Kitabı oku: «Danke Lena»

Yazı tipi:

Florian Kinast

Patrick Reichelt


Die Traumkarriere der Magdalena Neuner


Impressum

Um die Farbbildtafeln verkürzte eBook-Ausgabe der im Copress-Verlag erschienenen Printausgabe

Abbildung Cover: Sven Simon

Bild Innenteil: privat

Umschlaggestaltung: Copress Verlag

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2012 Copress Verlag in der Stiebner Verlag GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten.

Wiedergabe, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlags.

www.copress.de

ISBN 978-3-7679-1142-0

Inhalt

Der Rücktritt, das Vorwort

Die letzte große Bühne – Danke Lena!

Neuner-Festspiele unter dem Zirmberg »… oder Du bist der Depp« Die große Rivalin schlägt zurück Der große Traum platzt am Schießstand Eine Nähmaschine zum Abschied

Zwischen Bergen und Buben, Glauben und Musik – Eine Kindheit im Idyll

Tränen beim ersten Foto-Termin Auf Distanz zur »Prinzessinnen-Clique« Kasperl, Bibi Blocksberg, Meister Eder Das Leben mit dem behinderten Onkel Keine halben Sachen – auch nicht beim Schuhplattler Leistungssport statt Abitur Zielstrebig, humorvoll, verschmitzt

»Langlaufen und Schießen irgendwie« – Lenas Anfänge im Biathlon

Der Urknall in Ruhpolding »Als hätte sie nie was anderes gemacht« Mit AC/DC nach Oberhof Fernseh-Premiere mit Zahnspange Elterliches Veto gegen das Weltcup- Debüt Crossfire – schon damals auf die falschen Scheiben

Interview mit Uschi Disl »Irgendwann verlierst du die Nerven«

Das Ausnahmetalent testet das Rampenlicht

Die Last der Aaaahs und Oooohs Schnelles Wiedersehen im Antholzer Tal Mit Rückenwind zurück zu den Juniorinnen Oslo statt Gurnigl! Abschied aus der zweiten Reihe Die Kräfte gehen zur Neige Die Vision vom Olympia-Gold

Interview mit Kati Wilhelm »Lena war einfach anders«

Aufstieg aus der Güllegrube

Magda schwärmt von Lena 17.000 Euro für die neue Wohnung Ein Franz, viele Fans: Stürmische Zeiten im Chiemgau Eine Nähmaschine im Oberschenkel

Naiv, harmonisch triumphal: Die WM-Festspiele von Antholz

Mitschnabeln statt hinterhertraben Wintermärchenhaft: 17 Handballer und eine Neuner Das Team-Quartier als Aquarium Die lange Suche nach dem Vater »Muss der Trubel denn sein?«

Strick-Liesl und Wäsche-Model – Neuners PR-Strategie

Selbst Wallgau muss weichen Auf dem Weg in eine neue Dimension Mischung aus Erfolg und Persönlichkeit Das Lächeln passt zu jedem Produkt Der DSV nutzt die Gunst der Stunde

Interview mit Peter Ehm »Lenas Credo: Ehrlichkeit, Bescheidenheit«

Liebesgrüße aus Russland

»Geht aus dem Weg, wenn sie ihre Waffe hebt« Eine Autorität wie Björndalen Die obskuren Verschwörungstheorien Spekulationen ums Comeback

Die Krönung an der Königsloge

Viele Trophäen, viele Rückschläge »Dickkopf«: Der erste Rüffel vom Trainer Dunkle Wolken über der Glückseligkeit Tränen, Wut – und erste Rücktrittsgedanken

Interview mit Anders Besseberg »Hätte sie gerne fünf Jahre länger gesehen«

Landei Lena: Zurück ins kleine Nest – Wallgau als Zufluchtsort und Kraftquelle

Unvergessen: Liz Taylor mit Maßkrug Entspannung bei Tee auf der Couch Koller in der finnischen Dunkelheit Mit dem Hamster zum Tierarzt Das öffentliche Privatleben Edelsteine schürfen an der Isar

Am Rande des Burn-Out: Neuners düstere Krisenzeit

»Plötzlich wildfremde Menschen im Flur« Panikattacken beim Telefonklingeln Sie zupfte die Harfe nur noch daheim Als nicht einmal mehr der Mentaltrainer helfen konnte Die Sehnsucht nach den Emotionen

Interview mit Martin Schmitt »Keine Motivation – das geht nicht gut«

Aufs Siegertreppchen, zur Schlachtbank: Triumph und Tränen bei Olympia

Goldtaler und Schokotorte machten Appetit Fragerunde zwischen den Schränken Rundumsorglospaket aus dem Bavarian Village Ziehen und Zerren hinterm Zielstrich Die Spekulationen um den Staffelverzicht Die Nerven lagen immer blanker Via Rathausbalkon in die Heimat

Gold schürfen in der Ölstadt – die Jagd nach dem Rekord

Das Sammeln geht weiter Bestätigung für den Frauenversteher Auf den Schultern eines Engländers Tränen vor dem Fernseher

Die letzte Kugel – Das Schaulaufen bis Sibirien

Mit Autobatterie und Dixi-Klo Die Vorahnung der Teamkollegen Souverän im Liebes-Sturm Verfolgungsrennen mit Paparazzi Die Rücktrittserklärung, eine Erlösung Auf die falsche Bahn geraten Freudiger Familienbesuch und ein trauriger König Der letzte Auftritt als finaler Genuss

Anhang

Magdalena Neuner – eine Blitzkarriere in Zahlen, Daten und Fakten

Der Rücktritt, das Vorwort
Nach dieser Saison ist Schluss!

Ich habe mich entschieden: Nach dieser Saison werde ich meine Biathlonkarriere beenden.

Liebe Fans, liebe Besucher meiner Homepage, nun ist es wieder so weit: Das erste Weltcupwochenende liegt hinter mir und jetzt geht es weiter nach Hochfilzen.

Bevor die nächsten Wettkämpfe anstehen, habe ich jedoch noch etwas Wichtiges, das ich Euch gerne mitteilen möchte. Eigentlich hatte ich geplant, Euch das schon vor zwei Wochen zu sagen, aber leider war mir das aus organisatorischen Gründen nicht möglich und ich musste einen späteren Termin wählen. Das war mir sehr unangenehm, weil ich eigentlich von Anfang an, ehrlich und offen mit dem Thema umgehen wollte.

Immer wieder wurde ich in den letzten Interviews gefragt, wie lange ich denn noch Biathlon machen werde. Es wurde sehr viel spekuliert und ich musste mich immer herauswinden und um den heißen Brei herumreden. Ich habe gesagt, sobald ich mehr weiß, werde ich dies bekanntgeben. Ich habe eine Entscheidung getroffen, die für mich persönlich richtig und auch sehr gut überlegt ist, und ich bin froh, dass ich endlich ehrlich das aussprechen kann, was ich denke.

Ich werde meine Karriere als Biathletin nach dem Winter beenden. Für einige von Euch ist das jetzt sicherlich sehr überraschend und unangenehm. Das kann ich gut nachempfinden und verstehe, dass diese Entscheidung nicht leicht nachvollziehbar ist und jeder von Euch anders darüber denkt. Lange Zeit habe ich mit mir gehadert, mir Gedanken gemacht, die Situation aus mehreren Blickwinkeln betrachtet und habe dabei natürlich auch an Euch gedacht. Ich habe es mir mit Sicherheit nicht leicht gemacht. Doch mittlerweile habe ich eine Entscheidung getroffen und habe einfach das Gefühl, dass die Zeit reif ist für eine Veränderung und mich nach dem Sport etwas Neues, ganz Tolles erwartet!

Zum einen sehne ich mich nach Normalität, nach ein wenig mehr Ruhe und danach, einfach mal die Dinge machen zu können, die ich in meinem Sportlerleben nie machen konnte; zum anderen bin ich sehr motiviert neue Dinge auszuprobieren, habe schon viel getestet und mit Sicherheit auch Fähigkeiten in anderen Bereichen. Vielleicht könnt Ihr mir ja dabei helfen, neue Ideen zu entwickeln. Dafür wäre ich Euch sogar sehr dankbar und bin offen für Anregungen, wenn sie zu mir passen.

Irgendwann spielt auch das Thema Familienplanung für mich eine Rolle, das können bestimmt gerade die Frauen unter Euch gut nachvollziehen. Doch vorher möchte ich einfach erst mal noch ein paar Dinge ausprobieren. Zur Zeit bin ich noch dabei, den C-Lizenz Trainerschein zu machen und freue mich darauf, Kindern und Jugendlichen meine Erfahrungen, die ich als Sportlerin gemacht habe, als Trainerin weiterzugeben.

Auf jeden Fall werde ich Euch erhalten bleiben, eben einfach nur an einer anderen Stelle und ich würde mich freuen, wenn Ihr mich auf meinem neuen Lebensabschnitt begleitet. Über diese zukünftigen Entwicklungen halte ich Euch regelmäßig auf dem Laufenden. Die letzten Jahre waren eine ganz besondere und aufregende Zeit für mich – und ich genieße meine Zeit im Sport immer noch sehr!

Jetzt freue ich mich erst einmal sehr auf den bevorstehenden Winter, vor allem natürlich auf die WM in Ruhpolding. Auf Euch Fans, die tolle Stimmung in den Stadien und die schönen Dinge, die ich im Sport noch erleben darf. Es wird für uns alle bestimmt eine ganz schöne Saison und ich würde sagen – lasst sie uns einfach so richtig genießen und zusammen feiern!

Eure Magdalena

Mit diesen Worten machte Magdalena Neuner am 6. Dezember 2011 auf ihrer Webseite offiziell, worüber zuvor in der Medienwelt schon kräftig spekuliert worden war. Der Winter 2011/12 würde für die dann gerade 25-Jährige der letzte als aktive Biathletin sein. Nach der Weltmeisterschaft in Ruhpolding würde die Skijagd ihr vielleicht schönstes Lächeln und der deutsche Wintersport einen echten Superstar verlieren. Überraschen konnte das nicht, Neuner hatte schon länger angedeutet, dass ihre sportlichen Ziele wohl nur noch kurzfristiger Natur sein würden. Und doch verfehlte der Vollzug, an dem die Wallgauerin bereits seit Sommer gefeilt hatte, seine Wirkung nicht. Der angekündigte Ausstieg der wohl weltbesten Biathletin brachte es in allen Nachrichtenmedien unter die Topmeldungen. Die Pressekonferenz im österreichischen Hochfilzen, in der Neuner ihren Entschluss erklärte, wurde für Biathlon-Verhältnisse zu einem Medienspektakel.

Dieses Buch soll dem Leser nicht nur eine hochbegabte Sportlerin näherbringen, sondern auch einen außergewöhnlichen Menschen. Und es soll sie noch einmal in Erinnerung rufen, die größten und schönsten Erfolge dieser einzigartigen Karriere, aber auch einige dunklere Momente einer ganz besonderen Laufbahn.

Florian Kinast und Patrick Reichelt im März 2012


Magdalena Neuner und Autor Florian Kinast beim Weltcup in Antholz 2007.

Die letzte große Bühne – Danke Lena!

