Kitabı oku: «Die größten Kriminalfälle Skandinaviens - Teil 2»

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Frank Bøgh, Frederik Strand, Niels Ole Frederiksen, Stine Søgaard

Die größten Kriminalfälle Skandinaviens - Teil 2

von ph. d. Frederik Strand, Leiter des Polizeimuseums

Saga

Die größten Kriminalfälle Skandinaviens - Teil 2 ÜbersetztPatrick Zöller Coverbild/Illustration: Wikipedia: https://ru.wikipedia.org/wiki/%D0%A4%D0%B0%D0%B9%D0%BB:%D0%94%D0%B0%D0%B3%D0%BC%D0%B0%D1%80_%D0%9E%D0%B2%D0%B5%D1%80%D0%B1%D0%B0%D0%B9.jpg https://www.rnz.de/panorama/magazin_artikel,-Magazin-Die-Brueder-Sass-Das-Ende-d

Copyright © 2020, 2020 Frank Bøgh, Frederik Strand, Niels Ole Frederiksen, Stine Søgaard und SAGA Egmont

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ISBN: 9788726548426

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

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Es war ein eiskalter Tag im März 1921. Hunderte vom Menschen hatten sich vor dem Østre Landgericht versammelt. Sie hofften, einen Blick auf die Frau zu erhaschen, die über Jahre hinweg eine große Anzahl Kinder ermordet hatte – nach ihrer eigenen Aussage wohl bis zu sechzehn. Es war eine der spektakulärsten Verhandlungen seit Jahrzehnten, und auch in der Öffentlichkeit wurde heftig debattiert. Man konnte ganz einfach nicht fassen, dass eine Frau, die nach gesellschaftlicher Auffassung dem Zeitgeist entsprechend im Wesentlichen eine Mutterrolle einnahm, so viele Kinder umbringen konnte. Nicht zuletzt die Presse bezeichnete sie als ein halb tierisches Wesen und erfand für sie den Begriff „Menschentier“. Dann erschien sie, und alle reckten die Hälse, um sie zu sehen. Einige beschimpften sie. Hitzig diskutierten die Leute, sie sähe ja ganz normal aus, es sei nichts Tierisches an ihr, im Gegenteil zeugten ihre jetzt etwas ausgemergelten Züge davon, dass sie mal eine sehr schöne Frau gewesen war. Aber wer war sie eigentlich, dieses Menschentier, und wie konnte sie das tun, was sie getan hatte? Über diese Fragen sprachen die Leute, als sich die Menge allmählich zerstreute, nachdem die Massenmörderin über den Platz vor dem Landgericht zu einer wartenden Droschke geführt und in die Strafanstalt am Christianshavn gebracht worden war. Das Urteil: die Todesstrafe.

Dagmar Overby – aus ärmlichen Verhältnissen

Der richtige Name des Menschentiers war Dagmar Overby. Sie wurde im April 1887 in Assendrup geboren. Die Familie waren sogenannte Kätner, das heißt, sie lebten zur Miete bei einem Hofbesitzer oder Bauern – in diesem Fall bei einem Hofbesitzer in der Nähe von Assdendrup Mark. Die Verhältnisse im Zuhause der Kindheit waren von großer Armut geprägt, und für die Eltern, Søren Julius August und Ane Marie Overby war es oft alles andere als einfach, über die Runden zu kommen. Ab 1890 ging es aber doch ein wenig bergauf, als der Vater Arbeit auf dem Gut Rathlousdals nahe Odder fand und später, im Jahr 1895, bei einer Fabrik in Århus angestellt wurde. Die Familie zog daraufhin in die Stadt und lebte in einer kleinen Wohnung in der Ny Munkegade.

Zu dieser Zeit war Dagmar Overby acht Jahre alt, und es gibt kaum einen Zweifel daran, dass die altersbedingten Probleme mit dem Umzug nach Århus größer wurden, doch infolge sämtlicher Aussagen war Dagmar Overby schon von frühester Kindheit an ein besonders schwieriges Kind. Die Probleme lagen nicht primär innerhalb des schulischen Umfelds, wo Dagmar Overby vielmehr als sehr tüchtig und aufgeweckt galt. Offenbar unterschied sie sich von anderen Kindern durch ein sehr dominantes Auftreten, sie wollte zum Beispiel beim Spielen immer bestimmen. Außerdem konnte es passieren, dass sie grundlos auf andere Kinder losging. Schließlich galt sie als zwanghafte Lügnerin, die wegen völlig unbedeutender Dinge unverständlicherweise log. Meistens betrafen ihre Lügen die ärmlichen Verhältnisse ihrer Familie, die sie besser und vornehmer darzustellen versuchte, als sie war – ein Wesenszug, der Dagmar Overby ihr Leben lang begleitete. Augenscheinlich war die Herkunft aus ärmlichen Verhältnissen für Dagmar Overby Quelle anhaltender Frustration.

Diebstahl, Lügen und Missbrauch

Wie erwähnt nahmen Dagmar Overbys soziale Probleme nach der Ankunft in Århus zu. Dabei ging es nicht um die Schule, Dagmar Overby kam sowohl an der Paradisgades Kommuneskole als auch an der Nørrebrogades Kommuneskole gut zurecht. Jedoch kam es immer häufiger zu Konflikten mit den Eltern, und der Vater schlug sie wiederholt. Die vielen Prügel waren zu einem gewissen Grad auf kleine Diebstähle zurückzuführen, die eine große Last für die arme Familie bedeuteten, und ihre Ursache sicher nicht zuletzt in Dagmars generell sehr streitbaren Gemüt hatten. Die Diebstähle häuften sich und wurden zu einem stetig wachsenden Problem. Manchmal lief Dagmar von zu Hause weg und streifte lange durch Århus und Umgebung.

Dieses Herumstreunen hatte seine Ursache allerdings nicht nur in Dagmars Lügen und in ihrer Streitsucht, sondern möglicherweise auch in einem Übergriff, dem sie innerhalb der Familie ausgesetzt war, als sie kaum das Teenageralter erreicht hatte. Ihr Großvater kam nach Århus, um sich für längere Zeit bei der Familie aufzuhalten, und teilte aufgrund der räumlichen Enge einen Schlafplatz mit ihr. Allem Anschein nach vergriff er sich schon in der ersten Nacht an ihr, woraufhin er die Familie umgehend verlassen musste und nie wieder zurückkam. Der Übergriff war ein Tabuthema, über das nicht gesprochen wurde, und man kann nur darüber spekulieren, welchen Einfluss der Missbrauch auf Dagmar Overbys emotionale und sexuelle Entwicklung hatte. Im späteren Gerichtsverfahren stellte sich heraus, dass Dagmar große sexuelle und emotionale Probleme Männern gegenüber hatte.

