hielt sich offenbar, so gut er nur konnte, versteckt, da er seinerseits eine Begegnung mit Weltschaninow zu vermeiden wünschte); erfreut darüber, daß er endlich mit ihm zusammengetroffen war, ging Weltschaninow eilig neben ihm her, sah ihm in die Augen und machte die größten Anstrengungen, um den grauhaarigen Schlaukopf auf ein bestimmtes Gesprächsthema hinzuleiten, in der Hoffnung, dieser werde sich dabei vielleicht verplappern und ein Wörtchen fallen lassen, auf das er, Weltschaninow, schon lange sehnsüchtig wartete; aber der grauhaarige Schlaukopf war ebenfalls auf seiner Hut und zog sich durch Lachen und Schweigen aus der Schlinge, – und gerade in diesem Augenblick angestrengter Bemühung traf Weltschaninows Blick plötzlich auf dem gegenüberliegenden Trottoir den Herrn mit dem Trauerflor. Er stand da und schaute unverwandt von dort nach ihnen herüber; er beobachtete sie, das war offenbar; und es schien sogar, daß er spöttisch lachte.

»Hol ihn der Teufel!« erboste sich Weltschaninow, der, als er es endlich aufgegeben hatte, den Beamten länger zu begleiten, seinen ganzen Mißerfolg bei ihm auf das plötzliche Erscheinen dieses »Unverschämten« zurückführte. »Hol ihn der Teufel! Er spioniert mir ja nach! Er verfolgt mich 24 offenbar! Er scheint von jemand dazu angestellt zu sein, und . . . und . . . und, weiß Gott, der Kerl hat spöttisch gelacht! So wahr ich lebe, ich werde ihn durchprügeln . . . Nur schade, daß ich keinen Stock bei mir habe! Ich werde mir einen Stock kaufen! Das lasse ich mir nicht gefallen! Wer ist es denn? Ich will unbedingt wissen, wer er ist!«

Endlich, drei Tage nach dieser (vierten) Begegnung, finden wir Weltschaninow in seinem Restaurant, so wie wir ihn geschildert haben: bereits ganz ernstlich aufgeregt und sogar einigermaßen verstört. Das mußte er sich trotz all seines Stolzes selbst eingestehen. Und wenn er schließlich alle Umstände zusammenhielt, so sah er sich zu der Vermutung genötigt, daß an seiner ganzen Hypochondrie, an diesem seinem ganzen besonderen Kummer und an seiner ganzen nun schon zwei Wochen dauernden Aufregung kein andrer schuld war als eben dieser Herr mit dem Trauerflor, »trotz all seiner Wertlosigkeit«.

»Mag ich auch ein Hypochonder sein«, dachte Weltschaninow, »und infolgedessen dazu neigen, aus einer Mücke einen Elefanten zu machen, aber wird mir etwa deswegen leichter zumute, weil das alles vielleicht nur Einbildung von mir ist? Wenn jeder derartige Racker imstande ist, einen Menschen vollständig aus dem Gleichgewichte zu bringen, dann ist das ja . . . dann ist das ja . . .«

In der Tat hatte sich bei dieser heutigen (fünften) Begegnung, durch die Weltschaninow in eine solche Aufregung versetzt worden war, der Elefant fast ganz als eine Mücke herausgestellt; jener Herr war wie früher vorbeigehuscht, hatte aber diesmal Weltschaninow nicht einmal angesehen und nicht wie früher merken lassen, daß er ihn erkenne; er hatte vielmehr die Augen niedergeschlagen und anscheinend selbst lebhaft gewünscht, nicht bemerkt zu werden. Weltschaninow hatte sich umgedreht und ihm aus voller Kehle zugerufen:

»He! Sie mit dem Trauerflor! Warum verstecken Sie sich jetzt? Bleiben Sie mal stehen: Wer sind Sie?«

Die Frage (und der ganze Anruf) war recht sinnlos gewesen. Aber Weltschaninow war zu dieser Einsicht erst gekommen, 25 als er bereits gerufen hatte. Auf diesen Ruf hatte sich der Herr umgedreht, war einen Augenblick stehen geblieben, verlegen geworden, hatte gelächelt, etwas sagen und tun wollen, war ein Weilchen offenbar in peinlicher Unentschlossenheit befangen gewesen, hatte aber dann auf einmal kehrtgemacht und war, ohne sich wieder umzudrehen, davongelaufen. Weltschaninow hatte ihm erstaunt nachgeblickt.

»Was stellt das vor?« hatte er gedacht. »Wie, wenn in Wirklichkeit nicht er hinter mir her ist, sondern ich hinter ihm und darin der ganze Spuk besteht?«

Nachdem er gespeist hatte, begab er sich so schnell wie möglich zu dem Beamten nach dem Landhause. Er traf ihn nicht an, und es wurde ihm mitgeteilt, der Herr sei, seit er am Vormittage weggegangen sei, nicht zurückgekehrt und werde heute kaum vor drei oder vier Uhr nachts zurückkehren, da er in der Stadt an der Feier eines Namenstages teilnehme. Das war für Weltschaninow so »beleidigend«, daß er in der ersten Wut beschloß, sich selbst zu dieser Feier zu begeben, und sogar tatsächlich eine Droschke nahm; aber während der Fahrt sagte er sich, daß das doch etwas zu weit gehe, lohnte den Kutscher auf dem halben Wege ab und schleppte sich zu Fuß nach seiner Wohnung beim Großen Theater. Er fühlte das Bedürfnis, sich Bewegung zu machen. Um seine aufgeregten Nerven zu beruhigen, mußte er, trotz seiner jetzigen Neigung zur Schlaflosigkeit, unter allen Umständen eine Nacht ordentlich durchschlafen; und um das zu können, mußte er sich wenigstens müde machen. Auf diese Weise gelangte er erst um halb elf zu sich nach Hause; denn der Weg war recht weit, – und er war tatsächlich müde geworden.

