Kitabı oku: «Soviel man weiß»
FLORIAN GANTNER
SOVIEL
MAN
WEISS
ROMAN

© 2021 Residenz Verlag GmbH
Salzburg – Wien
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Umschlaggestaltung: buero 8 / Thomas Kussin
Typografische Gestaltung, Satz: Lanz, Wien
Lektorat: Jessica Beer
ISBN ePub:
978 3 7017 4664 4
ISBN Printausgabe:
978 3 7017 1748 4
Inhalt
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Danksagung
1
Eine Wand ist nichts. Ein zugezogener Vorhang ist kein Hindernis. Weil alles, was da ist, sich auch messen lässt. Nehmen wir die Quellenstraße, sagt Marek Kostka, der seit drei Jahren in dieser Straße wohnt, auf die er die letzten Tage von seinem Fenster aus hinuntergeschaut hat, als wolle er wie ein Streetview-Fahrzeug jeden Quadratmeter in sich aufnehmen: 3060 Meter schneidet sie durch Favoriten, von der Südosttangente bis zur Triester Straße. Eine Fahrbahn für Autos, Straßenbahnen und Radfahrer, zwei Gehsteige für Fußgänger. Entlang der Quellenstraße kannst du dir in einundzwanzig Läden die Haare schneiden lassen, in achtzehn Lokalen und an vier Ständen einen Kebab bestellen, es gibt sechs Handyshops, fünf Juweliergeschäfte, vier Wettbüros und vier Schlüsseldienste, die auch Schuhservice anbieten.
Was Schuhe mit Schlüsseln zu tun haben, hab ich mich schon immer gefragt, wirft Benno ein.
Was ich sagen will, fährt Marek fort: Das alles kann man messen und Schlüsse daraus ziehen. Er bleibt vor dem Haus mit der 63 stehen, nickt in Richtung Hausnummer, holt seinen Schlüssel aus der Hosentasche und sagt: Nehmen wir den Sanierungszustand des Hauses, Mietpreis, Lebensstil, soziale Strukturierung und so weiter – das alles sind Daten, die du mit einem entsprechenden Algorithmus entschlüsseln kannst. Damit siehst du in jede Wohnung. Der Algorithmus sagt dir, was hinter den zugezogenen Vorhängen los ist.

2
Sie schwärmen aus in der Stunde, in der die einen bereits schlafen, die anderen aber noch nicht wach sind. Auf diese eine Stunde haben sie gewartet, die Stunde, in der die Straße ihre Verbündete ist und jeden ihrer Tritte schluckt. Niemand soll sie hören.
Eine Gruppe biegt links weg, Parko schnalzt mit der Zunge, was so viel wie Gutes Gelingen, Kommando Jamaal heißt.
Als nächstes Kommando Myrina, rechts weg. Einen fröhlichen Ausruf hören sie. Auch wenn sie alle Masken tragen, die Gesichter verhüllt sind, wissen sie, dass es Varizella war. Crazy Varizella: Ich steck euch an, dann sind wir alle Varizella!
Übrig bleibt das Kommando Dakizo. Mirjam hat diesmal den Namen bestimmt. Sie ist auf einer Website mit afrikanischen Vornamen rumgesurft, hat bis D hinuntergescrollt: Dakizo ist Swahili für Protest. Sie würde gern jemanden kennenlernen, der Protest heißt.
Dakizo erreicht den Zielort. Pollo stellt den Rucksack auf den Boden. Das Klackern der Dosen, aber niemand, den das stören würde. Nur sie sind da: Gradec, Pollo und Mirjam. Einsatzkommando Dakizo steht bereit.
Okay, sagt Gradec.
Mirjam hört heraus, dass er eine bessere Idee hat, sich aber am Riemen reißt. Gradec, Kenner der Zusammenhänge und Meister der cleveren Slogans. Die für Mirjams Geschmack aber manchmal eine Spur zu clever sind. Gradec sprayt etwa Zeigt euch! und erklärt, dass der maximale Effekt der Überwachung gegeben ist, wenn der Überwacher nur als konstante, unsichtbare Drohung existiert.
Mirjam ist das zu sehr um die Ecke gedacht. Wenn der Otto Normalpassant liest Zeigt euch!, denkt er doch nicht an Überwachung. Der denkt höchstens an Versteckenspielen im Kindergarten. Mirjam stellt sich Gradec als Kindergartenkind vor, mit Brille und Pullunder. Der Miniatur-Gradec stolpert durch den Garten und sucht vergeblich die anderen Kinder, stellt sich dabei unglaublich blöd an, rennt immer wieder an stümperhaft Versteckten vorbei, bis er schreit: Zeigt euch! Und Mirjam sieht sich selbst als Pferdeschwanz-Mirjam. Sie sieht, wie sie lachend hinter einem Blumentrog hervorspringt und so tut, als ob Gradec sie entdeckt hätte.
Auch wenn sich andere bei Zeigt euch! vielleicht keinen verpeilten Dreikäsehoch vorstellen – Mirjam ist der Meinung, ein Slogan muss direkter sein. So wie der hier, den sie gebückt schlurfend auf den Asphalt sprüht, Buchstabe für Buchstabe, damit die Kamera da oben auch gut mitlesen kann: WIR ÜBERWACHEN ZURÜCK!
Sie blickt zu Gradec, der es abnickt. Ja, ist unverblümt, direkt, geht schon in Ordnung. Das riesige Auge, das die Überwachungskamera anstarrt, überlässt sie Pollo. Und der macht sich mit Windmühlenarmen an die Arbeit. Pollo, Meister der Spraydose, Kreativkopf des dreiköpfigen Monsters namens Kommando Protest.
Sie laufen zurück zum Headquarter, in die Zentrale, den Hamster*innenbau, die Bums-Residenz – so viele Namen wie Bewohner.
Die Masken sind zwar noch drauf, aber Mirjam spürt das vereinte Grinsen. Mission accomplished, Kommando Dakizo ist zufrieden. Als sie weit genug vom Einsatzort weg sind, schalten sie einen Gang runter. Gradec zieht die Maske vom Gesicht und nickt ihr zu: Und wen genau überwachen wir jetzt?
Die ironische Spitze auf wir.
Bis jetzt konnte er sich zurückhalten, aber jetzt geht’s durch mit ihm. Gradec muss seine Meinung kundtun. Interessant nur, dass er damit nicht wartet, bis sie im Headquarter sind. Da hätte er größeres Publikum. Es scheint ihm unter den Nägeln zu brennen.
Alles klar, Wir überwachen zurück ist kein Revolutionsprogramm, sagt Mirjam. Aber es ist ein Anfang.
Wir haben also einen Anfang. Und weiter?
Mirjam hat sich reingehängt, sich das Wir überwachen zurück keineswegs einfach ausgedacht: Ich dachte da an die Surveillance Camera Players in New York, die sich vor den Kameras aufbauen und Theater spielen –
Gradecs Lachen, mehr Schluckauf als Heiterkeitsbekundung: Okay, verstehe. Du willst also den Clown spielen für die Leute an den Monitoren. Das ist ja ganz nett, aber doch eher kindisch, meinst du nicht? Angreifen wirst du damit niemanden. Wenn wir wehtun wollen, müssen wir auf die Hardware gehen. Mit Laserpointern direkt ins Objektiv zielen. Oder gleich mit der Axt auf die Kabel –
Pollo schaltet sich ein: Warum nehmen wir den Slogan mit dem Zurück-Überwachen nicht wörtlich? Wir trommeln alle zusammen, dann besorgen wir uns noch Guy-Fawkes-Masken und morgen früh stehen wir vor der Kamera und glotzen zurück.
Gradec stöhnt. Mirjam weiß, dass er auch die Fawkes-Masken als kindisch empfindet. Aber bevor er das sagen kann, ruft sie: Warum nicht! Morgen früh starren wir ins nackte Kameraauge!
Im Heimathafen treffen sie auf Kommando Jamaal und Kommando Myrina. Allgemeines Hochleben und Anstoßen auf Vollbrachtes, das dumpfe Klacken von Hartplastik auf Hartplastik.
Kommando Dakizo, Kommando Myrina und Kommando Jamaal lösen sich in Luft auf, und sie alle sind wieder die, die sie vorher waren: Jetzt heißen sie KokoRoschka, Gradec, Varizella, Pollo, Parko, Aquamarina, Chicana und Mirjam. Sie haben sich im Headquarter um den Feuerwasser-Altar versammelt, um Hartplastikbecher in regelmäßigen Abständen in die Höhe zu heben.
Auf uns, my Seaworld, ruft Chicana.
Aquamarinas Antwort ist eine Mischung aus arabischem Schlachtruf und Jodeln.
Parko erzählt Mirjam laut lachend, dass diese Scheiß-Masken gemeingefährlich sind: Koko ist hinter mir gerannt und hat gesehen, dass ich direkt auf einen Postkasten zusteuere. Ich hab natürlich weder ihn noch den Postkasten gesehen, weil die Augenlöcher, irgendwo da oben. Auf einmal spüre ich, wie mich jemand von hinten packt, hochhebt und einen Meter weiter links wieder absetzt. Wie in einem Comic sind meine Füße inzwischen in der Luft weitergerannt.
Mirjam fragt sich, und das nicht zum ersten Mal, was zuerst da war, der Name oder das Outfit. Haben sie ihn Parko getauft, weil er immer in Parkas rumläuft? Parka – Parko? Oder hieß er ursprünglich Paco? Aber ein Mexikaner namens Paco, das ist ungefähr so banal wie ein russischer Ivan. Oder ein Deutscher, der Horst-Rüdiger heißt. Obwohl, sie ist mit einem Rüdiger in die Grundschule gegangen, einen Horst kennt sie aus der Karlsruher Zeit auch noch –
Roschka! Koko! Koko-KokoRoschka! trällert Varizella, als wäre es der Refrain eines bekannten Songs. Dazu tänzelt sie um KokoRoschka, unsichtbare Kastagnetten in den Händen, und drückt abwechselnd ihren Hintern und ihr Schambein an Koko, als wolle sie ihn anmachen. Wenn sie in Stimmung ist, macht Varizella das aber mit so ziemlich jedem. Nur nicht mit Mirjam, ist ihr einmal aufgefallen. Da gibt es irgendeine Grenze. Nicht dass die beiden sich nicht mögen, ganz im Gegenteil. Keine Spur von peinlichem Schweigen, wenn sie mal allein im Zimmer sind. Varizella ist gern zusammen mit ihr, nur ist sie bei ihr weniger Crazy Varizella. Vielleicht blickt sie zu Mirjam auf. Vielleicht liegt es am Altersunterschied? Ist sie ein bisschen Varizellas Mama-Ersatz?
