Kitabı oku: «Das Herz der Natur»

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DIE 100 BEDEUTENDSTEN ENTDECKER

Über den Autor

Francis Edward Younghusband

(1863-1942) wurde in Indien in eine britische Militärfamilie hineingeboren und trat bereits mit 19 Jahren dem Militär bei. Younghusband war Mitglied der Royal Geographical Society und überquerte als erster Europäer den Karakorum. Zwischen 1889 und 1895 unternahm er mehrere Reisen nach Asien und wurde 1903 Leiter der britischen Tibet-Expedition, welche letzlich Lhasa eroberte. Ab 1906 war er britischer Gesandter in Kashmir bis er 1910 aus dem Militärdienst austrat.

Zum Buch

»Es galt, einen Weg zu erforschen, den vor mir kein Europäer betreten hatte.« Francis Younghusband

Francis Younghusband bestreitet die ihm anvertraute Tibet-Expedition mit einer Mischung von Forscherdrang und politischen Zielen. Der Marsch von Peking durch die Wüste Gobi und über den Himalaya bis nach Tibet endet in einem Massaker. Die Auswirkungen des Feldzugs auf Younghusband werden in Herz der Natur deutlich: Darin unternimmt er den Versuch, des Wesen der Natur zu ergründen, mit ihr in Verbindung zu treten und ihre wahre Schönheit zu erkennen. Ihn fasziniert die reiche Tier- und Pflanzenwelt Tibets in ihren Details ebenso wie im Gesamteindruck. Geographische Forschung und die Beschreibung der Naturschönheit gelten ihm als unzertrennlich.

Nach mehreren Reisen in Asien vertraut Lord Curzon, britischer Vizekönig in Indien, Francis Younghusband das Kommando über eine Expedition ins Innere von Tibet an. Die eigentlich diplomatische Mission endet in einer Invasion.

Durch überlegene Feuerkraft bahnt sich Younghusband ohne große Verluste seinen Weg bis in die geheimnisvolle „verbotene Stadt“ Lhasa. Hier richtet das Expeditionskorps ein Massaker unter den verteidigenden Mönchen an. Das Mysterium Lhasa ist entzaubert und die Reise hinterlässt Spuren bei Younghusband.

Schon immer war er von der Schönheit der Natur fasziniert gewesen, war Bergsteiger und fertigte auf seinen Reisen geschickt Skizzen von Flora und Fauna an. Nach seiner Rückkehr aus Tibet vollzieht sich eine spirituelle Wende. Das Herz der Natur bezeugt diese Veränderung durch präzise und gleichzeitig mystische Beschreibungen der Himalaya Region.


Sir Francis Edward Younghusband (Fotografie von 1905)

Francis Edward

Younghusband

Das Herz der
Natur

Natur und Geographie Tibets

1890 – 1906


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Copyright © by marixverlag GmbH, Wiesbaden 2014

Der Text wurde behutsam revidiert

nach der Ausgabe Leipzig, 1923

Lektorat: Dietmar Urmes, Bottrop

Covergestaltung: Nicole Ehlers, marixverlag GmbH

nach der Gestaltung von Nele Schütz Design, München

Bildnachweis: Landschaft im Himalaya von Dieter Schütz

eBook-Bearbeitung: Bookwire GmbH, Frankfurt am Main

ISBN: 978-3-8438-0393-9

www.marixverlag.de

INHALT

Vorrede

Einleitung


Erstes Kapitel Der Sikkim-Himalaja
Zweites Kapitel Das Tistatal
Drittes Kapitel Der Wald
Viertes Kapitel Die Bewohner des Waldes
Fünftes Kapitel Der Gesamteindruck
Sechstes Kapitel Der Kantschindschanga
Siebtes Kapitel Einsame Höhen
Achtes Kapitel Das Himmelsgewölbe
Neuntes Kapitel Schönheit daheim
Zehntes Kapitel Das Wesen der Natur
Elftes Kapitel Das Ideal der Natur
Zwölftes Kapitel Das Herz der Natur

Naturschönheit und Geographie Zwei Reden

Rede des Präsidenten der Königlichen Geographischen Gesellschaft auf der Jahresversammlung vom 31. Mai 1920

Rede im University-College in London am 17. März 1921

VORREDE

Der Wert von Wissen und Charakter ist uns hinlänglich eingeprägt worden. Über die Freiheit haben wir so viel gehört, dass wir sie als eigentliches Ziel betrachten und nicht als Mittel zum Zweck oder notwendige Voraussetzung. Schönheit hingegen betrachten wir fast als etwas typisch Feminines. Poesie, Musik und Literatur erscheinen dem gewöhnlichen englischen Schüler äußerst verdächtig, und er möchte sein Männlichkeitsideal mit nichts anderem teilen. Dennoch behauptet sich die Schönheitsliebe trotz aller Entmutigungen, und sie wird sich nicht unterdrücken lassen. Besonders die Schönheit der Natur besteht auf einem festen Platz in unserer Zuneigung, die sich ursprünglich aus der Liebe herleitet; wesentlich und untrennbar mit ihr verknüpft, gesteht die Schönheit der Natur lediglich der Liebe eine Vorrangstellung zu. Und sie verdient unsere großzügige Anerkennung, ist sie doch Wohltat und Erfrischung für unsere Seele.

Die genaue Beobachtung und anschauliche Beschreibung von Naturschönheiten ist zumindest ebenso notwendig für die Lebensfreude wie die Beschäftigung mit der Wissenschaft, der so viel Beachtung gezollt wird. Erstere beschäftigt sich nämlich mit dem Charakter, Letztere nur mit den Ursachen von natürlichen Phänomenen; und von diesen beiden ist der Charakter wichtiger. Es ist in der Tat an der Zeit, dass wir Engländer uns des Wertes von Naturschönheiten bewusster werden. Denn wir werden als Naturliebhaber geboren, und es gibt wohl keine poetischere Rasse als die unsere. Sobald unser Land sich von seiner besten Seite zeigt, etwa an einem Frühsommertag, ist es der wohl lieblichste Ort der Welt. Und wir ziehen von dieser unserer Inselheimat hinaus in jedes andere Land. Wir haben daher unvergleichliche Möglichkeiten, unzählige Arten von Naturgegenständen zu sehen. Indem wir die Natur in so vielen verschiedenen Aspekten betrachten und unsere Eindrücke miteinander vergleichen, sollten wir in der Lage sein, die Natur besser zu verstehen als irgendeine andere lebende Art. Und indem wir bereitwillig mit ihr in eine Gemeinschaft eintreten, sollten wir besser als andere erkennen, welche Schönheit in ihr wohnt.

Ich bin mir bewusst, dass ich selbst nur unangemessenen Gebrauch von den hervorragenden Möglichkeiten gemacht habe, auf all meinen Reisen die Schönheit der Natur zu sehen. Daher liegt mir um so mehr daran, dass alle, die mir nachfolgen, nicht durch ähnliche Unterlassung die gleiche Sünde gegen sich selbst und gegen unser Land begehen. Wir schulden es uns selbst und der ganzen Menschheit, unserer instinktiven Liebe zur Schönheit der Natur freien Lauf zu lassen und jede Neigung und Fähigkeit zu ihrer Wertschätzung einzuüben und zu vervollkommnen, bis wir schließlich ihre Pracht in allen Feinheiten erkennen können, von denen wir jetzt nur das erste schwache Glimmen erfassen.

Und sollte irgendein anderes Land uns an Wertschätzung voraus sein, dann steht es uns gut an, jenem Land nachzueifern und es womöglich zu übertreffen und zu lernen, die Natur besser zu verstehen und mehr Schönheit zu entdecken. Denn in der Liebe zur Schönheit der Natur und der Fähigkeit, mit ihr verbunden zu sein, müsste England eine herausragende Stellung einnehmen. Vor allen anderen Ländern sollte es dem Herzen der Natur am nächsten kommen.


Juni 1921 F.E.Y.

EINLEITUNG

Lasst Stadtkinder auf eine Wiese springen. Mit hellem Freudenruf stürzen sie sich auf die nächsten Blumen und pflücken sie. Heißhungrig pflücken sie Hände voll, Arme voll, als könnten sie nie genug bekommen. Sie sind genau wie Tiere, die in der Wüste zur Tränke stürzen. Sie löschen einen gewaltigen Durst ihrer Seele, den Durst nach Schönheit. Einige unter uns erinnern sich, wie wir in den Alpen oder im Himalaja zum ersten Mal Schneeberge erblickten. Wir rufen uns ins Gedächtnis zurück, wie unser Herz den Bergen entgegensprang, wie wir mit verhaltenem Atem staunten, wie unsere Augen sich gierig volltranken an dem herrlichen Schauspiel.

In Fällen dieser Art ist in der Naturerscheinung irgendetwas, das an etwas in unserem Wesen rührt. Etwas in uns stürmt dem Etwas in der Naturerscheinung entgegen. Eine verwandte Saite ist angeschlagen, eine Beziehung ist hergestellt. Es ist zum Zusammenklang zwischen uns und der Naturerscheinung gekommen. In der Blume, in dem Berg, in der Landschaft haben wir etwas erkannt, was wir in uns selbst wiederfinden. Eine leidenschaftliche Liebe zu der Naturerscheinung erfasst uns. Eine Verbindung findet statt. Unsere Seele vermählt sich der Seele der Naturerscheinung. Und im Augenblick dieser Verbindung wird die Schönheit geboren. Sie entspringt der Liebe, wie die Liebe selbst ihren Ursprung hatte in der Verbindung von Mann und Frau der Vorzeit.

Bei diesem Vorgang hängt alles von der Stimmung ab. Sind wir nicht in der richtigen Stimmung, so sind wir für Natureindrücke unempfänglich, und es bleibt stumm in uns. Wir kommen daher nicht zur Berührung mit der Natur. Darum sehen wir auch keine Schönheit. Sind wir dagegen feinfühlig und empfänglich gestimmt, sind unsere Gedanken nicht mit anderem beschäftigt, liegt unsere Seele den Eindrücken offen, die die Natur immerwährend auf sie niederträufeln lässt, dann antworten wir auf den Ruf der Natur. Wir fühlen uns mit ihr im Einklang, wir kommen zur Gemeinschaft mit ihr, und nun sehen wir die Schönheit.

Wenn wir in Stunden der Sorge und Betrübnis auf die Natur blicken, während sie gerade vor Licht und Heiterkeit strahlt, werden wir uns mit ihr nicht im Einklang finden, wir werden ohne Fühlung mit ihr sein und darum die Schönheit nicht schauen können.

In überquellender, froher Stimmung dagegen werden wir den Ruf der Natur außergewöhnlich empfänglich aufnehmen, und auch in einer knorrigen, entblätterten Eiche, in einer ärmlichen Alten an der Ecke einer armseligen Straße werden wir noch Schönheit finden können. Wenn in einer solchen Stimmung die Natur sich uns auch noch gerade in ihrem schönsten, strahlenden Licht zeigt, an einem Frühlingsmorgen etwa, wird die Schönheit, die wir dann erblicken, überwältigend groß sein, und wir werden uns, hingerissen von Freude, kaum zu fassen wissen.

Wir haben dann eine Übereinstimmung entdeckt zwischen dem, was in der Natur lebt, und dem, was in uns selbst lebt. Von der Betrachtung der Natur sind wir vor das Antlitz einer Macht geleitet worden, die größer ist als wir, jedoch uns gleicht; sie ruft die Gefühle hervor, die sich jetzt in uns regen. Wenn wir die Schönheit in der Natur erkennen, machen wir zugleich die Entdeckung, dass die Natur nicht bloß Körper ist, dass sie eine Seele hat oder eine Seele ist. Und die Freude in uns entspringt der Befriedigung, die unsere Seele im harmonischen Zusammenklang mit dieser Naturseele empfindet. Unsere Seele entdeckt die Wesensgleichheit in sich und in der Naturseele und empfindet Freude an dieser Erkenntnis.

Der Trieb zur Gemeinschaft aber mit unserer Art drängt uns, anderen das mitzuteilen, was wir selbst empfunden haben. Wir möchten den anderen erzählen, was wir gesehen und was wir erfahren haben.

Wir haben auch Sehnsucht danach, an der Freude teilzunehmen, die andere bei der Betrachtung der Natur gefühlt haben müssen. Wir möchten vor allem wissen und nachfühlen können, was jene empfunden haben, deren Seelen weit feinfühliger sind als die unsere, die großen Dichter, Maler, Musiker. Darum teilen wir unsere Gefühle anderen mit und darum suchen wir mit anderen die Verbindung, entweder unmittelbar oder durch Vermittlung der Bücher, der Bilder, der Tonschöpfungen, um von ihnen zu erfahren, was wir noch weiter suchen sollen, und um besser zu erkennen, wie wir es suchen sollen. Indem wir das tun, wird unsere Seele empfänglicher für die Eindrücke, die von der Natur ausgehen; wir werden fähiger, diese Eindrücke wiederzugeben. Unser Sehvermögen nimmt zu. Unser seelisches Auge kommt zu schärferem Einblick, zu tieferem Schauen in die Seele der Natur. Wir können uns inniger in den Geist der Natur einfühlen, und leichter findet dieser Geist Eingang in uns. Wir gelangen zu vollkommenerem Einvernehmen mit der Natur, zu innigerem Zusammenklang mit ihr und sehen darum ein Mehr an Schönheit.

