Kitabı oku: «Lass mich Arzt, ich bin durch!»

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Inhaltsverzeichnis

Car Glass

Fin­ger­na­gel­groß

Er­in­ne­run­gen sind auf­ge­lös­te Le­bens­spu­ren

Stil­le Sehn­sucht

Tel­ler­rand

Ruhe

Holz­au­ge, sei wach­sam!

Erd­nuss­but­ter

Der zün­den­de Be­griff

Die Pa­nik lässt nach

Ge­ne­ra­ti­on Lang­strumpf

Ti­me­walk oder: Mur­mel­tier­tag in Bor­g­holz­hau­sen

No­vem­ber­luft

Schwei­ne­grip­pe

Sei­fen­par­ty

Dackel­cho­le­ra

Baum­fie­ber

Deko- Stress

Schnee schip­pen

Last Christ­mas

Zeiträu­ber

Schlafräu­ber

Der graue Rie­se

Ha­fer­schleim

Ja­nu­ar­ge­fühl

He­xen­schuss

Yoga

Nor­dic wal­king

New York

Der Wolf und der Fuchs

Zim­mer frei

Aqua­fit

Ab­rech­nung

Pu­ber­tät = for­mat c:\

Das Mäd­chen Tau­send­schön

El­ternabend

Amtsärz­tin

Count­down

Mau­se­tot

Voll­tref­fer

Der schwar­ze Teich

Welt­meis­ter

Ohne Kom­ma

Wir lie­ben die Stür­me

Was zie­he ich bloß an?

Rund um die Frau

Love is in the hair

Hart­holz

Die Busi­ness­frau

Leh­rer und an­de­res Ge­sin­del

Quer­stel­lungs­be­auf­trag­ter

Ein­fach zu ha­ben

Ver­söh­nungs­sex

Ost­rei­se

Stoff­markt

Ist das Kunst ...?

Mei­ne Per­le und ich

Ket­ten­brie­fun­ter­bre­cher

Glüh­wein im April

Rat­ten­schwanz

Schmut­zi­ge Wä­sche

Ir­gend­wann ist Fei­er­abend

Be­am­ten­klo

Pot­pour­ri

Ta­ken by a stran­ger

So weit das Auge reist

In Saus und Braus

Drei­zack

Schnitt­blu­men

Hüh­nerau­gen

Sün­den­bock

Brat­kar­tof­fel­ver­hält­nis

Alt­hei­mer

Ich tue, was ich ma­chen kann

Der Zahn der Zeit

Selbst­ge­ba­cke­nes

Em­pom­pie Ko­lo­nie

Ratz­fatz

Das Ré­sumé für alle Frus­trier­ten und Ein­ar­mi­gen

Jagd­fie­ber

Im­mer wie­der Mur­mel­tier­tag

Drecks­ta­ge

Wenn ich je­mand an­ders wär’, dann wär’ ich lie­ber ich

Die But­ter schmier’ ich mir nicht aufs Brot!

Deut­sche far ni­en­te

Sand­kas­ten­lie­be

Hit­lers Schnurr­bart

So oder so

Al­ter Zopf

Dawo

Es kann so sein

Un­ter­wegs

So aber auch

Sa­tans­bra­ten

Im Grun­de

Wun­der­bar

Hol­per­stei­ne

Kaf­fee Hag

Zap­pen­dus­ter

Ät­schi Kolät­schi

Wer­wie­was­weis­so­bi

In mei­nem Kopf

Wenn jetzt Som­mer wär

Wie ich es mag

Von Tag zu Tag

Durch­en­wind

Siehs­te­ma

Wen­nich­ma

Nacht­los

Schlaf­voll­zug

Warum ich den Rat­ten­fän­ger er­schoss

Zapp­ze­rapp

Om Au Am Zeh

Was­wenn

Da­ham­wa­den­sa­lat

Angst­halm

End­lich

Or­tho­do­xe Drü­se

Auf Mes­sers Schnei­de

Frei sein

Falscher Irr­tum

Eine schreck­lich net­te Fa­mi­lie

Durch­gangs­zug

So nicht

So is­ses!

Pla­ne­ten­kon­stel­la­ti­on

Ver­ra­ten und ver­kauft

Dort

Blind date

Impressum

Lass mich Arzt,
ich bin durch!

Quer­ge­fön­te Be­kennt­nis­se ei­nes un­ver­bes­ser­li­chen Mo­ralapo­stels

von Fran­co Bol­lo

1. Auf­la­ge, 2015

au­tor@fran­co-bol­lo.de

www.fran­co-bol­lo.de

Fa­ce­book

Die Hand­lung und alle Fi­gu­ren in die­sem Buch sind frei er­fun­den. Ähn­lich­kei­ten mit le­ben­den oder rea­len Per­so­nen wä­ren rein zu­fäl­lig.

Über mich

Franco Bollo (italienisch "francobollo" = Briefmarke) wurde 1967 irgendwo in der ostwestfälischen Puddingstadt, die es nicht gibt, geboren. Schon als Kind entdeckte er seine Leidenschaft für das Schreiben und bekritzelte die Tische in seiner Grundschule ("Wea dass list is dov!"), alle, bis auf den eigenen, er war ja nicht doof.

Über das Buch

Kleine Geschichten voller Sehnsüchte, Humoresken, Nachdenklichem und Skurrilem. Rabenschwarz wie eine Neumondnacht in Ostwestfalen- Lippe, lächerlich wie die Unschuldsbehauptungen von Würstchen- Uli und grotesk wie der Aufstiegstraum von Arminia Bielefeld.

Wei­te­re eBooks von mir:

Quer­ge­fönt (2014), ISBN: 978-3-7380-3214-7

Hen­kers­mahl­zeit und an­de­re De­li­ka­tes­sen (2015), ISBN: 978-3-7380-2484-5

er­hält­lich auf al­len be­kann­ten Platt­for­men wie:

Ama­zon.de, Bue­cher.de, Buch.de, Welt­bild.de, Tha­lia.de, Hu­gen­du­bel.de, Mayer­sche.de, ebook.de, Goo­gle Play, Kobo und an­ge­schlos­se­nen Händ­lern

Irgendwas habe ich immer zu meckern. Und wenn nicht, dann denke ich mir halt etwas aus.

Dabei bin ich kein notorischer Nörgler, ich bin ein unverbesserlicher Moralapostel.

Car Glass

Nix car glass, ich will gar nicht wis­sen, was dein Kun­de mit der ge­sprun­ge­nen Wind­schutz­schei­be in zwei Stun­den bei der Haupt­un­ter­su­chung ohne Zu­zah­lung so al­les ge­macht hat.

Wir bei car glass: Schei­be raus, Schei­be rein. Kein Schmutz, kein Dreck, kein Lärm.