Anfang 1900 hatten Dagmar Overbys Diebstähle an ihrem Arbeitsplatz, einer Molkerei, für die sie als Botin tätig war, ein solches Ausmaß angenommen, dass sie ihre Stellung aufgeben musste. Daraufhin wurde sie nach Absprache zwischen dem Leiter der Polizei Århus und ihrem Vater auf Højgaarden, einem großen Hof auf Fünen, untergebracht. Innerhalb der geordneten Verhältnisse entwickelte sie sich gut, und die wohlhabende Gutsbesitzerfamilie, die Dagmar Overby sehr schätzte, sorgte dafür, dass sie konfirmiert wurde. Nach dieser guten Zeit ging Dagmar auf einen Hof in Tunderup und von dort aus weiter nach Ringe, wo sie als Hausmädchen auf einem weiteren Hof arbeitete. Die Aufenthalte in weniger geordneten Verhältnissen taten ihr jedoch nicht gut, und 1909 wurde sie auf dem Hof bei Ringe erneut des Diebstahls überführt, was zu einer Verurteilung und zu einer zehntägigen Gefängnisstrafe führte.

Geburten und Missbrauch

Nach Verbüßung der Strafe ging Dagmar Overby zurück nach Århus, wo sie eine Anstellung als Küchenmädchen in einem Restaurant fand. Sie ließ sich auf ein Verhältnis mit einem der Kellner ein und wurde schwanger. Der Kindsvater wollte, dass sie abtrieb und gab Dagmar 500 Kronen, um die notwendigen Ausgaben begleichen zu können. Darauf ging sie nicht ein, sondern zog auf einen Hof außerhalb von Århus, wo sie eine Anstellung bekam. Zuvor hatte sie bei ihrer Schwester gewohnt, mit deren Mann sie ihrer eigenen Aussage zufolge eine Affäre hatte. Auf dem Hof kam es zu einer Beziehung zwischen ihr und dem Hofbesitzer, die aber nach einigen Monaten zerbrach, woraufhin sie eine Arbeit bei einem Holzunternehmen nahe Hammel annahm.

Zweifellos war es zur damaligen Zeit sehr schwierig, sich auf einem Hof als Gelegenheitsarbeiterin zu verdingen und ein kleines Kind zu haben. Ganz offensichtlich aber war Dagmar glücklich darüber, ein Kind zu haben, und mehreren Aussagen zufolge äußerte sie wiederholt, dass sie Kinder im Allgemeinen sehr mochte und ihr eigenes im Besonderen. Während einer Zugreise nach Randers erkrankte ihr kleiner Sohn jedoch, was laut Dagmar Overby daran lag, dass das Abteil nicht geheizt wurde. Die Krankheit wurde schlimmer, und in der Nacht des 9. Oktober 1911 verstarb der Junge, nachdem sich sein Zustand schon im Laufe des Abends deutlich verschlechtert hatte. In der Folge wurde der Junge vom örtlichen Arzt untersucht, der aber keinerlei Unregelmäßigkeiten feststellen konnte. Familie und Bekannte standen dem Todesfall allerdings skeptisch gegenüber, insbesondere weil der Junge blauschwarz im Gesicht gewesen war, wie kolportiert wurde, was darauf hindeutete, dass er erstickt worden war. Die Sache wurde aber nicht genauer in Augenschein genommen, Dagmar wurde lediglich von der Polizei vernommen, weil man gerade eine groß angelegte Untersuchung von Todesfällen in dem betreffenden Viertel durchführte. Ganz so nachlässig ging man jedoch nicht mit dem Missbrauch um, den Dagmar Overby später an ihrem dritten Kind beging.

Nach dem plötzlichen Ableben ihres Sohnes ging Dagmar Overby sehr schnell ein neues Verhältnis mit einem weiteren Mann ein, und zwar mit dem Fischhändler Anton Peter Nielsen, den sie im April 1912 heiratete. Auf Anton Peter Nielsens Seite lag dem Hochzeitswunsch wohl Liebe zugrunde, was aber kaum für Dagmar Overby galt. Sogar an ihrem Hochzeitstag bestand sie darauf, dass ihr Mann sie nicht berührte, und ihrer besorgten Mutter gegenüber betonte sie, „man kann sich ja jederzeit scheiden lassen.“ Diese nicht gerade idealen Voraussetzungen für eine glückliche Ehe führten dazu, dass Dagmar ihren Mann nach nur einem Monat des Zusammenlebens verließ und sich bei einem Bauern namens Jens Sørensen einnistete, mit dem sie alsbald ein sexuelles Verhältnis verband. Ihr Mann Anton Peter Nielsen wurde als Vater angegeben, was jedoch sehr zweifelhaft war, weil Dagmar neben ihrer Ehe mehrere Verhältnisse hatte. Das Kind wurde in Århus geboren und erhielt den Namen Erena. Kurz darauf wurde Dagmar Overby erneut schwanger. Jens Sørensen war entschieden dagegen, dass sie das Kind bekam, und so versuchte das Paar sowohl seine Beziehung als auch Dagmars Zustand zu verbergen. Deshalb war Dagmar auch allein, als sie schließlich niederkam, und es war keine Hebamme zugegen. Am Tag darauf beschlossen sie, das Kind loszuwerden, indem sie es durch ein Fenster in eine Scheune auf einem Hof bei Hornslet warfen. Dies führte zu einer umfänglichen Untersuchung, da man sich in der örtlichen Gemeinde fragte, wer ein Kind auf diese Weise behandelte. Man konnte jedoch weder Dagmar Overby noch Jens Sørensen mit dem Verbrechen in Verbindung bringen.

Der beschränkten und ärmlichen Gegebenheiten auf dem Land überdrüssig, zog Dagmar Overby im November 1914 nach Kopenhagen, um dort ihr Glück zu versuchen. Hier bekam sie zunächst eine Stelle als Dienstmädchen und Hausverwalterin außerhalb der Bro-Viertel. Wieder ließ sie sich sehr schnell mit Männern ein. Obwohl sie ihre Aufgaben gewissenhaft erfüllte, kam es aufgrund ihrer Lügen und ihres heftigen Temperaments zu Problemen sowohl am Arbeitsplatz als auch im Hinblick auf die Männer – unter anderem behauptete sie, ein Verhältnis mit einem Grafen in Jütland zu haben und drohte mehrfach, Selbstmord zu begehen.

Die Gegebenheiten in Kopenhagen waren also bei Weitem nicht so vielversprechend, wie sie von der jütischen Provinz betrachtet ausgeschaut hatten, und 1915 kehrte Dagmar mit Erena nach Jütland zurück. Nach einem gescheiterten Versuch, die Beziehung zu Jens Sørensen wiederzubeleben, wandte sie sich doch wieder nach Kopenhagen, wo sie 1915 einen Süßwarenladen in der Holmbladsgade erwarb. Hier lernte sie den Arbeiter Svend Carl Svendsen kennen, mit dem sie kurze Zeit später in der Jægersbrogade zusammenzog. Dagmar Overby und Svendsen blieben ein Paar bis zu ihrer Verhaftung 1920.

Schnell zeigte sich, dass der Betrieb des Ladens in der Holmbladsgade nicht von Erfolg gekrönt war, weshalb sie beschloss, ein Pflegekind aufzunehmen, teils um durch das Pflegegeld ein gesichertes Einkommen zu haben, teils um das Bedürfnis nach einem neuen Kind zu befriedigen. Ein Wunsch, den Svendsen nicht erfüllen wollte, da er meinte, sie könnten sich weitere Kinder nicht leisten. Dieses Pflegekind war der Startschuss ihrer Serienmorde.

Serienmorde

Den vielen Verdächtigungen hinsichtlich Missbrauch und Mord an den eigenen Kindern zum Trotz begann Dagmar Overbys Laufbahn als Serienmörderin so gesehen erst nach 1916. In der späteren Gerichtsverhandlung wurden Beweise für acht Morde erbracht – wenngleich Dagmar Overby vermutlich deutlich mehr begangen und auch gestanden hatte. Die Mordserie kann in zwei Phasen eingeteilt werden: von 1916 bis zum Oktober 1917, als Overby sechs Kinder umbrachte, bevor sie eine Haftstrafe wegen Diebstahls in Jütland verbüßen musste, und von 1919 bis 1920, in der sie zwei Kinder ermordete.

Vom ersten Mord in der Jægersbrogade in Nørrebro bis zur Festnahme Overbys in ihrer Wohnung im Enghavevej in Vesterbro wurden die später getöteten Kinder über Zeitungsannoncen vermittelt. Unverheiratete Frauen inserierten auf der Suche nach Pflegemüttern, die sich um ihre unehelichen Kinder kümmern wollten, oder Pflegemütter taten per Annonce kund, dass sie sich gegen einen bestimmten Betrag unehelicher Kinder annahmen. Dagmar Overby beteiligte sich rege an diesem illegalen Handel mit Kindern – bereits 1888 hatte man ein Gesetz verabschiedet, das eine behördliche Genehmigung und Kontrolle des Pflegeverhältnisses vorsah. Sie inserierte und antwortete auf Annoncen verzweifelter Mütter. Sobald die Kinder bei ihr waren, brachte sie sie um - oft noch am Tag der Übernahme. Die Kinder wurden entweder erstickt oder ertränkt und anschließend im Kachelofen in Overbys Wohnung verbrannt, auf dem Speicher versteckt oder irgendwo in der Stadt regelrecht weggeworfen – unter anderem auf dem Friedhof in Nørrebro.

Auf dem Friedhof beging Dagmar Overby vermutlich auch ihren ersten Mord. Das Opfer war ein kleiner Junge, den sie von einer jungen Frau namens Rasmine Kirstine Jensen übernommen hatte, die geschieden war und Schwierigkeiten hatte, ein hartes Arbeitsleben und ein kleines Kind in Einklang zu bringen. Daher antwortete Rasmine auf eine Anzeige, die Dagmar Overby aufgegeben hatte, und nachdem man sich auf zwölf Kronen pro Monat geeinigt hatte, holte Dagmar Overby das Kind ab. Auf dem Weg nach Hause ging sie über den Friedhof in Nørrebro, und hier ermordete sie das Kind, wahrscheinlich aufgrund einer plötzlichen Eingebung, indem sie es mit einer Nabelbinde erdrosselte. Anschließend warf sie es in eine der öffentlichen Latrinentonnen der Kommune, wo es einige Tage später gefunden wurde. Im Großen und Ganzen beging sie die anderen Morde auf die gleiche Weise, oftmals verlangte Dagmar Overby allerdings eine Einmalzahlung in Höhe mehrerer hundert Kronen, bevor sie die Kinder übernahm.

Bemerkenswert ist, dass Dagmar Overby nicht alle Kinder ermordete, die sie adoptierte – in einigen Fällen behielt sie die ihr Anvertrauten tatsächlich, wie zum Beispiel Angelo, den sie zu sich nahm, nachdem sie im Herbst 1917 in den Enghavevej umgezogen war, und an den sie sich sehr stark klammerte.

Daher hatte sie auch eine Zeit lang große Angst, die Mutter Rosa Hansen könnte den Jungen zurückverlangen, aber während eines Gesprächs zwischen beiden wurde schnell klar, dass die Mutter daran nicht interessiert war, und so behandelte Dagmar Overby ihn wie ihren eigenen Sohn. Allerdings erwies es sich als schwierig, ihn auf ihren Namen taufen zu lassen, und so besorgte sie sich die Papiere eines der Jungen, die sie zuvor ermordet hatte. Frida Speer Hansen glaubte ja, ihr Kind sei noch am Leben, und so übergab sie Dagmar Overby bereitwillig die für eine Taufe notwendigen Papiere. Angelo wurde auf den Namen Angelo Axel Overby Hansen getauft und so auf verschlungenen Wegen offiziell Dagmar Overbys Pflegesohn.

Ganz offensichtlich war Dagmar Overby sehr gut darin, andere Menschen einzuschätzen. Außerdem bediente sie sich komplizierter Manöver, um nicht aufzufliegen, wenn misstrauische Mütter ihre Kinder sehen wollten, nachdem sie diese in Dagmar Overbys Obhut gegeben hatten. In diesem Zusammenhang ging Dagmar manchmal so weit, Totenscheine und Sterbeurkunden zu fälschen, aus denen hervorging, dass die Kinder eines natürlichen Todes gestorben waren. So war es unter anderem auch im Fall des ermordeten Kindes von Ane Christensen. Im Herbst 1917 tauchte deren Schwester in Dagmar Overbys Wohnung auf und verlangte, das Kind zu sehen. Overby hatte es jedoch ermordet, und als die Schwester sich mit der Erklärung, das Kind sei infolge einer Bronchitis verstorben, nicht zufriedengab, war sie gezwungen, einen entsprechenden Totenschein zu beschaffen.

Dazu benutzte sie ihren Arzt, der auf Dagmar Overbys Aufforderung hin den Namen des Kindes in einen Totenschein eintrug, den Dagmar schon früher für ein anderes Kind angegeben hatte. Diesen Totenschein konnte Overby dann der skeptischen Schwester zeigen, wodurch dem Verdacht der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. In diesem Zusammenhang muss erwähnt werden, dass der Arzt nicht an Overbys Verbrechen beteiligt war, sondern ihr nach eigener Aussage helfen und eine gute Tat vollbringen wollte. Vor Gericht sagte der Arzt später aus, Dagmar Overby sei sehr überzeugend gewesen, habe einen außergewöhnlich guten Eindruck auf ihn gemacht und sei ihm als ein pflichtbewusster Charakter erschienen.

Außerdem verschleierte Dagmar Overby ihre Mordserie, indem sie den Eltern, die ihr Kind zurückhaben wollten, ein sogenanntes Wechselbalg unterschob, also ein anderes Kind, als sie ihr ursprünglich anvertraut hatten. Darüber hinaus vertuschte sie ihre Verbrechen dadurch, dass sie lebende Kinder, die sie in Pflege hatte, als einige der Kinder ausgab, die sie umgebracht hatte. Traf sie auf der Straße Mütter der Kinder, die sie ermordet hatte, gab sie das Kind, mit dem sie gerade zufällig unterwegs war, als das Kind eben dieser Mutter aus. So spielte es sich unter anderem im Fall der schon erwähnten Rasmine ab, deren Kind das erste war, das Dagmar Overby ermordet hatte, auf dem Friedhof in Nørrebro. Bei dieser Gelegenheit war Rasmine begeistert darüber, wie gut Overby sich um ihr Kind gekümmert hatte, nicht wissend, dass ihr Kind in Wirklichkeit in der Latrinentonne der Kommune gelandet war.

Betrachtet man Dagmar Overbys Taten im Zusammenhang, kann man nicht umhin, sich über das Zusammenwirken von Zufälligkeiten zu wundern, die sowohl die einzelnen Morde als auch die anschließende Systematik kennzeichnen, mit der sie versuchte, die Geschehnisse zu verbergen. Hinzu kam ein außerordentlich nachlässiger und natürlich auch sehr respektloser Umgang mit den Leichen, die entweder in öffentliche Latrinentonnen oder Straßengräben geworfen oder in ihrer Wohnung versteckt wurden, unter anderem in dem Korb am Fußende ihres Bettes, auf dem Speicher oder im Küchenschrank, wo die Leichen mumifiziert wurden oder verwesten. Alles in allem zeichnen die Serienmorde das Bild einer psychisch komplexen und ungeheuer skrupellosen Mörderin. So kam es im weiteren Verlauf der Ereignisse zu heftigen Diskussionen über Dagmar Overbys Morde und über ihre Person.

Das Strafverfahren – und die Diskussion über Dagmar Overby

Am Donnerstag, den 2. September 1920, klingelte eine junge Frau an Dagmar Overbys Tür. Sie hatte Overby einige Tage zuvor ihr Kind anvertraut, bereute ihren Entschluss aber jetzt und wollte das Kind zurückhaben. Dagmar Overby öffnete nicht, und so machte die Frau sich auf den Weg zur nächstgelegenen Polizeiwache, die sie jedoch unverrichteter Dinge wieder verlassen musste, da man hier genauere Informationen verlangte. Daraufhin ging die Frau wieder zu Overby, die sie dieses Mal zu Hause antraf. Auf hartnäckige Nachfrage erklärte Overby, sie habe das Kind an eine ihr fremde Frau weitervermittelt. Das ließ die Alarmglocken schrillen, und nun konnte die Polizei überzeugt werden, die Wohnung zu durchsuchen, wobei man unter anderem die Überreste des Kindes der Frau im Kachelofen fand. Damit kam eins der größten und spektakulärsten Strafverfahren im ersten Teil des 20. Jahrhunderts in Gang.

Im Verfahren gegen Dagmar Overby ging es insbesondere um zwei Fragen: Warum hatte sie die vielen Kinder ermordet und wie war es möglich gewesen, dass die Taten bis dahin unentdeckt blieben waren? Diese Fragen waren nicht so einfach zu beantworten. Was die erste Frage betrifft, ist die Vermutung naheliegend, dass sie es aus ökonomischen Gründen tat. Sie erhielt das Geld, hatte aber keine Ausgaben, um die Kinder zu versorgen. Das bestritt Dagmar Overby und behauptete hingegen – was interessant war -, sie habe ab und zu Lust verspürt, einige der Kinder zu töten. Sie unterstrich, sich an die eigentlichen Morde nicht erinnern zu können, da sie unter dem Einfluss verschiedener Substanzen wie Äther und Kokain gestanden habe – was erklärt, warum sie in einigen Fällen geradezu schlampig mit den Leichen umging, indem sie diese auf dem Speicher oder in dem Korb am Fußende ihres Bettes versteckte.

Wie dieses achtlose Verhalten mit Dagmar Overbys sorgfältiger Fälschung von Totenscheinen und dem Austausch von Kindern in Einklang zu bringen ist, stellt noch immer ein Rätsel dar. Heute würde man Dagmar Overby eine dissoziale Persönlichkeitsstörung mit Borderline-Symptomen attestieren. Das heißt, sie litt unter erheblichen emotionalen Schwankungen und ließ sich immer wieder auf kurzfristige und sehr problematische Beziehungen mit Männern ein – mit denen sie nebenbei bemerkt nur sehr selten sexuellen Kontakt hatte, da sie nach eigener Aussage jede Form sexueller Entfaltung verabscheute. Die Männer charakterisierten sie als „sehr streitbar“ und „steif wie ein Brett.“

Dagmar Overby war ganz unbestreitbar eine Person mit besonders schweren Persönlichkeitsstörungen, aber war sie böse und alleinschuldig an den Verbrechen, die sie begangen hatte? Über diese Frage entbrannte natürlich auch schon damals eine öffentliche Debatte, und schon damals gab es keine eindeutige Antwort. Ihr Verteidiger führte aus, nicht Dagmar Overby, sondern die brutale und rücksichtslose Gesellschaft trage Schuld an den Morden. Um diesen Ansatz nachvollziehen zu können, müssen wir uns die Gesellschaft zu Anfang des 19. Jahrhunderts genauer anschauen.

Von 1911 bis 1921 war es in Dänemark zu einer wahren Bevölkerungsexplosion von 2,7 Millionen auf 3,3 Millionen Einwohner gekommen. Die großen Städte waren von Überbevölkerung geprägt, und hinsichtlich der Registrierung der vielen neuen Bewohner konnte man ganz einfach nicht Schritt halten. Damit war die Wahrscheinlichkeit hoch, durch das zu dieser Zeit ohnehin nicht allzu dicht geknüpfte behördliche Sicherheitsnetz schlüpfen zu können. Neben dem enormen Bevölkerungswachstum spielte die historisch bedingte Stigmatisierung unehelicher Kinder eine Rolle. Die protestantisch geprägte Sozialgesetzgebung unterschied in diesem Zusammenhang zwischen würdig und unwürdig Bedürftigen. Frauen, die Kinder außerhalb der Ehe bekamen, galten – infolge eines Gesetzes aus dem Jahr 1803 – als unwürdig Bedürftige und konnten daher keine Sozialleistungen für ihre Kinder beziehen, es sei denn, die Kinder wurden in Pflege gegeben. Das war der Hintergrund für den großen, illegalen 'Kindermarkt', der über Annoncen in den Zeitungen abgewickelt wurde. Mit der Verurteilung Dagmar Overbys wurde diese Gesetzgebung kritisch beleuchtet, und 1923 verabschiedete man ein Gesetz über die Beaufsichtigung von Pflegekindern sowie 1924 ein Gesetz über ein Melde- und Personenstandsregister.

Auf diese Weise wurde Dagmar Overby in vielerlei Hinsicht zum Prügelknaben für soziale Sünden ihrer Epoche, aber machte sie das zu einem willenlosen Werkzeug der gesellschaftlichen Verhältnisse? Keinesfalls! Während der Gerichtsverhandlung zeigte sie starke emotionale Schwankungen und stellte sowohl moralische als auch religiöse Grundwerte in Frage – und gestand weit mehr Morde, als ihr nachgewiesen werden konnten. Sie wurde zum Tod verurteilt, doch später begnadigt und das Urteil in lebenslange Haft unter der Voraussetzung umgewandelt, dass sie nie wieder in Freiheit kommen und keinerlei Privilegien zugesprochen bekommen sollte. Während des Gefängnisaufenthalts entwickelte Dagmar Overby eine schwere Psychose und wurde ins St.-Hans-Krankenhaus gebracht. Sie starb 1929 in der Haftanstalt Vestre Fængsel.

Die Sass-Brüder:
Meisterdiebe aus Moabit

von ph. d. Frederik Strand, Leiter des Polizeimuseums

Vor 80 Jahren trieben zwei der raffiniertesten Diebe in der Geschichte Dänemarks hierzulande ihr Unwesen. Jahrzehntelang hatten sie Deutschland unsicher gemacht, aber als die Meisterdiebe ihr Glück in Dänemark versuchten, wurden sie festgenommen und zu hohen Strafen verurteilt. Nachdem sie diese abgesessen hatten, wurden sie zurück nach Nazideutschland gebracht, wo sie der sichere Tod erwartete.

In den Kiesgruben von Sachsenhausen

An einem frühen Morgen im Jahr 1940 wurden die Brüder Franz und Erich Sass aus ihren Arrestzellen geholt, wo sie zwei Tage in Haft verbracht hatten. Kurz zuvor hatte sie ein Gericht in Berlin zu 14 bzw. 13 Jahren Gefängnis verurteilt. Die Wachsoldaten, die die Brüder abholten, hatten eine Vollmacht des Reichsführers SS Heinrich Himmler bei sich, um die Gefangenen ins Konzentrationslager Sachsenhausen zu überstellen – und sie dort standrechtlich zu erschießen. Umgehend brachte man sie in die Kiesgrube des Lagers, die als Hinrichtungsplatz genutzt wurde. Dort wurden sie dem späteren berüchtigten Kommandanten des KZ Auschwitz, Rudolf Höß, vorgeführt. Kalt und ruhig verlas Höß bei den Hinrichtungspfählen den Exekutionsbefehl. Die Brüder waren fassungslos und riefen: „Das kann nicht sein, wie könnt ihr so etwas tun? Wir wollen erst einen Priester sehen.“ Höß hatte allerdings nicht vor, ihnen diese Möglichkeit einzuräumen, sondern befahl, mit der Prozedur fortzufahren. Die Brüder waren verzweifelt und weigerten sich, an den Hinrichtungspfählen Aufstellung zu nehmen. Doch auch dieses Problem löste Höß, wie er in seinen Memoiren schrieb: „ (…) ich musste sie fesseln lassen, da sie sich heftig zu Wehr setzten. Ich war fasziniert, als ich den Schießbefehl geben konnte.“ Sie starben, während sie um ihr Leben flehten.

Eine Familie von Verbrechern

Wer waren also die beiden Brüder, die auf so schmähliche Weise in Sachsenhausen hingerichtet wurden? Tja, zunächst ist festzustellen, dass es sich um keine ganz gewöhnlichen Verbrecher handelte, sondern um zwei der berühmtesten Kriminellen Deutschlands, die die Polizei jahrelang an der Nase herumgeführt hatten. Sie kamen aus bescheidenen Verhältnissen. Ihr Vater war aus Polen nach Deutschland eingewandert und hatte sich im Berliner Viertel Moabit niedergelassen. In dem ärmlichen Stadtteil hielt er sich als Schneider mühsam über Wasser, während die Mutter der Brüder als Waschfrau in einem nahegelegenen Krankenhaus etwas Geld hinzuverdiente. Die siebenköpfige Familie bestand aus den Eltern und fünf Brüdern, die in einer Einzimmerwohnung auf 35 Quadratmetern hausten! Der älteste der Brüder, Paul Sass, wurde allerdings zwangsweise in eine Pflegefamilie gegeben.

Eine Neigung zum Kriminellen prägte die Familie. Besonders die drei mittleren Jungen Max, Franz und Erich, die alle im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts geboren wurden, gerieten sehr früh mit den Behörden in Konflikt. Hans, der jüngste der fünf Geschwister, war noch zu jung, um in die kriminelle Unterwelt eingeführt zu werden. Es begann damit, dass sich die Jungen in den großen Warenhäusern Berlins herumtrieben. Hier stahlen sie alles, „was nicht niet- und nagelfest war“, wie die deutsche Polizei protokollierte. Max und Franz wurden während ihrer Beutezüge mehrere Male aufgegriffen und wegen Diebstahls angeklagt. Als Konsequenz daraus wurden die Jungen aus der Familie entfernt und in einem Heim untergebracht. Wie man sich vorstellen kann, ging es dabei nicht um einen Aufenthalt im Schullandheim. Vielmehr kennzeichneten große Brutalität, Gewalt und Übergriffe ihren Alltag – und ein Mangel an grundlegender Versorgung, denn zu dieser Zeit tobte der Erste Weltkrieg. Durch die Unterbringung im Heim besserten sich die Brüder nicht unbedingt, ganz im Gegenteil verstrickten sie sich nur tiefer in Kriminalität und Unterwelt, was dazu führte, dass Franz als 13Jähriger in mehrere schwere Einbrüche verwickelt war, was ihm zwei Wochen Gefängnis einbrachte. Weder Max noch Franz absolvierten etwas, das einer Ausbildung auch nur ähnelte, und besuchten die Schule nur sehr unregelmäßig, da ihnen ein ausgeprägter Widerwille gegen Autoritäten und Disziplin innewohnte, wie die Polizei es ausdrückte. Um Erich Sass einen Ausweg aus dem kriminellen Milieu aufzuzeigen, beschloss das Berliner Jugendamt in all seiner Weisheit, ihm eine Lehre bei einem Schlüsseldienst zu vermitteln! Der hoffnungsvolle Junge brach die Lehre aber nach sechs Monaten ab, hatte sich in dieser Zeit jedoch das eine oder andere angeeignet, das dazu beitrug, dass er und seine Brüder es des Öfteren mit den deutschen Ordnungsbehörden zu tun bekommen sollten.

Profis am Werk

Die kriminellen Karrieren der Brüder nahmen so richtig Fahrt auf, als sie sich ihrem liebsten Interessensgebiet widmeten: Autodiebstahl. Überall in Berlin stahlen sie Autos, deren Kennzeichen und Aussehen sie veränderten und die sie dann weiterverkauften. Der Polizei war klar, wer hinter den Diebstählen steckte, doch gelang es ihr nie, Beweise gegen die Brüder zu finden. Denn das Triumvirat bediente sich einer sehr simplen Taktik – es stritt alles ab und engagierte die besten Anwälte als Verteidiger. Diese Taktik war bis zur Machtübernahme der Nazis 1933 erfolgreich, denn wie das von Heydrich und Himmler herausgegebene Monatsheft Kriminalistik in einer Abhandlung über den Sass-Fall schrieb, existierten damals „rechtliche Überlegungen“, „bürokratische Hindernisse“ und eine Presse, die die Brüder zu „Märtyrern“ verklärte. So etwas sollte es im Dritten Reich nicht geben! Doch schlugen die Brüder zunächst ab 1927 einen Weg ein, der zu ihrem speziellen Markenzeichen als Verbrecher werden sollte, den Weg der Tresorknackerei.

Das Ganze begann in der Filiale der Deutschen Bank Alt-Moabit 129. Die Bank lag nicht weit von der Wohnung der Brüder entfernt, weshalb sie von ihnen als ihr erstes 'Opfer' auserkoren wurde. Die angehenden Tresorknacker waren gründlich vorbereitet. Zunächst hatten sie sich schon 1926 bei der Firma Femholz einen Schneidbrenner besorgt, in dessen Gebrauch die Firma sie selbst einwies, nachdem die Brüder behauptet hatten, sie arbeiteten für den Schlüsseldienst Schumann. Femholz schöpfte keinerlei Verdacht und beauftragte sogar einen ihrer Ingenieure, den Brüdern zu zeigen, wie das Gerät funktionierte. Ein paar Tage später stahl die Sass-Clique 15 Gasflaschen aus einem Lager in Berlin-Schöneberg und experimentierte eine Zeit lang mit dem Schneidbrenner herum. Laut späterer polizeilicher Ermittlungen legten sie dabei großes Geschick und eine enorme Ausdauer an den Tag. Offenbar zeigten sie hier das Engagement, das sie während ihrer Schulzeit vermissen ließen, wofür ebenfalls spricht, dass sie sich den Grundriss der Bank beschafften und genauestens studierten; alles war bis ins kleinste Detail aufgezeichnet, und jede Schwäche in der Konstruktion des Hauses wurde markiert. Ins Gebäude zu gelangen war ein Kinderspiel für sie: Die Brüder mussten nur über eine Mauer klettern und durch ein Kellerfenster einsteigen, und schon waren sie dort, wo sich der Tresor der Bank befand.

Aber in einem Punkt hatten sie sich verrechnet – sie hatten nicht genug Gas für den Schneidbrenner dabei. Deshalb mussten sie den Keller ohne Beute verlassen, da die Panzertür erst halb aufgebrochen war.

Trotz des Fauxpas' waren die Brüder weit davon entfernt, den Mut sinken zu lassen, ganz im Gegenteil nahmen sie nun die Dresdner Bank am Savignyplatz in Berlin ins Visier. Wieder schafften sie es ohne große Probleme, in das Gebäude einzudringen. Während der Arbeit am Tresor bewiesen sie große Umsicht. So nahmen sie kein Wasser aus dem Hahn in dem Kellerraum, in dem der Tresor stand. Stattdessen holten sie Wasser aus einem etwas weiter entfernten Keller – beschwerlich, doch fürchteten sie, andernfalls könnte man ihr Tun entdecken. Die Brüder gingen davon aus, dass der Wasserverbrauch im Tresorkeller überwacht wurde. Ebenso sorgfältig gingen sie bei dem Versuch vor, den Tresor aufzubrechen, denn sie schnitten um die Alarmdrähte herum, die in direkter Nähe des Schlosses angebracht waren. Das einzige Problem in diesem Zusammenhang bestand darin, dass der Stahlpanzer an den Stellen, an denen sie ansetzten, besonders dick war. Daher gelang es ihnen nicht, die Geldschranktür bis zum Morgen zu knacken – und sie waren wieder gezwungen, das Gebäude unverrichteter Dinge zu verlassen. Immerhin räumten sie ordentlich auf, denn sie hatten vor, am nächsten Tag wiederzukommen – das berichtete Erich Sass im Rahmen eines Verhörs durch die deutsche Polizei 1939. Allerdings muss man bedenken, dass Erich viele seiner Geständnisse vermutlich unter Folter ablegte! Das Wachpersonal der Bank hatte jedoch bemerkt, was vor sich ging, und alarmierte die Polizei, die einige Beamte schickte, die sich die Nacht über in der Bank versteckten, da sie annahmen, die Brüder würden wieder auftauchen. Doch die hatten den Braten gerochen und hielten sich fern.

Als nächstes versuchten die Brüder ihr Glück mit dem Tresor der Direktion der Reichsbahn am Schöneberger Ufer 1-4. Mit großem Einfallsreichtum verschafften sie sich Zutritt zum Tresor, indem sie sich durch eine Wand im Erdgeschoss bohrten. Die Bohrarbeiten nahmen mehrere Wochen in Anspruch, in denen sie Putz und Dreck entfernen mussten, damit niemand etwas bemerkte. Die Löcher, die die Bohrmaschine hinterließ, deckten sie zu, sodass nicht zu sehen war, was vorging. Kurz vor dem endgültigen Durchbruch wurden sie allerdings von zwei Wachleuten entdeckt, die Hilfe herbeiriefen, doch den Brüdern glückte die Flucht.

Die unverbesserlichen Tresorknacker hatten weder bei ihren Einbrüchen in die Dresdner Bank in der Budapester Straße noch bei der Firma König und der Oberfinanzkasse das Glück auf ihrer Seite – und das, obwohl sie sich jedes Mal sehr geschickt anstellten. Tatsächlich scheiterten sie nur an der Benutzung des Schneidbrenners, weil sie entweder befürchteten, an den falschen Stellen an- und den Alarm in Gang zu setzen oder weil ihnen schlicht und ergreifend das Gas ausging. Tatsächlich stahlen sie einmal sogar Gas, während sie dabei waren, einen Tresor aufzuschneiden. Eine imponierende Kaltblütigkeit! Im Januar 1929 waren die Brüder schließlich erfolgreich, ihnen glückte der große Coup!

