Kitabı oku: «Anne Bonny - Piratenkönigin der Karibik»
Franjo Terhart
Anne Bonny ‒ Piratenkönigin der Karibik
Saga
Anne Bonny ‒ Piratenkönigin der KaribikCopyright © 1996, 2019 Franjo Terhart und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726159912
1. Ebook-Auflage, 2019
Format: EPUB 2.0
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Faszination Anne Bonny – Faszination Piraten
Vor einigen Jahren arbeitete ich an einem Roman über die irische Piratin Grace O’Malley, die im 16. Jahrhundert gelebt hat und auf der Grünen Insel zu einer Volksheldin geworden ist. Nach wie vor wird die Erinnerung an diese adelige Piratin sowohl in den Pubs wie auch in Publikationen lebendig gehalten. Dies vor allem, weil sie mit List und viel Fortune über ein halbes Jahrhundert lang eroberungslüstige Engländer von der Westküste ihrer Heimat fernhalten konnte. Einem alten Iren aus Cork habe ich allerdings zu verdanken, daß ich bei meinen damaligen Recherchen auch von der zweiten draufgängerischen Piratin erfuhr, die aus dem Land hervorgegangen ist: Anne Bonny.
Sie lebte ein gutes Jahrhundert später als ihre zumindest in Irland berühmtere Piratenschwester Grace O’Malley. Zudem waren Anne Bonnys Jagdgründe wärmere Gewässer und die mit Palmen übersäten Inseln der Karibik. Damals, als mir Paddy aus Cork, mit fast zahnlosem Mund stolz von Anne Bonny erzählte, nahm ich mir vor, mich mit dieser anderen Piratenkönigin eines Tages näher zu befassen. Im Laufe der Zeit sammelte ich peu à peu Material über ihre seeräuberischen Aktivitäten und war dabei mehr und mehr von ihrem »Lady’s touch« fasziniert – ihren ausgefallenen Tricks, mit denen sie selbst gestandene Männer aufs Kreuz legte, um an ihre Schiffe und Schätze auf See zu kommen. Daß sie dies ein paar Jahre lang im Verein mit einer anderen Piratin tat, nämlich mit Mary Read, machte die ganze Sache für mich noch spektakulärer, weil die beiden Frauen in einem absolut von Männern beherrschten Jahrhundert agierten. Zudem weckte ein Zitat der amerikanischen Schauspielerin, Rennfahrerin und Flugzeugpilotin Jill St. John meine Aufmerksamkeit. In den fünfziger Jahren stellte die Amerikanerin in einem Film eine Piratin dar und äußerte sich über Anne Bonny wie folgt:
»Niemand soll auf die Idee kommen, daß ich in ›Der Pirat des Königs‹ diese Anne Bonny verkörpere. Sie war schließlich 1 Meter 85 groß, wog zweihundert Pfund und hatte ein Gesicht, das eine Sonnenuhr stoppen konnte.« 1 )
Offensichtlich wollte die Schauspielerin lieber eine Piratin mit dem Aussehen eines Pariser Mannequins spielen und distanzierte sich deshalb so stark von Anne Bonny. Tatsächlich war die Piratenkönigin der Karibik alles andere als ein süßes Mäuschen mit dem strahlenden Gesicht eines Leinwandstars à la Hollywood. Aber sie war wohl auch nicht so häßlich, wie Jill St. John sie sich vorstellte.
Es gibt einen höchst interessanten Stich aus dem Jahre 1724, der sie als junge Frau vor einer Palmenküste mit Schiffen in der Ferne zeigt. Anne Bonny trägt weite Hosen mit einem kurzen Jäckchen und einem offenen Hemd, das die Brüste freigibt. Mit der rechten Hand feuert sie eine Pistole ab. Ein Enterbeil in der linken Hosentasche, ein Säbel und zwei weitere Pistolen in einem ledernen Leibriemen vervollständigen ihre Ausrüstung. Ihr breitkrempiger Hut sitzt schief, und das rötlichblonde Haar weht. Das Gesicht ist fein geschnitten, und der Zeichner, der sie in natura wahrscheinlich niemals getroffen hat, mag etwas festgehalten haben von dem Hemmungslosen und Rebellischen, das dieser Frau eigen gewesen ist.
Doch das Auffallendste an dieser Abbildung ist die Drehbewegung, die die Gestalt auszuführen scheint, wodurch das rechte Bein etwas zurückbleibt. Das gibt der Figur etwas unvergleichlich Zierliches, wie überhaupt die ganze Zeichnung einmalig und höchst ungewöhnlich ist. Alle anderen Abbildungen von berühmten Piraten – Zeitgenossen von Anne Bonny – wirken dagegen steif und phantasielos. Anne Bonny gleicht einer Primaballerina, die sich als Püppchen auf einer Spieldose dreht – aber umringt von Feinden, die sie einen nach dem anderen, immer sich drehend und schießend, unschädlich macht. Spielerisch wirkt ihr Tun und zugleich beängstigend. Was für eine ungewöhnliche Frau! Anne Bonny, die Piratenkönigin, war groß, durchtrainiert und hatte Muskeln wie moderne Athletinnen. Die brauchte sie allerdings auch, um sich in einer der unbarmherzigsten Männergesellschaften behaupten zu können, die es jemals gab: die Piratenbanden der Karibik um 1700.
Schillernde Gestalten befanden sich darunter, wie der dämonische Blackbeard, alias Edward Teach, der wegen seiner Brutalität selbst bei seiner eigenen Besatzung als Teufel in Menschengestalt galt. Oder Bartholomew Roberts, den viele wegen seiner Taktik der Kriegsführung auf See und seiner sagenhaften Erfolge für den größten Piraten seiner Zeit hielten und der nach dem Sprachgebrauch seiner Kumpane pistolenfest war. Oder Stede Bonnet – ein seltsamer Kauz – der bei seinen Überfällen auch gerne die Schiffsbibliothek mitgehen ließ, weil er so gerne Gedichte las. Oder Howell Davis, der eine mörderische, halsabschneiderische Besatzung befehligte, die ihm allerdings vollkommen ergeben war, weil sie bei ihm nichts für unmöglich hielten.
Alle diese Heroen und noch viele mehr wird Anne Bonny persönlich gekannt haben. Daß sie sich gegen sie behaupten konnte, zeigt, wie außergewöhnlich diese Frau aus Irland gewesen sein muß. Im übrigen haben Piraten zu allen Zeiten zugleich Schrecken und Bewunderung ausgelöst. Dies gilt um so mehr für das Goldene Zeitalter der Piraterie zwischen 1691 und 1723. Unauslöschlich hat sich trotz dieser kurzen Blütezeit gerissener Schurkenstreiche auf hoher See Stil und Bravour der westindischen Piraten in der Psyche der westlichen Welt eingeprägt. Denn trotz all ihrer Roheit sprechen die Piraten bis auf den heutigen Tag etwas in uns an: »Die Lockung ferner Horizonte, die Verheißung eines anderen Morgens, der Traum, die Ketten der menschlichen Existenz abzustreifen, alle Regeln zu brechen und obendrein noch reich zu werden.« 2 )
Hans Leip hat diese irreale Sehnsucht des sowohl verschreckten als auch faszinierten Kleinbürgers so ausgedrückt: »Befassen sich neuere Schriftsteller mit dem Thema Freibeuterei, ist ihnen meist der soziale Untergrund reizvoll, die historische Unumgänglichkeit, der frühdemokratische Einschlag, die gelegentlich anarchistische oder sektierische Gegebenheit und die einzelnen Typen in ihrer Brutalität, Abseitigkeit oder Verstiegenheit. Und dieses alles auf dem gewaltigen Gefilde der See. Das Malerische kommt hinzu und das Schwierige, die Weltabgeschiedenheit vergangener Segelschiffahrt, auch der Hauch Romantik, der um das scheinbar freie Seeräuberleben geistert, das Glitzern geheimnisvoller Münzen und Kleinodien, die Verschwiegenheit und exotische Pracht der Zuflüchte auf tropischen Inseln, das wild Verschwenderische dort, die Orgien und Ränke, die höllischen Selbstherrlichkeiten und was alles sich das nach Unerhörtem begehrliche zivile Herz aus alten Verhinderungen oder Sehnsüchten heraus ins unerfüllte Tagebuch schreibt.« 3 )
Aber die Betrachtung des karibischen Seeräubertums ist auch noch aus einem anderen Grund interessant und eines der faszinierendsten Kapitel der amerikanischen Geschichte. Denn, will man ehrlich sein, so sind die westindischen Freibeuter, sind Männer wie Blackbeard, Bonnet, Bartholomew und Frauen wie Anne Bonny und Mary Read die ersten Amerikaner im modernen Sinn des Wortes. Warum? Weil sie sich früher als andere von ihrem Mutterland England losgelöst haben, um etwas Neues und Eigenständiges zu gründen. Piratenkolonien nannten und nennen es die Bürger abwertend bis heute, aber gerade dieses Moment des Außerstaatlichen stellte für die bürgerlichen Zeitgenossen der Piraten das eigentliche Verbrechen dar – wie wir noch sehen werden. Dabei war diesen Outlaws immer gegenwärtig, was ihnen blühte, wenn man ihrer habhaft wurde. Der Strick war dabei noch das freundlichste Schicksal. Ein Beispiel dafür ist das Todesurteil von Stede Bonnet. Er würde im Hafen von Charles Town öffentlich gehängt, obwohl er um Gnade gefleht und in seiner Verzweifelung sogar an den Gouverneur geschrieben hatte. In seinem Brief teilte er diesem mit, daß er, falls man ihn begnadige, sich unfähig machen würde, das Piratenleben je wieder aufzunehmen, indem er alle seine Gliedmaßen vom Körper trennen und nur die Zunge behalten werde, um ständig voller Reue den Herrn anzurufen und zu ihm zu beten. Das Angebot der Selbstverstümmelung hat ihm nichts genutzt. Ein gefangener Pirat wurde von der damaligen Justiz immer auf grausamste Weise ums Leben gebracht.
Das muß auch Anne Bonny klargewesen sein. Dennoch hat sie ihr selbstgewähltes Schicksal niemals verleugnet. Vielleicht, weil ein Leben auf See ihr die einzige Möglichkeit eröffnete, an männlicher Bewegungsfreiheit und ihren Privilegien teilzuhaben. Wie Anne Bonny letztlich war und wie sich selber fühlte, wird wohl immer ein Geheimnis bleiben. Diese Biographie kann deshalb auch nur die harten Fakten zusammenstellen – Berichte und Aussagen von Menschen, die Anne Bonny gekannt haben, oder was man über sie vom Hörensagen weiß. Ein verläßlicher Zeuge bei dieser »Beweisaufnahme« ist sicherlich Daniel Defoe, Verfasser des Robinson Crusoe und intimer Kenner der karibischen Piratenszene. Er veröffentlichte 1724, knapp zwei Jahre nach den letzten Massenhinrichtungen von Piraten durch den Strang, in London ein Buch mit dem Titel: A General History of the Robberies und Murders of the Most Notorious Pirates, das 1728 auch in deutscher Sprache erschien. 4 ) Defoes Buch, basierend auf Material aus erster Hand, wie den Abschriften von Piratenprozessen und Unterredungen mit Piraten und ihren Opfern, befaßt sich eingehend mit den westindischen Seeräubern und vor allem mit Anne Bonny und Mary Read. 1728 erschien aufgrund des überwältigenden Erfolges ein zweiter Band. Defoe hatte beide Bücher unter dem Pseudonym Kapitän Charles Johnson veröffentlicht und erst sehr viel später, nämlich in den siebziger Jahren unseres Jahrhunderts, konnte die wirkliche Autorenschaft gelüftet werden. Defoes Buch wurde vor allem wegen seiner »Biographie« der Anne Bonny berühmt und fand zahlreiche Leser, die jedes Wort über die Piratin begeistert verschlangen. Vor allem was ihr Ende angeht, das nach wie vor im dunkeln bleibt, und worüber Defoe keine Auskunft geben konnte oder wollte.