Die Wohnung, die er im März gemietet hatte, und über die er mit einer Art von Schadenfreude räsonierte und schimpfte, wobei er sich vor sich selbst damit entschuldigte, daß sie nur ein zeitweiliger Notbehelf sei, da er unversehens durch diesen »verdammten Prozeß« in Petersburg festgehalten werde – diese Wohnung war überhaupt nicht so schlecht und unanständig, wie er selbst es von ihr sagte. Der Zugang 26 vom Tore her war allerdings etwas dunkel und unsauber; aber die im zweiten Stock gelegene Wohnung selbst bestand aus zwei großen, hellen, hohen Zimmern, die voneinander durch ein dunkles Vorzimmer getrennt waren, und von denen in dieser Weise das eine nach der Straße und das andere nach dem Hofe zu lag. Neben demjenigen, dessen Fenster nach dem Hofe hinausgingen, befand sich ein kleines Kabinett, das eigentlich als Schlafzimmer bestimmt war; aber bei Weltschaninow lagen darin eine Menge Bücher und Papiere unordentlich aufgehäuft; deshalb schlief er in einem der großen Zimmer, und zwar in dem, dessen Fenster nach der Straße zu lagen. Das Bett wurde ihm auf dem Sofa zurechtgemacht. Seine Möbel waren anständig, wiewohl etwas abgenutzt, und es befanden sich sogar einige wertvolle Stücke darunter, Reste früheren Wohlstandes: kleine Porzellan- und Bronzegegenstände und große, echte Teppiche aus Buchara; sogar zwei gute Ölgemälde hatten sich erhalten; aber alles war in sichtlicher Unordnung und sogar verstaubt, seit sein Dienstmädchen Pelageja nach Nowgorod gefahren war, um ihre Angehörigen zu besuchen, und ihn allein gelassen hatte. Dieser sonderbare Zustand, daß ein unverheirateter Mann aus der besseren Gesellschaft, der immer noch Anspruch darauf erhob, ein Gentleman zu sein, sich nur eine einzige weibliche Person zur Bedienung hielt, dieser Umstand brachte Weltschaninow fast zum Erröten, obgleich er mit dieser Pelageja sehr zufrieden war. Sie war von einer mit ihm bekannten Familie, die ins Ausland gereist war, zu ihm in Dienst gekommen, als er diese Wohnung im Frühjahr gemietet hatte, und hatte bei ihm alles in guter Ordnung gehalten. Nach ihrer Abreise hatte er kein anderes Dienstmädchen mieten mögen; einen Diener aber anzunehmen lohnte nicht für die kurze Zeit, und er konnte auch Diener überhaupt nicht recht leiden. So hatte er denn die Einrichtung getroffen, daß die Schwester des Hausknechts, Mawra, jeden Morgen kam, um die Zimmer aufzuräumen, und ihr übergab er auch den Schlüssel, wenn er ausging; aber sie tat so gut wie nichts, nahm ihr Geld hin und bestahl ihn auch noch, wie es schien. Aber ihm 27 war das alles gleichgültig geworden, und er war sogar ganz zufrieden damit, daß er jetzt in seiner Wohnung völlig allein war. Aber es hatte doch alles seine bestimmte Grenze, und seine Nerven weigerten sich manchmal, in Zeiten besonderer Mißstimmung, auf das entschiedenste, diese ganze »Schmutzerei« zu ertragen, und wenn er zu sich nach Hause zurückkehrte, betrat er seine Zimmer fast jedesmal mit einem Gefühle des Ekels.

Aber diesmal ließ er sich kaum Zeit, sich ganz auszuziehen, warf sich auf das Bett und nahm sich in gereizter Stimmung vor, an nichts zu denken und unter allen Umständen »sofort« einzuschlafen. Und sonderbar: Er schlief wirklich ein, sowie nur sein Kopf das Kissen berührt hatte; das war bei ihm fast seit einem Monat nicht vorgekommen.

Er schlief etwa vier Stunden lang, aber unruhig, und hatte dabei seltsame Träume, wie sie sonst bei Fieberkranken vorkommen. Es handelte sich dabei um ein Verbrechen, das er angeblich begangen hatte und nun zu verbergen suchte; dieses Verbrechens beschuldigten ihn einstimmig viele Menschen, die ununterbrochen von irgendwoher zu ihm hereinkamen. Es hatte sich schon eine furchtbar große Menge gesammelt; aber immer noch mehr Menschen strömten herein, so daß die Tür nicht mehr zuging, sondern sperrangelweit offen stand. Aber das ganze Interesse konzentrierte sich schließlich auf einen sonderbaren Menschen, der früher einmal ein sehr guter Bekannter von ihm gewesen, aber bereits gestorben und jetzt aus irgendwelchem Grunde plötzlich ebenfalls zu ihm hereingekommen war. Am meisten quälte es Weltschaninow, daß er nicht wußte, was das für ein Mensch war, daß er seinen Namen vergessen hatte und sich schlechterdings nicht darauf besinnen konnte; er wußte nur, daß er ihn einstmals sehr gern gehabt hatte. Von diesem Menschen schienen alle übrigen Leute, die hereingekommen waren, das entscheidende Wort zu erwarten, das heißt Weltschaninows Verurteilung oder Freisprechung, und alle bekundeten eine starke Ungeduld. Aber er saß ohne sich zu rühren am Tische, schwieg und wollte nicht reden. Der Lärm verstummte nicht, die Erregung wuchs, 28 und auf einmal versetzte Weltschaninow in seiner Wut diesem Menschen einen Schlag dafür, daß er nicht reden wollte, und empfand davon einen seltsamen Genuß. Das Herz erstarrte ihm vor Schrecken und Schmerz über seine Tat; aber gerade in diesem Erstarren lag ein Genuß. Geradezu rasend geworden schlug er ihn ein zweites und ein drittes Mal, und in einer Art von Wut- und Angstrausche, der an Wahnsinn streifte, aber zugleich einen unendlichen Genuß in sich schloß, zählte er seine Schläge nicht mehr, sondern schlug ohne Aufhören weiter. Er wollte alles, »alles dies« vernichten. Auf einmal geschah etwas: Alle schrien furchtbar auf und wandten sich erwartungsvoll nach der Tür hin, und in diesem Augenblicke erscholl die Türklingel dreimal mit hellem Tone; es wurde aber mit solcher Kraft daran gezogen, als ob sie jemand von der Tür abreißen wolle. Weltschaninow erwachte, kam in einem Augenblicke zur Besinnung, sprang Hals über Kopf vom Bette und stürzte zur Tür hin; er war fest davon überzeugt, daß das Klingeln kein Traum gewesen sei, und daß wirklich jemand in diesem Augenblicke bei ihm geschellt habe. »Es wäre doch zu unnatürlich«, dachte er, »wenn mir so helle, wirkliche, ordentlich greifbare Töne nur geträumt haben sollten.«

