Kitabı oku: «Dialekt und Standardsprache in der Deutschdidaktik»
Frank Janle / Hubert Klausmann
Dialekt und Standardsprache in der Deutschdidaktik
Eine Einführung
Narr Francke Attempto Verlag Tübingen
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Coverabbildung: eigene Abbildung nach Eichhoff 1977–2000, Band 1, Karte 13
© 2020 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG
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E-Book-Produktion: pagina GmbH, Tübingen
Print-ISBN 978-3-8233-8415-1
ePub-ISBN 978-3-8233-0248-3
Inhalt
Vorwort
1. Einführung1.1 Problemstellung1.2 Aufbau des Buchs
2. Grundlagen: Linguistische Aspekte und Voraussetzungen 2.1 Die innere Mehrsprachigkeit des Deutschen 2.2 Das Phänomen des Sprachwandels 2.3 Konzeptionelle Mündlichkeit und konzeptionelle Schriftlichkeit bzw. Literalität 2.4 Zusammenfassung: Die Begriffe Standardsprache, Dialekt und Umgangssprache
3. Herkunft und Gliederung der deutschen Dialekte und der Standardsprache3.1 Herkunft und Gliederung der Dialekte3.1.1 Die Herkunft der Dialekte3.1.2 Die Gliederung der Dialekte3.1.3 Die Entstehung von Dialektgrenzen3.2 Die Entstehung der Standardsprache3.3 Die Verteilung von Dialekt, Regionalsprache und Standardsprache im süddeutschen Raum3.4 Die Zukunft der Dialekte3.5 Regionale Varianten in der mündlichen Standardsprache3.6 Regionale Varianten in der schriftlichen Standardsprache3.7 Zwischenbilanz
4. Problemkreise und Perspektiven4.1 Begriff und soziokulturelle Bedeutung sprachlicher Ideologien und die Problematik sprachlicher Diskriminierung4.2 Sprachliche Ideologien in anderen europäischen Ländern (Beispiele)4.3 Dialekt und Standardsprache aus soziologischer und lernpsychologischer Perspektive4.4 Linguistische Sprachkritik und ein dialektfreundliches Konzept sprachlicher Kompetenz
5. Dialekt und Standardsprache in der sprachlichen Praxis: Beispiele aus dem (schulischen) Sprachalltag5.1 Bildungspläne5.2 Sprachbücher5.3 Ergebnisse einer Befragung im schulischen Umfeld5.4 Dialekt und Standardsprache in den Medien und in der Werbung
6. Zusammenfassung: Konsequenzen und Schlussfolgerungen für den (Deutsch-)Unterricht6.1 (Deutsch-)Unterricht6.2 DaF/DaZ-Unterricht
7. Arbeitsteil7.1 Aufgaben für das Selbststudium7.2 Hinweise zur Lösung7.3 Arbeitsmaterialien und Hinweise für das weiterführende Selbststudium7.3.1 Internetseiten7.3.2 Kommentierte Auswahl wissenschaftlicher Fachartikel7.3.3 Wissenschaftliche Beiträge in Ausschnitten
AnhangGlossarLiteraturAbbildungsverzeichnisPersonenregisterSachregister
Vorwort
In den vergangenen Jahren hat das Interesse am Thema Dialekt stark zugenommen. Zahlreiche Zeitungen widmeten sich dem Thema, Fachzeitschriften wie „Praxis Deutsch“ gaben ein ganzes Heft zum Dialekt heraus, die Werbung setzte verstärkt einzelne Dialektwörter oder sogar leicht verständliche Sätze in Mundart ein, und Politiker griffen das Thema auf. So hat der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann im Dezember 2018 sogar eine Dialekttagung nach Stuttgart einberufen, um alle Institutionen und Vereine, die sich mit den baden-württembergischen Dialekten beschäftigen, zu versammeln und zu überprüfen, wie es um den Dialekt im Land bestellt ist und was man für ihn tun könne.
Nun kann man beim Dialekt verschiedenen Fragen nachgehen: Woher kommen die Dialekte? Wie entstehen unterschiedliche Dialekträume? Wer spricht überhaupt noch Dialekt? Geht der Dialekt verloren? usw. Auch wenn wir in den hierfür vorgesehenen Kapiteln versuchen, auf diese Fragen eine Antwort zu finden, so stehen sie dennoch nicht im Zentrum dieses Buchs. Es geht uns vielmehr darum, das Spannungsfeld zwischen Dialekt und Standardsprache zu beschreiben und deutlich zu machen, dass all das, was sich in diesem Spannungsfeld abspielt, für die Schule von größter Relevanz ist. Hierbei verfolgen wir einen evidenzorientierten Ansatz, der sich an der Sprachwissenschaft orientiert und versucht, deren Erkenntnisse in die Deutschdidaktik zu integrieren.
In den Schulen und damit auch in der Deutschdidaktik ist man lange Zeit von einer einfachen Opposition ausgegangen: hier die ländlichen Dialekte mit ihren zahlreichen räumlichen Varianten, dort die homogene Standardsprache. Die Dialektologie hat nun aber schon seit langem den Nachweis erbracht, dass dies ein doppelter Irrtum ist. Einerseits gibt es nämlich zwischen den beiden Polen – zum Beispiel in Süddeutschland – mehrere Zwischenregister, andererseits ist die Standardsprache gar nicht homogen. Durch diese beiden Irrtümer kam es dann – vor allem in der Nachfolge der BernsteinschenBernstein, Basil Defizithypothese – zu der Auffassung, dass die Dialekte im Vergleich mit der Standardsprache von geringerem Wert und beim sozialen Aufstieg hinderlich seien. Hierbei wurde die Stellung der Dialekte in der Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland erst gar nicht genauer untersucht, sondern man übertrug einfach das amerikanische Modell auf die deutschen Verhältnisse. In der Schule konnten all diese Irrtümer zu einer DiskriminierungDiskriminierungsprachliche von Dialekt sprechenden Kindern führen, wobei dies oft nicht direkt, sondern indirekt geschah, etwa in Aufforderungen wie „Sag es noch einmal schöner!“
Da die Schule im Bereich der Sprache für die meisten Menschen die wichtigste normgebende Instanz ist, muss sie sich des Themas Dialekt – Standard entsprechend annehmen. Daher ist es auch in den aktuellen Bildungsplänen verankert. Mit unserem Buch geben wir eine Hilfestellung zur Umsetzung dieser Vorgaben; darüber hinaus bieten wir (angehenden) Lehrkräften die Möglichkeit, sich die wichtigsten fachlichen Grundlagen mithilfe des Buches, insbesondere mithilfe der zahlreichen Übungen und vertiefenden Texte im Arbeitsteil, selbst zu erarbeiten. Dabei haben wir stets die Sprachwirklichkeit im Auge. Nur so kann herausgefunden werden, was in unserem Sprachalltag angemessen und was unangemessen ist. Wer eine Sprachnorm ansetzt, die nicht durch die Wirklichkeit legitimiert ist, lebt nicht nur in einer Illusion, sondern er leistet auch eine Vorarbeit für all diejenigen, die diese fiktive Norm missbrauchen, um alle Sprecherinnen und Sprecher, die nicht dieser Norm entsprechen, sozial zu benachteiligen.
Umfragen haben gezeigt, dass sich Sprachklischees, sogenannte sprachliche IdeologienIdeologie, sprachliche, über Jahrzehnte halten können. So existiert zum Beispiel die Vorstellung, dass man in Hannover das beste Deutsch spricht, schon seit zwei Jahrhunderten. Diese und andere KlischeesKlischees, sprachliche, die, wie wir zeigen werden, sprachwissenschaftlich alle nicht haltbar sind, können nur mit Hilfe der Schule überwunden werden. Dabei geht es nicht darum, Dialekt und Standard gegeneinander auszuspielen, sondern sie in ihrer heutigen Funktion im Sprachalltag zu beschreiben und ihre Variabilität und Veränderlichkeit zu erkennen und dann auch anzuerkennen. Wenn die Schule dies leisten könnte, wäre schon viel gewonnen. Wer nämlich um die Heterogenität der deutschen Sprache auf allen Ebenen weiß, kann die regionalen Elemente in der Sprache der Mitmenschen besser einordnen. Er weiß dann, was in dieser und jener Situation angemessen und nicht angemessen ist. Damit wäre aber auch ein Beitrag zu mehr sprachlicher und sozialer Gerechtigkeit in der Schule und im späteren Berufsleben erreicht.
1. Einführung
1.1 Problemstellung
Historische Sprachen sind keine einheitlichen Sprachsysteme; in ihnen sind zugleich die Dimension der Homogenität und die Dimension der Varietät gegeben.
Eugenio CoseriuCoseriu, Eugenio: Sprachkompetenz, S. 139
DialektDialekt und StandardspracheStandardsprache sind zwei Seiten einer Medaille. Bei der Auseinandersetzung mit der Frage, wie man die deutsche Sprache korrekt zu schreiben und auszusprechen habe, müssen sie daher grundsätzlich zusammen betrachtet werden: Während der Begriff Dialekt die historisch gewachsene Vielfalt des deutschen Sprachraums beschreibt, bezeichnet der Begriff HochspracheHochsprache bzw. Standardsprache das seit dem 19. Jahrhundert, vor allem seit der Gründung des deutschen Kaiserreichs 1871 anhaltende Bemühen um Normierung und Vereinheitlichung der deutschen Sprache. Daraus ergibt sich ein natürliches Spannungsverhältnis zwischen dem Bestreben nach Normierung einerseits und der hartnäckigen Weigerung der sprachlichen Wirklichkeit, sich dem ohne Weiteres zu beugen. Dies betrifft sowohl die deutsche Schriftsprache als auch das gesprochene Deutsch, das gesprochene Deutsch jedoch in einem weit höheren Maße. Daher liegt der Schwerpunkt dieser Einführung auf dem Mündlichen; die Problematik der Standardisierung der deutschen Schriftsprache wird aber mitthematisiert, nicht zuletzt deshalb, weil sich dadurch wertvolle Erkenntnisse über den (wesentlichen) Unterschied zwischen mündlichem und schriftlichem SprachgebrauchSprachgebrauch ergeben und weil z.B. im Lexikon1 mündlicher und schriftlicher Sprachgebrauch durchaus zusammenhängen.
Dass die Beschäftigung mit den Themen Dialekt und Standardsprache im deutschen Sprachraum auch und gerade in einer sich immer rascher wandelnden Welt eine besondere Virulenz besitzt, zeigt bereits ein flüchtiger Blick in die Suchmaschine Google: Ein einziger Klick zum Suchwort „Dialekt“ fördert bereits zahllose Internetlinks zu allen möglichen Aspekten und Facetten des besagten Suchworts zutage, wobei neben sehr prinzipiellen Fragen nach der Herkunft und Identität, wie sie in der großen Landesausstellung zum Mythos und zur Marke Schwaben 2016/17 in Stuttgart aufgeworfen wurden, ganz konkrete Fragen beispielsweise nach den karrierehemmenden Wirkungen einer dialektalen Aussprache oder auch dem (mehr oder weniger guten) Image der unterschiedlichen im deutschen Sprachraum gesprochenen Dialekte zu finden sind. Entsprechend groß ist – innerhalb und außerhalb von Schule und Universität – das Ausmaß an Unsicherheit und Irritation im Umgang mit der deutschen Sprache, was sich insbesondere populäre SprachpflegerSprachpflege zu Nutze machen: In oft fragwürdiger, weil fachlich verkürzter bzw. linguistisch nicht haltbarer Weise werden um den richtigen SprachgebrauchSprachgebrauch bemühten Laien und Profis (wie etwa Deutschlehrern und Journalisten) gleichermaßen Ratschläge und Hilfestellungen gegeben. So stellen beispielsweise die beiden Sprachwissenschaftler Péter MaitzMaitz, Péter und Stephan ElspaßElspaß, Stephan, die ihrerseits wesentliche Erkenntnisse zu einem reflektierten Umgang mit Dialekt und Standardsprache beigetragen haben, mit Blick auf den bekannten Sprachratgeber „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ bzw. dessen Autor und linguistischen Laien Bastian SickSick, Bastian fest: Er „kann sich aber von seinem latenten Ideal der kultivierten und über allen Varietäten stehenden standardsprachlichen Norm nicht lösen“2 – obwohl nicht nur die (nicht-standardsprachliche) Alltagssprache, sondern auch die Standardsprache selbst Variation aufweist.
Weitere Brisanz gewinnt die Auseinandersetzung mit den Themen Dialekt und Standardsprache vor dem Hintergrund der seit dem sogenannten Pisa-Schock (2000) anhaltenden bildungspolitischen Diskussion über nationale BildungsstandardsBildungsstandards und deren Umsetzung auf unterschiedlichen Ebenen: in den Bildungsplänen der Länder, in zentralen Prüfungen wie etwa dem Abitur oder auch in bundesweiten Lernstandserhebungen wie z.B. Vera 3 und Vera 8.3 Denn der politisch motivierte Versuch der Vereinheitlichung von Bildungsprozessen setzt (fast) zwangsläufig ein Konzept von sprachlicher KompetenzKompetenz, sprachliche voraus, welches die – von Kultusministerkonferenz (KMK), Bildungsplanmachern usw. – definierten Standards über die Vielfalt, das National-Einheitliche über das Regional-Besondere stellt. Aus den genannten Gründen wollen wir uns unserem Thema nicht nur in beschreibender und erklärender Weise nähern; wir geben auch Hinweise zum sinnvollen Umgang mit bzw. zum sinnvollen Gebrauch von Dialekt und UmgangsspracheUmgangssprache, wobei wir unseren Fokus insbesondere auf die folgenden Schwerpunkte legen:
die Entwicklung und Fundierung der Konzepte „Dialekt“, „Standardsprache“ und „Umgangssprache“ auf der Basis sprachwissenschaftlicher Grundlagen,4
die Frage nach dem „richtigen“ Umgang mit diesen Konzepten im sprachlichen Alltag, insbesondere in Schule und Universität,
die Formulierung eines (dialektfreundlichen) Konzepts sprachlicher KompetenzKompetenz, sprachliche, in dem die genannten Teilaspekte in sinnvoller Weise berücksichtigt werden.
Unser eigener sprachwissenschaftlicher und didaktischer Standpunkt (Point of view), den wir am Ende des Kapitels „Grundlagen“ weiter ausführen und mit Blick auf die Fragen nach einem sinnvollen Umgang mit den Themen Dialekt und Standardsprache konkretisieren werden, ist dabei die linguistisch fundierte SprachkritikSprachkritiklinguistische, wie sie Jürgen SchieweSchiewe, Jürgen, Martin WenglerWengler, Martin, Jörg KilianKilian, Jörg u.a. in den letzten Jahren in diversen Publikationen differenziert begründet und überzeugend ausformuliert haben (vgl. Kap. 4.4).5 Darüber hinaus teilen wir die Sicht des Kulturwissenschaftlers Thomas BauerBauer, Thomas, nach der es die Vielfalt nicht nur in der Natur, sondern auch in kultureller und sprachlicher Hinsicht zu erhalten gilt. In seinem Essay „Die Vereindeutigung der Welt – Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt“ kritisiert Bauer neben dem Artensterben in der Natur „in nie dagewesenem Umfang“ auch das Aussterben bedrohter Sprachen und Dialekte.6 Wenn man wie dieser Kulturwissenschaftler der Ansicht ist, dass auch das Verschwinden von sprachlicher Vielfalt einen Verlust darstellt – und wir sind dieser Ansicht –, dann gilt es, zum einen, zumindest mit Blick auf Deutschland bzw. die deutsche Sprache, nach den Faktoren für dieses Verschwinden und geeigneten Gegenstrategien zu fragen (vgl. Kap. 3); zum anderen ist bei der Bestimmung dessen, was aus deutschdidaktischer Perspektive unter sprachlicher KompetenzKompetenz, sprachliche zu verstehen ist, auf diese Herausforderung angemessen zu reagieren. Dazu, wie dies geschehen kann, werden wir gegen Ende des theoretischen Teils (in Kap. 4) einen Vorschlag unterbreiten.
Auch wenn unser Schwerpunkt auf der Situation in Deutschland liegt, kann dieses Arbeitsbuch für Interessierte anderer deutschsprachiger Länder ebenfalls von Nutzen sein, da grundsätzliche Aussagen über Konzepte und Strategien verallgemeinerbar und auf unterschiedliche Sprachsituationen anwendbar sind. Es richtet sich in erster Linie an Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer, Studierende des Faches Germanistik sowie Referendarinnen und Referendare des Faches Deutsch, aber auch Personengruppen, die außerhalb des Fachbereichs Deutsch professionellen Umgang mit der Sprache haben, wie z. B. Zeitungsredakteure, Journalisten und Verantwortliche in Radio und Fernsehen.
1.2 Aufbau des Buchs
Da es unser Bestreben ist, das Spannungsfeld zwischen Dialekt und Standardsprache zu beschreiben und nach Strategien zu suchen, mit denen eine Kommunikation innerhalb dieses Spannungsfeldes ohne DiskriminierungDiskriminierungsprachliche gelingen kann, müssen wir zunächst einmal die Grundlagen für die folgende Diskussion schaffen. Dies ist die Aufgabe von Kapitel 2. Hier wollen wir Begriffe wie Dialekt, Standardsprache, UmgangsspracheUmgangssprache klären, auf das für jede Sprachbetrachtung fundamentale Phänomen des SprachwandelsSprachwandel eingehen, den ebenso wichtigen Unterschied zwischen SchriftlichkeitSchriftlichkeit, konzeptionelle und MündlichkeitMündlichkeit, konzeptionelle herausstellen und die regionale Varietät in das Konzept der inneren MehrsprachigkeitMehrsprachigkeitinnere einbetten. In Kapitel 3 gehen wir dann einen Schritt weiter und zeigen auf, wie die Dialekte entstanden sind, wie man sie gliedert, wie es zu Dialektgrenzen kommen und was man über ihre Zukunft sagen kann. Ebenso wird hier die Entstehung der Standardsprache genauer beschrieben, um abschließend Dialekt und Standardsprache in Beziehung zu setzen: Wann und wie werden sie im Alltag verwendet? Und inwiefern zeigt auch die Standardsprache regionale Varianz? Nachdem somit die Sprachwirklichkeit im süddeutschen Raum beschrieben ist, steht in Kapitel 4 der Umgang in der Gesellschaft mit regionaler Varietät im Zentrum. Hierbei müssen zunächst verschiedene sprachliche IdeologienIdeologie, sprachliche vorgestellt werden, da sie bei der DiskriminierungDiskriminierungsprachliche von Sprecherinnen und Sprechern mit regionaler Varietät eine zentrale Rolle spielen. Ein Blick in die Schweiz und nach Norwegen macht kontrastiv deutlich, dass eine sprachliche Varietät auch in einer modernen, wirtschaftlich erfolgreichen Gesellschaft akzeptiert, gefördert und gelebt werden kann. Da wir bei allen unseren Betrachtungen und Analysen von einer linguistisch fundierten SprachkritikSprachkritiklinguistische ausgehen, die nach einer Bestandsaufnahme auch Lösungsvorschläge macht, stellen wir am Ende des Kapitels unser dialektfreundliches Konzept sprachlicher KompetenzKompetenz, sprachliche vor. In Kapitel 5 soll dieses Konzept schließlich mit der schulischen Praxis in Verbindung gebracht werden: Was sagen die Bildungspläne zum Thema Dialekt-Standardsprache und wie setzen die Sprachbücher diese Vorgaben um? Was wissen gerade aus dem Studium kommende Referendarinnen und Referendare des Faches Deutsch über Dialekt und Standardsprache und wie gehen sie bei der Beurteilung von regionalen Varianten in der Standardsprache vor? Aber nicht nur in der schulischen Praxis spielen sprachliche IdeologienIdeologie, sprachliche und DiskriminierungDiskriminierungsprachliche eine Rolle. Auch in den MedienMedien wird ein falsches Bild von der Standardsprache gepflegt und verbreitet, was am Ende des Kapitels anhand einiger Beispiele aufgezeigt wird. Nachdem der Nachweis erbracht wurde, dass sprachliche Ideologien und damit automatisch Diskriminierungen von Sprecherinnen und Sprechern einer regionalen Varietät im schulischen Alltag eine Rolle spielen, fordern wir in Kapitel 6 Konsequenzen sowohl für den Umgang mit Schülerinnen und Schülern, die Dialekt oder eine RegionalspracheRegionalsprache sprechen, als auch für den Unterricht Deutsch als Zweitsprache/Fremdsprache, wo die deutsche Standardsprache nach wie vor als ein homogenes Gebilde vorgestellt wird, das es in der Wirklichkeit nicht gibt. Um allen Lehrenden die Arbeit an diesem für uns wichtigen Thema zu erleichtern, haben wir im Arbeitsteil (Kapitel 7) schließlich zahlreiche Aufgaben, Arbeitsmaterialien, Internetseiten und Aufsätze zusammengestellt.
2. Grundlagen: Linguistische Aspekte und Voraussetzungen
Die im folgenden Kapitel erläuterten linguistischen Grundlagen (Kap. 2) sind für ein vertieftes Verständnis der Phänomene Dialekt und Standardsprache von zentraler Bedeutung. Sie sollen daher soweit – und nur soweit – dargestellt werden, dass der wissenschaftliche Problemhorizont und die für unser Thema maßgeblichen linguistischen Theorieansätze und Fragestellungen sichtbar werden.
2.1 Die innere Mehrsprachigkeit des Deutschen
Wenn wir von „der“ deutschen Sprache sprechen, sprechen wir nicht von einer Sprache, sondern von vielen. Die deutsche Sprache ist also kein monolithischer Block, sondern gekennzeichnet durch verschiedene Varietäten.
Neben den dialektalen Varietäten unterscheidet die Sprachwissenschaft auch soziolektale Varietäten. Während die dialektalen Varietäten die geografischen Verbreitungsformen der deutschen Sprache bezeichnen, nennt man eine soziolektale Varietät die Sprache einer bestimmten sozialen Gruppe.1 Zu den dialektalen Varietäten des Deutschen zählen z.B. das SchwäbischeSchwäbisch, das BairischeBairisch und das FränkischeFränkisch – ein detaillierter Überblick über die verschiedenen Dialekte der deutschen Sprache erfolgt weiter unten (Kap. 3); zu den soziolektalen Varietäten werden alters- und schichtenspezifische Sprachvarietäten wie beispielsweise die Jugendsprache bzw. das Gastarbeiterdeutsch, aber auch Fach- und Spezialsprachen „von Fachleuten für Fachleute“ gezählt.2 Darüber hinaus gibt es eine situative Varianz – sie bezeichnet die Fähigkeit eines Individuums, eine bestimmte sprachliche Varietät in Abhängigkeit von der jeweiligen Situation zu realisieren. In jedem Fall ist es aus linguistischer Sicht nur dann sinnvoll, von einer sprachlichen Varietät zu sprechen, wenn sie sich auf mindestens einer sprachlichen Ebene (z. B. Lexikon, Morphologie, Phonologie, Semantik, Syntax) von einer anderen sprachlichen Varietät unterscheiden lässt.
Die erste sprachwissenschaftlich fundierte Beschreibung des breiten Varietätenspektrums der deutschen Sprache legt Mario WandruszkaWandruszka, Mario in seiner wegweisenden Publikation „Die MehrsprachigkeitMehrsprachigkeitinnere des Menschen“ (1979) vor. Wandruszka kommt darin nicht nur zu dem Schluss, dass sich der Lehrer „als Erzieher zur Mehrsprachigkeit begreifen“ müsse, da sowohl die Standard- bzw. HochspracheHochsprache als auch der Dialekt und der Regiolekt ihren eigenen Wert und ihre eigene Berechtigung haben;3 er unterscheidet außerdem zwischen tätiger und verstehender Mehrsprachigkeit und nimmt damit eine Unterscheidung vor, die für unsere eigenen Überlegungen ebenfalls von zentraler Bedeutung ist: Während tätige Mehrsprachigkeit die persönliche Verwendung bestimmter sprachlicher Varietäten in bestimmten kommunikativen Kontexten meint, ist mit verstehender MehrsprachigkeitMehrsprachigkeitverstehende die menschliche Fähigkeit gemeint, weit mehr sprachliche Varietäten zu verstehen als zu verwenden. So sind z.B. auch Sprecher der deutschen Sprache, die nicht aus Österreich stammen, i.d.R. in der Lage, das in Österreich gesprochene Deutsch zu verstehen. Zurecht stellt Wandruszka pointiert fest: „Sprachliche Kommunikation ist weit über das Verwenden hinaus ein gegenseitiges Verstehen.“4
Laut Helmut HenneHenne, Helmut, auf den das bis in die Gegenwart wirksame (und damit wohl wichtigste) linguistische Konzept der inneren MehrsprachigkeitMehrsprachigkeitinnere des Deutschen zurückgeht, gehört auch die deutsche Standardsprache zu den Varietäten der deutschen Sprache.5 Dabei sieht Henne die deutsche Standardsprache keinesfalls als unteilbare Einheit, sondern differenziert sie vielmehr weiter in die „Stilschichten bzw. Funktionalstile“ des alltäglichen, des arbeitspraktischen, des wissenschaftlichen und des literarisch-künstlerischen Verkehrs aus.6 Dennoch kommt der deutschen Standardsprache nach Henne eine Sonderstellung zu: Da sie „diejenige sprachliche Existenzform“ ist, „welche die kulturelle und politische Geschichte und Existenz der Deutschen trägt“,7 geht sein Konzept der inneren MehrsprachigkeitMehrsprachigkeitinnere des Deutschen nämlich vom Primat der Standardsprache aus.8 Dabei wird das Konzept keinesfalls von der Vorstellung getragen, die Standardsprache sei ein statisches Gebilde; er sieht die Standardsprache vielmehr in beständiger Wechselwirkung mit anderen Varietäten, auf die sie einwirkt, von denen sie aber ebenso beeinflusst wird. Insofern bezieht sich der Begriff Standardsprache, wie bereits in der einleitenden Problemstellung angedeutet, in wissenschaftlich-beschreibender Weise auf die deutsche Sprache, während der Begriff der HochspracheHochsprache der in der Alltagskommunikation gebräuchliche Begriff für die Standardsprache ist; dem Begriff der HochspracheHochsprache wohnt außerdem ein pädagogisch-didaktisches Moment inne, denn er weist, wie Jakob OssnerOssner, Jakob betont, „auf die Notwendigkeit der Pflege und Bildung“ der deutschen Sprache hin.9
HennesHenne, Helmut Konzept der inneren Mehrsprachigkeit des Deutschen ist somit einerseits wegweisend für eine differenzierte, linguistisch fundierte und zugleich didaktisch reflektierte Sicht auf die Vielgestaltigkeit der deutschen Sprache, andererseits macht es deutlich, dass auch der sprachwissenschaftliche Blick darauf nicht ideologisch neutral bzw. vollkommen wertfrei ist bzw. sein kann – entscheidend ist vielmehr, sich entsprechender sprachlicher IdeologienIdeologie, sprachliche (wie etwa der Aufwertung des sprachlichen Standards gegenüber anderen Varietäten) und der damit verbundenen Implikationen für die sprachliche Praxis, die wissenschaftliche Theoriebildung und die Sprachdidaktik möglichst bewusst zu sein. Dazu wird es deshalb einige weiterführende Überlegungen in Kapitel 4 geben.
2.2 Das Phänomen des Sprachwandels1
Als gesprochene Sprache befindet sich die deutsche Sprache – im Unterschied zu nicht (mehr) bzw. nur noch von wenigen Liebhabern gesprochenen Sprachen wie z.B. Latein oder Altgriechisch – in permanentem Wandel. Nach Gerhart WolffWolff, Gerhard ist dabei der Begriff SprachwandelSprachwandel den Begriffen Veränderung und Entwicklung vorzuziehen.2 Denn der Begriff Veränderung beziehe sich lediglich auf „beobachtbare Oberflächenphänomene“, sei also eine quantitative Kategorie, „die dem dynamischen Charakter von Sprache nicht gerecht werden“ könne; der Begriff Entwicklung werde dagegen mit der „Vorstellung von einem kontinuierlichen, zielgerichteten Ablauf“ verbunden und sei damit eine teleologische Kategorie, die „ganz bestimmte Regulative (Entwicklungsgesetze), Einteilungen (Entwicklungsstufen) und Deutungen (z.B. fortschreitende Vervollkommnung, Sprachdifferenzierung oder auch Sprachzerfall)“ impliziere. Lediglich der Begriff Sprachwandel werde dem „dynamisch-veränderbaren Charakter der Sprache“ gerecht, nicht zuletzt deshalb, weil es „die Interpretationsoffenheit einzelner Phänomene gebe“ und Veränderungen funktionell erklärt würden, also die Frage nach den dahinterstehenden kommunikativen Bedürfnissen das wissenschaftliche Interesse leite. Wolff nennt den Begriff Sprachwandel deshalb treffend eine pragmatische Kategorie.
Was damit gemeint ist, zeigt Uwe HinrichsHinrichs, Uwe eindrücklich am Beispiel des sogenannten Gastarbeiterdeutsch auf, sprich dem ungesteuert erworbenen Deutsch von Migranten, die zwischen den 1950er und den frühen 1970er Jahren nach Deutschland kamen.3 Da sie lediglich für einen „begrenzten Zeitraum“ und „ohne Perspektive auf Integration“ nach Deutschland eingereist seien, sei ihre Motivation, die deutsche Sprache zu erlernen, nur gering gewesen; auch hätten die meisten Gastarbeiter keinen Fremdsprachen- bzw. Deutschunterricht besucht. Hinrichs geht dabei von der Annahme aus, dass typische Züge des Gastarbeiterdeutsch „unabhängig von der Herkunftssprache auftreten“, wozu z. B. „fehlende Artikel, Präpositionen und Pronomen; falsche Präpositionen, falsches Genus, andere Wortfolge etc.“ zählen. Für die Frage nach dem SprachwandelSprachwandel entscheidend ist jedoch ein anderer Befund, nämlich die Tatsache, dass diese Merkmale und Besonderheiten des Gastarbeiterdeutsch „auch im Zusammenhang mit aktuellen Veränderungen in der deutschen Standard-UmgangsspracheUmgangssprache“ auftauchen. So werden in dieser beispielsweise zunehmend alte Kasus durch Präpositionen ersetzt, was laut Hinrichs auf den intensiven Sprachkontakt zwischen Muttersprachlern und Migranten zurückzuführen ist. Denn diese „geben Präpositionen den Vorzug“, weil sich ihre eigene Muttersprache – so z.B. das Türkische und das Arabische – weit „von dem alten Kasusmodell“ entfernt hat.4 Im Kern handelt es sich bei all diesen Veränderungen durch Sprachkontakt also um „kommunikativ bedingte Vereinfachungen der Grammatik“ und damit um ein pragmatisch bedingtes Sprachwandelphänomen in dem von Gerhart WolffWolff, Gerhard beschriebenen Sinn.
Neben den durch Sprachkontakt bedingten Formen des SprachwandelsSprachwandel lässt sich nach HinrichsHinrichs, Uwe eine zweite große Gruppe von Veränderungen ausmachen, die für die deutsche Sprache gegenwärtig kennzeichnend sind. Dazu gehören zum einen Veränderungen „die aus dem Englischen herüberkommen („Denglisch“)“ und zum anderen Veränderungen, die „aus den Dialekten stammen (Ich bin gerade die Uhr am Reparieren).“5 Bei (noch) genauerer Betrachtung ist das Verhältnis zwischen Dialekt und mündlicher „Standard-UmgangsspracheUmgangssprache“ tatsächlich noch etwas komplizierter, als es die Unterscheidung von Hinrichs suggeriert, denn es beruht auf Gegenseitigkeit: Die deutschen Dialekte wirken auf die am schriftlichen Standard orientierte Umgangssprache ein, weswegen nicht von der einen deutschen Standard-Umgangssprache gesprochen werden kann, sondern von verschiedenen regionalen (mündlichen) GebrauchsstandardsGebrauchsstandard gesprochen werden muss; diese wirken ihrerseits auf den Gebrauch der Dialekte zurück. So ist das dialektale Sprechen in Deutschland zwar immer noch weit verbreitet, aber es findet in erster Linie im privaten und kommunalen Bereich statt, z.B. in der Familie, im Freundeskreis und im Sportverein, während im öffentlichen Raum zunehmend Formen und Varianten eines „abgemilderten“, an der regionalen Umgangssprache orientierten dialektalen Sprechens anzutreffen sind.6 Schließlich ist noch zu unterscheiden zwischen einem gelenkten und einem nicht gelenkten SprachwandelSprachwandel: Während Hinrichs (in erster Linie) nicht gelenkte Formen der Einflussnahme meint, sind politisch bzw. pädagogisch motivierte Formen der Einflussnahme auf Bildungsprozesse im Sinne von HennesHenne, Helmut Primat der Standardsprache mehr oder weniger gelenkt.
2.3 Konzeptionelle MündlichkeitMündlichkeit, konzeptionelle und konzeptionelle SchriftlichkeitSchriftlichkeit, konzeptionelle bzw. Literalität
Die bisherigen Überlegungen zeigen, dass die auf Forschungen von Peter KochKoch, Peter und Wulf Oesterreicher zurückgehende Unterscheidung zwischen konzeptioneller MündlichkeitMündlichkeit, konzeptionelle und konzeptioneller SchriftlichkeitSchriftlichkeit, konzeptionelle1 für ein vertieftes Verständnis der Problematik von Dialekt und Standardsprache unerlässlich ist. Nach Helmuth FeilkeFeilke, Helmuth kennzeichnen schriftlich-konzeptuale Fähigkeiten „Graphie und Orthographie ebenso wie die Fähigkeit, schriftliche Texte zu verfassen“;2 das zentrale Ziel konzeptionell-schriftlicher Kommunikation ist „die maximal kontextentbundene Verständigung“.3 Nach Fix ist Schriftlichkeit deshalb ein „eigenständiges kognitives Konzept“, ein eigener „Denkstil“ und „nicht nur ein Anhängsel des Sprechens“.4 So setzt das kompetente Verfassen eines konzeptionell schriftlichen Textes nicht nur korrekte Rechtschreibung, sondern z.B. auch Textsortenkenntnis und die Fähigkeit voraus, die Perspektive potentieller Adressaten einzunehmen. Aber auch Prozesse der Planung, Überarbeitung und Revision sind kennzeichnend für konzeptionell schriftliche Texte. Daneben gibt es freilich Texte, die dem konzeptionell Mündlichen nahestehen, etwa die Chat-Kommunikation oder die E-Mail: Diese kann zwar ebenfalls sehr förmlich verfasst sein, beispielsweise wenn sie an Vorgesetzte oder Behörden gerichtet ist und damit durchaus in den Bereich konzeptioneller Schriftlichkeit gehört; unter Bekannten und im privaten Schriftverkehr weist die E-Mail jedoch typischerweise Merkmale konzeptioneller Mündlichkeit auf. Jörg KilianKilian, Jörg spricht deshalb treffend von „geschriebener UmgangsspracheUmgangssprache“ bzw. „geschriebener Mündlichkeit“.5 Die Frage ist nun, welche Konsequenzen damit für Dialekt und Standardsprache verbunden sind.
Zunächst einmal ist festzuhalten, dass es sich beim Thema Dialekt in erster Linie – aber nicht ausschließlich – um ein Phänomen handelt, das im Bereich konzeptioneller MündlichkeitMündlichkeit, konzeptionelle angesiedelt ist. Dialektales Sprechen ist für die mündliche Alltagskommunikation kennzeichnend, hier jedoch in verschiedenen Nuancierungen und Abstufungen: Während im Süden des deutschen Sprachraums in der Familie, im Freundeskreis und im heimatlichen bzw. dörflichen Kontext bis heute das dialektale Sprechen üblich ist (und u.U. sogar bewusst gepflegt wird), greifen dieselben Sprecherinnen und Sprecher im beruflichen Umfeld oder anderen weiteren Handlungskontexten (wie etwa Schule oder Studium) – im Sinne des Code-SwitchingCode-Switching – auf die in ihrer Region gebräuchliche UmgangsspracheUmgangssprache zurück. Diese ist zwar ebenfalls noch dialektal gefärbt, jedoch insgesamt näher an der (typischerweise in Radio und Fernsehen gesprochenen) mündlichen Standardaussprache angesiedelt als der heimische Dialekt.
Zwischen den zahlreichen (mehr oder weniger) dialektal gefärbten mündlichen Aussprachevarianten des Deutschen gibt es außerdem Abweichungen auf allen sprachlichen Ebenen (Beispiele aus dem OberfränkischenFränkisch):
Lexikon (Bsp. Babbelwasser für ein alkoholisches Getränk, nach dessen Genuss man redselig wird),
Morphologie (Bsp. gwen für „gewesen“),
Semantik (Bsp. Fähnla für „ein minderwertiges Kleid“),
Syntax (Bsp. machsd-es Laab auf an Haufm für die Aufforderung „mach das Laub auf einen Haufen“).6
In der schriftlichen Standardsprache – und damit im Bereich konzeptioneller SchriftlichkeitSchriftlichkeit, konzeptionelle – finden sich regionale Varianten hingegen lediglich innerhalb des Wortschatzes. Drei Beispiele hierfür aus der von Hubert KlausmannKlausmann, Hubert durchgeführten Studie zu „RegionalismenRegionalismen in der schriftlichen Standardsprache“:7
daheim (im süddeutschen Sprachraum gebräuchliche Variante zu norddt. zu Hause),
Blaukraut (im süddeutschen Sprachraum gebräuchliche Variante zu norddt. Rotkohl)
Radler (im süddeutschen Sprachraum gebräuchliche Variante zu norddt. Alsterwasser).
Das von Ulrich AmmonAmmon, Ulrich u.a. (2004) herausgegebene „Variantenwörterbuch des Deutschen“ mit ca. 12000 standardsprachlichen Wörtern und Wendungen, die eine national oder regional eingeschränkte Verbreitung aufweisen, macht eindrucksvoll deutlich, dass Varianten auch innerhalb des schriftlichen Standarddeutschen sehr viel weiter verbreitet sind, als es der Begriff „Standardsprache“ suggeriert.
2.4 Zusammenfassung: Die Begriffe Standardsprache, Dialekt und UmgangsspracheUmgangssprache
Mit Blick auf die folgenden, einzelne Aspekte weiter vertiefenden Überlegungen werden an dieser Stelle die wesentlichen Unterschiede zwischen den Begriffen Standardsprache, Dialekt und Umgangssprache noch einmal kurz und prägnant zusammengefasst. Dies geschieht jeweils durch kurze Begriffserklärungen.
Zunächst einmal ist festzuhalten, dass es sich in allen drei Fällen um linguistische Konzepte und damit um den Versuch handelt, aus einer Fülle sprachlicher Phänomene jeweils solche in einem Begriff zusammenzufassen, die eine Reihe ähnlicher – nach linguistischen Kriterien beschreibbarer – Merkmale aufweisen. Dabei muss zwischen sprachwissenschaftlich motivierten und fundierten einerseits und populären bzw. alltagssprachlichen Konzepten andererseits unterschieden werden: Der Begriff „Dialekt“ ist sowohl ein linguistisches als auch ein alltagssprachliches Konzept – auch Menschen, die nicht Sprachwissenschaftler sind, haben i.d.R. eine (mehr oder weniger konkrete) Vorstellung davon, was man unter einem „Dialekt“ versteht; der Begriff „Hochdeutsch“ wiederum ist ein alltagssprachliches Konzept, dem der sprachwissenschaftliche Begriff der (deutschen) Standardsprache entspricht, unter der im Wesentlichen Folgendes zu verstehen ist:
Standardsprache: Bei der (deutschen) Standardsprache handelt es sich um ein Phänomen der deutschen Sprache, das sowohl im Schriftlichen (schriftlicher Standard) als auch im Mündlichen (mündlicher Standard) auftritt; von Standard bzw. Standardisierung ist deshalb die Rede, weil die (mündliche wie schriftliche) Standardsprache der Normierung unterliegt. Normierende Instanz für die mündliche Standardsprache ist das „Aussprachewörterbuch“ des DudenDuden; daneben existiert bis heute die von dem deutschen Germanisten Theodor SiebsSiebs, Theodor um 1900 entwickelte „Bühnenaussprache“ als normierende Instanz.1 Beide Standard-Lautvarianten wurden bzw. werden – trotz einiger Unterschiede – auf der Basis norddeutscher Dialekte entwickelt. Der Duden nimmt für sich allerdings in Anspruch, „der Sprechwirklichkeit“ näher zu kommen als die „Bühnenaussprache“, da diese „ideale Norm“ nur noch im Kunstgesang üblich sei.2 Wie Werner KönigKönig, Werner für den mündlichen Standard nachgewiesen hat, meint der Duden mit „der Sprechwirklichkeit“ die Aussprache im norddeutschen Raum.3 Das zeigt zum einen, dass hinter seinen Entscheidungen Sprachwissenschaftler stehen, die ihre Entscheidungen nicht auf der Basis empirischer Untersuchungen, sondern eigener Normurteile fällen; zum anderen macht es deutlich, dass auch die Entscheidungen eines Wörterbuchs – so unumstößlich sie erscheinen mögen – auf einer schwankenden, veränderlichen Basis stehen („Was ist die Sprechwirklichkeit im norddeutschen Raum?“).4 Der im kulturellen Gedächtnis der deutschsprachigen, insbesondere der bundesrepublikanischen Bevölkerung tief verwurzelte Nexus „Norddeutsch gleich Standardsprache“ hat in diesen richtungweisenden Entscheidungen seinen Ursprung, obwohl – das sei hier ausdrücklich betont – die einzelnen deutschen Aussprachevarianten bzw. Dialekte aus sprachwissenschaftlicher Perspektive prinzipiell gleichwertig sind.5 Ein „Primat der Standardsprache“ (vgl. Kap. 2), wie es in Helmut HennesHenne, Helmut Konzept der inneren MehrsprachigkeitMehrsprachigkeitinnere des Deutschen zum Ausdruck kommt, lässt sich jedenfalls nicht aus der konkreten Sprachwirklichkeit ableiten, sondern allenfalls normativ begründen. Den geografisch neutralen mündlichen Standard gibt es nach Königs Untersuchungen im Grunde lediglich bei den Nachrichtensprecherinnen und Nachrichtensprechern in Radio und Fernsehen in mehr oder weniger „reiner“ Form.6 Normierende Instanz für den schriftlichen Standard sind ebenfalls die deutschen Wörterbücher, allen voran der Duden und das Wörterbuch von WahrigWahrig. Dabei gilt es zu bedenken, dass es nicht nur zwischen den einzelnen Wörterbüchern, also mit Blick auf die Frage, was der schriftliche Standard sei, z. T. erhebliche Diskrepanzen gibt.7 Neben dem deutschen Deutsch sind darüber hinaus weitere nationale Standardvarietäten zu unterscheiden, nämlich das „österreichische Deutsch“ und das „schweizerische Deutsch“.8
Dialekt: Zu den dialektalen Phänomenen gehören die verschiedenen regionalen Varianten der deutschen Sprache. Dies gilt sowohl für das Schriftliche als auch für das Mündliche, wobei jedoch ein wesentlicher Unterschied besteht: Während die (regionale) Variation im Schriftlichen – ungeachtet aller Normierungsbestrebungen von DudenDuden und WahrigWahrig – im Bereich Wortschatz bzw. Lexik auftritt, differieren die mündlichen Variationen der deutschen Sprache auf sämtlichen linguistischen Ebenen (Lexikon, Morphologie, Phonologie usw.). Dabei ist, wenn von Dialekt die Rede ist, im süddeutschen Raum grundsätzlich von einer gleitenden Skala auszugehen: Sie reicht von „stark ausgeprägt“, wie in bestimmten ländlichen Kontexten durchaus heute noch üblich und vor allem in früheren Jahrhunderten der Normalfall, bis hin zu „schwach ausgeprägt“, d. h. nahe am mündlichen Standard und lediglich dialektal bzw. regional gefärbt.
UmgangsspracheUmgangssprache: Im Unterschied zu den beiden Begriffen „Standardsprache“ und „Dialekt“ bezieht sich der Begriff „Umgangssprache“ ausschließlich auf den Bereich des konzeptionell Mündlichen, also den Bereich der gesprochenen Sprache. Dabei ist zunächst einmal festzuhalten, dass es „die“ Umgangssprache nicht gibt;9 vielmehr existieren zahlreiche Varianten der Umgangssprache nebeneinander, wobei Dialektgrenzen überschritten werden und die Grenzen zwischen diesen Varianten fließend sind. Ihr Hauptkennzeichen besteht darin, dass sie einerseits mehr oder weniger stark dialektal gefärbt und andererseits – zum Zwecke überregionaler Verständigung – am (mündlichen) Standard orientiert sind. Deshalb kann bei regionalen Varianten, die dem (mündlichen) Standard sehr nahe stehen, auch von „Standardvarianten“ gesprochen werden.10 Die Verwendung der Umgangssprache wird somit von der impliziten Annahme getragen, dialektales Sprechen sei per se eine Verständigungsbarriere und müsste deshalb durch die (mehr oder weniger starke) Ausrichtung am (mündlichen) Standard verbessert werden.
3. Herkunft und Gliederung der deutschen Dialekte und der Standardsprache
3.1 Herkunft und Gliederung der Dialekte
3.1.1 Die Herkunft der Dialekte
Wer in der Öffentlichkeit Dialekt spricht, wird immer wieder mit dem Vorwurf konfrontiert, kein richtiges Hochdeutsch zu sprechen. Allerdings machen es sich diese Gegner der Dialekte zu einfach, denn im deutschen Sprachraum ist die Situation komplizierter, als mancher glaubt. Zunächst muss festgehalten werden, dass die Dialekte gar kein falsches Hochdeutsch sein können, weil sie nicht vom Hochdeutschen, also der Standardsprache, abstammen. Um die Herkunft der Dialekte zu klären, müssen wir einen Blick auf die deutsche Sprachgeschichte werfen.
Die deutsche Sprache gehört zur Familie der germanischen Sprachen, die ihrerseits zur Großfamilie der indogermanischen Sprachen gehört. Entscheidend für die Abtrennung des Deutschen von den übrigen germanischen Sprachen wie Dänisch, Holländisch, Schwedisch, Englisch usw. war eine Lautveränderung, die sogenannte Zweite LautverschiebungZweite Lautverschiebung, bei der zwischen dem 5./6. und 8./9. Jahrhundert n. Chr. unter anderem die Laute p, t, k zu pf/ff, ts/ss und ch/kch verändert wurden. Da eine solche Veränderung in Hunderten von Wörtern auftritt, verändert sie das Gesicht einer Sprache massiv. Ein Vergleich von deutschen und englischen Wörtern macht den Unterschied sofort deutlich. Es stehen sich dann beispielsweise gegenüber: englisch water – deutsch Wasser, englisch apple – deutsch Apfel. Diese Zweite LautverschiebungZweite Lautverschiebung wird traditionell in der Dialektforschung auch als Kriterium für die Einteilung der deutschen Dialekte verwendet. Entsprechend der Teilnahme an dieser Lautverschiebung werden die deutschen Dialekte in drei Gebiete eingeteilt (Abb. 1):
(a) das niederdeutscheNiederdeutsch Gebiet: Hier wurde wie in den übrigen germanischen Sprachen diese Lautverschiebung überhaupt nicht durchgeführt, so dass man zum Beispiel im Niederdeutschen heute noch ik für „ich“, maken für „machen“, Dorp für „Dorf“, Appel für „Apfel“ und Pund für „Pfund“ sagt.
(b) das mitteldeutscheMitteldeutsch Gebiet: Diesen Raum kann man als Übergangsgebiet bezeichnen. Zwar hat man hier an der Zweiten LautverschiebungZweite Lautverschiebung teilgenommen, doch wurden nicht alle Konsonanten verändert: So sagt man im Kölner Raum zum Beispiel ich, aber dat und Pund, während man im Süden des deutschsprachigen Raums das und Pfund spricht. Die Besonderheit im östlichen Teil des Mitteldeutschen besteht dagegen in der Aussprache von Pfund als Fund. Appel bleibt aber auch hier unverändert.
(c) das oberdeutscheOberdeutsch Gebiet: In diesem Raum wurde die Zweite LautverschiebungZweite Lautverschiebung bis auf k- im Anlaut komplett durchgeführt. Die Verschiebung von k- zu kch- und Ch- fand nur im südlichen Teil des BairischenBairisch und AlemannischenAlemannisch statt, wo man die Aussprachen Kchind/Chind für Kind noch heute hören kann.
Abb. 1:
Die räumliche Gliederung der deutschen Dialekte nach der Zweiten Lautverschiebung.
Die Sprachstufe, in der diese Veränderungen zum ersten Mal auftreten, nennt man „Althochdeutsch“. Hierbei ist „hochdeutsch“ ein geografischer Begriff, der – vom Meer aus gesehen – den Gegensatz zum NiederdeutschenNiederdeutsch („Plattdeutschen“) deutlich machen soll. Dieses „Althochdeutsch“ hat sich ebenfalls über die Jahrhunderte in seiner lautlichen und grammatikalischen Struktur verändert, so dass man spätestens für das 12. Jahrhundert von „Mittelhochdeutsch“ spricht. Die Dialekte des hochdeutschen Raumes, also die mitteldeutschenMitteldeutsch und oberdeutschenOberdeutsch Dialekte, bilden dann die natürliche Fortsetzung dieser mittelhochdeutschen Sprache.
Da sich, wie wir gesehen haben, die Dialekte aus dem Mittelhochdeutschen ableiten lassen, ist es auch nicht möglich, Dialekte nachzumachen, indem man sie von der standarddeutschen Lautung ableitet. Wer also in einem Ort Wörter wie „breit“ und „Geiß“ als broit und Goiß hört und glaubt, dass er nur die standarddeutsche Lautung -ai- durch -oi- ersetzen muss, um den Ortsdialekt zu sprechen, würde dann mit Lautungen wie Zoit „Zeit“ und woiß „weiß“ falsch liegen, da diese beiden Wörter in mittelhochdeutscher Zeit mit einem langen i-Laut gesprochen wurden, geschrieben -î- (mhd. zît „Zeit“, mhd. wîʒ „weiß“), während die Wörter „breit“ und „Geiß“ einen Diphthong -ei- besaßen (mhd. breit „breit“, mhd. geiʒ „Geiß“). Tabelle 1 zeigt dies nochmals für verschiedene Dialekte, wobei es sich beim FränkischenFränkisch um den ostfränkischen, beim SchwäbischenSchwäbisch um den ostschwäbischen Dialekt handelt. Im Standard werden alle vier Wörter mit -ai- gesprochen!
| Mhd. | Bairisch | Fränkisch | Alemannisch | Schwäbisch | Standard |
| zît | Zait | Zait | Ziit | Zeit | Ais |
| wîß | waiß | waiß | wiiß | weiß | waiß |
| breit | broat | braat | brait | broit | brait |
| geiʒ | Goaß | Gaaß | Gaiß | Goiß | Gaiß |
Tab. 1: Die Herleitung der Dialekte aus dem Mittelhochdeutschen
Im Gegensatz zum Germanischen, wofür wir praktisch keine Texte haben, ist die mittelhochdeutsche Sprache gut überliefert. Die großen Dichter des Mittelalters wie Walther von der Vogelweide und Wolfram von Eschenbach haben in dieser Sprache ihre Werke geschrieben. Darüber hinaus liegt uns das Mittelhochdeutsche auch in zahlreichen Urkunden vor. Die Aufspaltung dieser ursprünglich relativ einheitlichen Sprache in die heutigen Großdialekte Bairisch (man schreibt den Dialekt mit einem -i-, das Land Bayern dagegen mit -y-), AlemannischAlemannisch und FränkischFränkisch ist erst nach dem Mittelalter erfolgt. Um nun die Entwicklung der einzelnen Dialekte zu beschreiben, fragt sich die Mundartforschung, was aus den einzelnen mittelalterlichen Lauten in den jeweiligen Dialekten geworden ist: Was wurde zum Beispiel aus einem mittelhochdeutschen langen u-Laut, den man damals als û notierte, in einem Wort wie hûs „Haus“? Man stellt dann fest: Im Alemannischen ist dieses û als langer u-Laut erhalten geblieben und man sagt dort auch heute noch Huus wie im Mittelalter, während dieses û im SchwäbischenSchwäbisch zu einem -ou- wurde, so dass man dort Hous sagt. Im FränkischenFränkisch und BairischenBairisch ist dieses û dagegen zu einem au geworden. Man sagt wie im Standarddeutschen Haus. Und was wurde aus einem mittelhochdeutschen ei in einem Wort wie breit im Dialekt des Ortes A, was im Ort B? In manchen Gebieten, so etwa im Ostschwäbischen, wurde dieses -ei- zu einem -oi-, so dass man das Wort jetzt als broit ausspricht, in anderen Gegenden wie etwa dem Westschwäbischen oder dem Bairischen, wurde es zu -oa-, so dass man dort broat sagt.
Abb. 2:
Beispiel für eine Sprachatlaskarte, hier aus dem „Sprachatlas von Nord Baden-Württemberg“, Band 2, Karte I, 21.1.
Wenn man alle Laute nach diesem Verfahren durcharbeitet, erhält man das sprachliche Profil eines Ortes und kann für diesen eine Lautlehre erstellen. Dasselbe gilt auch für andere Teilbereiche wie die Grammatik, so dass am Schluss eine umfangreiche Beschreibung einer Ortsmundart entsteht.
Für die Einteilung von Sprachlandschaften nimmt man immer lautliche Veränderungen als Ausgangspunkt, weil sie – wie oben erwähnt – stets in mehreren Wörtern auftreten. Wer für breit heute broit sagt, sagt auch hoiß für heiß, Goiß für Geiß, Loitere für Leiter usw. Dagegen betreffen Unterschiede im Wortschatz in der Regel immer nur ein Wort. Wenn zwei Ortschaften für ein und dieselbe Sache zwei verschiedene Benennungen haben, so muss dies bei der nächsten Sache nicht auch so sein. Es gibt allerdings auch den Fall, dass dort, wo sich besonders viele lautliche Gegensätze gegenüberstehen, auch Unterschiede im Wortschatz festzuhalten sind. Wir werden bei der Beschreibung von Dialektgrenzen solche Sprachgrenzen mit Laut- und Wortgegensätzen noch kennenlernen.
3.1.2 Die Gliederung der Dialekte
Es wurde bereits erwähnt, dass sich die oberdeutschenOberdeutsch Dialekte (AlemannischAlemannisch, Bairisch, FränkischFränkisch) durch die gemeinsame Teilnahme an der Zweiten LautverschiebungZweite Lautverschiebung von den anderen Dialekten absetzten. Bereits für die mittelhochdeutsche Zeit kann man allerdings erste Unterschiede zwischen diesen drei Großdialekten erkennen. Da sich Sprache in Raum und Zeit prinzipiell ändert, musste die unterschiedliche Besiedlung der germanischen Personengruppen zu einer Differenzierung führen, die sich in der frühen Neuzeit durch die Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Verkehrslinien und Territorien noch verstärkte. Zu den wichtigsten lautlichen Neuerungen dieser Zeit gehört die im vorangegangenen Kapitel schon angesprochene sogenannte neuhochdeutsche Diphthongierung der mittelhochdeutschen Langvokale î, û und iu (als langes -ü- ausgesprochen!) in Wörtern wie mhd. zît „Zeit“, hûs „Haus“ und hiuser „Häuser“ zu einem Diphthong -ei-, -au- und -äu-, wobei diese Diphthonge im SchwäbischenSchwäbisch als Zeit (mit einem richtigen ei-Laut, nicht ai!), Hous (nicht mit -au-!) und Heiser (wieder mit -ei-!) zu sprechen sind. Durch diese lautliche Besonderheit spaltet sich das SchwäbischeSchwäbisch sowohl von den übrigen alemannischen Dialekten als auch vom FränkischenFränkisch und BairischenBairisch ab, wo man diese Diphthonge wie in der späteren Standardsprache als Zait und Haus spricht. Häuser ist ein Sonderfall, da hier das Wort in manche Gegenden auch entrundet als Haiser gesprochen wird.
In den Urkunden taucht die Diphthongierung, die sich dann später auch in der Schriftsprache durchsetzt, ab dem 12. Jahrhundert auf, zunächst in Kärnten, viel später, im 16. Jahrhundert, auch im FränkischenFränkisch und SchwäbischenSchwäbisch. Die alemannischenAlemannisch Dialekte haben sie nicht mitgemacht, so dass man dort in den Dialekten auch heute noch wie im Mittelalter die oben genannten Wörter als Huus, Zit/Ziit und Hiiser/Hüüser ausspricht. Da die Diphthongierung zuerst in Kärnten auftauchte, ging man lange davon aus, dass sie in Kärnten entstand und sich langsam von dort bis in den schwäbischSchwäbisch-fränkischen Sprachraum ausbreitete. Doch schließt man bei dieser Theorie zu einfach von der Schreibweise der Schreiber auf die gesprochene Sprache, was nicht zulässig ist. In der Sprachwissenschaft geht man heute vielmehr von einer Entwicklung aus, die an mehreren Stellen gleichzeitig geschah und sich lediglich zeitlich unterschiedlich in den schriftlichen Texten niederschlug.
Die folgende Tabelle zeigt noch einmal, wie sich allein durch die Teilnahme an der neuhochdeutschen Diphthongierung die süddeutschen Großdialekte unterscheiden lassen.
| Mhd. | Alemannisch | Schwäbisch | Bairisch | Fränkisch |
| hûs | Huus | Hous | Haus | Haus |
| zît | Zit/Ziit | Zeit | Zait | Zait |
| hiuser | Hiiser/Hüüser | Heiser | Haiser | Haiser/ Höüser |
Tab. 2: Die Aufteilung der süddeutschen Dialekte und die neuhochdeutsche Diphthongierung.
Jeder dieser Großräume wird dann mit Hilfe lautlicher Kriterien weiter unterteilt. Hier einige Hinweise zur weiteren Unterteilung:
AlemannischAlemannisch: Das Süd- oder Hochalemannisch genannte Gebiet, das ungefähr südlich einer Linie Freiburg-Konstanz beginnt und bis zum Alpenhauptkamm reicht, hebt sich durch die Verschiebung des k-Lautes in Chind „Kind“, Chalb „Kalb“ usw. von den übrigen alemannischen Dialekten ab. Das Oberrhein-Alemannische zeigt mit dem Wandel von -b- zwischen zwei Vokalen zu einem -w- in Wörtern wie „leben“, „Reben“, „sieben“ usw. und von -g- zwischen zwei Vokalen zu -ch- in Wörtern wie „sagen“, „Magen“, „Wagen“ einen stark fränkischenFränkisch Einfluss. Das Bodensee-Alemannische zeichnet sich seinerseits durch die Lautungen broat „breit“, Goaß „Geiß“, Soal „Seil“ usw. aus.
SchwäbischSchwäbisch: Das Schwäbische kann man durch die Lautungen der Wörter „breit“, „groß“ und „Schnee“ in vier Teilräume unterteilen: Westschwäbisch (broat, grauß, Schnai), Zentralschwäbisch (broit, grauß, Schnai), Ostschwäbisch (broit, groaß, Schnäa), Südschwäbisch (broit/brait, grooß, Schnee).
Bairisch: Das BairischeBairisch wird traditionell in Nordbairisch, Mittelbairisch und Südbairisch unterteilt. Typisch für das Nordbairische sind zum Beispiel die sogenannten gestürzten Diphthonge bei mhd. ou und mhd. öu, also die Aussprachen Kou „Kuh“ und Kei „Kühe“. Das Südbairische hat als Hauptmerkmal die binnendeutsche Konsonantenschwächung nicht mitgemacht, so dass dort die Laute b, d, g und p, t, k nach wie vor unterschieden werden. Es stehen sich dadurch südbairisches Kniä „Knie“ und mittel- und nordbairisches Gniä gegenüber. Für das gesamte BairischeBairisch typisch ist die „Verdumpfung“ eines alten mhd. a-Lautes zu einem o-haltigen Laut, den man als -å- wiedergeben könnte: Kåtz „Katze“. Als außerordentliche Besonderheit kennt das Gesamtbairische darüber hinaus auch noch Kennwörter, also Wörter, die es nur im bairischen Sprachraum gibt. Hierzu gehört zum Beispiel enk „euch“.
FränkischFränkisch: Hier gibt es verschiedene Unterteilungsmöglichkeiten, so zum Beispiel in Rheinfränkisch (Appel „Apfel“, Phaal „Pfahl“), Südfränkisch (Worscht „Wurst“, braait/breet „breit“, Schtuul „Stuhl“), Unterostfränkisch (Rachä „Rechen“, Kaas „Käse“, ass „essen“) und Oberostfränkisch (Woochä „Wagen“, braat „breit“, Schtual „Stuhl“).
Die soeben dargestellte Untergliederung war erst möglich, nachdem die Dialektatlanten fertiggestellt waren. Beim Durchblättern der Karten ergab sich dann, dass einige Karten immer die gleiche Raumverteilung zeigten. Dort, wo mehrere sprachliche Phänomene aufeinandertreffen, ergeben sich dann für die Dialektforschung die Dialektgrenzen. Wie aber kommt es zur Bildung solcher Dialektgrenzen?
3.1.3 Die Entstehung von Dialektgrenzen
Für die Entstehung von Dialektgrenzen gibt es mehrere Gründe. Einen ersten und für große Dialektgrenzen sehr wichtigen Grund bilden Siedlungsgrenzen. Hierbei ist allerdings darauf hinzuweisen, dass in der Frühzeit verschiedene Siedlergruppen oft noch relativ weit voneinander getrennt waren und zwischen den beiden Sprachräumen Ödland lag. Dieses wurde dann von beiden Seiten her besiedelt, bis die beiden Siedlergruppen an einer Stelle aufeinanderstießen. Und wenn beide Siedlergruppen unterschiedlich sprachen, bildete sich an dieser Stelle eine Sprach- oder Dialektgrenze. Die soeben geschilderte Entwicklung hat zum Beispiel an der Außengrenze des SchwäbischenSchwäbisch drei Mal stattgefunden: am Kniebis, wo oberrhein-alemannische Siedler aus den Seitentälern des Rheintals auf schwäbische Siedler aus dem Neckarraum stießen, im Raum Ellwangen, wo alemannische Siedler nach der Gründung des Klosters Ellwangen den Wald nördlich des Klosters solange urbar machten, bis sie auf das fränkische Siedlungsgebiet bei Crailsheim stießen, und am unteren Lech zwischen Augsburg und Donau, wo der relativ unbewohnte Raum zwischen Alemannen und Baiern erst recht spät intensiver besiedelt wurde, bis beide Sprachräume schließlich heute am Lech aufeinandertreffen. In einem engen Zusammenhang mit den Siedlungsgrenzen stehen die natürlichen Grenzen, wie man am Beispiel des Schwarzwalds sehen kann. Die Bedeutung solcher Grenzen für die Entstehung von Sprachgrenzen wird aber oft überschätzt. Was für den Schwarzwald stimmt, muss für Rhein, Donau und Lech nicht auch stimmen. Gerade beim Rhein, der heute als breiter Strom durch die Landschaft fließt, müssen wir daran erinnern, dass er bis zur Rheinregulierung durch Tulla im 19. Jahrhundert mit seinen zahlreichen Inseln und Flussarmen kein großes Verkehrshindernis darstellte, was dazu führte, dass Bauern auf beiden Seiten des Flusses Gelände besaßen und der Dialekt auf beiden Seiten des Rheins fast derselbe ist. Ähnlich war es am unteren Lech, wo nicht der Fluss, sondern Sumpf und Ödland, die dahinterlagen, die Siedlungstätigkeit einschränkten.
Alte Siedlungsräume schlagen sich häufig in der Aufteilung der alten Bistumsgrenzen nieder. Aber die alten kirchlichen Verwaltungen können aufgrund des Einflusses der Pfarrer auch direkt auf die Sprache einwirken. Bei allem, was mit der Kirche zu tun hatte, und hierzu zählen auch die Wochentage, konnte diese auf die Sprache der ihr unterstehenden Bevölkerung einwirken. So können wir zum Beispiel nachweisen, dass bis gegen Ende des 20. Jahrhunderts die ostschwäbischeSchwäbisch Bezeichnung Aftermontag „Dienstag“ nur im alten Bistum Augsburg üblich war. Dort müssen sie die Pfarrer gegen die alte heidnische Bezeichnung Zistag, in der der Kriegsgott Zio verehrt wurde, durchgesetzt haben. Die Bezeichnung Aftermontag ist dagegen ganz neutral und bedeutet ganz einfach den Tag – man vergleiche englisch after – nach dem Montag.
Eine weitere wichtige Rolle bei der sprachlichen Auseinanderentwicklung spielen dann die politischen Räume vom Mittelalter bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts, die sogenannten „Territorien“. Ihre Außengrenzen galten jahrhundertelang und haben den Kommunikationsradius der Bevölkerung im Alltag enorm eingeschränkt, denn diese Grenzen waren kontrollierte Grenzen, was noch Friedrich Schiller bei seiner Flucht aus Württemberg ins ausländische Mannheim behindert hat. Es ist daher kein Wunder, wenn Territorialgrenzen immer wieder mit wichtigen sprachlichen Grenzen zusammenfallen. Ein klassisches Beispiel hierfür ist das Territorium von Alt-Württemberg, innerhalb dessen sich offenbar die bereits oben erwähnte lautliche Entwicklung der alten langen i-, u- und ü-Laute zu den Zwielauten -ei- und -ou- in Wörtern wie Hous „Haus“, Zeit „Zeit“, Heiser „Häuser“ besonders gut ausbreiten konnte. Da die Territorien nach der Reformation für die Konfessionszugehörigkeit die entscheidende Rolle spielten, kommt als weiterer Faktor bei der Entwicklung und Abgrenzung von Dialekträumen die Religionszugehörigkeit hinzu. Dieser Faktor ist deswegen wichtig, weil er auch nach der Auflösung der Territorien noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein bei der Partnerwahl eine bedeutende Rolle spielte. In den Familien wurde streng danach geschaut, dass keiner Partner aus der „falschen“ Religion nach Hause bringt.
Die Bedeutung der Siedlungsgrenzen und der Territorialgrenzen für die Auseinanderentwicklung und Grenzbildung der Dialekte erreichen die heutigen politischen Grenzen nicht. Die Aufteilung in Bundesländer und Landkreise ist zu jung, als dass sie sich auf große sprachliche Prozesse auswirken könnte. Man sieht dies deutlich allein schon an der Tatsache, dass sich das SchwäbischeSchwäbisch sowohl in einem anderen Bundesland, nämlich Bayern (Bayerisch-Schwaben), als auch in einem anderen Nationalstaat, nämlich Österreich (Gebiet um Reutte/Tirol) fortsetzt. Solche Grenzen spielen nur bei neueren Begriffen aus der Verwaltung eine Rolle. So kennt man nur in Bayern das Wort Schulaufgabe in der Bedeutung „Klassenarbeit“, und die Staatsgrenze zu Österreich wird dann Wortgrenze, wenn es um die Bezeichnung für den Bürgermeister geht, der dort weder Schultes noch Bürgermeister, sondern Vorsteher heißt.
Über alle Jahrhunderte hinweg spielt die Verkehrsanbindung für die sprachliche Entwicklung ebenfalls eine entscheidende Rolle. In der heutigen Dialektlandschaft sieht man das zum Beispiel im Raum Heilbronn, wo nach Norden die Verkehrsströme den Neckar entlang ziehen. Das Gebiet nördlich von Heilbronn, das in lautlicher Hinsicht und damit traditionell zum fränkischenFränkisch Sprachraum gehört, kennt aber auch zahlreiche schwäbische Wörter, deren Verbreitung eindeutig mit dem Neckar als Verkehrsachse zusammenhängt. Ein schönes Beispiel hierfür ist das typisch schwäbische Wort beigen „Holzscheiter aufschichten“, das erst außerhalb eines Keils um den Neckar herum auf das fränkische aufsetzen stößt. Eine andere wichtige Verkehrsachse bildet das Rheintal. Dort können sprachliche Besonderheiten, die eigentlich typisch für das Fränkische sind, bis weit nach Süden vordringen.1
Schließlich ist aber auch noch das Prestige einer Bevölkerungsgruppe und damit ihrer Sprachform für den SprachwandelSprachwandel ausschlaggebend. Wir sehen dies deutlich an einem Prozess, der sich gerade im oberschwäbischen Raum abspielt. Dort ersetzt die Bevölkerung heute jenseits der jahrhundertealten schwäbischenSchwäbisch Außengrenze die alten alemannischen Lautungen Huus und Ziit durch schwäbische Lautungen wie Hous und Zeit. Den Anfang machen hierbei die Städte, wo offenbar das Schwäbische ein höheres Prestige besitzt als das AlemannischeAlemannisch. Da die städtische Sprechweise dann ihrerseits gegenüber der ländlichen Sprachform höheres Prestige besitzt, wird sie auf dem Land übernommen. Auf diese Weise bewegt sich die alemannisch-schwäbische Grenze in Oberschwaben heute in Richtung Bodensee.
Große Dialektgrenzen bilden sich dann, wenn gleich mehrere der oben genannten Faktoren zusammenkommen. Und genau dies ist bei den drei starken Außengrenzen des SchwäbischenSchwäbisch am Kniebis, im Raum Ellwangen und am unteren Lech der Fall. Während aber die Kniebisgrenze aufgrund der neuen politischen Zugehörigkeit des gesamten Ortes Kniebis zum Raum Freudenstadt und der damit verbundenen Verkehrsanbindung heute eine völlig neue Orientierung nach Osten erfährt, die dazu führt, dass die schwäbisch-alemannische Grenze dort nach Westen verschoben wird, haben die beiden anderen genannten Außengrenzen nichts an ihrer Stärke und Bedeutung verloren. Dies hängt zweifellos mit einem Faktor zusammen, den wir als letztes in diesem Kapitel über Dialektgrenzen erwähnen wollen: Es ist das Bewusstsein, anders zu sein. Am Beispiel Ellwangen soll dies kurz illustriert werden. Die etwa 25000 Einwohner zählende Stadt Ellwangen liegt gleich weit von den vier Großstädten Stuttgart, Nürnberg, Ulm und Würzburg entfernt. Dennoch bevorzugen die Einwohner bei der Wahl des Ausbildungsortes, bei der Berufswahl, bei der Wahl der Einkaufsstadt eindeutig Stuttgart, gefolgt von Ulm. Beide Städte liegen im schwäbischen Sprachraum. Den Weg nach Würzburg oder Nürnberg findet kaum jemand. Auch die benachbarte Stadt Schwäbisch Hall, die ebenfalls im fränkischenFränkisch Sprachraum liegt und im Volksmund nach wie vor einfach nur Hall genannt wird, wird kaum beachtet. Für die Ellwanger und ihre Nachbarorte besteht offenbar nördlich und westlich der Stadt eine klare „Bewusstseinsgrenze“, die man nicht überschreitet. Und dass diese Bewusstseinsgrenze auch heute, in einer Zeit der großen Mobilität, immer noch lebendig ist, ist schon erstaunlich und zeigt aber auch, wie stark dieses Bewusstsein, zu welchem Raum man sich hingezogen fühlt, ist.
3.2 Die Entstehung der Standardsprache
Die Frage, wo und wie die deutsche Schriftsprache entstanden ist, hat die deutsche Sprachwissenschaft von Anfang an beschäftigt. Das Grundlagenwerk für diese ganze Thematik ist nach wie vor – und hier schließen wir uns ElspaßElspaß, Stephan 2005 an1 – Werner BeschsBesch, Werner „Sprachlandschaften und Sprachausgleich im 15. Jahrhundert“2 Lange Zeit waren drei Thesen im Umlauf, die Besch in seinem Werk widerlegte.
Die These von der Kontinuität der Schriftsprache seit althochdeutscher Zeit (K. MüllenhoffMüllenhoff, Karl). Müllenhoff nimmt eine kontinuierliche Entwicklung vom 9. bis zum 16. Jh. an, gebunden hauptsächlich an die Machtzentren. Für das 16. Jahrhundert sieht er die habsburgische und die sächsische Kanzlei als maßgebend. Dem Müllenhoffschen Erklärungsmodell stehen für BeschBesch, Werner die sich aus den Schriften ergebenden Raumstrukturen entgegen.
Die These von Prag als dem Ursprungsort der deutschen Schriftsprache (K. BurdachBurdach, Konrad). Für Burdach erweist sich das humanistische Kanzleideutsch in Prag als eine Sprache der Bildung und des höheren Lebens. Unsere Schriftsprache sei also eine Schöpfung der Gebildeten am Hofe und in der Kanzlei Karls IV. in Prag. – BeschBesch, Werner ist der Ansicht, dass Burdach durchaus richtig erkannt hat, dass eine Kultursprache nicht ohne Weiteres aus einer Mundart hervorgehen könne. Richtig sei auch, dass sich in der Kanzlei Karls IV. ein beachtlicher schreibsprachlicher Ausgleich vollzogen habe, der schon in einer Reihe von Fällen auf die Schriftsprache hintendiere. Insgesamt gesehen ist aber für Besch die Schriftsprache das Produkt eines Ausgleichs mehrerer Regionen, nicht das Werk einiger gelehrter Humanisten, geschaffen in der Kanzleistube.3
Die These von der ostmitteldeutscheOstmitteldeutschn Ausgleichsmundart (Th. Frings). Die Basis seiner Argumentation bildet die Tatsache, dass der ostmitteldeutsche Raum Obersachsen–Schlesien zwischen dem 11. und dem 13. Jh. kolonisiert wurde. Dort trafen sich Mundartsprecher aus dem Norden, dem Westen und dem Süden, was Frings zu der Annahme führte, dass es also zu einer Ausgleichssprache aus drei großen Sprachgebieten kommen musste. Mit dieser gesprochenen Ausgleichssprache der Siedler sei die Grundlage der deutschen Schriftsprache bereits geschaffen, lange vor den Humanisten in Prag und lange vor LutherLuther, Martin. Ab einer bestimmten Stufe hätten dann die Schreibtraditionen des Südens und Westens noch ihren Einfluss ausgeübt. – Zu Frings’ Ansatz weist BeschBesch, Werner lediglich darauf hin, dass eine dialektgeografische Rückführung von Mundartgegebenheiten des ausgehenden 19. Jahrhunderts auf die Verhältnisse früherer Jahrhunderte methodisch nicht zulässig ist.4
Wenn man die Entstehung der deutschen Schriftsprache und damit auch der Standardsprache verstehen möchte, so muss man nach BeschBesch, Werner die drei Bezeichnungen Schreibsprache, Schriftsprache und Standardsprache und damit auch drei Phasen in der Entwicklung zur Standardsprache unterscheiden:
Die Phase der Schreibsprache: Diese ist areal gebunden und kommt nicht über eine mittlere Reichweite hinaus. Für sie galt die sogenannte Regionalmaxime: Schreibe so, dass du in deiner Region verstanden wirst. Für BeschBesch, Werner muss man „in den Schreibdialekten dieser Art die eigentlichen Träger unserer deutschen Schriftlichkeit von den Anfängen bis in das 15. Jh. sehen.“5
Die Phase der Schriftsprache: Sie hat für BeschBesch, Werner überregionalen Charakter, d. h. sie hat eine über den auslaufenden Schreibsprachen fixierte Norm. Das Stadium „Schriftsprache“ ordnet er dem Zeitraum zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert zu. Die deutsche Schriftsprache hat sich also im Vergleich mit den Nachbarländern relativ spät herausgebildet. Dies liegt nach Besch an der plurizentrischen Struktur des deutschen Sprachgebiets, womit das Fehlen eines über die Jahrhunderte hin dominierenden Zentrums politischer, wirtschaftlicher und kultureller Art gemeint ist. Die heutige Forschung begreift die grundlegenden Standardisierungsprozesse im 16. und teilweise im 17. Jahrhundert als überregionale Ausgleichsvorgänge auf der Schreibebene. Das heißt: Die großregionalen Schreibsprachen mussten zuerst einmal in eine überregionale Schriftsprache überführt werden.
Die Phase der Standardsprache: Von ihr spricht BeschBesch, Werner erst für die Zeit vom Beginn des 19. Jahrhunderts an. Ihr Hauptmerkmal ist die Polyvalenz, d. h. die Schriftsprache gewinnt weitere Verwendungsdomänen hinzu, sie wird zunehmend auch gesprochen. Polyvalenz ist das Kriterium für die Standardsprache in Abhebung von der Schriftsprache. Wenn die Schriftsprache polyvalent wird, so wird sie Standardsprache. Dieser Prozess beginnt nach Besch in etwa mit der allgemeinen Schulpflicht und ist bis heute nicht abgeschlossen. Schauen wir uns im Folgenden diese drei Phasen noch etwas näher an.
Bei der Phase der Schreibsprache muss natürlich gefragt werden, ob nicht schon das Mittelhochdeutsche eine Weiterentwicklung hin zur Schriftsprache gewesen sei. BeschBesch, Werner verneint dies. Zwar habe sich beim Mittelhochdeutschen der alemannischeAlemannisch Dialekt weit in die angrenzenden Gebiete ausgeweitet, doch sei dies nur für kurze Zeit geschehen und selbst in diesem Zeitraum seien die alten räumlichen Abgrenzungen nie ganz verschwunden: „So kommt es denn, dass in den Schreiblandschaften des 15. Jh. immer wieder einmal Altes und Älteres leben kann, das in altdeutscher Zeit sichtbar wird, in der mhd. Dichtersprache vorhanden oder auch nicht vorhanden ist und zu Beginn des 16. Jh. bzw. in der weiteren Entwicklung endgültig verlorengeht.“6 Beispiele hierfür wären Wörter und Wortformen wie hulfe „Hilfe“, sunne „Sonne“, gebachen „gebacken“, quam „kam“, werlt „Welt“ und viele andere. Trotz allem können wir festhalten, dass sich schon bei der Schreibsprache ein Prozess überlandschaftlicher Angleichung zu vollziehen scheint.
Für die Phase der Schriftsprache wird in der Literatur immer wieder die Rolle LuthersLuther, Martin hervorgehoben. Auf sie müssen wir hier kurz eingehen. Um es gleich vorwegzunehmen: Luther hat nicht die deutsche Schriftsprache geschaffen, aber er hat einen wichtigen Beitrag zur Vereinheitlichung geleistet. Entscheidend ist nämlich nach BeschsBesch, Werner Untersuchungen zahlreicher Handschriften aus dieser Zeit, dass der Südosten des deutschen Sprachraums eine erstaunliche Einheitlichkeit aufweist, die nicht von den Mundarten stammen kann, sondern vielleicht sowohl durch eine wachsende Mobilität als auch durch die historisch bedingte „Offenheit“ des ostmitteldeutschenOstmitteldeutsch Raumes begünstigt war. Diese Einheitlichkeit wurde von den ostmitteldeutschen Schreibern übernommen – und genau dort war auch Luthers Heimat. Besch hält fest: „Dieses Ineinanderfließen der Schreibtraditionen des Südostens und mitteldeutschenMitteldeutsch Ostens ist für mich der Haupteindruck, den mir das bearbeitete Material des 15. Jh. vermittelt. Es kann kein Zweifel sein, dass dabei der Süden mehr gegeben, der mitteldeutsche Osten mehr empfangen hat. Wer die nhd. Schriftsprache ohne entscheidenden Anteil der donauländischen Schreib- und Sprachtradition entstanden sieht, geht an der sprachlichen Wirklichkeit jener Zeit vorbei.“7
Für LuthersLuther, Martin Interesse, dass seine Schriften in einem möglichst weiten Raum gelesen werden können, war diese bereits vorhandene Einheitlichkeit optimal. Er hat damit das weitergeführt, was bereits seit Jahrhunderten im Gange war, nämlich dass die ostmitteldeutsche Schriftsprache noch näher an die südostdeutsche rückte. So konnten die einzelnen Schreibformen, Wortformen, Wörter und grammatikalischen Besonderheiten ein Geltungsareal erhalten, das meistens viel größer war als das der anderen Regionen. Dieses Geltungsareal ist zweifellos das wichtigste Kriterium bei der Variantenauswahl. Sind zwei Geltungsareale gleich groß, so hat sich bei Luther und den Druckern oft die oben genannte südostdeutsche-ostmitteldeutsche Variante durchgesetzt. Ein Beispiel für diese Landschaftskombinatorik ist die Durchsetzung von liebe gegenüber minne. Beide haben ein ähnlich weites Geltungsareal, doch setzt sich – wie wir wissen – liebe durch.
Abb. 3:
Verbreitung der Wörter minne, liebe/leve in den Handschriften des 15. Jhs. (nach Besch 1967: Karte 54, vereinfachte Darstellung durch Flächen statt einzelner Ortssymbole).
Auch die Durchsetzung des süddeutschen kam im Gegensatz zum nördlicheren quam lässt sich so erklären. Ein weiteres Kriterium bei der Auswahl von Varianten ist die etymologische Durchsichtigkeit. Steht ein Wort isoliert da und hat das Konkurrenzwort weitere Wörter um sich herum, so setzt sich das letztere durch. Schließlich können bei der Auswahl von Varianten auch noch die Frequenz, also die Häufigkeit einer Variante in den Texten, und das Prestige, also die Verwendung einer Variante von sozial hoch angesehen Personen, ausschlaggebend sein.
Der Übergang von der Phase der Schreibsprache zur Phase der Schriftsprache ist in den Handschriften sehr schön an den sogenannten Doppelformen zu erkennen. Standen in den Texten des 15. Jahrhunderts noch häufig Doppelformen in den Texten (Beispiel minne und liebe, dick und offt, oblate und hostie), so setzt mit LutherLuther, Martin ein Prozess ein, der diesen Doppelformen dadurch ein Ende bereitet, dass die oben genannten Auswahlkriterien wirken und sich am Ende nur noch eine der Varianten durchsetzt. In Luthers Texten kann BeschBesch, Werner alle die genannten Prozesse an einzelnen Beispielen genau nachweisen. So hält er bei den Doppelformen dick und offt fest: „Luther hat anfänglich noch dick, später nur in solchen Schriften, deren Herausgabe er nicht selbst besorgte […]. oft ist die bairisch-ostfränkischeFränkisch Form, sie setzt sich gegen das übrige Sprachgebiet durch, allerdings erst nach gut zwei Jahrhunderten. Im Niederländischen ist dick schriftsprachlich geworden.“8
Die Karte minne-liebe/leve (Abb. 3) sowie die Abb. 4 sind ein schönes Beispiel dafür, wie sich die ostmitteldeutscheOstmitteldeutsch-ostoberdeutsche Variante sowohl im Wortschatz als auch bei grammatischen Formen (als ein blinder, als ein siecher) durchgesetzt hat.
Halten wir für die zweite Phase zusammenfassend fest: LuthersLuther, Martin Einfluss auf die Entstehung der deutschen Schriftsprache besteht vor allem darin, dass er eine bereits vorhandene südostdeutsche (= südoberdeutsche) Einheitlichkeit ausgenutzt und verbreitet hat. Wenn das OstmitteldeutscheOstmitteldeutsch zu seiner Zeit gegenüber dem Südostdeutschen noch eine Abweichung zeigte, so entschied sich Luther nach anfänglichem Zögern schließlich für die südostdeutsche Variante und verhalf dieser damit zu einem enorm angewachsenen Geltungsareal, das für den weiteren Konkurrenzkampf gegen die anderen deutschen Varianten entscheidend werden konnte. Im weiteren Verlauf der Sprachgeschichte haben sich dann auch die anderen Regionen immer wieder einmal durchsetzen können, so dass BeschBesch, Werner abschließend festhält: „Unsere nhd. Schriftsprache ist demnach nicht das Werk einer von Anfang an dafür prädestinierten Landschaft, sondern in der Grundlegung eine ostmitteldeutsche-ostoberdeutsche Allianz, in der weiteren Entwicklung eine Angelegenheit fast aller bedeutenden Sprachlandschaften.“9
Für die Phase der Standardsprache sind verschiedene Faktoren von Bedeutung. Parallel zu den Bemühungen LuthersLuther, Martin und der Drucker, die Varianten zu reduzieren, um zu einer Einheitlichkeit zu gelangen, die einen größeren Absatz und eine umfangreichere Leserschaft verspricht, kommt es zu den ersten Grammatiken der deutschen Sprache. Waren es anfangs noch mehr oder weniger lediglich Anleitungen zum Lesenlernen, so erscheint 1648 mit Justus Georg SchottelsSchottel, Justis Georg „Ausführliche Arbeit von der Teutschen Haubt Sprache“ die erste richtige Grammatik. Für das 18. Jahrhundert sind dann die Grammatiken von GottschedGottsched, Johann Christoph und AdelungAdelung, Johann Christoph die Vorbilder. Auch die großen Schriftsteller beriefen sich auf sie und diese wurden damit normativ. Die Grammatiker versuchten, das Phänomen Sprache genauso zu beschreiben wie dies die Naturwissenschaftler mit den Phänomenen der Natur taten. Sie suchten ganz im Sinne der Aufklärung nach logisch begründbaren Regeln. Der konkrete SprachgebrauchSprachgebrauch war für sie kein Anhaltspunkt. Ein weiterer wichtiger Faktor auf dem Weg zur Standardsprache ist schließlich die Schulpflicht. Man darf davon ausgehen, dass sich mit Beginn des 19. Jahrhunderts die „Allgemeine Schulpflicht“ durchgesetzt hat. Die Schriftsprache wird dadurch fast allen Bewohnern der deutschsprachigen Länder bekannt und spätestens jetzt zur Standardsprache.
Abb. 4:
Verbreitung der Formen als ein siech(e), als ein blinde) gegenüber als ein blinder, als ein siecher in einem Satz wie Ich ging zu ihm als … in den Handschriften des 15. Jhs. (nach Besch 1967: Karte 87 vereinfachte Darstellung durch Flächen statt einzelner Ortssymbole).
Abb. 5:
In dieser Grafik stehen Standardsprache und Dialekte nicht untereinander, sondern nebeneinander. Damit soll verhindert werden, dass allein schon optisch die Standardsprache als höherwertig angesehen wird. Aus dem gleichen Grund sprechen wir auch von Standardsprache und nicht von Hochsprache oder Hochdeutsch.
Zunächst galt die Standardsprache nur für den schriftlichen Bereich (1. Phase). Ihre Umsetzung ins Lautliche führte zu regional unterschiedlichen Varianten. Dies galt auch noch für den Beginn des 20. Jahrhunderts. Im niederdeutschenNiederdeutsch Raum richtete man sich nach der Übernahme der einheitlichen Schriftsprache auch im Mündlichen nach dieser aus, man sprach also „nach der Schrift“. Da das Niederdeutsche wegen der Nicht-Teilnahme an der Zweiten LautverschiebungZweite Lautverschiebung lautlich sehr weit von der – wie wir gesehen haben – vorwiegend im ostoberdeutschen-ostmitteldeutschenOstmitteldeutsch Raum entstandenen Standardsprache entfernt war, konnten sich dort regionale Besonderheiten weniger „einschleichen“. Der Weg vom niederdeutschen Dialekt (= Platt) zur gesprochenen deutschen Standardsprache kam praktisch dem Erlernen einer Fremdsprache gleich.
Mit der Entstehung der Tragödie um 1800 bemühte man sich schließlich, eine über allen RegionalsprachenRegionalsprache stehende einheitliche Lautung zu finden. Am Ende setzten sich zwei Auffassungen durch: 1. Das beste Hochdeutsch wird im norddeutschen Raum gesprochen. 2. Das beste Hochdeutsch wird im ernsten Drama gesprochen. 1898 erschien dann die „Deutsche Bühnenaussprache“ von Theodor SiebsSiebs, Theodor. Sie wurde zur Richtlinie für die korrekte Aussprache der deutschen Sprache weit bis in das 20. Jahrhundert hinein. Für den einen oder anderen Sprachtrainer gilt sie noch immer.
Mit der Übernahme der zunächst nur schriftlichen Standardsprache in den mündlichen Bereich (2. Phase) ist eine völlig neue sprachliche Aufteilung entstanden, die je nach Region ganz anders aussieht. Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein hatte nämlich die Standardsprache nur einen geringen Einfluss auf die Dialekte. Dies zeigte sich besonders im lautlichen Bereich, wo die Dialekte konsequent auf ihre mittelhochdeutschen Lautungen zurückzuführen waren. Nun mischte sich aber mehr und mehr die Standardsprache in die lautliche Entwicklung der Dialekte ein, so dass sich neue Dialekte, regional weiter verbreitete Dialekte, entwickelten. Dies hängt damit zusammen, dass die Standardsprache immer mehr in den Alltag der Menschen eindrang und sich Dialekt und Standardsprache die verschiedenen Bereiche aufteilten. Im süddeutschen Raum (Saarland, Rheinland-Pfalz, südliches Hessen, Bayern, Baden-Württemberg) kommt es in der Folgezeit zu einer mehrschichtigen Aufteilung zwischen dem alten Basisdialekt, der jahrhundertelang für viele die einzige Sprachform war, und der Standardsprache (3. Phase). Im norddeutschen Raum mit seiner großen Distanz zwischen Dialekt und Standardsprache sieht die Situation dagegen anders aus.
In der Schweiz liegt wiederum eine ganz andere Situation vor. Dort beherrschen die Ortsdialekte nahezu den kompletten mündlichen Bereich, also in allen Situationen, während man im schriftlichen Bereich an der deutschen Standardsprache festhält. Man spricht daher hier auch von einer medialen DiglossieDiglossie, d.h. die Aufteilung von Dialekt und Standardsprache richtet sich nach dem Medium. In Österreich scheint die Situation ähnlich wie in Süddeutschland zu sein, wobei die Verwendung der regionalen Varietät allerdings in weit mehr offiziellen Bereichen möglich ist als im süddeutschen Raum.
3.3 Die Verteilung von Dialekt, RegionalspracheRegionalsprache und Standardsprache im süddeutschen Raum
KönigsKönig, Werner Abbildung im „dtv-Atlas Deutsche Sprache“1 zeigt, dass es im süddeutschen Raum eine Art Kontinuum vom Dialekt bis zur Standardsprache gibt. Andere Sprachwissenschaftler sprechen auch von Zwischenstufen. Die Zahl dieser Zwischenstufen ist im süddeutschen Raum aber nicht immer gleich. In vielen Fällen des Alltagswortschatzes gibt es keine regionale Alternative zur Standardsprache, so etwa bei Wörtern wie Haus, Wand, Tisch, Stuhl usw., in manchen Fällen aber gleich mehrere Alternativen, so dass es zu einer fünffachen Abstufung kommen kann. In Anlehnung an den Tübinger Sprachforscher Arno RuoffRuoff, Arno werden am Beispiel von „ich habe“ für das SchwäbischeSchwäbisch einmal diese fünf Möglichkeiten illustriert werden: (s. Abb. 6).2
Wann wechseln die Süddeutschen nun eigentlich von Stufe zu Stufe oder innerhalb des Kontinuums auf der Skala vom bodenständigen Ortsdialekt zur Standardsprache? Um diese Frage für Baden-Württemberg zu beantworten, wurde in den Jahren 2010–2012 am Ludwig-Uhland-Institut der Universität Tübingen eine Umfrage durchgeführt, bei der über das ganze Bundesland verteilt Rathäuser mit der Bitte angeschrieben wurden, auf einer Skala von A bis G anzukreuzen, in welcher Situation man im jeweiligen Ort mehr Ortsdialekt (A) oder mehr „Hochdeutsch“ (G) spricht. 136 Ortschaften beteiligten sich. Wenn man die beiden Extreme A und B sowie F und G jeweils zusammenfasst, kommt man zu folgendem Ergebnis: Der Anwendungsbereich der bodenständigen Ortsmundart (Stufen A, B) ist in Baden-Württemberg zunächst einmal überall die Familie, wobei mit den Großeltern noch „stärker“ Dialekt gesprochen wird als mit den Geschwistern, und mit den Geschwistern wiederum noch „stärker“ Dialekt gesprochen wird als mit den eigenen Kindern. Des Weiteren wird der Ortsdialekt noch relativ häufig mit den Freunden, guten Bekannten und im Verein gesprochen. Die Stufen C und D, die man mit einer Art RegionalspracheRegionalsprache und regionaler UmgangsspracheUmgangssprache gleichsetzen kann, werden nach Angaben unserer Gewährspersonen in den Ortschaften Baden-Württembergs im Gespräch mit dem Briefträger, mit dem Metzger und Bäcker sowie auf dem Rathaus eingesetzt, insofern dieses noch im Ort ist. Die Stufen E, F und G, die zunehmend in Richtung Standard gehen, findet man bei uns in den Schulen, wobei man in der Grundschule noch etwas dialektaler spricht (Stufe E) als im Gymnasium (Stufe F). Die Stufe F ist dann auch die sprachliche Ebene, auf der man Fremden, Norddeutschen wie Ausländern, begegnet. Sie ist aber auch auf den Ämtern in der Stadt angebracht. Die letzte Stufe auf dem Weg zur HochspracheHochsprache (Ebene G) ist schließlich für einen Anruf bei einer Mitmachsendung im Radio reserviert.
Abb. 6:
Beispiel für Zwischenstufen im Schwäbischen.
Die Ergebnisse der Umfrage machen deutlich, wie differenziert die sprachliche Situation in Baden-Württemberg ist, und wir können davon ausgehen, dass eine Umfrage zum Beispiel in Bayern zu ähnlichen Ergebnissen, vermutlich sogar mit noch stärkerer Dialektverwendung, kommen würde.
Welche sprachliche Ebene wählt man in Baden-Württemberg im Gespräch …? (Angaben in %)
Abb. 7:
Verwendung von Dialekt und Standard im Alltag in Baden-Württemberg: Freizeit.
Welche sprachliche Ebene wählt man in Baden-Württemberg im Gespräch …? (Angaben in %)
Abb. 8:
Verwendung von Dialekt und Standard im Alltag in Baden-Württemberg: Schule.
3.4 Die Zukunft der Dialekte
Die Entwicklung einer Sprache vorherzusagen, ist eigentlich unmöglich. Wie oft wurde schon der Untergang der Dialekte beklagt – und dennoch existieren sie weiterhin. Sogar in der Schweiz war diese Befürchtung einmal vorhanden und heute ist dort das Gegenteil eingetroffen. Dennoch soll an dieser Stelle auf die voraussichtliche Entwicklung der Dialekte in Süddeutschland kurz eingegangen werden.
Der Sprachalltag in Süddeutschland spielt sich heute weitgehend auf der Ebene der überregionalen Sprachform ab. Der alte Ortsdialekt lebt zwar noch auf dem Land, aber auch dort hat er in den überregionalen Formen eine mächtige Konkurrenz. Für viele Einheimische sind diese überregionalen Ausformungen kein Dialekt mehr, doch ist dies letztendlich auch wieder ein Dialekt, wenn auch nicht mehr der alte Basisdialekt der Großeltern. In dieser Zwischenposition zwischen dem alten Basisdialekt und der im ländlichen Raum unter Einheimischen nicht angebrachten Standardsprache dürften sich die überregionalen Formen (RegionalspracheRegionalsprache, regionale UmgangsspracheUmgangssprache) gut halten können. Dies sieht auch der langjährige Direktor des Bayerischen Wörterbuchs für Bayern, Anthony RowleyRowley, Anthony, so:
„Ich persönlich bin nicht überzeugt, dass sich gegenwärtig bayernweit ein dramatischer Rückgang des Dialektsprechens vollzieht. Ich glaube aber, außerhalb der städtischen Ballungsräume einen gewissen Umbau erkennen zu können, eine kontinuierliche Anpassung an überregionale PrestigevariantePrestigevarianten, aber eher an eigene, innerbayerische Prestigevarianten.“1
In ländlichen Regionen entstehen zwar überörtliche UmgangsspracheUmgangssprachen, aber die können so dialektnah sein, dass sie selbst als Dialekt empfunden werden – und auch die Ortsmundarten sind daneben teilweise recht gut erhalten. Zusätzlich braucht und gebraucht man allerdings die Schriftsprache wie nie zuvor. Vor hundert Jahren hatte man in Süddeutschland außerhalb von Kirche und Schule kaum Gelegenheit, gesprochenes Schriftdeutsch zu hören, geschweige denn selbst zu sprechen. Heute ist die Standardsprache allgegenwärtig.
3.5 Regionale Varianten in der mündlichen Standardsprache
Im Jahr 1989 veröffentlichte Werner KönigKönig, Werner seinen „Atlas zur Aussprache des Schriftdeutschen in der Bundesrepublik Deutschland“.1 Darin erbrachte er nach einer Untersuchung mit Studierenden aus den verschiedensten Regionen, die in einer offiziellen Situation verschiedene Texte sprechen sollten, als Erster den Nachweis, dass das angeblich allgemein gültige Hochdeutsch eine Fiktion und auch in öffentlichen Situationen eine geografisch bedingte Variation vorhanden ist. Zu den von ihm beobachteten regionalen Varianten gehören zum Beispiel:
(a) die stimmhafte Aussprache des -s- in Base: Hier liegt der bekannte Fall vor, dass die normgerechte stimmhafte Aussprache nur im Norden und in der Mitte vorkommt.
(b) die Aussprache des Ch- in Fremdwörtern wie China, Chemie: Diese Wörter haben im Norden den normgerechten Ch-Laut (auszusprechen wie im Wort ich), während sie im Süden mit einem k-Laut gesprochen werden.
(c) die Aussprache von anlautendem Pf- in Pferd: Personen aus dem Nordosten sprachen das Wort mit dem nicht normgerechten F- im Anlaut: Ferd.
(d) die Aussprache von -ig in der Nebensilbe in Wörtern wie Pfennig: KönigsKönig, Werner Untersuchung zeigte sehr deutlich, dass der Süden und die westliche Mitte das -ig mit einem Explosivlaut sprechen, während der Norden den normgerechten ich-Laut hat.
(e) die Aussprache des -g in der Endsilbe -ung in Täuschung: Personen aus dem Norden sprachen die Endung mit einem nicht normgerechten -g bzw. sogar als -k aus, besonders im Osten (bis in die Mitte hinein), also Täuschunk, ebenso Hoffnunk.
Nach seiner Untersuchung schlägt KönigKönig, Werner folgende Regelung vor: Erlaubt soll alles sein, was in einer größeren Region den Aussprachegewohnheiten der Gebildeten in formal hochstehenden Situationen entspricht oder was in der gleichen Sprechweise in hinreichender Häufigkeit ohne spezifische regionale Verteilung vorkommt.2
Nina BerendBerend, Nina hat KönigsKönig, Werner Ansatz ausgebaut:3 Auch für sie gibt es im Deutschen regionale Gebrauchsstandards, d.h. geografisch definierte Varietäten und SprachgebrauchsmusterSprachgebrauch. Sie haben im jeweiligen regionalen Kontext hohes Prestige und sind sowohl im informellen wie auch im formellen Gebrauch angemessen. Sie weisen auf allen Ebenen Unterschiede sowohl zur Standardsprache als auch zu den Dialekten auf. Für Berend ist Deutsch daher eine pluriareale Sprache. Sie plädiert „für einen erweiterten Standardbegriff, der es erlaubt, auch verbreiteten bzw. gängigen sogenannten umgangssprachlichen Phänomenen eine normative Geltung, d. h. eine Standardqualität zuzuschreiben.“4
BerendBerend, Nina spricht sich auch für eine Unterscheidung zwischen formellen und informellen Standards aus. Im Weiteren unterscheidet sie zwischen sprechsprachlichen und regionaltypischen Merkmalen.
(1) Sprechsprachliche Merkmale
Bsp.: ne für eine, jetz für jetzt, ma für man, scho für schon, erinner für erinnere usw.
(2) Regionaltypische Merkmale
Bsp.: Fandflasche für Pfandflasche, mansche für manche, Marburch für Marburg, liecht für liegt, zumindescht für zumindest.
Auf verschiedenen Karten zeigt BerendBerend, Nina die Regionen für die jeweiligen Merkmale auf.
So hat Bayern z.B. nicht das norddeutsche nich übernommen, sondern bleibt bei der eigenen regionaltypischen Variante net. BerendBerend, Nina fordert gerade für den Deutschunterricht im Ausland eine Beschreibung des sprechsprachlichen schriftfernen Standards. Dieser Standard ist regional geprägt, was allerdings nicht gleichzusetzen ist mit Dialekt. Berend nimmt folgende Raumaufteilung an:
a) einen großen norddeutschen Raum, der relativ einheitlich ist und dem Schriftdeutschen allgemein recht nahesteht.
b) einen süddeutschen Raum, der nicht einheitlich ist, sondern aufgeteilt ist in
den Südosten (Bayern) mit starkem Sprachkonservatismus.
den Südwesten (Baden-Württemberg). Die Besonderheit dieses Raumes liegt ihrer Ansicht nach in der spezifischen Mischung von Neuem, von außen (dem Norden) übernommenen Besonderheiten, und Altem, also bewahrten Besonderheiten. Insgesamt erscheint der Südwesten daher variantenreicher als der Südosten.
einen mitteldeutschenMitteldeutsch Raum, der besonders schwierig zu beschreiben ist, da von Fall zu Fall einmal die nördliche, einmal die südliche Variante zum Zug kommt. Große Teile des traditionell Mitteldeutschen gehören zum Norden (Mainz, Koblenz, Köln). Nach Süden reicht dieser Interferenzraum bis ins OberdeutscheOberdeutsch hinein (Buchen, Würzburg, Nürnberg, Bayreuth).
Lange vor BerendBerend, Nina und KönigKönig, Werner hatte sich bereits Jürgen EichhoffEichhoff, Jürgen mit den regionalen UmgangsspracheUmgangssprachen beschäftigt, die, wie wir im vorangegangenen Kapitel gezeigt haben, zwischen den Dialekten und der Standardsprache stehen und damit zwischen beiden Registern eine Art „Zwischenstadium“ bilden.5 Eichhoff war aufgefallen, dass seine amerikanischen Studierenden bei einem Aufenthalt im deutschsprachigen Raum mit Wörtern konfrontiert werden, die sie nicht im Unterricht gelernt haben. Ab 1971 begann er in 402 Städten Gewährspersonen danach zu befragen, wie man in ihrer Stadt zu diesem oder jenem sagt. Zwischen 1977 und 2000 erschienen so vier Bände des „Wortatlas der deutschen UmgangssprachenUmgangssprache“ (WdU). Im Vergleich zu den Karten der Dialektatlanten zeigen die Karten des WdU großräumigere Flächen, d.h., dass kleinräumige Bezeichnungen der Mundartebene zugunsten von Bezeichnungen mit größerer Verbreitung aufgegeben werden. Dieses Auswahlkriterium hatten wir bereits bei der Entstehung der deutschen Schriftsprache kennengelernt. Insgesamt zeigen die Eichhoffschen Karten eine deutliche Nord-Süd-Gliederung, wobei die Trennlinie ungefähr auf der Höhe von Mannheim-Frankfurt-Leipzig liegt.
Unsere Abbildung 10 „fegen“ aus dem WdU zeigt eine typische Raumstruktur für die Ebene der deutschen UmgangssprachenUmgangssprache: Es stehen sich eine nördliche (fegen) und eine südliche (kehren) Variante gegenüber, wobei der Süden mit wischen noch eine zusätzliche Variante kennt. Dieses Phänomen, dass der Süden mehr Variation aufweist, zeigt sich auf EichhoffsEichhoff, Jürgen Karten oft. Die auf der Ebene der Mundarten ebenfalls im Südwesten angesiedelten Bezeichnungen schweifen und fürben sind auf der Ebene der UmgangssprachenUmgangssprache dagegen aufgegeben worden.
Stefan ElspaßElspaß, Stephan und Robert MöllerMöller, Robert haben EichhoffsEichhoff, Jürgen Ansatz aufgegriffen, seine Karten aktualisiert und durch zahlreiche weitere Karten ergänzt. Sie werden seit 2003 durch eine Internet-Befragung publiziert, bei der jeder mitmachen kann. An den Online-Befragungen zum „Atlas der deutschen Alltagssprache“ (AdA) nehmen heute schon über 10000 Personen teil. Der jeweilige Fragebogen, der online beantwortet wird, und alle daraus entstandenen Karten sind unter http://www.atlas-alltagssprache.de abrufbar. Vergleicht man die Karten des AdA mit Eichhoffs WdU, so kann man den SprachwandelSprachwandel auf der Ebene der deutschen UmgangssprachenUmgangssprache beobachten.
Abb. 9:
Beispiel für eine Karte aus dem „Wortatlas der deutschen Umgangssprachen“ von Jürgen Eichhoff. Die Ortsnamen lassen sich über das Ortsregister aus der Kombination von Buchstaben und Zahlen erschließen.
