Kitabı oku: «Relationalität in der Gestalttherapie»

Yazı tipi:

EHP – Edition Humanistische Psychologie

Hg. Anna und Milan Sreckovic

Frank-M. Staemmler, Dr. Dipl.-Psych., geb. 1951, ist Mitbegründer des »Zentrums für Gestalttherapie« in Würzburg, und dort seit 1976 als Gestalttherapeut, Ausbilder und Supervisor tätig. Er ist Autor bzw. Herausgeber zahlreicher Fachartikel und mehrerer Bücher zu psychotherapeutischen Themen (zuletzt: Das Geheimnis des Anderen, 2009; Das Dialogische Selbst, 2015; Kränkungen, 2016). In diesem Verlag erschienen: Gestalttherapie im Umbruch, 2001; Ganzheitliches Gespräch, sprechender Leib, lebendige Sprache, 2003; Aggression, Selbstbehauptung, Zivilcourage, 2006; Therapie der Aggression, 2008; Was ist eigentlich Gestalttherapie? 2009; Kontakt als erste Wirklichkeit, 2013. Sein Interessenschwerpunkt liegt zzt. auf dem Gebiet der intersubjektiven Beziehungs- und Selbsttheorien sowie deren Umsetzung in die therapeutische Praxis.

Ausführliche Informationen unter http://www.frank-staemmler.de


© 2017 EHP – Verlag Andreas Kohlhage, Gevelsberg

www.ehp-verlag.de

Redaktion: Andreas Kohlhage

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Dieses Buch ist auch als E-Book erhältlich

Umschlagentwurf: Uwe Giese – unter Verwendung eines Bildes von Hugo Waschkowski ›Zwei Formen‹, www.hugodesign.de –

Satz: MarktTransparenz Uwe Giese, Berlin Gedruckt in der EU

Alle Rechte vorbehalten

All rights reserved. No part of this book may be reproduced or transmitted in any form or by any means, electronic or mechanical, including photocopying, recording or by any information storage and retrieval system, without permission in writing from the publisher.

print-ISBN 978-3-89797-103-5

epub-ISBN 978-3-89797-494-4

pdf-ISBN 978-3-89797-495-1

eBook-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

Inhalt

1. Persönliches Vorwort

2. Einleitung

3. Individualismus im Vordergrund: die 1960er- und ’70er-Jahre

4. Die relationale Wende: die 1980er-Jahre

4.1 Historische Linien

4.2 Das therapeutische Beziehungsangebot – Psychologische Aspekte

Qualität der Beziehung, Methoden und Techniken – Die zwei Seiten der Beziehung – Rogers’ Variablen und der klinische Kontext – Persönliche Präsenz (»self-disclosure«) – Persönliches und Privates – Erotik und Sexualität – Selektive Authentizität und Takt – Funktionale Asymmetrie

4.3 Das therapeutische Beziehungsangebot – Philosophische und ethische Aspekte

Ich-Du und Ich-Es – Die Anderheit des Anderen – Fürsorge

4.4 Das therapeutische Beziehungsangebot – Spezielle Aspekte

Die Kontinuität von Beziehungen – Beziehungskrisen – Übertragung – Begegnungsmomente

5. Plädoyer für eine weitere Wende – Vom »Selbst-in-Beziehung« zum »relationalen Selbst«

5.1 Schwache und starke Relationalität

5.2 Entwicklungspsychologie

5.3 Dialogizität und kreative Aneignung

Pluralität – Sozialität und Individualität

6. Mögliche klinische Implikationen einer weiteren Wende

6.1 Die »mentale Gesellschaft«

6.2 Die Bedeutung von Bedürfnissen

6.3 Der Wert der Gemeinschaft

7. Schluss

Anhang 1:

Der Wille zur Unsicherheit – Vorläufige Überlegungen über Interpretation und Verstehen in der Gestalttherapie

Anhang 2:

KlientInnen-Fragebogen zu Kontakt und Beziehung

Literatur

Verzeichnisse

1. Persönliches Vorwort

Vor mehr als 40 Jahren habe ich angefangen, als Psychotherapeut zu arbeiten. Einen großen Teil meiner seither vergangenen Lebenszeit habe ich mit meinen Klientinnen und Klienten1 verbracht. Die Menschen, die ich in meiner Praxis empfangen habe, waren sehr unterschiedlich; es handelte sich um Frauen und Männer, um jüngere und ältere, um solche, die in ihrem Leben eigentlich ganz gut klar kamen, aber in irgendeiner Weise noch etwas für sich verbessern wollten, oder um solche, denen kaum etwas zu gelingen schien und die mehr oder weniger verzweifelt versuchten, den Kopf über Wasser zu halten.

Jede und jeder von ihnen hat mich auf eine bestimmte Weise angesprochen und damit eine Antwort hervorgerufen, die – auch wenn sie in manchen Fällen vom Wortlaut her einer Antwort ähnelte, die ich schon in anderen Fällen gegeben hatte – jeweils einmalig war, weil sie aus unserer jeweils gemeinsamen Situation heraus an eine ganz bestimmte Person gerichtet war, mit der mich eine jeweils unverwechselbare Beziehungsgeschichte verband. So habe ich nicht nur zahlreiche und manchmal überraschende Erfahrungen damit gesammelt, wie Menschen sich auf mich beziehen können, sondern ebenso zahlreiche Erfahrungen damit, wie ich mich auf andere Menschen beziehen und welche Selbste ich dabei aktualisieren kann. Das war für mich immer wieder überraschend, anregend und bereichernd.

Unabhängig von all diesen Unterschieden war dabei die grundlegende Konstellation der Rollen zwischen meinen Klienten und mir natürlich immer dieselbe: Sie wandten sich an mich als jemanden, von dem sie professionelle Hilfe in ihrer subjektiv schwierigen Lage erwarteten und den sie dafür bezahlten, dass er ihnen seine Zeit und seine therapeutische Kompetenz zur Verfügung stellte. Aber trotz dieser grundlegenden Asymmetrie zwischen den Beteiligten blieb es nur mit ganz wenigen Menschen bei einem reinen Dienstleistungsverhältnis. Die gemeinsame Beschäftigung mit den Sorgen meiner Klientinnen ließ häufig Atmosphären zwischen ihnen und mir entstehen, die von zwischenmenschlicher Nähe geprägt waren.

Das geschah häufig in einem Maß, über das wir beide den objektiv weiterhin bestehenden Dienstleistungscharakter unserer Beziehung zeitweilig vergaßen. Ich fühlte mich dann eher wie ein Gastgeber, der einen vorübergehend Zuflucht vor den Strapazen des Lebens Suchenden aufnahm und betreute. Manche meiner Klienten – man könnte sie vielleicht auch »Gäste« nennen – beschrieben mir später aus ihrer Sicht, dass sie das Zusammensein mit mir wie den Aufenthalt in einem Refugium erlebt hatten, in dem sie sich geborgen fühlen und erholen sowie Kräfte sammeln und Fähigkeiten entwickeln konnten, die es ihnen dann möglich machten, sich ihrem Leben auf neue Weise auszusetzen und zu stellen.

Beispiel aus der Praxis 1

Zur Vorgeschichte: Mein Klient B. wandte sich an mich anlässlich einer heftigen Ehekrise, in deren Verlauf er sich vorläufig von seiner Frau getrennt und vorübergehend eine eigene Wohnung bezogen hatte. Aus seiner Sicht hatte sich die Krise über mehrere Jahre hinweg entwickelt und nunmehr unübersehbar zugespitzt. Er sah den Grund dafür hauptsächlich in der Tatsache, dass seine Frau und er selbst sich überwiegend der Erziehung und Versorgung ihrer Kinder gewidmet und dabei ihre partnerschaftliche Beziehung vernachlässigt hatten. Seine Frau erschien ihm nur noch als fürsorgliche Mutterfigur, die dabei für ihn an weiblicher Attraktivität verlor, was ihn dazu verleitete, sich gelegentlich auf heimliche Affären mit anderen Frauen einzulassen.

Für seine Frau waren diese Affären, von denen sie manche durch Zufall entdeckte, sehr belastend und völlig unakzeptabel. Sie fühlte sich dadurch nicht nur gekränkt und entwertet, sondern auch in ihrem großen Engagement für die Familie missachtet und bestraft. Mein Klient selbst erklärte seine Seitensprünge nicht nur mit der zwischen ihm und seiner Frau verloren gegangenen erotischen Spannung, sondern auch und besonders damit, dass er das Gefühl hatte, mit seinen – nicht nur sexuellen – Wünschen und Sorgen bei ihr unwillkommen zu sein. Sie bestätigte das im gewissen Sinne, weil sie sich ohnehin schon viel zu sehr in der fürsorglichen Rolle sah und sich weigerte, zusätzlich ihm gegenüber in diese Rolle zu geraten. Dadurch fühlte er sich wiederum abgelehnt und hatte den Eindruck, sie interessiere sich nicht mehr wirklich für ihn.

In unseren ersten Gesprächen wirkte er auf mich recht offen und zugewandt, erwähnte wiederholt, wie sehr ich ihm empfohlen worden sei, und ließ sich emotional recht bereitwillig auf meine Fragen und Vorschläge ein. So hatte ich nach unseren anfänglichen Kontakten jedes Mal einen recht zufriedenstellenden Eindruck von dem Verlauf der Sitzungen. Nach ein paar Begegnungen fiel mir allerdings auf, dass er ein paarmal das jeweils folgende Gespräch damit begann, dass er – zu meiner wiederholten Überraschung – irgendetwas an der vorangegangenen Sitzung bemängelte. In der Mehrheit der Fälle griff er eine Bemerkung von mir auf, die ich bei dem früheren Treffen gemacht hatte, die er nun aber auf eine Weise wiedergab, die mich verwunderte und mir nicht im Einklang damit zu stehen schien, wie wir uns miteinander zuvor verständigt hatten.

Die ersten zwei, drei Male antwortete ich ihm auf seine Kritik, indem ich einfach nur erläuterte, wie ich meine von ihm nunmehr problematisierte Bemerkung seinerzeit gemeint hatte. Damit gab er sich jeweils zufrieden und wandte sich seinem aktuellen Anliegen zu. Der weitere Verlauf der Sitzung war nach meinem Eindruck dann wiederum kooperativ und fruchtbar. Dennoch wiederholte sich seine rückblickende Kritik immer wieder – bis mir deutlich wurde, dass es sich hier wohl um ein Muster handelte, das sich nicht durch Klärung der jeweiligen Einzelheiten verstehen oder auflösen ließ. Also sprach ich ihn bei nächster Gelegenheit auf die Regelmäßigkeit seiner kritischen Äußerungen an, ohne auf den Inhalt seiner Bemerkung einzugehen.

Der alarmierte und misstrauische Blick, mit dem er auf meine Beobachtung reagierte, traf mich mit verblüffender Wucht. Das meldete ich ihm zurück, und es entwickelte sich zwischen uns ein Dialog, in dem u. a. Folgendes deutlich wurde: Seine kritischen Äußerungen zu Beginn unserer vorangegangenen Sitzungen waren für ihn eine Art Überprüfung gewesen, durch die er feststellen wollte, ob ich ihm zugewandt bleiben würde, wenn er sich nicht nur ›pflegeleicht‹ und kooperativ verhielt, sondern mich auch mit seinen Sorgen und Zweifeln ›belastete‹. Durch meine ruhigen, klärenden Antworten hatte sich dann für ihn die Möglichkeit erschlossen, sich vorbehaltlos mitzuteilen, ohne das Desinteresse oder die Ablehnung befürchten zu müssen, die er in der Beziehung mit seiner Frau häufig empfand.

Die positiven Ergebnisse dieser von ihm praktizierten ›Einzelprüfungen‹ hatten es ihm zwar erlaubt, sich auf die jeweils anstehende Arbeit mit mir einzulassen, seine grundlegende Angst, mit seinen Nöten unerwünscht zu sein, hatte sich damit aber noch nicht aufgelöst. Er betonte, wie sehr er darunter litt, sich nicht vorbehaltlos anvertrauen und anlehnen zu können. Stattdessen diffamierte er sich seine Sehnsucht nach Unterstützung und Halt als ›infantil‹ und verbot sich, sie zum Ausdruck zu bringen. Durch die Beschreibung seines Leidens klang eine große Sehnsucht hindurch, die mich berührte und auf die ich antwortete: »Mir ist es viel lieber, Sie wenden sich an mich mit dem, was Sie bedrückt, selbst wenn es vielleicht einmal belastend für mich ist, als wenn Sie sich zusammenreißen und dadurch eine Kluft zwischen uns entsteht.«

Die Tränen schossen ihm in die Augen; er weinte für ein paar Minuten in intensiver, aber weicher Weise. Dann wurde er ruhiger, schaute zu mir auf und sagte mit einer wunderschönen Herzlichkeit: »Danke.« Es folgten einige Minuten der Stille zwischen uns, während derer wir uns immer wieder freundlich zulächelten. In mir machte sich ein starkes Gefühl von Verbundenheit und Verständnis breit. Ich meinte, ihn ›gesehen‹ zu haben, und fühlte mich von ihm ›gesehen‹.

Seitdem blieben seine kritischen Anmerkungen am Anfang unserer Stunden aus.

Solche Begegnungen mit ihren dichten Atmosphären waren es nach meinem Eindruck in besonderer Weise, die einerseits meinen Klienten wichtige Schritte in ihren Veränderungsprozessen möglich werden ließen und die andererseits für mich selbst sehr wertvoll waren, weil ich durch sie die Sinnhaftigkeit und Wirksamkeit meiner Arbeit besonders deutlich spüren konnte – mehr noch: Durch sie fühlte ich mich persönlich erfüllt. An diesen Atmosphären beteiligt zu sein und die Möglichkeiten mitzuerleben, die sich für meine Klientinnen daraus ergaben, war – bei aller Notwendigkeit, meinen Lebensunterhalt zu verdienen – für mich der eigentliche ›Lohn‹ meiner Arbeit.

Ohne diese Art des persönlichen Gewinns wäre es mir sicher nicht möglich gewesen, mich all die Jahre hindurch immer wieder mit den oft durchaus bestürzenden Leidensgeschichten meiner Klienten zu beschäftigen und mich den damit verknüpften, häufig bedrückenden Stimmungen auszusetzen. Denn mein Verständnis von Psychotherapie verbietet es mir, eine so distanzierte Haltung einzunehmen, dass mich die Erlebnisse meiner Klientinnen nicht berühren und, in gravierenden Fällen, nicht auch mitnehmen würden. Gerade weil sich die Aufgabe eines Psychotherapeuten aber nicht auf das Erleben von Mitgefühl beschränken kann, wird der von Freud (1937/1975, 388) so genannte »unmögliche Beruf« immer wieder zur Herausforderung: »Psychotherapie muss der obstinate Versuch zweier Menschen bleiben, die Ganzheit der Existenz durch ihre Relationen zueinander wiederherzustellen« (Laing 1969, 46 – H.i.O.2).

Was den Beruf des Psychotherapeuten dennoch so bereichernd sein lässt, hat für mich entscheidend mit der Dimension der Beziehung zwischen meinen Klientinnen und mir zu tun: Ich genieße das Privileg, mich mit ihnen in einer Weise beschäftigen zu können, die für mich auf besondere Weise sinnvoll und befriedigend ist. Denn meine Tätigkeit als Psychotherapeut gestattet mir, einen großen Teil meines beruflichen Lebens in Verbundenheit mit anderen Menschen und in Fürsorge für sie zu verbringen. So sehr es von außen betrachtet den Anschein haben mag, als engagierte ich mich hauptsächlich für meine Klienten, so sehr tue ich dabei ständig auch viel für mich selbst und für mein eigenes Wohlbefinden.

Das Erleben von Resonanz und Verbundenheit – ungeachtet der jeweiligen Einzig- und Andersartigkeit meiner Klientinnen – sowie die Haltung der Gastlichkeit und Fürsorge sind dabei neben dem Erwerb von Anerkennung und der Erfahrung von Selbstwirksamkeit die für mich maßgeblichen Faktoren. Die Wünsche nach resonanten Beziehungen und eigener Wirksamkeit hängen dabei eng zusammen:3 Wie viele meiner Kollegen freue ich mich daran, »dass ›so viel zurückkommt‹; dass sie fühlen, wie sie etwas zu bewegen und zu bewirken vermögen, das von Bedeutung ist; oder dass es ihnen gelingt, gleichsam ›eine Spur zu hinterlassen‹ oder ›einen Unterschied zu machen‹« (Rosa 2016, 276 – H.i.O.).

Das Befriedigende liegt darin, dass es sich bei therapeutischen Beziehungen, so wie ich sie verstehe und einzugehen versuche, um »Antwort-« und »Resonanzbeziehungen«, wie Rosa (2016) sie nennt, handelt, in denen es viel weniger darauf ankommt, ob die jeweils vorherrschenden Stimmungen und Gefühle immer angenehm oder erfreulich sind, sondern viel mehr darauf, dass die Beteiligten bereit sind, sich dem Erleben des jeweils anderen empathisch zuzuwenden, sich davon berühren zu lassen, und dann spüren können, dass ihre eigene Art der Präsenz den anderen erreicht. So werden zwischenmenschliche Verbindung und Anteilnahme positiv erfahrbar, selbst wenn die aktuellen Emotionen, wie z. B. Schmerz, Trauer oder Verzweiflung, negativ gefärbt sein mögen.

Ich erlebe in meinem Beruf mit meinen Klientinnen fast täglich am eigenen Leib jene wichtigen Aspekte menschlicher Beziehungen, von denen die Psychotherapieforschung herausgefunden hat, wie wesentlich sie dafür sind, dass Menschen mit ihrem Leben, mit anderen und mit sich selbst besser zurechtzukommen lernen. Auch wenn ich in einer anderen Funktion an den Beziehungen mit meinen Klienten beteiligt bin als diese es mit mir sind, unterscheiden wir uns nicht darin, dass wir gleichermaßen in fundamentaler Weise darauf angewiesen sind, von anderen gesehen, verstanden und anerkannt zu werden, und uns miteinander in bedeutsamer Weise verbunden zu fühlen. Meine Subjektivität lebt von unserer gemeinsamen Intersubjektivität genauso wie die ihre.

Aus dieser Gemeinsamkeit speist sich daher meine vorrangige, gleichermaßen allgemein-menschliche wie berufliche Motivation: Weil ich aus eigener Erfahrung weiß, wie hilfreich es in allen möglichen Lebenslagen ist, sich mit all dem, was man erlebt und denkt, vertrauensvoll an andere wenden zu können und sich bei ihnen damit willkommen zu fühlen, ist es mir ein großes Anliegen, dazu beizutragen, dass diese Erfahrung gerade für jene erreichbar bzw. häufiger zugänglich wird, die sie in ihrem bisherigen Leben zu selten machen konnten und auf diese Weise sowohl die Verbundenheit mit anderen als auch wichtige Aspekte ihrer selbst nicht genügend erlebt haben. Kaum etwas scheint mir wert- und sinnvoller, als anderen dabei zu helfen, dass sie ihre Beziehungen mit Partnerinnen, Angehörigen, Freunden oder Kolleginnen möglichst befriedigend gestalten können.

Mit dem vorliegenden Buch wende ich mich überwiegend an Kolleginnen, denen ähnliche Beweggründe am Herzen liegen. Vielleicht kann ich ihnen mit den folgenden Überlegungen einige Anregungen geben, die sie für ihre therapeutische Arbeit zum eigenen Nutzen und zu dem ihrer Klienten gebrauchen können. Ich werde zu diesem Zweck von meinen eigenen Erfahrungen als Psychotherapeut sowie von den Erfahrungen meiner Klienten in der Therapie berichten; ich werde Gedanken mitteilen, die ich mir anlässlich dieser Erfahrungen gemacht habe, und ich werde auf Mitteilungen Bezug nehmen, die andere Kolleginnen und Autoren in persönlichen Gesprächen und in Veröffentlichungen zu den hier relevanten Fragen gemacht haben.

Allen auf die eine oder andere Weise am Entstehen dieses Buches Beteiligten danke ich für die Anregungen, die ich von ihnen erhalten habe. Dass die Klientinnen, mit denen ich mich in den vergangenen vier Jahrzehnten beschäftigt und durch die ich so viel gelernt habe, hier an erster Stelle anerkennend zu nennen sind, dürfte nach dem bisher Gesagten nachvollziehbar sein und nicht als Floskel missverstanden werden. Mein spezieller Dank geht hier an diejenigen von ihnen, die mir die Erlaubnis gegeben haben, Begebenheiten zu schildern, die ich mit ihnen in unseren Sitzungen erlebt habe. (Diese Berichte habe ich selbstverständlich so abgefasst, dass die Anonymität meiner Klienten gewahrt bleibt.)

Die vielen Ausbildungs- und Fortbildungsteilnehmerinnen, die mich mit ihrem Wissensdurst und ihren zahllosen Fragen stimuliert haben, möchte ich hier ebenso dankend erwähnen wie jene Kollegen, mit denen ich in dieser Zeit in engem Austausch stand. Dazu gehören nicht nur meine Freundin Lynne Jacobs und mein Freund Rolf Merten, sondern u. a. auch die Herausgeberin des British Gestalt Journal, Christine Stevens, und ihre Mitarbeiter sowie die mir namentlich nicht bekannten peer reviewers, die in den letzten zwei Jahrzehnten viele meiner Artikel kompetent begutachtet, bei Bedarf konstruktiv mit mir diskutiert und zur Veröffentlichung empfohlen haben – u. a. einen Text, der gewissermaßen den Entwurf für das vorliegende Buch darstellte (vgl. Staemmler 2016a).

Außerdem richtet sich meine Dankbarkeit an die vielen Verfasserinnen von Büchern und Artikeln, die sich die unter Kollegen nicht immer angemessen gewürdigte Mühe gemacht haben, ihre Gedanken und Erfahrungen aufzuschreiben und sie mir (und anderen) zur Verfügung zu stellen. Ihnen fühle ich mich, obwohl ich sie in den meisten Fällen persönlich nicht kenne, verbunden, was ich mit der Erwähnung ihrer jeweiligen Schriften zum Ausdruck bringen möchte.

Ein ganz besonderer Dank geht an meine Lebenspartnerin Barbara, die mich schon ein paar Jahre länger begleitet als meine Klienten und Kolleginnen und die mir mehr als jeder andere Mensch ermöglicht hat, auf lebendige Weise zu lernen, was es bedeutet, in Beziehung zu sein – in liebevollem Engagement, ohne falschen Schein und mit gegenseitiger Achtung unserer jeweiligen Würde.

Schließlich möchte ich einen schon lange verstorbenen Kollegen würdigen, den ich persönlich nicht kennenlernen konnte, weil er starb, bevor ich geboren wurde: Hans Trüb (1889–1949), der ein Schüler C. G. Jungs und ein Freund Martin Bubers war. Mit seinem 1951 posthum erschienenen Buch Heilung aus der Begegnung – Überlegung zu einer dialogischen Psychotherapie4 gehört er zweifellos zu den ersten Psychotherapeuten, die sowohl die grundsätzliche Bedeutung menschlicher Relationalität als auch deren Relevanz für die Psychotherapie klar erkannt und eindrücklich in Worte gefasst haben. Gemessen daran wurde er bislang aus meiner Sicht viel zu wenig bekannt und anerkannt. Dem möchte ich in diesem Buch, so weit es mir möglich ist, dadurch etwas entgegensetzen, dass ich den einzelnen Kapiteln jeweils ein Zitat aus Heilung aus der Begegnung voranstelle.

»Theoretische Ergänzungen« und »Beispiele aus der Praxis«

Im Weiteren habe ich immer wieder Textboxen in den Haupttext einfügt, die durch ihren grau gefärbten Hintergrund und eine andere Schrifttype leicht zu erkennen sind. Sie enthalten entweder »Beispiele aus der Praxis« – eines davon haben Sie schon weiter oben gelesen – oder »Theoretische Ergänzungen« und sollen interessierten Lesern zur Illustration bzw. Erläuterung oder Vertiefung meiner im Haupttext formulierten Überlegungen dienen; sie sind aber zu deren Verständnis nicht unbedingt erforderlich.

2. Einleitung

Wir erleben und erkennen heute die »Wirklichkeit der Seele« nicht mehr nur als in sich geschlossenen Eigenbereich des Individuums, sondern sie offenbart sich uns je länger je eindringlicher zugleich als zwischenmenschliches Phänomen im Raum des partnerisch gelebten Lebens.

(Trüb 1951/2015, 12)

Wer die Texte zur Kenntnis genommen hat, die ich in den zurückliegenden dreißig Jahren veröffentlicht habe, wird manche meiner hier vorgetragenen Überlegungen wiedererkennen. Denn natürlich ist keineswegs alles neu, was auf den folgenden Seiten zu lesen ist; ich verstehe den vorliegenden Text eher als ein Zusammenführen und eine Fortsetzung früherer Gedankengänge. Ich knüpfe dabei hauptsächlich an die Inhalte dreier meiner Bücher an: Therapeutische Beziehung und Diagnose – Gestalttherapeutische Antworten (1993), Das Geheimnis des Anderen – Empathie in der Psychotherapie (2009a) und Das dialogische Selbst – Postmodernes Menschenbild und psychotherapeutische Praxis (2015a).

Diese Bücher (sowie viele Zeitschriften- und Buchbeiträge, die sich mit ähnlichen Themen beschäftigen) beleuchten unter jeweils verschiedenen Aspekten einen gemeinsamen inhaltlichen Schwerpunkt: die menschliche Relationalität.5 Mit diesem im Deutschen mancherorts (noch) recht ungebräuchlichen Begriff soll hier Folgendes angesprochen werden:

(1) Menschen können nur in Beziehungen zu anderen ihr jeweiliges Selbst entwickeln. Die kreativ verarbeiteten und angeeigneten Spuren dieser Beziehungen konstituieren dann das jeweilige Selbst; dies kann man die »Ko-Konstitution« von Selbsten nennen. Damit ist bereits gesagt, was im Weiteren noch deutlicher werden wird: Relationalität ist kein Gegensatz zu Individualität, denn diese entwickelt sich aus der Beziehungsgeschichte eines Menschen heraus. Das hier gemeinte Verständnis von Relationalität steht aber im Widerspruch zu einem Individualismus, der annimmt, Menschen seien hinsichtlich dessen, wer sie sind, primär getrennt und unabhängig voneinander.

Relational verstandene Subjektivität ist vielmehr grundsätzlich intersubjektiv verfasst (vgl. Jacobs 2005) – oder, wenn man Elisabeth Conradi folgen möchte, »interrelational«; Conradi schreibt:

Der Begriff der Intersubjektivität ist mir zu statisch, da er suggeriert, es seien Subjekte vorhanden, die miteinander in Beziehung treten. Demgegenüber möchte ich den relationalen Aspekt auch der Subjektivität – nicht erst der Intersubjektivität – hervorheben. Die Tatsache, daß ›Subjekte‹ immer schon auf andere bezogen sind, ist ein ihnen wesentliches Merkmal. Die vielfältigen Zusammenhänge und Verhältnisse solcher Bezogenheit fasse ich mit dem Begriff der Interrelationalität. Er berücksichtigt die konstitutive Qualität sozialer Kontexte und umfaßt verschiedene Formen des Angewiesenseins und der Bezogenheit in ihrem Verhältnis zueinander. (2001, 175)6

(2) Die erwähnte Ko-Konstitution bedeutet, dass sich die Abkunft des Selbst von Beziehungen in einem relationalen (bzw. dialogischen) Format des Selbst zeigt. Durch diese Entstehungsgeschichte bleibt das individuelle Selbst nicht nur für immer mit den anderen verbunden, sondern tritt auch zu sich selbst in vielfältiger Weise in Beziehung:7

Genau gesagt besitzt ein Mensch so viele soziale Selbste, wie es Individuen gibt, die ihn erkennen und ein Bild von ihm in ihrem Geiste tragen.… Wir können praktisch auch sagen, dass er so viele soziale Selbste besitzt, wie es verschiedene Gruppen von Personen gibt, deren Meinungen ihm etwas bedeuten. (James 1890, 294 – H.i.O.)

(3) Damit verweist Relationalität auf die Eigenschaft von Menschen, über die gesamte Lebenszeit hinweg Teil eines komplexen Gefüges oder Netzes von Beziehungen zu sein, in das sie verwoben sind und dessen jeweilige Beschaffenheit entscheidend für ihre persönliche Lebensqualität ist. Dieses relationale Netz besteht nicht nur aus Beziehungen zu einzelnen anderen, sondern auch zu kleineren und größeren Gruppen: Denn »Kollektive sind integrale Teile der Person der Betroffenen, die wiederum diesen Kollektiven angehören« (Etzioni 1994, 344). – Dies hat einen motivationalen Aspekt zur Folge:

(4) Kaum jemand mag ohne realen Bezug zu anderen leben. Menschen sind in der Regel motiviert, Kontakte und Beziehungen mit anderen aufzunehmen und sie so zu gestalten, dass sie sich darin verbunden, verstanden und unterstützt fühlen; sie leiden darunter, wenn ihnen dies nicht in befriedigendem Maße gelingt. Dabei geht es immer um Kommunikation, denn »Kommunikation ist in erster Linie das, wodurch die Menschen ihre Bezogenheit aufeinander zum Ausdruck bringen« (Rothe & Sbandi 2002, 160).

Von daher hängt die generelle menschliche Bezogenheit mit der Tatsache zusammen, dass man »nicht nicht kommunizieren kann« (Watzlawick, Beavin & Jackson 1969, 51 – H.i.O.). »Zu sein heißt zu kommunizieren« (Bakhtin 1984, 252):

Wann und wo immer Menschen sich treffen, fängt sofort Kommunikation an. Sobald eine andere Person anwesend ist, wird diese Kommunikationspotenz aktiviert und immer schon gegebene Bezogenheit aktualisiert. Sobald Personen ihr gegenseitiges Vorhandensein am gleichen Ort und zur gleichen Zeit bemerken, ist Kommunikation gegeben. (Rothe & Sbandi 2002, 160)

(5) Aus den ersten vier Punkten ergibt sich die Notwendigkeit einer Ethik des Mitgefühls und der Fürsorge: »Die Sorge des menschlichen Da-seins impliziert auch die Sorge um den anderen Menschen, die Fürsorge des einen für den anderen. Sie kommt zum Da-sein nicht hinzu, sondern ist eine konstitutive Artikulation dieses Daseins« (Lévinas 1995, 245 f.). Individuelle Unterschiedlichkeit ist nicht gleichbedeutend mit rigider Abgegrenztheit; Andersartigkeit kann vielmehr in Verbundenheit und Fürsorge gelebt werden. Diese ethische Haltung bedeutet, eine Einstellung der Inklusion gegenüber anderen sowie gegenüber dem Anderen im eigenen Selbst zu praktizieren und zu fördern.

(6) Die zuvor genannten Punkte bedeuten schließlich, dass Relationalität eine maßgebliche Dimension in jeder Psychotherapie darstellt: Für die psychotherapeutische Situation gilt, dass nicht nur die Person des Klienten, sondern auch die der Therapeutin sowie die Qualitäten der Beziehung zwischen beiden entscheidend für die Art der interaktionellen sowie der psychischen Prozesse sind, die in einer Therapie ablaufen, sowie für die Wirkungen, die eine Therapie hervorruft.

Der Begriff der Relationalität kennzeichnet damit, zusammenfassend gesagt, »nicht nur die Bezogenheit auf und zwischen externale(n) Personen und Dinge(n), sondern auch auf und zwischen internale(n) Personifikationen und Repräsentationen. Er betont den Prozess – im Unterschied zu verdinglichten Entitäten – und die Beziehungen zwischen Prozessen« (Ghent 1992a, xx – H.d.V.).

Für den psychotherapeutischen Bereich heißt das: Im Begriff der Relationalität überschneiden sich verschiedene Fragestellungen: die Frage nach dem Menschenbild, auf dem ein therapeutischer Ansatz basiert; die Frage nach der allgemeinen Beschaffenheit zwischenmenschlicher Interaktionen und psychischer Prozesse; die Frage nach den speziellen Formen, die diese Interaktionen und Prozesse im psychotherapeutischen Kontext annehmen; und die Frage nach den Qualitäten, die Beziehungen zwischen Menschen zu therapeutisch wirksamen Beziehungen machen.

Es liegt in der komplexen Natur dieser Fragestellungen, dass es nicht einfach war, meine Gedanken dazu in eine sinnvolle und einigermaßen leicht nachvollziehbare Struktur zu bringen. Als grobes Kriterium für meine Gliederung des folgenden Textes habe ich die historische Entwicklungslinie der vergangenen Jahrzehnte genutzt, die sich in vielen Therapieformen durch die Auseinandersetzung mit Fragen der Relationalität hindurchzieht.

Da ich mich mit der Geschichte der Gestalttherapie besser als mit der von anderen Verfahren auskenne, zeige ich hauptsächlich anhand der Entwicklung der Gestalttherapie auf, was in ähnlicher Weise z. B. für die Psychoanalyse oder die Personzentrierte Psychotherapie, ja selbst für die Kognitive Verhaltenstherapie gilt: Sie alle nahmen ihren Anfang in einem mehr oder weniger ausgeprägten Individualismus und einer ihm entsprechenden ›Eine-Person-Psychologie‹ und setzten sich später in einer relationalen Wende‹ fort, die die Bedeutung zwischenmenschlicher Interdependenz und eine ›Zwei-Personen-Psychologie‹ zunehmend in den Vordergrund rückte.

Theoretische Ergänzung 1

Dem ungarischen Zweig der frühen Psychoanalyse, repräsentiert durch Sandor Ferenzci und Michael Balint, kommt eine wichtige Rolle als Wegbereiter der relationalen Wende in der Psychoanalyse zu. Diese übte einen Einfluss auf die relationalen Entwicklungen in den anderen therapeutischen Ansätzen aus, so auch in der Gestalttherapie. In diesem Zusammenhang ist aus gestalttherapeutischer Sicht mit Respekt und Bescheidenheit zu erwähnen, dass der Beginn der relationalen Wende in der Psychoanalyse dem in der Gestalttherapie zeitlich um viele Jahre vorausging; außerdem nahm der psychoanalytische Diskurs zu diesem Thema ab den 1970er- Jahren sehr schnell Fahrt auf und seither einen sehr viel größeren Raum in der entsprechenden Literatur ein, als das in der Gestalttherapie bis heute der Fall ist.8

Aber am Anfang stand wohl Ferenczi (1970a; 1970b); er überschritt in seinen letzten Lebensjahren die von Freud gesetzten Grenzen der psychoanalytischen Distanz und emotionalen Reserviertheit und ließ sich sehr persönlich auf die Beziehungen zu seinen Patientinnen ein. Freuds Rat hatte so gelautet:

Ich kann den Kollegen nicht dringend genug empfehlen, sich während der psychoanalytischen Behandlung den Chirurgen zum Vorbild zu nehmen, der alle seine Affekte und selbst sein menschliches Mitleid beiseite drängt und seinen geistigen Kräften ein einziges Ziel setzt: die Operation so kunstgerecht als möglich zu vollziehen … Die Rechtfertigung dieser vom Analytiker zu fordernden Gefühlskälte liegt darin, daß sie für beide Teile die vorteilhaftesten Bedingungen schafft, für den Arzt die wünschenswerte Schonung seines eigenen Affektlebens, für den Kranken das größte Ausmaß von Hilfeleistung, das uns heute möglich ist. (1912/1975, 175)

Ferenczi dagegen vertrat in seinem »klinischen Tagebuch« von 1932 (Ferenczi 1988) nicht nur die Ansicht, dass es »ohne Sympathie keine Heilung« geben könne,9 sondern engagierte sich auch in seiner therapeutischen Praxis für manche Patientinnen sehr viel mehr als es bis dahin üblich gewesen war (vgl. Haynal 1989). So experimentierte er z. B. mit einem Vorgehen, das er als »mutuelle Analyse« bezeichnete; dabei brachte er sich als Person selbst stark ein, trat entschieden aus der üblichen analytischen Anonymität heraus und praktizierte ein Verhalten, das später als »self-disclosure«10 der Therapeutin ernsthaft diskutiert wurde (vgl. auch den Abschnitt über »Persönliche Präsenz« in Kapitel 4.2).

Während Ferenczi dafür einerseits heftige Kritik erfuhr – Jones erklärte ihn sogar für »paranoid« (in Balint & Jones 1985, 68) –, erhielt er andererseits sehr viel Anerkennung, z. B. von Balint, der schrieb, dass »Ferenczis letzte Schriften … die weitere Entwicklung der psychoanalytischen Technik um 15 oder 25 Jahre vorwegnehmen« (a.a.O.). – Ermann skizziert die historische Entwicklung so:

In der Psychoanalyse kann man die Zeit bis etwa 1940 als eine … Phase betrachten. Sie war dadurch gekennzeichnet, dass die innerseelischen Phänomene und Prozesse als Forschungsgegenstand galten. Hier handelt es sich um das intrapsychische Paradigma der Psychoanalyse. Danach sollte die Psyche (von Patienten) von einem außenstehenden Beobachter möglichst objektiv betrachtet und behandelt werden. Michael Balint sprach in diesem Zusammenhang von einer Ein-Personen-Perspektive …

Durch die Neubewertung der frühen Mutter-Kind-Interaktionen begann sich das Weltbild der Psychoanalyse und in der Folge auch ihre Praxis zu verändern. Zunehmend wurden jetzt die Interaktionen als bedeutender Bezugspunkt für das Verständnis seelischer Prozesse anerkannt. Damit entstand auch ein neues Denkmodell, das Beziehungsparadigma. (2014, 12 – H.i.O.)

Balint argumentierte als einer der ersten für diesen Paradigmenwechsel in einem Aufsatz, auf den ich etwas genauer eingehen möchte: Er stellte fest, dass »alle unsere Konzepte und technischen Begriffe – außer zweien – unter dem Vorzeichen der physiologischen Ausrichtung geprägt wurden und daher höchst individualistisch sind; sie reichen nicht über die Grenzen der individuellen Psyche hinaus. Die beiden Ausnahmen sind ›Objekt‹ und ›Objektbeziehung‹11« (1950, 120).12

Balint forderte dem gegenüber eine Neuorientierung, die »zuerst und vor Allem darauf abzielt, jeden Aspekt der Übertragung des Patienten im Kontext seiner Objektbeziehungen zu verstehen und zu deuten« (a.a.O., 119). Daraus leitete Balint schließlich ab: »Das wichtigste Forschungsgebiet … muss das Verhalten des Analytikers in der psychoanalytischen Situation sein bzw., wie ich vorziehe zu sagen, der Beitrag des Analytikers zur Entstehung und Aufrechterhaltung der psychoanalytischen Situation« (a.a.O., 121 – H.i.O.).

Aber bedauerlicherweise, so fährt er fort,

wurden fast alle unsere Begriffe und Konzepte bei der Untersuchung pathologischer Erscheinungen gewonnen, die kaum über den Bereich der »Eine-Person-Psychologie« hinausgehen … Aus diesem Grund können sie nur eine unbeholfene, ungefähre Beschreibung davon liefern, was in der psychoanalytischen Situation passiert und was ihrem Wesen nach eine Zwei-Personen-Situation darstellt. (a.a.O., 123 f.)

Abschließend bringt Balint die traurige Vermutung zum Ausdruck, dass »wir nur einige vage Ideen, aber kein genaues Wissen davon haben, welche Verzerrungen stattfinden und wie viel wir übersehen, wenn wir Zwei-Personen-Erfahrungen … in einer Sprache beschreiben, die zu Eine-Person-Situationen gehört« (a.a.O., 124).

Erst in den 1980er-Jahren sollte Balints Vision in nennenswerter Weise zur Substanz psychoanalytischer Theorie werden. Mit den Entdeckungen der Säuglingsforscher begann eine echte Wandlung von einer primär »intrapsychischen« Betrachtungsweise hin zu einer »intersubjektiven« Perspektive – so die nunmehr übliche Terminologie. Jessica Benjamin fasste es seinerzeit in diese Worte: Mit

der Vorstellung eines aktiven, zu sozialen Kontakten bereiten Säuglings, der sich von anderen differenziert und mit anderen Beziehungen aufnimmt, gelangen wir zum intersubjektiven Standpunkt. Der intersubjektiven Theorie zufolge entwickelt sich das Individuum in und durch Beziehungen zu anderen Subjekten. Wichtig dabei ist die Überlegung, daß der Andere, dem das Selbst begegnet, ebensolch ein Selbst ist – also ein eigenständiges Subjekt. … Anders als der intrapsychische Standpunkt fragt die intersubjektive Theorie nach dem, was zwischen dem Selbst und anderen geschieht. Während der intrapsychische Standpunkt das Individuum als abgegrenzte Entität mit einer komplizierten Innenstruktur erfaßt, befaßt sich die intersubjektive Theorie mit jenen Fähigkeiten des Menschen, die sich in der Interaktion des Selbst mit anderen entwickeln. (1990, 22 f.)

Der Übergang von der Eine-Person-Psychologie zur Zwei-Personen-Psychologie kann als ein »Paradigmenwechsel« verstanden werden, »hin zu einem Paradigma der Bezogenheit. Danach entsteht und verändert sich psychische Struktur … vornehmlich als eine gemeinsame (nämlich intersubjektive) Konstruktion im Beziehungsfeld« (Ermann 2014, 12 – H.i.O.).

Dieser … Paradigmenwechsel, der längst noch nicht abgeschlossen ist, wird endlich der sozialen Natur des Menschen gerecht, der Tatsache also, dass Menschen ihre Lebenswelt miteinander teilen, dass sie sich real und mental aufeinander beziehen und dass jeder einzelne seine psychische Struktur und individuelle Persönlichkeit im Rahmen dieser Bezogenheit entwickelt. (Altmeyer 2016, 110)

Theoretische Ergänzung 2

Bei der »Natur des Menschen«, von der Altmeyer spricht, handelt es sich nicht um etwas im biologischen Sinne Natürliches. Was den Menschen gerade im psychosozialen Sinne ausmacht, hängt immer mit seiner Sozialität und Kulturalität zusammen. Ich ziehe es daher in Anlehnung an Hannah Arendt vor, von der sozialen »Bedingtheit« des Menschen zu sprechen, die einem tendenziell solipsistischen und größenwahnsinnigen Individualismus keinen Boden bietet.

Nun umfaßt aber die Condition Humaine, die menschliche Bedingtheit im Ganzen, mehr als nur die Bedingungen, unter denen den Menschen das Leben auf der Erde gegeben ist. Menschen sind bedingte Wesen, weil ein jegliches, womit sie in Berührung kommen, sich unmittelbar in eine Bedingung ihrer Existenz verwandelt. … Die Menschen leben also nicht nur unter den Bedingungen, die gleichsam die Mitgift ihrer irdischen Existenz überhaupt darstellen, sondern darüber hinaus unter selbstgeschaffenen Bedingungen, die ungeachtet ihres menschlichen Ursprungs die gleiche bedingende Kraft besitzen wie die bedingenden Dinge der Natur. Was immer menschliches Leben berührt, was immer in es eingeht, verwandelt sich sofort in eine Bedingung menschlicher Existenz. Darum sind Menschen, was auch immer sie tun oder lassen, stets bedingte Wesen. (1960, 16 f.)

Wie Altmeyer schon andeutet, vollziehen sich historische Entwicklungen des Zeitgeists nicht in inhaltlich oder zeitlich exakt abgrenzbaren Phasen; das gilt selbstverständlich auch für die Geschichte der Psychotherapie. Insofern lassen sich für Perioden, in denen die individualistische Psychologie dominierte, durchaus schon Autoren und Konzepte benennen, die – zumindest in der Tendenz – eine ›Zwei-Personen-Psychologie‹ oder sogar schon eine ›Mehr-Personen-Psychologie‹ vertraten; bisweilen findet sich sogar in ein und derselben Quelle die für Übergangszeiten typische Mischung der Paradigmen.

Und umgekehrt kann man heute, nachdem die meisten therapeutischen Ansätze bereits in die Phase einer relationalen Wende eingetreten sind, durchaus noch individualistische Tendenzen feststellen; ich selbst ertappe mich immer wieder einmal bei solchen Tendenzen in meinem Denken, obwohl ich mich seit Langem um eine relationale Perspektive bemühe. Kulturell geprägte Denkmuster kann man nicht einfach hinter sich lassen; man muss sie und ihre Residuen zuerst immer wieder mühsam überhaupt als solche erkennen, um sie dann Schritt für Schritt verändern bzw. überwinden zu können. Schließlich – und das macht den Sachverhalt sehr vielseitig und manchmal schwer überschaubar – gibt es auch hinsichtlich dessen, was unter Relationalität verstanden wird, beträchtliche Unterschiede – von den praktischen therapeutischen Konsequenzen, die dann aus dem jeweiligen Verständnis abgeleitet werden, einmal ganz zu schweigen.

Auf den folgenden Seiten werde ich darlegen, wie ich zu meinem derzeitigen Verständnis von menschlicher Relationalität gekommen bin, und formulieren, welche Schlussfolgerungen sich daraus für die Gestaltung therapeutischer Beziehungen aus meiner Sicht ergeben. Wie schon angekündigt, werde ich dabei immer wieder an Traditionen und Entwicklungen der Gestalttherapie anknüpfen. Je weiter Sie, meine Leserinnen und Leser, mit Ihrer Lektüre fortschreiten, werden Sie jedoch bemerken, dass meine Überlegungen nicht innerhalb der Grenzen des gestalttherapeutischen Diskurses verharren. Ich hoffe daher, dass Kolleginnen und Kollegen aller therapeutischen Orientierungen in dem folgenden Text Anregungen für ihre Arbeit finden werden.

Denn ich stimme Jürg Willi zu, der mit der erforderlichen Allgemeinheit feststellt:

Die westliche Psychotherapie hat jahrzehntelang sehr einseitig Werte wie Autonomie, Unabhängigkeit, Selbstbestimmung oder etwas weniger schön ausgedrückt den Egotrip betont … [und sich] v. a. mit der Befreiung des Individuums von sozialen Zwängen und Abhängigkeiten befaßt. Heute geht es aber wohl weniger um die Einengung als vielmehr um die fehlende Zugehörigkeit zu tragfähigen Gemeinschaften. (1994, 147)

3. Individualismus im Vordergrund: die 1960er- und ’70er-Jahre

»Psychologie« ist eine nur auf das seelische Geschehen als solches gerichtete und nur ihm angemessene Betrachtungsweise. Der umfassende Ganzheitscharakter des Menschen wird uns aber erst sichtbar im offenen Blick auf seine Weltsituation. Nur in der partnerischen Erschlossenheit zur Welt hin ist das Selbst des Menschen, das wir als seine Personenmitte verstehen, in actu. (Trüb 1951/2015, 15)

Heutzutage halten sich die meisten Gestalttherapeutinnen für auf die eine oder andere Weise relational orientiert. Zumindest kann man mit einiger Bestimmtheit sagen, dass es schwer sein dürfte, noch einen Gestalttherapeuten zu finden, der sich ausdrücklich als Vertreter eines individualistischen Ansatzes versteht. Dass wir heute an diesem Punkt sind, ist selbstverständlich zu begrüßen. Aber ich denke, es ist möglich, über den derzeitigen Stand hinaus zu gehen.

Um diese Behauptung nachvollziehbar zu machen, werde ich im folgenden Text zunächst in groben Zügen den historischen Faden innerhalb der Gestalttherapie nachzeichnen, der mit einem mehr oder weniger individualistischen Verständnis und einer entsprechenden therapeutischen Praxis begann und dann in den 1980er Jahren eine relationale Wende‹ nahm.

Theoretische Ergänzung 3

Ich werde im vorliegenden Text darauf verzichten, genauer zu bestimmen, was mit »Individualismus« gemeint ist. Ich habe das an anderer Stelle getan und verweise den interessierten Leser daher z. B. auf Bellah, Madsen, Sullivan, Swidler und Tipton (1987), Staemmler (2009a, 51 ff.) oder Wheeler (2006a, 35 ff.).

Als eine kurze Andeutung zitiere ich Geertz:

Die abendländische Vorstellung von der Person als einem fest umrissenen, einzigartigen, mehr oder weniger integrierten motivationalen und kognitiven Universum, einem dynamischen Zentrum des Bewußtseins, Fühlens, Urteilens und Handelns, das als unterscheidbares Ganzes organisiert ist und sich sowohl von anderen solchen Ganzheiten als auch von einem sozialen und natürlichen Hintergrund abhebt, erweist sich, wie richtig sie uns auch scheinen mag, im Kontext der anderen Weltkulturen als eine recht sonderbare Idee. (1987, 294)

Diesem Menschenbild entsprachen die Vorstellungen davon, wie der Mensch, der sich einer Psychotherapie unterzog, aus ihr hervorgehen sollte. Jerome Frank charakterisiert diese Person so:

Sie war eine an sich selbst orientierte Person, von hohen moralischen Prinzipien geleitet, nach Erfolg strebend und unempfindlich für soziale Einflüsse, die sie dazu bringen könnten, ihre Prinzipien und Ideale zu verletzen. Diese Person hatte Angst vor zu viel Offenheit, durch die sie – erstens – anderen Kenntnis von ihren Schwächen geben könnte und es diesen dadurch ermöglichen würde, von ihnen zu deren Vorteil ausgebeutet zu werden. Wenn diese Person sich erlauben würde, zu besorgt um das Wohlergehen der anderen zu sein, würde es für sie – zweitens – schwieriger werden, ihre eigenen Ziele zu erreichen, wozu es notwendigerweise gehören würde, die anderen am Erreichen ihrer Ziele zu hindern. Ihr Erfolg hing davon ab, dass sie eine Fassade von Rechthaberei und Selbstvertrauen aufrechterhielt, was es erforderlich machte, innere Impulse zu verleugnen oder zu unterdrücken, die, wenn sie ins Bewusstsein gelassen würden, Selbstzweifel hervorrufen könnten. (1971, 351)

Auf die Zeit, in der ein individualistisches Menschenbild und ein ihm entsprechendes Therapieverständnis dominierte, folgte die Phase einer relationalen Konzeption der Gestalttherapie, deren Schwächen ich im Weiteren ebenfalls untersuchen werde, wie sie mir aus heutiger Sicht im Rückblick erscheinen. Schließlich werde ich vorschlagen, eine weitere Wende einzuleiten; ich werde versuchen, die Umrisse eines nächsten möglichen Schrittes in der Entwicklung eines relationalen Therapieverständnisses aufzuzeigen.

Wer sich wie ich in den 1960er- und ’70er-Jahren von der Gestalttherapie inspiriert fühlte, lernte eine mehr oder weniger individualistische Interpretation der Gestalttherapie kennen, wie sie von Fritz Perls und seinen unmittelbaren Nachfolgern vorgestellt wurde – mehr noch: Zu jener Zeit dachte kaum jemand daran, dass es sich um eine individualistische Deutung der Gestalttherapie handelte; weil einer ihrer Begründer sie vertrat, und zwar ihr prominentester, hielt man sie naiverweise für das, was die Gestalttherapie im Wesentlichen ausmachte.

Das gilt ungeachtet der Tatsache, dass das Buch Gestalt Therapy (Perls, Hefferline & Goodman 195113) durchaus schon einige wichtige nicht-individualistische Ideen enthielt. In diesem Zusammenhang ist vor allem der Versuch der Autoren zu erwähnen, einen feldtheoretischen Ansatz zu formulieren, auch wenn dieser noch rudimentär und teilweise inkonsistent ausfiel (vgl. Staemmler 2006). Doch ihr Ausgangspunkt ist eindeutig:

Es gibt keine einzige Funktion irgendeines Lebewesens, die ohne Beteiligung von Objekten und Umwelt wirksam wird, ob man die vegetativen Funktionen wie Nahrung oder Sexualität, oder die Wahrnehmungsfunktionen, oder motorische Funktionen, oder Gefühle, oder das Denken selbst im Auge hat. … Wir wollen diese Interaktion zwischen Organismus und Umwelt bei jeder Funktion das »Organismus/Umweltfeld« nennen. (1951/2006, 22)

Darüber hinaus gibt es noch einige weitere relationale Elemente in Gestalt Th erapy. Als zusätzliche Beispiele möchte ich zwei Sätze zitieren, die ich für wichtig halte:

1. »Der Kontakt selbst ist die erste und unmittelbarste Wirklichkeit« (Perls et al. 1951/2006, 21).

2. »Persönlichkeit ist eine Struktur, die aus … frühen interpersonalen Beziehungen heraus entsteht« (a.a.O., 142).14

Ich werde auf das zweite Zitat später zurückkommen. Was das erste angeht, ist es offensichtlich, dass es sich bei dem Begriff von Kontakt bei Perls et al. um ein sehr allgemeines Konzept handelt, mit dem jede beliebige »Interaktion zwischen dem Organismus und seiner Umwelt« gemeint ist, »in dem zumindest soziokulturelle, biologische und physische Faktoren interagieren« (a.a.O., 22 f.). Perls et al. »führten den Begriff des Kontakts als ein abstraktes, formales Konzept ein« (Miller 1994, xvii); zu atmen oder zu essen galt für sie ebenso als Formen des Kontakts wie den Geschlechtsverkehr zu vollziehen oder einen anderen Menschen zu beschimpfen oder zu schlagen (vgl. 1951/2006, 211).

In dem gesamten Buch spielen die Qualität des zwischenmenschlichen Kontakts in der therapeutischen Situation sowie ihre therapeutischen Implikationen nur eine marginale Rolle; die Wörter »Buber« oder »Ich-Du«, die im zeitgenössischen Diskurs so häufig verwendet werden, tauchen bei Perls et al. kein einziges Mal auf!15 Das Wort »Dialog« findet sich nur ein einziges Mal, dort allerdings nicht im Buber’schen Sinne, sondern mit Bezug auf private oder stille Selbstgespräche (vgl. Staemmler 2015, 276 ff.): »Diesen inneren Dialog hat Sokrates das Wesen des Denkens genannt« (Perls et al. 1951/2007, 153).

Trotz der nicht-individualistischen Überlegungen, die ich oben angedeutet habe, kann der Leser im Übrigen sowohl in Das Ich, der Hunger und die Aggression (Perls 1978) als auch in Gestalt Therapy einige Konzepte finden, die sich aus meiner Sicht als ziemlich individualistisch bezeichnen lassen. Ich denke zum Beispiel an die Aggressionstheorie,16 die auf Smuts’ (1938) konfuser Vorstellung von einem »geistig-seelischen Stoffwechsel« (vgl. Perls 1978, 127) sowie »dem individualistischen Ideal von einer Destrukturierung der Umwelt wie in einem Vakuum« (Saner 1989, 64) beruhte: Typischerweise verleibt sich hier ein hungriger »Organismus« (nicht etwa eine Person!) ein passives Objekt, z. B. ein Nahrungsmittel, ein, das er dann »assimiliert«.

Interaktionen mit anderen Menschen, die in ihrem eigenen Recht existieren und über eine eigene Perspektive und einen eigenen Willen verfügen, wurden seinerzeit – entgegen der Erwartung, die man an psychotherapeutische Literatur richten darf – nicht systematisch diskutiert. Diese Theoriebildung ist aus meiner Sicht als Anleitung zur »Aneignung [zu] verstehen, welche versucht, sich das jeweils Fremde oder Andere ›einzuverleiben‹, anstatt zu ihm in eine Antwortbeziehung zu treten, welche die eigene Stimme dieses Anderen und damit dessen Unverfügbarkeit konstitutiv anerkennt« (Rosa 2016, 326 – H.i.O.)17

Theoretische Ergänzung 4

Abraham Maslow kam bei seiner intensiven Beschäftigung mit menschlicher Motivation zu dem Ergebnis, dass der individuelle Bedarf an Nahrung sich nicht gerade als prototypisches Beispiel für menschliche Bedürfnisse eignet, sondern dass der relationale Wunsch nach Liebe, d. h. nach Zugehörigkeit, Verbundenheit, Anerkennung und Zuneigung, dafür sehr viel geeigneter ist:

Hunger als ein Beispiel für alle anderen Motivationszustände zu wählen, ist sowohl theoretisch wie auch praktisch unvernünftig. Man kann nach näherer Betrachtung erkennen, daß der Hungertrieb mehr ein Spezialfall der Motivation ist als ein genereller. Er ist isolierter (um dieses Wort zu verwenden, wie es die Gestalt- und die Goldstein-Psychologen tun) als andere Motivationen, und auch weniger allgemein. Und schließlich unterscheidet er sich von anderen Motivationen darin, dass er eine bekannte somatische Basis besitzt, was für Motivationszustände ungewöhnlich ist. …

Allgemein hat man angenommen, daß alle Triebe dem von den physiologischen Trieben gesetzten Beispiel folgen. Man kann bereits jetzt voraussagen, daß dies nie der Fall sein wird. Die meisten Triebe sind nicht isolierbar noch können sie somatisch lokalisiert werden, noch können sie betrachtet werden, als wären sie das einzige, was im Organismus in einem bestimmten Zeitpunkt geschieht. Den typischen Trieb oder das typische Bedürfnis oder Verlangen kann man nicht auf eine spezifische, isolierte, lokalisierte somatische Basis beziehen und wird es auch wahrscheinlich nie können. Das typische Verlangen ist offenkundig viel mehr ein Bedürfnis der ganzen Person.… Wenn man die bisher vorliegenden Indizien betrachtet, stimmt es wahrscheinlich, daß wir niemals das Bedürfnis nach Liebe verstehen würden, soviel wir auch über den Hungertrieb wüßten. Tatsächlich kann man auch die dezidierte Behauptung aufstellen, daß wir nämlich aus der vollen Kenntnis des Liebesbedürfnisses mehr über die allgemeine menschliche Motivation (einschließlich des Hungers) lernen können als aus einer gründlichen Untersuchung des Nahrungstriebs. (Maslow 1981, 47)

Ein weiteres Beispiel ist das Modell des »organismischen Zyklus« (Perls 1978, 53 ff.) oder auch »Triebzyklus« (a.a.O., 84), später »Kontaktprozess« genannt (vgl. Perls et al. 1951/2006, 247 ff.), das »ursprünglich zur Beschreibung des Wandels von individueller Perspektive aus herangezogen« (Melnick & Nevis 2006, 264 – H.d.V.) wurde, weswegen es sich allerdings weder dazu eignet, »den bilateralen Charakter der Begegnung zu beschreiben, die zwischen Patient und Therapeut stattfindet, noch den relationalen Prozess, der sich zwischen beiden entwickelt«, wie Macaluso (2015, 234 – H.d.V.) zutreffend feststellt. Das zugrundeliegende Denkmuster war wohl eher: »Ich und nochmal ich und als Erfüllungsgehilfe Du« (Beck & Beck-Gernsheim 1990, 22).

Dasselbe ist über das verwandte Konzept des »Kontaktzyklus«18 zu sagen; ich stimme hier völlig mit Gordon Wheeler überein, der beklagt:

Leider findet sich wenig bis gar nichts von diesem sozialen, relationalen Seinsgrund in den uns vertrauten Gestaltszyklusmodellen wieder. Der Zyklus in seiner üblichen Darstellung … gibt ein Schema der Lebenszeit eines Impulses isoliert wieder, als existierte er getrennt … vom ›äußeren‹ Kontext … anderer Menschen…. Insbesondere scheinen die Zyklusmodelle … oft nahe zu legen, dass der einzig signifikante Ort, an dem man nach der menschliches Verhalten motivierenden Dynamik suchen kann, ›innerhalb‹ der Person läge. So eine eminent individualistische Tendenz verzerrt und reduziert unser Verstehen des menschlichen Prozesses im sozialen Feld. (2006b, 187 f. – H.i.O.)

Theoretische Ergänzung 5

In all diesen Kontakt-Zyklus-Modellen erschien die Umwelt – selbst die menschliche Mitwelt – als mehr oder weniger lebloses Objekt und wurde – der irrigen Stoffwechsel-Metapher folgend – zumeist am Beispiel eines Nahrungsmittels verdeutlicht, das keinerlei Autonomie oder eigene Aktivität an den Tag legt. Doch auch Begegnungen zwischen Menschen wurden bisweilen nach diesem Muster gedeutet. Dass selbst ein ›Liebesakt‹, wenn er durch die individualistisch-biologistische Brille dieses Modells betrachtet wird, derartig einseitig und lieblos erscheinen kann, dass man nicht mehr glaubt, er habe etwas mit einer Liebesbeziehung zwischen zwei Menschen zu tun, an der beide sozial aktiv und psychisch engagiert beteiligt sind, kann man an dem folgenden Beispiel sehen:

1 Ein Mann ruht.

2 Es kommt der Wunsch nach sexuellen Kontakten auf.

3 Er denkt an seine Partnerin.

4 Er geht zu ihr herüber.

5 Er kommt mit ihr zusammen.

6 Schläft nach dem Verkehr ein. (Petzold 1973, 2819)

Die eindrucksvollen Demonstrationen, mit denen Fritz Perls (1974; 1976) seine Arbeit während seiner Zeiten in Esalen illustrierte, haben zusätzlich zu der individualistischen Lesart der Gestalttherapie beigetragen und ihr Bild in der Öffentlichkeit für mindestens ein Jahrzehnt stark geprägt – mancherorts sogar bis heute. Viele von denen, die diesen therapeutischen Ansatz zu Zeiten des antiautoritären Aufruhrs kennenlernten, waren elektrisiert von der individuellen Freiheit und persönlichen Unabhängigkeit, die das so genannte ›Gestaltgebet‹ vertrat und versprach:

Ich tue, was ich tu; und du tust, was du tust.

Ich bin nicht auf dieser Welt, um nach deinen Erwartungen zu leben,

Und du bist nicht auf dieser Welt, um nach den meinen zu leben.

Du bist du, und ich bin ich,

Und wenn wir uns zufällig finden, – wunderbar.

Wenn nicht, kann man auch nichts machen. (Perls 1974, 13)

Aus heutiger Sicht ist festzustellen: Zahlreiche Gestalttherapeuten – und ich schließe mich hier ausdrücklich ein – erkannten damals nicht (oder wollten nicht erkennen), dass das im ›Gestaltgebet‹ vertretene Verständnis von menschlichen Beziehungen primär die Abgrenzung der Individuen voneinander betonte. Außerdem glich die darin erst in zweiter Linie enthaltene Vorstellung von zwischenmenschlichem Kontakt stark dem Muster kaufmännischer Verhandlungen; es schien wie

eine Feilscherei – unter bestimmten Umständen ein Schlachtfeld –, bei der jedes der beiden Individuen seine Bedürfnisse zum Ausdruck bringt, ein Angebot macht, seinen Standpunkt vertritt und darum kämpft, das beste Verhandlungsergebnis für sich selbst im Interesse der eigenen Bedürfnisbefriedigung zu erreichen … Wenn die entsprechenden Bedürfnisse der Individuen kompatibel sind, ist eine Einigung leicht möglich; wenn nicht, kommt entweder gar kein Deal zustande, ein Kompromiss wird erzielt, ein Verhandlungspartner zeigt sich nachgiebig oder einer zwingt dem anderen seine Interessen auf. (Birtchnell 1993, 16)20

Aus meiner Sicht wurde es durch dieses plumpe Verständnis menschlicher Beziehungen im Allgemeinen für Perls und andere möglich, die therapeutische Beziehung im Besonderen auf eine Art und Weise zu betrachten, die es schwer macht, ihre therapeutischen Implikationen zu sehen – zumindest aus heutiger Perspektive. Die Art, wie Perls damals die therapeutische Beziehung definierte, entsprach dem zitierten ›Gestaltgebet‹ und liest sich so:

Ich bin nur für mich selbst verantwortlich und für niemand anderen. Ich übernehme keine Verantwortung für irgendeinen von euch – ihr seid für euch selbst verantwortlich.… Wenn ihr also verrückt werden, Selbstmord begehen, euch besser machen, euch aufputschen oder ein Erlebnis haben wollt, das euer Leben verändert, so ist das eure Sache. Ich tue was ich tue und du tust was du tust. (1974, 81 f.)

Viele von uns (mich selbst eingeschlossen) fühlten sich von Perls’ Esalen-Stil inspiriert: Persönliche Veränderung und Wachstum standen im Vordergrund; Verbundenheit, Bezogenheit, Zugehörigkeit und gegenseitige Fürsorge blieben stark im Hintergrund. Abgesehen von wenigen Aussagen im Geiste der gerade zitierten, war die therapeutische Beziehung kein relevantes Thema im gestalttherapeutischen Diskurs. Jerry Greenwald, der zur Gruppe der ersten Gestalttherapeuten zählte und die Gestalttherapie unmittelbar bei Perls kennenlernte, schreibt ausdrücklich:

Für den Gestalttherapeuten ist der Vorgang der Therapie auf die Erfahrungsprozesse des Patienten beschränkt.… Ebenso betrachtet der Gestalttherapeut seine Interaktion mit dem Patienten als seine Prozesse der Selbstregulation, die sich ihm als seine Bedürfnisse nach Selbstäußerung, Verständnis und Kontakt aufdrängen. (1980, 121 f. – H.i.O.)

Offenbar machte jeder sein ›Ding‹, und selbst »Interaktion« wurde hier – man höre und staune – als ein individueller Prozess der Selbstregulation verstanden.21 Auch das Setting, in dem die Perls’schen Demonstrationen stattfanden, spiegelte die individualistische Tendenz wider; Perls betonte: »Grundsätzlich mache ich eine Art Einzeltherapie im Rahmen einer Gruppe« (1974, 80). Die Person, die ›arbeitete‹, verließ die Runde der Beobachterinnen und nahm auf dem ›heißen Stuhl‹ neben Perls Platz, woraufhin die beiden dann ein Gespräch führten, von dem der Rest der Gruppe mehr oder weniger ausgeschlossen war. Yontef sagt von dieser Arbeitsweise: Sie »ist theatralisch und kathartisch orientiert und akzentuiert mehr die Technik als die Beziehung von Person zu Person. Ich nenne sie die Hauruck-Methode (›boom-boom-boom‹ therapy)« (1999, 29).

Theoretische Ergänzung 6

Yontefs kritische Anmerkung wendet sich u. a. gegen ein individualistisches Missverständnis von Emotionalität, das in jener Zeit weit verbreitet war und kaum infrage gestellt wurde. »In der gestalttherapeutischen Literatur haben die Gefühle zunächst eine weit geringere Betonung erfahren, als es ihrer großen Bedeutung in der gestalttherapeutischen Praxis entsprochen hätte,« wie Hans Peter Dreitzel (1995, 494) schon vor einiger Zeit richtig feststellte, ohne dass sich seither an dem beschriebenen Sachverhalt Wesentliches geändert hätte – abgesehen vielleicht von den wertvollen Beiträgen Leslie Greenbergs (vgl. Greenberg 2002; 2011; Greenberg, Rice & Elliott 1993; Greenberg & Safran 1987; vgl. auch Gegenfurtner & Fresser-Kuby 200722), der sich allerdings nicht eindeutig als Gestalttherapeut identifiziert.

Zu Zeiten der ›boom-boom-boom‹ therapy – und bisweilen heute noch – konnte man als Beobachter leicht den Eindruck gewinnen, die Therapeuten verhielten sich wie Animateure, die sich auf jedes Gefühl ihrer Klientinnen in der Absicht stürzten, ihm zu möglichst großer Intensität und Ausdrucksstärke zu verhelfen, dabei möglichst beeindruckende kathartische Effekte zu erzielen und selbst als möglichst geniale Regisseure eines die Zuschauer bewegenden Schauspiels in Erscheinung zu treten.

Die Wirkungen eines solchen Vorgehens gingen oft nicht über die der unmittelbaren Show hinaus, und wenn doch, dann brachten sie häufig eine Reihe von Nebenwirkungen mit sich, die kaum reflektiert wurden. Worum es mir an dieser Stelle aber hauptsächlich geht, ist das implizite Verständnis menschlicher Emotionalität, das sich in diesen Situationen zeigte und ausgeprägte Züge einer Eine-Person-Psychologie trug: Gefühle galten hier als Prozesse ›im‹ Klienten, die dieser so deutlich wie möglich ›in sich‹ spüren sollte – bis sie eine Heftigkeit erreicht hatten, die den Wunsch entstehen ließen, sie nunmehr wieder ›loszuwerden‹.

Dieses kathartische Modell, das im Umgang mit Aggressionen besonders drastisch praktiziert wurde (zur Kritik vgl. Staemmler & Staemmler 2008), hatte Perls von Wilhelm Reich und anderen frühen Analytikern übernommen.23 Es bestand in der Vorstellung einer Abfolge von Aufladung mit Triebenergie und deren Entladung, die ihren sprachlichen Tiefpunkt in der Vokabel von der ›Abfuhr‹ ›gestauter‹ Affekte fand, so als seien Emotionen zu entsorgendes Material oder Obstipationen von Verdauungsprodukten, die ›abzuführen‹ seien. – Wie meine tendenziell polemischen Formulierungen schon andeuten sollen, halte ich dieses Denkmodell nicht für überzeugend.

Gefühle sind weder Abfall noch Luxus. »Wir brauchen sie, wenn wir anderen Menschen Bedeutungen mitteilen wollen, und vielleicht sind sie auch … zur Orientierung unserer kognitiven Prozesse erforderlich« (Damasio 1997, 181 f.). Perls et al. definierten Emotionen ursprünglich als »die integrierte Bewußtheit einer Beziehung zwischen Organismus und Umwelt« (1951/2006, 257 – H.d.V.), womit die Relationalität von Gefühlen angesprochen war. Während Perls’ Esalen-Stil den kathartischen Ausdruck von Emotionen in den Vordergrund rückte, ging der oben erwähnte Leslie Greenberg deutlich darüber hinaus, als er die Notwendigkeit betonte, dass es in der therapeutischen Praxis darum gehe,

– Emotionen zuzulassen und zu akzeptieren, um der Informationen willen, die sie liefern, und nicht so sehr zum Zweck der kathartischen Wiederholung von emotionalem Ausdruck mit dem Ziel, Emotionen loszuwerden,

– einen Fokus auf Prozesse der Selbstunterbrechung, die die Bemühungen des Klienten behindern, Zugang zu seinen Emotionen zu bekommen,

– Zugang zu neuen Emotionen, um alte Emotionen zu verändern, und

– das Symbolisieren von und Nachdenken über Emotionen, um neue Narrative entstehen zu lassen. (2011, 12 f.)

Aus relationaler Perspektive könnte man noch etwas weitergehen und Emotionen präziser als verdichtete, dem Bewusstsein schnell zugängliche und Energie mobilisierende Erlebnisse von Bedeutungen verstehen, die ein Mensch einer aktuellen Beziehungssituation zuweist und mit deren Ausdruck er den anderen an der Situation Beteiligten diese Bedeutungen mitteilt. Damit sind Emotionen interaktive Ereignisse, die der zwischenmenschlichen Kommunikation, Verständigung, Handlung und Koregulation dienen. Menschen zielen mit ihren Gefühlen (und auch mit deren Intensität) auf Resonanz bei ihrem Gegenüber ab, d. h. sie wollen, dass ihre Emotionen wahrgenommen, verstanden und emotional beantwortet24 (nicht einfach nur ›abgeführt‹) werden.

Selbstverständlich ist all das im Kontext eines individualistischen Zeitgeists zu verstehen, der nicht nur in gestalttherapeutischen Kreisen wirksam war. Dieser Zeitgeist – wie es ja oft im Verlauf der Geschichte der Fall ist – schwang wie ein Pendel auf die individualistische Seite, nachdem über viele schreckliche Jahre hinweg faschistische Massenhysterie und stalinistischer Kollektivismus die Würde und die Rechte des Einzelnen ignoriert und unvorstellbares Leid über Millionen von Menschen auf der ganzen Welt gebracht hatten.

Parallel zur Version der Gestalttherapie von Fritz Perls praktizierte seine Frau Lore einen anderen Stil. »Es lag ihr im Blut, ›dialogischer‹ zu sein als Fritz, was vielleicht eine Folge ihrer Begegnung mit Buber war, vielleicht aber auch das, was sie anfänglich zu Buber hingezogen hatte,« meint Lynne Jacobs (persönliche Mitteilung, 13.1.2016).25 In zahlreichen autobiografischen Bemerkungen betonte Lore Perls, dass Martin Buber und Paul Tillich »influenced me more than any psychologist« (1989, 178 – H.i.O., englisch im Original). Dabei scheint mir bemerkenswert, dass sie den Einfluss, den Buber und Tillich auf sie ausgeübt hatten, den persönlichen Eindrücken zuschrieb, die sie von diesen Philosophen in Frankfurt am Main vor dem Zweiten Weltkrieg gewonnen hatte. Sie bezog sich nicht primär auf deren Schriften:

Ich muss sagen, dass mein therapeutischer Stil eher von Paul Tillich und Martin Buber geprägt ist. Diese beiden haben mich stärker beeinflusst als sämtliche Analytiker und Psychologen. … Was bei Tillich und Buber so wichtig war, das war die Unmittelbarkeit ihrer Art zu kommunizieren. Sie hielten dir keine Vorträge, sondern sprachen direkt zu dir – aus einer Quelle in ihrem Inneren. … Ihre respektvolle Haltung gegenüber anderen Menschen machte einen tiefen Eindruck auf mich. (in Perls & Rosenblatt 2005, 157, 168 – H.d.V.)

In ähnlicher Weise hatte Lore Perls’ dialogischerer Stil seinerseits wiederum mehr Einfluss auf folgende Generationen von Gestalttherapeutinnen durch die persönlichen Eindrücke, die diese aus der Arbeit mit ihr gewannen, und nicht primär durch Lores Schriften. Das hängt natürlich mit der Tatsache zusammen, dass Lores Beitrag zu Gestalt Therapy kaum zu identifizieren ist und sie in ihren eigenen Publikationen in späteren Jahren weder eine Theorie des Dialogs noch der therapeutischen Beziehung formulierte. Aber die Art des Kontakts, den sie ihren Patienten und Schülerinnen anbot, hinterließ einen dauerhaften Eindruck bei denen, die sich ihrer Präsenz ausgesetzt hatten.

So ist alles in allem festzustellen: Trotz Lore Perls’ Einfluss als tendenziell dialogisches Vorbild und trotz gelegentlicher Nennungen der Formel »Ich-Du« (vgl. z. B. Perls & Levitsky 1980, 194 f.; Simkin 1994, 68 f.) sowie seltener Buber-Zitationen (vgl. z. B. Polster & Polster 1975, 101) fand innerhalb der gestalttherapeutischen Szene vor dem Ende der 1970er Jahre kein bekannt gewordener Versuch statt, ein substanzielles theoretisches Verständnis der Qualität und der Bedeutung der therapeutischen Beziehung oder eine relational orientierte therapeutische Praxis zu entwickeln, die von einem entsprechenden theoretischen Verständnis getragen gewesen wäre.

4. Die relationale Wende: die 1980er-Jahre

Ich erkenne diesen anderen Menschen als Partner noch nicht wahrhaft, solange ich ihn in seiner Begegnungssituation zum »objektiven« Gegenstand meiner Erkenntnis mache, sondern erst dann, wenn ich ihn in meiner eigenen Begegnung mit ihm partnerisch erfahre. (Trüb 1951/2015, 15 – H.i.O.)

Gegen Ende der 1970er-Jahre begannen die Dinge, sich langsam zu verändern. Weitgehend unbeachtet von der gestalttherapeutischen Öffentlichkeit schloss Lynne Jacobs (1978) ihre Dissertation unter dem Titel I-Thou Relations in Gestalt Therapy ab, in der sie sich intensiv auf Martin Buber bezog. Es waren allerdings noch einige Jahre und weitere Arbeiten von ihr und anderen nötig, bevor die Saat von Jacobs’ wertvollen Bemühungen aufging und offensichtliche Früchte im gestalttherapeutischen Diskurs trug: 1983 veröffentlichte Gary Yontef einen anregenden Artikel in deutscher Sprache mit dem Titel Gestalttherapie als dialogische Methode, in dem er behauptete:

Seit ihren Anfängen betonte die Gestalttherapie, das wichtigste Werkzeug in der Behandlung sei die aktive Gegenwärtigkeit des Therapeuten. Damit geschah ein Abweichen von der traditionellen Rolle des Psychoanalytikers. Er verhielt sich passiv, und Interpretationen waren die einzige Form des Kontaktes zwischen Therapeut und Patient. Die Funktion der Übertragungsneurose in der Psychoanalyse übernimmt der Ich-Du-Dialog in der Gestalttherapie. (1983, 99)

Was in der Anfangszeit der Gestalttherapie begann, sollte im Zuge der relationalen Wende noch weiter reichende Folgen für das Verhalten des Therapeuten und seinen Stellenwert in der therapeutischen Interaktion mit sich bringen. Denn seine »aktive Gegenwärtigkeit« erforderte es, dem Klienten einen persönlichen Kontakt anzubieten und eine dialogische Haltung einzunehmen. Diese Haltung

beinhaltete, daß der Therapeut mehr von sich sehen ließ, daß er ganzheitlicher in den Blick kam und weniger als Guru oder Zauberkünstler, sondern als ein Mensch, der auch mit Fehlern behaftet ist. Die dialogische Haltung legt größeren Wert auf die Sichtbarkeit des Therapeuten als Person, d. h. der Therapeut teilt sich mehr mit. Er teilt mit, was bei ihm abläuft, was er momentan fühlt (und benutzt sein Erleben nicht nur als Anregung, sich für den Patienten Konfrontationen und Experimente einfallen zu lassen); er teilt mehr von seinem Lebenshintergrund mit (soweit das klinisch relevant und nützlich ist). (Yontef 1999, 77)

4.1 Historische Linien

In den Jahren 1985 und 1990 erschienen zwei Artikel von Richard Hycner, in denen er dialogische und relationale Fragestellungen diskutierte, und 1989 brachte die Edition Humanistische Psychologie sein Buch Zwischen Menschen auf Deutsch heraus – noch bevor es 1991 in der Originalsprache in Amerika veröffentlicht wurde. Gleichfalls im Jahr 1989 publizierte Lynne Jacobs einen Text über »Dialogue in Gestalt Theory and Therapy«.26

Diese Veröffentlichungen übten einen dauerhaften Einfluss darauf aus, wie die Gestalttherapie von zahlreichen Gestalttherapeutinnen verstanden wurde. Für sie galt die Gestalttherapie von den 1980er Jahren an als ein relationaler Zugang zur Psychotherapie, bei dem die Therapeuten eine dialogische Haltung gegenüber ihren Klientinnen einnahmen. Bisweilen ging diese relationale Wende mit einer ablehnenden Haltung gegenüber therapeutischen Techniken (wie etwa denen, die einen leeren Stuhl benutzen) einher, die durch Perls’ Demonstrationen in Esalen berühmt und berüchtigt geworden waren, die aber, wovon ich überzeugt bin, dennoch auf sinnvolle Weise innerhalb eines dialogischen Therapieverständnisses verwendet werden können (vgl. Yontef & Schulz 2016): »Die Betonung auf der Beziehung macht den Gebrauch der Techniken raffinierter« (Yontef 1991, 114).

Bisweilen wurde die individualistische Phase aber einfach ignoriert oder totgeschwiegen, während das neue, dialogisch-relationale Verständnis der Gestalttherapie rückblickend den vorangegangenen Jahrzehnten mit zugeschrieben wurde. So gibt es manche Darstellungen der Quellen, aus denen sich die Gestalttherapie ursprünglich entwickelt hatte, in denen Bezüge zu Bubers Gedanken und Schriften prominent enthalten sind (vgl. z. B. Boeckh 2006, 15; Bowman 2005, 12; Clarkson & Mackewn 1995, 84 ff.; Doubrawa 2016, 191; Frambach 1996; Korb, Gorrell & van de Riet 1989, 16) – so als ob Buber schon immer ein ursprünglicher Theoretiker der Gestalttherapie gewesen wäre.

Das mag aus einem relationalen Blickwinkel heraus zwar gut gemeint sein, lässt sich aber historisch nicht belegen und stellt meines Erachtens eine schönfärberische und daher verfälschende Repräsentation der Geschichte dar.27 Rich Hycner hat die Situation, die vor der relationalen Wende bestand, m. E. treffender beschrieben:

Innerhalb gestalttherapeutischer Theoriebildung ist zuviel Wert auf bestimmte Funktionen des Menschen gelegt worden, als ob diese irgendwie getrennt von der Person existierten, die sowohl über die Funktionen verfügt als auch aus ihnen besteht … Das wirkt auf mich, als ginge zumindest in der Theorie (und bedauerlicherweise auch zeitweilig in der Praxis) die Person verloren. In anderen Worten: Beim Lesen vieler theoretischer Schriften entsteht der Eindruck, daß die wirkliche Grundlage der Gestalttherapie nicht in der dialogischen Beziehung und den Menschen in dieser Beziehung zu suchen ist, sondern vielmehr in ›Bewußtheit‹, ›Kontakt‹, ›Gestalten‹, ›Organismen‹, ›Figur und Hintergrund‹, ›Gestaltschließung‹ oder ›Widerstand‹. (1999a, 54)

Mit dieser historischen Einordnung möchte ich natürlich keinesfalls die Fortschritte infrage stellen, die die relationale Wende mit sich brachte – ganz im Gegenteil! Für mich gibt es keinen Zweifel daran, dass zahllose Klientinnen, die von ihren Gestalttherapeuten so behandelt worden waren, wie Perls mit seiner Klientin Gloria umgesprungen war (siehe Burry 2008; Dolliver 1991; Dolliver, Gold & Gold 1980; Shostrom 1965), große Erleichterung empfanden, als ihre Therapeutinnen anfingen, ihnen ernsthaft zuzuhören, sich um ein Verständnis ihrer Standpunkte zu bemühen, ihren Perspektiven gleiche Gültigkeit im therapeutischen Gespräch zuzugestehen und die Deutungsmacht fair mit ihnen zu teilen (vgl. auch Anhang 128).

Theoretische Ergänzung 7

Hier spielten die Zeichen der Zeit natürlich eine Rolle: Die relationale Wende in der Gestalttherapie fand im Rahmen eines Zeitgeistes statt, der zugleich andere relationale Entwicklungen begünstigte, zum Beispiel innerhalb der Psychoanalyse (vgl. Mitchell & Aron 1999), wo manchmal von einer »intersubjektiven Wende« gesprochen wird (vgl. z. B. Ermann 2014).

Wachtel beschreibt die relationale Grundeinsicht folgendermaßen:

Aus dem Blickwinkel der relationalen Psychoanalyse ist der Analytiker nicht ein reiner Beobachter, der das Verhalten oder die Erfahrung des Patienten spiegelt, sondern er ist ein aktiv Teilnehmender, der gemeinsam mit dem Patienten hervorbringt, was sich im Therapiezimmer ereignet. Relationale Analytiker betonen, dass das Leben jedes Menschen in ein Netz oder eine Matrix von Beziehungen eingebettet ist, und stellen damit den radikalen Individualismus infrage, auf dem die Vorgehensweisen ihrer Vorgänger beruhten. Die Wirkung des Therapeuten darauf, wie der Patient sich selbst und seine Optionen im Leben betrachtet, ist nichts, das sich vermeiden ließe; es ist anzuerkennen. (2014a, 343)

Ich denke, die Ähnlichkeiten mit der relationalen Wende in der Gestalttherapie sind offensichtlich.

Für mich persönlich war in diesem Zusammenhang eine Erfahrung besonders eindrücklich, die ich vor vielen Jahren mit einem meiner Klienten gemacht habe:

Beispiel aus der Praxis 2

Mein Klient F., ein Berufskollege, ging mir auf besondere Weise zu Herzen. Mein Mitgefühl war stark angesprochen, wenn ich sah, auf wie weit reichende Weise eine chronische Krankheit das Leben eines Menschen beeinträchtigen kann. Seit F. erkrankt war, litt er unter zahlreichen Symptomen, insbesondere einer meist empfundenen großen Müdigkeit und Kraftlosigkeit, durch die er sich in fast allen Lebensbereichen sehr eingeschränkt fühlte.

Besonders einschneidend war für ihn die Tatsache, dass er deshalb am sozialen Leben kaum noch teilnehmen konnte, weil er abends und an Wochenenden kaum noch die Energie aufbrachte, Kontakte zu pflegen oder Veranstaltungen zu besuchen. Wegen seiner seltenen Erreichbarkeit hatten sich manche seiner Bekannten von ihm zurückgezogen. So kam zu Schmerzen und chronischer Erschöpfung eine zunehmende Einsamkeit hinzu, die dadurch noch verstärkt wurde, dass F. sich für seine Krankheit und seinen dadurch bedingten Zustand sehr schämte. Einem Großteil der Menschen, mit denen er zu tun hatte, verheimlichte er daher seine Erkrankung und zog sich seinerseits aus vielen Beziehungen zurück.

Mit den letzten zwei Sätzen bin ich dazu übergegangen, nicht mehr vorwiegend über F.s körperliche Krankheit zu schreiben, sondern über seine psychische Krankheitsverarbeitung, die überwiegend in einem Widerstand oder sogar in einem Kampf gegen die Krankheit bestand. Er sträubte sich immer wieder mit großem psychischem Aufwand gegen die Tatsache seiner Erkrankung, die er als einen Makel begriff und für die er sich abwertete. Die Möglichkeit, sich mit seiner Krankheit und deren Folgen zu akzeptieren, Mitgefühl mit sich zu empfinden oder sich gar ›trotzdem‹ zu mögen, hielt er für geradezu bedrohlich, da er befürchtete, in diesem Fall völlig leistungsunfähig zu werden und sich nicht mehr selbst versorgen zu können.

Die Scham und der Kampf gegen sich selbst standen folglich im Mittelpunkt unserer gemeinsamen Arbeit. Der speziellen Sitzung, die ich im Weiteren beschreiben will, gingen zwei andere voraus. Vor der ersten dieser beiden Sitzungen hatte er mir geschrieben, er habe Angst vor unserer Stunde und davor, »alles kaputtzumachen«. Wir beschäftigten uns dann mit der Möglichkeit des Selbstmitgefühls und versuchten, eine neue Seite in ihm zu etablieren, mit der er sich wohlwollend, liebevoll und unterstützend jener anderen Seite in sich zuwenden konnte, die litt und Angst hatte (vgl. Staemmler 2015, 346 ff.). In der zweiten vorangehenden Stunde stand seine selbstabwertende Seite im Vordergrund, mit der er sich das Leben zusätzlich schwer machte; dabei wurde klar, dass sein Kampf gegen die Krankheit, so paradox es auf den ersten Blick erscheinen mochte, u. a. einer fürsorglichen Motivation entsprang.

Der Verlauf dieser beiden Sitzungen zeigte eine für mich auffällige Parallele: Von den ca. 90 Minuten, die wir jeweils arbeiteten, empfand ich in beiden Fällen die zweite Hälfte als kooperativ und konstruktiv. Aber die jeweils erste Hälfte war für mich extrem anstrengend: Während er mir einerseits eindringlich vermittelte, wie verzweifelt er war und wie dringend er Hilfe benötigte, übernahm er keinerlei Verantwortung für sich und seine Verhaltens- und Erlebensweisen, beklagte sein schreckliches Schicksal, hatte gleichzeitig gegen jeden Vorschlag, den ich ihm machte, einen Einwand, an jeder Rückmeldung, die ich ihm gab, etwas auszusetzen oder wenigstens zu korrigieren, und an jedem persönlichen Eindruck, den ich ihm zurückmeldete, stimmte etwas für ihn nicht. Es entstand für mein Gefühl keinerlei Fluss in unserem Dialog, und ich fühlte mich mit jedem Impuls, den ich einbrachte, ausgebremst oder blockiert. Meine Mitteilungen über mein Erleben dieser für mich frustrierenden Interaktion liefen auf die eine oder andere Weise ins Leere.

Nach ungefähr der Hälfte der einen Sitzung sagte ich zu ihm, dass ich kurz davor sei zu kapitulieren. An dem vergleichbaren Punkt in der anderen Sitzung bot ich ihm an, die Arbeit für dieses Mal zu beenden und auf mein Honorar für die zweite Hälfte der Sitzung zu verzichten. Erst nach diesen Mitteilungen begann die jeweilige Sitzung auf eine Weise zu verlaufen, die mir konstruktiver und für ihn hilfreicher zu sein schien. In der zweiten Sitzung hatte ich dann sogar den Eindruck, dass er anfing, sich aktiv und eigenverantwortlich an der Arbeit zu beteiligen und dabei Fortschritte zu machen.

Von daher war ich im Nachhinein eigentlich ganz zufrieden und umso überraschter, als ich kurz nach der Sitzung von ihm ein Email bekam, in dem er mir schrieb, er sei in heller Panik und befürchte, ich wolle nichts mehr mit ihm zu tun haben. Angesichts der Tatsache, dass ich mich seit vielen Jahren kontinuierlich für ihn engagiert hatte – einschließlich zu Zeiten, in denen die gemeinsame Arbeit mühsam für uns beide war –, lag es für mich auf der Hand zu vermuten, dass seine selbstabwertende Seite gerade die Oberhand gewonnen hatte, er wieder in die Illusion der Verantwortungslosigkeit zurückgefallen war und seine Negativität nun auf mich projizierte. Immerhin wandte er sich mit seiner Angst an mich, sodass ich ihm kurz antworten und ihn, was mich betraf, beruhigen konnte. (Natürlich kam mir der Gedanke, ob hier zwischen uns nicht etwas dem Ähnliches ablief, was in den Beziehungen zwischen ihm und seinen Bekannten vorging und destruktive Auswirkungen hatte, weil es dort subtiler ablief und nicht explizit gemacht wurde.)

Als ich ihn bei nächster Gelegenheit darauf ansprach, dass mir sein in dem Email geschildertes Erleben auf einem psychologischen Niveau zu liegen schien, das er ein paar Stunden zuvor, während unseres Kontakts, schon weit hinter sich gelassen hatte, schilderte er mir den Zustand, aus dem heraus er mir geschrieben hatte: Er war von einem Mittagsschlaf in diesem panischen, kindlichen Zustand aufgewacht, und fühlte sich darin für einige Zeit gefangen, nicht fähig, sein Erleben zu reflektieren, in einen sinnvollen Kontext zu stellen oder irgendwelche anderen, ›erwachsenen‹ Ressourcen zu mobilisieren – außer der, mir zu schreiben.

So viel zur Vorgeschichte. Ich komme nun zur Schilderung der dritten Sitzung innerhalb dieser Sequenz, um die es mir hier im Wesentlichen geht: Ich hatte mir vorgenommen, die Parallelen im Verlauf der vorangegangenen Stunden zum Thema zu machen, war mir allerdings recht unsicher, ob ich damit auf offene Ohren stoßen würde oder ob ich wieder den Eindruck bekommen würde, auf Granit zu beißen. Ich war darum positiv überrascht, als ich bemerkte, dass F. sich von Anfang an engagiert und motiviert zeigte, mit mir zu klären, was da zwischen uns vorgegangen war. Er zeigte auch bei kritischen Anmerkungen von mir keinerlei Anzeichen von Kränkung oder Scham.

Er bestätigte im Prinzip meinen generellen Eindruck von dem gemeinsamen Muster im Verlauf der beiden vorherigen Sitzungen. Er sagte, er habe die jeweiligen ersten Teile der Sitzungen als eine Art »Clinch« erlebt und dabei zwar gespürt, dass er sich allen meinen Bemühungen entgegenstellte, zugleich aber das verzweifelte Gefühl gehabt, »alles falsch zu machen«, ja eigentlich sogar als ganze Person von Grund auf »falsch« zu sein. Er erinnerte sich daran, dieses Gefühl als Kind und Jugendlicher gegenüber seiner Mutter immer wieder gehabt zu haben, der er es nie recht machen konnte, obwohl er ihr, um die Verbindung mit ihr aufrecht zu erhalten, immer wieder Besserung versprach – ohne allerdings je eine Vorstellung oder gar ein klares Wissen davon zu haben, was er konkret tun konnte, um den Erwartungen seiner Mutter zu entsprechen. So war in ihm das nachhaltige Selbstbild entstanden, grundlegend »schwierig« und »falsch« zu sein. (Dieser Satz wirkt in seiner Knappheit zu flach, um die umfassende Bedeutung zu kennzeichnen, die dieses negative Selbstbild für ihn hatte.)

Ich wies ihn darauf hin, dass es sich bei diesem Selbstbild nicht um ein Faktum, sondern um ein Introjekt handelte, dass er im Kontakt mit seiner Mutter gebildet hatte. Da ich inzwischen den Eindruck hatte, mit meinen Formulierungen nicht besonders vorsichtig sein zu müssen, nannte ich dieses Introjekt salopp »Schrott«, um seinen Glauben daran durch die drastische Wortwahl zu erschüttern. Als er das hörte, hellte sich sein Gesicht merklich auf.

Außerdem sagte ich ihm, dass ich neben einigen Parallelen auch einen wichtigen Unterschied zwischen seiner Situation mit seiner Mutter und der mit mir sah: Anders als er es von seiner Mutter in Erinnerung hatte, hatte ich ihn nicht im Unklaren darüber gelassen, was er tun konnte, sondern hatte ihm immer wieder konkrete Vorschläge zu unserem Vorgehen gemacht, die er aber während der ersten Teile unserer Sitzungen nicht aufgegriffen hatte.

Was die beiden zweiten Sitzungshälften anging, hatte er zwar den Eindruck von einer konstruktiveren Zusammenarbeit zwischen uns und einem produktiveren Verlauf bezüglich seiner Problematik gehabt, sich zugleich aber auf sich selbst zurückgeworfen und in spezieller Weise einsam gefühlt. Obwohl er natürlich wahrnahm, wie ich ihn mit meinen Anregungen und Resonanzen begleitete, war es für ihn so, als wäre ich nur irgendwie aus der Distanz bei ihm, ohne dass er mich unmittelbar spüren konnte. So blieb bei ihm trotz Allem der Eindruck zurück, mit seinen Problemen allein gelassen zu werden.

Dies stand in auffälligem Gegensatz zu meinem Erleben. Ich sagte ihm, dass es mir während der »Clinch«–Phasen eher so gegangen sei, dass ich keine Verbindung zwischen uns spüren konnte, dann aber, in den jeweiligen zweiten Hälften der Sitzungen, den Eindruck gehabt hatte, mich sozusagen ›Seite an Seite‹ mit ihm seinen Schwierigkeiten und möglichen Auswegen daraus zuzuwenden. Für mich war gerade dadurch ein Gefühl von Verbundenheit entstanden.

Aber für ihn war es mehr der ›Clinch‹ gewesen, der uns in Verbindung gebracht hatte. So unangenehm diese Phasen für ihn gewesen waren, er hatte sich mit mir dabei dennoch in direktem Kontakt gefühlt. Hier hatten wir unmittelbar miteinander zu tun gehabt, zwar auf unangenehme Weise, aber immerhin. Ich verstand dies so: Indem ich immer wieder unmittelbar auf alle seine Vermeidungsmanöver reagierte, gewann er den Eindruck, dass ich direkt auf ihn einging und wir so in einem engen Austausch miteinander blieben, in dem unsere jeweiligen Beiträge dicht aufeinander folgten und auch inhaltlich eng miteinander verflochten waren. In den späteren Phasen, die ich als konstruktiver empfunden hatte, erlebte er mich mehr als jemanden, der zwar bei ihm war, ihn aber sozusagen ›von außen‹ dabei begleitete, wie er in einen Austausch mit sich selbst trat. (Das wurde möglicherweise durch die Selbstgespräch-Technik begünstigt, die ich eingeführt hatte.)

Ich fragte ihn, wie er denn unser momentanes Gespräch erlebte: Fühlte er sich eher verbunden oder eher allein gelassen? Seine Antwort war klar: verbunden. Er führte das vor allem darauf zurück, dass ich im Vis-à-vis-Kontakt mit ihm sprach, mich dabei engagiert zeigte und er so den Eindruck gewann, dass wir gemeinsam aktiv waren. Wir verständigten uns darauf, in Zukunft aufmerksam dafür zu bleiben, dass er sich mit mir verbunden fühlen konnte, während wir an seinen Problem arbeiteten; mein Beitrag dazu würde darin bestehen, meine persönlichen Resonanzen und eigenen Gedanken immer wieder deutlich zum Ausdruck zu bringen.

Am folgenden Tag erhielt ich ein Email von ihm, in dem u. a. Folgendes stand:

Ich war sehr überrascht, wie ich mich nach der Sitzung fühlte. Das Gefühl von Glück, das aus dem Empfinden von Leichtigkeit und Verbundenheit resultiert, kenne ich so nicht. Ich weiß nicht, ob ich mich jemals auf diese Art glücklich gefühlt habe. Es ist kein ›lautes‹ Gefühl, und es muss nicht nach außen. Es ist meins, und dennoch möchte ich es teilen. Dir davon zu erzählen, hilft mir, wieder etwas davon zu spüren. Ich kann es nicht behalten, ich erinnere mich und es hallt nach, aber ich spüre es nicht mehr so wie gestern. Und ich habe eine große Sehnsucht danach – es erscheint mir wie eine Erlösung.

Für mich war diese Erfahrung insofern sehr lehrreich, als sie mir half, auf der Ebene der unmittelbaren Erfahrung einen wichtigen Aspekt der relationalen Wende zu verstehen: die Offenheit von Gestalttherapeuten im Bezug auf ihre persönliche (manchmal auch »real« genannte) Wirkung darauf, wie ihre Klienten sie erleben und auf sie reagieren. So werden zum Beispiel Irritationen in der therapeutischen Beziehung nicht mehr stereotyp als ausschließliches Resultat der Projektionen oder Übertragungen der Klientinnen verstanden (vgl. Alexander, Brickman, Jacobs, Trop & Yontef 1992; Jacobs 2010): »Wenn es einen Riss in der therapeutischen Beziehung gibt, sei er geringfügig oder riesig, ist der Therapeut ein Teil dieser Störung« (Yontef 2002, 21).

Aus dieser Haltung heraus entwickelten Gestalttherapeutinnen eine Neugier auf die Dynamik ihrer Interaktionen mit ihren Klienten und begannen, Fragen wie z. B. die folgende zu stellen: »Was ist es nach deiner Meinung, das ich zu den Schwierigkeiten beitrage, in denen wir uns gerade befinden?« Der offene Charakter solcher Fragen sowie die Bereitschaft der Therapeutin, sich infrage stellen oder kritisieren zu lassen, machten den therapeutischen Prozess natürlich weniger vorhersagbar und verlangten von der Therapeutin, sichtbar zu werden und sich der therapeutischen Begegnung in möglichst wenig defensiver und selbstschützender Weise auszusetzen.

An diesem Punkt verknüpft sich die dialogische Haltung unauflöslich mit der am aktuellen Prozess der jeweiligen Klientin orientierten Vorgehensweise in der Gestalttherapie. Erst durch diese Verbindung bekommt Perls’ Schlagwort vom »Hier und Jetzt und … Ich und Du« (1980, 152) ihre gültige Bedeutung: Unter solchen dialogischen Bedingungen beruht

die therapeutische Kokreation auf Improvisation … : Sie kann sich nicht als die Folge vorsätzlich geplanter, bekannter, schematischer und kenntnisreicher Prozesse ereignen, sondern dort, wo eine Begegnung von Person zu Person stattfindet, in der die Beteiligten … sich zum Instrument der Beziehung selbst machen.… Die therapeutische Begegnung als improvisierte Kokreation zu betrachten ist ein sehr fortschrittliches, aber nicht minder schwieriges und divergentes, jedoch auch universelles und nutzbringendes Konzept in der Theorie psychotherapeutischer Praxis. (Spagnuolo Lobb 2006, 45 f.)29

Ich zitiere Spagnuolo Lobbs letzte Formulierung von einem »universellen Konzept« u. a., weil sie damit den engen Bereich der Gestalttherapie verlässt und auf den größeren therapeutischen Kontext verweist: Denn nicht nur in der Gestalttherapie, sondern auch in zahlreichen anderen Therapieformen fand – natürlich in Schulen-spezifischen Varianten – mehr oder weniger gleichzeitig eine relationale Wende statt. Diese parallelen Entwicklungen schufen so etwas wie einen gemeinsamen Nenner, auf dem sich die oft konkurrierenden oder sogar einander feindlich gesonnenen therapeutischen Ansätze treffen konnten. Dadurch öffneten sich viele bis dahin weitgehend verschlossene Türen des interdisziplinären Austauschs.

Obwohl die Gestalttherapie in manchen Kreisen anderer therapeutischer Ansätze selbst heute noch in dem (oft schlechten) Ruf steht, den sie sich in den 1960er- und ’70er-Jahren zuzog,30 hat die relationale Wende den Weg zu einem fruchtbareren Austausch mit Therapeuten derjenigen Schulen geebnet, die ebenfalls die Bedeutung von Intersubjektivität, Empathie und Kokreativität in der therapeutischen Begegnung betonen (vgl. Bocian & Staemmler 2013; Staemmler 2009a; 2013a).

Die relationale Wende hatte darüber hinaus einen positiven Einfluss auf ihre Beziehungen zu weiteren wissenschaftlichen Kreisen, insbesondere zu den psychologischen sowie zu einigen philosophischen. Diese erfreuliche Entwicklung hatte viele Facetten, darunter die Tatsache, dass Gestalttherapeuten ein Interesse an einer sinnvollen Integration von Erkenntnissen aus externen Quellen entwickelten, das sehr viel differenzierter angelegt war als die meisten der »Gestalt und …«–Versuche früherer Jahre, die damals wegen ihrer theoretischen Unbedarftheit von Lore Perls (1989, 106) oder Gary Yontef (1999, 69 f.) nachdrücklich kritisiert worden waren.

Zahlreiche Beispiele für solche wenig ausgegorenen Verknüpfungen erwähnt Hilarion Petzold (1973, 21) – damals noch unkritisch –, dessen spätere Arbeit an einer Integrativen Therapie, die sich u. a. auf gestalttherapeutische Quellen stützt, selbst als ein prominentes Beispiel für die neuartigen Integrationsbemühungen auf einem hohen theoretischen Niveau zu nennen ist (vgl. Petzold 1993a/b/c). Andere Beispiele, die allerdings weniger komplex sind, finden sich bei Lynne Jacobs’ (1995a; 2013) Verknüpfungen der Gestalttherapie mit der psychoanalytischen Selbsttheorie Kohuts (vgl. auch Sapriel 1998), Tobins (2004) und Figgess’ (2009) Versuche, Vorgehensweisen des EMDR mit der Gestalttherapie zu verbinden, oder Greenbergs (2011) Entwurf einer Emotionsfokussierten Therapie, die sowohl auf der Gestalttherapie als auch auf Rogers’ (1972) Klient-bezogener Gesprächstherapie31 und Gendlins (1998; vgl. auch Renn 2016) Focusing aufbaut.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Innerhalb der Gestalttherapie selbst haben sich durch die relationale Wende zwei Schwerpunkte herausgebildet, die in engem Zusammenhang zueinander stehen; der eine bezieht sich auf ethische Aspekte des therapeutischen Dialogs, der andere auf inhaltliche Aspekte:

Ein relationales Verständnis verlangt vom Therapeuten erstens, den Klienten so weit wie möglich aus einer Ich-Du-Haltung heraus zu betrachten und anzusprechen (im Sinne von Bubers Ethik – vgl. Kapitel 4.3 sowie Staemmler 1993; 1994). Denn »es handelt sich um eine Form der Gestalttherapie, die vom Therapeuten Respekt und Mitgefühl für den Klienten sowie die Bereitschaft verlangt, sich weitgehend auf den Erfahrungshorizont des Klienten einzulassen« (Yontef 2002, 32). Dazu gehört der Wille des Therapeuten, auf eine einseitige Beanspruchung der Deutungsmacht zu verzichten und sich zusammen mit dem Klienten für die Herausarbeitung gemeinsamer Bedeutungen zu engagieren: »Die Wirklichkeit des Therapeuten ist nicht gültiger als die der Patientin« (a.a.O., 17 – H.i.O.; vgl. auch Anhang 1).32 Donna Orange fordert in diesem Zusammenhang von Therapeuten ein »Fehlbarkeitsbewusstsein« (2004, 51 ff.).

In diesem Sinne lässt sich der relationale Standpunkt normativ verstehen.

Er verweist auf das Ausmaß, zu dem Menschen für andersartige Perspektiven offen sind. In diesem Verständnis gilt ein Gespräch, bei dem eine Person die Ansichten einer anderen berücksichtigt – und vice versa –, als dialogischer als ein Gespräch, bei dem eine Person der anderen nicht wirklich zuhört oder deren Meinung nicht ernst nimmt. (Akkerman & Niessen 2012, 58)

Der zweite Schwerpunkt bezieht sich auf den Inhalt des Dialogs. Damit ist gemeint, dass die Aufmerksamkeit des Therapeuten nicht nur auf die individuellen psychologischen Prozesse des Klienten konzentriert ist, sondern auch auf die interpersonalen Prozesse, die zwischen Klient und Therapeut ablaufen. Dazu gehört seit der relationalen Wende, dass der Therapeut die interpersonalen Prozesse ebenso anspricht, wie die Beiträge, die beide Teilnehmer individuell dazu leisten, d. h. seine eigenen Beiträge genauso wie die des Klienten.

4.2 Das therapeutische Beziehungsangebot – Psychologische Aspekte

Sobald es in den 1980er-Jahren innerhalb gestalttherapeutischer Kreise mehrheitsfähig geworden war, der therapeutischen Beziehung eine besondere Bedeutung beizumessen, wurde es möglich, den Anschluss an wichtige Ergebnisse der Psychotherapieforschung zu finden und die Gestalttherapie auf diese Weise nicht nur mit anderen Therapieformen, sondern auch mit der für sie relevanten empirischen Wissenschaft in Verbindung zu bringen. Denn durch diese Entwicklung wurde nun ein gemeinsamer Nenner mit der Psychotherapieforschung sichtbar, deren Resultate gleichfalls die große Wichtigkeit der therapeutischen Beziehung betonen (vgl. z. B. Ardito & Rabellino 2011; Lambert & Barley 2001; Norcross 2011).

Theoretische Ergänzung 8

In der Psychotherapieforschung hat sich für die therapeutische Beziehung die folgende Definition durchgesetzt: »Die Beziehung besteht in den Gefühlen und Einstellungen, die Therapeut und Klient füreinander haben, und in der Art und Weise, wie diese zum Ausdruck gebracht werden« (Gelso & Carter 1985, 159).

Im positiven Fall schafft das Therapeutenverhalten eine Voraussetzung dafür, dass sich die Beziehung positiv entwickelt und das entsteht, was in der Forschungsliteratur häufig als »Allianz« bezeichnet wird – eine Atmosphäre von Partnerschaft und guter Zusammenarbeit zwischen den Beteiligten.

Dabei scheint es für die empirische Forschung typisch zu sein, dass sie vieles vorwiegend unter dem Blickwinkel der Effizienz sieht. So wurde die therapeutische Beziehung häufig unter der Fragestellung betrachtet, welchen Anteil sie zur Wirksamkeit einer Therapie beiträgt. Ich möchte, weil diese Fragestellung auf den folgenden Seiten immer wieder im Hintergrund mitschwingen wird, daher gleich zu Anfang dieses Abschnitts betonen, dass der (etwa am Verschwinden von Symptomen) messbare Therapieerfolg für mich nicht das alleinige oder oberste Kriterium darstellt, anhand dessen ich die Qualität einer zwischenmenschlichen Beziehung bewerte – auch die therapeutische Beziehung ist ja eine zwischenmenschliche Beziehung.

Qualität der Beziehung, Methoden und Techniken

Für mich überraschenderweise habe ich bei meinen Recherchen sogar in dem klassischen Lehrbuch der Psychiatrie von Eugen Bleuler eine Feststellung gefunden, durch die ich mich in meiner Haltung bestätigt sehe:

Die therapeutische Bedeutung des Verhältnisses des Arztes zu seinem Kranken wird am besten verstanden, wenn man es an der Bedeutung mißt, die alle menschlichen Beziehungen für die Prägung der Persönlichkeit und für das Befinden haben: Wir werden zu dem, was wir sind, im Zusammenhang mit den Beziehungen zu unseren Eltern, später zu Kameraden, Vorgesetzten und Untergebenen, zu allen, mit denen wir in Berührung kommen. Und unser alltägliches Befinden hängt weitgehend davon ab, wie unsere Beziehungen zu anderen sind und wie wir sie uns vorstellen. Unser Bedürfnis ist stark, sowohl Hilfe, Stütze und Liebe zu erhalten, wie Hilfe, Stütze und Liebe zu geben. (1916/1979, 141).

In therapeutischen Beziehungen zählen für mich vor allem die humanen Aspekte, wie sie bei Bleuler anklingen und wie ich sie im Folgenden noch eingehender beschreiben werde (vgl. insbesondere Kapitel 4.3). Eine Wirksamkeit, die zu Lasten von Humanität erreicht wird, hat für mich einen nicht zu rechtfertigenden, überhöhten Preis. Um es an einem krassen Beispiel zu verdeutlichen: Methoden wie Gehirnwäsche oder Folter mögen äußerst wirksame Mittel zur psychischen Veränderung einer Person darstellen, aber ihre Effizienz wird unter Aufgabe humaner Werte bewerkstelligt, die für mich oberste Priorität besitzen müssen. Anders gesagt: Wenn Beziehungsmuster von Dominanz und Unterwerfung, von Machtausübung und Hilflosigkeit den Weg für effektive Einflussnahme bereiten, bin ich bereit, auf die auf diesem Weg hervorgerufene Veränderung zu verzichten.

Die krassen Beispiele von Folter oder Gehirnwäsche sollen nur der Verdeutlichung im Grundsatz dienen. Die Wirklichkeit in psychotherapeutischen Praxen und Kliniken ist glücklicherweise meist nicht so extrem. Und doch stellt sich dort prinzipiell dieselbe Frage: Heiligt der Zweck die Mittel? Soll den therapeutischen Techniken, die eine möglichst effiziente Veränderung versprechen, der Vorrang vor der Qualität der therapeutischen Beziehung gegeben werden, deren Aufbau und Aufrechterhaltung Geduld und Zeit benötigt und einige Unabwägbarkeiten mit sich bringt?

Klientinnen selbst scheinen hier den größeren Wert auf die Güte ihrer Beziehung zum Therapeuten zu legen als auf schnelle Besserung: Swift berichtet von seinen bemerkenswerten Untersuchungsergebnissen, »dass Klienten eine wenig effektive Behandlung bei einem Therapeuten, zu dem sie eine gute Beziehung aufbauen können, einer sehr effektiven Behandlung vorziehen, wenn sie zum Therapeuten … keine Beziehung herstellen können« (2015, 50). Ich denke daher, ich befinde mich mit meiner persönliche Wertentscheidung im Einklang mit einer Mehrheit von Klienten, wenn es um solche Alternativen geht.

Es gibt nun allerdings einige Einsichten aus der Psychotherapieforschung, die darauf hinweisen, dass die Alternativen möglicherweise gar nicht so beschaffen sind, wie sie zunächst aussehen.33 Es scheint sich nämlich zu zeigen, dass die zum Einsatz kommenden therapeutischen Techniken unter dem Strich einen geringeren Einfluss auf den Erfolg einer Therapie ausüben als die Qualität der therapeutischen Beziehung.

Dieser Meinung war Carl Rogers schon im Jahr 1957, in dem sein viel beachteter Text über »die notwendigen und hinreichenden Bedingungen für Persönlichkeitsentwicklung durch Psychotherapie« im Original erschien.34 Darin schrieb er:

Hinsichtlich der Theorie, die hier vorgestellt wird, ist die Technik in keiner Weise eine wesentliche Bedingung für Therapie. In dem Ausmaß jedoch, indem sie einen Kanal zur Verfügung stellt, durch den der Therapeut eine feinfühlige Empathie und eine bedingungslose Zuwendung zum Ausdruck bringt, kann sie als technischer Kanal dienen, durch den die wesentlichen Bedingungen von Therapie erfüllt werden. (1991, 183)

Wenn das so ist, kann man Irving Yaloms folgenden Bericht als eine eindrückliche Illustration dieses Sachverhalts verstehen:

Beispiel aus der Praxis 3

Mein Vater starb mit sechsundvierzig beinahe an einem Herzanfall. Es geschah mitten in der Nacht. Ich, vierzehn Jahre alt, war entsetzt, und meine Mutter war so außer sich, dass sie irgendeine Erklärung zu finden versuchte, jemanden, dem sie die Schuld an diesem Schicksalsschlag geben konnte. Ich war die verfügbare Zielscheibe, und sie ließ mich wissen, dass ich – meine Ungebärdigkeit, meine Respektlosigkeit, meine Störmanöver – voll und ganz für diese Katastrophe verantwortlich war. Während sich mein Vater vor Schmerzen krümmte, schrie sie mich mehr als einmal an diesem Abend an: »Du hast ihn umgebracht!«

Als ich zwölf Jahre später auf der Analytikercouch lag, resultierte meine Beschreibung dieses Vorfalls in einem ungewöhnlichen kurzen Ausbruch von Zärtlichkeit seitens von Olive Smith, meiner ultraorthodoxen Freudianischen Psychoanalytikerin, die mit der Zunge schnalzte, ts ts, als sie sich zu mir beugte und sagte: »Wie schrecklich. Wie furchtbar das für Sie gewesen sein muss.« Ich erinnere mich an keine einzige von ihren klugen, durchdachten und behutsam vorgebrachten Interpretationen. Doch ihre Zuwendung, diesen Augenblick des Mitgefühls – die rechne ich ihr sogar jetzt, fast fünfzig Jahre danach, noch hoch an. (Yalom 2008, 149)

Was für mich an Yaloms Erinnerungen u. a. auffällig ist, hat mit der Perspektive des Klienten zu tun, aus der heraus er von seinen Erfahrungen erzählt. Man kann ja wohlwollend annehmen, dass seine Analytikerin ihre »klugen, durchdachten und behutsam vorgebrachten Interpretationen« nicht willkürlich gewählt hat, sondern davon überzeugt war, dass sie ihrem Klienten damit behilflich sein konnte. Aber aus dessen Perspektive waren sie offenbar nicht entscheidend; ihre Inhalte hat er vergessen. Woran er sich jedoch nachhaltig erinnert, ist der Moment »ihrer Zuwendung, dieser Augenblick des Mitgefühls«.

Die Dichotomie von Technik und Beziehung, wie sie von Rogers oder Yalom suggeriert wird, ist allerdings mit Vorsicht zu betrachten. Denn im guten Sinne ist eine Technik ja die äußere Form, in die die Therapeutin ihre Antwort auf die Situation des Klienten gießt; sie ist sozusagen der »Inhaltsaspekt« einer Mitteilung, der Informationen darüber enthält, um was es geht. Doch jede Mitteilung umfasst unvermeidlicherweise einen »Beziehungsaspekt«, der Hinweise darauf vermittelt, »wie der Sender die Beziehung zwischen sich und dem Empfänger sieht, und ist in diesem Sinn seine persönliche Stellungnahme zum anderen« (Watzlawick et al. 1969, 53 – H.d.V.).

Und der eine Aspekt braucht den anderen; die Kommunikation braucht ein Was, an dem sich ein Wie festmachen kann: »Der Kontakt kommt zustande über eine Beteiligung an etwas Gemeinsamem, einer Idee, einem Interesse, einem Werk, einer Mahlzeit, einem ›Dritten‹. Die Personen sind nicht einfach einander gegenüber, sie sind miteinander um etwas herum« (Lévinas 1997, 48 – H.d.V.). Das Wie und das Was sind »Aspekte«, wie Watzlawick et al. korrekt formulieren, also unterschiedliche Ansichten desselben Vorgangs, die in Abhängigkeit von der gewählten Perspektive für den Betrachter in der Vordergrund rücken, während der jeweils andere Aspekt aber im Hintergrund bestehen bleibt.35

Weil Menschen verkörperte Wesen sind und ihre Interaktion immer »zwischenleiblich« (Merleau-Ponty) ist, hat die Gestalttherapie von jeher Wert darauf gelegt, dass das Wie einer Mitteilung nie vernachlässigt werden darf. Merkwürdigerweise ist unter Gestalttherapeutinnen trotzdem wenig bekannt, dass diese Einsicht bereits in der klassischen Gestaltpsychologie, z. B. von Wolfgang Köhler, vertreten wurde:

Selbst wenn wir die Worte von Menschen verstehen wollen, kann die Art, wie sie sprechen, einen besseren Anhaltspunkt liefern als die Wortbedeutungen an sich.… Weil uns das Verhalten des anderen nur durch unsere Wahrnehmung gegeben ist, muss sich unser Verständnis vor allem auf diese Quelle stützen. (1929/1947, 217 ff. – H.i.O.)

Dieses Wie ist gerade im Kontext von Überlegungen zur Relationalität in der Psychotherapie und ihrem Verhältnis zur therapeutischen Technik insofern bedeutsam, als »Wörter wie ›sich beziehen‹ … im Allgemeinen benutzt [werden], um zu beschreiben, wie Therapeuten und Patienten sich zueinander verhalten. Demgegenüber werden Begriffe wie ›Technik‹ oder ›Intervention‹ verwendet, um zu benennen, was der Therapeut tut« (Norcross & Lambert 2011a, 5 – H.i.O.); so gesehen

formen Beziehung und Technik einander ständig. … Die Beziehung existiert nicht getrennt davon, was der Therapeut in Form von Technik tut, und man kann sich keine Techniken vorstellen, die nicht auch einen Einfluss auf die Beziehung ausüben. Anders gesagt: Techniken und Interventionen sind relationale Handlungen. (Norcross & Lambert 2011b, 5 – H.d.V.)

Ob ein Therapeut seiner Klientin z. B. eine Technik vorschreibt oder vorschlägt und ihr zur eigenen Umsetzung an die Hand gibt, ist Ausdruck dessen, wie er sich auf sie bezieht, und wird die Art und Weise beeinflussen, wie die Klientin die Technik nutzt und wie sie sich auf den Therapeuten bezieht.

Ich schreibe bewusst »beeinflussen« und nicht etwa »festlegen«, denn selbstverständlich hat die Klientin die Möglichkeit, ihre Antwort auf eine Mitteilung des Therapeuten selbst zu wählen. Daran wird deutlich, wie wichtig es ist, die Unterschiedlichkeit in den Perspektiven der Beteiligten zu berücksichtigen. Das findet nach meinem Eindruck seltener statt, als ich es für wünschenswert halte. Wenn von der therapeutischen Beziehung die Rede ist, wird oft so getan, als ob sie mit der Charakterisierung der Haltung der Therapeutin ausreichend beschrieben wäre. Insofern finde ich es z. B. bemerkenswert, dass Norcross und Lambert in ihrem schon zitierten Text, dem sie den Titel »Evidence-based therapy relationships« gaben, feststellen: »Zahlreiche und übereinstimmende Quellen belegen, dass die Person des Psychotherapeuten unauflöslich mit dem Ergebnis der Psychotherapie verknüpft ist« (2011b, 7 – H.i.O.).

Das ist zwar sicher richtig, aber bei dieser Formulierung fällt unter den Tisch, dass jede noch so gut gemeinte und sorgsam kommunizierte Einstellung einer Therapeutin prinzipiell nur so wirksam sein kann, wie sie vom Klienten entsprechend erlebt wird.

Die Wirkung des Therapeutenverhaltens auf den Klienten muss letztlich im Kontext des Erlebens des Klienten von diesem Verhalten verstanden werden, und dieses Erleben steht unter dem Einfluss der einzigartigen Lerngeschichte des Klienten. Dieselbe therapeutische Intervention kann daher von zwei verschiedenen Klienten sehr unterschiedlich aufgefasst werden. Während der eine Klient darin etwas sieht, das die therapeutische Beziehung fördert, empfindet der andere es als etwas, das sie beeinträchtigt. Aus diesem Grund erscheint es unerlässlich, dass der Therapeut versteht, welche Faktoren das Erleben des Klienten von den therapeutischen Interventionen beeinflussen. (Safran, Crocker, McMain & Murray 1990, 155 – H.d.V.)

Aus demselben Grund wäre es illusorisch, wenn Therapeutinnen meinten, ihre eigene positive Einstellung gegenüber ihren Klienten sei hinreichend für eine gute Beziehungsqualität, und es wäre vermessen anzunehmen, Therapeutinnen könnten einseitig eine fruchtbare therapeutischen Beziehung herstellen: Die Qualität der therapeutischen Beziehung resultiert aus der Art und Weise, wie beiden Beteiligten ihre Zusammenarbeit gelingt.36

Theoretische Ergänzung 9

Wenn Therapeutinnen dies nicht beachten, werden sie naiv annehmen, es sei mit ihrem guten Willen und ihrer Kompetenz schon getan. Doch das führt dann leicht dazu, dass sie nicht mehr aufmerksam dafür sind, wie der Klient die Zuwendung der Therapeutin aufnimmt und verarbeitet. Damit allein sind Enttäuschungen und Missverständnisse vorprogrammiert. Daher gilt:

Eine Fehleinschätzung davon, wie der Klient die therapeutische Beziehung erlebt (z. B. zu glauben, sie befinde sich ›in gutem Zustand‹, wenn der Klient diesen Eindruck nicht teilt), kann dazu führen, dass therapeutische Interventionen weniger wirksam werden. Daher empfiehlt es sich, während der gesamten Therapie aktiv im Auge zu behalten, wie der Klient die Beziehung erlebt. (Horvath, Del Re, Flückiger & Symonds 2011, 15)

Denn natürlich kann das, was die Therapeutin auf ihre Weise erlebt, vom Klienten auf andere Weise erlebt werden. Das ist eine basale Tatsache zwischenmenschlicher Kommunikation: Sie »schreibt … ihre Effekte nicht vor. Sie determiniert sie nicht und ist daher nicht ›instruierend‹ (Maturana & Varela 1987, 106). Jede Therapeutin, die Erfahrungen mit eigenen Übertragungen bzw. denen ihrer Klienten hat, wird das bestätigen können.

Und meist ist die Kommunikation ja durchaus komplex in dem Sinne, dass die Beteiligten einander nicht nur auf eine Weise verstehen, sondern den Mitteilungen des jeweils anderen durchaus mehrere, verschiedene Bedeutungen verleihen, die oft nur mit Mühe herauszufinden und zu unterscheiden sind. Die wichtigen in eine Kommunikation einfließenden Bedeutungen herauszuarbeiten, ist Teil des therapeutischen Dialogs, der dann ansteht.

In der Psychoanalyse hat man versucht, zwei grundlegend verschiedene Perspektiven zu berücksichtigen (und dann therapeutisch zu nutzen), die für das Zustandekommen von unterschiedlichen Bedeutungen relevant sein können: das Arbeitsbündnis und die Übertragungsneurose (vgl. Greenson 1966). Manchmal wird in diesem Zusammenhang der problematische Begriff der »therapeutischen Ich-Spaltung« verwendet, den Körner Psychoanalyse-immanent kritisiert, weil er »es erlaubt, zwischen zwei Beziehungen, der neurotischen Übertragungsbeziehung und der relativ unneurotischen Arbeitsbeziehung zu unterscheiden. Der Nutzen dieser Unterscheidung liegt darin, daß sich die Analytiker … nur dann in die persönliche Beziehung zum neurotischen Patienten mit seinen infantilen, drängenden Phantasien und Wünschen einlassen mochten, wenn sie daneben die Sicherheit einer vernünftigen, ›erwachsenen‹ Beziehung erkennen konnten« (1989, 387).

Aus meiner gestalttherapeutischen Perspektive wende ich mich im Grundsatz gegen ein verdinglichendes Instanzenmodell der Psyche, dessen Bestandteil ein »Ich« ist, und bevorzuge eine prozessuale Sichtweise. Außerdem gefällt mir die unnötige Pathologisierung (»Spaltung«) nicht. Ich denke vielmehr, dass es sich hier um eine durchaus sinnvolle, synchrone Aktivierung von (mindestens) zwei Selbst-Positionen des Klienten – der unmittelbar erlebenden und der das Erleben beobachtenden, reflektierenden – handelt, mit denen er auf entsprechend unterschiedliche Weise mit der Therapeutin in Kontakt tritt und gerade dadurch zum Erfolg der Arbeit beiträgt (vgl. Staemmler 2015a). »Was mit der Ich-Spaltung eigentlich gemeint sein sollte, ist die Fähigkeit des Patienten und des Therapeuten, sich auf die therapeutische Situation und die therapeutische Beziehung einzulassen und sich gleichzeitig und/oder nachträglich … davon distanzieren zu können« (Heisterkamp 1993, 129).

Das Gelingen der therapeutischen Zusammenarbeit beruht, wie Edward Bordin in einer Reihe von Publikationen (z. B. 1979; 1994) gezeigt hat, zu einem wesentlichen Teil darauf, dass zwischen Klientin und Therapeut in bestimmten Punkten ein (expliziter oder impliziter) Konsens bzw. eine »Genauigkeit der Passung« (engl.: closeness of fit – 1979, 253) be- bzw. entsteht. Aus seiner Sicht geht es hier hauptsächlich um drei Dimensionen: erstens »eine Übereinstimmung hinsichtlich der Ziele, [zweitens] die entsprechende Zuordnung der Aufgabe oder einer Abfolge von Aufgaben [die von der Klientin bzw. dem Therapeuten zu erfüllen sind], und [drittens] die Entwicklung von Verbundenheit« (a.a.O.).

Die allgemeinen Ziele einer Therapie werden meist schon in den ersten Gesprächen als das Anliegen benannt, weswegen eine Therapie überhaupt gewünscht wird: Eine Klientin gibt vielleicht an, dass sie selbstsicherer werden möchte. Ein Klient wünscht sich, seine Arbeit so zu strukturieren, dass er nicht mehr so sehr unter Druck kommt und mehr Zeit für sich und seine Familie hat. Ein anderer möchte aufhören, Alkohol im Übermaß zu konsumieren, und eine andere strebt an, ihren Körper zu akzeptieren und eventuell sogar zu mögen. In der Regel können Therapeutinnen auf dieser allgemeinen Ebene solche Zielformulierungen akzeptieren und sich so zu eigen machen, dass eine gemeinsame Zielvorstellung entsteht. In den seltenen Fällen, in denen das nicht der Fall ist, muss selbstverständlich darüber verhandelt werden, was die Ziele der gemeinsamen Arbeit sein könnten, die für beide Beteiligte akzeptabel und wünschenswert sind.

Wenn es dann aber um die konkrete therapeutische Arbeit geht, ist es immer wieder erforderlich, das aktuelle Entwicklungsbedürfnis der Klientin Schritt für Schritt zu erarbeiten (vgl. Staemmler 1988). Dies ist ein kleinschrittiger gemeinsamer Prozess – wir sprechen hier von der »Erarbeitung eines therapeutischen Themas« (Staemmler 1993, 232 ff.; Staemmler & Bock 1998, 98 ff.) –, in dessen Verlauf beiden Beteiligten klar wird, in welche Richtung die angestrebte Veränderung gehen muss, welche Hindernisse dabei im Weg stehen und wie sie zu überwinden sind. Das dabei deutlich werdende konkrete Ziel eines Veränderungsprozesses besteht dann in dem Erreichen einer subjektiven Situation, in der die Klientin die erforderlichen Fähigkeiten besitzt und nutzen kann, ihr bislang unbefriedigt gebliebenes Bedürfnis in ihrem Alltag zu befriedigen. Anders gesagt: Ziel eines Veränderungsprozesses ist nicht die Bedürfnisbefriedigung, sondern die subjektive Fähigkeit dazu.37

Was den erforderlichen Konsens über das konkrete Ziel angeht, ergibt er sich aus der schrittweise erfolgenden Abstimmung und Verständigung zwischen Therapeut und Klientin darüber, welche Bedeutung sie jedem während der Erarbeitung des Themas auftauchenden Element im Erleben der Klientin zuordnen wollen und welches Gesamtbild für sie dabei entsteht (vgl. auch Anhang 1). Diese Abstimmungsprozesse sind dann sehr viel minutiöser als die zuvor besprochenen Klärungen der allgemeinen Therapieziele, und mögliche Unterschiede in der jeweiligen Auffassung von einem der einzelnen Aspekte lassen sich meist relativ leicht überbrücken und zu einem Konsens zusammenführen, vorausgesetzt der Therapeut versteht sich nicht als besserwissender Experte, sondern als gleichberechtigter Dialogpartner.

Das notwendige Einverständnis über die Aufgabenverteilung zwischen den Beteiligten ist der zweite Punkt in Bordins Aufzählung. Es sollte Einigkeit darüber bestehen, welchen Beitrag jeder dazu zu leisten hat, dass die festgelegten Ziele erreicht werden können. Es gibt bisher nur einige wenige Versuche, die Aufgabe der Gestalttherapeutin zu umreißen; sie liegen nicht nur auf recht unterschiedlichen Abstraktionsniveaus, sondern setzen auch sehr unterschiedliche Schwerpunkte (vgl. z. B. Fagan 1970; Staemmler & Bock 1998, 135 ff.).

Zu den recht generellen Aufgabenbeschreibungen gehört etwa Richard Hycners Forderung, der Therapeut solle sich als »Hüter des Dialogischen« (1989, 55) verhalten. Für Lore Perls war es

wichtig, keine therapeutische Rolle zu spielen, sondern den Klienten so zu begegnen, wie ich im Augenblick bin: mich mit meinem Hintergrund, mit allem, was mir an Erfahrung, Wissen und Geschick zur Verfügung steht, in der gegebenen Situation in den Dienst des Dialogs, der Begegnung zu stellen. (1989, 179)

René Sassenfeld sieht seine Aufgabe so:

Der Psychotherapeut nimmt … ein komplexeres Bündel an Aufgaben auf sich: einerseits muss er ähnlich dem Patienten seiner eigenen Erfahrung im Rahmen des therapeutischen Raumes besondere Aufmerksamkeit schenken; andererseits trägt er die entscheidende zusätzliche Verantwortung, die Aufrechterhaltung des sich entfaltenden psychotherapeutischen Prozesses zu sichern und zu schützen. Das bedeutet für den Therapeuten, dass – obwohl auch seine eigene Teilnahme am therapeutischen Geschehen erwartet wird – er gleichzeitig einen psychischen Zustand aufrechterhalten muss, der es ihm erlaubt, die therapeutische Qualität des mit dem Patienten geteilten Raumes zu garantieren. (2015, 131)

Etwas technischer orientierte Charakterisierungen der Aufgabe des Therapeuten sprechen davon, dass er die Bewusstheit der Klientin fördern solle; andere sehen es als seine besondere Aufgabe, Verhaltensweisen der Klientin, die er für neurotisch hält, ›geschickt‹ zu frustrieren (engl.: skillful frustration). Eine wiederum ziemlich umfassende Aufgabenstellung formuliert David Mann: »Der Therapeut bringt seine Gefühle, Beobachtungen, Vorlieben, persönliche Erfahrungen und Gedanken zum Ausdruck und liefert der Klientin auf diese Weise ein Modell für phänomenologische Beschreibungen« (2010, 181).

Es ist für mich offensichtlich, dass die Literatur zu dieser Frage noch rudimentär ist und weiterer Klärungsbedarf besteht. Dasselbe gilt – vielleicht sogar in noch stärkerer Ausprägung – für die Aufgabe des Klienten. Viele Klienten tun sich gerade am Anfang einer Therapie nicht leicht, weil sie keine oder nur eine sehr vage Vorstellung davon haben, worin ihr Beitrag zur therapeutischen Arbeit bestehen sollte.38 Das kann nicht nur zu der heiklen Situation führen, dass sie eine Entscheidung für die Therapie treffen sollen, ohne genau zu wissen, was das für sie genau bedeutet, sondern es kann auch zu unnötigem Zeitverlust und zu vermeidbaren Missverständnissen und daraus resultierenden Enttäuschungen sowie zu Beziehungskrisen beitragen, die eventuell zu umgehen wären, wenn Klienten im Vorgespräch klare Informationen darüber erhielten, worin ihre Aufgabe besteht.

»Informed consent« ist sicher ein wünschenswerter Ausgangspunkt für jeden therapeutischen Prozess sowie für die dritte von Bordin genannte Dimension, die Verbundenheit zwischen den Beteiligten, also für das, was im engeren Sinn unter der therapeutischen Beziehung zu verstehen ist. Die erwähnten Unterschiede in der therapeutischen Aufgabenverteilung stellen nur einen Aspekt der Tatsache dar, dass Beziehungen zwischen Menschen – im Allgemeinen wie auch im speziellen Kontext von Psychotherapie – immer mindestens zwei Beteiligte und ihre jeweiligen Perspektiven umfassen.

Die zwei Seiten der Beziehung

Diese Perspektiven sind zwar aufeinander bezogen, aber deswegen keineswegs identisch. Wie der eine den anderen sieht, muss nicht mit dem übereinstimmen, wie der andere den einen sieht, und das ist im therapeutischen Zusammenhang genauso. Gerade weil Relationalität auf zwei unterschiedliche Perspektiven verweist, ist sie nicht gleichbedeutend mit vollständiger Mutualität. Vom Klienten ist z. B. nicht zu verlangen, dass er sich auf seine Therapeutin in gleicher Weise zugewandt und einfühlsam bezieht, wie man es umgekehrt von der Therapeutin in Bezug auf ihn erwarten kann. Aber

von der empathischen Zuwendung der Therapeutin könnte der Klient nicht profitieren, wenn er sie nicht als solche erkennen würde. Und dafür benötigt er selbst empathische Fähigkeiten. Jede Empathie, die die Therapeutin ihm entgegenbringt, bliebe wirkungslos, wenn sie vom Klienten nicht auch als solche erlebt würde. Die Empathie der Therapeutin muss bei ihm zumindest teilweise ›ankommen‹, sonst bringt sie ihm im unmittelbaren Kontakt gar nichts, auch wenn die Therapeutin sich einseitig von ihm vielleicht ein klareres Bild machen kann. (Staemmler 2009a, 65 f.)

»Das hat Implikationen für mich als Berater. Ich muß nicht nur sensibel sein für das, was in mir vor sich geht, und ein Gespür für die Gefühlsströme meines Klienten haben, sondern auch dafür, wie er meine Mitteilungen aufnimmt« (Rogers 1984, 111 – H.d.V.).39 Ich möchte das anhand einer Fallgeschichte verdeutlichen, die am Beispiel einer missglückten Situation zeigt, wie richtig Rogers mit seiner Empfehlung lag:

Beispiel aus der Praxis 4

Eine Frau, mit der ich wegen einer langen Warteliste die gewünschte Therapie nicht gleich beginnen konnte, hatte mich gebeten, mit ihr bis zum Beginn der regulären Therapie gelegentlich eine Sitzung zu machen, wenn einer meiner anderen Klienten aus irgendwelchen Gründen seinen Termin absagte. Dieser Bitte hatte ich entsprochen und im Laufe eines Jahres ungefähr fünf Gespräche mit ihr gehabt.

In einer weiteren derartigen Sitzung brach das grundlegende Leid dieser Frau, das sie bislang hinter einer attraktiven, gut angepassten Fassade verborgen hatte, unter dem Eindruck einer akuten Ehekrise für sie selbst überraschend und auf sehr vehemente Weise hervor. Ihre bislang latente Angst, sie könne verrückt werden oder sei es vielleicht sogar schon, wurde auf sehr krasse, panische Art manifest. Sie konnte nur mit Mühe die Kontrolle über sich bewahren und benötigte viel Unterstützung von mir, ihre Orientierung an der Realität aufrecht zu erhalten. Dabei wurde ihr klar, dass die niedrige Frequenz unserer vorläufigen Sitzungen gemessen an dem, was sie an Unterstützung tatsächlich benötigte, für sie viel zu gering war.

Als unsere Zeit zu Ende ging und sie sich wieder gefasst hatte, sagte ich ihr, dass ich mich »alarmiert« fühlte durch das, was ich von ihr verstanden hatte, und dass ich in Sorge um sie sei, zumal ich ihr nach wie vor aus Zeitgründen noch nicht jene regelmäßige Hilfe anbieten könnte, die sie brauchte. Diese Mitteilung löste einen für mich deutlich erkennbaren Rückzug bei ihr aus.

Ein paar Tage später besuchte sie mich während meiner Sprechstunde, um mir zu sagen, dass sie nicht mehr zu mir kommen und von meiner Warteliste gestrichen werden wollte. Monate später, als ich ihr in anderem Zusammenhang begegnete, stellte sich heraus, dass sie mein Alarmiertsein und meine Sorge um sie als Ausdruck einer vermeintlichen Unsicherheit und Instabilität verstanden hatte, die sie vor dem Hintergrund ihrer eigenen extremen Instabilität, wie sie durch die Ehekrise ausgelöst worden war, nicht tolerieren konnte. –

Wie die Reaktion meiner Klientin zeigte, war die Mitteilung meiner Resonanz ganz offenbar nicht ausreichend auf sie abgestimmt gewesen. Mit dem ersten Teil meiner Mitteilung, ich sei »alarmiert«, hatte ich zwar einen authentischen Ausdruck für meine persönliche Resonanz gefunden, die für mein Empfinden der Ernsthaftigkeit ihrer aktuellen Problematik durchaus entsprach. Meine Mitteilung war von daher vielleicht eine Bestätigung für ihr subjektives Erleben und ein Zeichen meines Verstehens. Zugleich galt meine Wortwahl, wie sich später herausstellte, für sie als Indiz dafür, dass meine Reaktion eher von Angst vor ihrem Zustand getragen sei und nicht, wie ich selbst es empfand, von meinem Engagement für sie.

Möglicherweise hätte es die Situation schon entscheidend verändert, wenn ich mich auf den zweiten Teil meiner Mitteilung beschränkt und nur von meiner Sorge um sie gesprochen hätte, ohne die Formulierung, ich sei »alarmiert«, zu gebrauchen. Dies hätte ihr vielleicht geholfen, sich sowohl in der aufkommenden Panik verstanden zu fühlen als auch genügend Halt und Sicherheit im Kontakt mit mir zu erleben, um die Panik ertragen zu können.

An diesem Beispiel aus der Praxis werden die Tücken sichtbar, die sich daraus ergeben, dass es unmöglich ist, die Art und Weise, wie Klientinnen ihre Therapeuten verstehen, immer treffend vorherzusehen. Eine Mitteilung schreibt, wie schon gesagt, ihre Effekte eben nicht vor. Dass auch im therapeutischen Kontext eine Kommunikation zu Missverständnissen, Irritationen oder zu von der Klientin erlebten Kränkungen (vgl. Staemmler 2016b) führen kann, ist an sich weder überraschend noch muss es unbedingt zum Abbruch der Therapie durch die Klientin führen.40

Ich habe im Gegenteil in den meisten Fällen die Erfahrung gemacht, dass die Beziehungen zwischen Klienten und mir, in denen einmal Irritationen aufgetreten waren, sich auf besondere Weise intensiviert und stabilisiert haben, wenn es uns gelungen war, das Missverständnis zu klären und aufzulösen. Von da an wussten wir beide, dass wir uns darauf verlassen können, gemeinsam schwierige Situationen bewältigen zu können (vgl. auch Kapitel 4.4, Abschnitt »Beziehungskrisen«).

Es sind im Übrigen wohl eher die gar nicht als solche erkannten, die nicht thematisierten41 sowie die nicht zu klärenden Irritationen, die die therapeutische Beziehung belasten oder gar scheitern lassen. Insofern ist es in aller Regel zu begrüßen, wenn Missverständnisse von den Beteiligten angesprochen werden, und ich ermutige meine Klienten bereits im Erstgespräch dazu. Von einem relationalen Standpunkt aus könnte man sogar die Ansicht vertreten, dass die gemeinsame Auseinandersetzung mit Beziehungsproblemen zwischen Therapeutin und Klient – jedenfalls wenn sie nicht zu häufig nötig wird und für beide Beteiligte zufriedenstellend verläuft – einen wichtigen Beitrag zum Erfolg der Therapie leisten kann.

Bei der Arbeit an dem vorliegenden Buch bin ich daher auf die Idee gekommen, zusätzlich einmal außerhalb des unmittelbaren therapeutischen Dialogs nachzuforschen, wie meine Klientinnen im Verlauf ihrer aktuell stattfindenden Therapien aus ihrer Perspektive heraus die Beziehungssituation mit mir erleben: In zwei zufällig ausgewählten Wochen habe ich ihnen am Ende unserer Sitzung einen Fragebogen mitgegeben, den ich selbst zuvor aufgesetzt hatte (vgl. Anhang 2). Die 19 Antworten, die ich bekam, waren für mich unabhängig davon interessant, dass ich natürlich keinerlei Anspruch auf statistische Repräsentativität oder sonstige methodische Gültigkeit erheben kann und will. – Hier ist eine Zusammenfassung der Ergebnisse:

Die erste Frage bezog sich auf die von meinen Klienten erlebte Intensität der gesamten Sitzung, die sie auf einer Skala von 0 (= langweilig) bis 10 (sehr intensiv) einschätzen sollten. Mit dieser Frage wollte ich überprüfen, ob während der Sitzung eine nennenswerte »prozessuale Aktivierung« (vgl. Grawe 1998) stattgefunden und es sich von daher überhaupt um eine für meine Klienten bedeutsame Stunde gehandelt hatte. Da alle Klienten eine Zahl zwischen 7 und 10 angaben, schien mir das insgesamt gegeben zu sein. Die zweite Frage bezog sich auf die Bandbreite der in der Sitzung erlebten Intensität; mit ihr wollte ich den Gesamtwert von Frage 1 etwas differenzierter betrachten. Hier war der niedrigste angegebene Bereich der zwischen 3 und 8, der höchste der zwischen 7 und 10.

Die folgenden Fragen befassten sich dann damit, wie meine Klientinnen mich als ihren Therapeuten erlebt hatten. Hier wollte ich wissen, in welchem Maße ich als Person für sie im Vordergrund ihrer Aufmerksamkeit gewesen war. Dabei war diese Fragestellung wiederum differenziert: Frage 3 bezog sich darauf, welche Bedeutung ich für meine Klientinnen in den am wenigsten intensiven Momenten der Sitzung gehabt hatte, Frage 4 darauf, wie stark der Eindruck meiner Klientinnen von mir in den am intensivsten empfundenen Momenten der Sitzung gehabt hatte. Hier ergab sich im Durchschnitt ein Unterschied in dem Sinne, dass meine Klientinnen sich meiner Präsenz in den am wenigsten intensiven Momenten erkennbar weniger bewusst waren (Durchschnittswert: 6,5) als in den intensivsten (Durchschnittswert: 8).

Mit einer gewissen Plausibilität könnte man ja auch ein umgekehrtes Ergebnis erwarten und annehmen, dass für Klienten in Momenten großer emotionaler Intensität ihr eigenes Erleben so stark im Vordergrund ist, dass die Anwesenheit des Therapeuten etwas mehr in den Hintergrund rückt. Das wollte ich genauer erforschen. Daher lautete Frage 5: »Wenn Du an die Momente zurückdenkst, in denen ich für Dich mehr im Hintergrund Deiner Aufmerksamkeit war: Welche Bedeutung hatte ich in diesen Momenten für Dich?« An sechster Stelle stand die umgekehrte Frage: »Wenn Du an die Momente zurückdenkst, in denen ich für Dich stark im Vordergrund Deiner Aufmerksamkeit war: Welche Bedeutung hatte ich in diesen Momenten für Dich?«

Die Antworten, die ich von meinen Klienten erhielt, waren insofern für mich bemerkenswert, als sie die am Anfang des vorigen Absatzes formulierte Annahme einerseits bestätigten, andererseits aber relativierten, wie aufgrund der Werte für die Fragen 3 und 4 ja auch zu erwarten war. Viele Klienten erläuterten ihr Erleben jener Situationen, in denen ich für sie mehr im Hintergrund gewesen war, mit eigenen Suchvorgängen, in denen sie damit beschäftigt waren, ihre Gedanken zu ordnen und ihre Gefühle präziser zu erfassen. Während dieser Prozesse nahmen sie mich verständlicherweise nicht mehr so stark wahr, der Durchschnittswert von 6,5 zeigt jedoch, dass ich von ihnen immer noch ausreichend prägnant erlebt wurde, um als Unterstützung bei ihren Selbstexplorationen empfunden zu werden.

Typische Kommentare zu Frage 5 waren z. B.: »Die eigene Intensität stand im Vordergrund, aber die Tatsache, Dich berührbar und liebevoll gegenüber (im Hintergrund) zu wissen (zu sehen und zu spüren), ermöglichte es mir erst, die eigene Intensität so in den Vordergrund kommen zu lassen.« – »Ich empfand Dich wie eine sichere Basis; ich glaube, die entsteht mit durch Deine Aufmerksamkeit, Zuwendung und Wertschätzung. Und dadurch kann ich mich mir zuwenden, mit dem Bewusstsein, dass wir das, was wir auf diese Art finden, gemeinsam anschauen.«

Die Frage nach meiner Bedeutung, während ich für meine Klientinnen stark im Vordergrund stand (Frage 6; Durchschnittswert: 8), wurde schwerpunktmäßig anders beantwortet. Hier ging es für manche Klientinnen darum, sich besonders in Situationen, in den sie sich »fallen ließen« und »Kontrolle aufgaben«, meiner Präsenz zu versichern, um sich dabei »gehalten« und »sicher« zu fühlen. Für andere kam ich besonders in den Vordergrund, wenn sie sich heiklen Themen und Gefühlen zuwandten. Anscheinend ging es ihnen um Sicherheit, aber um eine andere als bei der ersten Gruppe, die Halt suchte. Bei der zweiten Hauptgruppe spielte die Suche nach der Sicherheit eine hervorragende Rolle, die sie dadurch gewannen, dass sie genau im Blick behielten, ob ich sie bewertete oder nicht. Dies war verständlicherweise dann in großem Ausmaß der Fall, wenn es um Gefühle von Peinlichkeit und Scham ging.

Typische Kommentare zu Frage 6 waren daher: »Da ich ja das Thema ›Scham‹ mit Dir bearbeitet habe, bin ich natürlich während der gesamten Zeit sehr auf Dich fokussiert, um zu prüfen, wie reagierst Du, wenn ich Dir von diesen speziellen Themen berichte. Vielleicht kann man das so formulieren: Mit Scham ist man sehr aufmerksam, was die Reaktionen des Gegenübers anbelangt, sodass ich während der gesamten Thematik meine Aufmerksamkeit bei Dir hatte.« – »Ich brauchte es zu sehen: Da ist jemand, der sich wahrhaft und wohlwollend für mich und meine Not interessiert und vor dem ich mich nicht schämen muss. Ich fühlte mich wahrgenommen als jemand, der ›nicht falsch‹ ist, und dann nehme ich mich auch wahr als ›ich bin nicht falsch‹.«

Mit der siebten und letzten Frage des Fragebogens bat ich meine Klienten, in eigene Worte zu fassen, welche meiner Verhaltensweisen sie in unseren Sitzungen im Allgemeinen als (a) besonders hilfreich, (b) als eher irrelevant oder (c) als störend oder schädlich empfinden. Um mit dem letzten Punkt zu beginnen: Hier bekam ich nur die Antwort, dass es dazu keine Beispiele gäbe. Über die Gründe dafür kann ich nur spekulieren. Schmeichelhaft, aber zu schön, um wahr zu sein, wäre es natürlich, wenn es mir tatsächlich gelingen würde, meine Klienten weder in ihren Prozessen zu stören noch ihnen irgendwie zu schaden. Vielleicht gab es aber zum fraglichen Zeitpunkt einfach keine aktuellen Irritationen. Und selbstverständlich muss man mit der Möglichkeit rechnen, dass es andere Gründe für die hier ausbleibenden Antworten geben könnte, etwa die Sorge, mit möglicher Kritik die Beziehung mit mir zu belasten.

Zu Frage 7b (nach den als irrelevant empfundenen Verhaltensweisen des Therapeuten) erhielt ich überwiegend dieselben Antworten wie zu Frage 7c, nämlich keine. Aber manche Klienten merkten Dinge an, die sich lohnen zu erwähnen. Eine Klientin schrieb z. B.: »Im Grunde gibt es für mich keine irrelevanten Verhaltensweisen, schon eine herzliche Begrüßung ist bedeutsam dafür, mich öffnen zu können.« Ein anderer Klient nannte hier manche meiner »Ideen oder irgendeine Technik, die bei mir keinen Widerhall finden.«

Zu Frage 7a (nach den für meine Klienten als besonders hilfreichen Verhaltensweisen des Therapeuten) bekam ich einige interessante Auskünfte; eine Klientin zählte z. B. Folgendes auf: »Humorvolle Überzeichnungen nehmen die Schwere – die klaren und eindeutigen Rückmeldungen – das offene Fragen – die gemeinsame Suche nach dem einen treffenden Wort oder Satz für das Erleben – das Zeitgeben zum Spüren und Suchen nach Worten.« Eine andere schrieb: »Dein Spüren, was ich zu welchen Zeitpunkt in der Arbeit brauche, um weitergehen bzw. mich fallenlassen zu können. – Das Zulassen von körperlichem Kontakt (Trost spenden, in den Arm nehmen).« Ein Klient nannte »Deine Berührbarkeit, Humor, Ernsthaftigkeit, zu wissen, dass ich nicht verurteilt werde.« Und ein letztes Beispiel: »Deine Genauigkeit, Klarheit und feine Unterscheidung. Die Zeit, die Du lässt. Deine Art von Körperkontakt – ob das eine Hand auf meinem Bein ist, wenn ich mit geschlossenen Augen etwas intensiv erlebe, ein sanftes Streicheln an der Wange oder mich anlehnen zu dürfen. Die Momente, in denen ich in Deinen Augen Tränen gesehen habe. Humorvolle oder freche Bemerkungen zwischendurch.«

Für mich liegt das wichtigste Ergebnis dieser Befragung darin, dass sich nicht nur zu bestätigen scheint, wie wichtig die Person des Therapeuten und sein Verhalten für die Klientin in vielen Situation ist, sondern dass die Klientinnen das Verhalten ihres Therapeuten offenbar über die Sitzungen hinweg immer wieder sehr genau beobachten und u. a. daraufhin überprüfen, ob ihnen die Wertschätzung und Akzeptanz entgegengebracht wird, auf die sie angewiesen sind, wenn sie Sicherheit und Halt benötigen, insbesondere bei der Beschäftigung mit heiklen Themen. – Ich überlasse eventuelle weitere Interpretation dieser Ergebnisse Ihnen, meinen Leserinnen und Lesern. Mir ging es an dieser Stelle erst einmal darum, Klienten aus ihrer eigenen Perspektive zur Frage nach der therapeutischen Beziehung zu Wort kommen zu lassen.

Rogers’ Variablen und der klinische Kontext

Was sich aber vielleicht jetzt schon vermuten lässt, ist, dass das Erleben meiner Klientinnen von ihrem Therapeuten weitgehend dem entsprach, was Carl Rogers sich davon erhoffte, wenn der Therapeut die von Rogers beschriebenen drei zentralen Dimensionen eines fruchtbaren Beziehungsangebots realisiert: Kongruenz (Echtheit), Empathie und (möglichst bedingungslose) positive Wertschätzung. Die von Rogers charakterisierten Dimensionen – manchmal »Variablen« genannt – waren und sind für Generationen von Therapeutinnen vieler Orientierungen ein wichtiger Maßstab dafür, wie sie versuchen, positiv auf die Entwicklung der therapeutische Beziehungen mit ihren Klientinnen einzuwirken.

Obwohl Rogers’ Variablen weithin bekannt sind, scheint es mir sinnvoll, sie hier wiederzugeben; damit die Lektüre für diejenigen meiner Leser nicht langweilig wird, die hinlänglich mit Rogers’ Positionen vertraut sind, zitiere ich zur Abwechslung aus einem seiner weniger bekannten Texte (Rogers 1984):

Kongruenz

Meine erste Hypothese besagt, daß persönliches Wachstum dann begünstigt wird, wenn der Therapeut lebt, was er wirklich ist, wenn er in seiner Beziehung mit dem Klienten echt und ohne Fassade bleibt, also ganz offen Gefühle und Einstellungen lebt, die ihn im Augenblick bewegen. (a.a.O., 104 – H.i.O.)

Empathie

Die zweite wesentliche Bedingung der therapeutischen Beziehung besteht nach meiner Ansicht darin, daß der Therapeut ein präzises einfühlendes Verstehen für die persönliche Welt des Klienten entwickelt und daß er fähig ist, von den Fragmenten des so Verstandenen einiges Wesentliche mitzuteilen. Die innere Welt des Klienten mit ihren ganz persönlichen Bedeutungen so zu verspüren, als wäre sie die eigene (doch ohne die Qualität des »als ob« zu verlieren), das ist Empathie, und das scheint mir das Wesentliche für eine wachstumsfördernde Beziehung zu sein. (a.a.O., 107)

Theoretische Ergänzung 10

Ich habe an anderer Stelle (Staemmler 2009a) deutlich gemacht, dass diese Sicht von Empathie eine kognitivistische Schlagseite hat, bei der der Bezug zur Leiblichkeit zu kurz kommt. Dabei verhielt Rogers sich als Person durchaus nicht grundsätzlich körperlich distanziert, sondern drückte sowohl seine Anteilnahme als auch seine positive Wertschätzung bei Gelegenheit durchaus sehr direkt aus, wie er berichtet:

Mit der Zeit habe ich gelernt, mit physischem Kontakt zu reagieren, wenn es wirklich, spontan und angemessen scheint. Als einmal eine junge Frau zu weinen begann, weil sie geträumt hatte, daß niemand in der Gruppe sie liebt, umarmte und küßte ich sie und streichelte ihr Haar. Wenn eine Person leidet, und ich spüre in mir den Wunsch, zu ihr zu gehen und meinen Arm um sie zu legen, dann tue ich das. (1974, 65)

Positive Wertschätzung

Nun zur dritten Bedingung. Meine Hypothese lautet hier, daß umso eher eine Weiterentwicklung eintritt, je ausgeprägter der Therapeut eine warmherzige, positive und akzeptierende Haltung den Vorgängen im Klienten gegenüber einnimmt. Dies bedeutet, daß er den Klienten als Persönlichkeit schätzt … Es bedeutet, daß er seinen Klienten in einer nicht besitzergreifenden Weise, als einen Menschen voller Möglichkeiten mag. Es schließt eine offene Bereitschaft für den Klienten ein, die ihm alle Gefühle gestattet, die im Augenblick in ihm vorhanden sind: Feindseligkeit und Zärtlichkeit, Auflehnung und Fügsamkeit, Selbstvertrauen und Selbstentwertung. … Das Gefühl, das ich beschreibe, ist weder patriarchalisch noch sentimental, auch ist es nicht von einer oberflächlich-liebenswürdigen Zuwendung. Es achtet den anderen Menschen als eigenständiges Individuum ergreift nicht Besitz von ihm. Es ist eine Art der Zuneigung, die Kraft hat und die nicht fordert. (Rogers 1984, 109)

Wahrscheinlich ist es für die meisten Menschen, mit Sicherheit aber für diejenigen, die therapeutische Unterstützung suchen, wohltuend, wenn sie sich von einem Therapeuten, der auf sie authentisch und vertrauenswürdig wirkt, emotional verstanden und als die Person, als die sie sich erleben, gesehen, anerkannt und geschätzt fühlen – unabhängig davon, in welcher subjektiven Situation sie sich gerade befinden. Heinz Kohut, der (im psychoanalytischen Kontext) ähnlich viel Gewicht auf die Empathie des Therapeuten legte wie Carl Rogers (im personzentrierten Kontext), hat das schön zum Ausdruck gebracht, als er schrieb:

Die Aufmerksamkeit eines anderen Menschen zu erfahren – dass einem zugehört wird, dass man beachtet und verstanden wird, dass der andere sich über einen Gedanken macht und sich an einen erinnert –, ist nichts ›Neutrales‹; vielmehr handelt es sich dabei um eine der subjektiv bedeutsamsten Erfahrungen, die ein Mensch machen kann. (2011, 498)

Das gilt natürlich nicht nur für therapeutische, sondern genauso für andere Beziehungen. Daher behauptete Rogers, »daß die therapeutische Beziehung nur einen Fall zwischenmenschlicher Beziehung darstellt, und daß die gleiche Gesetzmäßigkeit alle sozialen Beziehungen regelt« (1973, 50).

Dem ist im Grundsatz sicherlich zuzustimmen. Rogers’ Statement war daher wohl auch Anlass42 für Hilarion Petzold, die folgende Ansicht zu vertreten:

Ich kam dazu, das »Therapeutische« an der therapeutischen Beziehung prinzipiell in Frage zu stellen. Eigentlich ist eine therapeutische Beziehung eine gute zwischenmenschliche Beziehung. Da sie in einem klinischen Kontext stattfindet, kann man dann sagen, sie sei »therapeutisch«, oder weil sie bestimmte therapeutische Techniken verwendet. Darin, daß sie das an Mitschwingen herstellt, an Verständnis, an Zuhörenkönnen, an Offenheit, an Wärme, an Erkennen und Wertschätzen, was in den sozialen Netzwerken dieser Menschen nicht vorhanden war oder nicht vorhanden ist. Nähe mit der rechten Distanz. (in Petzold, Gröbelbauer & Gschwend 1999, 364 – H.i.O.)

Trotz meiner Zustimmung zum wesentlichen Inhalt von Rogers’ und Petzolds Aussagen sehe ich dennoch einen kritischen Punkt: Bei beiden werden einige Aspekte nur unzureichend berücksichtigt, die, obwohl sie nicht auf der grundlegenden Ebene der gemeinsamen Intersubjektivität der Beteiligten liegen, nach meiner Erfahrung durchaus bedeutsam sein können und die pauschale Gleichsetzung der therapeutischen Beziehung mit einer guten zwischenmenschlichen Beziehung nicht ohne Weiteres zulassen. »Soziale Unterstützung«, wie sie durch private Beziehungen und Netzwerke bereitgestellt wird, ist – so notwendig, wirksam und wichtig sie für die Betroffenen sein mag – nicht dasselbe wie psychotherapeutischer Beistand, auch wenn es viele Überschneidungen zwischen beiden Hilfssystemen gibt und keines von beiden höher zu bewerten ist als das andere (vgl. Röhrle & Laireiter 2009 – vgl. auch Kapitel 6.3).

Ich halte es hier eher mit Martin Buber, der in seinem berühmten Gespräch mit Rogers dessen Achtung für die Person des Klienten zwar ausdrücklich anerkannte, gegen dessen tendenzielle Nivellierung der funktionalen Unterschiede innerhalb der therapeutischen Situation aber einwandte:

Ein Mensch kommt zu ihnen und bittet um Hilfe. Der wesentliche Unterschied zwischen ihrer Rolle und der seinen in dieser Situation ist offensichtlich. Sie kommen nicht um Hilfe zu ihm. Und nicht nur das; sie sind auch mehr oder weniger fähig, ihm zu helfen. … Es geht nicht nur um Sie, Ihre Denkweise, Ihre Handlungsweise; da ist auch eine bestimmte Situation. … Menschliches Sein, der menschliche Wille, menschliches Verstehen sind nicht alles. Wir sind mit einer Realität konfrontiert. (in Rogers & Buber 1992, 188 f. – H.d.V.)

Die therapeutische Situation ist nicht der Rahmen für eine x-beliebige menschliche Begegnung oder Beziehung; sie ist mit einer Aufgabenstellung verknüpft, die eine andere soziale Wirklichkeit schafft als es der Fall ist, wenn sich z. B. Freunde zum Abendessen treffen. Daher gilt es, hier die Unterschiede zu beachten, ohne deren Berücksichtigung die Gefahr von Gleichmacherei, Vermischung oder Verwechslung von Verantwortungen, Vernachlässigung oder Verleugnung von Machtfragen bis hin zu missbräuchlichen Verhaltensweisen des Therapeuten besteht.

Wenn man einmal von dem Aspekt der therapeutischen Techniken absieht, zu dem ich weiter oben schon Stellung genommen habe, könnte man Petzolds Aussage so umformulieren: ›Der Unterschied zwischen einer guten zwischenmenschlichen Beziehung und einer therapeutischen Beziehung liegt darin, dass die zweite in einem klinischen Kontext stattfindet.‹ Damit spricht Petzold in zutreffender Weise nicht nur das räumliche Setting, sondern auch die Aufgabenstellung an. Und er sagt hier nichts Marginales, denn Kontexte üben in der Regel einen erheblichen Einfluss darauf aus, was in dem Rahmen passiert, den sie setzen. Dieser Einfluss ist es folglich durchaus wert, genauer betrachtet zu werden.

Deshalb möchte ich hier die Frage anschließen: Welche Implikationen bzw. Rückwirkungen hat dieser Kontext auf die therapeutische Beziehung, die zu ihrer therapeutischen Qualität und damit dazu beitragen, dass eine therapeutische Beziehung noch ›ein gewisses Etwas‹ hat, das sie von einer guten zwischenmenschlichen Beziehung unterscheidet?43

Die therapeutische Beziehung ist eine Arbeitsbeziehung,44 die einen bestimmten Zweck erfüllen und nicht einfach nur den Wünschen nach sozialen Kontakten der Beteiligten dienen soll. Klaus Grawe hat die dazu gehörigen Aspekte so charakterisiert:

1. Eine als Therapiebeziehung definierte Beziehung zwischen einem Hilfeempfänger und einem sozial sanktionierten Hilfegeber mit einer speziellen Ausbildung, die ihn für diese Tätigkeit qualifiziert und in den Augen des Patienten kompetent erscheinen lässt.

2. Ein formalisiertes Behandlungsangebot in einem gewissen institutionellen Rahmen wie einer Klinik, einer Beratungsstelle, Ambulanz, Praxis usw. …

3. Ein bestimmtes Behandlungsrationale. Dieses vermittelt dem Patienten eine bestimmte Auffassung von seinem Zustand, aus der sich wiederum ein bestimmtes Behandlungsvorgehen ableitet.

4. Die Durchführung eines mit dem Behandlungsrationale konsistenten Behandlungsrituals oder Behandlungsvorgehens. (1998, 21)45

Das therapeutische Setting bzw. der Vertrag legt fest, dass es um ein Ziel, und zwar eine Veränderung des Klienten (und nicht etwa der Therapeutin) und um nichts anderes geht. Damit verpflichtet sich die Therapeutin, die vereinbarte Zeit ausschließlich für den Klienten zur Verfügung zu stellen und sich nach Kräften um eine persönlichen Verfassung zu bemühen, in der sie sich dem Klienten ungestört mit ihrer ganzen Aufmerksamkeit zuwenden und ihn mit allen ihren Kompetenzen in seinem Veränderungsprozess unterstützen kann.

Theoretische Ergänzung 11

Zuwendung und Aufmerksamkeit des Therapeuten zeigen sich natürlich in seinem körperlichen Verhalten. Aus den entsprechenden Untersuchungen leitet Klaus Grawe die folgenden Empfehlungen ab:

Therapeuten sollten mit dem Oberkörper zum Patienten hingeneigt sitzen, die Arme offen, die Hände locker im Schoß und, während der Patient spricht, immer wieder mit dem Kopf nicken. Eigene Äußerungen sollte der Therapeut mit Gesten unterstreichen, denn lebhafte Gestik wird als positiv wahrgenommen. Therapeuten, die das tun, werden von ihren Patienten viel positiver beurteilt als Therapeuten, die nach hinten gelehnt und mit vor der Brust verschränkten Armen dasitzen. Die Beine sollten eher offen als übereinander geschlagen sein. (Grawe 1998, 311 f.)

Obwohl Grawes Formulierungen (»der Therapeut sollte …«) vielleicht den gegenteiligen Eindruck erwecken, geht es hier selbstverständlich nicht um ein aufgesetztes, nur äußerliches Zurschaustellen von Offenheit und Zugewandtheit, das ohnehin nicht überzeugend wirken würde, sondern um den genuinen Ausdruck einer Haltung gegenüber dem Klienten, die sich, gerade wenn sie authentisch ist, auch auf der körperlichen Ebene zeigt.

In diesem Zusammenhang ist es wichtig anzumerken, dass nonverbales Verhalten wie Körperhaltung, Blickkontakt oder Gesichtsausdruck auf Klienten in der Regel einen stärkeren Eindruck machen als verbale Mitteilungen (vgl. z. B. Harrigan & Rosenthal 1986; Tepper & Haase 1978), wenn es um die erlebte Zuwendung durch die Therapeutin geht.

Die Definition der therapeutischen Situation führt zu prinzipiell verschiedenen Perspektiven, die die Beteiligten einnehmen. Die Folgen dieser Unterschiedlichkeit sind vielfältig. Vor allem steht für den Klienten sehr viel mehr auf dem Spiel (oft sein Lebensglück und weiteres Schicksal) als für die Therapeutin (ihre Zufriedenheit mit ihrer Arbeit mit diesem Klienten). Der Klient ist für die Therapeutin einer von vielen; die Therapeutin hat für den Klienten dagegen einen ganz anderen, aus der Menge seiner Beziehungen herausragenden Status, der sich u. a. daraus ergibt, dass er sich in einer mehr oder weniger großen Notlage mit Hoffnung auf Hilfe an die Therapeutin wendet und ihr daher Kompetenz und Autorität zuschreibt.

Das wesentliche Bestandselement dieser Beziehung ist, daß der Patient auf die Kompetenz des Therapeuten und auf seinen Wunsch, ihm zu helfen, vertraut. Das heißt, der Patient muß glauben, daß der Therapeut an seinem Wohl aufrichtig Anteil nimmt. … Das Vertrauen des Patienten in die Kompetenz des Therapeuten wird gesteigert durch dessen sozial sanktionierte Rolle als Helfer, die sich in der Tatsache bekundet, daß er eine Spezialausbildung erhalten hat und im Therapieverlauf demonstriert, daß er eine spezielle Technik beherrscht. (Frank 1992, 444 f.)46

Die therapeutische Aufgabe führt auch zu einer prinzipiellen Einschränkung dessen, was zwischen den Beteiligten zur Sprache kommt. Ich meine hier nicht die triviale Tatsache, dass in der Therapie nur begrenzter Raum für small talk ist. Ich denke vielmehr daran, dass der Therapeut in aller Regel sehr viel mehr über das Leben und Erleben seiner Klientin erfährt als diese umgekehrt von ihm. Der Grund dafür liegt darin, dass dem Erleben der Klientin insofern ein privilegierter Status verliehen wird, als die Erfahrung der Klientin zwar nicht den einzigen, aber den vorrangigen Gegenstand des therapeutischen Dialogs darstellt (vgl. Ogden 1994, 93).

Es gehört zu dem von Grawe genannten »Behandlungsrationale« der meisten therapeutischen Ansätze, auch zu dem der Gestalttherapie, davon auszugehen, dass die

Belastungen, Frustrationen und Unzufriedenheiten des Patienten zu einem wesentlichen Anteil eine Funktion seines eigenen Denkens, Fühlens und Handelns darstellen. Das Ziel der Therapie besteht daher darin, die eigenen Beiträge des Patienten zu seinem Leid zu erforschen, zu modifizieren oder zum Besseren zu wenden. (Bordin 1979, 253 – H.d.V.)47

Damit erhält die Klientin nicht nur die auf sie speziell zugeschnittene Unterstützung, sondern zugleich die Sicherheit, dass es hauptsächlich um sie und ihre Anliegen geht; »es ist nicht die Aufgabe der Klientin, sich um den Therapeuten zu kümmern. Mutualität bedeutet nicht Gleichheit; die Rollen sind unterschiedlich« (Jordan 2000, 1011). Der Therapeut erhält zugleich eine Orientierung hinsichtlich dessen, was er von sich mitteilt bzw. was er für sich behält.48 So wird – jedenfalls von der Absicht her – gewährleistet, dass der Therapeut die Klientin nicht für sich vereinnahmt oder, wie man in Anlehnung an einen anderen Sprachgebrauch sagen könnte: sie nicht – im wörtlichen oder übertragenen Sinne – parentifiziert (vgl. Simon, Clement & Stierlin 1999, 251) und die therapeutische Situation für sein eigenes Mitteilungs- oder gar Unterstützungsbedürfnis missbraucht.

Beispiel aus der Praxis 5

Die Tatsache, dass manche Klientinnen eine solche Rollenumkehr geradezu anbieten, entlastet den Therapeuten natürlich nicht von seiner Verantwortung für die therapeutische Situation, sondern verpflichtet ihn, ein solches Angebot seiner Aufgabe entsprechend zu thematisieren. Cozolino berichtet von einer depressiven Patientin, halbtags berufstätige Mutter zweier Kinder, deren arbeitsloser Ehemann sich weder um einen Job bemühte noch zur Arbeit im Haushalt beitrug, während sie sich abrackerte, die Familie zu versorgen. Sie verhielt sich so, als wollte sie nun auch noch ihren Therapeuten versorgen:

Während unserer ersten Sitzungen fiel mir auf, dass Suzanne sich immer wieder danach erkundigte, wie es mir ging. Sie zeigte sich sehr aufmerksam für meinen Gesichtsausdruck, meine Gesten und Bewegungen. Einige Male fragte sie mich, ob ich mich richtig ernähre und genug Schlaf bekäme. Später begann sie, mir Kaffee und Kuchen mitzubringen, weil sie vermutete, dass ich nicht genug äße. Eines Tages, als ich einen unserer Termine ändern musste, bot sie mir sehr schnell an, die Sitzung ganz zu streichen, wenn ich zu viel zu tun hätte oder zu müde sei, mit ihr zu arbeiten. Es stellte sich heraus, dass sie, obwohl sie mich dafür bezahlte, mich um sie zu kümmern, es sich in Wahrheit zu ihrer Aufgabe gemacht hatte, sich um mich zu kümmern. Sie hatte mich auf die Liste ihrer Verantwortlichkeiten gesetzt. (2006, 205 – H.i.O.)

Die andere Seite dieses Schutzes für die Klienten ist die relative Verborgenheit der Person der Therapeutin, die im Rahmen der klassischen Psychoanalyse von der Therapeutin sogar bis hin zur »Anonymität« gefordert wurde, um das dort erwünschte Übertragungsgeschehen möglichst ausgeprägt zur Entfaltung zu bringen.49 Darüber, dass diese Einstellung als eine der Konsequenzen aus der Eine-Person-Psychologie zu verstehen ist, besteht heute weitgehend Konsens. Und dass die Versuche von Therapeuten, als Personen tunlichst unkenntlich zu bleiben, aufgrund mangelnder Informationen nicht nur zu einer intensivierten Fantasie- und Übertragungsaktivität der Klientinnen führen kann, sondern zugleich zu Mystifikationen und Idealisierungen der Therapeuten und damit zu einer Vergrößerung des Machtgefälles, wird inzwischen ebenfalls überwiegend anerkannt.50

Aus relationaler Sicht – aus der Sicht einer Zwei-Personen-Psychologie – ist die Anonymität eines der an der Interaktion Beteiligten ein Ding der Unmöglichkeit, schlicht eine »Fiktion« (Singer 1977): Wenn man nicht nicht kommunizieren kann (Watzlawick), stellt der Versuch, unkenntlich zu bleiben, natürlich ebenfalls eine Botschaft dar. Bernhard Waldenfels erweitert Watzlawicks Feststellung um einen wichtigen Aspekt, der mir gerade im therapeutischen Kontext wichtig erscheint:

Wir beginnen mit einer Situation, in der ein Anderer sich – mit Worten oder ohne Worte – an mich wendet, sodass eine Anforderung oder eine Anfrage an mich entsteht, um deren Beantwortung ich nicht herumkomme. Wie ich antworte oder was ich als Antwort gebe, hängt von mir ab; ob ich antworte, hängt nicht von mir ab. Nicht zu antworten heißt zu antworten. Watzlawicks »Man kann nicht nicht kommunizieren« könnte umformuliert werden in »Man kann nicht nicht antworten.« Die eigene Initiative erwächst aus dem Anspruch oder der Anfrage des Anderen, daher ist sie in einer gewissen Weise nicht meine Initiative. (1996, 121 – H.i.O.)

Nicht zu antworten ist aus relationaler Perspektive keineswegs wünschenswert, denn damit ist auch eine Botschaft verbunden – eine Botschaft, die der Therapeut allerdings nicht mehr prägnant beeinflusst und gestaltet und die dann u. a. so verstanden bzw. missverstanden werden kann: »Es ist mir die Mühe nicht wert, dir zu antworten.« »Ich bin nicht bereit, dir zu zeigen, wer ich bin; ich will nicht gesehen werden.« »Ich möchte mich mit dir nicht auseinandersetzen.« Oder gröber: »Sieh zu, wie du alleine klar kommst!« Oder klassisch psychoanalytisch gedacht: »Ich gebe mich nicht zu erkennen, damit du auf Vermutungen (Übertragungen, Projektionen etc.) angewiesen bist, die ich dann – während ich so tue, als hätte ich damit nichts zu tun – zum Gegenstand meiner Deutungen machen kann.«

Tilmann Moser hat das einmal treffend als »Deprivationsexperiment« bezeichnet (1989, 71), bei dem der Klientin das persönliche Gegenüber entzogen wird. Es folgt in etwa dem Muster des »still-face«–Versuchsaufbaus (Adamson & Frick 2003; Cohn & Tronick 1983; Tronick, Als, Adamson, Wise & Brazelton 1978). Bei diesem Experiment wird die Mutter instruiert, nach einer Periode des normalen Spiels und Schäkerns mit ihrem Kind auf Anweisung des Versuchsleiters ihr Gesicht ›einzufrieren‹, d. h. keine mimischen Bewegungen mehr zu zeigen. Es dauert meist nur ein paar Sekunden, bis der Säugling sich erkennbar darum bemüht, die Mutter ›wiederzubeleben‹. »Die inzwischen weithin bekannten Ergebnisse waren dramatisch. Die Säuglinge versuchten, die Aufmerksamkeit der Mutter hervorzurufen, und wenn ihre Bemühungen scheiterten, wendeten sie sich ab, zogen sich zurück und zeigten traurige oder ärgerliche Affekte« (Tronick 2007, 12).

Ein verwandtes Experiment, das mir bezüglich der Notwendigkeit zwischenmenschlicher Resonanz ähnlich wichtig erscheint, haben Lynne Murray und Colwyn Trevarthen (1985) durchgeführt; dabei ging es – im Unterschied zur »stillface«–Untersuchung – nicht um den emotionalen Ausdruck der Bezugspersonen, sondern um das Timing ihrer Reaktionen. Die Versuchsleiter setzten zwei- und dreimonatige Babys vor einen Monitor, auf den das Bild ihrer Mutter live übertragen wurde. Die Mutter blickte zwar in Richtung des Babys, saß aber

in einem anderen Raum vor einer Kamera und hatte selbst einen Bildschirm vor sich, auf dem ihr das Live-Bild ihres Babys zugespielt wurde. … Mutter und Baby waren in der Lage, über Video einen überraschend natürlichen und flüssigen Kontakt zueinander aufzubauen – das heißt, bis die Störung ins Spiel kam. Zwischen dem, was an beiden Enden der Videoverbindung geschah, wurde nun eine Verzögerung von nur dreißig Sekunden eingebaut. Das Baby sah jetzt auf dem Monitor die Reaktionen der Mutter darauf, wie es sich jeweils eine halbe Minute zuvor verhalten hatte. Diese Reaktionen waren keineswegs unangenehm. Sie waren nur auf einen anderen Zeitpunkt gemünzt und harmonierten nicht mit dem, was das Baby momentan zum Ausdruck brachte. Die Verzögerung löste beim Baby erhebliches Unbehagen aus. (Hobson 2003, 53 f.)

Beide Untersuchungen unterstreichen aus meiner Sicht, welche Symptome der Entfremdung im zwischenmenschlichen Kontakt mit dem Entzug unmittelbarer (Murray & Trevarthen) emotionaler (Tronick) Resonanzen hervorgerufen werden können. Man kann zwar annehmen, dass die Symptome bei Babys heftiger ausfallen dürften als bei erwachsenen Klientinnen, mit entsprechenden Irritationen ist jedoch bei ihnen gleichfalls zu rechnen.51

Persönliche Präsenz (»self-disclosure«)

Unter der Überschrift »Das Primat der menschlichen Präsenz« hat Eugene Gendlin einmal gesagt:

Das Wesentliche in der Arbeit mit einer anderen Person liegt darin, als ein lebendiges Wesen präsent zu sein. Und das ist gut so, denn wenn man schlau, gut, reif oder weise sein müsste, käme man womöglich in Schwierigkeiten. Aber das ist nicht das, was zählt. Worauf es ankommt, ist, ein menschliches Wesen mit einem anderen menschlichen Wesen zu sein. (1990, 205)

Darum meine ich, jede therapeutische Praxis muss von der grundlegenden Wirklichkeit ausgehen, »die fundamentale Erfahrung des Anderen ist die von Angesicht zu Angesicht« (Berger & Luckmann 1969, 31 – H.d.V.).52 Das Gesicht des Anderen ist das, was ich vor allem wahrnehme, wenn ich ihm begegne; und das Gesicht des Anderen ist zugleich dasjenige, das mich sieht und von dem ich mich gesehen fühle. Im Vis-à–vis begegne ich dem Anderen, teile mich ihm mit, orientiere mich an ihm, empfange ich Zuwendung und Anerkennung als sein Gegenüber, erfahre meine zwischenmenschliche Wirkung, sehe meine soziale Existenz bestätigt, erlebe unsere gemeinsame Zugehörigkeit zur Menschheit, spüre meine Resonanzen mit seinen Gefühlen und seine Resonanzen mit meinen.

Diese Resonanzen sind leiblich. Hermann Schmitz bezeichnet den »dialogischkommunikativen Charakter des leiblichen Befindens … als Einleibung« (1989, 55 – H.d.V.; vgl. auch Staemmler 2009a, 97 ff.). Das Gesicht als persönliches Erkennungsmerkmal und prononciertes Ausdrucksorgan ist zwar oft im Vordergrund der Aufmerksamkeit derer, die einander begegnen, aber es wird immer nur vor dem Hintergrund der gesamten leiblichen Präsenz der Person sichtbar, deren besonders prominentes Kennzeichen es ist. So lässt sich die leibliche Präsenz des Therapeuten, auch wenn er für die Klientin aufgrund einer speziellen Anordnung des Mobiliars nicht unmittelbar sichtbar ist, nicht verbergen und hat mit allen ihren Schwingungen eine andauernde Wirkung auf die gleichfalls leiblich fundierte Gegenwart der Klientin:

Von dem Augenblick an, in dem ich erkannt habe, daß meine Erfahrung, gerade insofern sie die meine ist, mich dem öffnet, was ich nicht bin, daß ich für die Welt und die Anderen empfindsam bin, nähern sich mir in einzigartiger Weise alle Wesen … Oder umgekehrt: Ich erkenne meine Verwandtschaft mit ihnen, ich bin nichts als ein Vermögen, ihnen Widerhall zu geben, sie zu verstehen, ihnen zu antworten. (Merleau-Ponty 2003, 63 – H.i.O.)

Hinsichtlich dieser grundlegenden menschlichen Bedingung unterscheiden sich Therapeutinnen nicht im Geringsten von ihren Klienten. Das heißt aber, dass für Therapeutinnen »Selbstenthüllung keine Option ist; sie ist unvermeidlich« (Aron 1991, 40). Jeder Versuch, persönlich unsichtbar zu bleiben, ist zum Scheitern verurteilt und kann sogar negative Konsequenzen mit sich bringen. Denn wer nichts von sich zeigen möchte, zeigt – entgegen seinem Vorsatz – auch etwas, nämlich wie er sich bedeckt hält. Und »Therapeutinnen, die in rigider Weise nicht erkannt werden wollen, wirken eher kalt, überheblich und nicht fürsorglich; Therapeutinnen, die sich kontrollieren und keine spontanen Reaktionen zeigen, werden ihre Klienten verwirren und die therapeutische Beziehung schädigen« (Zur 2009, 47).

Die Bandbreite dessen, was Therapeuten nolens volens von sich zeigen, umfasst das ganze menschenmögliche Spektrum: Wie sie sich kleiden oder frisieren, wie sie ihre Räume einrichten und dekorieren, welches Geschlecht sie haben, welcher Ethnie oder Volksgruppe sie angehören und welchen Dialekt sie sprechen, ob sie unter- oder übergewichtig sind, ob sie müde oder ausgeschlafen wirken, sich agil oder behäbig bewegen, wie sie sich am Telefon melden etc. (vgl. Jacobs 1973) – alle diese Dinge mögen auf den ersten Blick als unwichtige Nebensachen gelten. Aber solche ›Äußerlichkeiten‹ können schnell sehr aussagekräftig werden:

Beispiel aus der Praxis 6

»Wie geht es Ihnen?« Das war Jahrzehnte lang meine Art gewesen, meine Klienten zu begrüßen – bis ich an Krebs erkrankte. Ab dann stellten meine Klienten diese Frage. Wenn ich die Tür zum Wartezimmer öffnete, sprangen sie erschrocken auf – als ob sie einen Geist sähen. »Geht es Ihnen gut?«, fragten sie mich mit leiser Stimme. Mein eingefallener Körper, mein haarloser Kopf, mein hageres Gesicht ohne Augenbrauen und Wimpern ließ mehr von meinem Kranksein erkennen als ich verbal hätte mitteilen können. Mich hinter meiner Therapeutenrolle zu verstecken, war keine Option. Meine Klienten sahen die Wahrheit. (Treadway 2009, 275)

Zahlreiche ganz andere Aspekte der zwischenmenschlichen Interaktion entziehen sich weitgehend jedem Versuch, sie vor den Klientinnen zu verbergen, allein schon weil sie sich der Bewusstheit des Therapeuten entziehen. Sie vermitteln sich überwiegend nonverbal und körperlich. Ich kann von mir selbst jedenfalls nicht behaupten, dass ich immer mitbekomme, wie mein Gesicht gerade aussieht oder wie ich atme und meinen Körper halte. Subtile Schwankungen in meiner Stimme vermitteln meinen Klientinnen sicher irgendwelche Eindrücke davon, wie ich mich gerade fühle. Auf welchen Aspekt in einer Äußerung meiner Klientin ich mit Aufmerksamkeit, einer Rückmeldung oder einer Frage antworte und welche Aspekte ich unbeachtet lasse, reflektiert keineswegs immer meine bewusste, am therapeutischen Prozess orientierte Auswahl, sondern sagt vermutlich häufig mehr über meine ganz persönlichen Interessen und Präferenzen aus. Daran haben wahrscheinlich auch Selbsterfahrung und Eigentherapie im Prinzip nicht viel geändert. Der Punkt ist: Ich weiß es nicht und kann es nur teilweise wissen! – Ferenczi stellte dazu fest:

Leise, kaum merkbare Differenzen des Händedrucks, Farblosigkeit oder Interessiertheit der Stimme, die Art unserer Raschheit oder Trägheit, in der Verfolgung und Reaktion auf das Vorgebrachte: all dies und hundert andere Merkmale lassen den Patienten vieles von unserer Stimmung und von unseren Gefühlen erraten. (1988, 77 f.)

Und er kam zu dem Schluss, »daß wenn zwei Menschen konversieren, es sich eigentlich um einen Dialog nicht nur des Bewußtseins, sondern der beiderseitigen Unbewußten handelt« (a.a.O., 133). Es kann daher für Therapeutinnen nicht darum gehen, sich in ihrer Erscheinung oder ihrem Ausdruck irgendwie zu reduzieren – im Gegenteil: Wenn sie ihren Klienten als Personen begegnen wollen, ist es nötig, präsent zu sein und sich möglichst mit ihrem ganzen persönlichen Potenzial – dem, was sie sind, empfinden, wissen und können – in die gemeinsame Situation mit ihren Klienten einzubringen. Die Alternative zu vergeblichen Bemühungen um Anonymität ist persönliche Präsenz.

Vielleicht kommt manchen Lesern diese Formulierung zu offensiv vor, aber offensiv ist sie von mir nur auf der grundsätzlichen Ebene der Bereitschaft gemeint, sich so zu zeigen, wie man in einer bestimmten gemeinsamen Situation mit einem Klienten ist. Denn Präsenz umfasst, wie ich erst einmal unterstelle, z. B. nicht nur die Fähigkeit der Therapeutin, sich bei Bedarf dem selbstschädigenden Verhalten ihres Klienten in den Weg zu stellen, sondern auch die Fähigkeit, ihm in seiner Verletzlichkeit sanften Halt, Fürsorge und Schutz zu gewähren, nicht nur Ernsthaftigkeit, sondern zugleich Humor, nicht nur die Bereitschaft zur Konfrontation, sondern ebenso die zum Mitgefühl und vieles mehr.

Präsenz kann also sehr unterschiedliche Formen annehmen. Aber zuerst erfordert sie natürlich Wachheit und Geistesgegenwart, d. h. die eindeutige Bereitschaft, sich auf die gemeinsame Situation mit der Klientin einzulassen, mit allen Sinnen bei der Begegnung zu sein, sich möglichst nicht ablenken zu lassen (sei es durch das Telefon oder durch irgendwelche privaten Angelegenheiten) und die ganze Aufmerksamkeit der Klientin und ihren Anliegen zu widmen. Das schließt gelegentliche Müdigkeit nicht grundsätzlich aus; sie sollte allerdings tunlichst nicht auf Desinteresse, mangelndem Schlaf des Therapeuten oder anderen persönlichen Gründen beruhen, sondern, wenn sie auftritt, als Resonanz auf das aktuelle Geschehen erkennbar sein und dann mit Klarheit als Aspekt des gerade ablaufenden Prozesses genutzt werden.

Nach meiner Erfahrung ist eine sehr wichtige Dimension dabei, wie der Therapeut sich für die Klientin in den Vordergrund bringt bzw. sich im Hintergrund hält; darum habe ich diese Dimension in meinem oben erwähnten Fragebogen gezielt angesprochen. Diese Dimension hatte viele Facetten: In manchen Abschnitten eines therapeutischen Prozesses sind die Klientinnen sehr damit beschäftigt, sich auf die präzise Wahrnehmung ihrer Empfindungen und auf das genaue Erspüren ihres emotionalen Erlebens zu konzentrieren. In solchen Phasen halte ich mich eher im Hintergrund, signalisiere nonverbal mein Interesse und Wohlwollen, schweige aber überwiegend, um meine Klientinnen nicht von sich selbst abzulenken oder bei ihrer Selbstexploration zu stören.

Wie bedeutsam und vielsagend derartige, rein nonverbale, nur durch die Art der persönlichen Präsenz vermittelten Botschaften sein können, hat Gregory Currie an einem schönen (nicht-therapeutischen) Beispiel eindrucksvoll illustriert. Er beschreibt, wie Janet, die gerade mit ihrem Mann John in ihrem Ferienhaus am Meer angekommen ist, das Fenster öffnet und die frische Luft mit einem tiefen, genießerischen Zug inhaliert, wobei sie darauf achtet, dass John das bemerkt:

Was möchte Janet damit sagen, dass sie sich so verhält? Dass die Luft frisch ist? Die Frische der Luft ist für John schon selbst wahrnehmbar. Janet versucht es einzurichten, dass sie und John auf die Frische der Luft in einer Weise achten, die für sie beide gegenseitig erkennbar ist. Aber Janet tut noch mehr: Sie passt Johns kognitive und affektive Sicht der Welt an: Sie versucht John dazu zu bekommen, dass er die Welt in etwa derselben Weise erlebt, wie sie selbst sie gerade erfährt. Es gibt einen kleinen aber prägnanten Ausschnitt der Welt, der für sie beide wahrnehmbar ist, und Janet möchte, dass John seine Aufmerksamkeit auf diesen Ausschnitt der Welt auf dieselbe Art richtet, auf die sie selbst ihn beachtet: genießerisch, dankbar, mit Vorfreude auf den Urlaub, der gerade beginnt. Sie will John dabei keine bestimmten Sachverhalte mitteilen: Sie möchte, dass er bestimmte Dinge zur Kenntnis nimmt und sich imaginativ mit bestimmten Möglichkeiten befasst, auf die diese Dinge hinweisen; sie möchte, dass er diese Dinge und Möglichkeiten in dem potenziellen Wert sieht, die sie für Janet und John haben können. Sie möchte, dass John die sichtbare Welt auf eine bestimmte Weise sieht. Es wäre sehr umständlich – praktisch unmöglich –, wenn Janet versuchen würde, all das zu sagen und die Art und Weise in Worte zu fassen, zu der sie John einladen möchte, die Welt zu erleben, auf die sie beide gerade schauen. Es wäre außerdem sinnlos: die minimale Geste erfüllt ihren Zweck sehr gut. (Currie 2007, 21 f.)

Während sich persönliche Präsenz am einen Ende der Skala auf zwar wirkungsvolle, aber zugleich sehr subtile Weise ausdrückt, gibt es am anderen Ende der Skala Situationen, die aktives Handeln und Eingreifen erfordern, etwa wenn Klienten sich auf intensive emotionale Prozesse einlassen, für die sie kraftvollen (manchmal körperlichen) Halt, deutliche Ermutigung (z. B. durch nachdrückliche Instruktionen) oder ein Gegenüber brauchen, das sich ihnen klar und eindeutig zur Verfügung und gegebenenfalls entgegenstellt – etwa als möglicher Ansprechpartner für ihre Aggressionen oder als jemand, der ihnen mit Entschiedenheit Grenzen setzt. Dass diese Präsenz auch einmal zu Missverständnissen und Problemen führen kann, ist unbestritten; die Anerkennung dieser Tatsache darf aber nicht dazu führen, sich nur zurückhaltend und ›lieb‹ zu verhalten, sich so zu depotenzieren und seinen Klienten die Möglichkeit vorzuenthalten, sich an ihrem Therapeuten aus gegebenem Anlass zu reiben und einen Konflikt mit ihm auszutragen.

Marie-Anne Chidiac und Sally Denham-Vaughan verstehen unter »Präsenz« die Verbindung von »energetischer Verfügbarkeit und flüssiger Responsivität«: »Präsenz scheint die Dualitäten von Sein und Handeln, Ruhe und Bewegung, Erreichbarkeit und Antwortbereitschaft zu umfassen« (2007, 10 f.). Mit der folgenden Tabelle geben die Autorinnen einen Überblick über das Phänomen, wie es sich aus den Perspektiven der anderen und des Selbst zeigt; beide Perspektiven zu benennen, ist sinnvoll und notwendig, denn »Präsenz steht in Beziehung. Anwesenheit ist nicht für sich selbst da. Ich bin, indem ich immer schon dem anderen verbunden und der Gemeinschaft anderer Menschen einbezogen bin« (Marcel 1985, 25 – H.d.V.).


Abb. 1: Persönliche Präsenz

Joseph Zinker und Sonja Nevis geben eine ähnliche Beschreibung: Für sie ist Präsenz ein Zustand,

in dem man ganz da ist, mit Körper und Seele. Es ist eine Art, mit jemandem zu sein ohne unbedingt etwas zu tun. Präsenz bedeutet, ganz hier und für alle Möglichkeiten offen zu sein. … Die Präsenz des Therapeuten bildet den Hintergrund, vor dem die Figur eines anderen Selbst aufblühen, sich klären und deutlich werden kann.

Wenn ich die Präsenz eines anderen erlebe, fühle ich mich frei, mich auszudrücken, ich selbst zu sein, auch meine zarten und verletzlichen Seiten zu offenbaren und darauf zu vertrauen, daß ich ohne Be- oder Verurteilung wahrgenommen werde. Die Präsenz meines Therapeuten macht es mir möglich, mich mit meinen inneren Konflikten, schwierigen Fragen und Widersprüchen auseinanderzusetzen, ohne mich durch suggestive oder allzu bestimmende Fragen abgelenkt zu fühlen. Die Präsenz meines Therapeuten ermöglicht mir die Konfrontation mit mir selbst im Beisein eines weisen Zeugen. …

Präsenz ist keine Art der Selbstdarstellung, sie hat nichts Extravagantes, nichts Dramatisches und nichts Theatralisches.… Präsenz ist nicht Charisma. Charisma erfordert Aufmerksamkeit und Bewunderung. Charisma ruft nach sich selbst, während Präsenz nach dem anderen ruft. (1999, 356 f. – H.i.O.)

Anders gesagt ist persönliche Präsenz eine Art, einem anderen Menschen zu begegnen, die zugleich kraftvoll und unaufdringlich, eindrücklich und bescheiden, zwar selbstbewusst, aber respektvoll, sowie für den anderen fürsorglich engagiert und dabei keineswegs selbstvergessen, sondern in sich selbst ruhend ist. Ich denke, es ist klar, dass eine solche persönliche Präsenz nicht gespielt werden kann; das würde nicht nur dem Roger’schen Gebot der Kongruenz widersprechen, sondern wäre ein Widerspruch in sich selbst, an dessen therapeutischer Wirksamkeit berechtigte Zweifel angebracht wären.

An dieser Stelle ist es vielleicht interessant, dass Rogers im Rückblick auf sein Lebenswerk die folgende Bemerkung machte:

Ich neige dazu zu denken, dass ich in meinen Schriften die drei grundlegenden Variablen (Kongruenz, unbedingte positive Wertschätzung und empathisches Verstehen) zu sehr betont habe. Vielleicht ist es eher etwas um die Ränder dieser Bedingungen herum, das in Wirklichkeit das wichtigste Element in der Therapie darstellt: wenn mein Selbst sehr klar und offensichtlich präsent ist. (in Baldwin 2000, 30)

Negativ formuliert: Jede Art von Selbstverleugnung und –verschleierung ist natürlich nicht mit authentischer persönlicher Präsenz zu vereinbaren. »Presence is self-disclosure. It is a decision to be real« (Brownell 2010, 107). Dass selbst ›therapeutische‹ Lügen kurze Beine haben, hatte schon Ferenczi beobachtet:

Wir begrüßen den Patienten, wenn er unser Zimmer betritt, höflich, fordern ihn auf, mit den Assoziationen zu beginnen und versprechen ihm damit, aufmerksam hinzuhorchen, unser ganzes Interesse seinem Wohlergehen und der Aufklärungsarbeit zu widmen. In Wirklichkeit aber mögen uns gewisse äußere und innere Züge des Patienten schwer erträglich sein. Oder wir fühlen uns vielleicht durch die Arbeitsstunde in einer für uns wichtigeren beruflichen oder einer persönlichen, inneren Angelegenheit unliebsam gestört. Auch da sehe ich keinen anderen Ausweg als den, die Ursache der Störung in uns selbst zu erraten und sie vor dem Patienten zur Sprache zu bringen, sie vielleicht nicht nur als Möglichkeit, sondern auch als Tatsache zu bekennen.… Ob sie [die Patienten] das am Klang unserer Stimme, an der Auswahl unserer Worte oder auf andere Art erkennen, weiß ich nicht. Jedenfalls verraten sie ein merkwürdiges, fast clairvoyantes Wissen um Gedanken und Emotionen, die im Analytiker vorgehen. Eine Täuschung des Kranken scheint hier kaum möglich, und wenn sie versucht wird, hat sie nur böse Folgen. (1970b, 305 ff.)

Ferenczis Argumentation erinnert mich übrigens an eine Äußerung von Perls, der meinte: Der Klient »durchschaut mit Leichtigkeit die Maske der orthodoxen Analytiker, die aus Angst vor einer Gegenübertragung ihre Emotionen getötet haben. Sie schrecken vor jedem Kontakt zurück und zeigen, abgestorben wie Dinosaurier, dem Patienten ein Pokergesicht« (1976, 67).

Aus Sicht einer relationalen Psychotherapie stellt sich die Frage nach dem »self-disclosure« nicht wie zu Zeiten der Eine-Person-Psychologie, in der es für den Therapeuten darum ging, selbst möglichst anonym zu bleiben, um der Klientin und ihrer Psychodynamik maximalen Raum zu gewähren. Wenn der therapeutischen Beziehung wesentliche Bedeutung zukommt, wird es entscheidend, wie der Therapeut mit seiner Klientin in Beziehung tritt: »Die Präsenz einer anderen realen Person [die des Therapeuten] sorgt zu einem großen Teil für die Wirksamkeit therapeutischen Handelns. Das Erleben der Klientin ist immer auf diese andere reale Person bezogen … Das Erleben [beider Beteiligter] findet im Beziehungsraum statt« (Gendlin 2002, 2). Für eine relationale Psychotherapie ist das ein absolut zentraler Punkt, denn es geht hier um die Frage, wie der Therapeut sich seiner Klientin zeigt und sich mit seiner Präsenz so ins Spiel bringen kann, dass es den gemeinsamen therapeutischen Absichten nach Möglichkeit entspricht.

Geller, Greenberg und Watson konnten belegen, dass »eine wichtige Beziehung zwischen dem Erleben der Klienten von der Präsenz ihrer Therapeutinnen und dem Eindruck besteht, eine gute therapeutische Sitzung und eine gute therapeutische Beziehung zu haben« (2010, 607). Dabei ist natürlich nicht nur eine einzelne Sitzung, eine konkrete Technik oder ein aktuelles Therapeutenverhalten von Bedeutung. Es geht vielmehr im umfassenderen Sinne darum, welche Auswirkung auf die therapeutische Beziehung die Art und Weise hat, wie die Therapeutin sich zeigt bzw. nicht zeigt. Ich denke, die langfristige Haltung ist entscheidend, die dauerhafte Bereitschaft, emotional erreichbar und antwortbereit zu sein, sowie die Anerkennung der Tatsache, dass eine dialogische Form der Psychotherapie auch für die Therapeutin heißt, menschlich berührbar zu sein – egal, ob die dabei entstehenden Gefühle angenehm sind oder nicht.

Bacal spricht in diesem Zusammenhang von »optimaler53 Responsivität«, womit er eine Antwortbereitschaft des Therapeuten meint,

die zu einem bestimmten Moment im Kontext eines bestimmten Patienten und seines Problems therapeutisch möglichst relevant ist, und aus der heraus der Therapeut mit seinem Klienten auf eine Weise kommuniziert, die dieser bestimmte Patient als nützlich für die Kohäsion, die Stärkung und das Wachstum seines Selbst empfindet. (1998b, 142)

Theoretische Ergänzung 12

Zur Frage nach der Antwortbereitschaft von Therapeutinnen gehört – ganz wörtlich gemeint – die Frage, ob bzw. in welcher Weise sie bereit sind, auf Fragen ihrer Klienten zu antworten. Traditionell sind Psychotherapeutinnen hier eher zurückhaltend; Perls stellte fest: »Die Idee, Patientenfragen zu frustrieren, ist schon so alt wie die Psychotherapie. Schon eine so einfache Reaktion wie ›Warum stellst du diese Frage?‹ ist dazu angetan, den Patienten zurückzuwerfen auf seine eigenen Möglichkeiten« (1976, 97).54

Die von Perls formulierte Programmatik, Klienten »auf ihre eigenen Möglichkeiten zurückzuwerfen«, wirkt auf mich zwar etwas unfreundlich, aber ich halte es durchaus für sinnvoll, Fragen (wie andere Verhaltensweisen auch) nicht automatisch zu bedienen. Damit meine ich ein Vorgehen, das auf Routinen verzichtet – sowohl auf die Routine, Fragen grundsätzlich nicht zu beantworten oder zu hinterfragen, wie auf die Routine, alle Fragen inhaltlich ernst zu nehmen und auf sie in der Sache einzugehen.

Einerseits halte ich es für wichtig, wenn Buber sagt:

Wenn ein echtes Gespräch entstehen soll, [muß] jeder, der daran teilnimmt, sich selber einbringen. Und das bedeutet, daß er willens sein muß, jeweils zu sagen, was er zu dem besprochenen Gegenstand im Sinn hat. Und das wieder bedeutet, daß er jeweils den Beitrag seines Geistes ohne Verkürzung und Verschiebung hergebe. (1984, 293 f.)55

Andererseits ist es sinnvoll, zu Fragen keine sachliche Stellung zu nehmen, wenn man den konkreten Eindruck hat, dass ein Klient auf diese Weise vermeidet, eigene Ressourcen zu mobilisieren. Wichtig ist mir dabei aber immer, meinen subjektiven Eindruck von der Vermeidungsqualität einer Verhaltensweise des Klienten nicht mit irgendeiner ›objektiven‹ Wahrheit zu verwechseln, sondern diesen Eindruck zum Anlass für eine gemeinsame Exploration zu nehmen, falls mir das wichtig genug und zur Situation zu passen scheint.

In jedem Fall bedeutet eine Frage des Klienten an die Therapeutin nicht in jedem Fall, dass er eigene Möglichkeiten ungenutzt lässt; Perls’ Verallgemeinerung – »Jedesmal, wenn du es ablehnst, eine Frage zu beantworten, hilfst du dem anderen, seine eigenen Kräfte zu entfalten« (1974, 44 – H.d.V.) – entspricht nicht meiner Erfahrung. Es gibt Informationslücken, die sich nur durch Fragen füllen lassen, und das gilt in besonderer Weise für das Erleben der Therapeutin, auf das der Klient vielleicht nonverbale Hinweise hat, von dem er aber nicht genau wissen kann, worum es sich handelt – es sei denn, er begnügt sich mit Vermutungen, Projektionen oder Übertragungen.

Daher muss er die Therapeutin in diesem Fall fragen, wenn er der intersubjektiven Wirklichkeit zwischen ihnen beiden auf die Spur kommen will. Eine solche Frage unbeantwortet zu lassen, entspricht nicht meinem Verständnis von einem relational verstandenen therapeutischen Vorgehen. Genau genommen kann es sich in einer solchen Situation auch gar nicht darum handeln, dass der Klient eigene Möglichkeiten ungenutzt lässt, denn die Antwort auf seine Frage liegt nicht in ihm selbst, sondern auf Seiten der Therapeutin.

Klienten mit der von Perls erwähnten Gegenfrage an die Klientin (»Warum stellst du diese Frage?«) regelhaft ›auf sich selbst zurückzuwerfen‹ ist leicht als eine Strategie zu erkennen, der eine Eine-Person-Psychologie zugrunde liegt, und die im Übrigen in vielen Fällen wahrscheinlich nicht von der Absicht motiviert ist, die Klientin bei der Aktivierung eigener Ressourcen zu unterstützen, sondern vielmehr von einer Scheu des Therapeuten – sei sie persönlich begründet oder Folge der Anonymitätsideologie –, sich persönlich zu zeigen.

Das kann unter bestimmten Bedingungen durchaus zu Irritationen in der therapeutischen Beziehung führen, wie Natasha Prenn erfahren hat:

Beispiel aus der Praxis 7

Ich hängte meine Handtasche über meine Schulter und stand auf. »Fahren Sie an einen schönen Ort?« fragte ich beiläufig. Ich war noch recht neu in Therapie. Mark, mein Therapeut, hatte seinen Urlaub angekündigt. Er erstarrte, steckte die Hände in die Hosentaschen und wandte den Blick von mir ab. »Warum fragen Sie das?« »Äh …, ich weiß nicht,« stotterte ich.56

Das war der Anfang meines vorsichtigen, zögerlichen Prozesses, weil ich mich bemühte, diese Art Fehler nicht noch einmal zu machen, und mich dafür schämte, mich daneben benommen zu haben. Ich verlor meine Spontaneität durch diesen Austausch und viele andere Interaktionen ähnlicher Art. Ich fragte Mark nie mehr nach irgendwelchen Details aus seinem Leben und auch nicht nach seinen Gefühlen. Aber ich beobachtete ihn genau, stellte mir vor, was er fühlen und denken mochte, und die Übertragung blühte auf. Aber ich veränderte mich nicht, und in mancher Hinsicht fühlte ich mich gehemmter als zuvor. Ich erinnere mich daran, wie er, als ich weinte und ihn ansah, wegschaute und schwieg. Ich glaube, ich habe mich nie einsamer gefühlt und so geschämt.

Später begann ich eine sehr andere Art von Therapie. Meine neue Therapeutin, Claudia, hatte mich über ihren Zeitplan informiert, und ich wusste, dass sie weg sein würde. Sie lächelte: »Wir sehen uns dann in zwei Wochen wieder.« Ich brach den Blickkontakt ab und senkte den Blick. »Was ist denn gerade passiert?« fragte sie, »Sie haben weggeschaut.« Ich zögerte, fasste dann aber Mut: »Darf ich Sie fragen, wohin Sie reisen?« »Selbstverständlich,« antwortete sie und erzählte mir, wo sie die nächsten 14 Tage verbringen würde. Tränen stiegen in meine Augen, und ich spürte, wie ich mich erleichtert entspannte: Ich würde mich in dieser Beziehung nicht gehemmt fühlen müssen! Sie sagte: »Ich sehe Tränen in Ihren Augen.« »Ja, es ist so erleichternd zu wissen, dass Sie mir antworten,« erläuterte ich ihr. (Prenn 2009, 86)

Die Schilderung von Claudias Verhalten illustriert, wie wichtig es für die Klientin sein kann, von ihrer Therapeutin eine Antwort zu bekommen (und nicht auf sich selbst zurückgeworfen zu werden), denn »für ein menschliches Wesen gibt es nichts Schrecklicheres als das Fehlen einer Antwort. … Gehört zu werden ist an sich schon eine dialogische Beziehung. Das Wort will gehört, verstanden und beantwortet werden« (Bakhtin 1986, 127 – H.i.O.).

Aber nicht nur, dass Claudia antwortet, sondern auch was sie sagt, ist bemerkenswert. Ich meine hier die schlichte Aussage, »Ich sehe Tränen in Ihren Augen.« Die einfache Benennung dessen, was Claudia im Kontakt mit ihrer Klientin wahrnimmt, vermittelt dieser, dass Claudia sie sieht – sowohl im engeren wie im weiteren Sinn. Claudias Reaktion ist damit ein Beispiel für eine »Antwort-« und »Resonanzbeziehung« (Rosa 2016). Die Emotion der Klientin, die in den Tränen zum Ausdruck kommt, affiziert die Therapeutin, deren Antwort dann wiederum die Klientin berührt; zwischen beiden Personen schwingt etwas hin und her, wodurch eine unmittelbare Verbindung zwischen ihnen entsteht – im Unterschied zu dem entfremdenden Mangel an Resonanz im Kontakt der Klientin mit ihrem ersten Therapeuten, Mark.

An beiden Erlebnissen der Klientin zeigt sich – in positiver wie negativer Variante –, dass »Menschen existentiell vom Verlangen nach Resonanzbeziehungen geprägt« sind (Rosa 2016, 293 f.), die ihnen die Erfahrung der Verbundenheit mit anderen möglich machen:

Resonanz ist zunächst als ein menschliches Grundbedürfnis und eine Grundfähigkeit zu verstehen. Daraus ergeben sich zwei deskriptive Konsequenzen zugleich: Erstens bilden sich menschliche Subjektivität und soziale Intersubjektivität grundsätzlich über die Etablierung von basalen Resonanzbeziehungen heraus.… Zweitens aber sind Menschen existenziell vom Verlangen nach Resonanzbeziehungen geprägt. Menschliches Begehren lässt sich deshalb schlechthin als Resonanzbegehren interpretieren. (a.a.O., 293 – H.i.O.)

Diesen Tatsachen trägt eine der wichtigsten gestalttherapeutischen Techniken Rechnung, für die Claudias Beschreibung dessen, was sie von ihrer Klientin wahrnimmt, ein typisches Beispiel darstellt. Es handelt sich dabei allerdings, wie hier deutlich wird, eben nicht nur um eine Technik, sondern zugleich um eine relationale Handlung – ich hatte Norcross und Lambert oben schon zitiert: »Techniken und Interventionen sind relationale Handlungen« (2011b, 5). Mit anderen Worten: Jede Technik kann nur eine Form sein, in der die authentische, persönliche Antwort der Therapeutin auf die momentane Situation, in der sie sich mit ihrer Klientin befindet, ihren Ausdruck findet (vgl. Staemmler 1995, 19 ff.; 1999b).

Die zentralen relationalen Handlungen in der Gestalttherapie haben wir als »Angebote persönlichen Kontakts« charakterisiert (Staemmler 1993, 50 ff.; Staemmler & Bock 1998, 135), mittels derer die Therapeutin dem Klienten mitteilt, was sie von ihm wahrnimmt, sowie eventuell darüber hinaus noch zum Ausdruck bringt, welche Resonanz das bei ihr hervorruft – etwa: »Ich sehe Tränen in Ihren Augen; das überrascht mich.« Ein »Angebot persönlichen Kontakts« besteht demnach hauptsächlich in der (nicht nur verbalen!) Mitteilung dessen, was die Therapeutin im Zusammensein mit ihrem Klienten von diesem sinnlich wahrnimmt und was sie dabei erlebt.

Die so geförderte persönliche Begegnung mit seiner Klientin ist der Kontext, die »gemeinsame Situation« (Staemmler 2009a, 199 ff.), innerhalb dessen bzw. derer die Person der Klientin für den Therapeuten zugänglich wird:

Die Ganzheit der Person und durch sie die Ganzheit des Menschen erkennen kann er erst dann, wenn er seine Subjektivität nicht draußen läßt und nicht unberührter Betrachter bleibt. Sondern er muß in den Akt der Selbstbesinnung in Wirklichkeit ganz eingehen, um der menschlichen Ganzheit inne werden zu können. Mit anderen Worten: er muß diesen Akt des Hineingehens in jene einzigartige Dimension als Lebensakt vollziehen, ohne vorbereitete philosophische Sicherung, er muß sich also alledem aussetzen, was einem widerfahren kann, wenn man wirklich lebt. (Buber 1982, 20 – H.i.O.)

Persönliches und Privates

Wenn der Therapeut sich über sein eigenes Erleben äußert, trägt er nicht nur zum gemeinsamen Verständnis seiner aktuellen Situation mit der Klientin sowie zur Klärung und Bearbeitung der anstehenden Thematik bei, sondern auch dazu, »eine egalitärere Beziehung dadurch zu fördern, dass die Klientin den Austausch mit ihm als balancierter empfindet und den Therapeuten menschlicher erlebt« (Audet & Everall 2010, 333). Das wird in vielen Fällen eine positive Wirkung auf die therapeutische Beziehung nach sich ziehen und die Klientin überdies in ihrem Selbstwertgefühl stützen; das ergibt z. B. eine Untersuchung von Hanson (vgl. 2005, 102).

Aber wie jede erfahrene Therapeutin weiß, kann man die Wirkungen der eigenen Handlungen auf Klienten nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit einschätzen und ist manchmal überrascht davon, wie sie eine Mitteilung verstanden und verarbeitet haben. »Wenn der Andere wirklich ein Anderer sein soll, dann muß es dahin kommen, daß ich in einem bestimmten Augenblick überrascht, desorientiert werde und wir uns nicht mehr in dem treffen, was wir an Ähnlichem, sondern in dem, was wir an Verschiedenem haben« (Merlau-Ponty 1984, 157).

Ich hatte oben schon die wichtige Beobachtung von Maturana und Varela erwähnt, dass eine Kommunikation ihre Effekte nicht festlegt, sondern nur auslöst. Da diese Regel keine Ausnahmen zulässt, kann man als Therapeutin nie mit Sicherheit

im Vorhinein wissen, wie eine persönliche Mitteilung sich auf den Patienten, die therapeutische Beziehung und den Verlauf der Behandlung auswirken wird. Oft braucht es Zeit und weitere Gespräche, damit Therapeutin und Klient gemeinsam die vielfältigen Bedeutungen und Nachwirkungen einer solchen Mitteilung entdecken können. (Bridges 2001, 25)

Für mich hat sich aus dieser Erfahrung ergeben, dass ich jede meiner Mitteilungen oder Vorschläge, die ich an meine Klientinnen richte, grundsätzlich als etwas verstehe, das aus zwei Schritten besteht: Der erste Schritt besteht in der ›eigentlichen‹ Mitteilung und der zweite Schritt darin, die Hinweise darauf genau zu beachten, wie diese Mitteilung von den Klientinnen aufgefasst wird. Manchmal genügt es mir, ihre nonverbalen Reaktionen aufmerksam zu betrachten, manchmal scheint es mir erforderlich, explizit nachzufragen. Der erste Schritt stellt somit die intendierte therapeutische Maßnahme dar (ein Vorschlag, eine Prozessinstruktion, eine persönliche Mitteilung etc.), der zweite Schritt dient der Überprüfung dessen, wie der erste auf die Klientin gewirkt hat.57 Während der Therapeut sich mit dem ersten Schritt in den Vordergrund des Dialogs bringt, lädt er mit dem zweiten die Klientin ein, wieder in den Mittelpunkt der gemeinsamen Aufmerksamkeit zu treten.

Dieses grundsätzlich zweischrittige Vorgehen ist für mich eine ganz praktische Konsequenz aus einem relationalen Therapieverständnis, das von einer Zwei-Personen-Psychologie ausgeht. Ich betrachte dabei den zweiten Schritt nicht nur als eine Würdigung der Autonomie meiner Klientinnen, die selbst darüber entscheiden, wie sie mich verstehen, sondern auch als Mahnung an mich selbst vor einer möglichen Egozentrik bzw. therapeutischem Größenwahn, aus denen heraus man der Illusion verfallen kann, die eigenen Absichten bestimmten ihre Wirkungen.

Darüber hinaus gibt es noch ein paar weitere Anhaltspunkte, die eine gewisse Orientierung bezüglich der Handhabung persönlicher Kontaktangebote bieten können. Das oben geschilderte Beispiel von Claudias Reaktion auf ihre Klientin lässt sich u. a. in dieser Hinsicht nutzen; es enthält nämlich u. a. Hinweise auf eine Unterscheidung, die in der Literatur über das self-disclosure von Therapeuten häufig diskutiert wird:

1. Das, was ich die »persönliche Präsenz« der Therapeutin genannt habe, bezieht sich auf die Kommunikation ihrer Wahrnehmungen, Eindrücke und Resonanzen, wie sie in der unmittelbaren Interaktion mit ihrer Klientin während der Sitzung entstehen. Claudia, die Therapeutin, nimmt wahr, wie ihre Klientin den Blick senkt, und später, dass sie Tränen in den Augen hat; sie bezieht sich jeweils darauf ohne zeitliche Verzögerung und signalisiert auf diese Weise ihre Zugewandtheit, ihr Interesse oder ihre Fürsorge. Sie zeigt ihrer Klientin dadurch, wie dicht sie ihrem aktuellen psychischen Prozess folgt, wie direkt sie daran teilnimmt und wie freimütig sie darauf antwortet.

2. Die Klientin fragt ihre Therapeutin danach, was diese in den kommenden zwei Wochen vorhat. Die Therapeutin gibt ihr die entsprechende Auskunft. Sie beantwortet die Frage in sachlicher Hinsicht und macht damit eine Mitteilung über ihr Privatleben. Das entspricht nicht dem, was ich unter persönlicher Präsenz verstehe; ich würde diese Mitteilung der Therapeutin über ihre Pläne daher nicht »persönlich«, sondern »privat« nennen.

Vor dem Hintergrund dessen, was die Klientin zuvor mit ihrem anderen Therapeuten, Mark, erlebt hat, macht es für sie natürlich einen Unterschied, dass sie von Claudia nun eine Antwort bekommt. Ich möchte allerdings die folgende These aufstellen: Es ist weniger die inhaltliche Beantwortung ihrer Frage, die der Klientin so gut tut, sondern die Art und Weise, wie die Therapeutin auf sie eingeht. Diese bricht nämlich – anders als Mark – den direkten Kontakt mit der Klientin nicht ab, sondern reagiert auf deren persönliches Interesse an ihren Urlaubsplänen mit ihrem eigenen persönlichen Interesse am Erleben der Klientin. Das führt zur wohltuenden Erfahrung der Klientin, von ihrer Therapeutin gesehen und respektiert zu werden – im Gegensatz zu der Beschämung, die Mark mit seiner persönlich abweisenden Reaktion hervorgerufen hatte.

Wir haben es hier natürlich wieder mit dem Unterschied zwischen dem Inhalts- und dem Beziehungsaspekt einer Kommunikation zu tun. Soweit es dem Bericht der Klientin zu entnehmen ist, geht Claudia unter beiden Aspekten auf ihre Klientin ein, Mark unter keinem der beiden. Meiner zuvor aufgestellten These folgend ist im Umkehrschluss anzunehmen, dass es für die Klientin längst nicht so negative Auswirkungen gehabt hätte, wenn Mark auf der Inhaltsebene zwar keine Antwort gegeben, sich auf der Beziehungsebene aber resonant verhalten hätte, z. B. so: »Ich verstehe Ihr Interesse, möchte Ihre Frage aber in diesem Fall nicht beantworten, weil es mir wichtig ist, meine Privatsphäre zu wahren.« Mit einer solchen Antwort wäre Mark persönlich präsent geblieben – vorausgesetzt, seine nonverbalen Botschaften hätten der Klientin seine unverminderte Zuwendung vermittelt.

Mit meiner Idee, wie Mark hätte antworten können, möchte ich auch darauf hinweisen, dass die persönliche Stellungnahme des Therapeuten nach meiner Erfahrung nicht immer inhaltlich positiv sein muss, um die therapeutische Beziehung zu stützen; der Therapeut ist gleichfalls eine Person, deren Autonomie zu respektieren ist; er muss keinesfalls alle Wünsche seiner Klientin erfüllen, gerade dann nicht, wenn sie die Grenzen seiner Privatsphäre tangieren.58 Aber seine Antwort sollte persönlich gefasst sein und angemessen taktvoll vorgetragen werden; auf die Frage des Taktes gehe ich weiter unten noch ein.

Beispiele aus der Praxis 8

David Burns berichtet von einer Situation mit einer Klientin, die ihn veranlasste, ihr das folgende, durchaus konfrontative persönliche Kontaktangebot zu machen:

Ich sagte zu Ronda, dass ich mich unzulänglich fühlte. Ich sagte, es sei für mich so, als ob jeder Satz, der aus meinem Mund kam, für sie hölzern und unbrauchbar sei. Ich sagte, dass ich, obwohl ich in der Regel das Gefühl hatte, etwas anzubieten zu haben, heute den Eindruck hätte, dass dies nicht der Fall sei. Ich teilte ihr mit, dass ich mich ausgeschlossen und abgewiesen fühlte und ärgerlich auf sie sei. Ich sagte ihr, dass ich ihr etwas Positives mitgeben wollte, und der Meinung sei, dass unsere Arbeit erfolgreich sein könne, aber dass ich mich in meinen Bemühungen ausgebremst fühlte. (1999, 655)

Wie Burns berichtet, führte seine persönliche Stellungnahme dazu, dass die Klientin ihr Verhalten änderte und kooperativer wurde.

Eine ähnliche Begebenheit schildert Basescu aus seiner Arbeit mit einer Klientin, die ständig mit ihren Erfolgen und ihrem Wissen prahlte und ihn damit einschüchterte:

Sie war eine kraftvolle, attraktive, sprachgewandte, eindrucksvoll aussehende Karriere-Frau, ungefähr 20 Jahre älter als ich, Universitäts-Professorin und landesweit bekannt als führende Kapazität auf ihrem Spezialgebiet.… Die Kombination ihres Stils mit meinen Problemen und meinem besonderen Wunsch, mich in dieser Situation zu beweisen, führte dazu, dass ich mich zunehmend wortkarg und impotent erlebte. Sitzung auf Sitzung fühlte ich mich wie ein Kind, das sich als Psychotherapeut verkleidet hatte und damit rechnete, entlarvt zu werden.… Irgendwann war ich schließlich so verzweifelt, dass ich ihr sagte, wie eingeschüchtert ich mich ihr gegenüber fühlte. Sie setzte sich abrupt auf und antwortete mir mit dem Ausdruck völliger Überraschung: »Wie können Sie sich von mir eingeschüchtert fühlen? Ich habe doch selbst so viel Angst vor Ihnen!« Das wiederum überraschte mich mindestens so sehr, wie ich sie überrascht hatte, und das war das Ende unserer langen, angstbeladenen Durststrecke. Darüber hinaus zeigte sich, dass unser Austausch eine unerwartete positive Nebenwirkung hatte: Ihr wurde bewusst, dass ein Teil der Schwierigkeiten, die sie mit ihren Kollegen an der Uni hatte, demselben Muster entsprachen. Sie hatte Angst vor ihnen, ohne zu bemerken, dass deren Verhalten ihr gegenüber Ausdruck dessen war, dass sie sich von ihr eingeschüchtert fühlten. (1977, 157 f.)

Meine Unterscheidung zwischen persönlichen und privaten Mitteilungen wird, allerdings z. T. mit anderen Begriffen, von vielen Autoren ähnlich getroffen und häufig mit der Einschätzung versehen, persönliche Kontaktangebote seien häufig hilfreich, während private Mitteilungen seltener diese Wirkung hätten oder oft einfach überflüssig seien. So schreibt Karen Moroda:

Dem Klienten das benötigte emotionale Feedback zur Verfügung zu stellen und ihm Bewusstheit davon zu ermöglichen, wie die Therapeutin ihn sieht und erlebt, ist bei Weitem therapeutischer als irgendwelche Geschichten aus dem Leben der Therapeutin. Deshalb betone ich, dass persönliche Mitteilungen nur als Reaktion auf die direkten oder indirekten Fragen des Klienten nach einer affektiven Antwort gemacht werden sollten. (2009, 20)

In ähnlicher Weise verstehen Focusing-Therapeutinnen das von ihnen so genannte »Responding«; damit meinen sie,

dem Klienten etwas ganz Echtes, jetzt real Erlebtes zu zeigen. Der Therapeut ist ganz Therapeut und ganz Mensch, der er ist. Er geht mit seinem Response, seinem Selbstausdruck, immer auch das Risiko ein, dass dieser vom Klienten abgelehnt wird. Genau dieses Risiko gibt dem Response eine gewisse ›Beziehungswucht‹, die es dem Klienten ermöglicht, eigenes Erleben zu berühren. (Renn 2016, 242 – vgl. auch Gendlin 2002)

Das Mitteilen eigener Lebenserfahrungen kann natürlich in manchen Fällen hilfreich sein und sogar die Qualität der therapeutischen Beziehung fördern, z. B. wenn sie Klienten dabei unterstützen, den Therapeuten weniger zu idealisieren und als ›normalen‹ Menschen zu sehen, der selbst Schwierigkeiten im Leben hat und dem gegenüber sie sich nicht prinzipiell minderwertig fühlen müssen. Laura Perls meinte:

Ich beschreibe einige Probleme und Erfahrungen aus meinem eigenen Leben und von anderen Fällen, wenn ich erwarte, dass dies dem Patienten Unterstützung für ein vollständigeres Erkennen seiner eigenen Positionen und Möglichkeiten gibt, – wenn es ihm helfen kann, den nächsten Schritt zu tun. (1989, 82 – H.d.V.)

Es bleibt für mich zwar relativ undeutlich, was Laura Perls meint, wenn sie vom »Erkennen eigener Positionen und Möglichkeiten« durch das Mitteilen von »Problemen und Erfahrungen« der Therapeutin spricht. Aber mir fallen dazu spontan einige Beispiele aus meiner eigenen Praxis ein, in denen ich Klienten Anregungen gegeben habe, in ihrem Alltag etwas auszuprobieren, mit dem ich selbst gute Erfahrungen gemacht hatte – natürlich nicht in dem Sinne, dass ich damit die Lösung für ihre Probleme anzubieten hätte, sondern in dem Sinne, dass ich ihnen einen Vorschlag gemacht habe, mit dem sie experimentieren und ihre eigenen Erfahrungen machen konnten. Ich bin mit solchen Vorgehensweisen aber eher sparsam; sie werden zu leicht als Vorschläge für das ›richtige‹ Verhalten verstanden, oder die Klienten fassen sie so auf, als wollte ich mich ihnen als Modell präsentieren, an dem sie sich zu orientieren hätten.

Zwei andere Varianten privater Mitteilungen sind mir mehr oder weniger unsympathisch. Die erste Variante betrifft das platte Missverständnis von Empathie, das sich darin zeigt, dass der Therapeut auf die Schilderung eines Erlebnisses der Klienten nach dem Muster reagiert, »Das habe ich auch schon erlebt,« und dann ein eigenes, äußerlich mehr oder weniger ähnliches Erlebnis breittritt. Dieses Gleichsetzen eigener Erfahrungen mit denen eines anderen Menschen empfinde ich mal als Vereinnahmung, mal als Fraternisieren, mal als Enteignungsversuch durch Pseudo-Einfühlung (vgl. Staemmler 2009a).

Die zweite Variante betrifft etwas, das man schlicht als Geschwätzigkeit und den Versuch betrachten kann, sich selbst auf Kosten der Klientinnen in den Vordergrund zu spielen:

Therapeuten …., die alle möglichen Kleinigkeiten über ihre Kinder, Familien, Probleme und Sorgen zum Besten geben, vertun zumindest wertvolle Zeit, für die sie von ihren Klienten bezahlt werden. Und damit verletzen sie deren Vertrauen, weil sie nicht bereit oder fähig sind, auf das Wohl ihrer Klienten konzentriert zu bleiben. (Bloomgarden & Mennuti 2009, 10)

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
545 s. 10 illüstrasyon
ISBN:
9783897974944
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar