Kitabı oku: «Mist, die versteht mich ja!»

Yazı tipi:

Florence Brokowski-Shekete

Mist, die versteht mich ja!

Aus dem Leben einer Schwarzen Deutschen



Inhalt

Vorwort

Wie alles begann

Meine Eltern

Immer wieder Freitag

Nigeria – wo liegt das überhaupt?

Das überlebe ich hier nicht!

Eine andere Welt – meine deutsche Enklave

Täglich Transit und zurück

Zurück in die Ferne

Mein schönster Traum

Eine normale Jugend

Das Ende meiner Ankunft?

Keine ganz normale Jugend

Abitur, und dann?

Willkommen im richtigen Leben

Throwback

Wachsende Flügel

Tragende Schwingen

Abflug!

Angekommen?

Zurück in die Zukunft

»Sowas wie Sie hatten wir hier noch nicht!«

Und jetzt?

Die Sache mit der Not und der Tugend

Abschied

Heimatlos

Back to the roots

Die Schwarze Hexe

Und heute?

Epilog

Danksagung

Bildanhang

Für meine Mama und mein Kind

Vorwort

»Wo kommen Sie eigentlich her?«

Das ist wohl die am häufigsten gestellte Frage in meinem Leben – gefühlte mehrere Millionen Mal – in Wirklichkeit dann doch nur ein paar Tausend Mal. Dennoch, oft genug – in Cafés, bei Bewerbungsgesprächen, am Rande von Sitzungen, auf Feiern, beim Einkaufen – auf diese Frage ist Verlass – bis heute. Sie ist stets der Garant für amüsante Begegnungen, zumindest für mich.

Woher ich komme? Meist antworte ich damit, meinen aktuellen Wohnort zu nennen. Mein Gegenüber, sichtlich unzufrieden mit dieser Auskunft, setzt dann an, die Frage zu präzisieren. »Nein, wo Sie wirklich herkommen.« Ah ja, ich verstehe und nenne meine Heimatstadt – Buxtehude – die kenne er doch, oder? Mein Gegenüber, merklich nervös, fast schon peinlich berührt, jedoch entschlossen, nicht aufzugeben, setzt nochmals an: »Nein, ursprünglich.« Nun nenne ich meine Geburtsstadt – Hamburg – und bringe ihn vollends aus der Fassung. Nur die Wenigsten nennen das Kind beim Namen, trauen sich das zu fragen, was sie doch so brennend interessiert, nämlich, wo meine Vorfahren herkommen, warum meine Aussprache so gar nicht mit meinem Äußeren harmoniert, kurz: warum ich Schwarz bin, warum ich Deutsch spreche. Warum fällt es den Menschen nur so schwer, warum ist es ihnen geradezu peinlich, genau das zu fragen, was sie doch so dringend wissen möchten? Bei vielen von ihnen habe ich den Eindruck, als kämpften sie mit einem selbst auferlegten Benimmkodex, der ihnen verbietet, solche Fragen zu stellen. Gleichzeitig wollen sie jedoch die Antwort wissen, verspüren eine Neugierde und versuchen diese zu tarnen, indem sie ungelenk, fast schon verschämt, diese Frage in ein wissenschaftliches Forschungsmäntelchen hüllen. Entweder erzählen sie mir von Auslandssemstern, die sie in Afrika verbracht haben, berichten begeistert, dass Afrikanisch ohnehin eine sehr schöne Sprache sei oder fragen mich übertrieben interessiert, ob ich afrikanisch kochen könne. Dass Afrika kein Land ist, Afrikanisch keine Sprache und man ebenso wenig afrikanisch, wie europäisch kocht, behalte ich zunächst für mich. Dann ertappt, verstricken sie sich in Erklärungen, die die Situation für mich nur noch amüsanter, für sie jedoch noch unbehaglicher werden lässt.

Ich habe den Eindruck, dass das, was man in Deutschland auch im 21. Jahrhundert als normal ansehen möchte, noch lange nicht normal ist. Was auch immer das Wort »normal« in diesem Zusammenhang bedeuten möge. Deutschsein wird noch immer mit einer weißen Hautfarbe verbunden und ausschließlich auf das Äußere reduziert. Dass es zwischenzeitlich Millionen von Menschen gibt, denen man ihr Deutschsein zwar nicht ansieht, eben weil sie nicht »deutsch« aussehen, sich aber der deutschen Kultur nicht nur verbunden, sondern zugehörig fühlen, ist im Innersten vieler Menschen, die sich als »biodeutsch« verstehen, bei aller Weltoffenheit, noch immer nicht restlos angekommen. Nicht aus einer Böswilligkeit heraus, zumindest nicht bei jenen, die sich glaubwürdig als weltoffen, kosmopolitisch und zugewandt bezeichnen und auch so leben.

Mein Deutsch ist lupenrein, der norddeutsche Akzent, inzwischen durch einen leicht badischen Singsang gefärbt, ist deutlich herauszuhören. Dennoch werden mir deutsche Idiome und einzelne Worte extra erklärt, verbunden mit der Frage, wie diese denn in »meiner« Sprache hießen. Dass ich mit meinem Gegenüber bereits über einen längeren Zeitraum problemlos eine Konversation in deutscher Sprache geführt habe, scheint dieser überhört zu haben. Die visuelle Wahrnehmung hat die akustische überlagert, im wahrsten Sinne des Wortes »ausgeschaltet«. Ein Mensch mit einer anderen Hautfarbe muss einfach woanders herkommen, die Sprache nicht verstehen und auch sonst kulturell anders gestrickt sein. Anders kann es nicht sein, sonst würde das Weltbild einiger erschüttert, egal, welchen Hintergrund sie haben. Erstaunlicherweise wurden mir in den letzten Jahren die aberwitzigsten Fragen von den vermeintlich gebildetsten Menschen gestellt. Denn eines scheinen diese Leute zu vergessen: Ein akademischer Titel macht aus einer Grenzüberschreitung keinen wissenschaftlichen Diskurs. Anzunehmen, dass eine Schwarze Frau in Begleitung eines weißen Mannes ein Urlaubsmitbringsel sein muss, ist ebenso absurd, wie zu glauben, dass er sie bezahlt habe. Ebenfalls ist die Vorstellung, dass viele vermeintlich ausländische Menschen bereits in der zweiten oder gar dritten Generation in Deutschland leben, vielen dieser Leute fremd. Die ehrliche Antwort wird nicht gehört, nicht akzeptiert, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Oder vielleicht sogar umgekehrt? Niemand mit dunkler Hautfarbe kommt »einfach« mal so aus Hamburg und schon gar nicht aus Buxtehude, das geht einfach nicht. Als ich die Frage, zu wessen Beerdigung ich führe, mit: »Zu der meines deutschen Onkels«, beantwortete, wurde ich von einem Fremden korrigiert: »Aha, ein Bekannter, ein quasi Onkel also.« Mein Gegenüber erklärte mir meine Familienverhältnisse, denn wie könnte ein weißer alter Mann mein Onkel sein?! Prinzipiell ist gegen ein Interesse an meiner Person nichts einzuwenden, zeugt es doch von einer gewissen Neugier, die den Weg zu einer Offenheit bahnen kann. Diese Fragen nicht zu beantworten, nicht zu erläutern, halte ich daher für ungeschickt. Seine Antworten jedoch jedes Mal rechtfertigen zu müssen, ist mühsam und ermüdend.

Kinder sollen fragen, nur so lernen sie. Soll das für Erwachsene nicht gelten? Ist es beleidigend, wenn eine Oma die Erlaubnis für ihr Enkelkind einholt, die braune Haut einmal anfassen zu dürfen, weil das Kind sich frage, ob diese abfärbe? Würde ein »Nein« dem Kind helfen, diese Frage zu »begreifen«? Natürlich können diese Fragen, besonders von wildfremden Menschen, eine anmaßende Grenzüberschreitung bedeuten. Es ist nicht immer lustig, im Supermarkt zwischen Obst und Gemüse eine Kurzfassung der eigenen Biografie zu präsentieren, die dann womöglich auch noch hinterfragt wird. Wie geht man damit um, wenn das Interesse so weit reicht, dass einem Menschen ungefragt in die Haare fassen, weil sie wissen möchten, wie sich diese anfühlen?

Neugier, die von einem ehrlichen Interesse zeugt, macht Freude und ich begegne ihr mit einer ebensolchen Zugewandtheit. Grenzüberschreitungen jedoch sind inakzeptabel.

Im Normalfall kommen wir ins Gespräch und mein Gegenüber lauscht gebannt und will mehr wissen. Doch nicht immer reicht die Zeit, sodass es am Ende oft heißt: »Mensch, Sie sollten ein Buch schreiben!«

Ein Buch schreiben? Ist meine Geschichte denn wirklich so spannend? Ein Buch über mich, meine Herkunft, meinen Vater, meine Mutter und meine Mama? Über die Tatsache, Einzelkind mit vier Geschwistern zu sein? Über die Alltagserlebnisse in Deutschland als Mensch, Mädchen, Frau mit afrikanischer Herkunft? Darüber, dass diese Erlebnisse nicht immer etwas mit Alltagsrassismus zu tun haben, es diesen aber durchaus gibt? Darüber, wie diese Erlebnisse gehört, empfunden, aufgenommen und verstanden werden können, aber nicht müssen? Darüber, dass es manchmal einfach eines Perspektivwechsels bedarf, um zu verstehen, was der andere, warum sagt? Darüber, wie es sich anfühlt, aufgrund einer anderen Hautfarbe optisch immer herauszustechen, immer anders zu sein und eigentlich nie wirklich dazuzugehören? Darüber immer besser und fleißiger sein zu müssen, als die anderen, um wenigstens als annähernd ähnlich qualifiziert angesehen zu werden? Dies jedoch schon als normal zu empfinden und nicht mehr zu spüren? Darüber, stets adrett gekleidet sein zu müssen, um als halbwegs ordentlich angezogen zu gelten? Darüber, es gewohnt zu sein, beruflich stets über die eigenen Grenzen zu gehen, ohne wahrzunehmen, dass das nicht gesund ist? Sich gar eine »Karriere« anzumaßen?

Dass der Begriff »Neger« schon lange vor der Political Correctness nicht mehr salonfähig war, ist jedem bekannt. Auch der Sarotti-Mohr war noch nie wirklich niedlich. Und die Erklärung »Wir meinen es ja nicht böse, aber so sagt man bei uns nun mal« war schon immer beliebig.

Ich könnte schreiben, dass es dennoch verständlich ist, dass Jahrhunderte lang benutzte Begriffe nicht mit einem Fingerschnippen aus dem Sprachgebrauch und den Köpfen verschwinden. Ich könnte beschreiben, dass all dies nicht schwächt, sondern ganz im Gegenteil stärkt. Und, dass fortwährendes Brückenbauen eine Last sein kann, aber nicht sein muss und durchaus eine Bereicherung darstellt.

Und ich könnte beschreiben, wie es mir gelungen ist, die Dinge so zu sehen, wie ich sie sehe und zu welchem Preis.

Ein Buch? Ja, warum eigentlich nicht!

Wie alles begann

Rückblickend war es eine schöne Kindheit, behütet, idyllisch, warmherzig. Diese Frau – sie sah anders aus als ich, ihre Haut war hell – war liebevoll, sie beschützte mich, sorgte für mich, half mir auf, wenn ich hingefallen war, spielte mit mir, wenn unten im Hof kein anderes Kind war. Bei ihr fühlte ich mich wohl. Es heißt, ich habe sie bereits zwei Stunden nach meiner Ankunft »Mama« genannt.

Meine Mama – das ist sie bis heute, meine Herzensmama – ich hatte sie sehr lieb. Und dennoch war immer klar, meine Mutter war sie nicht.

Ich hatte Vater und Mutter, schließlich war ich kein Findeloder Waisenkind. Meine Eltern, mit denen alles begann, die verantwortlich dafür waren, dass es mich, meine Geschichte überhaupt gibt.

Es muss an einem typischen Februarnachmittag gewesen sein, 1969 – stürmisch, trübe, nasskalt. Ein Ehepaar westafrikanischer Herkunft, Mitte, Ende Zwanzig, sucht in einer niedersächsischen Hansestadt eine Bleibe für ihre kleine Tochter. Sie sprechen bereits etwas Deutsch, gut genug, um sich verständigen zu können.

Sie waren beide nach Hamburg gekommen, um dort zu studieren, er vor vier, sie vor drei Jahren. 1967 bekamen sie ihr zweites Kind, ihre zweite Tochter, die erste hatten sie in ihrer westafrikanischen Heimat, Lagos in Nigeria, bei Verwandten zurückgelassen. Nun hatten sie also noch ein Kind, in Deutschland, in einem für sie fremden Land. In einem Land, in dem sie ohne Verwandte und familiäre Unterstützung zurechtkommen mussten. Als Studierende war es für sie schwer, sich um dieses Kind zu kümmern. Sie suchten immer wieder nach Möglichkeiten, ihr Baby unterzubringen. Nach Pflegestellen, die gegen Geld auf es aufpassten. Wenn sie eine Pflegestelle gefunden hatten, waren sie erst mal zufrieden, sie konnten sich in Ruhe ihrem Studium widmen. Doch sollte dieser Zustand nie von Dauer sein, nach einer Weile holten sie ihr Kind von der Pflegestelle ab und suchten eine neue und wieder eine neue und wieder. Warum das so war, sollte sich erst viele Jahre später klären.

Nun also in Niedersachsen, genauer gesagt, in Buxtehude. Meine Eltern suchten erneut eine Bleibe für ihre knapp zwei Jahre alte Tochter Florence – für mich. Natürlich war das nicht einfach. Wer ist bereit, rund um die Uhr ein fremdes Kind bei sich aufzunehmen, sich um es zu kümmern, als sei es das eigene? »Wir suchen eine Frau, die unserer Tochter Liebe gibt«, sollen sie gesagt haben. Natürlich war ihnen klar, dass niemand unentgeltlich ein Kind bei sich aufnimmt. Liebe hin oder her – wer ist schon derart altruistisch? In Buxtehude trafen sie auf den Pfarrer einer evangelischen Kirchengemeinde und berichteten ihm von ihren Sorgen. Warum sie gerade einen Pfarrer und nicht einfach das Jugendamt aufsuchten? Nun, sie waren gläubige Menschen, Baptisten. Sie berichteten dem Pfarrer von ihrem bisherigen Leben, davon, dass sie nach Deutschland gekommen seien, um zu studieren. Es war ihre Chance auf Bildung und auch auf die Bleibeberechtigung. Sich nur um das Kind zu kümmern, war ihnen aufgrund ihres Aufenthaltsstatus in Deutschland nicht möglich. Eine Alternative gab es nicht, aber wohin mit dem Kind?