Wir sehen das, was die Natur tatsächlich ist. Wir sehen die Wirklichkeit hinter der Erscheinung, den Gehalt, den die Außenform umschließt. Für den Augenblick haben wir es nicht mit dem Ursächlichen der Natur, sondern mit ihrer Wesensart zu tun. Wir sehen das »Ich« hinter der äußeren Erscheinung. Und wenn wir Mitempfinden und Verständnis genug besitzen, wenn uns wirkliche Einfühlung in die Seele der Natur gelingt, so werden wir hinter ihrem gewöhnlichen Alltags-Ich ihr wahres Ich erblicken, ebenso wie die wenigen, die von einem Großen vertrautere Kenntnisse haben, den wahren Menschen erblicken hinter dem Mann, wie er der Allgemeinheit erscheint – den wahren Beaconsfield oder Kitchener hinter dem Beaconsfield oder Kitchener der Tagespresse. Und in dem Maß, wie wir mehr von diesem wahren Ich der Natur erkennen und es uns besser gelingt, in harmonischen Zusammenhang mit ihr zu kommen, werden wir auch höhere Schönheit in ihr erblicken.

Ist unsere Seele klein und armselig, so werden wir mit der großen Naturseele nur wenig Gemeinsames besitzen und infolgedessen auch nur eine oberflächliche Schönheit sehen. Haben wir eine große Seele, so wird mehr Gemeinsames zwischen uns bestehen, und wir werden mehr Schönheit erkennen. Um aber zum vollen Verständnis der wahren Natur zu gelangen, müssen wir sie unter jedem Gesichtspunkt betrachten und sie von allen Seiten sehen.

So nur werden wir ihr wahres Selbst erfassen und ihre volle Schönheit schauen können. Ihr Bild aber und die Gesichtspunkte, unter denen es zu betrachten ist, wechseln so unaufhörlich, dass auch der Größte unter uns verzagt. Je mehr wir von der Natur sehen, desto mehr, entdecken wir, gilt es in ihr zu begreifen.

Und je tiefer wir sie erfassen und mit ihr Zwiesprache halten, desto mehr Schönheit gilt es zu schauen. Aber zu vollem Verständnis der Natur zu gelangen, ihre ganze Schönheit zu schauen, geht über die Befähigung von uns Sterblichen hinaus.

Dennoch treibt es uns, fort und fort danach zu streben, dass wir so viel sehen wie nur möglich. Auf den folgenden Seiten soll versucht werden zu zeigen, wie sich noch mehr Schönheit in der Natur entdecken lässt.

Oft habe ich im Himalaja zugeschaut, wie ein Adler über mir kreiste. Ich habe am Berghang gesessen und seinen hoheitsvollen Segelflug verfolgt, die vollendete Leichtigkeit und Ausgeglichenheit in seinem anmutsvollen Kreisen und Schwingen. Himmelhoch über der Erde zog sein Flug, und scheinbar mühelos glitt er über Landstriche hinweg, die zu betreten uns armen Menschenwesen nur durch ungeheure Kräfteanspannung möglich wäre. Von der Anmut seiner Bewegungen gefesselt, um seine Freiheit ihn beneidend, konnte ich ihm stundenlang zuschauen. Und diesem Adler – ich konnte es an der Höhe und der Entfernung sehen, aus der er immer niederstieß auf seine Beute – war neben seiner Bewegungsfähigkeit eine Sehkraft von unerreichter Schärfe gegeben.

So eigneten also diesem Vogel Möglichkeiten, die Erde zu sehen und was auf ihr ist, wie sie keinem Menschen, nicht einmal einem Fliegen zuteilwerden. Nach Belieben konnte er über die höchsten Bergketten hingleiten, nach Belieben konnte er über den lieblichsten Tälern schweben. Nach Belieben konnte er sich auf irgendeinem Punkt niederlassen und die Dinge ganz in der Nähe betrachten. An einem einzigen Tag konnte dieser eine Adler die größten landschaftlichen Schönheiten der Welt geschaut haben – das höchste Gebirge, die abwechslungsreichsten Wälder, dicht bevölkerte Niederungen ebenso wie kahle und weite Ebenen, Völkerschaften, Tiere, Vögel, Insekten, Bäume, Blumen, alles von der mannigfaltigsten Art. An einem Tag und im gewohnten Verlauf seines Kreisens und Schwebens mochte er gesehen haben, was Menschen vom anderen Ende der Welt zu schauen kommen, befriedigt, wenn sie nur den hundertsten Teil dessen erblicken, was der Adler alle Tage sehen kann.

Von seinem Berghorst im oberen Sikkim mochte er gesehen haben, wie im Morgenrot die Schneegipfel des Kantschindschanga aufglühten und in weiter Ferne der Mount Everest. Im Aufsteigen mochte der Adler dann über die volkreichen Ebenen Indiens hinausgeschaut haben und die Ströme erblicken, die wie Silberstraßen vom Himalaja hinabfließen, um weit in der Ferne sich mit dem Ganges zu vereinigen, der mächtigen Mutter. Dann mochte sein Auge über die endlosen Wälder hin schweifen, die die Ebene am Fuß der Berge, von Nepal bis Bhutan und Assam, wie in einen dichten, grünen Mantel hüllen und die von der Ebene aus sich über die Berghänge hin aufwärts nach der Höhe zu ausbreiten und bis dicht an die Grenze des ewigen Schnees reichen. Über diese ungeheuren Wälder mit ihrem Reichtum an Bäumen und anderen Pflanzen, an Tier- und Insektenleben von tropischer, gemäßigter und alpiner Art mochte der Adler schweben und dann, wenn er die Wasserscheide des Himalajas überflog, auf die baumlose, offene, wellige, fast unbewohnte Ebene von Tibet hinausschauen und in der Ferne den gewaltigen Brahmaputra erblicken, der nach einem Lauf rund um Bhutan herum den Himalaja scharf durchbricht und, sich nach Westen wendend, ebenfalls in den Ganges mündet.

In der ganzen Welt ist kein wundervolleres Natur- und Landschaftsbild zu finden. Unser Adler könnte dies alles ohne sonderliche Anstrengung in einem einzigen Tag sehen, mit einer Schärfe und Deutlichkeit, wie es kein Mensch vermag. Aber wie scharf auch sein Auge sein und wie weit es reichen mag, in diesem ganzen so herrlichen Gebiet würde der Adler nicht eine einzige Schönheit erblicken. Weder im Sonnenaufgang noch in den schneebedeckten Bergen noch im üppigen Tropenwald, nicht in den Blumen, den Vögeln, den Schmetterlingen, nicht in den Menschen und Tieren, und auch nicht in den Sturzbächen und Abgründen würde der Adler irgendwelche Schönheit sehen. Für ihn wäre das Gebirge nichts als ein Umriss, die Wälder wären ein grüner Fleck, die Ströme weiße Striche und die Tiere nur eben Einzelheiten seiner Nahrung. Viel würde der Adler erblicken, aber die Schönheit würde er nicht schauen.

Vielleicht werden wir verstehen, wie es kommt, dass der Adler bei so unbegrenzten Möglichkeiten keine Schönheit wahrnimmt, wenn wir ein Mücklein betrachten, das den Körper eines Menschen umschwirrt. Die Mücke steht ungefähr im selben Größenverhältnis zum menschlichen Körper wie der Adler zum Körper der Erde. Sie erblickt bei ihrem Schwirren unendliche Strecken des menschlichen Körpers; sie sieht die Gesichtszüge, die Nase, das Auge, den Mund; sie sieht den Rumpf und die Glieder und das Haupt. Aber selbst im schönsten aller Menschen würde sie keine Schönheit erkennen. Sie würde sie darum nicht erkennen, weil sie keine Seele hätte, um den seelischen Ausdruck zu deuten. Sie könnte die Züge des Menschen umschwirren, wenn gerade das Lächeln auf seinen Lippen, das Leuchten der Begeisterung in seinen Augen den höchsten Aufschwung der Seele kündete, aber die Mücke sähe in jenen Zügen keine Schönheit, weil sie die Seele nicht hätte, um sich in die Menschenseele einzufühlen und den Ausdruck auf dem Menschenantlitz zu erfassen. All die kleinen Schattierungen und Abstufungen, das Hell und Dunkel in den Zügen des Menschen wären für die Mücke völlig ohne Sinn, weil sie nichts von seiner Seele wüsste, von der die Gesichtszüge und ihr wechselvolles Spiel nach außen Kunde geben. Die Mücke wüsste nichts von der Wirklichkeit, die hinter der Erscheinung des Menschen verborgen liegt.

Der Adler verhält sich gegenüber den charakteristischen Zügen der Natur genauso wie die Mücke gegenüber den Gesichtszügen des Menschen. Er sieht nur die leere äußere Erscheinung der Natur und er erkennt nicht den Sinn in ihren Zügen. Er hat keine Seele, die mit der ihren sich berühren und die so verstehen könnte, was in ihren Zügen zum Ausdruck kommt. Für ihn ist das zarte Hell und Dunkel, der leichte Ausdruckswechsel auf ihrem Antlitz ohne Sinn. Er sieht nur die Erscheinung und erkennt nichts von der Wirklichkeit dahinter. Er hat keine Seele, die sich mit der Naturseele zu vereinigen vermöchte. Darum sieht er keine Schönheit.

Nun aber angenommen, es befände sich zufällig unter all den Mücken, die einen Menschen umschwirren, eine Mücke von ganz besonders feinfühligem Wesen, eine Mücke, die zwischen sich selbst und dem Menschen eine grundlegende Lebensübereinstimmung, eine Gleichartigkeit des Fühlens, des Gemütslebens und des Strebens zu erkennen vermöchte und die durch das Erkennen des Gleichartigen in ihnen beiden dem innersten Sinn und Wesen des Menschen nahezukommen imstande wäre: Dann wäre eine solche Mücke imstande, den wechselnden Ausdruck des Menschenantlitzes zu erfassen und beim Erfassen dieses Ausdrucks auch seine Schönheit zu sehen.

Von einem Adler dürfen wir nicht erwarten, eine genügend empfindliche Seele zu haben, die es ihm ermöglichte, sich in die Seele der Natur hineinzufühlen, die Natur zu begreifen und ihre Schönheit zu schauen. Aber was vom Adler nicht zu erwarten ist, das dürfen wir vom Menschen erwarten. Wir können erwarten, dass ein Künstler erscheint, der für die Erde das sein wird, was die Künstlermücke für den Menschen war.

Der Mensch vermag sich einigermaßen in die Seele der Natur einzufühlen. Etwas Verständnis hat er für die Natur. Er erkennt Schönheit, und sooft er sie in der Natur erblickt, hat er Berührung mit der Seele der Natur. Selbst Durchschnittsmenschen sehen einiges von der Schönheit der Natur und haben ein Gefühl von Verwandtschaft mit ihr. Ihre Seele hat etwas mit der Naturseele gemein. Sie empfinden zwischen sich selbst und der Natur mehr Gemeinsames, als dies eine Mücke in Hinsicht auf einen Menschen vermag.

Dieses Gefühl einer Verwandtschaft mit der Natur ist in einem Menschen von der feinen Empfindlichkeit des Künstlers – des Malers, Dichters oder Musikers – hoch entwickelt. Er nimmt der Natur gegenüber eine ähnliche Stellung ein wie jene feinfühlige und höher entwickelte Künstlermücke dem Menschen gegenüber, jene Mücke, deren Verstehen des innersten Wesens des Menschen und seines Charakters ihr seine Züge erkennen und seine Schönheit schauen ließ.

Was uns Durchschnittsmenschen obliegt, was wir vor allem von solchen verlangen möchten, die mit besonders feinfühliger Seele begabt sind, ist: sich vor Augen zu halten, welche Schwierigkeiten für die Mücke bestehen, uns zu begreifen und irgendeine Schönheit in uns zu sehen – wie jene ihre Fähigkeiten schulen und pflegen müsste, ehe sie jemals hoffen könnte, den Ausdruck unserer Züge zu erfassen; dies im Auge zu behalten und dann uns selber in die Hand zu nehmen und die Seele in uns zu entwickeln, bis sie reif genug und groß genug ist, sich in die große Seele der Natur zu versenken.

Der Schönheitssinn, den wir alle in einem, wenn auch geringen Maß besitzen, ist an sich schon ein Beweis für eine geistige Wirklichkeit, die hinter der äußeren Erscheinung der Natur sich erhebt – ein »Ich« –, ebenso wie hinter der äußeren Erscheinung des Menschen, wie sie der Künstlermücke erschien, das Ich dieses Menschen stand. Und indem wir diesen Sinn pflegen, indem wir also unsere Befähigung entwickeln, tiefer in das Herz der Natur zu schauen, mehr Sinn und vertiefte Bedeutung in jeder Schattierung ihres wechselnden Mienenspiels zu erkennen, verständnisvoller zu lesen, was in der Tiefe ihrer Seele vorgeht, werden wir uns in den Stand setzen, die Schönheit der Natur voller und reicher zu schauen.

Erwartungsvoll sehen wir dem Erscheinen eines großen Künstlers unter uns entgegen. Die ihm angeborene besondere Feinfühligkeit der Seele wird er mit bewusster Überlegung erhöhen und steigern, die Erfahrungen anderer wird er kennenlernen, seine Erlebnisse mit den ihren vergleichen und er wird sich schulen, die Bedeutung jeder noch so leichten Andeutung zu erspähen, die die Natur von den Äußerungen der Seele in ihrem Inneren gewährt. Und schließlich wird er das Verwandte seines Fühlens mit dem der Natur erkennen und, von tiefer Leidenschaft für sie erfasst, sich ihr gänzlich hingeben, mit ihr sich vermählen, und in der Verbindung mit ihr Schönheit von überreicher Fülle und Kraft erzeugen.

Wir harren eines Künstlers, dessen Seele würdig ist, der Natur sich zu vermählen. Schwächliche seichte Künstler werden nicht viel mehr von der Natur wahrnehmen können als die Mücke von einem Menschen. Was uns nottut, ist ein Mann, wie es Julian Grenfell war, von seiner Körperbeschaffenheit, von seiner strotzenden Gesundheit und Lebensfreude, voll von tiefem Verständnis, dichterischer Kraft und Phantasie, erfüllt von Liebe zu den Tieren und zu seinen Mitmenschen, begabt mit Geschicklichkeit, körperlicher Tüchtigkeit und frohem Mut. Wir brauchen einen Mann, der Gelegenheiten nutzen kann, wie sie Grenfell hatte, der von Kindheit an, in London und auf Landsitzen, mit Menschen jedes Standes und aller Schichten verkehrte, mit Staatsmännern, Militärs, Künstlern, mit Freunden der Jagd und des Rennsports, mit Schuljungen, Studenten, Literaten, Jagdhütern, mit alter vertrauter Dienerschaft, kurz, mit Menschen jeder Art und jedes Standes. Wir brauchen einen Mann, der mit solcher Eignung auch die Eigenschaften eines Darwin verbände – seine Liebe zur Naturwissenschaft, seine Fähigkeit zu scharfer und genauer Beobachtung, seine geniale Befähigung, aus seinen Beobachtungen richtige Schlüsse zu ziehen, seine umfassende Kenntnis der Natur in ihren vielgestaltigen Äußerungen, seine verständnisvolle Einstellung jeder Pflanze und jedem Tier gegenüber und schließlich sein warmherziges liebevolles Wesen im ganzen Verkehr mit den Menschen.

Wir brauchen, kurz gesagt, einen Naturforscher-Künstler – eine Vereinigung von Julian Grenfell und Darwin. Dies wäre durchaus keine unerhörte, vielmehr eine äußerst wahrscheinliche und passende Vereinigung. Denn Julian Grenfell schuf große Dichtungen sogar in den Schützengräben Flanderns zwischen den beiden Ypernschlachten. Und bei seiner Liebe zum Landleben, zum Fischen und Jagen hätte seine Neigung sehr leicht der Naturgeschichte zugewendet werden können. Wäre es geschehen und hätte sich die Gelegenheit geboten, so hätten wir vielleicht gerade den Naturforscher-Künstler bekommen, auf den wir jetzt warten. Er hätte die körperliche Tüchtigkeit und Fähigkeit zum Ertragen von Strapazen gehabt, die das Bereisen jener Teile der Erde erfordert, in denen die Schönheit der Natur am größten ist, er hätte die Feinfühligkeit der Seele besessen, um Eindrücke aufzunehmen, und dazu die Fähigkeit des Ausdrucks, damit andere teilhaben können an dem, was er empfunden hat. Nach der anfänglichen Zeit der Jagd auf Vögel und vierfüßige Tiere hätte er das lohnendere Stadium der Beobachtung der Tierwelt erreicht, und er hätte an die Beobachtung ihrer Lebensgewohnheiten und ihrer Lebensweise die gleiche Geschicklichkeit, das gleiche scharfe Unterscheidungsvermögen gewendet wie bei der Jagd auf sie. Bei seiner angeborenen echten Liebe zur Tierwelt hätte Grenfell als Naturforscher recht wohl ebenso bedeutend werden können, wie er es als Sportsfreund und als großer Dichter schon war.

Des Kommens eines solchen Naturforscher-Künstlers harren wir. Wir müssen ihm jedoch den Weg bereiten und an unserem Teil mithelfen, ihn hervorzubringen. Dabei mitzuwirken, soll mein Bestreben sein, denn das Schicksal wollte es, dass ich gesegnet war mit Gelegenheiten – die ich teils selbst geschaffen, teils geboten erhielt –, wechselvollere Bilder zu sehen, als es sonst den meisten Menschen beschieden ist. Ich denke mit Beschämung daran, welch schwachen Gebrauch ich von diesen Gelegenheiten gemacht habe, wie wenig ich vorbereitet und geschult war, sie möglichst auszunützen. Das eine aber vermag ich wenigstens zu tun: Ich kann den kommenden Künstler auf jene Gegenden der Erde hinweisen, wo sich ihm die Wahrscheinlichkeit bietet, die Schönheit der Natur in vollster Entfaltung und im reichsten Wechsel zu schauen.

In dieser Absicht will ich mit dem Sikkim-Himalaja beginnen, den der Adler überflog, denn er bietet auf kleinem Raum ein wahres Handbuch der Natur. Unmittelbar aus den Ebenen Indiens aufsteigend, eigentlich noch in den Tropen, erhebt sich dieses Gebirge hoch über die Grenze des ewigen Schnees hinaus. Seinen Fuß überzieht eine üppige Pflanzendecke von wahrhaft tropischer Art, und diese Pflanzendecke erstreckt sich durch alle Zonen, von der tropischen über die gemäßigte zur polaren. Ebenso ist es mit den vierfüßigen Tieren, den Vögeln und den Insekten. Hier findet man auch Vertreter der Menschen aller Klimate. In ähnlicher Weise bewegt sich die Art der Landschaft zwischen Ebene und Hochgebirge. Brausende Sturzbäche gibt es und breite, beschaulich fließende Ströme. – Der Sikkim-Himalaja, der nach der einen Seite auf die Ebenen Indiens, nach der anderen auf die Steppen Tibets hinabschaut, ist zum Studium der Schönheit in der Natur das geeignetste Gebiet, das ich kenne.

Aber in Kaschmir und hinter Kaschmir, im mächtigen Karakorumgebirge, gibt es Schönheiten, die in Sikkim nicht zu finden sind. Und die Wüste wiederum bietet Schönheiten, die weder Sikkim noch Kaschmir aufzuweisen haben. Darum muss ich den Künstler auch in diese Gebiete führen.

Sikkim und Kaschmir wähle ich, weil es leicht zugängliche Gebiete sind. In sie können Menschen, die nach Schönheit dürsten, immer wieder zurückkehren, bis sie von der diesen Gebieten eigenen Atmosphäre gesättigt sind und ihr innerstes Wesen in sich aufgenommen haben, bis ihnen klar geworden ist, in welch hohem Maß die Züge dieser Landschaften Empfindungen ausdrücken, für die sie nach Ausdruck ringen – ihr Streben nach dem Höchsten und Reinsten, ihr Sehnen nach Ruhe, ihr beglücktes Sichfreuen an Wärme und Zuneigung, oder welche Empfindung sie immer bewegen mag. Tausende von Engländern, fein gebildete Inder und Reisende aus der ganzen Welt besuchen alljährlich den Himalaja, einige des Sports, andere der Gesundheit, noch andere gesellschaftlicher Genüsse wegen. Unter ihnen befindet sich vielleicht unser Naturforscher-Künstler, den Jahr um Jahr seine Liebe zur Schönheit der Natur nach Sikkim und Kaschmir zieht, der dadurch das wunderbare, vielgestaltige Bild der Natur kennenlernt, wie es in jenen begnadeten Gegenden zu schauen ist, und der so zu immer mehr sich vertiefender Gemeinschaft mit der Natur gelangen würde, Jahr um Jahr mehr Schönheit in ihr erblickte und den Genuss, den er gehabt hatte, uns übermittelte.

Aber der Bereich der Schönheit der Natur schließt sehr viel mehr ein als nur das Landschaftsbild. Er umfasst die Schönheit aller Gegenstände der Natur, der Männer und Frauen ebenso wie der Berge, Tiere und Pflanzen. Darum muss der Künstler auch diese in seinen Bereich einbeziehen. Seine Liebe zur Natur, folglich auch seine Fähigkeit, ihre Schönheit zu sehen, wird umso gesicherter sein, wenn er mit Kopf und Herz sich seine endgültige Vorstellung von der Natur bildet – die Vorstellung, heißt das, die für den Augenblick gültig ist, denn kein Mensch ist jemals zu einer wirklich endgültigen Vorstellung von der Natur gelangt, und keiner kann je dazu gelangen. Darum wird der Künstler dann und wann innehalten, um sein Bild von der Natur im Licht der reinen Vernunft zu überprüfen. Denn er wird sich wohlbewusst sein, dass weder Liebe noch Schönheit vollkommen sein können, wenn nicht die Wahrheit sie erhellt. Diese drei beieinander vereinigt zu behalten, wird sein stetes Bemühen sein.

ERSTES KAPITEL
DER SIKKIM-HIMALAJA

Der Sikkim-Himalaja ist ein Gebiet, das zum ersten Mal eingehender bekannt wurde durch die Schriften Sir Joseph Hookers, des bedeutenden Naturforschers, der es im Jahr 1848 besuchte. Es liegt unmittelbar im Osten von Nepal und kann jetzt mit einer Bahn erreicht werden, die auf dem Weg nach Darjeeling den äußeren Höhenzug ersteigt. Es ist das Quellgebiet des Tistaflusses, in dessen Haupttal eine Eisenbahn eine kurze Strecke weit aufwärtsführt; es ist daher leicht zugänglich. Für die Zwecke des vorliegenden Buches genügt die Annahme, dass es das flache offene Waldland und den grasbedeckten Strich unmittelbar am Fuß des Gebirges einschließt, der als Terai bekannt ist. Es liegt nur wenig über hundert Meter über dem Meeresspiegel, sodass die Steigung von dort bis zum Gipfel des Himalajas fast 8700 Meter auf etwa 110 Kilometer beträgt. Der tiefere Teil wird vom 26. Breitengrad durchzogen; daher herrscht dort tropische Hitze. Da ferner das Gebiet innerhalb der Bahn des vom Bengalischen Meerbusen her wehenden Monsuns liegt, macht sich in den Ebenen und in den tiefer liegenden Tälern nicht allein große Hitze geltend, sondern auch große Feuchtigkeit. Die Abhänge des Gebirges überzieht infolgedessen ein üppiger Pflanzenwuchs.

Um in dieses wunderbare Gebiet einzutreten, muss der Reisende zuerst den Ganges überschreiten, den heiligen Strom der Hindus. Große Ströme umgibt ein ganz eigener Zauber. Sie rufen in uns ein Gefühl von Ewigdauerndem, Unwiderstehlichem hervor. Über eineinhalb Kilometer breit, als tiefe, majestätische Flut, strömt der Ganges aus fernen Weiten heran, in ferne Weiten hinaus, endlos fort und fort, aus Zeitenschoß in Zeitenschoß – so gewaltig an Tiefe und Fülle, dass ihm nichts Menschliches widerstehen kann. In der trockenen Jahreszeit, bei niedrigem Wasserstand und im Sonnenglanz ist er mild und ruhevoll, sein Antlitz lächelnd und hell. Stattliche Tempel, inmitten heiliger Haine und anmutiger Palmen, blinken an den Ufern. Auf den breiten Stufen der Badetreppen sind Mengen frommer Beter versammelt in Gewändern, die in allen Farben leuchten. Der Strom erscheint gütig, heiter und Leben spendend. Seine Gewässer und sein befruchtender Schlamm haben die Armut so mancher unfruchtbaren Scholle in Fülle verwandelt, und die Bewohner seiner Ufer wissen es wohl, dass er dem heiligen Himalaja entspringt.

Jedoch nicht immer ist der Ganges so huldreichen Wesens, nicht immer erscheint er so freundlich. Zur Regenzeit geht Schrecken von ihm aus. Am Himmel jagen schwarze, gewitterhafte Wolken tagelang, wochenlang dem Gebirge zu. Von der Sonne ist kein Schimmer zu erblicken. Der Regen stürzt als Sintflut herab. Der Strom schwillt noch weiter an durch die Schneeschmelze auf dem Himalaja, und nun wälzt er sich düster und zornmütig heran. Immer höher steigt er zwischen seinen Ufern, er nagt an ihnen und droht, über sie hinauszufluten und weithin Tod und Zerstörung zu tragen. Die Menschen wandeln nicht mehr zu ihm hinab. Sie schaudern vor ihm zurück. Unruhig beobachten sie ihn, bis sich das Ungestüm seiner Kraft erschöpft hat und bis er wieder zur gewohnten wohltätigen Erscheinung geworden ist.

Kein Wunder, dass solch ein Strom als heilig gilt. Für die einfachen Leute aus dem Volk ist er buchstäblich ein lebendes Wesen, und zwar ein Wesen, das sich günstig stimmen lässt, ein Wesen, das ihnen schaden kann, wenn sie es reizen, und ihnen wohltun kann, wenn sie sich ihm angenehm machen und ihm geben, was es verlangt. Den geistig höherstehenden Hindus ist der Strom ein Gegenstand höchster Verehrung. Können sie in seinen Gewässern baden, so werden ihre Sünden fortgespült. Kann nach dem Tod ihre Asche auf seinen breiten Spiegel gestreut werden, so ist ihnen ewige Seligkeit gewiss. Vielleicht von den frühesten Tagen der Menschheit an, seit Hunderttausenden von Jahren, mögen an seinen Ufern Menschen gewohnt haben. Denn in den Wäldern längs großer Ströme, in einem warmen, gleichmäßigen Klima müssen die Menschen der Vorzeit gelebt haben. Auf seine Wasser werden sie ihre Kanus hinabgelassen haben, und sie werden ihn als ihren einzigen Verbindungsweg untereinander benutzt haben. Immer werden sie voll Liebe und ehrfurchtsvoller Scheu auf ihn geblickt haben. Neben der Sonne wird ihm als der größten Naturerscheinung ihre Aufmerksamkeit gegolten haben. Unmerklich muss der Anblick der immerwallenden Flut tiefen Einfluss auf sie geübt haben.

Diesen Strom, so wie sie ihn den größten Teil des Jahres hindurch schauten, müssen sie lieben gelernt haben. Vor dem Anblick seiner zerstörenden Kraft mochten sie wohl eine Zeit lang in banger Scheu zurückschrecken, aber mit dem Fallen der Flut, als der Strom wieder in lächelnder Ruhe friedlich an ihnen vorbeizog, war das alles vergessen.

Darum fliehen ihn die Menschen auch nicht. Sie sammeln sich um ihn. Sie erbauen große Städte an seinen Ufern und kommen von weither, ihn zu schauen. Alljährlich wallfahren sie zu Tausenden an die Stelle, wo er aus dem Himalaja heraustritt. Und selbst bis zu seinen Quellen dringen sie, weit dahinten, hoch oben in den Bergen.

Auch dem Aufgeklärtesten sollte der Ganges ein Gegenstand der Ehrfurcht sein, um seines Alters, seiner Zukunft und seiner Macht willen. Vom Spiegel des Bengalischen Meerbusens steigen unter dem Einfluss der Sonnenwärme Wasserdampfteilchen in die Atmosphäre auf. Luftströmungen tragen sie Hunderte von Kilometern weit über das Meer und über die Ebenen Bengalens hin, bis die Kälte der Himalajaberge sie sich verdichten und als Schnee und Regen niederfallen lässt. Einige indes werden weitergetragen. Sie werden in einer Höhe von mindestens 6000 Metern über den Himalaja hinweg befördert, bis sie schließlich in Tibet sich niederschlagen. Es ist eine auffallende Tatsache, dass ein Teil des Wassers im Ganges von tibetischen Flüssen stammt, die sich ihren Weg quer durch die gewaltige Gebirgskette des Himalajas gebrochen haben. Der Arunfluss zum Beispiel entspringt in Tibet und durchschneidet den Himalaja in einer tiefen Schlucht in der Gegend zwischen Mount Everest und Kantschindschanga. Diese Flüsse sind nämlich weit älter als die Berge. Ehe der Himalaja emporgehoben wurde, strömten sie schon in ihrer Bahn und höhlten ihr Bett immer tiefer, während die Berge aufstiegen und sie langsam überragten.

Ehrfurcht gebührt daher dem Ganges um seines in der grauen Vorzeit wurzelnden Alters willen. Ehrfurcht gebührt ihm, weil er auch in der Zukunft so fortströmen wird wie jetzt, durch Hunderttausende, vielleicht durch Millionen von Jahren hin. Um und um, in nie rastendem Kreislauf wird das Wasser aus dem Meer emporgehoben, es wird in den Wolken fortgetragen, fällt auf die Berge nieder und sammelt sich im Ganges, um wiederum in das Meer zu fließen. Der Strom mag alljährlich seinen Lauf ändern, indem er sich erst ins eine, dann ins andere Ufer hineinnagt. Aber fort und fort wird er strömen, so weit in die Zukunft hinein, wie menschliche Voraussicht zu reichen vermag.

Und seine Macht, dem einfachen Menschen, zeitweise selbst uns, so schreckenerregend, wird sich mehr und mehr zu einer Gutes schaffenden Kraft wandeln. Schon sind große Kanäle von dem Hauptstrom und seinen Nebenflüssen abgezweigt worden; seine Flut hat Millionen Morgen Land bewässert und dadurch reiche Ernten an Weizen und Reis, an Baumwolle, Zuckerrohr und Ölpflanzen hervorrufen helfen. Es werden Pläne erwogen, das Gefälle des Wassers auf dem Weg durch das Gebirge auszunutzen durch Umwandlung in elektromotorische Kraft, um Eisenbahnen zu betreiben und Kraft für große Industrien zu erzeugen. Wieder einmal mag der Flusslauf zur Verbindungslinie werden, wenn Wasserflugzeuge in Aufnahme kommen, die von Stadt zu Stadt fliegen und auf dem Strom niedergehen.

Wenn wir so zur Erfassung der vollen Bedeutung des Stromes gelangen, bleibt uns der Eindruck seiner ewigen Dauer und seiner unwiderstehlichen Gewalt. Aber unsere Furcht vor ihm ist geringer. Er ist, das fühlen wir, zu gemeinsamer Arbeit mit uns bereit, er ist fähig, sich behandeln und leiten zu lassen. Seine Macht ist in der Hauptsache nicht zerstörend, sondern wohltätig. Fast unerschöpflich ist sein Vermögen, Pflanzen, Tieren und Menschen zu helfen; er ist uns ein Freund und er ist bestrebt, uns zu helfen.

Mit vollem Recht haben die Hindus ihn von jeher verehrt. Ihre Verehrung mag, bei der Üppigkeit der Tropen, sich zum Übermaß entwickelt haben; das unbewusste Gefühl jedoch, das ihr zugrunde lag, war durchaus gesund. Der Strom birgt in seinem Schoß Eigenschaften von hoher Leben spendender Kraft, und in seiner Verehrung brachten die Hindus, halb unbewusst, das Gefühl ihrer Abhängigkeit von diesen Leben spendenden Eigenschaften zum Ausdruck, wie auch ihrer Anhänglichkeit und ihrer Dankbarkeit für die Wohltaten, mit denen der Strom sie bedachte.

Nur Furcht vor seiner Zerstörerart, das Furchtgefühl allein, würde ihren Drang zur Verehrung nicht wecken. Sie fürchteten den Strom und sie fürchten ihn heute noch, aber hinter der Furcht steht das Gefühl, dass er dem Menschen günstig gestimmt werden kann, dass er zur Hilfe veranlasst werden kann, dass er nicht mit Willen des Menschen Tun durchkreuzt. Und darin hatten sie vollkommen recht. Wir lernen endlich, wie es zu machen ist, und sehen jetzt klar, was die Hindus nur unklar empfanden: dass des Stromes Wesen im Grunde gut ist, dass er, einmal gebändigt und in richtige Bahnen gelenkt, dem Menschen unendlich viel Gutes bringen kann.

Der Künstler wird dies rasch erfassen. Er wird sich in den Geist des Stromes versenken und seine wahre Wesensart erkennen. Ungeschreckt von der Ungeheuerlichkeit der Äußerungen des Stromes, wird er jubelnd seine Macht begrüßen und in ihm ein tatkräftiges Mittel zum Guten erblicken. Darum ergeht an den Künstler des Stromes Ruf, und in Antwort auf diesen Ruf wird der Künstler die hohe Schönheit uns schildern, die er im Strome geschaut hat.

Ehe wir das Gebirge erreichen, haben wir jenseits des Stromes vollkommen horizontale, angebaute Ebenen zu überschreiten; nicht eine einzige Anhöhe ist in Sicht. Den meisten Menschen würden diese Ebenen öde, eintönig, reizlos erscheinen. Nirgends ein Horizont, an dessen Grenzen das Auge haften, wo es an weiten Fernen sich laben kann. Da ist kein Hügel, zu dem wir Augen und Herzen erheben können. Dem Ausblick sind engste Grenzen gezogen. Überall beschränken ihn Palmen, Bananenbäume, Häuser, ummauerte Gärten. Klein sind die Felder, zahlreich die Bäume und Häuser. Nichts Fernes ist zu sehen. Für den Europäer ist die Aussicht bedrückend. Aber für den Mann in Bengalen ist sie aufs Tiefste mit seinem Leben verwachsen. Diese dicht bewohnten Ebenen sind seine Heimat. Darum liegt über ihnen der ganze Reiz der vertrauten Umgebung, in der ein Mensch von Kindheit an aufgewachsen ist. Ein Bengale gibt ihnen vor hohen Bergen den Vorzug. Er liebt den Anblick der leuchtend grünen Reisfelder, der hohen Fiederpalmen, der schattigen Bananenbäume, der flammenden Poinsettien, der hellen Ringelblumen, der Canna und der Bougainvillea, der vielfarbigen Blumen des Crotons und des Calladiums, der süß duftenden Blüten des Jasmins, der Orangen, Tuberosen und Gardenien, wie der bunt schimmernden Häher, der schwirrenden Papageien, der spielfrohen Eichhörnchen. Er liebt auch die Teiche zum Baden, die geduldigen Rinder und die kühlen, weltabgeschiedenen Gärten. Um eben ihrer unmittelbaren Nähe willen liebt er diese Dinge. Seine Aufmerksamkeit wird nicht abgelenkt nach fernen Horizonten, nach unzugänglichen Höhen. Alles ist dem Auge nahe und leicht erkennbar. Seine Welt mag klein sein, aber diese ganze Welt ist in Reichweite. Er kann innig vertraut werden mit jedem Baum und mit jeder Blume, mit jedem Vogel und mit jedem Tier. Es ist kein raumheischendes, kein wechselvolles Leben. Aber das Leben ist voll Spannung und Bewegung, und darum zieht es der Bengale desto mehr vor. Und wenn es auch in enge Grenzen gebannt ist, spielt sich seine Enge wenigstens unter freiem Himmel ab und in einem Klima ewigen Sommers.

Jenseits dieser stark bebauten, dicht bevölkerten Gegend, noch in der Ebene, kommen wir zu einem wilden Dschungelland. Es erstreckt sich bis zu den Vorbergen, ist sumpfig und verpestet und durchschwärmt von stechenden Insekten jeder Art. Es ist ein garstiges Land zum Durchwandern. Aber es ist doch von Interesse. Dort wachsen merkwürdige Gräser mit hohen steilen Schösslingen, die sich unter dem Gewicht der gefiederten Enden anmutig neigen, und so hoch wachsen diese Riesengräser, dass sie oft über den Kopf eines auf einem Elefanten sitzenden Reiters noch hinausragen. Wo sie den Boden bedecken, ist es so gut wie unmöglich, zu Fuß einzudringen, und etwas Geheimnisvolles liegt über diesem Gebiet, denn es hausen darin Nashorn, Tiger und Wildschwein. Wir passieren es mit dem unbehaglichen Gefühl, dass jeden Augenblick so ziemlich alles Denkbare erscheinen kann und dass, wären wir zu Fuß und vom Pfade abgekommen, wir unrettbar verloren sein und in einer Flut wogender Gräser ertrinken müssten.

Aus diesem Gräsermeer erheben sich waldbestandene Stellen und einzelne Bäume. Am häufigsten ist der Salbaum (Shorea robusta), ein prächtiger, in Gruppen vorkommender Baum mit hohem, aufrechtem Stamm und dichter, glänzender Belaubung. Am meisten aber in die Augen fällt im März und April der Dakbaum (Butea krondosa), ein unförmiger Baum, doch bemerkenswert durch Blüten von tiefem mattem Scharlachrot, riesengroßen Gartenwicken ähnlich, aber von dichter, samtartiger Beschaffenheit. Diese Blüten öffnen sich, ehe die Blätter erscheinen, und wenn der Baum in voller Blütenpracht steht, ist es, als flamme der ganze Wald.

Ein anderer, sehr schöner Baum kommt in dieser tiefer liegenden Gegend vor, eine Gummiakazie, Acacia catechu, die im nördlichen Indien als Khairbaum bekannt ist und rings um die Vorberge des Himalajas sich findet. Keine hohe, stattliche Erscheinung, eher knorrig und weitgebreitet wie die Eiche, hat sie anmutig gefiedertes Laub, und sie bietet einen freundlichen, einladenden Anblick.

Nach dem Passieren dieser waagerechten Ebenen, die – je näher wir ans Gebirge herankommen – mit dichtem Wald, mit stehenden sumpfigen Gewässern und gepflegten Teepflanzungen bedeckt sind, entdecken wir eines Morgens beim Erwachen, dass sich im Norden über dem Horizont ein langer, wolkenartiger Streifen von rosig überhauchtem Weiß hinzieht, am unteren Ende waagerecht, am oberen jedoch von unregelmäßigem Umriss. Wer noch keine Schneeberge gesehen hat, würde keinen Augenblick annehmen, jener Streifen könne eine Reihe von Berggipfeln sein. Denn von einer Verbindung mit der Erde ist keine Spur zu sehen. Zwischen dem Streifen und der Erde breitet sich nichts als blauer Dunst. Und so hoch über dem Horizont verläuft der Streifen, dass die Möglichkeit einer solchen Vierbindung unglaubhaft erscheint. Und dennoch, wer früher schon Schneeberge gesehen hat, konnte keinen Augenblick im Zweifel sein: Dieser rosigweiße Streifen ist der Himalaja. Denn er hat zwei unverkennbare Eigenschaften, die ihn von jeder Wolke unterscheiden. Erstens ist der untere Rand vollkommen gerade und waagerecht, genau parallel mit dem Horizont. Zweitens ist der obere Rand gezackt, und die Zacken heben sich klar und scharf umrissen vom tiefen Blau des Himmels ab.

Keiner also, der Gebirge kennt, würde bezweifeln können, dass dieser Streifen der Himalaja sei. Und doch wächst bei jedem neuen Hinschauen unser Staunen immer mehr. Wir wissen es bestimmt: Jene scharfen Ränder sind tatsächlich Gipfel von Bergen, deren Fuß auf der festen Erde ruht. So sicher wir aber auch dieser Tatsache sind, wir hören nicht auf zu staunen. Und wenn wir auf jene Kette schneeiger Gipfel blicken, an sich nicht schöner – eher weniger schön – als manche Wolke, erfüllt uns ein eigentümliches Gefühl der Erhebung. Es schwingt sich etwas in uns auf, den Bergen entgegen. Wir können den Blick nicht von ihnen wenden. Es ist, als wären wir über uns selbst hinausgehoben; wir fühlen höhere Möglichkeiten in uns und in der Welt, als wir sie je zuvor gekannt haben. Im Weitermarsch bemühen wir uns, die Berge dauernd in Sicht zu behalten, denn wir können sie nicht missen. Wir fühlen uns geläutert durch ihren Anblick und möchten sie für unser ferneres Leben in bleibender Erinnerung behalten.

Während wir näher an den Saum des Gebirges gelangen, entsteigt sein Fuß dem Dunst, und die Kette schneeiger Gipfel verschwindet hinter den näheren vorliegenden Höhenzügen. Dann kommen wir an diese selbst heran. Sie erheben sich recht unvermittelt in ziemlich gleicher Gestaltung aus der flachen Ebene und zeigen sich von dichtem Wald bedeckt, von echtem, strotzendem, üppigem Tropenwald mit allem Zauber schimmernden Grüns, anmutiger Farne und Palmen, herrlicher Orchideen und leuchtender Schmetterlinge.

ZWEITES KAPITEL
DAS TISTATAL

Dieser große Wald, der sich über viele Hunderte von Kilometern an den Abhängen des Himalajas entlang erstreckt, reicht von der Ebene bis hinauf zum Schnee. In seinem tiefer gelegenen Teil ist es echter Tropenwald, und ein Tropenwald hat immer etwas besonders Geheimnisvolles. Befremdende Stille liegt über allem. Nicht das völlige Schweigen der Wüste, wo nicht der geringste Laut zu hören ist – denn hier im Wald ertönt immer, selbst während der heißen Mittagsruhe, das Summen der Insektenwelt –, sondern jene Stille, in der kein Blatt sich regt und kein störendes Geräusch vernehmbar ist, wo es wie eindrucksvolles Verstummen über der Landschaft liegt und wir eine geheimnisvolle Gegenwart zu spüren vermeinen, die alles ringsum beherrscht und erwartungsvolle Empfindungen in uns wachruft.

Wie ein Erschauern überkommt es uns, und zugleich fühlen wir uns lebhaft angeregt. Wir können kaum hundert Meter weit in irgendeiner Richtung sehen. Aber wir wissen, dass sich der Wald Hunderte von Kilometern weit in gleicher Weise erstreckt. Und es ist uns klar, dass wir uns vielleicht nie mehr zurechtfinden würden, wenn wir vom Weg abirrten. Das Ganze erweckt in hohem Maß eine Empfindung der Scheu und auch eine gewisse Bangigkeit. Dennoch durchzittert es uns freudig beim Anblick so überreichen, gesteigerten, mannigfaltigen Lebens.

In dieser heißen, dampferfüllten Luft wachsen Pflanzen und Bäume in wuchernder Fülle. Jeder Zoll Erdreich ist besetzt. Und in diesen Wäldern ist es nicht so wie in unserem heimischen Wald, der nur drei oder vier Baumarten umfasst, Eichen, Buchen, Ahorn usw. In diesen Wäldern von Sikkim sehen wir nur selten zwei Bäume der gleichen Art beisammenstehen. Es mag eine Baumart vorwiegend vertreten sein, aber es macht sich immer eine große Mannigfaltigkeit geltend in den Formen und Farben der Stämme, der Äste, Blätter und Blüten und im Wuchs. Es gibt dort Bäume von ungeheurer Höhe mit schlank ragendem, kraftvoll aufrechtem Stamm, und dann wieder gibt es Sträucher wie Hortensien von jeder Größe und Beschaffenheit. Es wachsen dort Kletterpflanzen von Kabeldicke und zarte Pflänzchen, die sich kaum über den Erdboden erheben. Die Pflanzenwelt ist von unbegrenzter Mannigfaltigkeit, und mit einer Regung freudigen Entzückens stoßen wir auf Köstlichkeiten, eine nach der anderen, die wir bisher nur in irgendeinem kostspieligen Gewächshaus zu sehen bekommen hatten, wo sie mit unendlicher Mühe gezüchtet werden.

Dabei haben wir die Empfindung, das, was wir gewahren, sei nur eine beiläufige Musterprobe dessen, was zu sehen ist. Was mag es nicht alles geben, dort in den tiefen Waldesgründen, die wir, aus Sorge uns zu verirren, nicht zu betreten wagen! Auf welch ragende Könige des Waldes würden wir vielleicht noch stoßen, wenn wir uns in seine Tiefen stürzen wollten! Auf welch köstliche Blumen, welche Insekten, Vögel, vierfüßige Tiere! Was für ein reiches Insektenleben mag sich in den Wipfeln der Bäume abspielen, dort, wo von einer sengenden Sonne, die uns die Blätter verbergen, die Blüten hervorgetrieben werden! Was mag im Boden unter unseren Füßen nicht alles vor sich gehen! In diesen Wäldern gibt es – nahe genug vielleicht, um uns gewahr zu werden, wenn auch ihre Gestalten uns durch die Ähnlichkeit mit der blätterreichen Umgebung und durch das Fleckenspiel der Sonnenkringel verborgen bleiben – Tiere so verschiedener Art, wie Elefant, Tiger, Leopard, Fuchs, Eichhörnchen und Fledermaus; Vögel wie Habicht, Papagei und Fink; Insekten, von den Schmetterlingen, Bienen und Wespen angefangen bis zu Grillen, Käfern und Ameisen. Wir wissen, dass der Wald bei all seinem Reichtum an Baum- und Pflanzenleben auch übervoll ist vom Leben der vierfüßigen Tiere und der Insekten; von diesem sehen wir freilich nur sehr wenig, so sorgfältig wissen sich die Tiere zu verbergen. Nachts kommen sie hervor, und morgens und abends ist der dröhnende Lärm der Insekten ohrenbetäubend. In der Mittagstunde aber herrscht ein zartes, feierliches Schweigen, und gespannteste Neugierde erfüllt uns zu wissen, was sich alles dort in den geheimnisvollen Tiefen des Waldes und oben in den Baumwipfeln abspielt, die so nahe und doch so ganz unzugänglich sind.

Der mächtige Wald ist geradezu ein Auszug alles Lebens. Auf kleinem Raum zusammengedrängt finden sich hier Lebewesen jeder Gestalt und Abart, von der bescheidensten Pflanze bis zum König der Wälder, vom einfachsten Tierchen bis zum Elefanten, Affen und Menschen. Leben, Überfülle an Leben umgibt uns überall. Es ist aber nicht das geräuschvolle, lärmende, aufdringliche Leben der Städte. Es ist ein Leben voll verhaltener Spannung, voll unausgesprochener Möglichkeiten zum Guten wie zum Schlimmen. Das Geheimnis aber liegt darin: Wir schauen viel, haben jedoch die Empfindung, dass unendlich mehr noch dahinterliegt.

Von diesem Leben des Waldes in seiner ganzen Fülle, Stärke und Mannigfaltigkeit werden wir mehr erfahren, je weiter wir das Tistatal hinaufwandern, bis dahin, wo es die Schneegrenze erreicht und das tropische Pflanzen- und Tierleben erst in gemäßigte und dann in arktische Formen übergeht. Zuvor aber müssen wir auf einige der Schönheiten des Tals selbst achten.

Das Tal des gewaltigen Tistaflusses, die Täler seiner Zuflüsse, die Schluchten, durch die der Hauptstrom und seine Zuflüsse hinabbrausen, die Wasserfälle, die einer nach dem anderen über die Abhänge des Gebirges stürzen, die weltabgeschiedenen Tälchen und Mulden – sie alle nennen Schönheiten ihr eigen, die die ungeheuerlichen Regengüsse und die Nebel, in die sie meist gehüllt sind, nicht verbergen, sondern nur verstärken können.

Der Tistastrom selbst, obwohl nur ein kleiner Nebenfluss des Brahmaputra, ist nichtsdestoweniger zur Regenzeit, wo er durch sie wie durch die Schnee- und Gletscherschmelze im Kantschindschangagebiet genährt wird, von eindrucksvoller Macht und Kraft. Mit einer Gewalt und Wildheit, der nichts zu widerstehen vermöchte, wälzt er sich das Tal hinab. Von seiner stürmischen Heftigkeit würde alles hinweggefegt werden. Denn er ist kein kleiner wilder Bergstrom, er hat Tiefe und Wucht und Fülle, und in gewaltigen Wogen und Schnellen rollt er hoheitsvoll daher. Verglichen mit der heiteren Gelassenheit der erhabenen Gipfel ist hier Leben und Kraft und Tätigkeit vollauf, und allem Anschein nach macht sich die Tätigkeit durch Zerstörung geltend. Während wir aber von der Geborgenheit einer Brücke aus, die menschliche Schöpferkraft darübergeschlagen hat, auf den Aufruhr hinschauen, durchzuckt es uns doch seltsam. In dem Strom liegt eine mächtige Tatkraft. Wir sind von der Macht, die er entfaltet, wie gebannt. Er ist herrlich zu schauen, in gewisser Hinsicht wohl auch beunruhigend. Wir wissen aber, dass er nur innerhalb bestimmter, streng festgesetzter Grenzen handeln kann. Einen Fußbreit darüber hinaus ist er machtlos. Und während ihm schon von der Natur diese Grenzen gezogen sind, wird, das wissen wir, auch der Tag einst kommen, da er völlig unter der Herrschaft des Menschen stehen und seine Gewalt ganz für unsere eigenen Ziele verwertbar sein wird. So ist es schließlich doch kein Gefühl des Entsetzens, mit dem wir dem tobenden Strom bei seinem überstürzten Lauf zuschauen. Wir genießen vielmehr diesen Anblick siegessicherer Tatkraft, die dereinst dem Menschen zur Verfügung stehen wird. Mit dem Strom zusammen erfreuen wir uns eines Machtgefühls, und darin liegt für uns seine Schönheit.

Wir betrachten die ungeheuerlichen Schluchten, durch die der Strom sich seinen Weg bahnt, und wieder erfüllen uns Staunen und Scheu. Unmittelbar uns gegenüber steht eine kahle, glatte Felswand von härtestem, starrstem Gestein. Ganz senkrecht kann sie nicht sein, aber sie scheint so. Ihr Anblick allein schon stählt unsere Seele. Hier ist granitene Festigkeit und doch nicht nur beschränkter Eigensinn. Denn diese Felswände, so sagen uns die Geologen, haben sich aus eigener innerer Kraft zu ihrer heutigen stolzen Höhe erhoben. Dem Strom mussten sie allerdings Raum geben, indem sie sein schon zuvor bestehendes Durchgangsrecht anerkennen und bei ihrem Drang zur Höhe ihm einen Weg überlassen mussten. So viel an Zoll verlangt der Strom unnachsichtig Jahr um Jahr von ihnen. Nachdem sie diesen Zoll entrichtet haben, sind sie in einer Entwicklung von stetiger, ausdauernder Beharrlichkeit gestiegen und haben sich rein durch die Festigkeit und Zähigkeit ihrer Eigenart in ihrer erhöhten Stellung erhalten. Wie sie jetzt hoch über uns in die Wolken ragen, triefend von warmer Feuchtigkeit, in jeder nutzbaren Spalte anmutige Farne und Bäume mit emportragend, wie sie die Grundpfeiler bilden jener schneeigen Gipfel, die hin und wieder für einen Augenblick sichtbar werden: Da empfinden wir das Eindrucksvolle nicht nur der Höhe des Strebens, die diese Gipfel verkörpern, sondern auch die Kraft und Beharrlichkeit, die notwendig waren, um jenes Streben durchzuführen.

Zeitweise fühlen wir uns freilich überwältigt, eingeschlossen und überschattet von dem, was so unendlich viel größer erscheint als wir selbst. Der tosende Strom füllt die Mitte der Schlucht aus. Zu beiden Seiten steigen steil die schroffen Felswände auf. Für den Augenblick scheinen wir zu winzig, um mit Verhältnissen von so gigantischer Größe den Kampf aufzunehmen. Manchmal aber umgingen wir die Felswände und kamen nach langem, ermüdendem Umweg hoch über ihnen heraus; manchmal auch sprengten wir uns einen Weg quer durch; so haben wir bewiesen, dass wir imstande sind, sie zu überwältigen. Sie schrecken uns nicht länger. Auf dem Rückweg das Tal hinunter, nachdem wir bis zu seinem obersten Rand gelangt waren, betrachten wir diese Felswände mit ungetrübter Freude. Sie führen uns klar die Kraft vor Augen, die sich mit dem Streben nach hohen Zielen verbinden muss, sollen diese Ziele erreicht werden. Ohne die tragende Stütze dieser widerstandsfähigen Felsen hätte das Gebirge seine jetzige Höhe nie erreichen können. Darum fühlen wir mit den Felswänden Freude über ihre Festigkeit und Kraft, mit denen sie sich stolz der Welt entgegenstellen. Und wir erkennen, dass in dieser Festigkeit und in dieser Beständigkeit des Strebens ihre besondere Schönheit beruht.

Im Gegensatz zum wirbelnden Strom und zu den harten, rauen Felswänden dicht in ihrer Nähe und an einer bescheidenen Ader eines Zuflusses versteckt in den Tiefen des stillen Waldes, stoßen wir vielleicht auf einen tiefen, weltabgeschiedenen Teich, der uns empfinden lässt, wie feinfühlig und zurückhaltend die Natur sein kann. Sie erscheint uns hier in einem besonders zarten Licht. Still und klar liegt der Teich; das einlullende Murmeln eines Wasserfalls lässt erkennen, wem er seine Entstehung verdankt. Ein sanftes Bächlein trägt den Überlauf fort. Gebirgsschutt und Felsblöcke, von köstlichen Farnen und Moosen übergrünt, fassen ihn ein. Über ihn neigen sich Palmen mit lang herabhängenden starren Fiedern. Bäume mit hoch aufgerichtetem Stamm von der Höhe der Nelsonsäule in London recken sich hinauf, dem Licht entgegen. In Mengen flattern Schmetterlinge lautlos hin und her. Ganz still ist die Luft, sie fühlt sich an wie Seide. Wolken schweben umher von ungreifbarer Weichheit, wie Schnee so weiß und rein; sie erscheinen, lösen sich auf und bilden sich aufs Neue. Durch die Lücken der überhängenden Bäume schaut stellenweise der tiefblaue Himmel herein. Da und dort dringt das Sonnenlicht durch das Blättergewölbe, und dann schimmern die grünen Laubtöne noch heller. Die Stimmung, die über der Stelle liegt, ist erfüllt von Verschwiegenheit und Zurückhaltung. Aber so still und ruhevoll sie ist, lässt sie doch keine Empfindung des Stillstands aufkommen. Tief und unbewegt ist der Teich, und doch voll regsten Lebens. Beständig wird sein Wasser erneuert. Und wenn auch kein Blatt im Wald sich regt, ruft er doch mit dem ganzen Drang des Lebens nach Nahrung und Licht, nach Luft und Feuchtigkeit. Vor diesem Kleinod eines Teiches in seiner frischgrünen Umrahmung verspüren wir eine zarte, feinsinnige Lebenstätigkeit. Eine scheue, innerliche Schönheit lebt in dem Waldtal, sie berührt uns nach der krafterfüllten Schönheit des Stromes, nach der kühnen, stolzen Schönheit der Felsenwände besonders wohltuend. Doch nicht kraftlos ist diese Schönheit; gerade in ihrer Ruhe und in ihrer Zuversicht liegt Kraft.

DRITTES KAPITEL
DER WALD

Der am tiefsten gelegene Abschnitt des Tistatals hat eine Höhe von nur 210 Metern über dem Meeresspiegel. Das Tal ist tief eingeschnitten, eng begrenzt und ständig von Feuchtigkeit gesättigt. Kaum, dass sich ein Lufthauch regt, und wie in einem Treibhaus wird alles Pflanzenleben zu gesteigertem Wachstum angetrieben. Die Bäume erreichen allerdings nicht die Höhe der Riesenbäume Kaliforniens oder der Eukalypten Australiens; aber einige der Bäume im Tistatal haben doch eine Höhe von 60 Metern, mit stützenreichen Stämmen von 12 bis 15 Metern Umfang, und sie erwecken den gleichen Eindruck von Stattlichkeit und ruhevoller Gelassenheit. Mit unglaublicher Kraftanspannung und in unaufhörlichem Kampf haben sie ihre gegenwärtige stolze Stellung gewonnen, und bereitwillig zollt ihnen der Reisende den ihnen gebührenden Tribut.

Mächtige tropische Eichen von fast 15 Metern Umfang kommen vor, 15 Meter hohe Pandanussträucher mit einer riesigen Krone aus großartigen, fast fünfviertel Meter langen Blättern, viele Arten von Palmen, Rotang, Bambus, Bananen und hohe Gräser, wie sie nur in dichten, heißen Dschungeln wachsen. Riesenhafte Schlingpflanzen heften sich an die höchsten Bäume. Eine dem Kürbis verwandte Kletterpflanze trägt ungeheure, gelblichweiße, hängende Blüten; eine andere eigenartige, krugförmige Blumen.

Schlingpflanzen, Pfeffergewächse und Pothos verflechten sich mit den Palmen und Bananen zu einem undurchdringlichen Dschungel. Orchideen umkleiden die Bäume. Immer und überall hören wir das Schwirren und Summen der Insektenwelt, manchmal leise und beruhigend, dann wieder misstönend und grell. Und überall, wohin wir nur schauen, sehen wir unzählige Falter umherschweben; viele sind stumpftönig und von anspruchslosem Aussehen, manche aber von einer Leuchtkraft der Farben, die uns einen Ausruf des Entzückens entlockt.

Wir mögen schweißüberströmt sein, geplagt von Fliegen und Moskitos und in ständiger Furcht vor Blutegeln. Alle diese Belästigungen aber vergessen wir über der Freude an diesen Wundern der Tropen, seien es Bäume oder Orchideen, Farne oder Schmetterlinge. Wie solch ein farbenprächtiges Insekt sich vor uns niederlässt, langsam die Flügel hebt und senkt und sich dreht und wendet, fast als stelle es sich uns zum besonderen Vergnügen zur Schau – das ist ein Anblick, der uns für alle Qual entschädigt, die seine Gefährten in der Insektenwelt uns verursachen mögen.

Wie es bei der dampferfüllten, tropfnassen Luft nicht anders zu erwarten ist, herrschen die Farne in der Pflanzenwelt vor. Nicht weniger als zweihundert verschiedene Arten hat man gefunden. Am bemerkenswertesten sind die Baumfarne, von denen es hier allein acht Arten gibt. Im Durchschnitt werden sie etwa 6 Meter hoch, aber auch Pflanzen von 12 und 15 Metern Höhe sind keine Seltenheit. Mit ihren schlanken Stämmen und ihren Kronen aus riesigen, anmutigen Fiederwedeln bilden sie in den Wäldern eine auffallende Erscheinung; in den feuchteren Tälern, wo sie sich zu fruchtbarer Üppigkeit entwickeln, kann man sie sowohl in ausgedehnten Hainen als auch in kleinen Gruppen stehen sehen. Vier Arten Frauenhaar, immer von anziehender Duftigkeit und Anmut, kommen vor; von Farnen, die auch in Europa heimisch sind, Osmunda regalis, der Königsfarn, dazu die Mondraute und die Natterzunge. Dann gibt es einen Farn, der riesenhafte Größenverhältnisse erreicht, besonders in den kühleren Wäldern, wo seine massigen Wedel über 4½ Meter lang und fast 3 Meter breit werden; von einer Wedelspitze zur gegenüberstehenden gemessen dehnt er sich über 7 Meter aus. Ein schmucker Kletterfarn zieht sich über die Stämme hoher Bäume; häufig kommt ein anderer vor, der sich an Gräsern und kleineren Sträuchern hinaufrankt; wieder ein anderer bildet fast undurchdringliche Dickichte von 5 und 6 Metern Höhe. Unter den Arten, die auf Felsen und Bäumen wachsen, sind die Hautfarne, von denen es acht Arten gibt, von größter Zartheit und Schönheit. Am größten wird der irische Hautfarn; er überzieht im tiefen Schatten die Vorderseite großer Felsen; seine Wedel werden über 30 Zentimeter lang. Viele anmutige Tüpfelfarne und Streifenfarne wachsen während der Regenzeit auf Felsen und Bäumen. Ein besonders zierlicher Tüpfelfarn, der auf dem Boden wächst, hat 2½ bis 2¾ Meter lange, manchmal auch 6 Meter messende Wedel von entsprechender Breite. Weiterhin fällt uns der Vogelnest-Streifenfarn in die Augen, dessen umfangreiche gewichtige Wedel im Schatten auf Felsen und Baumstämmen wachsen.

Wenn wir nicht besondere Kenner der Farne sind, ist es uns unmöglich, unter so vielen Arten jede einzelne zu bestimmen. Jedenfalls gewinnen wir von ihnen den Eindruck der Zierlichkeit und Anmut und einer oft ätherischen Leichtigkeit sowie einer wunderbaren Verschiedenartigkeit in Größe und Gestalt.

Von den Farnen wenden wir uns zum übrigen Wald. Nach der anfänglichen Verwirrung über die Überfülle und Mannigfaltigkeit der Pflanzenwelt versuchen wir, einige wenige Einzelerscheinungen oder Typen im Auge zu behalten, deren Übereinstimmung wir erkennen können mit Formen, die wir sonst wo in Indien oder in irgendeinem Palmenhaus in England gesehen haben. Wir befinden uns in der regungslosen, dampferfüllten Atmosphäre eines Treibhauses und sind uns bewusst, dass rings um uns in wuchernder Fülle seltene, wundervolle Pflanzen wachsen, von denen ein einziges Exemplar in der Heimat als Kostbarkeit gewertet und mit pfleglichster Sorgfalt behandelt werden würde. Wir sehnen uns danach, diese Schätze erkennen zu können und dadurch eine engere Verbindung herzustellen zwischen der Heimat und diesem so ausnehmend begünstigten Gebiet, begünstigt hinsichtlich des Pflanzenlebens. Unter den Riesenbäumen, den Bambusstauden, den Palmen, den Kletterpflanzen, den Sträuchern, Blumen, Orchideen schauen wir suchend nach Freunden aus, zumindest nach Bekannten, aus denen, wie wir hoffen, Freunde werden mögen im Verlauf immer neuer Begegnungen auf unseren Wanderungen durch die Wälder.

Unter den Blumen sind es naturgemäß zuerst die Orchideen, die uns anziehen. Als wirkliche Edelsteine leuchten sie aus dem umgebenden Grün. Wie mit einem plötzlichen Ruck wird der Blick auf sie gezogen. Hier scheint die Vollkommenheit in Farbe, Form, und Bau so nahe erreicht zu sein, wie das überhaupt möglich ist. Ist die Orchidee weiß, so ist sie vom reinsten Weiß und leuchtet keusch und unberührt inmitten der stumpfen Töne ihrer Umgebung. Ist sie purpurfarben oder blassgelb oder goldgelb, rosig oder violett oder weiß, immer ist die Farbe von einer Tiefe und Reinheit, an der das Auge sich satt schaut. Anscheinend sind Orchideen darum von außergewöhnlicher Schönheit, weil gerade die wachsartige Beschaffenheit ihrer Blüten ein ausgezeichnetes Mittel ist, um die Farbe zu voller Wirkung kommen zu lassen. Diese Beschaffenheit ist von eben der Art, die sich am besten eignet, die Schönheit der Farbe zu offenbaren. Pflücken wir einen Zweig dieser erlesenen Kostbarkeiten im Wald vom Ast und halten ihn ins Sonnenlicht, so haben wir die Empfindung, Farbe nahezu in ihrer Vollendung zu erblicken.

Für sich allein schon wären die Farbe und der Bau der Blüte schön genug. Doch ein weiterer Reiz dieser Orchideen liegt in ihrer Gestaltung, in der Krümmung ihrer Kelchblätter und Blütenblätter, in den wunderbaren kleinen Kannen und Bechern und Lippen und Zungen, die eine Orchidee aufweist. Diese Gestaltung ist nicht etwa bloß eine geometrische Zusammenstellung von Linien und Kurven. Sie ist offensichtlich eine erfinderische Einrichtung, die zu einem besonderen Zweck bestimmt ist. Wie wir jetzt wissen, ist dieser Zweck das Anlocken von Insekten, die beim Saugen des Orchideenhonigs unbewusst auf ihren Flügeln oder Rücken den Blütenstaub mit sich forttragen und damit eine andere Orchidee befruchten. Ob freilich das Insekt im Verlauf langer Jahrhunderte des Bohrens an der Orchidee diese zwang, sich ihm anzupassen, oder ob die Blüte das Insekt zwang, sich seinerseits anzupassen, oder ob – was wohl das Wahrscheinlichste ist – sich im Laufe der Jahrhunderte ein Vorgang gegenseitiger Anpassung abgespielt hat und Blüte und Insekt sich allmählich aufeinander eingerichtet haben, das ist unter Naturforschern noch eine Streitfrage.

Wir können keine Orchideen irgendwelcher Art pflücken, ohne über ihren verwickelten Bau zu staunen. Wenn wir sie in ihrer natürlichen Umgebung, im Wald selbst, betrachten und dabei die ungeheuren Mengen der Insekten um sie herum sehen und deren unendliche Verschiedenheit an Größe, Gestalt und Gewohnheiten; Insektenart sich auslesen und für deren Bedürfnisse die entsprechende Nahrung beschaffen, während das Insekt andererseits unter allen Blumen die besondere Orchideenart auswählen muss; wenn wir sehen, wie Insekt, ob Schmetterling, Biene, Motte, Schnake oder Ameise oder irgendeine andere der zahlreichen Insektenarten, und Orchideen sich aufeinander einstellen müssen – dann erkennen wir, wie wunderbar die gegenseitige Anpassung von Insekt und Blüte gewesen sein muss. Wir sehen, wie die besondere Orchideenart die besondere Bienenart und wie diese ihrerseits jene auserwählt haben muss, wie dann Biene und Orchidee darangingen, sich einander anzupassen, die Orchidee, indem sie alle Kunstgriffe der Farbe, des Duftes, der Süße des Honigs anwandte, um das Insekt anzulocken, und indem sie allmählich die Form annahm, die dem Insekt erlaubt, besser zum Honig zu gelangen; das Insekt seinerseits, indem es seinen Rüssel verlängerte und auch in anderer Weise sich anpasste, um das, was es haben will, sich desto besser zu sichern. Und wir sehen nun, wie vollkommen, oder nahezu vollkommen, der Bau der Blüte ihrem Zweck entspricht.

Vielleicht das am meisten Bewundernswerte an einer Orchidee ist die Tatsache, dass dieses Wunder an Farbe, Gestalt und Bau sich aus einem höchst unförmigen, unschönen, unähnlich aussehenden Knollen heraus entfaltet. Aus formlosen, farblosen Knollen, die sich an Baumstämmen und Ästen festsetzen oder an Felsen anklammern, gehen diese Aristokraten der Blumenwelt hervor, die ihresgleichen nicht haben, von vollendetem, fleckenlosem Schliff, nur durch ihren Rang und ihre Vollendung in jeder Einzelheit als Erste herrschend; und auch dadurch ausgezeichnet, dass ihre Schönheit offensichtlich nicht die Eintagsschönheit einer Winde ist, die im Augenblick welkt und dahinschwindet, sondern dass sie eine Schönheit ist, die zu höchster Reife gelangte, die kraftvoll, tief und beständig ist.

Von den 450 Orchideenarten, die in den Wäldern von Sikkim vorkommen, sind viele sehr selten. Glücklicherweise sind die seltensten Arten nicht auch die schönsten an Farbe und Gestalt. Manche besonders schöne Orchideen sind zugleich sehr häufig. Am verbreitetsten sind die Dendrobien, von denen es etwa vierzig Arten gibt. Die schönste und bekannteste ist Dendrobium nobile. Sie wächst in den tiefer liegenden Bergen und Tälern bis in 1500 Metern Höhe, aber auch in der Ebene. Die Blüten wechseln sowohl in der Größe als auch in der Farbentönung; in Sikkim jedoch sind die Kelch- und Blütenblätter immer purpurfarben, sie gehen am Blattgrund in Weiß über. Die Blumenblattspitze hat in der Mitte einen Fleck von sehr tiefem Purpurrot, den ein breiter blassgelber oder weißer Rand umgibt. In englischen Treibhäusern ist diese Orchidee jetzt sehr verbreitet; hier ist also ein Berührungspunkt mit dem Tropenwald gegeben. Dendrobium densiflorum ist verbreitet und gedeiht so ziemlich in dem gleichen Gebiet. Die Blüten stehen in einer dichten Traube an einem Stängel, ungefähr wie bei der Hyazinthe. Die Kelch- und Blütenblätter dieser schönen Art sind blassgelb, während die Lippe von sattem Orangerot ist. Eine der reizvollsten der Sikkim-Dendrobien duftet wie ein Veilchen; Kelch- und Blütenblätter sind weiß mit violetten Spitzen; der Stängel kann bis zu ¾ Meter lang werden. Eine weitere bemerkenswerte Dendrobie ist Dendrobium pierardi, in deren Farbe ein wundervolles Rosenrot oder ein leichtes Purpurrot vorwiegt.

Nach den Dendrobien verdienen die Coelogyne-Arten die meiste Beachtung. Coelogyne cristata ist in Höhen von 1500 bis 2400 Metern verbreitet und blüht den ganzen März und April. Sie hat zahlreiche große Blüten, durchweg reinweiß bis auf die Lamellen der Lippe, die gelb sind. Im Orchideenhaus im Botanischen Garten zu Kew bei London kann man sie im März in Blüte sehen. In den Wäldern wächst sie in solcher Fülle, dass sie einem abgestorbenen Baumstamm das Aussehen gibt, als sei er schneebedeckt.

Coelogyne humilis ist unter dem Namen Himalajakrokus bekannt. Sie wächst wie ein Krokus aus einer Knollenzwiebel in Höhen von 2100 bis 2550 Metern und blüht den Februar und März hindurch. Die Blüten sind weiß und haben 5 bis 6¼ Zentimeter im Durchmesser. Die Lippe ist gegen den Rand hin purpurgesprenkelt.

Wenig verbreitet, aber größer und hübscher als die Dendrobien, sind die Cymbidien, von denen es sechzehn verschiedene Arten gibt; sie haben gewöhnlich lange, grasartige Blätter und vielblütige, hängende Blütentrauben mit schönen, großen Blumen. Eine sehr wohlriechende Art ist Cymbidium eburneum, die in Höhen von 300 bis 900 Metern häufig vorkommt und im März und April blüht. Die Farbe der Blüte ist vorwiegend elfenbeinweiß, der Wulst auf der Lippe jedoch von leuchtendem Gelb. Auch diese Pflanze ist im März in Kew zu sehen.

Das sind einige der verbreitetsten Orchideen; sie alle gedeihen jetzt in England. Wir können daher allmählich im Tropenwald Fuß fassen und das Gefühl überwinden, als sei er uns gänzlich fremd. Je höher wir steigen, werden wir unter den Blumen noch viel mehr Freunde finden. Als Führer zu den Bäumen und Blumen haben wir glücklicherweise Sir Joseph Hooker, der in seinen »Himalaja-Tagebüchern« dieses Paradies des Botanikers in liebevollem Eingehen auf Einzelheiten geschildert hat; wir können daher nichts Besseres tun, als ihm zu folgen. Unter den vielen Pflanzen, die er erwähnt, können wir nur wenige herausgreifen, aber diese wenigen werden dazu beitragen, uns wenigstens eine annähernde Vorstellung vom Ganzen zu geben, und im Verlauf unseres Aufstiegs werden wir sehen, wie weit die Verschiedenheit der Formen geht.

Wenn wir das Tal weiter hinaufsteigen bis in eine Höhe von etwa 1200 Metern, beginnen europäische Bäume und Pflanzen sich der tropischen Vegetation beizumengen. Es zeigen sich Hagebuchen, und Birke, Weide, Erle und Walnussbaum stehen Seite an Seite mit wilden Bananen, Palmen und riesenhaften Bambusstauden. Brombeersträucher, Ehrenpreis, Vergissmeinnicht wachsen neben Feigenbäumen, Balsambäumen, Pfeffersträuchern und riesigen Schlingpflanzen. Auf dem Boden findet sich die heimische Walderdbeere, während darüber tropische Orchideen, wie die Dendrobien, die Eichenstämme überziehen. Der Adlerfarn und der Bärlapp unserer britischen Moore wachsen in Gesellschaft mit Baumfarnen. Und dicht neben den Moosen des Himalajas stehen Moose der Heimat.

Das Tal selbst setzt sich in gleicher Gestaltung fort, tief eingeschnitten, die Steilhänge waldbedeckt; der Pfad turnt über Querrippen hinüber, macht weite Umwege in Seitentäler hinauf oder scheuert längs der Felswände hin, die senkrecht über dem unten tobenden Strom stehen. Da und dort nur sind im Wald Lichtungen, wo Leptschas oder Nepaler sich ein paar Holzhäuser gezimmert haben und das Land in einfachster Weise bebauen. Im Übrigen befinden wir uns unter dem gleichen grünen Waldmantel, der sich überall über die Berge breitet, und obgleich wir jetzt quer durch die Hauptachse des Himalajas vordringen, ist uns selten auch nur ein flüchtiger Durchblick auf die schneebedeckten Höhen beschieden, die doch so nahe sein müssen.

Während unseres Aufstiegs ist aber eine deutliche Änderung im Charakter der Vegetation wahrzunehmen. Die Bäume und Pflanzen, die im besonderen Maß die Tropen kennzeichnen, verschwinden allmählich, und immer mehr treten Blumen der gemäßigten Zone in Erscheinung. Und indem wir weiter in die Bergwelt eindringen, wird das Klima merklich trockener, der Wald lichter. Der Regen ist noch immer bedeutend genug, um im Allgemeinen jeder Pflanze und jedem menschlichen Wesen zu genügen. Aber es ist nicht mehr die Sintflut, die auf die vorgelagerten Höhenzüge niedergeht. Darum ist auch der Wald nicht mehr so dicht. An seiner Stelle bekleiden häufig gesellig wachsende Gräser die Berghänge, und gelbe Veilchen, Primeln, Anemonen, Rittersporn, Johannisbeersträucher und Steinbreche erinnern an Gebiete, die unseren heimischen verwandt sind.

Jetzt haben wir auch den Standort der Rhododendren erreicht, die einen besonderen Ruhm gerade von Sikkim ausmachen, und es lohnt sich, etwas zu verweilen, um sie genauer zu betrachten. Unter den dreißig Arten, die man in Sikkim findet, sind – hauptsächlich durch Sir Joseph Hooker – die schönsten alle in England eingeführt worden und werden außer in Kew auch in vielen Parks und Gärten gezogen. Man kann sich daher in England eine gewisse Vorstellung machen von dem Anblick, den die blühenden Bäume des Waldes in Sikkim bieten. Aber die wenigen Proben, die man in einem englischen Park oder in einem Gewächshaus sieht, muss man sich stark vervielfacht denken und sich klarmachen, dass diese Rhododendrenbäume im Wald von Sikkim stehen wie Schlüsselblumen im Wiesengras. Rot, lila, weiß und gelb wachsen sie als gewaltige Blumen unter den grünen Riesen des Waldes und durchstrahlen ihn mit Farbe. Die einzelnen Blüten eines Rhododendron lassen sich an Schönheit nicht vergleichen mit einer Orchidee, von denen jede ihre besondere Gestalt hat. Sie besitzen weder die satte Farbenpracht noch die wunderbare Gestalt, noch erwecken sie den gleichen Eindruck einer vollreifen Vollendung. Der Anspruch auf des Rhododendrons Wertschätzung beruht vielmehr in der Wirkung der Blütenmasse als Ganzes; rein mit dem Gewicht der Zahl und Masse der Blumen bringt es seine Farbenwirkung hervor. In einigen der oberen Täler sind die Gebirgshänge wie in einen tiefgrünen Mantel gehüllt, in dem scharlachrote, weiße oder gelbe Blütenglocken aufglühen.

Wohl das prächtigste dieser Rhododendren ist Rhododendron grande oder argenteum, das 9 bis 12 Meter hoch wird und wachsartige, glockenförmige Blüten hat von einem gelblichen, rosa überhauchten Weiß; es wird 5 bis 7½ Zentimeter lang und etwa ebenso breit. Das scharlachrote Rhododendron arboreum, das im Himalaja allgemein vorkommt, ist in Sikkim sehr verbreitet und bildet in den Wäldern leuchtende Farbflecke. Eine prachtvolle Art ist Rhododendron aucklandii oder griffithianum; es hat große weiße, rosa abgetönte Blüten von festem, fleischigem Bau und misst quer über die Kelchöffnung 12½ Zentimeter. Man hat dieses Rhododendron die Königin aller blühenden Sträucher genannt. In Cornwall gedeiht die Art gut, und unter ihren Kreuzungen ist die berühmte »Pink Pearl«.

Rhododendron falconeri, eine weißblühende Art, ist in Aussehen und Standort für die Eigenart der Gattung besonders bezeichnend: Sie kommt nie unterhalb der Höhe von 3000 Metern vor. Ihre Belaubung ist ohne Vergleich die schönste aller Rhododendronarten. Sie lässt einen Stamm oder auch zwei von etwa 9 Metern Höhe glatt und rein aufschießen; die Äste endigen in ungeheuren Blättern; auf der Oberseite sind sie tiefgrün mit gelbem Rand, auf der Unterseite von bräunlichem Rubinrot. Die sahneweißen Blüten sind lila abgetönt, sie verbreiten einen schwachen Duft. Sie erscheinen in dicht gepackten Büscheln von 23 bis 38 Zentimetern Durchmesser in einer Anzahl von zwanzig und mehr.

Eine eigentümliche Art ist Rhododendron dalhousiae; sie ist unter allen Rhododendren der einzige Epiphyt, und sie trägt weitaus die größten Blüten. Wie die Orchideen wächst sie zwischen Farnen und Moos auf den Stämmen großer Bäume, insbesondere der Eichen und Magnolien, und erreicht eine Höhe von 1,8 bis 2,4 Metern. Drei bis sieben Blüten bilden eine Dolde; die Blüte misst in der Länge 8¾ bis 12½ Zentimeter und quer über die Blütenöffnung ebenso viel; sie ist weiß, stellenweise rosa getönt und duftet stark. Was Größe, Farbe und Duft anbelangt, ist diese Art die edelste ihrer Gattung. In Cornwall gedeiht sie im Freien, im übrigen England im Kalthaus als kümmerlicher Strauch von 3 bis 3,6 Metern Höhe. Rhododendron barbatum ist ein 12 bis 18 Meter hoher Baum; es trägt Blüten von sattem Scharlach- und Blutrot, manchmal auch violettbraune oder lebhaft rosagefärbte. Es ist eines der schönsten Rhododendren des Himalajas und in England jetzt sehr verbreitet, wo es im Freien gut gedeiht. Eine andere wahrhaft prächtige Pflanze ist Rhododendron maddeni, dessen sehr hübsche reinweiße Blüten 8¾ bis 10 Zentimeter lang und über die Blütenöffnung ebenso breit sind. Es steht in England heutzutage in ganz besonderer Gunst. In großen Büschen gedeiht es in Cornwall im Freien; es besitzt einen ungemein süßen Duft. Rhododendron virgatum ist ein wunderschöner, zartweiß blühender Strauch. Und Rhododendron campylocarpum trägt eine Menge köstlicher blassgelber Blütenglocken von seltenster Feinheit zur Schau.