Aber zu seinem Erstaunen stellte sich auch der Schall der Türklingel nur als Traum heraus. Er öffnete die Tür und trat auf den Flur hinaus; er blickte sogar auf die Treppe – es war kein Mensch da. Die Glocke hing da, ohne sich zu rühren. Verwundert, aber erfreut kehrte er in das Zimmer zurück. Während er eine Kerze anzündete, fiel ihm ein, daß er die Tür nur zugeklinkt, aber nicht zugeschlossen und zugehakt hatte. Auch früher hatte er oft, wenn er nach Hause zurückkehrte, vergessen, die Tür zur Nacht zuzuschließen, da er der Sache keine besondere Bedeutung beimaß. Pelageja hatte ihm einige Male deswegen Vorhaltungen gemacht. Er kehrte in das Vorzimmer zurück, um die Tür zuzuschließen, öffnete sie noch einmal und blickte auf den Flur hinaus und legte von innen nur den Haken vor; aber den Schlüssel in der Tür umzudrehen, war er doch zu träge. Die Uhr schlug halb drei; er hatte vier Stunden geschlafen. 29

Der Traum hatte ihn dermaßen aufgeregt, daß er sich nicht sogleich wieder hinlegen mochte und eine halbe Stunde im Zimmer auf und ab zu gehen beschloß: Bis er eine Zigarre würde zu Ende geraucht haben. Nachdem er sich eilig angekleidet hatte, trat er an das Fenster, zog die dicke Stoffgardine zur Seite und dahinter das weiße Rouleau in die Höhe. Auf der Straße war es schon ganz hell geworden. Die hellen Petersburger Sommernächte hatten immer die Wirkung gehabt, seine Nerven zu reizen, und hatten in der letzten Zeit seine Schlaflosigkeit nur noch gesteigert, so daß er vor etwa vierzehn Tagen an seinen Fenstern expreß diese dicken Stoffgardinen hatte anbringen lassen, die kein Licht hereinließen, wenn er sie ganz zuzog. Nachdem er so Licht hereingelassen hatte, wobei er die auf dem Tische brennende Kerze auszulöschen vergaß, fing er an, immer noch von einer peinlichen, krankhaften Empfindung beherrscht, hin und her zu gehen. Der Eindruck des Traumes wirkte noch nach. Das ernsthafte Bedauern darüber, daß er sich hatte dazu hinreißen lassen, die Hand gegen diesen Menschen zu erheben, dauerte fort.

»Aber dieser Mensch existiert ja gar nicht und hat nie existiert; es ist ja alles nur ein Traum; warum gräme ich mich denn?«

Ingrimmig, und als ob alle seine Sorgen sich in diesem einen Punkte konzentrierten, begann er daran zu denken, daß er entschieden krank werde, »ein kranker Mensch« werde.

Das Bewußtsein, daß er altere oder kränkele, hatte von jeher für ihn etwas Bedrückendes gehabt, und mit einer Art von Bosheit übertrieb er in bösen Augenblicken sowohl das eine wie das andere absichtlich, um sich selbst zu reizen.

»Das ist das Alter! Ich werde ganz alt«, murmelte er beim Auf- und Abgehen; »ich verliere das Gedächtnis, habe Visionen und Träume, höre die Türklingel läuten . . . Hol's der Teufel! Ich weiß aus Erfahrung, daß solche Träume immer bedeuten, daß ein Fieber in mir steckt . . . Ich bin überzeugt, daß auch diese ganze Geschichte mit dem Trauerflor ebenfalls vielleicht nur ein Traum ist. Was ich gestern dachte, war entschieden richtig: Ich bin hinter ihm her, 30 nicht er hinter mir. Ich habe eine Märchengestalt aus ihm gemacht und bin selbst vor Angst unter den Tisch gekrochen. Und warum nenne ich ihn eine Kanaille? Er ist vielleicht ein ganz ordentlicher Mensch. Sein Gesicht hat allerdings etwas Unangenehmes, wiewohl nichts daran besonders unschön ist; gekleidet ist er wie alle Menschen. Nur sein Blick ist so eigentümlich . . . Da bin ich wieder auf mein gewohntes Thema gekommen! Wieder beschäftige ich mich mit ihm!! Was, zum Teufel, geht mich sein Blick an? Kann ich denn wirklich nicht leben ohne diesen . . . Taugenichts?«

Unter anderen Gedanken, die ihm durch den Kopf gingen, war auch einer, der ihn ebenfalls schmerzlich verwundete: Er gelangte auf einmal zu der Überzeugung, daß dieser Herr mit dem Trauerflor früher einmal mit ihm befreundet gewesen sei und jetzt bei den Begegnungen mit ihm sich über ihn lustig mache, weil er irgendein wichtiges Geheimnis aus seiner Vergangenheit wisse und ihn jetzt in so unwürdiger Lage sehe. Mechanisch trat er an das Fenster, um es zu öffnen und die Nachtluft einzuatmen, und . . . und zuckte plötzlich mit dem ganzen Leibe zusammen: Es schien ihm, daß da vor ihm plötzlich etwas ganz Absonderliches, Unerhörtes geschehe.

Er hatte das Fenster noch nicht geöffnet, schlüpfte jetzt so schnell wie möglich hinter die Mauer neben dem Fenster und versteckte sich dort: Auf dem leeren gegenüberliegenden Trottoir erblickte er plötzlich gerade vor dem Hause den Herrn mit dem Trauerflor. Dieser stand auf dem Trottoir mit dem Gesicht nach seinen Fenstern zu, offenbar aber ohne ihn zu bemerken, und betrachtete das Haus prüfend, wie wenn er etwas überlegte. Dann schien er zu einem Entschlusse zu kommen: Er hob die Hand in die Höhe und hielt den Zeigefinger an die Stirn. Endlich hatte er seinen Entschluß gefaßt: Er warf einen eiligen Blick um sich herum und überschritt, auf den Zehen schleichend, schnell die Straße. Richtig: Er ging in das Tor des Hauses hinein, in welchem Weltschaninow wohnte, durch das Pförtchen, das im Sommer manchmal bis drei Uhr nicht zugeriegelt wurde. 31 »Er kommt zu mir!« fuhr es Weltschaninow schnell durch den Kopf, und plötzlich lief er eilig ebenfalls auf den Zehen in das Vorzimmer zur Tür hin und blieb still an ihr stehen. Starr vor Erwartung, die zitternde rechte Hand auf dem Haken, den er kurz vorher vorgelegt hatte, horchte er angestrengt auf das Geräusch der erwarteten Schritte auf der Treppe.