Der Pfarrer hörte ihnen zu, er verstand ihre Not. Aber konnte er ihnen helfen? Wer würde Ende der Sechzigerjahre ein Schwarzes Kind bei sich aufnehmen und das in einer Stadt, in der es bis zu jenem Zeitpunkt so gut wie keine dunkelhäutigen Menschen gab? Wer wäre bereit, sich anstarren zu lassen, sich den Fragen der Mitmenschen zu stellen? Dem Kind müsste erklärt werden, warum es anders aussähe als alle anderen Kinder in der Umgebung, im Kindergarten, in der Schule. Das Kind müsste beschützt werden, wenn es aufgrund seiner Hautfarbe gehänselt, heute würde man sagen »gemobbt«, werden würde. Im Verwandten- und Bekanntenkreis gäbe es Diskussionen. Der Begriff »Neger« ist kränkend, würde das jeder verstehen? Die Person, die dieses Kind aufnähme, stünde selbst im Fokus. »Warum machst du das? Gib es nicht genug weiße Kinder, die ein Zuhause suchen?« Wer, egal und wenn auch in Gottes Namen, wollte sich freiwillig Ende der Sechzigerjahre diesen Stress antun? So viel Geld konnte eine solche Aufgabe gar nicht einbringen, dass man diese Summe als eine Art Entschädigung betrachten könnte für all das, was der Alltag mit Kind und dazu einem Schwarzen Kind so mit sich brächte.

Eines musste auch diesem Pfarrer sehr schnell klar gewesen sein: Wegen des Geldes wird dieses Kind niemand bei sich aufnehmen. Geld, das die Eltern des Kindes ohnehin nicht besaßen, wie sich später noch herausstellen sollte.

Zunächst war er ratlos, wollte das Ehepaar mit der Kleinen wegschicken. Doch dann hatte er eine Idee. Es gab in jener Kirchengemeinde eine Frau, die sich seit Jahrzehnten ehrenamtlich engagierte. Sie führte Kindergottesdienste und Kinderstunden durch. Sie sang im Kirchenchor und nahm an Bibelstunden teil. Der Glaube spielte eine große Rolle in ihrem Leben, sie lebte förmlich in und für die Kirche. Zeitweise hatte sie die ehemaligen Pfarrersleute bei der Betreuung ihrer Kinder unterstützt. Sie liebte Kinder und fühlte sich wohl in ihrer Nähe. Außerdem hieß es, dass sie »Schwarze Kinder so niedlich fände«. Dieser Frau wollte er die Not des Schwarzen Ehepaares schildern. Er wollte nichts unversucht lassen.

Doch wer war diese Frau?

Mitte Vierzig, selbstständige Schneiderin, alleinstehend, kinderlos, eine Vertriebene aus Westpommern eine Geflüchtete, wie es heute heißen würde. Sie galt als sehr korrekt, sprach geschliffenes Hochdeutsch. Sie wusste, wie es sich anfühlte, in der Fremde zu sein, ein neues Zuhause suchen zu müssen. Sie wusste, wie es sich anfühlte, trotz weißer Hautfarbe anders auszusehen, aufgrund eines anderen Kleidungs- oder Haarstils angestarrt zu werden, nicht dazuzugehören und trotzdem dort leben zu müssen – dort leben zu wollen. Sie war dankbar, damals, nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Buxtehude ein neues Zuhause gefunden zu haben, Menschen, die ihr wohlwollend begegneten, ihr, einer Vertriebenen aus Stettin. »Wir mussten unsere Stadt verlassen, mussten fliehen und hatten nichts weiter als einen Koffer mit ein paar persönlichen Sachen und der Kleidung am Leib«, erzählte sie später. »Meine Eltern wollten nicht weg, doch ich wusste, dass wir dort, in Stettin, in unserer Heimat, nicht mehr bleiben konnten. Die Stadt wurde besetzt und wir, wir gehörten zum Feind.« Sie berichtete später oft, wie schwer es für sie als junge Frau von 21 Jahren gewesen sei, ihre Eltern und die ältere Schwester davon zu überzeugen, Stettin verlassen zu müssen, in einen Zug zu steigen, von dem niemand wusste, wohin er führe. Schon damals habe ihr der Glaube Halt gegeben, habe ihr, wie sie sagte, geholfen, die dramatischen Situationen durchzustehen.

Diese Hilfe, das Wohlwollen, die Freundlichkeit, ja, auch die Nächstenliebe, die sie damals erfahren habe, wollte sie zurückgeben, wo immer es ihr möglich war. Sie war hilfsbereit, kümmerte sich gerne um andere Menschen und stellte dabei ihre eigenen Bedürfnisse stets zurück. So zu leben, schien ihr zu gefallen, sie zufrieden zu machen und ihr einen Sinn im Leben zu geben.

Diese Frau wollte der Pfarrer also fragen – er war überzeugt, wenn jemand helfen könnte, dann sie.

Natürlich weiß ich dies alles nur aus Erzählungen – Erzählungen von meiner Mama und anderen Menschen, die unsere Geschichte begleitet haben. Und natürlich erzählt sie jeder aus seiner Perspektive. Meine leiblichen Eltern haben kaum über diese frühe Phase meiner Kindheit gesprochen. Emotionalität schien ihnen fremd. Andererseits: Möglicherweise waren sie emotional, möglicherweise blieb mir ihre Art der Emotionalität fremd.

Der Pfarrer stellte den Kontakt zwischen meinen Eltern und dieser Frau her. Ja, sie fand Schwarze Kinder tatsächlich niedlich. Aber sollte sie sich das wirklich antun? »Was würden die Leute sagen?« Diese Frage sollte zu einer der Leitfragen meines Lebens werden. »Was würden die Leute sagen?« War es jedem klar, dass dieses Kind »nur« ein Pflegekind war und nicht ein uneheliches Kind, weil sie sich wohlmöglich von einem Schwarzen Mann hat schwängern lassen und dieser sie dann schnöde hatte sitzenlassen? Was würden ihre Kundinnen sagen, auf die sie angewiesen war, für die sie schneiderte, um Geld zu verdienen? Wie käme sie mit den Eltern dieses Kindes zurecht, Menschen aus einem völlig anderen Kulturkreis? Menschen, die zwar der deutschen Sprache mächtig waren und doch nicht dieselbe Sprache sprachen wie sie. Schließlich geht es nicht nur darum, eine Sprache zu sprechen, sondern auch die Kultur zu begreifen, die es ermöglicht, die Sprache zu fühlen. Hatten sie diese begriffen? Würden sie einander verstehen? Nicht nur rational, sondern auch emotional? Und warum hatten sie derart oft die Pflegestelle gewechselt? Warum hatten sie diesem kleinen Kind derart oft einen Wechsel der Bezugspersonen zugemutet? Ist das Kind nicht erzogen und deshalb schwierig oder sind es etwa sie, die Eltern, die schwierig sind?

Meine Mama hat später oft mit mir darüber gesprochen und mir berichtet, dass ihr die Entscheidung, mich aufzunehmen, nicht leichtgefallen sei. Nicht, weil sie mich nicht »niedlich« fand, sondern, weil sie nicht wusste, was auf sie zukäme, als weiße Frau mit einem Schwarzen Kind. Ich kann sie gut verstehen.

Ein Sonntagnachmittag im Februar 1969 also – vereinbart war Sonntag bis Freitag, dann würden sie ihre Tochter wieder abholen. Ausgemacht war auch ein Pflegegeld.

Später erzählte Mama, sie hätten mich für die Jahreszeit viel zu dünn angezogen, die Kleidung in meinem Koffer sei nahezu unbrauchbar gewesen. Ich soll einen müden, zurückhaltenden, verschüchterten und kränklichen Eindruck gemacht haben, »spack« nannte Mama diesen Zustand immer.

An jenem Sonntagnachmittag, als meine Eltern mich bei ihr abgaben, stand ich, laut meiner Mama im Flur, mit einer Puppe im Arm und sagte nichts. Was soll ein Kind mit knapp zwei Jahren auch sagen, in einer für es fremden Umgebung? Aber sie hatte vorgesorgt, hatte ihre Freundin gebeten, mit ihrer kleinen Pflegetochter ebenfalls zu kommen, in der Hoffnung, dass mir der Abschied von meinen Eltern dann leichter fiele. Mama erzählte mir später, dass ich nach zwei Stunden noch immer im Flur stand, nichts sagte, aber weinte. Sie konnte sehr gut mit Kindern umgehen und dennoch sei ihr diese Situation fremd gewesen. Hätte ich wenigstens etwas gesagt, wäre es für alle Beteiligten leichter gewesen, aber so. Sie war sich sicher, es müsse das Heimweh sein, das mir zu schaffen machte. Verstand ich doch nicht, warum mich meine Eltern bei diesen fremden Menschen zurückließen. Und das zum wiederholten Mal. Zurückgelassen, wie einen Gegenstand, mit dem man, zumindest vorübergehend, nichts anzufangen wusste. Sie wusste sich zunächst nicht zu helfen und tat kurzerhand das, was wohl in dem Moment das Nächstliegende war – sie wechselte mir die Windel. Nein, ich war mit knapp zwei Jahren noch nicht sauber, was jedoch nicht zu meinem größten Problem im Leben werden sollte. Ein frühkindliches Trauma habe ich jedenfalls nicht davongetragen. Danach, so berichtete Mama weiter, sei buchstäblich alles wieder in trockenen Tüchern gewesen. Es gab etwas zu essen und ich ließ es mir wohl auch schmecken, spielte mit der kleinen Nachbarin und sprach mein erstes Wort an diesem Tag: »Mama«.

Dass ein knapp zweijähriges Kind, auch ein afrikanisches, das Wort »Mama« kennt, war auch zu jener Zeit kein Zeichen von außergewöhnlicher Intelligenz oder einer drohenden Hochbegabung, sondern ganz normal. Trotzdem fing meine neue Mama an, sich Sorgen zu machen, sie glaubte, ich würde bald meine Eltern vermissen und sah die große Herausforderung vor sich, diesem Kind über seinen Kummer hinwegzuhelfen. Doch der Kummer ließ auf sich warten. Weiterhin nannte ich sie »Mama«. Und zwar immer dann, wenn ich etwas von ihr wollte oder sie nicht im Zimmer war. Dann rief ich »Mama« und irgendwann war ihr klar, dass damit wohl nur sie gemeint sein konnte.

Mama war das zunächst gar nicht recht, schließlich hatte ich leibliche Eltern – eine Mutter und einen Vater. Sooft mir meine Mama das erklärte, sooft soll ich sie mit großen Augen angeschaut und erneut »Mama« genannt haben. Meine Eltern wollten in ein paar Tagen, am Freitag, wiederkommen, um mich über das Wochenende abzuholen, so war es vereinbart. Wie würden sie reagieren, wenn sie hörten, dass ich diese fremde Frau »Mama« nannte? »Tante« sollte ich sie nennen, damit es bei meinen Eltern nicht zu Irritationen käme. Das übte sie mit mir, in der Hoffnung, dass ich es bis zum Freitag gelernt hätte.

Ob sie dieses nigerianische Ehepaar sympathisch fand? Sie waren höflich und freundlich, schienen dankbar, dass sie nun wieder jemanden für ihr Kind gefunden hatten. Es war klar, dass sie finanziell nicht auf Rosen gebettet waren, aber sie versicherten, dass sie die vereinbarte Summe pünktlich zahlen würden. Sie sprachen gut Deutsch. Mein Vater etwas besser als meine Mutter, er war aber auch bereits ein Jahr länger in Deutschland als sie. Ohnehin schien er locker und humorvoll zu sein, sie eher ernst. Beide wussten genau, was sie wollten.

Die Tage vergingen und ich lebte mich gut ein. »Tante Irmgard« – so hieß die Frau, die ich weiterhin »Mama« nannte – packte Freitag früh meine Kleidung in meinen Koffer. Während der Woche hatte sie das eine oder andere Kleidungsstück durch ein neues ergänzt. Als Schneiderin fiel ihr das nicht schwer. Die neuen Kleidungsstücke behielt sie jedoch unter Verschluss, nur die mitgebrachten Teile legte sie zurück in den Koffer. Meine Eltern sollten bald da sein, um mich über das Wochenende zu sich zu holen – wie vereinbart. Mama war sich sicher, dass die Wiedersehensfreude für mich, wenn sie erstmal da wären, bestimmt groß sein würde. Welches Kind freut sich nicht über die Ankunft seiner Eltern? Für Mama war es überraschend, wie gut ich mit meinem Heimweh umzugehen schien. An dem Freitag wartete sie, hatte sich für das Wochenende bereits etwas vorgenommen. Sie wartete und sagte mir immer wieder, dass sie jeden Moment kämen, aber sie kamen nicht – nicht am Vormittag, nicht am Mittag. Sie kamen nicht am Nachmittag, und auch am Abend klingelten sie nicht. Der Freitag verging, es wurde Samstag – und sie kamen nicht. Sie riefen auch nicht an, sie meldeten sich gar nicht. Sie hatten mich abgegeben und kamen nicht zurück.

Mama war verunsichert. Was war passiert? War ihnen etwas zugestoßen? Die Tage verstrichen, der nächste Freitag kam, Mama packte erneut meine Sachen in meinen Koffer und wartete, dass meine Eltern kämen, um mich über das Wochenende zu sich zu holen – so war es ja vereinbart.

Auch dieser Tag verging. Sie kamen nicht – nicht an jenem Freitag, nicht an dem Freitag darauf, auch nicht an den Freitagen danach. Mama hörte nichts von ihnen, Mama las nichts von ihnen, Mama wusste nichts von ihnen, Mama hatte nur die mündliche Vereinbarung, an die sie sich nicht zu halten schienen. Was, wenn ihnen doch etwas zugestoßen war? Was sollte sie dann mit dem Kind machen, das nicht ihr gehörte, das aber bei ihr wohnte? Gab es Angehörige, die wussten, dass das Kind bei ihr war? Würden diese sich bei ihr melden und das Kind abholen? Das Kind konnte doch unmöglich einfach so bei ihr, einer Fremden, bleiben.

Mama hörte auf, freitags meine Sachen in den Koffer zu packen. Genaugenommen blieb er einfach gepackt. Und zwar mit meinen alten Sachen. Denn inzwischen hatte sie alle meine Kleidungsstücke ausgetauscht: Kleidchen, Röckchen, Pullover und Blüschen. Es machte Mama Freude, mich anzuziehen. Und obwohl es sie zutiefst verunsicherte, gewöhnte sie sich an den Gedanken, dass meine Eltern wohl nicht mehr kämen, um mich abzuholen, zumindest vorerst nicht.

In der kleinen, dreißig Quadratmeter großen Zwei-Zimmer-Wohnung richtete sie mir eine Spielecke ein, ganz in der Nähe meines Bettchens. Ich fragte nicht nach meinen Eltern und schien mich in meinem neuen Zuhause sehr wohl zu fühlen. Ich war ein pflegeleichtes Kind, pflegeleicht mit eigenem Kopf – damals schon. »Tante Irmgard« blieb hartnäckig »Mama« und Mama war eine kluge Frau – sie gab es auf und gewöhnte sich an den Gedanken, Mama genannt zu werden und Mama zu sein.