Mich beschleicht beim Lesen von Defoes Bericht der Eindruck, als ob dem Autoren Anne Bonny selbst nicht geheuer gewesen ist. Er bezeichnet ihr Dasein als »äußerst extravagant« und falls der Leser den Eindruck hätte, das Leben dieser Frau gleiche einem Roman, so müsse er ihm leider sagen, daß nichts davon ausgedacht sei. Als Beweis für seine Glaubwürdigkeit fügt Defoe an, daß es immer noch genügend Zeugen gäbe, die dies bestätigen könnten. Defoe ist sich aber zugleich bewußt, daß die ungewöhnliche Laufbahn von Anne Bonny als Piratin seinem Buch eine große Leserschar bescheren wird, selbst wenn ihm die Frau, wohl weil sie aus der tradierten Rolle herausfällt, irgendwie unheimlich bleibt. Und die Faszination, die die Figur des weiblichen Piraten ausübt, ist bis heute ungebrochen.
Der Skandal. Cork, Irland, März 1700
Anne Bonnys Geburt löste unter Corks Bürgern einen handfesten Skandal aus. Ihr Vater William Cormac, ein bis dahin angesehener englischer Anwalt mit einer wohlhabenden Klientel, hatte sich leichtfertig – wie es hieß – mit seinem irischen Dienstmädchen eingelassen. Bis dato war die Ehe der Cormacs kinderlos geblieben, angeblich weil Elizabeth Cormac unfruchtbar war. Weil sich der Anwalt aber sehnlichst Kinder wünschte und sich offensichtlich zu der hübschen Irin mit dem feuerroten Haar hingezogen fühlte, ließ er sie auch, nachdem die Schwangerschaft offenkundig geworden war, nicht fallen. Und genau darin bestand der eigentliche Skandal. Heimliche Beziehungen zwischen Dienstherren und Personal waren durchaus üblich. Was die Gemüter so sehr in Rage versetzte, war die Tatsache, daß sich William Cormac wie ein verliebter Schuljunge zu seinem Verhältnis bekannte und sich in vorbildlicher Weise um die nicht standesgemäße Geliebte und das gemeinsame Kind kümmern wollte. Seine Freunde rieten ihm von diesem Schritt ab. Es würde sein gesellschaftlicher Untergang sein, warnten sie. Doch der Anwalt schlug ihre Ratschläge in den Wind. Er brachte Mutter und Kind in einem nahegelegenen Mietsgebäude unter, das ihm gehörte, und hoffte, daß schnell Gras über die Sache wachsen würde. Cormac hätte sich auch sofort von seiner Frau scheiden lassen, wenn Elizabeth in eine Scheidung eingewilligt hätte, aber sie hatte ihm trotzig erklärt, diesen Gefallen würde sie ihm bei Lebzeiten niemals tun.
So trug es sich im März des Jahres 1700 in der südirischen Stadt Cork zu. William Cormacs Anwesen lag auf einem Hügel in Sichtweite des betriebsamen Hafens, von dem aus die Schiffe zum Kontinent, aber auch über den Atlantik in die neue Welt fuhren. Schiffe aus Spanien, Frankreich, England und Nordafrika gingen in Cork vor Anker. Der Handel mit den westlichen Ländern Europas und den Kolonien in der neuentdeckten Welt jenseits des atlantischen Ozeans blühte – allerdings nur für die Engländer. Irische Händler wurden von den Royal Shipping Acts, englischen Wirtschaftsbeschränkungen, so gut wie erdrosselt. Denn seit Oliver Cromwell ein halbes Jahrhundert zuvor die Insel – von ihrer Fläche her nicht größer als Bayern – brutal unterworfen hatte, wobei ein Drittel der irischen Katholiken ihr Leben lassen mußten, war alles Land an protestantische englische Siedler übereignet worden. Auch William Cormacs Vater war mit der ersten Welle protestantischer Kaufleute aus England gekommen. Auf dem zerstörten Grundbesitz enteigneter Katholiken hatte er sein großes steinernes Landhaus errichtet und sein Geld auf Kosten der unterdrückten Iren verdient.
William war mit 18 Jahren zum Studium der Rechte nach England geschickt worden. Als er von dort Jahre später mit einem Diplom in der Tasche zurückkehrte, war es seine feste Absicht, in der irischen Kolonie Karriere zu machen, koste es, was es wolle. Aber ein hartes Leben wartete nicht auf ihn. Konkurrenten gab es nur wenige. Seit 1690 waren die Katholiken in Irland zu einer verfolgten Gruppe geworden, ihr Anteil am Landbesitz auf 15 Prozent gesunken. Eine neue antikatholische Gesetzgebung (Penal Laws) schloß Katholiken weitgehend von Ämtern und dem öffentlichen Leben aus. Sie hatten weder das Recht, Land zu kaufen noch rentabel zu pachten. Diejenigen, die es trotzdem versuchten, hießen Tennants – und waren nicht viel besser dran als Leibeigene. Selbst der Stellvertreter des Königs in Irland berichtete 1770, daß es auf der ganzen Welt kaum ein erbärmlicheres Leben gebe als das des irischen Bauern. Und ein Gesetz aus jener Zeit besagte, daß irischen Rebellen bei lebendigem Leibe das Gedärm herausgerissen und vor ihren Augen verbrannt werden sollte.
Die Stadt Cork selbst war 1649 von Cromwell eingenommen worden. Damals wurden die Stadtmauern und alle Befestigungsanlagen geschliffen, aber auch sakrale katholische Bauwerke fielen der Zerstörungswut zum Opfer. Heute stehen aus dieser Zeit nur noch zwei Bauwerke: das Elizabeth Fort und der Red Abbey Tower, Überrest eines im 13. Jahrhundert gegründeten Augustinerklosters. Das älteste Viertel liegt südlich der Grand Parade. Wenn man von dort hinunter zum alten Hafen Cobh schlendert, erhält man mit etwas Phantasie einen ungefähren Eindruck, wie es hier zu Anne Bonnys Zeiten ausgesehen haben mag. Schaut man gen Norden, so sieht man Saint Patrick’s Hill, wo sich in früheren Zeiten die reicheren Bürger niedergelassen haben. Von dieser Anhöhe aus hat man seit jeher einen eindrucksvollen Blick auf den Hafen der Stadt. Das Zentrum von Cork ist ohne jede Erhebung und wird von den Einheimischen als »Ebene der Stadt« bezeichnet. Im Norden jedoch fällt ein markantes Steilufer zum Fluß Lee hin ab. Dort befand sich der Umschlagplatz für Waren. Und die zahlreichen schwarzen Masten der Zwei- und Dreimaster legten im Jahre 1700 Zeugnis für einen florierenden Handel ab.
Bis zum Eklat, den die Geburt seiner Tochter auslöste, führte William Cormac ein angesehenes Leben. Seine Frau und er besuchten die zahlreichen Bälle, die in den Häusern der Aristokraten und Neureichen gegeben wurden. Cormac verdiente sein Geld ausschließlich dadurch, daß er die meiste Zeit über als Notar tätig war, also Verträge besiegelte, was ihm eine hübsche Stange Geld einbrachte. Einen Teil des Geldes investierte er in lukrative Wollgeschäfte, aus denen er nicht selten den doppelten oder dreifachen Gewinn zog. Der junge Anwalt hatte zweifellos ein Händchen für Geldangelegenheiten, aber kein Gespür für die moralische Einstellung seiner Mitbürger.
Wie in jedem feinen Haushalt in Cork hatte auch Cormac ein Dienstmädchen eingestellt. Margaret Mary Brennan, genannt Peg, war mit sechzehn Jahren in seine Dienste getreten und bewohnte unterm Dach ihr eigenes kleines Zimmer. William Cormac, Anfang Dreißig, ein hochgewachsener grobknochiger vitaler Mann, war ihr erster Dienstherr und schon bald ihr erster und einziger Liebhaber. Als Peg schwanger wurde, hätte sie das Kind abtreiben lassen können, wie es viele Dienstherren von ihren Angestellten erzwangen. Der Anwalt jedoch, der sich sehnlichst ein Kind gewünscht hatte, muß sich über die Schwangerschaft seiner Geliebten gefreut haben, auch wenn ihm die Konsequenzen dieser Liebe von Anfang an bewußt gewesen sein müssen.
Der »Fehltritt« konnte von einem bestimmten Punkt an nicht länger verheimlicht werden. Interessanterweise weiß Hans Leip in seinem Bordbuch des Satans etwas darüber zu berichten, wie Elizabeth Cormac zum erstenmal Verdacht schöpfte, daß ihr Mann ein Verhältnis mit dem Dienstmädchen hatte. Leip erzählt, daß ein Bekannter von William Cormac heimlich silberne Löffel unter die Bettlaken des Mädchens schob, um sich einen, zweifelsohne etwas merkwürdigen Scherz zu erlauben. Zu jenem Zeitpunkt soll sich Elizabeth Cormac auf einer Reise befunden haben. Als sie ein, zwei Wochen später nach Hause zurückkehrte, wurde der Verlust des Bestecks offenbar. Man suchte und fand die Löffel schließlich im Bett der Dienstmagd. Leip schreibt: »Nicht, daß Elizabeth annahm, das Mädchen habe die Löffel stehlen wollen. Dennoch bedurfte es keiner detektivischen Überlegung, bis sie sich sagte, das kecke Ding könne unmöglich inzwischen in ihrer Kammer geschlafen haben, sonst hätte es unweigerlich die Löffel entdecken müssen, die ja immerhin nicht aus Daunen waren. Und sie ahnte voller Trauer und Eifersucht, dieses Mädchen habe in den Tagen ihrer Abwesenheit ihren Platz im Bette ihres Mannes ausgefüllt.«
Elizabeth fand augenblicklich eine Verbündete in Cormacs Mutter, die ihm die Liaison mit einem irischen Dienstmädchen niemals verzieh, ihn später sogar enterbte. Von diesem Zeitpunkt an lebte William Cormac getrennt von seiner Ehefrau, aber er zog auch nicht zu Mary und dem Kind. Anne wuchs folglich allein bei ihrer Mutter auf. Daß William Cormac von ihnen getrennt lebte, hatte vor allem finanzielle Gründe. Elizabeth willigte nicht in die Scheidung ein, sah vielleicht in ihrer Weigerung ein Druckmittel, William zur Vernunft zu bringen. Nach wie vor erhielt der Anwalt Geld aus dem Erbteil, das ihm durch den Tod seines Vaters zustand. Doch bei der Zuteilung hatte seine Mutter das letzte Wort. Wäre er mit Mary und dem Kind zusammengezogen, so hätte seine Mutter ihm das Geld augenblicklich gestrichen. William Cormac war alles andere als selbstmörderisch. Er wußte, was man sich in Cork über ihn erzählte. Er wollte die Gerüchte auf keinen Fall in irgendeiner Hinsicht forcieren oder unverrückbare Tatsachen schaffen, die ihm sofort zum Nachteil gereicht hätten. Allerdings sehnte er sich auch danach, Mutter und Tochter um sich zu haben, vor allem die Tochter Anne. Und so verfiel er nach wenigen Jahren auf eine List.
