Kitabı oku: «10xDNA – Das Mindset der Zukunft»

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Wir widmen dieses Buch den 10x Denkern, Visionären und Machern, die in Deutschland und Europa Innovation und technologischen Fortschrtitt mutig vorantreiben.


Frank Thelen ist europäischer Seriengründer, Technologie-Investor, TV-Persönlichkeit und Spiegel Bestseller-Autor. Seit 1994 gründet und leitet er technologie- und designgetriebene Unternehmen. Als Gründer und CEO von Freigeist Capital konzentriert er sich auf Seed-Investitionen in europäische Technologie-Startups. Seine Produkte haben über 100 Millionen Kunden in über 60 Ländern erreicht. Frank war der erste Investor in Startups wie Lilium Aviation, xentral, Wunderlist, Ankerkraut und YFood. 2018 veröffentlichte er mit 42 Jahren seine Autobiografie »Startup-DNA«.

Markus Schorn befasst sich seit über 15 Jahren mit den weitreichenden Auswirkungen des technologischen Fortschritts auf Unternehmen und die Gesellschaft. Der Diplom-Kaufmann agiert dabei an der Schnittstelle zwischen Technologie und Wirtschaft. In seiner professionellen Tätigkeit steuerte er mehrfach erfolgreich die Markteinführung von Innovationen mit unterschiedlichsten Geschäftsmodellen im Business und Consumer Segment. Das macht ihn zu einem angesehenen Sparringspartner für Entscheider in Konzernen sowie Mentor für Startups in Deutschland.

Inhalt

1  Vorwort

2  Die Mondlandung – Der Ursprung von 10x

3  USA vs. China: Silicon Valley vs. chinesischer Traum

4  Die Grundlagen hinter 10x

5  Die 10x Technologien – Der Baukasten der Zukunft

6  Künstliche Intelligenz

7  Roboter & Automatisierung

8  Blockchain

9  5G, Edge Computing & IoT

10  3D-Druck / Additive Fertigung

11  Synthetische Biologie & CRISPR/cas

12  Energie

13  Ära 3.0: Quantencomputer, Kernfusion, Hirnschnittstellen, Singularität

14  Dein Leben in 10x

15  Mobilität: Autonomes Fahren, FlugTaxis, Hyperloops

16  Ernährung: kultiviertes Fleisch, hacking Hefe, vertical farming

17  Gesundheit: Krankheiten eliminieren, Alterungsprozess stoppen

18  Der Mensch 2.0: Intelligenz-Upgrade, Cyborgs, Biohacking

19  Walk the Talk: In diese 10x Startups investiert Freigeist

20  10xDNA an den Finanzmärkten

21  Das 10x Mindset: Mut, Paranoia, Handeln

22  Die 10x Methoden: Serendipität, FPT, Medici-Effekt

23  Herausragende Köpfe

24  Danksagung und Hinweise

Vorwort

Welche tiefgreifenden Veränderungen der Baukasten der Zukunft auslösen wird, wurde mir während einer kurzen Auszeit für mein erstes Buch Startup-DNA erst richtig bewusst. Eigentlich wollte ich nur verständlich beschreiben, wie bestimmte Technologien funktionieren und ein paar spannende Beispiele aufzeigen. Aber dann traf es mich wie ein Blitz: Wenn das, was ich da geschrieben hatte, stimmte, dann würde es dramatische Auswirkungen auf unsere Welt haben. Vor allem aber würde es Europa zum reinen Datenlieferant für die USA und China degradieren.

Startup-DNA schrieb ich Ende 2017 und es war bereits klar, dass Europa das Internet und die Cloud »verloren« hatte. Die USA und China hatten Tech-Giganten aufgebaut, bei uns hingegen entstand seit SAP kein bedeutendes Tech-Unternehmen. Trotzdem lachten damals viele über die Vorstellung, dass dies erst der Anfang sei. Die nächste Technologiewelle, basierend auf den Komponenten meines »Baukastens der Zukunft«, sollte noch größer werden. Heute belächeln deutlich weniger Fachleute die Kraft disruptiver Technologien: Im Januar 2020 überholte Tesla den größten deutschen Autokonzern mit einer 100 Milliarden Dollar Marktkapitalisierung. Bereits einen Monat später war der Abstand so groß, dass selbst VW und BMW zusammen weniger wert waren. Damit haben wir nicht nur neue Technologien wie Internet, Cloud und Smartphone verpasst, sondern zum ersten Mal hat auch unsere wichtigste etablierte Industrie gegen einen neuen »disruptive player« verloren.

Ich liebe Europa und Deutschland. Und ich bin davon überzeugt, dass wir mindestens drei starke Mächte in der Welt brauchen, um faire Lösungen für die großen Herausforderungen der Menschheit zu finden. Eine Welt, in der nur noch die USA und China diskutieren, wie wir den Klimawandel stoppen oder ob und wie wir künstliche Intelligenz regulieren, wird nicht immer die richtigen Antworten finden. Wenn wir die Zukunft mitgestalten wollen, muss Europa wirtschaftlich bedeutend bleiben. Die Gefahr, dass es in zehn Jahren bedeutungslos ist, wird maßlos unterschätzt.

Ich habe persönliche Konsequenzen gezogen: Mein Venture Capital Unternehmen Freigeist fokussiert sich auf die Finanzierung und den Aufbau relevanter Technologieunternehmen in Europa. Es ist meine Passion (der beste Job der Welt) und zugleich hoffe ich, einen kleinen Teil zum Aufbau eines dringend notwendigen Ökosystems beizutragen: Europa braucht jetzt eine 10xDNA!

Dieses Buch erklärt die zugrundeliegenden Technologien, die Methoden und das Mindset der Generation 10x. Es ist für Leser, die diese neuen Technologien verstehen wollen, um sich die daraus resultierenden Chancen in ihrem privaten und beruflichen Leben zunutze zu machen.

10xDNA will ein konstruktiver Weckruf sein. Ein Appell an die Macher, Entscheider, Politiker und an alle, die ihren Teil dazu beitragen wollen, dass Europa auch in Zukunft auf Augenhöhe über globale Fragestellungen verhandeln kann.

Frank

Die Mondlandung – Der Ursprung von 10x


Am 20. Juli 1969 betrat der US Astronaut Neil A. Armstrong als erster Mensch den Mond. Seine Worte »Ein kleiner Schritt für mich. Aber ein großer Schritt für die Menschheit.« kennt heute jedes Kind. Was die meisten nicht wissen: Diesem »kleinen« Schritt waren viele Jahre intensiver Forschung und Entwicklung vorangegangen. Er war die Geburt eines völlig neuen Denkansatzes: der 10xDNA.

In den 50er und 60er Jahren befanden sich die USA in einem erbitterten Kampf mit der UdSSR um die Vorherrschaft im Weltraum. Im Space Race hatten die Russen die Nase vorne. Mit »Sputnik« schossen sie 1957 das erste von Menschen gebaute Objekt in den Orbit. Im selben Jahr flog das erste Lebewesen in die Umlaufbahn, die Hündin Laika. 1961 umrundete der Kosmonaut Juri Gagarin als erster Mensch die Erde.

Die USA befürchteten, das Space Race zu verlieren. Darum beauftragte US-Präsident John F. Kennedy 1961 die NASA, »innerhalb der nächsten zehn Jahre einen Menschen auf dem Mond zu landen und sicher wieder zurück zur Erde zu bringen«. Er wollte die USA als führende Weltraummacht etablieren.

Dieser sogenannte Moonshot schien damals unmöglich. Noch heute gibt es Menschen, die bezweifeln, dass die Mondlandung jemals stattgefunden hat. Es ist kaum vorstellbar, wie sich das Team der NASA gefühlt haben muss, als der Präsident diese anscheinend unlösbare Aufgabe stellte. Wie würdest du in einer solchen Situation reagieren? Würdest du in eine Abwehrhaltung gehen und Argumente aufzählen, wieso diese Aufgabe nicht zu schaffen ist? Oder würdest du die Herausforderung annehmen und alles daran setzen, eine Lösung zu finden?

Die NASA hat sich für Letzteres entschieden, obwohl die Voraussetzungen sehr ungünstig waren. Die Raketen waren noch zu schwach, um eine Mondlandekapsel mit drei Astronauten, genug Vorräten und Treibstoff für den Flug von der Erde zum Mond und wieder zurück zu starten. Der deutschstämmige Raketeningenieur Wernher von Braun schrieb damals: »Um dies zu erreichen, müssten die Raketen um das Zehnfache [10x!] leistungsfähiger werden.« – Das erschien aussichtslos. Kennedy hielt dennoch an seinem Vorhaben fest. In seiner berühmten Mondrede von 1962 schwor er die Amerikaner auf das gemeinsame Ziel ein: »Wir haben den Mond als Ziel gewählt, nicht weil es leicht zu erreichen ist, sondern gerade weil es schwierig ist.« Die NASA konzentrierte all ihre Kräfte auf dieses Ziel. Zur Hochphase des Projekts arbeiteten über 400.000 Forscher, Ingenieure und Mathematiker an radikal neuen Lösungen. Die USA steckten rund 2,5 % ihrer jährlichen Wirtschaftskraft (GDP) in Forschung und Entwicklung dieser neuen Technologien. Das waren pro Jahr 25 Milliarden Dollar, was einem heutigen Wert von 100 Milliarden Dollar entspricht. Diese Investition ermöglichte letztendlich nicht nur die Mondlandung: Sie erschuf komplett neue Industrien, die Ideen der hellsten Köpfe des Moonshot-Projektes prägen uns noch heute.

Margaret Hamilton zum Beispiel, Direktorin am Draper Lab des MIT, war für die Entwicklung der Onboard-Steuerungssoftware in den Apollo-Raumkapseln verantwortlich. Sie prägte den Begriff »Software Engineering« und entwickelte neuartige Ansätze von Systemarchitektur und END-TO-END-TESTING. Heute wird routinemäßig zu jeder professionellen Software neben der Applikation auch der Code erstellt, der vor der Veröffentlichung Tausende Testfälle automatisch durchgeht und die einwandfreie Funktion der Software überprüft.

Robert Noyce (Fairchild Semiconductor) und Jack Kilby (Texas Instruments) entwickelten integrierte Schaltkreise für das Apollo-Projekt. Diese »Microchips« genannten Bauteile waren für die Steuerung und Überwachung der Raketensysteme und für die Navigation der Raumkapseln unentbehrlich. Jack erhielt später den Nobelpreis in Physik für diese Arbeit. Robert gründete mit seinem Kollegen Gordon Moore ein eigenes Unternehmen in Mountain View, Kalifornien, das auf Chips spezialisiert war: Integrated Electronics – kurz INTEL. Heute wird fast jedes elektronische Gerät von einem Chip gesteuert – vom Staubsauger über den Fön zum Kopfhörer.

Durch das Projekt Mondlandung entstand ein Biotop für Ingenieure und Macher, die quasi alles für möglich hielten. Genau diese Einstellung ist es, die zu großartigen Entwicklungen und Durchbrüchen führt.

End-to-End-Testing ist eine Software-Testmethode, um den Ablauf einer Anwendung von Anfang bis Ende zu testen. Der Zweck von End-to-End-Tests ist es, das reale Benutzerszenario zu simulieren und die Funktion des zu testenden Systems und seiner einzelnen Komponenten zu überprüfen.