Mama war nicht allein, sie hatte eine Mutter, auch diese kümmerte sich liebevoll um mich und war für mich meine Oma. Denn wenn diese alte Frau die Mama meiner Mama war, war sie meine Oma. Dieser Logik folgend, brachte mir Mama das Wort Oma bei. Sie versuchte erst gar nicht, mir für Oma einen alternativen Namen beibringen zu wollen.

Die kleine Nachbarin, die ich gleich am ersten Tag kennengelernt hatte, wurde meine ständige Spielgefährtin. Da sie im Nachbarhaus wohnte, sahen wir uns oft, wuchsen miteinander auf und wurden gute Freundinnen – ein Kontakt, der Jahrzehnte halten sollte.

In dem Mehrfamilienhaus mit acht Parteien, in dem wir wohnten, lebte eine Familie mit zwei Töchtern. Die eine war etwas älter, die andere fast so alt wie ich. Hinter dem Haus hatten alle Bewohner einen kleinen Gartenanteil, auch wir. Diese Familie hatte für ihre beiden Töchter einen Sandkasten und eine Schaukel aufgestellt. Sie luden uns ein, dort gemeinsam zu spielen. Mama erzählte mir später, als ich älter war, wie neugierig die Mädchen damals auf mich reagiert hätten. Aber auch ich fand diese weißen Mädchen sehr spannend und freute mich immer darauf, mit ihnen zu spielen.

Es kehrte etwas Alltag ein. Mama ging ihrer Schneiderarbeit nach, die sie glücklicherweise von Zuhause aus erledigen konnte. Die Nähmaschine stand in der kleinen Wohnung direkt vor dem Fenster. Daneben befand sich ein Sideboard mit einem Spiegel darauf. Vor dem Sideboard war etwas Platz für eine Decke mit meinen Spielsachen. Ich sei ein zufriedenes Kind gewesen, hieß es später. Zufrieden, solange ich meine Spielsachen und meine Mama um mich hatte. Ich war stets Zuhause, ging nicht in den Kindergarten. Warum auch? Schon wieder neue Bezugspersonen? Mama gelang es, ihre Arbeit und das Kind unter einen Hut zu bekommen.

Wenn sie ihre Kirchengemeinde aufsuchte, nahm sie mich mit. Anfänglich verstand ich nicht viel, wusste nicht, worum es ging. Es wurden Geschichten aus der Bibel vorgelesen – die sagte mir nichts. Es wurden Lieder gesungen – die kannte ich nicht. Wie alle anderen Kinder hörte ich zu – auch wenn ich mit meinen zwei Jahren deutlich die Jüngste war. Aber das machte mir nichts aus. Die Menschen in der Gemeinde waren sehr nett zu mir und es gab immer jemanden, der sich anbot, mich zu beschäftigen, wenn mir wirklich einmal langweilig wurde.

Zuhause bekam ich Bilderbücher, die Märchen der Gebrüder Grimm, aber auch biblische Geschichten geschenkt. Mama war es sehr wichtig, dass ich mit den Geschichten aus der Bibel vertraut wurde.

Ging Mama abends weg, passten die Nachbarin von nebenan oder Oma auf mich auf. Das war ein leichter Job, denn schon damals gehörte Schlafen zu meinen liebsten Hobbys. Und Mama kleidete mich ein, mit noch mehr Kleidchen, Röckchen, Blüschen. Sie kaufte mir Schuhe, Strumpfhosen und alles, was ein Kind so braucht. Sie versuchte, mit meinen Haaren klarzukommen, die für eine weiße Frau sehr ungewohnt waren. Sie lernte, dass meine Haut nach dem Waschen sehr trocken war und deshalb regelmäßig eingecremt werden musste. Sie lernte meine alltäglichen Bedürfnisse kennen. Ich lernte, dass es jemanden gab, der sich um mich kümmerte, auf den ich mich verlassen konnte. Jemand, der da war, wenn ich aufwachte und da war, wenn ich einschlafen sollte. Jemand, der sich Zeit für mich nahm, mir zu essen gab und der vorsichtig mit mir umging, mich mit seinem Temperament nicht erschreckte.

Mama war gewissenhaft, sie wollte, dass es das kleine Mädchen gut bei ihr hatte. Und sie wollte, dass das kleine Mädchen lernte, ein Töpfchen zu benutzen. »Lass endlich diese Windeln weg«, soll Oma gemahnt haben. »Wie soll sie lernen, sauber zu werden, wenn sie immer diese Dinger umhat.«

Inzwischen war ein halbes Jahr vergangen, es war zur Routine geworden: Es war Freitagabend und von meinen Eltern keine Spur. Ob sie jemals wiederkämen? Waren sie wohlmöglich zurückgeflogen in ihre Heimat, ohne ihre Tochter mitzunehmen? War das vielleicht ihr ursprünglicher Plan gewesen? Niemand wusste etwas. Man schrieb das Jahr 1969. Mama hatte keine Telefonnummer, um bei ihnen anzurufen und nachzufragen. Wenn sie sich meldeten, dann riefen sie von einer Telefonzelle an. Aber das kam wohl erst später vor.

Meine Eltern

Wieder ein Freitagabend, Mama hatte mir, wie jeden Abend, eine Geschichte vorgelesen und mich dann ins Bett gebracht. Plötzlich hörte sie ein großes Stimmengewirr auf der Straße, sie schaute aus dem Fenster. Da waren sie – meine Eltern. Sie waren nicht allein gekommen, sondern in Begleitung einiger Freunde. Sie redeten durcheinander, sie redeten laut, sie redeten energisch, sie schienen aufgeregt. Stritten sie sich? Was war los? War etwas passiert?

Sie klingelten, kamen die Treppe hoch. Nun standen viele Menschen in der kleinen Wohnung, zu viele für diese Wohnung. Nun waren sie da, waren bereit, wollten ihre Tochter abholen, denn es war ja Freitag.

Meine Eltern hatten in Lagos/Nigeria geheiratet, das muss 1963 gewesen sein. Er, Jahrgang 1938, sie, Jahrgang 1942, beide dem Stamm der Yoruba angehörend. Ich kenne nur wenige Bilder aus dieser Zeit. Die jedoch, die ich kenne, zeigen zwei große, sehr schöne Menschen, mit einer besonderen Eleganz, Anmut und Grazie.

Lagos als größte Stadt Nigerias war schon damals eine der bevölkerungsreichsten Städte des Landes. Armut und Reichtum lagen dicht nebeneinander, die soziale Schere klaffte weit auseinander. Im Mai 1964 bekamen sie ihr erstes Kind, ein Mädchen. Sie hatten Träume, träumten von einem besseren Leben in Europa. Deutschland war ihr Ziel. Obwohl sie die Sprache nicht beherrschten, trauten sie sich ein Leben in dem fremden Land zu, wollten dort studieren. Die Voraussetzungen besaßen sie, sie hatten beide einen höheren Schulabschluss. 1965 ging mein Vater voraus, wohl um zu schauen, wie das Leben in dem gelobten Land ist. Er wollte alles vorbereiten, denn eines war klar, seine Frau sollte nachkommen. Sie hatten viele Verwandte in Lagos, die Familie war groß, sehr groß. Es hieß, alle hätten zusammengelegt, um ihnen die Reise nach Europa zu ermöglichen. Denn wenn beide ein erfolgreiches Leben in Europa hätten, würde es auch den zurückgebliebenen Verwandten in der Heimat gutgehen. Man hielt zusammen, sorgte füreinander, teilte, was man hatte. Natürlich würden sie Geld von Deutschland in die Heimat senden. Sein Vater, ein nicht weniger stattlicher, stolzer und geachteter Mann, besaß in Lagos eine Baufirma, diese sollte er nach seinem erfolgreich absolvierten Studium übernehmen – daher wollte er Bauingenieurwesen studieren. Doch erst galt es, die Sprache zu lernen. Das war nicht leicht. Aber er lernte sehr schnell. Wenig später, es musste im Juni oder Juli 1966 gewesen sein, folgte ihm seine Frau nach Deutschland. Allein, ohne ihre Tochter. Diese ließ sie bei Verwandten in Lagos zurück. Gemäß dem afrikanischen Sprichwort: »Um Kinder zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf«.

Aus welchem Grund auch immer, sie ihre Tochter zurückließ, beide waren sie nun in Deutschland – um genau zu sein, in Hamburg. Er kannte sich bereits aus, hatte Leute kennengelernt, für sie war alles neu. Unterhielt er sich auf Deutsch, fühlte sie sich sicherlich ausgeschlossen, aber das währte nicht lang. Auch sie lernte die neue Sprache sehr schnell. Tatsächlich sollten beide die deutsche Sprache nie wieder verlernen. Selbst nach der Rückkehr in ihre Heimat beherrschten sie sie bis ins hohe Alter. Sie waren kluge Menschen – ihre Intelligenz half ihnen sehr, in diesem fremden Land zurechtzukommen.

Gut neun Monate nach ihrer Ankunft in Hamburg kam die zweite Tochter zur Welt.

In ihrem Land war es üblich, dass ein Kind erst vierzig Tage nach der Geburt seinen Namen erhielt. Bis dahin hieß es schlicht »Baby«, vielleicht ergänzt durch das Geschlecht, »Baby boy« oder »Baby girl«. Auch war es üblich, dass alle Verwandten bei der Wahl des Namens beteiligt waren. Um sich nicht auf einen Namen einigen zu müssen, erhielt das Kind mehrere. Sicherlich hatten auch bei diesem Kind viele Verwandte Namensvorschläge gemacht und sie ihnen bei den gelegentlichen Telefonaten übermittelt. Es waren nigerianische Namen, für europäische Zungen schwierig auszusprechen. Aus diesem Grund dachten sie vermutlich, es sei klug, einen europäischen Namen voranzustellen, »Florence«. Ein schöner Name, ja, aber die Aussprache und Schreibweise sollte dann doch für den einen oder anderen Deutschsprachigen ebenfalls zu einer Herausforderung werden.

Sie gehörten dem baptistischen Glauben an. In der Nähe ihres Wohnortes hatten sie eine baptistische Gemeinde gefunden. Die Gemeinschaft gab ihnen Halt, sie knüpften Kontakte und lernten so immer mehr Menschen kennen. Das neue Baby wurde nicht getauft, das ist bei den Baptisten nicht üblich, es wurde »dargebracht«, der Gemeinde gezeigt, gesegnet und in die Gemeinschaft aufgenommen. Und genau so machten sie es. Sie stellten ihre Tochter vor und erst dann bekam sie ihren vollständigen Namen: Florence Olatunde Gbolajoko Oluwadamilare.

»Florence« – so nannte mich bis zu meinem 18. Lebensjahr eigentlich niemand. Von meiner Mama wurde ich »Flori« gerufen. Meine Eltern, besonders mein Vater, wurde jedoch nicht müde, mich stets mit allen mir zugedachten nigerianischen Namen anzusprechen, etwas, das – und diese Erinnerungen reichen weit in meine frühe Kindheit zurück – mir stets missfiel. Mehr noch, ich hasste es. »Olatunde Gbolajoko Oluwadamilare«. Es hatte den Anschein, als wollte er mir deutlich machen, dass das, womit ich mich zunehmend identifizierte – identifizieren musste, identifizieren wollte, denn sie hatten mich schließlich zu dieser weißen Frau gebracht – nicht das war, mit dem ich mich zu identifizieren hatte. Es hatte den Anschein, als wollte er mir mittels meiner Namen deutlich machen, mit was ich mich zu identifizieren hatte – zumindest dann, wenn sie anwesend waren. Nämlich mit Lagos, mit Nigeria, mit der nigerianischen Kultur, der Sprache, dem Essen, dem Verhalten, dem Temperament. Alles Dinge, die ich nicht kannte, alles Dinge, von denen ich nur gehört hatte, und zwar von ihnen.

Mit der Zeit fingen sie an, mich ab und an zu sich zu holen. Ich sollte dann einige Tage mit ihnen verbringen. Tage, an denen ich traurig war, denn ich vermisste Mama. Meine Mutter kochte. Das Essen schmeckte scharf, es roch streng. Sie aßen mit den Fingern, so war es üblich. Das Essen mochte ich nicht, ich brauchte eine Gabel, einen Löffel, mein gewohntes Leben, meine Mama, die zu jeder Zeit wusste, was gut für mich war. Je mehr sie versuchten, vor allem mein Vater, mir die Dinge im wahrsten Sinne des Wortes schmackhaft zu machen, umso mehr lehnte ich sie ab, hasste sie, wollte nichts damit zu tun haben. Weder mit den Namen noch mit der Sprache, die ich ohnehin nicht verstand, und auch nicht mit der Hautfarbe. Die Hautfarbe. Wenn ich in der weißen deutschen Gesellschaft war, vergaß ich meine Hautfarbe. Natürlich fiel ich den Menschen auf, sie fanden dieses kleine Schwarze Mädchen niedlich. Trotzdem, meine Hautfarbe war mir in diesen Momenten nicht bewusst. Wann immer meine Eltern jedoch anwesend waren, wurde aus Flori, dem Mädchen, das unter Weißen lebte, die Schwarze Olatunde Gbolajoko Oluwadamilare. Eine Transformation, gegen die ich mich von klein auf wehrte. Und meine Eltern bestimmten, wann diese stattfand, sie bestimmten es spontan, unangekündigt, willkürlich.

Bereits als kleines Kind wuchs in mir Wut. Eine Wut auf mir vorgeschriebene Dinge, die ich nicht nachvollziehen, nicht nachfühlen konnte. Dinge, die mir übergestülpt wurden, die nichts mit meiner Mama und meiner weißen deutschen Welt zu tun hatten. Ich wollte nichts zu tun haben, mit einer Identität, die ich nicht kannte, die mir fremd war, die nicht meine war. Ich wollte nichts zu tun haben, mit einem Land, das in meiner Vorstellung niemals so schön sein konnte wie mein Zuhause in Buxtehude.

Mein Alltag war behütet und liebevoll. Geprägt von Berechenbarkeit und Regelmäßigkeit, von Ruhe und Harmonie. Ich hatte, was ich brauchte: Mama, Oma, Freundinnen, die Gemeinschaft der Kirchengemeinde. Meine Spielsachen lagen immer dort, wo ich sie abgelegt hatte, meine Puppen, die Teddybären, die Eimer und Schaufeln für den Sandkasten. Ich war noch sehr klein, doch liebte ich diese Sachen. Sachen, die mir gehörten, Sachen, die mir niemand wegnahm. Ganz anders bei meinen Eltern. Sobald sie kamen, war es vorbei mit dem ruhigen Leben. Sie standen vor der Tür, unangekündigt, völlig überraschend, von einer Minute auf die andere. Sie rissen mich aus meiner Welt, aus der Harmonie, aus dem Paradies, aus meinem Zuhause, aus dem, was sie für mich als Zuhause ausgewählt hatten.

