Kitabı oku: «Lüneburger Totentanz»

Yazı tipi:

FRANK GOYKE

Lüneburger Totentanz

Ein Hansekrimi

Die Hanse

© e-book Ausgabe CEP Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2014

Umschlag: Motiv: Detail aus »Portrait d. Kaufmanns Herrmann Hillebrandt«,

H. Holbein d. J., Wedigh 1533, Staatl. Museen z. Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Foto: Jörg P. Anders

eISBN 978-3-86393-513-9

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Übersetzung, Vervielfältigung (auch fotomechanisch), der elektronischen Speicherung auf einem Datenträger oder in einer Datenbank, der körperlichen und unkörperlichen Wiedergabe (auch am Bildschirm, auch auf dem Weg der Datenübertragung) vorbehalten.

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Inhalt

Prolog Die Salprobe

ERSTER TEIL Lüneburg, das Salzhaus

1. KAPITEL Vor der Hochzeit

2. KAPITEL Die Trauung

3. KAPITEL Kopfweh

4. KAPITEL Eine Keilerei

INTERMEZZO EINS Die Reise nach Rostock

ZWEITER TEIL Rostock, das Malzhaus

1. KAPITEL Der Bote

2. KAPITEL Der Gast aus Reval

3. KAPITEL Nachtgestalten

4. KAPITEL Die Flucht

5. KAPITEL Der große Aufbruch

INTERMEZZO ZWEI Die Reise nach Reval

DRITTER TEIL Reval, das Wachs- und Flachshaus

1. KAPITEL Der Rat und der Kaufherr

2. KAPITEL Das Fischerdorf

3. KAPITEL Paenitet me fecisse homines

EPILOG Hortus conclusus

Lüneburg im März 1433: Margarete, die Tochter des Rostocker Kaufmannes und Ratsherrn Martin Grüneberg, heiratet Tidemann, den Sohn des Lüneburger Salinenpächters und Bürgermeisters Reyner Stolzfuß. Die feierliche Trauung endet tödlich. Als die Hochzeitsgesellschaft vor die Kirche tritt, rast ein Pferdefuhrwerk in die Festgesellschaft. Scheinbar hat der Junge auf dem Kutschbock die Kontrolle über die Pferde verloren. Im allgemeinen Tumult achtet niemand drauf, was auf den Treppen zur Kirche geschieht, und plötzlich liegt Lüdeke Peters, reicher Lüneburger Salzhändler, tot auf den Stufen – erstochen. Es soll nicht der einzige Mord bleiben; auch Reyner Stolzfuß wird ermordet, und sein Sohn entkommt nur knapp dem Tod. Die Spuren scheinen nach Reval zu führen. Hat der Revaler Salzhändler Ahlemann mit den Morden zu tun? Für Bruder Anselm und den trinkfreudigen Ritter von Ritzerow steht fest, sie müssen nach Reval. So schiffen sie sich schließlich ein und sorgen dort für einige Verwirrung …

Frank Goyke, 1961 in Rostock geboren, ist seit 1997 als freier Schriftsteller, Lektor und Herausgeber tätig. Er veröffentlichte bereits zahlreiche Kriminalromane; u. a. den erfolgreichen Hansekrimi »Balthazar Vrocklage ist verschwunden«. Sein Roman »Dummer Junge, toter Junge« wurde 1996 mit dem »Marlow« der RaymondChandler-Gesellschaft als bester deutschsprachiger Kriminalroman ausgezeichnet.

Lübeck ein Kaufhaus Köln ein Weinhaus Braunschweig ein Zeughaus Danzig ein Kornhaus Magdeburg ein Backhaus Rostock ein Malzhaus Lüneburg ein Salzhaus Stettin ein Fischhaus Halberstadt ein Frauenhaus Riga ein Hanf- und Butterhaus Reval ein Wachs- und Flachshaus Krakau ein Kupferhaus Visby ein Pech- und Teerhaus Spruch aus Hansezeiten

PROLOG

Die Salprobe

Ihre Vorgänger hatten es getan, und sie taten es auch. Man erwartete es von ihnen, also entsprachen sie der Erwartung, obwohl sie nichts ändern konnten. Auf das, worauf es ankam, hatten sie keinen Einfluss.

Sie waren zu viert und wurden empfangen wie Könige. Das war nicht nur schmeichelhaft, es entsprach auch dem Ritual und ihrer Stellung. Trotzdem fühlten sie sich unwohl. Sie waren dem Schicksal ausgeliefert, das sie spielen sollten.

Am Tor, das nur sie ohne strenge Kontrolle passieren durften, nahm sie der Sodmeister in Empfang. Den höchsten Beamten der Saline hatte Reyner Stolzfuß vorgeschlagen, und obwohl sie ihn gewählt und sich längst an Hans Boreken gewöhnt hatten, schauten sie bei jeder Probe auf Stolzfuß und prüften ihn auf seine Eignung zum Sündenbock.

»Alle Meister und alle Knechte, alle Sodkumpane und alle Solesieder, alle Höder und alle Söder begrüßen Euch Herren des Hohen Rates zur Salprobe«, rief Boreken, und die Ratsmusiker bliesen in die Langtrompeten. Bürgermeister Schelleper griff sich an die Stirn, seine empfindlichste Körperstelle.

»Wir müssen!«, spornte Friedrich Hogeherte seine Ratsgenossen an. Er und Nikolaus Gronehagen waren regierende Bürgermeister, bei Johannes Schelleper und Reyner Stolzfuß ruhte das Mandat.

Geführt von Hans Boreken und den beiden Barmeistern, den Polizeigewaltigen der Saline, begaben sich die vier Männer zum Sod. Der Sod schien ein gewöhnlicher Brunnen zu sein, aber was die Sodkumpane aus der Tiefe schöpften, war alles andere als gewöhnlich. Trotz des hohen Besuchs ruhte die Arbeit nicht.

Neben dem Sod befand sich der Abstieg zu den Stollen. Lüneburgs Schicksal wurde in der Unterwelt entschieden. Deshalb nahmen es die vier Bürgermeister auf sich, über eine Leiter hinabzusteigen.

Am Fuß der Leiter erwarteten sie die Fahrtknechte. Sie hatten Fackeln und leuchteten den hohen Herren auf ihrem Weg klaftertief in einen Gang hinein. Dort hatte der Sodmeister einen Tisch errichten lassen und ihn mit vier Stühlen umgeben. Der Tisch trug eine Decke, in die Motive aus der Heilsgeschichte gewirkt waren, und auf jedem Platz stand ein Bronzepokal.

Auch Hans Boreken und die Barmeister waren hinabgestiegen. Der Sodmeister bat die Bürgermeister zu Tisch, die Fahrtknechte stellten sich an den mit Eichenbohlen verschalten Wänden auf und illuminierten die Szene.

Friedrich Hogeherte, Nikolaus Gronehagen, Johannes Schelleper und Reyner Stolzfuß waren erfahrene Männer. Seit der letzten Ratswahl im Jahre 1431, also seit zwei Jahren, waren sie im Amt. Sie waren mehrmals hier unten gewesen, sie kannten das Zeremoniell. Eine Weinprobe wäre jedem von ihnen lieber gewesen, aber sie wussten, dass alles in ein paar Minuten vorbei sein würde.

Sodmeister Boreken ließ sich von den Barmeistern eine Holzkanne reichen, die schon bereitstand. Aus der Kanne füllte er die Pokale mit einer Flüssigkeit, die wie Wasser aussah. Es war auch Wasser, allerdings verriet der Salzgeruch, was es enthielt und was es so kostbar machte.

Die vier Bürgermeister hoben die Pokale und vertrauten sich in einem Trinkspruch Gott an. Jeder nahm einen herzhaften Schluck. Dann setzten sie die Pokale ab und stellten sie auf den Tisch zurück. Der Sodmeister, die Barmeister und die Fahrtknechte heuchelten Interesse, dabei kannten sie das Ergebnis schon. Die Bürgermeister schauten einander betroffen an. Sie wussten, in den nächsten Wochen würde Lüneburg weniger Salz verkaufen, würden weniger Münzen in den Kassen klingeln.

Die Sole war zu süß.

ERSTER TEIL

Lüneburg, das Salzhaus

1. KAPITEL

Vor der Hochzeit

Die Dampfwolke über der Saline und den hohen Kirchturm von St. Johannis sahen die Reisenden zuerst. Sie kamen aus Rostock und aus Lübeck, und die Rostocker waren vor einem Monat in großer Kälte aufgebrochen, um nun, am 15. März 1433, endlich Lüneburg zu sehen. Sie sahen es, erreicht hatten sie es noch nicht. Die Dampfwolke und der Kirchturm sprachen allerdings vom bevorstehenden Ende der Fahrt, und auch das Kloster Lüne, das sich linker Hand erstreckte, zeigte ihnen, dass sie sich auf dem rechten Weg befanden.

»Heute Abend schlafen wir in einem reichen Haus«, rief der Rostocker Kaufmann und Ratsherr Martin Grüneberg und wandte sich zu seiner Tochter um, die hinter ihm auf dem Planwagen hockte und übernächtigt aussah. Für Margarete war es die erste Reise ihres Lebens. Sie war sechzehn Jahre alt, und in ein paar Tagen würde sie Margarete Stolzfuß sein.

»Ich nicht«, konterte Bruder Anselm, der Franziskaner. Er saß auf dem zweiten Wagen, der keine Plane zum Schutz vor dem Wetter besaß, und hatte gerade sein Gebet zur Non beendet. Martin Grüneberg hatte lange auf seinen Freund und Beichtiger einreden müssen, bevor dieser sich bereit erklärt hatte, als Margaretes Trauzeuge zu fungieren und mit dem Tross nach Lüneburg zu ziehen. Bruder Anselm war zwar welterfahren, schließlich hatte er in Bologna und Paris studiert, aber er war nicht mehr der Jüngste und verließ Rostock nur noch ungern. Für Martin und Margarete Grüneberg hatte er es getan. Das war ihm hoch, sehr hoch anzurechnen.

»Ihr nicht, Ehrwürdiger Vater?« Martin Grüneberg lachte. »In einem Kloster werdet Ihr nächtigen …«

»Darum bitte ich ausdrücklich«, fiel Anselm ihm ins Wort. »Wie Ihr an meiner grauen Kutte und auch an der Tonsur erkennen könnt, bin ich ein Mönch, und Mönche pflegen in Klöstern zu leben. Zumindest zu nächtigen!«

»Und sind die Klöster nicht reich?«

»Die Klöster vielleicht. Ich nicht.« Frater Anselm griff neben sich und förderte einen Apfel zutage. »Im Übrigen möchte ich nicht wieder darüber diskutieren, dass in manchen Klöstern die Ordensregeln gebrochen werden. Das müssen die Brüder mit Gott selber ausmachen. Ich richte nicht, Er wird es tun.«

»Ihr seid immer so nachsichtig, Ehrwürdiger Vater«, meinte Elisabeth Grüneberg, die neben ihrer Tochter auf dem Planwagen saß.

»Bin ich das?« Anselm klopfte dem Wagenlenker auf die Schulter und erbat sich mit einer Geste ein Messer. »Nun, mag sein. Man wird gelassener im Alter und … Wer bin ich denn, dass ich Seine Gerichtsbarkeit vorwegnehme? Dass ich verurteile, wo nur Er urteilen darf? Gott hat nie verlangt, dass wir keine Fehler machen. Er will bloß, dass wir sie erkennen und bereuen. Der reuige Sünder ist ihm der liebste. Vollkommen untadelige Menschen, wenn es sie denn gibt …« Der Franziskaner erhielt vom Wagenlenker ein kleines Messer. »Vollkommen untadelige Menschen«, wiederholte er, »sind monströs.«

»Das sagt Ihr so«, mischte sich Sebastian Vrocklage ins Gespräch, der auch auf dem ungeschützten Leiterwagen einen nicht gerade bequemen Platz gefunden hatte. Sebastian war Grünebergs Geschäftspartner in einer Mascopei, einer Handelsgesellschaft, und ebenfalls zum Trauzeugen erkoren worden.

»Das sage ich.« Der Mönch begann, den Apfel zu schälen.

»Lehnt Ihr also die irdische Gerichtsbarkeit ab?« Sebastian Vrocklage hatte, bevor er das Unternehmen seines ermordeten Vaters übernommen hatte, die Rechte studiert. Er war ein guter Kaufmann geworden, aber manchmal kam doch der Jurist zum Vorschein.

»Mitnichten. Ich frage mich nur, wie gerecht der Mensch sein kann. Ist er fähig, interesselos Recht zu sprechen … so wie Gott?« »Was haben wir nur für gelehrte Männer um uns«, sagte Elisabeth Grüneberg nicht ohne Ironie zu ihrer Tochter. Margarete nickte.

»Bruder Anselm spricht sieben Sprachen«, sagte sie.

»Fünf«, wehrte der Mönch bescheiden ab.

»Pour honte ôter et mal couvrir, on doit un peu par bel mentir«, zitierte Margarete.