Sein Herz schlug so heftig, daß er fürchtete, es zu überhören, wenn der Unbekannte auf den Zehen heraufkäme. Er begriff das Geschehende nicht; aber er nahm alles mit einer verzehnfachten Schärfe der Sinne wahr. Der Traum von vorhin schien mit der Wirklichkeit zusammenzufließen. Weltschaninow war von Natur mutig. Er liebte es manchmal, seine Furchtlosigkeit vor der Gefahr bis zur Prahlerei zu steigern, selbst wenn ihn niemand beobachtete, lediglich in einer Art von Selbstbewunderung. Aber jetzt kam noch etwas anderes hinzu. Der Hypochonder und ängstliche Patient von vorhin hatte sich vollständig verwandelt; es war jetzt gar nicht mehr derselbe Mensch. Ein nervöses, unhörbares Lachen brach aus seiner Brust hervor. Hinter der geschlossenen Tür erriet er jede Bewegung des Unbekannten.

»Ah! Da kommt er herauf; er ist oben; er sieht sich um; er horcht die Treppe hinunter; er atmet kaum; er schleicht umher . . . ah! Er hat die Klinke gefaßt; er drückt darauf und probiert, ob die Tür aufgeht! Er hat darauf gerechnet, daß bei mir nicht zugeschlossen sein würde! Also hat er gewußt, daß ich manchmal vergesse zuzuschließen! Er drückt wieder auf die Klinke; na, denkt er denn, daß der Haken aufspringen wird? Es tut ihm leid, so wieder abzuziehen; er möchte nicht gern unverrichteter Sache davongehen!«

Und in der Tat trug sich alles zweifellos so zu, wie er sich das vorstellte: Es stand tatsächlich jemand vor der Tür, probierte leise und unhörbar am Schlosse herum, drückte sachte auf die Klinke und »hatte selbstverständlich dabei seine Absicht«. Aber Weltschaninow war bereits entschlossen, das Rätsel zu lösen; er wartete mit einer gewissen Begeisterung 32 auf den richtigen Augenblick, machte sich fertig und stellte sich in Positur; es war seine feste Absicht, auf einmal den Haken aufzumachen, die Tür sperrangelweit zu öffnen und so der Schreckgestalt Auge in Auge gegenüberzustehen. »Nun, mein Herr«, wollte er sagen, »was tun Sie hier?«

So geschah es denn auch: Er paßte einen Augenblick ab, den er für geeignet hielt, machte plötzlich den Haken auf und stieß fast mit der Brust gegen den Herrn mit dem Trauerflor.

III
Pawel Pawlowitsch Trussozki

Dieser blieb sprachlos an seinem Fleck stehen. Beide standen einander an der Schwelle gegenüber, und beide blickten einander, ohne sich zu rühren, in die Augen. So vergingen mehrere Sekunden, und auf einmal erkannte Weltschaninow seinen Gast!

Gleichzeitig merkte offenbar auch der Gast, daß Weltschaninow ihn vollständig wiedererkannt hatte: Das sah man an dem Aufleuchten seines Blickes. In einem einzigen Momente zerschmolz gleichsam sein ganzes Gesicht zu einem überaus süßen Lächeln.

»Ich habe wohl das Vergnügen, mit Alexej Iwanowitsch zu sprechen?« sagte er in einem singenden, einschmeichelnden Tone, der zu der ganzen Situation in einem geradezu komischen Widerspruche stand.

»Sind Sie wirklich Pawel Pawlowitsch Trussozki?« sagte endlich auch Weltschaninow mit verdutztem Gesichte.

»Wir waren vor neun Jahren in T. miteinander bekannt und, wenn anders Sie mir gestatten, Sie daran zu erinnern, sogar befreundet.«

»Jawohl . . . freilich . . . aber jetzt ist es drei Uhr in der Nacht, und Sie haben ganze zehn Minuten lang herumprobiert, ob bei mir zugeschlossen sei oder nicht . . .«

»Drei Uhr!« rief der Gast, indem er die Uhr herauszog, 33 erstaunt und sogar ordentlich betrübt. »Wahrhaftig: drei Uhr! Verzeihen Sie mir, Alexej Iwanowitsch; ich hätte mir das, bevor ich hereinkam, überlegen sollen; ich schäme mich geradezu. Ich werde nächster Tage einmal herankommen, um dieses und jenes mit Ihnen zu besprechen; aber jetzt . . .«

»O, nicht doch; wenn Sie schon etwas mit mir zu reden haben, dann möchte ich Sie bitten, es jetzt gleich zu tun!« fiel ihm Weltschaninow ins Wort. »Bitte, treten Sie näher, kommen Sie ins Zimmer! Sie beabsichtigten ja doch gewiß selbst, ins Zimmer hereinzukommen, und werden sich nicht bloß deswegen bei Nacht herbegeben haben, um das Türschloß zu probieren . . .«