»Dies dauerte beinahe sieben Jahre an«, berichtet Daniel Defoe, »dann aber faßte er eine Zuneigung zu dem Mädchen, das er von seiner Magd hatte, und nahm sich vor, es zu sich nach Hause zu nehmen, um mit ihm zu leben; aber da die ganze Stadt wußte, daß es ein Mädchen war, und um vor ihnen wie auch vor seiner Frau die Wahrheit verborgen zu halten, ließ er es wie einen Jungen Hosen anziehen und gab vor, es handele sich um das Kind eines Verwandten, das er als seinen Lehrling großziehen wollte.«
Offensichtlich glaubte der Anwalt, daß er durch diese Maskerade doch noch zu seinem Recht als Vater kommen könnte. Er sollte sich täuschen. Unklar ist, wie sich die Mutter in dieser Situation verhielt. Schließlich hatte sie die Tochter fünf Jahre lang ohne Mann aufgezogen. Nun nahm William das Mädchen zu sich ins Haus. Alles, was man weiß ist, daß Mary weiterhin in der Mietwohnung lebte, in der sie sich mit ihrem Geliebten wie gehabt nur heimlich treffen konnte. William Cormacs Versteckspiel wirkt naiv, und es konnte letztlich nur eine Frage der Zeit sein, bis die Wahrheit ans Licht kommen würde. Um also nicht direkt mit seiner geliebten Tochter Anne, die ihm von nun an bei seinen Gängen hinunter in die Stadt oder zum Hafen wie ein gehorsames Hündchen auf Schritt und Tritt folgte, in Verbindung gebracht zu werden, hatte er das Mädchen kurzerhand in Jungenkleidung gesteckt. Annes rotblonde Locken verbarg eine grüne Kappe und wenn ihn jemand nach dem Kind fragte, so gab er es als seinen Neffen aus, der ihm anvertraut worden wäre. Anne selbst mußte ihren Vater in der Öffentlichkeit mit »Onkel« anreden. In ihrer Jungenhose rannte sie hinter ihm her und lernte nach und nach das aufregende und hektische Leben am Hafen kennen: Matrosen, Betrunkene, rauhbeinige Kerle, aber auch clevere Geschäftsleute, die genau wußten, wie und wo sie ihr Geld am besten verdienen konnten.
Wir können nur rätseln, wie das alles auf das kleine Mädchen gewirkt haben muß. Das rege Leben am Hafen, Geschichten vom Meer und von fremden Ländern, Schiffe, die um die halbe Welt fuhren, von dort fremdartig aussehende Menschen, Tiere und Pflanzen mitbrachten, das Seemannsgarn, darunter haarsträubende Geschichten von Piraten, die ihr die Matrosen erzählt haben mochten, waren die eine Seite der Medaille. Das alles mag ihr durchaus gefallen haben. Es wird erzählt, daß Anne schon früh sehr gerne den wiegenden Gang der Seeleute und ihre rauhe Art zu sprechen nachgeahmt hätte. Ohne Zweifel hat dieser Einblick in eine fremde Welt, von der ihre übrigen Geschlechtsgenossinnen weitestgehend ausgeschlossen waren, dem Mädchen Spaß gemacht. Aber wie sah die Kehrseite der Medaille aus?
Anne steckte tagein, tagaus in Jungenkleidung, lernte sich wie ein Junge zu benehmen, durfte nicht wie ein Mädchen agieren, sondern mußte auf Wunsch ihres Vaters und wahrscheinlich auch ihrer Mutter ihr Geschlecht verleugnen. Also keine Puppen, keine Kleidchen, keine Duftwässerchen, keine Schleifen im Haar. Unter diesen Umständen war ihr wohl auch der Umgang mit gleichaltrigen oder älteren Mädchen verboten. Die Gefahr, daß der Schwindel auffliegen würde, zum Beispiel durch eine unbedachte Bemerkung des Kindes, war einfach zu groß. Also hatte Anne ausschließlich Umgang mit Jungen, lebte als »Junge« unter und mit ihnen und lernte, wie sich zukünftige Männer verhielten. Das mußte zwangsläufig Auswirkungen auf die Entwicklung ihrer Psyche haben. Es ist nicht sicher, ob Cormac jemals versucht hat, ihr deutlich zu machen, warum dies alles überhaupt stattfand. So richtig verstanden haben wird ihn Anne sicherlich nicht, Aber eine andere Wahl hatte sie ja auch nicht. Wohin aber sollte ihre Entwicklung führen? Wann würde die Maskerade ein Ende finden?
Wahrscheinlich hat William Cormac die besonderen Umstände, unter denen seine Tochter aufwuchs, auch mit Sorge betrachtet. Schließlich wollte er ja aus Anne keinen Jungen machen. Sie sollte zu einer jungen Frau erblühen, um dann mit einem Sohn aus wohlhabendem Hause verheiratet zu werden. In diesem Punkt werden sich Cormacs Vorstellungen von denen seiner Zeitgenossen nicht wesentlich unterschieden haben. Aber er sah auch, wie problematisch die Situation war. In seinen Kreisen wurden junge Mädchen in die Obhut von Erzieherinnen gegeben. Aber welche englische Erzieherin würde unter einer Herrin wie Mary Brennan, die einmal Magd im Hause gewesen war, arbeiten wollen? Sie würde selbst in Verruf geraten und niemals mehr eine weitere Anstellung erhalten. Selbst eine Scheidung von Elizabeth hätte nichts geändert. Seine Frau war zu ihren Eltern zurückgekehrt und hatte William wissen lassen, daß sie ihm den fortgesetzten Umgang mit seiner »Privathure« niemals verzeihen würde. Im übrigen würde sie ihn, ganz gleich, wohin er auch ginge, mit ihrem Haß verfolgen. Im Klartext bedeutete das, daß William Cormac die Mutter seiner Tochter niemals würde heiraten können, solange Elizabeth lebte. Selbst in den neuen Kolonien jenseits des großen Ozeans stand auf Bigamie der Kerker. Um William Cormacs Zukunft stand es also alles andere als gut. Irgendwann würde er den entscheidenden falschen Schritt tun und das Spiel wäre verloren. Die ehrenwerten Bürger und Bürgerinnen von Cork waren einer Meinung: uneheliche Sprößlinge, hervorgegangen aus Liebeleien mit Dienstmägden, die einer legitimen und standesgemäßen Ehefrau vorgezogen wurden, waren eine öffentliche Beleidigung und eine Gefahr für das bestehende gesellschaftliche System. William Cormac gehörte vernichtet, was sein Ansehen und seine Stellung innerhalb der Bürgerschaft von Cork anging.
Dann flog der Schwindel auf. Der vermeintliche Neffe war in Wirklichkeit Cormacs Tochter. Manche wollten es schon immer gewußt haben. Von diesem Moment an riskierte Cormac alles. Mary zog zu ihm, und der Anwalt lebte unverheiratet mit seiner ehemaligen Dienstmagd zusammen. Das war für die Bürger Corks, so weltoffen ihr Hafen auch sein mochte, zuviel. Nach und nach verlor William Cormac einen wohlhabenden Klienten nach dem anderen. Als seine Mutter starb, die sich durch die auf sie ausgedehnte Ächtung seitens der Gemeinde gedemütigt gefühlt hatte, hinterließ sie ihren ganzen Besitz Elizabeth. Das Blatt wendete sich nun endgültig gegen den einst so geachteten Anwalt. Selbst Geschäfte, die über den Hafen abgewickelt wurden, wollte niemand mehr so recht mit ihm machen. Gewinne aus seinen Unternehmungen fielen plötzlich geringer aus als erwartet. Cormac sah sich von einer Mauer aus Vorarteilen umgeben – wohin er auch blickte. Nicht ganz zwei Jahre sollten er und seine Familie diesem Druck von außen noch standhalten. Nun mußten sie handeln, wenn die Familie nicht zugrunde gehen sollte.
Doch was tun? In eine andere irische Stadt zu gehen, hätte wenig Sinn gehabt. Es wäre eher verwunderlich gewesen, wenn sich Cormacs »Fehltritt« nicht unter den ehrenwerten Bürgerinnen und Bürgern des Landes herumgesprochen hätte. In jeder Stadt würde man den Cormacs mit Ablehnung oder sogar Haß begegnen. England selbst hätte nur befristet eine Alternative dargestellt. Eines Tages, vermutlich früher als erwartet, hätte ihn auch im entlegensten Nest in Wales oder Cornwall die Vergangenheit eingeholt. William Cormac dürfte angesichts der verfahrenen Situation ziemlich ratlos gewesen sein.
Neuengland – gelobtes Land jenseits des Meeres
Die neue Welt jenseits des Atlantiks hatte die Spanier, die Holländer, die Schweden und die Franzosen verlockt, dort Kolonien zu gründen. Die Engländer kamen erst spät. 1606 war das Jahr des Aufbruchs. Sir John Poham und Sir Fernando Gorges, Vertreter zweier Gruppen von Kaufleuten, erbaten und erhielten die Charten zur Gründung von Zwillingskompanien in Virginia. Bereits ein Jahr später schickte die London-Kompanie drei Schiffe über den Ozean, die am 26. April 1607 durch eine wunderbare Fügung Land fanden und in der Chesapeake-Bucht vor Anker gingen. Der an dieser Stelle ins Meer mündende Strom wurde zu Ehren von König Jakob I. James-River getauft. Von einer wohlüberlegten Vorbereitung einer so wichtigen Expedition konnte allerdings nicht im entferntesten die Rede sein. Sie führten Lebensmittel für nur 16 Wochen mit sich, sehr wenig Saatgut, kaum Geräte, um den Acker zu bebauen, und kein einziges Haustier. Reich waren sie nur an Edelleuten und armen Feldarbeitern. Keine einzige Frau war unter ihnen. Ein versiegeltes Kästchen mit den Weisungen der Kompanie enthielt genaueste Vorschriften darüber, wie die Zusammensetzung und der Wirkungskreis des Regierungsrates auszusehen habe. Außerdem wurden sie angewiesen, alle Flüsse hinaufzufahren, um einen Zugang zum großen Südozean zu finden. Offensichtlich hatte sich niemand darüber Gedanken gemacht, wie eine europäische Niederlassung in einem gänzlich »wilden« Land auszusehen habe und wie man die ersten Schritte erleichtern könne. Nicht einmal Tauschwaren für den Handel mit den Indianern gab es.
