Kitabı oku: «Zauberer Magnus», sayfa 4
10
„DU HAST EINEN DRACHEN GESEHEN?“, rufen Sheri und Gino gleichzeitig.
„Bist du dir sicher? Also, du meinst die Echse mit Flügeln und feuerspeiendem Atem und nicht das Spielzeug, das Kinder im Herbst in den Himmel steigen lassen?“, hakt Sheri nach.
„Wenn ich es euch doch sage!“, versichert ihr Magnus. „Und ja, das Fabeltier. Ich weiß selbst, wie verrückt das klingt und das obwohl ich selbst zaubern kann. Ich habe Drachen bisher für Sagengestalten gehalten. Aber jetzt habe ich einen mit eigenen Augen gesehen!“
„Ja, das klingt verrückt“, stimmt Sheri zu. „Wie hat er ausgesehen?“
„Er ist weiß“, antwortet Magnus. „Das erklärt die seltsame Schuppe, die wir im Werkraum gefunden haben. Außerdem ist er ungefähr so groß—“ Magnus lässt seinen Handteller auf Hüfthöhe schweben. „Seine Augen waren ganz komisch. Außen zitronengelb und innen stechend rot. Sie haben im Dunkeln geleuchtet. Der Drache hat sich den Edelkern gekrallt. Er wollte Feuer spucken, als er gemerkt hat, dass ich ihn verfolge. Zumindest glaube ich das. Als ich vor Schreck stehen geblieben bin, ist er um die Ecke gebogen und samt Kristall davongerannt.“
Roboterdackel DAISY bellt. Sie wedelt mit ihrem mechanischen Schwanz und leckt Sheri mit seiner Metall-Zunge die Hand.
„87%-ige Übereinstimmung mit den Fußabdrücken auf dem Innenhof“, sagt Sheri. „Das ist unser Dieb!“
„Also die Augen dieses Drachen – haben sie wirklich geleuchtet?“, fragt Gino.
„Ja, wieso?“, antwortet Magnus. „Wie Autoscheinwerfer.“
Gino stellt seinen Rucksack auf den Boden, öffnet die kreisrunde waschmaschinenähnliche Tür und verschwindet bis zur Taille in seinem Tornister. Anschließend präsentiert Gino seinen Freunden eine kleine Kreatur: eine winzige Schnecke mit smaragdgrüner Haut und einem roten Häuschen. Die Stielaugen der Schnecke leuchten im Dunkeln hellgelb.
„Die Augen des Drachen haben genauso geleuchtet!“, sagt Magnus und klopft sich auf die Schenkel.
„Das ist eine Bellerophon Mortega. Ein petrolgrüner Juwel-Schlegel. Eine der seltensten Schnecken-Arten der Welt. Man sagt, sie ist die einzig überlebende Art aus einem Ort namens Lorisland. Man findet sie eigentlich nur an der West-Küste Madagascars. Habt ihr schon mal davon gehört? Von Lorisland?“
„Nein“, sagt Magnus, und überraschenderweise auch Sheri.
„Es gibt da diese Legende. In Lorisland soll es vor Jahrtausenden mystische Ungeheuer gegeben haben. Basilisken, Gorgonen, Chimären, Greife, Zentauren, Minotauren, Zyklopen und Drachen. In Lorisland sollen sie friedlich nebeneinander existiert haben. Man weiß nicht, was geschehen ist, aber heute sind – mit Ausnahme der Juwelschlegel – all diese Tiere ausgestorben. Es ist überliefert, dass alle Ungeheuer der Insel ein Merkmal teilten: Die leuchtenden Augen!“
„Okay, nehmen wir an, du hast Recht und wir haben es mit einem Überlebenden aus diesem… Lorisland zu tun. Wieso sollte ein Fabelwesen hier auftauchen und ein Glücks-Schweißband, einen Chemie-Kasten, eine Bratsche, eine Trillerpfeife, einen Materiegenerator und einen Zauberstab klauen? Das ergibt alles keinen Sinn!“, wirft Magnus ein.