3.6 Regionale Varianten in der schriftlichen Standardsprache
Die soeben beschriebene regionale Besonderheit im mündlichen Standard fand dann Ulrich AmmonAmmon, Ulrich auch im schriftlichen Bereich, wobei er sein Interesse statt auf die Regionen auf die deutschsprachigen Nationen richtete.1 Ammon machte damit der Vorstellung ein Ende, dass es ein richtiges Deutsch gibt, nämlich das der Bundesrepublik Deutschland, und dass alle anderen Nationen mit ihren Besonderheiten davon abweichen. Für Ammon stehen alle deutschsprachigen Nationen gleichwertig nebeneinander. Die jeweiligen Besonderheiten – und zwar auf allen sprachlichen Ebenen – bezeichnet er als Teutonismen, Austriazismen, Helvetismen usw. Bei der Einstufung zum Beispiel eines Wortes als Standardvariante helfen nach Ammon folgende Fragen, die dann alle mit „ja“ beantwortet werden müssten:
Ist das Wort schriftlich gebräuchlich?
Ist seine Verwendung in einer Regionalzeitung möglich?
Ist seine Verwendung im Schulaufsatz akzeptabel?
Beispiel für Teutonismen wären im Wortschatz – und darauf wollen wir uns hier beschränken – Frikadelle, Kopfsalat, Plätzchen, Abitur. Zu den Austriazismen zählt er u.a. Faschiertes „Hackfleisch“, Fisolen „grüne Bohnen“, Germ „Hefe“, Marillen „Aprikosen“ und Palatschinken „Pfannenkuchen“. Einige dieser Beispielwörter finden sich auch in einer Liste, die sich Österreich bei der EU als offizielle Austriazismen genehmigen ließ. Zu den Helvetismen gehören Kartoffelstock „Kartoffelbrei“, Konfitüre „Marmelade“, Poulet „Huhn“, Trottoir „Gehweg“ oder Estrich „Dachboden“.
AmmonsAmmon, Ulrich Ausgliederung der deutschen Standardsprache in nationale Standardsprachen wurde u.a. von Peter von PolenzPolenz, Peter von und Werner KollerKoller, Werner kritisiert.2 Von Polenz weist darauf hin, dass die Bezeichnung „deutsch“ in Bezug auf die Sprache unbedingt vermieden werden sollte. Stattdessen sollte man stets von „deutschsprachig“ sprechen, z.B. von der deutschsprachigen Literatur. Da für ihn die Bezeichnung „Teutonismus“ polemisch und damit zu negativ besetzt ist, spricht er sich in Anlehnung an „münsterländisch“ und „saarländisch“ für die Bezeichnung „deutschländisch“ aus. Zum Hauptbestand des deutschländischen Deutsch gehören nach von Polenz in einer weiteren sprachhistorischen Perspektive vor allem der neuere Wortschatz des öffentlichen Lebens (Politik, Verwaltung, Schule, Rechtswesen) bis zum privaten Bereich (Konsum, Freizeit), also Tausende von Wörtern, die in den vergangenen Jahrzehnten gebildet oder entlehnt wurden, aber von den Lexikographen unmarkiert blieben, als seien sie auch in Österreich oder der Schweiz gültig.
Für Werner KollerKoller, Werner sind die Unterschiede im schriftlichen SprachgebrauchSprachgebrauch zwischen Deutschland und der Deutschschweiz nicht als „national“, sondern als regional zu definieren, und dies selbst dann, wenn die regionalen Grenzen mit staatlichen zusammenfallen. „National“ bzw. „staatlich“ könnten höchstens jene lexikalischen Besonderheiten genannt werden, die es mit den unterschiedlichen politischen und sozialen Systemen in Deutschland und der Schweiz zu tun haben. Ausdrücke wie Bundeskanzler, Bundesländer, Kultusminister oder Ständerat, Initiative und Nationalbank reichen für ihn nicht aus, um verschiedene nationale Varietäten des Deutschen zu begründen. Auch sei es wichtig zu wissen, dass viele Helvetismen Dubletten neben sich haben, die auch zur Standardsprache der Deutschschweizer gehören. Wörter wie Krankenhaus (statt Spital), Reifen (statt Pneu), Pferdeapfel (statt Rossbollen) gehören nach Koller (mindestens passiv) auch zur Lexik der Deutschschweizer. Und schließlich brauche es in der Schweiz kein Schweizerhochdeutsch als „nationale Varietät“ des Deutschen, weil die nationalsprachliche Funktion bereits durch das Schweizerdeutsche in seiner dialektalen Vielfalt besetzt sei. Untersucht man alle bei AmmonAmmon, Ulrich aufgelisteten Teutonismen, Helvetismen und Austriazismen genauer, so muss man Koller Recht geben: Die Helvetismen und Austriazismen sind in der Regel regionale Besonderheiten, denn man verwendet sie auch auf der deutschen Seite der Grenze, und die Teutonismen sind oft nur in einer Region der Bundesrepublik bekannt. Lediglich offizielle Bezeichnungen wie Bundeskanzler oder Wörter der Verwaltung enden an der Staatsgrenze.
Wichtig für unseren Zusammenhang ist an AmmonsAmmon, Ulrich Ansatz aber, dass er darauf aufmerksam gemacht hat, dass die deutsche Standardsprache kein Monolith ist, der für den ganzen deutschen Sprachraum Gültigkeit hat, sondern dass man das Regionale mitberücksichtigen muss, wenn man die Sprachwirklichkeit erfassen möchte. 2004 veröffentlichte Ammon zusammen mit zahlreichen anderen Kollegen „Das Variantenwörterbuch des Deutschen“. Es enthält ca. 12000 Wörter und Wendungen der Standardsprache mit national oder regional eingeschränkter Verbreitung oder Differenzen im Gebrauch. Für dieses Wörterbuch wurde im ganzen deutschsprachigen Raum ein umfangreiches Korpus an Texten ausgewertet. Im Grunde genommen müsste es für Übersetzer, Lehrer und Deutschlernende das Nachschlagewerk sein, doch ist es außerhalb der germanistischen Fachwelt kaum bekannt.
Die oben angeführten Arbeiten von EichhoffEichhoff, Jürgen, ElspaßElspaß, Stephan und MöllerMöller, Robert sind bei der Suche nach dem regionalen Charakter der schriftlichen Standardsprache deswegen wichtig, weil sie den Übergang zwischen den mündlichen Dialekten und der schriftlichen Standardsprache bilden. Ihre Karten bieten sich auch als Quelle an, wenn man in Untersuchungen die Akzeptanz von RegionalismenRegionalismen im Schriftlichen testen möchte. 2014 hat Hubert KlausmannKlausmann, Hubert für Baden-Württemberg eine solche Untersuchung zu Regionalismen im schriftlichen Standard veröffentlicht, die im Folgenden vorgestellt werden soll.3 Drei Jahre zuvor hatte er 250 Deutschlehrerinnen und Deutschlehrern an Gymnasien in Baden-Württemberg, verteilt über das ganze Bundesland, 40 Sätze mit Regionalismen aus dem WdU vorgelegt und sie gebeten, diese Regionalismen im Schriftlichen zu bewerten. Zur Auswahl standen drei Möglichkeiten: a) akzeptieren, b) unterkringeln, c) anstreichen. Die 40 Regionalismen sind in der folgenden Abbildung zusammengestellt.
Liste der 40 in Beispielsätzen abgefragten Wörter:
| Abendbrot | gelbe Rübe | Laugenwecken | Schwammerl |
| aufklauben | Geldbeutel | Marillen | Schweinshaxe |
| Blaukraut | Hacke „Ferse“ | mit Fleiß | Stadel |
| Brosamen | Harke | Nachtessen | Stiege |
| Bub | Hausaufgabe | Putzlumpen | Teppich „Decke“ |
| Bulldog | Kaminfeger | Radler | Trottoir |
| Christbaum | kehren „fegen“ | Ross | Watsche |
| Fleischer | Krapfen | Schlotfeger | Zahnweh |
| Gang | Kutterschaufel | Schnake | Zusperren |
| Geiß | laufen „gehen“ | schnäuzen | zwicken |
Nach den Angaben im WdU setzt sich die Gruppe der abgefragten Varianten folgendermaßen zusammen:
17 süddeutsche Wörter (Bub, Bulldog, Christbaum, Gang, Geiß, gelbe Rübe, Geldbeutel, Hausaufgabe, kehren, laufen „gehen“, Putzlumpen, Radler, schnäuzen, Schnake, Schweinshaxe, Stiege, Zahnweh)
8 im Südwesten kleinräumig verbreitete Wörter (aufklauben, Brosamen, Kaminfeger, Kutterschaufel, Laugenwecken, Nachtessen, Ross, Trottoir)
3 südöstliche Wörter (Blaukraut, mit Fleiß „absichtlich“, zwicken)
1 fränkischesFränkisch Wort (Schlotfeger)
6 bayerisch-österreichische Wörter (Krapfen, Marillen, Schwammerl, Stadel, Watsche, zusperren)
4 norddeutsche Wörter (Abendbrot, Fleischer, Harke, Hacke „Ferse“)
Die räumliche Verbreitung von Teppich „Wolldecke“ ist im WdU nicht belegt. Es handelt sich hier wohl um eine „südwestdeutsche“ semantische Besonderheit.
Da in den Schulen nach wie vor die beiden Rechtschreibungs-Wörterbücher DudenDuden und WahrigWahrig4 als Ratgeber bei der Korrektur dienen und das Variantenwörterbuch kaum bekannt ist, wurden zunächst die Eintragungen der 40 RegionalismenRegionalismen in den beiden genannten Wörterbüchern untersucht. Vergleicht man die beiden Wörterbücher, so kann man schnell erkennen, dass der Duden dem Wahrig hinsichtlich der räumlichen Einschränkung von Standardvarianten überlegen ist. Folgende Unterschiede machen dies deutlich:
Abendbrot, Blaukraut und Zahnweh finden im Gegensatz zum DudenDuden im WahrigWahrig keine Erwähnung.
Wörter, die der DudenDuden wenigstens mit der vagen Einschränkung „landschaftlich“ versieht, so bei Christbaum, Putzlumpen, Schlotfeger und Schnake, bekommen im WahrigWahrig gar keine Einschränkung. Demnach wäre für den Benutzer des Wörterbuchs das Wort Schlotfeger gemeindeutscher Standard, was sich kaum nachweisen lassen dürfte.
Unter den Varianten, die der DudenDuden als „süddeutsch“ markiert, gibt es Wörter, die bei WahrigWahrig keine räumliche Einschränkung erfahren, so bei aufklauben, gelbe Rübe, Kaminfeger, kehren „fegen“ und Nachtessen.
Ein weiterer Unterschied zeigt sich bei den Eintragungen für Ross und Trottoir. Ross erfährt im DudenDuden eine räumliche Einschränkung (süddeutsch, Schweiz, Österreich), im WahrigWahrig eine stilistische (umgangssprachlich), und Trottoir ist für den Wahrig „schweizerisch“, ansonsten „veraltet“, für den Duden einfach nur „schweizerisch“.
Da der DudenDuden nach diesem Vergleich das eindeutig bessere Nachschlagewerk bei der Diskussion von RegionalismenRegionalismen ist, kann der WahrigWahrig für die weitere Untersuchung vernachlässigt werden. Konzentrieren wir uns also auf den Duden und schauen nach, wie er die 40 Regionalismen einordnet.
Ohne landschaftliche Einschränkung sind im DudenDuden belegt (in Klammern die Seitenangaben der 25. Auflage): Abendbrot (168), Brosamen (296), Bulldog (300), Fleischer (441), Geldbeutel (475), Hacke „Ferse“ (513), Hausaufgabe (524), Krapfen (651), schnäuzen (951), Zahnweh (1191), zwicken (1214).
Mit der Einschränkung „landschaftlich“ sind versehen: Christbaum (313), Putzlumpen (869), Schlotfeger (947), Schnake (951).
Als „süddeutsch“, „bayerisch-österreichisch“ oder „schweizerisch“ markiert der DudenDuden: aufklauben (225), Blaukraut (282), Bub (298), Geiß (473), gelbe Rübe (474), Kaminfeger (597), kehren „fegen“ (611), Marillen (713), Nachtessen (761), Radler (877), Ross (911), Schwammerl (963), Schweinshaxe (siehe Haxe 525), Stadel (1012f.), Stiege (1024), Trottoir (1079), Watsche (1161), Laugenwecken (siehe Wecken 1162), zusperren (1210).
Für „norddeutsch“ hält der DudenDuden lediglich Harke „Rechen“ (521).
Überhaupt nicht belegt sind im DudenDuden der Ausdruck mit Fleiß (442), die regionalen Varianten Kutterschaufel, Gang (464) in der Bedeutung „Hausgang“, laufen (675) in der Bedeutung „gehen“ und Teppich (1056) in der Bedeutung „Wolldecke“. Diese Nicht-Erwähnung muss damit zusammenhängen, dass der Duden nur Varianten in sein Wörterbuch aufnimmt, die allgemein gebräuchlich sind (Duden, 10).
Wenn der DudenDuden Recht hat, dann müssten bei unserer Untersuchung die Wörter der Gruppe 1 (Hacke usw.) einen sehr hohen Prozentsatz bezüglich ihrer Akzeptanz im Schriftlichen erreichen, während die Wörter der Gruppen 4 (Harke) und 5 (Kutterschaufel usw.) in genauso starker Weise abgelehnt werden müssten. Bei den Wörtern der Gruppen 2 und 3 müsste die Akzeptanz von der jeweiligen Duden-Einschränkung abhängig sein. Wörter, die der Duden als schweizerisch oder als bayerisch-österreichisch markiert, dürften dann in unserer Untersuchung, die sich auf Baden-Württemberg beschränkt, keine hohe Akzeptanz finden. Dies wäre der Fall bei Watsche, Stadel, Trottoir, Schwammerl und Marillen.
Im Folgenden soll lediglich auf den Vergleich der Umfrage mit dem DudenDuden eingegangen werden. Die „Hitparaden“ bezüglich der stärksten Akzeptanz und bezüglich der schwächsten Ablehnung sind nahezu identisch, sodass wir sagen können, dass nach unserer Untersuchung 23 der abgefragten 40 Wörter in Baden-Württemberg eine Akzeptanz von über 50 % erreichen und damit in dieser Region zum Standard zu rechnen sind.
Von den im DudenDuden landschaftlich nicht eingeschränkten Wörtern erreichten bei unserer Untersuchung erwartungsgemäß Hausaufgaben (93 %), Geldbeutel (89 %), Abendbrot (89 %) und zwicken (82 %) eine hohe Zustimmung. Schon mit stärkeren Abstrichen gilt dies nur noch für Fleischer (77 %), Krapfen (76 %), Zahnweh (66 %), schnäuzen (62 %) und Brosamen (59 %). Die laut Duden uneingeschränkt zum Standard gehörenden Wörter Hacke „Ferse“ (21 % Zustimmung – 43 % Ablehnung) und Bulldog (26 % – 37 %) gehören hingegen für die Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer der baden-württembergischen Gymnasien nicht in diese Gruppe.
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