Er war aufgeregt und zugleich gewissermaßen verblüfft; er fühlte, daß er mit sich nicht zurecht kommen konnte. Er schämte sich sogar: Es lag gar kein Geheimnis und gar keine Gefahr vor; nichts war von dem ganzen Zauberspuk übriggeblieben; nur die dumme Gestalt so eines Pawel Pawlowitsch stand vor ihm. Indessen glaubte er keineswegs, daß die Sache so einfach liege; er war von einem undeutlichen ängstlichen Vorgefühl erfüllt. Nachdem er den Gast auf einem Lehnstuhl hatte Platz nehmen lassen, setzte er sich ungeduldig auf sein Bett, einen Schritt von dem Lehnstuhl entfernt, beugte er sich ein wenig vor, stützte sich mit den Handflächen auf die Knie und wartete in gereizter Stimmung, wann der andere anfangen würde zu reden. Er betrachtete ihn eifrig und suchte seine Erinnerungen zu beleben. Aber seltsam: Jener schwieg und schien gar kein Verständnis dafür zu haben, daß es »seine Pflicht« war, das Gespräch zu beginnen; vielmehr sah er seinen Wirt seinerseits mit einem Blicke an, als erwarte er von diesem etwas. Vielleicht war er einfach schüchtern und fühlte sich zunächst gewissermaßen unbehaglich wie die Maus in der Falle; aber Weltschaninow wurde ärgerlich:

»Was wollen Sie denn nun eigentlich?« rief er. »Sie sind ja doch, möchte ich meinen, kein Produkt meiner Phantasie und kein Traumgebilde! Sind Sie etwa hergekommen, um hier eine Leiche zu spielen? Sprechen Sie, Verehrtester!« 34

Der Gast bewegte sich hin und her, lächelte und begann vorsichtig:

»Soviel ich sehe, befremdet es Sie vor allem, daß ich zu solcher Stunde . . . und unter solchen besonderen Umständen gekommen bin . . . Aber in Erinnerung an alles Vergangene und an die Art unseres Abschiedes voneinander . . . Übrigens hatte ich gar nicht die Absicht, zu Ihnen heranzukommen, und wenn es doch geschehen ist, so hat es sich nur zufällig so gemacht . . .«

»Wie können Sie sagen, es hätte sich nur zufällig so gemacht? Und dabei habe ich doch durchs Fenster gesehen, wie Sie auf den Zehen über die Straße herüberliefen!«

»Ah, das haben Sie gesehen! Nun, dann wissen Sie am Ende jetzt von alledem mehr als ich selbst! Aber ich bringe Sie nur auf . . . Also die Sache ist die: Ich bin schon vor drei Wochen in einer persönlichen Angelegenheit hierhergereist . . . Ich bin ja Pawel Pawlowitsch Trussozki; Sie haben mich ja selbst erkannt. Meine Angelegenheit besteht darin, daß ich mich um meine Versetzung in ein anderes Gouvernement und in ein anderes Ressort und in eine Stelle mit erheblich höherem Gehalte bemühe . . . Indessen, von alledem wollte ich eigentlich nicht reden! . . . Die Hauptsache, wenn Sie es wissen wollen, ist, daß ich mich hier nun schon seit drei Wochen herumtreibe und, wie es scheint, meine Angelegenheit, das heißt die Sache mit meiner Versetzung, selbst absichtlich in die Länge ziehe. Und wirklich, wenn meine Versetzung erfolgen sollte, so werde ich womöglich selbst vergessen, daß sie erfolgt ist, und werde Ihr Petersburg nicht verlassen . . . in der Gemütsverfassung, in der ich mich befmde! . . .«

»Was ist denn das für eine Gemütsverfassung?« fragte Weltschaninow verdrießlich.

Der Gast blickte zu ihm auf, hob den Hut in die Höhe und wies auf den Trauerflor; sein Gesicht trug in diesem Augenblicke den Ausdruck eines würdigen Ernstes.

»Da sehen Sie, in was für einer Gemütsverfassung ich mich befinde!«

Weltschaninow blickte verständnislos bald auf den 35 Trauerflor, bald in das Gesicht seines Gastes. Auf einmal ergoß sich eine schnelle Röte über seine Wangen, und er fragte in starker Aufregung:

»Doch nicht etwa Natalja Wassiljewna?«

»Allerdings, Natalja Wassiljewna! Im März dieses Jahres . . . Sie hatte die Schwindsucht, und es kam fast plötzlich, in zwei, drei Monaten! Und ich bin zurückgeblieben – wie Sie sehen!«

Nach diesen Worten breitete der Gast in starkem Affekte die Arme nach beiden Seiten auseinander, wobei er seinen Hut mit dem Trauerflor frei in der linken Hand hielt und seinen Kopf mit der Glatze tief herabhängen ließ; in dieser Haltung verharrte er mindestens zehn Sekunden lang.

Der Anblick dieser Geste wirkte auf Weltschaninow gewissermaßen abkühlend; ein spöttisches, ja höhnisches Lächeln glitt über seine Lippen, aber allerdings nur für einen Augenblick: Die Nachricht von dem Tode dieser Dame, mit der er vor so langer Zeit bekannt gewesen war, und die er schon seit so langer Zeit vergessen gehabt hatte, brachte auf ihn jetzt einen außerordentlich erschütternden Eindruck hervor.

»Ist es möglich!« murmelte er, das erste, was ihm gerade auf die Zunge kam. »Warum sind Sie denn aber nicht ohne weiteres zu mir gekommen, um es mir mitzuteilen?«

»Ich danke Ihnen für Ihre Teilnahme; ich sehe und schätze diese, trotzdem . . .«

»Trotzdem?«

»Trotzdem so viele Jahre der Trennung dazwischenliegen, haben Sie soeben eine so aufrichtige Teilnahme für meinen Schmerz und sogar für meine Person bewiesen, daß ich selbstverständlich Dankbarkeit empfinde. Nur das ist es, war ich zum Ausdruck bringen wollte. Nicht etwa als ob ich an meinen Freunden zweifelte; ich kann auch hier, sogar auf der Stelle, sehr aufrichtige Freunde finden (ich nenne zum Beispiel nur Stepan Michailowitsch Bagautow); aber seit meiner Bekanntschaft mit Ihnen, Alexej Iwanowitsch (ich könnte vielleicht sogar sagen Freundschaft; denn ich gedenke unserer Beziehungen mit großer Erkenntlichkeit), sind ja 36 doch schon neun Jahre verflossen, und Sie sind nie wieder zu uns gekommen, und eine Korrespondenz zwischen uns hat auch nicht stattgefunden . . .«

Der Gast sprach in so singendem Tone, als ob er ein Notenblatt vor sich hätte, blickte aber die ganze Zeit über, während er redete, zu Boden, allerdings in der Weise, daß er dazwischen häufig kurz aufsah. Aber auch der Wirt hatte bereits einigermaßen seine Fassung wiedergewonnen.

