Kitabı oku: «Walter Ulbricht. Mein Urgroßvater»
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WALTER ULBRICHT. MEIN URGROSSVATER
Überarbeitete Neuauflage | August 2021
Copyright © Florian Heyden
Lektorat und Satz:
Die Zeichen | Manufaktur, www.zeichenmanufaktur.de
Umschlaggestaltung:
FAVORITBUERO, München, www.favoritbuero.de
Marketing:
Agentur mainwunder, www.mainwunder.de
Vertrieb:
Nova MD GmbH
Printed in Poland
Alle Rechte sind vorbehalten. Nachdruck, auch auszugsweise, ist nicht
gestattet. Markennamen sowie Warenzeichen, die in diesem Buch
verwendet werden, sind Eigentum ihrer rechtmäßigen Eigentümer.
Alle Abbildungen stammen aus dem Archiv Florian Heyden,
dem Russischen und Deutschen Bundesarchiven
ISBN 9783985947287
Für Lala, Lucie & Noé
Genf, im Frühjahr 2021
Inhalt
Vorwort zur Neuauflage
Prolog
Heranwachsender
Sozialdemokrat
Revolutionär
Parteiarbeiter
Politiker
Bezirksleiter
Widerstandskämpfer
Emigrant
Organisator
Propagandist
Planer
Heimkehrer
Postskriptum
Referenzen
Literatur
Vorwort zur Neuauflage
Mein Buch ist kein Geschichtsbuch, kein Pamphlet und keine Rechtfertigung. Wenn mein Leser eine politische Biografie sucht, wird er enttäuscht werden. Es ist nicht politisch, nicht objektiv. Es geht nicht um Politik, sondern um die Geschichte meines Urgroßvaters – eines Menschen mit Ecken und Kanten, der durchaus auch fehlbar war. Arbeiterbewegung, KPD und SED sind Kulisse, mehr oder weniger klar skizziert. Sie sind wichtig, jedoch nicht Thema. Ich erhebe keinen Anspruch, historisch makellos zu schreiben, trotzdem hoffe ich, der Leser wird das Buch zu schätzen wissen.
Die persönliche Schilderung durch die Linse der Familie hat vielen eine neue Sicht jenseits der Ost-/West-Propaganda gezeigt. Manchen fällt dieser Gedankensprung schwer – so meinem ersten Verleger, dem ich mein Manuskript Anfang 2020 anvertraute. Die erste Auflage wurde eigenmächtig durch den Verleger aus Sicht der SED umgeschrieben. Dies entsprach nicht meiner Absicht und geschah ohne meine Zustimmung. Man rechtfertigte in meinem Namen den sowjetischen Einmarsch in Polen. Frankreich und England, so der Verlag, seien schuld am Zweiten Weltkrieg, da sie mit „politischer Kurzsichtigkeit, Arroganz und Antikommunismus“ ein Bündnis mit der Sowjetunion verweigert hätten, „zumal die Regierenden in London, Paris und anderenorts davon überzeugt [waren], Hitler werde nur Richtung Osten marschieren und das erledigen, was man zu Beginn der zwanziger Jahre bei den Interventionskriegen in Sowjetrussland selbst nicht erreicht hat“. Gleichzeitig wurden unbequeme Fakten unterschlagen. Die Liste der durch den damaligen Verlag auf politische Linie gebrachten Absätze ist zu lang, um sie im Detail zu behandeln. Meine Einwände wurden ignoriert. Was aber hilft es, Tatsachen zu verdrehen, bis die Wahrheit nicht mehr erkennbar ist? Die Welt wird nicht besser, wenn man sich die Geschichte zurechtbiegt und weigert, sich der Wahrheit zu stellen.
Prolog
In meiner Familie ist das Private nicht privat und das Öffentliche nicht öffentlich. Geschichte war nie nur die Geschichte großer Persönlichkeiten. Unsere Familie ist Teil der Geschichte. Bei uns ist alles Private durchdrungen von den Erfahrungen des letzten Jahrhunderts, auch den leidvollen. „Wir sind anders“, meinte meine Großmutter immer. Sie gab den Satz wie ein Erbstück von Generation zu Generation weiter. Das Erbe war Abgrenzung und Außenseitertum – im Alltag, in der Schule, überall.
Unsere Familiengeschichte war ein gut gehütetes Geheimnis. Meine Eltern und Großeltern sprachen nicht über unsere Vergangenheit. Sie lebten mit der ständigen Gewissheit, dass man uns überwacht, ohne zu wissen, wer, wo und wann. Meine Großmutter zog nach dem Krieg zur Familie ihres Mannes, meines Großvaters, nach Lübeck. Sie dachte, sie ließe ihre Wurzeln hinter sich. Gleich wie sie es versuchte, es gelang ihr nicht. Meine Großeltern hatten Angst vor der Intoleranz ihrer Mitmenschen und vor Überwachung. Unsicherheit war ihr ständiger Begleiter. Die Angst, dass jemand herausfinden könnte, wer sie waren, übertrug sich wie eine Vererbung. Wir sprachen nicht offen darüber, aber sie war Teil ihres Lebens. Egal, ob mein Großvater seinen Schwiegervater verschwieg oder auf ihn verwies, die Nähe zu Walter Ulbricht war Grund für Ausgrenzung, Kündigungen und Umzüge. Meine Großeltern konnten nirgends Fuß fassen. Jeder hatte Angst, ins Visier zu geraten.
Mehrmals mussten meine Großeltern ihr Leben, ihren Freundeskreis und Umfeld neu aufbauen. Mehrmals wurde es zerstört, und sie mussten von vorn beginnen. Die Presse – Stern und Bild – waren wiederholt „zu Besuch“ bei ihnen. Meine Großmutter bat erfolglos darum, unseren Namen oder Wohnort nicht zu nennen. Ständig waren sie auf der Hut, versuchten nicht aufzufallen und machten sich klein. Dass die Presse wusste, wer sie waren, bedeutete weitere Beobachter. Mein Vater erinnerte sich gut, wie nach dem Prager Frühling zwei Herren in auffällig-unauffälligen dunklen Anzügen und breitem Akzent auftauchten und nach seinem Großvater fragten. Ihm war klar, dass neben dem MfS auch der BND und andere unsere Familie überwachten.
Zwei Haltungen dominieren bis heute die Sicht auf Walter Ulbricht: Die einen beweihräuchern ihn, die anderen hassen ihn. Dazwischen ist wenig. Also: Wer war dieser Mensch jenseits aller Klischees und Ideologien? Sebastian Haffner sagte, kein deutscher Staatsmann außer Bismarck habe die Geschichte seines Staats so lange beeinflusst wie er, keiner so wirkungsvoll1. Wie kam das? Wer war dieser „universelle Geist“, dem „Oberflächlichkeit fremd war“? Wer war dieser „deutsche Arbeitersohn“? War er der zynische „rote Zar der Sowjetzone, Diktator, Zuhälter, Hochverräter?“ Eine „graue Maus“, von „Millionen gefürchtet, gehasst und verflucht“? Ein „Mensch ohne Charisma, Charakter und Charme, kontaktarm, ein schlechter Redner“?2
Nach außen wirkte Walter Ulbricht verkrampft und angestrengt, sprach einzig über Politik. In der Familie wurde er locker und entspannt. In seinem Lebensstil blieb er bescheiden und anspruchslos. Er rauchte nicht und trank selten Alkohol. Soweit es seine Gesundheit zuließ, trieb er Sport, fuhr leidenschaftlich Ski und machte ausgedehnte Spaziergänge. Er führte am Ende in dritter Ehe ein intaktes, bürgerliches Familienleben. Politisch hat er sämtliche Krisen navigiert und unzählige Rivalen ausmanövriert. Er hat einen Staat gegründet und konsolidiert, hat Prinzipientreue mit Geschmeidigkeit kombiniert. Sein demütiger Fleiß mündete in Gleichgültigkeit gegenüber eigenen Gefühlen. Er hätte den Lebensunterhalt seiner Familie respektabel als Tischler bestreiten können. Er hat den für ihn „richtigen“ dem einfachen Weg vorgezogen. Seine zweite Frau, Rosa, meint in ihren Erinnerungen, es ist genug gesagt, wenn man überhaupt über sein Privatleben schreiben will, dass er als Berufsrevolutionär sein Privatleben der Partei untergeordnet hat. Das gilt auch gegenüber seinen drei Frauen und seinen Töchtern. Er gehörte der Partei, fühlte sich schuldig, wenn er sich ihr nicht restlos widmete.
Dieses Buch ist eine Aufarbeitung. Es zeichnet das Leben meines Urgroßvaters bis Ende 1945 nach. Es ist die erste Hälfte seiner Geschichte, in der zwei Weltkriege, Revolution, Verfolgung und ein Leben im Exil der Rahmen waren. Die Dramatik dieser Zeit und die Anforderungen, die sie an ihn stellte, hätten nicht größer sein können. Rekonstruiert aus Akten, Gesprächen, Briefen und Nachlässen soll hier unverstellt sein Leben nachvollzogen werden. Das hilft hoffentlich, seine Entscheidungen in dieser Umbruchszeit, seine Weltsicht und Denkweisen verstehen zu helfen. Besonderen Dank schulde ich – neben zahllosen anderen – Andrea Bentschneider, Kirill Chashchin für unzählige Stunden Recherche, konstruktiver Kritik, Erstellung, Ausarbeitung und Durchsicht des Manuskripts. Weiter danke ich vor allem den Russischen und Deutschen Bundesarchiven, dem Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig, dem Englischen Nationalarchiv und besonders Jörg und Alain.
Heranwachsender
Walter Ulbricht wächst in bescheidenen Verhältnissen in Leipzig auf. Sein Vater, der Schneidermeister Ernst August, und seine Mutter Pauline umsorgen ihn und seine beiden jüngeren Geschwister liebevoll. „Große Sprünge“ wie den Besuch einer weiterführenden Schule können sie ihren Kindern nicht bieten.
Mein Urgroßvater kommt am 30. Juni 1893 um halb zwölf Uhr mittags in einer bescheidenen Dachwohnung in der Gottschedstraße3 im Westen Leipzigs zur Welt. Seine Eltern, Schneidermeister Ernst August Ulbricht und seine Frau Pauline, sind seit einem Jahr verheiratet und leben erst seit einem halben Jahr zusammen hier. Ihre Hochzeit war vor kaum vier Monaten im Februar 1892 in Leipzig. Die Ulbrichts sind beide als überzeugte Sozialisten politisch hochaktiv. An den Stadtverordnetenwahlen kann aber nur teilnehmen, wer das Bürgerrecht besitzt. Nach Anfrage des Stadtrats beim Polizeiamt um ein Führungszeugnis4 leistet Ernst August Ulbricht daher dem Aufruf der SPD folgend am 10. August 1892 seinen Bürgereid. „Vater Ulbricht“ ist mit Leib und Seele sozialdemokratischer Parteifunktionär. Die Alexanderstraße ist Ernst Augusts Agitationsbezirk. Mit dem Parteilokal im Restaurant Morgenröte in der Hauptmannstraße gehört er der Mitglieder-, Zeitungs- und Bürgerrechtskommission des Bezirks Westen I an. Pauline ist im sechsten Monat schwanger, als das junge Ehepaar am 28. März 1893 frisch verheiratet ihre Dachwohnung in der Gottschedstraße bezieht. Das Haus ist erst zehn Jahre alt und eine gute Adresse: Hausbesitzer Wolanke achtet auf den Ruf seiner Mieter, „gutes Bürgertum“ mit ehrbaren Berufen, vom Architekten bis zum Rechtslehrer. Der spätere Reichskanzler Gustav Stresemann wird wenige Jahre nach den Ulbrichts im Haus wohnen. Am 15. Oktober lassen Ernst und Pauline ihren Sohn evangelisch auf den Namen Walter Ernst Paul taufen. Pate ist ihr Nachbar, Hochschullehrer Lincke: „Paul Hugo Lincke, Rechtslehrer aus der Gottschedstr. 4, wünscht seinem lieben Patenkinde Walther [sic] Ernst Paul Ulbricht fröhliches Gedeihen zum Tauftag am 15. Oktober 1893.“5
Ihr Sohn gedeiht. In der Gottschedstraße, an der Grenze des Naundörfchens, teilt sich die Familie mit den anderen Hausbewohnern einen Garten, ein kleines Privileg. Er wächst liebevoll von seinen Eltern umsorgt auf. Die Familie hat es ansonsten nicht leicht. Ursprünglich kommen die Ulbrichts vom Land. Walters Großeltern väterlicherseits stammen aus Krummenhennersdorf zwischen Dresden und Chemnitz, Paulines Familie aus Schildau in Torgau. Großvater Heinrich Ferdinand Ulbricht hat als Bergschmied bei Freiberg gearbeitet, der Vater Ernst, im März 1864 geboren, ist in Leipzig ein Schneidermeister, dessen Arbeit die Kunden schätzen: „Herr Schneider Ulbricht war ein guter Schneider, […] Rauchwarenhändler Martin Marcus und seine Söhne sowie andere verwöhnte Herren ließen bei ihm arbeiten.“6 Trotz Anerkennung kommt die Familie finanziell nur schlecht über die Runden und Walters Mutter Pauline näht für die Nachbarschaft. Sie hilft auf dem Markt aus und verkauft Gemüse, um die karge Familienkasse aufzubessern. Knapp drei Jahre nach der Geburt muss die Familie am 8. April 1896 umziehen, denn sie kann sich die steigende Miete in der Gottschedstraße nicht mehr leisten.7 In den Nachwuchs investieren die Eltern trotz knapper Kassen. In der Vorschulzeit besucht Walter den Leipziger Pestalozzi-Kindergarten, um ihn umfassend zu fördern, sein Gemeinschaftsgefühl zu stärken und ihn seine eigenen Begabungen entdecken zu helfen
Ein Jahr später treten Walters Eltern 1897 aus der Evangelischen Kirche aus und werden Mitglied der freien Deutschkatholischen Gemeinde. Die Deutschkatholiken sind eine religiös-politische Bewegung, die ihre Wurzeln in den 1840er-Jahren hat. Die Freireligiösen sind in den Industrieregionen in Schlesien, Sachsen und im Rheinland populär. Sie bieten Lebenshilfe und wenden sich gegen Dogmatismus und die Repressalien der konservativen Fürstentümer. Die freireligiösen Gemeinden lehnen das kirchliche Lehramt und päpstliche Primat, Heiligenverehrung, Beichte, Zölibat sowie traditionelle Liturgieformen ab und erkennen nur Taufe und Abendmahl als Sakramente an. Sie fordern soziale Verbesserungen, eine Stärkung des öffentlichen Schulwesens, Armenärzte, Armenkassen, Turn- und Badeanstalten, was sie vor allem bei Arbeitern und der unteren Mittelschicht populär macht. Der Staat macht den Kirchenaustritt der Familie nicht leicht. Vater Ernst muss dem Pfarrer 2 Mark und dem Amtsgericht 8,75 Mark zahlen. Dazu kommen 15 Stunden Lohnausfall. Für den einfachen Schneider eine beträchtliche finanzielle Einbuße.8 Mit sechs Jahren kommt der Junge 1899 in die Volksschule. Er besucht die fünfte Bezirksschule in der Elsässer Straße. Er ist eifrig und hat Interesse, herausragend sind seine Noten nicht.9 Sobald er lesen kann, beginnt er, von seinen Eltern ermutigt, sozialistische Literatur zu lesen. Als Walter sieben ist, zieht die Familie erneut um. Jetzt in eine noch billigere Wohnung in der Alexanderstraße. Der Anlass für den erneuten Umzug ist die Geburt von Bruder Erich. Ein Jahr später bringt Mutter Pauline in der neuen Wohnung Schwester Hildegard zur Welt. Vater Ernst liebt die Natur, kennt alle Bäume und Vögel. Sonntags wandert die Familie in die Natur des Leipziger Umlands. Bei Pausen in Wirtshäusern trinken die Eltern Kaffee, die Kinder bekommen Limonade. Der letzte Umzug liegt erst eineinhalb Jahre zurück, als die Familie erneut umzieht; die neue Wohnung liegt in der Kolonnadenstraße.10 Die zahlreichen Umzüge sind eine Unstetigkeit, die anhalten und prägen wird. Walter ist knapp zehn Jahre alt und verbringt seine Zeit am liebsten mit „Räuber und Gendarm“- oder „Trapper und Indianer“-Spielen.11
Mit anderen Kindern aus der Nachbarschaft stromert er in der Gerberstraße, dem Flussbett der Parte, dem Tröndlinring an der Gewerbeausstellung, dem Fleischerplatz, vom Ranstätter Steinweg bis zur Poniatowskibrücke, der Parkanlage Rosental oder dem Naundörfchen, in dem das städtische Schwimmbad liegt. Im Winter laufen die Kinder Schlittschuh. Arm sind sie alle.
Walter ist ein zurückhaltendes und stilles Kind, versteht sich allerdings zu wehren: „Mein Name ist nicht Ullrich, sondern Ulbricht!“,12 brüllt er eines Tages seinen Spielgenossen Carl an, einen dicken Jungen mit Brille und verkümmertem Arm, der ihn beim falschen Namen ruft. Man verträgt sich und man schlägt sich.
Er würde lieber Fußball spielen, als Schularbeiten zu machen. Seine Mutter achtet aber darauf, dass er gut lernt und lässt ihn erst gehen, wenn er seine Hausaufgaben erledigt hat. Im Hause herrscht Ordnung. Wenn Walter, ohne seine Hausaufgaben zu machen, zum Spielplatz will, schließt sie die Wohnungstür ab. Bildung ist der Familie wichtig. Die Kinder arbeiten viel für die Schule und sind strebsam.
Beide Eltern nehmen sich neben der Arbeit Zeit, um Schulhefte durchzusehen, sprechen regelmäßig mit den Lehrern der Kinder13 und erkundigen sich nach ihren Leistungen. Sie bemühen sich, die Kinder zu fördern. Trotz des kargen Einkommens lassen sie ihren Sohn Theater und Konzerte besuchen. Zu Hause lesen die Kinder Klassiker, wie Walters Lesekarte der Stadtbibliothek zeigt.
Der Crimmitschauer Textilarbeiterstreik von August 1903 bis Januar 1904 erschüttert das Kaiserreich und prägt Walter.14 Crimmitschau im Landkreis Zwickau ist ein Zentrum der Textilindustrie. Mit zahlreichen Tuchfabriken, Spinnereien, Färbereien und Zwirnereien ist Crimmitschau als „Stadt der 100 Schornsteine“ bekannt. Gemessen an der Einwohnerzahl leben hier mehr Millionäre als irgendwo anders im Reich. Den Arbeitern geht es nicht gut: Ihre Arbeitszeit ist mit 11 Stunden länger als in anderen vergleichbaren Betrieben im Reich. Wenn der Absatz stockt, gibt es Entlassungen – eine Katastrophe für jede Familie. Mehrmals haben die Arbeiter erfolglos für bessere Arbeitsbedingungen gestreikt. Jetzt sind es vor allem die Arbeiterinnen, Frauen und Mütter, die sich für den Zehnstundentag einsetzen. „Eine Stunde für uns! Eine Stunde für unsere Familie! Eine Stunde fürs Leben!“, ist ihre Parole. Die angebotene halbe Stunde weniger Arbeitszeit reicht den Streikenden nicht. Immer mehr streiken, bis rund 8 000 Arbeiter im Ausstand stehen. Die Fabrikanten versuchen, mit Streikbrechern die Arbeit fortzusetzen, die sie deutschlandweit anwerben. Die Streikenden blockieren den Zutritt in die Fabriken. Insgesamt 21 Wochen kämpfen sie, unterstützt von Spenden aus dem In- und Ausland für den Zehnstundentag. Auch Walter sammelt in Leipzig mit seinen Eltern Spenden. Aus dem Ausstand ist ein nationales Symbol geworden, als die Gewerkschaft den Streik im Januar 1904 abrupt beenden.15
Die Regierung hat den „kleinen Belagerungszustand“ verhängt und auswärtige Gendarmerie stationiert. Fabrikbesitzer werben überall im Reich Streikbrecher an. Die Gewerkschaftsführer plädieren für ein Ende des Streiks und empfehlen, die Arbeit zu den alten Bedingungen aufzunehmen. 500 Streikende verlieren ihre Arbeit. Ihr Ziel haben sie nicht erreicht.