So also sah der erste englische Versuch aus, einen winzigen Teil Nordamerikas zu besiedeln. Die Virginier bauten ein kleines Fort und nannten es Jamestown. Zwietracht, Hunger, Moskitos, Indianerüberfälle und Sumpffieber dezimierten die 105 Kolonisten innerhalb eines Jahres auf ein Häufchen von 35 Männern. »Noch nie und in keinem anderen Land hatten Engländer derartiges Elend auszustehen«, wird einer von ihnen später schreiben. 5 ) Im September 1608 legte das zweite Schiff mit 70 neuen Einwanderern an, darunter zwei Frauen, den ersten, die den englischen Boden der Neuen Welt betraten.
Einige wichtige Daten und Ereignisse sind hier noch erwähnenswert. Mit den Einwanderern von 1610 war auch ein Mann gekommen, der sich John Rolfe nannte. Ein schwermütiger Mensch, 25 Jahre alt, der erst wenige Monate zuvor seine Frau verloren hatte. Er ließ sich am Rande von Jamestown nieder. All seine Sorgfalt wandte er einem Flecken Land zu, nicht größer als ein Gemüsegarten, auf dem er großblättrige Tabakpflanzen zog. Das Tabakrauchen hatten die Kolonisten von den Indianern übernommen, weil sie darin eine vorbeugende Maßnahme gegen das Sumpffieber sahen. John Rolfe war der erste Weiße, der Tabak anbaute. 1614 gingen Ballen von seiner dritten Ernte nach London. Und das Unglaubliche geschah: Binnen kurzem setzte sich sein Tabak gegen die vielen Sorten von den Antillen und aus Südamerika durch und wurde ein wirtschaftlicher Erfolg. Ab 1619 war der Tabak in Jamestown anerkanntes Zahlungsmittel, und von 1620 an gingen jährlich 100.000 Pfund von Rolfes mildem Kraut über den Ozean.
Ein anderes Ereignis von weittragender Bedeutung fiel in den August 1619. Da legte nämlich ein holländischer Zweimaster vor Jamestown an, verkaufte 20 afrikanische Neger als Sklaven und begründete die furchtbare Geschichte der Versklavung farbiger Menschen. Im selben Monat August scharten sich in der Kirche von Jamestown 22 Honoratioren zur ersten Gesetzgebenden Versammlung der Neuen Welt um den neuen Gouverneur George Yardely. Der Boden konnte von nun an als Privatbesitz erworben werden. 150 »ehrbare junge Frauenzimmer«, von ihren Verlobten mit Tabak bezahlt, waren angekommen. 1.200 englische Neueinwanderer überquerten nun jährlich den Atlantik und die Bevölkerungszahl von Virginia stieg auf 4.000 Seelen. Pflanzungen und Häuser entstanden an den Ufern des Potomac. Die Engländer bekamen die Dinge allmählich in den Griff.
Im selben Jahr brachen von der südenglischen Stadt Plymouth aus weitere Siedler auf, die Ostküste Amerikas für sich in Besitz zu nehmen. Ihr Schiff hieß »Mayflower«, und der Mann im Ausguck des Topmastes sichtete in der Frühe des 10. Novembers am Horizont den ersehnten Landstreifen. Die Pilgrim Fathers – die Pilgerväter – gelten allerdings, wie wir gesehen haben, zu Unrecht als diejenigen, die die erste ständige englische Niederlassung in Amerika gründeten. Auch ist ihr Name »Pilgerväter« erst später gebräuchlich geworden. Sie selbst nannten sich schlicht und bescheiden Heilige. Diese englischen Kongregationalisten wanderten zur freien Religionsausübung zuerst in die Niederlande, dann nach Amerika aus.
Der Gedanke, nach Amerika auszuwandern, hatte für sie manch Verführerisches, aber auch viel Abschreckendes. Vor allem fürchteten sie die indianischen Wilden, von denen sie viel Grausames gehört hatten. Ihnen bangte aber auch vor dem Klimawechsel und davor, hier Wasser trinken zu müssen. Als die »Mayflower« schließlich in einer geschützten Bucht von Cape Code vor Anker ging, verließen 102 Einwanderer, darunter 20 Frauen, Gefährtinnen der Heiligen, das Schiff. Indianer, auf die sie stießen, nahmen vor ihnen Reißaus. Weil sie kein Saatgut besaßen, plünderten sie indianische Gräber, die Behälter voll gelber, schwarzer und roter Maiskörner enthielten. Später folgten von England aus noch weitere Heilige und Strangers, wie die Pilgrim Fathers Angehörige der anglikanischen Kirche bezeichneten. Die Gemeinde vergrößerte sich zusehends, die Spannungen unter den Kolonisten auch. Andere Separatisten folgten, um sich im Land der unbegrenzten Möglichkeiten niederzulassen und ihre religiösen Ideen auszubreiten.
1629 wurde die erste Ziegelbrennerei in Salem errichtet. Zehn Jahre später nahm im gleichen Ort die erste Glashütte ihren Betrieb auf. 1630 wurde Boston gegründet. 1631 lief das erste Schiff – »The Blessing of the Bay« – auf dem Mystic-River vom Stapel. Cambridge besaß im Jahre 1640 die erste Druckerei. Neuamsterdam, 1629 von den Holländern gegründet, ging im Frieden von Breda 1667 im Tausch gegen Surinam an England über und wurde fortan New York genannt. Jamestown, die erste Stadt der englischen Siedler, verlor 1699 seine Stellung als Hauptstadt der Kolonie Virginia und trat sie an Williamsburg ab, das diese Funktion achtzig Jahre später an Richmond verlor.
Kein Zweifel: Neuengland wuchs und gewann mehr und mehr an Selbstbewußtsein gegenüber dem Mutterland. Aber trotz technischer Fortschritte mußten die Kolonisten noch lange leibliche und geistige Not leiden. Dort, wo sich eigentlich Fensterscheiben befinden sollten, waren die Häuser mit Holz- oder Ölpapierläden versehen. Fackeln stellten die Beleuchtung sicher. Gabeln und Teller waren unbekannt, letztere wurden durch »trenchers« ersetzt, rechteckige, ins Tischholz gehöhlte Doppelmulden, die zwei Personen zugleich dienten (woher übrigens der Ausdruck »trencher-fellows«, Busenfreunde, stammt). Kleidung wurde aus grobem Zeug angefertigt, und die Aufgabe der Gerichte bestand hauptsächlich darin, die Erhaltung der Sittenreinheit zu gewährleisten. Drakonische Gesetze mit harten Strafen wurden erlassen. Nichts war so undemokratisch wie die Mutterzelle der amerikanischen Demokratie.
Siedler für Karolina gesucht
Erst spät war das Interesse für Kolonialfragen in England erwacht. Solange man keine Expeditionen ausrüstete, verfaßte man anfangs zahlreiche Werke, Flugblätter und Denkschriften, die von den Vorteilen handelten, welche das englische Volk aus Niederlassungen jenseits des Ozeans ziehen könne. Dabei stand im frühen 17. Jahrhundert noch der Gedanke im Vordergrund, daß die Errichtung ferner Stützpunkte auch den Kampf gegen das verhaßte Spanien erleichtern könne, daß der englische Staatsschatz durch die in den exotischen Ländern gefundenen oder dem Feind in größeren Mengen abgenommenen Edelmetalle angereichert und für Katholiken, Arme und Abgeurteilte ein Abfluß geschaffen werden könne. Zehntausende von Iren wurden im 17., 18. Jahrhundert auf diese Art in die Karibik oder nach Australien deportiert.
Nach 1700 änderte sich Ton und Inhalt der Aufrufe an potentielle Auswanderer. Nun würde jeder persönlich angesprochen, und es war keine Rede mehr davon, was eine Ansiedelung in Amerika für die Krone, für das Vaterland bedeutete. Die überseeischen Kolonien waren selbstbewußter geworden und betrachteten sich mehr und mehr als vom Mutterland England unabhängig. Um das riesige Land besiedeln zu können, gab es immer häufiger Anwerbungen, die in Form von Flugblättern oder Anschlägen in englischen und irischen Häfen verteilt wurden oder dort aushingen. Fruchtbarkeit, Fülle, Üppigkeit und Überfluß waren die Kennzeichen der neuen Welt. Das Leben in Europa dagegen wurde in diesen Texten als überaus hart und wenig erfolgversprechend geschildert. So wurden Männer aus gutem Hause aufgefordert, mit geringem finanziellen Einsatz ihr Glück in Neuengland zu machen, wo ihnen ein Leben in Wohlstand wie die reife Frucht vom Baume zufallen würde. Die ganze Natur trüge dort zu den menschlichen Kräften der Zeugung und Erneuerung bei. Kinderlose Frauen und Männer tränken Wasser vom James-River und bekämen Nachwuchs. 1728 bestätigte William Byrd den indianischen Glauben an die Potenzstärkung durch Bärenfleisch, denn von seiner Gruppe von Landvermessern, die kräftig dem Bärenfleisch zugesprochen hatten, wären alle Verheirateten unserer Gesellschaft vierzig Wochen nach ihrer Heimkehr glückliche Väter geworden, und die meisten Unverheirateten hätten nach der gleichen Zeit uneheliche Kinder bekommen, mit Ausnahme des Kaplans natürlich.
Geworben wurde auch damit, daß einem jüngeren Bruder, der laut Gesetz kein Anrecht auf das Land seines Vaters besäße, in Karolina oder Virginia genügend Land zur Verfügung stünde, das er für sich und seine Familie urbar machen könne, wodurch es in seinen Besitz übergehen würde. Geworben wurde auch mit religiöser Freiheit und damit, daß der für jeweils drei Jahre regierende Gouverneur keine Macht habe, ohne Zustimmung der gesetzgebenden Versammlung Steuern aufzuerlegen oder Gesetze zu erlassen.