„Sollten wir uns nicht erst darauf konzentrieren, die Sachen zurückzuholen, bevor wir uns in das wieso und warum verstricken?“ Das ist eine ungewohnt nüchterne Aussage von Sheri. Normalerweise ist sie es, die Rätseln stets auf den Grund geht. Jetzt aber steht ihr der pure Tatendrang ins Gesicht geschrieben.
„Okay?“, lenkt Magnus ein. „Vielleicht ist es wirklich besser, das ganze Rumgerate auf später zu verschieben. Wir sollten dem Drachen hinterher, solange er sich noch in der Nähe aufhält.“
„Und was machen wir, wenn er Feuer spuckt?“, wirft Gino ein. „Ich habe zwar ein oder zwei Kristallwasserkröten dabei, aber selbst die sprühen nicht genug Wasser, damit sie uns löschen könnten.“
„Die Elektronik meiner Geräte ist auch nicht für große Hitze ausgelegt“, sagt Sheri. „Mit dem Materiegenerator ließe sich unter Umständen ein Kraftfeld erzeugen, aber den hat der…“ Sheri hat Schwierigkeiten, es auszusprechen „…Drache ja geklaut!“
„Mit meinem Zauberstab könnte ich die Flammen in Wolken aus Zuckerwatte oder Glitter verwandeln. Das wäre kein Problem. Aber den haben wir ja auch nicht.“
„Sprich, uns sind die Hände gebunden“, fasst Sheri zusammen.
Die drei Freunde grübeln eine Weile vor sich hin. Schließlich sagt Magnus: „Es müsste uns gelingen, uns anzuschleichen und herauszufinden, wo er die Sachen versteckt hat. Wenn wir unsere Dinge zurückhätten, könnten wir uns ihm direkt stellen.“
Sheris Augen blitzen. Sie ist von einem Geistesblitz getroffen worden.
„MEIN INVISI-MAX-SPRAY! DAMIT KÖNNEN WIR UNS UNSICHTBAR MACHEN!“
Magnus und Gino ploppt der Mund auf.
„Auf diese Idee hätten wir schon viel früher kommen müssen!“ Magnus patscht sich an die Stirn. „Dann wäre Kozak vielleicht noch bei Bewusstsein und könnte uns jetzt unterstützen.“ Magnus runzelt die Stirn. „Oder auch nicht. Der Kerl hat echt verrückte Ideen.“ Zu Sheri sagt er: „Hast du das Spray dabei?“
„Nur die Dose, die ich benutzt habe, um dich vor Frau Demir-Magislavs rasenden Blick zu verstecken. Der Prototyp hat aber einen entscheidenden Nachteil. Das Spray ist wirkungslos ist, wenn es mit Wasser in Berührung kommt. Die Spiegelpartikel, die in der Suspension enthalten sind, sind ultrahydrophil.“
„Also – kein Angstschweiß, sonst fliegen wir auf“, sagt Gino.
„Ich glaube, bevor uns der Drache zu Gesicht bekommt, wird er uns längst erschnuppert haben. Aber einen Versuch ist es wert“, antwortet Sheri.
Sie sprüht erst Magnus und dann Gino mit ihrem Unsichtbarkeitsspray ein. Der Rest reicht auch für Roboterdackel DAISY. Zum Schluss macht Sheri sich selbst unsichtbar. Nur eine vage Silhouette der drei Freunde und ihres elektronischen Begleiters ist noch zu erahnen.
„Sollen wir uns den… Dieb nun schnappen?“, fragt Sheri. Dass sie einen Drachen jagen, geht Sheri nicht in den Kopf.
„Ja, holen wir uns die gestohlenen Gegenstände zurück!“, schwört Magnus seine Freunde ein.
11
Wie sich herausstellt, ist es nicht die beste Idee gewesen, sich mit Unsichtbarkeitsspray einzusprühen. Zwar hat es der Drache so schwer, die drei Freunde kommen zu sehen, aber auch die Drei untereinander kämpfen damit, sich nicht aus den Augen zu verlieren.
„Seid ihr in der Nähe?“, tönt Magnus praktisch aus dem Nichts.
„Ja, ich bin direkt hinter dir“, sagt Sheri. Magnus spürt ihren Atem im Nacken.
„Ich bin hier!“, antwortet Gino. Seine Stimme kommt vom anderen Ende des Ganges. DAISY bellt. Sie fährt zu Gino und schubst ihn in die richtige Richtung. Mit ihren speziellen Infrarotsensoren hat sie keine Probleme, die Freunde ausfindig zu machen.
„Hey, uh, au, oh!“, macht Gino und stolpert los.
Dass sie es kaum schaffen, zusammenzubleiben, ist schon schlimm genug, aber die Drei haben noch mit einem anderen Problem zu kämpfen. Von dem weißen Drachen, den Magnus gesehen haben will, fehlt jede Spur.
Sie haben alle Ecken des Kellers durchsucht. Gino hat sich zur Hilfe einen Großohr-Galago auf die Schulter gesetzt (und ihn zuvor mit dem Rest aus der Invisi-MAX-Dose unsichtbar gemacht). Mit seinem feinen Gehör schnappt der Affe selbst die leisesten Geräusche auf. Bisher hat er keinen Alarm geschlagen.
„Die Fußspuren enden hier“, sagt Sheri. „Der Drache hat nichts unversucht gelassen, um seine Fährte zu verwischen, aber hier ist definitiv Schluss.“
„Was hat das zu bedeuten?“, fragt Magnus.
„Na, entweder der Dieb hat sich in Luft aufgelöst“, antwortet Sheri. „Oder du hast Recht, der Dieb ist tatsächlich ein Drache und er hat beschlossen, dass er bessere Chancen hat, uns loszuwerden, wenn er fliegt.“
„Das heißt, das hier ist eine Sackgasse?“, hakt Magnus nach.
Das Piepsen von Sheris Hightech-Uhr ertönt.
„Ich empfange immer noch keine Signatur von meinem Materiegenerator. Und auch der radioaktive Zerfall der Elemente in Paul Pechs Chemiekasten ist nicht messbar. Vielleicht täten wir besser daran, die Suche für heute abzubrechen und es morgen noch einmal zu versuchen. Jemand muss sich schließlich um Kozak kümmern. Vielleicht weiß er ja tatsächlich etwas, das uns weiterhilft.“
Es folgt langes Schweigen.
„Ich will es nicht morgen noch einmal versuchen“, sagt Magnus. „Ich weiß, der Drache und unsere Sachen sind hier irgendwo. Ich spüre es!“
Magnus folgt seinem Bauchgefühl. Er packt Sheri und Gino an den Handgelenken (er findet sie auf Anhieb), schließt die Augen und zerrt sie mit sich.
„Mama meint, dass Papas Zauberstab immer zu mir zurückfindet?“, denkt er. „Was ist, wenn ich den Spieß einfach umdrehe und ich finde den Stab?“
Magnus bringt seine Freunde vor eine weißlackierte Metalltür, die er mit seiner Generalschlüssel-Kopie aufschließt. Auf der anderen Seite der Tür ist eine Gerümpelkammer. Der Raum ist vollgestopft mit alten Paletten, Vasen, Krügen, Eimern, Holzlatten – Dinge, die kein Mensch mehr braucht. Magnus schaltet das Licht an. Die Lampen an der Decke erwachen flackernd zum Leben.
Magnus hat ein heißes Gefühl in der Brust. Sein Herz schlägt wie ein Presslufthammer.
„Hier ist er gewesen“, sagt Magnus leise zu sich selbst.
„Sieht mir hier eher wie eine Abstellkammer aus“, sagt Gino. „Guckt, da hinten ist sogar noch Deko vom 50-jährigem Jubiläum der Schule. Das ist vor fast 25 Jahren gewesen, wenn ich mich nicht irre.“
„Ne, tust du nicht“, meint Sheri. „Genau sind es 27 Jahre.“
„Doch, hier ist es!“, sagt Magnus. Der Zauberer verrückt Kisten, schiebt sie zur Seite, wühlt sich durch sie hindurch. Es wirkt, als würde ein Geist sein Unwesen treiben. Magnus‘ Freunde bleiben mit verschränkten Armen in der Tür stehen.