Mit einer ganz eigentümlichen Empfindung, die sich immer mehr steigerte, betrachtete er Pawel Pawlowitsch und hörte ihm zu, und auf einmal kamen ihm, als dieser innehielt, die buntesten Gedanken unerwarteterweise in den Kopf.

»Wie ist es nur zugegangen, daß ich Sie bisher nicht erkannt habe?« rief er lebhaft. »Wir sind ja doch etwa fünfmal auf der Straße zusammengetroffen!«

»Ja, auch ich erinnere mich; Sie tauchten ein paarmal vor mir auf, zweimal oder vielleicht auch dreimal . . .«

»Das heißt, Sie waren es, der vor mir auftauchte, nicht ich vor Ihnen!«

Weltschaninow stand auf und fing auf einmal in überraschender Weise an laut zu lachen. Pawel Pawlowitsch schwieg ein Weilchen, sah den anderen aufmerksam an, fuhr dann aber sogleich wieder fort:

»Daß Sie mich nicht erkannten, ist ja ganz natürlich; erstens konnten Sie mein Gesicht in so langer Zeit sowieso vergessen, und dann habe ich auch seitdem die Pocken gehabt, und die haben einige Spuren in meinem Gesicht zurückgelassen.«

»Die Pocken? Hat er wahrhaftig auch noch die Pocken gehabt! Nein, wie Ihnen das . . .«

»In die Bude geregnet hat? Ja, was passiert nicht alles auf der Welt, Alexej Iwanowitsch! Manchmal regnet's einem auch in die Bude!«

»Es ist nur furchtbar komisch. Na, fahren Sie fort, fahren Sie fort, lieber Freund!«

»Obwohl ich Ihnen begegnet bin . . .« 37

»Warten Sie mal! Warum sagten Sie soeben: ›in die Bude regnen‹? Ich wollte mich weit höflicher ausdrücken. Na, fahren Sie fort, fahren Sie fort!«

Er wurde merkwürdigerweise immer heiterer. Der erschütternde Eindruck war von einem anderen Gefühle ganz und gar abgelöst worden.

Mit schnellen Schritten ging er im Zimmer auf und ab.

»Obwohl ich Ihnen begegnet bin und sogar bei meiner Reise hierher, nach Petersburg, die Absicht hatte, Sie jedenfalls hier aufzusuchen, so befinde ich mich doch, wie ich wiederhole, jetzt in einer solchen Gemütsverfassung . . . und bin seit dem März seelisch so zerschlagen . . .«

»Ach ja! Sie sind seit dem März seelisch zerschlagen . . . Warten Sie mal, rauchen Sie nicht?«

»Sie wissen ja, daß ich zu Natalja Wassiljewnas Lebzeiten . . .«

»Na ja, na ja; aber seit dem März?«

»Höchstens eine Zigarette.«

»Da ist eine Zigarette; zünden Sie sie sich an, und . . . fahren Sie fort! Fahren Sie fort; Ihre Mitteilungen interessieren mich außerordentlich!«

Weltschaninow zündete sich eine Zigarette an und setzte sich schnell wieder auf das Bett. Pawel Pawlowitsch schwieg eine kleine Weile,.

»Aber in was für einer Aufregung befinden Sie sich denn selbst? Sind Sie auch nicht krank?« fragte er.

»Ach, was schert uns hier meine Gesundheit!« rief Weltschaninow ärgerlich. »Fahren Sie fort!«

Seinerseits wurde der Gast, als er die Aufregung des Wirtes wahrnahm, immer zufriedener und selbstbewußter.

»Ja, was soll ich noch weiter erzählen?« begann er von neuem. »Stellen Sie sich, Alexej Iwanowitsch, erstens einen niedergeschlagenen Menschen vor, das heißt nicht so im gewöhnlichen Sinne niedergeschlagen, sondern sozusagen vollständig niedergeschmettert; einen Menschen, der nach zwanzigjähriger Ehe seine ganze Lebensweise ändert und sich auf den staubigen Straßen ohne rechtes Ziel umhertreibt, wie wenn er sich in der öden Steppe befände, beinah 38 selbstvergessen und in dieser Selbstvergessenheit sogar einen gewissen Genuß findend. Unter diesen Umständen ist es nur natürlich, daß, wenn ich manchmal einem Bekannten oder selbst einem aufrichtigen Freunde begegne, ich ihn absichtlich vermeide, um nicht in einem solchen Augenblicke mit ihm ins Gespräch zu kommen, ich meine in einem Augenblicke der Selbstvergessenheit. Aber dann hat man wieder andere Augenblicke, in denen man sich so lebhaft an alles erinnert und so danach dürstet, wenigstens einen Zeugen und Teilnehmer der noch nicht so weit zurückliegenden, aber unwiederbringlich verlorenen Vergangenheit zu sehen, und das Herz klopft einem dabei so heftig, daß man nicht nur bei Tage, sondern auch bei Nacht sich in die Arme eines Freundes werfen möchte, müßte man ihn auch zu diesem Zwecke expreß um drei Uhr nachts aufwecken. Ich habe mich nur in der Zeit geirrt, sehen Sie, aber nicht in der Freundschaft; denn in diesem Augenblicke bin ich völlig belohnt worden. Was aber die Zeit anlangt, so habe ich wirklich gedacht, es wäre noch nicht zwölf, eine Folge meiner Gemütsverfassung. Man trinkt seinen eigenen Gram und betrinkt sich gleichsam an ihm. Und was mich quält, ist nicht einmal der Kummer, sondern eigentlich der neue Zustand . . .«

»Wie Sie sich nur ausdrücken!« bemerkte Weltschaninow düster; er war auf einmal wieder sehr ernst geworden.

»Ja, ich drücke mich wirklich sonderbar aus . . .«

»Und Sie . . . treiben keinen Scherz?«

»Scherz treiben!« rief Pawel Pawlowitsch trübe und erstaunt. »Und in demselben Augenblicke, in dem ich Ihnen mitteile . . .«

»Ach, schweigen Sie doch davon; ich bitte Sie!«

Weltschaninow stand auf und begann wieder im Zimmer umherzugehen.