Wahrscheinlich wird William Cormac eines Tages am Hafen solch ein Flugblatt in die Hand gedrückt bekommen haben. Was dort über das Siedlerleben in Karolina zu lesen stand, klang vielversprechend. Und es mag sein, daß der Anwalt plötzlich die widersprüchlichen Gefühle vieler Menschen empfand, die für eine Auswanderung empfänglich waren. Er schaute auf seine alte englische Heimat herab, denn dort hatte er sich immer als Fremder gefühlt – genau wie auf der okkupierten irischen Insel. Wenn er also schon ein Fremder war, und noch dazu verhaßt wegen seiner persönlichen Geschichte, warum sollte er dann nicht gleich in ein Land voller Fremder in der Neuen Welt gehen? Diese Vorstellung mag in William Cormac geschwelt haben, und je länger er darüber nachdachte, desto mehr muß ihm Karolina wie das Paradies auf Erden vorgekommen sein. Mary mag ihn vielleicht daran erinnert haben, daß in Neuengland die Menschen auf Maishülsensäcken schlafen und schales Wasser trinken würden, weil es kein Bier gab, aber ihr Mann wird diese Bedenken mit einer Handbewegung vom Tisch gefegt haben. Hieß es denn nicht, daß sich dort ein Mann in nur fünf Jahren ein größeres Vermögen würde erarbeiten können, als in England oder Irland in seinem ganzen Leben? Und außerdem hatten sie ja ohnehin keine Wahl. Entweder würden sie in Cork an der Engstirnigkeit der Menschen zugrunde gehen oder in der Neuen Welt versuchen, von vorne anzufangen. William Cormac kümmerte sich um die Schiffspassage,
Für Anne mag die Aussicht, mit einem Schiff weit weit weg in ein fremdes Land zu reisen, aufregend gewesen sein. Zu oft hatte sie ihrem Vater als Junge verkleidet hinunter zu den Hafenkais folgen müssen, wo die Schiffe anlegten und wieder in See stachen, ohne daß sie auch nur einmal hätte mitfahren dürfen. Sie war jetzt fast neun Jahre alt und hatte sich die meiste Zeit ihres Lebens wie ein Junge benehmen müssen. Matrosen hatten ihr aufregende Dinge erzählt und in dem Mädchen das Gefühl geweckt, daß es an Bord eines Zwei- oder Dreimasters freier und verrückter zugehen würde als bei den »Landratten«. Die Neue Welt hingegen wird Anne sich von Cork aus weniger gut vorgestellt haben können. Abbildungen gab es nicht. Und so dürfte ihre Beziehung zuerst eine rein gefühlsmäßige gewesen sein: Dort würde es bestimmte, ihr verhaßte Leute nicht mehr geben.
Captain Kidd – ein Pirat als Abschreckung für alle Anständigen
Mit ihren unhandlichen, schweren Schrankkoffern ging die Familie eines Morgens hinunter zum Hafen von Cork. Dort wartete bereits ein Schiff auf die drei Cormacs, das sie nach London bringen sollte. Keiner von ihnen würde je wieder nach Irland zurückkehren, und zu diesem Zeitpunkt werden sich auch weder William, Mary noch Anne Cormac danach gesehnt haben. »Nur möglichst weit weg von Cork«, mag ihre Devise gelautet haben, und auf der Fahrt nach London, die einige Tage in Anspruch nahm, fiel der Druck, der die letzten Jahre auf ihnen gelastet hatte, ganz allmählich ab. Für Anne war es die erste längere Schiffahrt überhaupt und daher ein Abenteuer besonderer Art. Als sie in die Themse einfuhren und Tilbury Point passierten, wird sie jemand auf eine bestimmte Stelle am rechten Ufer aufmerksam gemacht haben. Vielleicht ist es sogar William Cormac selbst gewesen, der – seine Tochter an sich gedrückt – auf einen Landstrich gezeigt und vom Galgen erzählt hat, der dort vor ein paar Jahren für den berüchtigten Piraten Captain Kidd errichtet worden war. Anne wird die abschreckende Geschichte vom Piraten Kidd sicherlich gekannt haben, weil sie damals in aller Münde gewesen ist. Alle Schiffe, die in den ersten Jahren des 18. Jahrhunderts die Themse nach London hinauffuhren, mußten an dem an einem Galgenbaum hängenden, mit Ketten gefesselten und in ein eisernes Gerüst gepreßten Kidd vorbei – konnten ihn kaum übersehen. Kidd hing dort als abschreckendes Beispiel. Und manch ein Seefahrer, der Pirat wurde, schwor, sich eher in die Luft zu sprengen, als zum Trocknen aufgehängt zu werden wie Kidd.
Seine Seeräubereien waren in Annes Kindheit in aller Munde, und Kidd wurde zum Monster stilisiert, das unartige Kinder fraß. Noch bei späteren Generationen galt William Kidd allgemein als Seeräuber übelster Sorte, als Prototyp eines grausamen und halsabschneiderischen Piraten. Kidd war ein berühmter Fall, aber dies eher aufgrund politischer Intrigen als der tatsächlich begangenen Verbrechen. Sein Aufstieg zum geächteten Piraten ist nämlich untrennbar verbunden mit den Namen einiger der erlauchtesten Männer des britischen Königreichs. Männern, die Kidd am Ende verrieten und keinen Finger für ihn rührten, um nicht selbst in Gefahr zu geraten.
Über die ersten 45 Jahre seines Lebens ist wenig bekannt. Kidd war Schotte und wurde wahrscheinlich 1645 in Greenock geboren. Vermutlich wird er schon als Junge zur See gegangen sein. Später wanderte er nach Amerika aus und soll um 1690 ein vermögender Mann in New York gewesen sein. William Kidd besaß ein eigenes Handelsschiff und hatte sich 1689 als Kaperkapitän im Dienste des Königs gegen die Franzosen in Westindien hervorgetan. Kidd war mit Sarah Oort verheiratet, die, obwohl erst Anfang Zwanzig, bereits zwei Ehemänner überlebt hatte. Bevor William Kidd nach New York kam, hatte er in London einflußreichen Leuten bei Hofe auseinandergesetzt, daß er in der Lage sei, die See von Piraten leerzufegen, ohne daß dies der Regierung auch nur die geringsten Kosten verursachen würde. Alles, was er benötige, sei finanzielle Unterstützung seitens der Londoner Kaufmannschaft, um ein gutes, mit starken Geschützen wohlbestücktes Schiff auszurüsten. Lohn brauche der kampfkräftigen Mannschaft seines Schiffes nicht gezahlt zu werden, weil man ja auf Kaperfahrt gegen Piraten zöge. Kidds Plan gefiel den hohen Herren in London, und so stellten sie ihm 6.000 Pfund Sterling zur Verfügung, um das Unternehmen zu finanzieren. Mit von der Partie, wenn auch nur in finanzieller und politischer Hinsicht, waren der Lordkanzler von England, der Lord der Admiralität und einige angesehene Herren aus dem Hochadel.
William Kidd schien der geeignete Mann für ein solches Unternehmen zu sein. Er war ein ehrlicher, zuverlässiger Handelskapitän und kampferprobter Seemann, der sich mit Piraten auskannte. Seine besondere Kaperfahrt versprach Gewinn. Wie es Brauch war, sollten die ersten zehn Prozent der Beute an die Krone fallen. Die restlichen 90 Prozent sollten wie 100 Prozent zu drei Teilen aufgeteilt werden. 60 Prozent für die Londoner Geldgeber, 15 Prozent für Kidd und nur 25 statt der sonst üblichen 60 Prozent für die Besatzung. Außerdem sollte die Beute erst nach der Fahrt, zum Abschluß des ganzen Unternehmens, verteilt werden. William Kidd wurden zwei Sondervollmachten verliehen, um diesem privaten Unternehmen ein offizielles Mäntelchen umzuhängen. Die eine war ein Kaperbrief, der ihn ermächtigte, französische Schiffe aufzubringen. Die andere war die Vollmacht des Königs, Jagd auf Piraten zu machen und wies Kidd als »unser treuer und vielgeliebter Captain William Kidd« aus.
Im Dezember 1695 lief sein Schiff, die »Adventure Galley« in London vom Stapel. Sie hatte mehr Kanonen an Bord als jedes Seeräuber schiff. Kidd segelte zuerst nach New York, wo er seine endgültige Mannschaft zusammenstellte. Im September 1696 stach er von dort aus in See, um seinen Auftrag zu erfüllen. Nach wie vor ist unbekannt, wie aus dem wohlhabenden Kapitän, der auf Piratenfang gehen wollte, selbst ein Pirat wurde. Die einen sagen, er sei dazu von seiner habgierigen Crew gepreßt worden, Es ist durchaus möglich, daß die Männer meuterten, nachdem sie auf See keine Beute erhalten hatten und darauf nach Aussage ihres Kapitäns auch noch lange warten sollten. Die anderen glauben, daß William Kidd von vornherein nichts anderes im Sinn gehabt hätte, als mit einem starken Schiff selbst Pirat zu werden. Es dauerte ein Jahr, bis man in London von Kidds Taten hörte. Es hieß, er würde seine Opfer fesseln und danach mit der flachen Klinge seines Entermessers so lange schlagen, bis sie verrieten, wo das Bargeld oder der Schmuck versteckt seien. Kidd habe auch Gefangene getötet, Schiffe verbrannt und sich mit anderen Seeräubern zusammengetan und Munition ausgetauscht, wurde erzählt. Doch nichts Genaues wurde bekannt. Für zwei Jahre war Captain Kidd jedenfalls der Schrecken des Meeres zwischen Madagaskar und Westindien. Dann hatte er so enorme Mengen Seide, Gewürze, Edelsteine, Gold- und Silbermünzen erbeutet, daß selbst seine Männer genug hatten. Die »Adventure Galley« wurde verbrannt, die Crew ging auseinander. Kidd zog sich nach New York zurück, nachdem er vorher den größten Teil seines Schatzes auf einer Insel versteckt hatte – manche vermuten ihn auf einer der Kokos-Inseln im südlichen Indischen Ozean.
Auf dem nordamerikanischen Kontinent wurde Kidd auf Veranlassung jener Männer, die sein Unternehmen finanziert hatten, ins Gefängnis geworfen. Kidd hatte sich zuvor geweigert, einen Bericht über seine Fahrten zu verfassen, behauptete, seine Besatzung habe das Logbuch zerstört. Das, was von seiner Beute noch übrig war, wurde mit ihm zusammen nach London gebracht. Das geschah am 6. Februar 1700. Am 11. April brachte man Kidd in das damals schon 500 Jahre alte Gefängnis von Newgate, das erste Zuchthaus von London. Selbst nach den Maßstäben der damaligen Zeit war es ein widerlicher Ort. Zwei, drei Gefangene teilten sich ein Bett. Die Zellen, durch die Abwasserkanäle liefen, waren so voller Ungeziefer, daß man beim Gehen knirschend Läuse zertrat. Der Gestank von Kot und die Nässe veranlaßte Besucher, Blumensträuße mitzubringen, um ihre Nasen hineinzustecken. Unglaublicherweise wurde das Gefängnis als Privatunternehmen geführt; die Gefangenen mußten für ihre Zellen bezahlen und wurden von den Wärtern erpreßt.
