Kitabı oku: «Initiation»

Yazı tipi:

Frank Krause

Initiation

Der andere Weg

GloryWorld-Medien

1. Auflage 2021

© 2021 Frank Krause

© 2021 GloryWorld-Medien, Xanten, Germany, www.gloryworld.de

Alle Rechte vorbehalten

Bibelzitate sind, falls nicht anders gekennzeichnet, der Elberfelder Bibel, Revidierte Fassung von 1985, entnommen. In Klammern gesetzte Ergänzungen stammen vom Autor. Weitere Bibelübersetzung: Lutherbibel, Revidierte Fassung von 2017 (LUT).

Das Buch folgt den Regeln der Deutschen Rechtschreibreform. Die Bibelzitate wurden diesen Rechtschreibregeln angepasst.

Anmerkung zu Zitaten: Die vom Autor benutzten Zitate dienen ausschließlich der Erläuterung, Bereicherung und Untermauerung des eigenen Textes. Sie sollen zum Nachdenken anregen, inspirieren, Gedankengänge zusammenfassen und, je nachdem, den Text auflockern und den Leser zum Schmunzeln bringen. Er weist ausdrücklich darauf hin, dass er weder alle Werke der von ihm zitierten Autoren kennt noch zwingend deren Weltanschauungen oder sonstigen Ansichten teilt.

Lektorat: Brigitte Krause

Satz: Manfred Mayer

Umschlaggestaltung: Markus Amolsch

Foto: carolyn-v-537271-unsplash.jpg

ISBN (epub): 978-3-95578-491-1

ISBN (Druck): 978-3-95578-391-4

Inhalt

Einführung

1 Identitäten

2 Auf dem Berg

3 In Christus

4 Wirklichkeit

5 Der Ruf

6 Katharsis

7 Alles neu!

8 Wie ein schlaffer Bogen

9 Die erfüllte Zeit

10 Ecce homo!

11 Heldenreise

12 Der wunderbare Weg

Nachwort

Über den Autor

Einführung

Sowohl erniedrigt zu sein, weiß ich,

als auch Überfluss zu haben, weiß ich;

in jedes und in alles bin ich eingeweiht,

sowohl satt zu sein als auch zu hungern,

sowohl Überfluss zu haben als auch Mangel zu leiden.

Alles vermag ich in dem, der mich kräftigt.

Philipper 4,12-13

Christus ist den ganzen Weg gegangen: von ganz oben nach ganz unten – bis ans Kreuz und hinab in die Hölle – und wieder zurück bis über alle Himmel (Phil 2,5-11). Auf diesen Weg nimmt er uns mit und offenbart uns seine Herrlichkeit, die davon gekennzeichnet ist, dass sie nicht das eine gegen das andere ausspielt, sondern „alles vermag“. An der Seite des Auferstandenen erfahren wir die Tiefe und die Höhe, Erniedrigung und Erhöhung, die ganze Spanne zwischen Tal und Berg, Licht und Finsternis, Leben und Tod. Und an seiner Hand verlieren wir die Angst davor, diesen Weg zu gehen und wagen den Aufbruch …

Der Apostel Paulus war in der Lage, diesen menschlich gesehen ganz unmöglichen Weg mit Jesus zu gehen. Er sagt: „Ich bin eingeweiht – in jedes und alles.“ Was für eine Aussage! Das griechische Wort an dieser Stelle meint die Einweihung in ein Mysterium.

Die Fußnote der Elberfelder Übersetzung merkt dazu an: „Der Ausdruck wurde bei den Griechen im Blick auf die religiösen Mysterienkulte gebraucht, die nur Eingeweihten zugänglich waren.“ Mehr zu diesem Begriff siehe in der Fußnote1 unten. Sie ist etwas umfangreicher, weil es ein komplexes Thema ist, das spirituelle Menschen, Religionen und Kulturen zu allen Zeiten interessiert und ihre Bewegungen maßgeblich motiviert und begründet hat.

Wir mögen uns wundern, wieso Paulus ausgerechnet diese Sprache verwendet. Ist das denn nicht esoterisch und okkult? Muss man nicht alles, was mit Mystik und Mysterien zu tun hat, entschieden meiden? Wir sind doch heute aufgeklärte Christen! Was sollen wir mit Weihen und Geheimnissen?

Nun, Paulus verstand und verkündete das Evangelium ganz anders als wir heute. Eine persönliche Erscheinung des auferstandenen Jesus hatte ihn seinerzeit auf dem Weg nach Damaskus vom Pferd geworfen und bekehrt. Seine umfassende theologische Kenntnis erhielt er nicht von Menschen, sondern „durch Offenbarung von Jesus Christus“ und erklärt sie als „nicht von menschlicher Art“ (Gal 1,11-12). Um sie zu verstehen, reicht menschliche Weisheit mitnichten aus. Man muss dafür den Geist Gottes empfangen und Christi Sinn haben (vgl. 1 Kor 2,12.16), sonst kann man von den göttlichen Geheimnissen nichts begreifen oder aber versteht alles falsch.

Das Evangelium verkündete Paulus in Erweisung des Geistes und der Kraft, damit der Glaube der Hörer nicht auf menschlicher Weisheit, sondern auf Gottes Kraft beruht. „Denn das Reich Gottes besteht nicht in Worten, sondern in Kraft“ (1 Kor 2,4; 4,20).

Zeichen und Wunder, Visionen und Führungen, Engel und Himmelserfahrungen, dies und vieles mehr war für Paulus der ganz normale Ausdruck des Evangeliums. Für ihn entzog es sich menschlicher Handhabe oder Kontrolle und erwies sich als so mächtig und herrlich, dass er es „mit Furcht und Zittern“ verkündete. Er wusste, dass es in der Lage war, einen Menschen zu erschüttern, zu verwandeln und seine Welt komplett auf den Kopf zu stellen; er selbst hatte es erlebt.

Und wie steht es mit uns? Was von alledem haben wir erlebt und worin besteht das Evangelium heute für uns? Darin, dass uns die Sünden vergeben werden und wir in den Himmel kommen – wenn wir brav sind und zur Kirche gehen?

Wie hat sich uns das Mysterium der Weisheit und Herrlichkeit Gottes erschlossen – das Geheimnis, wie wir über das rein intellektuelle Erfassen der in Philipper 4,12-13 genannten Informationen hinaus in die Erfahrung der Kraft eintreten, „mit der wir alles vermögen“?

Offenbar hat die christliche Gemeinde den Weg der Einweihung in die Geheimnisse Gottes vergessen und beschäftigt sich mit anderen Dingen. Viele davon können wir im Neuen Testament erst gar nicht finden.

In diesem Buch über den anderen Weg gehen wir den göttlichen und menschlichen, himmlischen und irdischen Geheimnissen nach sowie der Frage, wie wir damit in Berührung kommen und was uns dazu befähigt, all das, wovon etwa Paulus spricht, selbst zu erleben und damit zu Zeugen des echten bzw. originalen Evangeliums zu werden, das in seinem Anfang so überaus wirkungsvoll war.

Hierzu werden wir einen weiteren Begriff erörtern, der heutzutage für viele Christen ebenso anrüchig und mittelalterlich klingt wie das Wort Mysterium. Hinter ihm verbergen sich Zugänge und Qualitäten, die uns fremd geworden sind und in der modernen Gemeinde kaum mehr eine Rolle spielen. Es handelt sich um den Begriff „Initiation“.

Initiation ist der authentische Weg ins Mysterium.

Der bekannte Religionswissenschaftler Mircea Eliade stellt fest, dass der Begriff der Initiation in den westlichen Gesellschaften unserer Tage praktisch nicht mehr vorhanden ist. Er spielte jedoch in den traditionsgebundenen Kulturen, die sich im Westen bis zum Mittelalter und in der übrigen Welt bis zum ersten Weltkrieg erhalten haben, eine ganz entscheidende Rolle. „Die Originalität des modernen Menschen, das Neue in Bezug auf die traditionsgebundenen Gesellschaften, besteht gerade darin, dass er sich einzig und allein als historisches Wesen betrachten will und in einem radikal entsakralisierten Kosmos zu leben wünscht.“2

Das gottlose Weltbild, welches sich gerne den Nimbus der Aufklärung, des Fortschritts und der Wissenschaftlichkeit gibt, lässt einen verirrten und verlorenen Menschen zurück, der keinen Zugang mehr findet zu einer verantwortlichen, integren Menschlichkeit, zu einer transzendenten Anbindung und spirituellen Verwirklichung, die über „Essen und Trinken“ (Konsum) bzw. „das Geschäft“ (Kommerz) hinausgeht und ihn motiviert, tugendhaft zu sein.

Der Mensch ist im Spiegel unserer aktuellen, versachlichten Weltanschauung nicht mehr eine göttliche Schöpfung, sondern eine evolutionäre Zufälligkeit und „Humanressource“. Er ist auch keinem Gott, keiner „höheren“ Berufung und Bestimmung gegenüber rechenschaftspflichtig, sondern selbstbezogen, also selber Gott. Welche Grotesken dabei herauskommen, ist augenfällig und bestürzend. Die Welt verfällt und kann nur noch mit Unmengen an nicht gedecktem Geld und ebensolchen Unmengen an Waffen zusammengehalten werden. Dabei feiert sie sich in blinder Hybris als Hort von Menschenrechten und Demokratie, während sie die Erde in atemberaubendem Ausmaß und Tempo ausbeutet und zerstört!

Ja, das Ende ist absehbar nahe herbeigekommen, und wir tun gut daran, uns auf die ewigen Prinzipien zu besinnen, die uns in echte Menschen verwandeln, wenn wir nur wirklich mit ihnen in Berührung kommen.

Nachdem ich nun bereits eine ganze Reihe von Büchern geschrieben habe, in denen es immer um die Frage nach dem echten Jesus, dem wahren Menschen und der authentischen Gemeinde geht, die Christus mit seinen Freunden bildet – in der Kraft des Heiligen Geistes –, fasst sich in dem vorliegenden Band vieles davon zusammen und es wird zum Ausgangspunkt einer neuen Ebene und Dynamik von geistlicher Entwicklung. Das ist das Anliegen von INITIATION. Denn wir gehen von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, und jede Herrlichkeit wird der Ausgangspunkt bzw. die Basis für eine weitere Stufe von Herrlichkeit. Aus diesem Grund finden sich manche Gedanken und Beispiele, Zitate und Visionen wieder, die bereits in anderen Büchern ihren Niederschlag fanden. Wiederholung kann in diesem Fall nicht schaden.

Ich versuche, viele Enden zu packen und Linien aufzugreifen, die im Einzelnen behandelt wurden, aber nun zusammengeflochten werden zu einem Strang bzw. zu einem Gewebe, das aus vielen Fäden einen Stoff bildet.

Der Kurs

Weil das Thema einerseits komplex und andererseits ungewohnt ist, habe ich zum Buch einen Begleit-KURS entwickelt, der die Kerninhalte jedes Kapitels aufgreift und für den „Schüler“ praktisch aufschließt. Fragen, Texte und inspirierende Beispiele unterstützen den Leser auf seinem persönlichen Initiations-Weg.

Wer das Buch einfach nur durchliest, wird am Ende von der Fülle der Impulse wahrscheinlich überfordert und sogar verwirrt sein. Ich empfehle darum, nach einem ersten Durchlesen wieder vorne anzufangen, den Kurs danebenzulegen und der Anleitung folgend mit Ruhe und Aufmerksamkeit, Offenheit und Gebet an jeden einzelnen Punkt heranzugehen und ihm die Zeit zu geben, die seine Entfaltung eben braucht.

Es ist wie mit Samenkörnern, die bewässert und kultiviert werden wollen, um aufzugehen und sowohl ihre wahre Gestalt als auch ihr wahres Potential zu zeigen. Es wird sich bei dieser Kultivierung, welche die Absicht des Kurses darstellt, sicher sowohl eine Fülle an persönlicher Offenbarung als auch eine ganz individuelle Führung durch den Heiligen Geist einstellen, die dem Weg der Verwandlung, den es zu gehen gilt, Licht und Klarheit geben. Ohne göttlichen Beistand ist der Weg der INITIATION und des MYSTERIUMS (Geheimnisses) meines Erachtens nicht zu finden, geschweige denn gangbar. Es ist der „andere Weg“, der in der kopflastigen Wissensgesellschaft der Gegenwart verloren gegangen ist und nun neu erschlossen wird.