Schnell das Ra­dio um­ge­schal­tet. Aber da fa­selt Her­bert im Duo mit dem Weich­ei Xa­vier von ih­ren ge­mein­sa­men We­gen. Warum habt ihr Lu­schen euch nicht ver­lau­fen? Geht doch ins Busch­camp oder lasst euch ein­mau­ern! Und si­cher fin­det ihr auch noch ein paar Leu­te, die ihr mit­neh­men könnt, z. B. Sie­ben Uhr sechs­und­fünf­zig– Vier Mi­nu­ten vor acht- Sa­ger, Wo ha­ben Sie den denn ge­kauft?- Fra­ger oder ebay- Lang­sam­ver­schi­cker. Sin­gen­de Latz­ho­sen, klei­ne Ru­mä­nen, Och­sen­knech­te oder an­de­re Fleisch­müt­zen­trä­ger. De­pres­si­ve Sau­n­a­gän­ger, lang­at­mi­ge Hoch­be­gab­te, Nichts­sa­ger, Viel­spre­cher.

Und eine Bit­te habe ich: Lasst mich drau­ßen! Hier in mei­nem Auto.

Fin­ger­na­gel­groß

Fin­ger­na­gel­groß war er da, der Im­puls zu schrei­ben. Hat­te sich gut ver­steckt hin­ter dem Dau­men.

Die In­itia­ti­ve fuhr ein­fach fort, raus aus dem Mur­mel­tier­tag.

Auf ei­ner Wur­zel­spit­ze schlief der Ver­än­de­rer noch. War müde und er­schöpft von der Rou­ti­ne. Von sei­nen Auf­ga­ben und Pflich­ten, von der Ar­beit und mit Nich­ten.

Da tra­fen bei­de auf ei­ner Haar­lich­tung auf den He­r­aus­for­de­rer und den Be­wah­rer.

“Lass mich mal ma­chen”, sag­te die In­itia­ti­ve.

“Ich kann es aber bes­ser”, prahl­te der Ver­än­de­rer.

“Das wol­len wir mal se­hen”, wett­ei­fer­te der He­r­aus­for­de­rer.

“Es ist doch gut, wie es ist”, bang­te der Be­wah­rer.

Ene mene mu und raus bist du!

Er­in­ne­run­gen sind auf­ge­lös­te Le­bens­spu­ren

In ei­nem klei­nen, ver­staub­ten Ge­fäß stan­den sie auf der Fens­ter­bank, so­lan­ge ich den­ken kann.

Ei­nes Ta­ges griff ich mir das Glas, dreh­te und wen­de­te es im Son­nen­licht, un­ter­such­te es am Abend und in der Nacht. Doch so oft ich es auch be­trach­te­te, ich konn­te ein­fach nichts dar­in ent­de­cken. So be­schloss ich, den In­halt in Was­ser auf­zu­lö­sen. Die eine Hälf­te koch­te ich auf, die an­de­re stell­te ich zu­rück.

Ich koch­te und koch­te, und wie ich koch­te! Ich wuss­te nicht, wel­che ver­gan­ge­nen Mo­men­te ich zu ex­tra­hie­ren ver­such­te. Ich nahm wie­der einen Teil bei­sei­te, wog ihn, be­stimm­te sei­ne Dich­te und elek­tri­sche Leit­fä­hig­keit, so­wie sei­nen Sie­de- und Ge­frier­punkt. Aber was im­mer ich auch da­mit an­stell­te, ich konn­te nicht mehr he­r­aus­fin­den, als dass die Sum­me ih­rer Ein­zel­tei­le das Gan­ze er­gibt.

Stil­le Sehn­sucht

Di­rekt am Meer. Dort, wo die Son­ne un­ter­geht. Da ste­he ich auf dem Deich, schaue den Mö­wen beim Schei­ßen zu. Der Wind pfeift mir um die Nase. Hier oben ist das Ge­fühl der Frei­heit nä­her als das der Käl­te. Die Luft riecht nach Salz und Fisch.

In der Nacht wird die Stil­le hör­bar: das Rau­schen des Mee­res, das me­tal­li­sche Schla­gen der Se­gel am Mast, das Knal­len der Fah­nen im Wind, das Klin­gen der Glo­cken auf den Schif­fen und Boo­ten, das dump­fe Stöh­nen der sich span­nen­den Taue. Lich­ter am Ho­ri­zont blin­zeln zu mir her­über. Die Flut drückt Wel­len an den Strand, spült Mu­scheln und Tang im­mer ein Stück­chen nä­her an den Deich.

Stil­le Sehn­sucht nach Sand in den Schu­hen, Krab­ben­kut­tern und Kie­fern­wäl­dern, Leucht­tür­men und Lachs­bröt­chen, Dü­nen und Dor­schen.

Tel­ler­rand

Auf dem Tel­ler ist ganz klar: Die Welt ist eine Schei­be. Et­was ver­kehrt he­r­um ge­wölbt. Das führt dazu, dass in der Mit­te al­les zu­sam­men kul­lert. Dann wird es eng. Es bleibt im­mer we­ni­ger Platz. Aber je wei­ter au­ßen, je grö­ßer die Ge­schwin­dig­keit, der Tel­ler dreht sich ja be­kann­ter­ma­ßen, und umso grö­ßer die Ge­fahr, he­r­aus ge­schleu­dert zu wer­den.

Und ge­nau das ge­schah ei­nes Ta­ges plötz­lich. Ein Krü­mel konn­te sich nicht mehr hal­ten und flog ein­fach über den Tel­ler­rand hi­n­aus, durch die Luft, über das Kuckucks­nest hin­weg, im­mer schnel­ler, um dann als kris­tal­li­ner Krü­mel mit ei­nem lau­ten Pock auf mei­ner Wind­schutz­schei­be auf­zu­pral­len, da­bei einen cir­ca 5 Mil­li­me­ter großen Kra­ter zu hin­ter­las­sen und sich dann klamm­heim­lich aus dem Staub zu ma­chen. Mir fiel dann zum Glück die­se Wer­bung im Ra­dio wie­der ein.

“Ich muss ja auch bald zur Haupt­un­ter­su­chung mit mei­nem Auto”, dach­te ich und such­te in mei­ner Ta­sche nach mei­nem Han­dy, um da an­zu­ru­fen.

Doch plötz­lich hat­te ich die­sen Krü­mel in der Hand! Ich hat­te ihn in sei­nem Ver­steck auf­ge­stö­bert. Die­sen klei­nen Mie­se­pe­ter, die­sen Wich­tel, die­sen Wurm! Hat wohl ge­dacht, ich fän­de ihn da nicht! Ha! Wie lä­cher­lich! So et­was dumm- dreis­tes ist mir noch nie un­ter­ge­kom­men! Sein Op­fer auch noch ver­höh­nen und sich bei ihm ver­krü­meln! So ein Arsch­loch, dre­cki­ges!