In Leipzig gründen Sozialdemokraten im Sommer 1906 den Arbeiterjugend-Bildungsverein mit Sitz im Volkshaus. Die Jugendlichen verwalten sich allein.16 Ein Großteil der Mitglieder sind Lehrlinge und ungelernte Arbeiter. Dem leitenden Jugendvorstand stehen erwachsene Jugendbeiräte wie Ernst Ulbricht zur Seite. Sein Sohn verbringt jetzt den Großteil seiner freien Zeit hier, liest Goethe, Schiller und Marx. Als freireligiöser Sozialist stellt Ernst Ulbricht seine Kinder vom Religionsunterricht frei. Sie besuchen eine Klasse mit Populärwissenschaft, Goethe, Schiller und Heine.17 Das macht sie zu Außenseitern.18 „Der Ulbricht, mit dem hatten wir nichts zu tun. Mit dem durften wir uns nicht sehen lassen.“19 Die Geschwister leiden in der Schule unter dem Gespött ihrer Mitschüler als „Rote“20. Als Freireligiöser besuchen sie die Gemeindenachmittage.21 Hier ist Walter still und zurückhaltend. Andere Schüler bemerken ihn wenig. Er „fiel überhaupt nicht auf. Da er nur sehr wenig sagte, meinten wir, er sei dumm. Außerdem hatten wir keinen Kontakt zu ihm, weil er von einer anderen Schule kam und weil er aus einer Gegend stammte, mit deren Bewohnern man […] nichts zu tun haben mochte.“22 Anders als seine anderen Lehrer ist Walters Hauptlehrer fortschrittlich. Er macht zweimal im Jahr mit den Schülern Wanderungen. Das Fahrgeld bezahlt die Schule, Essen und Übernachtung der Lehrer.23
Er weckt Walters Interesse für Naturwissenschaft und regt ihn an Darwin, Bölsche und Haeckel zu lesen. Er schlägt Walters Eltern vor, ihren Jungen auf eine Hochschule zu schicken. Für die Studiengebühren fehlt allerdings das Geld. Um Berufe kennenzulernen, die ihm offenstehen, arbeitet Walter neben der Schule in einer Handwerkerschule. Die Familie nimmt die Berufswahl ernst. Er probiert Schlosser- und Klempnerei, Kunstschnitzerei, Tischlerei und Buchbinderei. Als die Eltern meinen, er solle Tischler werden, stimmt er zu. Am Palmsonntag, 24. März, markiert die Jugendweihe den Übergang ins Erwachsenenalter. Prediger Kippenberger gibt ihm vor versammelter Gemeinde zur Konfirmation seinen Denkspruch: „Stets handle fest nach männlichen Gesetzen, die Du Dir schreibst; und eines zu verletzen, sei Hochverrat an der Vernunft. Trägst du Zufriedenheit in deiner Seele, so hast du Glück für dich genug, so quäle dich nicht um Beifall einer Zunft.“24
Die Jugendweihe markiert das Ende der achtjährigen Volksschulzeit, damit beginnt der 14-Jährige am 23. Mai 1908 standesgemäß seine vierjährige Tischlerlehre bei Hallitzschke & Volkmer in der Leipziger Dorotheenstraße.25 Die Tischlerei des Meisters Ernst Werners ist eine respektable Adresse, in der vornehme Kunden arbeiten lassen. Die Arbeit beginnt morgens um 6 Uhr und endet abends um 19 Uhr. Der Lohn beträgt die ersten drei Jahre magere 3 Mark, im Abschlussjahr 4 Mark die Woche. Trotz des niedrigen Lohns zeigt sich der Junge als stolzer Sozialist: Als er eine Kommode an den griechischen Konsul liefert, lehnt er das angebotene Trinkgeld ab. Mit seinen Kollegen ist er „gesellig, verträglich und lebhaft als Lehrling wie als Schüler“26.
Die Gewerkschaften erreichen in dieser Zeit ihre ersten großen Erfolge. Die Familie Ulbricht nutzt trotz der langen Arbeitszeiten jede freie Minute, um sich weiterzubilden und politisch zu engagieren. Walter tritt in den Arbeiterturnverein Eiche ein. Er ist beim Sport ehrgeizig. Er lebt in einer politisch aufgeladenen Atmosphäre, beruflich wie privat, und nimmt an seinem ersten Streik teil. Die Aussperrung verläuft friedlich, Streikposten sitzen auf Stühlen vor der Werkstatt und lassen niemanden hinein. Die Streikenden rühren Streikbrechern Seife in den Leim, damit die fertigen Möbel später in Stücke gehen.27
Wie man streikt, lernt er vom Vater. Ernst Ulbricht ist Gewerkschafter, Vorstandsmitglied der Schneidergewerkschaft und SPD-Vertrauensmann. Seit dessen Gründung vor zwei Jahren ist er Beirat des Jugendbildungsvereins Alt-Leipzig,28 dem sein Sohn im Oktober 1908 beitritt. Mit Knebelbart und breitem Kalabreser, kräftig-fröhlicher Stimme ist Ulbricht Senior bei den Jugendlichen beliebt.29 In den vier Räumen im Parterre und im Obergeschoss leben die Geschwister Ulbricht ein reges Vereins- und Parteileben. Auf Vortrags- und Spieleabenden singen und tanzen die Jungen und Mädchen mittwochs und donnerstags zusammen. Daneben tischlert Walter hier in seiner Freizeit mit anderen Lehrlingen ein Rednerpult, das er auf Diskussionsabenden benutzt.30 Neben Arbeit und Politik begeistert sich der Jungfunktionär in der Alberthalle für Musik und Malerei, trifft sich an Sonntagen mit Freunden zu Ausflügen ins Umland.
Eine Zeitlang arbeitet er als Hilfsbibliothekar.31 Schwester Hildegard bringt anderen im Jugendheim Stenografie bei.32 Walter liest viel: klassische Literatur, Goethe, Schiller, Heine, Herwegh, Ibsen und Maxim Gorki, in Kursen studiert er die Arbeiterbewegung, Geschichte und Volkswirtschaft.33 Noch heute zeigen seine zerfledderten Reclam-Hefte und sein Leseausweis der Bücherhallen sein Interesse. Mehr als 30 Bücher über Luftschiffart, Wirtschafts-, Literatur- und Weltgeschichte, Balkan, Pädagogik, Renaissancemaler, antike Sagen leiht er aus. Ludwig Thomas Lausbubengeschichten stehen ebenso auf der Liste. Die Familie liest die Leipziger Volkszeitung und diskutiert über Artikel. Als Parteifunktionär nimmt Vater Ernst seinen ältesten Sohn illegal zu politischen Vorträgen der SPD mit. Da Jugendlichen der Besuch von politischen Versammlungen verboten ist, bringen ältere Genossen ihre Mitgliedsbücher vor den Saal, um die Eingangskontrolle der Polizei zu umgehen.34 Als Gewerkschaftsvorstand bekommt Ernst Ulbricht zu Hause Besuch von Kollegen, um Gewerkschaftsfragen zu diskutieren.
Walter nimmt seine Gewerkschaftsarbeit ernst, verteilt heimlich in der Nachbarschaft SPD-Flugblätter. Damit die Polizei ihn nicht erwischt und verhaftet, beginnt er mit dem Verteilen in den oberen Stockwerken.35 Die Leipziger Partei nimmt ihn später für seine Arbeit in den inneren Funktionärskörper des Stadtteils Mitte des 12. Wahlkreises auf.36
Als Walters Tischlerwerkstatt erneut streikt, schlagen die jungen Schreiner Streikbrecher mit Tischbeinen in die Flucht. Die soziale Lage heizt sich langsam auf. Im November kommt es in Leipzig zu Demonstrationen gegen das neue Dreiklassenwahlrecht. Die Wahlrechtsreform zementiert die politische Ungleichheit und teilt alle Wahlberechtigten nach ihrem Einkommen in drei Klassen ein. Die erste Klasse stellt mit vier Prozent aller Wähler ebenso viele Wahlmänner für den Reichstag wie die dritte Klasse mit 82 Prozent. Unter den 40 000 Teilnehmern ist auch die Arbeiterjugend. Flankiert von berittener Polizei ist es Walters erste große Demonstration.37 Trotz der Diskriminierung wird die SPD stärker.
Im Juli 1909 zieht die Familie in die Alexanderstraße.38 Ein halbes Jahr später wird Walter Mitglied des Jugendausschusses der Arbeiterbildung und rückt in die Führung der Arbeiterjugend auf. Er tritt dem Holzarbeiterverband bei und beginnt als Gewerkschafter zu arbeiten. Im April 1911 bekommt er seine erste größere eigene Mission. Das Sekretariat der Arbeiterjugend schickt ihn mit zwei Genossen nach Zwenkau, südwestlich von Leipzig, um die jungen Arbeiter zu organisieren.39 Drei Wochen später beendet er seine Lehre. „Nachdem er das Tischlerhandwerk während vier Jahren […] bei dem Tischler-Meister Herrn E. Werner zu Leipzig gehörig erlernt hat, heute vor dem unterzeichneten Prüfungsausschusse die Gesellenprüfung mit dem Prädikat gut bestanden.“40
Sein Gesellenstück ist eine Kücheneinheit. Der Tisch hat sich wacklig und gerichtet in der Familie erhalten, der Rest in Leipzig. Walter will ein guter Tischler sein, er ist dankbar: „Nicht nur der Meister, sondern auch die älteren Lehrlinge haben uns Lehrlingen geholfen, etwas Tüchtiges zu werden.“41 Mit dem Ende seiner Lehre verabschiedet sich Walter ab dem 5. Mai zusammen mit Otto Heyden nach altem Brauch zur Wanderschaft. Nachmittags sind Otto und Walter noch bei Alfred für eine einfache und kleine Abschiedsfeier, „wie es sich für […] Proletarier geziemte“. „Dann Abendbrot gegessen, Rucksack gepackt, noch ein bisschen […] geschlafen und […] es geht hinaus in die fremde Ferne.“ Walter Vater bringt die Jungen bis zum Dresdner Bahnhof.42 Über Riesa geht es zu zweit zunächst nach Dresden. Von hier geht es am 9. Mai weiter „über Riesa mit der Bahn nach Dresden. In Riesa imponiert die ‚Pferdeelektrische‘ ganz gewaltig“.
In Dresden ist eine Herberge schnell gesucht, das Gepäck abgegeben, und hinaus ins Freie. Zunächst der Zwinger. Sehen tun die beiden nicht viel, außer dass „der Bau ein Rechteck ist mit [Blöcken] in Sandstein“. Die Stadt imponiert mit ihren Barockbauten, der Gemäldegalerie im Zwinger, dem Elbstrom und Wanzenballade im Gewerkschaftshaus. Am Ausstellungsplatz angekommen, wispert den beiden jemand in der Menge zu: „Der König kommt!“ Nach einer Weile „erschienen fremde Gesandte Japaner u. Chinesen, werden gebührend bestaunt“. Ein Nebenstehender meint „sehnse nich den da oben in dem grünen Überzieher?“ „Schon, was ist es denn für ein Tierchen?“ „August!“ meint der Mann neben den Jugendlichen stolz. Plötzlich kommen Gendarmen, treiben die Neugierigen zurück und halten den Verkehr an. Doch es ist nichts, August geruhte „die geduldigen Patrioten zu veralbern“. Er geht zurück, der abgesperrte Verkehr kann passieren. So geht es noch zwei Mal. Der Wachtmeister schwitzt bis unters Kinn und schimpft. Der König kommt schließlich herausgefahren, grüßt und ist verschwunden. Die Belohnung für zwei Stunden Warten. „Ein Lächeln zu erhaschen ist ja schon soviel.“ Im Großen Garten isst die Gruppe ihr Mittag und gibt sich dem Betrachten des Gartens hin: „Die Augusts, Johannen und wie sie sich […] schimpfen mögen, haben es verstanden das Volk bis aufs letzte auszubeuten, aber um ihre Maitressen zu befriedigen, haben sie alles getan, und mit entschiedenem Geschmack.“
„Anschließend wird ausgiebig […] das Elbsandsteingebirge durchwandert und von Herrnskreschen mit dem Schiff die Grenze nach Österreich ,überfahren‘. Die Jungen Grübeln. Neben „dem Kuhstall […] liegen wir und schauen in die Wolken […] Mein Herz schweige doch, schrei nicht so laut, befriedigt wirst du nicht werden ich bin ja nur ein Prolete, nur ein dreckiger Handwerksbursche und will ich doch die Welt besitzen! Nur Mühe und Arbeit hat sie für uns, […] solange müssen wir […] freudlos über den Boden der Erde gehen. Es ist eine traurige Zeit“.
Anschließend am Südrand des Erzgebirges entlang über Teplitz, Dux, Brüx nach Karlsbad. Karlsbad ist kein angenehmer Ort für Handwerksburschen. In Elnbogen, einem alten, malerischen Ort an der Egerschleife wartet noch heute der Herbergswirt auf 70 Heller […]. Über Eger ins Fichtelgebirge. Herunter nach Marktredwitz, Nürnberg. Der Leiter im Jugendbildungsverein Leipzig hat ihnen eingeschärft, auf jeden Fall das Germanische Museum zu besuchen. Zwei Mark Eintritt ist allerhand für die Kasse. Zum Direktor. Nach kurzem Verhör bekommen sie eine Freikarte und können die Kontrolle passieren. Über Ingolstadt nach München. Im Hofbräuhaus trinken sie tapfer eine Maß und schwanken hinaus zur Bavaria, um die südlich im Abendlicht grüßende Alpenkette zu bewundern. Gesprochen wird nicht viel. Die Jungen sitzen staunend mit lahmen Waden auf den Stufen und freuen sich über die fernen Schneehäupter. Die nächste Station ist Starnberg. In dem kleinen Ort Weilheim machen sie ausnahmsweise in einem Gasthaus Nachmittagsrast, weil es draußen heiß ist. Als sie zahlen wollen, hat ein älterer Herr im Voraus ihre Zeche beglichen. Hat er an seine jungen Jahre gedacht? Anderntags trennen sie sich. Walter fängt in Peißenberg als Bautischler an. Ganze zwölf Tage hat er es ausgehalten, bevor er in Garmisch aufkreuzt. Am Abend, Otto ist gerade zu Bett, hat an Walter gedacht, steht dieser bei ihm vor der Tür. Jetzt hat er in Garmisch Arbeit. Die beiden wollen hier arbeiten und gemeinsam ihre Tour fortzusetzen.
Gearbeitet wird, wo sich Stellen bieten. In Garmisch treten Walter und Otto eine Arbeit an und feiern Wiedersehen mit Alfred, der einen anderen Weg genommen hat. Die Feier wird lang, die drei gehen am Samstag spät zu Bett. Im Glauben, es sei Montagmorgen, tritt die Gruppe am Sonntagnachmittag unter dem Gelächter der Spaziergänger den Weg zur Arbeit an.43 Nach einer Woche wandern die drei weiter: Diese Zeit ist schön. Jeden Sonn- und Feiertag auf die Berge! Unvergesslich, unvergesslich ist ein Aufstieg auf den Krottenkopf zum Sonnenaufgang unter Führung Garmischer Naturfreunde.44 Pünktlich 5 vor 10 Uhr sind die beiden am Treffpunkt. Die Naturfreunde nicht. Warten bis halb elf. Es will sich niemand sehen lassen. Endlich um 11 Uhr haben die Jungen einen aufgegabelt. Es wird halb Mitternacht. Nach Partenkirchen. Um Mitternacht gehen sie auf St. Anton. Sie sind froh, überhaupt jemand erwischt zu haben, der mit ihnen geht. Sie gehen in die dunkle Nacht hinaus, einem unbekannten Ziele zu. Eine Laterne wird angezündet. Über ihnen funkelt der klare Nachthimmel. Im Tal leuchten die Lichter von Garmisch und in der Ferne liegt eine dunstig kohlschwarze Masse, die Berge. Nach der Wanderung legen sich die Jungen um 2 Uhr nachmittags schlafen, um halb sechs abends aufzuwachen. Sie meinen es sei 6 Uhr morgens. Um eine Erfahrung reicher, bleibt Otto misstrauisch und geht, um sich zu überzeugen. Auf der Straße trifft er Walter, der mit dem Leimtopf in furchtbarer Hast auf die Arbeit rennt – am Sonntag.
Die beiden gehen Klettern. Otto fasst einen Steinvorsprung, um sich hinaufzuschwingen, aber wie er ihn fasst, fällt er herunter, ein zweiter stürzt hinterher. Er ruft nach unten „Walter duck dich aber schnaks! Geh auf die Seite!“ Von unten ruft Walter: „Was hast denn Du?“ „Gottverdammich ich kann sie kaum halten!“ Kaum ist Walter außer Schussweite, stürzen die Steine an ihm vorbei: „Wie wäre es geworden, wenn ich nicht fest gewesen wäre? Gewiss nicht gut für alle beide“, meint Otto.45 Walter hat genügend zu tun, um den Gesteinen Steinen aus dem Wege zu gehen. Die beiden werden vorsichtiger.
„Höllentalklamm, Wachenstein, Kramer und Loisachtal, Eibsee und all die anderen Perlen einer herrlichen Landschaft, gesehen mit jungen, schönheitsdurstigen Augen, ein Erleben, nicht durchreist, sondern erarbeitet, erwandert. Ein achtzehnjähriger Mensch kennt noch nicht die ganze Härte des Lebens. Ihm steht noch viel Sonne im Augenwinkel, und genügend Muskelspannung ist da, um heranzuholen, was nur irgend möglich ist. Große Pläne werden geschmiedet. In Turin ist die Weltausstellung. Wenn wir nicht von Venedig aus nach Ägypten können, dann über die oberitalienischen Seen nach Mailand und Turin.“ „Venedig, Gardasee, Mailand. Wenn dann noch das Nötige vorhanden ist, geht’s von hier nach Turin, in die Ausstellung, und sollten wir dann noch nicht den Mut verlohren [sic] haben, an die Riviera.“46
Über Mittenwald zieht die Gruppe nach Innsbruck weiter. „In Scharnitz Passkontrolle, Handwerksburschen werden mit besonderer Liebe beaugscheinigt. Doch unsere Papiere sind klar, und der vorschriftsmäßige Reisegroschen ist auch da“47. Doch die drei müssen sich trennen, da Alfred als Ausgehobener zum Militär keine Ausreiseerlaubnis hat. Ziel ist der Brenner. Dann wird der Jaufenpass überstiegen. Gestern noch im Norden, heute im Lande des Weines und südlicher Flora. Ein fast zu schroffer Übergang. Meran. Durchs breite, weinfröhliche Etschtal nach Bozen, zum Denkmal Walthers von der Vogelweide, und nun durchs romantische Eggental auf den Karerpass mit den beiderseitig bizarren Dolomitenbergen. Über Cavalese zurück ins Etschtal und nach Trient. In Trient wird Reisegeld vom Österreichischen Metallarbeiterverband48 abgehoben und die Kasse saniert. Über Pergine ins Suganertal. Trotz der Gemeinsamkeiten gibt es Spannungen. Otto hat eine Aussprache mit Walter und meint, er wolle von Venedig aus nach Wien, „wenn [sich] nicht bis dahin die Schlaferei und das Fressen […] ändert. […] So schön auch die Walzerei hier sein mag […], sobald die Walzbrüder nicht richtig harmonieren, [ist] es besser, wenn jeder seiner Wege geht“49. An der italienischen Grenze werden die beiden herzhaft gefilzt und mit einem Fußtritt ins Heilige Römische Reich eingelassen. Dann Bassano und per Eisenbahn in die Poebene.
Der weite, unbegrenzte Blick über diesen gesegneten Landstrich tut gut nach dem ewig begrenzten Sehen in den Bergen. Bis Mestre war, als ob man durch einen wohlbestellten Garten fahren würde. Jetzt liegt jenseits der Lagunenbrücke Venedig vor ihnen. Ein Traum erfüllt sich. Als sie den Bahnhof verlassen, müssen sie sich auf die Bahnhofstreppe setzen, so ein verwirrendes Bild tut sich auf. Der Süden mit seinen glänzenden Farben, dem leichthin trällernden Leben, dem Stimmengewirr sich anbietender Führer, Fruchtverkäufer, randalierender Bengel, stöckelschuhbehackter tändelnder Damen und kein Wagen – wie traumhaft wirkt das alles auf den Fremdling.
„Vor dem Bahnhof der Gondelverkehr. Statt fester Straßen‚ Wasser. Nicht im kühnsten Spintisieren als Junge habe ich geglaubt, eines Tages auf der Bahnhofstreppe in Venedig zu sitzen. Jetzt sitze ich da, fest und sicher. Aber alles Staunen weicht kühler Überlegung, und wir suchen mit Hilfe der Polizisten unter Gebrauch lebhaftester Gebärdensprache das Asyl für unbemittelte Reisende. Dort angekommen, wirft man uns kurzerhand […] hinaus, mit dem Bescheid, am Abend wiederzukommen. Zwei Tage Venedig. Wie eine unvergleichliche Kulturschatzkammer, wie ein Museum ist diese schwebende, schwimmende Stadt. Nach einem fröhlichen Nachmittag im Volksbad auf dem Lido geht die Reise weiter nach Padua. Dann per pedes apostolorum nach Vicenza, Verona.“50 Aus Italien schickt Walter der Familie in Leipzig Briefe über die „herrlichen Kunstwerke“, die er mit Otto besichtigt hat.51 „Die schreckliche Hitze macht uns mürbe, und statt nach Mailand und Turin marschieren wir ins Etschtal, nach Torbole und Riva.
Der Gardasee mit seinen zwischen den Uferfelsen zerspritzenden Wellen zaubert die schönsten Farbenspiele. In Riva sollen wir, wie in fast allen besuchten Orten des größten Reiseverkehrs, ein ziemlich teures Nachtquartier beziehen. Nach mancherlei vergeblichem Suchen lassen wir uns … nach einigem Hin und Her von der Hochlöblichen Polizei auf dem Bürgermeisteramt in Schutzhaft nehmen. Doch wie elend wird uns, als man von außen die Zelle verriegelt und wir uns im Dustern auf der Holzpritsche, nur mit Hemd, Hose und Strümpfen bekleidet, zur Ruhe legen. Umso interessanter wird der Morgen. In ein wahrhaft internationales Gasthaus hat man uns gesteckt.
Erfahrene Hände haben mit philosophischen Sprüchen das Leid und die Freuden der Landstraße in bester Kundensprache an die Wände gezaubert. Die Polente kommt dabei nicht zu kurz. Es dauert lange genug, ehe geöffnet wird. Mit dem Segen, uns auf keinen Fall noch einmal sehen zu lassen, dürfen wir uns trollen. Selten hat die Sonne so schön geschienen wie an diesem Morgen“52. Sie ziehen weiter, sehen zum ersten Mal einen „breitströmigen“ Gletscher, und machen neben den spektakulären Naturerlebnissen erneut unschöne Erfahrungen. „Das Engadin ist handwerksburschen-feindlich, und wir trachten, auf dem schnellsten Wege über den Albulapass ins Tal des Oberrheins zu kommen.
Dann wieder auf den Gotthard hinauf nach Andermatt und über die vielgenannte Sankt-Gotthard-Straße mit der Teufelsbrücke hinunter zum Tell Denkmal in Altdorf. An und auf dem Vierwaldstätter See erleben wir recht lebendig die Geschichte Tells, die Tellkapelle, den Schillerstein und den Rütli.“53 Der Weg ist anstrengend und Otto meint hämisch: „Walter [tut] gar tüchtig auf die sakramentschen Berge schimpfen.“54 Über Stans nach Luzern. Hier wird fleißig Arbeit gesucht, jedoch bekommt nur Walter Beschäftigung in Sempach bei Luzern.
Metallarbeiter sind ausreichend vorhanden und Otto ist überflüssig. Die beiden schlafen im Asyl de nuit,55 bevor sie sich am 16. August trennen.56 Otto zieht es nach Rom. Walter arbeitet ab Januar ein halbes Jahr bei der Tischlerei Gebr. Helfenstein in Sempach und schließt sich der sozialistischen Jugendgruppe unter Willi Münzenberg und Jacob Herzog an. Kurz vor Weihnachten 1911 schreibt er aus Sempach, er studiere den Winter über drei Bände der „Geologie der Schweiz“57.
Ab Frühjahr 1912 wandert Walter alleine weiter. Im April arbeitet er bei der Schweizer Schreinerei Fuchs an der Werkbank. Nach sechs Wochen ertappt Fuchs ihn am 25. Mai dabei, wie er auf einem Kasten steht und politische Artikel vorliest. Er wird hinausgeworfen und zieht kurzerhand nach Vorarlberg weiter.58 Vom Vierwaldstädter See wandert er Anfang Juni über Interlaken und Genf nach Zürich. Bei strömendem Regen trifft er in Zürich ein. Er schreibt, es sei ihm auf der Walz so gut wie jetzt noch nie gegangen. Er plant, die Schweiz in Richtung Rhein zu verlassen. Die Arbeiterjugend bittet er um die Adressen jener, die in Kontakt bleiben wollen.59 Über Schaffhausen wandert er rheinaufwärts und findet einen Monat später in der Möbelfabrik Neckargemünd in der Mühlgasse Arbeit. Er wohnt für 3 Mark pro Woche in der Dachkammer der Witwe Kohl in der Hauptstraße. Abends trifft er sich mit den Gesellen in der Wirtschaft „Zum Pflug“ und der Stammkneipe „Ochsen“, diskutiert über Politik und erzählt von seiner Freundin Martha. Er erinnert sich wie er sie bei einer Landwanderung traf.60 Nach vier Wochen wandert er in einem großen Bogen über Köln, Antwerpen, Amsterdam, Bremen, Hamburg und Hannover weiter, bevor er zurück nach Leipzig geht.
Auf allen Stationen besucht er Museen, das Deutsche Museum in München, das Geologische Museum in Genf und die Gemäldesammlungen in Brüssel und Amsterdam.61 Aus Düsseldorf schreibt er am 18. August, dass er bald daheim sei. Auch sein Wandergeselle Otto zieht in Leipzig bei Familie Ulbricht ein. Als Parteifunktionär nimmt Walter ihn ins Volkshaus, zu Reden und Streiks mit.62
Sozialdemokrat
Nach seiner Wanderschaft schließt Walter sich der SPD an und arbeitet als Tischler. Er ist Parteifunktionär, bis er zum Militär einberufen wird. Im Heer ist er als Sozialist aktiv und wird überwacht. Er desertiert, wird festgenommen und bleibt bis Ende des Kriegs in Haft.
Zurück in Leipzig arbeitet der 19-jährige Schreiner ab September wieder bei Hallitzschke & Volkmer, seinem Ausbildungsbetrieb. Er ist auch wieder in der Arbeiterjugend, verteilt in Zwenkau Flugblätter.63 Als Volljähriger tritt Walter von der Arbeiterjugend zur SPD über und besucht ab Dezember ein Dreivierteljahr lang mehrmals in der Woche nach der Arbeit und an Wochenenden die SPD-Parteischule.
Er diskutiert über Wirtschaft und Marxismus,64 liest den ersten Band des Kapitals, Engels, Kautsky und die „Neue Zeit“. Er versucht sich an schwerer geistiger Kost, schreibt „die Geschichte ist […] die Lehrmeisterin des Politikers […] wir können lernen, wie sich der Entwicklungsprozess zu unseren heutigen […] Verhältnissen vollzog“. „Die ökonomische Entwicklung zeigt die Tendenz einer rapiden Konzentration des Kapitals […] und der […] Zunahme der Klasse der Besitzlosen. […] Das Werkzeug zur Wahrung der Gesamtinteressen der herrschenden Klasse ist der Staat. Dies hat zur Folge, dass der Kampf, den das Proletariat […] führt, ein politischer sein muss.“65
Schon nach einem halben Jahr kündigt Walter bei Hallizschke und beginnt Ende April bei der Hofmöbelfabrik Carl Müller & Co. in der Kochstraße zu arbeiten. Aber auch hier bleibt er kaum sechs Wochen und verlässt die Arbeit schon Anfang Juni wieder. Bis November ist Walter ohne Arbeit und widmet sich ganz der Partei. Für sein Engagement wird er zum engsten SPD-Funktionärskreis, der „Korpora“, zugelassen.66 Otto Heyden bleibt vorerst in Leipzig bei Familie Ulbricht in der Alexanderstraße. In Leipzig findet er Arbeit, schließt sich wie Walter dem Jugendbildungsverein an und kommt über Ulbrichts in Kontakt zu den Naturfreunden. Zusammen besuchen Otto und Walter im Juli das Leipziger Gewerkschaftsfest. Otto gefällt es bei Ulbrichts so gut, dass er vergisst, nach Hause zu schreiben. Seine Mutter stichelt mit den Worten „bei Herrn Ulbricht“: „Wir möchten uns doch erlauben anzufragen, ob du noch lebst.“67
Ab November 1912 arbeitet Walter für vier Monate bei der Tischlerei Bruno Börner im Norden Leipzigs. Neben der Arbeit hat er ein großes Netzwerk aus Freunden und Gleichgesinnten. Das Umfeld tut den Jugendlichen gut. Bei der Hochzeit ihres Parteigenossen Alfred Arnholds Ende November treffen sich noch einmal alle Angehörigen und Freunde der Jugendgruppe.68
Im März 1914 verliert Walter seine Arbeit bei der Tischlerei Börner, kann aber schon kaum einen Monat später bei Max Kliem anfangen. Doch auch ohne Arbeit hat Walter genug zu tun. Er arbeitet durchgehend in der Jugendgruppe Alt Leipzig. Freunde erinnern sich an „sein stetes Lächeln, Kennzeichen aller Ulbrichts; er hatte langes blondes Haar, trug damals schon ein Bärtchen und den unvermeidlichen Schillerkragen“69.
Seit seiner Rückkehr liegt „Gewitter“ in der Luft, es riecht nach Krieg. In den schwül-warmen Sommertagen nach dem Attentat auf den Thronfolger Österreich-Ungarns am 28. Juni 1914 in Sarajewo jagen sich die Ereignisse. Noch im Juli veröffentlicht der SPD-Parteivorstand einen Aufruf gegen den Krieg, der für den jetzt 21-Jährigen von einschneidender Bedeutung ist: „Das klassenbewusste Proletariat […] fordert gebieterisch von der deutschen Regierung, dass sie ihren Einfluss auf die österreichische Regierung zur Aufrechterhaltung des Friedens ausübe und falls der schändliche Krieg nicht zu verhindern sein sollte, sich jeder kriegerischen Einmischung zu enthalten. […] Parteigenossen, wir fordern Euch auf, […] den unerschütterlichen Friedenswillen des klassenbewussten Proletariats zum Ausdruck zu bringen. […] Gefahr ist im Verzuge! Der Weltkrieg droht! Die herrschenden Klassen, die Euch im Frieden knebeln, verachten, ausnutzen, wollen Euch als Kanonenfutter missbrauchen.“70
Walter nimmt das Engagement gegen den Krieg ernst. Am nächsten Tag geht er zum Gewerkschaftsfest in Leipzig, das mit 30 000 Teilnehmern zur eindrucksvollen Demonstration gegen den Krieg wird. Die Leipziger SPD jedoch bietet kein einheitliches Bild. Ihre Führung hat sich mit dem Krieg abgefunden. Der nationalliberal-dominierte Rat der Stadt verbietet eine Demonstration der SPD auf dem Messplatz. Kundgebungen sollen unauffällig „im Saale“ stattfinden. Als Kompromiss vereinigen sich 70 000 Demonstranten nach getrennten Kundgebungen in verschiedenen Sälen zum gemeinsamen Demonstrationszug. Am Tag nach der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien demonstrieren noch einmal 200 000 Menschen in Leipzig. In der Stadt hallen die Sprechchöre gegen den Krieg.71 Von Versammlungsorten wie dem Volkshaus ziehen die Massen die Internationale singend durch die Innenstadt bis zum Augustusplatz. Nach der Demonstration denkt jeder, dass die Regierung es nicht wagen wird, einen Krieg anzufangen.
Die deutsche Kriegserklärung vier Tage später erschüttert Walter. Bestürzt liest er die Plakate zur Mobilmachung und hört die Menschen begeistert brüllen. Die SPD ist verstummt. Ihre Reichstagsfraktion stimmt nach einer flammenden Rede des Kaisers dem Burgfrieden zu und am 4. August 1914 geschlossen für Kriegsanleihen und das Ermächtigungsgesetz. Walter trifft sich am nächsten Tag mit Genossen, um zu besprechen, was zu tun ist. Die Gruppe besteht darauf, dass das Friedensmanifest des Internationalen Sozialistenkongresses nicht Schall und Rauch sein kann. Die Jugendlichen verstehen die Welt nicht mehr. Sie diskutieren über ihre Mitgliedschaft in der SPD und warum Liebknecht trotz seiner Stellungnahme in der Fraktion im Reichstag für die Kriegskredite gestimmt hat. Nach fünf Monaten bei Kliem ist Walter ab September erneut arbeitslos. Eine andere Arbeit nimmt ihn stärker in Anspruch. Walter verfasst und verbreitet mit anderen Jungfunktionären Flugblätter gegen den Krieg, die die Gruppe in kleiner Auflage per Abziehapparat herstellt. Er schreibt eifrig Manuskripte, aber muss seine Arbeit oft wieder mitnehmen, weil die Gruppe die Flugblätter nicht drucken kann. Nur gelegentlich gelingt es, Setzer und Drucker zu überreden, eine größere Auflage herauszubringen.72 In der Not springen befreundete Stenotypistinnen ein um Flugblätter per Schreibmaschine herzustellen. Als Liebknecht im Dezember alleine offen gegen die Kriegskredite stimmt, geht auch Walter mit anderen Jungfunktionären in Opposition. Die Gruppe vervielfältigt und verbreitet im Volkshaus illegal Liebknechts Rede „Zur Begründung eines Minderheitenvotums gegen die Kriegskredite“73.
Mithilfe der Buchdruckerei Müller in Schkeuditz druckt die Gruppe die Reichstagsrede gegen den Krieg in Leipzig. Bei der nächsten Zusammenkunft beschließt die Gruppe, in der kommenden Funktionärskonferenz Leipzigs zu sprechen. Auf der nächsten Versammlung der Leipziger SPD fordert Walter wie besprochen, die SPD solle jetzt gegen weitere Kriegskredite stimmen. Als er versucht, eine Resolution gegen die Politik des Parteivorstands durchzubringen, greift ihn der Bezirksvorstand scharf an. Die Bezirksleitung verhindert die Abstimmung und lehnt Walters Antrag ab. Drohend fragt die Leitung ihn rhetorisch, warum das Militär ihn noch nicht eingezogen habe. Auf der nächsten Versammlung im Januar 1915 geht Walter weiter auf Konfrontation. Er hält eine leidenschaftliche Rede gegen die Kriegskredite und verlangt vom Vorstand, objektiv über Liebknechts Reichstagsrede zu informieren. Zwar verhindert die Leitung wieder einen Beschluss, aber Walter erhält den Beifall der Versammlung. Die Admiralität erklärt am 4. Februar 1915 die Nordsee zum Kriegsgebiet. Ab jetzt wird jedes in diesem Kriegsgebiet angetroffene feindliche Kauffahrtschiff zerstört werden. Die Gruppe um Walter greift den U-Boot-Krieg in Flugblättern scharf an74 und verbreitet Titel wie „Disziplinbrüche“, „Parteidisziplin“, „Die Welt speit Blut“, „Der Hauptfeind steht im eigenen Lande“, „Wohin geht die Reise“.
Immerhin kehrt Walter zur Arbeit zurück. Er arbeitet wieder als Tischler bei Gustav Heinrich, doch auch diese Stelle hält ihn nicht lange. Walter ist rastlos. Die Partei ist ihm wichtiger.
Jetzt zieht die Armee auch Liebknecht ein. Bis auf sein Auftreten im Reichstag und im Preußischen Abgeordnetenhaus ist ihm damit als Militär jede politische Arbeit verboten. Trotzdem bleibt er die Leitfigur der Friedensbewegung. Im März verbreiten die Jugendlichen, die sich jetzt „Gruppe Liebknecht“ nennen, als Reaktion auf Liebknechts Aushebung ein Flugblatt mit dessen Rede im Preußischen Landtag in größerer Auflage.
Die Partei sieht Walter als Unruhestifter. Um ihn auszuschalten, denunziert die Bezirksleitung unter Lipinski ihn wie schon angedroht bei der Reichswehr als Kriegsgegner. Kurz darauf zieht das Heer ihn im Mai zum Kriegsdienst ein. Zum Abschied schenkt er seiner Freundin Martha den Band „Lebensfreude, Sprüche und Gedichte“ mit der Widmung „Vorwärts sehen, vorwärts streben, keinen Raum der Schwäche geben, Schönem und Edlem allzeit hold! Wahlspruch – Meiner Freundin – Frühjahr 1915 – Walter“75.
Nach einer kurzen Ausbildung in der Prinz Johann Georg Kaserne in Gohlis und auf dem Übungsgelände in Lindenthal kommt Walter als Handwerker beim Wagenbau zur Fuhrpark-Kolonne im Trainbataillon 19. Der Gefreite dient vier Jahre im Königlich Sächsischen 8. Infanterie-Regiment Prinz Johann Georg Nr. 107 in Galizien und Polen, dann in Serbien und Mazedonien. Beim Militär ist er als „Roter“ bekannt. Sein Dienst wirkt auf ihn wie ein Strafbataillon: Es ist ihm „zeitweilig beinahe unmöglich, mit den Kameraden ein auch nur einigermaßen vernünftiges Wort zu reden“76.
Zu Ostern 1916 versammeln sich die oppositionellen SPD-Jungfunktionäre im Vegetarischen Speisehaus „Academia“ in Jena. Die Konferenz findet wegen des Belagerungszustands unter schwierigen Bedingungen statt. Allen Teilnehmern droht für ihre Teilnahme an der Konferenz Haft, Gefängnis, Schutzhaft und Einberufung zum Heer. Zur Tarnung ist die Zusammenkunft als Treffen der Naturfreunde angemeldet. Die Leipziger Delegierten schicken Walter in Briefen Bruchstücke von den Ergebnissen der Konferenz an die Front. Walter deutet in seiner Antwort an, dass er „draußen“ weiterlernt. Auch der Kontakt zur Schweizer sozialistischen Jugend, die er noch von seiner Wanderschaft kennt, besteht weiter. Aus Basel bittet Jacob Herzog die Familie um Neuigkeiten von Walter, da er von ihm keine Nachricht mehr habe und ihm seine Adresse unbekannt sei. Er bittet, ihm nach Erhalt der Karte eine Nachricht zu senden und ihm „die Bücher“ per Post zu schicken.77 Die Regierung ist über die Opposition im Bilde. Im Sommer gibt das Kriegsministerium den Befehl, Aktivisten wie die Familie Ulbricht mundtot zu machen, einzuziehen oder zu verhaften. Auch der Parteivorstand und die Gewerkschaften sind Aktivisten wie Walter feindlich gesonnen.
Auf die Flugblätter reagieren sie unverhohlen: „In anonymen Flugblättern […] wird versucht, Hass und Misstrauen gegen die von den Arbeitern selbst gewählten Vertrauensleute zu säen. […] Es wird der Vorwurf erhoben, dass sie die sozialistischen Grundsätze preisgeben, die Beschlüsse deutscher Parteitage und internationaler Kongresse missachten.“78 Die Parteibürokratie versucht alles, um die Opposition mundtot zu machen. In einem geheimen Rundschreiben an die Leipziger Ortsvereine wird das Auftreten der Jungfunktionäre verurteilt. Genossen wie Willi Langrock, Wolff, Lungwitz und Alwin Herre werden verhaftet und zu Gefängnis verurteilt. Der Kriegsdienst schützt Walter vorerst vor der Haft.
Es gärt in Deutschland. Nach Reformversprechen des Kaisers streiken im April 1917 allein in Berlin 300 000 Menschen79. Auch in Leipzig kommt es zu Streiks, als die Regierung erneut die Brotrationen kürzt. Die Forderungen werden zunehmend politisch. Die Demonstranten verlangen Reformen und Friedensverhandlungen. Als Reaktion greift das Militär hart durch, Betriebe werden besetzt und Streikende an die Front geschickt.
Familie Ulbricht gelingt es, trotz allem feinsinnig zu bleiben. Schwester Hildegard schreibt frei nach Heine zur Maifeier: „Die großen Birnbäume im Garten sind von weißen Blüten schon überschüttet, der die Luft angenehm mit seinem Duft erfüllt. Die kleinen Spatzen können sich gar nicht von den schönen Blüten trennen, sie scheinen […] sehr gut zu schmecken. […] Im Walde ist herrliches Vogelkonzert, dass ein Kuckuck durch seinen unaufhörlichen Ruf noch lebendiger und reizvoller gestaltet. – So wandelten wir […] in Freude – und erwartungsedler Stimmung auf weichen Pfaden unter dem schattigen Laubzelt des Waldes nach Markkleeberg […] auf [die] Frühlingsfeier. Am Abend wanderten wir […] mit fröhlichem Sang durch den dunklen Wald. Über uns funkelten am klarblauen Himmel die kleinen freudigen Sternenkinder wie Diamanten. Und zur Linken floss träge das lehmbraune Wasser der Pleiße. […] In der Woche nach Pfingsten wird endlich mein Bruder hier sein. Meine Freude ist ganz unbeschreiblich.“80
Walters Fronturlaub bleibt kurz, aber er nutzt ihn. Nach seiner Rückkehr an die Front bedankt sich Jacob Herzog aus Zürich bei ihm für dessen Karte, „welche jedoch von der Zensur stark verstümmelt worden sei“. Der Schweizer meint, dass auch seine Ferien bald zu Ende gingen und er selber für das „Vaterland“ wirken müsse.81
Im Juli findet die Reichskonferenz der revolutionären Jugend in Halle statt.82 Walter ist an der Front. Er scheint müde, aber nicht resigniert. Die Genossen um Herzog und Münzenberg versorgen ihn aus Zürich mit Flugblättern. In Mazedonien finden Soldaten in seiner Feldpost Flugblätter. Er hat Glück, das Feldgericht kann ihm nichts nachweisen und es bleibt beim Strafexerzieren. Nun bitten die Behörden um vorsichtige Ermittlungen über die Familie.83 Die Militärzensur fängt eine kriegsmüde Karte aus Mazedonien ab: „Der Geist des preußischen Militarismus verdirbt systematisch den Charakter. Unter diesem System in seiner extremsten Form hause ich jetzt. Was hier an Menschenschinderei geleistet wird, ist unglaublich. Alle Romantik in der Welt des Kismets geht dabei zum Teufel. Habe jetzt zu Homers Werken Zuflucht genommen, die Brust voll Hoffnung auf bessere Zeiten.“84
Per Schreibmaschine notiert der Zensor das gekrakelte Wort für die Akte: „Kismet – im Islam das dem Menschen vermeintlich zugeteilte unabwendbare Schicksal.“
Als die Zensur andere Flugblätter und Briefe abfängt, verhängt die Polizei eine Postkontrolle über die Familie.85 Sie sei dringend verdächtig, aus der Schweiz „revolutionäre Flugschriften nach Deutschland zu schmuggeln. [An die] Familie Ulbricht in Leipzig […] sind bereits mit Kenntnis der hiesigen Dienststelle Flugschriften abgegangen mit dem Titel: ‚Kameraden an der Front! Genossen in Uniform!‘ in denen zum Sturz des ‚Berliner Zaren‘ nach Petersburger Beispiel aufgefordert wird. Neuerdings ist auch mit hiesigem Einverständnis ein Brief an Erich Ulbricht […], in dem unsere innenpolitischen Umstände aufs Schärfste im revolutionären Sinne angegriffen werden, befördert worden“86.
Im Oktober 1917 erkrankt Walter in Mazedonien an Malaria und kommt in Skopje ins Lazarett. Zu Silvester ist er auf Heimaturlaub und feiert mit seiner Mutter bei Freunden in Leipzig Neujahr.87 Die Eltern sind in das Naundörfchen 26 umgezogen, er lernt die neue Wohnung der Familie kennen. Hinter der Hauptfeuerwache am Fleischerplatz stehen meist eingeschossige, dicht aneinandergereihte Häuser, viele mit Fachwerk. Es ist eine Arme-Leute-Gegend.
Die freie Zeit nutzt er, um sich mit der Leipziger Liebknechtgruppe, jetzt Spartakusgruppe genannt, zu treffen, und tritt der sozialistischen USPD bei, die sich als Folge des Streits über die Kriegsfrage von der SPD abgespalten hat. Die Entscheidung ist nicht opportunistisch. Allein seine Mitgliedschaft in USPD und Spartakusgruppe ist Hochverrat. Wer sich engagiert, hat anderes im Blick als ein bürgerliches Dasein. Der SPD-Parteivorstand weist seine Vorstände an, Verhafteten keinen Schutz oder Hilfe zu gewähren.
Verfolgt und von SPD und Gewerkschaften denunziert, muss Walter vorsichtig sein.88 Er weiß, dass er mit Ausgrenzung, Ächtung und Haft rechnen muss. Auch seine Ermordung gehört zu seinen Perspektiven.
In Russland kommt es am 7. November 1917 zum Sturz der provisorischen Regierung durch die kommunistischen Bolschewiki unter Lenin und Trotzki. Bereits drei Wochen später schlägt Trotzki einen Waffenstillstand vor, um die revolutionäre Macht im kriegsmüden Russland zu stabilisieren. Als sich die Unterhändler in Brest-Litowsk treffen, versuchen die Bolschewiken, die Verhandlungen in die Länge zu ziehen, Zeit zu gewinnen und Stimmung für ihre Revolution zu machen. Was die Aussichten für einen Umsturz durch die deutschen Sozialisten betrifft, ist Moskau aber realistisch. „Als revolutionäre Partei sind die Unabhängigen (USPD) völlig hoffnungslos und untauglich. […] Die Spartakusleute fürchten Verhaftungen, sind hauptsächlich jung, […] sie können nur unter Anleitung arbeiten […], und sie bilden sich ein, dass wenn sie alle Schaltjahre einmal einen Proklamationswisch herausbringen […], dass dies sogar schon ein Übermaß revolutionärer Umtriebe sei.“89
Zurück in Skopje wird Walter aus dem Feldlazarett entlassen und schreibt im Januar 1918 seiner Familie aus Mazedonien. Am 3. März 1918 unterzeichnet die Oberste Heeresleitung in Brest-Litowsk einen harten Friedensvertrag mit Sowjetrussland. Es scheint, als könne Deutschland den Krieg noch gewinnen, sollte die Reichswehr vor dem Eintreffen der Amerikaner einen Durchbruch im Westen erreichen. Um das Ruder noch herumzureißen, beginnt jetzt die deutsche Frühjahrsoffensive im Westen. Auch Walter kommt zur Infanterie an die Westfront. Die Stimmung unter den Soldaten im Zug ist schlecht. Die ersten unter ihnen desertieren schon in Ungarn. In Böhmen kommt es zur Meuterei. Auf einem Halt beschweren sich die Soldaten über schlechtes Essen und schütten ihre Rationen auf den Bahnsteig.
Die Soldaten weigern sich, wieder einzusteigen, bevor es nicht anständiges Essen gibt. Erst als sie Wurst bekommen, kann der Zug weiterfahren. Kurz vor Leipzig desertiert Walter und springt aus dem fahrenden Zug ab. Bis Köln verschwindet die Hälfte des Transports. In Leipzig angekommen, trifft sich Walter mit seinen Freunden von der Spartakusgruppe sowie dem Leipziger USPD-Vorsitzenden und Chefredakteur der Leipziger Volkszeitung Friedrich Seger. Er hört auf dem SPD-Sekretariat von den Gefahren der Desertion und erhält den Rat, zur Truppe zurückzukehren. Nach zwei Wochen meldet er sich als „von der Truppe abgekommen“ bei den Behörden. Vom Militärgericht erhält er darauf drei Monate Gefängnis.
Ungeachtet aller Hoffnungen erlahmt die Offensive im Westen schnell. Die Initiative geht endgültig auf die Entente über, die Niederlage ist besiegelt. Die Moral sinkt auf den Nullpunkt, da das Unternehmen als letzte Anstrengung vor dem Sieg verkauft worden ist.
Die Armee ist jetzt kaum mehr zur Defensive fähig. Die Oberste Heeresleitung wirft die letzten Kräfte an die Front, um den Zusammenbruch zu vermeiden. Auch Walter wird nach vier Wochen Haft nach Belgien eskortiert. Dort drillt ihn die Infanterie auf verschiedenen Übungsplätzen und schickt ihn direkt an die Front. Unterwegs desertiert er, aber die Militärpolizei greift ihn – mit Flugblättern im Gepäck – auf. Wegen Entfernung von der Truppe wandert er in Charleroi zurück in den Arrest. Zu einer Anklage kommt es aber nicht mehr.
Als die Nachricht vom Kieler Matrosenaufstand an der Front eintrifft, flieht er heimlich aus dem provisorischen Gefängnis. Seine Einheit wählt einen Soldatenrat und löst sich auf. Mit einem Transportzug fährt Walter durch die Ardennen bis nach Frankfurt und von dort auf dem Tender einer Lokomotive nach Leipzig.90
Revolutionär
Der Kaiser hat abgedankt, die Republik ist ausgerufen, doch für viele ändert sich wenig an Armut und Misere. Lebensmittel, Rohstoffe und Heizmaterial sind knapp, Deutschland ist ruiniert. Der Krieg hat Millionen Verwundete und Tote gefordert. Jetzt heißt es wählen – bürgerliche Republik oder Sowjetdeutschland.
Schon am 3. November 1918 bildet sich auch in Leipzig ein Arbeiterrat, drei Tage darauf ein Soldatenrat. Die Revolution breitet sich jetzt über ganz Sachsen aus, knapp 500 Soldaten ziehen mit einer aus einem Tischtuch improvisierten roten Fahne zum Volkshaus und ziehen sie auf. Der Bürgermeister befürchtet, die Revolutionäre wollten das neue Rathaus stürmen, und wendet sich ohne Erfolg an die Leipziger Militärkommandantur mit der Bitte um Hilfe. Der Kommandant meint per Telefon, er sei selber machtlos.
Als Walter in Leipzig ankommt, ist die Stadt längst komplett in der Hand der Revolutionäre. Mitglieder des Spartakusbunds besetzen die Propaganda- und Pressestelle des Generalkommandos. Mit dem Waffenstillstand treffen jetzt auch die Leipziger Truppen zurück in der Garnison ein. Zur Begrüßung der heimkehrenden Soldaten steht Leipzig im Flaggenschmuck. Höhepunkt ist der Empfang der Reste des Infanterie-Regiments 106 auf dem Marktplatz. Beim Einzug „überwiegen die sogenannten nationalen Farben, immerhin sind die roten Fahnen nicht selten“91. Nur ein kleiner Teil der Truppe demobilisiert in den Kasernen, die meisten in Schulen und Quartieren im Umland. Die Heeresleitung will um jeden Preis verhindern, dass Revolutionäre wie Walter mit den Soldaten in Kontakt kommen oder die Bildung der vorläufigen Reichswehr behindern.
Walter behält seine Uniform vorerst weiter an und bleibt faktisch Soldat. Nach seiner Ankunft arbeitet er als Tischler bei Heinrich Gündel.92 Fast täglich sitzt er mit anderen Jungrevolutionären zusammen und bespricht, was zu tun ist. Bereits eine Woche später beginnt er im Arbeiter- und Soldatenrat in der Propaganda unter Soldaten und in Lazaretten zu arbeiten. Als USPD-Referent spricht er in Zeitz, Borna und in der Leipziger Umgebung.93 Er agitiert in Kriegsgefangenenlagern im Umland, um die Insassen für die Bolschewiken zu gewinnen. Wegen seiner Sowjetpropaganda vermittelt die USPD ihn am Ende kaum noch. Schon am 14. Dezember 1918 veröffentlicht der Spartakusbund sein Programm, in dem er fordert, politische Gefangene freizulassen, Banken zu enteignen und die Einzelstaaten sowie Dynastien abzuschaffen.
Damit ist der Bruch mit SPD und USPD vollzogen. Walter liest Lenins gerade erst illegal auf Deutsch erschienenes Buch Staat und Revolution, das er über Genossen in die Hände bekommen hat.94 Eine gewalttätige Revolution müsse den bürgerlichen Staat zerschlagen, bevor das Proletariat die Macht erobern könne. Damit widerspricht Lenin den „revolutionären Spießbürgern“ der SPD und USPD, die „der Revolution […] mit dem Mundwerk bei einem Krug Bier frönen“95. Walter entscheidet sich für die sozialistische Republik.
Am 30. Dezember 1918 gründet der Spartakusbund die Kommunistische Partei Deutschlands. Noch ist die KPD bedeutungslos und organisatorisch hoffnungslos unterlegen. Auch in Leipzig, wo der sächsische Ableger der KPD am 4. Januar 1919 gegründet wird, bleibt die Partei klein und hat kaum Einfluss. Walter schließt sich mit seiner Freundin Martha der Partei an und wird kurzerhand in die Leitung gewählt. Er arbeitet mühselig bis zur totalen Erschöpfung.
Zur gleichen Zeit kommt es in Berlin zu Kämpfen zwischen Linken und Regierungstruppen, nachdem Friedrich Ebert den Berliner Polizeipräsidenten, der das Vertrauen der Linken besitzt, abgesetzt hat. Die Unruhen führen zum Generalstreik, Militär und Freikorps rücken brutal gegen die Aufständischen vor und besetzen Berlin. Auch wenn die KPD nicht für die Kämpfe verantwortlich ist, müssen alle Spartakisten jetzt um ihr Leben fürchten. Wenige Tage nach dem Ende der Kämpfe erschießen Freikorpssoldaten die Parteiführer Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Ihr Begräbnis in Berlin-Friedrichsfelde wird zur Demonstration von USPD und KPD. Auch Walter reist für die Leipziger KPD zu dem Begräbnis nach Berlin.
Wieder in Leipzig mietet die neue Partei am Johannisplatz einen preiswerten, kleinen Raum. Kisten werden zu Tischen und Stühlen umfunktioniert. Die Gruppe stellt eine alte Schreibmaschine in Dienst. Allmählich nimmt die Partei Gestalt an.96 Bei der Wahl der Leipziger Stadtverordneten fehlt Walter nicht. Sein einfacher Status zeigt sich an seinem Listenplatz als Zwölfter. Ein Mandat erhält er nicht.
Noch will niemand in Leipzig für die Spartakisten Flugblätter drucken, es ist kein Geld dafür da. Aber Walter nutzt die Gunst der Stunde, als er mit Willi Langrock auf dem Weg vom Messplatz zum Volkshaus zufällig sieht, wie Demonstranten die Druckerei der Leipziger Neuesten Nachrichten besetzen, nachdem sie die Tür mit einem Kohlewagen eingerammt haben.97 Die beiden erklären, dass sie die Druckerei zum Herstellen eines Flugblatts brauchen. Drucker und Setzer finden sich, nach einer Stunde schon verteilt die Gruppe das Flugblatt. Matrosen, welche die Besetzer verhaften sollen, verbrüdern sich und lassen die Gruppe gewähren.
Am 2. Februar 1919 wird die Volkskammer der Republik Sachsen gewählt. Die SPD wird stärkste Partei, gemeinsam mit USPD und KPD erreichen die Arbeiterparteien 58 %. Es wird eine kurze Verschnaufpause bleiben. Walter nimmt auch an USPD-Versammlungen des Arbeiter- und Soldatenrats teil. Die Positionen der Parteien sind fließend, Walter propagiert die Räte-, die Sowjetmacht. Genauso ist er Teil der Leipziger Delegation auf der 2. Reichskonferenz der Freien Sozialistischen Jugend in der Kunstgewerbeschule in Berlin. Die Konferenz bekennt sich zur sozialistischen Republik, zur KPD und positioniert sich „gegen die bürgerliche Demokratie […], für die Diktatur des Proletariats“. Aber „die Selbstständigkeit der Jugendbewegung ist unbedingt notwendig […]. Einen organisatorischen Einfluss der Kommunistischen Partei und ihrer Organe auf die Jugendbewegung lehnt die Freie Sozialistische Jugend […] ab“98. Genauso lehnen die Delegierten es vorerst auch ab, sich „Kommunistische Jugend“ zu nennen.
Zum Abschluss hat die Berliner Delegation eine Feier für die Revolutionsopfer in der Singakademie vorbereitet. Nach einer „spartakistischen“ Rede kommt es zum Eklat, als die Pianisten sich weigern, für die Gruppe zu spielen. Anstelle von Tschaikowskis Klaviertrio gibt es aus dem Stegreif revolutionäre Gedichte und die Internationale.99
Kaum einen Tag nach Walters Rückkehr nach Leipzig überschlagen sich die Ereignisse. In der Stadt bricht der Generalstreik aus, in Bayern wird die Räterepublik ausgerufen. Knapp 40 000 Arbeiter stimmen in Leipzig für, 5320 gegen Streik, auch die Eisenbahner, Gas- und Elektrizitätswerke stimmen dafür100. Telegraf und Telefon sind gestört. Für den Vorsitzenden des Leipziger Arbeiterrats ist die Wahl ein Mandat zur Revolution. Laut der „Roten Fahne“ ist bereits „eine Deputation der A- und S-Räte […] bei der Regierung in Dresden vorstellig geworden und hat sie zum Rücktritt aufgefordert“101. Zwar verwirft die KPD den Plan insgeheim als inkompetent und umstürzlerisch, unterstützt ihn aber öffentlich.
Nachdem die Leipziger Bürgerschaft zum Gegenstreik übergeht und Einwohnerwehren bildet, versucht die Streikleitung, ihre Ziele noch einmal zu erzwingen. Streikende besetzen die Bahnhöfe der Stadt. Revolutionäre verhaften den Amtshauptmann, stellen den Direktor der Reichsbankfiliale unter Hausarrest und ertrotzen Gelder, um Löhne und Krankengeld weiterzuzahlen. „Die bürgerlichen Zeitungen dürfen in Leipzig nicht erscheinen, nur die Leipziger Volkszeitung kommt heraus.“102 Die Revolutionäre merken nicht, dass sie die Macht längst wieder verloren haben. Die Arbeitgeber stellen die Lohnfortzahlung ein, entlassen alle Streikenden und melden sie bei der Ortskrankenkasse ab. Freikorps entwaffnen die Arbeiter und werben Denunzianten. Als Demonstranten in Dresden den sächsischen Kriegsminister Neuring lynchen, verhängt die Regierung den Belagerungszustand.
Damit setzt sie die Versammlungs- und Pressefreiheit außer Kraft und verbietet die „Rote Fahne“. Das Militär besetzt die Stadt, um endgültig Ruhe schaffen: „Haussuchungen und Verhaftungen können […] zu jeder Zeit vorgenommen werden. […] Es ist verboten […] zu Streiks aufzufordern […]. Alle Versammlungen unter freiem Himmel sind verboten.“103 In Anbetracht der aussichtslosen Lage lenkt die Streikleitung ein und will verhandeln. Die Arbeiter fordern jetzt einzig, dass Großunternehmen Betriebsräte einsetzen. Doch die Arbeitgeber sind nicht zu den geringsten Konzessionen bereit. Damit ist der Streik am Ende.104 Anders als viele andere Streiks im Reich verläuft der Streik in Leipzig zwar friedlich, letztlich aber genauso erfolglos. Die Revolution ist in Leipzig zu Ende. Jetzt wird auch Walter demobilisiert und aus der Armee entlassen.105 Er hat damit weder Sold noch Krankenversicherung. Als lokaler KPD-Funktionär leitet er zwar unter jüngeren Arbeitern und Lehrlingen Versammlungen und betreibt Agitation,106 aber um zu überleben, muss er neben der ehrenamtlichen Parteiarbeit außerdem noch in einer kleinen Werkstatt in der Dresdner Straße als Tischler arbeiten. Als sein Meister ihm als gesuchtem Kommunisten bald wieder kündigt, folgt Walter dem Beispiel seiner Mutter und schlägt sich mit einem Tafelwagen mehr schlecht als recht als Markthelfer in der Jacobsgasse durch. In seinem Ausweis steht unter Beruf jetzt „Tischler und Markthelfer“.
Die Leipziger Polizei entfernt schließlich die revolutionären roten Armbinden von ihren Uniformen. Die Revolution ist vorbei. Drei Tage später treffen sich Leipzigs sozialistische Jugendorganisationen „aufgrund der bestehenden Verhältnisse“ im Volkshaus, um eine bessere Zusammenarbeit und Führung zu besprechen.107 Die Jugendlichen haben allen Grund zur Sorge. Aufgrund des Belagerungszustands marschiert die Reichswehr unter General Maercker mit 15 000 Soldaten auf Leipzig zu. Gegen Walter liegt ein Haftbefehl vor. Vorerst entgeht er der Festnahme durch Glück und Kaltblütigkeit. Noch am selben Tag druckt die Leipziger KPD ein Flugblatt, in dem es die Arbeiter auffordert, Maercker an der Grenze Sachsens „zu empfangen“ und den Weg nach Leipzig zu verstellen.
Walter arbeitet weiter unbezahlt in der Propaganda und spricht auf Versammlungen. Der KPD-Versandraum ist in einem Pferdestall in einem Hinterhof. Der Besitzer der Sattlerei im Vorderhaus sympathisiert und lässt die Gruppe durch sein Geschäft ein- und ausgehen.108 Walter erweist sich als Organisationstalent. Die Sittenpolizei verdächtigt ihn wegen seiner Kontakte mit Prostituierten, ein Zuhälter zu sein. Was sie nicht wissen, ist, dass er unter den Frauen ein Netzwerk aufbaut, um Maerckers Truppen auszuhorchen. So ist er über die Pläne der Reichswehr im Bilde.
Aber das Landjägerkorps lernt auch schnell und schreibt, dass Walter „in letzter Zeit auffallend viel mit der Telephonistin Käte Reif im Café Astoria [verkehrt]. Höchstwahrscheinlich, weil er von diesen abgehörten Militärgesprächen erfährt. [Er] geht jetzt stets in Zivil, während er vor dem Einrücken der Regierungstruppen nur Uniform trug. Überwachung der genannten Personen, auch durch Kriminalbeamte ist erforderlich. Bei besonderen Feststellungen sofort Meldung an Jägerstab“109. Tatsächlich tut die Armee alles, um ihn zu erwischen. Selbst vor der Wohnung der Familie Ulbricht fährt eine Reichswehrabteilung mit Maschinengewehr auf, um ihn zu verhaften. Weil Leipzig zu gefährlich wird, reist Walter für die Partei nach Flensburg. Hier hat die Revolution nur wenig Echo gefunden. Eine KPD-Gruppe gründet sich erst kurz vor Walters Ankunft. Es mangelt an Kadern, ein Organisationstalent wie Walter wird dringend gebraucht. Zwei Wochen später veröffentlicht das Standgericht I in Leipzig einen weiteren Haftbefehl gegen ihn. Obwohl die Polizei sogar Walters Vater verhaftet und verhört, kommen die Ermittlungen nicht voran.
In Berlin tritt am 20. Juni 1919 das Kabinett Scheidemann zurück. Am Tag darauf bildet der Sozialdemokrat Bauer ein neues Kabinett aus SPD und Zentrum. Die neue Regierung erklärt sich zur Annahme des Versailler Vertrags bereit, falls Deutschlands alleinige Kriegsschuld gestrichen werde. Die Alliierten lehnen ab, die Reichswehr prüft, ob man weiterkämpfen könne. Es hilft nichts.
Am 28. Juni 1919 unterzeichnet die deutsche Delegation unter Protest den „Diktatfrieden“. Erst mit der Ratifizierung des Friedensvertrags heben die Alliierten die Seeblockade einen Monat später auf. Langsam verbessert sich die katastrophale Versorgungs- und Ernährungslage, aber Hunger und Not bleiben allgegenwärtig. In Weimar verabschiedet die Nationalversammlung mit 262 Ja- gegen 75 Nein-Stimmen die neue Verfassung. Das Reich wird zur bürgerlichen Republik. Die Revolution ist vorbei. Nach drei Monaten kehrt Walter aus Flensburg nach Leipzig zurück.110 Hier wohnt er wieder bei seinen Eltern. Kurz darauf ist Freundin Martha schwanger.
Nach seiner Ankunft ermittelt die Polizei Walter als Leiter der Parteifinanzen in Mitteldeutschland und weist Hausdurchsuchung, Leibesvisitation, Beschlagnahmungen und Schutzhaft an.111 Zu dieser Zeit führt Walter für die Partei ein Postscheckkonto mit 11 433 Reichsmark.112 Er geht in der Parteiarbeit voll auf, arbeitet sowohl als Redner in Werdau und Zwickau als Mitglied der Bezirksleitung Westsachsen als auch im Literaturvertrieb.113 Unterdessen schreibt er für die Parteizeitung „Klassenkampf“ und leitet die kleine illegale Parteischule in Schkeuditz. Wie gerade selbst noch, lehrt er jungen Genossen dialektischen und historischen Materialismus, das „Kapital“ und Lenins’ „Staat und Revolution“. Weil die Parteiarbeit ehrenamtlich ist, arbeitet er tagsüber als Tischler, als Markthelfer und hat Gelegenheitsjobs. Stellenweise ist er arbeitslos gemeldet. Trotz der eigenen schwierigen Lage glaubt Walter, dass die Stunde der Revolution da sei. Als ein USPD-Referent der Sozialistischen Jugend im Jugendheim in der Töpfergasse erklärt, der Höhepunkt der Revolution sei überschritten, widerspricht ihm Walter heftig. Ganz im Gegenteil mache Deutschland jetzt wie Russland vor zwei Jahren eine „Kerenski-Periode“ durch. Auch hier werde das Proletariat bald die Macht erobern. In Russland selbst sieht es dagegen eher aus, als würde die Revolution scheitern. Die Rote Armee ist kaum einsatzfähig, ihr Gebiet ist auf Moskau, Petrograd und Tambow geschrumpft. Die Alliierten verhängen eine Wirtschaftsblockade über Sowjetrussland.
Das Blatt wendet sich erst als die Rote Armee unter Trotzki im November 1919 überraschend die Weißen Truppen bei Petrograd schlägt. Walter findet schließlich eine neue Arbeit bei der Tischlerei Paul Bielitz in Leipzig-Volkmarsdorf. Kaum einen Monat später verhaftet die Polizei ihn allerdings in seiner Wohnung. Im Verhör geht es vor allem um seine Rolle beim Verteilen von KPD-Flugblättern. Er überzeugt die Polizei von seiner Unschuld und kommt nach einigen Tagen frei.114 Seine Arbeit verliert er nach der Haftentlassung dennoch.
Der zweite Parteitag der KPD findet in Heidelberg statt. Da die Partei immer noch illegal ist, müssen die Delegierten mehrmals den Tagungsort wechseln. Die Tagung ist geprägt von der Auseinandersetzung zwischen der Zentrale und dem ultralinken Flügel. Die Parteiführung plädiert dafür, sich bei Gewerkschaften zu engagieren und sich an Reichstagswahlen zu beteiligen, während die Ultralinken meinen, die Partei solle eigene Gewerkschaften aufbauen und Wahlen boykottieren. Damit beginnt die Spaltung der Partei. Zwar kostet die Spaltung fast die Hälfte der etwa 100 000 Mitglieder, bereitet aber die Annäherung an die USPD vor. Der folgende Parteitag der USPD in Leipzig ist das zweite „große Ereignis dieses Jahres in der Entwicklung des deutschen Proletariats und damit der deutschen Revolution“115. Die Partei schließt eine Kooperation mit der Mehrheits-SPD aus und hält an einer Rätedemokratie fest. Trotzdem kritisiert die KPD die Beschlüsse scharf. Vorerst ist es noch ein weiter Weg zur Kooperation von Kommunisten und unabhängigen Sozialdemokraten.
Walter bleibt klar der KPD verschrieben. Persönlich verändert sich sein Leben aber stark. Am 7. Februar 1920 heiratet er seine hochschwangere Freundin Martha und geht nur eine Woche später wieder auf Reisen.116 Drei Monate nach der Hochzeit bringt Martha im Mai ihre gemeinsame Tochter Dora zur Welt. Dora ist ein kleines, kränkliches Kind, schreit nachts viel. Trotz aller Beschwernisse zeigt Walter sich, wo es geht, als fürsorglicher und zugewandter Vater. Aber gleichzeitig Funktionär und Vater zu sein, erschöpft Walter und strapaziert seine Ehe zutiefst.117
Mit der Ratifikation tritt der Versailler Vertrag in Kraft. Berlin ist verpflichtet, das Heer auf 100 000 Soldaten zu reduzieren und die Freikorps aufzulösen. 200 000 Freikorpssoldaten stehen vor der Entlassung. Putschgedanken frustrierter, von der Entlassung bedrohter Offiziere treffen jetzt mit rechtsextremen Umsturzplänen zusammen. In Leipzig ist die Polizei durch Informanten hinreichend über Walters Rolle bei der Verbreitung „aufrührerischer Flugblätter“ informiert. Der Untersuchungsrichter verfügt kaum drei Wochen nach seiner Hochzeit erneut einen Haftbefehl, den das Gericht erst im Herbst wieder aufhebt. Walter ist wieder vogelfrei, gerade als die unheilvolle politische Lage eskaliert.
Am 29. Februar 1920 weigert sich General von Lüttwitz, dem Befehl von Reichswehrminister Noske zu folgen, die Marinebrigade Ehrhardt und das Freikorps Loewenfeld aufzulösen. Zwei Wochen später besetzt er mit der Marinebrigade das Berliner Regierungsviertel und ernennt den ostpreußischen Generallandschaftsdirektor Kapp zum Reichskanzler. Die Reichswehr lehnt ein Vorgehen gegen die Putschisten ab. Minister, Reichskanzler und Reichspräsidenten fliehen aus Berlin. Noch am gleichen Tag rufen Reichsminister und SPD-Parteivorstand zum Generalstreik auf. Gewerkschaften und KPD schließen sich dem Aufruf an und legen das öffentliche Leben lahm. Die Armee besetzt auch Leipzig, die Stadt gleicht einem Heerlager. Soldaten und Arbeiterwehren prägen das Straßenbild. Die Putschisten gehen brutal gegen mutmaßliche Linke und Revolutionäre vor. Als Antwort errichten die Arbeiter Barrikaden und Straßensperren. Walter lebt konspirativ als Teil der fünfköpfigen KPD-Kampfleitung und als Lokalredakteur für die Zeitung „Klassenkampf“. Auch die Leipziger USPD ruft zum Widerstand gegen den Putsch auf. Als sich Demonstranten dem Augustusplatz nähern, werden sie von der Reichswehr und dem Freiwilligenregiment von den Dächern aus beschossen. Allein hier sterben 40 Demonstranten, über 100 werden verletzt. Aber der Generalstreik wirkt. Sämtliche Vororte sind in den Händen der Arbeiter, das Militär verschanzt sich in der Innenstadt. Die Reichswehr muss einem Waffenstillstand zustimmen. Aber nicht alle halten sich daran. Während die Toten der Kämpfe auf dem Südfriedhof beerdigt werden, stürmen Putschisten das Volkshaus, das sie für das „Hauptquartier der Spartakisten“ halten, und schießen es in Brand. Mit dem Scheitern des Putschs brechen SPD und USPD den Generalstreik ab. Die Kommunisten kämpfen alleine weiter, die Polizei fahndet wieder gegen Walter als Rädelsführer. Schließlich wird er verhaftet, als er nach Feierabend in das von der Polizei besetzte, illegale KPD–Bezirksbüro kommt. Er bleibt zwei Wochen im Gefängnis. Da aber niemand belastende Aussagen macht, muss die Polizei ihn wieder freilassen. Kaum einen Tag später kommt die Polizei zurück, um ihn erneut zu verhaften. Walter ist inzwischen abgetaucht, hat sein Versteck gewechselt und seine Arbeit gekündigt. Der Zugriff bleibt erfolglos.
Die KPD bleibt eine Splitterpartei mit kaum 75 000 Mitgliedern,118 aber für jemanden mit Walters organisatorischen Fähigkeiten und Energie bieten sich Möglichkeiten. Zur Reichstagswahl im Juni 1920 kandidiert er für die Partei im Bezirk Mitteldeutschland.119 Die Wahlen verlaufen bei starker Beteiligung ruhig und bringen 21,7 % für die SPD und 18,8 % für die USPD. Die KPD kommt auf 2,1 % und erhält zwei Sitze, die Zetkin und Levi bekommen. Trotz ihres Erfolgs zerbricht die USPD kaum vier Monate später nach monatelangen Flügelkämpfen. Bei den Gesprächen in Halle über eine Vereinigung des linken Parteiflügels mit der KPD ist Walter Teil der KPD-Delegation. Nach dem Zusammenschluss zur Vereinigten Kommunistischen Partei wählt die Partei Walter in die Bezirksleitung Mitteldeutschlands. Daneben wird er Lokalredakteur beim „Roten Kurier“ für Westsachsen. Nachdem Sachsens Volkskammer eine neue Verfassung annimmt, finden die ersten Landtagswahlen statt. Die Kommunisten erhalten 5,7 % der Stimmen. Walter ist zwar einer von 15 Kandidaten, erhält aber keines der sechs Parteimandate.120 Trotzdem hat er Grund zu feiern. Im Dezember unterzeichnet er mit Martha den Mietvertrag für ihre erste eigene bescheidene Wohnung. Für 825 Mark Miete im Jahr121 haben die beiden in der Geißlerstraße zu Sellerhausen zwei Zimmer nebst Inventar mit „Berliner“ Kachelofen, Besenkammer und Kellerabteil. Die Möbel zimmert Walter als Tischler selber.122 Zwei einfache Metallbetten komplettieren die Einrichtung.
1921 beginnt vielversprechend. Mit der Vereinigung mit der USPD hat sich die Mitgliederzahl der KPD fast verzehnfacht. Bei den Wahlen zum Preußischen Landtag wird die Partei in ihren Hochburgen stärkste Kraft. Die Überschätzung der eigenen Kräfte scheint dabei vielen zu Kopf zu steigen. Auch die gerade gegründete Komintern, der weltweite Zusammenschluss kommunistischer Parteien, entsendet eine Delegation, um die Zentrale von einem Aufstand zum Sturz der Regierung zu überzeugen.123
Frustriert meint Parteichef Levi: „Die Frucht eines zweijährigen Kampfes und einer zweijährigen Arbeit [wird] zerstört.“124 Er tritt zurück. Seine Stelle übernimmt die linke Opposition um Brandler und Stoecker. Der Komintern-Gesandte Radek verlangt, Russland „durch Bewegungen im Westen [zu entlasten], aus diesem Grund müsse die deutsche Partei sofort in Aktion treten […], um die Regierung zu stürzen“125. In Sachsen ist die Situation besonders angespannt. Nach dem Kapp-Putsch befinden sich noch viele Waffen in den Händen der Arbeiter. Der SPD-Oberpräsident befürchtetet einen kommunistischen Putsch und kündigt an, die Polizei in das mitteldeutsche Industriegebiet zu schicken. Obwohl von Lenin als „linksradikale Spielerei“ abgelehnt, tritt jetzt in der Zentrale die Offensivtheorie an die Stelle der gerade zaghaft erprobten Einheitsfront. Auch Preußens Innenminister Severing meint, dass ein Aufstand bevorsteht. „Die Waffe bringt die Entscheidung. – Und die Gegenrevolution will die Waffen nicht aus der Hand geben. […] Ein jeder Arbeiter pfeift auf das Gesetz und erwirbt sich eine Waffe, wo er sie findet.“126 Ende März beginnen Kämpfe mit der Polizei, Reichspräsident Ebert verhängt am nächsten Tag den Ausnahmezustand. Walter hilft bei den Vorbereitungen in Leipzig und ist auf einer Barrikade Teil der Kämpfe.127 Es hilft nichts. Schon nach wenigen Tagen schlagen Truppen den Aufstand blutig nieder, von 200 000 Aufständischen kommen etwa 180 ums Leben. Schon am gleichen Tag beginnen die Festnahmen und Walter muss wieder in den Untergrund.
Die Arbeit der Partei ist chaotisch. „Alle Mitglieder erledigen während der Sitzungen Arbeit, blättern Provinzpresse durch. […] Eine Tagesordnung wird von niemandem vorbereitet, so dass oft Fragen entstehen und man zu diesen übergeht, ohne die alten zu klären. Manchmal geht dies so weit, dass man die ursprüngliche Frage vergisst. […] Personen, die auf verantwortlichem Posten arbeiten könnten, sind in der Partei nicht vorhanden […].
Es gibt niemanden […] der die politische Führung übernehmen könnte […]. Auch einen Menschen mit starkem Willen und organisatorischem Talent, der den Organisationsapparat in seine Hände nehmen könnte, gibt es nicht.“128 Die Märzaktion ist für die Partei verheerend. Die Organisation ist von der Polizei zerschlagen, die Zahl der Mitglieder von 450 000 auf 150 000 gesunken. Für ein Talent wie Walter ist die Katastrophe aber auch eine Chance. Gleich nach dem Ende der Kämpfe beginnt er seine erste bezahlte Stelle in der Partei, offiziell bei der Leipziger UNS-Produktionsgenossenschaft.129
In Wirklichkeit reist er nach Erfurt, um die am Boden liegende KPD Groß-Thüringen zu retten. Die Richtungskämpfe haben den Parteibezirk aufgerieben. Walter soll in Jena eine neue Leitung schaffen. Die Genossen nehmen ihn widerwillig an, meist muss er sich auf neue Mitarbeiter aus Erfurt stützen. Walter kümmert sich um alles und jeden. Seine Mitarbeiter bemerken seinen Fleiß und Organisationstalent, aber auch sein kühles Äußeres. Er lernt Emotionen mehr und mehr hinter einer Maske, gedeckt durch das Lächeln der Ulbrichts, zu verbergen. Er entwickelt Ausdauer im Zuhören, hält sich zurück und ist im entscheidenden Moment am besten informiert.
Der Konflikt zwischen Rechten und Linken schwelt weiter. Das wird auch auf der Kommunistischen Jugendinternationale (KJI) in Jena deutlich, zu der Walters spätere Frau Rosa Michel angereist ist. Die KJI folgt einer ultralinken Linie und hat beschlossen, „alle […] revolutionären (Gruppen) einzuladen und dadurch den Kongress zu einem Weltkongress der gesamten revolutionären proletarischen Jugend zu gestalten“130. Sie meint, dass es im „jetzigen Stadium des revolutionären proletarischen Kampfes nicht mehr genügt […] eine kommunistische Massenpartei zu schaffen, sondern dass die Hauptaufgabe aller kommunistischen Parteien die Entfesselung einer ununterbrochenen Reihe von Aktionen ist, Propaganda und Agitation allein genügen nicht mehr“131. Dies ist trotz aller Beteuerungen eine ultralinke Kampfansage.
Da die Polizei ermittelt, eröffnen die Delegierten den Kongress entgegen der Planung in Berlin. Kaum begonnen, erklärt Moskau, dass der Kongress in Moskau stattfinden soll. Der Kongress in Berlin soll eine rein „private Konferenz“ sein. Die Komintern will den Verband auf Linie bringen: „Wer für die Tagung des Kongresses in Deutschland wäre, der sei […] ein verkappter Anhänger Hilferdings und Scheidemanns! […] Und gerade jetzt, wo Paul Levi rebelliere, gelte es zu parieren!“132 Die Frage ist, ob die KJI unabhängig bleibt oder unter Moskaus Kontrolle steht. Nach drei Sitzungen beschließt eine Mehrheit unter Protest den Kongress zu verlegen. Die KJI verliert damit gegen den Widerstand des Generalsekretärs Münzenberg ihre Unabhängigkeit.
Walter ist nicht an der Unterwerfung der KJI beteiligt. Er ist auf Wohnungssuche. Er schreibt nach Hause, dass er gut angekommen sei und neue Zimmer suche. Obwohl er ganz gut hause, sei es privat doch besser. Er ist gerade vom Abendspaziergang zurück und hoffe „auf eine baldige Antwort betreffs einer gewissen Sache“133. Wie immer geht es um Politik. Seine Arbeit als Parteisekretär ist ein nervenaufreibender Kampf. Erst als er die Lage langsam unter Kontrolle hat, bereitet er den überfälligen Bezirksparteitag vor. Trotzdem bleibt er eng mit Frau und Tochter in Kontakt, schreibt aus Weimar,134 schickt Grüße und hofft auf ein baldiges Wiedersehen.135 Für Martha ist Leipzig als Frau eines führenden KPD-Funktionärs mit einem kleinen Kind jetzt noch mehr als sonst brandgefährlich. Sie taucht mit Tochter Dora in Hilmsdorf zwischen Leipzig und Chemnitz, dann in Sorbitzmühle in Thüringen unter. Die Polizei soll sie nicht finden.
Auf dem 7. Parteitag in Jena im August 1921 lernt der Delegierte Ulbricht den ultralinken Delegierten Thälmann kennen. Die Konferenz ordnet die Partei endgültig der Komintern unter: „Mitglied der Partei kann jede Person werden, die Programm, Satzungen und die Beschlüsse der Partei und der Kommunistischen Internationale als für sich bindend anerkennt, an der täglichen Parteiarbeit teilnimmt, regelmäßig die Parteibeiträge zahlt, die Parteizeitung abonniert und für sie wirbt.“136 In der Zentrale ist Clara Zetkin jetzt die letzte Oppositionelle, unter 278 Delegierten gibt es gerade noch 60 Vertreter der linken und 15 der rechten Opposition.137 Der Parteitag bestätigt alle Führer der Märzaktion in der Zentrale: Ernst Meyer und Ernst Reuter werden neue Parteiführer, Ernst Friesland setzt sich als Generalsekretär gegen Wilhelm Pieck durch. Gegen den Widerstand der Delegierten wertet Walter dabei die Kursänderung des gerade beendeten III. Weltkongresses aus: Hier hat sich nach hitzigen Debatten die Einheitsfront durchgesetzt, die von Moskau favorisierte Strategie, sich auch mit linken Kräften außerhalb der eigenen Partei zusammenzuschließen.
Moskau und die KPD-Führung sind auf Kollisionskurs. Es reiche nicht, die Revolution zu erzwingen, wie die Partei es versucht habe. Das Ziel müsse „die Eroberung des […] Einflusses auf die Mehrheit der Arbeiterklasse“138 sein. Dieses müsse durch die alltäglichen Kämpfe des Proletariats geschehen, auch wenn diese nicht auf den Kapitalismus abzielen. Daraus ergibt sich ein formelles Umsteuern gegenüber der SPD. Statt sie zu bekämpfen, müsse die KPD mit ihr zusammenarbeiten. Als erstes Zeichen beteiligt sich die Partei auch an Demonstrationen mit der SPD anlässlich des Mords an Finanzminister Erzberger im August 1921.
Für Walter wird es immer schwerer, Zeit zu finden, um seiner Familie zu schreiben. Er reist viel, lässt ausrichten, er sei für einige Tage in Jena und habe bislang noch keine Zeit zum Schreiben, wolle aber einen Brief folgen lassen. Er verspricht noch ein Geschenk zu senden und schickt Küsse.139 Im September schreibt er Martha schließlich, dass er mit dem 5-Uhr-Zug kommen und bis Sonnabend in Leipzig bleiben wird. Ruhige Tage allein zu zweit gibt das Wochenende zu Hause nicht her. Er meint, dass am Freitag noch eine Genossin vorbeikommen soll, mit der er wegen einer Anstellung sprechen müsse.140 Privates und Partei bleiben untrennbar.
Bei aller Arbeit schreibt Walter jetzt in der „Neuen Zeitung“ auch noch eine Artikelreihe über „Thüringische Landespolitik“. Er ist jetzt „die rote Seele Thüringens“141. Im November 1921 verlegt die Partei die Bezirksorganisation nach Jena. Walter meldet sich in Erfurt ab und beschäftigt sich in Jena am Lutherplatz ganz mit der Leitung der KPD. Offiziell arbeitet er hier ein Jahr lang für die „Neue Zeitung“. Seine Hauptaufgabe sieht er, ganz der Parteilinie folgend, darin, die KPD aus der Isolation herauszubringen, in der sie steckt. Er führt in der Bezirksleitung neue Methoden ein. Jede Sitzung wird von ihm vorbereitet, straff durchgeführt. Er lebt schlicht und ohne viel Aufsehen, wandert und treibt Sport.142 Trotz der vielen Arbeit kehrt er an Wochenenden regelmäßig zurück zu Frau und Tochter in Leipzig.143 Er schreibt und versucht den Spagat zwischen Partei und Familie.144 Indes steigt er schnell in der Parteiführung auf. Immer öfter muss er zu Sitzungen nach Berlin und immer seltener schafft er es zu seiner Familie. Im Januar 1922 schreibt er an Martha, dass er am Sonnabend gut in Weimar angekommen sei, mittags aber gleich wieder nach Jena fahren müsse und am Sonntag zum Zentralausschuss nach Berlin weitermüsse. Er hat gemerkt, dass es mit Martha in den Ferien schöner ist als hier auf der Bahn. Er ist trotzdem frohen Muts.145 Sein Enthusiasmus ist ansteckend, auch sein Vater tritt jetzt der KPD bei.
Schon im Februar 1922 verwirft die Komintern die gerade erst zaghaft erprobte Einheitsfront erneut als opportunistisch. Moskau weist die Zentrale an, eine offensivere Linie durchzusetzen. Walters Jugendfreund Jacob Herzog schreibt ihm aus Moskau, wo er die nach Moskau verlegte Jugendkonferenz vorbereitet. Das Wetter sei angenehm und lange nicht so kalt wie Ende Januar in Berlin.146
Genau wie Herzog ist Walter sehr an der Jugendpolitik interessiert. Er will nutzen, dass die Jugend eine aktivere Rolle als je zuvor in der Politik spielt. Er unterstützt so auch den ersten KPD-Reichsjugendtag zu Pfingsten in Jena.147 Tanz, Gesang und Vorträge sollen das Interesse von politisch gleichgültigen Jugendlichen wecken.
Sechs Monate nach seinem Umzug aus Leipzig legt das Thüringische Innenministerium mit dem Gesetz zum Schutze der Republik Walters Akte an. Er wird jetzt ständig von „persönlichen Beauftragten“ überwacht. So wissen die Behörden schon Tage im Voraus, wann die nächsten KPD-Treffen stattfinden werden. Walter geht in seiner Arbeit auf, aber beliebter macht ihn das auch bei vielen in der Partei nicht. Auf der Rückfahrt von einer Konferenz von Gera nach Jena sitzt er mit anderen Delegierten in einem offenen Wagen der vierten Klasse. Die meisten kommen aus der Jugendbewegung und sind froh, der Konferenz entkommen zu sein. Walter aber redet über Politik und ermüdet seine Mitreisenden mit politischen Fragen, die sie „zum Überdruss“ besprochen haben. „Das ist aber ein Knochen!“, meinen die Jugendlichen.148
Doch seine Arbeit zeigt Resultate. Im Herbst ist sein Bezirk auf Vordermann. Seine Bilanz kann sich sehen lassen. Nach zwei Jahren Neuaufbau existiert eine stabile Organisation mit 110 Ortsgruppen und 30 000 Mitgliedern. Im Sommer nimmt Walter an seinem ersten Parteitag teil. Im Anschluss wählt die Thüringer Parteiorganisation ihn zum Delegierten für den IV. Weltkongress der Komintern in Petrograd und Moskau. Es ist seine erste Reise in die Sowjetunion. Die Fahrt ist kompliziert, Sowjetrussland ist von den Spuren des Bürgerkriegs gezeichnet. Genossen vor Ort warnen: „Sagt jedem Delegierten, der hierherkommt, er soll sich ein Paar Gummischuhe mitbringen. Hier kann er sich keine kaufen, und er ersäuft sonst im Straßendreck. Auch müssen die Genossen unbedingt genügend warme Kleidung mitbringen. Es sollen unbedingt warme Reisedecken mitgenommen werden, die auch als Bettdecke dienen können. Desgleichen kleines Geschirr (Kaffeekanne aus festem Material – nicht Porzellan), Teelöffel, Teesieb, feste Tassen, Besteck, etc.“149
In Petrograd besucht Walter unter anderem das Putilow-Traktorenwerk, einen Ausgangsort der Februarrevolution von 1917. Mit dem polnischen Genossen Marchelewski hält er von einem Podest auf einer Betriebsversammlung als Delegierter des Weltkongresses eine Rede vor den Arbeitern.150
Weiter in Moskau wird er am Nikolaevsky Bahnhof auf dem Bahnsteig von einem Komintern-Mitarbeiter empfangen.151 Ein einfaches Pappschild bittet ihn mehrsprachig, sich zu melden. Ein Bus bringt ihn in das Hotel Lux, das für die Komintern reserviert ist. Das verstaatlichte Hotel liegt zentral an der geschäftigsten und lautesten Hauptstraße Moskaus. Ein „geschmackloses dreistöckiges Monster mit schweren Säulen, rotem Marmor und goldgerahmten Spiegeln“152. Verwaiste Lounges sind zu Gruppenzimmern umfunktioniert. In einem Glaskasten am Treppenabsatz vor dem Fahrstuhl überprüft ein Wächter die Passierscheine und weist Zimmer und Lebensmittelkarten zu.
Trotz aller Ideale ist das Leben im Hotel von Hierarchien und Regeln dominiert. Es gibt es drei Kategorien von Genossen: Unten stehen das technische Personal und Mitarbeiter der Jugendinternationale; in der Mitte Kader, Redakteure und Assistenten. An der Spitze Parteiführer und Vertreter ausländischer Parteien. Die höheren Ränge bekommen größere und hellere Räume, mehr und bessere Nahrung, Kleidung und Toilettenartikel. Walter ist noch ein kleiner Kader unter vielen und muss sich mit mageren Rationen abgeben. Die Hierarchien sind klar und werden starr beachtet. Unmöglich, daran zu rütteln.
Die Büros der Komintern sind nur einen kurzen Fußmarsch vom Lux entfernt, Ecke Mochowaja Straße und Wosdwischenka Straße nahe dem Alexandergarten des Kremls. Jede Parteidelegation hat hier ein bis zwei Zimmer. Im Eingang steht eine Wache mit Polizisten, die Fremdsprachen verstehen. Besucher kommen nur ins Haus, nachdem eine Wache mit dem Büro telefoniert hat und die Delegation ihre Besucher abgeholt hat.153 Für Walter führen jetzt alle Wege zu dem dreistöckigen neoklassizistischen Gebäude im Herzen der Stadt. Alle wichtigen Institutionen sind in Sichtweite. Der Kreml, der Rote Platz, die Staatsbibliothek und das Marx-Engels-Institut sind um die Ecke, das Haus der Gewerkschaften auf der anderen Straßenseite. Nicht ohne Stolz schickt er Martha „herzliche Grüße aus dem Lande der proletarischen Herrschaft“154. Außerhalb des Kremls ist Moskau noch stark vom Bürgerkrieg gezeichnet. Obdachlose Kinder und Flüchtlinge der Hungersnot an der Wolga und im Ural streifen bettelnd durch die Stadt, machen Feuer, um sich zu wärmen. Auch Walter ist nicht gleichgültig. Um zu helfen, kauft er einen Stapel Postkarten der Internationalen Arbeiterhilfe für die Notleidenden – „der Reinertrag fließt den Hungernden zu“155.
Gleichzeitig verknüpft er die Situation mit dem politischen Kampf. Noch aus Moskau schreibt er für die „Neue Zeitung“ in dem Artikel „Die Taktik der Kommunistischen Internationale“, dass „die Tätigkeit der Kommunistischen Parteien in dieser Periode besonders schwierig [ist]. […] Gerade in dieser Situation haben die kommunistischen Parteien die Aufgabe, […] die proletarischen Massen unter Anknüpfung an ihre täglichen Nöte zu aktivieren“156. Auf dem Weltkongress selber arbeitet er an Programm-, Gewerkschafts-, Genossenschafts- und Jugendfragen. Höhepunkt ist die Rede Lenins „Fünf Jahre russische Revolution und die Perspektive der Weltrevolution“157.
Zur allgemeinen Überraschung besucht Lenin nach seiner Rede die deutsche Delegation. Er ist überarbeitet, sein Gesicht blass und eingefallen, von Krankheit gezeichnet. Er muss sich zusammennehmen und spricht nicht lange. Trotzdem schüttelt er nach dem Gespräch Walter und der restlichen Delegation die Hand und wünscht alles Gute. Die meisten bleiben noch eine Weile in Moskau, um bei Tee und Brot privat zu sprechen.158 Ende Dezember kehrt Walter nach Jena zurück, wo die Polizei längst wieder nach ihm fahndet. Kaum zurück stürzt sich Walter mit gewohntem Fleiß in die Funktionärsarbeit und wertet auf dem Bezirksparteitag in Erfurt den Weltkongress aus.
Den Entschlüssen des Kongresses folgend, beginnt er mit einer Arbeit, die ihm den Spitznamen „Genosse Zelle“ einbringt: die Gründung von Betriebszellen. Anders als die traditionelle Gliederung nach Wohngebieten soll die KPD fest in Betrieben verwurzelt werden, in kleinen, straff geführten und disziplinierten Betriebszellen. Die Kommunisten sollen nach Lenins Doktrin die Avantgarde der Arbeiterklasse sein und so den Kampf gegen die Bourgeoisie vorantreiben.
Wie erwartet bestätigt der Bezirksparteitag Walter als Delegierten Thüringens für den VIII. Parteitag im Februar 1923 in Leipzig. Der Parteitag wird für ihn ein großer Erfolg: Noch keine dreißig Jahre alt, wird er in die Zentrale und zum Sekretär des Politbüros gewählt. In einem kurzen Diskussionsbeitrag stellt er sich als Anhänger der herrschenden Rechten, als „Brandlerianer“ vor und kritisiert die Parteilinken um Ruth Fischer. Noch kennen ihn lediglich wenige Delegierte und er erhält nur 112 Stimmen. Wenig, verglichen mit den 166 Stimmen für den Parteivorsitzenden Brandler. Aber die Wahl ist ein weiterer wichtiger Schritt auf der Karriereleiter. Zwar hat Walter eigentlich wenig Lust, Jena zu verlassen und nach Berlin weitab seiner Familie zu ziehen, doch Beschluss ist Beschluss.
Der Parteitag findet in einer Atmosphäre extremer politischer Spannungen statt. Nur drei Wochen zuvor haben alliierte Truppen das Ruhrgebiet, Deutschlands industrielles Herz, besetzt, um 269 Millionen Goldmark ausstehender Reparationen einzufordern. Die Regierung hat darauf zum passiven Widerstand aufgerufen, niemand soll mit den Besatzern zusammenarbeiten. Der Generalstreik soll Frankreich daran hindern, sich aus den Zechen und Stahlwerken der Ruhr zu bedienen. Das gelingt nur teilweise. Vor allem hat der Streik aber Folgen für Deutschland. Die Gelddruckmaschinen werden angeworfen, um den Streik zu bezahlen. Die Inflation wird zur Hyperinflation, die bereits geschwächte Mark fällt ins Bodenlose. Bald ist das neugedruckte Geld das Papier nicht mehr wert, auf dem es gedruckt ist. Streiks, Plünderungen und Hungerunruhen erschüttern das Land. Rechte Politiker, Militärs und Unternehmer denken über eine „nationale Diktatur“ nach. Angesichts des Chaos ringen die Delegierten auf dem Parteitag um die richtige Strategie. Teile des Exekutivkomitees glauben, dass die Zeit für einen Aufstand reif ist. Wie soll man weiter vorgehen? Ist es Zeit für eine Revolution? Soll die KPD mit der SPD zusammenarbeiten oder ist nur ein Umsturz nach sowjetischem Vorbild erlaubt?
Auf der Linie der Komintern argumentiert Walter gegen die Mehrheit der Delegierten, man dürfe sich erst an einer Regierung beteiligen, wenn das Reich direkt vor der Diktatur des Proletariats stehe.159 Zwei Tage nach dem Ende des Parteitags zieht Walter zurück zu seiner Familie nach Leipzig.160 Als Mitglied der Zentrale pendelt er ab jetzt von dort nach Berlin. Die Polizei fahndet nach ihm, doch sein Aufenthaltsort lässt sich nicht feststellen. Ein Foto von ihm ist nicht vorhanden und es ist nicht möglich, eines zu beschaffen. Martha wird verhört und behauptet, auch kein Foto von ihrem Mann zu besitzen. Von den Nachbarn wird Walter sehr allgemein als etwa 1,65 Meter groß, schlank, bartlos, mit gesunder Gesichtsfarbe und blondem, welligem Haar beschrieben.161 Ansonsten hat die Polizei kaum Informationen zur Fahndung.
Parteiarbeiter
Die bürgerliche Republik scheint sich vorerst durchgesetzt zu haben. Errungenschaften der Revolution werden zurückgerollt und Sowjetdeutschland scheint für viele wenig mehr als eine ferne Hoffnung. Trotz aller Rückschläge kämpft die KPD zusammen mit der zunehmend bürokratisierten Komintern weiter für die Diktatur des Proletariats im Reich.
In Deutschland tobt der Ruhrkampf. Weil die deutschen Arbeiter streiken, kommen französische, um Kohle aus den Zechen zu fördern und nach Frankreich abzutransportieren. Die Lage wird immer heikler, mehr und mehr setzt sich der Eindruck durch, dass der Ruhrkampf weder zu gewinnen noch zu finanzieren ist. Die Mark verliert völlig an Wert: Am Zahltag fangen Frauen und Kinder die Väter an den Fabriktoren ab, um mit dem Lohn zum nächsten Laden zu rennen und ihn auszugeben, bevor sich die Preise wieder vervielfacht haben. Ist die Zeit reif für eine Revolution?
Walter arbeitet dazu weiter an den Betriebszellen: In kurzer Folge schreibt er in der Roten Fahne „Verwurzelt die Partei in den Betrieben!“ und „Jede Fabrik soll unsere Burg sein.“ In der Neuen Zeitung ruft er dazu auf, die „Regierung der nationalen Schmach [zu] beseitigen und eine Arbeiterregierung im Reich [zu] erkämpfen, die gemeinsam mit der Arbeiter- und Bauernregierung Sowjetrusslands den Entente-Imperialismus abwehrt“162.
Moskaus neuer starker Mann, Generalsekretär Stalin, will von so einem Aufstand nichts wissen und mahnt: „Wenn heute in Deutschland die Macht sozusagen stürzt und die Kommunisten sie aufheben, dann werden sie mit Pauken und Trompeten scheitern. Im besten Falle. Im schlechtesten wird man sie in Stücke hauen und weit zurückwerfen.“163 Auch Walter glaubt nicht an einen raschen Umsturz, wird aber Mitglied des Militärrats, den die Parteiführung mit sowjetischen Militärberatern ins Leben gerufen hat. Angesichts der Lage organisiert und bewaffnet der Militärrat in Sachsen und Thüringen proletarische Kampfeinheiten.
Walter ist unruhig. Am 20. Juli 1923 ist er mit Familie Heyden am Timmendorfer Strand auf Urlaub, reist aber schon am nächsten Tag wieder ab. Seine Familie bleibt noch eine Woche.164 Kaum zurück, erhebt der Oberreichsanwalt Anklage. Der neue Haftbefehl bleibt bis 1928 in Kraft. Der Landtagsabgeordnete hat zwar Immunität, sie gilt aber nur während der Sitzungsperioden. Bei Vertagungen oder Ferien gilt der Haftbefehl, er muss dann wieder untertauchen, täglich sein Quartier wechseln.
Walter setzt seine Arbeit unbeeindruckt fort, erklärt in der Roten Fahne die Umstellung der Partei „von einer Propagandapartei zu einer Aktionspartei“165. Gegen den Widerstand vieler Genossen, aber im Sinne des Weltkongresses, arbeitet er daran, die Partei in Großbetrieben zu verankern und Betriebszellen aufzubauen. Ihm geht es um Grundsätzliches: Die KPD müsse fest in den Betrieben verwurzelt sein, die Betriebszellen müssen das Fundament der Partei bilden. Die KPD müsse endlich straff organisiert und diszipliniert sein. Das entspricht Lenins Bild der Partei, erfordert ein völliges Umkrempeln der Parteistruktur. Wo er kann, spricht Walter auf Betriebsversammlungen, um die revolutionären Betriebsorganisationen zu stärken und den Arbeitern Lenins Idee zum Parteiaufbau zu erklären. Die Gewerkschaften sind strikt gegen diese Organisation und geben Anweisung, ihn nicht auftreten zu lassen. Nicht zuletzt, da Walter vorschlägt, die Betriebsrätebewegung zu nutzen, um eine kommunistische Kampfbasis zu schaffen. Walter ist mit Thälmann der Vater der bolschewistischen Organisation der KPD, der Partei neuen Typus.
Am 12. August 1923 ist die deutsche Regierung am Ende. Nach Massenprotesten tritt das Kabinett geschlossen zurück. Die Lage hat sich durch den Ruhrkampf so verschärft, dass der Vorsitzende der Komintern Sinowjew meint, dass die „zweite, wirklich proletarische Revolution“166 unmittelbar bevorstünde und alles zu deren Unterstützung getan werden müsse. Moskau selbst steht unter enormen Druck, das durch den Bürgerkrieg verwüstete Land aus seinem desolaten Zustand ins 20. Jahrhundert zu holen. Eine Revolution in Deutschland, immer noch die stärkste Industrienation des Kontinents, könnte auch bei den eigenen Problemen helfen. Das Politbüro der russischen KP schwenkt schließlich um und befürwortet die Vorbereitungen für den Aufstand. Stalin meint, „entweder scheitert die Revolution in Deutschland und erschlägt uns, oder die Revolution gelingt dort, alles läuft gut, und unsere Lage ist gesichert“167. Die KPD setzt ein Revolutionskomitee ein, um den Aufstand zu planen. Walter ist für die organisatorische Vorbereitung zuständig. Gemeinsam mit dem Parteivorsitzenden Brandler reist er nach Moskau, um Bericht zu erstatten. Die Erwartungen sind hoch, die Führung steht unter Erfolgsdruck. Er meint, dass die Bewaffnung der Arbeiter in Thüringen abgeschlossen sei. Brandler lässt sich zu der Bemerkung hinreißen, jeder Thüringer Arbeiter habe ein Gewehr hinterm Ofen stehen. 253 000 Arbeiter stünden bereit, in ein paar Wochen könnte er fünfzehn Divisionen bilden. Er irrt sich.
In der Zwischenzeit überschlagen sich die Ereignisse. Nach Monaten der Hyperinflation und dem Zusammenbruch der Wirtschaft verkündet der neue Reichskanzler Stresemann am 26. September 1923 das Ende des Widerstands gegen die französische Besatzung im Ruhrgebiet. Seine Große Koalition aus SPD, DDP, Zentrum und DVP bereitet eine Währungsreform vor. Doch bevor es dazu kommt, putscht in Bayern die Staatsregierung und ernennt den oberbayrischen Regierungspräsidenten zum „besonderen Generalstaatskommissar“.
Nach diesem Hochverrat verhängt Reichspräsident Ebert den Ausnahmezustand, während in Sachsen und Thüringen die KPD in die SPD-geführten Landesregierungen eintritt. Die Koalition der „republikanischen-proletarischen Verteidigung“ soll den angekündigten „Marsch auf Berlin“ stoppen und die Feindschaft zwischen den Arbeiterparteien überwinden. Für die KPD ist die Koalition ein Ausgangspunkt für den „Deutschen Oktober.“ Man stehe unmittelbar vor der Diktatur des Proletariats. Es kommt anders.
Während die Regierung beim illegalen Rechtsputsch hilflos reagiert hat, fackelt sie mit den legalen rot-roten Koalitionsregierungen nicht lange und beginnt „geordnete Verhältnisse wiederherzustellen“. Um die Landesregierung zum Rücktritt zu zwingen, marschiert die Reichswehr in Sachsen, kurz darauf auch in Thüringen ein. Es gibt mehrere Dutzend Tote und Verletzte. Als Reaktion soll eine Konferenz zum Generalstreik aufrufen, doch die Mehrheit der 450 Delegierten stimmt gegen revolutionäre Aktionen. Die proletarischen Hundertschaften sind nicht zum Aufstand bereit, sie wollen nicht einmal streiken. Die Zentrale entscheidet darauf einstimmig gegen den Aufstand. Nur in Hamburg erfährt Thälmann zu spät von der Entscheidung, und es kommt zu Barrikadenkämpfen mit 100 Toten.
Reichspräsident Ebert und Reichskanzler Stresemann halten Kommunisten in Ämtern jetzt für komplett untragbar. Der Reichspräsident ordnet gegen Sachsen und Thüringen die Reichsexekution an: Die Regierungen werden abgesetzt, die Minister vom Militär aus ihren Büros vertrieben. Der Deutsche Oktober ist beendet.
Für Walter hat die Episode noch Konsequenzen, wegen Vorbereitung zum Hochverrat erlässt auch der Staatsgerichtshof Schutzhaftbefehl gegen ihn.168 Die Polizei versucht, über seine Familie an ihn heranzukommen. Beim Verhör sagt Martha, er sei im Ruhrgebiet. Tatsächlich bespricht er dort mit anderen Funktionären den Widerstand gegen die Besatzung. Auch Rosa Michel arbeitet hier für die Komintern. Walter reist viel, taucht auch in Thüringen auf. Nach einer anonymen Anzeige soll er in Warschau sein. Tatsächlich ist er ab Dezember in Berlin Mitarbeiter des Organisationsbüros der Zentrale.
Statt der KPD revoltieren andere. Am 9. November 1923 zieht der Führer der Nationalsozialisten Adolf Hitler mit dem ehemaligen Ersten Generalquartiermeister Erich Ludendorff in München vor die Feldherrnhalle und erklärt die Regierung in Berlin für abgesetzt. Die Polizei greift ein, es gibt Tote und Verletzte. Ludendorff wird verhaftet, aber später freigesprochen, Hitler wird zu „milder Festungshaft“ verurteilt und nach einem halben Jahr entlassen. General von Seeckt verbietet daraufhin ohne große Reaktionen die KPD und die NSDAP. Für Walter ist es ein tiefer Einschnitt; Viele Genossen wenden sich von der eben noch so erfolgreichen Partei ab, er selbst muss weiter im Untergrund bleiben. Wieder ist die Revolution erfolglos.
1923 finden die Nachkriegskrisen gleichzeitig ihren Höhepunkt und ihr Ende. Die Währungsreform stoppt die Hyperinflation, Deutschland erlebt zum ersten Mal Zeichen eines wirtschaftlichen Aufschwungs. Die Lage beruhigt sich, die Republik leckt ihre Wunden. Am 21. Januar 1924 stirbt schließlich Lenin in Gorki bei Moskau. Die „Troika“ aus Stalin, Sinowjew und Kamenjew übernimmt die Staats- und Parteileitung.
Viel Zeit zum Trauern bleibt der deutschen Parteiführung nicht. Parteichef Brandler wird jetzt als Sündenbock für das Debakel abqualifiziert. Schon direkt nach dem Aufstand hat das EKKI der KPD-Führung vorgeworfen, die Lage bewusst falsch dargestellt zu haben. Stalin weist jede Schuld von sich und nutzt seine Kritik an der „rechten“ Brandler-Gruppe, um gegen seine eigenen Kritiker in der Partei vorzugehen.
Die KPD ist wieder verboten, Brandler angezählt, viele Genossen sind enttäuscht und die Partei gespalten. Die Ungewissheit ist lähmend. Walter trifft sie auch existenziell. Seit seiner Wahl in die Zentrale hat er nicht mehr als Tischler gearbeitet, sondern sich ganz der Politik gewidmet. Neben der Parteiarbeit war er teils arbeitslos, teils als Redakteur beschäftigt.169 Wie es weitergehen soll und wie er seine Familie ernähren soll, weiß niemand. Dazu wird er jetzt auch noch per Steckbrief gesucht.
Kaum zwei Wochen später werden sowohl der Ausnahmezustand als auch das KPD-Verbot wieder aufgehoben. Eine Zeit lang glaubt Walter, dass er sich jetzt wenigstens wieder frei bewegen kann, und ist wieder offiziell in Leipzig. Doch die Freiheit währt nur kurz: Trotz Aufhebung des Parteiverbots bestätigt der Untersuchungsrichter den Haftbefehl. Er zwingt ihn die nächsten vier Jahre in die Illegalität. Die Fahndung nach ihm läuft zwar intensiv, er kann aber nicht gefasst werden, da nicht einmal ein Foto für den Steckbrief existiert, wie sich der Landesgerichtsdirektor beklagt. Walter lebt im Untergrund und nutzt zusammen mit Franz Dahlem das Büro eines sympathisierenden Architekten in Berlin als konspiratives Versteck.170
Die Mitgliederzahl der Partei hat sich von 267 000 auf 121 394 mehr als halbiert. Viele Funktionäre sind in Haft und nach dem Debakel im Oktober erhoffen sich etliche der verbliebenen Genossen einen Neuanfang. Der Parteitag, der im April noch illegal in Frankfurt stattfindet, wird dagegen zum radikalen Umbruch. Gegen Stalins Willen und gegen den Einspruch Manuilskis, der extra für den Parteitag angereist ist, übernehmen die Ultralinken um Ruth Fischer die Führung. Fischer ist gefürchtet wegen ihrer aggressiven Reden. Bei Stalin und der Komintern ist sie wenig beliebt, denn mit ihrer Führungsspitze um Scholem, ihren Geliebten Maslow, Thälmann und Rosenberg will sie die KPD unabhängig von Moskau führen. Die Zeit der von der Komintern diktierten Einheitsfront ist erst einmal vorbei. Für Walter wird der Parteitag kein Neubeginn, sondern ein politisches und persönliches Desaster. Noch einmal darf er vor den Delegierten sprechen, bekommt aber gerade einmal zehn Minuten und wird von Zwischenrufen und abfälligen Bemerkungen unterbrochen. Seine Referate werden ersatzlos von der Tagesordnung gestrichen. Die Komintern-Delegation tritt vergebens für seine Kandidatur ein, als vermeintlicher Anhänger Brandlers wird er nicht wieder ins ZK gewählt.
Es ist eine vernichtende Niederlage. Die Partei, für die er Tag und Nacht gearbeitet hat, will ihn nicht mehr. Er wird per Haftbefehl gesucht, lebt im Untergrund. Trotzdem verweigert ihm der Parteitag einen Platz auf der Liste der Reichstagskandidaten. Als auch noch die Organisationsabteilung, für die er arbeitet, aufgelöst wird, ist er gänzlich arbeitslos und ohne Einkommen. Nach seinem unaufhaltsam erscheinenden Aufstieg droht ihm jetzt der Absturz ins Nichts. Aber Walter ist zäh, fleißig und hat einen Ruf als glänzendes Organisationstalent. Seine Rettung ist der Kominternbeauftragte Manuilski, der seit Februar unter dem Decknamen Samuely in Berlin ist. Er soll eine Bestandsaufnahme der Parteiorganisation vornehmen. Was er findet, erschüttert ihn.
Die KPD ist geschwächt, die neue Führung vertritt Sinowjews ultralinke Politik und isoliert die KPD. Manuilski hat aber noch einen weiteren Auftrag, von dem nur wenige wissen: Er soll Kader für einen Neuanfang im Sinne Stalins suchen. Der neue starke Mann im Kreml will mit den Fraktionen aufräumen und die Partei autoritär neu ordnen. Er will aus der KPD endlich eine straffe Kaderpartei machen: Parteiführer sollen nicht mehr auf Mitgliederversammlungen gewählt, sondern von oben bestimmt werden. Manuilski wird schnell klar, dass Walter für seine Zwecke ein idealer Kandidat ist. Schon kurz nach seinem Scheitern auf dem Parteitag beginnt Walter seine neue Arbeit als bezahlter Mitarbeiter der Komintern. Manuilski lässt ihn mit falschen Papieren ausstatten und schickt ihn nach Moskau. Anfang Juni reist Walter im Zug für die Jugendkommission zum V. Komintern-Weltkongress ab.
Ungestört und ausgeschlafen passiert Walter die ostpreußisch-litauische Grenze und steigt in Dünaburg zusammen mit August Thalheimer und Albert Schreiner in einen russischen Zug um.171 Während der endlosen Fahrt auf der einspurigen Strecke nach Moskau versucht er stundenlang, Thalheimer zu überzeugen, dass jetzt Kommunalpolitik, Steuern und Tagespolitik die Arbeiter zur KPD bringen. Trotz der Niederlage im April erscheint er als eifriger Funktionär.172 In Moskau wohnt er wieder im Lux, keine Viertelstunde vom Kreml und den Büros der Komintern entfernt. Das Hotel hat sich seit dem III. Weltkongress sehr verändert. Es ist zweckmäßig, verfügt über große Essensräume, einen Bäckerei, Wäscherei, Arztpraxis, Gemeinschaftstoiletten und Kindergarten.
Ansonsten bietet seine verblassende Art-déco-Eleganz schlichte Bedingungen. Wenige Zimmer sind größer als 20 Quadratmeter, heißes Wasser gibt es nur ein- bis zweimal pro Woche. Im Juli 1924 kehrt Walter wieder nach Deutschland zurück. Seine Frau und Tochter sind inzwischen ohne ihn auf Urlaub bei Naturfreunden im Berchtesgadener Land und wandern zusammen durch die Wimbachklamm, das Münchener Haus, den Watzmann, St. Bartholomä, den Königssee und die Almbachklamm.
Walter ist währenddessen als Referent auf der Betriebszellenkonferenz der KPD in Jena, kaum einen Monat später referiert er als „Lothar“ auf dem Reichsausschuss des Kommunistischen Jugendverbands über den IV. Weltkongress der Kommunistischen Jugendinternationale in Moskau.173 Anschließend reist er als Partei-Instrukteur in spezieller Mission nach Wien. Da die deutsche Polizei ihn wegen Hochverrats sucht, rät die Komintern, dass es besser sei, wenn er vorerst nicht im Reich bleibe. In Wien trifft Walter wieder mit seiner Frau und seiner inzwischen vierjährigen Tochter Dora zusammen. Gemeinsam mieten sie ein kleines Zimmer im siebten Stock in der Kirchengasse. Zusammen mit Georgi Dimitroff, der in Wien die Balkan-Arbeit leitet, soll Walter die KPÖ auf Linie bringen. Die Partei ist eine einflusslose Splittergruppe. Fraktionskämpfe paralysieren die Arbeit, und ihre Führer zerfleischen sich gegenseitig. Nach Parteiausschlüssen ganzer Ortsverbände stehen die Kommunisten in Österreich vor dem Aus.
Auf dieser Mission nutzt Walter einen auf den Namen Stefan Subkowiak gefälschten Pass. Er sei Zeichner aus Potsdam und Mitarbeiter der Leipziger Arbeiterzeitung. Er sei ein politischer Flüchtling, der sich über Österreichs politische Verhältnisse informieren wolle. So nimmt Walter an „offiziellen“ Sitzungen der KPÖ-Parteiführung teil. Gleichzeitig ist er als Vertreter der Komintern auf konspirativen Treffen im Büro eines Genossen in der Steinergasse174. Er kann nicht ahnen, dass seine Mission von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. Der Wiener Polizeipräsident ist längst über seine Ankunft und seine Aufgabe informiert.175 Schon nach drei Wochen Beobachtung verhaftet die Polizei ihn in seiner Wohnung und führt ihn dem Richter vor. Er kennt die Instruktionen wie man sich beim Verhör verhalten soll und hält sich beharrlich an sie. Er bestreitet immer wieder, politisch tätig zu sein: Als beste Taktik beim Verhör muss die Verweigerung jeglicher Aussage über die Partei, ihre Zusammensetzung, ihre Organisation, über alles was die Organisation und einzelne Personen betrifft, betrachtet werden. Die Polizei braucht nur ein Ende des Fadens, um das ganze Knäuel aufzuwickeln, um das gesamte Netz der Organisation zu entdecken.176
Die Parteikorrespondenz, die bei der Hausdurchsuchung gefunden wird, zeigt aber klar, dass Walter bei der Neuordnung der zerrütteten KPÖ und dem gleichzeitigen Metallarbeiterstreik177 eine führende Rolle innehat.178 Dass er nicht auf Urlaub in Wien ist, beweisen auch die 400 Dollar, die er bar bei sich führt,179 sowie ein Beleg über 30 Dollar für „Handzettel zum Metallarbeiterstreik. 18. September 1924“. Walter gesteht zwar, den Beleg erhalten zu haben, will sich aber an die genauen Umstände nicht mehr erinnern. Ende September wird er verurteilt. Wegen fehlender Beweise ist die Strafe vergleichsweise mild – sechs Wochen Haft und Abschiebung wegen Urkundenfälschung und Benutzung eines gefälschten Reisepasses. Nach seinem Einspruch verschärft das Gericht die Strafe zu zwei Monaten Kerker. Nach der Haft wird Walter nach Prag abgeschoben. Hier trifft er Martha und Dora wieder, die über die Dächer Wiens knapp entkommen konnten und über die Grenze geschmuggelt wurden.180 Ohne davon zu wissen, wünscht Walters Freund Jacob Herzog aus Zürich der Familie in Leipzig zu Weinachten „Viel Glück im Neuen Jahr“181. Sein Wunsch wird nicht in Erfüllung gehen. Nach seiner Abschiebung aus Österreich arbeitet Walter ab Januar 1925 für zwei Monate in Prag als EKKI-Organisationsinstrukteur. Auch hier ist seine Hauptaufgabe der Aufbau von Betriebszellen. Im Anschluss reist die Familie gemeinsam weiter nach Moskau, wo Walter seine Arbeit in der Org-Abteilung beginnt. Das Lux ist bis unter das Dach belegt, die Zimmer reichen nicht aus. Gäste werden gemeinsam einquartiert oder schlafen auf Stühlen.182 Die Ratten sind eine Plage. Im Zimmer 27 werden die Beine der Betten in Konserven voll Wasser gestellt, damit die Kakerlaken zumindest nachts nicht in die Betten kommen. Trotz allem ist die Kameradschaft gut.
Die Bewohner kochen in den Gemeinschaftsküchen, Kinder spielen in den Fluren und besuchen eine eigene Schule. Familie Ulbricht reiht sich in die Schlange vor den Duschräumen ein, wenn das Warmwasser läuft. Martha spricht mit ihren Nachbarn ab, wer wann die Gasherde in den Etagenküchen benutzen kann.
Als EKKI-Mitglied arbeitet Walter weiter an den Betriebszellen. Er trifft sich dazu mit der österreichischen, der Schweizer KP, der britischen, der tschechischen und der niederländischen KP. Es ist eine wichtige Aufgabe. Die „Zellenfrage“ bleibt ein zentrales Thema, mit dem Moskau die „Bolschewisierung“ der Parteien vorantreiben will. Seit dem V. Weltkongress misst man ihr besonders hohe Bedeutung bei, denn nach den Erfahrungen der Bolschewiki nützen Partei- und Gewerkschaftsleben außerhalb der Betriebe dem Klassenkampf nichts. Nur mit Betriebszellen bestehe die Chance, etwas zu verändern. Der „echte“ Klassenkampf besteht aus kleinen, von Berufsrevolutionären straff geführten und schlagkräftigen Zellen. Nur Parteikader, die diszipliniert und kampfbereit im Untergrund leben, seien in der Lage, diese Zellen zu führen. Die Betriebszellen sind dabei letztlich der Versuch, die russischen Erfahrungen auf andere Länder zu übertragen und damit deren Bolschewisierung voranzutreiben.
Walter arbeitet hart und bald eilt ihm auch in der Komintern sein Ruf als „Genosse Zelle“ voraus. Es dauert nicht lange, bis das Kollegium der Organisationsabteilung beschließt, ihn zum vorläufigen stellvertretenden Leiter zu machen. Kaum drei Tage später stellt er einen Antrag zur Aufnahme in die KPDSU, durchaus üblich für die Bewohner des Lux. Es gilt als Zeichen der Solidarität und als Ehre, der Partei anzugehören.183 Walter macht sich dafür intensiv mit der KPDSU vertraut und nimmt etwa an Sitzungen der Leitung der Parteiorganisation im Betrieb „Dynamo“ teil, um mehr über die Arbeit der Betriebszellen zu lernen.184
Ab Juli 1925 ist er wieder in Berlin, wo er für die Komintern am X. Parteitag der KPD im Gebäude des Preußischen Landtags teilnimmt. Auch der Komintern-Beauftragte Manuilski ist wieder da. Die öffentlichen Sitzungen verlaufen ruhig, doch hinter den Kulissen tobt ein Machtkampf. Manuilski verlangt im Namen der Komintern, Walter in das Zentralkomitee aufzunehmen, was die Delegierten ablehnen. Als Manuilski sich zu Wort meldet, weist ihn der Vorsitzende zurecht. Er solle warten, bis er an der Reihe sei. Ein Jugendvertreter, der sich für Walter ausspricht, wird angebrüllt, er „solle sich erst die Nase wischen lernen, ehe er alten Leuten was erzählen wolle“. Der Streit eskaliert und Delegierte schnauzen Manuilski an: „Hau ab! Geh nach Moskau!“185 Walter scheitert mit seiner Kandidatur erneut. Gegen vier Stimmen und acht Enthaltungen lehnt die Geheimsitzung die EKKI-Forderung ab. Die Niederlage trifft Walter, das EKKI und Stalin schwer. Als Antwort wird die Parteispitze um Fischer, Maslow und Thälmann nach Moskau zitiert, wo sie sich rechtfertigen soll.
Moskaus Anklage ist lang: unabhängige Politik, Ablehnung der Arbeit in Gewerkschaften und der Einheitsfront, Propagierung des revolutionären Aufstands in einer Phase politischer Stabilität. Sie sollen erklären, warum sie Komintern-Kader niederbrüllen. Walter darf zunächst nicht bei den Beratungen zugegen sein, er wird von Moskauer Seite „beratend hinzugezogen“ und erteilt im Namen der Org-Abteilung schriftliche Ratschläge. Nach einer Brandrede Stalins gegen die „linkssektiererischen“ ZK-Abweichler wird die Besprechung eine Woche später beendet. Die Parteispitze darf die Heimreise antreten. Außer Ruth Fischer, ihr nimmt man den Reisepass ab. Die nächsten zehn Monate bleibt sie unter Hausarrest im Hotel Lux.
Einzig Thälmann schafft wirklich eine Kehrtwende. Nach seiner Rückkehr wird er in einem „Brief der Exekutive der Kommunistischen Internationale an alle Mitglieder der Partei“ vom Vorwurf ein „Ultralinker“ zu sein freigesprochen.186 Auf Druck Stalins wird er für den Parteivorsitz nominiert und noch am gleichen Tag zum Parteivorsitzenden ernannt. Walter schreibt im Anschluss in der „Internationalen“ richtunggebend „Bemerkungen zu den Organisationsfragen in der KPD“ und ganz auf Moskauer Linie zum Thema „Reorganisation und demokratischer Zentralismus“.
Der neue Kurs wird auf der Parteikonferenz, die jetzt das neue ZK bestätigt, angenommen, Walter schließlich zum Sekretär der Komintern-Organisationsabteilung bestellt. Er macht sich gut und nimmt erstmals am zentralen „Kleinen Kollegium“ der Organisationsabteilung teil. Mit der Kurswende bleibt der Umgang mit der SPD schwierig, unter Thälmann wird er sich weiter verschärfen. Einerseits wünscht man eine gemeinsame Front, andererseits sieht man die Sozialdemokraten mit wachsendem Misstrauen. Der Sturz der rot-roten Landesregierungen in Sachsen und Thüringen mit Billigung der SPD-Führung, das anschließende KPD-Verbot und die Herrschaft der Armee kommen für die KPD einem Verrat gleich.
Der Chef des Exekutivkomitees der Komintern, Sinowjew, hat schon im Vorjahr eine „Sozialfaschismustheorie“ formuliert. Stalin äußert sich jetzt ähnlich: „Der Faschismus ist eine Kampforganisation der Bourgeoisie, die sich auf die aktive Unterstützung der Sozialdemokraten stützt. Die Sozialdemokratie ist objektiv der gemäßigte Flügel des Faschismus. Es liegt kein Grund zu der Annahme vor, die Kampforganisationen der Bourgeoisie könnten ohne die aktive Unterstützung durch die Sozialdemokraten entscheidende Erfolge in den Kämpfen oder bei der Verwaltung des Landes erzielen. Diese Organisationen schließen einander nicht aus, sondern ergänzen einander. Das sind nicht Antipoden, sondern Zwillingsbrüder.“187
Noch denkt dabei keiner an Hitler. Die NSDAP spielt seit ihrem Putsch keine Rolle mehr. Die Sozialfaschismustheorie setzt die Repressionen des bürgerlichen Staats mit Faschismus gleich. Vorerst bleibt die Sozialfaschismustheorie ein Randphänomen. Man hofft weiterhin auf eine Zusammenarbeit mit der SPD. Noch gilt die Einheitsfront der Arbeiterparteien als offizieller Kurs.
Auch privat steht Walter vor einem großen Umbruch. Unter Genossen gilt er als „Mann ohne Leidenschaften“, ein Mensch, der nicht raucht, trinkt oder andere Laster hat, der sich voll seiner Arbeit widmet, seine seltene Freizeit mit der Familie verbringt oder Sport treibt. Für viele ist er ein Langweiler. Aber ein Mensch ist er eben doch. Rosa Michel spürt das. Einmal pro Woche kommt sie in seine Abteilung, um die Zeitung L’Humanité abzuholen. In respektlosem Französisch meint sie, „es sitzen da sehr ernste, ältere Genossen. Des vieilles barbes“. Von einem deutschen Genossen, den sie noch nie hat lächeln sehen, bekommt sie ihre Zeitung. Ohne auch nur den Kopf zu heben, reicht er ihr ihren Stapel Zeitungen, und weg ist sie. „Man sagt, dieser Genosse ist kompetenter als viele andere, [besonders bei] dem Problem der Betriebszellen.“
Wegen ihrer eigenen Arbeit hat sie dazu Fragen und sie will diesen „Orgmenschen“, den „Genossen Zelle“, beim nächsten Mal fragen, wenn sie ihre L’Humanité abholt. Sie traut sich aber nicht und lässt es bis zum nächsten Mal sein – und dann wieder bis zum nächsten Mal. „Er hatte blondes Haar, ein Spitzbärtchen auch dunkel blond, etwas rötlich“, schwärmt sie. Alle Genossen haben das gemeinsame Ziel, „die Menschen glücklicher zu machen“: „Bei dem deutschen Genossen der Pjatnizki-Abteilung fühlte man diesen Willen, auch wenn seine Gesichtszüge etwas hart waren. Er war, wie mir scheint, was man ein ‚Berufs-revolutionär‘ nennt.“188 Schließlich nimmt Rosa sich doch noch ein Herz und spricht ihn frühmorgens beim Frühstück am Sitz der Komintern in der Moskauer Manege an: „Das Frühstückszimmer war im Keller. Ich hatte mich an meinem üblichen Platz, neben der Tür gesetzt. Plötzlich kommt [Walter] an mir vorbei. Ich denke: jetzt oder nie. Ich stehe auf, ihm gegenüber. – Genosse Ulbricht, ich möchte dich fragen […] hättest du ein paar Minuten Zeit für mich? […] Ich richte mich ganz nach dir […]. Er macht große Augen. Sein Gesicht verstärkt sich. Und in schroffen Ton ausgesprochen, höre ich erschrocken die Worte ‚Nein, ich habe keine Zeit!‘ Und er geht. Ich bin fassungslos. Ich setze mich wieder hin. Ich trinke mechanisch mein Yogourt, knabbere an meine Stulle. […] Auf einmal kommt in mir die Wut hoch. So ein Grobiant! Der kann lange warten, bis ich ihn von neuem anspreche! […] Ich merke gar nicht, dass er wieder vor mir steht. Und mit einer ganz andere Stimme, fast schüchtern erklärt er auf einmal: ich habe es mir überlegt, Mittwoch hätte ich frei. […] Natürlich reicht eine Besprechung nicht […] wir gewöhnen uns […] miteinander zu diskutieren.“189 Rosa meint später im privaten Kreis, Walter habe immer eine weibliche Figur in seinem Leben gebraucht, sei aber nie sehr gut darin gewesen, Beziehungen zu pflegen und aufrechtzuerhalten. Seine Ehe ist schon länger strapaziert. Die Flucht vor der Polizei in Wien hat Martha den Rest gegeben. Die beiden sehen sich wegen Walters Reisen kaum noch und leben sich immer mehr auseinander. Walter versucht, seine Ehe zu kitten. Im Sommer verbringt er mehrere Wochen mit Ehefrau und Tochter auf Kur in Sotchi am Ufer des Schwarzen Meers. In Doras Erinnerung bleibt die Fahrt nach Moskau und ans Schwarze Meer. Martha beschwert sich, dass sie als kleine, zarte Frau die Koffer trägt. Es wird die letzte gemeinsame Reise.190 In einem Brief an seine Tochter nimmt Walter später Bezug auf den Aufenthalt:
„Mein lieber Wildfang!
So einen schönen Brief wie von dir, mit bunten Bildern habe ich überhaupt noch nicht bekommen. Wer ist denn das kleine Mädchen, das das Kücklein im Arm trägt? Ist das mein kleiner Stromer? Wenn Du so fein malst, da muss ich Dir bald wieder ein Buch schicken.
Weißt Du, ich habe ein feines buntes Buch bekommen, das heißt: ‚wie die Tasse entsteht‘. Du hast doch auch eine schöne bunte Tasse, aus der du Kaffee trinkst. So eine Tasse erzählt, wo sie hergekommen ist. Das ist fein. Du hast mir aber nichts erzählt von der Muschel. Die ist tief aus dem Meer geholt worden.
Aus so einem großen Meer, wie Du es voriges Jahr in Russland gesehen hast. Wenn du die Muschel an das Ohr hältst so rauscht es. […] Das Bild mit dem großen [Haus] und dem [Kind] mit dem ernsten Gesicht habe ich von dir bekommen. Machst du in der Schule auch so ein ernstes Gesicht? Oder geht es dort lustig zu? Habt ihr schöne Wanderungen gemacht? Hat euch der Lehrer schöne Bilder gezeigt? Habt ihr schöne niedliche Sachen […] angefertigt, oder habt ihr Stäbchen gelegt? Das möchte ich gerne wissen. Wenn du mir das alles erzählst, dann schreibe mir, ob deine Kleidungsstücke noch alle in Ordnung sind und was Du Dir vor allem wünschst. Vor einiger Zeit hast Du mir eine schöne Zeichnung geschickt mit einem großen Haus, Hausfrau, Sonne und Bäumen.
Genau so fleißig wie Du zeichnen auch die kleinen russischen Pioniere. Das siehst du aus den beiden Bildern. Der Film ‚Potemkin‘ mit dem großen Schiff wird vielleicht auch in Leipziger Kino gespielt. Dann schickst du mir doch auch ein Bild? […] Bleib gesund und froh! Schicke mir bitte bald wieder einige schöne Bilder.
Herzliche Grüße, Dein Papa.“191
Vater und Tochter spazieren zusammen im Wasser am Strand. Er meint durchaus fürsorglich zu Martha: „Ich nehm’ die Dorle.“192 Sie erinnert sich, wie sie vor der Abreise auf dem Roten Platz allein auf einer Parkbank sitzt und darauf wartet, dass ihr Vater aus dem Kreml zurückkommt. Erinnerungen bleiben Dorle, aber auch Wut und Trotz. Es gibt keinen klaren Bruch, man trennt sich einvernehmlich. Walters Abwesenheit, das Leben im Untergrund, die Erlebnisse in Wien und Prag, als Martha samt Tochter über die Dächer vor der Polizei fliehen musste, sind zu viel. Sie entschließt sich, mit ihrer Tochter nach Leipzig zurückzukehren. Sie hätte sonst ihre Wohnung dort verloren, weil sie zu lange unbewohnt gewesen ist. Sie hat die Wahl zwischen Gatten und Heim.193 Walter ist einverstanden. Nach außen macht er den Eindruck, dass er unter der Entscheidung seiner Frau nicht besonders leidet. Martha liebt ihn zeitlebens. Sie behält sein Bild auf ihrem Schreibtisch und sieht ihre Scheidung nach deutschem Recht, fast 25 Jahre später, als die „schwerste Entscheidung“ ihres Lebens. Im Oktober beantragt Walter bei der Komintern eine Trennungszulage, bevor er eine Woche später bei Rosa im Lux an die Tür klopft, um sie zur Oktoberfeier „seines“ Betriebs einzuladen. Der Abend wird zum Jubiläum der beiden.194 Sie feiern den 7. November als ihren Jahrestag bis zum Schluss. Das Paar ist frisch verliebt, geht zusammen ins Kino und diskutiert viel. Die Hausverwaltung legt Rosa schließlich nahe, in Walters Zimmer zu ziehen, um Platz zu schaffen: „Von diesem Zeitpunkt an wurde ich ganz offiziell, mit der Gnade der Lux-Verwaltung, Einwohnerin von Walters Zimmer und Benutzerin seines Betts. Das war nicht übel. Gar nicht übel.“ Das Zimmer ist einfach eingerichtet. Walter lebt bescheiden und anspruchslos und scheint nicht auf Bequemlichkeit und Komfort aus.195 Ab jetzt reisen die beiden meist zusammen.196 Rosa ist bis über beide Ohren verliebt: „Das Leben zu zweit war wunderschön. […] Und war es [doch] ein sehr bescheidenes Leben. Ich erinnere mich z. B. an eine Fahrt durch Moskau, im Winter in einem riesigen Wagen, ganz eingehüllt in dicke Pelze […], durch den knirschenden Schnee, [durch] Löcher und Erhöhungen des vereisten Bodens geschüttelt.“197 Walter zeigt seine romantische Seite. Ende 1925 heiraten sie schließlich auch offiziell vor den sowjetischen Behörden.198 1926 erscheint Rosas erster Artikel „Warum kämpfen wir gegen die kapitalistische Rationalisierung?“ in den Cahiers du Bolchévisme, dem theoretischen Fachblatt der KP Frankreichs. Ihre Beziehung mit Walter lässt erste Spuren.
Rosa macht sich nützlich und dechiffriert in Walters Abwesenheit für die Komintern seine fürchterliche Handschrift. Mit der Zeit wird sie zur anerkannten Meisterin in diesem Fach.199
Walter arbeitet weiter hart im Orgbüro. Die Arbeit trägt Früchte: Im Februar 1926 nimmt er an der II. EKKI-Organisationskonferenz in Moskau teil, danach direkt im Anschluss an der erweiterten Tagung des EKKI. Inzwischen Parteivorsitzender, wird Ernst Thälmann jetzt auch noch zu einem von drei stellvertretenden Vorsitzenden des EKKI gewählt. Er gibt sich in Moskau zuversichtlich: „Gerade jetzt haben wir in Deutschland eine durchaus günstige Situation […]. Wenn wir heute auch nicht – wie 1923 – von einer akut revolutionären Situation sprechen können so haben wir doch eine Situation, die es uns ermöglicht, breite Massen zu gewinnen und auf dem Wege der Organisation der Revolution Stützpunkte zu schaffen.“200
Trotzdem ist Thälmanns ultralinke Haltung nicht vergessen. Von Moskau unterstützt,201 soll Walter Thälmanns Linientreue überwachen und hat damit „eine führende Rolle“. Trotz seiner Niederlage bei der Wahl für das ZK im Vorjahr soll Walter Thälmann bei der Durchsetzung der „Ratschläge“ der Komintern im Zentralkomitee helfen. Auch die Betriebszellen bleiben von Bedeutung: Ganz auf Parteilinie schreibt Walter nach der Tagung über „Die Aufgaben der Straßenzelle“, bevor er im April nach Leningrad reist. Er hat sich bewährt. Als Belohnung beginnt er ab Mai 1926202 eine Schulung an der Internationalen Leninschule, der „kommunistischen Universität“ am Moskauer Miusskaya Platz.203 Nach ersten Ad-hoc-Kursen gehört er hier unter dem Decknamen „Quarz“ zum regulären Jahrgang.204
Die KPD wählt ihre Kandidaten mit mündlichen und schriftlichen Prüfungen schon frühzeitig aus. Die Regeln sind streng, Kandidaten müssen ihre Rolle in der revolutionären Bewegung unter Beweis stellen. Wer in Haft war, aber nicht genug Widerstand gezeigt hat, wird abgelehnt. Den knapp 60 Studenten ist es verboten, Zeitungen oder politische Literatur mitzubringen oder über die Schule zu reden. Familien dürfen Teilnehmer nicht besuchen.
Um die Studenten mit der sowjetischen Arbeiterklasse vertraut zu machen, teilt die Schule sie in Kleingruppen ein. Acht Stunden körperliche Arbeit pro Woche sind für sie in der Lokomotivfabrik Kolomna oder den Textilwerken von Orechowo-Sujewo vorgesehen. Am Ende jedes Semesters müssen die Studenten eine Arbeit zu einem freigewählten Thema schreiben. Der Kurs sichert Walter eine theoretische und praktische Basis. Die Schüler werden in Sprachgruppen unterrichtet. Russisch lernt Walter nicht. Er spricht es nur mangelhaft und ist nicht fähig, auch nur ein kurzes Gespräch zu führen.205 Für sein Studium überträgt er seine KPD-Mitgliedschaft an die KPdSU und ist ihrer Disziplin unterstellt. Die Tarnung der Schule wird immer wieder durch frühe Morgenritte auf dem Pferderücken durch die Innenstadt gebrochen. Reiten wird von der Schulleitung gefördert. Der Anblick von offensichtlich ausländischen Jugendlichen, die auf Pferden durch die Straßen huschen, führt immer wieder zu Konflikten, die jedoch noch nicht streng geahndet werden.206 Allerding muss Walter sein Studium kurzfristig schon nach einem halben Jahr abbrechen und wird für wichtige politische Arbeit im Reich abberufen.
Wegen seines Studiums erfährt er erst bei seiner Abfahrt im Herbst nach Deutschland vom Tod seiner Mutter Pauline mit kaum 58 Jahren im Juli 1926.207 So sehr die Nachricht schmerzt, ihr kommt Tod nicht überraschend, da sich ihre Gesundheit schon länger verschlechtert hat und sie wegen ihrer Gicht schon länger bettlägerig war.
Zu seiner Abfahrt aus Moskau bekommt Rosa den nötigen Passierschein, um ihn bis zum Bahnhof zu begleiten. Sie ist jetzt wieder alleine. Ihre französischen Genossen versuchen ihr klarzumachen, es sei besser so, ohne Walter. Ohne Nachricht von ihm nimmt sie an, er habe sein altes Leben mit Martha wieder aufgenommen. Sie ist deprimiert und schreibt ihm, dass sie sich damit abgefunden habe.
Es kommt anders. Die Trennung dauert nur wenige Wochen. Aus heiterem Himmel erhält Rosa in Moskau von Wilhelm Pieck die Papiere zur Rückkehr nach Berlin. Kaum dort angekommen, lässt Rosa am Empfang der Parteizentrale „den Genossen Ulbricht herunterrufen“. Sie erkennt ihn kaum wieder, glattrasiert und ohne Bart. Am Abend treffen sich die beiden im nahen Lehrer-Vereinshaus am Alexanderplatz. Walter hat ihr einen Strauß roter Pfingstrosen mitgebracht. Er meint, die Trennung sei auch ihm schwergefallen. Die Genossen hätten bemerkt, wie er nicht richtig bei der Sache war und „nicht richtig arbeiten konnte“. Die entsprechenden Fäden wurden gezogen um Rosa auf dem kurzen Dienstweg nach Berlin zu beordern.
Er ist glücklich, Rosa wieder bei sich zu haben, und hat für die beiden eine kleine möblierte Dachwohnung gemietet. Er ist etwas verlegen, dass es zur Beleuchtung nur eine Petroleumlampe gibt, doch Rosa ist alles egal. Sie ist glücklich, wieder mit „ihrem Walter“ zusammen zu sein.208 Walter muss sich jetzt wieder auf seine Arbeit konzentrieren. Die „Sorglosigkeit von Moskau“ ist vorbei, das Leben ist ernster geworden. Nach seinem Lehrgang an der Leninschule übernimmt Walter jetzt viel verantwortungsvollere Positionen in der Partei. Im Oktober 1926 sind in Sachsen Landtagswahlen. Das Ergebnis ist für die Regierung vernichtend, die KPD steigert zum dritten Mal in Folge ihr Ergebnis. Walter wird einer von drei Abgeordneten der KPD für den Wahlkreis Dresden. Das Landtagsmandat ist ein wichtiges Ziel, denn es sichert ihm Immunität.
Noch immer ist der Haftbefehl von 1923 gültig, aber zumindest während der Sitzungsperioden kann er sich jetzt wieder offiziell und frei bewegen. Nach seiner Wahl nimmt er sich im KPD-Parteibüro in der Dresdner Columbusstraße ein Zimmer, das ihm gleichzeitig als Wohnung und Büro dient.209 Einen Monat nach der Wahl nimmt Walter am VII. erweiterten Plenum des EKKI teil. Die beiden reisen zusammen, Rosa arbeitet bei der Roten Gewerkschaftsinternationale als Übersetzerin. Vor kaum einem Monat wurde Trotzki in Moskau aus dem Politbüro der KPDSU ausgeschlossen, das Treffen steht unter dem Eindruck seiner Entmachtung: „Die Kommunistische Partei Deutschlands hat […] unter der Zersetzungsarbeit der russischen Opposition gelitten. In ihren Reihen wurde der Kampf am schwersten ausgetragen. […] Aber dieses Fundament steht fest.“210 Stalin hat gewonnen, jetzt folge der Aufbau des Sozialismus.
Wieder zurück in Deutschland hält Walter seine erste Rede im Sächsischen Landtag. Er spricht über den Achtstundentag und den Abbau von Überstunden: „Die kapitalistische Regierung will durch Herauspressung der größten Leistung aus einer verminderten Arbeiterzahl die Profite der deutschen Bourgeoisie erhöhen […]. Die Steigerung der Ausbeutung geht soweit, dass man dem Arbeiter nicht einmal mehr die Möglichkeit lässt, seine Notdurft zu verrichten.“211 Als Vertreter der KPD bei der Komintern leitet er die Agitprop-Arbeit und ist Beauftragter zur Leitung von Streiks. Im Dezember spricht er dazu auf der Führertagung des Roten Frontkämpferbund Berlins.212 Rosa arbeitet zur gleichen Zeit in der Organisation Varga, der Handelsabteilung der sowjetischen Botschaft, und besucht – von Walter eingefädelt – für zwei Monate die Parteischule in der Jugendherberge in Hohenstein. Während der Woche widmen sich die beiden voll und ganz ihrer Parteiarbeit. Ihre zugeteilte Betriebszelle ist das Transformatorenwerk Oberschöneweide. Die Genossen versammeln sich in einer kleinen gemütlichen Kneipe in der Brückenstr. 3. Walter wohnt zusammen mit ihr auf der anderen Straßenseite in Nr. 23 bei Genossin Radzuweit zur Untermiete. Die Genossen wissen nichts von der Beziehung der beiden, die Vermieterin weiß nicht, wer Walter ist. Die Hauswirtschaft in ihrer kleinen Wohnung bleibt dabei auf der Strecke. Walter beschwert sich nicht und tut, „als ob er es nicht merkte“, aber Rosa ist als Hausfrau „nicht sehr auf der Höhe“. Wurst und Schinken werden von dem gleichen Papier gegessen, in dem sie gekauft wurden, das Geschirr wird nicht abgewaschen. Das erste Gericht, das Rosa aus eigener Hand serviert, sind halbgare Spiegeleier, die beim Servieren auf den Teller auseinanderlaufen. Aber auch das scheint Walter nicht zu stören.213 Wenn sie einmal frei haben, gehen die beiden an Wochenenden und in den Ferien wandern.
Walter zeigt Rosa „die Pracht der Bergstraße, zur Zeit der Kirschblüte“. Die beiden sind zusammen „in Schierke und auf dem Brocken [im] Sommer und [im] Winter, zu Fuß und auf [Ski]“. Er öffnet sich und zeigt ihr seine „andere“, menschliche Seite: „Walter [hängt] sehr an der Natur. In den Jahren seiner Wanderschaft hatte er sich sehr mit ihr verbunden, und hatte er nur […] einen Tag frei zwischen zwei Nächten Eisenbahnfahrt, [...] zogen wir los. Das Bergsteigen war sein Lieblingssport und nach dem mühsamen Steigen war er – wenn oben angelangt – ein anderer Mensch.“214 Es ist für Rosa als Städterin ein „hartes Trainieren“, doch Walter zeigt sich ihr gegenüber sehr nachsichtsvoll. Gleichzeitig ist er niemals bemüht, „Kavalier“ zu spielen. Sie muss ihren Rucksack, ihre Ski selber tragen, er reicht ihr „nicht auf Schritt und Tritt seine Hand“: Sie soll „auch in der Anwendung der physischen Kräfte selbständig sein, ein voller Mensch sein“. Als Rosa sich beim Skifahren erschöpft in den Schnee legt und zu ihm meint, sie wolle sich allein im Schnee ausruhen, bis er Hilfe gefunden hätte, klärt er sie auf, „wie unzulässig das in der Kälte und im Schnee wäre“.
Walter versucht Rosa „zu einem energischen Menschen“ zu erziehen: „Man denke aber nicht, dass das alles im Zeichen der Strenge, gar der ‚Vernunft‘ vor sich ginge“: Nach einer Fahrt mit dem Elbdampfer durch die sächsische Schweiz hat das Paar am Ufer des Flusses ein Zimmerchen gefunden. „Der Nordstern den wir ‚unser Stern‘ nannten funkelte hell im Himmel. Wir konnten nie an der Freude zu leben, zusammen zu leben, satt werden. Und ich weiß noch, wie am nächsten [Morgen], beim Aufwachen, eine regelrechte Kissenschlacht zwischen uns entbrannte.“ Die beiden suchen zusammen die Freiheit, „jeder noch so kurze Ausflug ist mit einem Abenteuer verbunden“215.
Zurück beim Ernst der Arbeit zeigt die Wahl in den Landtag im Vorjahr Wirkung. Im Januar 1927 entgeht er knapp seiner Verhaftung, als er im Gasthaus Kramer in der Delitzscher Straße von der Kriminalpolizei kontrolliert wird. Zwar wissen die Beamten, dass Walter mit Steckbrief und Haftbefehl gesucht wird, sie können ihn aber nicht festnehmen, weil er einen Abgeordnetenausweis und eine Einlasskarte des Landtags vorweist.216 Außerhalb der Sitzungsperiode gilt seine Immunität aber nicht.
Die Parlamentsferien verbringt er als „Vogelfreier“ meistens im Ausland.217 Die Reichsanwaltschaft erinnert den Sächsischen Landtag, dass „die gerichtliche Voruntersuchung wegen Hochverrats am 4. April 1924 […] eröffnet worden [ist]. Bis zu seiner Wahl in den Sächsischen Landtag stand der Durchführung des Verfahrens gegen den Angeschuldigten Ulbricht dessen Abwesenheit entgegen, da er flüchtig geworden war und sich im Auslande […] aufhielt. Nachdem Ulbricht Abgeordneter zum Sächsischen Landtag geworden war, bemühte sich der Untersuchungsrichter die vor der Wahl des Angeschuldigten eingeleitete Voruntersuchung zum Abschluss zu bringen. Auch dieses Bemühen scheiterte daran, dass der Abgeordnete Ulbricht zu der […] Vernehmung nicht erschien. […] [Am] 6. April 1927 hat der Abgeordnete Ulbricht […] für die Zeit nach Ostern zur Vernehmung in Leipzig bereit erklärt. Daraufhin hat der Untersuchungsrichter [ihn] auf den 20. April 1927 nach Leipzig vorgeladen. […] Zur Vernehmung ist der Abgeordnete Ulbricht weder erschienen, noch hat er sein Ausbleiben irgendwie entschuldigt“218.
Walter hat nie ernsthaft vor, zur Vernehmung in Leipzig zu erscheinen. Die Ermittlungen verlaufen weiter im Sande. Unterdessen nimmt Walters Bedeutung für die Partei weiter zu. Auf dem XI. Parteitag im März 1927 in Essen ist er für viele noch ein einfacher Genosse unter vielen. Er rückt aber dank Thälmann sichtbar weit nach vorne und wird zum Mitglied des Zentralkomitees, Kandidat des Politischen Büros und Mitglied des ZK-Sekretariats für Agitation und Propaganda gewählt. Mit dem Parteitag erscheint seine erste größere Arbeit „Aktuelle Fragen der Gewerkschaftsbewegung“ in der Reihe „Gewerkschaftliche Flugschriften“.
Die Beziehung zwischen Walter und Rosa in Berlin wird immer inniger. Sie will „alles lesen, was aus seiner Feder stammt“, geht abends zu allen Veranstaltungen, auf denen er auftritt. Sie liebt es, wenn er seine Notizen vergisst und beginnt, aus dem Stehgreif zu sprechen. „Man konnte es sehr gut sehen: zuerst ließ er die Augen vom Manuskript weg, um nur eine Kleinigkeit einzufügen, und dann rissen seine Gedanken überhaupt vom Manuskript weg. Dann wurde seine Rede zur Plauderei, eine Plauderei aber die sein Arbeiter-Publikum […] buchstäblich auf einem höheren, immer höheren Niveau erhob [sic]. Ich war sehr stolz auf ihn.“ Manchmal ist der Andrang auf Walter nach der Rede so groß, dass Rosa dabei „ihren Walter“ verliert und allein nach Hause muss. Als Walter später heimkommt, ist er von der Rede noch ganz gonflé, aufgekratzt.
Trotz aller Anstrengungen bleibt es schwer, die Massen zu überzeugen. So schreibt im Anschluss an den Parteitag auch Moskaus Emissär Lominadze an Stalin über eine Kundgebung im April 1927 im Berliner Sportpalast: „Auf der Kundgebung erschienen mindestens zwanzigtausend Arbeiter. Die Stimmung war anfangs außerordentlich gut […]. Leider haben jedoch die Leiter der Kundgebung alles getan, um diese Stimmung zu kippen und zu verderben. Thälmann erschien 1¾ Stunden zu spät auf der Kundgebung. Pieck […] wartete ungefähr eine Stunde […]. Das Auditorium wurde schrecklich müde. Ein Teil der Arbeiter fing an zu gehen. Nach Thälmann sprachen noch 5 Redner (von denen nur Münzenberg und Esche [Walter] gut und mit Begeisterung sprachen), es wurden 5 oder 6 Resolutionen vorgelesen und zur Abstimmung gebracht, wonach Thälmann das Schlusswort ergriff. Seine abschließende Rede […] löste eine schier unvorstellbare Langeweile beim Publikum aus. Alle Begeisterung ging zum Teufel. Das Volk verließ massenhaft die Kundgebung. Alle Parteimitglieder [waren] außer sich vor Wut. […] er sei hochnäsig und aufgeblasen geworden, hätte das Verantwortungsgefühl für die Massen verloren. […] In der Partei gibt es keine Führer, die sowohl für die Partei- wie auch für die parteilosen Massen anerkannte Autoritäten wären.“219 Walter ist keine solche anerkannte Autorität, aber er versucht, die Partei den Parteilosen näherzubringen. So ist er im September für die KPD auf einer Sitzung der Unabhängigen Bürgerliste in Suhl, bevor Ende Oktober 1927 der Bezirksparteitag der KPD mit Thälmann in Gotha folgt. Rosa besucht die meisten seiner Reden. Als er die Versammlung betritt, reichen ihm die Genossen links und rechts des zentralen Gangs die Hände. Die weiter hinten machen Handzeichen, die er meist erwidert. Auch Rosa grüßt ihn aus den hinteren Reihen. Für sie bedeutet ihr Gruß: „Ich wünsche dir alles Gute, und vergiss nicht auf mich zu warten. Denn ich auch da.“ Trotz ihres Zeichens verpassen die beiden sich am Ausgang und gehen allein nach Hause. Zurück in der kleinen Wohnung wirft sie ihm vor „ich habe dir [sic] doch gegrüßt“. Er meint nur, „ich habe Dich nicht gesehen“ Sie meint wütend, „du hast doch meinen Gruß erwidert!“, worauf er erwidert, „dessen bin ich mir bewusst!“ Sie versteht: „Also hat er doch meinen Gruß erwidert, ohne mich so zu erkennen. Denn es ist ganz selbstverständlich: in der Versammlung gehörte er nicht mehr sich selbst, seiner Frau, einem Freund. Er gehörte der Partei, ganz und gar, nur der Partei.“220 Es ist eine aufregende, anstrengende Zeit für das Paar. Politik und Privates gehen fließend ineinander über. Beide kommen meist erst spät nach Hause. Zeit zum Reden bleibt jetzt selten, und wenn, dreht es sich meist um Politik: „Ich war […] später als [Walter] heimgekommen. […] Er war unruhig und müde. Ich legte mich zu ihm, wollte aber dringend von ‚meiner‘ Versammlung erzählen […]. Ich schoss los, und stellte bange die Frage: was meinst du? Hatte ich Recht? Ich werde noch mehr bange, denn er antwortet nicht sofort. […] Aber er antwortet nicht: er war eben eingeschlafen.“221
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