Immerhin hatte auch jemand an Blumen gedacht. Als die tollen Tage von Ruhpolding ein Ende gefunden hatten, da trug Magdalena Neuner neben ihren Skiern auch einen dicken Strauß roter Rosen auf dem Arm. Und dann war in der trüb verregneten Chiemgau Arena die Zeit gekommen, Danke zu sagen. Ein Sponsor hatte dafür weithin sichtbar ein gewaltiges Transparent über den Aufsprunghügel der Schanze der mondänen Anlage im Miesenbacher Tal spannen lassen. »Danke Magdalena« stand darauf über Magdalena Neuners lächelndes Konterfei geschrieben. Claus Pichler, Ruhpoldings Bürgermeister und Chef des Organisationskomitees der Biathlon-Weltmeisterschaft drückte Neuner eine Akkreditierung auf Lebenszeit für die kommenden Wettbewerbe in seiner Gemeinde in die Hand. Verbunden mit dem Dank für all die schönen Stunden, die die wohl beste Biathletin aller Zeiten den vielen Fans im Chiemgau beschert hatte. Die Türen im erklärten Mekka der Skizweikämpfer würden ihr und »den hoffentlich vielen Neuners« immer offen stehen. Da wollte sich auch Magdalena Neuner selbst nicht lumpen lassen. Natürlich griff auch die Wallgauerin zum Mikrophon. Um den Unentwegten zu danken, die trotz der unwirtlichen Bedingungen auf der Tribüne geblieben waren. Stellvertretend für die vielen Menschen, die ihr bei dieser Weltmeisterschaft, wie in all den Weltcupjahren in Ruhpolding so viel Zuneigung gegeben hatten. »Ich kann mich nur bedanken, dass ihr mich immer so unterstützt habt«, sagte Neuner mit merklich feuchten Augen, »auch wenn ich euch nicht immer jeden Wunsch erfüllen konnte.«

Da trat plötzlich auch in den Hintergrund, dass diese letzte große Bühne ihrer kurzen aber umso heftigeren Karriere sportlich nicht ganz den rauschenden Ausklang mit sich gebracht hatte, den viele – natürlich auch Neuner selbst – gerne erlebt hätten. Im abschließenden Massenstart schlitterte die 25-Jährige irgendwo mit dem Feld über die Ziellinie. Als Zehnte des Tages, fernab von der norwegischen Weltmeisterin Tora Berger, die sich auf der Schlussrunde gegen ihre hartnäckigsten Verfolgerinnen Marie-Laure Brunet (Frankreich) und Kaisa Mäkäräinen (Finnland) durchgesetzt hatte. Es blieb verhaltener Applaus statt der Ovationen, die die Rekordweltmeisterin so oft hatte genießen dürfen. Und am Ende war Neuner einfach nur erleichtert, dass diese Tage auch für sie Vergangenheit waren. »Es war eine tolle WM«, betonte sie, »aber ich bin froh, dass es jetzt vorbei ist«. Die knapp zwei Wochen in Ruhpolding hatten auch an ihren Nerven kräftig gezehrt. Und das lag weniger an dem Mammutprogramm von sechs Rennen, das der Liebling der deutschen Wintersportfans unter dem Zirmberg zu absolvieren hatte. Der gewaltige WM-Trubel hatte Neuner schwer zugesetzt. Natürlich hatte der Deutsche Skiverband (DSV) einiges dafür getan, um seine Athleten vor dem schlimmsten Wirbel zu schützen. Ganz für sich im abgelegenen Landhotel Maiergschwendt durften sich Neuner und Co. auf ihre Einsätze vorbereiten. Sponsortermine, auch Fotoshootings wie das für ein großes Sportmagazin und auch die Pflichtbesuche nach Medaillengewinnen im deutschen Haus wurden auf ein erträgliches Minimum beschränkt. Und doch war Neuner letztlich am Ende ihrer Kräfte. »Bei mir ist die Luft raus«, sagte sie, »das kann sich keiner vorstellen, wie brutal der Druck ist – vor allem wenn man Magdalena Neuner heißt.«

Neuner-Festspiele unter dem Zirmberg

In der Tat waren diese größten Welttitelkämpfe der Biathlon-Geschichte vor allem Neuner-Festspiele gewesen. Kaum ein Fan, der nicht mit Neuner-Fähnchen oder -Schal ausgerüstet gewesen wäre. Kaum ein Transparent, das nicht von einer Grußbotschaft an die scheidende Ausnahme-Athletin geziert gewesen wäre. So wie bei jenem jungen Mädchen, das sich ein Plakat mit der, von Herzen verzierten Aufschrift »Magdalena grüßt Magdalena – danke für alles« auf den Rücken gepinnt hatte. Und auf der Anlage selbst brachen jedes Mal Jubelstürme los, wenn die blonde Bayerin in Erscheinung trat. Zu Beginn der großen Tage in Ruhpolding hatte sie die große Last der öffentlichen Liebe noch schlicht weggelächelt. Während sich die Konkurrenz vor den Erwartungen wegduckte, bekräftigte Neuner noch einmal die hohen Ziele, die sie über die Saison hinweg immer wieder formuliert hatte. Optimale sechs Medaillen, da hatte sie sich festgelegt, wolle sie in den sechs Wettbewerben vor eigenem Publikum holen. Selbst Chefcoach Uwe Müssiggang wollte da nur den Hut ziehen: »Ich war schon immer fasziniert, wie klar Magdalena ihre Ziele formuliert hat. Andere würden sich das vielleicht nicht trauen, weil sie denken, dann würde der Druck zu groß und der Rucksack, den sie mitschleppen, zu schwer. Für Lena war das nie ein Rucksack, der sie belastet hat, sie ist da ganz unkompliziert.«

Und das Unternehmen sechs Mal Edelmetall begann ja dann auch ganz verheißungsvoll. In der Mixed-Staffel leistete sich Magdalena Neuner zwar mit insgesamt drei Fehlern wie Startläuferin Andrea Henkel leichte Wackler am Schießstand. Doch in der tiefen, von der Märzsonne aufgeweichten Spur zeigte sie schon einmal ihre Klasse und lief als Dritte bis auf gut 18 Sekunden an das führende Quartett aus Norwegen heran. Keine überragende, aber doch eine gute Ausgangsposition für Andreas Birnbacher. Und der Lokalmatador legte einen entfesselten Auftritt auf seiner Heimanlage hin. Schockte die Konkurrenz mit makellosen Schießeinlagen und war auch auf der Strecke die Nummer eins seiner Runde. Als der Schlechinger ins Ziel zurückkam, da stand für Schlussläufer Arnd Peiffer ein unfassbares Polster von rund einer Minute auf der Uhr. Das sich allerdings als ein wenig trügerisch erweisen sollte. Denn die obligatorischen Kontrollen der Trefferbilder an der Schießanlage zeigten, dass Norwegens Altmeister Ole Einar Björndalen irrtümlich ein Fehler angelastet worden war – der erfolgreichste Biathlet der Geschichte hatte sogar eine Strafrunde absolvieren müssen. Die Jury entschied schnell, dass das Missgeschick mit einer Zeitgutschrift von knapp 30 Sekunden für die Extrameter und einen überflüssigen Nachlader auszugleichen war. Doch diese Erkenntnis war es nicht, die Peiffer und damit das deutsche Quartett aus der scheinbar sicheren Goldspur riss. Der junge Hoffnungsträger aus Clausthal-Zellerfeld hatte schlicht nicht mit der grellen Sonne gerechnet, die auf seiner Runde aus denkbar ungünstigem Winkel auf den Schießstand fiel. Im Gegensatz zu den schärfsten Rivalen hatte sich der 24-Jährige nicht mit einer Sichtblende ausgerüstet. Vor allem das Stehendschießen wurde für ihn zum kapitalen Blindflug. »Es war eigentlich reines Glück, dass ich überhaupt etwas getroffen habe«, befand er später schwer frustriert. Peiffer kam mit einer Strafrunde davon. Doch auch die war zu viel, um Norwegens Ausnahmekönner Emil Hegle Svendsen und den überraschend starken Slowenen Jakov Fak in die Schranken zu weisen.

Immerhin: Es blieb die Bronzemedaille. Was unter anderen Umständen wohl als großer Erfolg bewertet worden wäre in einem Wettbewerb, in dem mindestens zehn bis zwölf Nationen als heiße Medaillenanwärter eingestuft worden waren. Beim Pechvogel selbst wollte ausgelassene Freude über das erste Edelmetall in Ruhpolding allerdings nicht aufkommen. Dass die BILD-Zeitung dann auch noch spottete »Panne-Mann verballert Lenas erstes Gold« dürfte Peiffers Laune nicht eben besser gemacht haben. Neuner selbst sprang dem unglücklichen Teamkollegen zur Seite und nutzte die erste Pressekonferenz zu einer Breitseite gegen den Berichterstatter. »Die Leute sollen sich wirklich überlegen, was sie schreiben«, wetterte sie, »der Arnd hat einen tollen Job gemacht und Bronze gerettet. Und außerdem ist es nicht mein Gold, sondern es geht einzig und alleine um die Mannschaft.« Die scheidende Biathlon-Königin trauerte dem entgangenen Gold keineswegs nach – im Gegenteil, sie hatte mit der ersten Plakette von Ruhpolding sogar eine Lücke in ihrer Trophäensammlung geschlossen. »Es ist meine erste Bronzemedaille bei einer WM, das ist doch toll.« Sprach’s und schickte eine Mahnung an die so erwartungsvolle deutsche Öffentlichkeit hinterher. »Bei der Siegerehrung habe ich gesehen, wie ausgelassen sich die Slowenen über Silber gefreut haben«, sagte Neuner, »daran sollte sich vielleicht manch einer mal ein Beispiel nehmen.«

»… oder Du bist der Depp«

Und Magdalena Neuner wusste ja nur zu gut, dass ihre wohl größte Chance auf einen Titel bei dieser Heim-WM unmittelbar bevorstand. Von den acht Sprintrennen des Winters hatte die Wallgauerin bis dahin atemberaubende sechs gewonnen. Selten hatte eine Athletin eine einzelne Disziplin derart deutlich dominiert. In Ruhpolding allerdings schwebte nun ein kleiner Unsicherheitsfaktor über Neuners Spezialdisziplin: Das milde Wetter. Nicht wenige hatten den späten WMZeitpunkt kritisiert. Stephane Bouthiaux, Frankreichs Männertrainer und damit Coach des neuen Überfliegers Martin Fourcade, reihte sich in den Kreis der Kritiker ein. »Ich habe absolut kein Verständnis für die IBU«, wetterte der Franzose in Richtung Weltverband, »wie kann ich im März eine WM in Mitteleuropa machen. Faire Wettbewerbe sind so unmöglich.« Bouthiaux` Ahnung: Die angegriffene Spur werde sich im Verlauf eines Rennens derart verschlechtern, dass Athleten mit höherer Startnummer chancenlos sind. Wolfgang Pichler, der knorrige Ruhpoldinger, der seit Sommer die Geschicke von Russlands Frauen lenkte, hatte derweil eine ganz andere Befürchtung. Was wäre, wenn der Nachmittagsschatten unter dem Zirmberg die Temperaturen vielleicht doch wieder in den Bereich des Gefrierpunkts absinken lässt? Wären auf einer vereisenden Strecke nicht Läufer mit höherer Startnummer im Vorteil? »Du kannst hier die richtige Karte ziehen oder du bist der Depp«, befand er ziemlich lapidar.

Beim Sprint der Frauen schlossen sich die großen Verbände dann doch der französischen Ahnung an. Die Favoritinnen ließen sich allesamt im Vorderfeld eingruppieren. Am spätesten noch Magdalena Neuner, deren Nummer 29 sich allerdings als echter Vorteil erwies: Sie hatte auf der Schleife, die die Veranstalter sogar mit Brezensalz gepflegt hatten, im Blick, wie es ihren Konkurrentinnen erging. Und so wusste sie auch vom kleinen Missgeschick von Darja Domratschewa, ihrer großen Widersacherin dieser Weltcup-Saison. Die Weißrussin hatte sich am Schießstand zwar keinen Fehler erlaubt, aber sie hatte Probleme mit ihrer Waffe, die sie wertvolle Sekunden gekostet hatten. Der Schützling des deutschen Trainerfuchses Klaus Siebert war über die Saison hinweg die einzige Läuferin gewesen, die Neuner auch in der Spur in schwere Bedrängnis bringen konnte. Nach ihrem Patzer war klar: Mit zwei Mal »Null« wäre der Weg zum Weltmeistertitel frei. Und Magdalena Neuner tat, was von ihr gefordert war. Ohne Fehler brachte sie die beiden Schießeinlagen hinter sich und bescherte den 28.000 Biathlon-Fans in der restlos vollgepackten Arena ihren ersten Glücksrausch. Der Jubel, als die 25-Jährige dann auch tatsächlich mit gut 15 Sekunden Vorsprung auf Domratschewa und sogar 37 Sekunden auf die ukrainische Überraschungs-Dritte Vita Semerenko über die Ziellinie rauschte, dürfte noch im nahe gelegenen Salzburg zu hören gewesen sein. Und selbst Wolfgang Pichler, der im Vorfeld noch gestichelt hatte (»Hier werden Medaillen ganz schwer hergehen«) verbeugte sich tief vor der nun alleinigen Rekordweltmeisterin. »So a varreckts Luder«, entfuhr es dem 57-Jährigen mit breitem Grinsen. Ein höheres Lob ist aus bayerischem Mund kaum zu bekommen. Natürlich war auch der zum Champions Park umfunktionierte Kurpark im Herzen der 6800-Seelen-Gemeinde voll gepackt, als sich Neuner wenige Stunden später ihre elfte Goldmedaille um den Hals hängen lassen durfte. Rund 5000 Menschen verwandelten den sonst so beschaulichen Platz in ein beeindruckendes schwarz-rot-goldenes Fahnenmeer.

Und natürlich witterte die verzückte Fangemeinde die Chance auf mehr. Denn der Sprintsieg bescherte Magdalena Neuner ja auch eine glänzende Ausgangsposition für die bereits Tags darauf wartende Verfolgung. Wie es gehen könnte, machte dem deutschen Liebling der Massen schon einmal der Franzose Martin Fourcade vor, der als erster Sprint-Weltmeister überhaupt auch das folgende Jagdrennen für sich entscheiden konnte. Der Ausnahmeläufer leistete sich sogar satte vier Schießfehler. 600 Extra-Meter in der Strafrunde hatte er sich damit also eingehandelt, doch am Ende reichte die Kraft immer noch, um den schwedischen Routinier Carl-Johan Bergman locker nieder zu spurten.