So vergingen etwa fünf Minuten. Der Gast machte Miene, sich ebenfalls zu erheben; aber Weltschaninow rief:

»Bleiben Sie sitzen, bleiben Sie sitzen!« und dieser sank sofort wieder gehorsam in den Sessel zurück.

»Aber wie Sie sich verändert haben!« begann wieder 39 Weltschaninow, indem er, wie wenn er von diesem Gedanken plötzlich überrascht worden wäre, unerwartet vor ihm stehen blieb. »Ganz gewaltig haben Sie sich verändert! Außerordentlich! Sie sind ein ganz anderer Mensch geworden!«

»Kein Wunder: die neun Jahre!«

»Nein, nein, nein, die Jahre haben das nicht gemacht! Äußerlich haben Sie sich noch nicht einmal so übermäßig verändert; die Veränderung steckt in etwas anderem!«

»Auch das haben vielleicht die neun Jahre bewirkt.«

»Oder die Veränderung schreibt sich vielleicht vom März her!«

»He-he!« lächelte Pawel Pawlowitsch schlau; »Sie haben dabei irgendeinen scherzhaften Hintergedanken . . . Aber wenn ich mir die Frage erlauben darf: Worin besteht denn eigentlich die Veränderung?«

»Ja, was soll ich da sagen? Früher war da so ein gesetzter, anständiger Pawel Pawlowitsch, so ein netter, artiger Pawel Pawlowitsch; aber jetzt ist dieser Pawel Pawlowitsch ein rechter vaurien!«

Seine Gereiztheit war bis zu jenem Grade gestiegen, bei dem sogar Leute, die für gewöhnlich sich gut zu beherrschen verstehen, manchmal anfangen Ungehörigkeiten zu reden.

»Ein vaurien! Finden Sie das? Und nicht mehr so nett und artig?« fragte Pawel Pawlowitsch, vor Vergnügen kichernd.

»Ach was, nett und artig! Jetzt scheinen Sie sehr klug und verständig geworden zu sein.« Und bei sich dachte Weltschaninow: »Ich bin unverschämt; aber diese Kanaille ist noch unverschämter! Was mag der Kerl nur im Schilde führen?«

»Ach, liebster Freund, ach, teuerster Alexej Iwanowitsch!« begann der Gast auf einmal in gefühlvollem Tone und drehte sich dabei auf seinem Sessel hin und her. »Was machen wir denn nur? Wir befinden uns ja doch jetzt nicht unter andern Leuten, nicht in einer vornehmen, glänzenden Gesellschaft! Wir sind zwei ehemalige aufrichtige, alte 40 Freunde und sind sozusagen in vollster Aufrichtigkeit zusammengekommen und gedenken beide jenes herrlichen Freundschaftsverhältnisses, in welchem die Verstorbene ein so wertvolles Bindeglied bildete!«

Er schien von seinen entzückten Empfindungen so hingerissen zu sein, daß er wieder wie vorher den Kopf neigte; das Gesicht verdeckte er diesmal mit dem Hute. Weltschaninow betrachtete ihn voller Widerwillen und Unruhe.

»Ob er nicht am Ende einfach ein Narr ist?« ging es ihm durch den Kopf. »Aber n-nein, n-nein! Betrunken scheint er nicht zu sein – übrigens ist er vielleicht auch betrunken: Er hat ein rotes Gesicht. Aber mag er auch betrunken sein, das kommt alles auf eins heraus. Worauf steuert er nur hin? Was will diese Kanaille?«

»Denken Sie wohl noch, denken Sie wohl noch«, rief Pawel Pawlowitsch, der allmählich den Hut vom Gesichte fortzog und anscheinend immer mehr in den Bann seiner Erinnerungen geriet, »denken Sie wohl noch an unsere Landpartien, an unsere größeren und kleineren Abendgesellschaften mit Tanz und unschuldigen Spielen bei Seiner Exzellenz dem gastfreundlichen Semjon Semjonowitsch? Und an unsere Leseabende zu dreien? Und an meine erste Bekanntschaft mit Ihnen, wie Sie eines Morgens zu mir kamen, um in Ihrer Prozeßangelegenheit Erkundigungen einzuziehen, und sogar ordentlich heftig wurden und auf einmal Natalja Wassiljewna hereintrat und Sie in Zeit von zehn Minuten bereits unser intimster Hausfreund für ein ganzes Jahr wurden – genau so wie in Herrn Turgenjews Lustspiel ›Die Provinzlerin‹? . . .«

Weltschaninow ging langsam auf und ab, blickte auf den Fußboden und hörte voller Ungeduld und Widerwillen, aber sehr aufmerksam zu.

»Ich habe nie an die ›Provinzlerin‹ gedacht«, unterbrach er ihn etwas verlegen, »und Sie haben früher nie in einem so weinerlichen Tone und in einem so . . . gekünstelten Stile gesprochen. Wozu das alles?«

»Ich habe allerdings früher mehr geschwiegen, das heißt, ich war schweigsamer«, erwiderte Pawel Pawlowitsch 41 eilfertig. »Sie wissen, ich liebte es früher mehr, zuzuhören, wenn die Verstorbene sprach. Sie erinnern sich wohl noch, wie geistreich sie eine Unterhaltung zu führen verstand . . . Was aber die ›Provinzlerin‹ und speziell Stupendjew anlangt, so haben Sie auch darin recht; denn wir, die teure Entschlafene und ich, haben erst später, als Sie bereits abgereist waren, wenn wir uns in stillen Stunden Ihrer erinnerten, Ihr erstes Eintreten bei uns mit diesem Theaterstück verglichen . . . da ja die Ähnlichkeit wirklich eine recht große ist. Und was speziell Stupendjew betrifft . . .«

»Hol's der Teufel, was ist das für ein Stupendjew?« rief Weltschaninow und stampfte sogar mit dem Fuße; denn infolge einer beunruhigenden Erinnerung, die ihm bei dem Worte Stupendjew durch den Kopf ging, war er in starke Aufregung geraten.