Mama versuchte stets, mir die Situation positiv zu erklären. Aber auch ihr fiel es schwer, mit diesen Überfällen zurechtzukommen. Sie selbst war strukturiert, klar, verlässlich. Sie war auch flexibel, aber nicht spontan, sie handelte nie willkürlich. Dennoch versuchte sie sich einzulassen, auf das, was ihr begegnete. Mama und Oma hatten mich in ihr Herz geschlossen, sie versuchten sich, mit meinen Eltern und ihrer Lebensweise zu arrangieren, obwohl sie ihnen genauso fremd war wie mir. Dennoch drückten sie ihnen gegenüber nie Missfallen aus, machten ihnen nie deutlich, dass ihr Verhalten oftmals störend war. Schließlich war es ihr Kind, sie hatten ein Recht, es zu sehen, sie hatten ein Recht, es jederzeit mitzunehmen, es zu sich zu holen. Außerdem hing immer die Drohung eines Pflegestellenwechsels in der Luft. Es wäre nicht das erste Mal gewesen. Das wollte Mama verhindern. Sie wollte mir Stabilität und Verlässlichkeit bieten, ein sicheres Zuhause. Sie liebte mich und sie merkte, dass auch ich sie liebte. Aus diesem Grund versuchte Mama, sich auf meine nigerianischen Eltern einzustellen, mit ihrer Art zurechtzukommen. Sie waren auch charmante, freundliche Menschen. Mein Vater war sehr humorvoll, brachte Menschen zum Lachen, besonders die Damen. Meine Mutter war ruhiger, aber nicht weniger charmant. Beide versuchten stets ihrer Dankbarkeit Ausdruck zu verleihen, indem sie Geschenke mitbrachten: ein Kaffeeservice, Stoffe, manchmal auch Lebensmittel, mit denen Mama jedoch nicht wirklich etwas anzufangen wusste. Mama und Oma versuchten, Offenheit zu zeigen, sich zu interessieren für das Land, das Leben und die Leute, für ihre Heimat. Sie benutzten die Geschenke, nähten sich aus den Stoffen Kleider und probierten die fremden Speisen. Sie wollten Brücken bauen und es gelang ihnen. Dennoch mussten sie viel lernen, die laute Art, das Temperament, den Klang der fremden Sprache, die immer dann zum Einsatz kam, wenn ihnen etwas nicht passte. Sie wollten nicht, dass Mama und Oma ihrer Diskussion folgen konnten.

Sie respektierten sich gegenseitig, aber eine Freundschaft sollte daraus nie werden. Sie siezten sich bis zum Schluss. Die fremden Gerüche von unbekannten Haarcremes und Körperlotionen störten Mama. Wenn ich von meinen Eltern zurückkam, roch auch ich fremd für sie. Egal wie spät, egal wie müde, sie wusch mich immer, sobald ich bei ihr ankam.

»Es sind doch deine Eltern!«, hieß es, wenn ich nicht mit ihnen mitgehen wollte. Ja, das waren sie, das sind sie! Aber ich lebte nicht mit ihnen, ich kannte sie kaum, ich fühlte sie nicht. Meine Eltern erwarteten jedoch, dass ihr Kind ihre Entscheidungen einfach akzeptierte. Wann immer sie vor der Tür standen, wann immer sie mich mitnahmen in eine mir fremde Welt – ich hatte es zu akzeptieren, mehr noch, es zu begrüßen. Fragen, Traurigkeit oder gar Rebellion waren verboten, egal, in welchem Alter.

Ihre Spontanität und ihre Willkür sollten von nun an immer wieder unseren Alltag stören. Berechenbarkeit und Verlässlichkeit schienen in ihrem Leben keine Rolle zu spielen. Bestimmt meinten sie es nicht böse, sicherlich war es keine Absicht, es war schlicht ihr Lebensstil. Mit Sicherheit liebten sie ihr Kind. Sie liebten es eben auf ihre Weise. Eine Weise, die ich nicht begriff, die mich nicht erreichte, die ich nicht annehmen konnte, nicht annehmen wollte. Ich liebte jene Person, die die meisten Tage und Nächte bei mir war, die gut war und auf die ich mich verlassen konnte. Sich mit dieser Erkenntnis auseinanderzusetzen, muss meinen Eltern schwergefallen sein, vielleicht wollten und konnten sie sich damit nicht auseinandersetzen. Ein Kind hat seine Eltern zu lieben, nur diese, ganz gleich, wo sie sich aufhielten.

Sie zahlten Pflegegeld, selbstverständlich, schließlich handelte es sich um eine Abmachung und nicht um einen Freundschaftsdienst. Wie gesagt, eine Freundschaft entwickelte sich zwischen ihnen und Mama nie. Anfänglich zahlten sie regelmäßig, dann immer seltener. Mama brauchte das Geld, sie musste ja für mich aufkommen. Zum Glück konnte sie das Meiste selbst nähen und benötigte zumindest für Kleidung kaum Mittel. Dennoch, die Erledigung ihrer Aufträge als Schneiderin musste sie weitestgehend in die Abend- und Nachtstunden verlegen, wenn ich schlief. Sie musste ihr Leben komplett umgestalten. Aber es gefiel ihr, für dieses Kind sorgen zu dürfen und Leben in der, wenn auch sehr kleinen, Wohnung zu haben. Ich wurde ihre Tochter und das blieb auch meinen Eltern nicht verborgen. Sie wussten, dass Mama mit der Zeit sehr an mir hing, mich liebgewonnen und ich bei ihr und ihren Verwandten ein Zuhause gefunden hatte. Neben der Oma hatte ich noch eine Tante, Mamas Schwester. Ich hatte einen Onkel, Mamas Schwager, und zwei Cousins und eine Cousine, Mamas Nichte und Neffen. Sie waren fast zehn Jahre älter als ich. Das gefiel mir, denn wenn sie uns besuchten, beschäftigten sie sich mit mir. Schon früh entdeckte ich die Liebe zum Friseurberuf, also musste der ältere Cousin herhalten, ich wusch und kämmte ihm die Haare. Er war sehr geduldig und froh, dass die Schere außer Reichweite blieb. Ich war angekommen in der neuen Familie. Dass ich anders aussah und eigentlich ein fremdes Kind war, störte meine neue Familie nicht. Sie sahen nur ein neues Mitglied, einen kleinen Menschen, ein Mädchen – alles Weitere war und ist für sie bis heute nicht wichtig.

Es störte auch die Kinder in der Umgebung nicht, mit denen ich spielte, ebenso wenig die Menschen in der Kirchengemeinde. Ich war sichtbar. Ich hatte eine dunkle Hautfarbe, die nach und nach zu verblassen schien – zumindest in den Köpfen der Menschen, die gut zu mir waren, gut zu uns.

Natürlich wurde Mama nach meiner Herkunft gefragt, nach den Eltern, nach dem Grund, warum sie mich zu ihr gegeben hatten. Fragen, die jedoch auch gestellt worden wären, wenn dieses Pflegekind weiß gewesen wäre.

Dass ich Mama »Mama« nannte, war nun nicht mehr zu verhindern. So brachte sie mir schließlich bei, dass meine Mutter »Mutti« und mein Vater »Papi« seien. Sie hoffte damit, jeglicher Irritation, jeglichem Ärger, jeglicher Enttäuschung vorzubeugen und alle zufrieden zu stellen.

Schließlich blieb das Pflegegeld ganz aus. Meine Eltern konnten nicht mehr zahlen, wie sie sagten, und Mama stand vor der Wahl: Kein Geld – keine Flori; oder kein Geld – und dennoch Flori. Ob meine Eltern es darauf anlegten, weil sie wussten, dass für meine Mama das Finanzielle nicht im Vordergrund stand? Ich weiß es nicht. Klar war nur, Pflegegeld gab es nun keines mehr, dennoch blieb die Wohnung in Buxtehude mein Zuhause.

Ich war glücklich mit dem, was ich besaß – Puppen jeder Größe, jeden Geschlechtes und jeder Farbe, ein Puppenhaus, das jährlich wuchs, einen Kaufmannsladen, eine Spielküche, jede Menge anderer Spielsachen und einen Puppenwagen. Da ich nicht in den Kindergarten ging, hatte ich nicht viele Freundinnen, aber mit den wenigen machte das Spielen meistens Spaß. Mit den Mädchen aus der Nachbarschaft spielte ich entweder bei uns mit meinen Sachen oder bei ihnen. Wir liebten die klassischen Spiele wie Vater, Mutter, Kind. Wir gingen »einkaufen«, hatten Spielgeld in der Kasse des kleinen Kaufmannsladens. Wurden wir von unseren Mamas nach der Spielzeit abgeholt, kauften sie uns auch einmal etwas ab und bezahlten mit echtem Geld. Wie glücklich waren wir dann, wenn wir die zehn Pfennig in die Spardose stecken konnten. Bei warmem Wetter spielten wir draußen in den Gärten. Buken im Sandkasten diverse Kuchen, hatten mit Sand und Wasser einen Heidenspaß und waren am Ende des Tages mit Schlaggermatsch, wie wir das Gemisch aus Sand und Wasser nannten, bedeckt. Wir schaukelten und wippten, wir hatten eine unbeschwerte Zeit. Natürlich gab es ab und an auch mal Streit. Aber schon als Kind war mir Streit zuwider, zog ich mich lieber zurück. Wortlos packte ich mein Eimerchen mit Förmchen und Schaufeln und was man sonst noch so in einem Sandkasten benötigte und ging hoch zu meiner Mama. Sie beschäftigte sich dann mit mir, setzte sich zu mir auf den Teppich, holte ein Puzzle oder ein Malbuch heraus oder legte eine der vielen Schallplatten auf, die sie inzwischen für mich gekauft hatte. Huibuh, das Schlossgespenst war mein absoluter Favorit.

Ich liebte es, auf meinem Puppenherd zu kochen. Nein, es war keine Attrappe, ich kochte mit kleinen Brennspirituswürfeln, kleinen Töpfen und Pfännchen. Natürlich unter strengster Überwachung meiner Mama. Anfänglich half sie mir beim Kochen, aber bereits mit ungefähr drei Jahren wollte ich selbst kochen. Mama und Oma waren tapfer, sie aßen alles, was ich kochte. Und fand einmal eine Besprechung der Kirchengemeinde bei uns statt, die der Pfarrer, der mich damals vermittelt hatte, leitete, kam er in den Genuss meiner Buchstabennudelsuppe mit einer bekannten Gewürzsoße abgeschmeckt und mit roter Grütze als Dessert. Er was ebenfalls tapfer und aß alles auf. Nicht so wie andere, die nur so taten, als würden sie essen und zudem glaubten, ich würde es nicht merken.

Mein Zuhause strahlte Freude aus und wurde ergänzt durch den Kontakt zu den Menschen in der Kirchengemeinde, die so etwas wie eine zweite Heimat für mich war. Die Kinderstunde fand meist dienstags statt, der Kindergottesdienst an Sonntagen, der Erwachsenengottesdienst ebenfalls an Sonntagen, zu dem mich Mama mitnahm. Wurde es mir in den Erwachsenengottesdiensten zu langweilig, durfte ich malen, aber ich war stets dabei, wuchs mit den Liedern, den Geschichten, den Gebeten und dem Glauben an Gott und Jesus auf. Wie die beiden aussahen, wo sie genau lebten und was sie machten, war mir natürlich unerklärlich, aber ich liebte Geschichten. Die Geschichten aus der Bibel waren für mich nicht anders als die aus dem Märchenbuch der Gebrüder Grimm. Ich lernte die Weihnachtsgeschichte anhand einer großen Krippe kennen, die Mama bei uns im Wohnzimmer zu Beginn jeder Adventszeit aufbaute. Mit kindlicher Freude ließ ich dann Maria und Josef vier Wochen lang ihren Weg zur Krippe wandern, bis an Heiligabend Baby Jesus in der Futterkrippe sein Bettchen fand. Es hieß, ich hätte mich vehement geweigert, diesen armen Kleinen nackt in die Futterkrippe zu legen. Das hatte zur Folge, dass Mama ihn anziehen musste. An Heiligabend gingen wir in die Kirche, anschließend kam der Weihnachtsmann und brachte die Geschenke. Eine ältere Nachbarin, die uns oft besuchte und sich nun hinter der Weihnachtsmannmaske befand, erkannte ich lange nicht. Einmal soll mir wohl ihre Stimme bekannt vorgekommen sein. Im Jahr darauf steckte sie sich deshalb eine Walnuss in den Mund. Dass sie sich an dieser fast verschluckt hätte, hinderte sie nicht daran, dieses Risiko Flori zuliebe auch in den nächsten Jahren in Kauf zu nehmen.

Der kirchliche Jahreslauf bestimmte auch unseren Alltag. Alle Feste wurden gefeiert, die Wohnung entsprechend geschmückt, die Kirche pflichtbewusst besucht. Aus der Sicht eines Kindes gab es stets etwas, worauf ich mich freuen konnte. An Freitagen wurde es in Gedenken an Karfreitag vermieden, spitze Gegenstände zu verwenden. Natürlich kam auch nur Fisch auf den Tisch. Für meine Eltern stand meine Einbeziehung in die evangelische Kirche nicht im Widerzuspruch zu ihrem baptistischen Bekenntnis. Dieses basierte schließlich ebenfalls auf dem evangelischen Glauben.

Immer wieder Freitag

Meine frühste Erinnerung an einen dieser Freitage, an denen meine Eltern mich abholten, führen mich in mein drittes Lebensjahr zurück. Meine Eltern hatten mich bei Mama abgeholt und wir waren auf einem Schiff, das uns nach England bringen sollte. Meine Mutter und ich waren schwer seekrank. Ein weißer Arzt betreute uns. Ich erinnere mich, dass er nett war, ich fand alle Menschen nett, die weiß waren, denn sie erinnerten mich an Zuhause.

Mein Vater hatte die einzig vorhandene Tablette gegen Seekrankheit in drei Teile geteilt. Er hatte es gut gemeint. Doch half diese geringe Dosis weder meiner Mutter noch mir. Warum meine Eltern sich im Vorfeld nicht erkundigt und ausreichend Medikamente dabeihatten, weiß ich nicht. Das widersprach wahrscheinlich ihrer Spontanität.

Die Erinnerungen an diese Reise prägten sich tief ein, obwohl ich noch sehr klein war. In Großbritannien angekommen, machte ich die Bekanntschaft vieler Kinder, vieler Schwarzer Kinder, und ich hatte schon damals das Gefühl, mein Spiegelbild zu betrachten. Diese kleinen Schwarzen Kinder faszinierten mich. Ich starrte sie immer lange an. Ich habe es gemocht, mit ihnen zu spielen, obwohl ich ihre Sprache – und sie meine – nicht verstanden. Wir rannten draußen herum und liefen durch das große Haus, in dem wir zu Besuch waren. Spielsachen waren nur wenige vorhanden, dennoch hatten wir viel Spaß miteinander.