Die große Rivalin schlägt zurück

Bei den Frauen deutete ziemlich lange alles auf eine noch größere Demonstration der Stärke hin. Denn auch Magdalena Neuner behielt in der Verfolgung lange das Heft fest in der Hand. Ein Fehler beim zweiten Schießen war zu verschmerzen, weil auch Domratschewa patzte. Und als die Weißrussin beim dritten Besuch am Schießstand wieder eine Scheibe stehen ließ, da war der Goldhauch in der Arena schon wieder spürbar. Doch diesmal blieb das ganz große Happy-End aus. Eine Strafrunde wäre für Neuner beim letzten Schießen wohl zu verkraften gewesen. Doch gleich das erste Projektil verfehlte das Ziel derart deutlich, dass der Trainerstab um Frauen-Bundestrainer Gerald Hönig schon ein ähnliches technisches Missgeschick wie zum WMAuftakt bei Ole Einar Björndalen witterte. Aber die Wallgauerin hatte beim Anlegen wohl schlicht zu viel Druck auf den Abzugshebel gebracht und den Schuss zu früh ausgelöst. Noch eine zweite Scheibe blieb schwarz. Und diesmal war es Domratschewa, die die Gunst der Stunde nutzte. Die Weißrussin behielt die Nerven und als Neuner mit 13 Sekunden Rückstand aus der Strafrunde zurück auf die Strecke lief, da ahnte sie schon, dass dieser Tag kein goldenes Ende nehmen würde. »Dafür ist Dascha eine zu gute Läuferin«, sagte sie. Auf der Schlussrunde nahm die 25-Jährige deshalb schon lieber Fahrt heraus, um Kräfte zu sparen für die noch strapaziösere zweite WM-Hälfte. Das ganz große Gefühlskino durften diesmal jedoch andere genießen. Domratschewas Coach Klaus Siebert war 1979 in den Farben der DDR selbst der erste Weltmeister von Ruhpolding. Was er als Aktiver geschafft hatte, das blieb ihm als Coach über zwölf Weltmeisterschaften hinweg versagt. Ob als Privattrainer von Ricco Groß oder als Chefcoach in Österreich, China und nun eben Weißrussland – einen Weltmeister produzierte der Sachse, der erst Monate zuvor von einem Krebsleiden geheilt worden war, nie. Bis zu diesem Moment, in dem Darja Domratschewa ausgerechnet an der Stätte seines eigenen sportlichen Märchens triumphierte. »Das ist schon ein Traum«, schwärmte Siebert mit feuchten Augen.

Und Magdalena Neuner? Die Frau, die sogar von den internationalen Fangemeinden gefeiert wurde, haderte im Ziel zwar ein wenig mit dem letzten Stehendschießen: »Die zwei Fehler ärgern mich schon ein bisschen.« Doch den Frieden hatte sie mit Silber schnell geschlossen. »Ich habe jetzt einen kompletten Medaillensatz gewonnen, das ist doch super«, sagte sie. Sprach`s und genoss ein bisschen Auszeit von der Weltmeisterschaft. Zur Halbzeit hatte der Deutsche Skiverband einen Familienabend angesetzt, einer Party, bei der die Athleten im Kreis ihrer Lieben für ein paar Stunden Abstand vom strapaziösen WM-Alltag nehmen sollten. Männer-Bundestrainer Fritz Fischer wurde dabei an so ziemlich allen Instrumenten auffällig, derer er habhaft werden konnte. Neuner versuchte sich dagegen spektakulär gemeinsam mit Freundin und Zimmerkollegin Miriam Gössner als Sängerin. Was eine schöne Einstimmung war, auf die Dinge, die bei dieser WM noch kommen würden. Allen voran auf den Wettbewerb, der ihr in den sechs Jahren im Weltcup am meisten zu schaffen gemacht hatte: den Einzelwettbewerb.

So viel hatte Magdalena Neuner schon gewonnen, doch zu einer Medaille bei einem Großereignis hatte es auf diesen verflixten 15 Kilometern noch nie gereicht. Auch im Weltcup fällt ihre Bilanz in dieser Disziplin, die Schießfehler mit einer Strafminute so heftig ahndet, vergleichsweise bescheiden aus. Nur ein einziges Mal, in Antholz 2010 bei der Generalprobe für die Olympischen Spiele in Vancouver grüßte das schönste Lächeln des Weltcups nach einem Einzelwettbewerb von der höchsten Stufe des Siegertreppchens. Und nun sollte gerade hier also zumindest eine Medaille herausspringen. Was Mut machte: Auch auf der langen Strecke hatte Neuner, die 2009 sogar schon einmal die kleine Kristallkugel in dieser so aufreibenden Disziplin für sich entschieden hatte, in dieser Abschiedssaison ihre Qualität bewiesen. Bei beiden Auflagen, in Östersund und Nove Mesto, brachte sie es immerhin auf Platz drei. »Ich weiß, dass ich es kann«, war sich Neuner sicher.

Der große Traum platzt am Schießstand

Alles gerichtet also eigentlich für einen weiteren WM-Feiertag. Die Sonne strahlte über der Chiemgau Arena, die ein weiteres Mal mit 26.000 Zuschauern fast aus den Nähten platzte. Auch die Strecke präsentierte sich so gut wie nie bis dahin in den tollen Tagen von Ruhpolding. Doch es deutete sich ernüchternd früh an, dass Neuners großes Medaillenmärchen an diesem Nachmittag nicht fortgeschrieben werden würde. Gleich beim ersten Schießen ließ die Wallgauerin zwei Scheiben stehen. Und fügte sich damit ziemlich nahtlos ins Bild des deutschen Teams ein. Auch Andrea Henkel und Tina Bachmann patzten bei dieser ersten Liegendeinlage zweimal, nur Miriam Gössner kam zunächst mit einem Fehler davon. Da war es auch ein schwacher Trost, dass es Darja Domratschewa noch schlechter ergangen war – der Weißrussin blieb nach vier Fehlern nicht einmal mehr ein Hoffnungsschimmer. Was war geschehen? Die Windverhältnisse am Schießstand hatten sich nach dem Anschießen vor dem Start entscheidend verändert. Natürlich haben die Betreuer die Athletinnen auf der Strecke auf die drehenden Luftbewegungen hingewiesen. Passierte es im falschen Stil, wie Magdalena Neuner später anmerkte? »Die Trainer haben eine gewisse Nervosität verbreitet«, erklärte sie, »so etwas überträgt sich natürlich auch einmal auf die Athleten.« Wie auch immer – in jedem Fall zogen Neuner & Co. beim Anblick der Windfähnchen offenkundig die falschen Schlüsse. Und mussten sich dafür später ihrerseits Kritik von den Übungsleitern gefallen lassen. »Mich wundern die Fehler schon«, merkte Frauen-Bundestrainer Ricco Groß an, »die Verhältnisse waren nicht leicht, aber die Läuferinnen sind alle so erfahren, dass man von ihnen eigentlich schon verlangen kann, auf diese Situation richtig zu reagieren.«

Und so hatte man eben schon mit dem ersten Schießen gehörig Druck auf die eigenen Schultern gebracht. Magdalena Neuner kämpfte verbissen. Gehörte in der Spur wieder zu den schnellsten, bei der zweiten Schießeinlage stand immerhin die Null. Was den Horizont angesichts von rund einer Minute Rückstand auf Platz drei zumindest noch leicht in Bronze schimmern ließ. Daran änderte auch nicht viel, dass Neuner beim dritten Besuch am Schießstand erneut ein Ziel verfehlte. Die Amerikanerin Susan Dunklee, die sich mit der Startnummer eins (»Ein beängstigendes Gefühl, so ein Rennen vor so vielen Leuten zu eröffnen«) fast unbemerkt im Spitzenfeld festgebissen hatte, hatte der Deutschen immer noch nur gut eine Minute voraus. Ein makelloses viertes Schießen und Neuner wäre mit dem Rückenwind des leise Hoffnung schöpfenden Publikums wohl wieder in den Medaillenkampf zurückgekehrt. Die 25-Jährige riskierte viel und verlor alles: Drei Scheiben blieben stehen. Auf der Schlussrunde blieb nicht mehr als Schadensbegrenzung. Während sich Tora Berger mit nur einem Fehler ihre zweite Goldmedaille in Ruhpolding nach dem Gewinn der Mixed-Staffel sicherte – die Norwegerin setzte sich vor der Französin Marie-Laure Brunet und Helena Ekholm (Schweden) durch, die sich ebenfalls nur je eine Fahrkarte geleistet hatten. Neuner blieb Platz 23, schlechter war sie im gesamten Winter nie dagestanden. Und auch ihre Teamkolleginnen konnten an diesem verkorksten Tag nicht entscheidend in die Bresche springen, Andrea Henkel (4 Fehler) stand als 20. noch am besten da. So tief auf den Ergebnislisten hatte man deutsche Läuferinnen bei einer WM seit zweieinhalb Jahrzehnten nicht mehr suchen müssen. Und natürlich hatte die Abfuhr auch an einer so ausgemachten Frohnatur wie Neuner gezehrt. In den Minuten danach präsentierte sich die Wallgauerin, die ihren Traum vom sechsfachen Edelmetall in Ruhpolding so unsanft begraben musste (»Hört sich blöd an, aber mir ist es lieber so als Vierte«) merklich gereizt. Zwei Tage danach erklärte sie, die ausgegebenen sechs Medaillen seien doch vor allem das gewesen, was die Reporter gerne hören wollten, »ich muss mir nichts mehr beweisen«. Spätestens hier konnte man ahnen, dass die Last, das Gesicht der größten Biathlon-WM aller Zeiten zu sein – am Ende hatten atemberaubende 240.000 Menschen die elf Wettbewerbe verfolgt – eben auch an einer ausgemachten Frohnatur nicht spurlos vorbei gehen würde.

Doch wie hatte sich dieses Einzel-Debakel auf das Team ausgewirkt? Kollektive Verunsicherung oder vielleicht doch ein Jetzt-erst-Recht-Gefühl für die so prestigeträchtige Staffel am vorletzten WM-Tag? Aus der bis dato so unglücklich geschlagenen Männer-Abteilung gab es immerhin Rückenwind. Schlussläufer Arnd Peiffer, Andreas Birnbacher & Co. hatten sich tags zuvor nur den illustren Ensembles aus Norwegen und Frankreich geschlagen geben müssen und dem Deutschen Skiverband eine viel umjubelte Bronzemedaille beschert. Und die Frauen? Wollten es nun zumindest besser machen als im Saisonverlauf, als man das Podest in drei Anläufen stets verfehlte. Die Trainer hatten sich dabei eine veränderte Taktik ausgedacht. Anders als etwa ein Jahr zuvor in Sibirien sollte Magdalena Neuner nicht als Schlussläuferin, sondern nach der soliden Tina Bachmann bereits an Position zwei starten. Die dahinter steckende Idee war leicht zu erraten: Man wollte diese Staffel aus einer Position der Stärke von vorne gestalten und die vermeintliche Wackelkandidatin Miriam Gössner als dritte Läuferin mit einem möglichst großen Polster auf die Runde schicken.

Eine »Nähmaschine« zum Abschied

Und die Sache ließ sich zunächst ja auch gar nicht schlecht an. Bachmann leistete sich nur einen winzigen Nachlader beim ersten Schießen und legte auf der Strecke eine bärenstarke Vorstellung hin. Praktisch zeitgleich mit der französischen Vorzeigeläuferin Marie-Laure Brunet kehrte sie ins Ziel zurück. Beste Voraussetzungen also eigentlich für Neuner. Sie übernahm zwar in der Spur erwartungsgemäß sofort das Kommando. Doch schon beim ersten Schießen zeigte sich, dass ihr die Sicherheit der ersten WM-Hälfte abhanden gekommen war. Drei Projektile rauschten am Ziel vorbei. Ausgerechnet im Liegendschießen – jener Disziplin also, in der Neuner mit einer Trefferquote von 91 Prozent in dieser Saison zu den stärksten der Szene zählte. Das verlorene Terrain auf die führenden Teams aus der Slowakei und Frankreich hatte Neuner bis zur Rückkehr in den Schießstand schon wieder herausgelaufen. Dort allerdings unterlief ihr ein folgenschwerer Fehler. Statt im gewohnten Tempo zügig in die Anlage einzufahren, schlitterte Neuner hinter der betont langsamen Anastasia Kuzmina in den Stand. Als die 25-Jährige das Gewehr schließlich anlegte, war ihr Puls bereits unter jene Regionen abgesackt, in denen sie die Schießübungen normalerweise absolviert. Die Folge ist das berüchtigte Muskelzittern, das die Biathleten »Nähmaschine« nennen. »Eigentlich hatte ich von Beginn an eine«, sagte sie. Vier Fehler waren die Folge. Neuner musste in die Strafrunde, und das war ein Handicap, das auch für eine Ausnahmeläuferin nicht wettzumachen ist. Sie lief zwar bis zur Erschöpfung, am Ende schickte sie Gössner aber doch statt mit einem dicken Polster mit knapp elf Sekunden Rückstand auf die Runde.

Doch die 21-jährige Garmisch-Partenkirchenerin zeigte im bestmöglichen Moment, dass in ihr eben doch weit mehr steckt als eine bis dato unauffällige WM vermuten ließ. Mit zwei Nachladern beim ersten Schießen blieb sie der führenden Anais Bescond immerhin auf der Spur. Bei der Rückkehr an den Schießstand musste sie im Gegensatz zur zweimal patzenden Französin nur eine Extra-Patrone in Anspruch nehmen. Staunend verfolgten die 28.000 euphorisierten Fans im Stadion wie Gössner Schlussläuferin Andrea Henkel als Führende ins Rennen schickte. 17,5 Sekunden Vorsprung waren eine Vorgabe, die sich die Thüringerin nicht nehmen ließ. Mit all ihrer Routine räumte die 34-Jährige alle zehn Scheiben direkt ab. Die Schlussrunde wurde dank des Sicherheitsabstands zu den Verfolgern aus Frankreich und Norwegen zum großen Triumphzug. Selbst Männer-Bundestrainer Fritz Fischer ging auf der Strecke vor der vorbeigleitenden Henkel auf die Knie, die schließlich mit hoch erhobener Deutschland-Fahne das goldene Abschiedgeschenk für die scheidende Teamkollegin perfekt machte.

Und selbst Bundestrainer Uwe Müssiggang fand es eine nette Fügung, dass ausgerechnet die Vorläuferin bei diesem Goldcoup gepatzt hatte. »Die Lena hat so viele Rennen für uns gewonnen«, sagte der Medaillenschmied des DSV, »heute haben es einmal die anderen für sie gemacht. Das ist auch ein schönes Zeichen für die Zukunft.«

Wer hätte da schon widersprechen wollen.

Zwischen Bergen und Buben, Glauben und Musik – Eine Kindheit im Idyll

Im Februar 2012, kurz vor ihrer finalen Weltmeisterschaft in Ruhpolding, gab Magdalena Neuner ein langes Interview. Im Zeitgeist-Lifestyle-Magazin »Fit for fun« reflektierte sie noch einmal über ihre Karriere und sagte: »Ich wollte nie berühmt sein. Ich wollte Olympiasiegerin werden.« Freilich, das war womöglich etwas naiv gedacht. Denn natürlich bedingt das eine das andere, sportlicher Erfolg sorgt oft für Ruhm, vor allem in Boom-Sportarten wie dem Biathlon, und wenn man dann noch so aussieht und auftritt und für jedermann sympathisch rüberkommt wie Magdalena Neuner, dann erst recht.

Wer Magdalena Neuner in den fünf Jahren ihrer Welt-Karriere beobachtete, zwischen den ersten WM-Titeln 2007 und dem Karriereende 2012, der konnte feststellen, dass es Neuner tatsächlich selten von sich aus ins Rampenlicht getrieben hat. Sie nahm die Termine für die Medien hin, sie akzeptierte, dass es Teil des Geschäfts war und dazugehörte. Sie vermittelte aber nie das Gefühl, das wirklich zu brauchen. Manchmal war sie mit mehr Begeisterung dabei, manchmal mit weniger.

Und einmal, als sie vor einem Kamera-Objektiv stand und das Blitzlicht aufflackerte, da fing sie auch hemmungslos zu schluchzen an, weil sie in dem Moment einfach gar nicht wollte. Das war 1991 in Wallgau. Als vierjähriges Mädchen, als Model für den örtlichen Fremdenverkehrsverband.

Für den Tourismus in Wallgau begann damals gerade eine Blütezeit. Deutschland war gerade wiedervereinigt, und Hansjörg Zahler, der Bürgermeister, kann sich noch gut an die Szenen erinnern, als die ersten Urlauber aus dem Osten angekommen waren. Wie sie von Norden auf der B11 vom Walchensee herkamen, über die Kuppe unmittelbar vor der Ortseinfahrt, und wie sich dann die ganze Schönheit der weiten Isar-Ebene Richtung Karwendel und Werdenfels vor ihnen auftat. »Zeitweise ist auf der Straße nix mehr vorwärts gegangen«, sagt Zahler. »Auf so ein Panorama waren die nicht eingestellt, die waren fix und fertig.« Für die Neuankömmlinge war es so etwas wie der Blick in das gelobte Land.

Tränen beim ersten Foto-Termin

Noch gewaltiger ist der Blick vom Krepelschrofen. Der Krepelschrofen ist ein kleiner Buckel gleich im Norden von Wallgau, 1160 Meter hoch, kein Hausberg, eher ein Haushügel. Da hinauf geht ein gemütlicher Wanderweg, von oben sieht man die Häuser, die Höfe, die Kirche von Wallgau. Real existierender Postkartenkitsch, wie er idyllischer nicht sein kann. Von hier aus betrachtet wirkt der Ort noch verwurzelter in das oberbayerische Erdreich als eh schon, und wer dann länger dort oben steht und nachdenkt, könnte meinen, dass es Wallgau vermutlich schon seit Anbeginn der Zeit gab, seit der Schöpfung der Welt, und dass das Dorf dem lieben Gott so gut gefiel, dass er daraufhin als passend schöne Kulisse ringsherum die Berge auftürmte, die saftig grünen Wiesen ausbreitete und einen kleinen Graben für das Rinnsal Isar aushob.

Damals jedenfalls, nach der Öffnung der Grenzen und der Wiedervereinigung, blühte der Tourismus auf in dem kleinen Dorf, und deswegen wollte die Gemeinde auch ihren eigenen Werbeprospekt erneuern. Mit Bildern vom Ort, von den Menschen und mit Bildern von Kindern in Tracht. Dabei kamen sie auch auf die kleine Magdalena von der Familie Neuner.

In Wallgau kannte man die Neuners, aber in Wallgau kannten sich eh alle, das tun sie auch heute noch. 1400 Einwohner, eine enge Dorfgemeinschaft, fast jeder irgendwo aktiv, ob bei der Freiwilligen Feuerwehr oder im Schützenverein, bei der Blaskapelle oder den Trachtlern, und manche auch überall. Wie heute noch lebten die Neuners auch damals schon in ihrem alleinstehenden Haus abseits der Hauptstraße Richtung Mittenwald, und weil die Lena in Wallgau schon aufgefallen war, weil sie immer so aufgeweckt und fröhlich war, dachten sie sich bei der Gemeinde, das würde ihr doch sicher Spaß machen, so ein Fototermin im Dirndl mit vier anderen Kindern.

Dachten sie.

Denn als es dann soweit war, wurde es der vierjährigen Magdalena zu viel. »Sie hat richtig herzzerreißend angefangen zu weinen«, sagt Zahler im Rückblick, »man hat das Gefühl gehabt, sie hatte richtig Angst.« Schließlich klappte es doch noch, saß die Lena in schöner Tracht auf der Wiese, der Fotograf war glücklich, der Prospektgestalter auch, nur bei genauem Hinsehen fällt dann auch heute noch auf, dass es eher ein verkrampftes Lächeln war bei Magdalena, richtig fröhlich wirkte sie nicht. Wenn keiner hinschaute, keine Kamera da war und kein Fotograf, dann lächelte die junge Magdalena Neuner oft. Ganz natürlich. Ganz normal.

Normal, das ist ein Begriff, den man oft hört, wenn man alte Bekannte der Neuners danach fragt, wie die Magdalena denn aufgewachsen sei.

Auch der 9. Februar 1987 war ja eigentlich ein normaler Tag. Auf der Welt passierten Dinge, die auch an anderen Tagen und in anderen Jahren passieren, in Beirut explodierte eine Bombe, über Afghanistan wurde ein Transportflugzeug abgeschossen, und in der deutschen Regierung stritt sich schwarz-gelb über eine neue Steuerreform. Nur dass die bundesdeutsche Hauptstadt damals noch Bonn hieß und nicht Berlin.

Das einzige bedeutsame Polit-Ereignis an jenem Tag war der Zusammenbruch der Koalition in Hessen. Es gab Streit um die Genehmigung für die Hanauer Nuklearbehörde Nukem, und als Umweltminister Joschka Fischer von Ministerpräsident Holger Börner seine Entlassungspapiere entgegennahm, war das erste rot-grüne Regierungsprojekt auf Landesebene gescheitert. Fischer sollte dennoch noch eine große Zukunft vor sich haben.

Wie das Baby, das an jenem Tag im Krankenhaus von Garmisch-Partenkirchen auf die Welt kam. Magdalena war das zweite Kind von Paul und Margit Neuner, der dreijährige Paul junior war schon da, 1992 kam dann noch der Christoph, 1994 die Anna.

Vier Kinder, und auch sonst eine große Familie, weit verzweigt, mit vielen Geschwistern, Onkeln, Tanten und Cousins, mit manchen hatte sie weniger Zeit verbracht, mit manchen mehr und mit einem ganz viel. Mit Albert Neuner.

Albert Neuner lebt ganz im Osten von Wallgau, im letzten Haus, im Bauernhof seiner Eltern, da wo er groß wurde. Albert Neuner ist ein Vetter von Magdalena, und als Magdalena Neuner 2007 in Baden-Baden zur »Sportlerin des Jahres« gekürt wurde, kam er als Ehrengast auf die Bühne und überreichte ihr die Trophäe. Damals ging es auch um den Verwandtschaftsgrad, und als die Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein nachfragte, wie die beiden familiär zusammenhängen, meinte Magdalena Neuner, dass das etwas kompliziert sei: »Eine Oma von mir ist die Schwester von seinem Vater, die andere Oma von mir die Schwester seiner Mutter, aber meine Eltern sind natürlich nicht verwandt.« Das kann man verstehen, muss man aber nicht, wer aber etwas davon verstehen will, wie die Lena so als Kind war, der spricht am besten mit ihm, mit Albert Neuner.

Auf Distanz zur »Prinzessinnen-Clique«

Albert Neuner kam ein halbes Jahr nach Lena zur Welt, im August 1987. Beide gingen zusammen in den Kindergarten, in die Schule, in den Trachtenverein, und schließlich begannen beide später auch zur selben Zeit mit dem Biathlon. Es gibt viele Fotos, auf denen die Magdalena und der Albert nach ihren Rennen nebeneinander stehen, immer in der gleichen Pose, die üblichen Schnappschüsse, meist hatten sie eine Medaille um den Hals oder einen Pokal in der Hand. Waren beide sehr erfolgreiche Sportler, aber das mit dem Biathlon kam ja erst in der Jugend.

In der Kindheit waren Albert und Magdalena fast immer zusammen, natürlich waren sie in der Grundschule auch in der gleichen Klasse. Zur Grundschule in Wallgau geht es nach dem Rathaus links, sie liegt nach dem Feuerwehrhaus und hat als Adresse Schulstraße 1. Alles liegt in Wallgau genau an dem Ort, wo es hingehört.

1993 kamen Magdalena und Albert in die erste Klasse, eine gemischte Klasse, Mädchen und Buben. »Aber mit den Mädls hat die Lena nie so viel zu tun haben wollen«, sagt Albert Neuner. »Meistens war sie mit uns beieinander, mit den Buben. Da hat es ihr mehr getaugt.«

Eine Gruppe von Mädchen habe es gegeben, sagt er, das sei die »Prinzessinnen-Clique« gewesen. Mit Vorliebe für Mode, Pferde, Rosa, aber zu der habe die Lena nie dazugehört, weil sie da auch nicht dazugehören wollte. »Die war fast nur bei uns«, sagt er, »wir Buben haben auch nie so rumgezickt und rumgedruckst.« Die Buben sagten schon eher immer genau das, was sie denken, gerade raus, offen und ehrlich, dazu das Herumtoben, sich verausgaben beim Sport und im Spiel, das war die Art, die einer Magdalena Neuner schon viel mehr behagte, damals wie heute.

Am Nachmittag nach dem Unterricht gingen die Buben und die Lena dann immer ins Freie an die frische Luft, etwas wie Stubenhockerei war ein Fremdwort. »Dass wir nicht raus sind, da hat das Wetter schon ganz schiach sein müssen«, sagt Albert Neuner, also richtig gräuslich. Dann, wenn sich die trübe Wolkensuppe tief herunter ins Tal hängte und einer dieser oberbayerischen Schnürlregen mit stoischer Beharrlichkeit ganze Tage auf den Ort herunterging, dann saß sogar Magdalena Neuner zu Hause, doch auch da war nicht träges Herumhängen angesagt, sondern Aktivität, da ging es ums Spielen und um viel Phantasie.

Kasperl, Bibi Blocksberg, Meister Eder

Auch Bruder Christoph erinnerte sich einmal an die gemütlichen Nachmittage und Wochenenden mit seiner großen Schwester. »Sehr lustig war immer, wenn die Lena mir und meiner kleinen Schwester Anna mit den Kasperlpuppen aus Holz Geschichten vorgespielt hat«, sagte er damals, »das war immer sehr kreativ und ich werde das nie vergessen.« Es herrschte ein ganz selbstverständlicher Zusammenhalt im Haus, und wenn der Christoph einmal etwas in der Schule nicht verstand, dann war die Lena immer da und half ihm bei den Hausaufgaben.