»Was heißt das?«, wollte ihre Mutter wissen.

»Um Schande zu tilgen und Böses zu decken, darf man ein wenig die Wahrheit verstecken.«

»Das hast du aber nicht bei mir gelernt«, schnauzte der Franziskaner.

»Nein, Ehrwürden«, räumte Margarete ein, »nicht diesen Spruch, aber die Sprache.«

»In dieser Sprache wurden große Lieder und Romane abgefasst«, meinte Anselm. »Denk an Chrétien de Troyes, mein Kind, an seinen Roman über den Tod von König Artus.«

»Aber auch das Italienische ist eine bedeutsame Sprache«, sagte Margarete und lächelte.

»Die Sprache der Buchführung«, sagte Sebastian Vrocklage trocken.

»Nun ja.« Der Mönch schaute weg.

»Unser hochverehrter Vater Anselm liest nämlich den Boccaccio in der Originalsprache«, behauptete Margarete. Ratsherr Grüneberg warf einen Blick in den anderen Wagen. Der Franziskaner hatte den Kopf eingezogen und war tatsächlich rot geworden.

Ihren künftigen Schwiegervater lernte Margarete am Lüner Tor kennen. Reyner Stolzfuß hatte sich nicht nehmen lassen, seine Gäste und die Braut persönlich zu empfangen, was ihnen den Einzug nach Lüneburg ungemein erleichterte; die Torwache wagte nicht, ihnen auch nur eine Frage zu stellen. Die Anwesenheit eines Proconsuls bedeutete mehr als eine schriftliche Bürgschaft, Gäste eines Bürgermeisters waren über jeden Zweifel erhaben.

Stolzfuß hatte auch seinen Sohn mitgebracht, Tidemann, den Bräutigam. Sie waren hoch zu Ross, aber als die beiden Wagen das Lüner Tor erreichten, saßen sie ab. Mit ausgestreckten Armen eilte Reyner auf Martin Grüneberg zu, der vom Kutschbock gesprungen war. Die beiden Männer gaben sich den Bruderkuss, dann halfen sie den Damen aus dem Wagen. Tidemann kam vorsichtig näher. Die Eheverhandlungen hatten sein Vater und Grüneberg geführt, nun sah er seine Braut zum ersten Mal. Als er Margarete höflich begrüßte, errötete er. Das Mädchen auch.

»Sei auch du mir willkommen, Lüdeke!« Reyner Stolzfuß, der ein etwas vierschrötiger, aber leutseliger und herzlicher Mensch war, breitete abermals die Arme aus. Mit dem Sohn des Lübecker Salzherrn Lüdeke Peters, mit Piet Peters, war seine Tochter Geseke verheiratet, und das bedeutete, was da aus Lübeck und Rostock angereist war, war Familie oder würde bald Familie sein.

»Ihr seid sicher hungrig und durstig?«, wollte Reyner Stolzfuß wissen. »Halten wir uns hier nicht auf. In meinem Haus ist der Tisch gedeckt, ich bitte euch alle, mir die Ehre zu erweisen. Auch Euch gilt mein Gruß, Ehrwürdiger Vater!« Stolzfuß verbeugte sich vor dem Mönch, der mühsam vom Wagen herabgeklettert war und sich den Rücken massierte.

»Danke, mein Sohn.« Frater Anselm streckte seine Hand nach dem mächtigen Mann aus, der sie küsste. »Ich werde natürlich nicht in Eurem Hause wohnen, sondern bei meinen Brüdern im Kloster Sankt Marien.«

»Ihr habt einen guten Ruf, Ehrwürden«, meinte Stolzfuß. »Ihr geltet als ein äußerst gelehrter und belesener Mann. Der Guardian von Sankt Marien ist schon ganz gespannt auf Euch.«

»Er wird auch die Bücher kennen«, murmelte Anselm.

»Die Teilnahme an einem bescheidenen Mahl in meinem Hause schlagt Ihr mir doch aber nicht ab?«

»Wie werde ich!« Anselm klopfte dem Bürgermeister sacht auf die Schulter. »Drei Dingen, mein Lieber, gilt meine Hochachtung. Ich liebe und verehre Gott, ich liebe und verehre den heiligen Franz von Assisi und … ich liebe und verehre eine gute Küche.«

»Und einen guten Tropfen?«

»Ihr schaut auf den Grund meiner Seele, Freund«, erwiderte der Mönch.

Ein Haus wie das der Stolzfuß’ hatte Margarete noch nie gesehen. Ihr Vater war einer der reichsten Männer Rostocks, aber verglichen mit dem, was ihr künftiger Ehemann ihr zeigte, hatte Margarete bisher in bescheidenen Verhältnissen gelebt. Tidemann durfte natürlich nicht allein mit Margarete sein. Hildegard Stolzfuß, die Frau des Hauses, war bei dem Gelage unabkömmlich, also hatte sich Maria Peters erboten, die jungen Leute anstandshalber zu begleiten. Maria war seit zwanzig Jahren mit dem Lübecker Salzherrn Lüdeke Peters verheiratet, und seit drei Jahren war sie die Schwiegermutter von Tidemanns Schwester Geseke.

»Dies ist unsere Familienkapelle«, erklärte Tidemann und zeigte in einen kleinen Raum. »Der Altar stammt von einem berühmten flämischen Meister. Er ist sehr kostbar.«

Margarete hatte nichts anderes erwartet. Die Führung durch das Haus, in dem alles kostbar war, ermüdete sie. Zum ersten Mal war sie dem Mann nahe, mit dem sie ihr ganzes Leben verbringen würde, und sie sprachen nicht über Pläne, sondern über nichts sagende Dinge. Vermutlich war alles schon festgelegt. Von flämischen Meistern mochte Margarete nichts hören; der Junge, an dem ihr Herz einst hing, war in Flandern umgekommen.

»Ich denke, wir sollten zu den anderen zurückkehren«, schlug sie daher vor.

»Ihr wünscht zu speisen, meine Teure?«, erkundigte sich Tidemann formvollendet. Margarete hatte immer einen Abenteurer zum Mann haben wollen, notfalls sogar einen Kaperfahrer. Nun würde sie einen heiraten, der so interessant war wie unbeschriebenes Papier.

»Das wünsche ich«, sagte sie. Maria Peters war von der höflichen Konversation der Brautleute ganz gerührt.

In dem Saal, der das erste Stockwerk über der Diele einnahm, ging es hoch her. Nach der ersten Tracht, nach Schinken und Rinderbraten, war soeben der zweite Gang aufgetragen worden, gesottener Hirsch. Wein und Bier gab es sowieso. Die Mägde und Knechte hatten alle Hände voll zu tun, die Herrschaften fielen über die Speisen her wie ein Heuschreckenschwarm. Sogar Frater Anselm, der Mäßigung predigte, war ins Schwitzen geraten. Margarete gönnte ihm das Vergnügen. In ihrer Achtung stand der Mönch auf einer Stufe mit dem Vater, denn sie beide waren ehrlich. Das konnte man nur von ganz wenigen Menschen sagen. Margarete war wach genug, um zu erkennen, dass die Lüge längst begonnen hatte, den Baum des Lebens an der Wurzel anzunagen. Sogar heilige Instanzen wie der Kaiser Sigismund und der Papst logen; bereits vor Jahren hatten sie den Sieg über die Hussiten erklärt, doch in Wahrheit führten sie noch immer Krieg. Die Hussiten schienen unbesiegbar zu sein, aber das durfte man nicht einmal denken, geschweige denn aussprechen.

»Ihr seid nachdenklich, meine Liebe?«, fragte Tidemann. Margarete mochte seinen süßlichen Ton nicht. Er weckte in ihr die Lust zu provozieren.

»Nun, mein künftiger Gebieter«, fragte sie laut, »was haltet Ihr von den Forderungen der Taboriten?«

Tidemann Stolzfuß wurde blass, die Tischgesellschaft erstarrte. Es war üblich, über dieses Thema nur hinter vorgehaltener Hand zu sprechen, denn die Taboriten waren Ketzer. Zumindest hatte Papst Martin V., der Initiator des noch immer tagenden Basler Konzils, die Anhänger des Jan Hus zu Ketzern erklärt, und sein Nachfolger Eugen IV. hatte das Verdikt nicht aufgehoben. Eugen war nicht beliebt, sein Vorgänger schon, aber auch erst seit seinem Tod: Nachdem Martin V. im Jahr des Herrn 1431 die Segel gestrichen hatte, war allen Gebildeten bewusst geworden, was sie an dem klugen und diplomatisch geschickten Stellvertreter Gottes gehabt hatten. Martin hatte die Kirchenspaltung beendet. Das sollte ihm erst einmal jemand nachmachen.

»Es schickt sich nicht für Frauen, darüber zu sprechen«, wies Martin Grüneberg seine Tochter zurecht.

»Warum nicht, Vater?«

»Das wird dir deine Mutter heute Abend beim Bade erklären«, sagte Grüneberg. Die Bediensteten trugen den nächsten Gang auf, geschnittenes Schaffleisch. Margarete nahm bei ihrer Mutter Platz, Tidemann setzte sich zu seinem Vater. »Sie ist noch jung und unerfahren«, erklärte Grüneberg seinem Tischnachbarn, dem Lübecker Salzherrn Peters.

»Gott, so dumm war ihre Frage ja gar nicht«, erwiderte Lüdeke. »Da sie nun einmal im Raum steht … Wir haben doch einen Kundigen in Euch, Ehrwürdiger Vater?«

Bruder Anselm, der gerade von dem Schaffleisch genommen hatte, verschluckte sich und bekam einen Hustenanfall. Seine Meinung über die Hussiten war nicht kirchenkonform, daher verschwieg er sie lieber. Um von dem unangenehmen Thema abzulenken, befahl der Hausherr einer Gruppe von drei Musikern, den Gästen aufzuspielen. Anselm atmete auf.

Der Mönch überstand auch die letzte Tracht, die aus Gebäck, Butter, Käse, Äpfeln und Nüssen bestand, ohne sich zu dem heiklen Gegenstand äußern zu müssen. Der Hausherr bestritt nun das Gespräch, das sich ums Salz drehte. Bruder Anselm wusste natürlich, wie wertvoll das weiße Lüneburger Siedesalz war, das sich in der Qualität sichtbar und fühlbar von den grauen, feuchten Salzklumpen aus der Baie unterschied. Die Männer, die an Stolzfuß’ Tisch saßen und speisten, hatten alle mit dem Salz zu tun. Reyner Stolzfuß war Sülfmeister, der Pächter von vier Siedepfannen, die dem Michaeliskloster gehörten, Lüdeke Peters handelte mit dem Salz, das aus Lüneburg nach Lübeck geschafft und von dort aus als Travensalz verkauft wurde. Und auch sein Freund Martin Grüneberg, der Rostocker Kaufmann, war – unter anderem – im Salzhandel aktiv.

»Bei der letzten Salprobe mussten wir feststellen, dass sich zu viel Gottestod mit der Sole vermischt hat«, sagte Reyner Stolzfuß.

»Gottestod? Was ist Gottestod?«, wandte sich Margarete an Bruder Anselm. Der zuckte die Schultern.

»Gott, mein Kind, ist natürlich unsterblich«, dozierte Stolzfuß. »Das Salz ist eine Gottesgabe. Es erhält Leben, es schützt vor Fäulnis und Verwesung und gilt als Sinnbild der Ewigkeit. Jesus hat seine Jünger mit dem Salz verglichen …«

»Wohl war«, bestätigte Anselm nuschelnd, denn er hatte eine Nuss im Mund.

»Das Süßwasser, Margarete, nennen die Sodkumpane Gottestod«, fuhr der Sülfmeister fort. »Wenn es sich mit der Sole vermischt, verdirbt es das Salz.«

»Genauer gesagt«, ergänzte sein Sohn, »wird das Salz natürlich nicht schlecht. Viel süßes Wasser in der Sole verringert nur den Ertrag.«

»Und dann verdient ihr weniger Geld?«, fragte Margarete.

»Ja, dann verdienen wir weniger Geld«, sagte Reyner Stolzfuß und lachte.

»Wo werdet ihr«, ereiferte sich Lüdeke Peters. »Ihr setzt den Preis herauf und kommt auf diese Weise trotzdem ins Reine.«

»Diesmal nicht«, sagte Stolzfuß leise und senkte den Blick.

»Nein?«, fragte Peters. Aus dem Anverwandten war der Geschäftsmann geworden, der gute Quoten witterte.

»Weil Ihr ein Gevatter seid, Lüdeke, sage ich’s Euch. Die Sole der letzten Wochen war nicht gut. Wir können den Preis nicht heraufsetzen, ohne uns ins eigene Fleisch zu schneiden. Ich bin kompromissbereit, Lüdeke. Sagt mir, was Ihr für eine Tonne gebt.«

»Wir sind verwandt, Reyner. Ich zahle den Preis vom letzten Jahr.«

»Das ist hart«, meinte Tidemann.

»Ich habe auch meine Aventure«, sagte Peters, womit er das wirtschaftliche Risiko meinte.

»Du hast doch immer Abnehmer«, sagte Geseke, die geborene Stolzfuß, die nun eine Peters war. »Deine Partner in Reval lecken sich alle Finger nach dem Travensalz.«

»Weiber!« Lüdeke Peters schüttelte den Kopf. »Warum näht man ihnen den Mund nicht zu?«

»Du sprichst von meiner Tochter«, protestierte Reyner.

»Es ist eine Verschwörung«, sagte Lüdeke, »aber ich bin überzeugt. Einen halben Pfennig mehr pro Tonne.«

»Danke«, sagten Reyner und Tidemann wie aus einem Munde.

»Und jetzt will ich Wein«, rief Lüdeke. Wein wollten alle anderen auch.

»Deine Tochter, Martin, ist sehr selbstbewusst«, sagte Reyner Stolzfuß. Wie es üblich war, hatte Tidemann als künftiger Ehegatte alle Freunde und alle Verwandten ins Badehaus geladen, um sich dort seinen Status als Lediger abzuwaschen. Im Grunde ging es natürlich darum, sich ordentlich zu betrinken. Deshalb war Bruder Anselm der Einladung nicht gefolgt; er hatte bei dem Gelage am Nachmittag dem Wein genug zugesprochen und musste sich auf seine religiösen Pflichten besinnen.

»Ich habe sie Schreiben und Lesen lernen lassen«, sagte Grüneberg. Eine junge Frau, die auch für andere Beschäftigungen zur Verfügung stand, massierte ihm den Rücken.

»Bei diesem Mönch?«, wollte Lüdeke Peters wissen.

»Bruder Anselm ist wirklich sehr gebildet«, sagte Grüneberg.

»Eure Tochter beherrscht auch fremde Sprachen?«, fragte Tidemann.

»Französisch und Italienisch«, sagte Grüneberg. »Sie hat beides beim Ehrwürdigen Vater gelernt. Latein natürlich sowieso.«

»Ich kann nur Deutsch«, gab Tidemann zu.

»Dann wirst du morgen eine Frau heiraten, die dir überlegen ist«, sagte Reyner Stolzfuß und knuffte seinen Sohn in die Seite.

»Kann man eine solche Frau überhaupt bändigen?«

»Dir als Ehemann steht das Züchtigungsrecht zu«, erklärte Sebastian Vrocklage, aus dem wieder mal der Jurist lugte.

»Seine Frau zu schlagen ist ein Zeichen von Schwäche«, meinte Piet Peters. Alle schauten erstaunt zu ihm, denn bisher hatte er geschwiegen.

»Das sagst du nur, weil du mit einer Stolzfuß verheiratet bist«, sagte Reyner jovial. »Die Stolzfüßinnnen haben Haare auf den Zähnen.«

»Gibt’s denn noch andere außer deiner Frau und Geseke?« Piet Peters, das stille Wasser, legte einen Hinterhalt.

»Das ist doch egal«, sagte sein Vater sofort.

»Abgeschobene Hexen zum Beispiel?«, fragte Piet.

»Wenn du nicht aufhörst zu sticheln«, schimpfte Lüdeke, »werde ich mein väterliches Züchtigungsrecht in Anspruch nehmen.«

»Ich kann auch Französisch und Italienisch«, wehrte sich Piet.

»Was nützt es dir? Du wirst Margarete ja nicht ehelichen.«

Elisabeth Grüneberg, Hildegard Stolzfuß, Maria Peters und ihre Schwiegertochter Geseke saßen noch in dem großen Holzbottich und tranken Wein, Margarete hatte das Bad verlassen und lag auf einer Pritsche, um sich von der Bademutter schröpfen zu lassen. Die Blutegel sollten das Schlechte aus ihren Säften abziehen, damit sie bei der Hochzeit noch besser aussah; die Mutter hatte zwar versichert, dass sie das schönste Mädchen der Welt sei, aber natürlich glaubte sie als Sechzehnjährige es nicht.

»Du weißt, Kind, was Paolo da Certaldo über die Frauen gesagt hat?« Elisabeth Grüneberg gedachte nun, ihre Erziehungspflichten zu erfüllen.

»Aber Mutter, das hast du mir schon hundertmal vorgelesen«, stöhnte Margarete.

»Hundertmal sicher nicht«, entgegnete Elisabeth.

»Wer, in Gottes Namen, ist Paolo da Certaldo?«, erkundigte sich Geseke Peters.

»Ein Moralschriftsteller aus Italien.«

»Aus Italien, soso!« Die Frauen nickten. Von italienischen Männern hörte man, dass sie allesamt Frauenkenner waren und es mit der Moral eigentlich nicht so genau nahmen.

»Mutter, ich bitte dich!« Margarete schüttelte sacht den Kopf. Die Bademutter setzte ihr noch ein paar Egel auf den Rücken. Elisabeth Grüneberg ließ sich nicht bremsen.

»Das Weib soll der Jungfrau Maria nacheifern, die auch nicht aus dem Haus ging, um sich überall zu unterhalten, nach hübschen Burschen zu schauen oder eitlem Geschwätz ihr Ohr zu leihen«, zitierte sie. »Nein, sie blieb daheim, hinter verschlossener Türe, in der Privatheit ihrer Wohnung, wie es sich ziemt.«

»Einen solchen Rat soll man einer künftigen Ehefrau durchaus geben«, meinte Maria Peters.

»Ich lasse mich aber nicht einsperren«, protestierte Margarete. »Von niemandem, auch nicht von meinem Mann.«

»Das wirst du noch lernen, Kind«, sagte Elisabeth. »Der Platz der Gattin ist das Haus.«

»Nimm dir ein Beispiel an dem, was Elisabeth sagt«, verlangte Hildegard Stolzfuß von ihrer Tochter Geseke.

»Mein Mann hat keinen Grund, sich über mich zu beklagen.«

»Aber gehst du nicht manchmal hinaus, um mit den Nachbarinnen zu schwätzen?«

»Das tut doch jede Frau«, sagte Geseke.

»Nicht die tugendsame«, behauptete Maria.

»Die macht’s heimlich«, sagte Hildegard Stolzfuß. Die Frauen lachten.

Der Mann, der sich Albrecht Gregorius nannte, war im Gasthof Bei der Ratsmühle abgestiegen. Er würde einige Tage in Lüneburg verbringen, und als dem Vertreter des Revaler Kaufherrn Ahlemann begegneten ihm Wirt und Wirtin mit Hochachtung. Sie hatten ihm eines ihrer besseren Zimmer zur Verfügung gestellt, wofür sie allerdings auch ein beachtliches Entgelt verlangten, sie speisten ihn mit Ochsenzunge in Senfsoße und gaben ihm einen Wein zu trinken, der auch einem Mann von Adel gemundet hätte. Albrecht Gregorius war zufrieden. Es gab keinen Grund zu zweifeln, dass alles nach Plan verlaufen würde.

Am Nachmittag hatte Gregorius seinen Spießgesellen letzte Instruktionen erteilt und jedem eine rigische Mark zugesteckt als Vorschuss für die Erledigung des Auftrags. Die Brüder Ants und Mihkel Päätelpoeg wohnten natürlich nicht so vornehm wie er, sondern waren in einer billigen Herberge am Stadtrand untergekommen. In ihrem offiziellen Leben waren sie Fuhrknechte, die Waren vom Revaler Hafen in die Stadt beförderten, aber ihr Geld verdienten sie vor allem mit Gaunerei, Gewalttat und Mord. Albrecht Gregorius, der für seinen Dienstherrn das Grobe erledigte, hatte mehrere Wochen gebraucht, bevor er im Vorort Vischermaye auf die beiden Berufsverbrecher gestoßen war. Nur einmal noch würde er sie treffen, um ihnen ihr Salär auszuzahlen, dann würden sich ihre Wege für immer trennen. So war es geplant. Gregorius verachtete sie, denn sie waren ungebildet und brutal. Doch für seine Mission waren sie brauchbar. Nur darauf kam es an.

Albrecht Gregorius winkte dem Wirt und bestellte noch einen Krug Wein. Ihm gefiel die Rolle, die er spielte: Der Wolf im Schafspelz zu sein war ihm beinahe schon Natur. Niemand ahnte, was er vorbereitet hatte. In dem Gasthaus galt er als Ehrenmann. Der Krüger verneigte sich sogar, als er den Wein kredenzte.

»Wart Ihr mit der Zunge zufrieden?«, erkundigte er sich.

»Sehr«, sagte Gregorius.

»Nicht wahr? Wir legen sie in Milch ein, damit sie schön zart wird. Darf ich Euch auch unser Nusskonfekt empfehlen?«

»Ich bin gesättigt, Wirt. Aber tut mir den Gefallen, setzt Euch zu mir und nehmt von dem Wein.«

»Herzlichen Dank!« Der Wirt ließ sich von seiner Frau einen Becher bringen und bediente sich aus dem Krug.

»Morgen, so hört man, wird es eine wichtige Hochzeit geben?«, sagte Gregorius.

»Oh ja«, bestätigte der Wirt. »Ganz Lüneburg wird auf den Beinen sein. Immerhin heiratet der Sohn eines unserer Bürgermeister.«

»Stolzfuß, wenn ich nicht irre.«

»Ihr irrt nicht. Reyner Stolzfuß ist einer der angesehensten Männer unserer Stadt. Er hat eine Pacht auf der Saline und ist sehr reich.«

»Und dessen Sohn heiratet?«

»Tidemann«, sagte der Krüger. »Tidemann Stolzfuß heiratet eine Rostocker Kaufmannstochter.«

»Ich habe Geschäfte mit Herrn Stolzfuß«, sagte Gregorius.

»Ihr seid ein bedeutender Mann«, schmeichelte der Wirt. »Und gewiss werdet Ihr an der Hochzeit teilnehmen.«

»Allerdings«, sagte Gregorius. »Ich gehöre zwar nicht zu den geladenen Gästen, aber ein solches Ereignis lässt man sich nicht entgehen.«

2. KAPITEL

Die Trauung

Die Lüneburger, die sich vor der Kirche St. Johannis versammelt hatten, bekamen fast den gesamten Rat zu sehen. Die Bürgermeister Hogeherte, Schelleper und Gronehagen erschienen in ihren Festgewändern, und ihnen folgten die regierenden Ratsherren Ludolf Tobing, Johannes von Ollensen, Johannes Schermbeke, Erich Ghise und Heinrich Hoyeman. Auch Johannes Springintgut tauchte auf, Johannes Garlop und Heinrich Lange. Sie alle kamen mit ihren Frauen, die nach der flämischen Mode gekleidet waren und bei den Zuschauern Hochrufe auslösten, aber auch neidische Blicke. Die Hochzeit von Tidemann Stolzfuß und Margarete Grüneberg war ein willkommener Anlass, um zu zeigen, was man hatte.

Die Zaungäste trugen ebenfalls ihren Sonntagsstaat, und es sah aus, als hätten selbst die Armen, die auf dem Kirchhof zwischen den Gräbern hausten, ihre Lumpen gesäubert. Die Stadtmusikanten spielten auf, dann sah man das Brautpaar. Es kam zu Fuß aus der Straße Am Berge, wo Reyner Stolzfuß ein großes Haus besaß, und begab sich unter dem Beifall aller Anwesenden zur Kirche. Am Kirchtor nahm sie der Pfarrer in Empfang. Die Eltern von Braut und Bräutigam verteilten Geldgeschenke, dann verschwanden auch sie im Gotteshaus. Das Tor wurde geschlossen, doch die festliche Musik drang bis auf den Platz Am Sande, wo sich das Publikum in Geduld übte. Niemand wollte sich entgehen lassen, die Frischvermählten wieder aus der Kirche treten zu sehen.

Die Stundenglocke von St. Johannis schlug zehn. Alle wussten, nun wurde die Braut von ihrem Vater an den Bräutigam übergeben, und das Paar legte die rechten Hände ineinander. Der Mann steckte seinen Ring nacheinander an drei Finger der Braut, der Geistliche sprach einen Segen. Nun schlug die Viertelstundenglocke oben in dem etwas schiefen Turm der Pfarrkirche. Gewiss hatte Tidemann Stolzfuß die dreizehn Pfennige hinterlegt, die bereits das Salische Gesetz vorschrieb. Viele im Publikum murmelten die Worte, die der Bräutigam zu sprechen hatte: »Mit diesem Ringe heirate ich dich, mit diesem Golde ehre ich dich, mit diesem Schatze beschenke ich dich.« Mancher hatte Tränen in den Augen.

Die Stundenglocke verkündete die elfte Stunde, die Viertelstundenglocke schlug noch zweimal, dann wurde das Tor geöffnet. Zuerst erschienen die jungen Eheleute und winkten den Lüneburgern, die zurückwinkten, dann kamen Martin und Elisabeth Grüneberg, gefolgt von Reyner Stolzfuß, seiner Frau und Sebastian Vrocklage. Auch Lüdeke Peters verließ die Kirche, am Arm seine Frau und hinter ihm Sohn Piet. Die Ratsherren und Bürgermeister ließen sich blicken, die Kirchenleute, unter ihnen Bruder Anselm, und der Herr von Baerck als Abgesandter des Landesherrn; der Herzog selbst hatte nicht kommen können. In der Hoffnung, noch einmal der Freigebigkeit der Eltern teilhaftig zu werden, umdrängten die Bürger und Einwohner die hohen Herrschaften. Martin Grüneberg und Reyner Stolzfuß griffen bereits nach ihren Geldbörsen. Dann sahen sie den Wagen.

Es war ein Zweispänner, hoch beladen mit Fässern, den ein Knabe lenkte. Der Knabe trug einen grauen Kittel mit einem Strick als Gürtel und an den Füßen Bastschuhe. Plötzlich erfüllte Geschrei den Platz Am Sande. Offenbar waren dem Knaben die Pferde durchgegangen, denn der Wagen raste mit unverminderter Geschwindigkeit auf die Hochzeitsgesellschaft zu. Martin Grüneberg griff geistesgegenwärtig nach seiner Tochter und zog sie zur Seite, Tidemann Stolzfuß sprang zwischen die Zuschauer. Der Junge, der den Wagen lenkte, schrie verzweifelt, hilfsbereite Lüneburger versuchten, in die Zügel zu fassen. Kurz vor dem Kirchtor stürzte der Wagen um. Die Fässer rollten über den Platz und brachten manchen Zuschauer zu Fall, alles brüllte durcheinander, und zwei junge Männer beugten sich über Lüdeke Peters, der ebenfalls gestürzt war. Er schien ernsthaft verletzt zu sein, denn eine Blutpfütze breitete sich unter ihm aus.

Die jungen Männer versuchten, ihn aufzurichten. Auch Martin Grüneberg sprang hinzu. Maria Peters schrie in hohem Diskant, Bruder Anselm kniete sich neben den Verletzten und öffnete ihm das Wams, der Herr von Baerck hatte, warum auch immer, sein Schwert gezogen. Der Junge, der den Unfall verursacht hatte, floh über den Kirchhof nach dem Altenbrücker Tor, die zwei jungen Männer, die seine Flucht beobachteten, setzten ihm nach. Dann erst sah man, was geschehen war.

In Lüdeke Peters’ Rücken steckte ein Messer.

Aus dem fröhlichen war ein Trauertag geworden. Man hatte nach dem Ratsmedicus geschickt, der dem Opfer des Anschlags nicht mehr helfen konnte, und auch der Gerichtsvogt hatte sich am Tatort eingefunden. Reyner Stolzfuß erbot sich, die Frauen nach Hause zu geleiten, und sowohl Braut als auch Bräutigam schlossen sich ihm an. Bruder Anselm ging ebenfalls mit, um die Hinterbliebenen zu trösten, während vor der Kirche die gerichtliche Untersuchung begann. Martin Grüneberg, selbst einer der Weddeherren Rostocks und damit für die Gerichtsbarkeit zuständig, unterstützte die Richteherren, so gut er konnte. Viel war nicht zu tun.

Lüdeke Peters war aus der Menge heraus getötet worden, allerdings konnte wegen des Tohuwabohus nicht mehr festgestellt werden, wer sich in der Nähe des Ermordeten aufgehalten hatte, von seiner Frau und seinem Sohn einmal abgesehen. Im Grunde kamen mehrere hundert Menschen als mögliche Täter in Frage.

Nicht gefunden wurde der Junge, dem die Pferde durchgegangen waren, und auch die beiden ersten Helfer tauchten nicht wieder auf. Von den Befragten schien sie keiner zu kennen, vermutlich waren es Fremde. Nachdem der Gerichtsvogt seine Büttel ausgeschickt hatte, um alle Gasthöfe zu überprüfen, stellte sich heraus, dass sie in einer Herberge von schlechtem Ruf eine Nacht verbracht hatten. Der Unterschlupf befand sich im Budenviertel an der Bardowicker Mauer, und wer dort abstieg, nannte nicht unbedingt seinen Namen.

Auch das umgestürzte Fuhrwerk und die Fässer, die es geladen hatte, wurden untersucht. Der Wagen war durch den Unfall beschädigt worden, aber ansonsten fand sich nichts, was darauf hindeutete, dass er präpariert worden war. Die Fässer allerdings waren leer. Nur am Geruch konnte man erkennen, dass in ihnen Bier transportiert worden war.

Als Martin Grüneberg am Nachmittag in das Haus von Reyner Stolzfuß zurückkehrte, fand er dort nur das Dienstpersonal vor. Maria Peters hatte Schlafmohn genommen und sich zurückgezogen, ihre Schwiegertochter Geseke, Hildegard Stolzfuß und Elisabeth Grüneberg weilten bei ihr und versuchten, ihren Schmerz zu lindern. Margarete betete in der Familienkapelle für das Seelenheil des Verstorbenen, ein Benediktiner des Michaelisklosters leistete ihr Gesellschaft. Er war der Beichtvater der Familie Stolzfuß und hatte sich unmittelbar nach dem Verbrechen eingefunden.

Margarete mochte nicht mit ihrem Vater sprechen. Sie war zu sehr erschüttert von dem Mord, den sie hatte mit ansehen müssen, und suchte Trost bei Gott. An der Seite des Benediktiners war sie gut aufgehoben.

Von diesem erfuhr Martin Grüneberg, dass sich die Männer in den Ratsweinkeller begeben hatten. Wein zu trinken und sich aneinander aufzurichten schien im Moment das Einzige zu sein, was man tun konnte, also ließ sich Grüneberg den Weg beschreiben. Er war nicht schwer zu finden. Der Ratsweinkeller befand sich im Rathaus am Markt, Grüneberg musste nur die Straße Am Berge bis zu ihrem nördlichen Ende abschreiten und dann nach links in die Rosenstraße biegen. In der Rosenstraße, so hörte er von dem Mönch, hatte der Lüneburger Henker sein Domizil. Sie war nur kurz, und aus ihr ging die Straße An den Brodbänken hervor, die unmittelbar auf den Markt führte. Der Rostocker Ratsherr brauchte keine zehn Minuten, um den Ratsweinkeller zu erreichen.

Dort waren alle versammelt, die eigentlich ein Fest hatten feiern wollen und nun unversehens mit einem Todesfall konfrontiert waren: Reyner und Tidemann Stolzfuß, Piet Peters, der Sohn des Ermordeten, und sogar Bruder Anselm. Jeder hatte einen Becher Wein vor sich, und sie nickten bedrückt, als Grüneberg an ihren Tisch trat und Platz nahm. Augenblicklich erhielt auch er vom Gastwirt einen Becher. Reyner Stolzfuß füllte ihn.

»Was für ein schrecklicher Tag«, meinte der Sülfmeister. »Hat man schon einen Anhaltspunkt?«

Martin Grüneberg schüttelte den Kopf.

»Ich versteh das nicht.« Piet Peters fuhr sich über die Augen. »Was hat mein Vater denn getan?«

»Ich weiß es nicht«, entgegnete Grüneberg.

»Offenbar handelt es sich um eine planvolle Tat«, sagte Bruder Anselm. »Wir rätseln schon eine Zeit lang … Feinde hat er in Lüneburg nicht gehabt.«

»Die Mörder müssen keine Lüneburger sein«, sagte Grüneberg.

»Aber auch in Lübeck …« Piet zuckte ratlos die Schultern.

»Dein Vater war ein wohlhabender Salzherr.« Grüneberg griff nach dem Becher, roch an der Blume, trank aber noch nicht. »Er hatte womöglich Neider oder Konkurrenten.«

»Aber doch niemand, der so etwas tut«, sagte Piet.

»Und in Auftrag gibt?«

»Niemand, ich bin ganz sicher.«

»Es ist aber geschehen«, sagte Grüneberg, »also hatte auch jemand einen Grund.«

Der Ritter von Ritzerow erfuhr von dem Verbrechen, als er um die zweite Nachmittagsstunde aus tiefer Trunkenheit erwachte und im Gastraum seiner Unterkunft zu essen verlangte. Die Magd brachte ihm eine Schüssel mit Rindfleisch und eine Schüssel Schweinebraten, und natürlich wollte der Ritter auch Wein. Während er aß, belauschte er eine Unterhaltung am Nebentisch, wo zwei gut gekleidete Bürger saßen und ebenfalls mit Appetit Rind und Schwein verschlangen. Einen der ihren hatte es getroffen, einen Lübecker allerdings, also einen Gast der Stadt.

Der Ritter von Ritzerow mochte die Bürgerlichen nicht besonders. Sie hielten sich viel auf ihre Bildung zugute und konnten lesen und schreiben, was der Ritter nie gelernt hatte und auch nicht brauchte. Er war von seinem Gut in Mecklenburg nach Lüneburg gekommen, um Holz und eine Koppel Pferde zu verkaufen; Holz wurde benötigt, um die Siedepfannen der Saline zu beheizen, und auch die Pferde hatte er verkaufen können. Nun hatte er Geld im Beutel, das er mit ein paar losen Frauen durchbringen wollte. Der Mord an irgendeinem Lüdeke Soundso interessierte ihn nicht.

Als der Ritter die Schüsseln und auch den Krug geleert hatte, kam die Magd zu ihm und erkundigte sich, ob er noch mehr zu essen oder trinken wünsche. Der Ritzerow schüttelte den Kopf. Die Magd hätte er gern vernascht, aber sie war nicht wohlfeil zu bekommen, also ließ er ein paar Pfennige springen und verließ das Gasthaus auf der Suche nach einem kleinen Abenteuer.

Wie überall waren auch in Lüneburg die Frauenhäuser an den Stadtrand verbannt worden. Der Rat profitierte von ihnen, und so mancher Ratsherr gehörte sicher auch zur Kundschaft, aber das bedeutete nicht, dass man sie guthieß. Der Ritter von Ritzerow hatte gegen Frauenhäuser nichts einzuwenden. Würde es nach ihm gehen, hätte man sie auch am Marktplatz errichten können. Das hätte ihm einen weiten Weg erspart.

Das Gasthaus Zu den vier trunkenen Sonnenbefand sich beim Kloster zum Heiligen Geist, das beste Frauenhaus, so hatte er in Erfahrung gebracht, an der nördlichen Stadtmauer. Um dorthin zu gelangen, musste der Ritter beinahe die ganze Stadt durchqueren. Als er den Markt erreichte, glaubte er seinen Augen nicht zu trauen. Wahrscheinlich irrte er sich, aber ihm kam es vor, als hätte er den Rostocker Ratsherrn Grüneberg im Rathaus verschwinden sehen.

Ein Junge, der eine Kiepe mit Holz auf dem Rücken trug, lief dem Ritter vor die Füße. Der Ritzerow ergriff dessen Kittel, hinderte den Knaben auf diese Weise am Weitergehen und wies auf die Tür, durch die der Ratmann gegangen war.

»Was ist dort?«, wollte er wissen.

»Der Ratsweinkeller, Herr.«

Der Ritter ließ den Jungen los und überlegte. Ratsweinkeller, das klang nach einer ausgedehnten Zechtour. Auch für Zechtouren war der Ritter zu haben. Die Frauen konnten warten.

»Nein!«, rief Martin Grüneberg und schüttelte heftig den Kopf. »Das glaube ich nicht. Was treibt denn Euch nach Lüneburg?«

»Begrüßt man so einen Ritter?«, fragte der Ritzerow. »Und was ist das hier für eine Versammlung von Trauerklößen? Wenn man trinkt, ist man doch lustig.«

»Wir nicht, Herr Ritter. Wir haben den Tod eines der unseren zu beklagen.«

»Ach, davon hörte ich.« Unaufgefordert setzte sich Heinrich von Ritzerow auf einen freien Platz neben Bruder Anselm. »Ein Mord, heißt es.«

»Ein Mord«, bestätigte Grüneberg. »Darf ich Euch mit unserer Tafel bekannt machen?«

Martin stellte die Anwesenden vor, und da der Ritter nun einmal da war, berichtete er auch, was vorgefallen war.

»Aus der Menge heraus?«, fragte Ritzerow nach. »Wie geschickt.«

»Also ich muss doch sehr bitten«, schimpfte Reyner Stolzfuß. »Lüdeke Peters war der Schwiegervater meiner Tochter.«

»Wein!«, befahl Ritter Heinrich, als ihm der Ratskellermeister ins Blickfeld geriet. »Für den ganzen Tisch.«

»Ich möchte nicht unhöflich erscheinen«, sagte Bruder Anselm, »aber ich muss mich verabschieden. Ich habe bereits die Gebete zur Tertia und zur Sexta versäumt, ich muss zumindest zur Non meine geistlichen Pflichten erfüllen.«

»Ach, Unfug!«, meinte der Ritter. »Ich habe noch nie mit einem Mönch gesoffen. Haltet Ihr mit?«

»Ihr kennt die Regel, Ritter.«

»Einen Becher Wein könnt Ihr mir nicht abschlagen, Ehrwürdiger Vater.«

»Einen, Herr Ritter«, sagte Anselm und blieb sitzen.

3. KAPITEL

Kopfweh

Im Kloster Sankt Katharinen riefen die Glocken zum Morgenlob, aber Bruder Anselm war nicht in der Lage, sich zu erheben. All seine Glieder schmerzten, aber am schlimmsten litt sein Kopf. Ihm war, als hätte man seine Hirnschale mit kochendem Öl gefüllt, das nun hin und her schwappte, wenn er sich nur ein wenig rührte. Mit einem solchen Kopf war man kein Mensch.

Mit äußerster Anstrengung gelang es dem Mönch, die Augen zu öffnen. Das Dormitorium war leer. Alle Brüder waren jetzt in der Kirche, doch ihn hatte man in Ruhe gelassen; vermutlich konnte man riechen, wie es um Anselm bestellt war. Er hatte sich zu übermäßigem Alkoholgenuss verführen lassen. Das war eine große Sünde, und auch sein Ruf war vermutlich dahin.

Bruder Anselm hob den Kopf. Die Decke des Dormitoriums begann zu kreiseln.

»Wie entsetzlich«, stöhnte der Mönch. Aber er war ein disziplinierter Mann, und nach mehreren Anläufen gelang es ihm, die Pritsche zu verlassen. Er schlüpfte in die Sandalen, und mit kurzen, behutsamen Schritten trippelte er aus dem Schlafsaal. Nur einer konnte ihm jetzt helfen: der Bruder Arzt.

Während er den Kreuzgang entlangging, hörte Anselm den Gesang der Mönche. Sie priesen Gott in den höchsten Tönen, doch er selbst haderte mit dem Herrn, schließlich musste auch der Wein Gottes Werk sein. Anselm hätte sehr viel darum gegeben, wenn der Herr den Menschen das Keltern der Traube nicht gezeigt hätte. Allerdings tat die frische Luft ihm wohl. Der Kopf schmerzte noch, aber die Glieder ließen sich schon wieder etwas besser bewegen.

Im Domus Medicorum, dem Spital des Klosters, musste Anselm noch eine Zeit lang warten, denn auch der Bruder Spittler musste am Gottesdienst teilnehmen. Als er den Rostocker sah, wusste er sofort Bescheid.

»Ich werde dich mit ein paar heilkräftigen Kräutern aus meinem Garten traktieren, und du wirst sehen, rasch ist dir wieder wohl«, sagte er.

»Tausend Dank, Bruder.« Frater Anselm massierte sich die Stirn.

»Wir alle haben Verständnis«, sagte der Spittler. »Du hast wohl gestern einen Freund verloren?«

»So gut kannte ich Peters nicht«, meinte Anselm.

»Erzähl mir, was geschehen ist«, bat der Spittler. Er öffnete ein paar Schubladen, entnahm ihnen getrocknete Blüten, Pflanzenstängel und Wurzeln und zerstieß sie in einem Mörser. Anselm erstattete Bericht.

»Das kommt mir irgendwie bekannt vor«, sagte der Bruder Arzt, als er die Kräuter in Wasser rührte.

»Was kommt dir bekannt vor?«, wollte Anselm wissen.

»Schon als die ersten Gerüchte zu uns drangen, hatte ich so ein Gefühl. Aber jetzt, nachdem du mir noch einmal den Hergang erzählt hast … Kennst du Josephus Flavius?«

»Natürlich«, sagte Anselm. Der Spittler füllte den Kräutersud in einen Becher und reichte ihn dem Rostocker. »Ihr denkt an die Geschichte des Judäischen Krieges? Aber was hat das mit dem Mord an Lüdeke Peters zu tun?«

»Die Sikarier«, sagte der Spittler. Anselm kam das reichlich verschwommen vor.

»Die Sikarier?«

»Warte. Ich rufe einen Novizen und lasse mir das Buch aus der Bibliothek beschaffen.«

Der Spittler verließ die Krankenstation, Bruder Anselm trank langsam den Sud. Er schmeckte gallebitter, und als der Bruder Arzt nach fünf Minuten zurückkehrte, waren die Kopfschmerzen noch immer nicht kuriert. Allerdings regte sich Anselms Magen; plötzlich bekam der Mönch einen Bärenhunger.

»Wie geht’s?«, erkundigte sich der Spittler.

»Aufwärts«, log Anselm. Dann brachte der Novize das Buch.

Der Spittler brauchte fast eine halbe Stunde, um die Textstelle zu finden, auf die er es abgesehen hatte. Bruder Anselm starb währenddessen tausend Tode. Sein Hunger war unmäßig geworden, und in seinem Hirn spielten noch immer Dutzende Posaunisten. Vermutlich hätte er statt des Kräutersuds lieber einen Becher Wein leeren sollen.

»Hier!« Der Bruder Spittler reichte Anselm das aufgeschlagene Buch. Der Rostocker Mönch las laut, was Josephus Flavius über die Sikarier geschrieben hatte.

»Sie begingen am hellen Tage und mitten in der Stadt Morde, mischten sich besonders an Festtagen unter das Volk und erstachen ihre Gegner mit kleinen Dolchen, die sie unter der Kleidung versteckt trugen. Stürzten ihre Opfer zu Boden, so beteiligten sich die Mörder an den Kundgebungen des Unwillens und waren durch dieses unbefangene Benehmen gar nicht zu fassen.«

»Und?«, fragte der Spittler.

»Der Dolch war eher lang«, erwiderte Anselm.

»Du verstehst nicht, was ich meine?« Der Spittler war enttäuscht.

»Doch, Bruder, sehr gut sogar«, sagte Anselm und sprang auf.

»Ihr seht schlecht aus, Ehrwürdiger Vater«, stellte Martin Grüneberg fest. Der Mönch hatte ihn wie erwartet im Haus des Reyner Stolzfuß angetroffen. Dort war man gerade vom Speisetisch aufgestanden, was dem Mönch wieder seinen Heißhunger in Erinnerung brachte: Das Schlimme war, dass er ihn nicht stillen konnte, denn sein Magen bohrte zwar, Anselm brachte aber keinen Bissen hinunter. Die Wirkung des Kräutersuds ließ immer noch auf sich warten.

»Der Ritter hat mich geschafft«, bekannte Bruder Anselm.

»Uns alle«, sagte Grüneberg. »Mit dem kann keiner mithalten.«

Die Stimmung im Haus war immer noch gedrückt. Vor allem die Frauen und hier wiederum die am Tag zuvor unerwartet zur Witwe gewordene Maria Peters machten einen leidenden, verhuschten Eindruck. Offenbar war viel geweint worden in der letzten Nacht.

Reyner Stolzfuß unterbreitete den Vorschlag, seinen Gästen aus der Fremde die Saline zu zeigen. Er hatte dort ohnehin zu tun und meinte, ein wenig Ablenkung könnten wohl alle gebrauchen. Wenig später rüstete man zum Aufbruch und befahl den Dienstboten, die Pferde zu satteln. Bruder Anselm schloss sich an. Er war ein schlechter Reiter, aber den Weg zur Saline auf dem Pferderücken zurückzulegen, traute er sich zu.

Der Sülfmeister Stolzfuß lenkte die kleine Gesellschaft so, dass er den großen Platz Am Sande umging. Dort wurde ein Teil des Salzes zum Verkauf angeboten, dort belud man die Fuhrwerke der Kaufleute, die nach Osten reisten und die Stadt durch das Altenbrücker Tor verließen. Die Johanniskirche schloss den Platz im Osten ab. Reyner Stolzfuß wollte der Witwe den Anblick des Ortes ersparen, an dem ihr Mann Meuchelmördern zum Opfer gefallen war.

Alle folgten ihm durch die Glocken- und die Untere Schrangenstraße, bis er nach Süden in die Kuhstraße bog. Die Glockengießerstraße wurde gekreuzt, dann die Heiliggeiststraße in Angriff genommen; sie führte direkt auf den Platz, auf dem sich die Lambertikirche erhob, und hinter der Kirche befand sich das Tor zur Sülte.

Zu spät fiel Reyner Stolzfuß ein, dass der Ritter von Ritzerow im Gasthof Zu den vier trunkenen Sonnen neben dem Heilig-Geist-Spital Quartier bezogen hatte. Nach der Zecherei vom Vorabend mochte ihm niemand begegnen, und unwillkürlich dämpften die Männer ihre Stimmen, als sie an der Herberge vorbeiritten. Jeder nahm offenbar an, der Ritzerow schlafe noch und könne durch zu lautes Sprechen auf der Straße geweckt werden.

Sie hatten sich geirrt. Der Ritter, der in der Gaststube beim ersten Schoppen Wein gesessen und aus dem Fenster geschaut hatte, war rascher bei seinen neuen Freunden, als diesen lieb war. Natürlich war es nicht möglich, ihn abzuwimmeln, ohne die Höflichkeit zu verletzen. Da auch der Ritter gern die Saline sehen wollte, wurde er von Reyner Stolzfuß kurzerhand aufgefordert, sich anzuschließen.

»Der Mann ist ja wie der Teufel«, flüsterte Anselm, der sich mit Martin Grüneberg ein paar Pferdelängen hatte zurückfallen lassen. Gerade hatte er dazu angesetzt, dem Rostocker Weddeherrn den Verdacht des Spittlers auseinander zu setzen. »Man muss nur an ihn denken, dann erscheint er schon.«

»Unser Ritter ist einfach unverwüstlich«, stellte Grüneberg fest. »Aber Ihr wolltet etwas anderes sagen, Ehrwürdiger Vater.«

»Ja.« Anselm berichtete von dem Einfall des Bruders Arzt, der im Bellum Iudaicum des Josephus Flavius einen Hinweis auf die Täter gefunden haben wollte.

»Dann muss ein kluger, belesener Kopf hinter dem Anschlag stecken«, meinte Martin Grüneberg nachdenklich. »Schließlich ist die Geschichte des Judäischen Krieges kein Erbauungsbuch, das jeder kennen sollte. Und die beiden Ausführenden, die wir unter uns ja getrost die Sikarier nennen können, sie schienen mir eher grobschlächtig und bäurisch zu sein.«

»Das mag sein. Aber Ihr sagt es selbst: Es waren nur die Ausführenden. Der Plan muss von einem anderen stammen.«

Am Ende der Heiliggeiststraße wurde wieder die Rauchwolke sichtbar, die sich über der Saline erhob. Da der Wind aus Norden wehte, trieb der Qualm nach Süden aus der Stadt.

»Das sieht ja wie die Hölle aus«, sagte Bruder Anselm.

»Wir haben schließlich auch einen Teufel im Gefolge«, sagte Martin Grüneberg und lächelte unwillkürlich, obgleich ihm nicht danach zumute war.

Vor dem Tor zur Sülte brach Maria Peters zusammen. Hinter Tor und Mauern, die das Salzbergwerk auch zur Stadt hin abschlossen, wurde der Stoff gewonnen, mit dem ihr Mann gehandelt hatte und reich geworden war. Maria Peters fürchtete nicht um den Verlust des Wohlstands, schließlich würde Sohn Piet das väterliche Geschäft fortführen. Doch alles, was mit dem Salz zu tun hatte, erinnerte an Lüdeke. Nachdem alle von den Pferden abgesessen waren, konnte Maria Peters keinen Schritt vorwärts setzen. Sie schien einer Ohnmacht nahe zu sein, also blieben ihr Sohn und die Schwiegertochter Geseke zurück, um sich um sie zu kümmern und sie notfalls zurück in das Haus Am Berge zu begleiten.

Die übrige Gesellschaft machte sich auf den Weg durch das Tor. Eigentlich war es Fremden nicht gestattet, die Saline zu betreten, aber der Begleitung eines Bürgermeisters verweigerte die Wache den Zutritt nicht. Jeder fühlte sich nach dem Zusammenbruch der gebeutelten Frau beklommen, und man hatte wohl auch ein schlechtes Gewissen, weil man seiner Neugierde nachgab; allerdings wusste man Maria Peters in guten Händen.

Nach dem Betreten der Sülte fielen sofort die riesigen Stapel von Holz ins Auge, das zum Betrieb der Siedepfannen benötigt wurde. Mittlerweile hatten die Salinenpächter alles Holz in der Umgebung Lüneburgs aufgekauft und verbraucht, so dass eine Heidelandschaft entstanden war. Der Brennstoff kam nun aus Mecklenburg, wo noch riesige Wälder zur Verfügung standen, aber auch an den Ufern des Stecknitzkanals wurde Holz geschlagen. Die Holzschiffer brachten es bis Lauenburg, wo es dann über Elbe und Ilmenau nach Lüneburg geflößt wurde. Hier verbrannte man es.

Ärmlich gekleidete Frauen füllten Holzeimer mit dem Brennstoff und trugen sie auf dem Kopf zu den Siedehütten. Vierundfünfzig dieser Hütten umgaben den Solebrunnen. Sie waren in Senken errichtet oder in die Erde eingegraben worden, so dass man nur ihre strohgedeckten Dächer sehen konnte. Aus dem Sod schöpften mehrere Sodeskumpane die Sole und gossen sie in Rinnen, die mit den Siedehütten verbunden waren. Aus deren Essen rauchte es heftig.

»Kennt Ihr die Sage von der Salzsau?«, wollte Reyner Stolzfuß wissen. Frau Hildegard, Tidemann und Margarete nickten, die anderen schüttelten den Kopf.

»Du kennst sie?«, wandte sich Elisabeth Grüneberg an ihre Tochter.

»Tidemann hat sie mir erzählt, Mutter«, entgegnete Margarete. »Uns war in der Hochzeitsnacht nur danach, miteinander zu sprechen.«

»Das sollte aber nicht sein«, meinte Elisabeth.

»Aber Mutter, nach diesem Todesfall … Wer kann denn überhaupt noch an etwas anderes denken?«

»Als es die Stadt noch gar nicht gab und die Gegend mit Wald bedeckt war«, erzählte Stolzfuß, »da sollen mehrere Jäger Wildschweine gejagt haben. Sie folgten der Spur eines Tieres und drangen dabei tief in eine hügelige Gegend an der Ilmenau vor. Und was sahen sie dort? Eine große Wildsau schlief in der Sonne, und ihre Borsten waren weiß. Das Tier wurde erlegt, die Männer untersuchten es und stellten fest, dass Salz an den Borsten klebte. Als sie nun die Spuren der Sau rückwärts verfolgten, stießen sie schließlich auf einen Tümpel, in dem sie sich gesuhlt hatte. Das Wasser dieses Tümpels schmeckte salzig. Die Saline war entdeckt.«

»Verehrt man nicht einen Schinkenknochen der Salzsau?«, fragte Margarete.

»Ja, er wird im Rathaus aufbewahrt. Immerhin verdanken wir der Sau unseren Reichtum. Der Sau und vor allem natürlich dem Salz.«

Vor einer der Siedehütten angekommen, wies Reyner Stolzfuß auf eine Figur auf dem Dach über dem Eingang. Es handelte sich um einen Fuß, und man konnte sagen, dass er sich tatsächlich stolz in die Höhe reckte. Damit war die Hütte als Pachtgut des Sülfmeisters bezeichnet. Das sülzbegüterte Michaeliskloster kassierte die Pacht, Stadt und Landesherr kassierten Steuern und Zölle, aber für einen Sülfmeister blieb genug übrig, so dass er hervorragend von der Saline zu leben vermochte. Und auch die Sodkumpane und Fahrtknechte, die Sieder und die Hilfsarbeiter hatten ihr Auskommen, wenn auch nur ein bescheidenes. Fast ganz Lüneburg, so schien es zumindest den Gästen, hing vom Salz ab.

Hatte die Sülte schon aus der Entfernung wie die Hölle ausgesehen, so waren alle überzeugt, dass in der Siedehütte tatsächlich eine Höllenhitze herrschte. Unter jeder der vier Siedepfannen aus Blei brannte ein starkes Feuer, das von einem kleinen Knaben beschickt wurde, während eine Frau sich anschickte, die Hütte zu verlassen. Auch sie trug einen Holzeimer auf dem Kopf, dieser jedoch enthielt heiße Asche. Der Sülzer war damit beschäftigt, Sole in eine der Pfannen zu füllen, während in einer zweiten Pfanne das Wasser bereits so weit verdampft war, dass man die Salzkristalle sehen konnte. Wegen der barbarischen Temperaturen hatte der Sieder seinen Kittel abgelegt und war nur mit einem Lendenschurz bekleidet. Schweiß glänzte auf seinem Rücken, Schweiß lief ihm über das Gesicht. Auch die Frau und der Knabe schwitzten.

Als der Sieder seinen hohen Besuch bemerkte, verbeugte er sich knapp, ließ sich aber in seiner Arbeit nicht stören. Er wusste, dass der Sülfmeister genau das von ihm erwartete. Auf der Saline war die Zeit kostbar. Die Arbeit lief immer, rund um die Uhr und, mit einer Ausnahmegenehmigung der Kirche, auch am Sonntag.

Gegenüber von den Siedepfannen befand sich ein hoher Berg aus Salz. Reyner Stolzfuß bat seine Freunde und Anverwandten, das weiße Gold zu probieren. Da man dazu näher an die Siedepfannen treten musste, wurde die Hitze noch unerträglicher. Niemand musste den Finger befeuchten, mit dem er das Salz berührte; die Hände waren feucht vom Schweiß, eine kleine Salzprobe blieb an ihnen ohne weiteres kleben.

»Ich verstehe nicht, wie Ihr behaupten könnt, dass Salz sei süß«, meinte Sebastian Vrocklage, nachdem er sich den Finger abgeleckt hatte. »Ich finde, es schmeckt, wie Salz schmecken muss.«

»Man braucht Erfahrung, um es richtig beurteilen zu können«, erklärte der Sülfmeister. »Es schmeckt natürlich salzig … Nicht das Salz, verehrter Freund, die Sole war süß. Im Übrigen, die Salprobe ist nur ein Ritual, das von den Bürgermeistern erwartet wird. Auch wenn wir alle Schnupfen haben, findet sie statt. Unser Geschmackssinn wird nicht unbedingt gebraucht, denn man kann mit einer Solewaage den Salzgehalt genau bestimmen. Schon bevor wir uns zur Probe begeben, teilt uns der Sodmeister die Ergebnisse mit.«

»Dann ist das ja ein kleiner Betrug«, sagte Sebastian.

»Ein Gaukelspiel, gewiss. Aber Ihr kennt das Publikum: Es liebt solche Aufführungen. Ziehen die Bürgermeister zur Salprobe, ist die halbe Stadt auf den Beinen. Warum nicht ein bisschen schummeln, wenn dabei alle auf ihre Kosten kommen. Oder auch nicht: Wenn die Sole schlecht ist …«

Es war voraussehbar, dass Heinrich von Ritzerow nach dem Verlassen der Sülte zu einem Umtrunk in den Gasthof lud. Durstig waren alle geworden, doch so recht mochte niemand auf die Offerte eingehen. Gegen einen Umtrunk war nichts zu sagen, gegen eine Zecherei, die einen leidvollen Morgen zur Folge hatte, sprach etliches.

Bruder Anselm verabschiedete sich als Erster. Als Mönch war ihm vergönnt, immer einen Vorwand zu haben, um unangenehmen Begegnungen aus dem Weg zu gehen, schließlich musste ein Klosterbruder tägliche Stundengebete verrichten. Nicht der Ritter war ihm unangenehm, sondern nur dessen Trinklust. Gerade waren die Kopfschmerzen gewichen, und Anselm wollte nicht riskieren, dass er sich neue zuzog.

Auch Reyner Stolzfuß hatte ein Geschäft. Der Gesandte eines Revaler Kaufmanns wünschte ihn zu sprechen und ihm im Auftrag seines Herrn ein Angebot zu unterbreiten, von dem ein Schreiben aus Reval sinngemäß behauptete, nur ein Narr könne es abschlagen. Guten Angeboten war Stolzfuß immer aufgeschlossen, und so hatte er die Einladung des Gesandten zum Essen angenommen. Der Mann, der Albrecht Gregorius hieß, logierte in der feinen Herberge Bei der Ratsmühle, er musste also wirklich Geld im Rücken haben.

Da Maria, Piet und Geseke Peters sich nicht mehr vor der Saline aufgehalten hatten, waren die Frauen in Sorge und wünschten, so schnell wie möglich nach Hause zurückzukehren. Tidemann Stolzfuß erbot sich, sie zu begleiten, schließlich schickte es sich für eine bürgerliche Frau nicht, unbegleitet durch die Stadt zu gehen, nur manchmal auf den Markt, aber da war dann immerhin eine Magd dabei. So blieben denn am Ende nur Martin Grüneberg und Sebastian Vrocklage als mögliche Zechkumpane des Ritters übrig. Da sie Heinrich so betrübt sahen, willigten sie aus Mitleid ein, ihm für ein paar Stunden Gesellschaft zu leisten; außerdem waren sie froh, dass ihnen das Trauerhaus noch einige Zeit erspart bleiben würde.

Wein nahm nur der Ritter, Martin und Sebastian hielten sich ans Dünnbier. Alle drei hingen Erinnerungen an Ereignisse nach, die sie vor zwei Jahren schon einmal zusammengeführt hatten: Balthazar Vrocklage, Sebastians Vater, war ermordet worden, der Ritter und der Weddeherr hatten einen großen Anteil an der Aufklärung des Verbrechens gehabt, wobei Grüneberg von seinem Verstand, der Ritzerow mehr von seiner Intuition geleitet worden war. Sie schien nicht einmal bei größter Trunkenheit zu versagen.

Für die Untersuchung eines Mordes innerhalb der Mauern der Stadt war der Lüneburger Rat zuständig und hier vor allem die Richteherren und der Gerichtsvogt. Jedermann durfte davon ausgehen, dass sie ihr Handwerk verstanden, und wenn sie einmal gar nicht vorankamen, konnten sie immer noch den Scharfrichter rufen. Um jemanden zu foltern, brauchte man allerdings nicht nur einen Verdächtigen, man musste seiner auch habhaft sein. Längst hatte Martin Grüneberg beschlossen, sich in die Untersuchung auf seine Weise einzumischen. Über Umwege war Lüdeke Peters immerhin seit Magaretes so blutig beendeter Hochzeit mit ihm verwandt.

Grüneberg zog den Ritter und Vrocklage ins Vertrauen. Er berichtete ihnen von der Entdeckung des Spittlers im Josephus Flavius, den Heinrich von Ritzerow zu seinem Erstaunen sogar kannte.

»Bücher über Kriege gehören zu den Leidenschaften aller Ritzerows«, meinte der Ritter und nahm einen tiefen Schluck aus seinem Becher. Dem Weddeherrn, der schon gegen das Dünnbier nicht ankam, drehte sich der Magen um. »Meinen Vorfahren ist es nie gelungen, an den Kreuzzügen teilzunehmen, denn sie sind spätestens in den französischen Schenken oder am Hals französischer Weiber versumpft. Das hatte natürlich auch eine positive Seite: Während andere Edelleute reihenweise verblutet sind, haben meine Vorfahren überlebt. Sie sind auf dem Gut der Ritzerows steinalt geworden und haben sich von den Verwaltern abends Kriegsbücher vorlesen lassen. Ich kann mich natürlich nur noch an meinen Großvater Heinrich den vierten und meinen Vater Heinrich den fünften Ritzerow erinnern. Den Judäischen Krieg haben sie gehasst. Es fehlte ihnen die Ritterlichkeit. Zu viel Verrat, zu viele andauernd wechselnde Bündnisse. Ein Ritter hat ein treuer Vasall zu sein, wie man an meinen Vorfahren sieht. Sie haben ihren Lehnsherren Treue geschworen, sind dann aber doch abgesprungen. Wären sie nicht feige gewesen, ich lebte vielleicht nicht.«

»Mir scheint der Einfall des Spittlers weit hergeholt«, unterbrach Sebastian die Familienbeichte des Ritters. »Die jungen Männer, die sich scheinbar um unseren … um Lüdeke gekümmert haben, trugen Kittel. Ich hielt sie für Bauern. Auch Bauern, die des Lesens kundig sind, interessieren sich nicht für alte Kriege. Im Gegensatz zu Rittern«, fügte er rasch hinzu.

»Es wird ein Auftraggeber hinter ihnen stecken«, mutmaßte Ritzerow.

»Das denke ich auch«, stimmte Grüneberg zu.

»Wir müssen also den Knaben suchen und diese beiden Männer«, sagte Heinrich.

»Das ist vermutlich einfacher gesagt als getan«, fürchtete Sebastian Vrocklage.

»Der Junge hatte Bierfässer geladen?« wollte der Ritter wissen.

»Ja.«

»Dann muss er sie einem Brauer gestohlen haben und das Gespann womöglich noch dazu.«

»Oder er ist Lehrbursche bei einem Brauer«, gab Grüneberg zu bedenken. »Der vielleicht seine Finger in der Verschwörung hat.«

»Warum sollte ein Brauer einen Salzherrn töten lassen?«, fragte Sebastian skeptisch.

»Das weiß ich nicht. Außerdem müssen wir mit dem Brauer noch nicht den Auftraggeber haben.«

»Ich finde sie!«, rief der Ritter und sprang plötzlich auf. Die zwei an einem Nebentisch sitzenden Männer, die dem Gespräch gelauscht hatten, wandten ihm nun ihre volle Aufmerksamkeit zu. Was Ritter, Weddeherr und Kaufmann nicht wussten: Sie gehörten zum Gefolge des Herrn von Baerck. Dieser hatte vom Herzog den Befehl erhalten, die Ermittlungen in der Stadt zu beobachten und sich unauffällig an ihnen zu beteiligen. Grund für das herzogliche Engagement war ein Schreiben aus Lübeck; der dortige Rat hatte angefragt, ob sich Lübecker Bürger in Lüneburg noch sicher fühlen könnten. Mit der Reichsstadt verdarb es sich nicht einmal ein Herzog gern, zumal ihm sein Nachbar, Erich V. von Sachsen-Lauenburg, vorführte, wie einträglich es war, mit Lübeck Geschäfte zu machen.

»Was habt Ihr vor?«, fragte Grüneberg, der Schlimmes ahnte.

»Ich werde allen Lüneburger Brauern auf den Zahn fühlen.«

»Dabei werden einigen sicher alle Zähne ausgehen«, meinte Martin.

»Wenn es notwendig ist.« Der Ritter ließ sich nicht mehr bremsen. Bevor Grüneberg und Vrocklage irgendetwas unternehmen konnten, hatte Heinrich den Gastraum verlassen und war aus der Herberge gestürmt. Zurück ließ er eine Zeche von drei Pfennigen, die Grüneberg entrichtete. Auch die Männer vom Nebentisch bezahlten.

4. KAPITEL

Eine Keilerei

Nachdem Heinrich von Ritzerow blindwütig die Heiliggeiststraße bis zum Sande hinabgelaufen war, beruhigte er sich etwas, und sein Verstand begann wieder zu arbeiten. Wie alle männlichen Mitglieder seiner Familie litt auch er unter der Krankheit der Ritzerow: einem unbändigen Drang nach Gerechtigkeit. Neben der Trunksucht und seinem übermäßigen Interesse an Frauen war dies die Eigenschaft, die ihm am meisten schadete. Gerechtigkeit herzustellen, wie der Ritter sie verstand, kostete immer Geld und manchmal auch einen Knochenbruch.

Vorübergehend zur Besinnung gekommen, setzte sich Heinrich auf eine Bank mit zwei sorgfältig gemeißelten Beischlagwangen, deren eine den heiligen Georg, deren andere den heiligen Martin abbildete. Für diese Werke hatte der Ritter keinen Sinn. Er fragte sich, wie es ihm gelingen sollte, alle Lüneburger Brauer ausfindig zu machen und, da der Knabe ja die Stadt durchs Altenbrücker Tor verlassen hatte, auch die der weiteren Umgebung, denn in der Nähe der Stadt war es jedem verboten, ein Gewerbe auszuüben. Heinrich beschloss, dem Ältermann der Braumeister seine Aufwartung zu machen, in dessen Amtsrolle sicher die Namen aller Brauberechtigten eingetragen waren.

Willekin Bodeker war seit zwei Dutzend Jahren Vorsteher des Braueramtes und ein gemütlicher Mann. Nach dem Besuch, den ihm ein wild gewordener Edelmann abgestattet hatte, war Bodeker so erschöpft, dass er seiner täglichen Gewohnheit nicht nachkam: Immer, wenn die Kirchenglocken die zweite Nachmittagsstunde verkündeten, pflegte er das Bier zu prüfen, das er braute. An diesem Tag tat er es nicht. Er legte sich zu so ungewöhnlicher Stunde zu Bett, dass seine Frau schon fragte, ob sie nach dem Medicus schicken solle. Bodeker lehnte ab. Er brauchte keinen Arzt, er brauchte Ruhe.

Ritter von Ritzerow hingegen fühlte sich beschwingt. Der Ältermann hatte ihm die Namen der Brauer in eine Wachstafel ritzen und dann etwa dreißigmal vorlesen müssen, bis sich Heinrich auch alle Namen der Häuser eingeprägt hatte, auf denen die Braugerechtigkeit lag. Zur Not trug er die Wachstafel bei sich und war bereit, jeden beliebigen Mann auf der Straße anzuhalten, der ihm gebildet auszusehen schien.

Das erste Haus, das Heinrich aufsuchte, hieß Goldene Kugel. Eine solche Kugel zierte den Dachfirst, und vor dem Haus roch es betörend nach Gerstenmalz und Hopfen. Mit seinen kräftigen Händen schlug der Ritter an das Tor. Ein Mann, der eine Lederschürze vorgebunden hatte, öffnete ihm. Bevor er ein Wort sagen konnte, war Heinrich von Ritzerow in die Diele geschlüpft.

Der auf diese Weise überrumpelte Mann war keineswegs der Inhaber des Hauses, sondern der angestellte Braumeister. Dieser rief nach seinen Gesellen und Lehrjungen, die sofort angelaufen kamen. Schließlich erschien auch der Besitzer der Gebäude, der Sülfmeister Jacob Dume. Der Ritter hatte den Dolch gezückt, hielt ihn dem Braumeister unter die Nase und verlangte Auskunft, ob man ihm vielleicht ein Fuhrwerk mit leeren Fässern gestohlen habe. Der Sülfmeister war erstarrt und schaute sprachlos zu, auch die Gesellen und Lehrlinge wussten nicht, was sie tun sollten; jedes Eingreifen hätte Lebensgefahr für den Meister bedeuten können. Der versicherte, kein Fuhrwerk verloren zu haben. Natürlich verstand jeder, worauf der Ritter anspielte. Um ihn loszuwerden, verwies der Braumeister schließlich auf Johannes Vormaker, einen Brauer, dem man alles zutraue. Dorthin solle sich der Ritter wenden und er werde gut bedient.

Dem Ritzerow schien dies ein guter Rat. Dass ein Mann von schlechtem Ruf leicht in ein Verbrechen zu verstricken war, verstand sich von selbst. Heinrich steckte den Dolch wieder ein und verließ das Haus.

Draußen wurde er erwartet. Der Herr von Baerck und seine Männer hatten einen kleinen Kreis gebildet, aus dem es kein Entrinnen gab.

Nach dem Abendessen, bei dem alle sehr schweigsam gewesen waren und immer wieder verstohlene Blicke auf die totenblasse Maria Peters geworfen hatten, waren Martin Grüneberg und Sebastian Vrocklage noch einmal aus dem Haus gegangen. Ihr Ziel war der Gerupfte Schwan, jenes Quartier, in dem die »Sikarier« eine Nacht verbracht hatten.

Da sie sich in das Nachtjackenviertel begeben mussten, trugen sie Waffen. Es dämmerte bereits, also hatten sie auch Fackeln dabei. So ausgerüstet, nahmen sie den Weg zur nördlichen Stadtmauer unter die Sohlen.

Je weiter sie vorankamen, desto enger und kotiger wurden die Straßen. Üble Gerüche stiegen ihnen in die Nase, Gebäude mit hohen Giebeln gab es längst nicht mehr. Stattdessen hatten die Häuser der Gasse ihre Traufseite zugewandt. Sie waren viel niedriger als die der Wohlhabenden, hatten manchmal nur ein Geschoss. Hier lebten die einfachen Salinenarbeiter, aber auch die Stadtarmen, denen um ihr Seelenheil besorgte Patrizier unentgeltlich eine Bude zur Verfügung stellten.

Bürger ließen sich nur selten oder überhaupt nicht sehen, die Stadtwächter patrouillierten niemals allein.

Die Fensterläden des Gerupften Schwans waren geschlossen, aber durch breite Ritzen in dem schlechten Holz drang noch ein Lichtschein. Außerdem konnte man hören, dass es im Inneren hoch herging. Eine Frau sang mit krächzender Stimme das Lied vom Störtebeker, Männer grölten und klatschten, und ein rhythmisches Stampfen verriet, dass sie tanzten. Sowohl Martin Grüneberg als auch Sebastian Vrocklage fühlten sich unbehaglich, andererseits wollten sie noch möglichst viel in Erfahrung bringen. Lange nämlich würden sie in Lüneburg nicht mehr bleiben können. Ihre Geschäfte riefen sie nach Rostock. Ein Schiff, an dem ihre Mascopei Anteile besaß und das nach Bergen auslaufen sollte, musste befrachtet werden, außerdem rechneten sie mit dem baldigen Einlaufen eines Konvois von der Baie, wenn die Koggen und Holke diesmal durchkamen: Der seit 1419 anhaltende Kaperkrieg zwischen Aragonien und der Hanse hatte schon öfter dazu geführt, dass einzelne Schiffe oder gar ganze Salzflotten verloren gingen.

Martin Grüneberg ermannte sich und stieß die Tür zu der Kaschemme auf. Es gab keine Diele, sofort betrat man den Schankraum. Alle Blicke richteten sich auf die bürgerlich gekleideten Männer, der Gesang verstummte, die Männer und Frauen verhielten im Tanz. Bürger, das wurde sofort klar, waren nicht willkommen. Keiner der Anwesenden, davon war Martin Grüneburg überzeugt, war in der Lage, das Bürgerrecht zu erwerben und den Bürgereid abzulegen. Man hatte es mit Beisassen zu tun, mit rechtlosen Einwohnern.

»Wo ist der Wirt?«, fragte Grüneberg laut. Aus der Menge der Gäste löste sich ein kleiner, stiernackiger Mann, dem man zutraute, einen Bären zu Boden zu ringen.

»Das bin ich, Herr! Was kann ich für Euch tun?«

»Gib den Musikern den Befehl, wieder aufzuspielen«, verlangte Grüneberg. »Man soll uns gar nicht weiter beachten. Und dann zeige uns das Zimmer, in dem jüngst zwei Männer nächtigten.«

»Nach denen der Gerichtsvogt und seine Büttel sich schon erkundigt haben, Herr?« Der Wirt gab den Musikanten einen Wink. Nachdem die Musik wieder eingesetzt hatte, wurde auch erneut gesungen und getanzt. Allerdings wurden auch immer noch feindselige oder begehrliche Blicke auf die beiden seltsamen Gäste gerichtet, und mancher Spitzbube überlegte vermutlich, ob sich ein Überfall auf sie lohnen würde. Wahrscheinlich ja, allerdings riskierte man damit das Rad.

Der Wirt hatte nichts dagegen, dass Grüneberg und Vrocklage das Zimmer einer Inspektion unterzogen. Er stellte ihnen sogar ein Talglicht zur Verfügung und wartete in der Tür auf Anweisungen. Die beiden Männer, die so unverhofft hereingeschneit waren, mussten etwas mit der Obrigkeit zu tun haben, und mit der Obrigkeit, die Schanklizenzen vergab, verdarb es sich nur ein Dummkopf.

Obgleich kein Insekt sich blicken ließ, wusste Martin Grüneberg sofort, dass der kleine und stickige Raum von oben bis unten verlaust und verwanzt war. Vier Betten hatten Platz gefunden. Sie waren mit einfachen Strohsäcken ausgestattet, die sowohl als Kissen für den Kopf als auch als Bettdecke dienten. Bezüge, die man wechseln konnte, existierten nicht.

»Ist dir an den Männern etwas aufgefallen?«, erkundigte sich Vrocklage.

»Sie waren stumm«, sagte der Wirt und verbeugte sich.

»Stumm? Wie konnten sie dann ein Zimmer mieten?«

»Sie haben mit den Fingern gezeigt«, erklärte der Wirt. »Zuerst auf ihre Brust. Da wusste ich: Sie wollen ein Nachtlager. Dann hielten sie einen Finger in die Höhe. Daraus entnahm ich: für eine Nacht. Ich wiederum zeigte ihnen, was es kosten würde. Wir nehmen für jede Übernachtung einen Scherf.«

»Zwei zungenlose Mörder?« Martin Grüneberg schüttelte den Kopf. »Daran glaube ich nicht.«

»Es waren Ausländer, Herr! Einmal, als sie sich unbelauscht glaubten, haben sie ein paar Worte gewechselt.«

»Ausländer, Wirt?«

»Ganz sicher, Herr! Ich denke, es waren Dänen.«

Nicht dass er Prügel bezogen hatte, schmerzte den Ritzerow, sondern die Verletzung seiner Ehre. Der Herr von Baerck war immerhin ein gleichrangiger Partner, der sich vorgestellt hatte, bevor er zuschlug. Seine Begleiter hätten Heinrich nie anrühren dürfen. Diese Schmach gehörte mit Blut abgewaschen.

Das Dienstmädchen vom Gasthaus Zu den vier trunkenen Sonnen behandelte Heinrichs Stirn mit essigsaurer Tonerde, was ihm unendlich wohl tat. Er war so weit wiederhergestellt, dass er ihr an die Brust griff, was anfangs mit einem Kichern, dann aber mit Zurückweisung beantwortet wurde. Der Ritter handelte nur aus Gewohnheit, eigentlich war er an dem Mädchen nicht interessiert. Ihn beschäftigte nur ein Gedanke: wie er sich an Baerck und seinem Gefolge rächen konnte.

Wut und Hass kochten in ihm, denn er war ein Ritzerow. Ein Ritzerow ließ sich nicht von jedermann anfassen. Ritzerows waren nie in den Krieg gezogen, aber Fehden und Händeln waren sie nicht ausgewichen. Bis Lüneburg hatte sich das offenbar nicht herumgesprochen. Heinrich würde den Baerck Mores lehren.

»Verschwinde!«, zischte er die Magd an. Die war sich keiner Schuld bewusst, aber übellaunigen Herren gehorchte man besser, also trollte sie sich. »Dummes Weib!« Der Ritter erhob sich von seinem Lager. »Auch ein herzoglicher Beamter hat keine Knochen aus Gold im Leib«, redete er sich gut zu. »Es wäre doch gelacht … Ja, das wäre es wohl!«

Bei den Wirtsleuten erkundigte sich Heinrich nach der Lüneburger Herberge mit dem schlechtesten Ruf. Das Ehepaar, das glücklich über einen Gast von Adel war, gab sich entsetzt. Ob der Herr die Unterkunft wechseln wolle, erkundigten sie sich verwirrt, doch Ritzerow konnte sie beruhigen. Er brauche nur ein paar Männer für eine heikle Aufgabe, erklärte er. Daraufhin nannte ihm der Wirt den Gerupften Schwan. Heinrich ließ sich den Weg beschreiben, der durch das ganze vermaledeite Lüneburg zu führen schien, dann ging er los. Auch der Wirt verließ das Haus. Bei dem Bürgermeister Stolzfuß zeigte er an, dass ein Ritter von Ritzerow aus Mecklenburg im Gerupften Schwan offenbar Mörder dingen wolle.

Noch ein weiterer Lüneburger Wirt hatte sich an diesem Abend viel zu wundern. Kaum hatten die beiden Bürger sein Haus verlassen, kreuzte ein Edelmann auf. Der Unterschied war nur: Der Inhaber des Gerupften Schwans würde nie jemanden anzeigen. Wenn sich das bei seinen zwielichtigen Kunden herumsprach, war er verloren.

Auch dem Ritter begegnete man erst einmal mit Misstrauen, doch da Heinrich viel mit Bauern zu tun hatte, beherrschte er die Sprache der einfachen Leute. Und was noch viel wichtiger war: Er konnte saufen. In der Schänke hatte er bald eine Gruppe von Anhängern um sich geschart, die das Hauen und Stechen liebten. Der Gerupfte Schwan machte seinem Ruf alle Ehre, und der Ritter war sicher, dass der Herr von Baerck und seine Männer noch in der kommenden Nacht gerupft werden würden.

Der herzogliche Beamte weilte immer, wenn er von Celle nach Lüneburg kam, in dem Stadthaus an der Großen Bäckerstraße, das schon sein Urgroßvater errichtet hatte, der ebenfalls ein Ministerialer des Herzogs gewesen war; seinerzeit hatte der Landesherr allerdings noch auf dem Kalkberg residiert, bevor ihn die Lüneburger 1371 aus der Burg warfen. Der Herr von Baerck genoss nicht das Bürgerrecht, war aber ein stets willkommener und höchst achtbarer Edelmann, dessen Vater als geschickter Diplomat gegolten hatte: Im Lüneburger Erbfolgekrieg hatten sich die Herzöge so hoch verschuldet, dass sie 1397 quasi kein Geld mehr hatten und ihre Stadt Harburg an Lüneburg, Hamburg, Lübeck und Hannover verpfänden mussten. Der Vater des Herrn von Baerck hatte den Pfandvertrag mit ausgehandelt, und weil es immer wieder Kräche und Fehden mit den Unterpfandnehmern gegeben hatte, hatte er dafür gesorgt, dass seit dem Jahre 1417 nur noch Lüneburger Ratsherren die Herrschaft auf der Harburg ausübten, was die kriegerischen Auseinandersetzungen ein für alle Mal beendete. Seitdem war der Lüneburger Rat allen von Baercks wohlgesinnt.

Der derzeitige Herr von Baerck war obendrein ein Schöngeist. Er drechselte Gesänge, die er seiner Familie allabendlich vortrug. Nach seiner Konfrontation mit dem Ritzerow hatte er ein Lied verfasst, das sich mit dem Schmuddelritter aus dem wilden Mecklenburg befasste. Kaum hatte er seine Frau und seine Kinder in der Stube versammelt, um ihnen das Werk zu Gehör zu bringen, als ihn eine ganz andere Musik aus dem Konzept brachte: Irgendwelche Raubeine hatten nämlich damit begonnen, die teuren Glasfenster einzuwerfen.

Der Herr von Baerck brauchte nicht viel Fantasie, um zu ahnen, wer hinter dem Anschlag steckte. Seine Gehilfen, die in einem Seitenflügel sowie in ein paar Buden auf dem Hof ihre Nächte verbrachten, waren sofort auf den Beinen. Jeder war bewaffnet, selbst die Dienstboten: Sie hatten Knüppel, Forken und sogar eine Armbrust bei sich, über die sich Herr von Baerck sehr verwunderte.

Das Tor öffnete er selbst, unterstützt von seinem Kammerdiener. Die Flügel standen noch in einem spitzen Winkel, da stürmten bereits die Ganoven und ihr Ganovenfürst, der Herr von Ritzerow, in die Diele. Herr von Baerck griff nach seinem Schwert, das ihn als Mann von Adel kennzeichnete. Heinrich besaß auch eins, und sofort begannen die beiden zu fechten. Klinge kreuzte Klinge, Funken sprühten. Die Anhänger beider Parteien übten sich währenddessen im Kampf mit den übrigen Instrumenten. Fäuste flogen, Knüppel trafen auf Oberarme, Brüste und, im schlimmsten Fall, auf Unterkiefer, einem der Dienstleute gelang es, die Armbrust zu spannen, aber der Pfeil rauschte durch das Tor in die Nacht. Die Frau des Hauses schrie, die Kinder jammerten. Obwohl schon angetrunken, focht Heinrich von Ritzerow mit Bravour. Er verwirrte den Herrn von Baerck durch Finten so sehr, dass es ihm in einem Überraschungsangriff gelang, dem herzoglichen Beamten eine Ohrfeige wie ein Peitschenhieb zu erteilen.

Für einen Augenblick erstarrten alle Kämpfenden und schauten ungläubig auf den Herrn von Baerck. Die Schmach, die der Ritzerow ihm angetan hatte, war unvorstellbar. Das Gesicht des Herrn von Baerck lief tiefrot an. Dann hob er sein Schwert mit beiden Händen, entschlossen, dem Mecklenburger Hinterwäldler den Schädel zu spalten. Dazu kam er nicht.

Das Schwert schwebte noch bedrohlich in der Luft, als die vier Lüneburger Bürgermeister, die Richteherren, der Gerichtsvogt, der Stadthauptmann und fünf Stadtsoldaten erschienen und dem Treiben energisch ein Ende bereiteten. Sie entwaffneten die Herren von Ritzerow und von Baerck, aber nur den Ritter nahmen sie in Haft. Auf Betreiben von Reyner Stolzfuß wurde er sogar in Ketten gelegt. Doch kaum waren Hogeherte, Gronehagen und Schelleper sowie die Richteherren und der Gerichtsvogt verschwunden, brachte einer der Soldaten dem Ritter eine große Kruke voll mit Wein. Der Wein duftete verführerisch; es schien ein edler Franzose zu sein. Heinrich von Ritzerow leckte sich die Lippen. Mit seinen Fesseln hatte er jedoch keine Chance, die Kruke zu erreichen, Tantalosqualen für einen Mann wie ihn.

Nachdem der Ritter den Weinkrug eine Viertelstunde mit wachsender Verzweiflung angestarrt hatte, erschien Bürgermeister Stolzfuß. Ein Stadtsoldat stellte dem Ratsherrn einen Stuhl bereit, auf ihm nahm Stolzfuß Platz. Ein paar Minuten betrachtete er den Ritter, der gespannt auf das war, was irgendwann einmal folgen musste: eine Ansprache, heftige Vorwürfe oder das Lösen der Ketten, denn der Wein durfte schließlich nicht verderben.

»Ihr seid ein Mann, der sich nicht beherrschen kann, Herr Ritter«, sagte Stolzfuß; es waren also die Vorwürfe an der Reihe. »Das ist ebenso unmännlich wie unritterlich, finde ich. Wenn Ihr mit dem Herrn von Baerck einen Strauß auszufechten habt, dann außerhalb der Stadt. Veranstaltet ein Turnier, das könnt ihr Ritter doch.«

»Nun ja«, druckste der Ritzerow. Er hatte noch nie an einem Turnier teilgenommen, weil er ja eigentlich Landwirt und dann erst Ritter war, was er natürlich immer anders darstellte.

»Ich weiß von Martin Grüneberg, dass Ihr es wohl gut gemeint habt«, sagte Stolzfuß. »Ihr sollt ein Gerechtigkeitsapostel sein. Dagegen ist im Prinzip nichts einzuwenden, nur: Für die Gerechtigkeit in Lüneburg sorgt bei Mordfällen das Lüneburger Halsgericht. Die Richteherren haben sich schon über Euch, aber auch über den Herrn von Baerck beschwert. Traut Ihr ihnen nicht zu, für Recht und Ordnung zu sorgen?«

»Doch, doch«, murmelte der Ritter und starrte den Weinkrug an.

»Da Ihr nicht der städtischen Gerichtsbarkeit untersteht, Herr Ritter, werdet Ihr eine Nacht in diesem Verlies verbringen und dann die Stadt verlassen. Ihr seid verbannt und dürft in den nächsten zwanzig Jahren nicht zurückkehren. Das ist eine Gnade, wie Ihr wißt, denn für Eure Vergehen könnten wir Euch der herzoglichen oder gar der kaiserlichen Gerechtigkeit ausliefern.«

»Es war ein Kampf zwischen Herren, Bürgermeister«, protestierte Heinrich.

»Es war schlicht und einfach Schwachsinn«, entgegnete Stolzfuß. »Wenn Ihr wirklich helfen wollt, dann sucht die Verbrecher außerhalb der Stadt. Sie kommen nicht aus Lüneburg, da bin ich sicher. Stadthauptmann!«

»Ja, Herr?«, rief jemand, der sich hinter der massiven Holztür befand und dessen Stimme daher etwas dumpf klang. Reyner Stolzfuß erhob sich.

»Löst dem Ritter die Ketten und gebt ihm auch etwas zu essen«, befahl der Bürgermeister. »Wein hat er ja schon.«

»Danke«, sagte Heinrich, dem es zeit seines bewussten Lebens immer schwergefallen war, sich zu bedanken.

»Wir Bürgerlichen können auch sehr ritterlich sein«, sagte Stolzfuß und verließ den Turm.

Der Mann, der sich Albrecht Gregorius nannte, war zurückgewiesen worden, und das konnte er nicht leiden. Menschen, die ihn ablehnten, pflegte er mit dem Tod zu bestrafen. Im Falle von Reyner Stolzfuß war das nicht möglich. Der Lüneburger Sülfmeister wurde noch gebraucht. Gregorius hätte ihn gern verbluten sehen, so wie Lüdeke Peters, den dummen Hund.

In seinem Quartier Bei der Ratsmühle ging Gregorius auf und ab und überlegte seine nächsten Schritte. Er war enttäuscht von Stolzfuß. Den Sülfmeister hatte er für einen kaltschnäuzigen Geschäftsmann gehalten, aber dann hatte sich herausgestellt, dass er vom Tod seines Schwagers so beeindruckt war, man konnte mit ihm nicht vernünftig verhandeln.

Der Mann, der sich Albrecht Gregorius nannte, hatte sehr viel Geld investiert in ein Essen, mit dem er Stolzfuß zu beeindrucken versuchte. Dieses Geld gehörte nicht ihm. Er würde Rechenschaft über die Ausgaben ablegen müssen, und wenn sie nicht zum Erfolg führten, würde Ahlemann ihn ausliefern. Diese Drohung schwebte über dem Mann, der seit seiner Flucht aus Rostock Albrecht Gregorius hieß, in Wahrheit aber Peter Gröschlin war.

Peter Gröschlin kannte nur ein Gefühl: Hass. Er handelte nie um Geld; alles, was er tat, diente ihm dazu, seinen Hass zu befriedigen.

Der Hass war früh entstanden, in seiner Kindheit. Gröschlin stammte aus ärmlichen Verhältnissen, war aber ein begabtes Kind gewesen, das sich an Hand der Texte auf Bildern und Spruchbändern in der Kirche die Anfangsgründe des Lesens selbst beigebracht hatte. Ein Gutsverwalter, der Knaben liebte, hatte den talentierten Bauernsohn gefördert; dafür hatte ihm Gröschlin zu Willen sein müssen. Seitdem lebte er nur noch seinen Hass, seinen Wunsch zu zerstören. Auch seinen Revaler Auftraggeber Ahlemann hasste er.

Aber diesem Hass zum Trotz erfüllte er seine Aufträge immer. Das war eine Frage der Ehre. Niemand dachte im Ernst daran, dass ein Mann wie Gregorius Ehre hatte. Er war eine nichtige Person, ein ungültiger Mensch. Er selbst aber wusste, wer er war und was er konnte. Er ließ töten, und am Ende würde auch sein Auftraggeber dran glauben müssen.

Dass er jedermanns Feind war, auch all jener, die ihn für ihr williges Subjekt hielten, gefiel ihm am besten. Das war seine Form der Ehre: Alle mussten ans Messer, nur er nicht, weil er sich aus allem herauswand wie eine Schlange. Er war ein hervorragender Handwerker. Die meisten anderen waren voller Dünkel und daher todeswürdig.

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