Kitabı oku: «Suche nichts - finde alles!»
Reihe Quantum Entrainment®
Bücher:
• Frank Kinslow: Quantenheilung
• Frank Kinslow: Quantenheilung erleben
• Frank Kinslow: Suche nichts – finde alles!
• Frank Kinslow: Quantenheilung-Taschenkalender 2012
• Frank Kinslow: Eu-Gefühl!
• Frank Kinslow: Martina und das Ungeheuer (erscheint im Februar 2012)
Audio-CDs:
• Frank Kinslow: Quantenheilung – Das Hörbuch
• Frank Kinslow: Quantenheilung – Meditationen und Übungen
• Frank Kinslow: Quantenheilung im Alltag 1:
Übungen für Gesundheit, Freizeit und Beruf
• Frank Kinslow: Quantenheilung im Alltag 2:
Übungen für Partnerschaft, Familie und Kommunikation
DVD:
• Frank Kinslow: Quantenheilung live
Frank Kinslow
Suche nichts –
finde alles!
Wie Ihre tiefste Sehnsucht
sich erfüllt

VAK Verlags GmbH Kirchzarten bei Freiburg
Titel der amerikanischen Originalausgabe:
Inhalt
Einführung
1. Wer bin ich?
Erfahrung 1 – Die Gedanken anhalten
2. Mit neuen Augen sehen
3. Wie der Verstand funktioniert
4. Was es mit der Zeit auf sich hat
5. Selbst-Gewahrsein
Erfahrung 2 – Grenzenlosen Raum wahrnehmen
6. Sorgen um die Zukunft?
Erfahrung 3 – Angst und Sorgen auflösen
7. Ihre Probleme sind nicht das Problem
8. Das Streben nach Glück überwinden
9. Die Erinnerung ist nicht intelligent
10. Wie Sie Ihren Verstand „reparieren“
11. Wie Sie psychischen Kummer und Schmerz zum Verschwinden bringen
Erfahrung 4 – Die Tor-Technik
Erfahrung 5 – Negative Emotionen auflösen
12. Wie Sie körperlichen Schmerz zum Verschwinden bringen
Erfahrung 6 – Ihren feinstofflichen Körper wahrnehmen
Erfahrung 7 – Körperlichen Schmerz auflösen
13. Die „perfekte“ Beziehung
14. Wie Sie zum Nicht-Wissen gelangen
Erfahrung 8 – Das Nicht-Wissen erlangen
15. Wenn Sie erwachen
Begriffserklärungen
Literaturverzeichnis
Über den Autor
Vorbemerkungen des Verlags
Suche nichts – finde alles! ist das erste Buch von Frank Kinslow; es erschien in den USA erstmals im Jahre 2005, unter dem Titel Beyond Happiness. Ziel dieses Grundlagenwerks von Frank Kinslow ist es, Ihnen tieferen Einblick in die Philosophie von Quantum Entrainment® zu ermöglichen. Die hier beschriebenen Vorgehensweisen hat Frank Kinslow in der Zwischenzeit verfeinert und differenziert weiterentwickelt, sodass sie leicht erlernbar und im Alltag anwendbar werden. Diese praxisbezogenen Anwendungen finden Sie in den ebenfalls bei VAK erschienenen Büchern Quantenheilung und Quantenheilung erleben.
Jedes seiner Bücher ist eigenständig und kann ohne Kenntnis der anderen gelesen und verstanden werden. Sie haben unterschiedliche Schwerpunkte, kreisen aber alle um die gleiche Thematik. Leserinnen und Lesern der anderen Bücher wird im vorliegenden Buch daher neben vielem Neuen einiges bereits Bekannte begegnen, weil die grundsätzlichen Ideen und Aussagen des Autors zu Quantum Entrainment® in jedem seiner Bücher zum Ausdruck kommen sollen.
Das vorliegende Buch ist eine aktualisierte Fassung der im Jahre 2005 erschienenen ersten Ausgabe von Beyond Happiness. Es dient der Information über die von Frank Kinslow vertretene Lebenseinstellung, die auch einen Ansatz der Bewusstseinserweiterung oder der Persönlichkeitsentwicklung in neuer Dimension darstellt. Wer sie für sich anwendet, tut dies in eigener Verantwortung. Autor und Verlag beabsichtigen nicht, Diagnosen zu stellen oder Therapieempfehlungen zu geben. Die hier vorgestellten Selbsterfahrungsübungen sind nicht als Ersatz für professionelle Behandlung bei ernsthaften Beschwerden zu verstehen.
Die Übersetzung der Zitate stammt – soweit nicht anders vermerkt – von Isolde Seidel. Der Begriff Quantum Entrainment® ist als Wortmarke international registriert.
Norbert Gehlen, Lektorat VAK, August 2010
Für Martina,
den Inbegriff von Unbefangenheit,
Mitgefühl und Liebe
Einführung
Es gibt ein Problem, das derzeit diese Welt zerstört und bisher vor Ihnen geheim gehalten wurde. Unsere Eltern und Lehrer haben dieses Geheimnis unabsichtlich gewahrt und damit verbreitet – aus Unwissenheit, nicht aus Bosheit. Durch eine Art „Magie“ und Irreführung hält es sich schon seit Generationen. Falls dieses Problem weiterhin einfach hingenommen wird, ist es gut möglich, dass die Menschheit innerhalb weniger Generationen von der Erde verschwindet.
Selbst die größten Egozentriker unter uns können den Wahnsinn wahrnehmen, der sich wie ein unterschwelliges Pulsieren durch unser Alltagsleben zieht. Wir brauchen nicht einmal bis zu den Regenwäldern oder den Ozeanen zu schauen – schädliche Umwelteinflüsse wirken schon in unserer Küche und in unserem Badezimmer. Die Umwelt ist eine ernste Angelegenheit, doch sie ist nicht das Problem. Rund um den Erdball misstrauen Nationen sich gegenseitig, viele stehen einander offen feindselig gegenüber. Innerhalb dieser Länder sind die Bürger ruhelos und unzufrieden. Doch Spannungen zwischen den Nationen und innerhalb derselben sind nicht das Problem. Die Gesellschaftsstrukturen sind unnatürlich und unpersönlich geworden. Obwohl wir uns verzweifelt bemühen, die Familienbande zu stärken, lösen sich diese weiter auf. Die Belastung durch diese krisengeschüttelte und Not leidende Welt trifft uns als Einzelne und beschert uns immer mehr und immer neue körperliche und psychische Erkrankungen. Und doch haben wir als Spezies das Grundproblem, die Ursache unseres Unbehagens, noch nicht aufgedeckt. Das ist die schlechte Nachricht.
Die gute Nachricht lautet: Eine kleine Anzahl von Menschen ohne bestimmten kulturellen, bildungsmäßigen und ökonomischen Hintergrund und ohne außergewöhnlichen philosophischen oder religiösen Einfluss hat den Übeltäter enttarnt. Diese Menschen verbindet allein die folgende Eigenschaft: Sie haben gelernt, Probleme „auszuschalten“, indem sie die „Ursache“ all unserer Probleme beseitigt haben. Und dies ist die besonders gute Nachricht: Ihr Leben ist heute ein natürlicher und dynamischer Ausdruck dessen, was Menschsein ausmacht. Sie sind energiegeladen, schöpferisch und liebevoll. Selbst unter schwierigsten Umständen empfinden sie inneren Frieden. Ja, Gelassenheit, Friede und Freude sind notwendige Ausdrucksformen derjenigen, die ein Leben jenseits von Problemen führen.
Probleme sind nicht das Problem
Es ist, als würden wir noch schlafen. Unser Schlaf ist tief, unsere Träume sind süß. Doch Träume sind Illusionen. Wenn wir aufwachen, erwartet uns ein Leben voller Wunder und unvorstellbarer Fülle. Aber noch schlafen wir. In diesem Schlummerzustand können wir unser Leben nicht leben. Die Gelegenheit, unser wahres menschliches Erbe in Anspruch zu nehmen, entgleitet uns rasch. Einige sind schon erwacht und versuchen die Übrigen aufzuwecken. Falls Sie schlafen, falls Sie also Probleme haben, lade ich Sie ein, in Ihre ganze Größe hinein zu erwachen. Können Sie sich eine dringendere oder erfüllendere Aufgabe vorstellen?
Eine gängige Definition von „Wahnsinn“ scheint hier besonders gut zu passen. Sie lautet ungefähr so: „Wahnsinnig (oder verrückt, dumm) ist, wer immer wieder das Gleiche tut und trotzdem andere Ergebnisse erwartet.“ Warum aber erzielen wir immer noch die gleichen Resultate, nämlich mehr Probleme, wenn wir versuchen, die Dinge anders zu machen? Während wir lernen, unsere Schwierigkeiten zu überwinden, treten nur noch größere an ihre Stelle. Unsere Probleme vervielfachen sich nicht nur, sie verschlimmern sich auch. Weltumspannende Kriege sowie Erderwärmung und „Supererreger“, verursacht durch übermäßigen Einsatz von Antibiotika, bedrohen unsere nackte Existenz. Unsere Form von Wahnsinn nimmt mit jedem Problem zu, das wir lösen.
Warum ist das so? Warum ruft mehr Wissen nach immer noch mehr Wissen? Und warum haben wir immer weniger das Gefühl, die Kontrolle zu haben? Mehr Wissen über unser Denken oder unseren Verstand, unseren Körper und unsere Beziehungen hat bisher nicht funktioniert. Wir haben eine Informationsexplosion. Aus allen Ecken der Welt und darüber hinaus strömen Informationen mit Lichtgeschwindigkeit auf uns ein. Unser Wissen vermehrt sich exponentiell; damit einhergehend werden unsere Probleme vielfältiger und ernster.
Wie die meisten Menschen habe ich den größten Teil meines Lebens damit zugebracht, Brände zu löschen, also Probleme anzugehen, indem ich meine Umwelt manipulierte. Ich habe viele nützliche Systeme und Philosophien gelernt, um das alltägliche Dilemma zu überwinden. Lernen bedeutet natürlich: Der Verstand „verleibt sich etwas ein“. Meiner hieß alle Ideen willkommen. Wie eine Fliege, die sich im Netz meiner mentalen Matrix verfangen hatte, spritzte ich jeder Idee das Gift meines Ego ein, das dieses Netz gewoben hatte. Es war ein subtiles Gift, das schwächte, aber nicht tötete. Einmal infiziert, erschienen meine Ideen recht vernünftig. Sie hätten Probleme aus der Welt schaffen sollen, doch sie erzeugten nur weitere. Deshalb lernte ich mehr Problemlösungstechniken. Ich verdiente mehr Geld, ging neue Beziehungen ein, wurde „spirituell“. Und trotzdem war mein Leben geprägt von unangenehmen Ereignissen und Notsituationen aller Art, von Schwierigkeiten, Rückschlägen und Katastrophen. Wie Wellen, die sich am Strand brechen, rollten die Probleme nacheinander heran.
Da erkannte ich, dass das Sammeln von Informationen meine Probleme nicht beseitigt hatte und nicht beseitigen konnte. An diesem Punkt überkam mich eine ganz eigenartige Ruhe. Ich erkannte, dass harte Arbeit, akribisches Planen und gute Absichten nicht der Schlüssel zu innerer Ruhe sind. Ja, eben diese Erkenntnis brachte mir mehr inneren Frieden als lebenslanges Arbeiten und Planen. Dabei hatte ich das Gefühl gehabt, nicht verrückt zu sein, weil ich die Dinge immer etwas anders machte. Als ich jedoch einen Schritt zurücktrat und mein Leben betrachtete, fiel mir als Beschreibung nur das Wort „verrückt“ ein. Mein Leben war durchzogen von langen Phasen einer gleichsam unterschwelligen „stillen Verzweiflung“. Wenn mir diese Verzweiflung bewusst wurde, wurde mein Verhalten hektisch und chaotisch. Ich hatte das Gefühl, nicht genügend Zeit zu haben, um meine Ziele zu erreichen und daraufhin endlich glücklich zu sein . Hin und wieder stattete das Glücksgefühl mir einen Besuch ab. Diese Glücksmomente hingen zusammen mit Ereignissen wie dem Kauf eines neuen Autos oder einer zusätzlichen Geldeinnahme. Wenn das Glücksgefühl tatsächlich vorbeischaute, blieb es nie lange. Ich war dann vielleicht einige Stunden oder ein paar Tage lang glücklich – und dann dauerte es oft Wochen oder Monate, bis es wieder einmal auftauchte. Das ging so weit, dass ich das Glück nicht einmal mehr genießen konnte, wenn es da war, weil ich mir ständig Sorgen machte, es könne wieder vergehen. Mein Leben spiegelte einfach die gebrochene Verrücktheit wider, die wir heutzutage als normales Leben hinnehmen.
Die weiter oben erwähnte Definition von Verrücktheit warnt uns davor, immer wieder das Gleiche zu tun und trotzdem ein anderes (besseres) Ergebnis zu erwarten. Wenn wir mehr Informationen sammeln und nutzen, um neue Probleme zu lösen, handeln wir, wie es scheint, „anders“. Das kann also nicht letztlich die Ursache unserer Probleme sein. Was aber ist das Grundproblem? Um die Antwort hierauf zu finden, müssen wir uns fragen: „Welcher Aspekt des Problemlösungsprozesses ist immer gleich geblieben?“
In diesem Prozess ist nur ein Aspekt immer der gleiche: der Verstand. Jedes Problem muss zuerst den Filter des Verstandes passieren. Das Grundproblem, das für alle anderen Probleme verantwortlich ist, ist der Verstand! Oder, genauer gesagt: die Art, wie unser Verstand arbeitet, wenn wir ihn ohne Kontrolle gewähren lassen. Der Verstand ist ein Werkzeug, das der Führung bedarf. Sie können sich nicht darauf verlassen, dass er seine Angelegenheiten selbst regelt. Sie sind nicht Ihr Verstand. Sie haben die Kontrolle über Ihren Verstand – zumindest sollten Sie sie haben. Wie Hal, der außer Kontrolle geratene Computer in dem Film 2001: Odyssee im Weltraum, hat unser Verstand das Zepter übernommen, während wir schliefen.
In diesem „Wach-Schlaf“ läuft der Verstand auf Autopilot. Er wird reflexartig und reaktiv. Im Wesentlichen macht er das, was er „immer schon so gemacht“ hat – weil Sie nicht bewusst dabei sind, um ihn zu führen. Sehen Sie das Dilemma? Wenn der Verstand reflexartig und aus der Erinnerung heraus reagiert, wie kann er dann ein Problem lösen, das sich jetzt stellt? Wenn Sie jemand bittet, eine Rechenaufgabe zu lösen, und Sie erfahren, es handle sich um eine Addition, während es in Wirklichkeit eine Subtraktionsaufgabe ist, dann ist Ihre Antwort falsch. Sie mögen mathematisch korrekt vorgehen, doch Ihre Antwort ist falsch. Wir scheinen an unseren Lebensproblemen ganz gut zu arbeiten, doch die Resultate ergeben keinen Sinn, zumindest nicht auf Dauer. Sobald wir uns wundern, warum die Dinge nicht funktionieren, überprüfen wir unsere Arbeit. Solange wir die Aufgabe für eine Addition halten, hoffen wir vergeblich, sie zu lösen. Wir machen alles richtig, doch das Ergebnis ist verkehrt.
Im Leben addieren wir sozusagen in einer Welt, in der wir subtrahieren müssten. Ganz egal, wie sehr wir uns bemühen, die Probleme in unserem Leben zu lösen – wir können immer nur noch mehr erschaffen: mehr Leiden, mehr Schmerz und mehr Zerstörung. Wir blicken uns um und sehen, dass alle anderen das Gleiche tun – also müssen wir wohl richtigliegen. Daraus können wir nur schlussfolgern: Die Menschen sind dazu bestimmt, zu leiden. „Menschen haben immer gelitten und werden immer leiden“, sagen wir uns selbst, in dem Bemühen, unsere tief besorgten Seelen zu beruhigen. Doch das erklärt nicht die Ausnahmepersönlichkeiten, die sich über das Leiden erheben und uns mitteilen, wir könnten und müssten das ebenfalls tun. Ja, unsere Eltern, Lehrer und Führer haben uns ebenso angelogen, wie sie von den ihrigen belogen wurden. Doch diese Lüge lässt sich im Pulsschlag einer Generation heilen.
Eine einzige grundlegende Wahrheit fehlt noch. Es ist eine einfache Wahrheit, die unser Verstand leicht übersieht. Ich habe sie erst nach mehr als 40 Jahren des Suchens gefunden und dann nur durch Negieren, durch Subtraktion, wenn Sie so wollen. Es handelt sich um eine einfache Wahrheit, die ich Ihnen in diesem Buch mitteilen will. Ich betrachte mich auf diesem Gebiet nicht als Autorität oder als besonders gebildet. Genauso wenig habe ich irgendwelche besonderen Talente oder Gaben, aufgrund derer ich erfolgreicher sein kann, als Sie es sein werden. Innerer Friede, die Freiheit von Problemen, ist unser aller Geburtsrecht. Ich teile Ihnen einfach mit, was ich gelernt habe. Ich habe nicht das Gefühl, das Wunder meines Lebens habe sich schon ganz entfaltet. Vielmehr hat das Schreiben dieses Buches mich dafür geöffnet, die Glückseligkeit und Liebe, die mein Selbst ist, tiefer und umfassender auszudrücken. Beim Schreiben haben die Stunden und Wochen mich wie ein tiefer und stiller Ozean überflutet. In erster Linie habe ich dieses Buch für mich geschrieben. Doch ich hatte Sie die ganze Zeit im Sinn.
Worum es in diesem Buch geht
Dies hier ist eine prägnante und praktische Anleitung für inneren Frieden jedes Einzelnen. In diesem Buch wird genau bestimmt, was Friede ist, warum er so selten erlebt wird, warum er für unsere weitere Existenz so entscheidend ist und wie wir ihn verwirklichen können, ohne unseren Lebensstil zu verändern. Dieses Buch ist unter den zahllosen spirituell ausgerichteten Selbsthilfebüchern einzigartig, denn es verbindet drei wesentliche Lehrmethoden in einer einzigen, einfachen Darstellung; dadurch erhöhen sich Anziehungskraft und Wirkung. Eine Alleinerziehende kann genauso gut wie ein Firmenchef, ein „Heiliger“ kann genauso gut wie ein „Sünder“ zu einem Exemplar dieses Buches greifen und schon während der Lektüre innerhalb weniger Minuten inneren Frieden erleben.
Wir werden oft daran erinnert, dass man Glücksgefühle nicht mit Geld kaufen könne. Meiner Erfahrung nach kann man das Glücksgefühl sehr wohl mit Geld kaufen; genauso gut kann man es sich mit Sex, mit Religion oder mit einer besseren Position erkaufen. Dieses Glücksgefühl ist dann jedoch von äußeren Bedingungen abhängig. Diese jeweiligen Bedingungen legt jeder selbst fest. An einem Tag hundert Dollar zu verdienen, das würde einen Armen glücklich machen und einen Reichen zum Weinen bringen. Was uns heute glücklich macht, mag uns morgen Sorgen bereiten. Befördert zu werden kann Belastungen mit sich bringen, die schwerer wiegen als die Gehaltserhöhung und der Status. Einmal erlangt verschwinden die Glücksgefühle nur allzu schnell im Nebel der Erinnerung und zwingen uns so, in der Vergangenheit zu leben.
Friede ist nicht an Bedingungen geknüpft. Er ist überall, immer. Frieden kann man mit Geld nicht kaufen. Ebenso wenig kann man ihn durch harte Arbeit, einen starken Willen oder viele Stunden spiritueller Entsagung erfahren. Wir sitzen da einem heimtückischen Missverständnis auf: Der Friede, nicht das Glücksgefühl, erstickt das Feuer der Wünsche und des Verlangens und macht das Herz wirklich zufrieden. Friede ist die wahre Essenz von Emotionen und Gedanken und wird doch von beiden nie erreicht.
Anhaltender innerer Friede ist selten. Vielen ist sogar ein ganz flüchtiger Eindruck fremd. Fast weltweit herrscht Verwirrung darüber, was dieser innere Friede ist und ob er irgendeinen praktischen Wert hat. Nur wenige erkennen, dass innerer Friede ein Anzeichen dafür ist, wie wir unser Selbst wahrnehmen. Das Selbst ist die Basis, der alle Gedanken, Gefühle und Handlungen entspringen. Das grenzenlose, unveränderliche Selbst ist der Vorläufer des Friedens. Das ist das Geheimnis, das letztendliche Mysterium.
Wie dieses Buch vorgeht
Das vorliegende Buch enthüllt dieses Geheimnis auf einzigartige Weise. Es tastet sich an die Besonderheit des Selbst aus vielen verschiedenen Richtungen heran, greift dabei auf Ihre Erfahrungen zurück und weckt so Ihr Interesse. Das Paradoxe an dem Bemühen, inneren Frieden zu lehren, ist, dass er nicht gelehrt werden kann. Doch dieser scheinbare Widerspruch lässt sich umgehen:
• Jeder meiner Leitgedanken, die Sie zu innerem Frieden führen sollen, spricht Intellekt und Herz an. Diese Methode geht sowohl auf die Leser ein, die stärker „linkshirnig“ sind, als auch auf die „rechtshirnigen“. Herkömmliche spirituelle Lehren werden entmystifiziert und in einfache, logische Sprache übersetzt.
• Anekdoten, Analogien, Humor und herzerwärmende Geschichten wollen Sie tiefer in den Stoff dieses Buches hineinziehen und gleichzeitig die Verbindung mit ihm anregen.
• Sozusagen die dritte Zacke des Dreizacks ist das unmittelbare Erfahren des Friedens durch Übungen zum Mitmachen.
Selbst-Bewusstheit lässt sich nicht lehren, doch mithilfe der einzigartigen Methode des Nicht-Wissens wird Ihr Gewahrsein sanft und ständig zum Selbst zurückgeführt. [Erläuterungen zu den zentralen und Ihnen nicht geläufigen Begriffen dieses Buches finden Sie im Kapitel „Begriffserklärungen“ im Anhang. Anm. d. Verlags] Hierbei unterstützen Sie acht innere „Erfahrungen“. Dieser dreifache Prozess, der Herz, Verstand und Erfahrung entwickelt, läuft still im Hintergrund ab. Im Vordergrund macht er Spaß, Sie können sich fröhlich erforschen und mit einer stillen Begeisterung tiefere Ausdrucksformen Ihres Selbst enthüllen.
Wie aber lösen wir das Paradox, dass Friede nicht gelehrt werden kann? Eine Technik ist eine Brücke, die man hinter sich lässt, wenn man das Hindernis überquert hat. Der Glaube an eine Technik macht uns von der Technik abhängig und hält uns in dieser Abhängigkeit; und innerer Friede muss frei von Abhängigkeit erblühen. An der Technik festzuhalten wäre so, als würde man immer wieder die Brücke überqueren, wenn man sich inneren Frieden wünscht. Dauerhafter Friede wird so unmöglich. Bei Ihrer Lektüre sind Sie aufgefordert, sich immer weniger auf die Technik zu verlassen. Sie ist sowohl in den Text wie auch in die Übungen eingebettet. Wenn Sie dieses Buch zu Ende gelesen haben, werden Sie inneren Frieden erleben, ohne von einer Technik oder von einem Lehrer abhängig zu sein.
Das Sichlösen von Techniken führt schließlich auch rasch zu dem, was ich „Momentum“ nenne. Momentum ist gekennzeichnet durch ein intuitives Wiedererlangen des Friedens, wenn er verloren ist. Wer nach innerem Frieden strebt, macht die Erfahrung, dass gerade das Bemühen darum den Frieden immer weiter vertreibt. In traumatischen Zeiten ist er vollständig dahin, überdeckt und verdunkelt von einem Strudel scheußlicher Emotionen und hartnäckiger Gedanken. Wenn Momentum [Eigendynamik, Schwungkraft, Impuls. Anm. d. Verlags] sich zu entwickeln beginnt, stellt sich der innere Friede automatisch wieder ein, ohne Mühe oder Vorsorge. Von da an können die dornigen Probleme des Lebens nicht mehr an Ihnen haften bleiben, Ihr Leben wird freier und reibungsloser.
Dieses Buch ist in einfacher Sprache verfasst. Es ist sozusagen ein Arbeitsbuch, in dem Sie nichts arbeiten müssen. Diese pragmatische Herangehensweise an traditionellerweise „tiefsinnige“ Prinzipien hält Ihren Geist in Schwung, während die Übungen das „Gerümpel im Kopf“ beseitigen und die mentale Klarheit erhöhen. Ich bemühe mich ganz bewusst, Schlüsselbegriffe, die verwirren könnten, zu definieren. Schlagen Sie immer wieder im Kapitel „Begriffserklärungen“ nach; Sie werden es als große Hilfe empfinden und es wird Ihre Übergangsphase zum Momentum sehr erleichtern.
Ich erwarte nicht von Ihnen, dass Sie meine Worte für bare Münze nehmen. Vielmehr ermuntere ich Sie, auf Ihre eigenen Erfahrungen zurückzugreifen und die jeweiligen Ideen selbst zu testen, indem Sie die dazugehörigen Übungen aus diesem Buch durchführen. Nur dann werden Sie das Geheimnis des Selbst in „mundgerechte“, „leicht verdauliche“ Häppchen zerlegen können. Ich führe also einen „Doppelschlag“ aus: Ich vermittle Ihnen ein eindeutiges Verständnis und vertiefe es mit einer einschlägigen und bedeutsamen Erfahrung; so können Sie Ihr Selbst lebendig und unmittelbar erfahren.
Bitte nehmen Sie meine Einladung an, dieses Buch zu lesen und seine Botschaft mit anderen zu teilen. Es ist eine Einladung, das Leben gemeinsam zu feiern. Es ist ein Angebot von Herz zu Herz, von Selbst zu Selbst.
Frank Kinslow
1. Wer bin ich?
„Ich pin wassich pin.“
Popeye, der Seemann
Ich habe mich nie ganz auf das Erwachsensein eingelassen. Ich erinnere mich, wie selig ich mit einem Stock auf der Erde malte oder den schneeweißen Wolken zuschaute, die bedächtig am tiefblauen Himmel entlangzogen; oder wie ich staunend verfolgte, wie ein Trautropfen mit jedem einfühlsamen Windstoß darum rang, sich aus einem Spinnennetz zu befreien. Kinder schauen wie Heilige.
Kindheit und Erwachsenenalter sollten nicht miteinander auf Kriegsfuß stehen, das habe ich schon immer so empfunden. Das war mein Gefühl als Kind, als ich mich auf das Erwachsensein vorbereitete. Die meisten von uns kapitulieren bekanntlich. Und dann vergessen wir. Wir lassen uns von dem Zuwachs an Macht verführen, der mit dem Erwachsenwerden verbunden ist.
Ich bin aus dem Spiel ausgestiegen
Meine Kindheit verbrachte ich nach dem Zweiten Weltkrieg in Japan. Mit zehn Jahren erkannte ich erstmals den Widerstreit zwischen der Unbefangenheit des Seins und der Berechenbarkeit des Kontrollierens. Die Situation war folgende:
Ich hatte mit der Sportart Judo angefangen. Jeden Abend brach ich gleich nach dem Abendessen zum Dojo auf; meinen zusammengerollten Judoanzug trug ich am braunen Gürtel über der Schulter. Ich ging an kleinen, schwach beleuchteten Häusern vorbei, die in den schmalen, gewundenen Straßen von Yokohama eng an eng standen, wie Nachbarn, die über den hinteren Gartenzaun den letzten Klatsch aufschnappten, bevor die Dunkelheit Stille gemahnte. Aus Hibachi-Öfen, in denen Holz verbrannt wurde, durchzogen dünne, graue Rauchschwaden wie Geisterschlangen die ruhige Luft. Erst regten sie sich nicht, dann atmeten sie in der Dunkelheit und verschwanden langsam durch die Holzschindeldächer. Bald darauf pflegte der Soba-Mann zu kommen. Wie ein im ruhigen Wasser ausgeworfenes Fischernetz drang der gefühlvolle Ruf des Nudelverkäufers („Sooobaaaa“) in die Häuser und zog dadurch die Gedanken der Bewohner auf sich wie das Fischernetz silberne Fische.
Ich bog dann von der Straße ab in einen der zahlreichen verschlungenen Fußwege, die die Häuser voneinander trennten. Nur noch wenige Schritte und ich stieß auf einen Hof mit Gärtchen und auf das Haus, in dem ich bei meinem Meister Judo lernte.
Der Meister war damals weltweit einer von nur vier Trägern des Schwarzgurtes 10. Dan, der höchsten Auszeichnung in dieser Sportart. Ich spürte es zwar, erfuhr aber erst später, dass er auch von Frieden beseelt war. Er redete nicht viel, doch wenn er etwas sagte, drang sein Friede tiefer ein als seine Gedanken.
Mein Friede hingegen war im Schwinden begriffen. Ich bereitete mich ja auf das Erwachsensein vor. Als Amerikaner war ich körperlich größer als die meisten meiner japanischen Trainingspartner. Statt durch Technik bezwang ich meine Gegner lieber mit Gewalt. Eines Abends stellte der Meister mich buchstäblich groß heraus, als den Stärksten in diesem Kurs, er jubelte mich geradezu hoch. An diesem Tag sollte ich gegen einen Jungen antreten, der mir gerade mal bis zum Nabel ging. Erfüllt vom jüngsten Lob des Meisters, war ich mir des Ausgangs gewiss. Ich erinnere mich noch heute an meine Vision, wie ich diesen Kampf gewinnen würde: Ich plante, eine komplizierte und recht exotische Bewegung auszuführen und diese halbe Portion durch das Fenster aus Papier in den Hof zu befördern. Doch zu meinem Glück kam es ganz anders, als ich geplant hatte. Das ist eine schmerzliche Geschichte, deshalb fasse ich mich kurz:
Mein wendiger kleiner Gegner weigerte sich immer wieder, den Kurs vorzeitig durch das Seitenfenster zu verlassen – ja, er machte ein „Gegenangebot“, das ich nicht „abschlagen“ konnte. Ich erinnere mich, an diesem Abend einige Male die Decke angeschaut zu haben. Das hatte ich ursprünglich zwar keineswegs im Sinn, doch irgendwie gewöhnte ich mich an die Vorstellung. Ich glaube, die Vertreter der Verhaltenstherapie nennen so etwas „Neukonditionierung“. Mein Rücken und die Matte, die sich bisher recht fremd waren, wurden gute Freunde. Obwohl der Kampf wahrscheinlich nur zehn Minuten dauerte, kamen mir diese wie zehn Stunden vor. Alle Anwesenden im Dojo verkniffen sich taktvoll ein Lächeln, während der Tsunami-Teufel – wie ich ihn nannte – und ich uns verbeugten und so den Kampf beendeten. Um Salz in meine frischen Wunden zu streuen, teilte mir einer der anderen Schüler mit, der Junge sei erst sechs Jahre alt. Ich habe ihn nie vorher und nie mehr nachher im Dojo gesehen. Meiner Meinung nach war er ein unter Vortäuschung geringen Könnens eingeschleuster Judoka, sozusagen inkognito in einen Wettkampf eingeschmuggelt. Ich bin sicher, seine einzige Aufgabe bestand darin, die Runde durch verschiedene Dojos zu machen und aufgeblähte Egos im Judoanzug zurechtzustutzen.
Am nächsten Abend – ich hatte schon erwogen, gar nicht ins Dojo zu gehen – zeigte uns der Meister das Belly Water System. Das ist eine „Geist-ist-stärker-als-Materie“-Technik, die die Körperkraft erhöht, indem sie den Geist beruhigt. Als ich die Technik praktizierte, flossen Wut und Demütigung, die ich seit dem Abend zuvor in mir getragen hatte, aus mir heraus wie Wasser aus einem zerbrochenen Gefäß. Ich war leer. An ihre Stelle trat eine ruhige Präsenz oder Gegenwärtigkeit, die mein Tun nur zu beobachten schien. Ich hatte mich wieder mit meinem Selbst vereinigt. In dieser Gegenwärtigkeit war ich sicher, vollkommen. Ich empfand eine Art unerschütterlichen Friedens, der nirgendwo anders herkommt. Wegen des Kontrastes erinnere ich mich so deutlich daran. Erst war ich wütend und frustriert und dann war ich von einer ruhigen, inneren Stärke umgeben – innerhalb weniger Sekunden. Rückblickend bin ich sicher: Der Meister hatte das alles geplant.
Dieser Friede hob sich noch aus einem anderen Grund in meinem Geist deutlich ab. Bis dahin hatte ich ihn noch nicht oft erlebt. Das Wunder des Lebens begann in meinen Augen zu verblassen. Ich war schon dabei, dem Versprechen nachzugeben, wonach Macht durch schiere Kraft und Gewalt zu erreichen sei. Meine Eltern, meine Lehrer, ja sogar meine gleichaltrigen Kameraden brachten mir bei: Wenn ich erreichen will, was ich mir wünsche oder was sie sich für mich wünschen, dann muss ich sehr selbstdiszipliniert sein, viel Willenskraft aufbringen und hart arbeiten. Das Haar in der Suppe war, dass ich gerade erst die friedliche Kraft der Kindheit wiederentdeckt hatte und dass sie mir gefiel. Einerseits zwickte mich eine spielerische Gegenwärtigkeit in die Fersen. Andererseits wurde mir immer wieder versichert, ich würde mehr Erfolg haben, als ich mir in meinen kühnsten Träumen ausmalen könne, wenn ich nur lernte, mich selbst und mein Umfeld zu steuern und zu kontrollieren.
Ein halbes Jahrhundert ist vergangen, seit ich damals in diesem Dojo in Yokohama den Frieden wiederentdeckte. Ich habe gelernt, meine Umgebung zu kontrollieren, doch nicht so, wie mich meine Lehrer ermuntert hatten. Jetzt lasse ich das mein Selbst für mich machen. Ich bin aus dem Spiel ausgestiegen.
Erwachen
Friede ist, wie ich entdeckt habe, eine Begleiterscheinung. Er resultiert weder aus einer Erkenntnis noch aus einer Anstrengung. Meist kommt er insgesamt zu selten und immer unvorhergesehen, also wenn man nicht nach ihm sucht – das heißt: wenn man nicht weiß, wie man danach suchen soll. Das Geheimnis, wie man inneren Frieden findet, werden wir in diesem Buch lüften. Der Suche nach diesem Frieden habe ich mein Erwachsenenleben gewidmet. Ich verbrachte viele Jahre in stiller Meditation; ich zog mich buchstäblich auf Berggipfel in exotischen fernen Ländern zurück. Mehrere Stunden eines „normalen“ Tages brachte ich damit zu, zu meditieren und den Frieden zu finden und aufrechtzuerhalten. Nach 35 Jahren hingebungsvoller „spiritueller“ Arbeit war ich dem anhaltenden inneren Frieden keinen Schritt näher als zu Beginn meines Weges. Mutlos und frustriert gab ich die Sache auf. Ich gab alles auf, was mein Leben ausgemacht hatte, und fand an seiner Stelle nur Öde. Auch dort war kein Friede zu finden. Einen letzten winzigen Hoffnungsschimmer hatte ich noch.
Als ich eines Tages in Flint (Michigan) im Café einer Buchhandlung saß und in einen Styroporbecher mit Grüntee starrte, erlosch auch dieser. Danach bewegte sich nichts. Das Universum hatte aufgehört, zu atmen. In dieser Stille war, kaum wahrnehmbar, ein winziger Punkt des Friedens. Als dieser mein Gewahrsein auf sich zog, fühlte ich mich wie Alice, die in den Kaninchenbau fiel. Im Fallen wurde ich kleiner, wie ein Kieselstein, den man von einer hohen Brücke wirft. Unmittelbar vor meinem Ende gab es eine Explosion, die sich anfühlte wie der Urknall, außer dass statt Feuer und Steinen Friede da war. Die Wucht der Explosion erfüllte mein Universum mit einem unerschütterlichen Frieden. Eine Quantum-Entrainment-Erfahrung.
Während ich so am Tisch saß, brach die Sonne durch die Wolken hindurch und wärmte meinen Rücken; die Gespräche der Gäste erfüllten das Café und es lief eine Jazz-CD. Ich saß still da, meine Tasse lauwarmen Tees mit den Händen umfassend. Alles war genau wie vorher, nur war der Raum jetzt von einem klaren und strahlenden Licht erfüllt, dem Gesicht des Friedens. Wie sich das gesamte Universum in dieses kleine Café hinein ergossen hatte, in dem schon Menschen und Bücher zuhauf waren, kann ich nicht sagen. Doch es war da und niemand bemerkte es. Galaxien und der Stoff der Schöpfung durchdrangen mühelos unsere Körper, auch das nahm niemand wahr. Mein Atem rührte sich nicht, aber Tränen liefen mir das Gesicht hinunter und tropften links und rechts neben der Tasse auf den Tisch. Kurz begegnete vom Nachbartisch her eine junge Studentin meinem Blick, dann wandte sie sich rasch ab.
Wie auf einen unsichtbaren Hinweis hin schrumpfte mein Bewusstsein zu einer winzigen Vertiefung in einer schimmernden Energieexplosion und wurde kleiner als das kleinste subatomare Teilchen. Ich sah zu, wie Wolken reiner Energie erstarrten und sich anderen Wolken annäherten. Aus diesen formlosen Nebeln tauchten die lebenden Seelen von Bäumen und Meeren und der fruchtbaren Erde auf, nur um sich wieder in formlose Energie aufzulösen. Ich war überall, größer als das Größte und kleiner als das Kleinste.
Als diese wirbelnden Energien der Schöpfung wieder schwächer wurden, fand ich mich in der alltäglichen Gegenwart wieder, die wir selbstsicher die „reale Welt“ nennen. Augenblicklich kehrte der Geruch von Kaffee und getoasteten Bagels in mein Gewahrsein zurück. Der war alles andere als alltäglich und profan. Meine Tränen trockneten, ich sah wieder klarer. Alles erschien frisch und sauber und von innen her zu leuchten. Auch hier war jede Form Energie. Doch tief in den zartesten Energieformen war noch etwas versteckt. Es war nicht erkennbar, doch ich war mir seiner bewusst. Es war intelligent und gewahr. Vor allem aber war es mitfühlend – nein, „Es“ war Mitgefühl. Und irgendwie war ich „Es“.
Momentum
Der intensive Zustand von innerem Frieden und Glückseligkeit hielt ungefähr fünf Wochen an. Wenn ich meinen Alltagspflichten nachging, stellte ich fest, dass sich eine Art von Mühelosigkeit in meine gewohnten Abläufe eingeschlichen hatte. Ab und zu fühlte ich mich von den Dingen getrennt, als ob der innere Friede mich über das Getöse hinausgehoben hätte, und dennoch war ich so sehr Teil von allem Erschaffenen, dass ich eins damit war. Ich glaube nicht, dass diese Transformation für meine Familienangehörigen oder Freunde wahrnehmbar war. Sie war ebenso subtil wie tiefgreifend. Auch denke ich nicht, dass die Intensität stark nachließ, vielmehr integrierte ich die Erfahrung. Ich gewöhnte mich daran und alles erschien mir normal, wie vorher – außer einem Punkt: Da war etwas so wunderbar Feines, Delikates, Erquickliches und gleichzeitig völlig Normales, dass ich dieses Buch schrieb, um Ihnen davon zu berichten.
Seit diesem Tag brauche ich nicht mehr nach innerem Frieden zu suchen. Sicher, gelegentlich „verliere“ ich ihn, manchmal auch für einen großen Teil des Tages, mitunter noch länger. Doch er kommt immer wieder zurück – und zwar, ohne dass ich mich anzustrengen brauche. Der innere Friede findet zu mir zurück, wie ein Kind zu seiner Mutter läuft, wenn es zu lange von ihr weg war. Wir umarmen einander wie Eltern und Kind und machen gemeinsam weiter und kümmern uns dabei nicht sonderlich um die Härten des Lebens.
Ich bezeichne es als „Momentum“ [Eigendynamik, Kraftimpuls], wenn der Friede sich spontan wieder einstellt. Momentum besagt: Kampf und Frustration, Sorge und Unzufriedenheit lassen nach und haben Sie weniger fest im Griff. Negative Kräfte werden zu harmlosen Gespenstern, denn sie hungern nach chaotischen Emotionen, die sie aufrechterhalten. Wenn wir aufgebracht, verstimmt oder durcheinander sind, können wir tage- oder monatelang, ja sogar jahrelang in diesem Zustand bleiben. Dann kreist der Verstand nur noch um das Problem, käut das verletzende Ereignis wieder und probt Szenarien an Ihrem mentalen Gerichtshof. Ihr Geist wird vollständig von Gedanken vereinnahmt; die Zartheit, die jeder Moment mit sich bringt, entgeht ihm völlig. Im Grunde braucht das unkontrollierte Denken gar kein plötzliches Ereignis, um den Geist von diesem Moment wegzulocken: Sind Sie schon einmal an Ihren Arbeitsplatz gefahren und haben sich nachher an fast nichts mehr erinnert, was Sie auf der Fahrt gesehen haben? Ihr Verstand war anderweitig beschäftigt, während Ihr Körper und Ihr Auto ihn zur Arbeit fuhren. Sie mögen einwenden, auf Ihrem Weg zur Arbeit gebe es ohnehin nichts Bemerkenswertes – doch darum geht es nicht. Außerdem lägen Sie damit falsch. Dieses übliche Bewusstsein ist ein Problem. Genauer gesagt ist es ein Anzeichen dafür, dass auf einer tieferen Ebene etwas nicht stimmt.
Deshalb habe ich dieses Buch geschrieben:
• Erstens wollte ich Ihr Interesse daran wecken, den inneren Frieden in Ihnen selbst zu finden. Sie stehen vor einer einfachen Wahl: Frieden oder Probleme. Letztlich ist das Ihre einzige Wahl.
• Zweitens würde ich Sie gern wissen lassen, wie einfach es ist, im Frieden zu sein. Sie brauchen nicht Ihr Leben darauf zu verwenden, ihn zu finden (wie ich es getan habe). Im Grunde würden Sie damit hundertprozentig sicherstellen, dass Sie keinen Frieden finden. Ich würde Sie gern am eigenen Leib erleben lassen, wie innerer Friede Probleme beseitigt, weil er Ihnen gestattet, die Fülle und Schönheit zu genießen, die Ihr Leben ausmachen.
• Und drittens möchte ich, dass Sie „Momentum“ erreichen. Wenn in Ihrem Leben dauerhaft und mühelos Friede herrscht, ist meine Arbeit vollbracht.
Bevor wir tatsächlich Frieden erleben, wollen wir uns zwei Fragen anschauen, die es zu beantworten gilt:
Was wollen oder wünschen Sie?
Auf den ersten Blick kommt die Frage „Was wollen Sie?“ ganz arglos daher. Sich etwas zu wünschen, etwas zu wollen, das passiert automatisch. Es erscheint wirklich recht einfach. Ein Wunsch taucht auf und Sie wollen den Gegenstand dieses Verlangens, dieses Wunsches. Wenn Sie Hunger haben, wollen Sie etwas zu essen. Wenn Sie sich einsam fühlen, wünschen Sie sich Gesellschaft. Doch woher kommen diese Wünsche? Manche rühren von körperlichen oder psychischen Bedürfnissen her, etwa Durst oder Liebe. Andere scheinen an kein besonderes Bedürfnis geknüpft zu sein. Sie wünschen sich beispielsweise das rote Sportcabriolet statt der praktischeren Familienlimousine. Oder wie sieht es aus mit dem Wunsch nach einem knackigen Po, während Ihr derzeitiger doch völlig „funktionstüchtig“ ist? Was löst dieses Verlangen aus, sich etwas zu wünschen, ohne es zu brauchen, das einen so aus dem Gleichgewicht bringen kann und das letztlich so zerstörerisch ist?
Falls Sie sich die Zeit nehmen, diese einfache Frage mit mir zu beantworten, verspreche ich Ihnen: Ihr Leben wird sich nicht nur ein wenig verändern, sondern wahrhaftig tiefgreifend. Unmittelbar hinter Ihren Gedanken werden Sie eine verborgene Welt entdecken. Das ist keine Schattenwelt oder eine Widerspiegelung anderer Reiche, die Sie bereits kennen. Die Welt unter der Frage ist tief, umfassend und rein. Es ist die Welt, aus der Ihr derzeitiges Leben Atem holt, die letztendliche Antwort auf die Frage: „Was wollen Sie?“
Dieses Buch kann Ihnen viele faszinierende Türen öffnen, doch letzten Endes gibt es nur eine Tür, durch die Sie hindurchgehen müssen. Es ist nicht notwendig, über diese einzige Erkenntnis hinauszublicken. Vielleicht brauchen Sie eine gewisse Vorbereitung, bevor Sie diese Tür durchschreiten können, doch da lässt sich leicht Abhilfe schaffen. Hier wartet eine Menge Arbeit auf Sie und noch mehr Spaß. Sie sind dabei, eine Reise anzutreten, nicht von hier nach dort, sondern sozusagen „vom Hier zum Hören“ [engl.: from here to hear]. Sie werden erkennen, dass Sie nirgendwo hinzugehen brauchen, um vollkommen zu sein. Ebenso wenig brauchen Sie etwas dafür zu tun! Treffender stellt man sich diese Reise als ein Erweitern vor, als ein Öffnen der Wahrnehmung, das mit der Erkenntnis endet, dass das Leben bereits vollkommen ist.
Falls Ihnen diese Aussage abstrus oder unglaublich erscheint, dann bereiten Sie sich auf eine wilde Fahrt vor. Kommen Sie mit mir und Sie werden selbst das bemerkenswerte Leben kennenlernen, das Ihnen bisher entgangen ist. Sie entdecken die Wissenschaft des Sehens und die Kunst des Seins. In der Natur gibt es keine Probleme. Wenn ein Mensch seine wahre Natur, sein wahres Wesen erkennt, dann lösen Probleme sich auf, so, wie die Sonne in ein ruhiges Meer zu versinken scheint.
Zu Anfang lade ich Sie ein, genau so zu lernen, wie Sie schon Ihr ganzes Leben lang gelernt haben: linear und zielorientiert. Im Allgemeinen neigen wir dazu, die Dinge zu manipulieren; damit kontrollieren wir unsere Umgebung in gewissem Maß. Das ist normal, aber nicht natürlich – und es birgt Gefahren. Es gibt noch eine umfassendere Art und Weise zu leben, die das zielorientierte Verhalten mit einschließt, es aber in seinen Möglichkeiten weit übersteigt. Sie kommt nicht vom Verstand, sondern von jenseits davon und ist zwar schwer zu erklären, doch leicht zu erfahren, sobald man die richtigen Regeln anwendet. Die Kunst des „Seins“ wird automatisch aufblühen, während Sie in diesem Buch weiterlesen. Das werden Sie an der Leichtigkeit und der Freude merken, die nach und nach Ihren Alltag durchdringen. Die Zeit vergeht wie von selbst und die Probleme lockern ihren Griff. Sie werden sogar die alltäglichsten Erfahrungen bisweilen so sehr wertschätzen, dass Dankbarkeit und Freude Sie erfüllen, ja überwältigen. Wie ein Kind, das in die Welt verliebt ist, werden Sie die Welt mit den Augen der Unbefangenheit und Unschuld betrachten.
Ihre Erfahrung wird immer mit Ihrem Erkennen Schritt halten; dadurch wird Ihre Kenntnis vollständig. Ein Beispiel: Wenn ich Ihnen den Gedanken vorstelle, dass der innere Friede zwischen Ihren Gedanken zu finden ist, dann ist es nur recht und billig, dass ich Ihnen auch zeige, wie Sie diesen inneren Frieden selbst erleben können. Sie brauchen keine meiner Aussagen einfach zu glauben. Wenn Sie die Übungen durchführen, können Sie mir aufgrund Ihrer eigenen Erfahrung zustimmen oder widersprechen. Da wir schon bei dem Thema dieser vorgesehenen Übungen sind, die ich „Erfahrungen“ nenne [im Sinne von Selbsterfahrung, Anm. d.Verlags], mag es nützen, schon einmal im Voraus zu betrachten, was Sie da im Verlauf des Buches so erwartet.
In der ersten Erfahrung lernen Sie, Ihr Denken anzuhalten. Diese Erfahrung will veranschaulichen, dass Sie nicht Ihre Gedanken sind.Sie existieren auch dann, wenn Ihr Verstand ruhig ist. Diese Erfahrung soll zwar diesen einen Punkt demonstrieren, doch sie erfüllt auch noch einen anderen Zweck. Falls Sie nur diese erste Übung praktizieren (– machen Sie sich keine Sorgen, wenn Sie bereits versucht haben, Ihren Verstand von Gedanken zu befreien, und es nicht geschafft haben; diesmal wird es Ihnen keine Mühe bereiten …), dann werden Sie energievoller und gesünder sein und mehr Vertrautheit mit Ihrer Familie und Ihren Freunden genießen. Und das ist nur die erste Selbsterfahrungsübung. Es folgen sieben weitere, die Ihnen zeigen, wie Sie Ihr Immunsystem stärken, stressbedingte Beschwerden wie Verdauungsprobleme und Bluthochdruck verringern oder Ihr Energieniveau und Ihre geistige Klarheit steigern können. Noch wichtiger aber ist: Sie lernen, körperliche und emotionale Schmerzen sowie die Angst vor dem Tod zu überwinden; und Sie lernen, Probleme endlich auszuräumen.
Wenn diese Nachricht Sie begeistert, dann halten Sie Ihren Hut, Ihre Kappe gut fest. Schmerzen zu überwinden und Probleme auszuräumen ist nur Zeitvertreib. Täuschen Sie sich nicht: Diese Erfahrungen sind von unschätzbarem Wert, um spezifische Ergebnisse zu erzielen. Wenn Sie aber die Meisterschaft des Lebens anstreben, dann müssen Sie vom Tun Abstand nehmen und das Sein lernen. Und genau das will ich Ihnen sagen. Das ist der Grundtenor dieses Buches: Sein ist wirkungsvoller als Tun. Wenn Sie die höchste Freude und den tiefsten Frieden erlangen wollen, die dieses Leben zu bieten hat, dann können Sie nichts tun, um sie zu erlangen. Die Ganzheit des Lebens liegt jenseits seiner Teile. Ganz egal, wie viel Geld, Macht oder Freunde wir haben – wir können nie genug bekommen, um ganz und gar glücklich zu sein. Dafür brauchen wir inneren Frieden. Wenn wir neue Fertigkeiten erlernen oder neue Beziehungen eingehen, dann tun wir das in der Vorstellung, unsere Umgebung stärker zu kontrollieren. In unserem Denken setzen wir mehr Kontrolle mit einem größeren Glücksgefühl gleich. Irgendwo tief im Inneren hoffen wir, dauerhaft glücklich zu sein, wenn wir unsere Welt nur ausreichend kontrollieren können. Dieser Irrglaube ist gefährlich und in diesem Buch geht es großenteils darum, diese Illusion aufzulösen. Es hat noch nie funktioniert, einzelne Teile zu kontrollieren in dem Bemühen, das Ganze zu kontrollieren. Kennen Sie jemanden, der immer glücklich ist? – Nein? Damit ist wohl (fast) alles gesagt …
Was bedeutet das überhaupt, glücklich sein? Streben wir wirklich danach, glücklich zu sein, oder ist auch das eine Täuschung? Darauf gehe ich später noch genauer ein; für den Moment ist wichtig zu wissen, dass das Glücksgefühl nicht das ist, was wir letztendlich wollen. Es ist nicht unser tiefster Wunsch. Glücksempfinden ist Teil des Problems, nicht das Heilmittel. Glücksempfinden ist – wie jener rote Sportwagen – etwas, was Sie begehren, aber es ist nicht das, wessen Sie wirklich bedürfen. Sie werden noch sehen: Egal, wie gut es Ihnen gelingt, Glück zu finden – es wird Ihnen nicht das bescheren, was Sie wirklich brauchen. Glück hängt von äußeren Umständen ab. Wenn sich die Umstände an Ihrer Glücksdefinition orientieren, dann sind Sie glücklich. Wenn sie das nicht vollständig tun, sind Sie weniger glücklich. Und Sie sind unglücklich, wenn die Dinge so gar nicht nach Ihrem Kopf gehen. Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass Sie umso weniger glücklich sind, je mehr Sie sich am Glück festklammern? Warum ist das so? Warum sind Glücksgefühle so flüchtig?
Wir sind glücklich, wenn die Dinge gut laufen. Doch wie oft entsprechen die Ereignisse unseren Erwartungen? Wenn wir auf unser ganzes Leben zurückblicken, erkennen wir leicht, dass die Zeiten, in denen wir wirklich glücklich waren, nur kurzfristige Höhepunkte darstellten. Diese kurzen Glücksgipfel sind eingebettet in die monotonen Tiefebenen des gewöhnlichen Lebens. Freilich hegen wir das zarte Gefühl, etwas erreicht zu haben, wenn wir ein Glücksempfinden erhaschen können, wie kurz es auch sein mag. Es wird zu einer Art Zusicherung, dass mit uns im Grunde alles in Ordnung ist und dass die Dinge sogar noch besser werden. Doch über dieses unsichere Gefühl von Zufriedenheit blicken wir fast nie hinaus, weil wir uns vor den unbekannten Kräften fürchten, die sich tiefer in unserem Geist zusammenbrauen, gleich hinter dem Licht. Wenn wir das täten, würden wir diese fragile Illusion ins Wanken bringen, die wir so angestrengt aufrechterhalten. Glücklicherweise brauchen wir nicht immer in diesen trüben Gewässern zu schwimmen.
In seiner Unbeständigkeit ist das Glück ein hervorragender Lehrmeister. Ich fürchte jedoch, wir waren bisher schlechte Schüler. Wir sind im Unterricht eingeschlafen. Diese einzelne Stunde wird ständig wiederholt. Noch immer verschlafen wir selig unser Leben, während sich etwas Speichel in unseren Mundwinkeln sammelt. Wachen wir allerdings auf, dann erkennen wir, dass es nur folgende Lektion zu lernen gilt:
Sein bedeutet Freiheit. Tun, ohne zuerst zu sein, bedeutet Unfreiheit. Sein ist der einfache Akt des Nicht-Handelns. Nicht-Handeln bedeutet: Wir werden erst der reinen Bewusstheit gewahr und beobachten dann, wie unsere Welt durch das Selbst erschaffen wird. Das Selbst zu kennen löst ganz mühelos Probleme auf und das Leiden, das sie mit sich bringen. Die Ergebnisse sind ein innerer Friede und ein Wohlstand, die unsere Träume weit übersteigen.
Innerer Friede stellt sich immer dann ein, wenn wir der reinen Bewusstheit gewahr sind. Sie mögen einwenden: „Ich bin schon gewahr.“ Das stimmt auch. Sie sind gewahr, dass Sie dieses denken und jenes tun. Aber sind Sie der reinen Bewusstheit gewahr? Alles Erschaffene kommt aus dem reinen Gewahrsein. Das erste erschaffene Ding, das erste Schimmern der Individualität, das aus dem reinen Gewahrsein geboren wird, ist das Selbst. Sind Sie Ihres Selbst gewahr? „Natürlich“, antworten Sie entrüstet, „ich bin gewahr, dass ich dieses Buch lese. Ich bin auch meines Körpers gewahr und dass ich einen Job und eine Familie habe.“ Diese Dinge machen das aus, was ich das „Ich“ nenne. Es sind die Besonderheiten Ihres persönlichen Lebens. Aber Ihr Selbst ist keineswegs das Gleiche. Wie Sie sehen werden, ist Ihr Selbst unbeschreiblich und unzerstörbar. Ihres Selbst gewahr zu sein, das bringt ein Element der Unzerstörbarkeit in Ihre Existenz. Wenn Sie unzerstörbar sind, verschwindet jeglicher Anlass zur Sorge und innerer Friede breitet sich aus. So einfach ist das. Wenn Sie Ihres Selbst gewahr werden, muss das zu innerem Frieden führen. Innerer Friede ist eine Begleiterscheinung eines Lebens frei von Problemen – aber er ist noch viel, viel mehr.
Bei Ihrer weiteren Lektüre dieses Buches wird eine erstaunliche Veränderung in Ihnen stattfinden. Zunächst wollen Sie vielleicht lernen, wie Sie insbesondere störende Emotionen oder Ihre Angst vor dem Tod lindern können. Das unterstütze ich, zumindest anfangs. Diese Art des Lernens entspricht dem Führen eines Kampfes. Der Angriffsplan lautet: das Problem mit Wissen und einer Technik in den Griff bekommen. Es ist nichts verkehrt daran, eine bestimmte Methode anzuwenden, um eine Art von Herausforderung auszuräumen, doch glauben Sie nicht, Sie könnten je genug wissen oder tun, um frei von Problemen oder in Frieden frei zu sein. Vielleicht verstehen Sie inneren Frieden nicht umfassend genug oder er liegt Ihnen nicht am Herzen, falls Sie ihn verstehen. Wie dem auch sei, das spielt keine Rolle. Diese Reise ist sehr persönlich, nur Sie können sie unternehmen. Ich habe keine Pläne für Sie. Ich habe eine Art Lebensstil entdeckt, der das „normale“ Leben mit einschließt, es aber unglaublich bereichert. Meine Absicht ist es, mich mit Ihnen dort zu treffen, wo Sie sich wohlfühlen. Es gibt zwar nur eine Tür, doch zu ihr führen viele Wege. Ich nähere mich dieser einzigen Lektion aus verschiedenen Richtungen an; so können Sie entscheiden, welche Ihnen am meisten zusagt. Eine leichte Verlagerung der Wahrnehmung kann, wie ich Ihnen zeigen werde, Ihre „Kampfneigung“ reduzieren und durch eine Geschmeidigkeit ersetzen, die das Leben annimmt, statt mit ihm zu kollidieren. Nur Angst und Leiden bleiben dabei auf der Strecke. Es ist ein reines Leben, das alle führen können, sofern sie sich dafür entscheiden. Ja, Ihr tiefster Wunsch, aus dem alle anderen hervorgehen, ist der Wunsch: „Erkenne dein Selbst!“ Er ist Ausgangspunkt und letztendliches Ziel. Während Sie ein Kapitel nach dem anderen lesen, werde ich Sie immer wieder daran erinnern. Er ist nicht nur das bestimmende Motiv dieses Buches, sondern auch sozusagen die „Strömung“, die unser ganzes Leben durchzieht, die Unterströmung unseres Lebens.
Bisher habe ich viele Fragen gestellt und nur wenige Antworten angedeutet. Die Antworten folgen noch. Erst müssen wir auf einige Punkte näher eingehen, doch in Kürze werde ich Ihnen die erste „Erfahrung“ Ihres Selbst anbieten. Achten Sie darauf, diese Übungen gewissenhaft durchzuführen, damit Sie von den Erfahrungen profitieren. Ich wünsche mir, dass diese Worte für Sie lebendig werden, und das kann nur geschehen, wenn Sie auch die „Musik“ hören, für die dieser Text geschrieben wurde.
Inwiefern unterscheiden sich reines Gewahrsein, Selbst und „ICH“ vom „Ich“?
Wörter beeinflussen uns stärker, als wir ihnen gewöhnlich zutrauen. Ich möchte ganz klar darlegen, was ein Wort bedeutet und wie es verwendet wird. Viele Menschen haben die unbefriedigende und letztlich destruktive Gewohnheit, zu einem Thema Stellung zu beziehen, ohne die verwendeten Schlüsselbegriffe eindeutig zu definieren. Ein Beispiel: Eine Frau fragt ihren Mann, ob er sie liebe. Er antwortet: „Ja, sehr.“ Und schon tänzeln sie die Straße der Glückseligkeit entlang, wobei beide glauben, Liebe bedeute für sie das Gleiche. Wenn diese Seligkeit Ahnungslosigkeit bedeutet, wird ihre Glückseligkeit nicht lange währen. Ihre Partnerschaft wird sie zwingen, genauer zu untersuchen, was Lieben bedeutet; andernfalls wird die Liebe langsam von innen heraus schwinden.
Bezweifeln auch Sie, dass viele Menschen bei „wackeligen“ Wörtern einen festen Standpunkt haben? Bitten Sie einen Freund, Ihnen die Begriffe „Freund“ oder „Terrorist“ ausführlich zu erklären oder den Geschmack einer Banane zu beschreiben. Diese Übung kann Ihnen die Augen öffnen. Die Beschreibung unterscheidet sich garantiert, vielleicht sogar signifikant von Ihrer eigenen Definition. Wir denken gern, andere sähen die Dinge genauso, wie wir sie wahrnehmen, doch das ist praktisch nie der Fall. Über die Menschen lässt sich nur das Eine mit Gewissheit sagen:
Jede und jeder ist anders. Unsere Sicht der Welt ist völlig einzigartig, niemand sieht sie so wie wir. Wir sind relative Wesen – zumindest leben wir so. Wir leben, als gäbe es keine Grundlage, keinen gemeinsamen Bezugspunkt, der für alle Menschen gilt. Wir ähneln Stäubchen, die ziellos in einem schwach beleuchteten Raum umherschweben.
Falls es einen universellen Bezugspunkt gäbe, welcher wäre das Ihrer Vermutung nach? Wäre er im äußeren Raum oder im inneren Raum, innerhalb des Geistes oder außerhalb davon? Nun, zufällig gibt es diesen einzigen Bezugspunkt, den die ganze Menschheit teilt. Nicht nur die Menschen teilen ihn, sondern alles Leben, die ganze Schöpfung. Es ist der Stoff der Weisen. Es ist das Selbst. (Anmerkung: Die Begriffe Selbst, „ICH“ [engl.: „I“] und „ICH BIN“ [engl.: „I Am“] sind in ihrer Bedeutung austauschbar und ermöglichen uns, dieses einzigartige Konzept des Selbst aus verschiedenen erhellenden Blickwinkeln zu betrachten.)
Unsere grundlegende Natur, das Selbst, ist die erste Schöpfung der reinen Bewusstheit. Reine Bewusstheit ist unmöglich mit unseren Sinnen zu erfahren. Wir können sie nicht sehen, schmecken oder riechen. Die Quantenphysik bezeichnet die reine Bewusstheit als implizite Ordnung; es ist die Nicht-Form, aus der Energie und Form erschaffen sind. Der Verstand kann über dieses reine Gewahrsein nachdenken, doch wir sind hilflos, wenn es darum geht, es zu denken. Das sind Denkprozesse und reine Bewusstheit entzieht sich den suchenden Fingern des Verstandes. Reine Bewusstheit hat keine Form, nichts, was diese mentalen Finger greifen könnten.
Alle Gedanken und alle Dinge kommen aus dem reinen Gewahrsein und doch ist dieses substanzlos, hat nichts, was die Sinne wahrnehmen oder der Verstand erfassen könnten. – Wird es Ihnen jetzt etwas zu abstrakt? Bleiben Sie da. Diese Zeit wird sich für Sie lohnen. Ihrem Verstand fällt es nur gerade schwer, etwas zu untersuchen, was sich nicht untersuchen lässt. Aber es lässt sich erfahren. Oder genauer gesagt: Das bewusste Wahrnehmen der reinen Bewusstheit erfährt Ihr Verstand als nichts, als völliges Fehlen einer Erfahrung. Und genau das steht an.
Obwohl reine Bewusstheit grenzenlos und formlos ist, bringt sie einen ersten Vorläufer hervor, aus dem alle Energie und Form hervorgeht. Die Quantenphysik bezeichnet dieses erste, formlose Feld als Nullpunkt oder Vakuumzustand. Ich nenne es Selbst. Das tue ich, weil die Sprache der Quantenphysik nur auf seine unpersönliche Seite Wert legt. Das Selbst ist sowohl unpersönlich als auch unendlich vertraut. Das Selbst ist einzigartig in der ganzen Schöpfung. Es steht in zwei Welten: im unveränderlichen, alles durchdringenden reinen Gewahrsein und in seiner dynamischen Schöpfung, dem Feld von Geburt und Tod.
Das Selbst erhält und schützt unaufhörlich das, was Sie „Ich“ nennen, den Teil von Ihnen, der einen Körper hat, einen Verstand, eine Geschichte und eine Zukunft, Hoffnungen und Ängste. Das Selbst gleicht einem warmen Wintermantel. Auch wenn Sie sich gerade eifrig dem Leben widmen und vergessen haben, dass Sie einen Mantel anhaben, wärmt dieser Sie. Es spielt keine Rolle, ob Sie die Begriffe des reinen Gewahrseins und des Selbst völlig erfassen. Über beide lässt sich schwerer reden, als man sie erfahren kann. Ja, sowohl das reine Gewahrsein als auch das Selbst können Sie erfahren, auch wenn Sie von beiden nie etwas gehört haben.
Das Selbst zu erfahren ist äußerst subtil und großartig. Wahrscheinlich haben Sie Ihr Selbst bereits erfahren und wissen es nicht einmal. Das ist ein Problem. Falls Sie Ihr Selbst nicht kennen, können Sie Ihren tiefsten Wunsch nicht kennen. Auf den nächsten Seiten werde ich Ihnen die Schlüssel in die Hand drücken, die Ihnen das Tor zum Selbst öffnen. Voraussetzung dafür ist nur, dass Sie ein Mensch sind und dass Sie bewusst sind. Mehr braucht es nicht. Die Entdeckung Ihres Selbst ist Ihr Geburtsrecht.
Warum ist es so wichtig, Ihres Selbst gewahr zu sein? – Es ist mehr als wichtig, es ist lebensnotwendig, grundlegend, unverzichtbar. Das Selbst zu kennen bedeutet, frei zu werden von Hoffnungen und Ängsten. Sobald Sie Ihr Selbst erkennen (wozu uns ja schon vor langer Zeit Sokrates aufforderte), wird Ihre Sicherheit unerschütterlich. Dann fühlen Sie intensiv und positiv und Sie denken klar und eindeutig. Zudem werden Ihre Sinne (Hören, Sehen, Schmecken …) schärfer und lebendiger. Und Ihr Körper altert langsamer. Er wird entspannter, lässiger und viel widerstandsfähiger gegenüber Stress und Krankheiten. Keine schlechte Ausbeute für eine so einfache Entdeckung.
Nehmen Sie sich einen Moment Zeit und denken Sie an Ihre Kindheit zurück und dann an Ihre Jugend. Erinnern Sie sich jetzt an eine Zeit in Ihren Zwanzigern, Dreißigern… und so fort, bis zu Ihrem heutigen Alter. Denken Sie an das, was Sie jetzt gerade tun. Im Laufe Ihres Lebens haben Ihre Interessen und Ihre Gefühle sich gewandelt, Ihr Körper ist gewachsen und gealtert, Ihre Familienmitglieder sind reifer geworden, Freunde sind gekommen und gegangen. Doch da war ein Teil von Ihnen, den es schon immer gab, solange Sie zurückdenken können, und der heute immer noch da ist. Er hat sich nicht verändert.
Als Sie damals sagten: „Ich möchte zu meiner Mama“, oder später: „Ich verabscheue Sportunterricht“ oder „Ich werde dich immer lieben“ oder „Ich mag keine laute Musik“, identifizierten Sie sich mit Dingen, Ereignissen und Gefühlen, die Ihrem „Ich“ widerfuhren, aber nicht Ihrem „Selbst“ oder „ICH“. Die Dinge oder Gefühle Ihres Lebens (also sich nach Ihrer Mutter zu sehnen, die Sportstunden zu verabscheuen …), all das hat sich verändert und „ruht“ nun in dem Teil Ihrer Vergangenheit, der als Erinnerung bezeichnet wird. Dinge haben sich gewandelt, nicht aber das ICH.
Wenn Sie sagen: „Ich bin hungrig“, dann identifizieren Sie sich mit beiden Seiten Ihrer Existenz, mit dem unveränderlichen „ICH“ und dem veränderlichen „Ich“. Sie sagen, dass der Teil „ICH“ den Teil „Ich“ beobachte, der Hunger habe. Das „ICH“ ist wie ein stiller Zeuge oder Beobachter, der die Landschaft Ihres Lebens nur genießt. „Ich“ ist die Landschaft. „ICH“, das unzerstörbare und grenzenlose Selbst, war immer da. Es ist nicht gealtert und hat sich in keiner Weise verändert. Alfred Lord Tennyson schrieb zu diesem Mysterium der anhaltenden Unveränderlichkeit in seinem Gedicht The Brook sinngemäß: „Menschen kommen, Menschen gehen, ich aber gehe ewig weiter.“ Ebenso könnten wir, allerdings weit weniger elegant, formulieren: Meine Sicherheit, meine Gefühle, Gedanken, mein Körper und meine Umwelt kommen und gehen, doch „ICH“ bleibe immer. Dieser Satz berührt die Seele vielleicht nicht so stark, doch er bringt die Botschaft klarer „rüber“.
Die Sinne und der Körper sind wie Pferde, die einen Wagen durchs Leben ziehen. Der Wagenlenker ist Ihr Geist, Ihr Verstand. Ihr Selbst, das „ICH“, ist der Fahrgast, der Zeuge oder Beobachter von allem, was kommt und geht während Ihres Lebens und in der Zeit des „Ich“. Das Selbst bleibt unberührt und frei von den Kräften unserer Welt. Es ist das stille Zentrum des Friedens. Falls wir uns mit der umtriebigen Natur unseres Verstandes identifizieren, kommen wir nie zur Ruhe. Wenn wir das Leben von der Warte des Selbst aus wahrnehmen, bleiben wir von der offensichtlichen Mühe und dem Kampf unberührt, die uns auf der Straße des Lebens begegnen.
Das „Ich“ verändert sich ständig, das „ICH“ verändert sich nie. Wenn der Verstand auch zu wissen scheint, wohin er geht, so ist er doch verloren ohne die zarte Unterstützung des „ICH“. Das „ICH“ gleicht dem GPS-Satelliten, der die Position bestimmt: Es tut nichts, doch ohne das „ICH“ hat der Verstand keinen Bezugspunkt. Solange wir des „ICH“ nicht gewahr sind, werden wir vom Verstand, vom Körper und den Sinnen, also von den Bestandteilen des „Ich“, hinweggefegt. Pferd und Wagen gehen mit dem Fahrgast durch.
Bei den seltenen Gelegenheiten, da wir einen kostbaren Moment lang die chaotische Welt in Schach halten können, ertappen wir uns vielleicht bei der Frage: „Was soll das alles?“ oder „Was ist mein Lebenssinn?“ Und wenn vom „Ich“ keine Antwort kommt, dann flüchten wir uns in Überarbeitung, Fernsehen, Drogen, Sex, Geldverdienen, Geldausgeben oder alles andere, was den Verstand von diesen unbehaglichen, ruhigen Momenten ablenkt. Die Antwort ist einfach. Sobald wir des „ICH“ gewahr werden, überkommt uns eine Art Stille. Das „ICH“, das Selbst, wird zuerst als zarter Friede empfunden. Wenn sich dieser Friede im Laufe der Zeit vertieft, treten Freude und ein Gefühl von Ehrfurcht in unser Gewahrsein. Das fühlt sich so an, als beobachteten wir einen wundervollen Sonnenuntergang, brauchten aber keine Sonne dazu. Wir brauchen nichts. Friede und Freude treten dann immer wieder bei den seltsamsten Gelegenheiten und an den seltsamsten Orten auf. Eines Tages werden Sie erstaunt feststellen, dass Sie inneren Frieden während eines traumatischen Ereignisses empfinden oder in einer brenzligen Situation am Arbeitsplatz. Friede, das Ergebnis von Selbst-Bewusstheit, beginnt sich mit Nicht-Frieden zu vermischen. Genau dieses Verschmelzen von „ICH“ und „Ich“ vertieft die Lebenserfahrung und erweitert unsere Sicht der Welt.
Wenn wir unseres Selbst gewahr werden, dann werden wir wie ein Meer. Der Meeresgrund ist unbewegt und ruhig. An der Oberfläche finden wir Schaumkronen, Blasen und Wellen. Die unvorhersagbare, sich stets wandelnde Oberfläche entspricht dem „Ich“. Das „ICH“ aber gleicht der ruhigen Tiefe. Doch auch die größte Welle besteht aus Wasser. Das stille Wasser in der Tiefe nennen wir „ICH“ und das tosende Wasser an der Oberfläche „Ich“. Letztlich ist alles Wasser. Das „Ich“ ist lediglich ein aktiver Ausdruck des „ICH“. Wenn wir an der Meeresoberfläche leben, identifizieren wir uns mit der Turbulenz und dem Wandel. Wir erheben uns und fallen mit unseren Hoffnungen und Ängsten, nur um an die Felsenküste der Illusion geschleudert zu werden. Indem wir einfach der Tiefen des „ICH“ gewahr werden, genießen wir mühelos Halt und Gelassenheit. Die Stürme an der Oberfläche gehen weiter, doch vom Blickwinkel des „ICH“ aus bleiben wir unberührt.
Ein anderer Ausdruck für „ICH“ ist „ICH BIN“. Mit dieser Bezeichnung weisen wir darauf hin, dass das „ICH“ nichts tut, es ist nur. „ICH BIN“ bedeutet, dass nur das „ICH“ existiert, sonst nichts. Ich verwende gern dieses „ICH BIN“, denn es vertieft das Gefühl von „ICH“. René Descartes, der französische Philosoph des 17. Jahrhunderts, ist berühmt für seinen Ausspruch: „Ich denke, also bin ich.“ Seltsamerweise hat er den Satz umgedreht. (Sehen Sie mir nach, wenn ich mich hier zu einem Wortspiel mit seinem Namen verleiten lasse: Er ist sozusagen aus dem Wagen gestiegen [de-cart], bevor er vom Pferd abstieg [de-horse] … In diesem Sinne meine ich das mit der Umkehrung.) Er hätte besser sagen sollen: „ICH BIN, deshalb denke ich.“ Wenn wir Descartes’ Argumentation folgten, dann würde er aufhören zu existieren, sobald er zu denken aufhörte. Das stimmt einfach nicht. Diese Schlussfolgerung würde zwar für jemanden Sinn ergeben, der ständig denkt und nur an der Meeresoberfläche des Selbst vor sich hinlebt. Was würde passieren, wenn Ihre Gedanken einfach aufhörten? Würden Sie dann wirklich nicht mehr existieren? Wären Sie dann einfach abgeschaltet, als ob ein schicksalhafter Finger Ihren Lichtschalter ausgeknipst hätte? Da sage ich: „Keineswegs!“ Und ich werde es Ihnen im nächsten Abschnitt beweisen.
*
Wenn Sie sagen: „Ich bin hungrig“, dann erkennen Sie damit den unveränderlichen wie den veränderlichen Aspekt Ihres Seins an. „ICH BIN + hungrig“ = „ICH“ + „Ich“. Normalerweise richten wir unsere ganze Aufmerksamkeit auf das hungrige „Ich“ und ignorieren den Wohlgeschmack des „ICH“. Wenn Sie nur den körperlichen Hunger stillen, dann werden Sie vom Tisch aufstehen und immer noch nach der Fülle des „ICH“ hungern. Beide Seiten der Gleichung müssen im Gleichgewicht sein. Ihre Probleme werden nicht verschwinden und der Friede wird nicht aufblühen, solange Sie nicht Ihres Selbst gewahr werden.
Gleich werden Sie feststellen, dass der Verstand zu existieren aufhört, sobald Sie aufhören zu denken, doch das „ICH“ besteht ewig fort. Sowie der Gedanke an den Hunger schwindet, bleibt nur noch das „ICH BIN“. Oder wenn die Wut verschwindet, ist nur das „ICH BIN“ da. Alle weltlichen Wirren lösen sich auf in der grenzenlosen Umarmung des „ICH“, der Ganzheit des Selbst. Und wenn Verstand und Körper als Welle des „Ich“ wieder auftauchen, dann stützen sie sich auf das Meer des „ICH“.
Die gute Nachricht
Solange Ihre Identität auf Veränderung beruht, kommen Sie nie völlig zur Ruhe und kennen Ihr wahres Wesen nicht wirklich. Ihr Selbst ist der Teil von Ihnen, der sich niemals verändert. Lassen Sie mich das wiederholen: Ihr Selbst ist unveränderlich. Denken Sie darüber einen Moment nach. Das ist weder eine Philosophie noch Wunschdenken. Das ist konkreter, greifbarer als ein Stein. Ihr Selbst altert nicht, ermüdet nicht und erleidet nie Angst oder Schmerzen. Sobald Sie Ihr Selbst vollständig kennenlernen, werden Sie nicht mehr leiden oder von anderen verletzt werden. – Wie kann das geschehen? Alles, was man dazu braucht, ist eine Veränderung oder Verlagerung, ein Wechsel oder ein „Umschalten“ in der Wahrnehmung. Diese Veränderung ist rasch, leicht und mühelos vorzunehmen. Nicht durch alles Reden der Welt werden wir dieser Erfahrung auch nur einen Zentimeter näher kommen. Der Schlüssel dazu, das Herz des Erwachsenen zu öffnen und die kindliche Unbefangenheit ans Licht kommen zu lassen und zum Ausdruck zu bringen, besteht darin, dass man lernt, seine Aufmerksamkeit dem zu widmen, was man gerade JETZT tut! Sie haben schon alles, was Sie brauchen; also, fangen wir an.
Das „ICH BIN“ zu erfahren ist das Einfachste vom Einfachen, doch vielleicht brauchen Sie einige Versuche, um den Dreh herauszubekommen. Und zwar nicht, weil Sie es nicht können, sondern weil Sie zuerst nach etwas anderem suchen. Machen Sie sich keine Gedanken, diese Erfahrung gehört zu den normalen Erfahrungen des Menschen, jede und jeder ist dazu imstande. Gehen Sie es locker an, halten Sie sich an die einfachen Anweisungen und schon bald werden Sie Ihrem Selbst die Hand schütteln.
Verschiedene bedeutende Lehrer des 20. Jahrhunderts haben diese Technik genutzt, um das Denken anzuhalten. Sie ist eine direkte Herangehensweise, die keines Nachdenkens und keiner Meditation bedarf, und sie geht so:
Erfahrung 1: Die Gedanken anhalten
Setzen Sie sich bequem hin und schließen Sie Ihre Augen. Folgen Sie Ihren Gedanken, wohin sie Sie auch führen. Lenken und bewerten Sie sie nicht. Beobachten Sie einfach, wie sie kommen und gehen. Wenn Sie Ihre Gedanken fünf bis zehn Sekunden lang beobachtet haben, stellen Sie sich folgende Frage: „Woher kommt mein nächster Gedanke?“ Beobachten Sie dann sehr aufmerksam, was passiert. Warten Sie einfach und beobachten Sie.
Was ist passiert? Gab es eine kurze Unterbrechung in Ihrem Denken, während Sie auf den nächsten Gedanken gewartet haben? Haben Sie einen Freiraum, eine Art Lücke bemerkt zwischen der Frage und dem nächsten Gedanken? – Lesen Sie die Anleitung noch einmal und führen Sie die Übung erneut durch. Ich warte …
Da …, ist Ihnen ein kurzes Zögern in Ihrem Denken aufgefallen, eine Pause … zwischen den Gedanken? Falls Sie nach der Frage „Woher kommt mein nächster Gedanke?“ ganz aufmerksam waren, werden Sie bemerkt haben, dass Ihr Verstand darauf gewartet hat, dass etwas passiert. Die kurzzeitige Pause in Ihrem Denken rührt daher, dass der Verstand zu „entscheiden“ versucht, woran er als Nächstes denken soll. Eckhart Tolle sagt, das sei etwa so wie bei einer Katze, die ein Mauseloch beobachte: Sie waren hellwach, warteten, aber in dieser Lücke waren keine Gedanken da. Bitte führen Sie diese Übung noch einige Male durch und achten Sie auf die Lücke, den Raum zwischen den Gedanken. Diese Lücke mag sehr kurz sein, aber sie ist da. In dem Maße, wie Sie dieser „Denk-Pause“ gewahr werden, wird sie sich erweitern, vertiefen, verlängern.
Sie haben diese Lücke vorher schon oft erlebt, aber ich wette, Sie haben nie sonderlich darauf geachtet. Wenn Ihr Verstand das „Ich“ ist, interessiert er sich nicht für Stille. In bestimmter Hinsicht betrachtet er Stille als kontraproduktiv. Der Verstand verabscheut ein Vakuum. Bestenfalls erachtet er die Lücke als Ärgernis oder Störung, als etwas, was es zu füllen gilt.
Ist es den meisten von uns nicht ein wenig peinlich oder sind wir nicht verunsichert, wenn uns etwas, was wir sagen wollten, nicht mehr einfällt? Das Wort oder der Gedanke liegen uns auf der Zunge, doch so sehr wir uns auch bemühen, wir bekommen die Antwort nicht heraus. Je mehr wir uns anstrengen, desto stärker sind wir blockiert … Wann kommt die Antwort? Sie fällt uns dann ein, wenn wir unsere Gedanken nicht mehr wie verrückt voranpeitschen, sondern sie zur Ruhe kommen lassen. Sobald wir von unserem Bemühen ablassen und ruhig werden oder an etwas anderes denken, strömen uns die Worte aus dem Mund – sozusagen wie aus der Pistole geschossen. Diese „widerspenstigen“ Worte kommen nicht aus dem aktiven Verstand, sie kommen aus den Tiefen des stillen Selbst.
Damit meine ich Folgendes: Wenn jemand Sie nach Ihrem Namen fragt, antworten Sie, ohne zu zögern. Die Antwort kommt sicher und automatisch. Werden Sie aber im Laufe des Tages nach Ihrem Frühstück gefragt, kommt es zu einer kleinen Lücke in Ihrem Denken, während Ihr Verstand die Antwort sucht. Ist die Frage schwieriger, dann braucht der Verstand länger für die Antwort. Das heißt, der Verstand wartet auf die Antwort, die aus dieser Stille heraus Form annimmt. Der Verstand selbst bringt also nicht die Antworten hervor. Er bringt gar nichts hervor. Er gibt nur wieder, was im Selbst erschaffen wird. Für den Verstand ist das eine bittere Pille, die er da zu schlucken hat, denn er ist in die Illusion verliebt, er sei der Schöpfer.
Unser Verstand – immer bestrebt, die Antwort parat zu haben – wird ungeduldig bei dem, was ihm als Zeitverschwendung erscheint. Unsere ständige Denkaktivität ist wie eine Nebelwand, die die Tatsache zu vertuschen sucht, dass Schöpfung, der schöpferische, kreative Akt oder Moment, aus der Stille kommt und nicht aus der Aktivität. Der Verstand will nach der Antwort greifen und damit noch stärker dirigieren und kontrollieren. Der in diesem Sinne unachtsame Verstand ist unnütz und richtet eher Schaden an.
Wenn Sie Ihren Verstand fragen: „Woher kommt mein nächster Gedanke?“, ist er gezwungen, innezuhalten und achtsam zu sein. Von seinem Wesen her neigt er dazu, sich den ersten auftauchenden Gedanken zu schnappen und damit davonzusausen. Doch falls Sie dieser Neigung, „produktiv“ zu sein, widerstehen und genau hinschauen, woher Ihr nächster Gedanke wirklich kommt, werden Sie mit einem kurzen Blick auf Ihr Selbst belohnt, mit einer erfrischenden Pause. Sie haben dann die Antwort gefunden auf die Frage: „Was wollen Sie?“ Es ist die Antwort auf Ihre Ausgangsfrage: „Was ist mein tiefster Wunsch?“ Die Keimzelle aller anderen Wünsche und gleichzeitig die Pein des ewig rastlosen Verstandes ist diese tiefe Sehnsucht, das eigene Selbst zu kennen.
Da Sie nun wissen, woher die Gedanken kommen, empfehle ich Ihnen, diese einfache Erfahrung einmal pro Stunde jeweils eine Minute lang durchzuführen. Nehmen Sie sich einmal stündlich irgendwann eine Minute Zeit und halten Sie Ihr Denken an. (Falls Ihnen das nicht möglich ist, machen Sie die Übung nur dann, wenn Sie können, und dafür länger: etwa fünf oder zehn oder sogar zwanzig Minuten lang. Allerdings sind kürzere und häufigere „Besuche“ bei Ihrem Selbst für unseren Zweck günstiger.)
Kämpfen Sie nicht dagegen an, wenn sich andere Gedanken aufdrängen. Die werden immer auftauchen, weil es nun einmal das Wesen des Verstandes ist, zu denken. Stellen Sie einfach mit vollständigem Gewahrsein immer wieder die besagte Frage, bis die Zeit um ist. Bleiben Sie dran, Sie werden es nicht bereuen. Anfangs werden Sie wahrscheinlich Ihre Augen schließen müssen, doch recht schnell werden Sie die Frage mit offenen Augen stellen können. Und schon bald werden Sie diese Erfahrung machen können, während Sie Auto fahren, sich mit einer Nachbarin unterhalten oder sich am Arbeitsplatz einem dringenden Projekt widmen. Es wird nicht lange dauern, bis Sie feststellen, wie sehr diese harmlose Erfahrung Ihr Leben verändern kann. Sie brauchen nicht mehr zu tun, als regelmäßig die Lücke zwischen Ihren Gedanken zu beobachten; für den Rest ist gesorgt. Sie werden entspannter, kreativer, energiegeladener und freundlicher sein. Nach wenigen Tagen werden Sie ein Gefühl tieferen Friedens wahrnehmen. Nach einigen weiteren Tagen wird die Erfahrung sich mühelos einstellen. Sobald das der Fall ist, ist es wichtig, die eine Minute pro Stunde beizubehalten und die spontanen Besuche Ihres Selbst als Segen zu betrachten. Nach einer gewissen Zeit werden Sie Momentum erreichen, also an den Punkt kommen, dass der Friede von selbst wieder eintritt, wenn er weg war. Nun brauchen Sie sich nur noch zurückzulehnen und die Reise zu genießen.
Rückblickend fasse ich kurz zusammen:
Wenn wir das Selbst vergessen, vergessen wir, dass die Gedanken aus dem „ICH BIN“ erschaffen werden. Sobald das geschieht, identifizieren wir uns mit unseren Gedanken und Gefühlen. In der Aussage „Ich bin wütend“ identifizieren wir uns mit der Wut. Dann sind wir dem verhaftet, was die Wut mit sich bringt: Verletzung, Frustration, Rache … Von hier ist es nur ein kleiner Schritt in einen massiven Ringkampf mit unseren Gedanken und Gefühlen. Diesen Kampf können wir nicht gewinnen. Das Problem ist, dass wir glauben, unser Verstand zu sein; damit kommen wir in große Schwierigkeiten.
Das Selbst bringt den Verstand hervor, nicht umgekehrt. Ihr Selbst hat die Intelligenz. Ihr Verstand ist nur ein Werkzeug, das Sie nutzen, um Dinge auszuführen. Solange das Selbst den Verstand nicht anleitet und überwacht, funktioniert der Verstand „auf Autopilot“. Er meint zu wissen, was er tut, doch das ist nur eine Illusion.
„ICH BIN“ – der universelle Heiler
Ich habe einige provokative Behauptungen aufgestellt. Die wohl leidenschaftlichste davon war, dass die Menschen nur deshalb leiden, weil sie ihres Selbst nicht gewahr sind. Und Selbst-Gewahrsein beendet das Leiden. Lassen Sie uns nun einmal schauen, ob wir diese Worte untermauern und unser Gewahrsein auf unser Selbst richten können.
Führen Sie die Erfahrung 1 noch einige Male durch! Ihre Aufmerksamkeit sollte mit einem klareren, wenn nicht sogar längeren Blick auf die Lücke zwischen Ihren Gedanken belohnt werden … – Diese Lücke mag nur eine oder zwei Sekunden gedauert haben, doch sie war da. Ja, sie war da, doch was ist sie? Diese Lücke ist reines Gewahrsein; Gewahrsein des Nichts. Als Sie dieser Lücke gewahr wurden, konnten Sie sagen: „Ich nehme nichts wahr“ oder „Ich bin des Nichts gewahr“. Das Nichts ist reines Gewahrsein und das „ICH BIN“ ist das Selbst. Der Wagen, die Pferde und der Kutscher waren alle verschwunden und hatten den Fahrgast in diesem Augenblick mit sich selbst, dem Selbst, allein gelassen.
Hier kommt nun die große Preisfrage: Als Sie mit Ihrem Selbst allein waren, zwischen den Gedanken, waren da irgendwelche aufwühlenden Gefühle? Erinnern Sie sich an irgendeine Art von Unbehagen? – Nichts dergleichen, nicht wahr? Und falls Sie die Lücke wirklich genau beobachtet haben, könnten Sie festgestellt haben, dass Sie sich ein wenig friedlicher fühlten. Nur zu, probieren Sie es noch einmal! Es funktioniert jedes Mal. Es ist unmöglich, wütend, traurig, besorgt, schuldbewusst oder irgendwie negativ zu sein und gleichzeitig des inneren Selbst ganz gewahr zu sein. Unmöglich!
Das ist nicht einfach eine Irreführung. Sobald Sie mehr „Nicht-Denken“ erleben, empfinden Sie weniger disharmonische Gedanken und Gefühle. Weniger disharmonische Gedanken und Gefühle bedeuten klareres, eher wohlwollendes Denken und bessere Problemlösungsfähigkeit. Menschen, die Ihrem Selbst regelmäßig Zeit widmen, leben länger, friedlicher und dynamischer, als wenn sie das nicht täten. Und sie verursachen uns Übrigen weniger Probleme.
Nun mögen Sie fragen: „Wie kann ich durchs Leben gehen, ohne zu denken? Werde ich da nicht nur ziellos umhertappen und gegen Dinge stoßen?“
Machen Sie sich bereit für das Unglaubliche: Sie können beides – Sie können Ihres Selbst gewahr sein, während Sie gleichzeitig denken und fühlen und Kinder aufziehen. Ja, Sie werden sogar bei den profansten Haushaltspflichten mehr Freude empfinden, wenn Sie dabei des „unsinkbaren“ Selbst gewahr sind.
Ihres Selbst gewahr zu sein, während Sie Ihren Tätigkeiten nachgehen, das ist die Erfüllung Ihres tiefsten Wunsches.
Sie sehen, Sie können auf zwei Hochzeiten tanzen. Doch bevor wir diese Idee, dieses Konzept besser in den Griff bekommen, müssen wir noch ein wenig an den Grundlagen arbeiten. Ich bitte Sie, weiterhin ungefähr eine Minute pro Stunde Ihr Denken anzuhalten. Achten Sie darauf, wie das regelmäßige Erfahren des Selbst Ihr Leben verändert. Falls Sie irgendwann eine Form von Negativität erleben, erinnern Sie sich einfach daran, Erfahrung 1 häufig durchzuführen. Wenden Sie die Übung nicht an, um die Negativität zu bekämpfen. Das wird nicht klappen. Machen Sie einfach die Erfahrung und achten Sie auf alle Veränderungen. Verhindern Sie die Erfahrung nicht, beobachten Sie sie. Von Ihrem Üben werden Sie doppelt profitieren, weil dadurch auch der Inhalt der nächsten Kapitel für Sie mehr Sinn ergibt. Danach sind Sie bereit für weitere Erfahrungen.
Kerngedanken von Kapitel 1
• Glücksgefühle sind Teil des Problems, nicht das Heilmittel.
• Innerer Friede ist nicht durch Anstrengung zu erreichen.
• Es gibt nur eine Lektion zu lernen: Werden Sie Ihres Selbst gewahr!
• Probleme lösen sich mühelos auf, wenn man des Selbst gewahr wird.
• Innerer Friede ist eine Begleiterscheinung, ein Anzeichen von Selbst-Gewahrsein.
• Der erste Ausdruck des reinen Gewahrseins ist das grenzenlose Selbst.
• Das Selbst ist jenseits der Sinne und jenseits der Gedanken, es lässt sich aber leicht als Nicht-Erfahrung erfahren.
• Das „Ich“ ist die individuelle Persönlichkeit, die sich im Laufe Ihres Lebens verändert (hat).
• Selbst-Gewahrsein ist die Erfüllung Ihres tiefsten Wunsches.
2. Mit neuen Augen sehen
„Angesichts der Ideen und Konzepte, die sich inzwischen als fundamental für unser Verständnis der Natur erweisen, gleicht das Universum allmählich eher einem großen Gedanken als einer großen Maschine.“
Sir James Jeans
Die Art und Weise, wie wir derzeit unser Leben führen, uns verwirklichen und zum Ausdruck bringen, funktioniert nicht. Innerer Friede ist zum Gespenst geworden, zum Stoff für Märchen und Mythen. Warnzeichen finden wir rundum. Doch wir entscheiden uns dafür, Schlafwandlern gleich an ihnen vorüberzugehen, unseren Blick in die Zukunft gerichtet. Wir sind überzeugt: Wenn wir hart arbeiten, unsere Familie lieben und unsere Steuern bezahlen, dann werden wir mit den Dingen belohnt, die wir uns wünschen, die wir begehren. Diese Form des Schlafwandelns erreicht epidemische Ausmaße. Ein kurzer Blick auf unseren eigenen Zustand und den der übrigen Welt sollte uns rasch aus diesem Albtraum reißen. Das bloße Hinschauen sollte uns schon deutlich vor Augen führen, dass unsere vertraute Lebensweise nicht funktioniert.
Warum ist das so? Ganz einfach, wir leben eine Lüge. Wir glauben, wenn wir nur weiterhin an unseren Problemen herumpickten, würden wir eines wunderbaren Tages aufwachen und alle unsere Probleme wären auf magische Weise gelöst. Ist das bisher Ihre Erfahrung? Kennen Sie jemanden, die oder der frei von Problemen ist? Haben Geld, eine gute Gesundheit, Wohltätigkeit oder irgendeine andere Bemühung jemals auch nur einen Menschen in den erhabenen Zustand der „Problemfreiheit“ versetzt? Keineswegs. Trotz erdrückender Gegenbeweise handeln wir weiterhin so, als wären wir eines Tages frei von Problemen.
Das Erbe Newtons
Haben Sie schon einmal den Spruch gehört: „Je mehr man weiß, desto sicherer weiß man, dass man nichts weiß.“? Oder wie steht es mit diesem: „Wenn ich ein Problem löse, treten zwei andere an seine Stelle.“? In diesen Aussagen verbirgt sich die Erkenntnis, dass wir unsere Welt nicht mit der Brachialgewalt des Intellekts bezwingen können. Der Einfluss der newtonschen Physik spornt uns an, mehr Informationen zu sammeln und auf das jeweilige Problem anzuwenden. Die Idee dahinter besagt: Wenn wir endlich genug Informationen zusammengetragen haben, werden wir unser Schicksal meistern. Das wird das Ende des Leidens bedeuten … Diese Herangehensweise funktioniert gut bei eng umrissenen Herausforderungen, etwa bei einem Leck in einem Rohr, bei einer quietschenden Schaukel im Garten, bei einem noch nicht perfekten Golfschlag, bei übermäßigem Essen oder beim Erlernen der japanischen Sprache. Dieser Ansatz kann aber nicht die schwerwiegenden Konflikte lösen, die unser Leben ausmachen.
Und zwar deshalb nicht, weil unser Leben in seiner Komplexität unser Verständnis übersteigt. Wir können gar nicht alles wissen, was wir wissen müssten. Schon für die einfache Tätigkeit, dieses Buch zu halten und seinen Inhalt zu lesen, müssen Billionen von Nervenimpulsen pro Sekunde an den Synapsen feuern. Und dabei geht es nur um den physischen Vorgang des Lesens. Können Sie sich vorstellen, welcher ordnenden Kraft es bedarf, um diese elektrischen Impulse in Verständnis, in anwendbares Wissen umzuwandeln? Ich nicht. Das übersteigt mein geistiges Verständnis, weil es über meinen Verstand geht. Und jetzt kommen wir zum Kern des Problems.
Die klassische Physik, die großenteils auf den Erkenntnissen von Sir Isaac Newton basiert, ist seit mehr als 200 Jahren der „Plan“, nach dem wir leben. Sie geht an die uns bekannte Welt mit den Sinnen heran, die Welt mit ihren Bäumen, dem Himmel, den Autos und Gebäuden, den Arbeitsplätzen und Familien. Doch in unserem Leben gibt es noch viel mehr als das, was wir sehen, schmecken oder hören. Da gibt es das ganz Große und das ganz Kleine, die Galaxien im Kosmos und die tanzenden Energien im Inneren der Atome. Diese Welten beeinflussen uns ebenso stark wie oder stärker als unsere Arbeit und unsere Familie. Solange wir glauben, sie wirkten sich nicht in nennenswerter Weise auf unsere Lebensweise aus, stecken wir sozusagen den Kopf in den Sand.
Wenn im Wald ein Baum umfällt …
Die Quantenphysik erforscht das „Leben“ jenseits unserer Sinne. Bedeutende Erkenntnisse der letzten paar Jahre sind so erstaunlich, dass sie schon fast mystisch sind. Eine solche Erkenntnis hilft uns, unser Problem mit den Problemen zu verstehen:
Die Quantenmechanik zeigt uns, dass wir, wenn wir einen Vorgang beobachten, das Ergebnis dieses Vorgangs tatsächlich beeinflussen. In meinem ersten Studienjahr hatte ich einen Englisch-Grundkurs, der dreimal in der Woche morgens um acht Uhr stattfand. Ich liebte Englisch und hasste die frühe Zeit. An einem feucht-kalten Novembermorgen hingen die Wolken wie graue Baumwolle knapp über den Bäumen. Im Unterrichtsraum war es heiß und genauso trostlos wie das Wetter. Ich war schon bei meiner zweiten Tasse Kaffee und setzte mich an einen Tisch in der letzten Reihe. In seiner Begeisterung über seinen ersten Lehrauftrag war der junge Dozent weit enthusiastischer, als ein Englischlehrer das eigentlich sein durfte. War ihm denn nicht klar, welche Tageszeit es war? Ohne irgendeine Einleitung lächelte er uns an, als wollte er mit seinem Lächeln sagen: „Damit werde ich Sie aufwecken“, und fragte uns: „Wenn im Wald ein Baum umfällt und niemand es beobachtet, ertönt dann ein Geräusch?“
Mein erster Gedanke war: Selbstverständlich macht ein umstürzender Baum ein Geräusch, wenn niemand da ist. Was für eine absurde Frage! Und dann drängte sich aus der hintersten Ecke meines Geistes ein anderer Gedanke nach vorn. „Und was wäre, wenn er kein Geräusch machte?“ Wie könnten wir das herausbekommen? Wir könnten eins der modernen Tonaufzeichnungsgeräte aufstellen, das würde die Frage ein für alle Mal beantworten. Doch wenn eine Intelligenz, sagen wir, dieselbe Kraft, die den Wald erschaffen hätte, das Vorhandensein eines von Menschen gebauten Gerätes wahrnehmen könnte? Was wäre, wenn diese Kraft genau die Ergebnisse hervorbringen könnte, die die Menschen, die den Rekorder aufstellten, erwarten? Auch das erschien absurd. Wie könnte die schwerfällige, alte Mutter Natur den Menschen austricksen? Ist es schließlich nicht nur eine Frage der Zeit, bis wir unsere Umwelt völlig beherrschen? Wir bauen Straßen und fahren mit Autos, wir errichten Einkaufszentren und geben Geld aus, wir bauen Häuser und regeln das Klima darin. Darin sind wir recht gut. Im Laufe der Zeit werden wir sogar immer besser. Oder haben die Naturkräfte und die Wirkkräfte des Universums andere Pläne für uns?
Diese Ausgangsfrage, die mein Dozent so beiläufig einfließen ließ, entwickelte ein Eigenleben. Er hat damit sicherlich noch einen „Hinweis“ auf unseren Englischkurs verbunden, doch ich erinnere mich an gar nichts mehr, was er nach dieser täuschend verzwickten Frage sagte. Ich vermute, er hat mich tatsächlich aufgeweckt – aber anders, als er es beabsichtigt hatte. Ich erinnere mich kaum, wie ich den Kurs verließ und nach draußen ging. Die frische Morgenluft schlug mir ins Gesicht und ich blickte hinauf in einen wolkenlosen, blauen Himmel.
Vor fast vierzig Jahren hörte ich diese Frage also zum ersten Mal. Damals glaubte ich, wir hätten bereits die meisten Antworten und unsere wissenschaftliche Methode würde bald alles entdecken, was wir brauchten, um unser Schicksal zu meistern. Und als Meister unseres Schicksals würden wir glücklich und endlich im Frieden sein. Inzwischen sehen wir die Dinge anders.
Das klassische Doppelspaltexperiment der Quantenmechanik belegt, dass der Vorgang des Beobachtens den Ausgang eines Ereignisses verändert. Dem Geist nach hat die neue Wissenschaft die Frage beantwortet, die mein Englischlehrer vor so langer Zeit stellte. Wir wissen jetzt mit absoluter Gewissheit: Wenn im Wald ein Baum umfällt und jemand da ist, der das beobachtet, dann läuft das Ereignis anders ab. Und nun halten Sie Ihren Hut, Ihre Kappe fest: Die neuesten Untersuchungen legen nahe, dass jedes Ereignis nur eine Möglichkeit ist [engl.: potential]. Das heißt aber, es gibt unendlich viele Möglichkeiten, wie sich die Dinge entwickeln können. Eine Situation bleibt gleichsam in Saatform und entwickelt sich erst dann, wenn sie beobachtet wird!
Bleiben Sie ganz ruhig! Sie brauchen hier keine Grundkenntnisse der Quantenphysik. Glücklicherweise setzt Ihr innerer Friede kein intellektuelles Verständnis dafür voraus. Ich erwähne es nur, um Ihnen eine andere Sichtweise auf Ihre Welt vorzustellen. Denn wie Sie bald erkennen werden, ist eine Änderung der Sichtweise der erste Schritt hin zu einem sinnvollen Leben, das frei von Leiden ist und in dem sich Ihr tiefster Wunsch erfüllt.
Zwei einfache Regeln
Ein „Umschalten“ Ihrer Wahrnehmung kann viel Verwirrung aus Ihrem Leben beseitigen. Ich möchte Ihnen zwei einfache Regeln vorstellen; sie erleichtern Ihrem Verstand diesen Wechsel der Sichtweise, der selbst erzeugte Leiden massiv lindern kann. Mein ganzes Erwachsenenleben hindurch habe ich mich von diesen beiden einfachen Einsichten leiten lassen. Sie haben mir Trost gespendet und eine Richtung gewiesen:
• Die erste Einsicht lautet: „Das Leben ist Harmonie.“ Das heißt, es herrscht immer eine Ordnung im Universum, auch wenn es nicht so erscheint.
• Das zweite Diktum lautet: „Die Welt ist nicht so, wie ich sie wahrnehme.“ Mir ist es unmöglich, in jeder sich mir bietenden Situation alles zu wissen, zu fühlen oder wahrzunehmen – deshalb ist mein Verständnis zwangsläufig lückenhaft.
Diese schlichten Sentenzen haben meine persönliche Entwicklung tiefgehend beeinflusst. Wenn die Welt nicht in Harmonie wäre, könnte ich Leiden oder eine Einschränkung als natürlich akzeptieren. Wenn ich den Eindruck hätte, meine Sicht der Welt sei vollständig, dann könnte ich meine Einstellung als die „korrekte“ empfinden. Wann immer ich ins Stocken geriet oder mich in eingefahrenen Geleisen bewegte, rief ich mir selbst ins Gedächtnis, dass das Leben im Grunde genommen freudvoll sei und dass meine Wahrnehmung diese Fülle nicht widerspiegele.
Schon bald schaute ich hinter die Kulissen. Allmählich brachten die beiden einfachen Regeln mich dazu, meinen Griff zu lockern und das Leben wie eine dahinplätschernde Melodie an mir vorüberziehen zu lassen. Das ist übrigens eine recht gute Analogie. Wir genießen Musik dann am intensivsten, wenn wir die Melodie wie einen Fluss durch unser Bewusstsein strömen lassen. Falls wir auch nur an einer einzigen Note festhalten, entgeht uns die Gesamtwirkung der Komposition. Unser Leben sollte, genau wie Musik, frei dahinfließen können. Indem wir an Menschen, Vorstellungen und Dingen festhalten, unterbrechen wir den Fluss und machen die Melodie zunichte.
Sie und ich, wir sind gleich und wir sind völlig verschieden. Wir verbinden uns miteinander über unsere Gleichheit. Unsere Unterschiede verleihen unserer Gleichheit Süße. Wenn diese beiden Gegensätze ins Gleichgewicht kommen, profitiert davon alles. Das war immer schon das Rezept für ein erfülltes und erfolgreiches Leben. Ich teile Ihnen dies hier nicht deshalb mit, weil ich glaubte, Sie wüssten es nicht, sondern weil Sie es vergessen haben könnten.
Nach diesen beiden genannten Prinzipien also lebe ich, nicht aufgrund einer umständlichen Philosophie, sondern weil sie aus meinem früheren Leben als Kind zu mir kamen. Sie waren die Leitsterne der Kindheit, bevor ich die Zeit lernte und der Raum angefüllt wurde mit „notwendigen“ und „praktischen“ Werkzeugen für ein erfolgreiches Leben. Falls Sie die Gültigkeit dieser beiden einfachen Regeln überprüfen wollen, dann fangen Sie nicht an, sich an Vergessenes zu erinnern. Beginnen Sie da, wo Sie jetzt gerade sind, sodass nicht Ihre Hoffnungen oder Erinnerungen die Regie über Ihr Denken und Handeln gewinnen.
Sie bekommen, was Sie erwarten
Subtil und tiefgreifend wirken wir selbst auf alles und auf jeden um uns herum ein. Alles ist sozusagen unter Kontrolle – nur nicht unsere Art zu denken. Wir bewirken, dass Dinge geschehen, aber nicht durch unser Handeln. Veränderung vollzieht sich durch einfaches Beobachten. Und wer behauptet, Wissenschaft sei langweilig? Bis zur Entdeckung dieses Phänomens glaubten wir, wir könnten das Leben beobachten, ohne es zu verändern. Die klassischen Wissenschaftler lehrten uns, „objektive Beobachter“ zu sein. So etwas gibt es gar nicht, wie sich inzwischen herausgestellt hat. Wir können gar nicht existieren, ohne jedes andere Ding in der Schöpfung zu beeinflussen. Diese Entdeckung hat sehr tiefgreifende Konsequenzen. Was wir für offensichtliche Kontrolle über einen Gegenstand oder ein Ereignis halten, ist in Wirklichkeit eine illusionäre Kontrolle.
Und zwar aus folgendem Grund: Bevor etwas geschaffen wird oder zustande kommt, ist es gemäß der Quantenphysik eine Wolke von Energie, die darauf wartet, dass ihr jemand (ein Beobachter) eine Richtung weist. Diese Energie nimmt um unsere Erwartungen herum Form an. Wenn wir ein Problem angehen, betrachten wir es zuerst. Sobald wir das Problem betrachten, beginnt der Same der Veränderung bereits zu sprießen. Schon der Beobachtungsvorgang setzt die Lösung in Gang – in die von uns erwartete Richtung. Nun ja, zugegeben, es ist etwas verzwickter, als hier beschrieben, sodass wir nicht immer das bekommen, was wir erwarten. Dennoch ist diese Entdeckung von beachtlicher Bedeutung. Sie besagt nämlich, dass sich Ereignisse in die von uns erwartete Richtung bewegen. Das verleiht unseren Erwartungen meiner Ansicht nach eine ziemliche Bedeutung.
Interessant ist, dass die meisten von uns Probleme erwarten. Warum auch nicht? Unsere Eltern und deren Eltern taten das ja auch. Ja, das ganze Kollektivbewusstsein der Menschheit scheint mit Leiden und Kampf gerechnet zu haben, und zwar weit über die Erinnerung hinaus. Der Kreislauf ist ungebrochen, mal abgesehen von einigen wenigen Koryphäen und liebenswürdigen Gemütern in jeder Generation.
Außergewöhnliche Menschen
Es gibt Menschen, die andere Erwartungen hegen als die meisten von uns. Diese Menschen haben das Erwachsenenalter erreicht und dabei die Arglosigkeit, Freude und Kraft der Kindheit nicht verloren. Sie sind selten, aber vielleicht haben Sie das Glück, einen von ihnen persönlich zu kennen. Diese bemerkenswerten Menschen sind zufrieden, wie sie sind und wo sie sind, und sie sprechen stark auf Schönheit an. Sie werden weniger von egozentrischen Bedürfnissen angetrieben; dafür sind sie anderen gegenüber hilfsbereiter und für deren Bedürfnisse empfänglicher. Angst kennen sie weniger. Sie sind kreativ, erfinderisch und spielerisch. Sie sind liebenswert, schelmisch und humorvoll. Vielleicht fühlen Sie sich zu ihnen hingezogen, weil Ihnen der Gedanke durch den Kopf geht: „Das ist ein wunderbarer Mensch. Wenn wir alle so wären wie sie oder er, dann wäre unsere Welt ein sicherer und wunderschöner Ort.“
Abraham Maslow nennt diese Menschen „Transzendierende“ [engl.: transcenders], also Menschen, die Transzendenz vollziehen oder realisieren. Sie machen nur einen kleinen Prozentsatz der gesamten Menschheit aus, vielleicht nur ein halbes Prozent. Doch es gibt sie und sie sind real. Die Frage lautet: „Können auch wir erlangen, was sie haben?“
Die Antwort lautet: „Ja!“ Wir können unser Leben mit Frieden, Freude und Liebe erfüllen. Wir können Angst, Schuldgefühle, Frustration ebenso ausräumen wie dieses unterschwellige Unbehagen, das immer im Hintergrund ist wie das Summen einer lauten Klimaanlage in einem heißen Sommer.
Wir sind Menschen und wir sind nicht „fertig“. Wir schlüpfen gerade aus unserem Kokon heraus. Transzendierende sind die Schmetterlinge unserer Spezies. Sie zeigen uns, was wir alle werden können. Das inspiriert; doch damit ist es noch nicht getan.
Zu wissen, dass wir nicht vollkommen sind, ist der erste Schritt auf dem Weg zum Ganzwerden. Wir spüren es von tief innen aufsteigen, wenn wir ganz ruhig sind. Es ist ein Gefühl der Unvollständigkeit, als ob etwas fehlte. Dieses Unbehagen versuchen wir beispielsweise oft dadurch zu übertönen, dass wir uns unermüdlich beschäftigen. Je vehementer dieses Gefühl der Leere seinen aufdringlichen Kopf in unsere bewussten Angelegenheiten stecken will, desto mehr arbeiten wir, um es mit den beiden Füßen „Arbeit“ und „Sorgen“ niederzutrampeln. „Ich bin ein Arbeitstier“, verkündet ein Geschäftsmann stolz. „Ich muss immer etwas tun. Nur herumzusitzen ist Zeitverschwendung“, sagt eine Frau über ihr Leben allgemein. Das sind eindeutige Anzeichen von Leere. Wir sind von einer hinterhältigen Seuche infiziert, der viele erlegen sind. Eckhart Tolle, ein Visionär von heute, stellte fest, dass Unzufriedenheit, Missmut und Angst sich schneller ausbreiteten als ein Virus.
Das Wissen um ein Problem ist der erste Schritt zu seiner Lösung. Zu wissen, dass andere die gleichen Probleme bereits überwunden haben, vor denen wir selbst stehen, ermutigt uns. Es macht Mut und ist eine Falle. Denn jeder von uns befindet sich auf seiner eigenen Reise. Bücher, Organisationen und Menschen sind nur Wegweiser. Sie können nur in die Richtung weisen, die sie für sich selbst als die beste empfinden. Ihr Weg zur Ganzheit führt Sie eine Straße entlang, die nur Sie gehen können. Vor meinem geistigen Auge sehe ich einen riesigen Schwarm schneller, silberner Fische, die in vollkommener Harmonie schwimmen. Wenn der „Anführer“ die Richtung wechselt, drehen sich alle Fische mit ihm um. Was für ein wunderbares Beispiel von Einheit! Doch wenn der Anführer sich verirrt hat? Wenn er geradewegs auf das Maul eines Raubfischs zuschwimmt?
Eine „gespiegelte“ Sicht der Dinge
Worin unterscheiden sich die Menschen, die Maslow Transzendierende nennt, von uns? Dass sie die Welt anders wahrnehmen als die übrige Menschheit, das liegt auf der Hand. Die Wahrnehmung bestimmt die Erwartung. Stoßen sie irgendwie in die Welt der Quantenmechanik vor? Sind sie imstande, die subtilen Mechanismen der Schöpfung zu sehen, und erkennen sie, dass das Leben, wie es sich unseren Sinnen darbietet, nur ein kleiner Ausschnitt der Herrlichkeit und Ganzheit der Schöpfung ist? Die Antwort ist sonnenklar. [Wörtlich: „Die Antwort ist so unbezweifelbar wie die Nase in Ihrem Gesicht.“ Anm. der Übers.]
Aber wie klar und unzweifelhaft ist die Nase in meinem Gesicht wirklich? Lassen Sie uns das kurz betrachten. Von dem Punkt aus, von dem ich in die Welt hinausschaue, ist meine Nase nicht gerade besonders deutlich zu erkennen. Ich habe eine ganz eigene Sicht auf sie, wohin ich auch gehe: Ich kann mein rechtes Auge schließen und verschwommen meinen linken Nasenflügel sehen und das Gleiche kann ich mit dem linken Auge machen, doch damit sind meine Möglichkeiten so ziemlich erschöpft.
Nehme ich jedoch einen Spiegel zu Hilfe, so eröffnet sich mir eine ganz neue Welt. Sobald ich mir einen Spiegel vors Gesicht halte, sehe ich meine Nase ganz deutlich. Wenn ich den Spiegel bewege, sehe ich beide Nasenflügel und die Nasenwurzel ganz klar. Ich kann sogar in meine Nase hineinschauen, wenn ich den Spiegel darunterhalte. Stellen Sie sich mal vor, welche Möglichkeiten eine solche Sichtweise eröffnet …
Meinem Gefühl nach können Transzendierende sich diese „gespiegelte“ Sicht der Dinge zu eigen machen. Sie können das Leben aus mehr als einem Blickwinkel betrachten. Ja, die Anzahl der verschiedenen Blickwinkel, mit denen sie die Möglichkeiten, das Potenzial jedes einzelnen Ereignisses anschauen, ist grenzenlos. Dank dieser Fähigkeit sind sie imstande, einen sehr neugierigen und beneidenswerten Standpunkt einzunehmen. Sie sind zu zahllosen Sichtweisen fähig. Das heißt, sie hegen praktisch keine Erwartungen. Sie nehmen die Welt wahr und interagieren mit ihr so, wie sie ist, und nicht so, wie sie sie haben wollen. Der individuelle Geist des Transzendierenden ist eins mit dem kosmischen Geist. Diese Menschen haben ihr Gefühl von Individualität aufgegeben zugunsten eines Gefühls von Universalität.
Für Transzendierende ist das Leben ein Abenteuer. Weil sie wissen, dass das Potenzial jeder Situation grenzenlos ist, versuchen sie nicht, sich in das Ergebnis einzumischen. Sie versuchen nicht, ihren Willen zu ihrem eigenen Vorteil „durchzudrücken“, wie wir übrigen es gelernt haben. Transzendierende sind damit zufrieden, zuzusehen, wie sich die Schönheit der Schöpfung vor ihnen entfaltet. Die einende Kraft des Universums übersteigt das Verständnis des menschlichen Geistes. Unser Verstand kann einfach nicht alle möglichen Kombinationen kennen, die einem einzelnen Ereignis innewohnen. Kräfte aller Art, aus allen Richtungen und allen Ebenen kommen bei jedem einzelnen Ereignis zum Tragen, und zwar in jedem Moment, zu jeder Stunde, jeden Tag, jedes Jahr, jedes Jahrtausend bis in alle Ewigkeit. Mir persönlich fällt es schon schwer, mir die Zahlenkombination für mein Postschließfach zu merken. Ich habe daher nicht die Absicht, mich an der Faktorenkombination, am Schlüssel für das Verständnis der Schöpfung zu versuchen.
Beobachten – ein Vollzeitjob
Das brauche ich auch nicht. Die Schöpfung sorgt für sich selbst. Es scheint, als sei meine einzige Aufgabe, zu beobachten, wie sich dieser Prozess entfaltet. Heißt das, dass ich den ganzen Tag halb benommen herumsitze, während die Welt an meinem Fenster vorüberzieht? Nein. Maslow hat festgestellt, dass Transzendierende dynamische, kreative und produktive Menschen sind. Beobachten ist eine Form von Loslassen. Es ist das Bewusstsein, dass sich jede einzelne Situation unendlich vielfältig entwickeln kann. Das Beobachten ermöglicht der Welt, sich ungestört zu entfalten. Wenn ich die Schöpfung für sich selbst sorgen lasse, ist die Welt immer neu. Ein sicheres Anzeichen dafür, dass Sie versuchen, die Dinge zu Ihrem persönlichen Vorteil zu kontrollieren, ist Langeweile. Ja, Langeweile empfinden Sie, wenn die Dinge nicht so laufen, wie Sie es erzwingen wollen. Das Leben verliert seine Frische, wird schal und uninteressant und Ihnen wird langweilig. Ein Kind langweilt sich erst, wenn es lernt, sich Ziele zu setzen und sich aufzuregen, falls es diese nicht erreicht. Bis dahin werden ein Topf und ein Löffel das Kind stundenlang inspirieren.
Während ich beobachte, handle ich auch. Aber beachten Sie die Reihenfolge: Beobachten Sie das Selbst und handeln Sie dann. Merke: Erst sein, dann tun. Das Tun resultiert ganz natürlich aus dem Beobachten, nicht aber aus dem Planen. Ebenso wenig kommen Gedanken aus anderen Gedanken. Sie kommen aus dem Selbst. Nichts schadet der Lebensenergie mehr, als einen Plan einzuhalten, der sich selbst entgegenwirkt. Falls Sie sehen wollen, wie zerstörerisch diese Angewohnheit mittlerweile ist, dann denken Sie einen Moment darüber nach, wie wir Menschen die Erde umbringen. Das ist kein wirklich kluger Schachzug. Wir wurden schon einmal mit einer Krebserkrankung im Gesicht von Mutter Erde verglichen. Wenn sie ihren letzten Atemzug macht, werden wir mit ihr zugrunde gehen. Transzendierenden ist es unmöglich, sich selbst, andere oder ihre Umwelt zu zerstören. Und zwar deshalb, weil sie unablässig beobachten, was ist, und dann das Notwendige tun.
Tod ist Leben
Im Universum gibt es eine Ordnung, eine Art intelligente Energie, die zu wissen scheint, was überall gleichzeitig vor sich geht. Die Quantenmechanik kennt viele Namen für diese universelle Ordnung, etwa: die implizite Ordnung, das Unmanifeste, das Submanifeste oder der Vakuumzustand. Wenn diese Energie oder Ordnung sich an die Arbeit macht, dann brauchen wir nur aus dem Weg zu gehen und zuzuschauen. In meiner Ausbildung zum Chiropraktiker lernte ich, die Kraft, die den Körper erschaffen habe, heile ihn auch wieder. Als Chiropraktiker lernten wir auch die Maxime: Finde es (das Problem), bring es in Ordnung und dann lass es in Ruhe! [Engl.: Find it, fix it and leave it alone!] Dieses philosophische Prinzip bietet eine tiefe Einsicht, wie die universelle Ordnung sich manifestiert und wie Beobachten wirkt.
Wie schwer ist es, den Schnitt heilen zu lassen, wenn Sie sich in den Finger geschnitten haben? Müssen Sie dem Schnitt gut zureden, ihn ermuntern, für ihn beten oder ihn bestechen, damit er heilt? – Sie brauchen nichts zu tun. Die Kraft oder Macht, die den Körper schuf, heilt ihn auch. Vielleicht sollten Sie etwas tun, um die Heilung zu unterstützen, etwa die Wunde säubern und ein Pflaster daraufkleben. Doch die Heilung vollzieht sich, weil die universelle Energie oder Ordnung sich als Leben in Ihrem Körper ausdrückt. Zum Vergleich: Reinigen Sie eine Wunde an einem Leichnam, kleben Sie ein Pflaster darauf und beobachten Sie, ob da ebenfalls Heilung stattfindet …
Im Prozess des Sterbens sehen wir eine andere Energie bzw. Ordnung am Werk, die Ordnung des Abbauens, des Zerstörens. Auch sie ist ein Ausdruck der universellen Ordnung. Sie ist nicht schlecht, nur anders.
Ohne diese Zerstörung, den Abbauprozess wären wir ganz schön in der Bredouille. Der Tod ist ein natürlicher Teil des Lebens und muss zugelassen werden, damit das Leben sich entwickeln kann. Wenn sich eine Knospe an einem Kirschbaum öffnet, freuen wir uns über ihre Schönheit. Wenn die Blüte zu verwelken beginnt und „stirbt“, freuen wir uns wieder, denn bald werden die Früchte schwer an den Kirschbaumzweigen hängen. Sobald die Früchte verfaulen und mit Samen zu Boden fallen, freuen wir uns erneut. Ein neuer Baum wird geboren und dann auch wieder sterben. Kein Ding, keine Idee und kein Ereignis sind von diesem kosmischen Kreislauf ausgenommen. Selbst der Wunsch, den Tod zu überwinden, wird sterben. Wenn das Verlangen, den Tod zu besiegen, schließlich stirbt, entsteht eine Lücke, die frei ist vom Willen. In dieser Lücke, jenseits des Wunsches zu leben, ist der Vorläufer des Selbst begründet, das, was nie geboren wurde und niemals stirbt.
Falls Ihnen das alles zu geheimnisvoll oder mystisch klingt, verwerfen Sie dieses Denken dennoch nicht achtlos. Selbst die Sprache der Wissenschaft von heute klingt befremdlich rätselhaft und undurchsichtig. Doch das erscheint nur dem an bestimmte Begriffe gebundenen Verstand so. Was der Verstand nicht erfassen kann, das lässt sich ganz einfach und in einem einzigen Moment erfahren. In Kürze lernen Sie, aus Ihrem Verstand „herauszutreten“ und ein reiner Beobachter zu werden. Eine einfache Verlagerung der Sichtweise – und Ihr Leben wird sich für immer verbessern.
Kerngedanken von Kapitel 2
• Wir gehen Probleme so an, als ob wir eines Tages frei davon wären.
• Wir können unsere Welt nicht mit der Brachialgewalt des Intellekts erobern.
• Folgende beiden einfachen Regeln verändern unsere Wahrnehmung und befreien uns vom Leiden:
1. Es herrscht immer Ordnung im Universum.
2. Die Welt ist nicht so, wie ich sie wahrnehme.
• Was wir für offensichtliche Kontrolle über einen Gegenstand oder ein Ereignis halten, ist in Wirklichkeit eine illusionäre Kontrolle.
• Menschen, die die Transzendenz realisieren (vollziehen), haben ihr Gefühl von Individualität aufgegeben zugunsten des Gefühls von Universalität.
• Langeweile ist ein sicheres Anzeichen dafür, dass Sie versuchen, Ihr Leben zu Ihrem persönlichen Vorteil zu kontrollieren.
• Tun resultiert ganz natürlich aus dem Beobachten, nicht aber aus dem Planen.
• Der Tod ist ein natürlicher Teil des Lebens und er muss zugelassen werden, damit das Leben sich entwickeln kann.
3. Wie der Verstand funktioniert
„Der Verstand muss lernen, dass jenseits des unruhigen Verstandes als Hintergrund das Gewahrsein existiert, das sich nicht verändert.“
Nisargadatta Maharaj
Der unbeaufsichtigte Verstand hat eine Welt voll Kummer hervorgebracht. Wir werden sehr davon profitieren, uns die Wirkungsweise des zerstreuten Verstandes kurz anzusehen.
Denken
Wenn Sie eine Handlung ausführen wollen – etwa: von Ihrem Stuhl aufstehen, das Zimmer durchqueren und das Licht einzuschalten –, was muss dann als Erstes in Ihrem Kopf stattfinden? – Richtig, Sie brauchen zuerst einen Gedanken, bevor Sie eine Handlung ausführen. Der Gedanke mag bewusst sein oder unbewusst, doch in beiden Fällen ist es ein Gedanke. Gedanken steuern und kontrollieren auch unsere Sinne. Allein das Betätigen eines Lichtschalters erfordert eine beträchtliche Koordination zwischen Geist und Körper. Ihr Sehsinn muss Ihre Hand zum Lichtschalter „geleiten“. Ihr Geist passt Ihre Handhaltung laufend neu an, wenn Sie zum Schalter greifen. Er spürt den Schalter und hört beim Einschalten das vertraute Klicken.
Ihre Augen übermitteln Ihnen, dass Ihr Einsatz erfolgreich war, und als Folge davon ist Ihr Leben etwas heller und freundlicher. Diese einfache Meisterleistung ist unendlich komplizierter, als ich es hier beschrieben habe. Doch das Grundgerüst stimmt und ist für unsere Zwecke ausreichend vollständig.
Ich würde gern kurz den Unterschied zwischen Gehirn und Verstand (oder Geist) erklären – zumindest, wie ich die beiden Begriffe im vorliegenden Buch benutze. Einige Quellen verwenden die Begriffe Gehirn und Verstand synonym. Manche behaupten, das Gehirn bringe den Verstand (den Geist) hervor, andere vertreten genau das Gegenteil. Für uns wäre es kontraproduktiv, uns in die schon lange währende Diskussion einzumischen. Das Gehirn ist eine physische Struktur, die physischen Gesetzen unterliegt. Der Verstand gehört ganz offensichtlich zum mentalen Modell. Und wie wir noch sehen werden, hat er mit Denken, Fühlen, Erinnern und ein paar anderen feinen Dingen zu tun, auf die ich bald eingehen werde.
Fühlen
Wir haben eben herausgefunden, dass Denken notwendig ist, damit Handeln stattfinden kann. Denken beeinflusst Handeln. Doch was beeinflusst unser Denken? – Wieder richtig: Das Fühlen beeinflusst das Denken. Bezweifeln Sie das? Wahrscheinlich schon, wenn Sie sich als jemanden betrachten, der an das Leben objektiv herangeht. Aber der wissenschaftliche Denker, der glaubt, er könne sich von Einflüssen fernhalten (darunter auch das Fühlen) und völlig objektiv sein, ist eine vom Aussterben bedrohte Spezies. Die Quantenmechanik hat eindeutig nachgewiesen: So etwas wie einen objektiven Beobachter gibt es nicht. Die rein logische, analytische und objektive Sichtweise ist eine Illusion.
Auf der tiefsten Ebene des Lebens gibt es nur Wellen. Gedanken sind Wellen und Gefühle sind andersartige Wellen.
Das Fühlen beeinflusst das Denken. Wenn Sie auf einen Freund wütend sind, hegen Sie ihm gegenüber wütende Gedanken. Die Wut wirkt dann wie ein Motor, der Ihre Gedanken antreibt. Vielleicht ertappen Sie sich sogar dabei, auf eine Art zu denken, die zu weniger emotionsgeladenen Zeiten lächerlich erscheint. Ein misstrauischer Liebhaber wird Untreue sehen, wo es gar keine Untreue gibt. Ein wütendes Kind wünscht sich vielleicht, seine Eltern seien tot. Gefühle können unser Denken völlig verzerren und uns die Wirklichkeit ganz anders wahrnehmen lassen. Das Denken wirkt auch auf die Gefühle ein.Von diesen beiden sind die Gefühle jedoch subtiler und wesentlich machtvoller.
Sicherheit
Was beeinflusst unser Fühlen? Was entscheidet, ob ein Gefühl erhebend und liebevoll oder zerstörerisch und schmerzlich ist? Einfach ausgedrückt werden unsere Gefühle davon beeinflusst, wie sicher wir unserer Meinung nach sind. Unsere Sicherheit stützt sich darauf, wie sicher wir die Lage wahrnehmen.
Nehmen wir einmal an, Sie hätten 18 Jahre lang für eine Firma gearbeitet. Wie viele andere Unternehmen steht auch Ihres vor einem Berg von Problemen und eine Korrekturmaßnahme soll Stellenabbau sein. In Ihrem Büro sind schon mehrere Leute entlassen worden. Es kursiert das Gerücht, die ganze Abteilung werde aufgelöst.
Sie sind ein vorbildlicher Mitarbeiter. Sie sind loyal, energiegeladen und haben in den 18 Jahren nur 17 Mal gefehlt. Sie sind ein Teamarbeiter und haben der Firma in all den Jahren Tausende von Dollars sparen geholfen, weil sie durch Ihre Beiträge Arbeitsabläufe straffer organisieren konnte.
Es ist jetzt Freitagnachmittag, die ideale Zeit für unangenehme Maßnahmen. Als Sie aus der Mittagspause zurückkommen, liegt ein rosafarbener Zettel auf Ihrem Tisch: Sie sollen sofort zu Ihrem Vorgesetzten kommen. In Ihrem Kopf wirbeln die Gedanken und Emotionen nur so durcheinander, alle sehr negativ: Sie fühlen sich verraten. Sie sind wütend, fühlen sich in die Enge gedrängt und haben Angst.
Eine Flutwelle von Gedanken schwappt über Sie hinweg, die ungefähr so lauten: „Ich habe dieser Firma die besten Jahre meines Lebens gewidmet. Sie haben meine Arbeit oder mich persönlich nie wertgeschätzt. Klar, mein Chef war immer nett, aber ich habe ihm nie vertraut. Und was soll dieses verrückte Gewächs auf seiner Oberlippe, das er Schnurrbart nennt? Wahrscheinlich trinkt er auch zu viel und misshandelt seinen Hund. Verdammt, ich hasse diese Firma.“
Auf dem Weg zum Büro Ihres Chefs fällt Ihnen auf, dass Ihr Magen sich wie verknotet anfühlt, Ihre Handflächen sind schweißnass, Ihre Beine werden schwach. Diese Körpersymptome sind von den aufgewühlten Gedanken verursacht, die in einem Mischmasch heftiger Emotionen hochkochen.
Als Sie das Chefzimmer betreten, sitzt Ihr Vorgesetzter schon hinter seinem teuren Schreibtisch; etliche Golfschläger lehnen an der Wand. Er hebt an: „Wie Sie wissen, hat die Firma in jeder Abteilung Stellen abgebaut. Ihre Abteilung wird demnächst ganz aufgelöst.“ – „Ich wusste es“, flüstern Sie sich tonlos selbst zu, „ich bin erledigt!“
Er fährt fort: „Sie sind einer der Mitarbeiter, die wir am meisten schätzen. Sie sind für die Firma ein großer Gewinn, wir haben Ihre Loyalität bemerkt und würdigen sie sehr. Jetzt rufen wir eine neue Abteilung ins Leben, die unserem Unternehmen bei der Umstrukturierung helfen soll, und wir hätten gerne, dass Sie diese Abteilung leiten. Ihre Arbeitszeit bleibt gleich, aber wir bieten Ihnen eine beträchtliche Gehaltserhöhung. Wie stehen Sie dazu?“
In Sekundenbruchteilen haben Sie eine Transformation vollzogen. Jetzt lieben Sie die Firma! Sie lieben Ihre Arbeit und sogar den Schnurrbart Ihres Vorgesetzten. Sie sind davon überzeugt, dass er ein Heiliger sei und dass sein Hund Glück habe, bei ihm zu sein. All Ihre unangenehmen Körpersymptome weichen dem körperlichen Ausdruck von Freude. Nun sind Sie überglücklich.
Was ist da gerade passiert? Wie konnten Sie innerhalb weniger Herzschläge von tiefster Verzweiflung zu höchster Ekstase aufsteigen? – Natürlich, Sie erlebten einen Umschwung von starker Unsicherheit hin zu großer Sicherheit. Dieser Wechsel der Sichtweise von „unsicher“ zu „sicher“ hat sich eindeutig auf Ihre Gefühle ausgewirkt, die wiederum Ihr Denken und Ihre Physiologie beeinflusst haben. An diesem Beispiel lässt sich gut erkennen, wie der Verstand arbeitet und uns glücklich macht oder besorgt, schuldig, heiter oder ärgerlich. Letzten Endes sind wir im Grunde davon abhängig, wie sicher wir uns in jedem Augenblick, in jeder Situation fühlen. Und das enthüllt, was ich als den Kern all unseres Leidens empfinde. Falls wir über diesen Punkt nicht hinausgehen, werden wir immer vom Verstand abhängig sein. Der nächste Schritt besteht darin, die einzigartige Kraft zu finden, die unser Sicherheitsgefühl beeinflusst und letztlich unseren ganzen Verstand, unseren Körper und schließlich auch unsere Umwelt.
Wenn wir herausfinden, was unsere Sicherheit fördert, dann kommen wir vielleicht auch dahinter, wie wir sicherer oder sogar völlig sicher sein können. Wir alle kennen Menschen, die mitten im schlimmsten Trauma gelassen und unterstützend wirken. Viele Menschen lebten beispielhaft in Frieden und Freude, obwohl sie große persönliche Belastungen zu ertragen hatten: etwa Albert Schweitzer, Mahatma Gandhi oder Mutter Teresa, um nur wenige zu nennen. Die großen Weltreligionen haben ihnen viele weitere hinzugefügt. Wenn das ein Mensch kann, dann haben wir alle das Potenzial dazu. Schließlich war es Jesus, der uns sagte: „All dies könnt ihr tun und noch mehr.“
Kerngedanken von Kapitel 3
• Denken geht dem Handeln voraus.
• Das Denken weist die Sinne an, Informationen zu sammeln, als Vorbereitung für künftiges Handeln.
• Das Fühlen beeinflusst das Denken.
• Gefühle werden umgekehrt auch von Gedanken beeinflusst. Von diesen beiden sind die Gefühle subtiler und sie motivieren uns weit wirkungsvoller.
• Das Sicherheitsempfinden beeinflusst das Fühlen.
4. Was es mit der Zeit auf sich hat
„Wenn ein Mann eine Stunde lang mit einer charmanten jungen Frau zusammensitzt, kommt ihm das hinterher so vor, als sei es nur eine Minute gewesen. Aber stellen wir uns vor, er säße eine Minute lang auf einem heißen Herd oder Ofen – das käme ihm sicherlich länger als eine Stunde vor. Das ist ‚Relativität‘.“
Albert Einstein
Wie sich herausstellt, hängt unser Sicherheitsempfinden eng damit zusammen, wie wir die Zeit wahrnehmen. Und das wiederum hängt davon ab, wie gut wir unser Selbst kennen. Wenn wir uns unseres Selbst bewusst sind, sind wir sicher. Wenn wir uns unseres Selbst nicht bewusst sind, werden wir unsicher und unsere Gefühle, unsere Gedanken und unser Handeln spiegeln diese Unsicherheit wider.
Ich kenne drei Arten von Zeit:
1. Da ist einmal die kosmologische Zeit. Ihre Uhr begann mit dem Urknall zu ticken. Das Universum hat Zeit gebraucht, um sich bis zu diesem Punkt auszudehnen. Die misst die kosmologische Zeit.
2. Dann gibt es die thermodynamische Zeit. Gegenstände, Tassen, Menschen und Planeten brauchen Zeit, um zu altern und in die Atome zu zerfallen, aus denen sie bestanden. Die thermodynamische Zeit misst den Zerfall von Dingen.
Diese ersten beiden Arten sind eher objektive Größen, um die stoffliche Welt zu messen. Kosmologische und thermodynamische Zeit wirken außerhalb des Verstandes.
3. Die dritte Art von Zeit ist die psychologische Zeit. Sie misst, was in unserem Geist und Verstand vor sich geht. Die psychologische Zeit ist subjektiv und ungenau. Ja, außerhalb des Verstandes lässt sich mit ihr nicht viel zuverlässig messen. Sie ist eine Illusion und die Ursache aller Probleme, vor denen die Menschheit steht.
Bevor Sie sich darüber aufregen, wollen wir uns ein paar Minuten Zeit nehmen, um nachzuvollziehen, wie die psychologische Zeit funktioniert.
Die psychologische Zeit ist eine Illusion. (Wenn ich das Wort „Zeit“ allein gebrauche, meine ich psychologische Zeit. Die objektive Zeitmessung nenne ich „reale“ Zeit, äußere Zeit oder Uhrzeit.) Wir glauben fälschlicherweise, es habe Zeit immer schon gegeben und wir hätten sie einfach an einem bestimmten Punkt in unserem Leben kennengelernt. Tatsächlich aber hat Ihr Verstand die Zeit „erfunden“. Sie war nicht immer da.
Schauen Sie einem kleinen Kind beim Spielen zu: In seiner Welt gibt es keine Zeit. Alle Eltern wissen, wie frustrierend der Versuch ist, ein Kind, das nicht in der Zeit lebt, anzuziehen, zu füttern oder ganz allgemein zu motivieren. Seine innere Uhr ist auf „jetzt“ gestellt. Während die äußere Zeit vergeht und wir von Kindern zu Erwachsenen heranwachsen, konstruiert unser Verstand eine innere, psychologische Uhr. Schließlich überrollt eine Lawine von Gedanken über Vergangenheit und Zukunft das „Jetzt“.
Popcorn, Pop und reines Bewusstsein
Ich gehe leidenschaftlich gern ins Kino. Für ein paar Stunden vertiefe ich mich völlig in die offensichtliche Illusion, die sich auf der Leinwand abspielt. Sobald ich den Kinosaal betrete, lasse ich mein Alltagsleben hinter mir. Obwohl der Film nur ein Geflimmer von Licht und Schatten ist, stellt er doch die größere Illusion dar, die wir „wirkliches Leben“ nennen, das außerhalb der Kinotüren auf uns wartet. Die Illusion der Bewegung entsteht in unserem Verstand, wenn Gedanken zwischen Vergangenheit und Zukunft pendeln. Gedanken an Zukunft und Vergangenheit bilden eine mentale Brücke, die sich über das stets gegenwärtige Jetzt spannt. Es ist, als würde man einen Film anschauen. Ein Kinofilm ist ein langer Streifen von Einzelbildern. In einer einzigen Sekunde flimmern 24 Bilder über die Leinwand. Da unser Gehirn die Bilder nicht so schnell verarbeiten kann, wirken diese Standbilder, als wären sie in Bewegung. Recht erstaunlich. Wir sehen Bewegung, wo gar keine stattfindet. Diese Illusion ruft der Film hervor.
In ähnlicher Weise ist die Zeit eine vom Verstand erzeugte Illusion. Einzelne Gedanken entsprechen den Einzelbildern eines Kinofilms. Einzelne Gedanken tauchen so schnell auf, dass sie sich zu bewegen scheinen. Diese Illusion der Bewegung bezeichnen wir als Zeit.
Wenn wir an die Zukunft denken, gehen wir in der Zeit vorwärts. Wenn wir unsere Erinnerungen „besuchen“, gehen wir in der Zeit zurück. Diese ganze Bewegung findet im Verstand statt. Sie existiert nur in Ihrem Verstand, nirgendwo sonst im Universum. Ihre Zeit, Ihre Zukunft und Ihre Vergangenheit hat niemand anders mit Ihnen gemeinsam.
Der Filmprojektor arbeitet nach einem einfachen Prinzip. Ein helles, weißes Licht scheint durch den Filmstreifen und erzeugt auf der Leinwand vorn im Kinosaal ein Bild. Der Filmstreifen bewegt sich Einzelbild für Einzelbild durch das Licht und ruft auf der Leinwand die Illusion der Bewegung hervor. Als Zuschauer verfolgen wir – zufrieden dasitzend –, wie sich das Drama der Akteure entfaltet; dabei vergessen wir, dass sie nur Licht und Schatten sind, entstanden durch helles Licht, das hinter der Rückwand des Kinosaals durch den Filmstreifen fällt. Wir weinen und lachen, als wäre die Illusion real.
Unser Leben gleicht diesem Film. Es entfaltet sich Gedanke für Gedanke, Minute für Minute, Jahr für Jahr. Wir, die Zuschauer, vertiefen uns völlig in das Drama unseres eigenen Films. Wir machen uns Sorgen über Rechnungen, wir freuen uns über das neue Haus, sehen die Kinder heranwachsen und denken über unseren Tod nach. Wie ein Film, so ist auch unser Leben eine Illusion, ein Spiel von Licht und Schatten. Verstehen Sie mich nicht falsch: Unser Leben existiert, aber nicht so, wie wir glauben. Diese missverstandene Identität verursacht enormes Leiden, das sich mit jeder Generation nur vertieft.
Wie viel Uhr ist es? – JETZT!
Worin besteht das Missverständnis? Es besteht einfach darin, dass wir annehmen, dass es Zeit gäbe. Wir glauben, unsere Vergangenheit und unsere Zukunft existierten. Gewöhnlich ruft die Vorstellung, Vergangenheit und Zukunft existierten nicht, viel Widerstand hervor. Das liegt daran, dass wir nie wirklich darüber nachgedacht haben. Doch darüber nachdenken müssen wir, falls wir jemals anhaltenden Frieden finden wollen.
Ich möchte Ihnen eine Frage stellen. Haben Sie schon einmal etwas erlebt, was nicht jetzt stattfand? Sie mögen sich an ein Erlebnis erinnern, doch das ist eben nur eine Erinnerung, ein gegenwärtiger Gedanke an die Vergangenheit. Ein Ereignis kann nur in der Gegenwart stattfinden. Die Vergangenheit ist vorüber; sie existiert nicht. Die Zukunft ist nicht hier und sie wird auch nie „hierher“ kommen. Das kann sie nicht; es ist die Zukunft. Wenn also die Vergangenheit nicht existiert und die Zukunft ebenso wenig, dann bleibt uns nur … JETZT. Und wirklich, das Jetzt existiert nur, weil wir Zukunft und Vergangenheit erkennen. Wenn Zukunft und Vergangenheit für den Verstand „sterben“, wird das Jetzt zu dem, was ist. Ein Jetzt kann es nur geben, wenn es auch ein Nicht-Jetzt gibt. Doch lassen Sie uns genauer betrachten, wie sich das Phänomen Zeit im Geist widerspiegelt.
Sie mögen einwenden: „Nun, jede Erfahrung, die ich je gemacht habe, habe ich vor dem Jetzt gemacht.“ Das stimmt; Sie haben eine Erinnerung an eine Erfahrung und die Erinnerung besagt, dass die Erfahrung in der Vergangenheit stattgefunden habe. Doch eine Erinnerung ist ein Gedanke. Und Sie denken diesen Gedanken jetzt. Leihen Sie sich ein Video aus, nehmen Sie es mit nach Hause und schauen Sie es sich auf Ihrem Fernseher an. Drücken Sie während des Films die Pausentaste auf Ihrer Fernbedienung. Nun sehen Sie auf Ihrem Bildschirm ein Standbild. Wenn Sie eine Fernbedienung für Ihr „Kopfkino“ hätten und wenn Sie den Pausenknopf drückten, würden Sie einen einzelnen Gedanken sehen; den Gedanken, den Sie „jetzt gerade“ hätten. Es gibt nur das Jetzt. Es hat nie eine Zeit gegeben und es wird nie eine Zeit geben, die nicht jetzt ist.
*
Erscheint Ihnen das ein wenig verwirrend? Haben Sie den Eindruck, was Sie gerade gelesen haben, das fühle sich fast richtig an, aber Sie würden nicht ganz schlau daraus? Regt sich sogar kaum wahrnehmbar etwas tief in Ihrem Inneren, so, als ob ein Teil von Ihnen, der geschlafen hätte, aufzuwachen begänne? Dafür gibt es einen guten Grund. Wir haben dem Verstand ein Rätsel aufgegeben, das er nicht lösen kann. Wahrscheinlich ist es nicht das erste Mal, dass der Verstand um Gedanken verlegen ist. Das Hochgefühl bei einer neuen Liebe oder einem traumhaften Sonnenuntergang ist zeitlos und jenseits des Verstandes. Was jenseits des Verstandes liegt, kann der Verstand nicht erfassen. Dorthin kommt er von hier aus nicht. Um das Rätsel zu lösen, müssen wir über den Verstand hinausgehen. Wir müssen über die psychologische Zeit hinausgehen.
Glücklicherweise wissen Sie schon, wie das geht. Erinnern Sie sich daran, als Sie fragten: „Woher kommt mein nächster Gedanke?“ Erinnern Sie sich an die Lücke, die entstand, als Ihre Gedanken anhielten? Sie beobachteten, aber sie dachten nicht. Sie erlebten den Zustand des „Nicht-Denkens.“ [Engl.: You experienced no mind.] Mit anderen Worten: Sie gingen über Ihren Verstand hinaus.
Und wenn Sie über den Verstand hinausgehen, halten Sie die Zeit an. Und zwar deshalb, weil der Verstand die Zeit erschuf. Wann immer Sie die Zeit anhalten, sind Sie frei von der Illusion von Vergangenheit und Zukunft. Und sobald Sie frei sind von Vergangenheit und Zukunft, beenden Sie das Leiden.
Was für eine wundervolle Entdeckung Sie sind!
Lassen Sie uns Platons berühmtes Höhlengleichnis aktualisieren und die Kinoanalogie gleichzeitig noch etwas weiterführen: Nehmen wir an, Sie kamen in einem Kinosaal zur Welt und wuchsen dort auf. Ununterbrochen und pausenlos lief ein Film. War es ein lustiger Film, so waren Sie glücklich; bei einem traurigen Film weinten Sie. Ihre ganze Welt drehte sich darum, Orte, Darsteller und Ereignisse kommen und gehen zu sehen. Für Sie war das kein Spiel von Licht und Schatten auf einer Leinwand, sie waren real.
Nehmen wir weiter an, Sie fanden unbeabsichtigt einen Schalter neben Ihrer Hand. Als Sie den Schalter betätigten, hielt der Film an. Jetzt war nur die leere Leinwand beleuchtet und Sie stellten etwas ganz Interessantes fest. Sie erkannten, dass die leere Leinwand schon immer da war. Wäre sie nicht da gewesen, dann hätten Sie keinen Film sehen können.
In dieser Zeit, in der „kein Film“ lief, badeten Sie in reinem, weißem Licht, das die Leinwand reflektierte. Kein Film auf der Leinwand lenkte Sie ab, deshalb wurden Sie Ihres eigenen Körpers und Handelns überaus gewahr. Die leere Leinwand lenkte Ihren Verstand nicht davon ab, wer Sie wirklich sind. Was für eine erstaunliche Entdeckung Sie waren! – Das Geheimnis Ihres Lebens ist damit gelüftet: Sie sind nicht der Film. Sie sind getrennt davon. Sie sind wirklich. Der Film ist Illusion. Sie werden nie mehr die oder der Gleiche sein.
Dann legen Sie den Schalter wieder um und der Film geht weiter. Doch diesmal ist Ihnen bewusst, dass Sie vom Film getrennt sind. Sie glauben nicht mehr, Sie seien im Film. Sobald Ihnen dieses Wissen bewusst wird, weichen Ihre Ängste und Sorgen wie die Illusionen, die sie sind. Jetzt dient der Kinofilm Ihrer Unterhaltung. Leidenschaftlich genießen Sie die Handlung, die sich auf der Leinwand entfaltet, Sie amüsieren sich und sind gleichzeitig distanziert. Schließlich sitzen Sie sicher auf Ihrem Sitz. Mit dem Gewahrwerden der Leinwand kommt Selbst-Gewahrsein.
Kerngedanken von Kapitel 4
• Unser Sicherheitsempfinden hängt eng damit zusammen, wie wir die Zeit wahrnehmen. Und das wiederum hängt davon ab, wie bewusst wir uns unseres Selbst sind.
• Die psychologische Zeit ist subjektiv und von Bedingungen, von Umständen abhängig.
• Die psychologische Zeit ist die Ursache aller Probleme, vor denen die Menschheit steht.
• Die psychologische Zeit ist die Illusion von Bewegung.
• Ein Geist, der fest in der Gegenwart verankert ist, ist ruhig.
• Nur Sie kennen Ihre Zeit. Ihr Zeitgefühl können Sie mit niemandem teilen. Die Illusion, die Sie als Ihr Leben kennen, können Sie mit niemandem teilen.
• Unsere Zukunft und unsere Vergangenheit existieren nur genau jetzt – im Verstand.
• Selbst-Gewahrsein durchbricht die Illusion der Zeit.
• Wenn Sie Ihres Selbst gewahr sind und frei von der Zeit, dann sind Sie auch frei von Leiden.
5. Selbst-Gewahrsein
„Nutze dein eigenes Licht und kehre zur Quelle des Lichtes zurück. Dies wird als Einüben der Ewigkeit bezeichnet.“
Tao Te King
Ich würde Ihnen gern eine einfache Frage stellen, deren Antwort Ihr Leben für immer verändern kann. Legen Sie das Buch ein paar Minuten beiseite, denken Sie gründlich über die Antwort nach und lesen Sie erst dann weiter. Hier ist meine Frage: „Was ist Ihr wertvollster Besitz? Was in Ihrem Leben ist Ihnen am wichtigsten?“
*
Was ist Ihnen dazu eingefallen? Gesundheit? Ein Sinn im Leben? Ihre Familie? Die Arbeit? Oder vielleicht Eiscreme? – Der wertvollste Besitz eines Menschen ist das Bewusstsein im allgemein üblichen Sinne. Andere Bezeichnungen mit etwa der gleichen Bedeutung sind Wahrnehmung im allgemein üblichen Sinne, Wachsamkeit, Wachheit oder Aufmerksamkeit. Welchen Sinn hätte das Leben, wenn wir kein Bewusstsein davon hätten? Wenn wir kein Bewusstsein hätten, gäbe es das Leben gar nicht.
Lassen Sie mich Ihnen nun eine weitere Frage stellen: „Was ist die wichtigste Art des Bewusstseins?“ Denken Sie einen Moment darüber nach. Schließen Sie, falls Sie können, Ihre Augen und spielen Sie mit Möglichkeiten.
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Wie sind Sie mit der Frage zurechtgekommen? Lautete Ihre Antwort „Selbst“-Bewusstheit oder Selbst-Gewahrsein, dann haben Sie den Jackpot gewonnen! Was ist Selbst-Gewahrsein? Einfach ausgedrückt ist es das Bewusstsein von dem, was Sie unter all dem Drumherum des Lebens sind. Ja, sicher, Sie sind ein Mensch. Sie sind ein Mann oder eine Frau. Sie können ein Kind sein oder erwachsen, Arzt, Anwalt oder Indianerhäuptling … Doch all diese Kategorien ändern sich im Laufe der Zeit. So bezeichnen Sie sich, solange Sie sich mit einer Gruppe oder Bevölkerungsklasse, mit einem Ideal oder einer Philosophie identifizieren. Das sind alles Erfindungen des Verstandes. Und wir wissen bereits, wir sind nicht unser Verstand.
Wenn Sie einer Sache oder eines anderen Menschen gewahr sind, eines Berges oder selbst eines Gedankens, der sich in Ihrem Geist widerspiegelt, dann bezeichne ich das als übliche Wahrnehmung oder übliches Bewusstsein. Wenn sich Ihr übliches Bewusstsein nach innen wendet und der reinen Bewusstheit gewahr wird, dann nenne ich das „reines Gewahrsein“. (Ziemlich clever, nicht wahr?) Wenn Ihr übliches Bewusstsein Ihres Selbst gewahr wird, dann bezeichne ich das als Selbst-Bewusstheit oder Selbst-Gewahrsein. Wenn Sie in diesem Sinne „selbst-bewusst“ sind, dann sind Sie gleichzeitig Ihres Selbst, anderer Menschen, der Berge oder der Gedanken gewahr. Dann haben Sie „das Beste aus zwei Welten“: tiefes, friedvolles inneres Gewahrsein und zugleich eine veränderliche, nach außen gerichtete Wahrnehmung. Wer sagt, dass Sie nicht auf zwei Hochzeiten tanzen können?
Fünf Stufen des Bewusstseins
Zur Wissenschaft von der kreativen Intelligenz, die Maharishi Mahesh Yogi lehrte, gehörte ein sehr klares Verständnis der verschiedenen Stufen des Bewusstseins bis hin zum reinen Gewahrsein. Ich würde Ihnen gern die Grundgedanken vorstellen; dafür habe ich einige Begriffe umbenannt – so sind sie unseren speziellen Bedürfnissen dienlicher. Es gibt fünf grundlegende Stufen des Bewusstseins; die ersten drei sind:
1. der Wachzustand,
2. der Traumzustand und
3. der Tiefschlaf des üblichen Bewusstseins.
4. Dann gibt es den vierten Zustand: reines Gewahrsein, jenseits der Dinge und Gedanken des üblichen Bewusstseins.
Das ist der bemerkenswerte Bewusstseinszustand, den Dr. Robert Keith Wallace in seiner bahnbrechenden Untersuchung als hypometabolische, integrierte Reaktion bezeichnete. Diese Untersuchung veröffentlichte er 1970 in der März-Ausgabe der Zeitschrift Science und darin wies er das reine Gewahrsein als eigenständig und einzigartig nach; ein bedeutender Bewusstseinszustand neben Wachen, Schlafen und Träumen. Alle anderen Veränderungen des Bewusstseinszustandes (etwa Tagträume und Hypnose) sind Varianten oder abgewandelte Zustände von Wachen, Träumen oder Tiefschlaf.
Jeder grundlegende Bewusstseinszustand hat einen spezifischen Charakter. Bei jedem unterscheiden sich die Körperfunktionen und die mentalen Funktionen auf einzigartige Weise. Im Wachzustand sind Geist und Körper aktiv. Im tiefen, traumlosen Schlaf ruhen sich Geist und Körper tief aus. Im Traumzustand sind Geist und Körper nicht so ruhig wie im Tiefschlaf, aber ruhiger als im Wachzustand. Der Wachzustand ist der uns vertrauteste; er umfasst viele Varianten oder Grade des üblichen Bewusstseins – Sie können müde sein, hellwach, verwirrt, betrunken und so weiter. Wachen, Träumen und Tiefschlaf erleben alle Menschen.
Der vierte Zustand, reines Gewahrsein, ist die Lücke zwischen den Gedanken. Das ist nichts Mystisches. Wenn Sie schlafen wollen, legen Sie sich einfach hin und warten. Gesunde Menschen schlafen mühelos ein. Das Träumen entsteht ganz von selbst aus dem Tiefschlaf. Das Erleben von Wachen, Träumen und Tiefschlaf ist natürlich und genauso ist es mit dem Erleben des reinen Gewahrseins. Als Sie sich fragten: „Woher kommt mein nächster Gedanke?“, erlebten Sie spontan eine Lücke in Ihrem Denken. Sie erfuhren das reine „Es“, bevor es alle Rollen erschafft, alle Verantwortlichkeiten, Hoffnungen, Pläne, auch alle Sorgen, Schuldgefühle oder Ängste, die Sie mit Ihrem Leben gleichsetzen.
5. Den fünften Bewusstseinszustand nenne ich Selbst-Gewahrsein oder auch Selbst-Bewusstheit. Er ist eine Kombination des vierten Zustandes des reinen Gewahrseins mit dem Wach- oder auch mit dem Traum- oder Tiefschlafzustand.
Diese Verbindung kommt so zustande: Wenn Ihr Geist an der Schwelle des reinen Gewahrseins zurückgelassen wird, wird er wieder seiner selbst gewahr. Dann setzt in den feinsten und ruhigsten Bereichen Ihres Geistes gewissermaßen ein Aufwärmen ein. Noch immer ist keine Form da, doch es herrscht eine Art emotionale Wärme, die sich im Geist als Stille, Frieden oder Glückseligkeit widerspiegelt. Das ist die erste zarte Erfahrung von Selbst-Bewusstheit. Hier werden wir von tiefem, innerem Frieden und universeller Liebe durchdrungen.
Selbst-Bewusstheit in diesem Sinne ist der entscheidende Bewusstseinszustand, der dafür sorgt, dass Harmonie und Heilung in unserem Leben überwiegen. Zwar ist Selbst-Bewusstheit genauso natürlich wie Wachen und Träumen, doch bedauerlicherweise wird sie von unseren Eltern, Lehrern, Ärzten oder von spirituellen und gesellschaftlichen Führungspersönlichkeiten nicht gepflegt. Gewahrsein des Selbst ist in der Gesellschaft insgesamt selten anzutreffen. Fehlt diese Selbst-Bewusstheit, so ist auch die Harmonie dahin und das Leben gerät aus dem Gleichgewicht.
Was Selbst-Gewahrsein ist und wie es wirkt
Dieser fünfte Zustand – Selbst-Bewusstheit oder Selbst-Gewahrsein – ist ebenfalls natürlich und leicht zu erfahren. Nehmen wir uns eine Minute Zeit, um festzustellen, wie leicht innerer Friede und äußere Weisheit zur Gewohnheit werden können, indem wir unseres Selbst gewahr sind.
Als Sie den Schalter betätigten, um den Film anzuhalten, sahen Sie zum ersten Mal die Leinwand, über die die sich bewegenden Bilder flimmerten. Das ICH BIN ist diese Leinwand. Es unterstützt die Verstandesaktivität. Ohne das ICH BIN würde Ihr Verstand nicht existieren, wie es ohne Leinwand auch keinen Film gäbe. Wenn wir das Denken nicht abstellen, können wir nicht wissen, was wir wirklich sind. Und unser Wesen zu kennen ist entscheidend, wenn wir unser Leben mit Schönheit, Mut und Anmut leben wollen.
Sobald wir das ICH BIN entdecken, verändert sich unser Leben auf höchst erstaunliche Weise. Gehen wir noch einmal zurück zu der Kinoanalogie: Als wir den Film anhielten, passierte zweierlei Bemerkenswertes:
• Erstens wurde uns bewusst, dass wir nicht der Film waren, den wir anschauten. Wir trennten uns von dieser illusionären Handlung. Wir sind aus uns selbst heraus ganz und brauchen das Drama auf der Leinwand nicht, um uns lebendig zu fühlen.
• Zweitens behielten wir unsere neu gefundene Bewusstheit bei, als wir den Film wieder starteten. Wir verloren unser Selbst nicht in dem Spiel, in der Vorführung von Licht und Schatten auf der Leinwand. Das ist eine entscheidende Veränderung in unserer Sichtweise und eine, die eingehender zu untersuchen sich lohnt. Diese neue Wahrnehmung verhilft uns zu einer Sicht, die uns von der Illusion befreit, wir seien nur unser Verstand. Das ist Selbst-Bewusstheit.
Warum ist sie so wichtig? Wenn Sie Ihr Selbst als verschieden von Ihrem Verstand erleben, befreit Sie das aus der Identifikation mit etwas, was Sie nicht sind. Oder, genauer gesagt, was nur ein Teil von Ihnen ist. Falls Sie glauben, Sie seien Ihr Verstand, dann leben Sie nur einen Teil Ihres Lebens. Das wäre so, als besäßen Sie eine Villa, verbrächten aber Ihr ganzes Leben nur in einem Zimmer. Wenn Sie gewahr werden, dass Sie mehr sind als Ihr Verstand, öffnen Sie sozusagen die Tür zu jedem Zimmer Ihres Lebens.
Selbst-Bewusstheit beginnt auf der Stufe des ICH BIN, jenseits der Gedanken. Auch wenn Ihre Gedanken wieder einsetzen, können Sie dessen gewahr bleiben, dass Sie nicht die Gedanken sind. Sobald Sie mit der Vorstellung und der Erfahrung vertraut sind, dass Sie jenseits der Gedanken sind, können Sie dieser Erfahrung das Denken, Fühlen und sogar Ihre Alltagsaktivitäten hinzufügen, ohne weitere Disharmonie in Ihrem Leben zu erschaffen. Selbst-Bewusstheit erzeugt eine unerschütterliche Sicherheit. Sie fördert eine tiefe, anhaltende Stille. Nach und nach werden Sie erkennen, dass Gedanken auf die Leinwand des ICH BIN projiziert werden. Selbst-Bewusstheit hat den gleichen Wert wie das Wissen, dass Sie nicht der Film sind. Daraus entwickelt sich eine Art teilnahmslose Teilnahme. (Sagen Sie das zehnmal ganz schnell hintereinander!) Während der Stress dahinschmilzt, sind Sie frei und können fasziniert verfolgen, wie der Film vom „Ich“ weitergeht.
Dann genießen Sie grenzenlose Freude und unerschütterlichen Frieden. Sie sehen die Welt mit neuen Augen, mit den Augen eines staunenden Kindes. Was Sie früher als langweilig oder als Zeitverschwendung erachteten, wird neu und lebendig sein. Sie werden die Sorge los, Sie sollten anderswo sein oder etwas Konstruktives tun. Sie sind zu Hause, ganz egal, wo Sie sich aufhalten.
Kürzlich sollte ich in das Büro eines Zeitschriftenverlegers kommen, um einige Artikel zu besprechen, die ich geschrieben hatte. Er erklärte mir, das Gebäude werde gerade renoviert und ich möge das Durcheinander entschuldigen. Als ich zu meinem Termin kam, war er noch mit anderen Aufgaben beschäftigt und bat mich, zu warten. Ich konnte nur im Freien warten. An diesem Tag hatten wir so an die 30 Grad Celsius. Ich fand einen großen Busch, und wenn ich mich richtig hinstellte, stand ich ganz im Schatten.
Ich stand also reglos da und beobachtete den Straßenverkehr in etwa zehn Meter Entfernung. Eine halbe Stunde lang bewegte ich mich nicht. Ich achtete auf den Verkehrslärm und die Gesichter in den vorbeifahrenden Autos. Meine Augen erspähten mitten in der Stadt eine Krähe am Himmel. Ich hörte ihr leises Krächzen, bevor der Lärm der Reifen auf dem heißen Asphalt es erdrückte. Wie eine starke Hand wrang die Hitze mich aus wie einen Schwamm, so empfand ich es. Der Schweiß strömte in Bächen über meine Stirn, meine Brust und meinen Rücken. Ich fühlte mich unwohl und war doch glückselig – ich war meines Selbst gewahr.
Selbst-Gewahrsein befreit Sie von Angst, Schuld, Langeweile und oft sogar von körperlichen Schmerzen. Damit meine ich nicht, dass es Ihnen an Emotionen oder Enthusiasmus mangeln wird. Im Gegenteil: Sie werden lebendiger, haben mehr Kontakt zu anderen, Sie werden liebevoller und weniger gestresst, aufgewühlt und reizbar. Ihre Freunde und Familienmitglieder werden eine innere Stärke wahrnehmen, die Sie umgibt und in deren Gegenwart sie sich wohlfühlen. Scheinbar aus dem Nichts werden sich Ihnen wunderbare Chancen auftun.
Sie haben immer noch Ziele und Ansprüche, doch diese lösen keine Sorge und keinen Stress mehr aus. Das Hauptziel – „Erkenne dein Selbst“ – haben Sie dann schon verwirklicht. Ihre jeweiligen konkreten Ziele erreichen Sie mit abgeklärter Leichtigkeit. Und Sie werden sich nicht leer fühlen, nachdem Sie ein wichtiges Ziel erreicht haben, und auch nicht rasch ein anderes Projekt beginnen wollen, um damit die Leere zu füllen, die das Erreichen des vorherigen hinterlassen hat. Die wichtigste menschliche Erfahrung überhaupt ist diese Selbst-Bewusstheit. Alles, was danach kommt, ist nur fürs Auge. Und alles, was danach kommt, ist Freude.
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