Natürlich gab es auch Momente, in denen die kleine Magdalena ihre Ruhe brauchte, sich zurückziehen konnte auf ihr Zimmer. Dann hörte sie am liebsten Kassetten. Benjamin Blümchen, Bibi Blocksberg. Und natürlich den Meister Eder und seinen Pumuckl. Fernsehen war bei Neuners eine ganz große Ausnahme, da musste schon etwas Besonderes kommen, einfach mal die Glotze anwerfen und sich von beliebigem, stumpfsinnigem TV-Programm berieseln zu lassen, so etwas gab es nicht.

»Warum auch«, sagt Albert Neuner, »so etwas ist doch nur verlorene Zeit.« Lieber seien sie, die Buben und die Lena, mit dem Radl durch die Gegend geheizt, hätten im Wald Verstecken gespielt und sich Hütten gebaut. Und sind gemeinsam mit den Eltern auf die Berge gegangen.

Wanderungen auf die Berge ringsherum, in Wallgau an den Wochenenden ein familiäres Standardprogramm. Die Schöttelkarspitze, die Soiernspitze, der Wank, der Krottenkopf, der Simetsberg, dazu eine ordentliche Brotzeit für die Rast am Gipfelkreuz, »da haben wir als Kinder schon ganz schön zu tun gehabt«, sagt Albert Neuner, »aber aktiv sein, verbunden mit der Natur, oben am Berg, das hat wahnsinnig viel Spaß gemacht, damit wirst du einfach groß hier.« Genau wie mit dem Glauben.

Wallgau ist sehr gläubig, Magdalena Neuner und ihre Familie sind es auch. Bei den Neuners gibt es wie in so vielen Häusern und Bauernhöfen in der holzvertäfelten Stube neben dem Esstisch einen Herrgottswinkel. Ein Eck, in dem ein Holzkruzifix hängt, Heiligenbilder und Figuren stehen. Maria, Josef, daneben eine Kerze.

Christen gibt es in Wallgau seit der Spätantike, Ende des 13. Jahrhunderts bauten sie hier die erste Kirche, rund um 1680 bekam der Turm dann seine Zwiebelhaube. Die Pfarrei heißt St. Jakob, wie so viele Kirchen entlang des Pilgerwegs, der hier seit dem Mittelalter durch den Ort ging, Richtung Rom, nach Jerusalem und natürlich zum Grab des Apostels Jakob in Santiago de Compostela. St. Jakob ist keine große Kirche, wenn man zum Altar blickt, hat es rechts 17 Sitzreihen und links 15. Die Heilige Messe ist am Sonntag um 9 Uhr, und wenn man es am Sonntag nicht schafft, dann kann man auch am Samstag um 19.15 Uhr gehen.

An einem von beiden Terminen war die kleine Magdalena fast immer in der Kirche zu sehen zusammen mit den Eltern als aktive Gemeindemitglieder, und als Albert und Magdalena Neuner vor Erstkommunion und Firmung standen, da wurden diese Vorbereitungsgruppen von Margit Neuner geleitet, Lenas Mama. Die Familie ging nicht der lästigen Pflichterfüllung wegen in die Kirche und auch nicht wegen religionspolitischer Dogmen, sondern aus tiefster grundfester Überzeugung für ein christliches Miteinander, im Wissen um die Grundwerte des Lebens.

Als Magdalena Neuner schon viel Geld eingenommen hatte durch Preisgelder und Sponsoren, als sie sich schon viel hätte leisten können, da sagte sie: »Wenn ich jetzt daherkäme und mir einen Porsche kaufen würde, würde mir mein Vater doch den Vogel zeigen. Geld kann man doch viel sinnvoller anlegen, zum Beispiel für das künftige Studium seiner Kinder.«

Das Leben mit dem behinderten Onkel

Worauf es im Leben ankommt, erkannte Magdalena Neuner schon sehr früh, wie sie Anfang 2007, noch vor ihren drei WM-Titeln in Antholz, in einem sehr persönlichen und intensiven Gespräch mit dem Autor sagte. Es ging damals um ihre Beweggründe, zwei Jahre zuvor bei den nationalen Meisterschaften der geistig Behinderten in Garmisch, den Special Olympics National Games, bei der Eröffnungsfeier den Eid zu schwören. »Ich wusste schon immer, dass es Dinge gibt, die wichtiger sind als der Sport«, meinte sie damals. »Auch weil ich, seit ich ein Kind war, meinen behinderten Onkel miterlebe, der bei uns in der Familie lebt. Er hat Muskelschwund und kann sich kaum bewegen. Wenn man das wie ich von klein auf mitbekommt, dann hat man auch keine Berührungsängste mit behinderten Menschen, und man weiß es auch zu schätzen, wenn es einem gut geht – und wenn man normal laufen kann.« Die Erkenntnis, dass die Gesundheit das höchste Gut ist im Leben.

Auch Anneliese Holzer, von der als Magdalenas erster Trainerin später noch die Rede sein wird, sagt: »Die Sache mit ihrem Onkel hat ihr schon immer gezeigt, was alles sein kann, und dass nicht immer alles heile Welt sein muss.« Selbst nicht in so einem Idyll wie Wallgau, wo aber nicht nur der Glaube eine große Bedeutung hat, sondern auch die Musik. Die Volksmusik.

Bei den Neuners beherrschen sie alle ein Instrument. Paul, der Vater etwa, lernte Flügelhorn, genau wie Christoph, der jüngste Sohn. Dazu ist der Papa Dirigent der Musikkapelle Wallgau, und auch Paul, der Bruder, hat inzwischen seine eigene Band, eine Volksmusik-Band mit Namen »Die 3-einigen«, da spielt Paul, den sie »Bauli« nennen, Tuba und E-Bass.

Magdalena spielte anfangs Blockflöte, später kam die Harfe dazu. Die Harfe, das erzählte sie Ende 2007, würde sie auch immer an Weihnachten im Kreis der Familie spielen. »Das sind dann immer glückliche Tage für mich«: Heiligabend, wenn es bei den Eltern Weißwürste und Brezn gibt und sie später alle in die Christmette gehen, wo Neuner nach eigenen Worten »beim Erklingen der Weihnachtslieder immer Gänsehaut« bekommt. Und am 1. Feiertag, wenn sie sich alle bei Oma Dora treffen, auch da wird die Harfe ausgepackt.Von der Harfe sollte in späteren Jahren noch oft berichtet werden, gerade in den allerersten Porträts bis hin zu den WM-Triumphen von Antholz, war die Harfe bald schon ein Markenzeichen, auch wenn das Klischee vom Harfe spielenden Mädl aus dem Oberbayerischen teilweise etwas überstrapaziert wurde.

Keine halben Sachen – auch nicht beim Schuhplattler

Die Hausmusik gehörte daheim zum festen Bestandteil, so wie auch das Tanzen. Tanzen machte Magdalena viel Spaß, im Trachtenverein, der sich auf die Fahne geschrieben hat, sich stark zu machen »für die Erhaltung unserer kulturellen Eigenheit, Sitt’ und Tracht«. Darum tanzt man dort natürlich auch den bayerischsten aller Volkstänze, den Schuhplattler. Auch hier war Albert Neuner zusammen mit seiner Cousine als Kind in einer Gruppe, man probte einmal die Woche, und wenn Heimatabende oder Dorffeste anstanden, oder auch Hochzeiten, dann durften sie den Tanz auch aufführen.

Albert Neuner sagt, dass es kein Mädchen gab, das so gut geplattlt hätte wie die Lena. »Die hat einfach in allem gut sein wollen«, sagt er, »und das war eben auch schon als Kind so. Einfach so nebenher mitmachen, das war nicht das ihre, wenn die sich was in den Kopf gesetzt hat, dann hat sie das auch durchgezogen, und wenn es das Schuhplattln war.« Im Frühling 2006, als sie 19 war und sich eine große Sport-Karriere bereits andeutete, verabschiedete sich Magdalena Neuner ganz bewusst aus dem Kreis der aktiven Trachtentänzer. Zum Abschied, als sie einen schönen Blumenstrauß bekam, sagte sie, ihr fehle jetzt einfach die Zeit, weil das Training immer intensiver würde, und meinte zum Schluss noch: »Ich mache keine halben Sachen.« Ganz oder gar nicht, ganz konsequent.

»Und wenn sie was gemacht hat«, sagt Albert Neuner, »gab es genau wegen dieser Einstellung nichts, wo sie gescheitert wäre.« Auch in der Schule nicht, wie ihre alten Lehrerinnen erzählen.

In den ersten beiden Klassen in der Grundschule hatte Magdalena Neuner Karin Stichaner als Lehrerin, und die Frau Stichaner kann sich noch gut an diese brave, höfliche und zuvorkommende Schülerin erinnern. »Bei der Magdalena hat es nie etwas Negatives gegeben«, sagt sie, »sie war stets gut aufgelegt, hat im Unterricht immer gut mitgemacht, einfach ganz ein liebes Mädl,« Renate Gerblinger sagt das auch, sie hatte die Lena dann als Lehrerin in der dritten und vierten Klasse, sie erinnert sich an die Liebe zur Handarbeit und eben auch zur Musik. »Ich weiß noch, wie viel Freude es ihr gemacht hat, etwas auf der Harfe vorzuspielen«, sagt die Lehrerin, »die Mutter kam dann immer mit dem Auto vorgefahren und hat das Instrument gebracht.« Weil es doch etwas umständlicher zu transportieren war als die Blockflöte.

Leistungssport statt Abitur

Magdalena sei eine sehr gute Schülerin gewesen, sagt Frau Gerblinger. »Immer bei der Sache, fleißig und pflichtbewusst.« Als die vierte Klasse dann 1997 geschafft war, war es mit der Schulzeit in Wallgau vorbei. Manche aus ihrer Klasse gingen aufs Gymnasium nach Garmisch-Partenkirchen, Magdalena Neuner ging wie Albert erst einmal weiter nach Krün, dem Nachbarort, auf die Teilhauptschule I. Das ist in Bayern ein Anschluss an die Grundschule, zwei Jahre lang, manche sagen dazu auch Orientierungsstufe, danach entscheidet sich, ob weiter Hauptschule oder Realschule, bei Magdalena Neuner war es ab 1999 die Realschule. Später, meinte sie einmal, habe sie sich oft gefragt, ob sie nicht doch aufs Gymnasium hätte gehen sollen, das Abitur machen. Das Zeug dazu gehabt hätte sie, zweifellos. »Ich war ja keine schlechte Schülerin«, sagte sie, »aber für meine Karriere im Sport war die Entscheidung einfach optimal.« Die Entscheidung, nach der zehnten Klasse mit Mittlerer Reife abzuschließen. Nach vier Jahren in Partenkirchen, an der Irmengard-Realschule.

Das Irmengard sind eigentlich zwei Schulen, neben der Realschule gibt es ein Gymnasium, es ist ein mächtiger Bau direkt an der Hauptstraße in Partenkirchen, zwei reine Mädchenschulen, und bei den Einheimischen heißt das Irmengard auch schon mal »Jungfernbunker«.

Träger der Irmengard-Schule ist die Erzdiözese München und Freising, der Glaube ist auch hier ein zentrales Thema. »Der Glaube«, sagt Angelika Dahner, »kann im Leben ein Fels sein und einem viel Kraft geben.«

Angelika Dahner ist die Rektorin der Irmengard-Realschule, sie kam im Jahr 2000 hierher, als Lena Neuner gerade in die achte Klasse vorrückte. Und Angelika Dahner sagt, dass ihr die Magdalena schon damals besonders aufgefallen sei, ganz abgesehen von ihren sportlichen Leistungen und ersten Erfolgen, auch wenn damals noch nicht jeder Lehrer von ihrer großen Zukunft überzeugt war. Als Magdalena 13 war, ging es im Englisch-Unterricht einmal um die Berufswünsche der Schülerinnen. Magdalena sagte, sie wolle im Biathlon Profi-Sportlerin werden, aber da, erzählte sie später, habe ihr Lehrer nur gelacht und gemeint, dass das viele wollen würden, Profi-Sportler oder Pop-Star. Die junge Magdalena sagte daraufhin nicht viel, sie machte sonst ja auch nie Wirbel um ihre Träume, gab nie an, blieb eher zurückhaltend, wie die Rektorin sagt.

»Mit ihrer Anmut und ihrer Bescheidenheit«, sagt Angelika Dahner, »mit ihrer Herzlichkeit und ihrer Liebenswürdigkeit, da hat sie uns alle platt gemacht.«

Zielstrebig, humorvoll, verschmitzt

Fast nur Zweier und Dreier hatte sie in ihren Arbeiten und Zeugnissen, in Sport natürlich nur Einser, aber viel mehr als die Noten sagen die Beurteilungen aus, die Frau Dahner damals schrieb, die Bemerkungen, an die sie sich auch heute noch erinnern kann. Denn in ihren Beurteilungen hat Angelika Dahner damals viele Attribute zu Magdalena gefunden. »Zielstrebig« etwa, »beispielhaft«, »beständig«, vor allem aber spricht Neuners Schulleiterin von der »sozialen Kompetenz und emotionalen Intelligenz« ihrer ehemaligen Schülerin. »Sie hatte schon immer ein enormes Einfühlungsvermögen, eine starke Empathie. Wie sie Dinge wahrgenommen hat und wie es ihr gelungen ist, in der Begegnung mit den Mitmenschen immer den richtigen Ton zu treffen, zeigte mir früher schon, dass das ein außergewöhnliches Mädchen ist aus einer ganz tollen Familie.« Die Familie, die das Fundament gelegt habe. »Die Eltern haben ihr das beispielhaft vorgelebt«, sagt Dahner, »geerdet zu sein und damit eine große Reife in Charakter und Persönlichkeit zu entwickeln.«

Humorvoll, verschmitzt, auch das, sagt Angelika Dahner, sei die Magdalena als Schülerin gewesen. »Ein Mensch, der auch sehr stark und deutlich nonverbal durch die Augen sprechen kann«, sagt sie, und dann meint die Schulleiterin noch: »Die Schönheit ihrer Seele ist auch in ihren Augen zu erkennen.« Manches, was Angelika Dahner sagt, klingt schon fast zu perfekt und zu makellos, wenn sie etwa davon spricht, wie sie die Magdalena bei einem Schulkonzert an der Harfe habe sitzen sehen, »einem Engel gleich« und wie sie, Dahner, »dahingeschmolzen« sei.

Nach 2003, als sie die Schule dann verließ, kam Magdalena noch manchmal zurück. Ja, natürlich ging es auch immer mehr um die Erfolge, aber genau deswegen wollte Lena Neuner auch immer weniger darüber sprechen, sie wollte einfach sie selbst sein, mehr die alte Schülerin als die erfolgreiche Sportlerin. Und wenn sie sich dann bei Schulfesten an den Tisch mit den alten Lehrern setzte, dann ging es um die alten Zeiten und um Anekdoten und das Ja-wissen-Sie-noch. Neuner siezte ihre Lehrer natürlich nach wie vor. Genauso natürlich war es für sie, dass sie umgekehrt weiterhin geduzt werden wollte.

Nach dem Dreifach-WM-Gold von Antholz schrieb sie Ihrer Rektorin einmal ein Autogramm mit Widmung. »Für meine Frau Dahner« steht darauf, das hat natürlich einen Ehrenplatz im Irmengard-Direktorat, ein ewiges Andenken an einen vorbildlichen Menschen. »An einen in sich ruhenden Menschen«, sagt Frau Dahner, »an einen mittigen Menschen.«

Ein Mensch, der sich schon immer darüber im Klaren war, was er will, und auch was er nicht will. Und wenn sie etwas nicht wollte, dann gab sie das auch immer deutlich zu verstehen. Wie damals. Beim Wallgauer Ortsprospekt.

»Langlaufen und Schießen irgendwie« – Lenas Anfänge im Biathlon

Schuld an allem war ja im Grunde genommen Anneliese Holzer. Ohne sie hätte Magdalena Neuner vielleicht eine Profi-Karriere im Tennis angestrebt, das hatte sie in jungen Jahren schließlich auch gespielt. Oder sie wäre zum FC Bayern gegangen, dann natürlich nicht wegen des Lockrufs von Uli Hoeneß, der sie nach ihren Olympiasiegen von Vancouver in die Marketing-Abteilung des Vereins holen wollte. Sondern deswegen, weil sie auch einmal den Traum hatte, ein Star im Frauenfußball zu werden, wie sie später einmal sagte.

Oder sie hätte vielleicht doch eine Veterinärspraxis eröffnet. Albert Neuner, ihr Cousin, weiß nämlich noch, dass sie ganz früh als Kind einmal sagte, sie wolle Tierärztin werden. Aber dann wurde sie doch ein Weltstar im Biathlon. Dank Anneliese Holzer.

Anneliese Holzer kommt aus Krün, im Süden von Wallgau, von ihrer Terrasse aus sieht man gut hinüber in Magdalena Neuners Heimatort. Anneliese Holzer war selbst einmal Biathletin, Anfang der Neunziger Jahre. Sie war sogar richtig gut, sie lief zusammen mit Uschi Disl und Martina Zellner, 1993 etwa wurde sie mit der Staffel »Bayern 1« Zweite bei den Deutschen Meisterschaften. So ganz nach oben in die Weltspitze reichte es aber dann doch nie, Lillehammer, Nagano, die Olympischen Spiele blieben ein ferner und unerfüllter Traum, und während Disl die große Karriere machte, ergriff Anneliese Holzer einen anderen Beruf, einen für Frauen eher ausgefallenen, sie wurde Croupier in der Spielbank Garmisch-Partenkirchen.

Aktiv im Biathlon aber ging nichts mehr. Rien ne va plus.

1996 kam dann eine Anfrage vom Skigau Werdenfels. Im Skigau sind insgesamt 58 Vereine aus der Region zusammengeschlossen, im Westen bis weit über Garmisch-Partenkirchen hinaus, bis hinüber nach Bad Kohlgrub, Bad Bayersoien, Peißenberg. Viele dieser Vereine haben vor allem Wintersport-Abteilungen, Alpin und Langlauf. Biathlon gab es nirgendwo, Biathlon schien aber eine große Zukunft zu haben, der Sport wurde immer beliebter in der Öffentlichkeit. Im Februar des Jahres hatte es in Ruhpolding die WM gegeben, eine gemeinsame WM von Männern und Frauen zusammen, das gab es auch erst seit 1989.

Der Urknall in Ruhpolding

Im Februar 1987 etwa, als Magdalena Neuner gerade auf der Welt war, mussten die Frauen noch getrennt von den Männern ihre eigenen Titelkämpfe austragen, unter Ausschluss der Öffentlichkeit in Lahti. Die Siegerinnen hießen damals Grönlid, Björkbom, Elvebakk. Namen, die keiner kannte in Deutschland.

Neun Jahre später war das schon anders, die WM in Ruhpolding war der eigentliche Auftakt, der Urknall zu der großen Erfolgsgeschichte der Sportart Biathlon. 90.000 Zuschauer strömten in die neue Chiemgau-Arena, erstmals schrieben die Zeitungen von einem »Biathlon-Boom«, die Sportler sorgten für Schlagzeilen. Das Staffel-Gold der Frauen am Tag nach Magdalena Neuners neuntem Geburtstag, der überlegene Sieg des DSV-Quartetts um Uschi Disl, Simone Greiner-Petter-Memm, die Frau mit dem Dreifach-Namen, um Katrin Apel und Petra Behle mit 2:45 Minuten Vorsprung auf Frankreich, das war noch eine Initialzündung mehr für die Biathlon-Euphorie im Land. Man wollte mehr wissen über die Menschen hinter den Sportlern, im Fernsehen kamen vor allem über Uschi Disl viele Porträts, sie wurde als »lustiger Mensch« bezeichnet und es wurde erzählt, dass sie das Schießen in einem Steinbruch gelernt habe, kurz, es gab Berichte über Disl, wie es bei ihr früher war.

Wie es künftig werden würde, das war den Menschen im Deutschen Skiverband klar und auch im Skigau Werdenfels. Biathlon, das stand fest, hatte eine große Zukunft. Und genau darum trat der Skigau-Vorstand an Anneliese Holzer heran. Mit der Bitte, eine Biathlon-Trainingsgruppe ins Leben zu rufen, mit den besten Talenten aus der gesamten Region, von der Isar bis kurz vor den Lech.

Anneliese Holzer sagt, sie habe diese Idee auch sehr gut gefunden. »Ich hatte aber nur ein Problem«, meint sie, »ich habe mich nämlich gefragt, woher ich die Kinder nehmen soll. Und darum habe ich mir gedacht, jetzt klapperst du halt erst einmal die gesamte Verwandtschaft ab.« Und zur Verwandtschaft gehörte eben auch ein neunjähriges Mädchen aus Wallgau, dem Nachbarort. Die kleine Magdalena, die Tochter von Holzers Cousin Paul Neuner.

Sportlich war die Magdalena ja schon immer. Mit vier Jahren stand sie das erste Mal auf Alpin-Skiern, sie war dabei beim SC Wallgau, und Eva Möslein, die später den ersten Magdalena-Neuner-Fanclub mitbegründen sollte, erinnert sich an ein Alpin-Rennen der jungen Lena. Die Familie schaute damals zu, auch Dora, die Oma war dabei, und die Großmutter meinte dann in Sorge um die Gesundheit ihrer Enkelin: »Lena, musst Du denn wirklich so schnell fahren? Magst nicht ein bissl langsamer machen?« Worauf die Magdalena meinte: »Aber Oma, das ist doch ein Rennen.« Und da wollte sie ja immer ganz vorne dabei sein.

»Als hätte sie nie was anderes gemacht«

Neben Alpin-Ski und Tennis begann sie dann auch mit dem Langlauf. Mama Margit war nämlich eine begeisterte Langläuferin, und weil Anneliese Holzer wusste, dass die Magdalena eben gerne in der Loipe unterwegs ist, hörte sie nach, ob sie nicht auch mal Biathlon ausprobieren wolle, Langlaufen nur mit ein paar Mal Schießen zwischendrin.

Sie wollte, und wie. »Der Lena«, sagt Holzer, »hat es von Anfang an gut gefallen. Brutal gut.«

Das meinte auch Magdalena Neuner später, als sie sich an die Anfänge zurückerinnerte und gestand, dass ihr die Sportart noch eher fremd war, sie die WM in Ruhpolding gar nicht verfolgt hatte. »Damals konnte ich mir unter Biathlon noch gar nicht richtig was vorstellen«, sagte sie. »Ich wusste, Langlaufen mit Schießen irgendwie, aber wie das jetzt funktionieren sollte, da hatte ich keine Ahnung.« Aber sie habe doch schnell Gefallen gefunden: »Und dann hab ich das Gewehr in die Hand bekommen und habe die ersten Klappscheiben umgeschossen und das war toll. Und es ist auch heute noch so, dass es toll ist, wenn sie umfallen.«

So ging es dann los, im Sommer 1996. Zweimal die Woche gab es am Nachmittag ein Training, ein kleiner Rundkurs auf Rollskiern auf einer asphaltierten Strecke, aber natürlich ohne Waffen am Rücken. Die Gewehre waren am Schießstand, und es waren selbstverständlich auch keine Kleinkalibergewehre wie bei den Erwachsenen, sondern lediglich Luftdruckwaffen. Jede Patrone musste einzeln nachgeladen werden, beim Liegendschießen dienten Sandsäcke der Bundeswehr als Auflage für den Arm, und die Entfernung zum Ziel betrug auch nur zehn Meter und keine fünfzig. Sechs Kinder hatte Anneliese Holzer schließlich zusammen, die Magdalena, dann den Albert Neuner, mit dem sie ja auch verwandt ist, und noch vier andere aus der entfernten Familie, aus dem Bekanntenkreis.

Man könnte annehmen, dass bei neunjährigen Kindern in einem Schnupperkurs noch nicht unbedingt zu erkennen ist, ob hier ein enormes Potenzial vorhanden sei. Anneliese Holzer aber sagt: »Das Talent und der Ehrgeiz waren bei der Magdalena unglaublich. Es war deutlich zu sehen, dass daraus was werden könnte. Die Art, wie die auf dem Ski gestanden und gelaufen ist, da hast du gemeint, die hat in ihrem Leben noch nie etwas anderes gemacht. Als ob ihr der Ski angewachsen wäre.«

Es ging ja eher spielerisch zu am Anfang, es gab Erklärungen, wie die Technik im Laufen zu verbessern sei, beim Pensum aber gab es natürlich auch klare Ansagen. »Die Lena hat das alles umgesetzt, sie hat nie widersprochen«, sagt Holzer, »sie wollte das auch, sie wollte sich richtig schinden. Und wenn du ihr gesagt hast, dass sie jetzt bitte sechs Runden laufen soll, dann hat sie nie gemotzt und gefragt, ob es nicht auch fünf täten.« Eher lief sie stattdessen sieben Runden.

Drei Jahre lang war Magdalena Neuner bei ihrer Cousine im Training, dann lernte sie Bernhard Kröll kennen. Bernhard Kröll war damals ein junger Bursch, 22, mit 25 wurde er schließlich hauptamtlicher Biathlon-Trainer im Skigau. Damals war es noch ehrenamtlich, er betreute die Schüler ab zwölf Jahren, für den Aufwand gab es 176 Mark Benzingeld pro Monat.