»Stupendjew, das ist eine Rolle, eine Theaterrolle, die Rolle des Ehemannes in dem Lustspiele ›Die Provinzlerin‹«, erwiderte Pawel Pawlowitsch im süßesten singenden Tone. »Aber das gehört schon in eine andere Reihe unserer schönen, teuren Erinnerungen hinein, schon nach Ihrer Abreise, als Stepan Michailowitsch Bagautow uns mit seiner Freundschaft beehrte, ganz so wie Sie, und zwar ganze fünf Jahre lang.«

»Bagautow? Wer ist das? Was für ein Bagautow?« fragte Weltschaninow, indem er auf einmal wie angenagelt stehen blieb.

»Bagautow, Stepan Michailowitsch Bagautow, der uns gerade ein Jahr nach Ihnen mit seiner Freundschaft beehrte und . . . ebenso wie Sie.«

»Ach, mein Gott, den kenne ich ja!« rief Weltschaninow, der endlich seine Gedanken gesammelt hatte. »Bagautow! Ja, der ist ja in Ihrer Stadt angestellt gewesen . . .«

»Gewiß, gewiß! Beim Gouverneur! Aus Petersburg, ein sehr eleganter, der besten Gesellschaft angehöriger junger Mann!« rief Pawel Pawlowitsch geradezu entzückt.

»Ja, ja, ja! Wie konnte ich nur erst noch fragen! Also der auch . . .«

»Ja, der auch, der auch!« wiederholte Pawel Pawlowitsch 42 immer noch in demselben Tone des Entzückens, indem er das unvorsichtige Wort des Wirtes aufgriff; »der auch! Sehen Sie, wir führten die ›Provinzlerin‹ auf der Hausbühne bei Seiner Exzellenz dem gastfreundlichen Semjon Semjonowitsch auf; Stepan Michailowitsch spielte den Grafen, ich den Ehemann und die Verstorbene die Provinzlerin; nur wurde die Rolle des Ehemannes mir auf den dringenden Wunsch der Verstorbenen wieder abgenommen, weil ich dazu unfähig sei; so habe ich denn schließlich den Ehemann nicht gespielt . . .«

»Aber zum Teufel, Sie sind doch auch kein Stupendjew! Sie sind vor allen Dingen Pawel Pawlowitsch Trussozki, und nicht Stupendjew«, rief Weltschaninow grob und ungeniert; er zitterte beinahe vor Erregung. »Aber erlauben Sie: Dieser Bagautow ist doch hier, in Petersburg; ich habe ihn selbst gesehen, im Frühjahr habe ich ihn gesehen! Warum gehen Sie denn nicht auch zu ihm?«

»Alle Tage gehe ich hin, alle Tage, schon drei Wochen lang. Aber er empfängt mich nicht! Er ist krank und kann niemanden empfangen! Und denken Sie sich, ich habe aus bester Quelle erfahren, daß er wirklich sehr gefährlich krank ist! So ein guter Freund, mit dem man fünf Jahre lang zusammengelebt hat! Ach, Alexej Iwanowitsch, ich kann Ihnen nur wiederholen: Ich befinde mich manchmal in einer solchen Gemütsverfassung, daß ich in die Erde versinken möchte, wahrhaftig; und ein andermal möchte ich am liebsten ohne weiteres einen Menschen umarmen, und besonders einen jener früheren sozusagen Augenzeugen und Teilnehmer, einzig und allein, um mich auszuweinen, das heißt zu keinem andern Zwecke, als um mich auszuweinen! . . .«

»Na, aber für heute sind Sie ja wohl lange genug hier gewesen, nicht wahr?« fragte Weltschaninow in scharfem Tone.

»Sehr genug, sehr genug!« erwiderte Pawel Pawlowitsch und erhob sich sogleich von seinem Platze. »Es ist vier Uhr, und was die Hauptsache ist, ich habe Sie in so selbstischer Weise belästigt . . .« 43

»Hören Sie mal, ich werde selbst zu Ihnen kommen, ganz bestimmt, und dann hoffe ich . . . Sagen Sie mir offen und ehrlich: Sind Sie heute nicht betrunken?«

»Betrunken? Keine Spur . . .«

»Haben Sie nicht, bevor Sie herkamen, etwas getrunken, oder auch schon früher?«

»Wissen Sie, Alexej Iwanowitsch, Sie haben ein richtiges Fieber.«

»Gleich morgen werde ich zu Ihnen kommen, am Vormittag, jedenfalls vor ein Uhr . . .«

»Ich habe schon lange bemerkt, daß Sie wie im Fieber reden«, unterbrach ihn Pawel Pawlowitsch, der mit besonderem Genusse auf diesen Punkt zurückkam. »Ich schäme mich wirklich, daß ich durch meinen unschicklichen Besuch . . . aber ich gehe, ich gehe! Sie aber sollten sich hinlegen und sich ausschlafen!«

»Aber Sie haben mir ja gar nicht gesagt, wo Sie wohnen!« rief Weltschaninow, dem das plötzlich einfiel, ihm nach.

»Habe ich es nicht gesagt? In dem Gasthofe bei der Kirche zu Mariä Fürbitte.«

»Wo ist das?«

»Dicht bei der Kirche zu Mariä Fürbitte, da in einer Seitenstraße – ich habe vergessen, wie sie heißt, und auch die Nummer habe ich vergessen; aber es ist ganz nahe bei der Kirche . . .«

»Ich werde schon hinfinden.«

»Sie werden mir sehr willkommen sein.«

Er war schon auf die Treppe hinausgegangen.

»Halt!« rief Weltschaninow wieder. »Sie werden doch nicht ausreißen?«

»Wie meinen Sie das, ›ausreißen‹?« fragte Pawel Pawlowitsch. Er drehte sich von der dritten Treppenstufe noch einmal um, riß die Augen weit auf und lächelte.

Statt einer Antwort schlug Weltschaninow geräuschvoll die Tür zu, verschloß sie sorgfältig und legte den Haken in die Öse. In das Zimmer zurückgekehrt, spuckte er aus, wie wenn er sich an etwas beschmutzt hätte.

Etwa fünf Minuten lang stand er ohne sich zu rühren mitten 44 im Zimmer; dann warf er sich mit den Kleidern auf das Bett und war im nächsten Augenblick eingeschlafen. Die Kerze, die er vergessen hatte, brannte auf dem Tische vollständig herunter.

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
240 s.
ISBN:
9783754175613
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar