Kitabı oku: «Equus Lost?»

Yazı tipi:

Francesco und José De Giorgio

Equus Lost?

Ein neues Verständnis für die wahre Natur der Pferd-Mensch-Beziehung …

… VERSTEHEN STATT DOMINANZ


Den Pferden gewidmet, die uns auf unserem Lebensweg begleiten: Pioggia, Marea, Ninfa, Onda, Topazio, Fulmine, Falò, Sparta

Haftungsausschluss

Autoren und Verlag haben den Inhalt dieses Buches mit großer Sorgfalt und nach bestem Wissen und Gewissen zusammengestellt. Für eventuelle Schäden an Mensch und Tier, die als Folge von Handlungen und/oder Beschlüssen aufgrund der gegebenen Information entstehen, wird keine Haftung übernommen.

Sicherheitstipp

Beachten Sie im Umgang mit Pferden stets die üblichen und allgemein bekannten Sicherheitsmaßnahmen. Zu Ihrem Wohl und zum Wohle des Pferdes!

IMPRESSUM


Copyright © 2021 Cadmos Verlag GmbH, München

Covergestaltung: Gerlinde Gröll, www.cadmos.de

Gestaltung Kern und Satz: Markus Bürger Übersetzung: Agnes Trosse Lektorat: Agnes Trosse Wissenschaftliches Korrektorat: Sparta Association - Reingard Spannring, Susanne Weis Bilder: Learning Animals Fotos am Umschlag: Shutterstock/Jozef Klopacka (Cover), Shutterstock/Ivailo Nokolov (Rückseite)

Deutsche Nationalbibliothek – CIP-Einheitsaufnahme

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Alle Rechte vorbehalten.

Abdruck oder Speicherung in elektronischen Medien nur nach

vorheriger schriftlicher Genehmigung durch den Verlag.

ISBN: 978-3-8404-1090-1

eISBN 978-3-8404-64942

Originalausgabe:

Comprendere il cavallo. Un viaggio per conoscerne la mente e le emozioni.

Copyright © (2017) Giunti Editore S.p.A., Firenze-Milano

www.giunti.it


Foto: Schutterstock/Jozef Klopacka

Inhalt

Equus Lost?

Inhalt

Hinweis für den Leser

Einleitung

Erster Teil: Das unsichtbare Pferd

Was ist Kognition?

Kognition ist natürlich

Sich selbst erfüllende Prophezeiungen

Zeit für Veränderung

Zweiter Teil: Ein Leben ohne Druck

Die partnerschaftliche Herde

Der Mythos von der Hierarchie in der Herde

Kognitive Essenz

Der mentale Käfig der Konditionierung

Dritter Teil: Gemeinsam wachsen

Grundlagen für den Dialog finden

Der soziokognitive Ansatz: Gemeinsam lernen

Von der Leistung zur Beziehung

Co-Learning: Die Zukunft gestalten

Jenseits der Horizonte

Anhang

Über die Autoren und ihr Institut „Learning Animals“

Abstract

Quellennachweis

Stichwortregister


Hinweis für den Leser

Zu oft unsichtbar – das „andere“ Pferd, das kognitive Pferd.

Dieses Buch nimmt dich mit auf die Suche nach diesem versteckten Pferd, auf eine Reise, die es dir ermöglicht, das Pferd aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Wir möchten dir zeigen, wie du dein Pferd aus soziokognitiver Sicht betrachten und so ein besseres Verständnis sowie ein tieferes Bewusstsein für die Wahrnehmungswelt des Pferdes erlangen kannst. Beides ist wichtig für das Wohlbefinden des Pferdes sowie für ein gesundes, auf Gegenseitigkeit beruhendes Verhältnis zwischen Pferd und Mensch.

Die in diesem Buch vorgeschlagenen Ideen basieren auf dem Modell des soziokognitiven Lernens (das SCL-Modell) von Dr. Francesco De Giorgio, das seine Wurzeln in einem kognitiv-konstruktivistischen Rahmen hat. Dieser ist dadurch gekennzeichnet, dass Pferde, Hunde und Tiere im Allgemeinen ihren eigenen Weg des Dialogs mit der Welt finden und durch kognitives Lernen subjektive Realitäten schaffen, sich so von Training und Konditionierung emanzipieren und dadurch ihr angeborenenes kognitives Erbe erhalten bzw. wiederherstellen können. Das Modell wurde von José De Giorgio-Schoorl für das persönliche und berufliche Wachstum von Menschen im Umgang mit menschlichen und nichtmenschlichen Tieren übertragen. Dieses soziokognitive Modell wird in mehreren Ländern auf beruflicher Ebene angewendet in den Bereichen Tierethik, Tierschutz, menschliche/nichtmenschliche Interaktion, menschliche Bildung und wissenschaftliche Innovationen. Das SCL-Modell wird bei Learning Animals gelehrt, dem Internationalen Institut für Forschung und Entwicklung von Tierethik, interspeziesistischer Interaktion und antispeziezistischer Ethologie (www.learninganimals.com).

WAS DU SONST NOCH FINDEN WIRST

Im Laufe des gesamten Buches wirst du Geschichten, Erzählungen, Abenteuer und Fantasie-Beschreibungen aus dem persönlichen Alltag von Francesco De Giorgio finden – sowie Berichte über Lebensentscheidungen, die ihn von klein auf begleitet und geleitet haben. Ein Leben voller Erkenntnis, Emotionen und Beziehungen in Koexistenz mit anderen Tieren, die er heute insbesondere mit seiner Frau José, Mitautorin dieses Buches, und den Tieren, die mit den beiden leben, teilt.

Diese Lebenserfahrungen sind entscheidend, um die Konzepte, deren Ursprung, Bedeutung und Werte zu verstehen, die die Reise dieser beiden Autoren – und all jener Menschen, die sich für ihre Kernbotschaft interessieren – so wichtig und nachhaltig macht.

Das Modell des soziokognitiven Lernens sorgt für eine kulturelle Transformation. Es ermöglicht die Wiederentdeckung und Analyse von Beziehungen zwischen menschlichen und anderen Tieren aus einem Verständnis und einer Perspektive heraus, die bisher undenkbar waren. Dank der kontinuierlichen wissenschaftlichen Beiträge von Francesco und José, die sie zudem noch täglich in die Praxis übertragen, fasziniert dieses Studienfach heute Menschen aus allen Ländern der Welt. Ein gründliches Verständnis dieses Gebiets erfordert jedoch, dass der Mensch sich in der Mensch-Tier-Beziehungsdynamik nicht mehr als zentrale Referenz versteht. Dadurch entsteht ein völlig neuer Standpunkt, von dem aus wir in den Austausch und Dialog eintauchen und so auf eine gegenseitige Verständigungsebene gelangen können – als Tier unter Tieren.