1999 kam Magdalena dann also in Krölls Trainingsgruppe, Vetter Albert auch, in Albert sah Anneliese Holzer ein ebenso großes Talent wie in Magdalena, und als sie die beiden an Bernhard Kröll übergab, gab sie ihm mit auf den Weg: »Bernhard, wenn Du aus den beiden nix machst, dann können wir das vergessen. Wenn aus der Lena und dem Albert im Biathlon nix wird, dann kommt bei uns nie was raus.« Albert Neuner sagt heute, er selbst habe auch lange auf eine große Karriere gehofft, sah auch lange gut aus. Erfolge bei den Schüler- und Jugendrennen, in Bayern lief er die Konkurrenz in Grund und Boden, aber die Probleme beim Schießen wurde er nie richtig los.

Er schaffte es bei der Zoll-Sportfördergruppe in den B-Kader, startete im Europacup, wurde da einmal Fünfter, zu mehr reichte es nicht, immer ein, zwei Schießfehler zu viel. »Irgendwann musste ich einsehen, dass es keinen Sinn mehr macht im Biathlon, darum habe ich es dann sein lassen.« Mit 20, als die Magdalena gerade dreifache Weltmeisterin wurde. Albert Neuner blieb nach dem Ausscheiden aus der Sportfördergruppe bei seinem Arbeitgeber, er wurde Zollsekretär im Mittleren Dienst für Kontrollen auf Baustellen, in Gaststätten, bei Reinigungskräften, kurz, er macht Jagd auf Schwarzarbeiter. Ohne Gewehr.

Mit AC/DC nach Oberhof

Bei Bernhard Kröll kämpften Albert und Magdalena Neuner anfangs noch miteinander und gegeneinander, »Die Lena«, sagt Albert, »ist immer bei uns Buben mitgelaufen, wir haben uns schon zusammenreißen müssen, dass wir mitkommen mit ihr. Und wenn wir keinen ganz guten Tag gehabt haben, dann hat sie uns auch geputzt.« Von einem Mädchen geschlagen zu werden, für Buben in der Pubertät eher eine Demütigung, doch an Ärger deswegen kann sich Albert Neuner nicht erinnern, eher an die lustigen Ausflüge zu den Wettkämpfen, die hin und wieder weit weg waren und manchmal auch sehr weit weg. »Wenn wir fünf, sechs Stunden nach Oberhof gefahren sind«, sagt der Cousin, »da hatten wir die höchste Gaudi.« Herumgeblödelt hätten sie viel und natürlich auch viel Walkman gehört, da dann doch andere Musik als daheim im Trachtenverein oder bei der Heimatkapelle. Eher was Härteres. AC/DC und so.

Hart war es für Bernhard Kröll in seiner Trainerlaufbahn, viele Talente wegbrechen zu sehen. Kommt oft vor, wenn aus Kindern Jugendliche werden, wenn der spielerische Elan in der Pubertät einer dumpfen Lethargie weicht, wenn die Mädchen mehr mit den eigenen Hormonen kämpfen als mit den Konkurrentinnen im Biathlon, wenn es eh angesagter ist, abzuchillen statt auszupowern. Auch bei Magdalena hatte Kröll diese Sorge, glücklicherweise jedoch unberechtigt. »Diese Situation, dass ein junger Sportler sehr gut und vielversprechend ist und dann ein Knackpunkt kommt, das war bei der Lena zum Glück nicht.« Kontinuierlich sei sie ihren Weg gegangen, ohne Schwankung im so schwierigen frühen Teenager-Alter, wo die Athleten, wenn sie weitermachen wollen, danach wieder fast von vorne anfangen müssen oder es eben gleich bleiben lassen. Nein, Magdalena war anders, für Kröll war sie ein Traum.

»Sie war sehr leicht zu trainieren«, sagt er, »sie hat alles gut umgesetzt. Sie war lernbegierig, sie hat durchaus auch die Anweisungen hinterfragt, weil sie wissen wollte, warum etwas wie gemacht wird, aber dagegen aufgemuckt hat sie nie.« Weil sie eben Träume hatte und klare Ziele, klare Vorstellungen. Schon mit 13 Jahren sagte sie zu Kröll, dass sie nach dem Realschulabschluss in die Fördergruppe des Zoll-Sports wolle, als Basis für die weiteren Schritte, hin zur Weltmeisterin und zur Olympiasiegerin.

Diesen Traum hatte sie immer, und auch wenn sie zum Schluss ihrer Karriere meinte, sie habe nie richtig berühmt werden wollen, ein bisschen dachte sie natürlich schon daran, wie sie einmal zugab. »Ich wollte als Jugendliche eines dieser schönen roten Autos, das es vom Hauptsponsor immer gibt«, sagte sie, »und ich stellte mir vor, Autogrammkarten von mir zu verteilen.« Damit sollte es noch dauern, ins Fernsehen kam Magdalena Neuner aber schon recht bald.

Als 13-Jährige im ZDF. Im Kinderprogramm Tivi.

Fernseh-Premiere mit Zahnspange

Da gab es nämlich einmal einen Bericht über Biathlon, ein kurzer Bericht, keine zwei Minuten. Das war im März des Jahres 2000, zu sehen war ein Rennen beim deutschen Schülercup in der Altersklasse S13. Es gab eine kurze Einführung in die Sportart, weshalb die Reporterin erklärte: »Gute Chancen beim Biathlon zu siegen hat, wer schnell langlaufen kann und gut schießen. So wie Magdalena Neuner.« Man sah ein junges Mädchen mit einer dicken Mütze auf dem Kopf und einer Zahnspange im Mund, und dann sagte diese Magdalena Neuner: »Ja, das Schießen und das Laufen macht einfach voll Spaß, ich könnte einfach nicht mehr aufhören damit.« Und weil es der Tag der Entscheidung war, das finale Rennen der Saison, hoffte sie noch vor dem Start: »Ja, hoffentlich schmeißt’s mich nicht.« Tat es nicht, und als die Reporterin noch wissen wollte, welche Körperpartien denn am meisten beansprucht würden, sagte sie klug und schlagfertig: »Eigentlich das Gehirn. Weil beim Schießen, da muss man sich schon konzentrieren.«

An jenem Tag klappte das so halbwegs, zwei Fehler von zehn Versuchen, am Ende reichte der sechste Platz aber immerhin zum Sieg in der Cup-Gesamtwertung, und bei der Abmoderation meinte die Sprecherin: »Vielleicht erfüllt sich ja ihr Traum, irgendwann mal in der Nationalmannschaft zu laufen und zu siegen.« Tat er.

So wie damals bereits Martina Glagow, die heute Beck heißt. Acht Jahre älter war sie, und in der Jugend das große Vorbild der kleinen Magdalena, schon bald hatte sie auch so ein rotes Sponsoren-Auto, von dem die kleine Neuner träumte. Als Magdalena gerade bei ihrer Cousine Anneliese ins Biathlon hineingeschnuppert hatte, feierte Glagow ihre ersten großen Erfolge, wurde sie zwischen 1997 und 1999 viermal Junioren-Weltmeisterin. Daheim in Mittenwald hatte es schon Tradition, dass es für Glagow dafür einen großen Empfang gab, aber es war auch üblich, dass sie selbst nach ihren Erfolgen für einen Nachmittag den Biathlon-Nachwuchs zu sich nach Hause einlud und Kuchen und Kakao spendierte. Magdalena war da immer dabei.

Sie trafen sich auch oft am Olympiastützpunkt, beim Training in Kaltenbrunn an der B2 Richtung Garmisch, und auch da fiel Martina Glagow die junge Neuner bereits auf. »Zum einen wegen ihres lang geflochtenen Pferdeschwanzes«, sagt sie, »zum anderen wegen ihres Laufstils. Die Lena hatte schon immer eine verdammt schöne Technik, wie man sie in so einem Alter ganz selten sieht.«

Zu sehen war ihre Lauftechnik auch in dem erwähnten TV-Bericht, und der Stil sah schon da genauso aus wie später auch, als sie groß war. Elegant, leicht, effektiv. Noch nicht abzusehen war, dass genau zehn Jahre nach dem Fernsehbeitrag Martina Glagow vor Dankbarkeit in Tränen ausbrechen sollte, weil Neuner ihr zuliebe auf einen Einsatz bei der Olympia-Staffel verzichtete.

Erst einmal kämpfte sich Magdalena Neuner durch die Jugend, und das mit großem Erfolg, und sie gewann auch, wenn sie ohne Skier unterwegs war. Siege waren eine Selbstverständlichkeit, und wenn es nur der sommerliche Waldlauf des SSC Jachenau östlich des Walchensees war, wo sie im Sommer 2001 bei den 14-Jährigen triumphierte.

Auch im Biathlon holte sie in jeder Altersklasse bundesweit den Gesamttitel, bis Januar 2003, kurz vor ihrem 16. Geburtstag, gelang es ihr, in 36 Rennen am Stück zu triumphieren. Der Vorsprung auf die Konkurrenz war laut der statistischen Aufzeichnungen damals deutlich, bei den Rennen zum Deutschland-Pokal, den nationalen Jugendmeisterschaften, waren es manchmal drei Minuten, andere Male nur zweieinhalb, es war deutlich, dass hier ein Ausnahmetalent unterwegs war. Ihre Technik war vorbildlich, ihr Ehrgeiz auch. Vor allem aber ihre Physis.

»Die Magdalena«, sagt Bernhard Kröll und deutet in den Himmel über Kaltenbrunn, »hat von oben einfach was bekommen.« Kröll meinte das Organische, das Herz-Kreislauf-System, er sagt: »Die Lena hat einfach eine gute Pumpe. Die regeneriert viel schneller als andere. So einen Motor hat kaum eine.« Der Motor lief auf Hochtouren, auf der Straße nach oben war sie nicht mehr zu bremsen.

Elterliches Veto gegen das Weltcup-Debüt

Im Mai 2003 gab es die erste größere Ehrung, in Essen verlieh ihr ein großer Gaskonzern den mit 5000 Euro dotierten »Förderpreis Deutscher Jugendsport«, weil das den Talenten aber nicht in bar überreicht wird sondern in Sachwerten, ließ sie sich das mit einem Moutainbike und einem Straßenrennrad auszahlen. Im Sommer 2003, nach dem Realschul-Abschluss, kam sie dann auch in die Sportfördergruppe des Zolls, das erste Ziel war erreicht.

Und beinahe wäre sie im Januar 2004 dann auch schon im Weltcup gelaufen. In Ruhpolding. Mit 16. Mit den ganz Großen. Wilhelm, Disl, Henkel, Glagow. Ein Platz war nämlich noch frei geworden, Katja Beer fiel damals krankheitsbedingt aus, und darum wollte Frauentrainer Uwe Müssiggang das junge Talent aus Wallgau nominieren.

Müssiggang hatte die Dominanz der Magdalena Neuner im nationalen Juniorinnen-Bereich sehr wohl registriert, auch im Europacup hatte sie noch kurz zuvor gewonnen, im italienischen Brusson einen Doppelerfolg in Sprint und Verfolgung gefeiert, darum lag sie nahe, die Idee mit Ruhpolding. Acht Jahre später sagte Müssiggang im Rückblick: »Es war einfach ein Angebot von unserer Seite, sie einmal in den Weltcup hineinschmecken zu lassen.« Ein Angebot, das wohl viele in ihrer Situation angenommen hätten. Vermutlich würde es viele Eltern geben, die begeistert davon wären und stolz, ihr 16-Jähriges Kind schon im Kräftemessen mit den Weltbesten zu sehen. Und dann auch noch in Ruhpolding, der Hochburg des Biathlon, vor 20.000 im Stadion und Millionen am Fernsehbildschirm.

Auch im »Garmisch-Partenkirchener Tagblatt« hatten sie im Lokalsport bereits den Start der »Biathletin vom Skiclub Wallgau« kurz vermeldet und für den Tag darauf einen großen Vorbericht zum Welt-cup-Debüt angekündigt. Der Bericht kam auch. Allerdings stand darin, dass Neuner nicht startet.

Die Eltern Paul und Margit Neuner hatten das Angebot von Uwe Müssiggang nämlich abgelehnt. »Wir sind darauf bedacht, dass Magdalena behutsam aufgebaut wird«, sagte der Vater, »das war eine schöne Geste und gut gemeint, aber wir können das so nicht tragen.« Auch Helmut Heinrich, der Nachwuchsbeauftragte des Werdenfelser Skigaus, meinte, so etwas käme viel zu früh.

Heinrich kennt die Magdalena, seit sie acht war, und er sagte: »Wenn man so mit ihr umgeht, dann ist sie in zehn Jahren verhunzt.« Ihm war längst klar, dass es kein größeres Talent im ganzen Land gebe, aber genau darum müsse man sich einfach noch Zeit lassen mit einem Einsatz. »In so einem Alter kann man das noch nicht verarbeiten«, meinte er, er wolle später schließlich nicht sagen, er habe nur ein Sternchen ausgebildet, vielmehr solle die Magdalena ein Stern werden. Kein Komet, der frühzeitig verglüht.