Im Anhang des Buches werden weitere Informationen zu dem Kurs gegeben. Er ist Teil der „Schule auf der Schwelle“, die sich mit Fragen der Verwandlung, Erleuchtung, Erweckung und den Entwicklungsstufen befasst, durch die wir in alledem wachsen und gedeihen. Gerade die Frage nach den Übergängen ist häufig unklar und blockiert jeden Fortschritt.

So wünsche ich meinen Lesern wunderbare Erkenntnisse und Entdeckungen – eine Offenbarung des ANDEREN WEGES, den es neu zu erkunden gilt.

1 Das Wort Mysterium (von griechisch μυστήριον mysterion, ursprünglich für kultische Feiern mit einem geheim bleibenden Kern, volkstümlich auch abgeleitet von myo, den Mund schließen) wird gewöhnlich mit Geheimnis übersetzt. Gemeint ist ein Sachverhalt, welcher sich der eindeutigen Aussagbarkeit und Erklärbarkeit prinzipiell entzieht – nicht einfach eine nur schwer mittelbare oder zufällig verschwiegene Information …

Als Mysterienkult oder Mysterienreligion wird ein Kult oder eine Religion bezeichnet, deren religiöse Lehren und Riten vor Außenstehenden geheim gehalten werden. Die Aufnahme in eine solche Kultgemeinschaft erfolgt gewöhnlich durch spezielle Initiationsriten. Das Wort Mysterium geht auf das griechische μυστήριον (mysterion, Geheimnis) und dieses wiederum auf μύειν (myein, „schließen“), zurück. Für Nichtinitiierte war der Mysterienkult „geschlossen“. Die initiierten Mitglieder wurden Mysten genannt …

Der griechische Gebrauch von mysterion für geheime Lehren findet auch Eingang in Texte des hellenistischen Judentums. Dass die Wege Gottes menschliches Verstehen übersteigen, wird des Öfteren in alttestamentlichen Texten ausgesagt. Eine spezifische Vorstellung von Geheimnissen, welche das Ende der Tage betreffen und die erst im Traum geoffenbart werden, findet sich im Buch Daniel …

Im Neuen Testament wird das Wort mysterion praktisch durchweg für sonst nicht zugängliche Offenbarung verwendet, besonders im Zusammenhang der Christologie, bei Paulus und im Epheserbrief vor allem bezogen auf den errettenden Kreuzestod Jesu Christi, daneben auch bezogen auf prophetische Überlieferung. Im synoptischen Corpus erscheint der Begriff nur einmal, mit Bezug auf das Gottesreich, welches Nichtchristen unverständlich bleibe. Im 1. Brief an Timotheus wird bereits von einem „Geheimnis des Glaubens“ gesprochen.

Christliche Theologen aus Alexandrien knüpfen an die Terminologie der Mysterienreligionen an und bezeichnen auch Inhalte christlichen Glaubens als Mysterien; ansonsten wird vor allem das Christusgeschehen so bezeichnet … Martin Luther wählte als Übersetzung des biblischen Begriffs μυστήριον das deutsche Wort „Geheimnis“ …

Der Theologe und Religionswissenschaftler Rudolf Otto führte in seinem 1917 erschienenen Hauptwerk Das Heilige die komplementären Begriffe Mysterium fascinosum (die Erfahrung religiösen Entzückens) und Mysterium tremendum (das Göttliche als Ursache und Gegenstand ehrfürchtigen Erschauerns) ein, um die – seiner Auffassung nach – grundlegenden Ausprägungen der Erfahrungen von Menschen mit dem Heiligen zu charakterisieren … (Wikipedia, 27.04.2021)

2 M. Eliade, „Das Mysterium der Wiedergeburt“, Insel-Verlag Frankfurt a. M. 1988, Einleitung.

1 Identitäten

Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht,

ein königliches Priestertum,

eine heilige Nation,

ein Volk zum Besitztum,

damit ihr die Tugenden dessen verkündigt,

der euch aus der Finsternis berufen hat

zu seinem wunderbaren Licht.

1. Petrus 2,9

In solche Identitäten, von denen in 1. Petrus 2,9 gesprochen wird, stolpert man nicht einfach dadurch hinein, dass man sich einmal „bekehrt“ hat und nun ab und zu einen Gottesdienst und die Bibelstunde besucht. Aber nicht einmal die aktive Gemeindemitarbeit oder gar der Besuch einer Bibelschule garantieren, dass wir hinterher „königliche Priester“ sind und in der Lage dazu, „die Tugenden Gottes“ zu verkünden, weil wir in sein „wunderbares Licht“ eingetreten sind und dort verwandelt wurden in andere Menschen (eine „heilige Nation“).

Wir setzen heute gemäß unserer Kultur ganz auf Wissen und bilden Gemeinden und ihre Leiter entsprechend kopflastig aus. Sie brauchen keine „Erleuchtung“ bzw. kein „wunderbares Licht“ mehr, keine heilige Erfahrung, sondern gute Noten in Homiletik, Kirchengeschichte und Exegese.

Kaum mehr wird nach Begriffen wie Identität und die dafür notwendige Initiation gefragt. Wir haben in der Folge heute jede Menge Leiter und Mitarbeiter in den Gemeinden, die selber nie in die Dimension des Heiligen, des Königlichen oder der Erwählung eingetreten sind – sie wissen nur etwas darüber, jedoch sind sie es nicht geworden.

Das ist der feine, aber alles entscheidende Unterschied:

Wissen oder Werden.

Um Menschen zu informieren, brauchen wir informierte Leiter, um sie zu initiieren, brauchen wir initiierte Leiter. Um uns mehr Wissen etwa über das „königliche Priestertum“ anzueignen, reicht ein Studium vielleicht aus, aber nicht, um königliche Priester zu werden. Dafür braucht es eine Initiation. Diese geschieht jedoch nicht im Klassenzimmer, sondern ereignet sich „draußen in der Wüste und in den Bergen“ … in der Einsamkeit und Wildnis. In der Wirklichkeit. Die Schrift ist voller Beispiele dafür, wie Gott seine Leute eben dorthin führte, um ihnen zu begegnen, um sie mit sich selbst zu konfrontieren und durch einschneidende, existentielle und heilige Erlebnisse grundlegend zu verändern.

Die großen Veränderungen, nach denen viele Menschen sich so sehr sehnen, geschehen in aller Regel nicht in den gediegenen Wänden einer Gemeinde oder theologischen Ausbildungsstätte, sondern an abgelegenen Orten, wo sie ohne Ablenkung sind und genügend Abstand zum Alltagsgeschäft haben, um zur Besinnung zu kommen und eine direkte Erfahrung mit dem zu machen, der sie „aus der Finsternis ins Licht“ ruft.

Es scheint fast so, als wäre proportional zum angestiegenen theologischen Wissen die Qualität der Identität der Ecclesia (wörtl.: die „Herausgerufene“) in ihren Berufungen und Be­stim­mungen von Gott her rückläufig.

Sind unsere Verantwortlichen selbst nicht den Weg der Initiation gegangen, sind sie entsprechend auch nicht in der Lage dazu, uns „in die Wüste“ oder „auf den heiligen Berg“ zu führen. Oder sie können nicht erkennen, wann der Heilige Geist einen jeden von uns ruft, aufzubrechen und den Weg der Verwandlung und geistlichen Reife zu gehen.

Natürlich kann man Ämter und Titel nach zweckrationalen Kriterien vergeben, aber das heißt noch lange nicht, dass auch drin ist, was draufsteht. Heute werden Ämter und Titel vorrangig funktional gesehen und entsprechend besetzt. Es geht allenthalben ums TUN und nicht ums SEIN. Wir sind aufgabenorientiert und nicht reifeorientiert. Aber Aufgaben erledigen ist etwas ganz anderes als Jünger sein und den heiligen Weg gehen.

Der bekannte Franziskaner Richard Rohr, der sich Jahrzehnte lang mit der Frage nach einer modernen Form von Initiation für Männer befasste und großartige Bücher darüber geschrieben hat, sagt in einem seiner Werke:

Motiviert zu meiner Arbeit hat mich immer wieder die Traurigkeit und Enttäuschung darüber, dass so viele Männer, die ich kennengelernt habe, kein inneres Leben zu haben scheinen – und das gilt auch für Pfarrer, Ordensleute und engagierte Laien, für hochrangige, erfolgreiche Führungspersönlichkeiten, von denen man eigentlich anderes erwartet. Sie sind daran nicht selbst schuld, wenn es überhaupt um Schuld geht. Niemand hat ihnen je etwas anderes geboten als das billige „Linsengericht“ Jakobs. Wir sind Nachkommen Esaus, wir haben unser Erstgeburtsrecht gegen Fast-Food-Religion eingetauscht (1 Mose 25,29-34). Und diese kann weder das Selbst noch die Welt in ihrer Tiefe fassbar machen.1

Herzensdimensionen

Gnade euch und Friede von dem, der ist und der war und der kommt, und von den sieben Geistern, die vor seinem Thron sind, und von Jesus Christus, der der treue Zeuge ist, der Erstgeborene der Toten und der Fürst der Könige der Erde! Dem, der uns liebt und uns von unseren Sünden erlöst hat durch sein Blut und uns gemacht hat zu einem Königtum, zu Priestern seinem Gott und Vater: Ihm sei die Herrlichkeit und die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen (Offb 1,4-6).

Nichts was hier steht, kann man aus Büchern lernen oder in einer Bibelstunde abhandeln. Das sind große Dimensionen, die sich unserem analytischen Verstand entziehen und ihn übersteigen. Sie muss man erleben, um sie zu kennen. Und um sie erleben zu können, muss man dafür bereit gemacht, gereinigt und gestärkt und in eine angemessene Haltung gebracht werden. Man muss einem Ruf folgen, aufbrechen, Hindernisse überwinden, einen Weg gehen … Das alles sind klassische Aspekte von Initiation.

Wikipedia definiert den Begriff Initiation folgendermaßen:

Initiation bezeichnet die Einführung eines Außenstehenden (eines Anwärters) in eine Gemeinschaft oder seinen Aufstieg in einen anderen persönlichen Seinszustand, beispielsweise vom Kind zum Erwachsenen, von der Novizin zur Nonne oder vom Laien zum Schamanen.

Die Überführung in einen anderen „Seinszustand“, darum geht es also. Das ist natürlich etwas ganz anderes als die Aneignung von mehr Wissen und abstrakter Theologie. Es geht um eine Einführung in das Ewige und das Heilige, wodurch man fraglos zuerst verwandelt und dann in Dienst gestellt wird, wenn man sich darauf einlässt.

Im Allgemeinen versteht man unter Initiation eine Gesamtheit von Riten und mündlichen Unterweisungen, die die grundlegende Änderung des religiösen und gesellschaftlichen Status des Einzuweihenden zum Ziel haben. Philosophisch gesagt, entspricht die Initiation einer ontologischen (wesensmäßigen, grundlegenden) Veränderung der existentiellen Ordnung. Am Ende seiner Prüfungen erfreut sich der Neophyt (der Initiand) einer ganz anderen Seinsweise als vor der Initiation: Er ist ein anderer geworden.2

In das göttliche Königtum und die ewige Priesterschaft muss man eingeweiht werden, sonst ist das alles nur graue Theorie, die im Alltag keinen Niederschlag findet. Alle genannten Begriffe: bereitgemacht werden, überwinden, sich einlassen, Einweihung … das alles sind Dimensionen und weitere typische Aspekte von Initiation.

In früheren Zeiten war es allgemein üblich, dass ein junger Mann Mentoren hatte; er wurde zur Ausbildung zu Meistern seines Fachs geschickt, bei denen er ganz praktisch in deren Kunstfertigkeiten unterwiesen wurde. Aber mehr noch, lebte er eine Zeit lang mit ihnen zusammen. Er studierte dabei ihr ganzes Sein und besuchte nicht nur ihren Unterricht in Werkkunde. Bis in die Neuzeit hinein war das Ausbildungs-Modell von Jesus allgemein verbreitet: Der Meister und die Schüler, die sich um ihn scharten. Die Schüler wurden dabei vom Meister nicht nur informiert, sondern initiiert. Sie nahmen Teil an seinem Leben und Dienst, seiner Sicht und Handhabung der Dinge, seiner Reife und seinem Geist. Nicht ein Lehrpensum und das Absolvieren von Prüfungen entschieden darüber, ob ein Schüler so weit war, als tauglich und bewährt eingestuft zu werden, fähig, auch andere zu unterweisen, sondern der Meister beurteilte die Qualität und Reife des Schülers. Dabei umfasste die Beurteilung den ganzen Menschen und nicht nur ein Fach.