Noch mehr Spaß hatten wir mit einem riesengroßen Hund. Obwohl der Hund größer war als ich – Fotos beweisen es –, hatte ich keine Angst vor ihm.

Warum weiß ich nicht. Auch erinnere ich mich nicht an das Feuer oder daran, dass mein Vater mich plötzlich über den Balkon hielt und fallen lassen wollte, in der Hoffnung, unten würde mich jemand auffangen. Mein Onkel, der Bruder meiner Mutter, soll ihn von dieser Rettungsaktion abgebracht haben. Und das war nicht das Einzige, wovon meine Eltern abgebracht wurden.

Schon während der kurzen Besuchswochenenden hatte ich regelrecht Angst entwickelt, nicht wieder heil zu Mama zurückzukommen, oder mein Zuhause ganz zu verlieren. Angst, dass mir jemand Mama wegnehmen könnte. Mama auf der anderen Seite war stets besorgt, ob sie mich wohl wieder zurückbrächten. Sicher konnte sie nie sein.

Und wie sich herausstellen sollte, war Mamas Sorge nicht unbegründet. Meine Eltern hatten in der Tat vorgehabt, mich bei ihren Verwandten in England zurückzulassen. Diesen Plan hatten sie ohne Absprache mit Mama gefasst – wie immer spontan, willkürlich. Ihr Vorhaben scheiterte wohl an Menschen, denen es gelang, ihnen ins Gewissen zu reden und sie so zur Vernunft brachten.

Nachdem diese konkrete Gefahr erst einmal gebannt war, verging einige Zeit. Sie war geprägt von den Besuchsattacken meiner Eltern, die sich wie ein roter Faden durch mein Leben zogen. Mama hatte ihre liebe Mühe, sie bei Laune zu halten, wenn es mal wieder hieß: »Gut, dann nehmen wir Flori halt mit.« Der Pfarrer wirkte in solchen Momenten ebenfalls beruhigend auf meine Eltern ein und schaffte es immer wieder, sie von ihren Plänen abzubringen. Ich wurde älter und wusste allmählich, obwohl ich noch im Vorschulalter war, mit den verschiedenen Gefühlslagen und unterschiedlichen Leben, denen ich ausgesetzt war, umzugehen. Ich lernte schnell, wann und wo welche Gefühlsregung erlaubt und angebracht war. Zu den nicht erlaubten Gefühlen gehörte es Heimweh zu zeigen, wenn ich bei ihnen war. Bei ihnen in ihrer Wohnung ohne Spielsachen zu sein und Langeweile zu bekunden, gehörte ebenfalls nicht zu den erlaubten Gefühlen. Bei ihnen in ihrer Stadt zu sein und auf ein kindgerechtes Freizeitprogramm oder einen kindgerechten Tagesablauf zu hoffen, gehörte ebenfalls nicht zu den erlaubten Erwartungen. Sie holten mich ab, ich war bei ihnen – das war’s.

Eine Zeitlang wohnten sie auch in Buxtehude. Wenn ich sie dann besuchte, war das besonders komisch für mich, denn Buxtehude war für mich mein Idyll mit Mama und Oma. War ich es gewohnt, morgens ein Frühstück zu bekommen, mittags ein Mittagessen und abends ein Abendbrot, musste ich mich bei ihnen umstellen. Die Nacht wurde zum Tag, der Tag zur Nacht. War ich wieder Zuhause, schlief ich die darauffolgenden Tage. Schlafen, um innerlich zurückzukehren. Besondere Erlebnisse, Ausflüge, was auch immer im Gedächtnis eines Kindes hängenbleibt, Fehlanzeige. Möglicherweise habe ich diese auch verdrängt. Ich kann mich einfach an nichts erinnern, was das Herz eines Kindes hätte höherschlagen lassen. Im Gegenteil, ich verspürte stets eine Panik, dass sie mit dieser Aktion, diesem Ausflug, dieser Reise etwas planten, was mich aus meinem Zuhause herausreißen könnte.

Mit der Zeit lernten wir, mit dem Lebensstil meiner Eltern umzugehen und bestimmte Themen geschickt zu vermeiden. Zahnarztbesuche waren aus ihrer Sicht zum Beispiel für ein Kind völlig unnötig. Eine Plombe, die mir notwendigerweise einmal eingesetzt wurde, versuchte mein Vater mit einer Schere wieder herauszuholen. Noch heute erinnere ich mich an diese Situation, als wäre sie gestern gewesen, wie ich mit meinem Vater im Hausflur stand, er die Schere in der Hand, und ich mit weit geöffnetem Mund, wie Mama versuchte, diesen Eingriff zu verhindern. In Zukunft verschwiegen wir solche Arztbesuche, was meinen Vater jedoch nicht daran hinderte, jedes Mal, wenn wir uns sahen, zuerst einen Kontrollblick in meinen Mund zu werfen.

Ich verstand schnell. Zahnarzt? Nein, wie käme er denn darauf? Ich wusste, dass Lügen grundsätzlich verboten waren, doch ich begriff, dass es in Ordnung war, meinem Vater nicht immer die Wahrheit zu sagen. Ich wusste, was zu unnötigem Ärger führte, und konnte schnell einschätzen, wessen Entscheidung gut für mich war und wo es nur um einen Machtkampf ging. Da Mama die offizielle Pflegeerlaubnis vom Jugendamt besaß, war sie von dieser Seite abgesichert und verantwortlich, für mein gesundheitliches Wohl zu sorgen.

Ich vermisste meine Eltern nicht, ich brauchte sie nicht, ebenso wenig hatte ich das emotionale Verlangen, sie zu sehen oder mit ihnen Zeit zu verbringen. Wenn sie uns besuchten, freute ich mich jedes Mal nur auf eines – nämlich auf den Moment, wenn sie wieder gingen.

Mit knapp fünf Jahren bekam ich einen Bruder. Meine Eltern lebten zwischenzeitlich wechselweise in unterschiedlichen Bundesländern. Das Studium meines Vaters ging voran, meine Mutter machte eine Ausbildung zur Diätassistentin. Ob meine Mama meinen Bruder ebenfalls bei sich aufnehmen könne, wollten sie wissen. Denn das Problem, mit einem kleinen Kind ein Studium und eine Ausbildung zu absolvieren, war auch nach fünf Jahren noch dasselbe. Ob Mama also beide Kinder in Pflege nehmen könne? Nein, das konnte und wollte sie nicht. Wie auch, ohne finanzielle Unterstützung und in einer so kleinen Wohnung? Für meinen Bruder fanden sie dann eine andere Pflegestelle.

Nigeria – wo liegt das überhaupt?

Im Sommer 1973 sollte ich in die Schule kommen. Mama hatte mir eine wunderschöne Schultüte gefüllt und übte mit mir den Schulweg. Stolz trug ich dabei meinen Schulranzen. Noch bevor die Schule überhaupt begann, kannte ich den Weg in- und auswendig. Leider durfte ich noch nicht in die Schultüte schauen, dafür musste ich bis zur Einschulung warten.

Inzwischen hatte ich mich daran gewöhnt, überall das einzige Kind mit dunkler Haut zu sein. Es war okay, ich bemerkte es gar nicht mehr. Manchmal wurde ich jedoch angesprochen und gefragt, ob ich denn auch einmal Ärztin werden wolle, um »meinen Leuten« Zuhause zu helfen. Zuhause? Waren Mama oder Oma etwa krank? Oder als ein Mitschüler mich in der Schulpause fragte, ob ich denn »überall« so Schwarz sei. So etwas machte mir Angst und der Lehrerin gelang es kaum, mich zu beruhigen.

In solchen, sehr seltenen Situationen wurde mir bewusst, dass ich anders aussah. Zwar fühlte ich mich als einziges Schwarzes Kind wohl und es machte mir auch nichts aus, aber darauf angesprochen werden, wollte ich nicht. Irgendwie empfand ich die Hautfarbe dann doch als Makel. Ich war das Kind meiner Mama. Natürlich wusste ich, dass ich nicht ihr leibliches Kind war. Dennoch, die Hautfarbe erinnerte mich an meine eigentliche Herkunft und die lehnte ich ab.

Leute strichen über mein »schönes, krauses Haar«. Sie fragten mich vorher nicht, sie machten es einfach – als ob ich ein Ausstellungsstück wäre. Selbst im Museum oder im Obstladen hieß es damals schon: »Nicht berühren!« Und trotzdem, sie taten es einfach. Was sie daran schön fanden, verstand ich nie. Was war an dieser Holzwolle, die mich morgens dazu zwang, eine halbe Stunde früher aufzustehen, weil Mama sie mit warmem Wasser nass machen musste, um mit einer Forke ähnlichen Kamm irgendwie durchzukommen, schön? Außerdem sah ich mit meinen kurz geschnittenen Haaren aus wie ein Junge. Und damit man mich nicht für einen Jungen hielt, musste ich immer Röcke und Kleider tragen.

Mama brachte mir schon früh bei, dass alle Menschen gleich sind und es keinen Unterschied gibt. Sie erklärte mir, dass es schön ist, wenn Menschen ihre Freundlichkeit zeigen. Ich freute mich über diese Freundlichkeit bei anderen und begegnete den Menschen unbefangen und unvoreingenommen, in die Haare fassen sollten sie mir dennoch nicht.

Wenn die Mitarbeiter der städtischen Müllabfuhr vor unserem Haus die Mülltonnen leerten und ich ihnen zuschaute, zogen sie ihre Handschuhe aus, um mir die Hand zu geben. Die Menschen waren freundlich, sehr freundlich.

Schon früh brachte man mir bei, Plattdüütsch zu sprechen und freute sich immer sehr, wenn ich auf die Frage: »Wie geit die dat?« auf perfektem Plattdüütsch antwortete: »Mi geiht good.« Bei unserem Bäcker an der Ecke brachte mir diese Begrüßung stets einen Lolli und einen Handschlag ein.

Der Kontakt zu meinen Eltern blieb »spontan«. Ich genoss ihre Abwesenheit, war froh, wenn sie keine Zeit hatten und ich Flori und nicht wie auch immer heißen und mich entsprechend benehmen musste.

Ich erinnere mich aber auch an ein paar gelöste Situationen mit ihnen. Da waren wir verabredet, sie kamen uns besuchen, begleiteten uns auf Elternnachmittage in der Kirchengemeinde, die Mama ausrichtete. Alle Gäste hatten Platz genommen, an schön gedeckten Tafeln, die Kinder – auch ich – führten eingeübte Stücke auf, sangen Lieder. Es gab Kaffee, Tee und Butterkuchen, und zwar den für mich bis heute weltbesten Butterkuchen unseres Bäckers an der Ecke. Da waren sie einfach »Floris Eltern« und ich erinnere mich an ein Gefühl, das sich ein ganz klein wenig, wie Stolz anfühlte. Stolz auf diesen großen Mann, den die anderen Mütter mit strahlenden Augen ansahen, wenn er erzählte. Auf diese hübsch gekleidete Frau, der die Väter immer wieder einen Blick zuwarfen, obwohl sie einfach nur dasaß und wenig sagte. Überhaupt waren sie sehr unterhaltsame Gäste, besonders er bestach mit seinem trockenen Humor.

Sie fingen an, mir von Nigeria zu erzählen, dem Land, aus dem sie kamen, das Land, das auch meine Heimat sein sollte. Sie erzählten mir von dieser Heimat und dass wir bald dorthin zurückgingen, etwas, das ich weder wahrhaben noch verinnerlichen wollte. In Lagos würden wir leben, einer wunderschönen Stadt, in einem wunderschönen, großen Haus, jedes Kind hätte ein großes Zimmer. Unsere Verwandten würden dort auf uns warten, ein Opa und eine Oma wären dort, Onkel, Tanten, Cousinen, Cousins und meine Schwester – alle würden sie auf uns warten.

Ein eigenes Zimmer? Das klang gut, das hatte ich bislang nicht, und mit Speck fängt man ja bekanntlich Mäuse. Aber Nigeria? Wo sollte das sein? Und warum meine Heimat, mein Zuhause? Ich hatte ein Zuhause und das hieß Buxtehude. Und überhaupt, was sollte ich in einem fernen, fremden Land, wenn meine Mama doch in Buxtehude war. Kam sie vielleicht mit? Aber was würde dann aus Oma werden? Kam diese auch mit? Nein, sie würden nicht mitkommen, also war dieses andere Land auch für mich nicht im Entferntesten eine Option.

Es war mir ein Rätsel, wie meine Eltern glauben konnten, dass ich dorthin passen könnte. Ja, ich hatte eine braune Hautfarbe, genau wie sie. Einmal soll ich meinen Vater erstaunt angeschaut und festgestellt haben: »Bist du aber Schwarz.« Er erwiderte, dass ich genauso Schwarz sei. Ob ich es begriffen hatte, wage ich zu bezweifeln, nahm ich mich doch in meiner Welt so nicht wahr. Es gab wohl auch eine Zeit, da habe ich versucht, mich mit einer Bürste sauber zu schrubben und meine Mama gefragt, warum sie sich nicht ein sauberes Kind genommen hätte. Das waren dann jene Momente, in denen ich sie wahrnahm, meine Schwarze Haut in meiner weißen Welt.

Mama nahm sich Zeit, mir die Dinge zu erklären, und half mir dabei, meine Hautfarbe und die Tatsache, dass ich lange Zeit das einzige dunkelhäutige Kind in meiner Umgebung war, zu akzeptieren. Und dennoch, es dauerte eine Weile, bis ich begriff, warum die Nachbarn sich immer an mich erinnerten, wenn wir doch mindestens zehn Kinder waren, die den Klingelstreich verübten. Hatte ich doch meistens das Gefühl, genauso zu sein, wie alle anderen auch. Dieser Zwiespalt sollte sich wie ein roter Faden durch mein Leben ziehen. Äußerlich afrikanisch, innerlich deutsch. Mit Nigeria hatte ich nicht viel am Hut, wollte auch nicht viel davon wissen, außer, ich sah ein Kind, das so aussah, wie ich und allein unter Weißen war. Dann war die Neugier groß. Es war, als schaute ich in einen Spiegel, wie damals in Großbritannien. Sehr oft gab es diese Gelegenheiten zwar nicht, aber wenn, dann war ich komplett aus dem Häuschen.

Ich liebte Spielmannszüge. Wann immer ich einen hörte, musste Mama mit mir in die Richtung der Musik laufen. Oder ich lief kurzerhand allein los, was mir natürlich im Nachhinein Ärger einbrachte, aber das war es mir wert. Die Uniformen, die Instrumente, die Tambourmajore, die ihren Stock immer so gekonnt in die Höhe warfen und wieder auffingen, all das liebte ich sehr. Ich war gerade in die Schule gekommen, als wir ein Festival mit Spielmannszügen aus den europäischen Nachbarländern besuchten. Ich erinnere mich an ein Mädchen in einem dieser Spielmannszüge, das doch tatsächlich so aussah, wie ich – zumindest hatte es die gleiche Hautfarbe. Ich weiß noch, wie heute, wie schnell ich die Absperrungen überwunden hatte, nur um dieses Mädchen näher anschauen zu können. Endlich einmal ein weiteres Kind in Buxtehude, das so aussah wie ich. Zu Mama sagte ich, dass dieses Mädchen doch sicherlich meine Schwester sein müsste. Natürlich war es nicht meine Schwester. Aber die Erinnerung und die Freude, die ich damals empfand, hallen bis heute in mir nach.

Mama war es wichtig, dass ich nicht auffiel, trotz oder gerade wegen meiner Hautfarbe. »Flori, was sagen die Leute?«, war ihre Standardermahnung. Nur nicht auffallen, nicht aus der Reihe tanzen, niemandem Anlass für eine negative Äußerung geben und froh sein, dass die Leute nichts gegen einen hatten. Und so war ich das angepasste, freundliche und höfliche, kleine Mädchen mit dem schönen krausen Haar, das immer Röcke und Kleider trug.

Manchmal meinten Nachbarn die Bemerkung machen zu müssen, dass ich ja gar nicht so Schwarz wäre und überhaupt ja auch gar nichts dafür könne. Diese Sätze klangen komisch und ich konnte sie nicht einordnen. Dennoch, ich mochte Äußerungen dieser Art schon damals nicht. Sie hinterließen das Gefühl, etwas an mir zu haben, für das ich jedoch nichts konnte. Sie hinterließen eine unerklärliche Wut, die ich noch weniger einordnen konnte, waren die Menschen doch freundlich zu mir. Mein Unbehagen äußerste ich nie, ich blieb angepasst, freundlich und höflich.

Auch bei meinen Eltern übte ich mich in dieser Tugend der Unauffälligkeit. Erzählten sie mir über »unsere« Heimat, hörte ich brav zu. Überhaupt hörte ich mehr zu, als dass ich sprach, was sich später noch als sehr nützliche Angewohnheit herausstellen sollte.

Immer öfter bekam ich mit, dass die »Ausreise«, wie es hieß, bald bevorstünde. Mama war sehr besorgt, ängstlich und traurig und ich begriff, dass die »Ausreise« nichts Gutes verhieß. Ich sollte auf eine einheimische Schule gehen, deshalb sollte ich so schnell wie möglich Englisch lernen. Außerdem war Englisch die Amtssprache in Nigeria und ich sollte mich ja auch mit den Verwandten verständigen können.

Mama brachte mich ein paar Mal zu einer Bekannten, einer Engländerin, und ich begann ein paar Brocken aufzuschnappen. Meine Eltern hatten bisher mit mir nur Deutsch gesprochen und Yoruba, ihre Stammessprache, die ich nicht verstand und auch nicht verstehen wollte. Es gab auch eine deutsche Schule in Lagos, aber die kostete Geld. Und dieses Geld war nicht vorhanden.

Inzwischen war es das Jahr 1975, ich besuchte die zweite Klasse, kam in die dritte. So wirklich begriff ich nicht, was mit der Umsiedlung nach Nigeria auf mich zukam. Ich bemerkte aber, dass Mama sich große Mühe gab, mir viele schöne Erinnerungen zu bescheren – mein achter und letzter Geburtstag in Buxtehude, das letzte Osterfest, der letzte Sommer, das letzte Weihnachtsfest, das letzte Silvester. Zum Glück bestanden meine Eltern in diesem Jahr nicht darauf, dass ich diese Feiertage mit ihnen und meinen Brüdern – ein zweiter Bruder war im Dezember 1975 zur Welt gekommen – verbrachte. Denn in der Vergangenheit hatten Mama und ich Weihnachten manchmal vor- oder nachfeiern müssen.

Mama versuchte mich abzulenken und ging mit mir in den Tierpark Hagenbeck. Ich liebte es, die vielen Tiere zu betrachten, sie zu füttern oder zu streicheln, wo es erlaubt war. Wir besuchten Jahrmärkte. Die Karussells gefielen mir besonders. Ich durfte mir gebrannte Mandeln kaufen und Zuckerwatte. Mama verwöhnte mich sehr, wusste sie doch, dass sie mir eine solche Freude nicht mehr lange machen konnte. Wir hatten nie viel Geld, dennoch hielt es Mama nicht davon ab, zahlreiche Kinonachmittage mit mir zu verbringen. Die Märchen, die dort gezeigt wurden, kannte ich aus den Büchern, es gefiel mit sehr. Eine Wasserratte war ich nie und sollte ich auch nie werden, dennoch wollte Mama, dass ich auch diese Erinnerung mitnahm und verbrachte einige Sommernachmittage mit mir im Freibad.

Mein Bruder, knapp fünf Jahre jünger als ich, schien sich auf Nigeria zu freuen. Kein Wunder, er wohnte die meiste Zeit mit meinen Eltern zusammen und hatte nicht viel anderes kennengelernt. Mein zweiter Bruder war noch ein Baby. Der Tag der Ausreise rückte näher und es hieß Abschied nehmen, von Freunden, von Verwandten, von meinen Spielsachen, meinem Zuhause. Viel konnte ich nicht mitnehmen. Mama versuchte es mir so leicht wie möglich zu machen. Und doch sah ich ihrem Gesicht an, dass es ein Abschied für immer sein würde – an ihren Blick erinnere ich mich noch heute.

Anrufe, Briefe schreiben oder gar Besuche – ob das alles möglich sein würde? Laut meines Vaters, kein Problem. Aber ob darauf Verlass war? Wann würde ich wieder ganz nach Hause dürfen? Warum musste ich denn überhaupt mit? Konnten meine Eltern nicht allein fliegen? Schließlich brachten sie zwei weitere Kinder mit. Das sollte doch zum Vorzeigen ausreichen, wo Jungs in ihrer Kultur ohnehin einen größeren Wert zu haben schienen als Mädchen. Meine Brüder waren der lebendige Beweis dafür. Allerdings war da eine Sache, auf die ich sehr neugierig war – freuen wäre zu viel gesagt – meine Schwester kennenzulernen. Endlich ein Mädchen, das nicht nur so aussah wie ich, sondern mir vielleicht sogar ähnlichsah.

Und dann war es soweit. An einem kalten Februartag packte Mama meine Kleider in einen Koffer. Aber viel wichtiger war die Tragetasche mit meinen Puppen, der großen und der kleinen braunen Puppe sowie einem kleinen, weißen Teddybären. All das sollte mir den Abschied erleichtern und meine Erinnerungen aufrechterhalten. Mama gab mir ein Geschenk für meine Schwester mit. Und außerdem einen Puppenjungen, den ich meinem Bruder geben sollte, damit er nicht meine Puppen nahm. Mama kannte mich, sie wollte mir Ärger ersparen, sie wusste, dass ich es nicht mochte, wenn mein Bruder meine Sachen an sich nahm.

Am Abend vor der Ausreise fuhr ich mit Mama und der Nachbarin, die den Weihnachtsmann für mich gespielt hatte, nach Hamburg, um meine Eltern und meine Brüder in einem Hotel zu treffen. Am nächsten Morgen sollte es früh mit der Lufthansa nach Lagos gehen, an einen Ort voller Ungewissheit.

Die Nacht war kurz, der nächste Morgen brach an. Wir machten uns fertig, um zum Flughafen zu fahren. Ich war gespannt, war ich doch noch nie geflogen. Dann erreichte meine Eltern eine Nachricht. Nein, wir würden nicht fliegen. Es gäbe politische Unruhen in Lagos, die Flüge seien vorerst gestrichen. Was für ein Gefühl! Freude und Enttäuschung zugleich. Da war es wieder, das Unangekündigte, Spontane, Willkürliche. Nur dieses Mal konnten meine Eltern nichts dafür, zumindest nicht direkt, indirekt schon, wie ich fand.

Ich durfte also bleiben, vorerst zumindest. Wie lange, konnte niemand sagen. Ich weiß nur, dass es sich komisch anfühlte, bleiben zu dürfen. Sich bereits verabschiedet zu haben, von den Freundinnen aus der Schule, der Umgebung und dann doch nicht weg zu sein.

In die Schule zurückgehen konnte ich nicht, schließlich war die Abmeldung bereits erfolgt. Aber einfach Zuhause sitzen? Nicht zu fliegen, war nicht schlimm, im Gegenteil. Jedoch zu wissen, dass das, worauf man sich ohnehin nicht freut, nur aufgeschoben ist, fühlte sich nicht gut an. Niemand konnte sagen, ob oder wann es nun losgehen würde. Der Entscheidung anderer ausgeliefert zu sein, war ein vertrautes, aber kein schönes Gefühl.

Es vergingen Tage voller Unsicherheit. Eine Zeit des Schwebens, ohne zu wissen, wann der harte Aufprall käme, wir wieder nach Hamburg mussten.

Und dann klingelte das Telefon. Mama ging ran, sie sprach kurz, kam wieder, ihr Gesicht aschfahl, traurig, entsetzt. Jetzt sollte alles schnell gehen. Man könne noch am selben Tag fliegen, hieß es. Man würde mich gleich abholen. Nein, Mama konnte nicht, wie ursprünglich geplant, mit zum Flughafen fahren.

Wenig später waren sie da, schnell wurden meine Sachen ins Auto verstaut, ein schneller Abschied zwischen den Garagen hinterm Haus, eine letzte Umarmung. Von Oma hatte ich mich noch kurz vorher verabschieden können. Ja, Mama würde mir schreiben, sagte sie und konnte ihre Tränen nicht zurückhalten. Ich winkte ihr, als das Auto losfuhr, ich winkte ihr, so lange ich sie sehen konnte. Dann war sie weg.

Das überlebe ich hier nicht!

Wir flogen zunächst von Hamburg nach Frankfurt am Main. Von dort aus ging es weiter nach Lagos, Nigeria. Während des siebenstündigen Fluges wirbelten mir die Gedanken nur so durch den Kopf. Von dem neuen Leben, das mich erwartete, hatte ich keinerlei Vorstellung. Meine gewohnte Umgebung für immer zu verlassen, schien mir unvorstellbar.

Das Flugzeug landete, die schwere Tür wurde geöffnet. Ich sehe mich neben meiner Mutter zum Ausgang gehen. Es war eher ein Schieben, denn jeder wollte der Erste sein. Die Flugbegleiterinnen verabschiedeten sich freundlich von jedem Passagier – auf Deutsch. Das sollte vorerst mein letzter Kontakt mit Deutschen gewesen sein.

Wir standen an der Gangway, ich prallte gegen eine Wand aus Hitze, Feuchtigkeit, undefinierbaren Gerüchen und undurchdringlichem Lärm. Es war Ende Februar, es war kalt, es war Winter – Zuhause. Nicht jedoch hier. Ich hatte eine Strumpfhose und einen Mantel an, schließlich sollte ich nicht frieren. Mama hatte gesagt, ich solle den Mantel ausziehen, wenn wir ankämen, es würde heiß sein. Ich tat, was Mama mir gesagt hatte. Ihre Anleitungen gaben mir ein kleines Stück Sicherheit in einer für mich vollkommen neuen Welt, einer Welt, die ich nicht kannte, in der ich nicht sein wollte.

Da stand ich nun neben meiner Mutter, einer Frau, die mir gefühlsmäßig fremd war. Ich stand da mit meinen beiden Puppen, meinem Teddy, meiner Tragetasche und meinem Geschenk für meine Schwester. Ich holte tief Luft, aber ich bekam keine Luft, konnte nicht durchatmen. Diese Wand – dieses Gefühl. »Das überlebe ich hier nicht«, höre ich mich noch heute sagen, als wäre es gestern gewesen.

Und da standen sie, uns gegenüber, eine riesige Menschenmenge, schreiend, weinend, brüllend. Damals wunderte ich mich, warum sich alle anschrien. Es erinnerte mich ein wenig daran, wenn sie mich Zuhause abholen kamen. Freuten sie sich nicht über das Wiedersehen? Warum gab der alte Mann meinem Vater eine Ohrfeige? Ich konnte es mir nicht erklären, und es gab auch niemanden, der es mir erklärte. Warum legte sich mein Vater vor diesen alten Mann flach auf den Boden? Und meine Mutter, warum kniete sie vor diesem alten Mann nieder? Wir Kinder wurden gedrückt, von einer Person zur nächsten gereicht, man redete auf uns ein, gestikulierte heftig. Ich verstand nichts.

Ich fragte meinen Vater, welches der Mädchen meine Schwester sei. Er deutete auf ein Mädchen, das etwas größer war als ich. Ob wir uns ähnlich sahen, konnte ich nicht erkennen. Mein Vater sagte etwas zu ihr. Ich schaute sie an und begrüßte sie mit der Feststellung, dass sie meine Schwester sei. Natürlich verstand sie kein Wort, schließlich sprach ich Deutsch und sie Yoruba und Englisch. Wir konnten uns nicht verständigen, aber nun hatte ich meine Schwester. Das war aufregend. Trotzdem wollte ich jetzt am liebsten nach Hause. Nach Deutschland.

Man hatte uns mit dem Auto abgeholt. Bis dahin wusste ich nicht, dass so viele Menschen und so viel Gepäck in nur ein einziges Auto passten. Wir Kinder wurden von Erwachsenen auf den Schoß genommen. Die Fahrt war lang und holprig, vorbei an unglaublich viel Neuem, Unbekanntem, an dem, was nun meine Heimat werden sollte. Das alles aufzunehmen und zu begreifen, war nicht einfach. Und inmitten dieser vielen Menschen, diesem ganzen Fremden, fühlte ich mich furchtbar allein, einsam und so schrecklich weit weg von meinem Zuhause und meiner Mama. Ich fragte mich, was sie jetzt wohl machte. Ich hätte gerne angerufen, ihr alles erzählt, was ich bisher gesehen hatte. Im Flugzeug hatte ich ihr bereits einen Brief geschrieben, den ich einer Flugbegleiterin gab, mit der Bitte, ihn für mich in Deutschland in den Briefkasten zu werfen. Ich vermisste meine Mama, ich vermisste mein Zuhause, meine gewohnte Umgebung. Und doch musste ich so tun, als ob nichts wäre, Tränen waren nicht erlaubt, nicht hier.

Zuhause in Deutschland lebten wir in einer kleinen Wohnung in einem Achtfamilienhaus. Die Wohnung bestand aus zwei kleinen Zimmern, einem Flur, einem kleinen Badezimmer und einer Kochnische. Im Badezimmer stand eine Badewanne, die viel zu groß war für diesen Raum. Wir benutzten die Badewanne so gut wie nie, denn um Ablageplatz zu schaffen, hatten wir eine große Platte daraufgelegt. Die Toilette war ebenfalls in diesem Bad. Nein, eine Dusche gab es nicht. Jeden Morgen holten wir uns die Waschutensilien aus dem Badezimmer in das vordere Zimmer, stellten sie auf den großen Tisch und wuschen uns in einer Schüssel. Heute kaum noch vorstellbar, damals jedoch völlig normal, für uns zumindest.