„Hier ist nichts“, sagt Sheri. Im Hintergrund ist das Piepen ihrer Uhr zu hören. Der Affe auf Ginos Schulter lacht.
„Hilft mir mal bitte jemand!“, sagt Magnus. Ein Schrank an der hinteren Wand des Raumes macht einen Satz in die Luft und kommt scheppernd zurück auf den Boden.
„Hey, übernimm dich nicht“, sagt Gino und eilt zu seinem Freund. Sie krachen ineinander. Kopf an Kopf, weil beide an der gleichen Seite schieben.
„Au!“, kreischen die Jungs. Der Affe lacht lauter.
„Ich drücke oben, du übernimmst unten, einverstanden?“, fragt Gino.
„Einverstanden“, sagt Magnus und reibt sich die Stirn. Sein Freund hat einen Eisenschädel.
Die beiden schieben mit aller Kraft. Der Schrank bewegt sich zur Seite. Dahinter kommt ein Riss im Gemäuer zum Vorschein, der hell strahlt und bunt leuchtet.
„Was ist das?“, fragt Gino. Er hat nicht damit gerechnet, hinter dem Schrank tatsächlich etwas zu finden.
„Das ist nicht gut“, sagt Sheri.
„Sag‘ schon, was ist das?“, drängt Magnus.
„Sieht aus wie ein interkonnektiver Raumzeit-Riss. Meine Eltern haben dazu mehrere Abhandlungen geschrieben. Sie haben ihre Forschung jedoch aufgegeben, weil sie in eine Sackgasse geführt hat. Wenn sie das jetzt sehen könnten. Warte kurz, ich muss ein Foto machen.“
In der Rumpelkammer blitzt es.
„Okay, gut, das muss ich meinen Eltern unbedingt zeigen.“
„Könntest du uns bitte aber vorher erklären, was es mit diesem interkonfetti Raumkleid-Riss auf sich hat?“, fragt Magnus.
„Ein interkonnektiver Raumzeit-Riss ist eine Variante des Wurmlochs, die ohne Krafteinwirkung von außen über eine längere Zeit bestehen bleibt“, erklärt Sheri, ohne mit der Wimper zu zucken. „Oder anders gesagt: Er ist eine Brücke – entweder zu einem anderen Ort oder in eine andere Zeit. In seltenen Fällen auch beides.“
„Das ist ein Dimensionsriss?“, versucht Magnus zu verallgemeinern.
„Ja, so könnte man das auch sagen“, stimmt Sheri zu.
„Und der Drache könnte durch diesen Riss geflohen sein?“
„Das wäre eine Möglichkeit.“
Gino pfeift ein Fü-Fü.
„Der Drache ist durch ein Tor in eine andere Dimension entkommen, meinst du das?“, fragt Gino entsetzt nach.
„Wie gesagt, das ist eine Möglichkeit“, antwortet Sheri. „Das würde zumindest erklären, wieso ich weder eine Spur der radioaktiven Elemente noch die Signatur meiner Maschine empfange.“
„Dieser Riss führt bestimmt nach Lorisland“, sagt Gino mit einem unsichtbaren Funkeln in den Augen.
„Was machen wir jetzt?“, will Magnus wissen.
„Ist doch klar“, antwortet Gino. „Wir folgen dem Drachen!“
„Hältst du das für eine gute Idee?“, fragt Magnus Sheri.
„Es kann sein, dass wir beim Hindurchgehen wie in einem schwarzen Loch zu einer Singularität zerquetscht werden oder es passiert eben gar nichts und wir kommen heil auf die andere Seite. Da der Riss zwei Ebenen des Raumes oder der Zeit verbindet, müssten wir dann auch ohne Probleme wieder zurückkehren können.“
Plötzlich fliegt ein ausgemustertes Buch über die Bewegung großer Körper von 1910 durch die Luft und in den Riss. Der Riss schluckt das Buch und macht anschließend ein Geräusch, das einem Rülpsen erschreckend nahekommt.
„Wer ist das gewesen?“, fragen Magnus, Sheri und Gino gleichzeitig. Ginos Großohr-Galago lacht.
„Sorry, war wohl Davide“, entschuldigt er sich.
Magnus untersucht den Riss näher, da fliegt das Buch postwendend zurück aus dem Loch und klatscht ihm gegen die Stirn.
„Au, verdammt!“, ruft er. Und dann: „Es ist noch ganz!“ Magnus verschweigt seinen Freunden die tiefen Rillen auf der Rückseite des Buches, die aussehen wie die Kratzspuren einer riesigen Raubkatze.
Gino steckt die Hand in seinen Rucksack. Schwarze Punkte erscheinen aus dem Nichts. Kleine Ameisen, die winzige Helme tragen. Sie krabbeln Ginos unsichtbaren Arm hoch bis zu seiner unsichtbaren Schulter. Gino flüstert ihnen etwas zu, dann kraxeln sie in einer Straße an ihm herunter zum Spalt in der Wand. Die ersten mutigen Arbeiterinnen marschieren in den Riss.
„Sie kundschaften aus, was sich auf der anderen Seite befindet“, sagt Gino. „Keine Sorge! Die kleinen Racker sind zäh. Die werden sich gegen das, was sie auf der anderen Seite erwartet, schon zur Wehr setzen können.“
Quälende Minuten vergehen. Dann kehrt die erste Ameise zurück. Sie bringt Freunde mit. Zusammen krabbeln sie an Ginos unsichtbares Ohr.
„Sie sagen, auf der anderen Seite befindet sich eine Art Strand. Vielleicht auch eine Insel. Es gibt dort seltsame Tiere. Riesige Vögel, Echsen mit langen klebrigen Zungen und etwas, das wie eine Mischung aus einem Löwen und einem Skorpion aussieht. Und, haltet euch fest: Die Augen all dieser Tiere leuchten. Das ist der Beweis! Das ist Lorisland!“
„Das kann nicht sein“, stutzt Magnus.
„Oh doch!“, meint Gino. Sein dickes Grinsen ist nicht zu sehen, deswegen malt Magnus es sich aus.
„Also, wir nehmen die Verfolgung auf?“, fragt Gino.
„Ich bin für eine Mehrheitsentscheidung“, antwortet Sheri prompt.
„Ich bin dafür!“, sagt Gino.
„Ich bin dagegen! Die Daten sprechen zwar dafür, dass ein Übergang auf die andere Seite des Risses ohne die Gefahr größerer Verletzungen theoretisch möglich ist, dennoch ist mir die Sachlage zu undurchsichtig.“
„Magnus, jetzt kommt es auf dich an!“, tönt Gino.
„Also, gut…“, stammelt er. „Ich bin dafür. Lasst uns nachschauen, was sich auf der anderen Seite befindet.“
12
Die Freunde stellen sich in einer Reihe vor dem Riss auf. Magnus voran, dann Gino, zum Schluss Sheri und DAISY. Der Großohr-Galago und die Ameisen haben sich in Ginos Rucksack zurückgezogen. Die drei (plus DAISY) halten sich an den Händen (beziehungsweise den Pfoten). Das bunte Licht des interkonnektiven Raumzeit-Risses wirkt hypnotisierend.
„Mein Vater wäre ohne zu überlegen, sofort in den Riss gesprungen“, denkt Magnus. Seine Mutter hat Magnus oft erzählt, dass ihr Mann sich als Junge stets Hals über Kopf in Schwierigkeiten gestürzt hatte. Nicht selten hatte er in Konfrontationen weit mehr als ein blaues Auge kassiert. Als Opal Melefer kennengelernt hat, hatte er sich schon jeden Knochen im Körper einmal gebrochen.
Magnus schluckt und tritt in den Riss.
Es ist wie die Reise in ein altmodisches Videospiel. Die Welt löst sich in zig Millionen kleine Quadrate auf. Sie verschieben sich mit knallenden Geräuschen, ordnen sich neu an und werden zu einer anderen Welt. Magnus taumelt hinein, hat plötzlich Probleme, die Balance zu halten und endet mit einer Ladung feinem Sand im Mund. Bevor sich Magnus aufrappelt, folgen seine Freunde. Gino fällt über seine eigenen Beine und plättet Magnus zu einem Pfannkuchen. Sheri stolpert ebenfalls. Ihr Fall ist graziler. Sie landet mit dem Hintern auf Magnus‘ Kopf.
„Tschuldigung!“, sagt sie. Sheri sieht Magnus zwar nicht, aber sie spürt seine Locken unter sich. Gino klatscht Magnus auf den Rücken, statt sich zu entschuldigen.
„Schon gut!“, sagt Magnus und spuckt nassen Sand aus. „Hauptsache ihr hattet eine weiche Landung.“
„Ist das wirklich Lorisland?“, fragt sich Sheri.
Die Freunde finden sich am Rande eines schwarzen Sees wieder. Es könnte genauso gut ein Meer sein, oder ein Ozean. In der Dunkelheit der Nacht lässt sich das nur schwer sagen. Ein silbergrauer Mond und ein Band aus unendlich vielen bunten Sternen scheint auf sie herab. Große dürre Palmen schwingen in der sanften Brise hin und her. Das seichte Branden der Wellen ist ein beruhigendes Geräusch.
„WAS WAR DAS?“, ruft jemand hinter einer sandigen Düne und zerstört damit die Stille.
Ein mittelalterlich angezogener Mann erscheint. Er trägt einen Lendenschurz aus rotgegerbtem Leder, ein Kettenhemd und eine mit Stahl verstärkte Mütze. Er führt ein Tier mit sich. Ein schwarzes dickes Borstenschwein. Die Augen des Mannes leuchten wie die des Schweins hell wie Scheinwerfer.
Das Borstenschwein schnüffelt und grunzt. Plötzlich wiehert es wie ein Pferd. Der Mann zieht ein Schwert aus reinem Kristall aus seinem Gürtel.
„WER IST DA?“, ruft er und führt ein paar Hiebe in die Luft.
„Er kann uns doch nicht sehen, oder?“, flüstert Gino seinem Freund ins Ohr.
„Normalerweise nicht“, gibt Magnus zurück.
Wie aus heiterem Himmel schießt das Borstenschwein eine Wasserfontäne aus seinem Maul und trifft damit Magnus mitten ins Gesicht. Magnus, dem das Wasser in Mund, Nase und Ohren läuft, quietscht angeekelt los.
„HALT! STEHEN BLEIBEN!“, ruft der Mann. „HÄNDE HOCH!“
Dann spritzen eine zweite und dritte Wasserfontäne, die Gino und Sheri treffen. Zu dem Schwein sagt der Mann: „Gut gemacht, Hamlet!“
Magnus blickt in die zwei erschrockenen und in der Luft schwebenden Gesichter seiner Freunde. Das Wasser hat Sheris Invisi-MAX-Spray abgewaschen. Es tropft in glitzernden Perlen an den Dreien herab.
„HÄNDE HOCH!“, sagt der Mann ein weiteres Mal, und das, obwohl Magnus längst die Hände hochgenommen hat. Das Schwein bellt jetzt wie ein Hund. Magnus handelt. Er bückt sich und wäscht sich die Hände im schwarzen Wasser hinter sich. Seine Freunde besprenkelt er, damit ihre Hände sichtbar werden.
„Wer seid ihr?“, will der Mann wissen. Seine leuchtenden Augen springen zwischen Magnus, Sheri und Gino hin und her. „Und was habt ihr hier zu suchen?“
Sheri springt in die Bresche. Magnus ist froh darum. Von den Dreien hält Magnus Sheri für am diplomatischsten.
„Wir kommen von weit her“, sagt Sheri. „Wir wollen nichts Böses. Wir sind hierhergekommen, weil...“ Sheri zögert. „...wir eine weiße.... Echse finden wollen. Sie hat uns etwas gestohlen, das wir gerne zurückhätten.“
Hamlet, das schwarze Borstenschwein quiekt.