»Sportlich hätte sie sicher mithalten können«, sagt Bernhard Kröll, »aber es war genau richtig, sich dagegen zu entscheiden.« Auch wenn es der Magdalena selbst natürlich schon schwer fiel, wie sie damals gestand. »Anfangs habe ich schon gedacht, es wäre cool, Weltcup zu laufen, letztendlich hat aber die Vernunft gesiegt.« Stattdessen lief sie zeitgleich zu Ruhpolding eben im französischen Meribel, feierte da wieder zwei Siege, Verfolgung und Staffel, wurde Zweite im Sprint.

In Frankreich durfte sie dann auch gleich bleiben, mit den Erfolgen im Europacup hatte sie sich für die Junioren-Weltmeisterschaft in Haute Morienne qualifiziert. Im Sprint gewann sie Gold, und das als jüngste der 57 Teilnehmerinnen, 40 Sekunden hatte sie Vorsprung auf ihre Teamgefährtin Kathrin Hitzer. In der Verfolgung holte sie Silber, was an drei Fehlern im Stehendschießen lag, zum Abschluss holte sie mit der Staffel noch ihr zweites Gold, da blieb sie ohne Strafrunde, der dritte Nachlader saß dann, und Neuner musste hinterher eingestehen: »Ich habe gezittert wie die Sau.« Bevor es heim ging, sagte Neuner noch: »Ich bin noch ganz durcheinander, ich habe mehr erreicht als ich mir eigentlich vorgenommen hatte.« Aber das sollte sie noch oft sagen in ihrer späteren Laufbahn, es war ein Vorgeschmack auf das, was noch kommen sollte, auch für die Eltern daheim in Wallgau.

Dort war das Telefon nach den Erfolgen in Frankreich nicht mehr stillgestanden und Vater Paul sagte: »Das nimmt ja gar kein Ende mehr.« Nein, warum auch, jetzt sollte es erst richtig los gehen.

Zurück in der Heimat gab es einen großen Empfang, und auch das war nicht der letzte. Hunderte Wallgauer kamen, es gab Ansprachen von Georg Jennewein, dem Bürgermeister, und von Sepp Feuerecker, dem Skiclub-Vorstand und es gab einen Eintrag ins Goldene Buch des Orts.

Crossfire – schon damals auf die falschen Scheiben

Vieles war damals schon so wie später auch. Wie in Haute Morienne holte Neuner auch sechs Jahre später bei Olympia in Vancouver zwei Gold und ein Silber. Und wie zum Ende der Karriere, im Januar 2012 in Nove Mesto, schoss Neuner auch im März 2004 schon einmal auf die falschen Scheiben. In Clausthal-Zellerfeld.

Dort fanden zum Abschluss der Saison 2003/2004 die deutschen Jugendmeisterschaften statt, im Sprint der Klasse »J17/18 weiblich« kam sie überlegen zum zweiten Schießen im Stehen, doch dann nahm sie die falschen Scheiben ins Visier. Zwar gingen alle fünf Schuss ins Schwarze, aber dummerweise eben auf der Nebenbahn, ein sogenanntes »Crossfire«. Neuner drehte fünf Strafrunden und holte Silber.

Und wie über die ganze Karriere verteilt begannen nun die Ehrungen. Im Juli 2004 durfte sie darum sogar zu Edmund Stoiber. Der war damals noch Bayerischer Ministerpräsident und hatte damit begonnen, jedes Jahr die verdientesten und erfolgreichsten Athleten des Freistaats mit einem eigenen Sportpreis zu ehren – in verschiedenen Kategorien, und in der Kategorie »herausragende Nachwuchssportlerin« siegte damals eben Magdalena Neuner. Neuner war gefragt, in der Heimat sowieso, bei verschiedenen Anlässen wurde sie als Ehrengast dazu gebeten, und sei es nur, um in Mittenwald den Startschuss zum 4. Karwendel-Berglauf zu geben. Dabei musste sie nur einmal schießen, nicht fünfmal, und gar nicht schießen musste sie bei einer Veranstaltung im Februar 2005. Beim traditionellen Wallgauer Schlittenhunderennen.

Dort trat sie spaßeshalber und zur Freude der 4000 Zuschauer gegen ein Schlittengespann mit zwei Hunden an. Am Ende gewann natürlich Magdalena Neuner, sie sagte, das sei eine Mordsgaudi gewesen. Die Huskies sagten nichts mehr, ihnen hing erschöpft die Zunge heraus.

So lustig war es freilich in dieser Saison nicht immer, gleich am Anfang, im Herbst 2004 musste Neuner zweimal zum Zahnarzt, die Weisheitszähne mussten raus. Und auch ihre zweite Junioren-WM im finnischen Kontiolahti im März 2005 begann entsetzlich. Beim Zwischenstopp am Flughafen von Kopenhagen ging das halbe Gepäck verloren, und als sie endlich am Ziel angekommen waren, entpuppte sich das Quartier als eine schlimme Absteige. Später sagte Neuner: »Das Hotel sah aus wie ein Bordell.« Verschmuddelte Zimmer mit roten Lampen an der Wand, überall der Geruch von altem Zigarettenrauch, dazu eine Disco im Erdgeschoss, die die ganze Nacht hindurch aufdrehte bis ultimo.

Am nächsten Tag zogen sie dann um in ein anderes Hotel, Neuner konnte wieder Kraft tanken und holte sich nach Platz vier im Einzelrennen mit dem Sieg im Sprint ihren insgesamt dritten WM-Titel, dazu kam noch Silber in der Verfolgung und mit der Staffel, es folgte das gleiche Prozedere, die Ehrung in Wallgau, noch gewaltiger aber war der Rummel dann im Februar 2006.

Da hatte sie bereits, wie später noch zu lesen sein wird, ihr Welt-cup-Debüt gefeiert, und bei der Junioren-WM in Presque Isle wieder zwei Titel und einen zweiten Platz geholt, und daheim in Wallgau brodelte es. Der Marktplatz war überfüllt, längst war Magdalena Neuner ihre Heldin. Weniger, weil sie ein Edelmetall nach dem anderen heimbrachte, vielmehr, weil sie noch eine der ihren war, weil sie zum Ort stand, zur Heimat, zur Herkunft.

Weil sie kurz vor der Junioren-WM noch bei der Vereinsmeisterschaft des SC Wallgau mitgelaufen war.

Es war Februar 2006, bei der Veranstaltung gab es einen Moderator, der stellte viele Fragen, etwa, wie es denn so gewesen sei in Amerika. Dann fragte er auch noch, ob es nicht denkbar gewesen wäre, auch nach Italien zu fahren, zu den Olympischen Winterspielen in Turin. Schließlich hatte Neuner mit einem 11. Platz beim Weltcup in Antholz ja schon die halbe Qualifikationsnorm geschafft gehabt, mit den nacholympischen Ergebnissen in Skandinavien und den Plätzen 4, 9 und 13 hätte sie leicht nominiert werden können. Aber auch da bremste Neuner ein, als sie sagte: »Das wäre überhaupt nicht in Frage gekommen für mich, dafür gibt es bei uns viel zu viele gute Läuferinnen in der Mannschaft. Und die nächsten Spiele sind ja schon in vier Jahren, Vancouver 2010, das ist mein Ziel.« Und das erreichte sie dann ja auch.

Turin, nein, das wäre wahrscheinlich nichts gewesen, das empfanden auch ihre Mitbürger so. Hier in Wallgau lassen sich die Menschen lieber Zeit. Lieber langsamer an etwas herangehen als etwas hektisch überstürzen. Vancouver später reichte ja immer noch. Turin wäre zu früh gewesen. Das hätte sie vermutlich nur verhunzt.

»Irgendwann verlierst du die Nerven«

Sie war die große Wegbereiterin des Booms. Wurde sie zu Beginn ihrer Karriere wie die übrigen Biathlon-Frauen noch abfällig als »Flintenweib« bezeichnet, sorgte Uschi Disl mit ihren Erfolgen und ihrer Ausstrahlung dafür, dass ihre Sportart ungeahnte Popularität erlangte. Nach acht WM-Titeln, sechs davon mit Staffel und Mannschaft, und zwei Olympiasiegen 1998 und 2002 mit der Staffel beendete Disl 2006 ihre Karriere. Hier erzählt sie über die Unterschiede und die Gemeinsamkeiten zwischen sich und Magdalena Neuner.

Frau Disl, als Sie von der Biathlon-Bühne abtraten, waren Sie 35 und damit zehn Jahre älter als Magdalena Neuner bei ihrem Rücktritt. Hat Sie Neuners frühes Karriereende überrascht?

USCHI DISL: Ja, durchaus. Aber ich denke, man muss das akzeptieren. Dennoch ist es schade, denn sie hätte das Zeug dazu gehabt, eine Legende zu werden, ein weiblicher Ole Einar Björndalen. Aber nur fünf Jahre im Weltcup, das ist für eine Legende meines Erachtens doch zu kurz. Magdalena hat eben andere Prioritäten, sie möchte Familie haben, bei mir kam das erst viel später.

Das war aber auch eine andere Zeit. Als Sie 25 waren, war Biathlon noch ein kaum beachteter Spartensport.

Das ist richtig. Wir waren auch erfolgreich, aber zu der Zeit hat uns kaum einer zugeschaut. Den Männern vielleicht, aber wenn die Männer fertig waren und wir Frauen an der Reihe waren, sind die Zuschauer heimgegangen. Viel Geld hast du mit unserem Sport am Anfang nicht verdient. Das ist bei der Magdalena natürlich anders, als sie 2007 ihren Durchbruch hatte, boomte Biathlon schon längst.

Neuner hatte schnell Sponsoren, aber auch bald keine Ruhe mehr. Vor Medienterminen, Werbeauftritten und vor allem nicht mehr vor zudringlichen Fans. Das haben Sie aber auch noch erlebt.

Ja, das ging 1998 los, nach Olympia in Nagano. Da explodierte plötzlich alles, das Interesse nahm zu. Es standen auch Leute bei mir daheim und klingelten an der Tür oder drückten sich die Nase am Küchenfenster platt. Damals hatte ich in Ruhpolding gewohnt, weil es einfach günstig war und ich nicht weit zum Training hatte. Aber das habe ich schnell geändert, ich bin dann umgezogen nach Kössen in Tirol. Da hatte ich meine Ruhe, da haben sie meine Haustür nicht gefunden.

Der Rummel war Ihnen also manchmal zu viel?

Wenn man den Sport macht und in der Öffentlichkeit steht, dann gehört das dazu. Bei mir waren es ein paar Jahre in der zweiten Hälfte meiner Karriere, wo ich damit auch gut Geld verdienen konnte, manche Dinge musst du dann eben in Kauf nehmen. Die meisten Fans waren auch immer nett, aber manchmal gab es auch Situationen, die nicht leicht zu ertragen waren. Keine Privatsphäre mehr zu haben, als Allgemeingut gesehen zu werden, das war sehr schwer.

Manche Fans haben wohl das kollektive Gefühl, Titel und Medaillen gehören allen. Das »WIR-haben-Gold-gewonnen«.

Und darum verlieren viele auch die Distanz. Wenn ich kurz vor einem Wettkampf Leuten gesagt habe, dass ich jetzt meine Ruhe brauche, weil in zehn Minuten mein Rennen beginnt, dann haben sie gemurrt, dass ich arrogant sei. Irgendwann verlierst du da die Nerven, das ging der Magdalena ja genauso. Und sie ist ja nicht nur erfolgreich gewesen, sondern auch jung, hübsch und hat ein nettes Lächeln. Nicht umsonst war und ist sie der Liebling des Publikums.

Sind Sie nach dem Karriereende erst einmal in ein psychisches Tief gefallen?

Ganz und gar nicht. Für mich war das eine unbeschreibliche Erleichterung. Nicht, dass ich falsch verstanden werde: Ich möchte keine Sekunde meiner Karriere missen, aber als ich aufhörte, ging es mir wesentlich besser. Ich konnte viel besser schlafen, mein seelisches Gleichgewicht war wieder viel stabiler. Im Nachhinein sah ich auch, warum ich die letzten Jahre so schlecht geschossen hatte. Der Druck – sowohl von außen als auch von mir selbst – war einfach zu groß. Diese Belastung war mir zu viel geworden.

Sie fürchten also nicht, dass Magdalena Neuner in ein Loch fällt und ihren Rücktritt bedauert.

Nein. Wenn ihr Bauch ihr sagt, dass es jetzt Zeit ist, aufzuhören, dann ist es für sie genau der richtige Moment, unabhängig davon, was alle anderen sagen. Dann gibt es auch keinen Grund mehr, nachzuweinen. Was sie wollte, hat sie erreicht. Ich glaube, sie möchte jetzt einfach in Ruhe und Frieden in Wallgau leben.

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