Denn der Mensch sieht auf das, was vor Augen ist, aber der Herr sieht auf das Herz (1 Sam 16,7).

Gott prüft das HERZ des Menschen, er schaut hinter die Fassade und in die Tiefe, wo wir die sind, die wir wirklich sind – und wovon wir häufig herzlich wenig wissen. „Herzensbildung“ (Stichwort: „emotionale Intelligenz“) ist heute kein Fach in der Schule, entsprechend haben wir kluge Köpfe mit verkümmerten Herzen.

Das Ziel initiatischer Bildung ist es, einen Menschen an sein tiefes Inneres heranzuführen, ihm einen Spiegel vorzuhalten und zu Selbsterkenntnis und Selbstreflektion zu befähigen. Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis gehen Hand in Hand und sind vorwiegend eine Herzensangelegenheit. Dabei spricht das Herz seine eigene Sprache, die nicht dem Intellekt entspricht und darum auch nicht allein mittels Lehrbuch und Seminar vermittelt werden kann.

Das Herz eines Menschen zu erkennen, seine einmalige Art, wie es wahrnimmt, empfindet und die Dinge betrachtet, das ist eine Aufgabe, der unsere verkopften Schulen nicht gerecht werden können; dafür braucht es eine ganz andere Qualität von Lehrern, die natürlich selbst durch Prozesse der Herzensbildung gegangen und darin gereift sein müssen, um nun anderen damit zu dienen. Es braucht „Väter“.

Seelsorge

In dieser Hinsicht hat die Bedeutung der Seelsorge in den Gemeinden zugenommen. Der Begriff der Seelsorge ist in den letzten Jahren immer breiter und ganzheitlicher formuliert worden, und zahllose neue Bücher sind erschienen. Jede Seele braucht Sorge, jeder Mensch einen Raum, in dem er sein kann, und ein Gegenüber, welches ihm Zeit und Gelegenheit gibt, sein Herz auszuschütten und über seine tieferen Beweggründe zu reflektieren und sich selbst auf die Schliche zu kommen. Wir sind der Überzeugung, dass es heute gerade die Seelsorge oder Supervision ist, wo eine Menge initiatischer Elemente zum Tragen kommen, auch wenn das dort vielleicht anders genannt wird.

Dennoch hält Karlfried Graf Dürckheim treffend fest:

Mit dem Wort „initiatisch“ ist eine Dimension des menschlichen Seins angesprochen, die sich sowohl von dem unterscheidet, was man gewöhnlich unter „Religion“ versteht, wie auch von aller „Therapie.“

Das Initiatische betrifft eine Dimension menschlichen Seins, die zu einer bestimmten Stufe des Menschseins gehört. Das Wesen dieser Stufe besteht darin, dass dem Menschen auf ihr zum Bewusstsein kommt, dass die eigentliche Wirklichkeit, sowohl seiner selbst wie seiner Welt, nicht die ist, die das natürliche Ich als solche begreift. Das natürliche Ich versteht darunter die Realität, die ihm als eine raumzeitlich bestimmte Wirklichkeit sinnenhaft begegnet und seinem rationalen Bewusstsein mehr oder weniger zur Erkenntnis und Meisterung zugänglich ist, und als „objektive“ Wirklichkeit seinen „subjektiven“, von Trieben und Gefühlen bestimmten „inneren“ Zuständen gegenständlich gegenübersteht. Auf der zum initiatischen Weg befähigten Stufe erkennt der Mensch, dass diese Weltsicht nur einen Aspekt … einer anderen, eigentlichen, überweltlichen Wirklichkeit darstellt …

Es gibt das Erlebnis einer Wirklichkeit, die das natürliche Ich und sein Begriffsvermögen überschreitet, ja, sogar paradox zu ihm steht. Diese Erfahrung nimmt die in ihr aufgehende übernatürliche Wirklichkeit aus dem Bereich bloßen Glaubens heraus und fügt sie dem Wissen des Menschen hinzu … Der Mensch einer bestimmten Stufe hat nicht nur gelegentlich solche Erlebnisse, sondern fühlt sich in ihnen beheimatet und der in ihnen aufgehenden Wirklichkeit verpflichtet.3

Erwachsenwerden

Das Wort „Initiation“ kommt uns heute so weit weg, mythisch und mystisch vor, weil wir diese Art des Lehrens und Lernens weit hinter uns gelassen haben. Wir beschränken die Wirklichkeit doch weitgehend auf die „raumzeitlich bestimmte Wirklichkeit“, wie Dürckheim sagt, der wir einen objektiven Gehalt beimessen. Heute muss ein Mensch nur gut auswendig lernen, um sich Fachwissen anzueignen und die entsprechenden Examen zu bestehen. Dann bekommt er einen Titel. Ob er wirklich „ein Händchen“ für die Sache hat, ob er einer Berufung folgt und Reife gewonnen hat, die ihn zu einem Meister machen, das interessiert gemeinhin nicht. Clinton Calahan sagt:

Ein initiatorischer Prozess ist der Aktivierungsprozess, der eine Person in die authentische Weisheit von Verantwortung und Konsequenz bringt … Die moderne Kultur erklärt, dass wir automatisch mit 18 oder 21 Jahren erwachsen sind. Doch das ist nicht der Fall. Unser Irrtum ergibt sich aus unserem mangelnden Verständnis darüber, was einen Erwachsenen ausmacht.4

Menschen generell mit 18 Jahren als „mündig“ zu bezeichnen, lässt einen vermuten, dass dahinter eine Art maschinelles und industrielles Denken steckt, welches Menschen gleichschaltet und nach Kriterien für „erwachsen“ erklärt, die gar nichts mit ihrem Menschsein zu tun haben können, denn dieses ist individuell.

Das Problem der Unklarheit, was Erwachsensein, Reife und Mündigkeit eigentlich bedeuten und wie wir sie definieren wollen, ist im Bereich der Spiritualität noch viel größer bzw. diffuser als auf der weltlichen Ebene. Um heute ein Pastor bzw. Gemeindeleiter zu sein, muss einer nicht einmal bekehrt, geschweige denn wiedergeboren sein. Er kann den „Job“ nach den Vorgaben der theologischen Fakultät studieren und dann nach den Anforderungen seiner jeweiligen kirchlichen Institution ausführen, die ihm aufgrund bestandener Prüfungen den Titel „Pastor“ o. Ä. verleiht. Was seine menschliche und geistliche Reife betrifft, so ist das „Privatsache“. Er muss nur nach Vorgabe funktionieren und alle sind zufrieden. Heute gibt es entsprechend immer weniger Berufe und immer mehr Jobs. Selbst Geistliche sehen ihre Arbeit inzwischen zusehend als „Job“ an, d. h. sie definieren ihre Arbeit funktional.

Ursprünglich geht es in der Religion um die „Rückverbindung zum Heiligen, Transzendenten und Absoluten“ (Wikipedia). Ohne eine solche Verbindung, also ohne eine spirituelle Anbindung, ist Religion nur ein frommes Regelwerk, eine Ideologie oder Tradition. Was damit gemacht werden kann, ist uns aus der Religionsgeschichte hinreichend bekannt. Predigt ein nicht initiierter Mensch – also einer, der „das Heilige“ nicht selbst gesehen und erfahren hat, den Weg der Hingabe daran (der Heiligung) nicht gegangen ist und die Hand des Herrn nicht berufend und bestimmend auf sich gespürt hat – über eine Bibelstelle wie Offenbarung 1,4-6 im Gottesdienst, dann ist das hohl und schal. Theologisch gesehen vielleicht korrekt, aber langweilig und nichtssagend, obwohl es dabei um die größten und heiligsten Dinge geht.

Meiner Meinung nach müsste man ganze Bibelschulklassen und nachträglich so manchen christlichen Leiter in die Wüste, auf eine einsame Insel oder in die Berge schicken. Vierzig Tage lang Einsamkeit und Schweigen, Fasten und Gebet würden ihre Wirkung sicherlich nicht verfehlen! Immerhin hat der geistliche Dienst auf diese Weise bei Jesus begonnen! Der Geist trieb ihn für 40 Tage in die Wüste und er kam verwandelt zurück (vgl. Lukas 4). Dies sind die Orte, an denen klassischerweise Initiation geschieht, Gemeindesaal und Kanzel sind dafür ungeeignet. Leider kommt so etwas in der pastoralen Ausbildung von heute nicht vor, wie so vieles Wesentliche.

In den archaischen Gesellschaften zogen sich die Initiationsriten, deren Ziel es war, Jungen zu Männern zu machen, oft über viele Monate hin. Die Initianden zogen aus ihrem Dorf hinaus in die Wildnis und die Absonderung, in der sie in die „Heilige Geschichte“ eingeweiht wurden, die ihre Kultur und Welt begründete, der entsprechend zu leben sie von den Ältesten gerufen und verpflichtet wurden.

Große Freude

Das Ziel einer Initiation ist nicht die Sammlung von Informationen über Themen, sondern die Berührung damit. Wenn ein Mensch von der „Gnade und dem Frieden“ Gottes berührt, ja sogar davon ergriffen wird, dann kann er den Weg weitergehen bis vor den Thron, wo sich neben Jesus Christus auch jene „sieben Geister“ Gottes befinden (Offb 1,4-6). Macht er dann Erfahrungen mit diesem Thron und dem vielfältigen Geist, wird er seiner Qualitäten teilhaftig: sowohl der Gnade als auch des Friedens, des Königtums ebenso wie des Priestertums.

Sind wir in diese Dimensionen eingetreten – und sie in uns –vermögen wir etwas von der ewigen „Herrlichkeit und Macht“ dessen zu berichten, der dort auf dem Thron sitzt – in einer angemessenen Art und Weise, nämlich in einer königlichen und priesterlichen Haltung. Und es handelt sich dann nicht mehr nur um abstraktes Wissen, das wir weitergeben, sondern um ein Zeugnis. Wir sprechen von dem, was wir „gesehen und gehört“ haben, was wir geschmeckt und erfahren haben, was uns ergriffen und verwandelt hat – und das in der Kraft des Geistes und „nicht mit Worten, gelehrt durch menschliche Weisheit, sondern mit Worten, gelehrt durch den Geist“ (1 Kor 2,13). Wir sind von Theoretikern und „Besuchern“ des Thrones der Gnade zu einem Teil dieses Thrones geworden. Wir sind damit identifiziert, also existentiell verbunden und gehören jetzt dazu. Es ist unser Leben. Wir sind seine Boten. Und das wissen wir nicht nur im Kopf, sondern mit jeder Faser unseres Seins.

Was von Anfang an war, was wir gehört, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir angeschaut und unsere Hände berührt haben vom Wort des Lebens … was wir gesehen und gehört haben, verkündigen wir auch euch, damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt; und zwar ist unsere Gemeinschaft mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus (1 Joh 1,1-3).

Hier wird die Identifikation „Gemeinschaft“ genannt. Das heißt, die Erfahrung und Bezeugung des „Anfangs“, der den Aposteln offenbart worden ist – „Das Leben ist geoffenbart worden, und wir haben gesehen und bezeugen euch das ewige Leben, das bei dem Vater war und uns geoffenbart worden ist“ (1 Joh 1,2) –, führt nicht nur zu einer theologischen Kenntnis der Schöpfung der Welt (durch den Vater) und der Erlösung (durch Jesus Christus), sondern zu einer Gemeinschaft mit ihnen im Heiligen Geist. Das Ergebnis dieser Gemeinschaft ist Freude. „Dies schreiben wir euch, damit unsere (bzw. eure) Freude vollkommen sei“ (1 Joh 1,4).

Auch Jesus sprach im Johannesevangelium von der „völligen Freude“ (vgl. Joh 15,11). Diese Art von Freude folgt den genannten Stadien der Initiation: von der Offenbarung des Anfangs, über die Offenbarung des Wortes (und Weges) des Lebens, bis hin zur Identifikation damit und zur Realisierung der der Gemeinschaft mit dem Vater der Schöpfung und dem Sohn Jesus, dem Christus.

Zwar können uns diejenigen, die diesen Weg gegangen sind und in die heilige Freude eingetreten sind, verkündigen und bezeugen, dass es das alles wirklich gibt und auch uns zugänglich ist, aber gehen müssen wir den Weg selbst, und die Offenbarungen der geistlichen Realitäten müssen wir auf diesem Wege selbst empfangen. Wir können sie nicht einfach nur von anderen übernehmen, wie diese sie erfahren haben, sonst kommen wir nicht in die Identifikation bzw. Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohn hinein, welche „völlige Freude“ bedeutet.

Freude ist für uns eine mächtige Motivation, denn wer will nicht in ihre Fülle eintreten? Auch von Jesus heißt es, dass er „um der vor ihm liegenden Freude willen die Schande nicht achtete und das Kreuz erduldete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes“ (Hebr 12,2). Was motiviert uns so stark, dass wir den Spott derjenigen ertragen, die unser Christsein belächeln, und unser Kreuz auf uns nehmen, um Jesus zu folgen, bis auch wir mit ihm zur Rechten des Thrones Gottes sitzen? Ist es religiöse Ermahnung oder ist es Freude?

Ein wesentliches Ziel von Initiation

ist das Erlangen von Identität

durch Identifikation.

Das Ziel aller Erziehung überhaupt sollte über das Vermitteln von Wissen und Fertigkeiten hinaus das Erlangen von Identität sein. Wissen ist nicht Identität. Menschen können sehr gut gebildet sein und dennoch keine Ahnung darüber haben, wer sie eigentlich sind, geschweige denn, wozu der Himmel sie berufen hat und wie man Gemeinschaft mit ihm hat. Sie mögen mit ihrem Wissen gut ihren „Job“ erledigen können, dabei aber komplett am Sinn ihres Lebens vorbeigehen. Eine Tragödie!

Heute mangelt es der Kirche eklatant an Vorbildern und Ältesten, die den heiligen Weg gegangen und in die völlige Freude der wirklichen Gemeinschaft mit Gott eingetreten sind. Wir schauen uns in der Gemeinde um und können von der „großen Freude“ nur wenig finden, und das dann häufig auch noch in einer eher aufgesetzten Art und Weise und nicht in Wahrheit. Schauen wir hinter die frommen Kulissen, finden wir mitten in der Gemeinde, ganz im Gegenteil zur Freude, ein hohes Maß an Stress und Depression, an schwelenden Konflikten und chronischen Frustrationen. Natürlich kann das in einem Gottesdienstbesuch für ein bis zwei Stunden problemlos überspielt werden und bleibt verborgen. Aber was für ein Christsein soll das sein? Kein Wunder, dass viele Gemeinden sich leeren und sogar schließen. Jedoch verstehen viele, selbst engagierte Christen, nicht, warum das so ist. Sie predigen den Leuten zwar die Freude, aber hinein bringen sie sie nicht.

Gegen Ende seines Lebens sagte C.G. Jung einmal, er habe keinen einzigen Patienten gehabt, der in der zweiten Lebenshälfte stand und dessen Problem nicht durch den Kontakt zu etwas gelöst werden konnte, was er „das Numinose“ nannte und was wir „Gott“ nennen würden. Eine erstaunliche Aussage eines Mannes, der die institutionelle Religion nicht eben liebte.

Ich bin davon überzeugt, dass wir den Zugang zu unserem wahren Sein nur durch Gott finden können. Nur wenn wir in Gott ruhen, finden wir die Gewissheit, die innere Weite und die aufregende Freiheit, zu sein, wer wir sind – alles was wir sind …

Nur wenn wir durch Gott leben und durch seine Augen sehen, findet alles seinen Platz. Alle anderen Systeme müssen ausschließen, abschieben, bestrafen und beschützen, um ihre Identität in ideologischer Vollkommenheit oder irgendeiner Art von „Reinheit“ zu finden. Das verunreinigende Element muss immer aufgespürt und beseitigt werden. Abgesehen davon, dass dieses Vorgehen Zeit und Kraft kostet, hält es uns vor allem von der einzig wichtigen Aufgabe ab: zu lieben und die Einheit zu suchen.

Die chassidischen Meister lehrten ihre Schüler: Harke den Mist hierhin, harke den Mist dahin – es bleibt Mist. Du grübelst darüber herum, dabei könntest du Perle an Perle reihen zur Freude des Himmels!“5

Waisenkinder und Waisentheologie

Da Gottes Handeln an uns initiatischer bzw. initiatorischer Natur ist, weil er ein Vater ist, wir aber in einer Zeit leben, in der Menschen nicht mehr initiiert werden und aufgrund dessen häufig nicht erwachsen werden, kann es gut sein, dass wir Gott einfach nicht verstehen. Er spricht eine andere Sprache als wir, und wir haben keine Zeit, sie zu lernen. Sein Umgang mit uns ist uns rätselhaft, wir sind zu „irdisch gesinnt“. Wir verhalten uns wie Waisenkinder, die sich ständig selbst erfinden müssen, da sie keine väterliche Bezugsperson haben, die in der Lage ist, sie zu initiieren, weil sie viel tiefer blickt und weit mehr in uns sieht als wir selber.

Gott betrachtet uns ganz anders als wir selbst uns erkennen. Er rührt etwas in uns an, von dem wir gar nicht wussten, dass es da ist.

Um uns seine Sicht und seine Berührung mitzuteilen, muss er uns jedoch erst einmal in die Position bringen, in der das möglich ist, und in den Zustand versetzen, in dem wir dazu in der Lage sind, eine göttliche Schau und Berührung zu empfangen. Viele meinen, Gott könne ihnen doch „einfach mal“ sagen oder zeigen, was immer er ihnen sagen oder zeigen will, aber dem ist beileibe nicht so.

Wir erwarten von Gott Segen, wie wir uns Segen vorstellen, und nicht, wie Segen tatsächlich aussieht. An unendlich vielen Gebetserhörungen gehen wir vorbei, weil wir uns die Antwort ganz anders vorstellen, als sie uns zukommt.

Ein Priester saß an seinem Schreibtisch am Fenster und bereitete seine Predigt über die Vorsehung vor, als er plötzlich eine Explosion zu hören glaubte. Bald sah er auch Menschen in Panik hin und her laufen und erfuhr, dass ein Damm gebrochen war, der Fluss Hochwasser führte und die Bevölkerung evakuiert wurde.

Der Priester sah, wie das Wasser auf der Straße stieg. Es fiel ihm schwer, die aufsteigende Panik zu unterdrücken, aber er sagte sich: „Ausgerechnet jetzt arbeite ich an einer Predigt über die Vorsehung, da erhalte ich die Gelegenheit, zu praktizieren, was ich predige. Ich werde nicht fliehen. Ich werde hierbleiben und auf Gottes Vorsehung, mich zu retten, vertrauen.“

Als das Wasser bis zu seinem Fenster stand, fuhr ein Boot vorbei und die Menschen darin riefen ihm zu: „Steigen Sie ein, Herr Pfarrer!“

„O nein, Kinder“, sagte der Priester zuversichtlich, „ich vertraue auf die Vorsehung. Gott wird mich retten.“

Er kletterte jedoch auf das Dach, und als das Wasser auch bis dorthin stieg, kam ein weiteres Boot voller Menschen vorbei, und sie drängten den Pfarrer, einzusteigen. Wiederum lehnte er ab.

Dieses Mal stieg er bis in die Glockenstube. Als ihm das Wasser bis zu den Knien reichte, schickte man einen Polizeioffizier mit einem Motorboot, um ihn zu retten. „Nein danke, Herr Offizier“, sagte der Priester ruhig lächelnd. „Sehen Sie, ich vertraue auf Gott. Er wird mich nicht im Stich lassen.“

Als der Pfarrer ertrunken und zum Himmel aufgestiegen war, beklagte er sich sofort bei Gott. „Ich habe dir vertraut! Warum tatest du nichts, um mich zu retten?“

„Nun ja“, erwiderte Gott, „immerhin habe ich drei Boote geschickt.“6

Diese Geschichte bringt es auf den Punkt. Nach dem Tod des Priesters war die ganze Gemeinde wahrscheinlich voller Bestürzung darüber, dass Gott diese Tragödie zugelassen hatte. Sie sagten wohl genau dasselbe wie der Pfarrer: „Wir haben Gott vertraut! Warum hat er nichts getan, um ihn zu retten?“ Sicher fielen Zweifel und Verunsicherung in ihre Herzen und lähmten ihren Glauben, denn wenn so etwas einem „Mann Gottes“ passierte, wo blieben dann sie?

Diese vertrackte Situation findet sich auf allen Ebenen: Wir erbitten Gaben, wie wir uns Gaben vorstellen und nicht wie der Geist sie tatsächlich wirkt und wofür Gott sie bestimmt. Wir hören sein Wort nicht so, wie er es uns sagt, sondern so, wie unsere religiös gewaschenen Ohren es hören können und wie es „schon immer“ ausgelegt wurde.

Wie werden wir diese Diskrepanz überwinden? Gott möchte uns von kindischen und religiös klischeehaften Vorstellungen zu reifen und realistischen Vorstellungen bringen, die „höher als die Erde sind“ (Jes 55,8-9). Denn die Welt ist nicht so realistisch, wie sie vorgibt zu sein, sondern vielmehr trügerisch und illusionär. Um sie mit anderen Augen zu sehen, als wir gewohnt sind, ruft Gott uns auf seinen heiligen Berg, wo uns die Geschäfte der Welt unten im Tal einmal nicht bestimmen und die Dinge des Himmels oben auf dem Berg einmal allein wichtig sind und uns initiieren können. Wo es dann nicht mehr die Welt ist, die uns definiert, sondern der Himmel. Dann werden wir verwandelt bzw. von Neuem geboren.

1 R. Rohr, „Endlich Mann werden – Die Wiederentdeckung der Initiation“, Claudius Verlag München 2005, S. 11-12

2 M. Eliade s. o., S. 11.

3 Dürckheim, „Überweltliches Leben in der Welt – der Sinn der Mündigkeit“, Verlag O.W. Barth, Weilheim/Obb. 1972, S. 70-71.

4 Quelle: www.ncrtc.eu; aus dem Artikel: „Das haben wir scheinbar vergessen“.

5 R. Rohr, „Wer loslässt, wird gehalten“, Claudius-Verlag München 2001, S. 23-24.

6 A de Mello, „Das Anthony de Mello Lesebuch“, Herder 2013, S. 130 f.

2 Auf dem Berg

Groß ist der HERR und sehr zu loben

in der Stadt unseres Gottes.

Sein heiliger Berg ragt schön empor,

eine Freude der ganzen Erde;

der Berg Zion, im äußersten Norden,

die Stadt des großen Königs.

Psalm 48,2-3

Der Berg Gottes ist ein großes Thema, welches sich von Anfang bis Ende durch die ganze Heilige Schrift zieht. Auch in den Mythologien aller Völker finden wir die Vorstellung, dass die Götter in den Bergen wohnen. Denken wir nur an den Olymp als Sitz der griechischen Götter oder den Kailash im Himalaya, den heiligen Berg der Tibeter, der von den Hindus und Buddhisten verehrt wird und die in ihm den sagenhaften Berg Meru sehen, den Göttersitz im Mittelpunkt des Universums, um den alles kreist. Dann gibt es den Klosterberg Athos in Griechenland, welcher der heilige Berg der orthodoxen Kirche und Unesco-Weltkulturerbe ist. Und natürlich ist da der Berg Gottes, der Horeb, an dem Mose Gott begegnete und auch der Prophet Elia eine ganz neue Sicht auf seine Situation erhielt. Im Allgemeinen wird angenommen, dass der Berg Horeb und der Berg Sinai der gleiche Berg sind. Und schließlich ist der Tempelberg in Jerusalem zu nennen, der Zion Gottes, auf dem die Stadt Davids errichtet wurde.

Autorität

Es gilt die Regel: Je größer die Autorität, desto höher der Berg. Darum stehen Burgen, Schlösser und Festungen auf den Bergen, sie kontrollieren die Täler und Ländereien ringsherum. Auf den Höhen stehen auch die Tempel und Klöster, dort ist man dem Himmel näher als unten im Tal. Und da Gott über allen Göttern steht, ist sein Berg auch erhaben über alle anderen Berge.

Denn du, HERR, bist der Höchste über die ganze Erde. Du bist sehr erhaben über alle Götter (Ps 97,9).

Und am Ende der Tage wird es geschehen, da wird der Berg des Hauses des HERRN fest stehen als Haupt der Berge, und erhaben wird er sein über die Hügel. Und Völker werden zu ihm strömen, und viele Nationen hingehen und sagen: Kommt, lasst uns hinaufziehen zum Berg des HERRN und zum Haus des Gottes Jakobs, dass er uns aufgrund seiner Wege belehre! Und wir wollen auf seinen Pfaden gehen. Denn von Zion wird Weisung ausgehen und das Wort des HERRN von Jerusalem (Micha 4,1-2).

Den Berg Gottes gibt es sowohl physisch als auch meta-physisch bzw. geistlich. Zion und Jerusalem sind sowohl physische als auch geistliche Orte. Gott kann uns jederzeit auf seinen Berg holen, dafür müssen wir nicht in Israel wohnen und zum Horeb, zum Sinai oder in die Stadt Jerusalem reisen.

So lesen wir etwa beim Propheten Hesekiel, wie der Geist ihn ergriff und auf einen „hohen Berg“ brachte und Gleiches von dem Seher Johannes in der Offenbarung, ganz am Ende der Bibel:

In Gotteserscheinungen brachte der Geist mich in das Land Israel, und er ließ mich nieder auf einen sehr hohen Berg; und auf ihm, im Süden, war etwas wie der Bau einer Stadt. (Hes 40,2).

Und er führte mich im Geist hinweg auf einen großen und hohen Berg und zeigte mir die heilige Stadt Jerusalem, wie sie aus dem Himmel von Gott herabkam, und sie hatte die Herrlichkeit Gottes (Offb 21,10).

Neue Perspektiven

In der Versuchung Jesu führt auch der Teufel Jesus auf einen hohen Berg und „zeigt ihm in einem Augenblick alle Reiche der Erde“ (Lk 4,5). Ein physischer Berg wurde in jenem Moment zu einem Ort der Offenbarung, zum Gipfel, von dem aus die ganze Erde gesehen wird. Physikalisch ist das nicht möglich, aber geistlich schon.

Dies ist das Kennzeichen des Berges: Dort erhält man den Weitblick, den Überblick und den Einblick in die Welt, die sich vor einem ausbreitet. Diese Art der Offenbarung erlebten und bezeichneten Menschen aller Zeiten und Kulturen als eine „Erleuchtung“.

Wie die Anfechtung Jesu zeigt, bergen große Erleuchtungen jedoch auch ihre speziellen Risiken in sich. Wie das Gesehene interpretiert und welche Konsequenzen daraus gezogen werden, das ist die Frage. Es kann zu einer Versuchung werden und schon manche Menschen haben sich über andere erhoben und aufgrund hoher Offenbarungen eine Menge angemaßt. Wie selbstlos Jesus dieser Versuchung begegnete, sollte für uns alle das Vorbild sein!

Wir kennen das bekannte Beispiel von Mose (2 Mose 24), der auf den Berg Sinai stieg, auf welchen Gott im Feuer und in einer Wolke herniedergekommen war, um dort die Gesetzestafeln zu empfangen. Aber nicht nur das, er empfing auch eine Vision des himmlischen Heiligtums, entsprechend dem er hinterher die Stiftshütte unten im Tal bauen ließ (2 Mose 25,40; Hebr 8,5). Ein wichtiger Hinweis für uns, denn immer geht es darum, das Himmlische, das wir auf dem Berg schauen, hinunter ins Tal (in die Welt) zu bringen, um es dort zu realisieren. Eine Lebensaufgabe!

Wir haben von dem Propheten Elia gehört, wie er vor der eigenmächtigen Königin Isebel in die Wüste floh und an den Berg Gottes, den Horeb kam (1 Kön 19). Die Auseinandersetzung zuvor mit den Baalspriestern, wo das Feuer Gottes vom Himmel gefallen war, hatte ebenfalls auf einem berühmten Berg, dem Karmel, stattgefunden.

Elia war nach der Drohung Isebels, ihn umzubringen, in die Wüste geflohen, wollte nicht mehr leben, konnte nicht mehr weiter und fiel in eine handfeste Depression. Aber dann brachten ihm Engel Brot und Wasser – und in der Kraft dieser Speise vom Himmel ging er 40 Tage lang durch die Wüste bis zum Berg Gottes, dem Horeb. Dort befreite Gott ihn von dem Karmel-Erlebnis, denn Elia definierte sich und sein Leben bereits über diese Episode (1 Kön 19,10). Eine wichtige Berglektion!

Worüber wir uns definieren, das beherrscht unser Leben –das bestimmt uns. Gott löst uns auf seinem Berg von falschen Identifikationen und Identitäten. Er hilft uns loszulassen, bis wir wieder wir selber sind und er uns zeigen kann, was wirklich Sache ist. Dabei geht es nicht nur darum, Schlechtes und Traumatisches loszuwerden, sondern alles – auch das Gute.

Ich las einmal den Spruch: „Mancher will dafür, dass er einen Tag lang gut gewesen ist, sein ganzes Leben hindurch belobigt werden.“ Man kann an etwas Gutes ebenso gebunden sein wie an etwas Negatives. Jesu will aber, dass wir an IHN gebunden sind und nicht bei irgendetwas stehen bleiben und uns daran verlieren.

Die Versuchung, bei etwas Gutem und Großem, bei Erfolgen und Segnungen hängenzubleiben und uns damit zu identifizieren, kann ungleich größer sein als die Versuchung, an negativen Erfahrungen zu kleben, als wären sie unser Leben. Elia musste beides ablegen: sowohl den Sieg als auch die Niederlage.

Damit wir aus der Illusion in die Wirklichkeit gelangen, zieht Gott auch uns Christen heute, genau wie Elia damals, ab und zu aus dem Verkehr und lässt uns erkennen, wie depressiv und müde wir eigentlich geworden sind, wie fremdbestimmt und verloren an allerlei anderes als an Jesus. Und er gewährt uns eine Handvoll Manna und einen Schluck heiliges Wasser vom Himmel, damit wir den Weg durch die Wüste bis zu seinem heiligen Berg gehen können, wo er uns wieder zu uns selbst bringt – und zu sich selbst. Wo er uns abnehmen kann, was wir uns aufgeladen haben und was gar nicht unsere Aufgabe ist, es zu tragen. Wo er uns im Gegenzug wieder daran erinnern kann, was die eigentliche „Last“ ist, die uns mit uns selbst und unserer Bestimmung gegeben ist. Er wird uns zurück in die Wirklichkeit holen, zurück in die Wahrheit, zurück ins Leben. Er wird uns erneuern und daran erinnern, wozu er uns berufen hat, und dann den Weg wieder hinunter ins Tal zurück in die Welt schicken.

Meine Überzeugung ist: Wir brauchen heute wie damals dieses ganze Programm. Immer wieder. Dafür sind uns Geschichten wie die von Elia und Mose überliefert. Sonst verbeißen und verkämpfen wir uns an einer Stelle und bleiben beherrscht von einer einzelnen Situation – ob gut oder ob schlecht –, die uns nicht loslässt und anfängt zu bestimmen, wie wir denken und fühlen und wer wir meinen, dass wir sind. Schließlich bleiben wir erschöpft liegen und kommen aus der Wiederholungsschleife des Traumas nicht wieder heraus.

Der Berg Gottes hat therapeutische Dimensionen.

Auch von Jesus heißt es, dass er sich in die Berge und an einsame Orte zurückzog:

Da nun Jesus erkannte, dass sie kommen und ihn ergreifen wollten, um ihn zum König zu machen, zog er sich wieder auf den Berg zurück, er allein (Joh 6,15).

Jesus wartete nicht, bis der Dienst ihn mürbe machte und aufrieb, so wie Elia. Er ließ sich nicht von den Nöten nötigen oder den Umständen drängen, auch nicht von seinen Freunden oder Feinden lenken. Er ging von vornherein auf den Berg, wo er jenseits der Ansprüche des Dienstes und der Menschen an ihn mit Gott allein sein konnte.

Wenn wir nicht auch solche Rückzugsorte zum Gebet finden und freiwillig in die Einsamkeit gehen, werden wir meiner Meinung nach kein nachhaltiges geistliches Leben führen und keinen effektiven geistlichen Dienst tun können.

Bergpredigt und Verklärung

Eine berühmte Predigt von Jesus nennen wir die Bergpredigt (Mt 5–7), die wohl zu den fundamentalsten und bekanntesten Texten der Weltliteratur zählt. Sie beginnt mit den Seligpreisungen, setzt mit einer revolutionär anderen Deutung der zehn Gebote fort, als die Tradition der Juden sie predigte bzw. auslegte (und die meisten Christen es heute immer noch tun), und endet mit dem berühmten Gleichnis vom Haus, das auf Felsen oder Sand gebaut ist. Am Ende der Bergpredigt heißt es:

Und es geschah, als Jesus seine Worte vollendet hatte, da erstaunten die Volksmengen über seine Lehre, denn er lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat, und nicht wie die Schriftgelehrten (Mt 7,23).

Der Anfang der Bergpredigt offenbarte den erstaunten Hörern, dass es nicht um Sünden und Beugung unter Gebote geht, sondern um Seligkeit. Dann stellt Jesus das Gesetz in einen Zusammenhang mit dem Herzen, denn es geht nicht um das korrekte, äußerliche Befolgen von Regeln um der Regel willen, sondern um unser Inneres, unser Sein. Sind wir richtig, dann handeln wir auch richtig. Sind wir nicht richtig, dann ist selbst das richtige Handeln verkehrt, nämlich heuchlerisch. Und richtig können wir nur sein, wenn wir mit dem Richtigen verbunden sind. Aus der Verbundenheit mit Gott heraus ist die Richtigkeit eine lebendige und keine gesetzliche Richtigkeit, die in Rechthaberei und Dogmatismus endet. Die Richtigkeit, die durchs Herz geht, beginnt nicht beim anderen, sondern bei einem selbst und will dem anderen so weit entgegenkommen, wie man wünschen würde, dass einem selbst auch entgegengekommen wird. Gott IST barmherzig. So ist es denn auch sein Gericht.

Die Volksmengen waren über diese „Herzens-Predigt“ überrascht. Auf einmal ging es nicht um „Richtig und Falsch“, sondern um ein Leben in Wahrheit und Freiheit. Die alte Botschaft der Gebote kam in einem völlig neuen Gewand daher und erschien darin so ganz anders, als sie es je gehört und verstanden hatten. Für die Pharisäer, die in ihrer Gesetzlichkeit eher Gefängniswärtern glichen als Wegweisern zur Freiheit, war das ganz unerhört.

Für jeden von uns muss der gesetzliche und gefängnisartige Rahmen, den die Religiosität gerne und schnell annimmt, von Zeit zu Zeit aufbrechen, denn das Reich Gottes ist lebendig und der Geist beweglich. Einseitige Auslegungen sind dafür untauglich und wir sind mit göttlichen Worten und deren Interpretation niemals fertig.

Der Geist wendet die Gebote sehr persönlich auf uns an und offenbart uns ihre eigentliche Absicht und Kraft. Tatsächlich halten nicht wir sie, sondern sie uns. In Wahrheit sind wir nicht dadurch gute Christen, dass wir die Gebote halten, sondern dadurch, dass die Worte Gottes uns verwandeln in sein Bild – in der Kraft des Heiligen Geistes.

Die Volksmengen wunderten sich über die Kraft des Heiligen Geistes (die Salbung) auf Jesu andersartiger Predigt bzw. seine Vollmacht. Seine Worte brachten die Kraft, sich auf sie einzulassen und von ihnen in richtige, Gott wohlgefällige Menschen verwandelt zu werden, gleich mit!

Eine höchst beeindruckende Erfahrung mit dem Berg Gottes machten drei seiner Jünger auf dem sogenannten Berg der Verklärung (Mt 17), dem „Tabor“. Eine sagenhafte Geschichte, in der unglaublich viele geistliche Prinzipien stecken.

Auf dem Berg offenbarte sich Jesus den drei Jüngern, die er beiseite genommen und mit denen er aufgestiegen war auf den Gipfel. Das Gesicht Jesu wurde dort oben leuchtend wie die Sonne und seine Kleidung durchscheinend, so hell war das Licht. Für die Jünger war es wahrhaftig ein dramatisches Erleuchtungserlebnis: Erst wurden sie sprachlos, dann ohnmächtig und schließlich „erwachten sie völlig“ und „sahen seine Herrlichkeit“ (Lk 9,32).

Damit nicht genug: Jesus erschienen „in der Herrlichkeit“ (hier wurden die natürlichen Gesetze aufgehoben, Raum und Zeit übersprungen bzw. beweglich) Mose und Elia, die mit ihm „seinen Ausgang, den er in Jerusalem nehmen sollte“, besprachen (Lk 9,31). Dadurch wurde den Jüngern gezeigt, dass Jesus Teil der Heiligen Geschichte war.

Schlussendlich überschattete auch noch die lichte Wolke Gottes, die Schechina1, die Israel durch das Meer und die Wüste begleitet hatte und aus der heraus Gott mit Mose von Angesicht zu Angesicht wie mit einem Freund gesprochen hatte (vgl. 2 Mose 33,9-11), den Bergesgipfel, und eine Stimme sprach: „Dies ist mein geliebter Sohn, den hört!“

Aus diesen wenigen Hinweisen sollte deutlich geworden sein, wie ausgesprochen initiatorisch diese Geschichte ist. Die Jünger wurden nicht belehrt und unterrichtet, sondern „sahen und erlebten“ die großen Zusammenhänge. Sie wurden davon zutiefst beeindruckt, ja physisch überwältigt und zu Boden geworfen. Es war eine ganzheitliche Erfahrung des Heiligen, welches sich ihnen in seiner Herrlichkeit zeigte. Nach diesem Gipfelerlebnis konnten sie nicht mehr die Gleichen sein wie vorher. Sie waren jetzt „Wissende“. Ihre Idee davon, wer Jesus ist und worum es wirklich geht, wurde in einer unaussprechlichen Art und Weise erweitert, ja gesprengt, sodass sie „schwiegen und niemandem davon erzählten“ (Lk 9,36). Wie auch? Die Jünger hatten etwas von dem erlebt, was T. S. Eliot folgendermaßen beschreibt:

An die jenseitige Wirklichkeit zu glauben, heißt nicht, zu erwarten, dass wir, nachdem wir hier auf Erden ein erfolgreiches, sinnvolles und halbwegs tugendhaftes Leben geführt haben, in einer anderen Welt aufwachen werden, die sozusagen der bestmögliche Ersatz (bzw. Fortsetzung) für diese Welt ist; oder dass wir, wenn wir hier ein entbehrungsreiches Dasein gefristet haben, in der künftigen Welt mit all dem entschädigt werden, was uns hier nicht zuteilwurde. Es ist vielmehr die tiefe Überzeugung, dass die jenseitige Wirklichkeit die eigentliche Realität ist – und zwar hier und heute.2

Unio mystica

Weiter oben wurde schon Offenbarung 21,10 zitiert, wo es heißt, dass der Apostel Johannes „im Geist auf einen großen und hohen Berg geführt wurde“. Von dort aus sah er die Heilige Stadt, das Neue Jerusalem, von Gott herabkommen auf die Erde. Es sind dies die letzten Dinge und die große Erfüllung der Heiligen Geschichte in der Bibel. Himmel und Erde werden vereint, Gott und Mensch werden eine gemeinsame Stadt bewohnen und die Zeit der Zertrennungen (Tod und Sünde) ist vorbei.

Und er (Gott) wird jede Träne von ihren Augen abwischen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Trauer, noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen (Offb 21,4).

Das Ende ist der Anfang. Aus den Trümmern der alten Welt der Sünde und des Todes wird die neue Stadt der Gemeinschaft des Lebens in Liebe geboren. Die Zeit der „unio mystica“3, der Hochzeit des Lammes (Jesus) und der Braut (der Gemeinde), ist gekommen und die Einladung geht hinaus:

Und der Geist und die Braut sprechen: „Komm!“ (Offb 22,17).

Jedes einzelne Element dieser „letzten Dinge“, die zugleich die Wiederherstellung der „ersten Dinge“ bedeuten, ist für die Gläubigen von größter Bedeutung, nur dass viele in keinerlei Beziehung dazu stehen. Sie wurden nur darüber informiert, aber nicht in es hineininitiiert. Eine wirkliche Taufe hinein in diese „Dinge“ hat nicht stattgefunden, eine Offenbarung der Stadt wurde nicht empfangen und die Erfahrung einer Berufung, zu kommen und dazuzugehören, nicht gemacht. Die Identifikation mit der Heiligen Geschichte und noch mehr, ein Träger ihrer Herrlichkeit und Zeuge ihrer Realität zu sein, wurde also nicht verwirklicht. So stehen die Gläubigen weiter draußen vor der Tür und führen ein Leben jenseits dieser Realitäten.

Im Gleichnis von dem „großen Hochzeitsmahl“ (vgl. Mt 22,1 f.; Lk 15,15 f.) wird die Tragik veranschaulicht, dass der König zur Hochzeit seines Sohnes ruft, denn „alles ist bereit“, aber ach, die Geladenen lassen sich entschuldigen: Einer hat geheiratet, der andere einen Acker gekauft, den er begutachten muss, noch ein weiterer hat dringende Erledigungen zu machen … Nachdem der König seine Einladung per Eilboten wiederholt, sich aber an der Reaktion seiner „Freunde“ nichts ändert, stellt er schließlich fest: „Die Hochzeit ist zwar bereit, aber die Geladenen sind nicht würdig … viele sind Berufene (gerufen worden), wenige aber Auserwählte (sind eingetreten).“ Eine Tragödie von schicksalhaftem Ausmaß!

Den Geladenen ist offensichtlich weder bewusst, wer sie da ruft, noch worum es geht. Andersherum könnte man formulieren, dass ihnen auch nicht bewusst ist, wer sie sind und welche Würdigung darin liegt, dass der König nach ihnen schickt.

Sie gehen komplett an ihrer Berufung vorbei und ärgern sich sogar über die Boten des Königs, die die Einladung wiederholt zu ihnen bringen, da sie dies als lästige Störung ihrer Alltagsgeschäfte empfinden. So realisieren sie ihre königliche Auserwählung also nicht, und der König schickt seine Boten erneut aus, um „würdigere“ Leute zu finden, damit der Hochzeitssaal voll wird. Was für eine aufrüttelnde Geschichte über das Reich der Himmel!

Gerade heute, wo das Geschäft scheinbar das Ein und Alles ist, dem sich selbstverständlich alles – inklusive Gott, Himmel und Hochzeit – nachzuordnen haben, können wir sehr leicht unsere „Würdigung“ übersehen und unsere Hochzeitseinladung verpassen. Wir haben einfach keine Zeit für so etwas. Das reicht leider bereits völlig aus, um unsere „Erwählung“ zu sabotieren und niemals zu erfahren, was es bedeutet, ein „Freund des Königs“ zu sein. Weder lernen wir das Schloss von innen kennen, noch sehen wir mit eigenen Augen die Herrlichkeit des Königs, noch sitzen wir an seinem Tisch und teilen seine Freude an der Hochzeit seines Sohnes. Wir identifizieren uns mit alledem nicht und fühlen uns auch nicht zugehörig. Im Gleichnis heißt es, dass der König zornig über seine „Freunde“ wurde. Das sollte uns zu denken geben!

Der nicht initiierte Mensch verliert sich ganz an die irdischen Angelegenheiten, die himmlischen sind ihm „ein Buch mit sieben Siegeln“ und „etwas für Religiöse“. So verkauft er seine göttliche Würde und Berufung – sein Erstgeburtsrecht – an sein nichtiges Geschäft, ganz so wie Esau einst sein gewaltiges Erbe für eine Linsensuppe verscherbelte, ohne freilich überhaupt zu merken, was er da tat. Er ist nicht aufgewacht, wie es von den Jüngern auf dem Berg der Verklärung heißt, dass sie „völlig aufwachten“, und ist blind für die größeren Zusammenhänge und die Herrlichkeit.

Wachstum

Wir neigen meines Erachtens leicht dazu, unseren Durchblick zu überschätzen und meinen zu wissen, was Sache ist, obgleich wir erst damit angefangen haben zu begreifen und zu erfahren, wer und was uns da ruft und erwählt. Wir meinen, schon fertig zu sein, ehe wir überhaupt richtig angefangen haben!

Das Konzept von Menschsein, welches unsere Kultur uns liefert, ist ganz auf Äußerlichkeit und Vorläufigkeit gerichtet. Es fördert geradezu unreifes und abhängiges Verhalten. Der unmündige Mensch, der sich aber für mündig hält, eignet sich für die Geschäfte besser als der Mündige, der seine eigene Welt zu erschaffen und zu verantworten in der Lage ist.

Nun ist es dem Menschen gegeben zu wachsen. Er muss damit niemals aufhören. Er kann sich immer weiter entfalten, so wie ein Baum. Es gibt Bäume, die schön in Reih und Glied in einer Monokultur stehen und so überzüchtet sind, dass sie ohne Dünger und Pestizide in der Wildnis (Freiheit) nicht lebensfähig sind. Ein Mensch kann – im Bilde gesprochen – aber auch ein mächtiger Baum des Waldes werden, der eine Welt, eine Biosphäre, für sich selbst bildet, die weit unter der Erde beginnt und bis in den Himmel ragt und in dessen ausladenden Ästen zahllose Tiere wohnen. Wir kennen die berühmte Geschichte vom Adler im Hühnerhof:

Ein Mann fand ein Adlerei und legte es in das Nest einer gewöhnlichen Henne. Der kleine Adler schlüpfte mit den Küken aus und wuchs zusammen mit ihnen auf.

Sein ganzes Leben lang benahm der Adler sich wie die Küken, weil er dachte, er sei ein Küken aus dem Hinterhof. Er kratzte in der Erde nach Würmern und Insekten. Er gluckte und gackerte. Und ab und zu hob er seine Flügel und flog ein Stück, genau wie die Küken. Schließlich hat ein Küken so zu fliegen, stimmt’s?

Jahre vergingen und der Adler wurde alt. Eines Tages sah er einen herrlichen Vogel hoch über sich im wolkenlosen Himmel. Anmutig und hoheitsvoll schwebte er durch die heftigen Windströmungen, fast ohne mit seinen kräftigen goldenen Flügeln zu schlagen. Der alte Adler blickte ehrfürchtig empor.

„Wer ist das?“, fragte er seinen Nachbarn. „Das ist der Adler, der König der Vögel“, sagte der Nachbar. „Aber reg dich nicht auf. Du und ich sind von anderer Art.“

Also dachte der Adler nicht weiter an diesen Vogel. Er starb im Glauben, ein Huhn im Hinterhof zu sein.4

Auch Johannes – immerhin ein Apostel – war vielleicht geneigt zu glauben, er habe die Grenze seiner Möglichkeiten erreicht, hinfort würde er nur noch verwalten und weitergeben, was er in seinem Leben erreicht hatte. Aber es kam ganz anders: Er wurde auf eine Insel verbannt, einen Initiationsort par excellence, und erhielt dort im Geist eine Offenbarung von Jesus. Weiter vorne schilderten wir die Ereignisse auf dem Berg der Verklärung. Johannes war einer der drei Jünger, die Jesus dorthin mitgenommen hatte, und diese sahen, wie er sich vor ihren Augen verwandelte und dass sein Angesicht leuchtete wie die Sonne. Damals war Johannes mit den anderen beiden Jüngern buchstäblich zu Boden gegangen, so überwältigend war die Erfahrung. Er mag völlig zu Recht gedacht haben: Mehr geht nicht! Was könnte eine solche Erfahrung noch toppen?

Aber nun, alt und im Exil auf der Insel Patmos, sieht er Jesus erneut, allerdings „im Geist“ und „im Himmel“, denn Jesus ist auferstanden. (Wobei sich die Grenzen von im Fleisch und im Geist in einer solch intensiven Vision, wie sie die Offenbarung darstellt, verwischen können. Das heißt, es stellt sich demjenigen, der eine solche Erfahrung macht, die Frage, was nun eigentlich „realer“ ist: die irdisch-materielle Dimension oder die himmlisch-geistliche, die er schaut.)

Wieder ist der Anblick von Jesus für Johannes völlig überraschend und überwältigend und die neuerliche Erfahrung mit ihm ganz anders, als er Jesus je zuvor erlebt hat. Und wieder geht er zu Boden …

Dann diktiert Jesus ihm sieben Briefe an die Gemeinden, in deren Mitte er, Jesus, in der Vision steht – „inmitten der sieben Leuchter“. Jede Gemeinde hatte so ihre bestimmten Gründe, Jesus nicht in ihrer Mitte stehen zu lassen und sich um anderes zu drehen, als um ihn. Dies sollte anhand der Briefe benannt und korrigiert werden. Um das den Gemeinden angemessen mitteilen zu können, dafür musste Johannes jedoch zuerst selbst korrigiert werden! Auch für ihn musste Jesus erst wieder in den Mittelpunkt rücken und seine ganze Aufmerksamkeit gewinnen. Das Bild, welches sich Johannes von Jesus gemacht hatte, musste erneut aufgebrochen werden.

Jesus ist immer größer als die Bilder,

die wir uns von ihm machen.