EIN HILFREICHES GLOSSAR

Beim Lesen wirst du vielleicht auf einige Begriffe stoßen, die in der traditionellen Reiterszene selten verwendet werden. Hier erklären wir deshalb kurz, was Francesco und José meinen, wenn sie bestimmte Wörter verwenden, um ihre Forschung, ihre Position und ihre Theorien zu erklären:

Affiliativ: Verhalten, das den Gruppenzusammenhalt fördert (freundliche/positive Gesten).

Agonistisch: mit Konflikt verbunden.

Anthropozentrisch: den Menschen in den Mittelpunkt stellend

Automatismen: spontane Reaktionen oder Verhaltensweisen.

Behaviorismus: Theorie der Wissenschaft des menschlichen und tierischen Verhaltens. Das Gehirn wird dabei als „Black Box“ angesehen, deren innere Prozesse nicht von Interesse sind. Verhalten wird als Ergebnis von verstärkenden und abschwächenden Faktoren aufgefasst.

Deterministisch: ein Ansatz, der vorschlägt, dass jedes Verhalten durch Vorhergegangenes verursacht wird und somit vorhersehbar ist.

Dialogisch: sich auf den Dialog beziehend oder durch diesen gekennzeichnet sein.

Hierarchischer Fokus: Tendenz, sich auf die Rangordnung zu konzentrieren.

Hybridisierung: Erfahrungen mischen; eine Erfahrung teilen, inspiriert werden durch die Wahrnehmung und den Standpunkt eines anderen.

Kognition, kognitiv: Gesamtheit aller Prozesse, die mit dem Wahrnehmen und Erkennen zusammenhängen, kognitiv: das Wahrnehmen, Denken, Erkennen betreffend

Komplementarität: sich gegenseitig ergänzend

Limbisches System: besteht aus Gehirnstrukturen, die an Emotionen beteiligt sind. Zu diesen Strukturen gehören die Amygdala, der Hippocampus und der Thalamus.

Propriozeption: Sinnesinformationen, die zum eigenen Empfinden, zu Körperhaltung und Bewegung beitragen.

Reduktionistisch: die Praxis der Vereinfachung einer komplexen Idee, eines Problems und Bedingung.

Speziesismus/Antispeziesismus: Speziesismus beinhaltet die Zuordnung verschiedener Werte, Rechte oder besondere Rücksichtnahme sowie die moralische Diskriminierung von Lebewesen ausschließlich aufgrund ihrer Artzugehörigkeit. Vertreter des Antispeziesimus sprechen sich deshalb für eine Ausweitung der Ablehnung aller Diskriminierung aus und stellen den Speziesismus dem Sexismus und Rassismus gleich.

Soziokognitiv: Kognition ist Teil eines Individuums – eines Subjektes, das Informationen braucht, um seine eigenen Entscheidungen zu treffen. Die Möglichkeit, Informationen aufzunehmen, zu verarbeiten und zu produzieren bedeutet, sich weiterzuentwickeln, Kongruenz mit sich selbst zu erreichen, Selbst-Erfahrung und Selbst-Bewusstsein zu erleben, und steht im Kontrast zur Reaktion einer neo-behavioristischen Maschine. Gefühle des Wohlergehens gehören nicht einem Gehirn oder einem physiologischen System, sondern einem Tier als Ganzem. Für soziale Tiere wie Pferde bedeutet dies, in einer gemeinsamen Kultur zu wachsen, in einer kontinuierlichen Evolution des gemeinsamen Lebens.

Trost: Versöhnendes Verhalten und Teil der Kategorie der Zugehörigkeits-Verhaltensweisen.


Einleitung

Dieses Buch ist kein Handbuch. Es gibt viele Handbücher über Pferde und darüber, wie sie eingesetzt und auf welche Art und Weise sie ausgebildet und konditioniert werden.

„Equus Lost?“ widmet sich Pferden als fühlenden und soziokognitiven Lebewesen, ihrer Wahrnehmungswelt, ihrem Wissenserwerb, ihrem Verständnis für die Umwelt und ihren sozialen Fähigkeiten untereinander und gegenüber dem Menschen. Dieser Blickwinkel ist notwendig, da das Verhalten von Pferden bisher nach konventionellen Denkschemata hauptsächlich im Kontext von Behaviorismus und klassischer Ethologie (der wissenschaftlichen und objektiven Untersuchung des Verhaltens von Tieren) erklärt wurde. Diese Interpretationen haben die Art und Weise geprägt, wie wir Pferde betrachten und wie wir ihr Verhalten erklären, sowohl im Zusammenleben als auch in ihrer Beziehung zu Menschen.

Im täglichen Leben verursachen viele Dinge – fälschlicherweise als selbstverständlich angesehen – all die Missverständnisse, denen Pferde täglich mit Menschen auf der ganzen Welt begegnen und umgekehrt.

Die Art und Weise, wie Pferde im sozialen Kontext leben, wie sie daraus lernen und wie sie Informationen aus ihrer Umgebung und ihren Interaktionen sammeln, wird häufig immer noch als unwichtig bewertet, was zu einem Mangel an angemessenem Verständnis für ihr Wohlbefinden führt. Wir müssen von einem kognitiven Standpunkt aus ein besseres Verständnis für die Pferde entwickeln, um Wissen und Erkenntnisse zu bieten, die ihr Wohlbefinden verbessern und mehr Transparenz in der Beziehung zwischen Pferd und Mensch ermöglichen. Dieses Buch ermutigt dich dazu, viele Überzeugungen, die von Generation zu Generation in der Pferdekultur weitergegeben wurden, über Bord zu werfen, weil gerade diese Überzeugungen unsere Wahrnehmung trotz bester Absichten einschränken. Es lädt dich ein, Dinge von einem anderen Standpunkt aus zu betrachten und so das individuelle und soziale Verhalten von Pferden, ihre emotionalen Bedürfnisse, ihre sozialen Kontakte untereinander und ihre soziale Beziehung zum Menschen, anders einordnen zu können.

Eine solch neue Wahrnehmung ermöglicht es dir, deinen Horizont zu erweitern und ein Bewusstsein zu entwickeln, das zeigt, dass du lernen kannst, dir der Welt der Pferde und deren Dialog, mit allem, was sie umgibt, bewusst zu werden. Dieser Lernprozess, Dinge anders zu betrachten, ermöglicht die Entwicklung eines neuen Verständnisses. Noch wichtiger ist, dass darüber das Bewusstsein für die kognitiven Fähigkeiten des Pferdes in dein tägliches Leben einfließt, dein Wunsch, mehr darüber zu erfahren, gefördert wird und du dich auch mit philosophischen Fragen auseinandersetzen wirst.

Modell des soziokognitiven Lernens (SCL-Modell)


Anthropozentrischer Ansatz

Die Beziehungen zwischen Tieren und jene zwischen Tieren und Menschen werden oft durch anthropozentrische Projektionen und Interpretationen erklärt.

„Equus Lost?“ entführt dich in eine Dimension, in der Beziehungen frei von Spannungen sind – es geht weder um Führung noch um Dominanz oder andere Kontrollhypothesen. Es handelt sich um eine Dimension, die auf dem Wissen des sozial ausgeglichenen Geistes des kognitiven Pferdes basiert, das neugierig und angetrieben von seiner eigenen inneren Motivation ist, die Welt zu erforschen und zu verstehen, einschließlich seiner Beziehung zum Menschen. Dieses Buch zu lesen bedeutet, sich auf eine Reise zu begeben, um sich des tierlichen Verstandes sowie dessen Emotionen und Absichten bewusst zu werden. Vorgestellt werden das Konzept und die Prinzipien des soziokognitiven Modells, das die Elemente und Grundlagen der Entwicklung einer wechselseitigen Beziehung zwischen Pferd und Mensch sowie die Erkennung und Berücksichtigung der soziokognitiven Fähigkeiten des Pferdes erklärt.

Es ist keine leichte Reise, weil auf ihr viele der universellen Überzeugungen, von denen wir in unseren Beziehungen zu Pferden und anderen Tieren ausgehen, widerlegt werden. Sie wird uns dazu bringen, nicht nur uns selbst, unsere Automatismen und unser Routineverhalten im Umgang mit Pferden zu hinterfragen, sondern auch unsere Beziehungen im Allgemeinen.

Gleichzeitig schafft sie Raum für mehr Ausdruck, Inspiration und neue Einblicke. Tatsächlich kann diese Reise von großem Nutzen sein, insbesondere für Studenten, die etwas über Kognition, Emotionen und soziale Lernaspekte erfahren möchten, Lehrer, die ihren Schülern eine neue Sichtweise anbieten möchten, Pferdeliebhaber, die gerne mehr über interspeziesistische Beziehungen lernen möchten, Pferdebesitzer, die die soziokognitiven Herdendynamik verstehen möchten, Menschen, die an einer anderen Message interessiert sind, für Fachleute, die neugierig sind, welche Bedeutung kognitive Fähigkeiten und affiliatives Verhalten haben, für Pferdewissenschaftler, die einen Schritt weitergehen möchten im Hinblick auf Studien zur Lebensqualität von Pferden und Menschen, und für Menschen, die sich für die Entwicklungen des menschlichen Zusammenlebens mit anderen Tieren interessieren.

Die Reise zum Verständnis des „kognitiven Pferdes” hat bereits bei vielen Überraschung und Erstaunen ausgelöst, ein größeres Bewusstsein geschaffen, das Leben vieler Pferde und Menschen verbessert und es vielen Menschen ermöglicht, „ihren Weg zurückzufinden”, um mit ihren Pferden authentischer zu sein. Dies ermöglichte es ihnen auch, „ein anderes Pferd” zu sehen: nicht das, was wir mit unseren anthropozentrischen Erwartungen und Projektionen erschaffen, sondern das, was immer da war und darauf wartete, dass wir unsere Prinzipien der Herrschaft, Hierarchie und des Wunsches nach Kontrolle aufgeben und uns darüber klar werden, dass sie nur eine Illusion sind. Denn nur wenn wir verstehen, wie wir Raum für freien Ausdruck lassen, können wir den anderen als das wahrnehmen, was er ist und immer war.

Der Band ist in drei Teile gegliedert und wird von einem Anhang begleitet. Der erste Teil, „Das unsichtbare Pferd“, erklärt, wie unsere menschlichen Überzeugungen und Hypothesen im Hinblick auf die Welt der Pferde unsere Urteile beeinflusst und das Pferd in vielerlei Hinsicht „unsichtbar” machen. Darüber hinaus zeigt dies, wie die große Anzahl anthropozentrischer Annahmen, die unsere derzeitige Wahrnehmung von Pferden stützen, uns einen Perspektivwechsel bei der Betrachtung von Beziehungsdynamiken erschwert. Der zweite Teil, „Ein Leben ohne Spannungen“, präsentiert das soziokognitive Modell; es beschreibt, was passiert, wenn ein Pferd in einem soziokognitiven Kontext aufwächst und wie dies die Beziehungen zwischen Pferden und die zwischen Pferden und Menschen beeinflussen kann. Es werden auch praktische Beispiele für Pferde und Menschen gegeben, die es schaffen, „zu einer dialogischen und authentischen Beziehung zurückzukehren“. Im dritten Teil, „Gemeinsam wachsen”, werden menschliche Aspekte beschrieben sowie das Bewusstsein, das zum Verständnis der Dynamik der Beziehung zwischen Pferd und Mensch erforderlich ist, wobei der innere Zustand beider berücksichtigt werden muss. Er handelt davon, Gewohnheiten und Denkmechanismen loszulassen, die in unserer Interaktion mit Tieren Erwartungen wecken. Dies hilft uns auch zu verstehen, wo das Dominanzproblem beginnt und wie wir von der Notwendigkeit der Kontrolle zum Verständnis des Kontakts übergehen können. In diesem Zusammenhang wird erklärt, wie wichtig es ist, eine Liebe zum Detail zu entwickeln und wieder ein besseres Bewusstsein für unsere Sinne zu schaffen.

Augenblicke und Erfahrungen mit Pferden zu teilen bedarf eines Raums für Ausdruck wie auch des Verständnisses für Nuancen in Beziehungsdynamiken und Verhalten. Weder Herdendynamiken noch einzigartige Pferd-Mensch-Beziehungen sind durch hierarchische Protokolle bestimmt, sondern hängen von der Umgebung, innerer Motivation, dem sozialen Kontext früherer Erfahrungen und vielen anderen Faktoren ab. Das macht jede Beziehung zu einer lebenslangen Reise aus gemeinsamen Erfahrungen und Entdeckungen.

Vielen Dank für dein Interesse und dafür, dass du dich um das kognitive Pferd kümmern möchtest.

Francesco und José De Giorgio

ERSTER TEIL
Das unsichtbare Pferd


In der Welt der soziokognitiven Fähigkeiten von Pferden gibt es noch viel zu erforschen, das den gegenwärtigen anthropozentrischen Standpunkt in der Beziehung zwischen Pferd und Mensch verändern wird. Am Horizont können wir diese weitreichenden Veränderungen schon sehen!

Was ist Kognition?
AUF DER SUCHE NACH DEM PFERD

Es ist früh an einem Spätsommermorgen. Auf den steilen Hügeln des Monte Cairo im südlichen Latium in Italien, wo die Wälder sich lichten, um der kargeren Vegetation in höheren Lagen Platz zu machen, steigt die Temperatur bereits. Es wird wieder ein heißer Tag.

Während eines Sommerbesuchs in dieser Region Italiens beobachteten wir auf den riesigen Hochebenen die Esperia-Ponys, die hier in dieser Region Italiens seit Jahrhunderten auf weitläufigen Plateaus leben. Sie sind extremen Wetterbedingungen ausgesetzt und teilen sich ihren Lebensraum mit Wölfen, deren Heulen allgegenwärtig ist. Im Winter, wenn viel Schnee fällt, ziehen die Ponys in die Täler, um Schutz und Futter zu suchen. Ähnlich ist es im Sommer, wenn zur heißesten Tageszeit hohe Temperaturen sogar die höheren Berggipfel erreichen. Dann müssen die Pferde die weiter oben gelegenen Gebiete verlassen, um Schatten zu finden. Obwohl sie einen Teil ihrer täglichen Wasserversorgung aus dem Morgentau beziehen, sind sie gezwungen jeden zweiten Tag auch in tiefer gelegenen Gebieten nach Wasserstellen zu suchen, wenn die höher gelegenen Reserven aufgebraucht sind.

Zwischen den Felsen und Bäumen verläuft ein steiler, gewundener Pfad, und die Hufabdrücke der Pferde, die diese Pfade nutzen, sind selbst auf diesem karstigen Untergrund deutlich sichtbar: Spuren der Esperia. Die Beschaffenheit des Bodens ist einer der Gründe, warum es zu dieser Jahreszeit schwierig ist, hier Wasser zu finden. Jeder einzelne Regentropfen, der darauf fällt, versickert im Boden, bevor er durch unterirdische Senklöcher und Bäche zu verborgenen Höhlen gelangt.

Die in dieser Gegend lebenden Tiere sind sich dieser Dürre bewusst und sind in der Lage zu entscheiden, wann und wo nach Wasser gesucht wird. Ihre Fähigkeit zur Problemlösung muss voll funktionsfähig sein.

Wir sitzen auf einer Lichtung, unweit des Waldrandes, als wir plötzlich das Klappern von Hufen auf Steinen hören, das von irgendwo hinter der höheren Baumreihe kommt. Dann, viel näher, bewegen sich Zweige und zwei Pferde erscheinen. Es handelt sich um ausgewachsene Stuten, stark und robust, mit dem für diese Rasse typischen glänzenden dunklen Fell. Sie halten an, um uns beide, die wir regungslos einige Meter vom Pfad entfernt sitzen, zu beobachten. Hinter den beiden machen sich weitere Pferde bemerkbar. Sie müssen auf der Suche nach einer Wasserstelle irgendwo weiter unten am Pfad sein. Ein paar Minuten vergehen. Sie bewegen sich etwas weiter vorwärts, gefolgt vom Rest der Familie, und halten dann noch einmal an, um weiter zu beobachten. Kein Schnauben oder Kopfbewegungen, und ihre Körper zeigen keine Anzeichen von Spannung. Nur eine überlegte Beobachtung der menschlichen Präsenz – einem unbekannten Element in einer bekannten Umgebung.

Sie befinden sich in einem Entscheidungsprozess, ob sie ihre Suche nach Wasser fortsetzen wollen oder nicht. Nichts passiert und Minuten wirken wie eine Ewigkeit. Dann beschließen die beiden Stuten, sich langsam umzudrehen. Die anderen Familienmitglieder tun dasselbe, einer nach dem anderen, so wie die Entscheidung weitergetragen wird, und verschwinden wieder zwischen den Bäumen.

Aber dann entstehen plötzlich auf einer Seite der Gruppe andere Bewegungen: Eine recht alte Stute erscheint. Sie ist sichtlich schwach und kann sich nur noch mit viel Mühe bewegen. Sie wählt die der Gruppe entgegengesetzte Richtung, kommt auf uns zu und schreitet an uns vorbei. Ihr Körper ist von den Erfahrungen eines Lebens alt und verbraucht, aber ihr Blick ist lebendig und ruhig, und so blickt sie uns auch an. Sie ist sich unserer Präsenz bewusst, lässt sich davon aber nicht beeinflussen und setzt ihren Weg langsam fort. Die anderen Pferde scheinen für einen Augenblick unentschlossen: Sie sehen der alten Stute nach, sie sehen uns an, sie beobachten den Weg und den Wald hinter ihnen. Dann wenden sie sich wieder gemeinsam um, folgen der alten Stute und nehmen ebenfalls den Pfad an uns vorbei zur Wasserstelle im Tal. Einige der neugierigeren Pferde sehen uns an, andere nicht. Nachdem sie ihre Meinung geändert haben, folgen sie nun ihrem ursprünglichen Pfad an uns vorbei und bewegen sich gemeinsam der inneren Motivation der alten, fragilen Stute folgend.

Esperia-Ponys sind eine alte italienische Rasse unbekannter Herkunft. Sie sind den Pferden der Samniter sehr ähnlich, einer italienischen Bevölkerungsgruppe, die jahrhundertelang gegen die alten Römer kämpfte.

Die Esperia spielten eine wichtige Rolle für das Verständnis des Verhaltens von Pferden sowie ihrer sozialen Dimensionen und kognitiven Fähigkeiten. Der natürliche Lebensraum der Esperias sowie ihre täglichen Interaktionen miteinander und mit der Umwelt haben es dieser Rasse ermöglicht, eine kognitive Essenz zu bewahren. Sie reagieren nicht einfach, ohne zuerst über die Situation nachzudenken. Diese Pferde waren für uns daher in den ersten Studien zum Verständnis von Mindmapping und räumlicher Wahrnehmung von Equiden essenziell und ermutigten uns zu weiteren Studien im Hinblick auf die Tier-Mensch-Interaktion. In der Tat verstärkten diese Ponys mit ihren Fähigkeiten zur Problemlösung und ihren ruhigen Entscheidungsfindungen den Wunsch, das uns so oft „verborgene Pferd“ zu verstehen und zu enträtseln. Sie machten sichtbar, dass Pferde kognitive Lebewesen sind und nicht nur reaktive Beutetiere, die durch das Paradigma „Kampf oder Flucht“ gekennzeichnet sind.

EVOLUTION UND TRAINING

Aus evolutionärer Sicht sind Pferde Säugetiere. Sie gehören zur Familie der Equiden und zur Ordnung der Perissodaktylen (Unpaarhufer). Aus ökologischer Sicht sind sie Pflanzenfresser und können – abhängig vom Lebensraum – fleischfressenden Beutegreifern zum Opfer fallen. Aus ethologischer Sicht sind Pferde soziokognitive Tiere mit ihren eigenen spezifischen und individuellen Merkmalen. Sie daher nur als Beute oder als Tier zu begreifen, das „kämpft oder flieht”, ist eindeutig zu vereinfachend und hindert uns daran, sie so zu sehen, wie sie wirklich sind.

Viele moderne Trainingsmethoden konzentrieren sich jedoch auf eben dieses vereinfachte Konzept vom Pferd als fliehendem und reaktivem Tier, das kontrolliert werden muss, wenn wir eine sichere und effiziente Interaktion wünschen. In Wirklichkeit werden Pferde erst aufgrund ihres Zusammenlebens mit Menschen zu Kampf- oder Fluchttieren. In der Geschichte von der Begegnung mit den Esperia-Ponys gibt es zum Beispiel keine Anzeichen einer Fluchttendenz. Es besteht keine Notwendigkeit dafür. Wir sollten uns also fragen, warum Hauspferde das Bedürfnis haben, so viele reaktive Verhaltensweisen zu zeigen.

Alle Pferde werden als kognitive Wesen geboren. Ihre kognitiven Fähigkeiten ermöglichen es ihnen, sich selbst, ihre eigenen Aktionen, sich untereinander, ihre Umgebung und ihren sozialen Kontext zu verstehen. Dies ändert sich oft in der Koexistenz mit dem Menschen. Das liegt nicht nur daran, dass Tiere in einem Kontext aufwachsen, in dem die typischen Elemente einer soziokognitiven Umgebung verschwinden, sondern auch daran, dass sie beginnen, menschliche Zwecke zu erfüllen und behavioristisch auf Reize zu reagieren, ohne Informationen richtig zu verarbeiten. Es ist nicht überraschend, dass wir in der Folge ein unberechenbares Fluchttier sehen. Pferde als Fluchttiere zu betrachten ist eine tief verwurzelte Gewohnheit, die viele Aspekte unseres Verhaltens und unserer Einstellung zu ihnen beeinflusst. Dies geschieht in einem breiten Spektrum von Situationen.

Hier ein einfaches Beispiel: Jemand führt ein Pferd auf ein Feld. In dem Moment, in dem das Halfter abgenommen oder das Seil vom Halfter gelöst wird, galoppiert das Pferd davon. Wenn das Pferd nicht wegläuft, wird ihm häufig ein „freundlicher“ Schlag auf den Rumpf gegeben oder ein Arm wird geschwenkt, um es zum Loslaufen zu ermutigen. Aber warum sollte es loslaufen? Und wenn es nicht wegläuft, warum haben so viele von uns das Bedürfnis, diese Reaktion auszulösen? Vielleicht als Symbol für Freiheit? Dies ist nur einer der vielen Momente, in denen Pferde in ihrem Zusammenleben mit uns dazu gedrängt werden, ein reaktives Verhalten zu zeigen.

Aufgrund dieser Überzeugungen und Gewohnheiten basieren viele der in der Welt des Pferdesports existierenden Theorien (seien es wissenschaftliche Erkenntnisse oder populäre Überzeugungen) auf der Idee eines Verhaltensmodells, das stark vom Kontext beeinflusst wird, den der Mensch für Pferde geschaffen hat, und den Erfahrungen, die er sie gezwungen hat zu durchleben. Dadurch dass heftige Reaktionen deutlich sichtbar sind, verstärkt sich die Annahme, dass Pferde strenge und klare Regeln benötigen, um Verwirrung zu vermeiden – dass sie den Menschen brauchen, der die Verantwortung übernimmt.

VOR DEM VERGNÜGEN KOMMT DAS VERGNÜGEN

Frühling in den Niederlanden – ein heißer, trockener Wind im April 2014. Ich verlasse das Haus, um nach draußen zu gehen und die Pferde auf der Koppel zu beobachten; mir Zeit zu nehmen, ihren inneren Zustand zu verstehen.

Ich nehme eine Bürste und einen Striegel mit. Zurzeit massiere und putze ich die Pferde, um ihnen zu helfen, ihr Winterfell zu verlieren. Sie beobachten sich gegenseitig, stehen ganz gemütlich nah beieinander und wissen, dass sie alle in den Genuss eines solchen Pflegemoments kommen. Ich habe auch einen Sattel, eine Satteldecke und ein Halfter dabei. Die anderen männlichen Herdenmitglieder stehen um uns herum, während ich Falò massiere und striegele, Sparta die Satteldecke und Fulmine den Sattel auflege und das Halfter auf dem Rücken von Topazio platziere. Wir verschmelzen in derselben Erfahrung, vermischen uns – gleichen uns an. Dann zieht Sparta den Sattel von Fulmines und das Halfter von Topazios Rücken. Während der Sattel einfach dort liegen bleibt, wo er hingefallen ist, sammle ich das Halfter vom Boden auf, lege es auf Falò und massiere ihn weiter. Dann hebe ich den Sattel auf und lege ihn sanft auf Spartas Rücken, während ich seinen Nacken kraule und er seine Freude darüber ausdrückt, indem er den Kopf leicht anhebt und die Oberlippe bewegt. Dann nehme ich alles von Sparta wieder herunter und lege die Decke auf Falò. Den Sattel setze ich am Boden ab, während Topazio auf uns zukommt, und mir seinen Rücken hinhält, damit ich ihn in der Schweifgegend striegeln kann. Ich striegele ihn, dann nehme ich den Sattel vom Boden und lege ihn vorsichtig auf den Rücken von Falò, befestige ihn, aber locker. Ich entferne mich, um Sparta weiter zu putzen, der das Horn des Sattels erforscht und daran knabbert, während Falò wiederum fast eingeschlafen ist.

Dann putze und massiere ich Fulmine und Topazio, während Falò anfängt, sich um uns herum zu bewegen, alle im selben offenen Raum, alle ruhig, entspannt und unbeschwert, alle interessiert am Genuss und an der Erfahrung. Ich ziehe den Gurt des Sattels fest und setze mich auf Falò, nur um auf seinem Rücken zu sitzen und dabei den Wind zu geniessen, der an meinem Haar, den Mähnen und den Schweifen der Pferde zieht, während ich weiterhin seinen Rücken striegele, seine Mähne mit meiner Hand kämme und die anderen Pferde massiere, die sich wiederum um mich und Falò herum bewegen.

Die Bewegung der Gruppe bringt uns nach und nach in die Nähe des Tores der Pferdeweide. Ich steige von Falò ab, löse den Gurt und nehme den Sattel ab, indem ich ihn von seinem Rücken gleiten lasse und ihn auf dem Rücken von Fulmine ablege. Ich lege Sparta die Decke auf und beim Ausziehen des Halfters drehe ich mich, um es Topazio auf den Rücken zu legen.

Als Nächstes nehme ich alles vorsichtig von ihren Rücken und lege die Gegenstände auf den Boden, wo die Pferde alle, noch eingenommen von der angenehmen Erfahrung, beginnen, in einem inneren Zustand der Ruhe alle Materialien zu erkunden. Ich schließe mich ihnen an und ein paar Minuten später öffne ich das Tor und sie gehen alle gleich entspannt raus, um ein bisschen zu grasen.

Ich mache so einfache Dinge.

Tatsächlich werden Pferde zu hilflosen und reaktiven Tieren in einer Beziehung, in der sie nicht berücksichtigt werden. Wenn wir ihre Bedürfnisse erfüllen, ihr Potenzial entwickeln und ihre Lebensqualität verbessern wollen, müssen wir unseren Ansatz ändern. Statt sich ausschließlich auf ihr physisches Potenzial zu konzentrieren und darauf, wie man dieses nutzen kann (in Übereinstimmung mit der verzerrten Sichtweise, die der Mensch von Pferden hat, versucht er, sie schneller laufen und höher springen zu lassen, sie ihre Beine höher heben zu lassen, extrem lange Strecken zu traben usw.), müssen wir Möglichkeiten schaffen, dass Pferde ihr eigenes Leben und ihren Lebensraum erleben und verstehen können – bis hin zu den kleinsten Details – und Raum schaffen für einen interspeziesistischen Dialog.

Kognition ist natürlich
WAS IST KOGNITION?

Was versteht man unter Kognition in Bezug auf Pferde? Und was ist mit diesem Begriff im Allgemeinen gemeint?

Kognition ist zusammengefasst die Fähigkeit, Informationen zu verarbeiten, das Gelernte anzuwenden, die eigenen Vorlieben aufgrund der eigenen Erfahrung zu ändern und mit der Außenwelt in Dialog zu treten, um eine subjektive Realität aufzubauen. Es ist sowohl die Art und Weise, wie die Welt wahrgenommen wird, als auch das Wissen, das aus dieser Wahrnehmung abgeleitet wird (d. h. mentale Repräsentationen der Welt). Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Problemlösung und Entscheidungsfindung sind Schlüsselelemente innerhalb der kognitiven Prozesse. Der Versuch, die geistigen Fähigkeiten von Tieren (einschließlich menschlicher Tiere) zu verstehen und zu erklären, führt häufig zu Diskussionen, da es mehrere sehr unterschiedliche Definitionen von Erkenntnis gibt, die sich darauf beziehen, wie Menschen, einschließlich Wissenschaftler, die Welt betrachten. Die anthropozentrische Sichtweise zum Beispiel stellt die menschliche Intelligenz und Erkenntnis an die Spitze einer Pyramide und tendiert dazu, die Fähigkeiten anderer Tiere mit denen menschlicher zu vergleichen. Das Fachgebiet Kognitive Ethologie hingegen betont den Wert verschiedener Erkenntnisformen, nicht hierarchisch oder nach einer besseren / schlechteren Perspektive, sondern in Bezug auf unterschiedliche evolutionäre Anpassungen, sowohl als Spezies als auch als Individuum. Nehmen wir ein Beispiel, um diese Unterschiede und ihre Folgen zu erklären: Der Gebrauch der Sprache und die Fähigkeit, mathematische Probleme zu lösen, sind Teil der für den Menschen typischen kognitiven Prozesse. Für viele ist es interessant, die Existenz dieser Prozesse auch bei Pferden zu verstehen (z. B. Zahlen, Symbole oder das Alphabet erkennen zu können) und die erhaltenen Ergebnisse dann als Beweis für die Intelligenz von Pferden zu verwenden.

Wenn wir einem Pferd jedoch das Zählen beibringen, bringen wir ihm oft einfach einen Trick bei (was durchaus auch bei wissenschaftlichen Studien vorkommt) und erstellen ein irreführendes Bild seiner wahren Fähigkeiten und seiner individuellen und artspezifischen Bedürfnisse. Wenn ein Ergebnis durch Belohnungen über Futter erzielt wird, reduzieren wir außerdem das Wesen des Tiers auf den Futtertrieb, da dieser den Fokus vom tatsächlichen Verständnis des Pferdes für einen Kontext ablenkt.


Ein Fohlen erkundet ein ihm noch unbekanntes Objekt.


Diese Schülerin analysiert einen Augenblick von persönlichem Wachstum durch die Pferde.

Das Erlernen des menschlichen Alphabets ist für ein Pferd nicht von Interesse. Es ist nur für den Menschen erfreulich, ein Pferd für eine solche Aufgabe auszubilden. Was für ein Pferd interessant ist, ist seine Umgebung zu verstehen, seine räumliche Vorstellung, die sozialen Dynamiken, Problemlösungen, oder Konfliktvermeidung (oder Post–Konflikt–Verhalten).

Ein Pferd braucht dafür keine Belohnung, denn eine Belohnung für exploratives Verhalten, das sowieso inneres Bedürfnis und Motivation ist, wäre ein Widerspruch in sich. Die aus dem explorativen Verhalten resultierende Zufriedenheit ist eine intrinsische. Sie gehört dem Pferd und wird durch die Möglichkeit, Information zu erarbeiten ausgelöst.

Der Versuch, Intelligenz zu beweisen, indem Verhaltensprognosen aus der menschlichen Welt erstellt werden, oder der Versuch, Fähigkeiten zu vergleichen, anstatt verschiedene kognitive Fähigkeiten zu verstehen, führt zu Verwirrung im Bewusstsein dessen, was tierische Kognition wirklich bedeutet. Es schafft auch Filter in unserer Fähigkeit, den inneren Wert eines bestimmten Tiers, eines Individuums zu erkennen.

KOGNITION DES PFERDES

In der Natur ist ein Pferd ein kognitives Tier, weil das Leben in freier Wildbahn die kognitiven Fähigkeiten bewahrt. Die Wahrnehmung von Pferden wurde auch durch den Evolutionsprozess geprägt, sowohl durch Umweltherausforderungen als auch durch die komplexe soziale Dynamik der Pferde. Tatsächlich hat jede Spezies und jedes Individuum innerhalb dieser Spezies ihre eigenen kognitiven Fähigkeiten und Fertigkeiten. Fledermäuse und Spinnen haben zum Beispiel eine speziell entwickelte räumliche Wahrnehmung, die es ihnen ermöglicht, in ihrer Umgebung zu navigieren und zu jagen. In Animal Cognition in Nature (1998) geben Balda, Kamil und Peppenberg an:

Wir haben die Theorie, dass Tiere einfache Wesen sind, die nur auf Reize reagieren, passiv lernen und Konditionierungsprogrammen mechanisch folgen können, längst aufgegeben.

Calisto und Francesco entdecken gemeinsam ein Halfter.

Leider hat sich dieses Konzept in der heutigen Gesellschaft in Bezug auf Pferde und Pferdeartige noch nicht durchgesetzt. Denken Sie zum Beispiel an Situationen wie die, dass ein Pferd in einen neuen Lebensraum umzieht. Von vielen Pferden wird erwartet, dass sie sich sofort anpassen, ohne ihnen die Möglichkeit zu geben oder Möglichkeiten zu schaffen, diese neue Umgebung zu erkunden und kennenzulernen. Obwohl neue Orte voller Informationen für Pferde sind, sehen wir diese Elemente nicht als Lernmöglichkeiten. Aufgrund der Ablehnung dieses Dialogprozesses durch den Menschen leben viele Pferde in einer verschwommenen Realität voller Situationen und Beziehungen, an die sie sich gewöhnen, die sie aber nicht wirklich und vollständig verstehen können. Sogar der Sattel ist für die meisten Pferde ein unbekanntes Objekt.

Wir müssen nicht nur das Erkundungs-Bedürfnis des Pferdes anerkennen – etwa eine neue Umgebung –, sondern uns auch klarmachen, dass der Prozess der Informationsbeschaffung ganz dem Pferd gehört. Es kommt jedoch häufig vor, dass wir keine praktischen Ergebnisse sehen oder keinen konkreten Beweis für diesen Akquisitionsprozess haben, da eines der Merkmale des kognitiven Lernens die Latenz ist. Das Ergebnis des kognitiven Prozesses ist nicht immer unmittelbar erkennbar: Was verarbeitet wurde, kann später verwendet werden, und eventuell auch nur, wenn die Umstände dies erfordern. Selbst wenn es nicht möglich ist, die Ergebnisse dieses Ausarbeitungsprozesses sofort zu überprüfen, können wir Raum für Lernprozesse schaffen.

Dies ist ein Problem, das auch andere Tiere betrifft. Denk an eine Katze, die zum ersten Mal nach draußen geht. Zuerst sitzt sie an der Tür, auf der Schwelle zwischen ihrer sicheren Umgebung und dem Unbekannten, und nimmt sich Zeit, die Situation zu beobachten und sich ein Bild davon zu machen. Der menschliche Begleiter ist oft ungeduldig, weil er eine Handlung und ein Ergebnis sehen möchte. Er unterbricht deshalb diesen kognitiven Prozess und versucht, die Katze zum Rausgehen zu überreden. Wir müssen stattdessen lernen, solche Augenblicke des Lernens zu erkennen und zu respektieren.


Alles und jeder kann ein aktiver Teil einer Lernerfahrung und Beziehung werden. Jedes Element eines Kontextes, lebend oder nicht, kann ein Hauptdarsteller werden und die kognitive Karte dieses Augenblicks, dieses Lernens, dieser Beziehung bereichern.

KOGNITION UND WOHLBEFINDEN

Obwohl das Verständnis für die tierische Kognition ein wichtiges Thema und ein entscheidendes Element für die Förderung der Lebensqualität von Pferden ist, ist darüber noch wenig bekannt. Wir müssen den kartesischen und performativen Ansatz im wissenschaftlichen Kontext loslassen, da er zu reduktionistisch ist und oft im Dienst der Welt des Pferdesports steht: Dieser Ansatz konzentriert sich darauf, wie man ein Pferd trainiert und seine Leistung steigert, anstatt seine Wünsche richtig zu interpretieren und seine soziokognitiven Fähigkeiten zu bewahren. Gesundheit, Wohlbefinden und Kognition sind eng miteinander verbunden. Sprechen wir Pferden ab, ein Bewusstsein zu haben, oder ignorieren wir, dass sie kognitive Wesen sind, ignorieren wir ihr tiefes und angeborenes Bedürfnis zu verstehen, was um sie herum geschieht. Wir ignorieren, dass sie ihre Umgebung verstehen, ihre eigenen Erfahrungen machen und sich ausdrücken möchten. All dies zu vernachlässigen erzeugt Spannungen aus mentaler, emotionaler und physischer Sicht. Je länger wir die Pferdekognition aus einer anthropozentrischen – also einer auf den Menschen zentrierten – Perspektive betrachten, desto weniger können wir die reale emotionale, soziale und mentale Wahrnehmung des Tiers verstehen. Daher ist eine Analyse und Interpretation unter einem völlig neuen Gesichtspunkt erforderlich.

WAS IST EINE KOGNITIVE UMGEBUNG?

Pferde, die in einem sozialen Kontext und in einer angereicherten natürlichen oder naturnahen Umgebung leben, leben in einem Umfeld, das ihre Erfahrung und ihr Lernen in der Gesellschaft fördert, zu der sie gehören. Die Dynamik von Interaktion, Beobachtung und Informationsverarbeitung ist kontinuierlich: Sie wird auf der Weide, während eines Spaziergangs, in einem Augenblick des gemeinsamen Stillstehens und bei der Beobachtung der Wahrnehmung eines anderen Pferdes implementiert.

Wie bei anderen Arten haben auch Pferde, die in einem vertrauten oder familienähnlichen Kontext leben, ihre eigene kulturelle Übertragung. Die Tatsache, sich zu kennen, Augenblicke miteinander erlebt zu haben, und die Freiheit zu haben, sich auszudrücken, gibt Pferden aus einer Familie oder einer familienähnlichen Gruppe eine detaillierte Lesart, die es ihnen ermöglicht, auf Absichten des anderen zu reagieren, indem sie sich gegenseitig beobachten.

Es können sich auch verschiedene soziale Interaktionen entwickeln, wie etwa eine Vorkonfliktdynamik (in der ein Pferd sich zwischen zwei andere Pferde stellt, die kurz vor einem Konflikt stehen), affiliatives Verhalten (Verhalten, das den Gruppenzusammenhalt stärkt) und gemeinsame Entdeckungen. Sie berücksichtigen die soziale Dynamik und garantieren folglich einen kognitiven Kontext.

Pferde können Erfahrungen austauschen und voneinander lernen. Jüngere Pferde können lernen, indem sie Ältere und Erfahrenere beobachten. Ebenso kann ein erwachsenes Pferd von einem jüngeren lernen. Diese Dynamik wird als „soziales Lernen in einem soziokognitiven Kontext“ bezeichnet. Zusammenleben bedeutet in diesem Zusammenhang, Erfahrungen auszutauschen und verschiedene Ausdrücke zu lernen, in einer Art Dialog, in dem jede Beziehung einzigartig ist und sich ständig weiterentwickelt. Der Reichtum dieser Erfahrungen hängt von den einzelnen beteiligten Pferden ab. In ähnlicher Weise verringern sich die Bedingungen für soziokognitives Lernen, wenn die Umgebung zu dynamisch, zu wettbewerbsorientiert wird oder wenn es keine Elemente gibt, die das gemeinsame Erleben unterstützen. Erfahrungsaustausch ist entscheidend, um eine kognitive Umgebung zu schaffen, die die Möglichkeit bietet, sowohl den Kontext als auch einander besser zu verstehen. Das gilt nicht nur für ein junges Pferd, sondern für jedes Pferd und für jede Beziehung. Es ist jedoch auch wichtig zu verstehen, dass das Zusammenstellen mehrerer Pferde nicht automatisch bedeutet, dass ein sicheres soziales Umfeld geschaffen wird. Die meisten Pferde in unserer Gesellschaft haben keine familiären Bindungen oder familienähnlichen Gruppen in ihrem Lebensraum und wachsen nicht zusammen auf.

Ein Augenblick stiller Eintracht einer Gruppe von Konik-Junggesellenpferden in den Niederlanden.

ERHALTUNG SOZIOKOGNITIVER FÄHIGKEITEN

In demselben Umfeld zusammenzuleben ist nicht dasselbe, wie gemeinsam Erfahrungen in einem soziokognitiven Zusammenhang zu machen, insbesondere wenn kontinuierlich soziale Veränderungen stattfinden. In vielen Situationen sind Pferde eher damit beschäftigt, sich zu verteidigen, als sich gegenseitig kennenzulernen und zu verstehen. Der Mensch kann eine entscheidende Rolle dabei spielen, Bedingungen zu schaffen, unter denen die Tiere Erfahrungen austauschen können, beispielsweise durch das gemeinsame Erkunden eines Ortes. Viel zu oft sind Pferde stattdessen einer anderen Dynamik ausgesetzt. Pferdebesitzer betreten Koppeln und Paddocks meist, um ihr Pferd aus der Gruppe herauszuholen, statt dort Zeit mit dem Pferd zu verbringen und genau zu beobachten, in welcher Umgebung und in welcher Situation die Pferde leben.

Die Kognition von Pferden kann nur in einem Kontext garantiert werden, in dem ihre ethologischen Bedürfnisse respektiert werden und in dem sie ihre Persönlichkeiten und Wünsche ausdrücken können, ohne ständig Druck, Verstärkung, Konditionierung und menschlichen Anforderungen ausgesetzt zu sein. Dies allein reicht jedoch nicht aus.

Um Kognition und kognitive Strukturen zu schützen, müssen alle Elemente beseitigt werden, die zu reaktiven Erfahrungen führen können, wie z. B.:

•vorzeitiges Absetzen von Fohlen;

•soziale Isolation;

•unter Druck oder Leistungsangst leben;

•Verhaltenstraining;

•in einer unbekannten Gruppe leben, häufig umziehen bzw. häufige Veränderungen (auch mit gleichbleibenden Pferdepartnern);

•die Verwendung von Gebissen, Sporen, Hufeisen;

•kein Raum für explorative Augenblicke im Umgang mit dem Menschen;

•ergebnisorientierter menschlicher Monolog, ohne dass das Pferd sich subjektiv einbringen kann.

Kognitive Fähigkeiten zu bewahren, bedeutet, einen kognitiven Kontext sicherzustellen, in dem ein Pferd leben wird. Einen Kontext, in dem die spezifischen ethologischen Bedürfnisse der Pferde respektiert werden, wo sie sich aber auch selbst ausdrücken können, ihre Umgebung verstehen und wo sie nicht unaufhörlich in ihrer Interaktion mit Menschen Druck und Erwartungen ausgesetzt sind. Viele Pferde leben vom Moment der Geburt an in Stresssituationen. Das vorzeitige Absetzen von Fohlen, die soziale Isolation, das Leben in unbekannten und instabilen Gruppen, das Verhaltenstraining und der auf Leistung ausgerichtete Lebensstil des Menschen wirken sich erheblich auf die kognitiven Strukturen und die Gesundheit des Pferdes aus.

Da die soziale Kognition stark durch die Wahrnehmung jedes einzelnen Pferdes bedingt wird und von allen genannten Elementen abhängt, muss man lernen, sich in Pferde und in die Situation, in denen sie sich befinden, hineinzudenken. Wir müssen einen ganzheitlicheren Ansatz verfolgen, um eine Beziehungsdynamik zu verstehen, da diese mit einer Methode weder erfasst oder erreicht werden kann. Das wäre, als würde man eine Methode für eine glückliche Mensch-Mensch-Beziehung finden wollen.

Auch wenn viele sicher schon versucht haben, dies in einer Formel festzuhalten, muss jede einzelne Beziehung am Ende erlebt werden. Und genau darin liegt die Schönheit von Beziehungen. Jede gesunde Beziehung ist eine einzigartige Interaktion in ständiger Weiterentwicklung. Mit jeder neuen Erfahrung, wachsen die Beteiligten und erwerben neue Möglichkeiten, die Welt zu sehen und zu verstehen. Eine Beziehung, die auf Kognition beruht, kann in keinem Handbuch erklärt werden, als wäre sie eine Maschine oder eine mathematische Gleichung. Sie erfordert ein Bewusstsein für all die Variablen innerhalb der Beziehungsdynamik.

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203 s. 72 illüstrasyon
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9783840464942
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