Als man Kidd am Morgen des 14. April in die Admiralität abführen wollte, stellte man fest, daß er dazu nicht mehr imstande war. Kidd – körperlich krank und vorübergehend geistig verwirrt – bat um ein Messer, um sich umzubringen. Er wollte auch lieber erschossen werden, anstatt an den Galgen zu kommen. Ende März 1701 wurde Kidd plötzlich vor das Unterhaus gerufen. Dort hätte er eine Chance gehabt, die zu den Whigs gehörenden Staatsmänner mit hineinzuziehen, sie als Schurken hinzustellen und sich selbst als ihr Opfer. Aber William Kidd hatte kein Gespür für politische Intrigen. Er gab sich widerborstig, beleidigend und wirkte, als sei er betrunken. So bemerkte ein Abgeordneter: »Ich hatte ihn bislang nur für einen Schuft gehalten, aber nun weiß ich, daß er auch ein Dummkopf ist.«
Als Kidd endlich auf der Anklagebank im Old Bailey erschien, hatte er schon fast zwei Jahre im Gefängnis zugebracht. Erst wenige Minuten vor Prozeßbeginn wurde ihm ein Verteidiger gewährt. Beweismaterial, das ihn hätte entlasten können, war plötzlich nicht mehr auffindbar. Faktisch mußte sich Kidd selbst verteidigen. Er tat dies schwerfällig und unbeholfen. Als er sein Urteil vernahm, sagte er: »Mylord, dies ist ein hartes Urteil. Ich habe nichts anderes zu sagen, als daß ich das unschuldige Opfer schlechter Menschen bin.« 6 )
Die Richter sollen gnädig genickt haben, aber das änderte nichts an dem Ausgang des Verfahrens. William Kidd wurde zum Tod durch den Strang verurteilt. Sein Leichnam wurde mit Teer bestrichen und mit Ketten gefesselt, der Kopf in einen Harnisch gesteckt, damit Knochen und Schädel an Ort und Stelle blieben, wenn das Muskelgewebe verweste. Dann hängte man ihn an einem Platz nahe der Themse-Mündung auf, wo er für jedermann, der den Fluß hinauf- oder hinuntersegelte, deutlich zu sehen war. Einigen Berichten zufolge soll er dort jahrelang gehangen haben. Die Sonne ließ ihn verwesen, der Regen peitschte ihn, der Frost ließ ihn zerfallen, die Möwen hackten ihm die Augen aus. Anne wird diese Geschichte von Captain Kidd schaudernd vernommen haben, und es ist gut möglich, daß sie sich in späteren Jahren an den unglückseligen Kidd erinnerte: Noble Männer, angesehen und in Amt und Würden, sind weitaus gefährlicher als bärtige, übelriechende, waffenstarrende Piraten. Die halten wenigstens ihr Wort gegenüber ihresgleichen.
Die transatlantische Überfahrt
Über die Reise mit dem Schiff, das die Cormacs bestiegen, ist nichts überliefert worden. Es ist nicht einmal hundertprozentig sicher, ob sie ihre Passage wirklich von London aus antreten mußten. Es entspricht nur der größten Wahrscheinlichkeit, daß das Schiff, das Kolonisten nach Charles Town im Süden Karolinas bringen sollte, dort im Hafen auf Passagiere gewartet hat. Zwar wird die Überfahrt nach Amerika um die Südspitze Irlands herumgeführt haben, weil dies die sicherste Strecke war, aber es ist nicht damit zu rechnen, daß der irische Hafen angelaufen worden wäre, nur um eine Handvoll Passagiere aus Cork mitzunehmen. Die Familie Cormac segelte also wohl zunächst einmal nach London. Am Ende des öffentlichen Aufrufs, der Cormacs Interesse für dieses Unternehmen geweckt hatte, wird sicherlich eine Kontaktperson genannt worden sein. Diese wird sich, wie das damals üblich war, in einem Wirtshaus nahe dem Hafen aufgehalten haben, um die weitere Abwicklung mit den Kolonisten abzuklären. Wir wissen nicht, was Cormac mit seinem Haus und seinem Besitz gemacht haben könnte, außer es zu verkaufen. Das wenige Hab und Gut, das mit auf die Reise gehen sollte, war in zwei, drei größeren Koffern untergebracht worden: vor allem Kleidung, Schuhwerk, Urkunden, wichtige Papiere, Tafelsilber, Kerzenleuchter und Geld. Maximal drei dieser großen Schrankkoffer durften die Auswanderer mitnehmen. Damals begann die Zeit der kommerziellen Segler – im allgemeinen Kauffahrteischiffe genannt – wobei die Seeleute diesen Begriff nur auf Dreimast-Rahsegler anwandten. Diese großen Passagier- und Frachtschiffe des späten 17. und frühen 18. Jahrhunderts wogen 280 Tonnen und maßen von vorn bis achtern 80 Fuß, also knapp 24 Meter. Ihre 19köpfige Mannschaft konnte kaum drei Geschütze bedienen, obwohl diese Schiffe über Geschützpforten für 16 Kanonen verfügten.
Was die Atmosphäre dieser Schiffe anging, sollten wir uns keinen romantischen Vorstellungen hingeben. Segelschiffe aus Holz waren feuchte, düstere, freudlose Schiffe, in denen der Gestank von Bilgewasser und verdorbenem Fleisch hing. Ein Holzschiff leckte bei jedem Wetter; seine Planken konnten selten so gründlich kalfatert werden, daß kein Wasser eindringen konnte; Bei schwerem Seegang schlugen die Wellen durch die Luken, so daß das Unterdeck unter Wasser stand, und wenn das Innere eines Schiffes erst einmal naß war, so wurde es kaum je wieder trocken. Wie denn auch? Heizen konnte man ja nicht. Wenn ein Matrose nach seinem harten Tagewerk – dem unaufhörlichen Einholen von Tauen und Segeln und der Arbeit an den Pumpen – unter Deck ging, so stand ihm nur das Vorderkastell, das Logis, zur Verfügung. Dort, in dem jämmerlichen, nur von Kerzen erhellten Dunkel, durfte er sich dann mit einem Schiffskameraden eine triefende Decke teilen.
Gelegentlich hatte ein Schiff jener Epoche auch einen kleinen Laden mit wenigen ausgesuchten Speisen an Bord, wie Speckseiten und gedörrten Rinderzungen, Marmelade, Korinthen und Mandeln. »Denn wenn ein Mann krank ist oder im Sterben liegt«, so schrieb Captain John Smith in seinem Buch Seemanns-Grammatik, »so wüßte ich, daß ihm ein Teller voll Butterreis mit etwas Zimmet, Ingwer und Zucker besser bekäme als Pökelfisch oder gepökeltes Rindfleisch. Und nach einem Sturm, wenn die armen Männer völlig durchnäßt sind und manche von ihnen nicht einmal ein trockenes Kleidungsstück zum Wechseln haben, dann würden nicht wenige von ihnen Euch sagen, daß etwas Sherry oder Branntwein der Gesundheit zuträglicher sei als etwas Dünnbier oder kaltes Wasser.« 7 )
Die normale Kost war im allgemeinen miserabel. Das Wasser stank, Fleisch und Fisch waren verdorben, der Zwieback wimmelte von großen, schwarzköpfigen Maden. Nur im Dunkeln konnten sich die Männer zum Essen überwinden. Aber im Gegensatz zu den Piraten bestand bei den Marine- und Handelsleuten wenigstens eine angemessene Aussicht auf etwas Eßbares, wie widerwärtig es auch sein mochte.
Wenn also William Cormac für sich und seine Familie eine Überfahrt in die Neue Welt bezahlt hatte, und dies nicht zu knapp, so stand ihnen damit keineswegs eine bessere geschweige denn luxuriösere Reise in Aussicht als die der Seeleute. Die Cormacs werden eine winzige muffige Kajüte unter Deck gehabt haben, in der neben ihrem Gepäck auch das von ihren Mitbewohnern untergebracht war. Den Luxus einer eigenen Kabine besaß auf jedem Schiff nur der Kapitän. Die Kauffahrteischiffe waren für ungefähr 40 Passagiere eingerichtet. Unterlagen aus jener Zeit belegen, daß fast jede Fahrt voll ausgebucht war. Auch bei den Cormacs wird es nicht anders gewesen sein. Den größten Teil des Schiffes nahm der Laderaum ein, der mit Waren für die Kolonien vollgestopft gewesen sein dürfte. In der Regel erfolgten Überfahrten nur von April bis Mitte September wegen der Frühjahrs- bzw. Herbststürme. Im Winter war es mit dem Schiff ohnehin zu kalt, den Nordatlantik zu befahren. Die Dauer der Reise lag zwischen vier bis sechs Wochen.
Jahrhundertelang war die Reise über den Atlantik ein Unterfangen, das mit einem hohen Maß an Unsicherheit und Ungewißheit verbunden war. Die Abhängigkeit der Segelschiffe vom Wind und die Ungenauigkeit der Navigationsmethoden waren hierfür verantwortlich. Erst in der Zeit zwischen 1750 und 1850 wurde die Überfahrt sicherer. Als also die Familie Cormac im Jahre 1709 den Segler im Hafen von London bestieg, um mit ihm über den unberechenbaren Atlantik zu reisen, setzte sie sich damit zugleich einem nur zum geringen Teil kalkulierbaren Risiko aus. Die Wahrscheinlichkeit, mit dieser »Nußschale« Schiffbruch zu erleiden, war keinesfalls gering. Eine Gefahrenquelle ging von der Navigation aus. Die grundlegende Aufgabe der Navigation besteht in der genauen Positionsbestimmung auf See. Solange sich ein Schiff größtenteils in Küstennähe aufhält, kann sich die Besatzung an bestimmten Landmarken orientieren. Für eine Fahrt über den Atlantik ist diese Art des Navigierens – die terrestrische Navigation – natürlich vollkommen ungeeignet. Hierfür sind Kenntnisse in der astronomischen Navigation erforderlich.
Die astronomische Navigation beruht auf der Beobachtung von Himmelskörpern zur Positionsbestimmung. Schon die Wikinger wußten sich ihrer zu bedienen, indem sie sich bei ihren Fahrten in Richtung Westen in erster Linie am Polarstern orientierten. Dieser Stern ist mit bloßem Auge am Nachthimmel zu erkennen, und wenn man seinen Kurs genau im rechten Winkel zum Polarstern hält, kann man davon ausgehen, ungefähr in Ost-West-Richtung zu segeln. Man nennt dies »Segeln auf dem Breitengrad«. Tagsüber richteten sich die Seefahrer nach dem Stand der Sonne, den sie mit Hilfe des »Sonnensteins« auch bei bewölktem Himmel bestimmen konnten. Bei diesem Stein – einem Codierit – handelt es sich um ein Silikat mit polarisierenden Eigenschaften. Diese bewirken, daß der normalerweise gelbe Kristall sich augenblicklich dunkler färbt, wenn Sonnenlicht genau im rechten Winkel auf ihn einfällt. Das funktioniert selbst bei noch so dichtem Nebel!
War die Sonne sichtbar, konnte der Kurs mit dem »Sonnenbrett«, einer Art Peilscheibe, und dem »Sonnenschattenbrett«, bei dem der Breitengrad aus der Länge des Sonnenschattens geschätzt werden konnte, genauer bestimmt werden. Im 16. und 17. Jahrhundert wurde die Bestimmung der geographischen Breite auf See durch Instrumente wie den Quadranten und den Jakobsstab weiter erleichtert. Hinzu kam selbstverständlich der Kompaß, der schon Kolumbus bekannt gewesen war. Es ist durchaus vorstellbar, daß sich Anne, von der wir wissen, daß sie als aufgeweckt und überaus neugierig galt, während der wochenlangen Reise für die Navigation interessiert hat. Vielleicht wird ihr auch Cormac, der sich nach wie vor rührend um seinen Liebling kümmerte und ihm jeden Wunsch von den Lippen ablas, das Segelschiff gezeigt haben. Denn die Fahrt selbst dürfte wenig aufregend gewesen sein, weil sich die Passagiere fast die ganze Zeit unter Deck in ihren beengten Räumen aufhalten mußten. Speise- oder Aufenthaltsräume gab es nicht. An Deck waren Passagiere nicht gern gesehen; einmal, weil sie den Matrosen im Weg standen und zum anderen, weil es schon bei geringem Seegang für Ungeübte nicht ganz ungefährlich war, sich über die glitschigen Planken zu bewegen. Die Gefahr, über Bord gespült zu werden, war nicht unerheblich. So gesehen war die transatlantische Überfahrt für alle Passagiere eher eine Tortur als eine unterhaltsame Reise.
Das Schiff segelte nördlich der Azoren durch ein graues, windgepeitschtes Meer. Der Atlantik ist die Wetterküche Europas, und so könnten auf heftige Stürme Zeiten von Stille und Flauten gefolgt sein, die das Schiff nur unmerklich voranbrachten. Abwechselung an Bord gab es nicht. Die Matrosen versahen fast mechanisch ihre Arbeit und werden Anne – die sich schon erwachsen gab – anfangs eher mürrisch zurückgewiesen haben, wenn sie sich an Deck stahl, wo sie zwischen ihnen umhersprang und Fragen stellte. Aber nach und nach werden die bärtigen, rauhbeinigen Männer sie in ihre prahlerischen, unheimlichen und abenteuerlichen Geschichten, die sie sich untereinander erzählten, eingeweiht haben. Daß es dieses Seemannsgarn noch bis in unsere Zeit gegeben hat, mag vor allem daran liegen, daß die Gefahren auf See immer gegenwärtig sind. Das galt um so mehr für die großen Segelschiffe der letzten Jahrhunderte. Jedes dieser lekkenden hölzernen Schiffe lag ständig im Kampf mit einer unberechenbaren See, einem fremden, grenzenlosen, für Menschen feindlichen Element. In diesem je nach Lichteinfall grün-, grau-, schwärz- oder silbernglänzenden Element, das jeder Seemann argwöhnisch beäugte, lebten angeblich unheimliche, riesengroße, kräkenähnliche Untiere, die schon ganze Schiffe und ihre Mannschaften in die Tiefe gerissen haben sollten. Und um das scheinbar Irrationale, das ständige Ausgesetztsein unabsehbarer Gefahren trotzdem in den sicheren Griff des Verstandes zu bekommen, kursierten unter Seeleuten solche haarsträubenden Geschichten, weil das Ungeheuerliche leichter zu ertragen ist, wenn man mit anderen darüber spricht. Anne kannte solche Geschichten bereits, aber es war etwas vollkommmen anderes, ob man sie im sicheren Hafen von Cork erzählt bekam oder auf hoher See im flakkernden Schatten einer Öllampe.
Besondere Aufmerksamkeit dürften bei dem kleinen Mädchen die Geschichten von Piraten und Gesetzlosen geweckt haben. Jeder an Bord des Kauffahrteischiffes sprach von dem »dreckigen, miesen und verhutten Piratenpack«, das vor allem die Karibik unsicher machte. Und in der Art, wie die Matrosen über diese gesetzlosen Männer redeten, wird Anne gespürt haben, daß Piraten bei den Seeleuten Furcht und Abscheu, zugleich aber auch Faszination und geheime Bewunderung weckten. So dürfte es nicht wenige unter den altgedienten Seebären gegeben haben, die sich an Fahrten erinnern konnten, auf denen ihnen ein tyrannischer Kapitän das Leben zur Hölle machte. Kielholen, Spießrutenlaufen, Nachschleppen am Heck oder Aufhängen an den Rahen sind nur einige der praktizierten Foltermethoden derart sadistischer Kapitäne. Der entscheidende Schritt zur Meuterei, die Sehnsucht, Pirat zu werden, wird bei solchen Erfahrungen sicherlich häufig in den Köpfen der Geknechteten herumgespukt und mitunter auch die Oberhand gewonnen haben. Auspeitschungen, die gebräuchlichste Strafe auf den Windjammern, konnten barbarische Ausmaße erreichen. So wird zum Beispiel berichtet, daß Captain Staines von der »Rochester« im Jahre 1704 einem Matrosen 600 Hiebe mit einem geteerten Tau geben ließ, eine Strafe, die der Mann sicherlich nicht überlebt haben dürfte.
Einige Piraten waren von Kriegsschiffen der Royal Navy desertiert. Andere Marineangehörige kamen durch Arbeitslosigkeit nach Beilegung von kriegerischen Aktivitäten im Ausland zur Piraterie. »Kaum ist der Krieg vorbei«, schrieb 1706 John Graves, der Zolleinnehmer der Bahamas, »schon wimmelt es in Westindien nur so von Seeräubern.« Die breite Mehrheit der Piraten setzte sich jedoch aus den Mannschaften gewöhnlicher Handelsschiffe zusammen. Diese Rekruten wurden im allgemeinen von den aufgebrachten Schiffen geholt, entweder als Freiwillige oder als Gepreßte.
Piraten waren und blieben stets Geächtete und standen außerhalb der Gesellschaft. Dabei waren die karibischen Piraten anfangs sogar Schachfiguren im Spiel der Mächtigen gewesen. Sehr schnell war nämlich die karibische See zum Brennpunkt der politischen Auseinandersetzungen um die Besiedlung Amerikas und die Ausbeutung seiner Schätze geworden. Die Westindischen Inseln bilden einen weitgespannten Bogen von Florida bis Venezuela. Wer hier Land gewann, besaß den Schlüssel zur westlichen Hälfte der Erde.
Solange sich also die europäischen Nationen um die Besitzverhältnisse in den Kolonien stritten, kam der Piraterie politisch eine wichtige Rolle zu. Engländer, Franzosen und Spanier stellten deshalb Kaperbriefe aus, die den Freibeutern oder Bukanieren, wie sie sich nannten, erlaubten, die Schiffe der jeweils anderen zu überfallen. Diese Staatspiraten wurden reich belohnt und verehrt. Ein Jahrhundert früher war Sir Francis Drake solch ein Freibeuter gewesen, der ergeben seiner Königin, Elizabeth I. gedient hatte. Für viele karibische Piraten war die Piraterie die erste Stufe auf der Karriereleiter – von der Gesellschaft wurden sie durchaus geachtet, Henry Morgan, der im englischen Auftrag kaperte, wurde sogar Vizegouverneur von Jamaika. Andere, weniger berühmte Seeräuber bekamen gute Posten auf den Schiffen der großen Handelsgesellschaften. Auf Tortuga und im Nordwesten Haitis existierten viele Jahre lang sogar völlig anarchische Freibeuterrepubliken, die erst 1693 mit dem Frieden von Rijswijk französische Kolonien wurden. Erst von diesem Augenblick an wurde die Piraterie von den Kolonialmächten als Störfaktor angesehen. Sie wurde kriminalisiert und zunehmend verfolgt. Die karibischen Piraten waren nicht länger Handlanger der Regierungen. Es blieb ihnen deshalb nur zweierlei übrig: sich zu ergeben oder autonom zu werden. Die meisten von ihnen entschieden sich für die zweite Möglichkeit.
Und so taucht der Jolly Roger, wie die Piratenflagge im Englischen heißt, zum erstenmal um 1700 auf. Der französische Pirat Emanuel Wynne hatte als erster einen gemalten Totenschädel auf schwarzem Grund, allerdings noch zusätzlich mit einem Stundenglas versehen, am Topmast aufziehen lassen. Das Stundenglas sollte seiner »Beute« anzeigen, daß ihre Zeit abgelaufen war. Das Zeichen des Totenkopfs aber wurde von da an Symbol für die Gesetzlosen des Meeres.
Wie stolz ein Pirat auf seine Freiheit und Gesetzlosigkeit sein konnte, zeigt ein Zitat des Piratenkapitäns Charles Bellamy, der einmal einen Handelskapitän anbrüllte: »Verdammt noch mal, Ihr seid ein winselnder Hundsbalg und genauso wie alle, die hinnehmen, von Gesetzen regiert zu werden, die reiche Leute zur eigenen Sicherheit gemacht haben, weil diesen feigen Hundeseelen die Courage fehlt, auf andre Weise das zu verteidigen, was sie durch ihre Schurkereien zusammengerafft haben. Fluch und Blut über dieses Pack gerissener Schufte! Und über Euch, die Ihr denen als Trottel gerade recht dient! Sie verhöhnen uns, diese Fetthälse, diese Schurken, und das ist der einzige Unterschied: Sie berauben die Armen unter dem Deckmantel des Gesetzes, nicht wahr? Und wir plündern die Reichen unter dem Schutze allein unserer Courage. Verflixt, wär’s nicht tausendmal besser für Euch, bei uns mitzumachen, anstatt hinter den Ärschen dieser Bösewichter herzuschnüffeln, bloß wegen einem bißchen Beschäftigung?« 8 )
Bellamys feurige Rede klingt wie ein Bekenntnis Robin Hoods, der von den Reichen nahm und den Armen gab. Solche Gedanken, wie auch das tatsächliche Leben der Piraten, dürften Anne, wenn überhaupt, erst viel später bekannt geworden sein. Aber sie wird eines schnell begriffen haben, daß nämlich Piraten Männer waren und keine Frauen oder Mädchen. Wenn überhaupt, dann erkämpften sich Männer die Freiheit, sich außerhalb der Gesellschaft zu stellen. Ihr eigener Weg dagegen war unerbittlich festgeschrieben. Ihre Mutter wird Anne während der langen Reise deutlich zu verstehen gegeben haben, was ihr in der Neuen Welt bevorstand: nämlich aufzuwachsen wie ein Mädchen mit allen damit verbundenen Pflichten, um anschließend verheiratet zu werden. Möglich, daß Anne den Widerspruch zu dem, was sie sich selber für ihre Zukunft ausmalte und wünschte, zum erstenmal ganz deutlich auf dieser Überfahrt über den Atlantik gespürt hat. Das Eingepferchtsein auf einem Schiff, das aber erträglich wurde, weil da die Männer, die Gefahren, die weite See und die Abenteuer waren, schien das bessere Los zu sein. Das Gegenteil davon war ihre Rolle als braves Mädchen, das, was von ihr gesellschaftlich erwartet wurde.
So wird Anne, neun Jahre alt, mit gemischten Gefühlen an der Reling gestanden haben, als das Schiff eines Morgens am Hafen von Hog Island und Johnson’s Fort vorbei bis zur Battery hinauffuhr, um im warmen, ruhigen Wasser des Cooper Rivers zu ankern. Ihr Ziel, Charles Town im südlichen Karolina, lag greifbar vor ihr. Was würde werden?
Der westindische Freibeuter
Bevor wir weiter verfolgen, was aus Anne Cormac in ihrer neuen Heimat Charles Town wurde, wollen wir uns zunächst noch etwas intensiver der historischen Situation des westindischen Freibeuters zuwenden. In einem Brief vom 20. Juli 1655 befaßt sich der Gouverneur von Tortuga, Bertrand d’Ogeron, auch mit Landsleuten, die an den Grenzen seiner Verwaltungshoheit ein, wie er findet, bemerkenswertes Leben führen. Er schreibt:
»In den Küstenregionen der benachbarten spanischen Insel Hispaniola (heute St. Domingo) halten sich etwa sieben- bis achthundert Franzosen auf an schwer zugänglichen, von Bergen oder Felsen und Meer umgebenen Orten und fahren überall mit kleinen Schiffen herum. Sie bilden lockere, mehr oder weniger voneinander unabhängige Gruppen, die aus drei bis zehn Leuten bestehen. Sie bleiben solange an einer Stelle, bis sie es woanders behaglicher finden und leben wie die Wilden, haben vor niemandem Respekt, kein Oberhaupt untereinander und begehen tausend Räubereien. Sie haben mehrere holländische und englische Handelsschiffe überfallen, was eine Menge Unannehmlichkeiten verursacht hat. Sie ernähren sich vom Fleisch wilder Schweine und Rinder und bauen etwas Tabak an, das sie bei Händlern aus Europa gegen Waffen und Kleidungsstücke eintauschen.« 9 )
D’Ogeron nennt diese Männer »bucaniers«, womit jemand bezeichnet wird, der auf spezielle Art zerteiltes, gesalzenes und auf Boucan-Rosten geräuchertes Fleisch herstellt. Bucanier wird häufig synonym für »Pirat« verwendet, ebenso wie das Wort »Flibustier«, das eine französische Verballhornung des niederländischen »vrijbuiter« ist. Beide Ausdrücke wurden synonym bis Ende des 17. Jahrhunderts zur Bezeichnung des westindischen Piraten verwendet, und es gibt keine rechtliche Abgrenzung zwischen ihnen.
Von der Mitte des 17. Jahrhunderts an wurden die Scharen mittelloser Männer für die neuen Gemeinwesen jenseits des Ozeans ein Problem. Die Behörden standen ihnen machtlos gegenüber, und auch die spanischen Gouverneure konnten diese Männer und wenigen Frauen nicht daran hindern, sich zu größeren Gruppen zusammenzuschließen, um sich entweder ins Innere größerer Inseln zurückzuziehen, wo sie von wilden Rindern als Bukaniere lebten, oder sich kleinere Inseln als Stützpunkte auszusuchen, um von ihnen mit schmalen, flachen Booten Räubereien auf See nachzugehen. Wie in vielen Piratengesellschaften wurde die Beute genau geteilt und die gemeinsam wirtschaftenden Bruderschaften nannten sich Les frères de la Cöte, die Brüder der Küste.
Platz gab es genug für sie. Ein rücksichtsloser Raubbau und eine effektive AusbeutungsWirtschaft der europäischen Kolonialherren hatte insbesondere die kleineren karibischen Inseln entvölkert und für weitergehende kapitalistische Zwecke unbrauchbar gemacht. Diese Plätze waren für Piraten hervorragend als Schlupfwinkel geeignet, um außerstaatliche Gemeinwesen zu bilden. Es war eine mehrere Tausende umfassende Gemeinschaft der Ausgestoßenen, aus denen sich die karibischen Seeräuber rekrutierten. Nationale Bindungen gab es kaum, und alle europäischen Kolonialmächte stellten für sie Gegner dar, weil sie die Ordnungsmächte in diesem geographischen Raum sein wollten.
Tortuga sollte die erste Freibeuterkolonie in der Karibik werden. Allerdings war es noch nicht so dicht besiedelt wie 60 Jahre später New Providence. Wie diese Freibeuter auf Tortuga lebten, berichtet Exquemelin, der selbst lange Zeit zu ihnen gehörte und sich später als Schriftsteller etablierte. So ist es nicht verwunderlich, daß Exquemelin den Lebensstil dieser Piraten oder besser der »Küstenbrüder« als wenig attraktiv darstellt:
»Sie stecken in Hemden und Hosen aus grobem Leinen, durchtränkt und steif vom Blut geschlachteter Schweine und Rinder. Halbe Raubtiere, saugen sie dem getöteten Viehzeug das noch warme Mark aus den Knochen und schlingen Fleisch gelegentlich auch roh hinunter. Sie haben keinerlei Möbel, lagern auf der nackten Erde und benutzen Baumstümpfe oder herumliegende Steine als Tische, wie es sich gerade findet.«
Ihre Behausungen waren nach dem Vorbild indianischer Hütten – Ajoupas – gebaut. Es handelte sich um an den Seiten offene Unterstände, die bestenfalls geeignet waren, um notdürftig vor Sonneneinstrahlung und Regen zu schützen. Aber so ein simpler Unterstand war wohl ganz nach dem Geschmack der Küstenbrüder, wie wir weiter erfahren.
»Sie trinken den Brandwein wie Wasser, kaufen ein ganzes Faß Wein, dem sie den Zapfen ausschlagen und trinken, solange bis nichts mehr drinnen ist. Im übrigen ist es die Manier dieser Räuber, daß wenn sie etwas aufgebracht haben [etwa ein Schiff], sie dessen nicht lange Meister bleiben, sondern sie spielen, huren und saufen, solange sie was haben. Einige von ihnen haben in einem Tag wohl zwei- bis dreitausend Stück von Achten [ein Stück von Achten entspricht etwa 20 DM] durchgebracht, daß sie am nächsten Morgen kein Hemd mehr am Leibe behalten. Ich habe einen auf Jamaika gekannt, der hat einer Hure fünfhundert Stück von Achten gegeben, allein um ihre Heimlichkeit zu sehen«, schreibt Exquemelin.
Offensichtlich waren die Piraten nicht darauf aus, Reichtümer anzuhäufen, sondern gaben der Verschwendung und dem raschen Verzehr den Vorzug. In vielen Publikationen über Piraten fällt auf, daß das Leben der Freibeuter nicht wertfrei dargestellt wird. Gelobt werden zwar ihre Kühnheit, ihr Organisationstalent und die Gabe der Menschenführung, aber der moralische Zeigefinger – es waren Menschen, die immer nur Böses im Schilde führten – bleibt bei vielen Autoren unübersehbar. Hierbei werden allem Anschein nach Denunziationen unreflektiert aus älteren Werken übernommen. Die Folge ist, daß diese Autoren den Alltag der Piraten – also die Zeit, in der sie nicht auf Prisen aus waren – als langweilig und vollständig geprägt von Glücksspielen, wilden Prügeleien und Saufgelagen charakterisieren. Einer schreibt:
»Die Homosexualität war eine alltägliche Erscheinung, die Syphilis grassierte, und in den Bordellen gab es wahrscheinlich höhere Verlust als im Gefecht.«
Natürlich sind solche Aussagen nicht gänzlich falsch, aber sie werden in einer Weise vorgetragen, die letztlich das Ziel verfolgen, das Freibeuterwesen im Kern als marode und schäbig hinzustellen. Die Autoren distanzieren sich von den Piraten, sobald sie in ihren Kolonien leben. Auf See ist vieles noch romantisch und abenteuerlich, aber das eigentliche recht- und staatenlose Leben dieser Menschen wird merkwürdigerweise sehr undifferenziert dargestellt. Und so kreist in diesen Publikationen das gesamte Seeräuberdasein um Gewalt, Exzeß, Tod, Folter, Grausamkeit – mit dem Fazit, daß sich Verbrechen letztendlich nicht lohnen. Darüber hinaus wird die »basisdemokratische Kultur« der westindischen Küstenbruderschaften als äußerst instabile und kurzlebige Erscheinung beschrieben, weil sie, um im Fachjargon zu bleiben »Überschüsse unproduktiv ausgaben und nicht willens waren, konstruktive kollektive Leistungen zu vollbringen, mitzutragen oder zu würdigen«. Von Anfang an triebe die Piraten nur ein purer Destruktionstrieb. Sogar wenn sie bei einem Bürger eingeladen sind und etwas trinken, verhalten sie sich nicht normal. In einem Bericht des Boston News Letter vom 22. April 1720 heißt es über die westindischen Seeräuber, die im Hause eines Gouverneurs zu Gast waren:
»Unablässig reißen sie Zoten, schimpfen, fluchen und lästern Gott in übelster Weise, die man sich vorzustellen vermag; sie machen sich über den König lustig; sie bringen nicht einmal die Geduld auf, Flaschen mit Korkenziehern zu öffnen, sondern pflegen ihnen mit dem Säbel den Hals abzuschlagen und schütten den Inhalt in einem Zug hinunter.«
Verständlich, daß den meisten die unfügsame, selbstbestimmte Lebensweise der Piraten ein Dorn im Auge ist. Ein solches Leben kann nur Ausdruck maßloser Faulheit sein, die »bekanntlich der Vater sündhafter Laster und die unumstrittene Mutter von Armut und Schande ist«. Nach und nach wird der Begriff »Piraterie« im 18. Jahrhundert zum Sämmelbegriff für alle Lebensäußerungen und Handlungsweisen, die sich dem Zugriff »der merkantilen Machtorganisation widersetzen, entziehen, die desertieren, fliehen, schmuggeln, die dem Monopolhandel der Companies Schwierigkeiten machen und jede profitmotivierte Tätigkeit ablehnen«. Ein Pirat zahlt keine Steuern, er verachtet die Sparsamkeit, lehnt Seßhaftigkeit und Arbeitsgehorsam ab und will statt dessen autonom sein.
Es hat allerdings in den Zeiten, als das Kräfteverhältnis in Europa noch keine relative Ausgewogenheit erreicht hatte, staatliche Versuche gegeben, die Flibustier, Bukaniere, Küstenbrüder für eigene Zwecke zu mißbrauchen. Eine Weile wurde die Piraterie als Mittel der politischen Auseinandersetzung benutzt. In diesem politischen Spiel stellten die Piraten eine ständig präsente maritime Elitetruppe dar, die als Kundschafter, lohnunabhängige Soldaten und unorganisierte Händler für die Kolonien gewinnbringend arbeiteten. So sicherte der Verkauf von Lebensmitteln und Ausrüstungsgegenständen an Piraten Pflanzern, Jägern und auf den Inseln ansässigen Händlern gute Geschäfte. Als Soldaten, die sich ihren eigenen Sold erarbeiteten, halfen sie den Regierungen, ausländische Invasoren zu bekämpfen, indem sie deren Schiffe kaperten. Denn seltsamerweise blieben viele Piraten Patrioten und verloren die geistig-kulturelle Bindung an ihre Heimat nicht. So wurden die westindischen Piraten in die merkantile Ordnung integriert, aber nur für einen bestimmten Zeitraum, solange die Regierungen Nutzen daraus ziehen wollten. Danach wurden sie wieder wie Terroristen gejagt, denen nur in den seltensten Fällen Recht gesprochen wurde. Aber wie man es auch dreht und wendet: Die westindischen Freibeuter sind ein soziales und historisches Phänomen. Sie bekannten sich zu einem Zeitpunkt zu einem autarken, anarchischen Gesellschaftssystem, als die Neue Welt noch kein geschlossenes Staatengefüge darstellte, und sie beanspruchten den daraus resultierenden politischen Freiraum für sich.
Aber der am Ende geführte Kampf der Mächtigen, genauer des im westindischen Kolonialgeschäft engagierten Handels- und Finanzbürgertums gegen die Piraten war Teil einer umfassenden Strategie, in der die Vernichtung der freibeuterischen Lebensweise Vorrang hatte.
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