Darum sind die Bilder so gefährlich und das zweite Gebot mahnt uns, uns kein Bild zu machen, weder von dem, was oben im Himmel noch was unten auf der Erde ist (vgl. 2 Mose 20,4). Sehr leicht können wir den echten, auferstandenen und lebendigen Jesus in unsere kleinen Katechismen und frommen Kirchenvorstellungen packen und meinen, wir wären fertig mit ihm. Wir können sogar diese eigenen Bilder für unsere Zwecke benutzen und damit gegen die Bilder anderer Gruppierungen kämpfen. Bild gegen Bild.

Mit dem echten Jesus wäre uns das freilich nicht möglich, weil er sich weder für kirchenpolitische Interessen instrumentalisieren lässt noch solche Arten von Kriegen führt. Er hat ganz andere Dinge zu tun – und würde uns gerne daran beteiligen. Wenn wir nur zu ihm kämen und mit ihm gehen würden! Wenn es uns nur wirklich interessieren würde, was er denkt und tut! Wenn wir nur einmal mit ihm selbst sprechen würden! Tatsächlich wird in den Gemeinden sehr viel über ihn, aber wenig mit ihm gesprochen. Man ist allzu fertig mit Jesus und erwartet von ihm nichts Neues.

Mit den Augen des Geistes

Wir müssen also genau wie Johannes auf Patmos dringend und immer wieder neu erleben, dass unsere starren Bilder zerbrochen werden, indem wir den echten Jesus zu sehen bekommen, der immer ganz anders ist, als wir uns das zurechtlegen.

Johannes sah ihn „im Geist“. Das ist der Weg, auf dem auch wir ihn zu sehen bekommen, denn der Geist ist es, der uns Jesus offenbart. Dabei muss er die sich so schnell verfestigenden Ansichten, die wir uns über ihn bilden, unentwegt erneuern und uns eine kontinuierliche Beziehung zu dem echten Jesus ermöglichen, damit wir „flüssig“ bleiben. Dann wird unser Christsein authentisch, auferstanden und lebendig. Es bewegt sich. Es ist ein anhaltender Prozess, eine fortwährende Entwicklung und Entfaltung. Wir gehen von Herrlichkeit zu Herrlichkeit. Ein „Fertig“ gibt es nicht.

Unser Leben wird ein Spiegel für den wirklichen Jesus, der in keine religiöse Box passt und noch jeden Rahmen sprengt und jedes Bild stürzt, das wir uns von ihm machen. Unser Christsein wird zu einer Gemeinschaft mit Jesus, der so unberechenbar und lebendig ist, wie er es auch in den Evangelien war.

Nachdem Johannes Jesus gesehen und dessen Hand sich auf ihn gelegt hat, ist er in der Lage, sowohl die Gemeinden zu ermahnen, darauf zu hören, was der Geist ihnen zu sagen hat, als auch „höher hinauf“ zu kommen. Sein Aufstieg war noch nicht beendet!

Und siehe, eine Tür, geöffnet im Himmel, und eine Stimme sprach zu mir: „Komm hier herauf, und ich werde dir zeigen, was nach diesem geschehen muss“ (Offb 4,1).

Johannes sah im Himmel über sich eine geöffnete Tür und eine Stimme rief ihn, noch etwas höher hinaufzukommen, als er schon war. Denn immerhin war er ja bereits in einer ganz außergewöhnlichen Situation und Vision, in der er, wie gesagt, den auferstanden Jesus gesehen und von ihm persönlich die Sendschreiben an die sieben Gemeinden empfangen hat. Aber nun ging es darum, auch auf dieser Ebene nicht stehenzubleiben, sondern sie loszulassen, trotz all der brennenden Fragen, die Johannes bezüglich der Gemeinden wahrscheinlich noch hatte, und weiter aufzusteigen. Ein neues Kapitel wollte aufgeschlagen werden – und noch viele sollten folgen. Eine wichtige Lektion für uns!

Aufstiegserfahrungen haben es an sich, in wenigen Worten und Bildern eine große und umfassende Schau zu vermitteln. Es ist, als verdichte sich die Zeit und die Wahrheit würde sich wie eine Landkarte auffalten, und man erkennt mit einem Blick darauf die ganze Geschichte. Die Zusammenhänge der Welt und des Lebens sind darauf eingezeichnet wie Wege und Landschaften.

Manchmal erahnen wir flüchtig das Unendliche, dann erweitert sich unsere Sicht und altbewährte Muster werden umgekrempelt. Wenn wir das Einzelne verlassen, offenbart sich das Universelle … Der Kontakt mit dem Universellen zwingt uns nicht selten dazu, unser Selbstbild radikal zu revidieren …

Die Begegnung mit dem Universellen (dem größeren Ganzen) entlastet uns, denn sie hebt uns aus der widersprüchlichen, wackeligen Individualität in die verlässliche Sicherheit des transpersonalen Selbst (übergeordneten Seins). Sie stärkt uns. Sie konfrontiert uns mit etwas, das alle und alles angeht und deshalb eine gänzlich andere Kraft besitzt als unsere privaten, stets unberechenbaren Angelegenheiten.

Das Universelle hilft uns, klarer sehen, denn wir stellen uns auf einen Standpunkt, wo wir die verworrenen individuellen Ansichten gewissermaßen von oben betrachten können.

Und schließlich verleiht es dem Leben Sinn; denn solange wir das menschliche Leben losgelöst vom übrigen Universum betrachten, ist es sinnlos. Die Hölle ist eigentlich nichts anderes als diese tiefe, erschreckende Einsamkeit.5

Warum sollte Gott uns unser Leben und Schicksal, die Zeit und Welt, in der wir leben, auf eine solche Weise offenbaren? „Apokalypse“ heißt „Enthüllung“. Es geht dabei gar nicht in erster Linie um Untergang und Elend, sondern um eine Aufdeckung der Geschichte und Verortung unserer Position darin sowie unserer Beziehung dazu. Wir werden Teilhaber der göttlichen Sicht und Beurteilung dessen, was war, was ist und was kommt. Wir können auf diese Weise eine geradezu überirdische Orientierung gewinnen und unser ganzes Leben mit den Absichten des Himmels abgleichen und in Übereinstimmung bringen (synchronisieren). Ist das nicht eine unserer zentralen Lebensaufgaben?

Auf und Ab

Der Weg der Initiation führt uns sowohl hinab zu unseren tiefen Wurzeln als auch hinauf in die lichten Höhen des hohen Berges. Wir gehen unter und wir gehen auf, wir sterben und erstehen auf. Diese Spanne von ganz unten bis ganz oben ist es, die Christus durchschritten und verbunden hat. Mit ihm vollziehen wir diesen Weg der Integrität nach. Und wie tief wir gehen und wie hoch wir aufsteigen können – wir haben ja keine Ahnung! Aber beides hängt miteinander zusammen.

Der hinabgestiegen, ist der derselbe, der auch hinaufgestiegen ist über alle Himmel, damit er alles erfüllte (Eph 4,10).

1 Der Begriff Schechina (hebr.: שְׁכיִנָה šəxīnāh) bezeichnet in der jüdischen Religion die „Einwohnung“ oder „Wohnstatt“ JHWHs in Israel, die als Inbegriff der Gegenwart Gottes bei seinem Volk verstanden werden kann. Das Bedeutungsspektrum schließt eine Reihe von Nebenbedeutungen wie „Ruhe“, „Glück“, „Heiligkeit“ oder „Frieden“ ein, immer als Merkmale, die den Wirkungskreis der Gegenwart Gottes charakterisieren und für den Menschen spürbar werden lassen. Zwar kommt das Substantiv schechina selbst im Tanach nicht vor, die Wurzel ist allerdings häufig anzutreffen, insbesondere in dem Verb schachan (שכן, „wohnen, zelten“) und dem Substantiv mischkan (משכן, „Wohnsitz, Stiftszelt“). Von seinem Ursprung und seiner Grundbedeutung her weist der Begriff auf die Begegnung des Volkes Israel mit seinem Gott in der Wüste zurück. Gottes Gegenwart manifestiert sich in seinem „Zelten“ mitten unter dem Volk (vgl. Ex 25,8–9 EU). Dementsprechend bestand das erste israelitische Heiligtum aus einem beweglichen Zelt und der darin aufgestellten Bundeslade. Die Schechina als Inbegriff der Nähe und Präsenz Gottes ging später auf den Jerusalemer Tempel und den heiligen Bezirk der Stadt über … Die Schechina bezeichnet die Gegenwart Gottes in der Welt, also seine Immanenz (Wikipedia, 2019).

2 Quelle unbekannt.

3 Die mystische Hochzeit ist ein Motiv der jüdisch-christlichen Literatur, Theologie und Kunst. Die religiöse Vorstellung einer Vereinigung von Gott und Mensch (unio mystica) wird unter dem Bild der Verlobung und Vermählung gedacht und dargestellt. Im Gegensatz zur Hochzeit zweier Götter (Hierogamie) handelt es sich bei der weiblichen Seite der mystischen Hochzeit um eine irdische Braut.

In der frühen christlichen und in der rabbinischen Literatur entwickelte sich aus Kommentaren zum Hohelied das Bild der Vermählung Zions, der Kirche, der einzelnen Seele oder einer gottgeweihten Jungfrau mit Gott bzw. dem Messias.

Die Brautsymbolik der Propheten des Alten Testaments ergänzte diese Hochzeitsmystik … Im Neuen Testament ist von Jesus Christus als dem Bräutigam die Rede. Es entstand auf diese Weise im Mittelalter eine Theologie und Frömmigkeit, in der eine Vermählung der allegorischen Braut mit Gott angestrebt wurde … Die Gegenwart des Bräutigams Jesus bei den Jüngern (Mk 2,19 EU) und die eschatologische Wiederkunft des Bräutigams Christus (Mt 25,1–13 EU) drücken mit dem Wortfeld der Brautsymbolik die intensive Verbindung und Treue der Gemeinde aus. Paulus sieht die Gemeinde als Braut Christi (Eph 5,31–32 EU), in (2 Kor 11,2 EU) sogar mit dem Wort „Jungfrau“ (gr.: parthénos) statt „Braut“ (gr.: nýmphe) νύμφη. (Wikipedia, 27.04.2021)

4 A. de Mello, „Der springende Punkt“, Verlag Herder, Freiburg 2000, S. 7.

5 Ferrucci, Unermesslicher Reichtum des Herzens, Ullstein 2006, S. 310.

3 In Christus

Der Wind weht, wo er will, und du hörst sein Sausen,

aber du weißt nicht, woher er kommt

und wohin er geht;

so ist jeder, der aus dem Geist geboren ist.

Johannes 3,8

Diese Worte Jesu im dritten Kapitel des Johannesevangeliums, die er mit dem Pharisäer Nikodemus, einem Obersten der Juden, im Zusammenhang der Frage nach der Wiedergeburt erörtert, sind höchst aufschlussreich. Sie zeigen die Spannung, die für Menschen, die vom Geist getrieben werden, stets mit der Institution entsteht, die nicht im Wind des Heiligen Geistes „fliegen“ kann, sondern alles normieren und standardisieren, also festlegen, will, damit sie es im Griff hat und ordentlich verwalten kann. Auch den Geist.

Den Wind (Geist) aber kann man weder greifen, halten noch verwalten. Entsprechend lernen die Gläubigen in vielen traditionellen Gemeinden nicht, wie man sich mit dem Geist bewegt, sondern wie man auf ihn verzichtet und still sitzt – und trotzdem so tun kann, als hätte man ihn. Jetzt heißt es nicht: „Geh mit dem Geist!“, sondern: „Bleib in der Kirche!“

Dieser kultivierte Stillstand, wie ich diesen Zustand gerne nenne, ist das Ende aller wahren Spiritualität. Sie ersetzt den lebendigen, geistgewirkten Glauben durch ein menschlich-religiöses Imitat. Das mag nach außen hin ganz gut aussehen, ist aber inwendig hohl und hat keine Kraft – im Gegensatz zum Geist, der uns die Kraft gibt, „aufzufahren mit Flügeln, wie die Adler“ (Jes 40,31).

Die Gabe des Glaubens

Es gelten folgende Grundsätze, die meines Erachtens nicht aus den Augen gelassen werden sollten. Erstens: Der Geist wohnt weder in Institutionen noch in Tempeln bzw. Kirchen, auch nicht in Lehren und Konzepten, sondern in Herzen. Der Hauptaspekt des Glaubens ist das Vertrauen, und das ist vorwiegend eine Herzensangelegenheit. Vertrauen kann man schlecht lehren, regeln und „veranstalten“. Der Glaube entzieht sich der Beherrschung und Kontrolle. Nicht von ungefähr sprechen wir vom „Geheimnis des Glaubens“.