Ich woll­te ihn gra­de zwi­schen Dau­men und Zei­ge­fin­ger ato­mi­sie­ren, als mir wie­der ein­fiel: “Hey, wo willst du ei­gent­lich hin?!”

Ich war dann bei ju­ni­ted we­gen der neu­en Wind­schutz­schei­be. Das war echt toll. In nur zwei Stun­den war al­les fer­tig, ohne Dreck, ohne Lärm und ohne Krü­mel.

Ruhe

Ich möch­te die Son­ne am Ho­ri­zont zi­schend und bro­delnd im Meer ver­schwin­den hö­ren. Ich möch­te ih­rer stil­len Le­ben­dig­keit lau­schen.

Wie mit dem Kopf halb un­ter Was­ser, wenn ich zwi­schen Play­mo­bil- Boo­ten der Kin­der in der Ba­de­wan­ne lie­ge. Nur Au­gen und Nase schau­en noch he­r­aus. In den Oh­ren knis­tert Ba­de­schaum, Hit­ze­schwa­den stei­gen aus dem Was­ser em­por. Alle Ge­räusche ver­schwin­den. Ich schlie­ße mei­ne Au­gen.

In mei­nem Kopf ent­steht eine Mu­sik aus ei­nem ver­gan­ge­nen Jahr­hun­dert. Un­ter der hei­ßen Son­ne prescht das rie­si­ge Schiff über das wei­te Meer. Die Mas­ten stöh­nen und äch­zen un­ter der Last des Win­des in den Se­geln. Der Bug sticht tief in die Wel­len, Gischt spritzt hoch em­por. Der Ka­pi­tän blin­zelt ins hel­le Licht, brüllt den Ma­tro­sen ein paar Be­feh­le zu. Schon kur­ze Zeit spä­ter liegt das Schiff wie­der ru­hi­ger in der See. Der Ka­pi­tän geht zu­rück un­ter Deck.

Ich tau­che auf und öff­ne die Au­gen. Mein Ba­de­zim­mer schwimmt. Ich zie­he mich an, ma­che die Moby Dick- CD aus und schlie­ße die Tür zum Kin­der­zim­mer. End­lich Ruhe!

Holz­au­ge, sei wach­sam!

Was soll denn das bloß wie­der be­deu­ten?

Ich ken­ne Holz­bei­ne und Holzwür­mer. Holz­köp­fe na­tür­lich auch, jede Men­ge so­gar. Aber Holz­au­ge?!

Soll ich mir da eine ge­schnitz­te Mur­mel drun­ter vor­stel­len? Aus Ma­ha­go­ni oder schwe­di­scher Kie­fer, ge­laugt und ge­ölt? Viel­leicht be­deu­tet es ja: Pass auf, wenn du zu IKEA fährst, dass hin­ter­her nichts fehlt! Ir­gend­ei­ne klei­ne, ver­schis­se­ne Auf­hän­ge­vor­rich­tung, ein Häk­chen, ein Knöpf­chen oder ein De­ckel­chen! Dann musst du des­we­gen an ei­nem lan­gen Sams­tag noch ein­mal da­hin! Und wenn gra­de Knut ist, fällt dir wo­mög­lich noch ein Weih­nachts­baum auf den Kopf. Au weh.

Sei lie­ber wach­sam. Und halt dei­ne Au­gen zu­sam­men.

Erd­nuss­but­ter

Zu­ge­ge­ben: Ich habe noch nie wel­che ge­ges­sen. Ich habe so vie­le Din­ge noch nicht ge­ges­sen: Schne­cken zum Bei­spiel. Oder Frosch­schen­kel (ob Frosch­schutz­mit­tel da­ge­gen hilft?). Mu­scheln, Hum­mer, Hund und Kat­ze auch nicht. Bei Hund bin ich mir nicht ganz si­cher. Das Bild­sym­bol am Buf­fet im letz­ten Ur­laub sah schon aus wie Schä­fer­hund. Wenn ich Glück habe, war es Schaf. Das will ich al­les aber auch gar nicht pro­bie­ren.

Aber Erd­nuss­but­ter? Das klingt zwi­schen süß und sal­zig im Ge­schmack, auf je­den Fall aber kleb­rig und fest. Zu fest. Aus dem Kühl­schrank so­wie­so. Es soll Men­schen ge­ben, die be­wah­ren dort auch ihr Nu­tel­la auf. Im Kühl­schrank! Das Zeug wird hart wie Omis Zart­bit­ter­scho­ko­la­de von Lindt. Wenn man da­mit sein fri­sches Bröt­chen be­streicht, gleicht es schnell dem In­halt ei­ner Krü­mel­schub­la­de im Toas­ter! Des­we­gen kommt die Plöm­pe bei mir erst Mal pau­schal zwei Mi­nu­ten bei 800 Watt in die Mi­kro­wel­le. Dann kriegt man es fein raus aus dem Glas. In die Tas­se. Mit ei­nem Klecks Sprühsah­ne ist das echt le­cker!

Ob das wohl mit Erd­nuss­but­ter auch schmeckt?

Der zün­den­de Be­griff

Manch­mal fehlt er mir: Der zün­den­de Be­griff. Ei­ner wie Dik­tier­ge­rät zum Bei­spiel, oder Te­sa­film­a­b­rol­ler, Tacker­klam­me­rent­fer­ner. Mein Blick kreist da­bei drei­mal über mei­nen Schreib­tisch.

Wie heißt es denn rich­tig? Wa­ren­trenn­stab, Wa­ren­trenn­holz, Wa­ren­tei­ler, Wa­ren­se­pa­ra­tor, Kas­sen­tren­ner, Kun­den­tren­ner, Kun­den­trenn­stab oder Kun­den­trenn­holz? Ich habe mich schließ­lich für Wa­ren­bandtrenn­stück ent­schie­den. Je­den­falls mei­ne ich die­se mit Wer­bung ver­se­he­nen Plas­tik­stä­be, die den ei­ge­nen Ein­kauf im Su­per­markt von dem des Vor­der- und Hin­ter­man­nes oder -frau tren­nen sol­len. Das geht nicht im­mer gut, wie wir al­les wis­sen. Da lan­det schon mal eine Pa­ckung Al­ways Ul­tra bei ei­nem Mit­te vier­zig­jäh­ri­gen Fa­mi­li­en­va­ter. Hei­ßen die Bin­den ei­gent­lich so, weil man sie im­mer tra­gen muss?! Oder ich schie­be die Pa­ckung Kon­do­me dem klei­nen Dötz vor mir un­ter, um sie ihm nach der Kas­se laut­stark wie­der ab­zu­knöp­fen. So ein klei­ne Sau, in dem Al­ter schon… ! Hat wohl ge­dacht, das wäre Kau­gum­mi, stand ja auch Erd­bee­re drauf.

Ein wei­te­rer, mit vie­len Er­in­ne­run­gen be­setz­ter Be­griff ist die Klo­spü­lungs­ket­te. Die­se sil­ber­nen, ir­gend­wie ge­floch­te­nen Ket­ten, als der Spül­kas­ten noch oben an der Wand mon­tiert war. Bei Oma. Im Harz. Das Klo war eis­kalt, auf hal­ber Eta­ge. Aus dem Ab­sperr­hahn kam das Was­ser nur spu­ckend, die Kern­sei­fe hat­te tie­fe Ris­se und Haa­re.

Heu­te ist das schö­ner. Die Hei­zung bul­lert, das Ra­dio träl­lert, die Zei­tung ist ak­tu­ell und zum Le­sen da.

Ach, man­ches wird doch bes­ser!

Die Pa­nik lässt nach

Ich möch­te von mei­nem Fens­ter das Meer rau­schen hö­ren, die sal­zi­ge Luft schnup­pern, dem Ge­schrei der Mö­wen lau­schen. Ich las­se mir einen Bart wach­sen, rau­che Pfei­fe und trin­ke Rot­wein. Abends zün­de ich mir im Ka­min ein Feu­er an, ob­wohl ich Angst habe, Spin­nen könn­ten sich im auf­ge­schich­te­ten Spalt­holz ver­steckt ha­ben. Ich lebe von der Luft und der Lie­be, vom Schrei­ben und Schmö­kern, vom Ma­len und Mau­len. In mei­nem Ka­pi­täns­häus­chen ge­nie­ße ich die Ruhe, je­den Tag.

All die Ka­ta­stro­phen ster­ben aus, die Pa­nik lässt nach.

Ge­ne­ra­ti­on Lang­strumpf

Ich kom­me aus der Pipi Lang­strumpf– Ge­ne­ra­ti­on, als 2 x 3 noch 4 mach­te. Frei­tags Abend lief Vä­ter der Kla­mot­te in schwarz- weiß. Das mach­te nichts, der Fern­se­her hat­te ja auch noch kei­ne Far­be. Ich und mei­ne drei Schwes­tern wur­den alle in der Ba­de­wan­ne durch das sel­be Was­ser ge­zo­gen. Lie­ber Gott, lass mich we­nigs­tens zwei­ter ge­we­sen sein, der Ge­burts­rei­hen­fol­ge nach! Ede Zim­mer­mann ging mit Kon­rad Töns aus Zü­rich und Pe­ter Ni­detz­ky aus Wien in Ak­ten­zei­chen XY… un­ge­löst auf Ver­bre­cher­jagd. In Wes­tern von Ges­tern flo­gen die Ku­geln tief. Pi­noc­chio be­kam eine lan­ge Nase und rote Oh­ren, wenn er nur an Schnee­witt­chen dach­te. Die Bie­ne Maja sam­mel­te Ho­nig und es war noch ein biss­chen Frie­den. Heint­je krieg­te sei­ne ers­ten Pi­ckel.

Doch dann wur­de ich ein­ge­schult. Vor dem Ge­nos­sen­schafts­haus stand ich mit Hol­ger un­ter mei­nem Klet­ter­baum, mei­ne gold- me­tal­licfar­be­ne Schul­tü­te im Arm. Papa be­stach den Eis­mann, dass er uns die Ku­gel für 10 Pfen­nig ver­kauf­te. Der Som­mer war heiß, auch wenn Rudi Car­rell das nicht wahr ha­ben woll­te. Ich saß in Pa­pas al­tem Opel Ka­pi­tän, setz­te mir sei­ne Prinz- Hein­rich- Müt­ze aus Cord auf und fühl­te mich wie wohl wie Ernst Au­gust von Han­no­ver. Der aber leg­te vie­le Jah­re spä­ter oft einen Gang zu, ich nahm ihn raus. Im Schat­ten mei­nes Klet­ter­bau­mes roll­te ich dann ganz lang­sam rück­wärts. Bis un­ter Hol­gers Pa­pas Koh­len­las­ter. Als dann die Re­pa­ra­tur­rech­nung bei uns im Brief­kas­ten war, ob­wohl der ja auf un­ser Auto ge­fah­ren ist, mal­te ich alle Käs­ten an. Bis auf un­se­ren, ich bin ja nicht doof.

Das al­les ge­schah noch lan­ge, be­vor ich schrei­ben konn­te. Ich war ein hel­les Kerl­chen, spiel­te ger­ne Ba­na­nen­käst­chen in der Schu­le und hör­te wohl ge­ra­de zu, als die Recht­schrei­bung von das und daß er­klärt wur­de. Ich merk­te mir die Re­gel, dass das Das mit, wenn das Das nicht, dass es dann ohne sz ge­schrie­ben wird, gut und schrieb im Dik­tat trotz­dem eine sechs. Ich hat­te sieb­zehn Mal daß mit s und z ge­schrie­ben.

Ich brauch­te lan­ge, um mich von die­sem Schock zu er­ho­len. Erst mit der ers­ten Lie­be, die mich über­fiel, schrieb ich im Un­ter­richt mit: "Willst du mit mir ge­hen? Kreu­ze an: Ja, nein, viel­leicht."

Le­sen lern­te ich so auch: Ja, aber erst, wenn ich mit Hol­ger Schluss ge­macht habe!

Ti­me­walk oder: Mur­mel­tier­tag in Bor­g­holz­hau­sen

Über eine schier end­lo­se Land­stra­ße fuhr ich durch dich­ten Ne­bel. Ich such­te nach Licht­punk­ten in der Dun­kel­heit, doch selbst die Schein­wer­fer­ke­gel mei­nes Au­tos wur­den nach etwa zwei Me­tern un­barm­her­zig wie von ei­nem rie­si­gen, schwar­zen Maul ver­schluckt. Die Tan­k­an­zei­ge war schon lan­ge im zwei­ten Un­ter­ge­schoss an­ge­kom­men und blink­te hek­tisch. Die Chan­ce, le­bend ge­fun­den zu wer­den, wenn mir jetzt das Ben­zin aus­gin­ge, glich ei­ner ho­möo­pa­thi­schen Hoch­po­tenz. Ich tas­te­te nach dem Re­ser­ve­ka­nis­ter um fest­zu­stel­len, dass er im Schup­pen beim Ra­sen­mä­her stand.

Ner­vös hielt auf ei­ner klei­nen An­hö­he an. Ich dreh­te das Ra­dio stumm, kur­bel­te das Fens­ter hi­n­un­ter und lausch­te mi­nu­ten­lang. Hier und da glaub­te ich, et­was zu hö­ren, aber es war zu weit ent­fernt um he­r­aus­zu­fin­den, was es war. Doch dann wurden plötzlich die Geräusche lauter. Es war, als habe je­mand eine Tür ge­öff­net. Schwe­res, dump­fes Grol­len wa­ber­te zu mir her­über. Ich spitz­te die Oh­ren, wei­te­te die Nüs­tern. Mit ei­nem Mal er­kann­te ich den Rhyth­mus: Es war Smo­ke on the wa­ter von Deep Pur­ple! Ir­ri­tiert ver­such­te ich, die Rich­tung der Mu­sik aus­zu­ma­chen, aber das war hoff­nungs­los un­ter die­sen Be­din­gun­gen.