Es ging um die Disconto-Gesellschaft, Kleiststraße 23. Wie immer war der Einbruch minutiös geplant: Der Tresor der Bank befand sich im Keller, dessen Türen aus Stahl und mit Alarmanlagen gesichert waren. Keine leichte Aufgabe! Versuchte man, die Türen mit dem Schneidbrenner aufzuschneiden oder die Schlösser mit einem Dietrich zu knacken, sprang der Alarm an und das Wachpersonal eilte herbei. Die Brüder umgingen das Risiko, indem sie in ein Nebengebäude der Bank eindrangen. Von einem Keller dieses Gebäudes verschafften sie sich Zutritt zu einem Lichtschacht, der in den Tresorkeller führte. Hier machten sie sich an die Arbeit, den Geldschrank zu öffnen und sorgten dafür, dass sie nicht gestört werden konnten, indem sie die Zugangstür mit Keilen blockierten. Alles in allem ein gut durchdachter Plan, der Insiderwissen aus der Bank voraussetzte – woher sie die notwendigen Informationen bekamen, wurde nie herausgefunden. Das galt im Übrigen für alle Tresor-Coups, die ihnen noch gelangen!

Im Gegensatz zu früheren Einbrüchen ging den Brüdern diesmal nicht das Gas aus, auch konnte ihnen niemand in die Quere kommen. So gelangten sie ans Ziel ihrer Träume. Sie knackten den Tresor und erbeuteten Goldbarren, Juwelen und reichlich Geld, alles in allem im Wert von 150.000 Reichsmark, was heute zirka 15 Millionen Kronen entspricht. Die Brüder verstauten ihre Beute in mitgebrachten Taschen und machten sich aus dem Staub. Sie waren jetzt reiche Leute, die sich um die Zukunft erst einmal keine Sorgen mehr machen mussten.

Diebe in Feierlaune

Nach dem großen Coup wollten die Brüder ein neues Leben. Sie investierten in einen kostspieligen amerikanischen Essex-Sportwagen, von denen es in Deutschland nur wenige gab. Hinzu kamen einige teure Motorräder. Außerdem stürzten sie sich ins Berliner Nachtleben, tauchten in zahlreichen Cafés und Bars überall in der Stadt auf, nicht zuletzt in den Locations für Homosexuelle, die in der Hauptstadt der Weimarer Republik aus dem Boden geschossen waren. Beide Brüder hatten Verhältnisse mit Männern und Frauen, wie aus den Berichten der Kriminalpolizei hervorgeht. Wo sie sich zeigten, warfen sie mit Geld nur so um sich – und behaupteten, sie hätten es in Monte Carlo beim Roulette gewonnen. Außerdem kurvten sie ganz ungeniert mit homosexuellen Freunden und leichten Mädchen in ihrem Essex-Sportwagen herum, was das Blut der prüden Ermittler des Dritten Reichs zum Kochen brachte.

Das war aber noch nicht alles, was den extravaganten Lebensstil der Brüder betraf. Sie reisten kreuz und quer durch Europa und genossen überall das Nachtleben, Paris, London, Wien, sie logierten in den ersten Hotels am Platze, besuchten Luxusrestaurants und verpulverten große Summen in Nachtclubs – vermutlich zusammen mit männlichen und weiblichen Nachtschwärmern, die sich dort amüsierten. Wahrscheinlich versuchten die Brüder sich in dieser Zeit nur an einem weiteren Coup, und zwar der Deutschen Reichsbank in Berlin. Wieder spielte ein Tunnel eine zentrale Rolle, doch flogen ihre Machenschaften dieses Mal auf. In der anschließenden Gerichtsverhandlung gelang es der Staatsmacht aber nicht zu beweisen, dass es um Einbruch in die Reichbank und um Diebstahl ging. Der Anwalt der Brüder behauptete, diese hätten nur ein Loch gegraben, um darin wohnen zu können – schließlich handelte es sich um verarmte arbeitslose junge Männer!

Das Luxusleben der 'verarmten' jungen Männer verschlang allerdings jede Menge Geld, und obwohl die Brüder nach heutigen Maßstäben mehrere Millionen Kronen erbeutet hatten, war die Kasse einige Jahre später leer! Die Wirklichkeit griff nach den partyfesten Dieben – und die Wirklichkeit war rau! Verschwunden war die Toleranz der Weimarer Republik. Die Nazis waren an der Macht – und sie hatten nicht die Absicht, nachsichtig gegenüber ausgebufften Tresorknackern mit einem Hang zum grellen Nachtleben zu sein. Die Zeit war gekommen, sich neue Reviere zu erschließen, und die Wahl fiel auf Dänemark.

Fachmännische Beutezüge in Dänemark

In Dänemark machte man im März 1934 zum ersten Mal Bekanntschaft mit den Brüdern, als sie in ihrem Zimmer in einer Pension in Vesterbro festgenommen wurden. Wenige Tage zuvor war es zu einem Einbruch in P. Wullfs Cigarfabrik in Kopenhagen gekommen, bei dem die beiden Tresore mit einem Schneidbrenner aufgebrochen und 4.000 Kronen sowie einige Gold- und Silbermünzen entwendet worden waren. Die Vorgehensweise deutete darauf hin, dass man es mit professionellen Dieben zu tun hatte, und die Geheimpolizei Kopenhagen durchkämmte Hotels und Pensionen, da man meinte, dass nur ausländische Verbrecher über die notwendige Expertise verfügten. Der Verdacht fiel auf die beiden deutschen Brüder, weil sich die Inhaberin der Pension darüber wunderte, dass die beiden jungen Männer immer erst am Nachmittag aufstanden und den Kontakt zu anderen Pensionsgästen stets vermieden. Daher wandte sie sich an die Polizei.

Die Geheimpolizei nahm zunächst die Pässe der zwei Brüder unter die Lupe und stolperte dabei über ein fatales Detail. Das Einreisedatum war mit Bleistift von 2.9.1933 auf 2.12.1933 geändert worden. Diese illegale Berichtigung erregte Verdacht, die Brüder wurden verhaftet und ihr Zimmer auf den Kopf gestellt. Dabei stieß man auf einige Werkzeuge, leere Batterien für Taschenlampen, mehrere Paar Arbeitshandschuhe samt einem 7-mm-Schraubenzieher, der sich als ein wichtiges Beweisstück gegen die Brüder entpuppte. Beim Einbruch in die Zigarrenfabrik war ein solcher Schraubenzieher verwendet worden, um einige Kästen aufzuhebeln. Die polizeilichen Untersuchungen ergaben, dass dazu aller Wahrscheinlichkeit nach der gefundene Schraubenzieher benutzt worden war, was man anhand einiger besonderer Merkmale nachweisen konnte, die das Werkzeug an den Kästen hinterlassen hatte.

Die Ermittlungen

Erich Sass räumte ein, dass der Schraubenzieher ihnen gehörte, wies aber entschieden zurück, etwas mit dem Einbruch zu tun zu haben – und folgte damit der Strategie, die er und sein Bruder schon früher in Deutschland angewendet hatten. Sie seien nach Dänemark gekommen, um einen Reparaturbetrieb zu eröffnen, behaupteten die Brüder, und wollten daher die dänische Kultur und die Sprache besser kennenlernen!

Unmittelbar nach der Festnahme hatte die Geheimpolizei eine Anfrage bezüglich der Identität der Brüder an die deutschen Kollegen gerichtet. Die Rückmeldung aus Berlin besagte, es handele sich um die zwei raffiniertesten Diebe Deutschlands – und der Geheimpolizei seien zwei richtig 'dicke Fische' ins Netz gegangen. Darüber hinaus teilte die deutsche Polizei mit, dass man vier Jahre zuvor versucht habe, die Brüder in Verbindung mit einem der spektakulärsten Einbrüche der 1920er-Jahre in die Filiale der Disconto Gesellschaft in der Berliner Kleiststraße zu fassen.

Allerdings mussten die Berliner hinzufügen, dass man damals keine Beweise gegen die Brüder hatte finden können, aber als man sie später auf frischer Tat ertappte, wie sie einen Tunnel gruben, der in Richtung der Reichsbank zeigte, sei man sicher gewesen, dass die beiden auch für den früheren Einbruch verantwortlich waren. Diese Informationen verliehen den Ermittlungen der dänischen Staatsmacht neue Energie. Man nahm sich noch einmal die Bleibe der Deutschen vor und fand hinter den Wandpanelen die gestohlenen Gold- und Silbermünzen samt einer Tube Zahnpasta, in der sich mehrere Zeichnungen, Notizen und Schlüsselabdrücke befanden.

Weitere Pläne und ein Urteil

Gleichzeitig stellte man fest, dass ein Schließfach im neuen Shellhaus mit einer Feile so bearbeitet worden war, dass es mit einem gewöhnlichen Schlüssel geöffnet werden konnte. Weit alarmierender war jedoch, dass auch die Schlösser der Schließfachanlage in der neuen Sparekasse for Kjøbenhavn og Omegn mit einer Feile verändert worden waren, sodass man hier ebenfalls einfach auf die 384 Schließfächer zugreifen konnte. Die Zeichnungen aus der Zahnpastatube zeigten die Schließfachanlage, während es sich bei dem Schlüsselabdruck um einen Yaleschlüssel handelte. Die Notizen hielten fest, welche Schlüssel für die Anlage gebraucht wurden. Dabei ging es um eine Schließfachanlage, in der insbesondere Wertgegenstände aufbewahrt wurden. Man fand nur einen Schlüssel. Inwieweit er für mehrere der Schließfächer genutzt werden konnte, ist unklar.

Man konfrontierte die Brüder mit sämtlichen Beweisen, doch stritten sie rundweg ab, irgendetwas mit Einbrüchen oder Diebstählen zu tun zu haben, andere mussten dafür verantwortlich sein – sie behaupteten sogar hartnäckig, die dänische Polizei habe ihre Finger im Spiel! Das unnachgiebige Leugnen half ihnen jedoch nichts, 1934 wurden sie vom Amtsgericht Kopenhagen zu drei Jahren Haft verurteilt. Das Urteil wurde vom Landgericht nicht nur bestätigt, sondern auf vier Jahre Gefängnis und anschließende Ausweisung nach Deutschland korrigiert.

Zurück im Dritten Reich – Asoziale und Gewohnheitsverbrecher

Nach Verbüßung der Strafe wurden die Brüder 1938 ins Dritte Reich verbracht, und sie ahnten wohl schon, dass es nicht sehr angenehm für sie werden würde. Schließlich hatten die beiden unverbesserlichen Einbrecher und Diebe ihr 'Arbeitsgebiet' nach Dänemark verlegt, weil sich die Verhältnisse im Dritten Reich zuspitzten und das Regime gegen jede Form von Kriminalität unerbittlich vorging. Allerdings hatten die Brüder keinerlei Ahnung, dass sie in Deutschland zu Studienobjekten der besonderen Art werden sollten. Das Dritte Reich hatte ein besonderes Interesse an sogenannten Gewohnheitsverbrechern – man wollte wissen, ob man sie möglichweise bessern konnte oder ob sie außerhalb jeder pädagogischen Reichweite waren und deshalb 'aufgegeben' werden mussten.

Das Interesse des Dritten Reiches an Gewohnheitsverbrechern war Teil des generellen Kampfes gegen sogenannte asoziale Elemente und Gewohnheitsverbrecher, die man als Schmarotzer betrachtete, die die Gesellschaft aussaugten. Mit 'asozial' war eine breite Spanne an zweifelhaften Gewerben gemeint, es handelte sich unter anderem um Obdachlose, Stadtstreicher, Zuhälter und Prostituierte – und etwas nebulöser um Arbeitsscheue. Manchmal galten auch Homosexuelle als asozial. Ein Asozialer war jedoch nicht ganz dasselbe wie ein Gewohnheitsverbrecher – und in den Konzentrationslagern wurden sie auch auf andere Weise gekennzeichnet. Asoziale trugen ein schwarzes, Berufsverbrecher ein grünes und Homosexuelle ein rosafarbenes Dreieck. Oftmals wurde den Kriminellen eine gehobene Position in der Lagerhierarchie zugewiesen, da die Lagerleiter dazu neigten, die Macht an einzelne Gruppen von Gefangenen zu delegieren – und hier erwiesen sich die Kriminellen in der Regel als die Skrupellosesten. Die Homosexuellen rangierten dagegen zumeist am unteren Ende der Hierarchie.

So gesehen war das Dritte Reich Kriminellen gegenüber nicht einmal besonders feindlich eingestellt, solange diese ihren Platz innerhalb der vorgegebenen Strukturen der Lager kannten und einnahmen. Taten sie das, konnte es sogar zu einer guten Zusammenarbeit mit der Lagerleitung und den Wachsoldaten kommen. Doch waren die Kriminellen natürlich nicht alle gleich – und das wichtigste Kriterium bestand darin, mit wem man zusammenarbeiten konnte! Im Hinblick darauf gab es seitens der deutschen Polizei keinen Zweifel, dass die Sass-Brüder für eine Zusammenarbeit nicht geeignet waren. Man war überzeugt, dass sie unverbesserlich waren und innerhalb eines Lagers für nichts als Chaos sorgen würden. In diesem Zusammenhang ist die Tatsache interessant, dass Höß in seinen Tagebuchaufzeichnungen beschreibt, wie die Brüder nach Sachsenhausen gebracht wurden – und wie sie während der Fahrt „dreist“ mit den Wachsoldaten debattiert hatten. Selbst eine lange Haftstrafe hatte die streitlustigen Brüder nicht gebrochen!

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