USA vs. CHINA
Die 10x DNA im Silicon Valley

Die Mondlandung war das erste echte 10xProjekt der Geschichte. Viele der daran beteiligten Pioniere gründeten in den folgenden Jahren eigene Unternehmen und kommerzialisierten die von ihnen entwickelten Technologien. Aber vor allem kultivierten sie eine neue Geisteshaltung: Denke größer.

Sie siedelten sich rund um die Stanford Universität südlich von San Francisco in Städten wie Mountain View, Palo Alto oder Cupertino an und brachten ihre 10xDNA mit. Der Stammbaum vieler großer Unternehmen – Google, Cisco und Nvidia – weist eine direkte Linie zu den Gründern von Fairchild Semiconductor und damit zum Projekt Mondlandung auf.

Robert Noyce wurde zur Vaterfigur und zum Mentor für den jungen Steve Jobs und unterstützte ihn während der Gründung von Apple. Andere Fairchild-Alumnis gründeten VC-Firmen wie Kleiner Perkins oder Sequoia, die auch heute noch zu den bedeutendsten Finanziers von Startups gehören. Kleiner Perkins war einer der ersten Investoren in Google, Amazon und Spotify. Sequoia investierte unter anderem in PayPal, Youtube und WhatsApp. Sie waren maßgeblich am Erfolg der Unternehmen beteiligt, die heute die meisten von uns täglich nutzen.

Es entstand eine Szene, die anders dachte und handelte, die auf der Suche nach dem nächsten großen Sprung nicht mit kleinen Optimierungen zufrieden war.


Heute ist die 10xDNA ein fester Bestandteil der Kultur vieler Unternehmen im Valley. Die meisten CEOs sind mit Verbesserungen von 2 bis 3 % pro Jahr zufrieden. Google-Gründer Larry Page nicht. Für ihn ist »10x« zum Mantra geworden. Selbst eine Verbesserung von 10 % bedeutet für ihn, dass immer noch das Gleiche gemacht wird. Um 10x besser als der Wettbewerber zu sein, muss man exponentiell denken und neue Wege gehen. Nur so entsteht echter Fortschritt. Ein Beispiel für das 10xMantra ist die Markteinführung von Gmail im Jahr 2004: Google versprach seinen Nutzern einen E-Mail-Speicher von 1 Gigabyte – 250 mal mehr als der Wettbewerber Yahoo. Bei einem damaligen Speicherpreis von ca. 4 Dollar pro Gigabyte und bei geplant vielen 100 Millionen Kunden schien sich ein potenzieller Milliardenverlust abzuzeichnen. Kein deutscher Controller hätte das zugelassen, aus Sorge um seinen Arbeitsplatz. Aber das Gmail-Team hatte die 10xDenke. Es handelte vorausschauend und optimistisch, ging von exponentiellen Fortschritten bei der Speichertechnik und folglich sinkenden Kosten für Speicherkapazitäten aus.

Das Team behielt recht: Die Nutzerzahlen stiegen, zugleich sanken die Kosten für Speicher auf wenige Cent pro Gigabyte. Gmail wurde ein hochprofitables Business mit über 1 Milliarde Nutzern.

Ein weiterer Vordenker der 10xPhilosophie im Silicon Valley ist Elon Musk. Seine bevorzugte Methode zur Entdeckung radikal neuer Lösungen nennt sich First Principle Thinking. Elon bricht große Herausforderungen zunächst auf ihre fundamentalen Teilaspekte herunter. Dann versucht er mit seinen Teams, diese Teilaspekte von Grund auf neu zu denken und nutzt neue technische Methoden. Statt sich daran zu orientieren, wie die Dinge bisher gemacht wurden, fragt er: Was ist nach heutigem Stand und nach den Gesetzen der Physik und Chemie technisch möglich?

First Principle Thinking beschreibt eine Denkmethode, bei der man eine Fragestellung auf ihre fundamentalen Eigenschaften, zum Beispiel physikalische Begebenheiten, herunterbricht und dann darauf basierend nach neuen Lösungsansätzen sucht. Man lässt bewusst bisher angewandte Verfahren außer acht und fokussiert sich auf neue Wege oder Technologien, um neue, innovative Lösungen zu finden.

Meistens lösen die Leute Probleme, indem sie das kopieren, was andere vor ihnen gemacht haben und es leicht anpassen. Ich handle mehr nach der wissenschaftlichen Methode der Analyse der Grundprinzipien. Man reduziert die Dinge erst einmal auf ihre grundlegenden Wahrheiten und überlegt von dort aufwärts.

Elon Musk

Mit seinem Startup SpaceX will er die Raumfahrt »massentauglich« machen. Die Entwicklung wiederverwendbarer Raketen soll die Kosten für Weltraumflüge um ein Vielfaches senken.

Als Elons erster Plan, ausgemusterte Raketen des russischen Weltraumprogramms zu kaufen und aufzubereiten, gescheitert war, gab er nicht auf. Er reduzierte Raketen auf ihre zentralen Bereiche Aerodynamik, Thermodynamik, Treibstoff und Triebwerke. Mit dieser grundlegenden Aufteilung entwickelte sein Team einen Bauplan für Raketen mit günstigen, industriell verfügbaren Bauteilen.

So gelang es SpaceX, den Preis eines Raketenstarts von 18.500 Dollar auf unter 3.000 Dollar pro Transportkilogramm zu senken.

10x bei Google X

Alphabet (vormals Google) jagt den 10xGedanken auf die Spitze. Während andere Konzerne Forschungsabteilungen einrichten, die Innovationen im Kerngeschäft vorantreiben sollen, verfolgt Alphabet einen komplett anderen Ansatz. Mit X betreibt der Googlekonzern ein eigenes Unternehmen, dessen Ziel es ist, Moonshots außerhalb des Kerngeschäfts zu entwickeln.

Diese »Moonshot Factory« soll radikal neue Tech-Lösungen für die großen Probleme der Menschheit entwickeln und daraus Unternehmen gründen, die das Potenzial haben, größer als Google selbst zu werden.

Häufig ist es einfacher, etwas 10 mal besser zu machen, als es um 10% zu verbessern.

Astro Teller, Google X

Moonshot-Projekte bei X folgen einem festen Muster. Zuerst wird ein Problem identifiziert, das viele 100 Millionen Menschen betrifft. Dann setzt sich ein Team von Kreativen, Wissenschaftlern und Tüftlern zusammen, um Lösungen für dieses Problem zu beschreiben, so unwahrscheinlich sie auch klingen mögen. Liegt wegen aktueller Durchbrüche in der Forschung oder Weiterentwicklungen von Technologien auch nur der Hauch eines Hinweises darauf vor, dass eine Umsetzung der erarbeiteten Lösungen innerhalb der nächsten Dekade nicht unwahrscheinlich ist, formt sich ein Moonshot-Team und beginnt seine Arbeit.

Von rund 100 Ideen, die X jedes Jahr prüft, wird nur eine Handvoll durch ein Team weiter verfolgt. Dieser Ansatz mag zunächst eigenartig erscheinen, doch nur so entstehen 10xInnovationen: Es gilt, sich von den bereits bestehenden Lösungen und Vorgängen zu distanzieren und zu überlegen, was darüber hinaus möglich sein könnte. X hatte mit dieser Strategie schon mehrmals Erfolg.

Eines der bekanntesten X Projekte ist Waymo. Es wurde 2009 als »Googles Driverless Car Project« unter der Leitung des deutschen Stanfordprofessors Sebastian Thrun gestartet. Waymo fokussierte die Entwicklung der Technologie hinter dem autonomen Fahren – Sensoren, Software, Algorithmen –, nicht die Autos selbst. Seit 2018 betreibt Waymo den ersten kommerziellen, fahrerlosen Taxidienst »Waymo One« in Phoenix, Arizona. Weitere Städte sind geplant. Was hierzulande noch als Science-Fiction abgewunken wird, ist dort schon längst Realität. Die Entwicklung der Software für autonomes Fahren war die eine Hürde dieses Projekts, die andere war der Versuch, die Kosten der nötigen Hardware so weit zu senken, dass ihr Einsatz in normalen Autos bezahlbar wurde. Waymo schaffte es, die Kosten von anfänglich 150.000 Dollar pro Auto um 90 % zu reduzieren.

Viele dieser Lösungen basierten auf Technologien, die bereits seit Jahren in den Schubladen europäischer Unternehmen liegen. Doch die Europäer hatten nicht den Mut, systematisch in solch riskante 10xProjekte zu investieren.

10x Blueprint von Alphabet X

Google X Projekte sind bereits weltweit im Einsatz


Projekt Foghorn

Gewinnung von Benzin aus Meerwasser. Über Elektrolyse wird der im Meerwasser gebundene Kohlenstoff herausgelöst. Die Methode funktioniert. Das Projekt wurde dennoch eingestellt, da die Herstellung dieses Treibstoffs in großen Mengen nicht wirtschaftlich ist. Zudem würde die Gewinnung von Energie durch Verbrennung von Kohlenstoff weiter voran getrieben.


Projekt Loon

Ein Netzwerk aus Stratosphären-Ballons, das abgelegene Gebiete mit Internet versorgen soll. Die Ballons nutzen Höhenwinde und passen automatisch ihre Flughöhe an, um stabil über ihrem Einsatzgebiet zu bleiben.


Projekt Wing

Sich selbst steuernde elektrische Lieferdrohnen sollen CO2-neutral Pakete in Ballungszentren ausliefern und zur Entlastung des Verkehrs in Städten beitragen. Seit 2018 sind sie in Australien und Finnland im öffentlichen Beta-Test.


Projekt Malta

Die Speicherung großer Mengen regenerativ gewonnener Energie ist das größte Problem bei Solar- und Windenergie. Malta löste das Problem durch elektrisch-thermische Speicherung der Energie in geschmolzenem Salz und bekam dafür Investments von Microsoft-Gründer Bill Gates und Amazon-Chef Jeff Bezos. Ein Startup aus unserem Freigeist Portfolio hat nach unserem Kenntnisstand eine noch bessere Lösung durch Nano-Technologie gefunden. Das Wichtigste: Wer auch immer die beste Lösung anbietet – wir brauchen jetzt neue Energiespeicher!


Projekt Makani

An »Flugdrachen« befestigte Windturbinen erzeugen deutlich mehr Strom als Windräder, da der Wind in großen Höhen häufiger und stärker weht. Sie sind mit einem Kabel, das den erzeugten Strom zur Erde leitet, an einer Basisstation befestigt. Auch hier gibt es Startups in Europa, die sich in der Organisation airbornewindeurope.org zusammengefunden haben. Ihre Lösungen scheinen uns vielversprechender zu sein.


Projekt Verily

Verily wurde 2015 zur unabhängigen Tochtergesellschaft von Alphabet und fokussiert neue Tech-Lösungen für den Gesundheitsmarkt. So erforschte Verily Kontaktlinsen mit Glucose-Tracking für Diabetespatienten oder selbstbalancierendes Besteck für Menschen mit Parkinson.

Die 10x DNA in China

Auch in China arbeitet man an einem visionären Projekt – dem chinesischen Traum – einem landesübergreifenden Moonshot. Anders als in Amerika gibt es in diesem Traum weder Tellerwäscher noch Millionäre. Stattdessen möchte sich China bis zum 100-jährigen Bestehen der Volksrepublik im Jahr 2049 zur führenden technologischen Supermacht entwickelt haben. In der ersten Etappe bis zum Jahr 2021 ist es das Ziel, einen bescheidenen Wohlstand für alle Chinesen zu erreichen. In der zweiten Etappe bis 2049 soll dann über Chinas führende Rolle bei den Zukunftstechnologien ein reiches, starkes und harmonisches Land entstehen. So die Vision. Möglich werden soll dies durch die vier Os:


Es ist recht einfach. Bis 2020 werden sie zu uns aufgeschlossen haben. Bis 2025 werden sie besser sein als wir. Bis 2030 werden sie die KI-Industrie dominieren.

Eric Schmidt, Google

Der 13. Plan

Der Weg dorthin wird in Etappen von 5-Jahres-Plänen beschritten. Im 13. Plan (2016 – 2020) wurden zehn Industriesektoren definiert, in denen China international führend sein will. Durch verzahnte Bildungs- und Industriepolitik sollen große Durchbrüche in Elektromobilität, Robotik, Energie, IT und künstlicher Intelligenz möglich werden.

Dabei setzt die chinesische Regierung sehr stark auf privatwirtschaftliche Initiativen. Die Fortschritte bei Elektroautos, mobilem Bezahlen, KI oder Drohnen werden getrieben von Gründergeist und unterstützt durch Subventionen, es gibt nur wenig staatliche Intervention. Unternehmen wie Baidu, Tencent, Alibaba oder JD agieren heute auf Augenhöhe mit Google, Facebook oder Amazon. Durch gezielte Gründerförderung wurde China zur Weltmacht.

Der chinesische Traum und die 10x DNA

Chinas 10xDNA ist eine Mischung aus breitem gesellschaftlichen Optimismus und einer Aufgeschlossenheit gegenüber neuen Technologien, gepaart mit dem Willen, durch Innovationen viel Geld zu verdienen.

Verstärkt wird die chinesische 10xDNA dadurch, dass in China bereits viele der Next Generation digitalen Plattformen implementiert sind. Der gesamte Alltag – vom Busticket über den Einkauf hin zu Reservierungen im Restaurant – kann über die Smartphone-App WeChat organisiert und abgewickelt werden. Mobile Payment ist der Standard, alle Unternehmen haben sich darauf eingestellt. Selbst beim Blumenverkäufer am Straßenrand bezahlt man in China per Handy.

Auf einer solch breiten digitalen Plattform können »hungrige« Gründer neue Dienste wie Bikesharing oder Social Commerce sehr viel einfacher aufbauen, denn die potenziellen Kunden sind bereits alle auf diesen Plattformen und mit dem digitalen Umgang vertraut, während in Deutschland viele Menschen digitalen Angeboten noch skeptisch gegenüber stehen.

Ein beeindruckendes Beispiel für eine digitale Plattform, die aus China stammt und auch hierzulande sehr bekannt ist, ist TikTok von ByteDance, aktuell eine der wertvollsten Apps der Welt. TikTok scheint Facebook, Instagram, Youtube und Snapchat bei den Downloadzahlen überholt zu haben und testet nun Anwendungen für Social Commerce. TikToks Zwilling Douyin ist ein anderes Produkt von der Firma ByteDance und wesentlich weiter. Die Plattform gibt ein Bild davon, wohin die Reise mit TikTok in Sachen E-Commerce gehen könnte. Die Werbevideos sind auf die Plattform zugeschnitten und werden oftmals gar nicht als Werbung wahrgenommen. Es gibt integrierte Miniprogramme wie Einkaufswagen-Buttons, die Käufe innerhalb der Douyin-App ermöglichen, und viele KI-unterstützte Suchfunktionen für Produkte bis hin zu einer Anwendung mit Gesichtserkennung, mit der man Personen identifizieren und deren Outfits kaufen kann.

Ein weiteres Beispiel für Social Commerce in China ist Pinduoduo. Diese Social-E-Commerce-Plattform ermöglicht es Fabriken und Farmern, ihre Waren ohne Zwischenhändler direkt an Endkunden zu verkaufen. Die Kunden können via WeChat Angebote teilen, Gruppen bilden und Freunde und Familie dazu einladen, sich am Kauf eines Produktes zu beteiligen. Je mehr Leute sich am Ende zusammengefunden haben, desto mehr Rabatt gibt es. Pinduoduo profitiert natürlich extrem davon, dass WeChat in China so stark verbreitet ist und die integrierten Zahlungsmöglichkeiten selbstverständlich genutzt werden.

Nicht nur Softwareunternehmen profitieren von der Allgegenwärtigkeit digitaler Plattformen in China: Der chinesische E-Autohersteller NIO bietet auf seiner Plattform eine One-Stop-Solution für alle Belange rund um die Fahrzeuge an: Man kauft das Auto über die NIO-App, bestellt mit einem Klick Wartung oder Serviceleistungen an jedem beliebigen Ort und kann sogar Lade-Vans ordern, die quasi als Powerbanks fungieren.

Das sind nur einige Beispiele dafür, wie innovative Gründer von der digitalen Aufgeschlossenheit in China profitieren. Die Möglichkeiten sind nahezu endlos und werden vom chinesischen Gründergeist reihenweise erkannt, genutzt und umgesetzt. Unterstützt wird dieser Gründergeist durch staatliche Initiativen, Inkubatoren, Fördermittel, Finanzierungen über Venture Capital oder Sonderzonen mit gelockerter Regulierung. Die Kommunen und Regionen konkurrieren, um die besten Voraussetzungen für das Unternehmertum zu schaffen.

Wie erfolgreich das ist, zeigt die beeindruckende Entwicklung von Shenzhen. Vor 40 Jahren war Shenzhen noch eine kleine Fischerstadt mit 300.000 Einwohnern. 1989 wurde es Chinas erste Sonderwirtschaftszone. Durch gezielte Förderung und Unternehmergeist ist die Stadt mittlerweile das globale Zentrum für Hardwareentwicklung, mit 40 Millionen Einwohnern und über 2 Millionen registrierten Unternehmen.

Rund 70 % der weltweit verkauften Smartphones kommen aus Shenzhen. Huawei, DJI (einer der führenden Drohnenhersteller) und ZTE (Telekommunikation) haben ihre Hauptquartiere in Shenzhen, ebenso BYD (Elektroautos), Tencent oder BGI (Gen-Sequenzierung). Zahlreiche internationale VCs, Accelerators und Inkubatoren sind in der Stadt vertreten. HAX beispielsweise, ein Seed-Accelerator mit Fokus auf Hardware-Startups, bietet in seinem dortigen Accelerator-Programm quasi einen Allround-Service für Hardware-Gründer. Huaqiangbei, der zentrale Stadtteil in Shenzhen, ist wie ein Basar mit Elektronikmärkten. Hier gibt es keine Ketten, sondern kleine Läden und Stände, meist spezialisiert auf ein Hardware-Produkt. Es wird eine extreme Vielfalt an Speicherkarten, Handys und Co. vertrieben. Wäre Saturn ein Stadtteil, dann wäre er Huaqiangbei.

Shenzhen hat im Vergleich zum Silicon Valley einen großen Vorteil: eine hervorragende Supply Chain. Die angesammelte Expertise im Bereich Fertigung und die niedrigen Lebenskosten sind günstige Konditionen für Startups. Gründer können einen Prototyp in weniger als einem Tag 3D-gedruckt vor sich haben und es heißt, das, wofür man andernorts einen Monat R&D braucht, dauert in Shenzhen eine Woche.

Next Generation Digitale Plattformen sind digitale Plattformen, die nach der Smartphone-Revolution entstanden sind. Anbieter wie WeChat oder Alipay richten ihren Service gezielt und ausschließlich an Smartphone-Nutzer

R&D steht für Research and Development, also Forschung und Entwicklung. Viele Unternehmen, aber auch Universitäten richten R&D-Zentren ein, um abseits ihres Kerngeschäfts neue, innovative Technologien und Produkte zu erschaffen.

Die Kombination aus staatlicher Unterstützung, Effizienz, Geschwindigkeit und der 10xDNA hat Shenzhen zum Hardware-Silicon-Valley der Welt gemacht. Im Grunde ist Shenzhens Aufstieg selbst eine 10xStory. Dieses Momentum möchte China auch auf andere Bereiche übertragen. Die digitalisierten und vernetzten Bürger erzeugen Unmengen an Daten. Schätzungen zufolge gibt ein Chinese 50 mal mehr über Mobile Payment aus als ein US-Amerikaner, bestellt zehn mal häufiger Essen über Apps und erzeugt 300 mal mehr Bewegungsdaten. Kurz – die Gesellschaft produziert eine Menge wertvoller Daten. Diesen unglaublichen Datenpool will China nutzen, um neue Anwendungen auf den Gebieten künstliche Intelligenz und Smart Cities zu entwickeln.

Die Regierung gab vor drei Jahren das Ziel aus, bis zum Jahr 2030 das globale Zentrum für KI-Innovation zu werden und startete 2018 ein Programm, um über fünf Jahre 500 Lehrkräfte und 5000 Studierende im Bereich KI auszubilden. Bereits im ersten Jahr begannen 100 Lehrkräfte und 300 Studierende ihre Ausbildung. Zu den Dozierenden im Programm gehören Koryphäen wie Kai-Fu Lee, der das Projekt 2018 mit initiierte, John E. Hopcroft und Geoffrey Hinton. Kai-Fu Lee entwickelte das weltweit erste sprecherunabhängige Spracherkennungssystem. John E. Hopcroft wurde für seine Arbeit mit Algorithmen und Datenanalysen 1986 mit dem Turing Award ausgezeichnet. Geoffrey Hinton, ebenfalls Turing-Award-Träger, ist bekannt für seine Beiträge zur Theorie künstlicher neuronaler Netze.

Neben dem KI-Institut soll es zukünftig auf Anordnung der Regierung an allen Primär- und Sekundarschulen KI-Kurse geben. Unternehmen und Universitäten entwickeln Lehrmaterial, es sollen hochqualitative, frei zugängliche Onlinekurse entstehen und zahlreiche Fakultäten, Forschungsinstitute und interdisziplinäre Forschungszentren etabliert werden. Geht der Plan der chinesischen Regierung auf, ist KI bald von der Grundschule über die weiterführende Schule bis hin zum Studium ein elementarer Teil der Ausbildung. Auch die chinesische Bevölkerung hat das riesige Potenzial von KI erkannt und sieht darin den Arbeitsmarkt der Zukunft. Eltern lassen ihre Kinder zum Teil schon im Kindergartenalter programmieren lernen.

Aber die Regierung startete nicht nur eine Bildungsoffensive: In Peking wurden 2 Milliarden Dollar für ein nationales KI-Institut mit KI-Industriepark eingeplant, der einmal 400 KI-Unternehmen beherbergen soll. Hangzhou – die Heimat von Alibaba – plant mit staatlichen Investmentfonds ebenfalls einen KI-Park mit über 1 Milliarde Dollar Volumen. Alibaba hat angekündigt, 15 Milliarden Dollar in R&D zu investieren und will in diesem Rahmen sieben neue Labs in China, Singapur, Moskau und den USA eröffnen. Die Forschung soll sich auf grundlegende und disruptive Technologien konzentrieren, also Bereiche wie künstliche Intelligenz, IoT und Quantencomputer.

Peking und Hangzhou sind nur zwei Beispiele. 19 andere Regionen haben ähnliche KI-Initiativen angekündigt und hierfür Partnerschaften mit den Konzernen Baidu, Alibaba und Tencent geschlossen. Führende Unternehmen wurden zudem von der Regierung zu Mitgliedern eines nationalen KI-Teams ernannt. Dazu gehören Alibaba, Baidu, Huawei, Tencent, iFlytek (ein staatliches IT-Unternehmen im Bereich Sprachsteuerung) und inzwischen auch SenseTime (KI-Software).

Baidus Aufgabe ist dabei das autonome Fahren. Alibaba soll mit seiner Cloud-Computing-Sparte Smart Cities zur Realität machen und mit künstlicher Intelligenz Lösungen für ein verbessertes Leben in Großstädten finden. Huawei ist für die Hard- und Softwareinfrastruktur verantwortlich, Tencent wird sich mit Computer Vision für medizinische Diagnosen befassen. iFlyteks Fokus wird Smart Audio sein und SenseTime befasst sich mit Smart Vision. Mittlerweile ist das Team um zehn weitere Unternehmen gewachsen, unter anderem für die Bereiche Software & Hardware Infrastructure, Cybersecurity, Smart Education und Smart Home.

In China ziehen Staat, Unternehmen, Bildungssystem und Bevölkerung an einem Strang, um den 10xSprung zu schaffen und zur führenden Kraft im Bereich KI zu werden. Die Regierung ruft Pläne und Projekte aus, die – anders als hierzulande – nicht nur auf dem Papier existieren. Es wird massiv in Unternehmen, Infrastruktur und Forschung investiert. Das Bildungssystem wird eingebunden und zum Teil umgekrempelt, um genügend hochqualifizierte Nachwuchskräfte zu haben. Es ist offensichtlich: China hat die Wichtigkeit des Themas verstanden.

BAT gegen GAFAM

Amerika hat die sogenannten GAFAMs – Google, Apple, Facebook, Amazon und Microsoft –, die großen, dominierenden Tech-Plattformen, von denen jede einzelne hunderte Milliarden Dollar wert ist. China hat US-Player in China systematisch verboten, so konnten eigene chinesische Anbieter entstehen, die BATs: Baidu, Alibaba und Tencent – drei große Tech-Konzerne, die auf Augenhöhe mit den GAFAMs agieren. Das Erschreckende für Europa: Eigentlich haben die USA und China schon viel mehr als die fünf GAFAMs oder die drei BATs. Es gibt eine ganze Reihe neuer globaler Champions, die in den letzten Jahren extrem gewachsen sind, beispielsweise Oracle, Salesforce, Netflix, Tesla, Dropbox und Square in US. In China sind es JD, Huawei, Xiaomi, OnePlus, ByteDance und viele mehr. Alles Unternehmen die schon heute eine Marktkapitalisierung von über 100 Milliarden Dollar haben oder sehr bald haben werden.

Milliarden, Billionen/Billions

Die Marktkapitalisierung ist der Marktwert eines Unternehmens. Den tatsächlichen Wert mag jeder für sich anders einschätzen, aber der Marktwert wird bei öffentlichen Unternehmen durch den Aktienkurs eindeutig definiert. Dieser hängt bei Technologie-Unternehmen oftmals nicht an Gewinnen oder Umsätzen, sondern an dem Potenzial, das die Aktionäre sehen. Da die weltweit führenden Tech-Unternehmen sehr, sehr hohe Werte angenommen haben und es sogenannte »false friends« gibt, hier eine kurze Übersicht.


DE EN NUM
Millionen Millions 1.000.000
Milliarden Billions 1.000.000.000
Billionen Trillions 1.000.000.000.000

Die chinesischen Big Player
Baidu vs. Google

Baidu betreibt die größte Internet-Suchmaschine in China und deckt dort so gut wie alle Services ab, die auch Google anbietet, zum Beispiel Baidu Maps, Baidu Wangpang als Cloud-Speicher-Service, Baidu PPC (auch bekannt als Baidu Adwords/SEM/Tuiguang) als Äquivalent zu Google Adwords und Adsense, Baidu Knows als chinesische Antwort auf Quora und Baidu Baike, eine Online-Enzyklopädie ähnlich wie Wikipedia. Zusätzlich gibt es chinaspezifische Services. Baidus Algorithmen sind auf die Eigenheiten der chinesischen Sprache zugeschnitten und sind entsprechend für Chinesisch wesentlich besser als für Englisch – das ist in China ein enormer Vorteil gegenüber Google.

Baidus Videostreaming-Spinoff iQiyi darf als chinesischer Partner von Netflix sogar Netflix-Original-Produktionen ausstrahlen. Zusammen mit Tencent Video ist iQiyi einer der Marktführer im chinesischen Video-Streaming-Markt.

Baidu setzte sehr früh auf die Entwicklung künstlicher Intelligenz und konnte schon 2014 einige der führenden Köpfe in diesem Gebiet aus den USA nach China holen. Unter Baidu Brain bietet Baidu eine weite Palette an KI-Services an, unter anderem ein Open Source Deep-Learning-Framework namens PaddlePaddle als Mitbewerber zu dem von Google entwickelten TensorFlow.

Baidus Projekt »Apollo« entwickelt eine offene Plattform für selbstfahrende Autos und ist ein direkter Konkurrent zum Google X Projekt Waymo. Mehr als 50 Partner haben sich diesem Konsortium angeschlossen. Neben allen großen chinesischen Autoherstellern sind auch deutsche Unternehmen wie Bosch, BMW, Daimler, Volkswagen oder Continental mit an Bord.

Alibaba vs. Amazon

Die Alibaba-Group bedient mit ihren unterschiedlichen Plattformen den gesamten chinesischen E-Commerce-Markt, analog zu Amazon, eBay und Co. Alibaba.com ist eine reine B2B-Plattform, es hält anders als Amazon (Amazon Warehouse) selbst keine Waren. Aliexpress bietet als B2C-Plattform überwiegend chinesischen Händlern die Möglichkeit, Waren außerhalb von China anzubieten. TMall funktioniert quasi in die andere Richtung und ermöglicht es internationalen Unternehmen, Waren im chinesischsprachigen Raum zu verkaufen. Taobao ist vergleichbar mit eBay und gehört zu den zehn meistbesuchten Internetseiten weltweit.

Der Einzug des Singles Days in den Onlinehandel ist auf Alibaba zurückzuführen. Das Unternehmen wählte den 11.11. als Singles Day wegen der magischen Eins und bewarb ihn als Shopping Event, vergleichbar mit dem »Black Friday« – inzwischen ist der Singles Day der umsatzstärkste Tag im chinesischen Onlinehandel. 2019 hat Alibaba am Singles Day in einer Minute und sieben Sekunden Waren im Wert von einer Milliarde Dollar umgesetzt.

Alibaba und die zahlreichen Tochtergesellschaften sind längst nicht mehr nur im Onlinehandel verankert: Ant Financial betreibt Alibabas Paypal-Pendant Alipay, einen der zwei führenden Mobile-Payment-Anbieter in China, sowie den Geldmarktfonds Yuebao, der eine ernstzunehmende Konkurrenz für traditionelle Banken in China darstellt. Aliyun oder Alibaba Cloud bieten Cloud-Services an und sind darin vergleichbar mit Amazon Web Services. Mit ET Brain bietet Alibaba eine ultraintelligente KI-Plattform zur Lösung komplexer Probleme an – beispielsweise die Verkehrssteuerung einer Großstadt mit 9 Millionen Einwohnern. Mit Hanguang 800 hat Alibaba außerdem seinen ersten Inference-Chip für maschinelles Lernen in seiner Cloud vorgestellt.

Tencent vs. Facebook

Bei Tencent kommt den meisten zunächst WeChat in den Sinn, auf den ersten Blick nur ein mobiler Messenger mit monatlich über 1,1 Milliarden aktiven Nutzern und gleichzeitig die größte Social-Media-Plattform in China. Aber eigentlich ist WeChat noch viel mehr: Mit WeChat Pay ist es neben Alipay einer der größten Anbieter für Mobile Payment, eine Art Browser für mobile Seiten, man kann es sogar als mobiles Betriebssystem bezeichnen. Dazu tragen die zahlreichen Miniprogramme in WeChat bei. Sie laufen über sogenannte official accounts und sind kleine Applikationen innerhalb der WeChat-App. Anstatt sich die App des chinesischen Uber-Äquivalents Didi zu installieren, kann man zum Beispiel einfach das Miniprogramm innerhalb von WeChat hinzufügen und fortan mit WeChat seinen Fahrdienst buchen. Man kann Essen bestellen, seine Rechnungen bezahlen, Wartungsdienste kontaktieren, Video- oder Musikdienste in Anspruch nehmen und vieles mehr, ohne die WeChat-App auch nur einmal zu schließen. Anders als Apps müssen diese Miniprogramme nicht heruntergeladen und installiert werden, sondern sind WeChat-intern sofort einsatzbereit. In China ist WeChat die »App für alles«.

Ein Feature bei WeChat ist das Versenden von sogenannten Red Envelopes. Diese »roten Umschläge« sind tief in der chinesischen Kultur verankerte Geldgeschenke, typischerweise zum chinesischen Neujahr. In WeChat kann man über die Funktion Red Envelopes Geldbeträge an Kontakte oder Gruppen senden und einstellen, ob alle den gleichen Betrag bekommen oder ob der Betrag je nach Reihenfolge des Öffnens variiert, also der erste, der ihn öffnet, am meisten bekommt. Zudem läuft ein Red Envelope nach 24 Stunden ab. So entsteht ein kompetitives und überraschendes Element, das in China zu extrem hohem Engagement führt. Laut WeChat wurden zum chinesischen Neujahr 2017 innerhalb von sechs Tagen 47 Milliarden Red Envelopes versendet.

Neben WeChat ist Tencent noch in zahlreichen anderen Bereichen aktiv, das Unternehmen baute mit WeGame das größte Videospiel-Unternehmen auf und ist an zahlreichen Spieleentwicklungen beteiligt. Tencent Music, das chinesische Spotify, hatte 2018 ungefähr 75 % Marktanteil im Musikstreaming in China. Auch im Bereich Venture Capital ist Tencent eine der weltweit erfolgreichsten Firmen mit 48 Unicorns (Stand Februar 2020).

Huawei vs. Apple

Huawei hat drei Kerngeschäftsbereiche: Telekommunikationsnetzwerke/Netzinfrastruktur (Carrier), Lösungen für Geschäftskunden (Enterprise) und Endgeräte (Consumer). Bei Endgeräten bietet das Unternehmen unter anderem Tablets, Smartwatches, LTE-Surfsticks und Smartphones an – mittlerweile liegt Huawei auf Platz 2 der größten Smartphone-Hersteller der Welt, knapp vor Apple. Huawei entwickelt außerdem ein eigenes Betriebssystem, Harmony OS (chinesisch: Hongmeng OS), um unabhängig von Android zu sein (auch in Reaktion auf den Handelskrieg mit den USA) und zugleich ein Betriebssystem zu haben, das besser über diverse Plattformen und Geräte einzusetzen ist.

Im Bereich Enterprise versorgt Huawei Unternehmen, Verwaltungseinrichtungen und andere Institutionen mit Produkten für die Netzinfrastruktur und Cloud Computing. Auch hier ist Huawei derzeit einer der Marktführer weltweit. Das Unternehmen hat den größten Weltmarktanteil unter den Ausrüstern von Telekommunikationsnetzen und führt auch in der Entwicklung neuer Mobilfunkstandards (5G). Schon jetzt hat Huawei laut CEO Zhengfei Ren mit der Forschung an 6G begonnen.

Huawei ist global eines der innovativsten Unternehmen, betrachtet man die Anzahl angemeldeter Patente. 2019 stand es auf Platz eins bei internationalen Patenten und auf Platz zwei bei Patentanmeldungen in Europa.

Auch im Bereich KI hat Huawei die Nase vorn. 2019 stellte es mit dem Ascend 910 den zurzeit leistungsstärksten KI-Prozessor für das Training von künstlicher Intelligenz in Machine-Learning-Projekten vor, zusammen mit dem AI-computing-framework »MindSpore«. Langfristig soll ein »full-stack all-scenario AI portfolio« entwickelt werden.

Plane in Dekaden. Denke in Jahren. Handle in Monaten. Lebe im Tag!

Nic Haralambous

Die Grundlagen hinter 10x

Mit dem Ende der Dekade 2019 gab es einen Trend in den sozialen Netzwerken: »Dekaden-Posts«, Bilder von alltäglichen Dingen, die es vor zehn Jahren noch nicht gegeben hatte. Tweets, in denen die persönliche Entwicklung über die vergangene Dekade aufgelistet wurde. LinkedIn-Posts zu beruflichen Erfolgen innerhalb der letzten zehn Jahre. Der Effekt dieser Posts: Es zeigte sich, wie enorm die Entwicklungen, sowohl unserer Gesellschaft als auch jedes einzelnen von uns, in den letzten zehn Jahren tatsächlich waren.

Und was bedeutet das für den Blick auf die nächsten zehn Jahre?

Zehn Jahre sind ein markantes Zeitfenster. Es bringt uns dazu, langfristig zu denken, ohne dass die Ziele in unerreichbare Ferne rücken. Zehn Jahre geben uns Zeit für die notwendigen Schritte hin zu einem größeren Ziel, angefangen mit dem ersten Schritt: sich die nötigen Fähigkeiten anzueignen. Zudem hält ein 10-Jahres-Plan dazu an, vorausschauender zu denken und zu handeln – eine Fähigkeit, die vielen Unternehmen zu großen Erfolgen verholfen hat.

Der exakte Zeitraum ist nicht verbindlich, dient uns aber als Orientierung. Wenn wir von zehn Jahren sprechen, geht es insbesondere darum, langfristig zu denken und zu handeln und dabei das große Ganze im Auge zu behalten.

Warum ist die 10xDenke so schwierig? Wieso überschätzen wir neue Themen kurzfristig, bilden regelrechte Hypes, aber schätzen die langfristigen Chancen von Innovationen zu gering ein?

Wir überschätzen immer die Veränderungen, die in den nächsten beiden Jahren passieren sollen. Aber wir unterschätzen den Wandel, der über die nächsten zehn Jahre passiert. Lass’ dich dadurch nicht zur Untätigkeit verleiten.

Bill Gates

Der amerikanische Futurist Ray Kurzweil schreibt, dass die meisten Menschen bei ihren Vorhersagen über die technologische Entwicklung in der Zukunft die Fähigkeiten neuer Technologien dramatisch unterschätzen. Die Vorhersagen basieren eher auf einer »intuitiven« Fortschreibung des Fortschritts als auf der historisch erlebten exponentiellen Sicht. Menschen sehen die Welt, wie sie heute ist, und denken sie linear weiter. Autos werden etwas schneller, verbrauchen relativ gesehen etwas weniger Benzin. Aber es bleiben Autos mit vier Rädern, die auf einer Straße fahren. Die Wirklichkeit sieht anders aus. In Wirklichkeit werden wir sowohl als Mensch als auch als Wirtschaftsland immer stärker von neuen Technologien abhängig.


Wir tendieren dazu, den Fortschritt auf lineare Weise zu betrachten, aber die Technologie skaliert exponentiell und bleibt in den ersten Jahren hinter den linearen Erwartungen zurück. Dann beschleunigt sich das Tempo des technologischen Wandels, und innerhalb weniger Jahre sind alte Industrien verschwunden und die Abhängigkeit von der Technologie ist überwältigend geworden.

Technologische Fortschritte verlaufen exponentiell, oft kommen grundlegend neue Lösungen für ein Problem aus Richtungen, die man gar nicht für möglich gehalten hätte. So wurde Cloud Computing, ein fundamental neuer Weg, um Serverkapazitäten zu nutzen und zu skalieren, nicht von Microsoft oder SAP erfunden. Es war der Online-Händler Amazon, der seine brach liegenden Serverkapazitäten für andere öffnete und so ein vollkommen neues Geschäftsmodell erfand.

Wir Menschen können diese komplexen und oft überraschenden Zusammenhänge selten begreifen. Daher schätzen wir kurzfristige Effekte von Innovationen und ihre langfristigen Auswirkungen falsch ein.

Die visionärsten Erfinder und Gründer haben die 10xDNA verinnerlicht. Doch auch oder gerade sie haben es nicht immer einfach. Denn oftmals können zunächst nur sie selbst ihre Visionen sehen. Es erfordert Mut, an einer Vision zu arbeiten, während einen die Mehrheit für verrückt hält. Und es erfordert die Geduld, auch dann noch an der Idee festzuhalten, wenn alle anderen sich bereits enttäuscht abgewandt haben.

Zudem benötigt exponentielles Denken das inhärente Vertrauen in den technologischen Fortschritt. Auch wenn es historisch gesehen keinen Zweifel daran gibt, lässt sich dieser Fortschritt oft nur schwer greifen.

Ein Beispiel: Als das Human Genome Projekt im Jahr 1990 mit dem Ziel gestartet wurde, bis 2005 das komplette menschliche Genom zu entschlüsseln, waren viele skeptisch, darunter auch Wissenschaftler. Mit den besten damals zur Verfügung stehenden Computern hätte es rund 1.000 Jahre gedauert, das gesamte Genom zu scannen. Die methodischen Fortschritte innerhalb des Projekts und die ständige Verbesserung der Computerleistung sorgten schlussendlich dafür, dass das Projekt nach 13 Jahren, zwei Jahre vor dem gesetzten Ziel, erfolgreich beendet werden konnte.

Die 10xDNA ist kein blindes Hoffen auf den technologischen Fortschritt oder ein angeborenes Bauchgefühl. Vielmehr ist sie die Kombination aus fundamentalem Wissen in Bereichen wie Physik, Chemie und Informatik, gepaart mit sehr vorausschauendem Denken. Drei wissenschaftliche Theoreme verdeutlichen dies anschaulich.

Theoreme sind Lehrsätze, die durch logische Schlussfolgerungen bewiesen werden können bzw. Tatsachen, die sich aus bereits etablierten Tatsachen ableiten lassen.

Moore’s Law

Das bekannteste dieser drei Theoreme wurde 1965 vom Intel-Mitgründer Gordon Moore formuliert. Ursprünglich sagte es den Fortschritt bei der Entwicklung von Computerchips voraus. Alle 18 Monate, so Gordon, werde sich die Anzahl der Transistoren auf einem Prozessor verdoppeln. Die Leistungsfähigkeit der Prozessoren nehme also über die Zeit exponentiell zu.

Moore’s Law hatte die letzten 50 Jahre Bestand. Die Anzahl der Transistoren pro Chip wuchs exponentiell und sorgte dafür, dass die Computer immer besser und die Prozessorleistung immer bezahlbarer wurden. Unsere heutigen Smartphones haben rund 100.000 mal mehr Prozessorpower und rund 1.000.000 mal mehr Arbeitsspeicher als jene Rechner, die die erste Mondlandung ermöglichten.

Speziell diese exponentielle Entwicklung brachte viele Sprung-Innovationen mit sich, denn mit immer mehr Rechenleistung konnten auch immer größere Probleme gelöst werden.

Wright’s Law

Das zweite wichtige Theorem zum besseren Verständnis des exponentiellen Fortschritts wurde in den 1930er Jahren vom US-amerikanischen Luftfahrtingenieur Theodore Paul Wright formuliert. Er entdeckte, dass die Stückkosten von Flugzeugen mit steigender Produktionsmenge konstant sanken. Seine Daten zeigten, dass je 1.000 produzierter Flugzeuge die Kosten pro Flugzeug um 15 % zurückgingen. Dieser Trend setzte sich mit steigender Produktion fort.

Wright’s Law ist bei Wirtschaftswissenschaftlern auch bekannt als Erfahrungskurveneffekt und wurde in allen Details analysiert. Für exponentielles Denken hat das Theorem allerdings eine ganz entscheidende Bedeutung: Stellen heute die Kosten von Bauteilen eine Hürde dar und erscheint eine Innovation deshalb unwirtschaftlich, kann sie in naher Zukunft wirtschaftlich werden.

Das aktuell populärste Beispiel sind Elektroautos. Während der Entwicklungsphase des Tesla Roadsters im Jahr 2006 lagen die Kosten für die Akkus noch bei über 300 Dollar pro Kilowattstunde. Das Akkupack eines Tesla Roadsters kostete über 15.000 Dollar, ein Angebot für den Massenmarkt war undenkbar. 2017, zum Start von Model 3, waren die Kosten schon auf 145 Dollar pro Kilowattstunde gesunken und das Akkupack verursachte rechnerisch nur noch Kosten von unter 5.000 Dollar. Heute kostet Tesla die Kilowattstunde weniger als 100 Dollar und der Preis wird immer kompatibler für den Massenmarkt.

Auch in benachbarten Industrien kann Wright’s Law alles auf den Kopf stellen. Ist die stetige Kostendegression erst einmal in Gang, können sich Kostenstrukturen industrieübergreifend sehr schnell fundamental ändern. Dies birgt Chancen für disruptive Anbieter, die diese Entwicklungen im Blick haben. Die steigende Nachfrage und Produktion von Akkus für Elektroautos sorgt dafür, dass deren Produktionskosten sinken. Dies wiederum ermöglicht den wirtschaftlichen Einsatz von Akkus in zahlreichen anderen Industrien, zum Beispiel in E-Scootern, E-Bikes oder Elektrorollern. Man kann über die E-Scooter, die es inzwischen zuhauf in jeder Großstadt gibt, sagen, was man will.

Kosten für Lithium-Ionen-Batterien


In jedem Fall sind sie ein einwandfreies Beispiel dafür, wie die Effekte durch Wright’s Law in einer Branche (E-Auto) zum Entstehen eines vollkommen neuen Geschäftsfelds (E-Scooter) führen können.

Kurzweil’s Law

Das von Ray Kurzweil geprägte Axiom nennt sich eigentlich »the law of accelerating returns« und ist die zentrale Grundlage seiner Arbeiten. Ray sagt voraus, dass die Menschheit in ein Zeitalter des exponentiellen Fortschritts einsteigt, in dem die Fortschritte der nächsten hundert Jahre sich wie zwanzigtausend Jahre Fortschritt anfühlen werden.

nanos gigantum humeris insidentes – Wir stehen auf den Schultern von Giganten.

Bernardus Carnotensis, 1214

Kern des Axioms ist die Erkenntnis, dass jede neue Generation von Wissenschaftlern und Tüftlern auf die Ergebnisse der vorherigen Generation zurückgreifen kann. Ein sehr einfaches Beispiel: Die Erfinder des Taschenrechners hatten nur Papier und Bleistift zur Verfügung. Die nachfolgende Erfindergeneration konnte schon mit Taschenrechnern arbeiten. Heutzutage haben Forscher Zugriff auf Supercomputer, künstliche Intelligenz und Gas-Chromatographen – ein ganzes Arsenal an Hightechtools.

Gas-Chromatographen sind Instrumente, die in sehr sensitiven Analyseverfahren Gemische in einzelne chemische Verbindungen auftrennen können. So lassen sich auch extrem geringe Substanz- mengen nachweisen.

Ein zweiter Faktor für den exponentiellen Fortschritt ist sehr banal: Es gibt immer mehr Akademiker und Forscher. Der britische Professor Derek de Solla Price stellte schon 1961 fest, dass »90 Prozent aller Wissenschaftler, die jemals auf der Erde gelebt haben, heute leben«. An der Zahl der seit 1900 vergebenen Doktortitel ist zu sehen, wie stark die Zahl der Akademiker zunimmt.

Jährlich weltweit vergebene PHDs


Immer mehr Forscher arbeiten mit immer mehr Wissen und immer besseren Werkzeugen an den Innovationen der Zukunft.

Wer diese drei Theoreme verinnerlicht und die Grundkonzepte der Technologien aus dem 10xBaukasten verstanden hat, ist auf dem besten Wege, seine eigene 10xDNA zu entwickeln.

Die größte Schwäche der menschlichen Zivilisation ist unsere Unfähigkeit, eine exponentielle Wachstumsfunktion zu begreifen.

Allen A. Bartlett, 1969

Was treibt den 10x Fortschritt an?

Unser Gehirn denkt lieber linear statt exponentiell. Im Zeitalter des exponentiellen Fortschritts ist das schlecht für uns. Rechenleistung wird stärker, Server- und Speicherkapazitäten günstiger, Wissen und Erkenntnisse sind überall und für jedermann verfügbar. Die Voraussetzungen für technologischen Fortschritt werden fortlaufend besser und technologische Entwicklungen verstärken sich gegenseitig. Je effizienter unsere Computer werden, desto effizienter werden unsere Entwickler und Forscher. Dadurch dürfte es schon sehr bald eine Reihe von Durchbrüchen in den unterschiedlichsten Bereichen geben.

Die vierte industrielle Revolution – Diesmal ist alles anders!

Wenn technologische Innovationen tiefgreifende gesellschaftliche Auswirkungen haben, sprechen wir von »industriellen Revolutionen«. In den letzten 300 Jahren hat die Menschheit drei industrielle Revolutionen durchlaufen – jede wurde ausgelöst durch die Erfindung und Implementierung einer neuen Basistechnologie.

Die erste industrielle Revolution – das Maschinenzeitalter – begann Ende des 17. Jahrhunderts mit der Erfindung der Dampfmaschine. Dampfkraft ermöglichte große Maschinen, Eisenbahnen, Dampfschiffe. Es entstanden Fabriken und mit ihnen eine Arbeiterklasse.

Die zweite industrielle Revolution – die Industrialisierung – Anfang des 20. Jahrhunderts basierte auf der Nutzbarmachung von Elektrizität, wodurch Erfindungen wie die Glühbirne, der Telegraf oder die Fließbandfertigung möglich wurden.

Die dritte industrielle Revolution – das digitale Zeitalter – wurde durch die Erfindung von Mikrochips ausgelöst. Durch die integrierten Schaltkreise wurde die Digitalisierung möglich, die wiederum Erfindungen wie den Taschenrechner (1967), Personal Computer (1976), Datenbanken (1977) und das Internet (1969) mit sich brachte.

Heute befinden wir uns an der Schwelle zur vierten industriellen Revolution. Und dieses Mal ist alles anders.

Die ersten drei industriellen Revolutionen basierten jeweils auf dem Durchbruch einer neuen Grundlagentechnologie, die neue Innovationen und Produkte nach sich zog. Doch heute stehen zeitgleich mehrere neue, transformative Basistechnologien bereit, was zu einer kambrischen Explosion an Innovationen in allen Bereichen der Gesellschaft führen wird.

Kambrische Explosion beschreibt die explosionsartige Entwicklung fast aller heutigen Tierstämme zu Beginn des Kambriums (Periode der Erdgeschichte).

Durch Fortschritte in der Anwendung künstlicher Intelligenz erhalten Wissenschaftler in allen Forschungsfeldern neue, mächtige Analysewerkzeuge. Immer vielseitigere Funktionen können in immer mehr Bereichen eingesetzt werden, zum Beispiel in der medizinischen Forschung oder der Materialentwicklung.

Roboter werden in den nächsten Jahren viele Aufgaben schneller und zuverlässiger erledigen als wir. Noch entscheidender: Sie werden zu Leistungen in der Lage sein, die kein Spitzensportler der Welt vollbringen kann. Sie werden nicht müde, machen keine Flüchtigkeitsfehler und können in vielen Bereichen sehr viel effizienter, genauer und sicherer arbeiten als der Mensch.

Durchbrüche bei der Sequenzierung und Veränderung von DNA eröffnen neue Möglichkeiten in der synthetischen Biologie, chronische Krankheiten können geheilt oder vermieden werden. Natürlich wirft die Möglichkeit der Veränderung von DNA auch viele zentrale ethische Fragen auf, die zu klären sind. Doch die Entwicklungen in diesem Bereich sind nicht aufzuhalten.

Durch dezentrale Blockchains können Daten erstmals sicher und zuverlässig gespeichert und verwaltet werden. Ihre Sicherheit basiert auf fundamentaler Mathematik und IT. Ich gehe davon aus, dass das schon bald der neue Sicherheitsstandard ist und es für kommende Generationen inakzeptabel sein wird, dass ein einzelner Bankmitarbeiter ihren Kontostand ändern kann, so wie es heute noch der Fall ist.

Der technologische Fortschritt lebt von der Digitalisierung und der Vernetzung. Die neue Mobilfunktechnologie 5G wird mit höheren Datenraten, geringeren Latenzen und vor allem viel mehr Kapazitäten die exponentielle Phase des »Internets der Dinge« lostreten. Es wird günstiger, einfacher und schneller, Menschen und Maschinen miteinander zu verbinden. Das wird viele neue Geschäftsmodelle ermöglichen.

3D-Druck wird zum ersten Mal seit der Steinzeit den Herstellungsprozess unserer Produkte grundlegend verändern. Wo wir heute bestehende Blöcke schnitzen, biegen, zusammenschrauben oder kleben, können wir in Zukunft jeden Punkt im Raum frei definieren und das Material genau da einsetzen, wo wir es brauchen.

Quantencomputer bringen, nach der Microchip-Revolution unserer Smartphones, den Computer 2.0. Der Sprung, den die Leistungsfähigkeit des Computers machen wird, lässt sich kaum ausmalen. Hierdurch erhoffen sich viele Forscher Durchbrüche in besonders komplexen Bereichen wie der Materialforschung oder der Medizin.

Jede Grundlagentechnologie aus dem Baukasten der Zukunft hat für sich alleine das Potenzial, Industrien zu revolutionieren und mehrere 100-Milliarden-Konzerne zu schaffen. Da diese Technologien auch noch miteinander kombinierbar sind, werden sich die Möglichkeiten für neue Anwendungen und Geschäftsmodelle schlagartig vervielfältigen. Wir springen in eine neue Dimension.

Alles ist digital

»Alles, was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert werden«, das ist oft zu lesen. Es stimmt. Wer heute noch damit beschäftigt ist, die Erstellung, Verarbeitung und Speicherung von Informationen zu digitalisieren, wird den Anschluss verpassen. Die weltweit führenden Unternehmen haben ihre Digitalisierung bereits abgeschlossen und damit die Basis bereitet für die 10xChancen durch neue Technologien. Deutschland muss sich beeilen, um diesen Zug nicht zu versäumen.

Durch die Digitalisierung können verschiedene Technologien und Informationen zusammengeschaltet und so neue Dienste geschaffen werden. Zwei allgegenwärtige Beispiele verdeutlichen dies:

Wird eine digitale Straßenkarte mit einem digitalen Positionssensor (GPS) kombiniert, entsteht ein Navigationssystem. Dessen Verbindung mit digitalen Verkehrsinformationen wiederum ermöglicht die dynamische Routenführung mit automatischer Stauumfahrung.

Die Kombination eines Smartphones mit einem Taxidienst ruft mit einem einzigen Knopfdruck ein Taxi zu jeder gewünschten Stelle. Alle dafür nötigen Daten werden im Hintergrund digital ausgetauscht.

Das Disruptionspotenzial der Digitalisierung ganzer Branchen zeigt sich sehr gut an den Umwälzungen in verschiedenen Industrien: Schreibmaschinen wurden durch Textverarbeitungsprogramme ersetzt. Digitalkameras lösten analoge Kameras und Analogfilm ab. DVDs verdrängten VHS-Kassetten. Videotheken verschwanden durch die wachsenden Streaming- und Download-Angebote. Solche Beispiele gibt es zuhauf.

Jede neue Stufe der Digitalisierung führt zur Umwälzung ganzer Industrien. Wer damit nicht umgehen kann, verschwindet vom Markt. Das passierte beispielsweise Polaroid, Kodak, Blockbuster Video oder Nokia.

Die Bedeutung der Digitalisierung schreitet voran. Digitalisierung erzeugt Daten, die durch künstliche Intelligenz analysiert und für neue, bessere Angebote genutzt werden. Damit werden Daten zum neuen Wettbewerbsvorteil für Unternehmen.

Hand in Hand mit der Digitalisierung geht die Automatisierung. Die Software übernimmt repetitive Aufgaben, steuert Fertigungsanlagen und gibt Bescheid, wenn Abweichungen auftreten. Die Kosten sinken, wenn Prozesse zunehmend digitalisiert und automatisiert werden, und die Effizienz eines Unternehmens kann maßgeblich gesteigert werden.

Über das Internet of Things (IoT) werden immer mehr »Dinge« digitalisiert und können in ein Netzwerk integriert werden. Dies gilt für den privaten Bereich (den Kühlschrank) ebenso wie für den gewerblichen (zum Beispiel in der Produktion). Indem unsere Geräte immer smarter werden und dank IoT die Möglichkeit bekommen, untereinander zu kommunizieren, können sie mehr und mehr eigenständig agieren.

Damit sparen wir wertvolle Zeit. Zeit ist die einzige Währung, die sich nicht vermehren lässt. Egal, wie reich wir sind und wie viele Daten und Informationen uns zur Verfügung stehen – der Tag hat für jeden von uns nur 24 Stunden.

Exponentielle Entwicklung

Alles, was digitalisiert ist, kann über steigende Rechenleistung, schnellere Netzwerke und Algorithmen optimiert werden. Der Beginn des Informationszeitalters wurde geprägt durch Moore’s Law: die exponentielle Entwicklung der Rechenleistung von Mikroprozessoren. In der Informatik gibt es das Mantra »Wenn fehlende Rechenleistung das einzige ist, was zur Lösung deines Problems fehlt, dann wird Moore’s Law es bald lösen«. Uns stehen mittlerweile Prozessoren zur Verfügung, die für spezielle Anwendungen entwickelt wurden und als sich ständig verbessernde Werkzeuge im Sinne des Gesetzes der sich exponentiell beschleunigenden Resultate dienen.

So fand man zum Beispiel heraus, dass die Prozessoren von Grafikkarten (GPUs) viel besser für das Training von künstlicher Intelligenz geeignet sind als herkömmliche CPUs. Auf der Basis dieser Erkenntnis entwickelte Google Prozessoren (Tensor Processing Units oder TPUs), die speziell für das KI-Training optimiert sind. Neue Unternehmen wie Nvidia entwickeln Chips, die auf selbstfahrende Autos spezialisiert sind, Blockchain-Operationen und vieles mehr. FPGAs erlauben es sogar, Chips dynamisch für spezielle Anforderungen zu optimieren. Dank FPGAs und Cloud Computing laufen schon heute einzelne Algorithmen bis zu 1.000 mal schneller und energieeffizienter.

Field Programmable Gate Arrays (FPGAs) sind integrierte Schaltkreise, bei denen Logikgatter auch nachträglich noch mit Funktionen ausgestattet und kombiniert werden können.

Dort, wo klassische Prozessoren an ihre Grenzen stoßen, werden Quantencomputer übernehmen. Schon heute sind sie besser für einzelne Teilbereiche der Forschung geeignet, beispielsweise bei der Simulation von Proteinen und Molekülen oder der Berechnung von Optimierungsproblemen. Quantencomputer sind heute in einem sehr frühen Entwicklungsstadium, mit wenigen Qubits (Speichereinheiten), die Softwareentwicklung ist mühsam. Aber dies wird sich wie bei den Mikroprozessoren exponentiell entwickeln und jedes Jahr werden sich mehr und mehr Möglichkeiten eröffnen.

Die Ausgangsthese »Alles, was digitalisiert ist, kann über steigende Rechenleistung und mit Algorithmen optimiert werden« wird durch spezialisierte Prozessoren für Anwendungen in den Bereichen KI und Quantencomputer also um ein Vielfaches verstärkt.

Alles ist vernetzt

Die Digitalisierung ermöglichte Datenübertragungsstandards und somit den Austausch von Daten über Computernetzwerke. Zunächst geschah dies ausschließlich in internen Firmennetzen, später in semi-öffentlichen Universitätsnetzen. Mit der Entwicklung des Internets brach das große Informationszeitalter an.

Seit diesem Zeitpunkt greifen Digitalisierung und Vernetzung ineinander und sorgen für einen noch nie dagewesenen Innovationsschub. Digitale Daten können über das Internet verteilt und an jeden angeschlossenen Rechner zugestellt werden. In den Datenpaketen können E-Mails, Webseiten, Musik oder Filme stecken.

Die Kombination dieser beiden Schlüsseltechnologien ermöglichte komplett neue 10xGeschäftsmodelle. Die Unternehmen, die bei ihrer Digitalisierung konsequent auf diese 10xDNA setzten, profitierten am stärksten vom Internetboom. Unternehmen hingegen, die lediglich ihre analogen Geschäftsprozesse digital übertrugen, hatten oft das Nachsehen.

10x Geschäftsmodelle am Beispiel Netflix

Der Anfang vom Ende der Videotheken war nicht die Digitalisierung von VHS zu DVD. Es war die konsequente Umsetzung eines neuen 10xGeschäftsmodells.

Netflix startete als Versand-Videothek und kämpfte am Markt gegen den Giganten der physischen Videotheken, Blockbuster. Blockbuster Video verfügte über Tausende Filialen, Millionen Kunden, effiziente Logistikketten und Deals mit allen großen Studios.

Doch das Netflix Management hatte das 10xMindset und erkannte früh die Chancen eines immer schneller werdenden Internets. Dank schneller Bandbreiten konnten Filme plötzlich digital an die Kunden geliefert werden. In einer digitalen Lieferkette entfielen allerdings die Überziehungsgebühren, das damals einträglichste Geschäft von Blockbuster. Vom Rest der Industrie belächelt, setzte Netflix dennoch konsequent auf seine Digitalstrategie. Das Unternehmen kaufte Streamingrechte, führte ein Abo-Modell ein und investierte in eine erstklassige IT-Infrastruktur für Video-Streaming.

Den Rest der Geschichte kennen wir. Am Ende war der Gewinn an Bequemlichkeit für die Nutzer so groß, dass Videotheken nicht mehr mithalten konnten. Blockbuster ging im Jahr 2010 in die Insolvenz.

Die nächste Stufe der Vernetzung – das mobile Internet – sorgte für die Vernetzung von Menschen und Orten. Ständig einen mit dem Internet verbundenen Computer in der Tasche zu haben, ermöglichte vollkommen neue Anwendungen und brachte mit der nächsten Welle von disruptiven Geschäftsmodellen ganze Branchen durcheinander – Uber (Taxis), WhatsApp (SMS), Spotify (Musik). Die nächsten zehn Jahre werden mit IoT und 5G weitere Stufen der Vernetzung bringen und damit die Chancen für herausragende Gründer oder mutige Unternehmen, ganze Industrien auf den Kopf zu stellen.

Das virtuelle und unendliche Rechenzentrum

Cloud Computing – der Zugriff auf IT-Infrastruktur wie Rechenleistung, Datenbanken oder Speicherplatz über das Internet – startete als kommerzielles Modell Mitte der 2000er Jahre. Vor allem Amazon baute aus dieser Idee ein heute milliardenschweres Geschäft auf. Für das Weihnachtsgeschäft wurden große Rechenkapazitäten benötigt, denn zu dieser Zeit wuchs der Traffic auf den Amazon-Shopseiten um das Zehnfache an. Außerhalb der Weihnachtszeit lagen diese Kapazitäten brach. Da Amazon schon früh intern auf eine modulare, servicezentrierte IT-Infrastruktur gesetzt hatte, konnten die überschüssigen Kapazitäten an andere Unternehmen vermietet werden.

Cloud Computing hatte in der Boomphase der Startups viele Vorteile: Gründer hatten sofort Zugriff auf eine voll skalierbare, moderne IT-Infrastruktur, ohne sich selbst teure Hardware kaufen zu müssen. Ideen konnten schnell programmiert, auf die Cloud-Server geladen und direkt online getestet werden. Das Management der eigenen Server entfiel komplett.

Ein weiterer Vorteil der neuen Cloud-Welt ist die Möglichkeit, komplette Softwaremodule zu mieten und damit sehr schnell ein komplettes Online-Business mit CRM-Lösung und Kundensupport aus der Cloud aufzubauen. Mit Anbietern wie Shopify, Mailchimp und Zendesk lassen sich diese zügig und ohne große Vorkenntnisse einfach zusammenbauen. Dank der Cloud-Lösungen von Microsoft oder Google können beliebig große Teams von überall in Echtzeit zusammenarbeiten.

Heute gibt es alles as-a-service aus der Cloud. Amazon bietet mittlerweile Dienste aus 23 Kategorien an. Von Machine-Learning-Lösungen (wie dem automatischen Erkennen von Bildern, Texten oder Sprache) über Robotersteuerung bis zu einer kompletten Satelliten-Bodenstation as-a-service, die gegen eine monatliche Gebühr die vollständigen Koordinaten und die Steuerung einer eigenen Satelliten-Konstellation ermöglicht.

Das Tolle am Cloud-Ansatz ist, dass er in gewissem Maß für eine Demokratisierung von Chancen sorgt. Denn wenn die neuesten Tools direkt und überall für Forscher, Tüftler und Gründer verfügbar sind, können die nächsten großen Ideen von überall kommen – auch in Zukunft. IBM schaltete vor einem Jahr für Interessierte einen Cloud-Zugang zu einem frühen Quantencomputer frei. Im Verlauf des Buches werden wir noch weitere Technologien vorstellen, die dank Cloud-Ansätzen für jedermann nutzbar sein werden.

Alles open source

Während der 1980/90er Jahre war Microsoft der dominierende Anbieter von Betriebssystemen und Software. Microsoft hatte einen großen »Lock-in« für seine Plattform geschaffen. Die meisten PCs liefen mit MS-DOS oder Windows, also lohnte es sich für externe Entwickler, ihre Software für diese Systeme zu entwickeln. Und umgekehrt war es für Käufer am attraktivsten, sich einen MS-DOS- oder Windows-Rechner zu kaufen, weil es hierfür die größte Auswahl an Anwendersoftware gab. Durch große Investitionen in Entwicklungsumgebungen und Trainings hielt Microsoft das Schwungrad »Die meiste Software ↔ Die meisten kompatiblen PCs« am Laufen. Das Aufkommen des Internets und die Verlagerung der Nutzer hin zu browserbasierten Anwendungen brach dieses System auf. Mit den neuen Smartphone-Betriebssystemen entstand ein neuer Wettbewerb um die besten Apps und mit ihm die besten Entwicklertools.

Entwicklungsumgebungen oder Systemumgebungen sind Plattformen, auf denen Entwickler mit einem Set an Prozessen und Werkzeugen neue Software oder neue Softwareversionen entwi- ckeln. Dazu nutzen sie Programme, die als integrierte Entwicklungsum- gebung (IDE) bezeichnet werden.

Das Tempo des Wandels war noch nie so schnell. Und dennoch wird es nie mehr so langsam sein.

Justin Trudeau, 2018 — kanadischer Premierminister

Wir befinden uns in der Zeit der Plattform-Ökosysteme. Alle großen digitalen Unternehmen – Apple, Google, Amazon, Microsoft – bieten Plattformen und versuchen, sich dort mit einem Angebot an Diensten zu differenzieren. Sie haben verstanden, dass sie die Kreativität und die Ideen externer Entwickler für sich gewinnen müssen, um immer neue Dienste anbieten zu können. Aus diesem Grund stecken sie viele Ressourcen in attraktive Entwicklerumgebungen. Sie bieten Entwicklern immer mächtigere Werkzeuge an, damit sie neue Dienste auf ihren Plattformen entwickeln. Die Palette verfügbarer Entwicklertools ist mittlerweile sehr breit. Sie reicht von Tools zur Unterstützung bei der App-Entwicklung (Apple Xcode/Swift, Android Studio oder Microsofts Visual Studio) hin zu Werkzeugen für Bilderkennung, Spracherkennung oder Videoanalysen mithilfe künstlicher Intelligenz. Es gibt spezielle Tools zur Entwicklung von Virtual- oder Augmented-Reality-Anwendungen. Neuerdings haben Amazon und Co. sogar Entwicklerumgebungen für Roboterprogrammierung und Quantencomputer im Portfolio.

Mit dem Aufkommen des Cloud Computing bildete sich noch eine weitere Methode der Zusammenarbeit unter Softwareentwicklern. In sogenannten Repositories speicherten Entwicklerteams ihre Softwaremodule. Alle im Team hatten Zugriff auf schon fertige Bausteine der Kollegen und konnten sie in anderen Projekten ihren Zwecken anpassen. Wieso sollte man beispielsweise ein Modul für »Passwort zurücksetzen« immer wieder neu schreiben, wenn man es aus einem alten Projekt wiederverwenden konnte? Die effizienten Repositories etablierten sich. Heute gibt es große Online-Datenbanken wie Github mit fertigen Softwarebausteinen. Entwickler teilen Module, die sie für konkrete Probleme geschrieben haben. Andere können diese Module für ihre Projekte weiterentwickeln. Das Rad muss nicht immer wieder neu erfunden werden – es wird ständig verbessert. Analog zu Kurzweil’s Law gilt: Immer mehr Software-Entwickler mit immer mehr Rechenpower haben Zugriff auf immer bessere Entwicklerumgebungen.

Repositories sind zentrale Ablageorte für Software. Sie dienen bei der Versionsverwaltung unter anderem dazu, nachzuvollziehen, wer wann etwas geändert hat. Bei Zugriff werden die entsprechenden Dateien aus dem Repository ausgecheckt und nach Bearbeitung wieder eingecheckt.

Die 10xDNA wird immer wichtiger!

Die nächsten zehn Jahre werden die bislang schnellsten und intensivsten der Menschheit. Viele neue Grundlagentechnologien stehen bereit. Sie treffen auf eine vernetzte Welt, in der neue Ideen von überall kommen können. In der jeder von überall Zugriff auf skalierbare Rechenpower hat und seine Ideen mit immer besseren Tools direkt umsetzen kann. Die Vektoren, die den exponentiellen Fortschritt treiben – Digitalisierung, Rechenpower, globale Vernetzung – sind stärker als je zuvor. Der Fortschritt wird sich weiter beschleunigen und neue Chancen für Entrepreneure und Unternehmen hervorbringen. Deshalb ist die 10xDNA in Zukunft unabdingbar, um neue Chancen zu sehen und auch, um das eigene Unternehmen vor einer Disruption durch eine neue Technologie zu schützen.

Hinterher ist man immer klüger!

Steve Sasson, Erfinder der Digital Kamera (© Kodak)

Das klassische Beispiel für eine verschlafene Disruption ist Kodak. Der Konzern war führend bei Farbfilmen für analoge Kameras mit 80 % Margen bei 90 % Marktanteil. So ziemlich jede Urlaubsreise war mit dem Kauf eines Kodakfilms verbunden. 1976 entwickelte der Kodak-Ingenieur Steve Sasson die erste digitale Kamera. Sie hatte eine Auflösung von 0.01 Megapixel und benötigte 23 Sekunden, um ein Bild auf eine Datasette zu speichern.

Datasette setzt sich aus Data (Daten) und Kassette zusammen. Das in den 80ern weit verbreitete Gerät sieht aus wie ein Kassettenrekorder und speichert Computerdaten auf Kassetten.

Als Steve seine Erfindung dem Management von Kodak zeigte, wurde er wegen der schlechten Technik belächelt. Hätte das Management wie Elon »First Principle Thinking« genutzt und den Weg zu einer Kamera gesehen, die zehn Megapixel Bilder in zwei Sekunden auf einem kleinen Speichermedium speichert, hätte es vermutlich anders entschieden. Aber die Unternehmensführung von Kodak dachte linear und wollte das Kerngeschäft nicht gefährden. Sie investierte weiter in inkrementelle Fortschritte beim Analogfilm und sah weder Chancen noch Gefahren der Digitalisierung. Ein weiterer Faktor, der zum Niedergang der Firma führte: »Good is the biggest enemy of Great«. Es ging Kodak einfach zu gut, warum sollte man sich jetzt mit so einem unwichtigen Thema befassen?

Digitale Kameras setzten sich durch, der Farbfilm wurde ein Relikt der Vergangenheit und Kodak ging 2012 in die Insolvenz. 2012 war übrigens auch das Jahr, in dem Facebook das Startup Instagram für 1 Milliarde Dollar übernahm – und mit ihm einen neuen Weg, schöne Momente im Bild festzuhalten und mit anderen zu teilen. #instagramable

Stillstand heißt abgehängt!

»Stillstand heißt Rückschritt« – diese Businessphrase aus dem letzten Jahrtausend verharmlost die Gefahr, in der Unternehmen mittlerweile stecken, wenn sie den Anschluss verlieren. In der 10xWelt verläuft der Fortschritt exponentiell. Ein Unternehmen, das zurückfällt, startet die nächste Innovationsrunde nicht ein paar Schritte weiter hinten und es reicht nicht, sich in der »zweiten Halbzeit« einfach ein wenig mehr anzustrengen. Vielmehr läuft das Unternehmen sehr schnell Gefahr, komplett den Anschluss zu verpassen und Opfer der Disruption zu werden. Die 10xWelt ist das Innovators Dilemma im Turbomodus!

Innovators Dilemma ist ein einflussreiches Buch von Clayton Christensen. Dort zeigt er, wie führende Unternehmen die Marktführung verlieren, wenn neue und unerwartete Unternehmen sich neue Märkte schaffen, aufsteigen und schließlich den Markt ganz übernehmen. Die großen Unternehmen scheitern daran, das Potenzial neuer Technologien zu erkennen, weil sie versuchen, diese auf ihre bestehende Kundenbasis oder ihre bestehende Wertschöpfungskette anzuwenden. Das Dilemma ist also, dass sich Unternehmen entscheiden müssen, ob sie die aktuellen Bedürfnisse ihrer bestehenden Kunden bedienen oder zukünftige Bedürfnisse potenzieller Kunden.

Ford Modell T

Dabei kommt die Disruption oft nicht aus der eigenen Branche und interessanterweise auch selten direkt aus einer neuen Technologie. Wie Clayton Christensen schon in den 1990er Jahren beschrieb, entstehen neue Konkurrenten meist am Rand der eigenen Industrie. Und die Disruption entsteht aus neuen Geschäftsmodellinnovationen, die erst durch eine neue Technologie ermöglicht werden.

Das Modell T von Ford war kein anderes Auto als sein Vorgänger, das Modell S. Es unterschied sich weder im Design noch in den Spezifikationen von den Autos der Wettbewerber. Die disruptive Innovation war der Produktionsprozess dahinter – das Fließband. Dadurch konnte Henry Ford das Modell T signifikant schneller und günstiger produzieren. Der Verkaufspreis fiel von 850 auf 370 Dollar und brachte Automobile auf den Massenmarkt.

Ford Produktionsstätte 1930

Durch die physische Natur des Produkts und den damals noch linearen Fortschritt in der »guten alten Zeit« konnten die Wettbewerber Dodge, Buick und Maxwell Fords Fließband kopieren und ihre Produktion anpassen.

Im digitalen Zeitalter bleibt dafür oft keine Zeit mehr. Die Geschwindigkeit, mit der sich digitale Innovationen ausbreiten, nimmt ständig zu.

Downloading new Business Model...

In einer digitalen Welt gibt es keine physischen Limitationen. Innovative Geschäftsmodelle und neue Nutzungsmodelle breiten sich sofort global aus. Es müssen weder neue Fabriken gebaut noch komplizierte Fertigungsprozesse geändert werden. Alles ist vernetzt, alles ist in der Cloud und alles kann sofort global skaliert werden.

»Move fast – break things« – dieses alte Motto von Facebook ist für die Firma noch immer relevant. Noch vor einiger Zeit luden die Facebook-Entwickler zwischen 500 und 1000 Software-Updates pro Tag auf die Produktionsserver. Mittlerweile haben Facebook, Amazon und Co. auf kontinuierliche Software-Updates umgestellt und können die Deployments kaum noch zählen. Die Plattformen werden damit permanent optimiert und weiterentwickelt.

Deployments nennt man die Prozesse zur Bereitstellung von Software oder Updates.

Der Drohnenbauer DJI ist berühmt dafür, dass er seine aktuellen Massenmarkt-Modelle nach kurzer Zeit sofort wieder durch neue, noch bessere oder günstigere Modelle ersetzt. Hightech wird zur Saisonware.

Sich ständig neu und vor allem konsequent auf die Chancen exponentieller Technologien einzustellen, ist das Erfolgsgeheimnis von 10xUnternehmen. Amazon und Alphabet zahlen zum Beispiel keine Dividenden, sondern investieren die Gewinne direkt wieder in die Entwicklung neuer Geschäftsfelder.

Einführung der Technologien in den USA (1900 – Heute)


Franks Fazit

Wir kommen vom Industrie- in ein 10xZeitalter. Google, Apple, Facebook, Tencent, Tesla und Co. haben gezeigt, wie schnell man mit Technologie, Mut und einer 10xDNA relevante Unternehmen aufbauen kann. Deutschland hat heute noch viele Weltmarktführer und Hidden Champions, doch wir müssen jetzt die Chancen neuer Technologien mutig und konsequent umsetzen, damit wir weiterhin erfolgreich bleiben. Im nächsten Teil schauen wir uns die Technologien aus dem Baukasten der Zukunft genauer an.

Die 10x Technologien – Der Baukasten der Zukunft
10x Ära 1.0 — 1990 – 2020

Die großen Innovationen der letzten 30 Jahre basieren hauptsächlich auf Fortschritten in der Computerdomäne – schnelleren Chips, unbegrenztem Speicher, Gigabit Internet und Smartphones. Daraus entstanden Anwendungen, die unsere Gesellschaft, unseren Alltag und die Art und Weise, wie wir miteinander kommunizieren, fundamental veränderten. Die Unternehmen hinter diesen Innovationen – Google, Apple, Facebook, Amazon, Microsoft (GAFAM) – gehören heute zu den wertvollsten Unternehmen der Welt. Innerhalb von nur zehn Jahren erreichten sie einen Marktwert von mehreren Billionen Dollar. Nennen wir diese Zeit die 10xÄra 1.0.


10x Ära 2.0 — ab 2020

In der nächsten Dekade werden wir eine Phase noch schnelleren Fortschritts erleben: die 10xÄra 2.0. Zwei Faktoren kommen zusammen und verstärken sich gegenseitig: Es treten so viele neue Grundlagentechnologien gleichzeitig auf den Markt wie nie zuvor. Jede dieser Technologien für sich könnte unser Leben signifikant verändern. Doch sie sind komplementär – sie ergänzen sich perfekt und lassen aufgrund ihres digitalen Ursprungs exponentielle Entwicklungen zu. Ein weiterer Faktor ist die sogenannte Smartphone-Dividende. Durch die Produktion von ca. 1,4 Milliarden Smartphones pro Jahr werden alle verwendeten Teile (Chips, Kameras, Sensoren, Displays,...) extrem günstig und können auch für andere Produkte verwendet werden.


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Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
18+
Hacim:
271 s. 86 illüstrasyon
ISBN:
9783982176413
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

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