1. Timotheus 3,9 redet von diesem Geheimnis, welches in einem reinen Gewissen bewahrt wird. Das Wort „Geheimnis“ ist hier erneut die Übersetzung des griechischen Begriffes Mysterium. Der Zugang zu dieser Qualität von Glauben sowie ihre Entfaltung brauchen Erfahrungen von Einweihung und Initiation: von Offenbarung und Erweckung bzw. „Erleuchtung des Herzens“ sowie einer inneren Reinigung (reines Gewissen), um die Gabe und Gnade des Glaubens zu empfangen, sie im Herzen zu tragen, zu kultivieren und dann in vielfältiger Frucht hervorzubringen.

Sowohl das Empfangen als auch das innere Austragen und dann die „Geburt“ sind mystische – geheimnisvolle – Prozesse, die sich der dogmatischen Definition und klerikalen Kontrolle entziehen. Das Eigentliche und Wesentliche ist unaussprechlich, Worte können es nicht fassen. Aber der Geist.

Die Erfahrung der Gnade und Gabe des Glaubens, der ein göttliches Geheimnis ist, braucht ein Maß an Hingabe an den Geist und ein Maß an Vertrauen zu Gott, das meines Erachtens menschlich nicht machbar ist. Als Christen geht es uns nicht um die Bildung unseres eigenen Glaubens, sondern um die Teilhabe an Christi Glauben. Diese Teilhabe vermittelt uns der Heilige Geist, das ist eine seiner Hauptaufgaben, wie Jesus uns in Johannes 16,12-15 detailliert darlegt. Und doch stehen wir nach 2000 Jahren Kirchengeschichte scheinbar immer noch auf dem Stand des Schriftgelehrten Nikodemus, der nicht begreifen konnte, wie das mit dem Geist und der Geburt funktioniert. Er war einfach zu gebildet und religiös zu vorbelastet, als dass er geistliche Dinge in einer geistlichen Art und Weise verstehen konnte.

Eine Auster sah eine Perle, die in einen Felsspalt auf den Meeresgrund gefallen war. Mit großer Anstrengung gelang es ihr, die Perle aufzufischen und sie neben sich auf ein Blatt zu legen. Sie wusste, dass Menschen nach Perlen suchen und dachte: „Diese Perle wird ihnen auffallen, sie werden sie nehmen und mich in Ruhe lassen.“ Als ein Perlentaucher in die Nähe kam, waren seine Augen jedoch darauf trainiert, nach Austern zu suchen und nicht nach Perlen, die auf Blättern liegen. Also griff er nach der Auster, die nun zufällig keine Perle enthielt, und die echte Perle konnte in den Felsspalt zurückrollen. Man weiß genau, wo man zu suchen hat, deswegen gelingt es nicht, Gott zu finden.1

Dies ist ein geniales Gleichnis, denn es zeigt, wie schwer es ist, Gott zu finden, wenn man meint, man wüsste, wo er zu verorten und wie er zu packen ist. Menschen wollen gerne diese klaren und einfachen Vorgaben, an die sie sich dann halten können, um mit der Sache fertig zu sein. So dreht sich in den Katechismen der Kirchen alles um die Zehn Gebote und nichts um den Geist. Leider wird Gott in diesen Geboten nicht gefunden – so gut und edel sie auch sein mögen –, sondern er wird gefunden in Christus durch den Heiligen Geist. In IHM, Jesus Christus, wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig und entsprechend werden wir in IHM zu dieser Fülle gebracht (vgl. Kol 2,9-10). Darin liegt eine unbestreitbare Logik.

Selbstgemachter Glaube

Jedoch warnt uns der vorherige Vers:

Seht zu, dass niemand euch einfange durch die Philosophie und leeren Betrug nach der Überlieferung der Menschen (Tradition), nach den Elementen der Welt und nicht Christus gemäß (Kol 2,8).

Die Philosophien, Ideologien und Traditionen orientieren sich an den „Elementen der Welt“, weil diese in menschlicher Verfügung stehen, Christus jedoch nicht. Aber „die ganze Fülle“ ist IN IHM, der nicht in unserer Verfügung steht, zu finden. Entsprechend betet Paulus in Kolosser 1 ein Gebet, welches man heute in den Kirchen mehr oder weniger nie zu hören bekommt. Dort bleibt man eisern und einzig beim „Vaterunser“, so wie die Katechismen es bestimmen, nicht aber der Geist.

Deshalb hören wir nicht auf, von dem Tag an, da wir es gehört haben („von eurem Glauben in Christus Jesus“, V. 4), für euch zu beten und zu bitten, dass ihr mit der Erkenntnis seines Willens erfüllt werdet in aller Weisheit und geistlichem Verständnis, um des Herrn würdig zu wandeln … gekräftigt mit aller Kraft nach der Macht seiner Herrlichkeit (Kol 1,9-11 Hervorh. vom Autor).

Die Teilhabe an dem Glauben, der „in Christus“ ist, braucht ein geistliches (geistgewirktes) Verständnis. Man kann theologisch gebildet sein, aber das ist eine andere Art von Verstehen (Philosophie), als sie der Geist bewirkt, der direkten Zugang hat zu dem auferstandenen Christus, welcher keine „Lehre“ ist, sondern „der Weg, die Wahrheit und das Leben“, und der uns an diesem Weg, dieser Wahrheit und diesem Leben beteiligt.

Um des Herrn würdig zu wandeln, braucht es nicht nur ein geistgewirktes Erkennen seines Willens, sondern darüber hinaus auch ein ganzheitliches „In-Einklang-gebracht-Werden“ mit diesem Willen, was der Macht seiner Herrlichkeit bedarf, die uns in sein Bild verwandelt. Jakobus sagt es ganz direkt und klar: „Habt den Glauben Jesu Christi, unseres Herrn der Herrlichkeit!“ (Jak 2,1)

Wir glauben nicht nur an Jesus, sondern wir glauben gemeinsam mit ihm. Das sind kleine Worte, aber sie machen einen großen Unterschied!

Wir sehen ja in den Evangelien, von welcher Qualität der Glaube Jesu ist und welch eine Wirkung er hat. Es fällt uns auch nicht schwer zu vermuten, dass Jesus wohl den richtigen Glauben hat. Warum also schließen wir uns nicht IHM an, sondern bauen ein riesiges theologisches Lehr-Imperium auf, um einen eigenen Glauben zu kreieren – voller „Philosophie und leeren Betrug gemäß der Tradition von Menschen“? Diese Traditionen haben zu endlosen Spaltungen und entsprechenden Konfessionen und Denominationen geführt, die ganz unmöglich den Glauben Jesu widerspiegeln, sondern stets die eigenen Interpretationen, die dann dogmatisch festgeschrieben werden und von allen Mitgliedern so und nicht anders „zu glauben“ sind. Solch ein dogmatischer „Glaube“ ist von Jesus abgekoppelt und zu einem eigenständigen Glaubenssystem mutiert. Viele Menschen wurden von diesem „System“ durch alle Zeiten hin bis heute verfolgt und getötet!

Warum Gebete wie das in Kolosser 1, die immerhin vom Apostel Paulus stammen und Bestandteil des Neuen Testaments sind, bei uns in der Regel kaum gebetet werden, ist fragwürdig. Es sollte uns doch wie Schuppen von den Augen fallen, wenn wir hier lesen, welche intensive Betonung der Apostel auf diese Art von Gebet legt. Am Ende des Briefes wird der Gemeinde von Paulus zudem noch ein Gruß von Epaphras, einem „Knecht Christi Jesu, der allezeit für euch ringt in den Gebeten, dass ihr vollkommen und völlig überzeugt in allem Willen Gottes dasteht“ (Kol 4,12) überbracht.

Erneut geht es nicht um das Herunterleiern des „Vaterunsers“ als Schlussakkord des Gottesdienstes, sondern um ein „ringendes Gebet“(!) um vollendete und völlige Überzeugung in allem Willen Gottes. Und das „allezeit“! Das ist der Glaube, um den es in der Schrift geht. Wie zentral das steht und wie intensiv es ist! Wo finden wir heute so etwas?

Tatsächlich finden wir in den anderen Briefen des Paulus ganz ähnliche Gebete, aber seltsamerweise nicht das Vaterunser – nicht einmal einen Hinweis darauf. Es soll hier keineswegs um eine Herabsetzung dieses Gebets gehen, sondern darum, dass der Geist uns anders beten lehrt, als es die Tradition tut. Es geht nicht um einen Gebetsritus, eine stereotype Gebetsformel und die immer gleichen Gebetsworte, die, wenn sie nur andächtig und unter klerikaler Aufsicht gesprochen werden, Gottes Gefallen „bewirken“, sondern eine lebendige Anteilhabe an dem lebendigen Jesus und seinem lebendigen Glauben, der heute so einzigartig, unberechenbar und herrlich ist und wirkt wie in den Evangelien auch.

In Christus

Ein weiterer Grundsatz lautet: Bevor wir den Geist haben können, muss er uns haben. Es muss eine Lebensübergabe stattfinden, was eine Sache des Vertrauens ist. Bildlich gesprochen streckt der Geist uns die Hand entgegen und sagt: „Komm!“ Wenn wir dann fragen: „Wohin gehen wir?“, lautet die Antwort: „Das wirst du sehen, wenn du mitkommst; es übersteigt jetzt deine Vorstellungskraft. Aber eines kann ich dir versprechen: Wir gehen in Christus hinein.“ Führt ein Geist uns woanders hin, ist es nicht der Heilige Geist.

Man kann sagen: Jesus tauft uns in den Heiligen Geist, und der Heilige Geist tauft uns in Jesus. Darin finden wir einen typischen Ausdruck des Ineinanderseins des dreieinigen Gottes. Der wichtige Unterschied zur traditionellen Begrifflichkeit ist hier wieder das kleine Wörtchen „in“. Wir werden nicht auf den Namen Jesu getauft, sondern in ihn hinein.

Die Wassertaufe ist ein symbolischer Akt, der das Eingetauchtwerden sehr gut zeigt. Wiederum ist dieses anschauliche Bild durch das traditionelle Besprengen eines Babys mit ein paar Tropfen Wasser völlig entstellt. Abgekoppelt von Jesus und ebenso abgekoppelt vom Heiligen Geist, inklusive einer schwer zu fassenden Verdrehung der Bibelstellen zum Thema, wird entsprechend einer Tradition getauft. Der zu Taufende (das Baby) durchläuft dabei keinerlei initiatorische Prozesse, er versteht nichts, kann weder ja noch nein zu der Prozedur sagen und lässt gezwungenermaßen alles passiv über sich ergehen – und das wird dann „Taufe“ genannt.

Nichts davon finden wir im Neuen Testament. Darum glaube ich nicht, dass ein Baby in Christus hineingetauft wird, sondern in die Kirche bzw. deren Tradition hinein. Eltern sollten sich gut überlegen, ob sie das wirklich so wollen. Es geht nämlich keineswegs um Freiheiten, die gewonnen, sondern um Abhängigkeiten, die geschaffen werden. Denn mit der traditionellen Taufe kommt erstens die Abhängigkeit von der Hierarchie-Kirche und ihrem Klerus ins Spiel, was dem Geist des Evangeliums meines Erachtens widerspricht. Dann folgt zweitens die Kommunion bzw. Konfirmation, in der der Täufling seine Taufe dann verstehen lernen soll, wovon man erneut keinen Hinweis im Neuen Testament findet, weder aus dem Munde Jesu noch aus dem der Apostel. Aber wir machen es eben so, Gott wird schon nichts dagegen einzuwenden haben …

Diese Art von Eigenwilligkeit, die eine unglaubliche Pyramide immer weitergehender Eigenmächtigkeiten erschaffen hat, die wiederum Ämter, Titel und Positionen kreiert, die wieder keinen Anhaltspunkt und keine Beschreibung oder Rechtfertigung in der Schrift finden … man fragt sich, wie sich so eine Institution anmaßen kann, sich „Kirche“ zu nennen. Um sie in der heute allgemein verbreiteten Form zu betreiben, muss man unendlich vielen neutestamentlichen Begriffen Gewalt antun und sie umdeuten oder komplett mit neuen Inhalten füllen. Das wurde leider so lange getan, dass viele Menschen jetzt nicht mehr den Glauben Jesu teilen, sondern den Glauben der Kirche. Dieser hat aber weder Kraft noch Verheißung und schon gar kein „Geheimnis“.

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Litres'teki yayın tarihi:
26 mayıs 2021
Hacim:
273 s. 23 illüstrasyon
ISBN:
9783955784911
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