Mama liebte die Farbe Lila und so war fast alles in dieser Farbe gehalten, auch im Badezimmer. Von den Wänden bis zum Zahnputzbecher, alles war lila. Jeder Winkel dieser kleinen Wohnung war sinnvoll ausgenutzt. Alles, was zum Leben notwendig war, hatte darin Platz gefunden. Selbst für unzähligen Nippes und Kleinkram war noch Raum. Wo immer möglich, gab es Vorhänge dort, wo einmal Türen gewesen waren, um keinen unnötigen Platz zu vergeuden. Ein gesondertes Schlafzimmer gab es nicht. Der Raum mit der Kochnische war alles in einem: Wohn- und Schlafzimmer, Waschgelegenheit und Küche sowie ihre Nähstube.

Mama legte großen Wert auf Ordnung und Sauberkeit. Jeden Samstag war Hausputz angesagt und natürlich musste ich helfen. »Richtig« zu helfen war mir auch immer wichtig gewesen, egal, in welchem Alter. Natürlich wünschten wir uns manchmal eine größere Wohnung mit einem richtigen Bad und einer Dusche – ein Königreich für eine Dusche -, aber dafür hatte Mama nicht das Geld. Dennoch liebte ich mein Zuhause, es strahlte Wärme, Gemütlichkeit und Geborgenheit aus. Das Gefühl, dass es mir an irgendetwas mangelte, hatte ich nie.

Die ersten Tage in Lagos verbrachten wir bei Verwandten in einem großen Haus. Es war kein Haus, wie ich es von Zuhause her kannte. Das Haus hatte mehrere Stockwerke, auf denen jeweils ein langer Flur verlief, von dem die einzelnen Zimmer abgingen. Es war keine Villa, es ähnelte eher einer sehr schlichten Jugendherberge. In den Zimmern befanden sich Betten, in denen viele Menschen gleichzeitig schliefen. Manche, meistens die Kinder, schliefen auf Bastmatten auf dem Boden. Aber immerhin war es keine Wellblech- oder Lehmhütte, wie ich sie aus dem Fernsehen kannte.

Das Bad, mein Gott, ich traute meinen Augen nicht, es war kein Bad. Schon damals wusste ich mit meinen noch nicht mal neun Jahren, dass das, was ich dort sah, noch nicht einmal eine Nasszelle war. Es war eine Ecke im Hof, in die sich derjenige, der sich waschen wollte, einen Eimer Wasser mitnahm. Waschlappen? Fehlanzeige! Wobei, ich hatte Waschlappen in meinem Gepäck. Die wollte ich verwenden. Alle anderen benutzten ein bastähnliches Knäuel mit Seife. Sicherlich ein gutes Peeling. Aber von diesem Bastknäuel hatte Mama mir gegenüber nie gesprochen, ich kannte so etwas nicht, also war es auch nicht richtig für mich. Ich sah, wie die Kinder abgeschrubbt wurden, die Erwachsenen befestigten zum Teil einen Vorhang vor diese Ecke, sodass man ihnen nicht zusehen konnte.

Dann die Toiletten. Ein WC mit Spülvorrichtung? Wieder Fehlanzeige. Toilettenpapier? Wo bitte war das Toilettenpapier? Es gab keines. Es gab stattdessen einen Eimer mit Wasser. Was bitte sollte ich in der Toilette mit einem Eimer Wasser? Und warum war in dem Wasser eine Art Schöpfbecher? Ich lernte schnell, dass der Eimer mit dem Wasser und dem Schöpfbecher das Toilettenpapier ersetzte. Mein Gott, könnte ich das alles nur Mama erzählen. Wie vermisste ich unser kleines Bad. Aber ich passte mich auch hier schnell an, denn wenn eine Fähigkeit bei mir besonders ausgeprägt war, dann die, mich schnell anpassen zu können.

Zuhause in Deutschland hatten wir einen Garten hinter dem Haus, ein kleines Paradies, das Mama wunderbar pflegte. Sie hatte Blumen in kleine Beete gepflanzt, kleine Platten ebneten den Weg, es gab einen klitzekleinen Teich, eher eine Vogeltränke, und Mama liebte Gartenzwerge, Massen an Gartenzwergen. Große, kleine, dicke, dünne, mit ernsten Gesichtern und mit lachenden, aus Hartgummi oder Porzellan. Ihnen leisteten Tiere Gesellschaft: Hasen, Enten, Vögel, auch aus Hartgummi oder Porzellan. Jedes Frühjahr wurden sie aus dem Keller geholt und, nachdem der Garten aus seinem Winterschlaf erwacht war, an ihre gewohnten Plätze gestellt. Im Herbst war es dann meine Aufgabe, die kleinen Figuren mit Bürsten zu säubern, abzutrocknen und sie auf ihren Winterschlaf im Keller vorzubereiten.

Bei den ersten warmen Sonnenstrahlen wurden auch die Gartenmöbel herausgeholt: Tisch, Stühle und eine Hollywoodschaukel. Mama liebte diese Hollywoodschaukel. Abgegrenzt wurde das kleine Reich von den Nachbargärten mit einem Zaun, am Eingang eine kleine Pforte. Über die Gartenzäune hinweg wurde geplaudert, gelacht, getratscht, gestritten – es war eben eine typische Nachbarschaft.

Manchmal veranstalteten die Erwachsenen am Wochenende abends ein gemeinsames Hoffest, dann wurden alle Tische zusammengeschoben, Limonaden herausgeholt, Salzstangen und Erdnussflips hingestellt, die Grills angeworfen und Lampions aufgehängt. Wir Kinder, die schon lange im Bett lagen, wurden geweckt und durften dazukommen. Das war immer eine herrliche Überraschung. Ich liebte diese Abende. Überhaupt, der Garten, dieses Idyll auf wenigen Quadratmetern. So oft wie möglich haben wir ihn genossen, dort gegessen, gespielt, die Hausaufgaben gemacht, Mama hat genäht. Es war für uns ein Urlaubsersatz, denn für Urlaub hatte Mama kein Geld.

So viel wie möglich wollte ich von meiner vertrauten Welt in die neue Welt mitnehmen. Das große Haus hatte einen Balkon. Es war warm, sehr warm, ich wollte den Balkon nutzen. Ein paar Tage nach unserer Ankunft machte ich es mir mit meinem fünf Jahre jüngeren Bruder auf diesem Balkon gemütlich. Wir wollten dort frühstücken. Ich hatte unsere Teller mit Weißbrotscheiben, die bestrichen waren mit einer gelben, salzigen Margarine und einer sehr süßen Orangenmarmelade, mit hinausgenommen. Dazu gab es süßen heißen Tee mit Milch. Eine alte Frau sah uns, kam zu uns und redete wild gestikulierend auf uns ein. Ich verstand kein Wort. Was wollte sie nur von mir? Meine Eltern waren nicht da, niemand sprach meine Sprache. Nur eines kapierte ich schnell, sich unter freiem Himmel zu waschen, war okay, unter freiem Himmel zu frühstücken, offensichtlich nicht. Ich fing an zu weinen und wollte einfach nur nach Hause. Von meinem Vater erfuhr ich dann, dass es die Ameisen waren, die ein Frühstück auf dem Balkon unmöglich machten. Später erfuhr ich auch, dass die Verwandten dieses verweichlichte, ständig heulende Kind, das auf dem Balkon frühstücken wollte, befremdlich, um nicht zu sagen, komisch fanden.

Die ersten Tage und Wochen an diesem neuen Ort waren anstrengend und traurig. Ich vermisste meine Mama sehr und stieß täglich auf neue Herausforderungen, neue Verwandte, neues Essen, neue Ansprüche, die an mich herangetragen wurden.

Mama hatte mir Höflichkeit und Respekt beigebracht. Sie hatte mich gelehrt, die rechte Hand zu geben, wenn es galt, jemanden zu begrüßen, und vielleicht sogar einen kleinen Knicks zu machen, so, wie es sich damals für kleine Mädchen gehörte. Schnell musste ich hier lernen, dass diese Art der Höflichkeit nicht ausreichte und auch kein Zeichen von Respekt war. Hier galten andere Regeln. Ich musste eine neue Art von Knicks lernen. Mädchen und Frauen mussten hier umso tiefer knicksen, je höher die Respektsperson, und zwar so weit, dass sie unter Umständen sogar auf dem Boden knieten. Begrüßten Männer eine Respektsperson, hatten sie mit der rechten Hand den Boden zu berühren, je höher die Respektsperson, je intensiver war die Berührung mit dem Boden, soweit, dass sie sich flach auf ihn legten, egal, ob sauber oder schmutzig.

Ich musste lernen, dass Respektspersonen und das waren alle, die älter waren als man selbst, in der Stammessprache Yoruba mit der Höflichkeitsform »Sie« angesprochen wurden.

Ich musste lernen, dass es kein Zeichen von Armut war, mit den Fingern zu essen, dass man sich diese vorher in einer Schüssel wusch, dass mehrere Personen von einem Teller aßen. Ich musste lernen, eine Kugel aus Ebà mit den Fingern so zu formen, dass ein wenig Soße darin aufgenommen werden konnte. Ebà wurde aus Gari, einem Maniokmehl hergestellt. Ich musste lernen, dieses Essen so zum Mund zu führen, dass nicht alles herunterfiel. Ich musste lernen, dass ich nicht zu warten brauchte, bis alle Familienmitglieder sich zum Essen an einem großen Tisch versammelt hatten und man gemeinsam aß, sondern oftmals die Erwachsenen getrennt von den Kindern oder alle verstreut irgendwo. Mir kam es chaotisch vor, weil ich es nicht kannte und anders gewohnt war.

Ich musste lernen, dass die Kerzen, die überall herumlagen, nicht zu Dekorationszwecken gedacht waren. Bei Stromausfall – was oft und unerwartet geschah – waren sie die einzige Lichtquelle. Generatoren gab es in wohlhabenden Haushalten und wohl auch in öffentlichen Gebäuden, aber nicht da, wo wir wohnten. Dass elektrische Geräte durch die häufigen Stromunterbrechungen kaputtgingen, war leider eine Folge davon.

Zwar lernte ich all diese Dinge, aber an sie gewöhnen, konnte ich mich nie.

Eine meiner unzähligen Cousinen wollte, dass ich ihr die Haare flechte. Keine kleinen Rattenschwänze, die hätte ich ja noch hinbekommen. In der Grundschule hatten wir flechten gelernt. Es sollten sogenannte Cornrows sein. Ich wusste weder, was Cornrows waren, geschweige denn, wie man diese Frisur erstellt. Meine Cousine, mit der eine Verständigung nur über meinen Vater möglich war, ließ sich zum Schluss entnervt die Haare von jemand anderem frisieren, sehr verwundert, warum ich dazu nicht in der Lage war. War doch jedes Mädchen hier in der Lage, Haare auf ganz unterschiedliche Art und Weise zu flechten. Wieder war dieses deutsche Mädchen befremdlich und einfach komisch.

Ich passte da schlichtweg nicht hin, weder in das Land noch in die Familie. Nichts, aber auch gar nichts, erinnerte mich an Zuhause in Deutschland. Wobei, doch – da waren die Sachen, die mir meine Mama mitgegeben hatte. Meine Puppen, ein weißer Teddybär und sehr viel Kleidung, sodass meine Eltern erstmal nichts für mich anschaffen mussten. All diese Dinge waren für mich ein Stück Heimat und halfen mir dabei, mein Heimweh zu ertragen. Ob meine nigerianischen Verwandten verstanden, warum ich derart unter Heimweh litt? Wahrscheinlich eher nicht. Denn schließlich waren meine Eltern ja da. Heimweh nach einer anderen Frau zu haben, fanden sie sicherlich seltsam. Ich pflegte meine Sachen, so wie es mir Mama beigebracht hatte und achtete sehr auf alles.

Meine Mutter legte großen Wert darauf, bei allen gut anzukommen. Als diejenige, die gerade aus Europa, aus Deutschland, zurückgekommen war. Als diejenige, die das gelobte Land gerade verlassen hatte. Als diejenige, der man die Statussymbole anzusehen hatte. Sie machte Geschenke und bekam viel Anerkennung dafür. Anerkennung war ihr wichtig, das war stets zu spüren. Und sie tat sehr viel dafür, um Anerkennung zu bekommen. So nahm sie eines Morgens eines meiner schönsten Kleider, die mir Mama genäht hatte, und verschenkte es an die Tochter ihrer Freundin. Ich war entsetzt. Wie konnte sie das tun? Es war doch mein Kleid, es gehörte mir, es war von Mama. Sie hatte es einfach genommen, ohne mich zu fragen, ob das für mich in Ordnung wäre. Natürlich wäre es für mich keineswegs in Ordnung gewesen. Ich fühlte mich ignoriert. Nein, ich fühlte mich nicht wahrgenommen. Ignorieren kann man nur etwas, das man wahrnimmt und bewusst nicht sehen will.

Rebellion war nicht erlaubt, nicht in einer Gesellschaft, in der Kinderreichtum zwar großgeschrieben, aber Kinder nicht wie ein Gut behandelt wurden, so kam es mir zumindest vor. Ich erinnere mich nicht ganz genau, aber ich glaube, dass ich sie gefragt hatte, was sie mit dem Kleid vorhatte, obwohl ich bereits mitbekommen hatte, dass sie es verschenken wollte. An ihre Reaktion erinnere ich mich jedoch genau: »Es macht dir doch nichts aus, oder?« An meine Antwort erinnere ich mich ebenfalls nicht mehr, nur an das Gefühl von Hilflosigkeit, unglaublicher Wut und Traurigkeit. Mama hatte mir stets beigebracht zu teilen. Es war ihr wichtig, dass ich als Einzelkind nicht den Klischees eines verwöhnten, egoistischen Kindes entsprach, so sagte sie immer. Sie hat mir jedoch auch beigebracht, was mein und dein ist, sowie das Eigentum anderer stets zu achten. Übergriffiges Verhalten war mir deshalb von Kindesbeinen an fremd. Die Entscheidung meiner Mutter, mein Kleid zu verschenken, empfand ich als übergriffig. Ich sah sie an und empfand für das, was sie machte, eine große Wut. Zeigen durfte ich sie jedoch nicht.

Ähnlich erging es mir mit meinem weißen, kleinen Teddybären, auf den ich sehr achtete. Meine Mutter war einige Zeit später der Meinung, diesen Teddybären hätte sie von einer Freundin für einen meiner Brüder erhalten. Dass das nicht stimmte, wusste ich und sie hätte es auch wissen müssen. Also schrieb ich meinen Namen auf seine Fußsohlen, um sicherzustellen, dass es mein Teddybär war. Meine Mutter wurde daraufhin sehr zornig, gehörte der Teddybär ihrer Meinung nach doch einem ihrer Söhne, ihren Prinzen. Ich hatte das Gefühl, sie zog meine Brüder mir vor. Das berührte mich jedoch wenig. Eifersüchtig war ich nicht, denn ich hatte meine eigene Mama und meine eigene Familie, die mich liebte. Aber mein Teddy interessierte mich. Ich bin mir nicht sicher, wie die Geschichte mit dem Teddybären ausging. Eins kann ich aber mit Bestimmtheit sagen: Empathie gab es keine für mich, ich fühlte mich allein, hilflos und war unglaublich wütend.

Meine Einsamkeit in diesem Land wuchs. Meine Brüder schienen sich gut einzuleben. Der fünf Jahre Jüngere kam in den Kindergarten und lernte die Sprache. Für den Kleinen, der erst kurz vor der Ausreise geboren worden war, stellte die Eingewöhnung ohnehin kein Problem dar. Meine Schwester und ich versuchten uns zu verständigen, Gemeinsamkeiten zu entdecken, was uns aber nur ansatzweise gelang.

Da ich zunächst die Sprache nicht verstand, hielt ich die lauten und emotionsreichen Unterhaltungen für Streitereien. Später lernte ich, dass es sich einfach nur um andere Temperamente handelte. Doch nicht nur die Temperamente, sondern auch die Erziehungsmethoden waren anders als ich sie aus Deutschland kannte, drastischer. Meine Brüder bekamen davon nichts zu spüren, zumindest nicht in der Zeit, in der ich mit ihnen zusammenlebte. Meine Schwester und Cousinen mussten sie jedoch über sich ergehen lassen. Ich selbst blieb meistens verschont. Nun könnte man vermuten, dass das daran lag, weil ich ein so gut erzogenes deutsches Mädchen war, brav und folgsam. Zwar war ich tatsächlich nicht aufsässig – was aber, soweit ich das beurteilen konnte, auch meine Schwester und meinen Cousinen nicht waren. Bei mir lag der Fall einfach anders. Drastische Strafen waren nicht nötig. Meine Eltern kannten eine bessere Methode. Wann immer ihnen etwas an meinem Verhalten nicht passte, hieß es kurzerhand: »Dann darfst du jetzt deiner Mama nicht mehr schreiben.« Auch bekam ich jene Briefe nicht mehr ausgehändigt, die sie mir aus Deutschland schickte und die meine einzige Verbindung zu ihr waren. Ja, ich war gut erzogen und versuchte mich auch stets so zu verhalten, wie es von mir erwartet wurde. Dennoch fanden meine Eltern immer wieder Gelegenheiten, ihre Macht zu demonstrieren. Meistens spontan, unangekündigt, willkürlich. Das alte Muster eben.

Ich glitt immer weiter in ein Tal der Einsamkeit, einen Weg heraus sah ich nicht. Die Hoffnung, wieder nach Hause zu kommen, war verloren. Ich war und blieb das Einzelkind inmitten einer riesigen Familie, und ich hörte auf zu sprechen.

Eine andere Welt – meine deutsche Enklave

Inzwischen hatten meine Eltern für uns eine eigene Wohnung gefunden und wir lebten nicht mehr bei Verwandten. Dafür wohnten jetzt teilweise welche bei uns. In der Wohnung gab es Möbel, die meine Eltern aus Deutschland mitgebracht hatten. In dem Haushalt konnte man oftmals bis zu zehn Personen zählen, es waren Cousins und Cousinen, Tanten und Onkel, die in dieser Wohnung ein Zuhause fanden. Wie es dazu kam, dass wir Tanten und Onkel hatten, die jünger waren als wir Kinder, habe ich zunächst nicht verstanden. Jedoch lernte ich später, dass der eine oder andere Verwandte mehrere Lieblingsfrauen nacheinander hatte, mit denen er viele Lieblingskinder hatte. Diese wiederum waren mit uns verwandt und so kam es, dass es unzählige Cousins, Cousinen und wohl auch irgendwie jüngere Tanten und Onkel gab. Ganz durchschaut habe ich das nie. Die Wohnung bestand jedenfalls aus einem Wohnzimmer, zwei Schlafzimmern mit jeweils einem Bett, einem Flur, einem Bad und einer getrennten Toilette sowie einer Küche. Eines der Schlafzimmer gehörte unseren Eltern, auf die anderen Räume verteilten sich die anwesenden Familienmitglieder. Das Zimmer mit dem weiteren Bett wurde von der ältesten Person belegt, meistens der Großmutter. Gab es niemand Älteren außer unseren Eltern, teilten wir Kinder uns das Bett. Ansonsten schliefen wir auf Bastmatten auf dem Fußboden.

Meine Eltern hielten diesmal ihr Versprechen – wie selten konnte ich das sagen. Sie meldeten mich an der deutschen Schule in Lagos an. Ich kam im März 1976 in eine dritte Klasse und war, wie so oft, das einzige Schwarze Kind. Die Eltern der anderen Jungen und Mädchen waren entweder Botschaftsangehörige oder arbeiteten bei großen internationalen Firmen vor Ort. Es gab auch Kinder mit weißen und Schwarzen Elternteilen, aber Kinder, deren beider Eltern Schwarz und zudem nicht bei irgendeiner großen deutschen Firma arbeiteten, gab es, zumindest in meiner Klasse, außer mir keine.

Jeden Morgen wurden wir mit einem Schulbus abgeholt. Die Kinder der Nachbarschaft fanden es lustig, hinter dem Bus herzulaufen und etwas zu rufen, was sie allen weißen Ausländern hinterherriefen: »Oyibo peppe«. Ich weiß bis heute nicht wirklich, was es bedeutet, dass es nichts Freundliches war, hatte ich jedoch schnell mitbekommen. Jedenfalls war mir klar, dass mich diese Kinder nicht als eine von ihnen ansahen, deshalb riefen sie es auch, wann immer sie mich sahen.

Die Schule war teuer, sehr teuer. Wie meine Eltern das Geld aufbrachten und warum sie mich auf diese Schule gaben, obwohl sie sich das Schulgeld eigentlich nicht leisten konnten, kann ich nicht genau sagen. Ich denke, sie wollten mir die deutsche Bildung, die ich bereits mitbekommen hatte, weiterhin ermöglichen. Sie versprachen sich davon vermutlich eine gute Zukunft für mich und damit für die gesamte Familie. Das genaue Motiv ihrer Entscheidung war mir zunächst egal. Ich war ihnen dankbar. Ich war froh, dass sie wenigstens dieses Mal ihr Versprechen hielten und ich einige Stunden am Tag in einer deutschen Umgebung verbringen konnte, in meiner deutschen Enklave. Ärztin sollte ich werden, das war die feste Vorstellung meines Vaters.

Erst später erfuhr ich von der Tradition, dass mindestens ein Kind, das einen guten Beruf erlernt hatte, die gesamte Familie finanziell zu unterstützen hatte. Die Familie erwartete es und die meistens Kinder kamen dieser Erwartung nach. Dafür legten alle Mitglieder der Familie zusammen, um diesem Kind die besten Möglichkeiten zu bieten. Möglicherweise war das auch bei mir der Fall. Ich konnte jedenfalls mit dem Berufswunsch meines Vaters für mich zunächst nichts anfangen und hatte eine ganz andere Idee, was meine spätere Arbeit betraf.

Seitdem ich das erste Mal ein Flugzeug betreten hatte, wollte ich Flugbegleiterin werden. Ich wollte fliegen, Flugzeuge waren für mich der Inbegriff von Freiheit. Ich wollte reisen, etwas von der Welt sehen, zurück nach Deutschland fliegen. Ich liebte die Uniformen, sie hatten etwas Klares, Sauberes, Eindeutiges, etwas Adrettes. Ich liebte Flugzeuge, den Geruch von Kerosin. Ich liebte die Vorstellung, die Leute an Bord zu begrüßen, ihnen eine schöne Zeit zu bereiten, stolz durch die Gänge zu schreiten, sie zu bedienen und an ihre Ziele zu begleiten. Und ich liebte das Bild auf den Flughäfen, wenn die Flugbegleiterinnen in Reih und Glied mit ihren Köfferchen hinter den Piloten herliefen. Ein Berufswunsch, der lange anhielt, noch heute liebe ich den Anblick der Crews aus aller Welt. Der Geruch von Kerosin weckt nach wie vor Erinnerungen.

Meine Eltern wollten von diesem Berufswunsch nichts wissen. Später sollte sich herausstellen, dass es ihr Wunsch, beziehungsweise ihre Vorstellung gewesen war, dass ich alle meine Geschwister nach und nach zu mir nach Deutschland holte. Ich sollte sie in Deutschland ausbilden lassen, um auch ihnen eine gute Zukunft zu ermöglichen. Aber bis dahin sollte noch viel Zeit vergehen.

Die erste Zeit in der Schule war einigermaßen zu überstehen. Schnell lernte ich ein Mädchen kennen, ihre Mutter war Deutsche, ihr Vater Nigerianer, sie hieß Anja, kam aus München und sollte für lange Zeit meine Freundin sein. Ich versuchte, fleißig zu sein und von dem zu zehren, was ich in Deutschland in der Schule gelernt hatte. So gut es ging, und es mir möglich war, erledigte ich die Hausaufgaben. In Deutsch war ich gut, auch die anderen Fächer vielen mir zunächst nicht schwer. Sport mochte ich hingegen gar nicht. Schwimmen war für mich der Horror, ich hasste Wasser, ich hatte regelrecht eine Phobie vor Wasser und habe nie richtig schwimmen gelernt. Als es in der dritten Klasse in Deutschland mit dem Schwimmunterricht losging, musste ich aufgrund unserer Ausreise die Klasse verlassen. In meiner neuen Klasse gab es keinen Schwimmunterricht. Die meisten Kinder konnten hervorragend schwimmen und lebten in Häusern mit Pools, für sie war es nichts Besonderes.

Mit der Zeit wurde es in der Schule immer schwieriger und auch die Hausaufgaben konnte ich nicht mehr so leicht bewältigen. Es gab niemanden, der mir half oder mir helfen konnte, ich musste selbst zurechtkommen. Ich ging zu meiner Freundin Anja, die ganz in unserer Nähe wohnte. Manchmal half mir ihre Mutter bei den Hausaufgaben, doch konnte das keine Dauerlösung sein. Wenn ich mich mit Anja traf, spielten wir auch mit ihren Sachen und ich hatte eine kurze Zeit das Gefühl, so sein zu dürfen wie bei meiner Mama in Buxtehude. Anja war meine einzige Freundin. Mehr Kinder aus der Schule gab es nicht in unserer Nähe. Sich mal so zum Spielen mit jemandem zu treffen, ging nicht. Die Entfernungen waren zu groß, wir verfügten nicht über einen Chauffeur, der mich überall hätte hinfahren können. Zum anderen traf man sich in unserer Familie nicht mal so zum Spielen, also zum Nichtstun. Das gab es nicht. Kinder taten nicht einfach nichts.

Die Lehrkräfte waren nett. Sie bemerkten recht schnell, dass ich nicht aus einer typischen Entsandtenfamilie stammte. Das Schulgeld wurde oftmals angemahnt. Man sah mir an, dass wir nicht in Wohlstand lebten. Meine Kleidung wurde mir mit der Zeit zu klein, die Schuhe passten nicht mehr, die Füße schauten hinten und vorne heraus. Die Zähne litten unter der unregelmäßigen Pflege, Zahnbürsten wurden nicht benutzt. Stattdessen wurde eine besondere Art Hölzchen verwendet, auf das man ständig herumkaute, etwas, das ich nicht konnte und wollte. Ich verwendete meine Zahnbürste, die ich aus Deutschland mitgebracht hatte, mal mit und mal ohne Zahnpasta, je nachdem, ob welche vorhanden war. Nach einiger Zeit war die Zahnbürste kaum noch zu verwenden, eine neue hatte ich nicht und einfach eine kaufen, war nicht so ohne weiteres möglich.

Ich war ein stilles und sehr in sich gekehrtes Mädchen, still vor Heimweh, Heimweh nach Deutschland, Heimweh nach meinem Zuhause, Heimweh nach meiner Mama. Ich galt als komisch. Inzwischen war ich neun Jahre alt und lernte in dieser Umgebung das erste Mal das Gefühl von Einsamkeit kennen. Allein fühlte ich mich nie, denn ich war nie allein. Leider, denn dort, wo wir wohnten, waren ständig sehr viele, temperamentvolle, laute Menschen um mich herum. Allein war ich also nie, aber innerlich einsam. Trotz der vielen Menschen gab es niemanden, der mich verstand, weder sprachlich und emotional schon gar nicht. Am ehesten verstand ich mich noch mit Anja.

Ich hatte eine sehr schlechte körperliche Konstitution, war oft krank, bekam oft und schnell hohes Fieber und hatte Bandwürmer. Trotz meiner dunklen Hautfarbe fiel den Lehrerinnen in der Schule mein blasses, fahles Gesicht auf. Eine chronische Müdigkeit war mein ständiger Begleiter. Leider war es keine Seltenheit, dass ich während des Unterrichts einschlief. In unserer Familie war es nicht üblich, darauf zu achten, dass die Kinder genügend Schlaf bekamen. Tagesabläufe, wie ich sie von Zuhause kannte, gab es nicht. Im Haushalt gab es immer Arbeiten, die wir Kinder erledigen mussten.

Während die Kinder in meiner Klasse leckere Schulbrote mitbekamen, aß ich Weißbrot mit Margarine. Ich erinnere mich noch heute gut an dieses Brot und diese Margarine, denn es war meine morgendliche Aufgabe, für alle, die das Haus verließen, Unmengen dieser Brote zu schmieren. Das Brot bekam mir nicht und ich litt nach dem Essen oft unter Magenkrämpfen. Die Margarine war salzig, schmierig und schmeckte merkwürdig, einmal auf dem Tisch gelangt, war dieser ewig glitschig. Wenn man das Weißbrot zu einem Klumpen formte, hatte man einen Flummi. Der Geschmack und der Geruch waren ebenfalls penetrant, kein Vergleich mit dem, was ich aus Deutschland als Weiß- oder Toastbrot kannte. Jedoch war es alles, was es zu essen gab, zumindest für den Moment und der Hunger trieb es rein. Allmählich gewöhnte ich mich an dieses Brot, zumindest hatte ich dann etwas gegessen. Auch gab es noch sogenanntes Graubrot, das war in Scheiben geschnitten, schmeckte leichter und wesentlich besser. Auch das gab es in unserem Haushalt, jedoch war es unserer Mutter vorbehalten. Wir Kinder durften es nicht essen, denn es war teurer als das andere. Geld, alle Kinder mit diesem Brot zu versorgen, gab es nicht. Meine Schwester jedoch war clever und wusste sich zu helfen. Sie nahm einfach aus der Packungsmitte ein paar Scheiben heraus, sodass unsere Mutter es nicht merkte.

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Litres'teki yayın tarihi:
12 kasım 2024
Hacim:
262 s. 21 illüstrasyon
ISBN:
9783944666785
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