Vor­sich­tig ließ ich den Wa­gen lang­sam den Hü­gel hi­n­un­ter rol­len, im­mer mit dem Ohr im nächt­li­chen Fahrt­wind. Es gab eh nur zwei Rich­tun­gen: Die, aus der ich ge­kom­men war und die, in die ich fuhr. Wie beim Blin­de Kuh– Spiel tas­te­te ich mich vor­an, der lau­ter wer­den­den Mu­sik entgegen.

Nach end­lo­sen Mi­nu­ten, die lang­sam wie Ad­vents­sonn­ta­ge im Nie­sel­re­gen ver­ran­nen, bog ich auf einen Schot­ter­park­platz ein und stell­te den Wa­gen ab. An ei­nem Ge­bäu­de fla­cker­te im staubi­gen Fens­ter blass­grau ein Open– Schild, Fet­zen von Child of vi­si­on weh­ten zu mir. Ich ging hin­über, öff­ne­te die Tür und be­trat durch dich­te Rauch­schwa­den einen zum Bers­ten ge­füll­ten Wirts­raum. Im Men­schen­ge­tüm­mel such­te ich mir nahe der The­ke einen Platz und blick­te mich stumm um. Es wirk­te, als sei­en die, die noch Heiz­öl im Tank ih­res Strich– 8er hat­ten, heu­te Abend in die Stadt ge­fah­ren, da­bei hät­ten sie mir ent­ge­gen­kom­men müs­sen!

Alle an­de­ren wa­ren hier: die Be­die­nung mit blon­dier­tem Haar, die nach Tos­ca roch, die Zi­geu­ne­rin, der Bür­ger­meis­ter, der Vor­sit­zen­de des Ge­flü­gel­züch­ter­ver­eins, der letz­tes Jahr mit dem Ka­nin­chen­zucht­ver­ein Deut­sche Rie­sen fu­sio­niert hat­te, die Be­we­gungs­sport­grup­pe der Ab­tei­lung Aus­druck­stanz und die Frau­en­grup­pe von den Weight Wat­chers. Auf ei­ner klei­nen Büh­ne spiel­te eine Band gu­ten, al­ten Rock. Und ich mit­ten­drin.

“Was trinkst du?”, frag­te mich Tos­ca.

“Ein Guin­ness”, schrie ich zu­rück.

“Was ist das denn? Das ken­ne ich nicht!”

“Dann bring mir ein Pils. Habt ihr das?”

Ich war­te­te nur noch dar­auf, ein Wickü­ler zu be­kom­men und in DM be­zah­len zu kön­nen. Kur­ze Zeit spä­ter stell­te sie mir einen großen Glas­hum­pen auf den Tisch und mach­te ein X auf den De­ckel.

“Habt ihr auch was zu es­sen?”, frag­te ich sie.

“Da musst du hin­ten raus, da wird ge­grillt!”

Drau­ßen war nicht viel los, eine Frau in wei­ßer Kit­tel­schür­ze hin­ter ei­ner Bier­gar­ten­gar­ni­tur dreh­te gra­de Würst­chen und rie­si­ge Fleisch­la­ken um. Ich be­stell­te eine Brat­wurst mit Kar­tof­fel­sa­lat, Haus­ge­macht, wie sie ex­tra be­ton­te, und be­kam eine Por­ti­on, bei der selbst die Hun­de im Wai­sen­haus noch hät­ten mit­es­sen kön­nen und satt ge­wor­den wä­ren.

Mit ei­nem Wa­gen­rad von Tel­ler ging ich wie­der hi­n­ein. Die Band spiel­te Dr. Green is dead und ich frag­te mich, ob er an der Por­ti­on ge­stor­ben war oder ob er noch hier vor Ort er­schos­sen wur­de, weil er nicht aufaß?

Um mich he­r­um ver­hüll­ten Tropf­ker­zen Fla­schen mit gro­tes­ken Män­teln, Kunst­blu­men blüh­ten wie frisch ver­liebt, Hä­kel­deck­chen auf den Ti­schen er­strahl­ten in Per­sil­weiß und alte Män­ner gin­gen hüft­steif die stei­len Stu­fen zu den moos­grün ge­flies­ten Toi­let­ten hin­ab und ka­men als win­del­nas­se Jung­spun­de wie­der he­r­auf.

Ich freue mich schon auf das nächs­te Kon­zert die­ser Band.

No­vem­ber­luft

Kal­te No­vem­ber­luft schlug ihr ent­ge­gen, als sie vors Haus trat. Die Son­ne blin­zel­te gold- rot durch das dün­ne Laub­kleid der Bäu­me. Sie blin­zel­te zu­rück. Mor­gens hock­te der Frost schon auf den Au­to­schei­ben und aus den Na­sen und Mün­dern stieg Dra­chen­qualm em­por. Das Ge­sicht zu ei­ner Grim­mas­se ver­zo­gen, ver­such­te sie, ihre Bril­le zu be­schla­gen oder Rauch­rin­ge zu pus­ten.

In der Tris­tes­se des No­vem­ber­graus sah sie aus wie ein Farb­ka­lei­do­skop: Kirsch­ro­te, knie­ho­he Le­ders­tie­fel, eine laub­grü­ne Woll­strumpf­ho­se, einen kür­bi­soran­ge­nen Cord- Mi­ni­rock, einen pfaublau­en Pull­over, einen zi­tro­nen­gel­ben Samt­man­tel und eine pflau­men­vio­let­te Strick­müt­ze mit Pom­pons.

Ihre klei­ne Woh­nung hat­te sie herbst­lich de­ko­riert: An der Tür bau­mel­te ein Ju­te­dra­chen, Zier­kür­bis­se la­gen in ei­nem Wei­den­korb auf der Frie­sen­bank da­ne­ben und auf den Trep­pen­ab­sät­zen stan­den Ge­trei­degar­ben. Klei­nen Hol­zwich­teln, Elf­chen und Zap­fen­igeln hat­te sie aus Kas­ta­ni­en, Buch­e­ckern und tro­ckenem Laub auf dem Fens­ter­sims in der Kü­che ein hei­me­li­ges Win­ter­quar­tier ge­schaf­fen.

Neu­lich war es noch Som­mer!

Schwei­ne­grip­pe

Über­all ist sie in al­ler Mun­de und ich fra­ge mich, ob das dann nach Schnit­zel schmeckt. Man hört da­von in den Nach­rich­ten, man liest dar­über in den Zei­tun­gen. Wie da­mals beim Rin­der­wahn­sinn.