Später wird Gradec von Varizella umtänzelt, dem das sichtlich unangenehm ist. Offensichtlich hat er noch zu wenig getankt, betrunken würde er einfach nur grinsen, so sagt er aber: Lass, Vari.
Sie macht aber unbeeindruckt weiter, Gradecs Unsicherheit spornt sie an. Ergebnis ist ein Balztanz, wie ihn das Headquarter noch nicht gesehen hat.
Da schubst Gradec sie weg: Kannst du dich nicht mal normal aufführen!
Und alles ist für einen Moment nüchtern.
Normal? grinst Varizella ihn an. Wen interessiert denn normal? Komm schon, Gradec, sei kein kleiner Spießer!
Sie nähert sich Gradec, Becken vorgeschoben. Der weicht einen Schritt zurück.
Varizella lacht: Weißt du, Gradec. Dein ständiges Geschwafel –
Sie äfft ihn mit übertrieben tiefer Stimme nach: Mit Überwachung wollen sie nur Uh-mbivalenzen und Uh-nterschiede beseitigen, um Kontrolle zu erlangen. Jede INDIVIDUALITÄT wollen sie unterdrücken, bla, bla, bla.
Sie macht eine theatrale Pause: Aber wo ist deine Individualität? Von oben bis unten der Linke aus’m Katalog. You walk like a Linker, you talk like a Linker. Du siehst sogar aus wie ein Linker. Schau dir mal deine Brille an. Selbst die ist Klischee.
Crazy Varizella ist jetzt beispiellos uncrazy und allen ist klar: Rauschend wird die Party heute nicht mehr. Ein paar betretene Blicke werden ausgetauscht, bald darauf sieht Mirjam verstecktes Gähnen, erste Bewegungen vom Zentrum zu den Rändern, wo sie in neuen Kommandoformationen zusammenstehen oder sich vorausschauend eins der weniger ramponierten Klubsofas sichern.
Der Rücken schmerzt, ihr Mund ist ein Abfalleimer. Lange kann Mirjam nicht geschlafen haben. Rundum wird noch gemützt, wie Pollo sagen würde. Der liegt auf dem nackten Boden, hat sich einen Pulli als Polster untergeschoben. Chicana und Aquamarina Arm in Arm auf der Korpsmatratze I, Varizella hat sich fürs extra durchgelegene Klubsofa entschieden. Von Gradec keine Spur.
Mirjam schaut, ob irgendwo Zigaretten oder Tabak rumliegen. Nichts, nicht mal ein Stummel. Die Letzten haben wieder mal alles säuberlichst aufgeraucht.
Eigentlich ist sie froh, dass die anderen noch schlafen. Sie will noch nicht reden. Sie sollte heimgehen, ein paar Stunden schlafen. Im Bett. Dann sähe alles wieder anders aus.
Im Flur liegt eine Sonnenbrille am Boden, die sie für den Heimweg ausleiht. Draußen lauert ein greller Tag.
Frische Luft in der Lunge, Sonnenstrahlen auf der Haut, das bisschen Bewegung: Alles hilft. Da fällt ihr auf, dass sie drauf und dran ist, am Einsatzort vorbeizukommen. Wenig später steht sie am Kundenparkplatz eines Supermarkts und beäugt ein Graffito, das am Vortag noch nicht da war.
Aus dem Supermarkt kommt ein Junge, Anfang-Mitte zwanzig, sieht das Graffito, grinst, nickt und geht weiter. Das Grinsen und das Nicken haben Mirjam gesagt: Ist auch an der Zeit, dass jemand zurücküberwacht.
Mirjam geht weiter, ihre Stimmung steigt kontinuierlich. Sie biegt in die Quellenstraße ein. Wenige Meter vor ihrem Haus sieht sie den Alten, der unter ihr wohnt, wie er mitten am Gehsteig seine rechte Handfläche begutachtet. Sucht er etwa seine Lebenslinie, der alte Konfusius? Sie zwitschert ihm ein Gut’n Morgähnentgegen, der Alte will sie aber nicht bemerken.
Dann sagst halt nichts, flötet sie noch über die Schulter, wenn auch nicht unbedingt so, dass er es hören kann. Weder eine beleidigte Wirbelsäule noch so ein alter Eigenbrötler können ihre Stimmung jetzt noch trüben.
Aber als sie ihre Wohnung betritt, und noch bevor sie aus den Schuhen geschlüpft ist, kommt der Anruf.

3
Als der Griff der Plastiktasche in seine Handfläche zu schneiden beginnt, stellt Illir Zerai die Einkäufe ab und betrachtet die roten Striemen. Die Sommersonne liefert hervorragendes Licht. Zerai dreht seine Hand und blickt lange auf den Handrücken. Adern, Altersflecken, sonst ist nichts zu erkennen. Dann begutachtet er die roten Stellen an seinem Unterarm. Eine dichte Hülle ist die Haut.
Wie lange man mit ein und derselben Haut durch die Welt läuft. Während Schlangen ohne viel Aufhebens ihre Haut abwerfen. War das Albaner-Sein nicht wie eine aus Volk-Partei-Staat zusammengesetzte Haut, die er problemlos abgestreift hat? Einzig die sogenannten Gedanken der Volksphilosophie konnte er nie abschütteln. In Alltagssituationen schießen sie ans Tageslicht.
Etwa damals, als er genau hier auf der Quellenstraße von einem jungen Mann angerempelt wurde. Anstatt sich zu entschuldigen, warf ihm der Mann nur einen verächtlichen Blick zu. Beleidigt dich dein Feind, bedeutet es, dass du dich auf dem rechten Weg befindest – so eine der Redensarten, die jeder Albaner mit der Muttermilch aufsaugt.
Eine andere Parole kommt ihm in Erinnerung: Der Fluss schläft, aber der Feind schläft nie. Bei genauerer Betrachtung ein Unsinn. Ein Fluss schläft nicht. Er ist immer in Bewegung, sonst wäre er kein Fluss, sondern ein Tümpel. Diese vermeintliche Weisheit der Alten – weit kann es damit nicht her sein. Inzwischen ist er selbst alt, da braucht er keine fremden Scharfsinnigkeiten mehr. Wenn er in seinem Alter noch keine Lebensweisheit erworben hat, wird das auch nichts mehr.
Obwohl er so viel von Volk-Partei-Staat gehört hat, dass es für ein Leben reichen sollte, lassen sich diese Phrasen nur schwer verscheuchen. Kaum spürt er den Schmerz im Knie, hört er den albanischen Ausspruch Wer leidet, der lernt. Nun ja, er hat auch wirklich gelernt, sein rechtes Knie weniger zu belasten und keine abrupten Drehbewegungen zu machen.
Beim Aufsperren der Haustür streift sein Blick das Klingelschild. Die deutsch, türkisch oder slawisch anmutenden Namen sind für ihn die Definition von Europa. Selbst sieht sich Zerai aber keineswegs als Europäer. Es ist komplexer.
Nachdem er dem Albanertum, das für ihn nur mehr aus Volk-Partei-Staat bestand, abgeschworen hat, begann Zerai, sich als Enklave zu betrachten. Außer dem Vatikan, San Marino oder Kaliningrad gibt es in seiner Wirklichkeit noch eine Enklave namens Illir Zerai. Illir Zerai liegt in Wien.
Doch Illir Zerai ist nicht irgendeine Enklave. Da die Stadt Wien selbst eine Enklave in Niederösterreich ist, handelt es sich bei Illir Zerai genau genommen um eine Doppelenklave. Diese Doppelenklave befindet sich hinter Tür 2, Quellenstraße 63.

4
Anscheinend hat der Mann niemanden, sagt Agnes Wallner, die gegenüber auf Tür 3 in der Quellenstraße 63 wohnt.
Dass er da drüben allein wohnt, wissen wir ja dank deiner Neugier. Aber woher willst du wissen, dass er keine Verwandten hat? fragt Gernot Waibl.
Ich hab noch nie bemerkt, dass jemand drüben gewesen wäre. Und er kommt doch eher ungepflegt daher.
Und weil sich niemand um ihn kümmert, fühlst du dich gleich verpflichtet, die Tochterrolle zu übernehmen?
Du könntest ja auch in die Sohnesrolle schlüpfen.
Beim Wort Sohnesrolle reißt sie die Augen übertrieben auf. Ach was, sagt sie, ich kann doch nicht einfach zusehen, wenn ein alter Mann neben uns krank ist.
Will er denn, dass du ihm hilfst? Will er sich von dir bemuttern lassen? Tochter, Sohn, Mutter, bald ersetzen wir ihm die ganze Familie, lacht Gernot. Also, du hast ein paar Flecken gesehen. Was hat er?
Naja –
Herumdrucksen nennt er das, wenn sie nicht gleich eine Antwort findet. Drucks doch nicht so herum – sie weiß, dass das bald kommen wird, deshalb beeilt sie sich: Im Vorbeigehen kann ich das jetzt nicht so genau beurteilen, aber es sah mir ganz nach Scabies aus.
Gernot blickt sie ratlos an.
Die Krätze halt.
Ein Glucksen, dann lacht er los.
Das ist nicht witzig, Gernot. Das kann extrem unangenehm werden, wenn er sich das nicht anschauen lässt.
Also hast du ihm gesagt, dass er zum Doktor gehen soll. Und was hat er darauf gesagt?
Naja –
Sie ärgert sich über seine hochgezogenen Augenbrauen und sein Nicken, das ihr zu verstehen geben soll, dass er nicht den Rest seines Feierabends über ihr neues Pflegeprojekt reden will.
Er war eher abwehrend. Aber ich weiß halt nicht, wie gut sein Deutsch ist. Ob er mich richtig verstanden hat.
Woher ist der überhaupt? Hast du das mal rausgefunden?
Irgendwo Balkan, was weiß ich.
Wenn er sich nicht helfen lassen will, würde ich die Sache für erledigt erklären. Das ist einfach die Euphorie der Jungärztin, die dir keine Ruhe lässt. In ein paar Jahren bist du genauso abgebrüht wie deine Kollegen, da läufst du an solchen Leuten vorbei.
Ja, eh. Trotzdem kann ich das nicht einfach ignorieren. Der Mann wohnt direkt neben uns. Man muss doch aufeinander schauen.