„Oh oh!“, macht Gino. Er hat keine Probleme, die Geräusche von Hamlet zu deuten. „Das hättest du nicht sagen sollen.“
„WAS WISST IHR ÜBER DEN WEISSEN DRACHEN?“, fragt der Mann mit dem Schwert. Er stochert ein weiteres Mal wild in die Luft. „HABT IHR IHN GESEHEN?“
„Jetzt fuchtel bitte nicht so mit deinem Schwert herum. Das macht einen ja ganz nervös“, sagt Magnus. „Wie gesagt, wir sind nicht hier, um Stunk zu machen.“
Hamlet quiekt erneut. Der Mann in der Mittelalter-Kluft steckt sein Schwert zurück in seinen Gürtel.
„Hamlet sagt, ihr sprecht die Wahrheit. Auch, wenn das Unsichtbarkeitspulver euch verdächtig erscheinen lässt. Ein wahrer Feind von Lorisland wäre jedoch wesentlich gewiefter gewesen und hätte keinen Puder benutzt, der wasserlöslich ist. Schließlich besitzt beinahe jeder Ritter hier auf der Insel ein Meerschwein. Mein Name ist Pastell, wer seid ihr?“, sagt der Ritter und reicht Magnus die Hand.
Magnus ist perplex. Er nimmt die Hand und schüttelt sie. Sie ist rau und schwielig.
„Mein Name ist Magnus, das hinter mir sind meine Freunde Sheri und Gino.“
„Schön, euch kennenzulernen. Also, erzählt mir – was wisst ihr über den weißen Drachen?“
Mit einem Mal wirkt Pastell überhaupt nicht mehr bedrohlich, eher einfühlsam und besorgt.
„Sollen wir ihm die Wahrheit erzählen?“, mauschelt Gino. „Das kleine Schweinchen, das er mit sich führt, kann Lügen schnuppern.“
„Sollte er uns angreifen, springen wir einfach zurück in den interkonnektiven Raumzeit-Riss. Ich bin mir sicher, so schnell wird er uns nicht einholen“, meint Sheri. „Vor allen nicht in den Gängen der Schule. Da hätten wir den Heimvorteil.“
„Wie ihr meint“, stimmt Magnus zu.
„Also, das klingt verrückt, ich weiß...“, beginnt Magnus, „...aber wir kommen aus der Zukunft. Wir wollen uns nicht großartig in die Geschäfte Lorislands einmischen. Wir wollen tatsächlich nur unsere Sachen zurück und machen dann die Fliege, versprochen!“
„Sagt doch gleich, dass ihr Zeitreisende seid“, entgegnet ihnen Pastell und lacht. „Das ist hier nichts Ungewöhnliches. Jeden Tag kommen um die 100 Besucher aus allen möglichen Epochen zu uns.“
„Dann wisst ihr…“, unterbricht Sheri.
„Dass Lorisland in 479 Jahren ausgelöscht wird. Ja. Bis dahin wird sich unser Königreich zu den Sternen aufgemacht haben. Wir arbeiten bereits heute an der Technologie dafür. Und das bringt uns direkt zurück zu unserem kleinen Dieb. Er hat etwas gestohlen, dass uns Lorisländern sehr wichtig ist. Ein mächtiges magisches Artefakt. Den Schild von Temez. Ohne den Schild wird unsere Arche die strapaziöse Reise durch den Kosmos nicht überstehen. Was hat er euch gestohlen, wenn ich fragen darf?“
Magnus stutzt, ebenso wie Gino. Selbst Sheri.
„Äh, also, mir meinen Zauberstab“, sagt Magnus.
„Mir eine meiner Erfindungen“, antwortet Sheri.
„Und dir, Junge?“, fragt Pastell Gino.
„Mir? Also mir wurde eine Trillerpfeife gestohlen.“
Statt zu lachen, verfinstert sich Pastells Gesichtsausdruck.
„Ich nehme an, diese Gegenstände haben euch viel bedeutet?“, fragt Pastell.
„Ja!“, antworten die drei Freunde gemeinsam.
Das Gleiche gilt für Tim de Baals Glücksi, für Paul Pechs Chemiekasten, weniger für Astra Wendigos Bratsche.
„Wie ich mir dachte! Der Drache scheint es auf Gegenstände abgesehen zu haben, die mit Magna Vis aufgeladen sind.“
„Magna Vis?“, stutzt Magnus.
„Große Kraft“, übersetzt Sheri.
„Ja, das ist richtig. Dingen, die jemandem viel bedeuten, reichern sich mit einer bestimmten Form von Energie an. Man nennt diese Kraft Magna Vis. Sammelt man genügend, kann man sie konzentrieren und freisetzen. Würde der Drache eine große Menge Magna Vis freisetzen, hätte das katastrophale Folgen! Deswegen müssen wir den Drachen unbedingt aufhalten, bevor er genügend Macht gesammelt hat um einen Angriff auf das Königreich zu starten.“
„Mit aufhalten, meinen Sie—“
„Töten.“
Das ist harter Tobak. Sicher, der Drache hat ein paar Sachen entwendet. Darunter den Edelkern, der gefährlich werden könnte – der aber laut Herr Gold mehr oder minder unbrauchbar ist. Von der Idee, dass der Drache mit den gestohlenen Gegenständen die Zerstörung einer ganzen Insel bewirken wollen könnte, hält Magnus nichts. Magnus findet nicht, dass der Drache wegen der Diebstähle den Tod verdient hat.
„Drachen – besonders weiße Drachen – stellen schon seit Anbeginn der Zeit eine große Gefahr für Lorisland dar. Deswegen sind sie heute so gut wie ausgerottet. Nur dieses eine Exemplar konnte uns immer wieder entkommen. Wenn er noch dazu ein Zeitenspringer ist, erklärt das auch, wie er uns so lange an der Nase herum führen konnte. Wer weiß, wie viele mit Magna Vis aufgeladene Gegenstände er bereits gestohlen hat.“
Magnus hat Probleme, das Ganze zu glauben.
„Das klingt gar nicht gut“, sagt Gino.
„Da hast du recht“, entgegnet Pastell. „Glaubt ihr, ihr könnt mir helfen, den Drachen aufzuspüren? Der König von Lorisland hat ein hohes Kopfgeld auf ihn ausgesetzt. Sollte es uns gelingen, den Drachen zu fangen und zu erlegen, würden wir die Belohnung natürlich gerecht teilen.“
Magnus und seine Freunde zeigen sich wenig begeistert von diesem Vorschlag.
„Reicht es nicht, wenn wir alle gestohlenen Gegenstände bergen und ihren Besitzern zurückgeben?“
„Ich fürchte nicht“, antwortet Pastell. „Der Drache muss ausgerottet werden.“
Die Freunde sind ratlos. Sie sind hier in der Falle. Klar können sie nach Hause, in ihre Welt, aber das bringt Magnus‘ Zauberstab nicht zurück (ganz zu schweigen von den anderen Gegenständen). Schlagen sie das Angebot von Pastell aus, heißt das, dass sie sich in einer unbekannten Welt voller gefährlicher Monster selbst durchschlagen müssten.
„Okay“, stimmt Magnus geknickt zu. „Finden wir den Drachen.“
Er denkt: „Wir werden ihm aber nichts zu Leide tun.“
Insgeheim fragt sich der Zauberer, was sein Vater in dieser Situation gemacht hätte.
Just in diesem Moment ploppt der vierte Besucher aus dem interkonnektiven Raumzeit-Riss. DAISY landet mit den Vorderpfoten voran im schwarzen Wasser des weiten Ozeans. Helle Funken blitzen und DAISY hüpft wie vom Hai gebissen vor Sheris Füße. Sie schüttelt sich den letzten Rest Feuchtigkeit aus den Roboterohren. Kleine Rauchsäulen steigen ihr aus den Nasenlöchern.
„Hey!“, sagt Sheri liebevoll. „Du hast aber ganz schön lange gebraucht. Hast du auf dem Weg hierher noch einen Dimensionshasen gejagt?“
„Wer oder was ist das?“, fragt Pastell. Seine Stimme ist erneut voller Skepsis.
„Jemand, der uns helfen wird, deinen Drachen zu finden“, antwortet Sheri.