Außer Rhododendren treffen wir im Höhersteigen auch Esche, Nussbaum und Ahorn immer zahlreicher an, und bei 2700 Metern zeigt sich die Lärche; es treten auch Wälder mit einer Edeltanne auf, die in ihrer allgemeinen Erscheinung mit der norwegischen Edeltanne Ähnlichkeit hat. Unter den Pflanzen sind Sauerklee, Brombeeren, Haselnuss, Spierstaude und verschiedene südeuropäische und nordamerikanische Gattungen vertreten.

Die Luft ist nicht mehr erstickend, und die Blutegel sind verschwunden. Wir vermissen so manche Schönheiten des Tropenwaldes. Aber infolge der immer größeren Angleichung der Vegetation an das uns in Europa Gewohnte fühlen wir uns heimischer. Der Pfad windet sich, den wechselnden Formen der Berghänge folgend, durch hübsche, kühle Waldungen. Um uns her bedrückt uns nicht mehr eine Fremdartigkeit des Lebens. Fast an jeder Wegbiegung stoßen wir auf irgendetwas, das uns wohl neu, aber doch nicht völlig fremd ist. Unter den Erinnerungen an dieses Gebiet tritt eine in besonderem Maß hervor, der Anblick einer riesenhaften Lilie, die im Wald 3 Meter hoch in die Luft ragt; in ihrer fleckenlosen Weiße steht sie so rein da, als sei sie in einem Garten gezogen worden. Es ist Lilium giganteum; die Pflanze hat einen Stängel, an dem sie vierzehn Blüten trägt, jede 11¼ Zentimeter lang und ebenso breit.

Unsere innigste Liebe gehört nach wie vor den weißen Veilchen, die wir als Kinder in einem englischen Wald pflücken; auch diese ragende weiße Lilie wird sie aus unserem Herzen niemals verdrängen. Aber der Anblick der herrlichen Pflanze, wie sie stolz aus dem Grün ihrer Waldumrahmung aufsteigt, wird uns mehr bedeuten, als je ein Bild vermöchte. Und dass sie »wild« wächst, verleiht ihr für uns den gleichen Zauber, den für das Kind eine wild wachsende, nicht im Garten gezogene Blume besitzt. In einem Blumenladen mögen wir vielleicht Lilien sehen von noch größerer Schönheit als selbst diese, aber der Genuss, der uns aus dem Erzeugnis des Blumengärtners erwächst, lässt sich nicht vergleichen mit dem, der uns entspringt aus dem Anblick dieser Lilie im fernen Himalajawald, wohin nicht viele Weiße kommen. Wir machen öfters Erfahrungen, die uns merklich altern lassen. Dies aber ist eine jener Erfahrungen, die uns ganz gewiss verjüngen. Wieder wie einst sind wir Kinder, die im Wald Blumen finden.

Je höher wir aufwärtssteigen, umso mehr weitet sich das Tal, die Berge treten zurück und sind weniger steil. Sie sind auch schwächer bewaldet, Gras bedeckt häufiger ihre Abhänge, und der Fluss ist keine tobende, reißende Flut mehr, sondern strömt in breitem Bett in mannigfachen Windungen dahin. Die mächtigen Gipfel erheben sich irgendwo dicht in der Nähe, die höchsten sind jedoch nicht zu erblicken, und für den Himalaja ist der Landschaftscharakter etwas zahm. Groß aber ist die Zahl der Kräuter. Ihre vollständige Ausführung würde die meisten der in Europa und Nordamerika verbreiteten Gattungen umfassen. Unter ihnen befinden sich purpurrote, gelbe, rosa und weiße Primeln, goldene Fingerkräuter, Enziane vom tiefsten Azurblau, zarte Anemonen, Ehrenpreis, Schachblume, Sauerklee, Balsaminen und Ranunkeln. Eine ganz besondere Köstlichkeit dieser Gegend ist Rosa macrophylla, eine große, rote Rose, eine der schönsten Himalajapflanzen; ihre ungefüllten Blüten sind von Handtellergröße. Unter diese Pflanzen aus der gemäßigten Zone mischen sich die Ausläufer der tropischen Gattungen – Orchideen, Begonien und andere –, deren Aufstieg in diese hochgelegenen Gebiete von der großen Hitze und Feuchtigkeit des Sommers begünstigt wurde.

Wir befinden uns jetzt im Gebiet der Primeln, um derentwillen Sikkim neben seinen Orchideen und Rhododendren berühmt ist. In der Tat kann man Sikkim das Hauptquartier der indischen Primeln nennen; es finden sich dort viele Arten, die, wie es scheint, sonst nirgends vorkommen. Es gibt dreißig bis vierzig Arten, von denen die Mehrzahl in Höhen von 3600 bis 4500 Metern gedeiht; nur zwei oder drei finden sich unterhalb von 3000 Metern, zwei oder drei steigen in eine Höhe von 4800 bis 5100 Metern. Am bekanntesten ist Primula sikkimensis, die auch in England gut gedeiht und einer riesenhaften Schlüsselblume ähnlich sieht. Entzücken erfüllt uns beim Anblick ihrer goldfarbenen Blütenmassen an feuchten, sumpfigen Stellen der Hochtäler; der eigentliche Farbton ist eher mit zitronengelb als mit golden zu bezeichnen.

Das Purpurrot herrscht als Farbe der Primeln vor, aber auch Weiß, Gelb, Blau und Rosa finden sich. Primula denticulata hat Blüten von Purpurrot bis zum lebhaften Saphirblau, und weite Strecken des Landes sind fast durchweg blau durch die lieblichen Blütenkronen dieser Primel. Kilometerweit sieht man das Land buchstäblich bedeckt mit Primula obtusifolia, die purpurrot blüht und stark metallisch riecht. Primula kingii, eine sehr schöne Pflanze, hat Blüten von so tiefem Bordeauxrot, dass sie fast schwarz wirken. Vielleicht die eindrucksvollste aller Primeln ist Primula elwesiana, die große einzelne, abwärts gekehrte purpurfarbene Blüten trägt.

Auch Mohnarten sind der Vegetation in Sikkim eigentümlich. In der Nähe der Hütten züchtet das Volk eine majestätische Art, die Meconopsis simplicifolia nahesteht; sie wächst in dichten Büscheln von 60 bis 90 Zentimetern Höhe. Der Durchmesser der Blüten schwankt zwischen 12½ und 17½ Zentimetern; beim ersten Aufblühen ist die Farbe ein ungemein leuchtendes Blau, das sich jedoch vor dem Wellen nach Purpurrot verändert. Meconopsis simplicifolia selbst findet sich ebenfalls in Höhen von 3600 bis 4500 Metern; es ist eine besonders schöne Art, in der Farbe von einem klaren lichten Blau; sie wächst als Einzelblüte auf nur einem Stängel und ist jetzt in Kew und auch in Edinburgh zu sehen. Ein anderer schöner Mohn ist Meconopsis nepalensis, der in den feuchtesten Innengebieten Sikkims in Höhen von 3000 bis 3300 Metern vorkommt und einer Malve in Miniaturausgabe ähnlich sieht, mit blassgoldenen oder schwefelgelben Blüten, die 5 bis 7½ Zentimeter in der Breite messen und zu mehreren an einem Stängel sitzen.

Bei der Annäherung an Tangu weitet sich das Tal zu breiten, grasbedeckten Flächen; hier in etwa 3900 Metern Seehöhe geht der Pflanzenwuchs sowohl in seiner Höhe als auch in seiner Üppigkeit sehr rasch zurück; zugleich ist der Artenwechsel sehr bedeutend. Lärche, Ahorn, Kirschbaum, Spierstaude verschwinden, zurückbleiben Weiden, Wacholder, Strauchbirke, Silbertanne, Eberesche, Berberitze, Johannisbeerstrauch, Geißblatt, Azaleen und viele Rhododendren. Den rasigen Boden bedecken Enziane Fingerkräuter, Geranien, purpurrote und gelbe Meconopsis, Rittersporn, Orchideen, Steinbreche, Glockenblumen, Ranunkeln, Anemonen, Primeln (einschließlich der prächtigen Primula sikkimensis) und drei oder vier Farnarten. Da das Land jetzt viel offener ist, glüht es im Talboden und an den Berghängen von Purpur und Gelb in vielfachen Tönen. Selbst hier nicht, wie überhaupt nirgends im Himalaja, beobachten wir die Farbenflut und Farbenglut, die wir in Kalifornien finden, wo weite Flächen Wiesenland vom Purpur der Lupinen und dem Gold des kalifornischen Mohns flammen. Aber an Menge der Pflanzenarten sind diese Hochtäler des Tistaflusses kaum zu übertreffen. Beim Ersteigen der Bergabhänge oberhalb Tangu finden wir sie von Pflanzen zahlreicher Arten bedeckt, und selbst in 4200 Metern Höhe sammelte Hooker noch über 200 Pflanzen.

Nun aber nähern wir uns der Grenze pflanzlichen Lebens. In 5100 Metern ist die Vegetation nicht mehr alpin, sie ist arktisch geworden, und die Pflanzen dicht an der Schneegrenze sind winzige Primeln, Steinbreche, Enziane, Gräser, Seggen, rasiger Wermut und ein Zwergrhododendron, die alpinste der Holzpflanzen.

Auf der Höhe des Donkiapasses fand Hooker nur eine Blütenpflanze, Arenaria rupifraga. Schwingelgras (Festuca ovina), ein kleiner Farn (Woodsia) und eine Saussurea steigen fast bis ganz auf die Höhe hinauf. Eine rosafarbige, wollige Saussurea und Delphinium glaciale sind zwei der am höchsten wachsenden Pflanzen; sie finden sich meistens in 5250 bis 5400 Metern. Neben einigen dürftigen Moosen gedeihen auf der Höhe mehrere Flechten, wie Cladonia vermicularis, die gelbe Lecidea geographica und die orangerote Lecidea miniata.

In 5500 Metern stieß Hooker auf einem Stein auf eine schöne schottische Flechte eine Gyrophora-Art, das »tripe de roche« der Polarfahrer und die Nahrung der kanadischen Jäger. In den schottischen Alpen ist sie ebenfalls sehr häufig.

Auf dem Gipfel des Bhomtsos, 5610 Meter, fanden sich als einzige Pflanzen die Flechten Lecidea miniata (oder Parmelia miniata), die oben erwähnt wurde, und Borrera. Die erstgenannte winzige Flechte ist auf der Erde in der Arktis, Antarktis und in den Alpen und auch sonst weit verbreitet und tritt öfters in solcher Fülle auf, dass die Felsen orangerot gefärbt sind.

Die volle Reihe pflanzlichen Lebens, vom echt tropischen bis zum abgehärtetsten arktischen, ist nun vollständig. Von der Grenze des ewigen Schnees aus rückwärts schauend, übersehen wir mit einem Blick den ganzen großen Zug. Weder afrikanische noch südamerikanische noch australische Pflanzen haben wir angetroffen und daher auch die Pflanzenwelt keineswegs in ihrer Ganzheit geschaut. Aber von den Tropen bis zur Arktis war die Reihe vollständig und ununterbrochen. In keinem anderen Gebiet könnten wir auf der kurzen Strecke von 160 Kilometern, der Entfernung etwa zwischen Berlin und Leipzig, die gesamte Reihe in so vollständiger Vertretung sehen. Und in der Tat zu sehen, wie riesig in Ausdehnung und Mannigfaltigkeit das pflanzliche Leben ist, das ist etwas ganz anderes, als nur davon Kenntnis zu haben; es ist etwas ganz und gar Verschiedenes, ob man die Blumen in ihrer Körperlichkeit sieht oder ob man nur Beschreibungen liest; und es ist von ganz anderer Wirkung auf uns, wenn wir sie in Massen und an ihren natürlichen Standorten schauen, als wenn wir einige wenige in einem Garten oder in einem Treibhaus erblicken. Hier an Ort und Stelle ist es uns, als seien wir mit dem Herzen der Natur in innigster Fühlung. Wir sehen, wie die Schöpfungen der Natur in frischem, jungem Leben unmittelbar aus dem Urquell emporsteigen. Wir erleben die Freude, die Hand ausstrecken und eine Blume aus der ihr eigenen Umwelt heraus pflücken zu können, sie zu liebkosen, sie nach allen Seiten hin zu untersuchen, ihre Farbe, ihre Gestalt, ihren Bau zu bewundern, ihre Schönheit mit der anderer Blumen zu vergleichen und festzustellen, worauf ihre besondere Schönheit beruht. Niemals werden wir selbst der köstlichsten Orchidee oder der vollkommensten Lilie die Liebe zuwenden können, die wir für die Primeln und Veilchen unseres Heimatlandes empfinden. Aber wir mögen versichert sein, dass unser Naturforscher-Künstler – wenn er im Geist die Eindrücke zusammenfasst, die er auf seiner Fahrt durch die Tropenwälder hinauf zum alpinen Hochland und von dort bis zur Grenze des ewigen Schnees empfangen hat – gewahr werden wird, dass sich der Sinn in ihm unermesslich erweitert hat für die verschiedenartige Schönheit, die in Bäumen und Blättern, in Farnen und Blumen zu finden ist. Er wird dem Ganzen des Pflanzenlebens mit gefestigtem Erkennen gegenüberstehen. Er wird für die diesem innewohnende Schönheit einen verlässlicheren Maßstab besitzen. Unwiderstehlich, aber mit Freuden wird er sich näher an das Herz der Natur herangezogen fühlen.

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