5
Der Mann auf dem Balkon gegenüber hat weiter nichts als eine kurze Hose an. Sein braungebrannter Oberkörper glänzt in der Sonne, er hat ihn wohl eingeölt. Stolz trägt er seinen Brustkorb vor sich her, obwohl er das sogenannte beste Alter längst hinter sich gelassen hat. Von seinem Wohnzimmerfenster aus kann Illir Zerai erkennen, dass die Haut des Mannes bereits schlaff und ledern ist.
Für einen Augenblick bleibt der Mann stehen und sieht zu Zerai herüber. Nur kurz, aber Zerai entgeht der prüfende Blick nicht. Ja, ich bin da und ich gaffe zurück. Und ja, ich habe dich gesehen, sagt sich Zerai, ich weiß, dass du auch heute wieder deine Turnübungen am Balkon abhältst. Ob der Nachbar Zerais hochgezogene Mundwinkel gesehen hat? Ahnt er, dass Zerai seine Gockelhaftigkeit lächerlich findet? Armselig. Letztlich auch traurig, wie der Alte dort herumstolziert an diesem Spätsommermorgen.
Da kommt ihm der Gedanke, dass der Nachbar für ihn die gleiche Bezeichnung benützen könnte. Während Illir Zerai aus dem geöffneten Fenster zum Nachbarn hinüberblickt, sieht der Nachbar vom Balkon aus zu ihm, Zerai, und denkt in diesem Moment vermutlich genauso: Da drüben steht er, der arme Teufel vom Nachbarhaus.
Als der Mann am Balkon mit den Kniebeugen beginnt, befindet Zerai, dass er genug gelüftet hat. Während er das Fenster schließt, murmelt er mit tonloser Stimme: Wir müssen uns stählen, um die Kraft des Proletariats unbezwingbar zu machen. Kaum hat er diesen Satz ausgesprochen, erschrickt er.
Er dachte, die Parolen und Losungen für immer abgeschüttelt zu haben. Er dachte, die Sätze des Diktators wären als leere Worthülsen an einer entlegenen Stelle seines Gehirns wie in einem Endlager deponiert. Aber anscheinend wollen diese Sätze jetzt, fast vierzig Jahre, nachdem er sie abgelegt hat, nicht länger verborgen bleiben. So viele Jahre ist es her, dass er die Arbeit beim staatlichen Radiosender an den Nagel gehängt hat und geflüchtet ist. Und jetzt auf einmal sind die Worte des Genossen Enver Hoxha, Führer der Partei der Arbeit und des albanischen Volkes, wieder da. Aber Wir müssen uns stählen, um die Kraft des Proletariats unbezwingbar zu machen ist nicht der einzige Satz Hoxhas, der wieder da ist. Mit einem Mal kann er jeden beliebigen Satz des Genossen aus seiner Erinnerung hervorholen.
Er weiß, dass er die Losungen damals als inhaltsleer abgetan hat. Abgeschmackte Maximen waren Alltag, nichts, worüber man sich den Kopf zerbrach, geschweige denn, was man sich merken musste. Dennoch kommt ihm, als er im Spülbecken eine leere Milchpackung mit dem Bild einer Kuh sieht, die Parole in den Sinn: Die Albaner essen lieber Gras, als die Ideale der Revolution zu verraten.
Illir Zerai nimmt die Gratiszeitung zur Hand, die er am Heimweg von seinem Einkauf mitgenommen hat. Auf dem Titelblatt ist eine Raumfähre abgebildet. Schon ist ein passender Satz Hoxhas zur Stelle: Die Supermächte haben das Weltall mit Spionagesatelliten, mit Raketen und Antiraketen vollgestopft, die mit todbringenden Strahlen- und Lasersystemen, mit Nachrichtenapparaturen und so weiter ausgestattet sind; ein echtes Chaos, das die große Gefahr des Zusammenstoßes birgt.
Er erinnert sich, dass dies einer der Sätze war, der eine Gewissheit in ihn gepflanzt hat: die Gewissheit, dass Genosse Enver Hoxha, Führer der Partei der Arbeit und des albanischen Volkes, der gut informierte Kenner der politischen Weltentwicklung Enver Hoxha, eindeutig Gefahr lief, eine Grenze zu erreichen.
Die eines Tages plötzlich überschritten war. Wobei Zerai zu der Überzeugung gelangte, die alles andere verdrängte: Enver Hoxha ist wahnsinnig.
Und wenig später begriff er: Illir Zerais Stimme war es, die die Reden des Wahnsinnigen mittels Radiowellen in die Welt sandte.
Wem konnte Zerai seine Entdeckung mitteilen? Wenn er sie jemandem anvertraute, würde er mit dem nächstbesten Lastwagen in den Norden gekarrt werden, nach Fushëbar oder gleich nach Burrel. Umerziehung durch produktive Arbeit würde sein Schicksal besiegeln.
Eines Tages konnte er nicht mehr. Er lag neben Jetmira und sagte mit leiser Stimme, als schwöre er ihr seine ewige Liebe: Enver Hoxha ist wahnsinnig.
Entsetzt klammerte sich Jetmira an ihn, klammerte sich an das gute Leben. In ihrem Gesicht die Angst, als würden sie mit ihren eleganten Anzügen plötzlich mitten im Schlafzimmer der Zerais stehen. Die Sigurimi brauchte nicht zu klopfen.
Das darfst du nie wieder sagen, hast du mich gehört. Das musst du in dir verstecken.
Sie griff an seine Stirn: Aber nicht hier, das darf nicht in deinem Kopf bleiben. Du musst eine andere Stelle finden, wo du es verstecken kannst.
Sie strich ihm mit der Hand über die Brust, über Ober- und Unterarme.
Unter die Haut müsste ich diese Entdeckung verbannen, war sein erster Gedanke.
Die Augen des vëzhgues, des Beobachters. Er saß meist hinter der Glasscheibe, während Zerai die Sätze ins Mikrofon sprach. Zef Drini, Spaßvogel Zef, der immer den Eindruck vermittelte, als mache er seine Arbeit nur, weil sich sonst niemand dafür finden lasse. Aber dann kam der neue Beobachter. Spiro Jaku, stellte er sich vor. Die Tontechnikerin flüsterte Zerai zu: Weißt du, was aus Zef geworden ist?
Zef war von einem Tag auf den anderen weg. Vom Erdboden verschwunden. Und nun dieser Spiro Jaku, der Zerai von Anfang an verdächtig erschien. Er saß mit einer Miene hinter der Scheibe, als verbüße er eine Strafe: Weil die letzten Informationen, die du uns geliefert hast, wertlos waren, musst du jetzt den Beobachter machen. Wir lassen den Radiomann eine mehrseitige Rede des Genossen Enver Hoxha einsprechen und jede Zeile lassen wir dich auf ihre Richtigkeit überprüfen. Und wehe, du bringst uns noch einmal so belanglose Informationen, dann bist du weg vom Fenster.
Panik kroch Zerais Rücken hoch: War jemand zum Direktor gelaufen, hatte man ihn angeschwärzt? Er ging mögliche Verfehlungen durch. Der Witz über die Mondrakete und die Diktatur des Proletariats? Harmlos. Aber hatte jemand Böses im Sinn, konnte er selbst so eine Kleinigkeit zum Verrat an der Partei aufbauschen. Schon ging Zerai Namen durch. Wer hatte den Witz gehört? Wer könnte ihm feindlich gesinnt sein?
Zerai las die deutsche Übersetzung von Hoxhas Rede, verhaspelte sich immer wieder, da er an den kleinsten Bewegungen des Beobachters zu erkennen glaubte, dass dieser auf etwas aufmerksam geworden sei. Gleichzeitig ärgerte er sich über seine Unprofessionalität, darüber, wie leicht er sich aus dem Konzept bringen ließ: ein Blick oder eine Geste genügten. Aus dem Augenwinkel registrierte er aber jede Regung, und nach jeder Bewegung, die er hinter der Scheibe ausmachen konnte, ging Zerais Gehirn schnell noch einmal durch, was er zuvor gesagt hatte: Gab es eine falsche Wendung, einen Versprecher, der eine Mehrdeutigkeit zuließ?
Manchmal glaubte er, ein wissendes Leuchten in den Augen des Beobachters zu erkennen. Das waren die Momente, in denen er schnell den Blick abwandte. Weil er aber wusste, wie wichtig es war, dem forschenden Blick der Partei standzuhalten, bemühte er sich, das Abwenden zwanglos erscheinen zu lassen. Was ihm in dieser Situation nicht weiter schwerfiel. Er musste weder die Reinlichkeit seiner Fingernägel kontrollieren noch sich vergewissern, ob seine Schnürsenkel aufgegangen waren – es reichte, sich auf den vor ihm liegenden Text zu konzentrieren:
Im Verlauf seiner Existenz hatte das albanische Volk unter Kriegen schwer zu leiden, die zum Schaden seiner Freiheit, seiner territorialen Integrität und nationalen Unabhängigkeit geführt wurden. Wir Albaner als Volk, als Partei, als Staat haben im Kampf um unsere Integrität, Freiheit, Unabhängigkeit, Kultur und eigene Existenz die Taktiken unserer äußeren und inneren Feinde zu verstehen gelernt, wir haben gelernt, ihre Ziele, Pläne und Verschwörungen zu lesen. Auf dieser Grundlage haben wir, das Volk der Adlersöhne, eigene Taktiken des Widerstands entwickelt, so endete die Rede des Genossen Enver Hoxha.
Illir Zerai gab der Tontechnikerin ein Zeichen. Das Aufnahmelämpchen erlosch.
Er drehte sich zum Beobachter und sah, wie dieser ihn angrinste. Zerai senkte den Blick, der auf seine abgetretenen Schuhe fiel – und mit einem Mal war ihm das herablassende Auftreten dieses Spitzels unerträglich.
Mit herausforderndem Lächeln wandte er sich an Spiro Jaku: Ein weiteres Mal hat Genosse Enver Hoxha den Nagel auf den Kopf getroffen.
Spiro Jaku sah ihn mit erprobtem Blick an: Als würde er hinter Zerais Augen blicken, wo er dessen wahre Gedanken lesen könnte. Doch dieser Spitzel hatte keine Ahnung von Illir Zerais eigenen Taktiken des Widerstands.

6
Frau Doktor, sagt Gernot, als er die Wohnung betritt. Die Begrüßung war aufgekommen, als sie vor einem knappen Jahr mit dem Turnus angefangen hatte. Wobei sich die Ironie allmählich abgeschwächt hatte und spätestens ganz verloren ging, als Gernot Agnes’ ersten Gehaltszettel zu Gesicht bekam. Von da an hatte sie manchmal das Gefühl, das Frau Doktor höre sich ein wenig wie ein Vorwurf an.
Ist schon ein Witz, sagt Agnes und wirft sich neben Gernot aufs Sofa: Ich hab dir doch von diesem Patientenbegleiter, dem Berger, erzählt. Ich komm zu einer Patientin und die meint, der Herr Doktor habe ihr die-und-die Salbe empfohlen. Dann frag ich sie, welcher Doktor, und sie sagt: Na, der Herr Doktor Berger! Nur weil er ein bärtiger Mann in mittlerem Alter mit selbstgefälligem Auftreten ist, hält ihn gleich jeder für einen Doktor. Ich weiß nicht, wie oft dafür zu mir heute Danke, Schwester gesagt wurde.
Steht nicht auf deinem Namenskärtchen, dass du Doktor bist? Einmal mit dem Finger draufzeigen und schon wissen sie, dass du Frau Doktor Wallner bist. Sollte doch kein Problem sein.
Agnes holt sich ein Glas Wasser aus der Küche. Sie ärgert sich über Gernots Patzigkeit. Vom Museumscasanova, den sie im Naturhistorischen Museum kennengelernt hat, ist er momentan weit entfernt. Sie war gemeinsam mit ihrer Freundin Carina vor einigen Bernsteinfossilien gestanden, als er sich neben sie gestellt hatte. Er hatte sich leicht zu ihr gebeugt und gesagt, als würden sie sich kennen: Schwer vorstellbar, wie lange der Flügel schon im Bernstein eingeschlossen ist. Mit der Zeit sind sie eins geworden, der Flügel und der Stein. Er hatte es so leise gesagt, dass nur sie es hören konnte, denn Carina war kommentarlos zu den nächsten Steinen weitergezogen. Agnes’ Augen blieben auf die Fossilien gerichtet, und sie wusste, dass das ein Moment war, den sie nicht vergessen würde. Ja, sogar Carina, die Gernot seither nur noch den Museumscasanova nennt, spürte das.
Aber dass ihre Beziehung ein wenig eingeschlafen ist, dafür sieht sie sich auch selbst in der Verantwortung. Agnes’ erstes Jahr am Krankenhaus war anstrengender als erwartet gewesen. Mit der plötzlichen Verantwortung, der Intensität der Dienste hatte sie gerechnet. Doch es kamen Aspekte hinzu, die sie nicht bedacht hatte. Mit jeder Station wurde sie in ein neues Biotop geworfen, das eigenen Regeln gehorchte. Auf jeder Abteilung musste sie von vorne anfangen, ihre Position zwischen Ärzten und Pflegepersonal einnehmen, den richtigen Ton finden, Gruppen und Gräben erkennen. Für Beziehungspflege hatte sie wenig Energie aufgebracht im letzten Jahr. Das sollte sich ändern.
Das Wasser fließt schon wieder nicht ab. Agnes holt fluchend die Saugglocke, den sogenannten Hektor, und macht sich an die Arbeit. Gernot taucht hinter ihr auf und nimmt ihr den Hektor ab:
Du weißt, du kannst jederzeit zu mir ziehen. Bei mir ist der Abfluss tipptopp, grinst er. Aber ich weiß schon, so leicht kriege ich dich nicht raus aus dem Loch.
Aus meinem Loch, präzisiert Agnes. Sie weiß, dass es ihm völlig unbegreiflich ist, weshalb sie, die Jungärztin, an dieser abgenutzten Altbauwohnung festhält.
Was macht eigentlich dein Pflegeprojekt? fragt der pumpende Gernot, die Stimme etwas gepresst vor Anstrengung: Wie heißt er noch?
Herr Zerai.
Genau, Zerai. Was macht der Ausschlag, war er beim Arzt?
Ich hab ihn gestern im Stiegenhaus getroffen. Aber ich komm nicht so richtig durch zu ihm.
Das stimmte so nicht. Agnes hat an Herrn Zerais Reaktionen erkannt, dass sie durchaus zu ihm durchgedrungen war. Sie kann sich ihr Interesse für den alten Mann selbst nicht erklären. Herr Zerai ist kein Vateroder Großvaterersatz. Es ist dieses Gefühl, wenn sie ihm im Stiegenhaus gegenübersteht und ihn anblickt. Das Wissen, dass hinter der Maske, die sich dieser einsame Mann aufgesetzt hat, etwas Lehrreiches steckt. Sie würde gern hinter die Maske schauen.
Agnes sitzt im Stiegenhaus. Wenn das jemand sieht. Frau Doktor sitzt auf der obersten Stufe und wartet auf ihren Patienten. Der genau genommen gar nicht ihr Patient ist, gar nicht sein will. Und: Wen würde es schon interessieren, was sie da macht? Sitzt doch nur da.
Aber wenn sie dem Zerai das Crotamitex nun in die Hand drückt, dann zwingt sie ihn quasi in die Patientenrolle. Idiotische Bedenken. Der Mann ist krank, da ist es meine Pflicht, etwas zu tun.
Sie versucht, die Tube um ihren Zeigefinger kreisen zu lassen. Wie die Bleistifte während der Unterrichtsstunden, die Kugelschreiber in den Vorlesungen. Aber die Tube ist zu breit und das Training zu lange her, die Tube fällt immer wieder herunter.
Agnes hört die Tür zufallen, Zerai! ist ihr erster Gedanke. Schritte im Stiegenhaus, langsam, wie die eines alten Mannes. Sie steht auf, der Hintern schmerzt nach dem langen Sitzen auf dem harten Boden. Von dem bisschen Rumsitzen? Hypochondrischer Eid, so der Dauerscherz auf der Gastro. Beim ersten Mal fand sie ihn auch witzig.
Nein, da sind noch andere Schritte, eine zweite Person. Sie hört eine fremde Stimme: Wieso soll ich denen Information frei Haus liefern? Liefern ist schon mein Ding, aber Daten kriegen sie nicht von mir, verstehst du? Ich meine, Daten schon, aber was für welche, das ist der Witz dran.
Agnes erkennt den Grund für die Langsamkeit, mit der die Schritte die Stufen heraufkommen. Das ist nicht Gebrechlichkeit, sondern eine Mischung aus angeregtem Gedankenaustausch und studentisch-coolem Schlurfgang. Es nähert sich der Student, der schräg über ihr wohnt, in Begleitung eines Freundes.
Entschuldige, aber das ist schon ein Schmarrn, sagt der Student lachend. Möglichst unterschiedliche Sachen liken, nur damit die nicht wissen, wie du tickst? Warum dann überhaupt das ganze Liken? Da kannst du – Oh, hallo!
Als ob sie die zwei Jungs abpassen würde. Unaufgefordert erklärt Agnes, dass sie auf ihren Nachbarn warte, weil sie ihm eine Salbe geben wolle. Was zu viel Info ist, wieso sag ich das, kann denen ja egal sein. Und wahrscheinlich halten die beiden sie für eine, die jedem auf die Nase binden will, was sie von Beruf ist: Frau Doktor Wallner, ja, ich mache Karriere, aber hey, meine Studienzeit ist noch gar nicht lange her.
Gesagtes lässt sich nun mal nicht rückgängig machen, aber die beiden gehen an ihr vorbei und scheinen sich überhaupt nicht zu fragen, weshalb sie da im Stiegenhaus rumsteht und auf einen Patienten wartet. Die nicht abgeholte Bestellung. Ihr fällt zum ersten Mal auf, dass das ein schon irgendwie schräges Bild ist: Ich stehe da wie bestellt und nicht abgeholt. Während oben Schlüsselgeklimper und das Aufsperren von Tür 4 zu hören ist, stellt sie sich eine ausgekühlte Pizza mit ihrem Gesicht drauf vor, Olivenaugen, Pilznase, Schinkenmund.
Pizza. Carina und sie haben jedes Jahr ihre Projekte. Vor zwei Jahren klapperten sie die Stadt auf der Suche nach dem perfekten Sushi ab – wenig überraschend gewann ein Restaurant im ersten Bezirk. Letztes Jahr galt es, Wiens besten Falaffelproduzenten ausfindig zu machen, und heuer lautet die Frage: Wo gibt es die ultimative Pizza wie in Italien?
Es ist September und ihr habt die perfekte Pizza immer noch nicht gefunden, stellte Gernot vor zwei Tagen am Telefon fest: Darf ich euch ein wenig unter die Arme greifen, damit ihr nicht bis zum Jahresende im Dunklen tappt? Ich hab für uns zwei einen Tisch bei Da Ferdinando reserviert.
Müsste es nicht heißen: Ich hab einen Tisch da Ferdinando reserviert? warf Agnes ein.
Wenn du meinst. Von Sprachen hab ich keine Ahnung, mein Gaumen ist dafür praktisch unfehlbar. Wenn ich dich da Ferdinando überzeuge, dass es dort die beste Pizza Wiens gibt, kannst du ja mit Carina noch mal hingehen.
Schon gut, beim Abschiedsabend muss Carina nicht dabei sein. Bist mein Freund, nicht ihrer.
Der Italiener in Hietzing servierte wirklich die ultimative Pizza, und Agnes fand noch irgendwie Platz für Peperonata-, Bresaola- und Rigatoni-Kostproben. Nicht weniger exzellent war die Flasche Aglianico del Vulture. Am Heimweg im Taxi flüsterte Gernot ihr ins Ohr: Ich hoffe, du langweilst dich nicht zu sehr, während ich in Moskau bin.
Eine Woche ist schnell rum – vor allem wenn man täglich da Ferdinando pilgert, um sich systematisch durch die Pizzaauswahl zu probieren. Wirst ganz schön Augen machen, wenn eine kugelrunde Agnes dir die Tür aufmacht.
Mmmmh, noch mehr Agnes. Gernot strich über die Innenseite ihres Schenkels, seine Hand rutschte immer höher. Er küsste ihren Hals, die Stelle unterm Ohr. Offensichtlich konnte er es kaum erwarten, ins Bett zu kommen und die Noch-nicht-kugelrunde-Agnes zu kosten.

7
Gar nicht langweilig, die Nachbarin, sagt Benno. Hast du bei der mal was probiert?
Marek bereut, dass er Benno zu sich eingeladen hat. Wie konnte er auf den Gedanken kommen, dass ausgerechnet Benno weiß, wo er Bea finden kann. Auch wenn Benno gerne behauptet, jeden zu kennen, egal wie doof oder hässlich. Gerade deshalb ist ihm Bea verborgen geblieben. Er hat keinen Sinn für sie, er kann sie gar nicht kennen.
Ihm zu sagen, er solle die Klappe halten und abhauen, würde eine Grenze überschreiten. In dem Jahr, das sie zusammen in einer WG verbrachten, haben sie sich nicht unbedingt Höflichkeiten an den Kopf geworfen. Aber inzwischen sieht man sich zu selten, um ohne weiteres verbale Grobheiten auszutauschen. Marek muss Bennos Besuch einfach aussitzen.
Außerdem will er etwas von ihm. Wenn der sich nur beeilen könnte: Benno holt ein schwarzes Täschchen aus seinem Rucksack, öffnet langsam wie ein Hohepriester den Reißverschluss und nimmt eine Digitalwaage heraus. Er will wohl zeigen, wie professionell er inzwischen ist. Dabei ist er, seinem manchmal verwirrten Gefasel nach zu schließen, noch immer selbst sein bester Kunde.
Damit du weißt, dass ich dich nicht übers Ohr hau, siehst du, aufs Milligrämmchen, sagt er, und im Handumdrehen baut er einen Joint, natürlich inside-out und natürlich auf Mareks Kosten. Aber Marek sagt nichts, er weiß schon, wie Bennos Reaktion aussehen würde: Wir müssen doch kontrollieren, ob’s gut ist. Einmalige Protodrehung gehört zum Lieferservice. Irgendetwas in der Art.
Marek zieht am Joint, wartet auf die Wirkung. Die setzt zwar nach wenigen Augenblicken ein, trotzdem möchte er Benno nur loswerden. Du gehst mir grad unglaublich auf die Nerven mit deinem ewig gleichen Gerede, schwirrt es ihm durch den Kopf. Kannst du jetzt einfach gehen? Nein, unmöglich.
Kannst du gehen, ich ruf dich irgendwann an, okay? Nein, die Abneigung, die er gerade spürt, lässt sich nicht in Worte fassen. Ist auch nicht durch Worte zu verbergen. Würde er den Mund aufmachen, er würde so oder so verletzend. Marek erinnert sich, wie die WG damals kollabiert ist: Als die Besucher bei Benno überhandnahmen und Theresa (die Jura-Studentin!) nicht länger ignorieren konnte, dass ihr Mitbewohner etwas definitiv Illegales betrieb, spielte sie die Empörte. Marek hat Benno damals verteidigt, wenn auch mit diffuser Argumentationslinie. Ihm wollte kein stichhaltiger Grund einfallen, weshalb es in Ordnung sei, dass Tag und Nacht Fremde an der Tür läuteten, um auf die Schnelle ein paar Gramm Gras zu kaufen. Marek warf Theresa vor, spießig zu sein, ihre Biederkeit nervte letztlich noch mehr als Bennos Geschwätz. Die Stimmung in der WG kippte und das Ergebnis war, dass Theresa (angehende Juristin und Hauptmieterin!) erst den Vermieter kontaktierte und sie schließlich durch handzahme Mitbewohner ersetzte. Marek erklärte Benno daraufhin, er habe fürs Erste genug von Wohngemeinschaften, womit er einer gemeinsamen Wohnungssuche indirekt eine Abfuhr erteilte, gleichzeitig aber eine lose Freundschaft am Leben erhielt, die nicht zuletzt einen praktischen Marihuana-Zustelldienst beinhaltete.
Alter, schau, dass du mal was auf die Reihe kriegst, sagt Benno. Jedes Mal, wenn ich herkomme, sieht’s hier noch ein wenig grindiger aus. Hast du keinen Geschirrspüler? Ich war zwar nicht auf’m Klo, aber wenn ich mich so umschaue, verkneif ich mir das lieber. Was ist, wenn du eine Frau hierher mitnimmst? Die holt sich ja einen Pilz, noch bevor sie im Bett mit dir landet.
Bea würde es nichts ausmachen. Sie ist nicht von der pingeligen Sorte, sie trinkt aus Bierflaschen, die sie aus Badewannen angelt und mit dem Feuerzeug öffnet.
Benno gibt Marek den Joint.
Hast du ein halbwegs sauberes Glas, ich hätte gern ein Wasser.
Eine heikle Situation: Wenn Benno anfängt, sich wohl zu fühlen, schwelgt er bald in Erinnerungen an die WG-Zeit. Das kann sich in die Länge ziehen, und er beginnt wie nebenbei den nächsten Joint zu drehen und Marek hat ihn den ganzen Nachmittag dasitzen. Soll er sagen, dass ihm nicht gut ist, dass er Zahnschmerzen hat? Oder Kopfweh?
Mann, diese gelben Ränder. Besorg dir so Chlorzeug zum Sprühen, sonst kriegst du das nie mehr weg. Oder ist das cool, fährst du auf dem Shabby-Chic-Zug mit?
Ja, Kopfweh geht: Hast du ein Aspirin dabei?
Nein, wieso? Kopfweh?
Mhm.
Hab mich schon gefragt, warum du so still bist. Komm, ich massier dich.
Benno lacht und boxt Marek gegen die Schulter.
Dann werd ich mal aufbrechen.
Hat geklappt.
Danke fürs Wasser. War ausgezeichnet. Und igel dich nicht so ein, meld dich mal. Musst ja nicht wieder bis zur nächsten Bestellung warten.

8
Was ist los ich erreiche dich nicht, tippt sie ins Handy. Seit drei Tagen ist Gernot in Moskau. Sie haben vereinbart, dass er sich meldet, schon gestern hätte er anrufen sollen. Wie sie das hasst, wenn er sich nicht einmal an einfache Vereinbarungen hält. Kurz melden, dass man gut angekommen ist, was ist da schon dabei. Eine SMS, dass der Tag lang war und die Unterkunft wieder einmal untere Liga. Jeder macht so etwas. Bloß Gernot nicht. Und wenn sie dann eingeschnappt ist, kommen ein weiteres Mal die halbgaren Ausreden: So viel um die Ohren, es war schon so spät, nächstes Mal meld ich mich bestimmt. Und dann meldet er sich bei der nächsten Dienstreise auch wirklich gleich, sobald er im Hotel angekommen ist. Und bei der übernächsten? Wieder totale Stille.
Das war früher anders. In den ersten Wochen hat Gernot ihr fast jede Stunde eine SMS aus dem Büro geschickt. Die Nachrichten waren charmant, verspielt, flirtend, er schaffte es immer wieder, sie zu überraschen. Einmal hatte er ihr einen unverständlichen Text geschickt, fremdsprachige Wörter, dazwischen Zahlen. Sie hat den Text in die Google-Suchmaske eingegeben und herausgefunden, dass es Tschechisch war für Du hast zwischen 17. und 19. Juni nichts geplant, oder? Ich schon. Gernot hatte heimlich in ihrem Kalender nachgesehen, wann sie ein freies Wochenende hatte, und für sie beide ein Vier-Sternehotel in Prag reserviert.
Agnes durchforstet ihr Smartphone. Facebook, WhatsApp, Skype. Online findet sie ihn nicht. Wie satt sie das hat, immer soll sie ihm hinterherlaufen. Auch das war nicht immer so.
Drei Tage. Ihre Nachricht bleibt unbeantwortet. Agnes wählt Gernots Nummer, hört, wie ihr Anruf reist: maschinelle Töne, die ein Inlandsgespräch nicht produziert, sondern nur ein Telefonat in die Ferne. Es surrt und pfeift, bis auf einmal der Empfänger in Moskau erreicht ist: Am anderen Ende läutet es. Und da auf einmal die Stimme. Eine Frau. Russisch.
Agnes legt auf.
Dafür gibt es jetzt sicher hundert Erklärungen, aber sie hat nur das Bild von einer Russin und Gernot. Gernot mit einer Russin. Gernot, der der Russin das Telefon abnimmt, Spinnst du! sagt, auch wenn sie das nicht verstehen kann. Sie sieht, wie die Russin kichert, und sie sieht Gernot, der die Frau zu sich zieht, weil es ihm schon wieder egal ist, schließlich gibt es hundert Erklärungen:
Die haben mein Handy gestohlen, mir ist es nicht gleich aufgefallen, ich hatte ja viel um die –
Mein Handy ist auf dem Tisch gelegen und eine Kollegin vor Ort ist einfach drangegangen. So sind die in Russland, nehmen schon mal ab, wenn’s irgendwo läutet und keiner abhebt.
Das Handy ist rumgelegen. Ich war gerade bei einer Besprechung.
Ich war gerade am Klo.
Ich war –
Ich war mit den Kollegen essen, den Mantel hab ich abgegeben. Die Kellnerin hat gehört, dass etwas läutet, ist einfach drangegangen, so sind die, und sie hat nur gesagt, du sollst bitte warten, sie ist gerade dabei, mir das Handy zu bringen. Warum legst du auch gleich auf?
Agnes läuft durch die Wohnung. Sie hat Hemmungen, noch einmal anzurufen. Was macht man in so einer Situation?
Die Stimme der Frau geht ihr nicht aus dem Kopf. Wie vergnügt sie geklungen hat, dabei der sarkastische Unterton.
Wie sie wohl heißt? Mascha vielleicht. Ivana? Agnes stellt sich vor, wie Gernot neben ihr liegt. Sie raucht. Er nimmt ihre Zigarette und zieht. Ein leichter Schwindel, ein angenehmes Gefühl. Der russische Tabak ist stärker und er hat lange nicht mehr geraucht. Dort ist alles ein wenig anders, warum sollte nicht auch er ein wenig anders sein. Sie kann ja auch anders sein. Während er früher höchstens ein bisschen gepafft hat, inhaliert er jetzt den Rauch, als wäre er eine Delikatesse. Ansonsten ist er im Bett eher passiv, hier nimmt er Ivanas Hand und legt sie entschlossen auf seinen Schwanz –
Wenn sie nichts macht, wird sie wahnsinnig. Agnes muss etwas unternehmen, sonst geht die Fantasie mit ihr durch.
Sie ruft noch einmal an. Wieder die metallenen Geräusche, dann bricht die Verbindung auf einmal ab. Das Handy ist ausgeschaltet. Er hat es abgedreht.
Das muss nichts bedeuten, vielleicht ist der Akku leer.
Vielleicht –
Agnes geht in die Küche. Was gibt es zu tun? Irgendwann sollte sie was essen, längst Zeit fürs Abendessen. Was ist da? Sie hat jetzt wirklich keine Lust, etwas zu kochen. Lieber eine Tiefkühlpizza in den Ofen, zusehen, wie sie langsam genießbar wird. Klingt beruhigend, ist es sicher, irgendwie.
Wir nehmen eine Flasche Cabernet Sauvignon dazu. (Wie Gernot die Kellnerin angelächelt hat, und wie die zurücklächelte.) In einer Gasse unweit des Pantheons hatten sie eine Osteria entdeckt, die ihnen nicht als Touristenfalle erschienen war. Agnes beeindruckte, wie natürlich Gernot mit den Italienern auf Deutsch redete. Wenn sie grüßte oder etwas bestellte, packte sie ein paar Italienischvokabeln aus und formte Minimalsätze. Gernot gab sich hingegen keine Mühe. Was ihm aber niemand übelnahm. Im Gegenteil, er wurde von jedem verstanden und in den paar Tagen, die sie in Rom verbrachten, wiederholt in Gespräche verwickelt. Agnes stand dann daneben, während die Einheimischen auf Gernot einredeten und er auf Deutsch antwortete, als handle es sich dabei um eine Spielart des Italienischen.
Verstehst du denn irgendwas? fragte sie ihn einmal.
Die meisten Leute reden doch immer das Gleiche, hier wie anderswo. Kennst du den Zusammenhang, weißt du, worum’s geht.
Trotzdem: Wenn Agnes auf Deutsch bestellt hätte, wäre sie sich als ignorante Touristin vorgekommen. Aber Gernot, der hat den Dreh raus, wie sein Freund Paul gern sagt.
Genau: Paul. Wieso hat sie nicht längst an Paul gedacht!
Paul, ja hallo, entschuldige, das ist etwas komisch, also, weshalb ich anrufe, ist komisch … Ja, mir geht’s gut so weit, danke. Aber eigentlich rufe ich an wegen Gernot … Ja. Ja, genau, in Moskau. Seit drei Tagen. Und eben, ich hab nichts gehört … Klar. Nur, hab ihn eben zu erreichen versucht und da war eine fremde Stimme dran (Eine Frauenstimme! Eine russische Frauenstimme!) … Ja, das ist natürlich schwierig, wenn man kein Wort Russisch … Eben, ja. Deswegen, hab ich mir auch gedacht … Meinst du, sie könnte das machen, nur kurz, weißt du, ich mach mir natürlich … Ja, das wäre. Paul, du bist ein Schatz, und danke an Oksana … Wann … Ja, ich warte inzwischen … Danke.
Die Pizza ist inzwischen über goldbraun hinaus. Beim Verkohlen will sie dann doch nicht zusehen. Agnes holt sie aus dem Ofen und legt sie auf den Teller.
Jetzt braucht sie eine andere Ablenkung. Sie kann nicht dasitzen, aufs Handy starren und warten, bis es läutet. Sie steckt das Telefon in die Gesäßtasche. Spült ab. Was nie verkehrt ist. Was aber nicht lange dauert, allein braucht sie kaum Geschirr. Sie sieht zu, wie der Pegel sinkt und das Spülwasser mit einem unheimlichen Ton abfließt.
Aus der Nachbarwohnung das Schrammen von Stuhlbeinen über den Boden. Ist Zerai gerade nach Hause gekommen? Oder war er die ganze Zeit daheim? Sollte sie noch einmal anläuten? Etwas aufdringlich, andererseits brächte es sie auf andere Gedanken. Agnes sucht nach der Salbe. Sie sucht in ihrer Handtasche, sucht im Mantel, in den Schreibtisch- und Esstischschubladen. Wo kann man so eine bescheuerte Tube denn noch hingeben? Da, die Salbe lag die ganze Zeit vor der Nase! Das Handy steckt in der Gesäßtasche, die Tube trägt sie vor sich her. Wie eine Hostie fast. Und so steht sie vor Illir Zerais Wohnung. Sie könnte auf Heilige Drei Könige machen, oder auf Zeugen Jehovas: Was halten Sie von Jesus, Herr Zerai? Blödsinn natürlich. Sie hat es mit einem alten Mann zu tun, einem alten Mann aus einer anderen Kultur. Ganz anderer Humor.
Wem soll sie denn etwas vormachen?

9
Der linke Backenzahn hat Marek den Schlaf gekostet. Das Seltsame war: Ließen die Zahnschmerzen einen Moment nach, überkam ihn das Gefühl, als wäre der Schmerz eine willkommene Abwechslung gewesen. Zahnweh war ein triftiger Grund, wachzuliegen, viel besser als die ewigen Gedanken an Bea und die Nacht, die er neben ihr verbracht hatte. Die Nacht der vertanen Chance.
Beim dritten Anruf hebt die Sprechstundenhilfe endlich ab, keine fünf Minuten später sitzt er im Taxi – für öffentliche Verkehrsmittel fehlt ihm definitiv die Ruhe.
Wenn er gewusst hätte, was ihn erwartet, hätte er sich aber für die U-Bahn entschieden. Der junge Ägypter hinter dem Steuer erzählt ihm, dass seine Frau im letzten Schwangerschaftsmonat mit ihrem zweiten Kind ist. Dass sein erstes bald in die Schule kommt und sich schon sehr geschickt im Schreiben und Rechnen anstellt. Und dass es überhaupt das Schönste auf der Welt ist, Kinder in ebendiese zu setzen.
Marek wird später zwei neue Punkte in seine Pet Hates-Liste aufnehmen:
68 Werdende Väter und ihr penetranter Vaterstolz
69 Taxifahrer bzw. Menschen im Allgemeinen, die auch dann weiterreden, wenn der Gesprächspartner ostentativ schweigt.
Momentan kann Marek aber nur an seinen linken Backenzahn denken. Irgendwie schafft er es, sich in der Ordination anzumelden, irgendwann findet er sich auf dem Behandlungsstuhl wieder. Gerade, als das Zahnweh ein wenig nachlässt und er sogar in der Lage ist, das strahlend weiße Zimmer und die Kopie des Miró-Bildes an der Wand zu begutachten, betritt die Zahnärztin den Raum. Als wäre es sein zweiter Familienname, hängt er dem Marek Kostka ein So wenig Schmerz wie möglich an.
In jahrelanger Routine über ihre Brillenränder blickend, betäubt die Ärztin die linke hintere Kieferregion und macht sich nach flüchtigem Studium der Röntgenaufnahmen in Mareks Mund zu schaffen. Marek Kostka So-wenig-Schmerz-wie-möglich ist ein seltener Gast in dieser fachärztlichen Einrichtung, er kommt eigentlich nur, wenn ihn akuter Schmerz überfällt. Die Ärztin erkundigt sich bei jedem Besuch wieder nach den Eckdaten in seinem Lebenslauf: Beruf oder Studium? Österreich oder Tschechien? Auf der Suche oder auf der Flucht?
Jedes Mal begleitet das gleiche süffisante Lächeln die gleichen Fragen. Ist es ein raffinierter Sadismus, dass die Ärztin ihre einseitige Konversation erst beginnt, sobald ihr Werkzeug sich in der Mundhöhle des Patienten zu schaffen macht? Marek weiß es nicht.
Das Bohren klingt, als würden die Autos, die draußen an der Ampel losfahren, durch seinen Kopf brettern. Dazu der säuerlich-beißende Geruch in seiner Nase.
Marek versucht, sich vom grellen Ton des Bohrers abzulenken. Die Jalousien, die leicht vibrieren. Die Ärztin sagt irgendetwas mit Amalgamplomben. Die Augen der Assistentin. Groß und hellblau.
Kaum ist der Schmerz weg, ist Bea wieder da. Er könnte schwören, diese Augen gehören ihr. Warum nicht, sie hat ihm nicht gesagt, was sie beruflich macht. Marek versucht, mit Blicken Erkennen auszudrücken. Doch bleibt die Assistentin auf ihre Aufgabe konzentriert und stumm hinter ihrem Mundschutz. Er merkt, wie sich langsam ein See aus Spucke in seinem Rachen sammelt und das Bedürfnis zu schlucken ihn überkommt. Müsste das nicht von der Assistentin abgesaugt werden? Ist sie vielleicht gar nicht so konzentriert bei der Arbeit?
Ihm ist, als würde sein Speichel durch den ganzen Raum sprühen. Die beiden Frauen bemerken professionell nichts davon. Ein wenig schämt er sich aber für den Zustand seines Gebisses. Wie offen es daliegt, wie es die beiden Frauen (Bea!) aus aller Nähe inspizieren. Eigentlich ein sehr ekelhafter Beruf.
Es war doch nicht Bea. Marek setzt sich auf eine Eckbank, von der aus er das Kaffeehaus überblickt. Er bestellt ein Glas Rotwein, nach so einem Vormittag kann er einen Schluck gebrauchen.
Auf eine Werbepostkarte, die er vom Zeitungstisch mitgenommen hat, notiert er in Stichworten die Nummern 68 und 69 und fügt an: 70 geschwätzige Zahnärztinnen. Zu Hause wird er seine Liste mit den drei Punkten vervollständigen.
Mareks Zeigefinger berührt seine taube Gesichtshälfte, während er lustlos eine Tageszeitung durchblättert. Von den Nachbartischen nichts als belanglose Gespräche.
Der Rotwein riecht nach alten Erdbeeren, feuchter Erde und, Marek kann sich nicht helfen: einem Hauch von Autolack. Er nimmt einen Schluck und bemerkt ein loses Körnchen, das beim Plombieren übriggeblieben ist. Mit dem Zeigefinger holt er es aus dem Mund. Marek legt das Stück auf den Tisch.
Er trinkt einen weiteren Schluck und sieht sich um. Eine Frau, die ihn an Bea erinnert, läuft ihm aber erst wieder draußen über den Weg.
Vor einiger Zeit hat Marek auf der Homepage der Stadt Informationen zum Gebäude Quellenstraße 63 gesucht. Unter der Adresse seines Elternhauses oder des Hauses seiner ehemaligen WG hatte er Fotos, Abbildungen der Fassade oder Grundrisse gefunden. Zur Quellenstraße 63 lautete die einzige Angabe, das Gebäude sei zwischen 1919 und 1945 errichtet worden.
Während er über die vor hundert oder achtzig Jahren eleganten, jetzt nur noch verdreckten oder gar gebrochenen Bodenfliesen mit Blumenornamenten läuft, am schmiedeeisernen Abschluss des Geländers vorbei die abgelatschten Stufen hochsteigt, den Handlauf meidend, weil er befürchtet, sich einen Splitter einzuziehen, während sein Blick die abgeschabten Wände entlangstreift (wobei er zum x-ten Mal denkt, hier muss sich eine Zeitlang ein Alkoholiker rauf- und runtergeschliffen haben), überkommt ihn das gleiche Gefühl wie an jenem Tag, als er auf der städtischen Homepage Bauperiode 1919–1945 gelesen hat: Dieses Haus bedeutet niemandem etwas. Weder interessiert es irgendjemanden, wann es gebaut wurde, noch wer in all den Jahren hier gewohnt hat. Und genauso wenig, wie in all den Jahren hier gelebt wurde.
Während Marek aufsperrt, hört er, wie hinter ihm die Tür zur Nachbarwohnung aufgeht. Mirjam, die sich, weshalb auch immer, manchmal Mjam nennen lässt.
Hey. Was geht?
Ich war beim Zahnarzt.
Marek seufzt, was ihr verraten soll, dass er einiges hinter sich hat, und Mirjam fragt, ob er auf einen Schluck rüberkommen mag, ihr sei gerade fad.
Er hat keine besondere Lust, da sie jedes Mal eher aneinander vorbei als miteinander reden. Aber was soll’s, er hat nichts Besseres zu tun, also folgt er ihr ins Wohnzimmer.
Mirjam holt eine Flasche Wein aus der Küche, Marek schaut sich das Plakat an, das ihm gegenüber an der Wand hängt: Solifest für die Punxtage von vor fünf Jahren. Von den Bandnamen gefällt ihm am besten Kosmik Kompliz, amüsant findet er Speibsackerl. Sie könnten in seine Liste der Skurrilen Bandnamen passen, irgendwo zwischen The Bambi Molesters, Jehovas Waitresses und Hitler’s Missing Testicle.
War gar nicht so billig, der Wein, müsste schmecken, sagt Mirjam, als sie einschenkt.
Wir brauchen also kein Speibsackerl, sagt Marek und nickt Richtung Plakat.
Sie setzt sich neben ihn auf die Couch. So nahe ist er ihr noch nie gekommen. Stimmt schon, denkt er sich: Nicht jeder profitiert von einer verschwendeten Jugend.
Als ob er es laut ausgesprochen hätte, sagt sie: Ich bin gerade vierzig geworden.
Wow, gratuliere! Heute?
Nö, schon ein paar Tage her. Du bist aber einer der Ersten, dem ich’s verrate.
Sie zwinkert ihm zu und hebt das Glas.
Vierzig! Stell dir vor.
In seiner Wohnung holt Marek das Notizbuch aus dem Regal, um die Pet Hates-Liste zu ergänzen. Er sieht sich das letzte eingetragene Lieblings-Ärgernis an:
67 Menschen, die einen Viertelmarathon gerannt sind und ihre Mitmenschen von der kathartischen Funktion des Laufens überzeugen wollen
Der Eintrag ist drei Wochen alt, er hat ihn am Tag nach der Party angefügt. Marek bemerkt, dass er seitdem keine seiner Listen auch nur angesehen hat: weder Bizarre Wolkenformationen noch Namen von Friseursalons. Haben ihm die Listen lange das Gefühl gegeben, das Leben ein wenig besser zu verstehen und dadurch erträglich zu machen, haben sie jetzt ihre Bedeutung verloren.
Die Pet Hates-Liste ist die bei weitem elaborierteste, ihr hat er die meiste Aufmerksamkeit geschenkt. Aber auch hier ist drei Wochen lang nichts hinzugekommen. Das liegt sicher nicht daran, dass er seit der Party alles wunderbar findet. Eher daran, dass er kein so intensives Gefühl wie Hass aufbringen kann, weil ihn stattdessen eine Art Taubheit beherrscht.
Menschen, die einen Viertelmarathon gerannt sind: Auf der Party hatte sich ein Mädchen neben ihn gesetzt, das sich als Tina vorstellte. Sie hatten ein paar Sätze gewechselt. Tina war Sportstudentin und ahnte nicht, dass Marek mit etwa 90 % der Sportarten nichts anzufangen wusste: Worin liegt die Befriedigung, einen Filzball mittels Schläger so über ein Netz zu knallen, dass er für einen anderen Menschen unerreichbar wird? Am wenigsten versteht er die Faszination, die das Skifahren auf manche Menschen ausübt. Irgendwo hat er gelesen, dass sich knapp 60 % der Österreicher regelmäßig in eine Schlange stellen, um auf einen Berg gebracht zu werden, von dem sie auf Skiern geradewegs hinunterfahren, um sich am hinteren Ende ebendieser Schlange wieder einzureihen. Für Marek ist dieser Sport die moderne Entsprechung der Sisyphos-Qualen.
Das Gespräch mit Tina blieb entsprechend lustlos. Sie musste bald aufs Klo, und am Weg zur Badewanne, die an diesem Abend als Kühlschrank diente, sah Marek sie später in aufgekratztem Plaudern mit einem Jungen, dessen Physis nahelegte, dass er Tina mit Anekdoten aus dem Fitnessstudio erfreuen konnte.
Bei der Badewanne begegnete er Bea. Er hatte sie vor einiger Zeit auf einer anderen Party gesehen, aber nicht mit ihr geredet. Von Sergej hatte er damals erfahren, dass ihre Eltern bei einem Autounfall tödlich verunglückt waren. Vor allem diese Traurigkeit, die hinter ihrem Lächeln klaffte, war es, die Marek faszinierte. Sie trug den Tod ihrer Eltern mit sich herum. Und Marek musste sich eingestehen, dass er beeindruckt war von der Tragik, die sie umgab. Vielleicht beneidete er sie sogar ein wenig darum. Auch ihm fehlte ein Elternteil. Sein Vater war aber nicht tot, sondern bloß nicht dort, wo er sein sollte. Marek hatte kein Anrecht auf Tragik, er war einfach nur ein erwachsen gewordenes Scheidungskind. Doch während er durch sein Leben schlingerte, schien Bea ihren Weg genau zu kennen. Wenn sie etwas sagte, vermittelte sie, dass sie eine Meinung besaß. Auf ihn wirkte sie echt.
Sie verbrachten den Abend neben der Badewanne sitzend und redeten über dieses und jenes. Beas Interesse galt der Literatur, sie wollte in ihrem Job Stunden reduzieren und ein Literaturstudium anfangen. Sie erzählte von ihrem Lieblingsautor, an dessen Namen sich Marek nicht erinnern kann. Seine wichtigsten Bücher seien zwar schon einige Jahre alt, aber sie fand, dass sie mittlerweile sogar noch aktueller waren.
Ist irgendwie seltsam, wenn ein Buch Jahre später eine neue Dimension dazugewinnt, sagte sie. Jetzt, wo ständig jemand Fake News! schreit, wird klar, dass es unglaublich viele Meinungen gibt und ziemlich wenige unwiderlegbare Fakten. Das finde ich eben faszinierend, wenn diese Unklarheit sich in der Literatur spiegelt. Wenn sie ein Gefühl der Verunsicherung erzeugt.
Will ein Schriftsteller subversiv sein, schaltete Marek sich ein, sollte er also eine unverständliche Welt mit seinen eigenen Undurchschaubarkeiten unterwandern.
The writer strikes back! rief Bea und drehte sich nach hinten, um frisches Bier aus der Badewanne zu fischen, und Marek überlegte, welche Farbe ihre Augen hatten. Er dachte an eine Postkarte, die ihm sein Vater einmal von Mauritius geschickt hatte. Auf der Vorderseite war ein Sandstrand zu sehen, das Meer leuchtete in einem wunderbaren Blau.
Sie drückte ihm eine tropfende Flasche in die Hand.
Prost.
Prost. (Das Meer vor Mauritius)
Marek schließt das Notizbuch, nachdem er 68, 69 und 70 eingetragen hat, und zupft an der oberen Ecke, wo weiße Fasern durch ein Loch im Kunstleder ragen. Etwas ist ihm unklar: Wenn er das Gefühl hat, dass ihn eine Taubheit umgibt, weshalb bricht er dann seit einigen Tagen regelmäßig in Tränen aus? Jedes Mal, wenn Marek das Licht ausschaltet und den Putz an der Decke studiert, fängt er lautlos in sich hineinzuweinen an. Die ersten Male versuchte er, noch während der Ausbruch sich anbahnte, herauszufinden, was ihm so zusetzte. Eine innere Leere, dachte er, aber das blieb ihm zu abstrakt. Etwas anderes konnte er nicht finden, stattdessen musste er feststellen, dass er sich unausweichlich einem Weinkrampf näherte. Er merkte, wie der Krampf seine Kehle hinabwanderte, und bevor er das Zwerchfell erreichte, brach ein einmaliges Aufschluchzen aus ihm hervor, gefolgt von ein paar Tränen – und schon war alles wieder vorbei.
Aus Mangel an Erklärungen hat Marek sich für den schwammigen Begriff Weltschmerz entschieden. Er wusste aber, dass er sich damit nur selbst belog. Die wackelige Selbstdiagnose änderte nichts daran, dass irgendwo in ihm etwas grundlegend nicht mehr in Ordnung war.
Er hat eine Idee. Er fährt seinen Laptop hoch, öffnet den Webbrowser, wo die Suchmaske erscheint. Nach einigen Minuten hat er einen wissenschaftlichen Artikel mit dem Titel Culture of Crying gefunden und erfährt, dass Weinen die früheste und grundlegendste Vokalisation von Säugetieren ist. Der Artikel sagt weiter, dass die meisten Testpersonen zwischen 18 und 24 Uhr weinen (50 %), wenn sie allein (66 %), bevorzugt zu Hause (75 %) im eigenen Schlafzimmer (50 %) sind. Alles in allem muss sich Marek sagen, dass sein Verhalten dem Durchschnitt entspricht.
Einigermaßen zufrieden fährt er den Computer herunter, geht Zähne putzen, zieht sich aus und legt sich ins Bett. Aber sobald er liegt, merkt er, wie sich sein Hals verengt.

10
Regel 1: Jeder lebt seine Form. Weshalb Parko seinen eigenen Pogo vorführt. Er schleudert Arme und Beine um sich, vermeidet dabei aber, die anderen zu treffen. Chicana und Aquamarina tanzen auf der Stelle. Was die Füße nicht tun, tun Oberkörper und Arme. Chicana und Aquamarina reagieren auf die Bewegungen der jeweils anderen. Kippt der eine Oberkörper nach vor, schnellt der andere zurück. Wie aus dem Nichts rauscht Varizella durchs Zimmer. Dreadlocks wirbeln. Wie hieß die Frau mit den Schlangenhaaren noch gleich. Medusa? Eine richtige Medusa ist Varizella. Wenn du ihr blöd kommst, wirst du zu Stein. Sicher gibt es sensible Naturen, die wegen einer Varizella den Aggregatszustand wechseln.
KokoRoschka rauscht zur Anlage, die auf dem Turm aus drei umgedrehten Bierkisten thront, um Pollo beim Auflegen abzulösen. Das wird wieder was werden. Koko wühlt schon ellbogentief in den CDs, bereit, irgendeinen kuriosen Song zu bergen, den noch nie jemand gehört hat. Geschweige denn weiß, wie er sich tänzerisch dazu verhalten soll. Aber immer noch besser als Gradecs musikalische Lehrstunden. Billy Braggs Gitarre bleibt heute ungezupft, Woody Guthries Songzeilen unerläutert. Ja, ein bisschen Pause von Gradec Schulmeister geht schon in Ordnung.
Kokos musikalischer Amoklauf beginnt, er holt das Maximum aus den billigen Boxen, der Bass burrt nur so. Wie ein Dirigent steht KokoRoschka vor ihnen, die Hände hacken im Karatemodus. Er schlägt den Rhythmus, macht vor, wie man zur kruden Mischung aus hartem Techno, Drum’n’Bass und Black Metal tanzen könnte. Aber alle ignorieren Kokos Vorgaben. Obwohl jeder Versuch, sich an einem Takt festzuhalten, durch einen unerwarteten Bruch sabotiert wird, beharrt jeder auf seinem Stil, der höchstens intensiver wird: Parko pogot auf Teufel komm raus, Varizellas Schlangen sind im Blutrausch. Da mischt sich neuer Elan in die Gruppe: Pollo durchkreuzt den Raum im Stechschritt, mimt den Neofaschisten. Ja, geht schon.
Regel 2: Wir sind weder rechts noch links, wir sind wir.
Das Headquarter befindet sich in einem Innenhof und ist eigentlich ein freistehendes Lager, das dem im Ausland lebenden Onkel von KokoRoschka gehört. Koko wohnt in der Wohnung des Onkels, im ersten Stock des heruntergekommenen Zinshauses. Vom Onkel ist seit einer Ewigkeit nichts zu hören, er scheint zufrieden, seine Wohnung bewohnt zu wissen. Dass der Lagerraum vom Neffen und einigen Freunden annektiert wurde, hat ihm scheinbar niemand zugetragen. In der Regel verhalten sie sich ja auch unauffällig. Die wegen der dauerhaft defekten Klingelanlage offene Haustür ermöglicht ihnen seit Monaten, unbemerkt in den Innenhof zu gelangen. Die Fenster des Headquarters haben sie mit Zeitungspapier zugeklebt, auch wenn die Hausbewohner vermutlich gar nicht auf die Idee kämen, ins Innere zu lugen. In den dunklen, asphaltierten Hof geht man nur, um seinen Müll in die Tonne zu werfen, und das ganze Zinshaus steht in einer Gegend, in der die Devise gilt, sich besser nicht in Dinge einzumischen, die außerhalb der eigenen vier Wände passieren. Nur manchmal geht es durch mit KokoRoschka und den anderen. Dann vergessen sie die Tarnung, drehen die Anlage bis zum Anschlag auf und tanzen und trinken bis in den Morgen.
So lange hält Mirjam nicht durch. Sie sinkt auf das durchgesessene Klubsofa I, in der Hand einen Becher mit einem letzten Schluck Whiskey-Cola. Die anderen tanzen eifrig weiter. Mirjam muss an den einzigen denken, der fehlt, schon wieder. Seit zwei, drei Wochen, er ist genau da gesessen, wo sie jetzt sitzt. Sie haben überlegt, welche Interventionen sie als Nächstes angehen wollten. Chicana meinte, zu Überwachung sollten sie was machen, das sei ein Thema, das alle betreffe. Aber was, da waren die Ideen Mangelware. Wenn ratloses Schweigen herrschte, war Gradec der Erste, der das nicht akzeptieren konnte. Also war es nur eine Frage der Zeit, bis er loslegte: Wusstet ihr, dass es das Konzept Privatsphäre noch gar nicht lange gibt (wusste natürlich keiner). Das alte Griechenland – jetzt richtig mit Professorenstimme –, das alte Griechenland war eine Zivilisation des Schauspiels. Es wurde öffentlich gelebt, die Schaulust befriedigten Theater, Tempel, Zirkusse. Der Wunsch, nicht alles zu zeigen, entsteht erst in der Neuzeit. Aber wie sieht’s jetzt aus, heute?
Pause, fraglos theatralischer Natur. Sicher wussten sie, wie es heute aussah. Was Gradec aber hören wollte, war keinem so ganz klar. Daher weiter im Monolog: Man könnte sagen, die Privatsphäre verschwindet wieder. Okay, einerseits unfreiwillig, durch staatliche Überwachung. Wir wissen, dass die Kameras überall sind, dass alle unsere Schritte verfolgbar geworden sind. Da lässt sich nicht viel machen (gewichtiges Nicken allerseits: Ja, da kann man nichts machen). Andererseits schaffen wir die Privatsphäre aber auch freiwillig ab. Weil wir uns in den Sozialen Netzwerken selbst darstellen. Facebook, Instagram, Snapchat und so weiter liefern das Material, und wir sägen und hämmern fleißig an unserem eigenen neuen Theater. Zur großen Premiere, ta-taaa: In der Hauptrolle ich als Göttersohn Narziss. Die Stimmung im Zuschauerraum: blendend! In freudiger Erwartung reiben sich Herr Wirtschaftskonzern und Frau Politikberaterin die Hände.
Jetzt Varizella (kichernd): Herr Staat sitzt schon selbstzufrieden auf seinem Platz und wartet nur noch, bis die Lichter ausgehen, damit er ein kleines Schläfchen machen kann. Artsy-fartsy Kunst ist nicht so seins.
Na schön, warf Aquamarina ein: Dass die Idioten auf Instagram allen möglichen Scheiß posten, dagegen können wir auf die Schnelle wenig ausrichten. Bleibt uns der Angriff auf die Form von Überwachung, die vor unsrer Nase passiert.
Auf die Kameras! lautete Chicanas Fazit.
Alle waren begeistert – bis auf Gradec, der das Ganze offensichtlich zu oberflächlich fand, fürs Erste aber nichts sagte. Und Varizella. Denn ginge es nach ihr, würden sie Tag und Nacht Komplotte gegen die Rechten oder gegen die Regierung schmieden. Regelmäßig wirft Varizella ihre Revolutionsfantasien in den Raum – worauf Gradec in der Regel mit seiner Totschlagfrage kontert, die er sich von einem französischen Denker ausgeborgt hat: Ist die beste Subversion nicht die, Codes zu entstellen, anstatt sie zu zerstören?
Kommandos wurden zusammengestellt, Schlachtpläne entwickelt: Welche Kameras würden sie angreifen? In den folgenden Tagen würden sie sich nach geeigneten Objekten umschauen. Und sonntags wurde auch schon ausgeschwärmt.
Bei Mirjam läuft auch gerade Kameramodus. Sie beobachtet die anderen, die unermüdlich weitertanzen, sieht, wie noch einmal und noch einmal die Energie explodiert. Noch lange sind sie nicht fertig mit dieser Nacht. Sie fühlt sich einen Augenblick wie eine Mutter, die den Kindern beim Spielen zusieht. Fehlt nur noch, dass sie murmelt, wie groß sie doch geworden sind! Schnell weiterschalten zu einem anderen Kanal. Zu spät. Sie kann noch so beiläufig wie möglich aufs Sofa sinken, Fakt ist, sie kann nicht mehr mithalten. Fakt ist, sie wartet auf eine blöde Bemerkung, die jemand fallen lässt: Braucht Oma Mirjam ein Sauerstoffzelt?
Vierzig, ist doch schnurz. Zwanzig und dreißig waren ihr herzlich egal. Nichts als Zahlen. Aber es lässt sich nicht mehr leugnen, dass diese Vier und diese Null sie beschäftigen. Sie hat niemandem aus der Gruppe von ihrem runden Geburtstag erzählt. Nur ihrem Nachbarn. Wieso überhaupt? Und weshalb hat sie ihn angelogen? Marek war nicht einer der Ersten, dem sie es erzählt hat. Er war der Erste.
Sie erinnert sich, dass sie sich vorgestellt hat, zu ihm hinüberzusegeln und mit ihm zu knutschen. Kurz gefolgt vom hinderlichen Gedanken: Du könntest seine Mutter sein. Ja, doch, ginge sich aus. Wenn sie damals beim allerersten Mal nicht aufgepasst hätte, wenn Ingo ein wenig zu schusselig gewesen wäre.
Sie hatte bemerkt, dass er sich ein wenig unwohl fühlte. Sie war hier eindeutig die Lockere. Irgendeine Studie sagte doch, dass die jungen Leute immer spießiger würden. Trinken lieber Vitalisierendes als Alkoholisches. Gehen am Wochenende in die Therme Laa statt in die Pratersauna. Und der Bausparer wird auch wirklich nur angerührt, um die erste Wohnung anzuzahlen. Zum Kotzen. Aber ist es nicht so, dass das zyklisch verläuft? Hat vermutlich schon Marx erkannt, dass die nächste Generation immer das genaue Gegenteil der Vorgängergeneration ist. Der Gestapo-Papa prügelt seine Kinder zu Hausbesetzern, die Hippiemutter säugt den kleinen Hipster-Banker. Kaum verlässt man das Haus, junge Spießer, egal wo man hinsieht. Na ja, in ihrem Viertel trifft das nicht ganz zu, hier ist es bei weitem nicht so schlimm wie in den trendigen Stadtteilen. Wenn sie vor die Tür geht, trifft sie zuerst einmal auf alte Leute oder Menschen mit Migrationshintergrund. Die jungen Leute tragen in der Regel schlackernde Trainingshosen oder billigst imitierte Armani-Handtäschchen. Von Fußballern abgeschaute Präpotenz oder Schminke spachtelweise. Denen kann man einiges vorwerfen, vom Spießertum sind sie aber gewaltig weit entfernt.
Wie Marek heimlich ihre Wohnung beäugte, immer wieder zum Solifest-Plakat lugte. Ja, das hier war ihr Terrain. Ein Grund, dass sie sich wohler fühlte als er.
Er grinste sie etwas verschmitzt an, und dann die kurze Vision: Er rutscht zu ihr rüber und fängt an, sie abzuknutschen. Was war bloß los mit ihr! Mädel, du bist keine vierzehn mehr!
Als ob er sich in Sicherheit bringen wollte, war Marek auf einmal aufgestanden: Ich muss wieder rüber, noch ein paar Sachen erledigen.
Klar, sagte Mirjam.
Nicht zu wild feiern.
Ihr Lächeln eine Spur gequält. Immerhin ließ er die Fortsetzung weg: Du bist keine dreißig mehr.
Und schon gar keine vierzehn …

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