Aber ich krie­ge es ein­fach nicht. Ich kann mir Mett, halb Rind, halb Schwein, Zen­ti­me­ter dick aufs Bröt­chen schmie­ren, ich kriegs ein­fach nicht. Ich be­kom­me we­der lila Fle­cken, noch rin­gelt sich mein Schwänz­chen. Auch die Hüh­ner­pest ist Zug­vo­gel ar­tig an mir vor­bei­ge­flo­gen, ohne dass ich Eier ge­legt hät­te. Was ma­che ich bloß falsch? Ich habe mich mit ak­ti­ven Er­re­gern imp­fen las­sen. Nix! Noch nicht ein­mal eine Rö­tung an der Ein­stich­stel­le! Ich war im Ur­laub an der Schwei­ne­bucht, lass mich auf je­den Kuh­han­del ein, te­le­fo­nie­re täg­lich mit der Hot­li­ne im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­te­ri­um, habe ein sechs­mo­na­ti­ges Prak­ti­kum bei Bau­er Ewald auf Prickings- Hof ab­sol­viert.

Es pas­siert ein­fach nix.

Ich werd noch wahn­sin­nig.

Sei­fen­par­ty

Ach du schei­ße. Das kann ja auch nur Frau­en ein­fal­len! Eine Sei­fen­par­ty?! So ein in Sei­den­pa­pier ein­ge­schla­ge­nes 50 Gramm– Stück kos­tet be­stimmt 12,95 und riecht auch nicht bes­ser als die gute alte Fa. Aber wahr­schein­lich be­la­gern da zehn bis zwölf Hüh­ner um die Vier­zig das hei­mi­sche Wohn­zim­mer den gan­zen Abend lang zur bes­ten DSF– Sen­de­zeit, zei­gen sich ihre neu­en Fri­su­ren, Schu­he und Überg­angs­ja­cken und trin­ken sau­ren Pro­sec­co. Da ist so ein Stück­chen Sei­fe nicht zu teu­er und ein will­kom­me­ner An­lass, über Män­ner im All­ge­mei­nen und ihre ei­ge­nen im Be­son­de­ren her­zu­zie­hen und ne­ben­bei mal eben vier bis fünf hand­ge­zo­ge­ne Duft­klum­pen mit äthe­ri­schen Ölen aus wild­wach­sen­den Kräu­tern von den Hän­gen des süd­li­chen Apen­nin zu kau­fen. Das Geld ist ja schließ­lich selbst ver­dient. In der Bou­tique oder im Gum­mi­bä­ren­la­den. Wo wie­der­um nur Frau­en ein­kau­fen. Und weil die Sei­fe ja doch nicht so ganz bil­lig war, fin­det sie im Louis– Phil­ip­pe– Ver­ti­ko einen pas­sen­den, letz­ten Auf­be­wah­rungs­ort.

Der Mann ist na­tür­lich zu so ei­nem Hap­pe­ning aus­ge­la­den. Er rennt der­weil im real,-. Ein­mal hin. Al­les drin!, drei­mal um den Ak­kuschrau­ber aus der Wer­bung he­r­um und über­legt ge­nau, ob er den wirk­lich braucht, kauft dann einen Kas­ten Bier, eine neue Jeans und eine Tüte La­krit­ze und be­sucht einen al­ten Freund. Wir gu­cken Fuß­ball, re­den über schö­ne Frau­en, die wir nicht ha­ben und be­trin­ken uns.

Ich bin schon mal ge­spannt auf sei­ne neu­en Alufel­gen!

Dackel­cho­le­ra

Ich habe Nach­bars Dackel aus­ge­führt. Jetzt hat es mich er­wischt. Ich stin­ke aus dem Mund, habe eine kal­te Nase und das drin­gen­de Be­dürf­nis, auf den Ra­sen vorm Haus zu schei­ßen. Ist das die Dackel­cho­le­ra? Wie hieß die noch gleich, R2D2?

Baum­fie­ber

Weih­nach­ten stand vor der Tür und wie­der ein­mal hat­te es die­se end­lo­sen Dis­kus­sio­nen ge­ge­ben. Seit zwei Wo­chen strit­ten sie je­den Abend dar­über, ob sie am ers­ten Fei­er­tag ihre El­tern zu Gans mit Rot­kohl und Klö­ßen be­su­chen oder zu sei­nen El­tern fah­ren, wo es tra­di­tio­nell Kar­tof­fel­sa­lat mit Bock­würst­chen im Bröt­chen gibt.

“Im­mer die­ses hei­li­ge Ge­du­del im Ober­hemd”, dach­te er und schüt­tel­te sich, “und die­se scheiß schwe­ren hand­ge­rie­be­nen Ka­no­nen­ku­geln, die den fet­ten Vo­gel vom Him­mel ge­schos­sen ha­ben…”

Mit Grau­en er­in­ner­te er sich an das heuch­le­ri­sche Be­stau­nen des ober­förs­ter­lich er­schla­ge­nen grün- (n)ade­li­gen Wald­be­woh­ners mit ech­ten Bie­nen­wachs­ker­zen im letz­ten Jahr. Das Mist­ding pieks­te, war nach zwei Ta­gen kahl wie ein ka­tho­li­sches Kir­chenober­haupt und auf al­len Fo­tos sah man die­sen däm­li­chen Lö­schei­mer! Und der Ge­dan­ke an einen dis­kret zu­ge­scho­be­nen Büt­ten­um­schlag mit 50 Euro stimm­te ihn auch nicht fröh­li­cher.

Da­heim aber tauch­ten hun­der­te klei­ne Lämp­chen die Rund­fich­te, eine schnitt­grü­ne Ko­ni­fe­re, in ein hei­me­li­ges und ver­hei­ßungs­vol­les Licht. En­gel­schö­re ver­kün­de­ten die hei­li­ge Nacht. Mut­ter deck­te durch Ber­ge von Ge­schen­kalt­pa­pier wa­tend den Tisch mit ih­rem himm­li­schen haus­ge­mach­ten Kar­tof­fel­sa­lat, ein ku­li­na­ri­sches Weih­nachts­ge­dicht. Ihm lief bei die­sem Ge­dan­ken das Was­ser im Mun­de zu­sam­men. Und die 20 Euro konn­te er gut ge­brau­chen.

“Schön, dass ihr da seid”, riss sie ihn aus den Träu­men, als sie die Tür öff­ne­te, “ich hab heu­te zur Ab­wechs­lung ‘mal Gans ge­macht!”

Deko- Stress

Es ist wie­der so­weit: Der Deko- Stress be­ginnt. Da kommt man nicht drum­rum. Selbst wenn ich mir beim Au­to­gramm von Oli­ver Kahn ge­schwo­ren habe, Gott hab ihn se­lig, die­sen Wahn­sinn ein­fach zu igno­rie­ren, bas­teln die Kin­der in der Schu­le si­cher et­was Tol­les. Mit ih­ren Leh­re­rin­nen wird da ge­malt und ge­klebt, ge­hä­kelt und ge­klöp­pelt, ge­filzt und ge­färbt. So wer­den Dut­zen­de Papps­ter­ne mit Bom­meln, En­gel­chen zum Hin­stel­len, Wach­s­tropf­for­men, ver­zier­te Na­del­ge­hölz­zwei­ge, rote Filz­mütz­chen oder selbst­ge­ba­cke­ne knüp­pel­har­te Kek­se, die un­be­dingt am Baum hän­gen müs­sen, stolz nach Hau­se ge­tra­gen. Un­sin­ni­ge Wich­tel­ge­schen­ke wer­den an­ge­schleppt und Nüm­mer­chen für Ad­vents­ka­len­der ge­zo­gen. Seit­dem ziert un­se­re Kü­chen­fens­ter­bank ein klei­ner Ni­ko­laus mit Glit­zer, der je nach Wet­ter­la­ge sei­ne Far­be ver­än­dert. Bei Re­gen oder Schnee ist er rosa und wenn die Son­ne scheint, fun­kelt er blau. Nur Ab­wa­schen kann er nicht. Na ja, beim Schrott­wich­teln in der Fir­ma wer­de ich ihn we­nigs­tens im nächs­ten Jahr wie­der los!

Die Kin­der schmücken zu Hau­se wei­ter bis die Woh­nung aus­sieht wie die As­ser­va­ten­kam­mer des Weih­nachts­man­nes: Klei­ne Ren­tier- und Wich­tel­ka­ra­wa­nen stol­pern durch die selbst­ge­bau­te Win­ter­land­schaft aus Sty­ro­por und die Krip­pe wird auf dem Fern­seh­ge­rät auf­ge­baut. Ich dreh dann im­mer den Bass auf, bis der Esel umplumpst. Auf dem Kü­chen­tisch na­delt ein tro­ckener Ad­vents­kranz, beim Aus­pus­ten der Ker­zen sprit­zen Wachs­fle­cken bis an die Ta­pe­te und den gan­zen Tag du­delt aus dem Ra­dio Rolf Zucker­do­sis:

Es schneit, es schneit, kommt alle aus dem Haus …

Ich baue mir jetzt erst­mal die Frei­stoß­si­tua­ti­on in den Schnee, als Kam­per dem Kahn einen in­di­rek­ten Frei­stoß an der Mau­er vor­bei ins Eck knallt. Schön mit Schal und Tri­kot! Das war auch wie Weih­nach­ten.

Schnee schip­pen

Weih­nach­ten naht. Drau­ßen bricht der Win­ter los, holt sich alle Passan­ten ohne Müt­ze, Schal, Hand­schuh und war­me Schu­he. Der ei­si­ge Wind ge­friert ih­nen die un­be­deck­te Nase und die Oh­ren. Ich kann’s vom mei­nen Fens­ter aus se­hen. Lus­tig schlit­tern sie über ver­eis­te Bür­ger­stei­ge, den Kra­gen hoch­ge­schla­gen, den Hals ganz klein ge­macht, die Hän­de tief in den Ta­schen ver­gra­ben. Sie se­hen aus wie 1,70 Me­ter große Pin­gui­ne. Ge­hen auch so. Auf der an­de­ren Stra­ßen­sei­te dreht ein Som­mer­rei­fen­fah­rer gra­de durch. Er hat nur ein win­zi­ges Guck­loch ge­kratzt, der An­las­ser klingt wie Bert aus der Se­sam­stra­ße, wenn er lacht. End­lich springt die alte Möh­re an. Die Vor­der­rei­fen ma­chen be­stimmt im Stand schon 80 Stun­den­ki­lo­me­ter, das Auto qualmt wie der Kühl­turm ei­nes Braun­koh­le­wer­kes, als der Mo­tor wie­der stirbt. Wut­schnau­bend ver­staucht er sich den Fuß beim Tritt ge­gen den hart­ge­fro­re­nen Rei­fen und schließt sich hum­pelnd der Pin­guin­ka­ra­wa­ne an.

Die Flo­cken wer­den dich­ter, man kann fast nur noch die Schirm­spit­zen se­hen. Ich will mir gra­de einen neu­en Glüh­wein heiß ma­chen, als mir der Kehr­wo­chen­plan in die Hän­de fällt. Schnee­dienst? Ich?

Ach du schei­ße, wo sind bloß mei­ne Hand­schuh und die Müt­ze?!

Last Christ­mas

Seit 1984 geht mir das auf die Nüs­se. An je­dem Glüh­wein­stand träl­lern mir die­se bei­den Lap­pen die Oh­ren voll. In der Bahn, im Bus, im Auto, beim Bröt­chen ho­len, im MP3- Player, auf dem Deich, selbst im Ra­dio. Kei­ne Ruhe!

Wann kommt end­lich die Ver­si­on Very last christ­mas he­r­aus? Dann sin­ge ich mit: Letz­te Weih­nacht, al­ler­letz­te Weih­nacht…

Ich habe frü­her im­mer Pink Floyd ge­hört: Wish you were here. Das ma­che ich jetzt auch wie­der!

Zeiträu­ber

Da­von geis­tern im Mo­ment vie­le durchs Haus:

Klei­ne No­tiz­zet­tel, blin­ken­de An­ruf­be­ant­wor­ter, SMS- Si­gnal­tö­ne, Stoff­tie­re und lan­ge Un­ter­ho­sen mit Lö­chern, fern­ge­steu­er­te Au­tos und Ta­schen­lam­pen mit lee­ren Ak­kus, vol­le Wä­sche­kör­be, lee­re Kühl­schrän­ke, har­te Bröt­chen, kei­ne Eier, Zah­lungs­auf­for­de­run­gen, Weih­nachts­de­ko, Ad­vents­ka­len­der, Pfand­fla­schen, Alt­pa­pier, Schnee­schip­per, zu­ge­fro­re­ne Schei­ben, Matsch im Flur, nas­se Schu­he, ge­ris­se­ne Schnür­sen­kel, ver­klemm­te Ja­lou­si­en, durch­ge­brann­te Glühlam­pen, Stein­schlag in der Wind­schutz­schei­be, Win­ter­rei­fen im Schup­pen, Ab­fall­ka­len­der, Kof­fer, un­auf­ge­räum­te Kin­der­zim­mer, nicht ge­mach­te Bet­ten, Nachts plötz­lich pie­pen­de We­cker, El­t­ern­stun­den in der Kita, Fort­bil­dun­gen am Frei­tag, Hun­ger in der Mit­tags­pau­se, Kle­be­film- und Sche­ren­ver­ste­cker, Bril­len- und Haus­schlüs­sel­ver­schlü­rer!!

Wenn das mor­gen al­les weg ist, ja Scheiß in Dreck, was mach ich dann?!

Schlafräu­ber

Da­von spu­ken auch ger­ne wel­che durchs oder ums Haus, be­son­ders aber dann, wenn ich mal ex­tra früh schla­fen ge­gan­gen bin:

Spä­te An­ru­fer, Zeit­ver­schie­bungs­ver­ges­ser, SMS- Si­gnal­tö­ne, Pol­ter­geis­ter, Ta­schen­lam­pen­ge­spens­ter, Klin­gel­jä­ger, Klin­gel­ho­sen, Krä­hen auf dem Ka­min­dach, Eu­len­heu­len, Amei­sen­hus­ten, Fl­ohräus­pern, Frosch­für­ze, Mücken­sum­men, Hun­de­bel­len, Ma­gen­knur­ren, Netz­teil­brum­men, au­to­ma­ti­sier­tes Rei­ni­gungs­pro­gramm Dru­cker, Stand- by- Lämp­chen, Au­totü­ren­zu­schlä­ger, Mo­to­ren­auf­heu­ler, Scharf­brem­ser, Alarm­an­la­gen­be­sit­zer, Vor dem Fens­ter– Un­ter­hal­ter, ma­rodie­ren­de Hor­den, Zah­lungs­auf­for­de­run­gen, Hähn­chen­schnit­zel in Gor­gon­zo­la­so­ße, Heim­nie­der­la­gen, Aus­wärts­nie­der­la­gen, Heim­sie­ge, Aus­wärts­sie­ge, Un­ent­schie­den, Mar­tins- Sin­ger, Stern­sin­ger, Schief­sin­ger, Schleu­der­gän­ge, Schlagregen, Schnee­schip­per, Schlüs­sel­klim­pe­rer, Ver­liebt sein, Zeit­um­stel­lung, Zei­tungs­ein­wer­fer, Voll­mond, Dop­pel­ter­mi­ne, pie­pen­de We­cker, krat­zen­de Bett­wä­sche, trop­fen­de Was­ser­häh­ne, knart­schen­de Lat­ten­ros­te, klap­pern­de Tü­ren, kal­te Füße, quä­len­de Ge­dan­ken wie: Ich muss noch die Müll­ton­ne an die Stra­ße stel­len, In vier Stun­den muss ich wie­der auf­ste­hen, Habe ich das Auto ab­ge­schlos­sen?, Wie hieß der/ die/ das bloß?, Was ko­che ich mor­gen?, Was habe ich heu­te ge­ges­sen?, Wer bin ich über­haupt?

Wenn das mor­gen al­les weg ist, dann schlaf ich erst mal aus!

Der graue Rie­se

Das Meer zeig­te sich von sei­ner rau­en Sei­te. Grol­lend warf der graue Rie­se sei­ne kal­ten Arme ans Ufer. Sein ei­si­ger Atem feg­te di­cke Schnee­flo­cken vor sich her wie eine Hor­de auf­ge­scheuch­ter Krab­ben beim Schul­aus­flug. Auf­ge­peitsch­te Gischt küss­te mich feucht wie eine jun­ge Af­fä­re. Be­nom­men stol­per­te ich über sei­ne Ge­bei­ne den Strand ent­lang, der in­zwi­schen schon knie­tief un­ter Schnee be­gra­ben lag.

Am Ho­ri­zont blin­zel­te mir ein Zy­klop auf­mun­ternd zu.

Ha­fer­schleim

Ich war mal krank. Muss­te so­gar ins Kran­ken­haus. Soll­te so­gar da blei­ben. Am nächs­ten Nach­mit­tag spiel­te aber Ar­mi­nia Bie­le­feld- Bay­ern Mün­chen. Ich woll­te nicht blei­ben. Ich woll­te auf den Block, wo ein an­stän­di­ger Fan hin­ge­hört, wenn er in Bie­le­feld wohnt. Ich muss­te aber blei­ben. Ich hat­te aber mei­ne Dau­er­kar­te und mein Tri­kot ein­ge­packt. Ko­misch. Ich dach­te, höre ich das Spiel eben im Ra­dio. So blieb ich eine Nacht, bat die Schwes­ter, mir den Zu­gang zu zie­hen, weil er weh täte und mach­te dann einen GAAANZ lan­gen Spa­zier­gang. Am Sta­di­on vor­bei. Zu­fäl­lig. Und als Fan hat­te ich na­tür­lich mein Tri­kot an. Und mei­ne Dau­er­kar­te da­bei. Viel­leicht könn­te ich die ja noch ei­nem Freund ge­ben. War aber kei­ner da. Warn schon alle auf­fem Block. Ging ich also mal gu­cken. Hal­lo sa­gen. War ein gei­les Spiel. Ham aber ver­lo­ren.

Am Abend gabs wie­der Ha­fer­schleim im Kran­ken­haus. Lau­warm. Das Zeug schmeckt ja wie auf­ge­weich­tes Lösch­pa­pier in Grau. Sieht auch so aus. Also erst ein­mal einen Tee­beu­tel rein­hän­gen. So gings schon bes­ser run­ter. Mit we­ni­ger Wür­gen. Mein Kör­per­ge­wicht nä­her­te sich in­zwi­schen dem ei­ner guss­ei­ser­nen Brat­pfan­ne.

Dann kam Os­tern. Ich lös­te klei­ne ein­ge­schmug­gel­te Scho­ko­häs­chen im Ha­fer­schleim auf. Das war schon ein ano­rek­ti­sches Fest­mahl. Sehr emp­feh­len kann ich auch einen etwa zwei Zen­ti­me­ter lan­gen Strei­fen Zahn­pas­ta. Nimmt man Si­gnal, ist es qua­si so­gar Ha­fer­schleim rot- weiß.

Nach fünf Ta­gen und 7 Kilo ge­schmol­ze­nem Kör­per­ge­wicht hät­te ich jede Schwes­tern­schü­le­rin zu­guns­ten ei­nes But­ter­kek­ses nackt lie­gen las­sen.

An­schlie­ßend gab es Auf­bau­kost. Ich dach­te, dass mich das auf­baut. Ver­geb­lich such­te ich un­ter der Por­ti­ons­mar­me­la­de nach Auf­schnitt. Wie ein Huhn, nicht wie ein Mann, pick­te ich mei­ne Schei­be Un- ge- Toast und mops­te mir bei ent­las­se­nen Mit­pa­ti­en­ten Ma­ger­milch- Jo­ghurts vom Ta­blett, be­vor die ab­ge­räumt wur­den.

Am Abend, nach­dem mich das ers­te Mal die ost­eu­ro­päi­sche Au­ßen­han­dels­ver­tre­te­rin nach Bröt­chen zum Früh­stück ge­fragt hat­te, wur­de ich ent­las­sen.

Schlank wie ein Zaun­pfahl, geil wie ein Mur­mel­tier nach dem Win­ter­schlaf und der Kühl­schrank leer wie eine Hal­le zwei Stun­den nach Ende ei­nes Kon­zer­tes von Han­si Hin­ter­seer.

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