Kitabı oku: «Frank Thelen – Die Autobiografie»
Inhalt
1 Hallo, ich bin Frank
2 Kindheit und Jugend
3 Meine ersten Schritte als Unternehmer
4 Die Katastrophe
5 IP.Labs
6 E42
7 Nathalie
8 Wunderlist
9 doo und Scanbot
10 Die Höhle der Löwen
11 Food-Family
12 Freigeist Capital
13 Lilium Aviation
14 Disruption: Was ist das?
15 Der Baukasten der Zukunft
16 Künstliche Intelligenz
17 Distributed Ledger, Blockchain, Crypto & Co.
18 10xDNA Fonds
19 Skateboarding als Philosophie
20 Deutschland 4.0
21 Finde deine #StartupDNA
22 Danksagungen und Hinweise
23 Glossar
Chancen zu sehen und den Mut zu haben, sie konsequent zu nutzen, unterscheidet den Macher vom Verwalter— Frank Thelen

Hallo, ich bin Frank…
…und gerade sind acht Kameras auf mich gerichtet, damit auch wirklich jeder Gesichtsausdruck aus jeder Perspektive eingefangen wird – und ja, ich bin ein wenig nervös. Ich sitze in den berühmten MMC-Studios in Köln. Eine Hairstylistin fixiert meine Haare mit Haarspray. Eine Make-Up-Artistin pudert mir den Glanz aus dem Gesicht. Ein Kostümbildner zupft an meinem Hemd herum – nichts wird dem Zufall überlassen. Eine faszinierende, aber auch sehr fremde Welt für jemanden wie mich, der jeden Morgen ein schwarzes Polo-Shirt anzieht, nie Anzug trägt und maximal fünf Minuten im Bad braucht.
Im Studio und davor rennen alle möglichen Leute herum: Kameramänner, Producer, Lichtdesigner, Kabelträger, Security, Fahrer, Produktionsassistenten, Redakteure, Programm-Manager, Tontechniker und andere, von denen ich keine Ahnung habe, was ihr Job ist. Eben habe ich einen jungen Kollegen gefragt, was er macht.
»Ich bin Feuerwehrmann und zünde vor jedem Auftritt das Kaminfeuer an.«
»Du bist nur für das Feuer zuständig?«, frage ich nach.
»Ja«, antwortet er, »ich bin der Feuerbeauftragte«.
Mir fehlen die Worte – unfassbar! Ich kannte bisher nur Startups, schlank organisiert, wo jeder alles macht und vieles auch manchmal etwas chaotisch ist. Hier laufen viel mehr Leute durcheinander – aber das vermeintliche Chaos ist gar keines: Es ist eine gut geölte Maschinerie von Fernsehprofis. Ich bin aber kein Fernsehprofi. Um ehrlich zu sein, sitze ich zum ersten Mal überhaupt in einem Fernsehstudio. Damit ist für mich aber auch endgültig klar: Ich muss im falschen Film sein. Wobei mir eine Eigenheit der Fernsehwelt sehr entgegenkommt: Es duzen sich alle. Aber für die anderen Aspekte dieses aufgeregten Ameisenhaufens galt in diesem Moment: Da gehöre ich nicht zu – diese Fernsehwelt hier ist aufregend und toll, aber sie ist eine andere Welt, nicht meine. Ich habe Fluchtgedanken und bin mir nicht sicher, ob ich hier rein passe.
Dabei hatte ich das Glück, in meinem Leben schon sehr viele verschiedene Welten erlebt zu haben: Ich habe mehr als einmal die Schule geschwänzt und stattdessen hinterm Bahnhof abgehangen. Ich bin tief in die Skateboard-Szene eingetaucht und habe mir dort oft die Lippe blutig geschlagen. Ich bin vom Gymnasium geflogen. Ich habe eine Firma gegründet, sie fast bis an die Börse gebracht und sie dann doch an die Wand gefahren. Ich bin von der Presse bejubelt und von Kunden beschimpft worden. Ich hatte mit Mitte 20 Millionen Schulden und stand kurz vor der Privatinsolvenz. Ich habe eine neue Firma gegründet, sie für viel Geld nach Japan verkauft und sollte dort mit Wal-Sperma auf den Erfolg anstoßen. Immer wieder habe ich gegründet, hatte Erfolg, bin wieder böse hingefallen und erneut aufgestanden. Unsere Kanzlerin hat mir einen Innovationspreis überreicht, und ich durfte als Mitglied der Bundesversammlung den Bundespräsidenten wählen. Was ich gesehen habe, reicht für mindestens drei Leben. Und jetzt sitze ich hier und soll ein »Löwe« werden, in einer von Sony Pictures produzierten Prime-Time-Fernsehsendung.
Das alles geht mir durch den Kopf, während der Regisseur laut über die Beschallung runterzählt: »Bitte Ruhe, wir legen los in drei, zwei, eins…« Und in diesem Moment der Ruhe wird mir klar, warum ich hier doch richtig bin. All die Leute um mich herum sind vergessen. Denn in wenigen Sekunden wird durch den goldenen Käfig vor mir ein junger Unternehmer hereinkommen. Er wird sein Produkt, sein Startup und seine Pläne pitchen.. Und er wird alles geben, um meine Kollegen und mich von seinem Startup zu begeistern. Vielleicht werden alle sagen, »das gibt es schon« oder »die Idee ist zu verrückt«, aber weder das eine noch das andere sind Gründe zum Aufgeben. Wenn jemand ein herausragender Kopf ist, eine gute Idee und einen überzeugenden Plan zur Umsetzung hat, dann ist keine Idee »zu groß« oder »zu klein«. Vielleicht lässt sich dieser Gründer nicht abschrecken von bürokratischem Irrsinn, von resignativer Verzweiflung, von überregulierten Vorschriften. Weil er mehr vom Leben will als seine Zeit absitzen, bis er um 16:30 Uhr Feierabend machen kann. Er will etwas bewegen in der Welt, einen kleinen oder sogar großen Fußabdruck hinterlassen. Ich weiß, was in seinem Kopf vorgeht.
Überzeugt er mich, investiere ich mein Kapital, meine Zeit und Passion in ihn und seine Vision. So wie vorher in viele andere Gründer. Ich arbeite täglich mit ihnen zusammen und helfe ihnen, die Herausforderungen eines Startups zu meistern. Ich kenne die Träume, die Verzweiflung, die Umwege und Irrwege. Fast alle Fehler habe ich selbst gemacht und weiß heute, wie man sie vermeiden kann. All die dunklen Jahre, die tiefen Täler, durch die ich hindurch musste – sie waren nicht umsonst. Denn heute kann ich diese Erfahrung weitergeben. Mein ganzes Leben baue ich Startups auf – ob als Gründer oder Investor. Das ist meine DNA. Acht Kameras? Maske, Haar, Kostüm? Egal: Ich bin hier richtig. Goldrichtig sogar.
Aber wie konnte es überhaupt so weit kommen?

Wie bin ich hier gelandet?

Kindheit und Jugend
Eine Kindheit in der Bundeshauptstadt
Bonn, ab 1975
Ich bin in Bad Godesberg groß geworden, einem Stadtbezirk von Bonn. Bonn in den 1980er Jahren war natürlich im Hauptberuf Bundeshauptstadt: Da war Helmut Kohl als Bundeskanzler. Da waren ein paar Demonstrationen gegen den NATO-Doppelbeschluss auf der Hofgartenwiese an der Uni. Graue Beamte, Journalisten und natürlich Abgeordnete, unter denen ab 1983 die Grünen für Farbe im Bundestag sorgten. Grüne, die auf einmal im Parlament saßen und über die sich viele aufregten, weil sie Turnschuhe trugen oder während der Sitzungen strickten. Aber davon bekam ich als Kind nicht viel mit.
Bonn war tatsächlich nie so aufregend. B.O.N.N.: »Bundeshauptstadt Ohne Nennenswertes Nachtleben«, so wurde gespottet. Punk war hier nie zu Hause, der wohnte damals schon in Berlin. Der britische MI6-Agent und spätere Bestsellerautor John Le Carré schrieb in seinem Roman Eine kleine Stadt in Deutschland über Bonn: »Entweder es regnet oder die Bahnschranken sind runter.« Tatsächlich passierte meist beides gleichzeitig. Auch der Spruch »Bonn ist halb so groß wie der Zentralfriedhof von Chicago, aber doppelt so tot« ist von LeCarré, und auch da war leider was dran. Bad Godesberg wiederum ist die noch gediegenere Version von Bonn – Verruchtheit und revolutionärer Aufruhr waren dort erst recht nicht zu finden. In Bad Godesberg wohnten Politiker und Beamte: Abgeordnete, Staatssekretäre, Ministerialdirigenten und viele mehr, deren Funktion ich nie verstehen werde. Und das Einzige, was mir zeigte, dass Bonn Bundeshauptstadt war, waren die Autos der Diplomaten mit den merkwürdigen Kennzeichen. Sie durften überall in der Stadt parken wie Kraut und Rüben, da sie durch ihren diplomatischen Status sogar immun gegen Parktickets waren. Und dann war da natürlich überall Polizei, was ich später als Skater ziemlich lästig fand.
Unsere Wohnung hatte ein Fenster mit direktem Blick auf die Rigal’sche Wiese, ein großes grünes Stück Rasen, auf dem mindestens einmal in der Woche ein Hubschrauber mit einem wichtigen Minister oder Diplomaten landete. Die Vibrationen konnte ich noch in meinem Kinderzimmer spüren. Damals faszinierte mich das überhaupt nicht, es war Alltag, laut und eher nervig. Aber wenn ich heute daran denke, wie mich der Gedanke beschäftigt, praktisch und unkompliziert von A nach B zu kommen – wer weiß, vielleicht hat das Echo der Hubschrauberrotoren meiner Kindheit auch eine kleine Rolle bei unserem Lilium-Investment gespielt. Doch dazu später mehr.

1980, mit fünf Jahren
Mein Vater war noch auf einem Bauernhof in Muffendorf aufgewachsen. Das war ganz bei uns in der Nähe – und als Kinder spielten wir dort viel. Mein Opa Wilhelm besaß Hühner, und im Stall nach Eiern zu suchen war eines der großen Abenteuer meiner Kindheit. Mein Großvater hatte auch unzählige Kirschbäume. Zur Erntezeit sind wir immer in die Bäume geklettert, haben körbeweise Kirschen gepflückt und uns regelmäßig so überfressen – anders kann man es wirklich nicht nennen –, dass ich bis heute keine Kirschen mehr sehen kann. Ich bin in einfachen Verhältnissen aufgewachsen: Wir lebten in einer kleinen Etagenwohnung, mein Vater hat im Vertrieb für professionelle Funkgeräte gearbeitet, später im Mobilfunkbereich, und in den Jahren vor seiner Rente hat er schließlich unabhängige Kfz-Werkstätten mit Zubehörteilen beliefert. Meine Mutter ist gelernte Kosmetikerin, hat sich später aber um Kinder und Haushalt gekümmert. Meine Eltern sind das Paradebeispiel für die deutsche Mittelschicht: hart arbeitend, ehrlich und zuverlässig. Rheinländer wie aus dem Bilderbuch.
Ich habe eine ältere Schwester, die einen sehr geradlinigen Lebenslauf mit Einser-Abi und Festanstellung in einem Großkonzern hat. Aber schon in unserer Jugend wurde klar: Wir beide leben auf verschiedenen Planeten. Ihr Lebensentwurf steht meinem diametral gegenüber und manchmal frage ich mich, wie es möglich ist, dass man die gleichen Eltern hat, gemeinsam aufgewachsen ist – und sich doch so verschieden entwickeln kann. Das ist gar nicht schlimm: Als Kinder haben wir uns natürlich ständig gekabbelt, so wie Geschwister das eben tun, aber heute haben wir ein entspanntes Verhältnis.
Mein Vater war immer für mich da, hat mir Frühstück gemacht, mich zum Fußball gefahren, wurde sogar Trainer meiner Fußballmannschaft. Einmal in der Woche spielte er selbst noch mit seinen Kumpels Fußball. Manchmal schaute ich dabei zu. Und obwohl ich eigentlich noch viel zu klein war, hat er mich gegen den Protest seiner Freunde mitspielen lassen. Er hat mich auch, trotz unschöner Blicke seiner Kollegen, zur Computermesse Cebit mitgenommen. Natürlich ist so ein kleiner Junge ein Klotz am Bein, wenn man möglichst viele Geschäftstermine schaffen will. Aber ich hoffe, dass mein Vater heute sieht: Der Stress war nicht umsonst. Dafür an dieser Stelle: Danke!

Urlaub mit meinen Eltern
Meine Mutter wurde sehr früh mit meiner Schwester schwanger. Das war ihr Weg in die Selbstständigkeit und weg von zu Hause, da mein Opa offenbar ein schwieriger Vater war. Ihre Karriere als Kosmetikerin musste sie leider für uns aufgeben und war dann plötzlich an zwei Kinder und einen Haushalt gebunden. Sie hat immer versucht, meine Schwester und mich ideal zu versorgen und meinen Vater zu unterstützen. Wenn ich Probleme in der Schule hatte, konnte ich mich blind auf ihre Hilfe verlassen. Da sie selber sehr streng erzogen worden war, ließ sie mir im Gegenzug fast alle Freiheiten. Ich habe dadurch viel gelernt und bin früh selbstständig geworden. Einzige Ausnahme: Aufräumen. Denn meine Mutter hat, warum auch immer, jeden Tag mein Zimmer und meine Wäsche wie in einem Fünfsternehotel versorgt. Hierdurch habe ich bis heute die leichte Tendenz, Chaos zu hinterlassen. Aber ich arbeite daran.
Schule und ich – eine schwierige Kombination
Bonn, ab Mitte der 1980er Jahre
Bis zu meinem 14. Lebensjahr hat mich die Schule herzlich wenig interessiert – ich habe außerhalb der Schule auch nur ein einziges Buch gelesen: Hörbe mit dem großen Hut, Otfried Preußlers Geschichte über ein Hutzelmännchen. Aber weil meine Schwester so gut in der Schule war, durfte auch ich aufs Gymnasium, und zwar auf das private »Pädagogium Godesberg Otto-Kühne-Schule« im Godesberger Villenviertel. Bonner kennen es kurz als »Päda«. Das Schulgebäude ist ein beeindruckender Backsteinbau aus der Zeit um 1900, nah am Rhein gelegen, der mich damals sehr beeindruckt hat. Das Päda ist eine der wenigen Privatschulen in Deutschland, die nicht in der Trägerschaft von Kirchen oder Orden sind, und hat eine Reihe prominenter ehemaliger Schüler aufzuweisen, wie den Rennfahrer Wolfgang Graf Berghe von Trips, die Schauspielerinnen Jennifer Nitsch, Sophie von Kessel, Silke Bodenbender, die Schriftstellerin Juli Zeh oder den ehemaligen Politiker Christopher Lauer – aber auch manche mit schlimmem Ruhm, wie den Nazi-Minister und Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß. Machen wir’s kurz: Ich wurde am Päda nicht glücklich. Man quälte mich mit Frontalunterricht und trockenem Lehrstoff. Das mag für andere Schüler lehrreich und produktiv sein – für mich war es das nicht. Mit Grauen denke ich noch heute an das rote Lateinbuch, mit dessen Hilfe ich Substantive deklinieren und Verben konjugieren lernen sollte: Sum, es, est, sumus, estis, sunt… zwecklos.
Bis heute sehe ich nicht ein, was an einem stumpfen Lernen ohne Verstehen, am reinen Pauken ohne die Frage nach dem »Wozu« produktiv sein soll. Meine damaligen Lehrer handelten sicher ehrenwert und in bester Absicht, sie hatten selber so gelernt. Aber sie waren nicht in der Lage, mir einen Funken Inspiration zu geben. Wenn ich heute spüre, wie viel Energie es mir gibt, Neues zu lernen, weil ich weiß, was ich damit erschaffen kann, macht es mich traurig zu sehen, dass wir unser Schulsystem nicht ändern. Statt begeistert zu sein, was es alles zu entdecken gab, war ich nach kürzester Zeit desillusioniert, verzweifelt und traurig. In meinem Inneren spürte ich, dass der Weltgeist einen anderen Lebenslauf für mich vorgesehen hatte. Ich verlor alle Energie, verkümmerte zusehends, wurde zum Außenseiter und Verlierer. Ich erinnere mich noch gut an eine Klassenfahrt nach Spiekeroog. In so einer Klasse ist ja recht schnell klar, wer der Checker ist und wer nicht. In der Jugendherberge auf der Insel Spiekeroog gab es für die Jungs drei Zimmer – und ich landete im letzten, zusammen mit den anderen Losern: mit Manuel, der seine Brille immer mit Tesafilm am Bügel geflickt hatte, und dem dicken Olli. Das war eine schmerzhafte Niederlage, mit der ich einige Zeit schwer zu kämpfen hatte.
Irgendwann folgten die Fünfen. Ich war Schlusslicht der Klasse, und in der Siebten hatte meine Mutter ein Einsehen. Sie begriff, dass ihr Sohn unglücklich war, und nahm mich von der Schule. Ich musste, sollte, konnte, durfte das Gymnasium verlassen. Nun besuchte ich die Realschule in einem der wenigen sozialen Brennpunkte Bonns. Die war etwas näher am echten Leben dran, in den Pausen durfte ich Skateboard fahren, ich fühlte mich wohler und nicht mehr abgeschlagen. Glücklicherweise konnte ich mich schnell mit der »East Mehlem Posse« anfreunden. Es war aber gleichzeitig auch eine harte Schule, im wahrsten Sinne des Wortes: Hier durften nur Sportlehrer die Aufsicht übernehmen, da es in den Pausen regelmäßig zu Prügeleien kam. Es wurde zuweilen mit Drogen und sogar Waffen gedealt, ein Teil der Schüler sprach kein Deutsch. Aber was richtig gut war: Das rote Lateinbuch war für mich Geschichte. Mit den Drogen, Waffen und Prügeleien hatte ich zum Glück sehr wenig zu tun. Ich kam menschlich gut klar, aber um ehrlich zu sein: Ich habe auch hier nicht besonders viel gelernt. Mein Englisch musste ich mir Jahre später the hard way selber aneignen: Ich stellte meinen Computer auf Englisch ein, sah nur noch englische Filme, hörte englische Hörbücher und zwang mich dazu, meine persönlichen Notizen und Texte in englischer Sprache zu schreiben. Es war hart, ich wollte oft aufgeben, aber ich habe es durchgezogen. Bis heute habe ich leider wenig Allgemeinbildung, mir fehlen oftmals mathematische Grundlagen, und auch in der Physik musste ich mir das Nötigste selber aneignen. Darauf bin ich nicht stolz, im Gegenteil. Ich glaube sogar, dass ich mich durch meine Jugend auch in der Zukunft immer ein bisschen als Verlierer oder Underdog fühlen werde. Und daher stammt meine Motivation, immer etwas härter zu arbeiten als andere. Ich habe immer noch das Gefühl, einen Rückstand aufholen zu müssen.
Mein erstes Erfolgserlebnis wurde aus einem riesigen Schock heraus geboren. Mein Opa hatte unserer Familie einen Computer geschenkt. PCs gab es damals bei Vobis oder Escom, und sie kosteten zwischen 4.000 und 5.000 DM, eine richtige Menge Geld. Mein Opa hatte ein Modell mit einem Intel-386SX-Prozessor, vier Megabyte (MB) RAM und einer 52 MB Festplatte für uns gekauft. In seinem schicken Audi brachte er den riesigen Tower und den unfassbar schweren Röhrenmonitor zu uns. Mein Vater und ich trugen beides in unsere Wohnung. Mein Vater wollte die High-End-Maschine installieren, bekam es aber nicht hin, denn das war damals noch eine hohe Wissenschaft. Er rief einen Kollegen an, der uns den Rechner für kleines Geld in Gang brachte. Nun erschien nach dem minutenlangen Start (kennst du noch das Geräusch der Festplatten-Zugriffe?) ein Menü, mit dem wir über die Funktionstasten F1 bis F12 verschiedene Anwendungen starten konnten. Irgendwie fand ich diesen Computer cool. Im Lieferumfang war ein dickes Handbuch über MS-DOS 5.0. Ich startete auf Seite 1 und las tatsächlich das gesamte Buch durch. Ich glaube, das war nach Hörbe mit dem großen Hut das zweite Buch, das ich freiwillig gelesen habe. Nach der Lektüre wollte ich aber auch endlich loslegen und tippte die Befehle in die Kommandozeile ein. Wie gesagt, damals gab es noch kein buntes Windows mit Mausbedienung. Ich weiß noch genau, der erste Befehl war: dir. Das steht für »Directory« und zeigt einem den Inhalt der Festplatte an. Dann erstellte ich mit md Verzeichnisse und wechselte mit cd hin und her. Wow, ich hatte das wirklich unter Kontrolle.
Es war drei Uhr nachts geworden, meine Eltern schliefen längst. Noch ein Kapitel: Formatierung Ihrer Festplatte. Ich war so im Rausch und auch sicher übermüdet, dass ich einfach format c: eingab, weil ich sehen wollte, wie so eine formatierte Festplatte wohl aussehen würde. Der Vorgang dauerte 15 Minuten, dann erschien die Meldung: Bitte Betriebssystem installieren. Jetzt war es vier Uhr morgens, ich fühlte den Adrenalinstoß, startete den PC neu, aber es blieb dabei: Bitte Betriebssystem installieren. O NEIN, hatte ich gerade dieses unfassbar teure Gerät zerstört, das Geschenk meines Opas an unsere Familie? Um fünf Uhr ging ich ohne Erfolg frustriert ins Bett, mein Kopf schmerzte zu stark.
Mein Vater hatte mir ja zuvor erlaubt, mich an den Computer zu setzen, insofern gab es auch kein langes Drumherumreden, wer für den Schaden verantwortlich war. Ich. Und so gestand ich ihm am Morgen meine Tat sofort – und da ich ihn nicht noch mehr enttäuschen wollte, bat ich ihn: »Gib mir zwei Wochen, ich bringe das wieder in Ordnung!« Also las ich das 420 Seiten umfassende Buch zu MS-DOS noch mal durch, traf mich mit einem Bekannten, der einen PC hatte, und lernte tatsächlich, wie dieses Betriebssystem funktioniert. Und ich hielt mein Versprechen – nach zwei Wochen lief der Familien-PC wieder, sogar besser als vorher. Damals konnte man zwar noch nicht ins Internet, und alles hat sehr lange gedauert. Aber das Gerät machte, was ich ihm sagte. Dieser Erfolg war ein durchschlagender Impuls für mein Leben: Ich hatte richtig Bockmist gebaut, war verzweifelt, hatte Angst, aber nach einiger Zeit hatte ich – wie versprochen – das Problem gelöst. Jetzt gab es sogar Achtung von meiner Familie, und ich konnte anderen bei ihren Problemen helfen. Ich war kein Loser mehr, sondern galt plötzlich als »der PC-Experte«. Und endlich hatte ich mal etwas Cooleres als meine »Freunde«, der dicke Olli und Manuel mit der geflickten Brille.
Nachdem ich MS-DOS verstanden hatte, kaufte ich mir Bücher über Assembler und C. Ich lernte programmieren. Meine erste selbst gestellte Herausforderung: Ich wollte Computerspiele mit Kopierschutz cracken, um sie kostenfrei zu spielen. Das fand ich so spannend und interessant, dass ich dann keines der Spiele überhaupt jemals wirklich ernsthaft gespielt habe. Hatte ich eines gecrackt, nahm ich mir das nächste mit einem komplizierteren Schutz vor. Der Weg war das Ziel.
Ich begann, meine Dienstleistungsspezialität »PC-Installation« an Freunde und Verwandte zu verkaufen. Von dem ersten verdienten Geld kaufte ich mir ein 14,4-K-Modem, das mich mit Mailboxen verband, von denen ich Software herunterladen konnte. Später folgte ein 36,6-Zyxel-Modem – 36 kbit, das empfindet man heute als »offline«, also »kein Netz«! – und der Zugang über AOL ins World Wide Web. Erinnerst du dich noch an die AOL-CDs? Eine Zeit lang trugen rund 50 Prozent aller weltweit hergestellten CDs das AOL-Logo, und jeder kannte natürlich den legendären Boris-Becker-Spot »Bin ich da schon drin, oder was?!?«.
Im letzten Jahr der Realschule gab es dann sogar Informatikunterricht mit allerdings schon für damalige Verhältnisse uralten Computern, die noch 5,25-Zoll-Diskettenlaufwerke hatten. Das fand ich immerhin spannender als den Frontalunterricht in Deutsch oder Geschichte. Es war neu, hatte auch einen praktischen Wert für mich, man konnte etwas anfassen und an der Hardware herumbasteln.
Eben weil ich das so interessant fand, hat mich eine Aussage meines Informatiklehrers damals besonders getroffen: Er nahm meinen Vater bei meiner Abschlussfeier zur Seite und sagte: »Herr Thelen, was auch immer Ihr Sohn in seinem Leben macht: Er sollte der Informatik fernbleiben!« Das hört sich rückblickend witzig an, aber es hat mich damals tief verletzt. Und wenn das seine verdammte Meinung war, hätte er es bitte schön mir sagen sollen und nicht meinen Eltern. Glücklicherweise haben meine Eltern nichts auf solche Aussagen gegeben und immer an ihren Sohn geglaubt, auch wenn Zweifel an mir manchmal durchaus berechtigt waren.
Skateboarding: Ausbildung fürs Leben
Bonn, ab 1988 bis heute
Vor dem Computer war mein größtes, eigentlich sogar mein einziges Hobby das Skateboard. Nicht nur, dass es mich von Schlägereien und den Drogen abhielt. Nein, es war meine erste große Leidenschaft. Wie war ich zum Skater geworden? Schon auf dem Gymnasium waren die coolen Checker-Jungs die mit den Skateboards. Zu denen hätte ich gerne gehört, aber das war aussichtslos. Ein Board immerhin hatte ich mir allerdings gewünscht – und geschenkt bekommen. Also hing ich im Bad Godesberger Kurpark ab und skatete dort mit meinen Kumpels. Skateboarding wurde der zentrale Inhalt meines Lebens.

Mit meinem H-Street-Pulli in der Schule
In Godesberg war das damals nicht so einfach: überall Polizei, Bundesgrenzschutz, private Sicherheitsdienste für die ganze Politik. Aber im Kurpark gab es einen großen Marmorbrunnen mit Heilwasser. Ursprünglich errichtet für die Flaneure aus dem letzten Jahrhundert, heute nur noch für die Touristen. Diesem Heilwasser verdankt Godesberg seinen Namenszusatz »Bad«. Der Brunnen hatte Stufen, auf denen man hervorragend fahren konnte. Das Problem war: Der Architekt des Brunnens hatte damals nicht bedenken können, dass über 100 Jahre später ein paar Jungs mit Boards und Metallachsen über die Stufen grinden würden. Marmor ist sehr weich, deshalb werden ja auch Skulpturen aus Marmor gehauen. Unsere Skateboards haben dem altehrwürdigen Brunnen schwer zugesetzt: Er wurde zerkratzt, zerschrammt und zum Teil sogar zerstört. Sehr schnell wurde – heute für mich nachvollziehbar – das Skateboarding im Park verboten. Wir sahen das damals natürlich nicht ein. Die Polizei hat uns gejagt, meistens konnten wir uns aber mit unseren Boards schnell genug aus dem Staub machen. Eines Tages hatte ich die Nase voll von der Illegalität und dem Ärger mit der Polizei. Ich bin zum damaligen Bezirksbürgermeister Norbert Hauser gegangen und habe ihm erklärt, dass wir eine Skateboard-Rampe brauchten, wenn der alte Brunnen verschont bleiben sollte. Und tatsächlich: Nachdem ich hinreichend genervt hatte und man merkte, dass ich so schnell nicht aufgeben würde, finanzierte uns die Stadt einen kleinen Skatepark mit drei Rampen. Ich werde das Gefühl an dem Tag nie vergessen, als die Bauarbeiter anrückten, um unseren Skatepark zu bauen – nur 100 Meter von unserer Wohnung entfernt!
Diese Rampen gibt es heute noch. Und jedes Mal, wenn ich an ihnen vorbeigehe, denke ich mir: Man kann die Welt verändern, jeder von uns. Ich war damals ein normaler Jugendlicher aus einer durchschnittlichen Familie mit schlechten Schulnoten. Aber ich hatte eine Idee, an die ich geglaubt habe, den Willen, diese umzusetzen, und die Energie, durchzuhalten, bis mein Ziel erreicht war. Das hat mich geprägt und ist mir bis heute geblieben. Wenn mich etwas packt, gebe ich alles. So einfach ist das »geheime« Rezept zum Erfolg. Unser neuer kleiner Skatepark mit einer Mini-Ramp, Quarter-Pipe, Jump-Ramp und einem Rail war ein großer Erfolg. Der neue Spot wurde so schnell beliebt, dass selbst die großen und coolen Jungs aus Bonn nach Godesberg kamen. Jetzt hingen wir gemeinsam dort ab oder besuchten im Gegenzug die Bonner im sogenannten »Bonner Loch«. Das war immer eine kleine Reise, also schwänzten wir die Schule, damit es sich auch lohnte.
Wenn man früher am Bonner Hauptbahnhof ausstieg und die Ampel überquerte, stieß man sofort auf eine der übelsten Bausünden der Stadt. In den 1970er Jahren wurde hier eine Art Einkaufszentrum als Überbauung der U-Bahn gebaut, das sich binnen weniger Jahre zu einem unbeliebten Schandfleck entwickelte. Leerstand, Pizza-Palast, dann wieder Leerstand, Döner-King, Leerstand, Kiosk, Pizzastand prägten das Bild. Direkt benachbart gab es einen tiefer gelegenen, offenen Bereich, der wohl ursprünglich mal als begrünter Treffpunkt im öffentlichen Raum gedacht war. Hier hätte man wie auf mehreren Terrassen sitzen können, wenn das Konzept je angenommen worden wäre. Stattdessen pinkelten Obdachlose in die Rabatten, schliefen in ihren Schlafsäcken auf den Stufen, und Dealer versteckten ihren Stoff in den Ritzen des Pflasters. Überall lagen Spritzen und angekokelte Löffel herum. Im »Bonner Loch« trafen sich die Junkies, die Penner – aber auch die Skater, denn die Betonierung eignete sich hervorragend zum Skaten, die Treppen für den einen oder anderen Stunt. Dies war ein anderes Gesicht von Bonn als die Villenviertel und Regierungsgebäude. Schlägereien und Verbrechen waren leider an der Tagesordnung, sodass die Stadt 1992 eine kombinierte Dienststelle von Polizei und Ordnungsamt errichtete, die »GABI« – »Gemeinsame Anlaufstelle Bonn-Innenstadt«. Inzwischen ist das »Bonner Loch« übrigens Geschichte und weicht gerade einem Neubau.
Glücklicherweise interessierte mich aber immer nur der Sport. Ich habe weder gekifft noch geschnupft, geschweige denn irgendwas gespritzt. Das war nicht unbedingt selbstverständlich – viele aus der Szene sind auf üblen Sachen hängengeblieben. Andere wiederum – die Guten – haben das Aufstehen nach dem Hinfallen, das Weitermachen des Skatens in ihr Leben übernommen. Meine Kumpels Ingo und Peer zum Beispiel führen sehr erfolgreich den Titus Bonn Shop in der Innenstadt. Christian Kühlem wurde ein Freund über unseren Sport hinaus und später sogar mein Trauzeuge. Aber ja, es gibt auch viele, die aus unserem Hobby die negativen Dinge mitgenommen haben: die Drogen und das Abhängen.
Zu den Guten gehört besonders Titus Dittmann. Er war schon damals der Star der deutschen Skateboard-Szene und ist es heute noch. Er wohnt in Münster, und dort fand einmal im Jahr das größte Skateboard-Event statt, das »Münster Monster Mastership«, das später sogar zur offiziellen Weltmeisterschaft ernannt wurde. Da mussten wir hin. Wir schliefen auf dem Zeltplatz und veranstalteten mit Hunderten anderen Skateboardern einen Skatetrain durch die Münsteraner Innenstadt. Das war für die kleine Stadt damals ein Skandal. Münster ist ja ein bisschen wie Bonn, da geht es gediegen ab. Und wenn da auf einmal Hunderte von Jugendlichen auf Rollbrettern über die Fußgängerzone herfielen, war das für die Bürger natürlich ein Schock. Es gab regelrechte Proteste gegen uns, und das nicht ganz zu Unrecht. Denn einmal lief dieser Zug durch die Stadt ziemlich aus dem Ruder – einige verwüsteten und plünderten sogar einen ganzen Burgerladen. Das war nicht cool.

Mit Titus beim Deutschen Gründerpreis
Doch Titus Dittmann war ein Hero – und ich der kleine Junge auf dem Zeltplatz. Heute bin ich stolz, dass ich Titus Dittmann bei seinem Projekt »Skate-Aid« unterstützen kann. Er baut Skateparks in Kriegsgebieten. Denn das Skaten bringt dir bei, dass jeder hinfällt, aber nur derjenige, der wieder aufsteht, den Trick irgendwann lernt. Es bringt dir bei, dass du Schmerz aushalten kannst. Und dass du nach hundert vergeblichen Versuchen Erfolg haben wirst. Du springst über die Rampe, landest auf deinem Board und fährst weiter. Du stehst deinen ersten Kickflip. Das ist wirklich eine Droge, pures Adrenalin. Und es bringt dir auch Demut und Bescheidenheit bei: Egal, was du auf dem Board kannst – es gibt immer einen, der es noch besser kann. Und der hat für seine Skills noch mehr geblutet als du, denn beim Skaten bekommt keiner etwas geschenkt.
Unsere kleine Rampe in Godesberg war für mich ein Riesenerfolg. Aber sie war winzig – und je besser ich wurde, desto weniger genügte sie meinen Ansprüchen. In Deutschland gab es damals so gut wie keine Möglichkeit, legal und organisiert Skateboard zu fahren. Keine Skaterhalle, keine ordentlichen Rampen, keine Halfpipes. Holland war da schon viel weiter. Und da wir damals weder Führerschein noch Geld hatten, wären die coolen Skateboard-Hallen in Holland ein kühner Traum geblieben – wenn nicht mein Vater viele Wochenenden geopfert hätte, um mich und meine Kumpels dort hinzufahren. Und während wir in der Halle an unseren nächsten Tricks arbeiteten, ging er an irgendeinem See spazieren, um sich die Zeit zu vertreiben. Glücklicherweise kämpften neben mir auch andere für Skateboarding in Bonn. Der Verein »Subculture« hatte jahrelang um eine Baugenehmigung für eine Halfpipe in der Rheinaue gekämpft und im Jahr 1991 endlich die Genehmigung und die Finanzierung durch die »Stiftung Jugendhilfe der Sparkasse Bonn« erhalten. Das Besondere des Projektes: Die Skateboarder sollten ihre Rampe selber bauen. Eine gute Idee – auf dem Papier. Denn keiner von uns hatte Bauerfahrung. Hier zeigte sich aber, was ein Team leisten kann, wenn wirklich alle das Ziel erreichen wollen. Ich glaube, wir bauten drei Monate an dem Projekt. Ein Skater wurde zum Bagger-Experten, ein anderer arbeitete sich in Betonfundamente ein, ein dritter koordinierte die Dienstpläne und so weiter. So bauten wir Skater tatsächlich die größte Halfpipe Europas in der Bonner Rheinaue – und Bonn wurde endlich eine amtliche Skater-Stadt! Die von uns gebaute Anlage gibt es noch heute, musste vor einigen Jahren aber grundlegend saniert werden.
Auf dem Höhepunkt meiner Skateboard-Laufbahn bin ich sechs Stufen runtergesprungen, während sich das Brett unter meinen Füßen einmal um die Längs- und einmal um die Querachse gedreht hat: ein 360 varial Kickflip. Diesen Trick »zu stehen«, wie man beim Skateboarding sagt, macht Mut. Am Anfang lachten mich die großen und coolen Skater aus. Aber nach zehn Jahren war ich oben angekommen. Das löste zwar dummerweise nicht meine Schulprobleme – aber immerhin hatte ich etwas gelernt: dass Können was mit harter Arbeit zu tun hat. Und dass das auch richtig Spaß machen kann.
Der entscheidende Impuls meines Vaters
Bonn, 1991
Mein Vater sah zu dieser Zeit allerdings keine gute Zukunft für seinen Sohn, und aus heutiger Sicht kann ich das durchaus verstehen. Er liest – übrigens bis heute – jeden Tag den Bonner General-Anzeiger, und eines Tages entdeckte er dort einen Artikel über eine neue Schule, die eine Kombination aus Fachabitur und Ausbildung zum Informatiker anbot – seiner Meinung nach die ideale Ergänzung zu meinem Realschulabschluss.

Mit meinem Vater in Bonn
Die Deutsche Telekom hat ihren Sitz in Bonn – und für meinen Vater war damals die Telekom der Inbegriff eines soliden Unternehmens. Wer dort landete, hatte es in den Augen meines Vaters geschafft. Er muss sich gedacht haben: Der liebe Gott hat diese Schule für meinen Sohn gemacht, denn wenn er dort angenommen wird, kann er es doch noch zum Telekom-Abteilungsleiter bringen. Aber der Ansturm auf diese neue Schule war groß. Sehr groß. Es gab 150 Bewerber für 30 Plätze, also gab es einen Aufnahmetest, der sich gewaschen hatte. Mein Vater hat mit mir eines Samstags noch morgens gefrühstückt und mich dann mit seinem in die Jahre gekommenen Audi 100 zur Prüfung gefahren. Während ich in dem kargen Klinkergebäude Blut und Wasser schwitzte, saß er draußen im Auto, wartete und war wahrscheinlich sogar noch aufgeregter als ich.
Heute kann ich es zugeben: Ich habe geschummelt. Neben mir saß ein Junge, der sich (anders als ich) monatelang auf die Multiple-Choice-Fragen vorbereitet hatte. Weiß der Teufel, woher er wusste, welcher Art dieser Test sein würde. Aber er hatte es drauf. Ich habe ganz simpel von ihm abgeschrieben – unter uns Informatikern heißt das »copy & paste«. Das merkte er und fand es gar nicht lustig. Aber ich habe einfach weitergemacht. Anschließend gab es noch zwei Bewerbungsrunden, in denen man sich in Einzelgesprächen beweisen musste, eine davon auf Englisch. Bis heute erinnere ich mich an die Frage: »What is ‘to recycle’?« Ich glaube, das habe ich ganz okay gemeistert, aber ich bin Realist: Unter normalen Umständen wäre ich nicht durchgekommen. Doch »wie durch ein Wunder« erreichte ich die erforderliche Punktzahl und wurde aufgenommen. Der Junge, von dem ich damals abgeschrieben hatte, hat die Schule übrigens nicht beendet. Ich hoffe für ihn, dass er woanders glücklich geworden ist, und möchte mich an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich dafür bei ihm bedanken, dass er mich nicht verpfiffen hat. Manchmal gibt es im Leben diese Gelegenheiten, die man einfach beim Schopf packen muss. Das soll keine Entschuldigung sein, aber vielleicht hast du auch schon mal abgeschrieben. Ich habe dadurch eine riesige Chance bekommen und nach drei Jahren als Klassenbester die Schule verlassen. Ich war gar nicht dumm oder unfähig – es war die Form des Unterrichts, die mich am Gymnasium verzweifeln ließ. Und jetzt hatte ich begriffen, dass man coole Sachen lernen und dabei auch noch Spaß haben kann. Ich durfte Platinen löten und programmieren und hatte auf einmal richtig Bock. Der wahre Moment der Erkenntnis kam allerdings auch hier wieder außerhalb der Schule: Während der Zeit dort musste man ein Betriebspraktikum machen. Meine Freundin Conny erzählte mir: »Ein Freund von mir hat eine kleine Softwarefirma, den solltest du mal anrufen.« Ich rief ihn an, und er wollte mich auch direkt treffen, wahrscheinlich wegen Conny. Er lud mich am Rosenmontag ein. Wer je im Rheinland Karneval gefeiert hat, weiß, was das bedeutet. Aber so im Nachhinein passt das durchaus, denn dieser im Rheinland heilige Tag wurde letztendlich auch für mich zum Glücks- und Feiertag: Der Freund von Conny hieß Martin Hubert und die Firma Chips at Work. Martin öffnete mir persönlich die Tür – alle anderen waren Karneval feiern. Für einen Chef war Martin sehr jung, gerade mal zehn Jahre älter als ich mit meinen 17 Jahren. Er duzte mich und kam irgendwie richtig cool rüber. Chips at Work bestand aus einem Büro mit fünf Räumen und sah nach Entwicklungslabor aus: Überall standen offene Computer rum, aus denen Drähte und alles mögliche Zeugs raushing, Festplatten lagen in der Ecke. Martin kam direkt zum Punkt: »Conny sagt, du willst ein Praktikum bei uns machen. Bist du bereit, auch länger zu arbeiten und dich selbstständig in Themen einzuarbeiten?« »Ja«, murmelte ich verhalten, »absolut. Ich liebe Computer und will unbedingt lernen.« »Okay.« Martin hob die Abdeckung eines Computers hoch. »Dann erklär mir doch mal den Aufbau dieses Computers!«
YES! Ich hatte unzählige PCs für Verwandte und Freunde gebaut und jede Ausgabe der damals schon angesagten Geek-Zeitschrift C’t gelesen. Hier war ich zu Hause, das war mein Gebiet. Ich erklärte Martin alles im Detail. Bisher hatte ich mein Wissen im Kinderzimmer erworben, dort war es geblieben. Bisher hielt ich es für wertlos, für eine private Spinnerei, mit der nur ich etwas anfangen konnte und sonst keiner. Und jetzt traf ich auf Menschen, mit denen ich dieses Wissen teilen konnte – und die bereit waren, ihr Wissen mit mir zu teilen. »Das hier ist die CPU, das sind die RAM-Module, das ist die Netzwerkkarte am ISA Bus, die Grafikkarte am EISA Bus« und so weiter. Und zum ersten Mal in meinem Leben hörte ich einen Satz, der sich gleichzeitig anerkennend und ermutigend anhörte, der mir eine Perspektive eröffnete und mir zeigte, dass ich nicht ganz alleine war auf der Welt mit meinem Computerzeug. Okay, es ging nur um einen Praktikumsplatz, aber der Satz hieß: »Du hast den Job!«
Mein erster echter Chef war ein weiterer entscheidender Glücksgriff in meinem Leben: Seine Firma entwickelte das erste Bildschirmtelefon der Welt. Das funktionierte nicht über das Internet, sondern noch via ISDN, über eine damals moderne Telefonleitung. Heute ist ein Videochat nichts Besonderes mehr – Skype, FaceTime, WhatsApp – aber damals, Anfang der 90er Jahre, war es ein Traum wie heute die Reise zum Mars. Erst im Jahr 2010 trat Steve Jobs auf eine Bühne und stellte FaceTime als einen wahr gewordenen Menschheitstraum vor. Ich hatte das Glück, bereits 15 Jahre zuvor dieses Produkt mitentwickeln zu dürfen. Natürlich mit geringerer Auflösung, für klobige PCs, aber es funktionierte.
Den Begriff »Startup« gab es damals noch nicht, aber Chips at Work war das perfekte Startup: Zehn bis zwölf intelligente Ingenieure arbeiteten sieben Tage die Woche und lebten für das Produkt, jeder konnte und durfte Sachen machen und ausprobieren, es gab keine Politik, keine Hierarchien und keine Stechuhr. Das Bildschirmtelefon mit dem Namen Two-at-One-Desk wurde damals für die Telekom entwickelt – und eines Tages hatten sich deren Projektleiter angekündigt, um sich das Wunderwerk anzuschauen. Bei diesen Meetings war ich nicht dabei, ich war ja nur der Junior Software Developer, aber ich erinnere mich, dass wir am Tag der Präsentation noch morgens um sechs Uhr an den letzten Funktionen gearbeitet haben. Und weil es nur so halb funktionierte, haben wir dann anstelle des echten Produkts ein vorher aufgezeichnetes Video abgespielt. Das war ein wilder Stunt und selbst für Gründer im dunkelgrauen Bereich, aber wir wussten ja, dass unser Gerät prinzipiell funktionierte. Manchmal muss man sich auch in den Graubereich wagen – wie Guy Kawasaki, der unter anderem 1984 für die Vermarktung des ersten Apple Macintosh verantwortlich war, sagt: »Eat like a bird, poop like an elephant.« Und es hat funktioniert, der Projektleiter von der Telekom war überzeugt. Anschließend haben wir dann die Funktionen sauber programmiert – und es lief.
Nach der Schulzeit habe ich dann für Chips at Work ganz viel programmiert: Multimedia-CD-ROMs, Computer-Telefonie-Integration und andere wirklich moderne und herausfordernde Technologien. Und alles hat damit angefangen, dass Martin an mich geglaubt hat, mir an meinem ersten Tag ein dickes Buch über Visual Basic 3.0 Pro und zwölf Disketten in die Hand gedrückt und mir wirklich böse Fehler verziehen hat. Er hat die Begeisterung gespürt, das war ihm wichtiger als ein eindrucksvoller Lebenslauf. Zu ihm habe ich heute noch Kontakt.
Danke, Martin!
Mein erstes »Unternehmen«
Bonn, 1996
Zu 80 Prozent bist du deines Glückes Schmied, das meiste ist erlernbar. Du kannst auch mit einer schwierigen Jugend viel erreichen. Aber manches wird eben auch vererbt – die Macht der Gene. Und wer – anders als ich – in der Schule aufgepasst hat, der weiß, dass vererbte Eigenschaften auch gerne mal eine Generation überspringen. Ich bilde mir ein, dass mein Großvater, den ich leider nie kennengelernt habe, mir seine Unternehmergene mitgegeben hat. Er war eigentlich Landwirt, hat aber schon früh geschickt Grundstücke gekauft, die später zu Bauland wurden. Die Landwirtschaft schlief ein, das Immobiliengeschäft florierte. Mein Unternehmerherz bedauert, dass weder mein Vater noch mein Onkel das Geschäft fortgeführt haben. Sie sind ihren eigenen Berufen nachgegangen, das Immobiliengeschäft wurde aufgegeben.
Bei mir sind die Unternehmergene aber wieder aktiv geworden, und ich habe schon in meiner frühen Jugend angefangen, Geschäfte zu machen. Nachdem der Computer und ich Freunde geworden waren, kam ich schnell auf die Idee, mein neues Wissen zu monetarisieren. Als die ersten CD-Brenner auf den Markt kamen, konnte man plötzlich selber CDs produzieren. Ein CD-Brenner war so groß wie vier Schuhkartons, sehr schwer, extrem empfindlich und vor allem sagenhaft teuer. Ich schlich wöchentlich mit leuchtenden Augen im Elektronikmarkt um ihn herum. Aber ich musste viele Monate programmieren, um mir das Investment leisten zu können.
Irgendwann hatte ich das Geld dann zusammen – und kaufte mir einen eigenen CD-Brenner. Ein Rohling hat damals 30 DM gekostet, und jeder einzelne Brennvorgang war ein Abenteuer. Der PC musste perfekt auf den Brenner abgestimmt sein, jeder kleinste Stoß gegen den Schreibtisch war tödlich, und natürlich hat es ewig gedauert. Aber CDs waren eine Revolution! Während Disketten maximal 1,44 MB speicherten und es Stunden dauerte, über ein Modem den Inhalt von zwei bis drei Disketten zu übertragen, fassten CDs 650 MB, also über das 400-fache! Sicher, nicht alle Software, die ich auf diese CDs brannte, war legal. Aber wie gesagt: Ich hatte Spaß daran, den Kopierschutz der Großen zu knacken. Ich entwickelte sogar ein eigenes Mini-Programm für meine CDs, das einen interaktiven Katalog des Inhalts anzeigte und den Nutzer bei der Installation unterstützte. Das hat mich begeistert, 400-fache Speicherkapazität, der kleine Frank besiegt die Großen, indem er den Kopierschutz knackt, und er bietet auch noch einen zusätzlichen Wow-Effekt bei der Bedienung, wenn man die CD einlegt. Lizenzen, Rechte und Vertrieb interessierten mich als kleinen »Outlaw« nicht. Die Dinger habe ich dann für 100 DM das Stück an Freunde verkauft.
Einen anderen »Coup« landete ich während meiner Ausbildung. Dort lernten wir C++, eine Programmiersprache. Ich sah im Bonner Kaufhof 30 Bücher über C++, die um 80 Prozent reduziert waren. Ich kaufte alle. Anschließend überzeugte ich den Lehrer, dass die Klasse mit exakt diesem Lehrbuch lernen solle. Also sollte sich die ganze Klasse dieses Buch anschaffen, vorzugsweise aus meinem Bestand. Ich gewährte einen kleinen Rabatt auf den empfohlenen Verkaufspreis, sodass jeder das Gefühl hatte, ein Geschäft gemacht zu haben. Eine Win-win-Situation für alle. Zu meiner Entschuldigung muss ich sagen, dass es wirklich ein sehr, sehr gutes Buch über C++ war. Insofern hatten alle etwas davon, sogar der Lehrer. Ich glaube, hier zeigte sich mein Macher- und Unternehmergen: Ich habe keinen großen Plan gehabt, sondern einfach aus einem inneren Impuls heraus gehandelt: an das Buch geglaubt, 300 DM riskiert, alle Beteiligten überzeugt, Gewinn gemacht und in das nächste Gadget investiert.
Studium – nur eine Zwischenstation für mich
Bonn und Sankt Augustin, Mitte der 1990er
Nach dem sehr erfolgreichen Abschluss meines Fachabiturs – wer hätte das je gedacht? – begann ich – zur großen Freude meiner Eltern – ein Studium der »Angewandten Informatik« an der Hochschule Bonn-Rhein Sieg. Durch meine Tätigkeit bei Chips at Work konnte ich recht gut programmieren und wusste, wie Betriebssysteme und Netzwerke funktionieren. Bei Windows und Linux machte mir so schnell keiner was vor. Jetzt sollte ich also studieren und Diplom-Informatiker mit goldener Zukunft werden. Das Problem: Die Professoren hatten wirklich wenig Ahnung von Programmierung, Betriebssystemen und Netzwerken. Auf dem Gymnasium hätte ich noch gesagt, dass es an mir lag, dass ich einfach nicht gemacht sei für das Schulsystem, das rote Lateinbuch und den Frontalunterricht. An der FH aber war ich bereits kompetent genug, um beurteilen zu können, dass der neue Studiengang »Angewandte Informatik« zwar ganz gut aufgebaut war, dass es den Lehrkräften aber ganz einfach an Wissen und Erfahrung mangelte. Gezaubert wurde außerhalb der Uni, bei Chips at Work. Hier konnten und wussten fast alle mehr als ich. Jeder wollte den anderen immer zeigen, dass er die nächste große Idee hatte. Jeder wollte einen Schritt voraus sein, die neue Technologie vor den anderen beherrschen. Diese Dynamik konnten die FH und vor allem deren Professoren nicht bieten.
Diese Gefahr besteht übrigens auch heute, und zwar mehr denn je: Wissen wird privatisiert. Wer sich heute auskennt mit künstlicher Intelligenz, Blockchain und Big Data, der geht nicht mehr an eine Uni. Warum den Umweg über Seminare, Promotion und Lehraufträge machen, wenn man für ein Vielfaches des Geldes, ohne akademische Ochsentour und Politik, bei den Großen anfangen kann? In Amerika sind das Facebook, Microsoft, Amazon, Google oder Apple – in China Tencent, Alibaba oder Baidu. Die Geschwindigkeit der Wissenszunahme ist so groß geworden, dass der Antrag für einen Sonderforschungsbereich (»SFB«) an der Uni schon in dem Moment veraltet ist, in dem er eingereicht wird. Und dann dauert es noch ein Jahr, bis er, wenn überhaupt, genehmigt wird – und ein weiteres, bis der SFB seine Arbeit aufnimmt. Was heute ein riesiges Problem ist, das fühlte ich im kleinen Rahmen schon damals: Ich brach mein Studium ab und gründete meine erste offizielle Firma.
Ich war erwachsen.

Meine ersten Schritte als Unternehmer
Büro zu Hause
Bonn, ab 1993
Mit verschultem Lernen war ich fertig, ein für alle Mal. Das Gymnasium hatte mich unglücklich gemacht, die Realschule unzufrieden, die Fachhochschule ungeduldig. Ich wollte endlich raus und mein eigenes Ding machen. Mit Hilfe meiner Programmierkenntnisse, der PC-Installationen und meinen eigenen CDs hatte ich gemerkt: Da geht was – und ich hatte auch schon eine Idee, was das sein könnte.
Ich war 18 Jahre alt, volljährig und voller Motivation, hatte aber kaum einen Pfennig in der Tasche. Meine Eltern hatten mir mittlerweile eine kleine Zweizimmerwohnung zur Verfügung gestellt – und mit 4.000 DM Unterstützung von meinem Opa kaufte ich einen modernen PC und eine Delphi-Lizenz, mit der man programmieren konnte. Und weil dann noch ein wenig Geld übrig war, gönnte ich mir bei IKEA einen Schreibtischstuhl auf Rollen – like a boss!
Meinen Schreibtisch stellte ich in die Mitte der Wohnung und fühlte mich wie Bill Gates und Steve Jobs zusammen. Meine Firma hatte sogar einen eigenen Namen, sie hieß Softer Solutions. Ich fand das damals mit meinen mangelhaften Englischkenntnissen einfach cool. Heutzutage frage ich mich, was dieser Name eigentlich bedeuten sollte.
Aber glücklicherweise war die Geschäftsidee besser als der Firmenname: Damals klebte gefühlt auf jeder Zeitschrift eine Multimedia-CD: auf der TV Movie, auf der Computerbild, auf dem Focus, überall. Der De-facto-Standard für die Produktion dieser Multimedia-Inhalte war der Macromedia Director. Er wurde in allen Agenturen eingesetzt, die Software hatte viele Funktionen, und es gab viel Literatur darüber. Die mit Macromedia Director produzierten CDs hatten aber sehr lange Ladezeiten. Vielleicht erinnern sich einige noch: Wenn man so eine CD ins Laufwerk legte, sirrte und surrte es erst einmal ewig, bevor man überhaupt etwas auf dem Bildschirm sah, wenn sich der Computer nicht irgendwann vorher komplett aufhängte. Das war für den Käufer der Zeitschrift oft unbefriedigend und frustrierend. Heute wäre so etwas undenkbar – aber damals nahm man das offensichtlich in Kauf, man kannte es ja auch nicht anders.
Dabei lag – zumindest für mich – die Lösung für dieses Problem auf der Hand: Diese CDs bestanden unter anderem aus Hunderten kleiner Bilddateien, die der Macromedia Director einzeln von der CD lud. Daher das Sirren und Surren. Der Rechner fuhr für jede Datei einzeln an die Stelle der CD, wo sie gespeichert war, lud sie, fuhr dann an die nächste Stelle, um die nächste Datei zu laden, und so weiter. Es funktionierte wirklich noch wie ein Schallplatten-Arm, nur in kleiner und schneller. Meine Idee war einfach, die 100 Bilder in einer einzigen Datei zu speichern. Der Rechner lädt nur diese eine Datei von der CD, und erst in seinem Speicher wird die eine Datei dann in die 100 einzelnen Bilddateien zerschnitten. Klingt jetzt nicht besonders revolutionär – aber oft sind die einfachsten Ideen ja die besten: Meine CDs luden zehnmal, ach was, fünfzigmal schneller. Zusätzlich entwickelte ich Buttons, die optisch pulsierten, schnelle Foto-Animationen, einen besonders hochwertigen Video-Player und viele weitere Funktionen, die der Wettbewerb nicht beherrschte.
Das blieb nicht unbemerkt, und mehrere Agenturen beauftragten mich, für ihre großen Kunden Multimedia-CDs umzusetzen. Meine Technologie erlaubte ihnen, gegen andere Agenturen im Pitch um die großen Budgets zu gewinnen. Meine CDs begeisterten mit schnelleren Ladezeiten, schöneren Animationen und neuen Funktionen, die andere nicht anbieten konnten. So durfte ich recht schnell für Auftraggeber wie Agfa, 1&1, den Deutschen Bundestag und sogar für den Anbieter einer Potenz-Spritze arbeiten – ja, ja, lacht jetzt ruhig, aber ich war jung und brauchte das Geld. Der kritische Punkt war immer die Lieferung des »Gold Masters«, den ich von meiner kleinen Wohnung in Bonn in die große weite Welt liefern musste.
Das Brennen von CDs war in der Zwischenzeit recht einfach und stabil geworden. Aber der Gold Master wurde millionenfach auf CDs gepresst. Jetzt lag die Herausforderung in der fehlerfreien Software. Wenn die Software auf dem von mir gelieferten Master einen kritischen Fehler gehabt hätte, wäre ein katastrophaler finanzieller Schaden entstanden. Du kannst dir vorstellen, wie ich in meinem Zimmerchen saß, mit spitzen Fingern den Gold Master aus dem Brenner nahm und ihn sorgfältig in ein Jewel Case packte, während ich zum Software-Gott betete, dass beim Kunden alles einwandfrei funktionieren würde. Heute kann man alles online updaten, die Entwicklungswerkzeuge warnen den Programmierer vor möglichen Problemen, und es muss nicht alles in vier Megabyte RAM passen. Aber damals war es rückblickend wirklich verrückt: Ein kritisches Problem – und Millionen von CDs, die ja auf den Zeitschriften klebten, wären unbrauchbar gewesen. Es hätte keine Chance gegeben, dies nachträglich zu beheben. Ich habe damals unfassbar viel falsch gemacht, aber auch verdammt viel richtig und vor allem viel gelernt. Die neuen Möglichkeiten waren faszinierend, und ich hatte jeden Tag neue Ideen. Der Arbeitstag begann um elf Uhr morgens und endete zwischen ein Uhr und drei Uhr nachts. Vor einer Deadline wurde es auch oftmals sechs Uhr. Dann holte ich ab und zu frische Brötchen und frühstückte mit meinem Vater, der immer sehr früh ins Büro fuhr.
Multimedia-CDs waren ein großer Hit, und das Geschäft lief. Es gab bloß ein Problem: Ich war ein sehr schlechter Verkäufer meiner eigenen Leistung. Oft bot ich mein Produkt weit unter Wert an – ich war so euphorisch, wenn ein Kunde Interesse zeigte, dass ich den Auftrag keinesfalls am Preis scheitern lassen wollte. Oder ich unterschätzte den Arbeitsaufwand durch meine Euphorie so sehr, dass ich auf einen lächerlichen Stundenlohn kam. Als Putzkraft in einem der zahlreichen Bonner Ministerien hätte ich deutlich mehr verdient. Oft reichte es gerade so fürs Essen, den MSN-Zugang und die Telefonrechnung. Wenn es mal richtig gut lief, blieb Geld für Software-Updates, Hardware-Updates oder neue Software-Bücher übrig. Zum Glück zahlten meine Eltern die Miete für meine Wohnung, und meine Mutter fühlte sich noch für meine Wäsche verantwortlich. Und wenn ich abends quasi meine Mittagspause bei ihr machte, hatte sie immer etwas Leckeres zu essen für mich. Aber das sollte ja auch nicht ewig so weitergehen.
Create Media
Bonn, späte 1990er Jahre
Ich hielt mich mehr schlecht als recht über Wasser, was eigentlich nicht zu verstehen war, denn das Geschäft brummte, ich arbeitete 60 bis 80 Stunden pro Woche, und meine Produkte kamen gut an. Nach circa zwei Jahren traf ich Severin Tatarczyk, der für Anwaltskanzleien und Arztpraxen die damals aufkommenden lokalen Netzwerke installierte und für Mitarbeiter Office-Schulungen anbot. Severin war ein deutlich besserer Geschäftsmann als ich und kannte, im Gegensatz zu mir, viele wichtige Bonner Geschäftsleute. Das ist aber auch kein Wunder, wenn man wie ich tagelang wie ein Rhesusäffchen im Labor nur in seiner Büro-Wohnung hockt und wie besessen vor sich hin programmiert! Ich konnte viel von Severin lernen. Er sah, glaube ich, das Potenzial in meinem Softwaretalent. Und so vollzog ich meinen ersten Merger: Seine proPC GmbH und meine Softer Solutions GmbH wurden zur Create Media GmbH & Co KG und wir 50/50-Partner. Ab jetzt wurde es ernst, da wir ganz offiziell ein Ein-Zimmer-Büro in Bonn bezogen. Mit eigenem Schild an der Tür – das ich heute noch als Erinnerungsstück habe. Ab jetzt mussten wir also jeden Monat Miete zahlen, laufende Kosten, die gedeckt werden wollten! Aber ich erinnere mich trotzdem noch sehr gerne und sehr genau an dieses Wahnsinnsgefühl: ein eigenes Büro, ein eigener Geschäftsbriefkasten mit eigener Adresse. Krass. Severin und ich ergänzten uns wirklich gut. Er war der Geschäftsmann und Netzwerker, und ich konnte mich aufs Programmieren konzentrieren. Unsere Create Media wuchs: Durch die Kombination von Severins Erfahrung und Netzwerk mit meinem Technik- und Designverständnis gewannen wir sehr schnell viele Kunden. Plötzlich hatten wir zehn Mitarbeiter, um alle Aufträge zu erledigen, und fünf Räume. Kunden besuchten uns – jetzt waren wir eine richtige Firma. Und es gab ein neues Geschäftsfeld: Internetseiten!
Die Älteren werden sich erinnern: Fiepfiep, blinkblink – ein 14,4-K-Modem! Man musste jede Minute Online-Zeit bezahlen, die Websites bauten sich Zeile für Zeile langsam auf, der Rechner fuhr heiß, bis der Lüfter ansprang und ein lautes Gebläse das ganze Ding wieder kühlte, aber: Man war im World Wide Web. Das war neu, das war aufregend, und es gab viele Unternehmen, die jetzt eine eigene Website haben wollten, weil alle davon redeten und sie vielleicht das Potenzial witterten, aber keine Ahnung hatten, wie man das anstellen musste. Wir hingegen wussten das und waren eine der ersten Agenturen, die das komplette Paket anbieten konnten – und wir waren für damalige Verhältnisse echt gut.
Ich entwickelte interaktive Seiten, zum Beispiel eines der ersten Content-Management-Systeme mit dem Namen Loom. Oder mit Photoweb eine der ersten Fotodatenbanken im Netz. Das war insofern abenteuerlich, als damals noch kaum jemand seine Fotos digitalisierte, geschweige denn in ausreichender Auflösung zu unserem Server übertragen konnte. Daher wurde unser Photoweb von einem Praktikanten via CD-Lieferung in unserem Keller manuell aktualisiert. Hallo.de war eine Flirt-Community, die ich an den Start brachte. Wahnsinn, wenn ich mir überlege, dass das Jahre vor Facebook war. Was hätte aus mir werden können…! Severin und ich wollten aber jetzt noch größer denken, wir eröffneten Büros in Berlin und München und holten einen dritten Partner an Bord: Sandor Rozsa, einen herausragenden Designer. Zu dritt hatten wir die wichtigen Themen unter Kontrolle und waren auf dem Weg, die Welt zu erobern. Unsere Zeit war gekommen!
Twisd AG
Bonn, ab 1997
Bis jetzt hatten wir nur Produkte für andere entwickelt, also Auftragsarbeiten. Damit konnten wir unser wachsendes Team und die Büros finanzieren. Aber bald wollten wir endlich selbst das große Geld verdienen. Und das geht natürlich nur mit einem eigenen Produkt, das millionenfach verkauft wird. Jetzt wird es kurz ein wenig technisch, aber ich versuche, es verständlich zu halten: Unsere Idee war eine Kombination aus allem, was wir bisher gelernt hatten. Für die Experten: Lokale Netzwerke (LAN, Local Area Network), Web-Applikationen und Design.
Wir entwickelten eine kleine Box, die lokale Netzwerke mit dem Internet verband und alles drum herum regelte: LIC, das stand für LAN Internet Connect.

Damals musste man noch teure Server kaufen
Heutzutage ist das Standard und auf einem kleinen Chip zu haben. Damals war das spektakulär: Jedes kleine Büro bis zum Mittelständler konnte seinen Internetzugang selber administrieren. Es gab keine komplizierten Zugangsschranken, und man brauchte keine Techniker mehr! Und das alles mit einer attraktiven und leicht verständlichen Benutzeroberfläche, hinter der sich eine ziemlich komplexe Software versteckte. Die Idee und Umsetzung war für damalige Verhältnisse genial, das musst du mir jetzt einfach mal glauben. Auch heute bin ich noch überzeugt davon, dass wir ein sehr gutes Produkt hatten. Aber um die Welt zu revolutionieren, braucht man Geld. Wir zogen mit unserem LIC los – und wer ein bisschen Verständnis für Computer und Netzwerke mitbrachte, war davon auch sehr schnell begeistert. Ein Bonner Kapitalgeber stellte uns 1,4 Millionen DM Venture Capital bereit, um das Produkt zur Marktreife zu bringen.
Hurra! An der Börse war gerade die Zeit des Neuen Markts. Firmen wie Intershop, EM.TV oder Infineon elektrisierten die Anleger. Und die Idee war brillant: Man wollte junge Unternehmer an die Börse bringen, um ihnen die Chance zu geben, am Kapitalmarkt Investoren von sich zu überzeugen und so zu wachsen. Pro Woche gab es mehrere Börsengänge, und es war keine Ausnahme, dass eine Aktie am ersten Handelstag um 100 Prozent nach oben schoss. Wer zum Beispiel im Oktober 1997 für 3.500 DM EM.TV-Aktien gekauft hatte und behielt, besaß wenige Monate später auf dem Papier Aktien im Wert von 1,2 Millionen DM. Es war ein regelrechter Hype, keiner wollte den Zug verpassen. Deshalb wurde auch in Aktien investiert, deren Unternehmen noch kein funktionierendes Produkt hatten und schon gar nicht erklären konnten, wie sie bald sehr viel Geld verdienen würden. Das war alles eine große Wette auf die Zukunft. Ich war damals in der Firma nicht CEO, sondern CTO, also für die technischen Produkte verantwortlich, das Geschäft machten andere. Aber es sollte auch für uns an die Börse gehen – und ich hatte nichts dagegen! Junge Unternehmer wie Lars Windhorst, Stephan Schambach von Intershop oder die Haffa-Brüder von EM.TV ließen es krachen – und mir gefiel der Gedanke, irgendwie und irgendwann dazuzugehören. Mit dem Geld vom Kapitalgeber sollte sowohl der Börsengang vorbereitet als auch das Produkt entwickelt werden. Mit dem Börsengang würden dann weitere Millionen eingenommen werden, das war der Plan. Es war eine verrückte Zeit!
Software-Architektur und Technologie waren meine Leidenschaft, und jetzt konnte ich eine komfortable Anzahl von Entwicklern einstellen und mit ihnen Tag und Nacht an meinem Produkt arbeiten. Wir hatten die schnellsten und teuersten PCs und die besten Server. Wir saßen in fancy Büros mit der feinsten Kaffeemaschine und dazu abgestimmten italienischen Bohnen. Wir tranken Cola light ausschließlich aus den kleinen Flaschen. Klar, die großen waren günstiger, aber wen juckte das schon. Keiner fragte nach Umsätzen – und so etwas wie Gewinne erschien sogar uncool. Es ging um große Storys, um Technologie, um Marktführerschaft. »Fantasie« war das Wort der Stunde. Da ist »Fantasie« drin. Hat das Produkt »Fantasie«? Hat die Aktie »Fantasie«? Dann war sie heiß. Unser Produkt hatte Fantasie, aber Hallo.
Man las von irren Parties, von Superyachten auf den Malediven und Privatjets auf der eigenen Insel in der Karibik. Es gab einen vorbestraften Hacker namens Kim Schmitz – aka Kim Dotcom oder Kimble – der angefangen hatte wie ich, nämlich mit dem Knacken von Computerspielen. Mittlerweile hatte er sich einen zweifelhaften Ruf als »Berater« erworben, indem er zunächst die Firewalls großer Firmen knackte und sich im Anschluss von diesen Firmen einen hochdotierten Vertrag geben ließ. Nach eigenen Angaben hatte er 500 Millionen Euro verdient, was ihm offenbar ermöglichte, sich mit leicht bekleideten Mädchen im Whirlpool ablichten zu lassen, Helikopter zu chartern und beim Großen Preis von Monaco eine Loge für sich zu buchen. Später waren ihm erst die Staatsanwälte und dann sogar das FBI auf den Fersen. Anscheinend war nicht jede Mark legal verdient. Merkwürdiger Typ – aber es waren ja auch merkwürdige Zeiten.
Ganz so groß wurde bei uns natürlich nicht gefeiert. Aber die Bergfeste der Telekom auf der Cebit waren legendär. Wir durften als enger Partner und Referenzkunde mit der ganzen Standbelegschaft mitfeiern. Mit einem anderen Partner fuhren wir mit dem Taxi aus der niedersächsischen Provinz auf ein paar Drinks nach Hamburg und wurden anschließend wieder, ebenfalls per Taxi, zurück ins Hotel nach Hannover gebracht. Schließlich musste man – trotz allem – am nächsten Morgen wieder fit für die nächsten großen Deals und Präsentationen auf der Messe sein. Immerhin träumten wir alle vom Neuen Markt.
Die Investitionen dieser Firmen wurden immer größer und – rückblickend gesehen – verrückter: Die schon erwähnte EM.TV hatte zum Beispiel mit der Vermarktung der Rechte an Comicserien fürs Kinderfernsehen begonnen, Alfred Jodocus Kwak oder Tabaluga. Jetzt kaufte sie für 1,3 Milliarden DM die Jim Henson Company, also die Sesamstraße und die Muppets. Im März 2000 erwarb EM.TV sogar 50 Prozent der Rechte an der Formel 1. Meine ersten Gründer-Kumpels wurden durch den Neuen Markt über Nacht Millionäre – und auch sonst gab es keine Grenzen. Ich ging zu BMW und leaste den krassesten 3er. Sechs Zylinder mit 300 PS, feinste Ledersitze, sogar mit Fernseher. Das klingt aus heutiger Sicht auch für mich völlig irre, aber damals war das normal. Natürlich war das auch mein eigener Fehler, aber ich war 25 und unerfahren, und plötzlich war alles megacool. Alle anderen machten es auch so, und niemand bremste, auch nicht unser Aufsichtsrat, von dem ich im Zweifelsfall erwartet hätte, dass er eingreift und uns empfiehlt, das Geld nur für die Produktentwicklung und den Vertrieb auszugeben. Aber im Gegenteil, auch unser Aufsichtsrat war vom Geist der Zeit erfasst und gab die Budgets frei für die luxuriösen Firmenwagen, Büros und vieles mehr. Wichtig war damals nur, wann wir endlich unseren IPO machen würden. Auch bei den anderen Technologiefirmen, damals nannte man sie ja noch nicht Startups, wurde das Geld mit vollen Händen ausgegeben. Jede Woche eröffnete ein neues, ausgefalleneres Unternehmen mit einer Idee, die »Fantasie« versprach. Ich arbeitete weiterhin Tag und Nacht, es war großartig, mit hervorragenden Technikern im Grenzbereich zu entwickeln. Da wir wirklich viele neue Funktionen lieferten und kein Wettbewerber mithalten konnte, glaubte ich, all das viele Geld auch tatsächlich verdient zu haben. Leider brachte das eine Begleiterscheinung mit sich, die ich heute sehr bereue. Ich mutierte über den virtuellen Erfolg zum eingebildeten Idioten. Es geht um mein damaliges Ich, und für das traf dieser Begriff leider zu. Ich weiß nicht, ob es die ersten Artikel in der Zeitung mit dem Titel »Der Wunderjunge« waren oder mein voll ausgestatteter BMW 330i, den sich meine Eltern auch nach 30 Jahren Arbeit nicht leisten konnten, oder das hippe Chefbüro. Aber irgendwas hat mich überschnappen und abheben lassen. Ich hätte mich damals außerhalb meiner Technikwelt selbst nicht treffen wollen. Meine Eltern sind sehr ehrliche und ruhige, geerdete Menschen, und sie haben dies eigentlich auch an mich weitergegeben. Aber wenn ich jetzt nach Hause kam, erzählte ich von meiner großen neuen Welt und davon, wie klein, langsam, uncool und dumm alle anderen waren. Ich fühlte mich wie der König der neuen Welt. Alle, die nicht dabei waren, verschwendeten in meinen Augen ihr Leben. Es gibt ein Foto, auf dem wir drei Vorstände der twisd AG vor unserem LIC-Produkt stehen, Severin, Sandor und ich. Die Daumen in die Höhe gestreckt. Drei junge Männer mit einem etwas fragwürdigen Style, aber grenzenlosem Optimismus. Leider aber auch mit einer Prise Übermut und Überheblichkeit.
Ich habe diesen Optimismus und die Liebe für Technik behalten, aber hoffentlich die Überheblichkeit gegen Demut getauscht. Denn diese Zeit hielt noch eine Lektion für mich bereit, die ich bis heute nicht vergessen habe. Die ersten 1,4 Millionen DM Wagniskapital waren schneller aufgebraucht als gedacht – kein Wunder. Auch wenn es mir damals so erschien, war das Kapital dann doch nicht unendlich. Wir hatten davon aber auch ein wirklich gutes Produkt entwickelt, ich bin bis heute stolz auf unsere Technologie und das Design. Allerdings hatten wir einfach vergessen, die Boxen auch zu verkaufen. Natürlich führten wir Gespräche mit potenziellen Großabnehmern, wie zum Beispiel der Telekom oder IBM. Aber die dauerten länger als erwartet. Und ging es nicht um die Wette auf die Zukunft statt um die Umsätze im Hier und Jetzt? Ehrlich gesagt: Wir hatten nicht einmal ernsthaft geprüft, wie viele unserer genialen Boxen wir auf welchen Wegen überhaupt verkaufen könnten. In bestimmten Bereichen des Geschäftslebens waren wir einfach himmelschreiend naiv und unerfahren. Aber darauf achtete keiner: der Aufsichtsrat nicht, die Banken nicht und wir erst recht nicht. Der Börsengang stand ja kurz bevor und würde uns alle zu Millionären machen. Alles würde bald noch viel glorreicher werden. Und als das Kapital weg war, gab uns unsere Bank einfach eine Kreditlinie über zwei Millionen DM. Die Party konnte weitergehen!

Die Katastrophe
Der dümmste Fehler meines Lebens
Bonn, ab 1999
Ein Vertreter unserer Bank saß im Aufsichtsrat der twisd AG. Und da die Bank auch an unserer Investmentgesellschaft beteiligt war, waren neue Kredite nie ein großes Problem. So auch nicht bei der neu gewährten Kreditlinie über knapp zwei Millionen DM. Ich hatte damals keine Aktien – außer denen am eigenen Unternehmen, das aber noch nicht börsennotiert war. Mich interessierten weder DAX noch Dow. Der Börsengang unserer Firma war für mich nur eine tolle Möglichkeit, weiteres Geld in ihr Wachstum zu stecken – und an diesem Erfolg auch persönlich teilzuhaben. Ich sah den Taifun nicht kommen – oder um im Bild zu bleiben: Ich habe nicht mal den Wetterbericht gehört.
Am 1. Juli 1999 waren am Neuen Markt bereits 124 Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung von 56 Milliarden Euro vertreten, acht Monate später waren es bereits 229 Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung von 234 Milliarden Euro. Im März 2000 notierte der Neue Markt sein All Time High. Mobilcom-Gründer Gerhard Schmidt spricht im Nachhinein davon, dass damals »die Banken doch jeden an die Börse gebracht haben, der einen ambitionierten Geschäftsplan vorgelegt und dabei das Wort ‘Internet’ richtig geschrieben hat«. Doch unter Insidern kursierten schon sogenannte »Todeslisten« von Unternehmen, deren Aktienbewertung wohl selbst bei idealer Geschäftsentwicklung als zu euphorisch angesehen werden musste.
Davon hatte ich nichts mitbekommen, aber zumindest eine unserer Banken hatte vermutlich schon kalte Füße bekommen. Denn etwa einen Monat nachdem unsere Kreditlinie erweitert wurde, bat uns der dafür zuständige Banker im Anschluss an eine Aufsichtsratssitzung zu einem Dreiergespräch. »Severin, Frank, wir müssen noch mal kurz über eine klitzekleine Formalität sprechen.« Zuvor hatten wir – wie üblich – bei unserer fancy PowerPoint-Präsentation die Steilheit der Wachstumskurve zwar beibehalten, nur mal wieder den Start des Durchbruchs ein wenig nach hinten verschoben.
»Jungs, wir haben vergessen, von euch noch die private Bürgschaft für den Wachstumskredit einzuholen. Ist ja nur theoretisch, aber sonst müsstet ihr jetzt einen höheren Zins zahlen. Und das wäre ja blöd.« Wie gesagt: Erstens interessierte mich das Geld nie, ich wollte einfach unbedingt mein Entwicklerteam ausbauen. Und zweitens standen wir kurz vor unserem IPO, der mich – so wie die anderen Unternehmer am Neuen Markt – millionenschwer machen würde. Severin und ich unterzeichneten die Bürgschaft daher direkt noch in diesem Meetingraum. Ohne Rücksprache mit irgendwelchen Anwälten oder wenigstens mit meinen Eltern. Wir haben nicht einmal drüber geschlafen. Es war ja nur eine »klitzekleine Formalität«. Wir waren im Hype, größer, schneller, weiter. Uns gehörte die Welt.
Das Dümmste, Idiotischste und Bescheuertste aber war etwas anderes. Ich könnte noch heute meinen Kopf auf die Tischplatte schlagen, wenn ich nur darüber nachdenke: Ich hätte das Dokument nicht mal unterzeichnen müssen. Der Kredit war längst bewilligt, die Bank hatte einfach vergessen, uns dafür bürgen zu lassen. Sie hatte einen Fehler gemacht. Und ich hatte mich in meinem Rausch überrumpeln lassen. Scheitern war aber damals eben noch gar keine Option, und wir hätten alles für unser Baby getan.
Im Juni 2000 ging ich mit einem befreundeten Unternehmer aus Köln essen. Er hatte sich meinen Traum schon erfüllt und war bereits an der Börse. Natürlich erzählte ich ihm, dass auch wir unmittelbar davor stünden und dass wir ja bald noch mehr Kumpels auf Augenhöhe wären. Aber dieses Mal sagte er: »Du, Frank, bitte behalte es für dich. Aber in den letzten Tagen habe ich sehr viele ernste Gespräche führen müssen. Ich glaube, es wird nicht mehr viele IPOs geben, und für mich werden die nächsten Monate auch nicht einfach.« Das war das erste Mal, dass ich in diesen Monaten überhaupt kritische Worte über die wirtschaftliche Situation hörte. Die ganze Tragweite seiner Worte habe ich damals überhaupt nicht begriffen. Es war kein schönes Gespräch, weil am Horizont irgendein Unwetter aufzuziehen schien, ich aber nicht so recht wusste, was das zu bedeuten hatte. Ich wischte den dunklen Gedanken zur Seite: Unser IPO-Plan stand, und wir hatten ja auch ein super Produkt.
Doch im September 2000 meldete mit Gigabell das erste Unternehmen am Neuen Markt Insolvenz an. Drei Monate nach Unterzeichnung der Bürgschaft war auch unsere Kreditlinie ausgeschöpft. Aber wir waren noch lange nicht am Ende, dachten wir: Wir verhandelten noch mit drei Investmentgesellschaften – damals hießen die ja noch nicht VC – über die Finanzierung unseres IPO. Wir benötigten nur noch etwas Überbrückungsgeld, um dann das große Geld an der Börse einzusammeln. Zwischenzeitlich gab es sogar noch ein Übernahmeangebot von möglichen strategischen Partnern, von denen ich für meine Anteile einen deutlich siebenstelligen Betrag erhalten hätte. Doch einer unserer beratenden Banker meinte, beim Börsengang würden wir ein Vielfaches einnehmen. Wir lehnten also ab. Wir folgten der Gier. Innerhalb weniger Wochen drehte sich der Wind endgültig um 180 Grad. Alle drei Investmentgesellschaften sagten die Finanzierung in derselben Woche ab. Linker Haken, rechter Haken, schwere Gerade mitten ins Gesicht. Aber es hätte uns auch nicht mehr geholfen, es gab plötzlich keine neuen Börsengänge mehr. Wir taumelten bereits und hatten es nicht einmal gemerkt. Der Neue Markt kollabierte, alle gerieten in Panik. Statt um noch größere Büros, mehr Entwickler und US-Expansion ging es innerhalb kürzester Zeit plötzlich nur noch ums nackte Überleben. Die Kreditlinie war ja bereits maximal ausgeschöpft, an eine Erweiterung war nicht zu denken. Nicht mal eine weitere persönliche Bürgschaft hätte geholfen, Severin und ich waren dafür nicht mehr kreditwürdig genug.
Heutzutage bin ich froh, dass wir damals noch kein Haus oder sonstige Besitztümer hatten. Ich kenne drei Weggefährten, die zu dieser Zeit in der gleichen Situation waren. Die haben ihre Häuser als Sicherheit für einen Überlebenskredit zur Verfügung gestellt und haben dann in sehr kurzer Zeit sowohl ihre Firma als auch ihr Eigenheim verloren. Wie gesagt, Severin und ich hatten aber nicht einmal die Option, uns privat weiter zu verschulden, was wir sogar zweifellos getan hätten. Die ersten Gläubiger wurden ungeduldig. Ich kann mich noch daran erinnern, wie der erste persönlich bei uns vorbeikam und Severin ein unangenehmes Gespräch führen musste. Ein anderer trug höchstpersönlich unsere – oder besser: seine – Computer wütend aus unserem Hosting-Raum. Jetzt merkten natürlich auch die Mitarbeiter, was im Markt im Allgemeinen und bei uns im Besonderen los war. Bisher hatten Severin und ich uns optimistisch geäußert, das war ja auch ein Teil unserer Aufgabe. Aber mit verzögerten Gehaltszahlungen, absolutem Investitionsstopp und zunehmenden Besuchen von Gläubigern und Gerichtsvollziehern konnten wir die aufziehende Katastrophe nicht weiter von unserem Team fernhalten.
Der Tag der Insolvenz
Severin und ich blickten uns eines Tages in die Augen und wussten: Es ist vorbei. Als Erstes würden wir das Team informieren müssen. Wir wussten, dass viele Fragen, Emotionen und Enttäuschungen auf uns warteten. Und zum ersten Mal hatten wir keine Antworten, zumindest keine, die Hoffnung machten. Da war nichts mehr schönzureden.
»Es tut uns sehr leid«, konnten wir nur vor versammelter Mannschaft sagen, »aber heute ist der letzte Tag der twisd AG, ab morgen wird ein Insolvenzverwalter die Geschäfte führen.« Nie im Leben werde ich die Sekunde vergessen, in der diese Botschaft allen ins Bewusstsein sickerte. Die Stille, die Blicke. Verständliches Entsetzen, einige waren einfach traurig, andere haben uns persönlich angegriffen. Manche verließen wortlos den Raum. Das war wirklich ein Horrortag, sehr belastend. Auch ich hatte Panik, durfte es aber nicht zeigen. Und das war erst der erste Teil des Tages. Severin und ich machten eine kurze Pause bei unserem Dönermann um die Ecke. Dass wir Champions hier mal so sitzen würden, so klein, so verzweifelt, so alleine: Das war noch vor wenigen Wochen, wenn nicht vor wenigen Tagen undenkbar gewesen. Aber nach kurzer Stärkung machten wir uns auf den Weg in die Innenstadt zum Amtsgericht, um die Insolvenz unserer über alles geliebten twisd AG anzumelden.
Es gibt eine Sache, auf die ich bis heute stolz bin: Wir haben immer die Gehälter unserer Mitarbeiter bezahlt, mit zwei Ausnahmen: die von Severin und mir. Diese Kapitänsehre unterscheidet für mich den echten Unternehmer vom Manager. Der Kapitän verlässt das sinkende Schiff zuletzt. Ich glaube, diese Tatsache und noch einige andere Punkte führten auch dazu, dass der Insolvenzverwalter uns nicht direkt alle Rechte entzog, sondern uns vertraute und eine sogenannte »Insolvenz in Eigenregie« ermöglichte. Das hieß: Wir behielten die Schlüssel – und am nächsten Morgen saßen Severin und ich wieder im Büro. Wie jeden Tag.
Heute allerdings war es gespenstisch leer. Bis gestern herrschte hier eine lebhafte Atmosphäre der Kreativität und des Aufbruchs. Überall junge Menschen, die an der Zukunft arbeiteten und dachten: Die Welt von morgen gehört uns. Und jetzt: nichts. Die Hochglanz-Kaffeemaschine von Jura stand noch da, und Severin machte uns einen Kaffee mit den exklusiven Bohnen – ein Vorrat, der für uns zwei noch sehr lange halten würde. Mein voll ausgestatteter BMW ging zurück an den Händler, die Leasingraten konnte ich ja auch nicht mehr bezahlen. Ich kaufte mir von meinem persönlich Ersparten einen Ford Ka ohne jedes Extra: 50 PS.
Ich bin sehr dankbar, dass Severin und ich uns auch in dieser unfassbar schweren Zeit nie gestritten haben. Wir haben das zusammen sauber durchgezogen und bis heute freundschaftlichen Kontakt. Er war übrigens danach einige Jahre als Berater im Bereich Internetmarketing aktiv und ist inzwischen in der Energiebranche gelandet. So ganz kann er vom Internet aber doch nicht lassen und ist in seiner Freizeit als Blogger aktiv.
Rückblickend frage ich mich noch manchmal, ob das unschöne Ende der twisd AG vermeidbar gewesen wäre. Sicher beantworten kann ich es nicht, sehe aber, dass wir doch einige entscheidende Fehler gemacht haben. Dass wir so manche Zeichen der Zeit nicht erkannt hatten, habe ich ja schon geschildert. Wesentlich für das Scheitern war aber auch, dass wir uns nicht zu 100 Prozent auf unser Produkt, den kleinen Internetserver, konzentriert haben. Für den hatten wir ja schließlich das Investment erhalten. Nein, wir tanzten noch auf anderen Hochzeiten. Das Projektgeschäft hatten wir weiter betrieben, also das Erstellen der Multimedia-CDs und der Internet-Seiten, denn hierin hatten die Ursprünge unseres gemeinsamen Unternehmens gelegen, und die wollten wir nicht aufgeben. Natürlich brachte dies zwar gute Umsätze, band aber auch viele unserer Ressourcen, die wir besser in die Entwicklung unseres Produkts hätten investieren sollen. Als im Zuge der Krise des Neuen Markts wichtige Kunden von uns in die Insolvenz gingen, sorgte dieser Geschäftszweig sogar für hohe Forderungsausfälle. Geld, das uns dann umso mehr bei der Produktentwicklung fehlte. Hätte ich heute den jungen Frank bei Die Höhle der Löwen vor mir und er würde mir seine twisd AG vorstellen, würde ich ihm einen ganz klaren Rat geben: Konzentriere dich auf eine Sache. Und zwar auf das Produkt, das du effektiv skalieren kannst. Doch hinterher ist man immer klüger.
Die letzte Firewall wird durchbrochen
Ach ja, ich hatte damals noch etwas Wichtiges vergessen, leider. Die Abwicklung der Firma, das Entlassen der Mitarbeiter, die Überlegungen, was als Nächstes kommen würde – das alles hatte mich völlig in Beschlag genommen. Mittlerweile wohnte ich wieder bei meinen Eltern, und ich hatte noch keinen Plan, wie es weitergehen sollte. Aber da gab es noch ein winzig kleines Detail – die »klitzekleine Formalität«. Die Bürgschaft, die ich in dem unbedachten Moment unterschrieben hatte.
An jenem grausamen Morgen war ich unterwegs zu einem Kumpel, der mir eine neue Softwaretechnologie zeigen wollte. Ich war gerade bei ihm angekommen, als mein Telefon klingelte. Meine Mutter war dran, fassungslos, schockiert, verzweifelt. Sie hatte einen Brief der Bank an mich geöffnet, in dem mir recht formlos mitgeteilt wurde, dass ich unverzüglich eine Million Euro zurückzuzahlen habe – oder zumindest schon einmal die acht Prozent Zinsen pro Jahr, also 80.000 Euro, ohne damit einen Cent zu tilgen. 80.000 Euro jährlich alleine an Zinsen! Und – wo sollte ich eine Million hernehmen? Ich lebte doch schon in meinem alten Kinderzimmer, ohne Job, ohne Verdienst! Das war eine Todesbotschaft. Der Brief kam aus einem großen Bankhaus mit Tausenden Sachbearbeitern, da denkt keiner darüber nach, ob dieser Brief das Leben eines Menschen zerstört oder ob ein persönliches Gespräch nicht vielleicht der bessere Weg wäre. Aber ich will mich nicht rausreden, die Schuld lag vor allem bei mir: Ich hatte das Damoklesschwert der persönlichen Bürgschaft einfach zu lange verdrängt. Eigentlich hätte mir klar sein müssen, dass da irgendwann etwas kommt. Heute kann ich das auch nicht mehr begreifen, aber die menschliche Psyche ist ein raffiniertes Ding.
Ich fuhr direkt nach Hause, ich musste meinen Eltern Rede und Antwort stehen. Die Realität hatte zugeschlagen – und zwar mitten auf die Zwölf. Jetzt war ich wieder voll da, mit einem Schlag war ich gelandet. Und das war keine harte Landung – das war ein katastrophaler Crash. Der Weg zur Wohnung, das Umdrehen der Schlüssel. Meine Mutter und mein Vater saßen an dem Esstisch, an dem wir fast zwei Jahrzehnte lang gemeinsam unzählige Gespräche geführt hatten. Viele gute, einige schwierige. Aber nie hatte ich Angst, noch nie hatte ich mich geschämt an diesem Tisch. Jetzt hatte ich sogar Panik. Mein Vater fing an: »Mein Junge, was hast du da gemacht? Wir können dir nicht mal helfen, die Zinsen zu begleichen! Wie konntest du das unterschreiben – ohne Rücksprache mit uns?« Meine Eltern hatten 25 Jahre in mich investiert. Sie waren immer für mich da gewesen, vom Fußballverein über die Schule bis zu den Klamotten, Skateboards und Urlauben. Sie hatten für mich gesorgt, alles für mich gezahlt. Ob ich schlechte Noten nach Hause brachte oder mein Fußball in der Scheibe des Nachbarn landete, sie standen immer bedingungslos hinter mir. Ich glaube, sie hätten auch jetzt alles für mich gezahlt, aber das war einfach zu viel. Das konnten sie nicht leisten. Und jetzt?
Meine Freunde starteten gerade ihre Karrieren, verdienten jetzt ihr erstes eigenes Geld, luden auch mal ihre Eltern ein. Auf kleinem Niveau, aber solide, genau die Freunde, die ich vor kurzem noch ausgelacht hatte, weil sie einen ordentlichen Beruf erlernt hatten. Ein monatliches Festgehalt, von dem man damals gerade die Leasingraten meines BMWs hätte bezahlen können? Das war doch was für Spießer und Verlierer, so hatte ich bisher gedacht. Und jetzt hätte ich alles gegeben, um in genau ihrer Position zu sein: einen langsamen, soliden Start hinlegen mit viel Stabilität und Luft nach oben.
Aber ich hatte alles verjuxt. Ich war überheblich und arrogant gewesen, hatte auf Menschen herabgeblickt und das Geld anderer Leute verschwendet. Alles, was ich nach Hause brachte, war ein so gigantischer Haufen an Schulden, dass die Familie nicht einmal die Zinsen bedienen konnte. Dieses eine Zehn-Minuten-Gespräch, diese eine Unterschrift, sie hatten mein Leben zerstört. Und nicht nur meines, sondern auch das meiner Eltern, samt ihrer Hoffnungen in mich und ihrem Stolz auf mich. Meine Mutter bekam einen Nervenzusammenbruch, ich selbst stand kurz davor. Ich schämte mich. Und jetzt? Ich bekam Panik: Kein Studium, ein Leben lang unfassbar hohe Schulden, wie sollte es weitergehen, wovon sollte ich leben, wie sollte ich je eine Freundin bekommen, was wäre im Alter? Ich sah das Leid und die Verzweiflung in den Augen meiner Mutter. Mein Vater war gefasster, aber tief enttäuscht.
Plötzlich waren auch alle »Freunde« weg, die so gerne mit dem coolen Franky unterwegs gewesen waren. Keiner wollte sich mehr mit einem deprimierten Loser befassen, der plötzlich einen alten Ford Ka fuhr. Und der, noch schlimmer, keine Energie mehr hatte, müde, enttäuscht und fertig war. Früher begeisterte ich mit Ideen und Geschichten und füllte den Raum mit meiner Anwesenheit. Mein ganzes Ego hatte auf dem Konzept »Erfolg« beruht, darüber hatte ich mich definiert, daraus zog ich mein Selbstbewusstsein und meine Vitalität. Konsequenterweise war mit dem Scheitern des Konzepts »Erfolg« auch mein Selbstbewusstsein implodiert und das energiereiche Leuchten in meinen Augen erloschen. Ich war ein Nichts, ein Niemand, ein 360-Grad-Versager. Mein Körper konnte nicht mehr und begann, sich zu wehren: Ich bekam mehrfach täglich stoßweises Nasenbluten. Hautausschläge breiteten sich auf meinem Körper aus, und ich konnte mich nicht mehr konzentrieren. Ich schloss mich in meinem alten Kinderzimmer ein und ließ die Jalousien runter. Ich war am Ende.
Der Deal mit der Bank
Die Lösung: Private Insolvenz?
Nachdem ich sechs Wochen lang so im Dunkeln gelegen hatte, spürte ich zaghaft und langsam wieder Leben in mir. Ich schämte mich, und ich war wütend: auf die Bank, auf die Welt, vor allen Dingen aber auf mich selbst. Aber es hilft nichts, sich depressiv im Kopfkissen zu vergraben. Es hilft nichts, mit den Fäusten auf den Schreibtisch zu trommeln. Es hilft nichts, mit leeren Augen an die Decke zu starren. Was war bloß aus mir geworden? So konnte es nicht bleiben – so wollte ich nicht sein.
Für eines bin ich unendlich dankbar: In diesen schwierigen Wochen und Monaten haben mir meine Eltern niemals das Gefühl gegeben, versagt zu haben. Ich bin nie besonders religiös gewesen – aber das biblische Gleichnis vom verlorenen Sohn passt hier durchaus. Der hatte ebenfalls sein Vermögen verprasst, kam als Schweinehirte zu seinem Vater zurück und wurde dennoch aufgenommen. Auch ich war immer noch der Sohn meiner Eltern, ich war immer noch Teil dieser Familie. Sie hatten diesmal keine Lösung für mich, aber gemeinsam würden wir es irgendwie schaffen. Es hatte einfach nur noch keiner einen Plan. Ich glaube, mein Vater hoffte als bekennender Rheinländer auf den Artikel 3 des »Kölschen Grundgesetzes«: »Et hätt noch emmer joot jejange« (»Es ist noch immer gut gegangen«). Dieses – durch keinerlei Fakten gestützte – Gefühl hat mir geholfen. Ich bilde mir ein, deswegen neben dem Unternehmergen auch das »Stehaufmännchen«-Gen zu haben.
Natürlich fühlte es sich immer noch grausam an, aber als ersten Schritt ließ ich wieder etwas Licht in mein Zimmer. Irgendwann war ich wieder in der Lage, aufzustehen, zu frühstücken und mich sogar mit einem befreundeten Anwalt zu treffen. Er berichtete mir von anderen Personen, die aus ähnlichen Situationen wieder ins Leben zurückgefunden hatten. Ich sprach mit weiteren Anwälten, anderen Unternehmern und auch mit Severin über mögliche Wege, wieder auf die Beine zu kommen. Da ich mit der Bank nur einen einzigen Gläubiger hatte und wir dem Staat keine Sozialabgaben für unsere Mitarbeiter schuldeten, kristallisierte sich eine Lösung heraus, von der ich bis dahin noch nicht gehört hatte: die private Insolvenz. Private Insolvenz, das hieß damals: Man lebt sieben Jahre am Existenzminimum, keinerlei Kreditwürdigkeit, kein Autoleasing, selbst für einen Handyvertrag würden meine Eltern haften müssen. Bei guter Führung könnten es sechs Jahre werden, wobei eine einzige Geschwindigkeitsüberschreitung oder Schwarzfahren alles wieder zunichtemachen könnte. Wenn ich diese sieben Jahre überstehen würde, wäre ich mit Anfang dreißig wieder frei. Vor allen Dingen wieder schuldenfrei. Um diese Möglichkeit auszuloten, musste ich erneut zum Amtsgericht, diesmal allerdings nicht in das Zimmer für Firmen, sondern in das Zimmer daneben – für Privatpersonen. Zunächst aber ließ ich mich nur beraten. Ich war ja noch sehr jung und wollte die Jahre nutzen, um zu studieren, eventuell sogar zu promovieren. Zeit war ja genug. Vielleicht könnte ich dann doch noch eine späte Karriere in einem großen Konzern machen, mir ein kleines Reihenhäuschen leisten und mit etwas Glück sogar noch eine Frau finden. Der Plan stand. Es war nicht das, was ich mir vor wenigen Monaten noch erträumt hatte, aber ich fasste langsam wieder Mut. Vielleicht könnte ich meinen Eltern doch noch zeigen: Euer Sohn ist kein Versager.
Und dann eröffnete mir dieser Plan eine weitere Option. Ein anderer Anwalt hatte mir berichtet, dass man mit der Bank alternativ zur privaten Insolvenz einen »Vergleich« schließen könne: Sie verzichten auf den größten Teil ihrer Forderungen, da sie im Fall der Privatinsolvenz gar nichts bekommen würden, der Rest wird nach und nach abbezahlt. So wären meine Schulden überschaubar, und ich könnte die Insolvenz sogar vermeiden. Natürlich nur, wenn sich die Bank darauf einließe. Das hörte sich verrückt an. Aber es war einen Versuch wert. Ich wollte alles versuchen, bevor ich sieben Lebensjahre abschrieb. Ich ging also zur Bank und spielte hohes Risiko: »Wenn ihr das gesamte Geld und die Zinsen von mir haben wollt, bekommt ihr gar nichts, weil ich dann Privatinsolvenz anmelden werde und studieren gehe. Nach sechs oder sieben Jahren bin ich wieder schuldenfrei, habe ein abgeschlossenes Studium und ihr null Komma null Euro.« Das Problem war, dass die Zeit gegen mich lief. Jeden Tag, an dem ich nicht zum Amtsgericht ging, starteten die sieben Jahre nicht. Wenn ich aber jetzt schnell private Insolvenz angemeldet hätte, wäre die Möglichkeit eines Deals mit der Bank sofort weg gewesen. Ich setzte mir eine Deadline von drei Monaten. Nach vielen Treffen und schmerzhaftem Warten bot mir die Bank eine Woche vor dem Verstreichen dieser Frist folgenden Vergleich an: Ich sollte 60.000 Euro zahlen, zinsfrei in 120 Monatsraten à 500 Euro. Also zehn Jahre lang jeden Monat 500 Euro. Das konnte ich als Programmierer verdienen. Der Deal wurde gemacht – und am Ende war es sogar für die Bank ein annehmbares Geschäft: 60.000 Euro sind besser als gar nichts.
Und so startete ich mit 26 Jahren in mein zweites Leben. In wenigen Monaten war ich vom arroganten Multimillionär auf Pump zum bodenständigen Softwareentwickler mit Ford Ka geworden. Finanziell war das ein großer Verlust, charakterlich aber der vielleicht größte Gewinn meines Lebens. Wer so hart aufschlägt wie ich, der ist für alle Zeiten geerdet. Dennoch: Wenn jemand aus dieser Geschichte etwas lernen will, dann das: Kopiere nicht meinen Lebenslauf.
Nun hieß es also: Neustart! Frank 2.0 musste zwar monatlich 500 Euro bezahlen, aber das traute ich mir zu. Das war nämlich nicht der unbezwingbare Berg von einer Million Euro Schulden, sondern eine langwierige, harte Forderung, aber machbar. Und Arbeit hatte ich ja nie gescheut. Was tat ich also mit diesem Ticket für mein neues Leben? Statt mir eine Festanstellung zu suchen oder einen Job mit sicherer Perspektive und soliden Aufstiegsmöglichkeiten, entwickelte ich einfach ein neues Produkt. Eigentlich nicht gut nach all den Erfahrungen, die ich gemacht hatte. Aber ich kann einfach nicht anders, in mir brennt dieses Feuer. Was mir damals vielleicht fehlte, war das Gespür, Risiken abzuschätzen. Ab und zu, aber viel seltener, fehlt mir das auch heute noch. Manche sehen Hindernisse und Wände, ich sehe neue Möglichkeiten. Und deshalb laufe ich immer wieder los. Manchmal kriege ich einen vor den Bug, manchmal erreiche ich aber auch Ziele, die viele für unerreichbar gehalten haben.
Was ich durchlebt habe, findet selten ein Happy End. In komprimierter Form habe ich erfahren, welchen Schaden es anrichten kann, zu viel Geld in zu kurzer Zeit und zu jungem Alter in die Hände zu bekommen. Wie es ist, im Rausch große Teams aufzubauen, bejubelt zu werden und sich selbst zu überschätzen – und schließlich nach freiem Fall aus dieser Höhe auf nacktem Beton aufzuschlagen. Was ich an Niederlagen erlebt habe, gönne ich meinem ärgsten Feind nicht.
Die Lehre daraus: Es gibt keinen einfachen Weg zum schnellen Erfolg – aber sicher effektivere als meinen. Und wenn ich aus dieser Geschichte etwas gelernt habe, dann das: Frank 2.0 kam von ganz tief unten und wusste bei jedem Meter, den er aufstieg, wie unfassbar schnell es jeden Tag wieder nach unten gehen kann.
Es ging mir nun zwar noch nicht wirklich gut, aber ich hatte wieder eine Perspektive und die Hoffnung, doch noch ein normales Leben führen zu dürfen.
Übrigens, die monatlichen 500 Euro habe ich tatsächlich zehn Jahre lang abbezahlt, auch wenn ich die Summe später leicht auf einen Schlag hätte tilgen können. Doch ich wollte, dass mich die monatliche Überweisung an diese schwere Zeit in meinem Leben erinnert und mahnt, die Fehler aus der Vergangenheit nicht zu wiederholen.

IP.Labs
Eine Idee entsteht
Bonn, Ende 2002
Ich hatte mir zwar eine blutige Nase geholt – doch es hätte mir, wie leider einigen Weggefährten von früher, wirtschaftlich und gesundheitlich schlimmer gehen können. In den wilden Monaten und Jahren des Neuen Markts war ich, wenn auch vielleicht nicht vollständig, so doch immerhin weitestgehend erwachsen geworden und darüber hinaus dem Fegefeuer der Privatinsolvenz entkommen. Ich hatte viel Lehrgeld gezahlt, aber ich hatte auch eine Menge Lebenserfahrung gewonnen und ordentlich was gelernt – vor allem charakterlich, aber durchaus auch fachlich: Wir hatten mit der twisd AG auch zwei erfolgreiche Community-Sites aufgebaut und uns in diesem Bereich eine gewisse Kompetenz erarbeitet.
Die eine davon war hallo.de, eine Flirtplattform mit Profilen, Chats und Bildern der User, weit vor der Facebook-Zeit und damals allen anderen Plattformen technisch überlegen. Glücklicherweise zahlten einige Werbeunternehmen zu dieser Zeit noch Tausender-Kontakt-Preise (TKP), das heißt, dass es für 1.000 Seitenaufrufe eine garantierte Summe an Werbeerlösen gab. Heutzutage wird Werbung meist nur noch gegen erfolgreiche Verkäufe vergütet. Und wenn es noch TKP-Preise gibt, sind diese um ein Vielfaches niedriger. Hallo.de hatte damals aber täglich Zehntausende Seitenabrufe und folglich durch diese TKP-Anzeigen stabile Einnahmen. Wir verkauften das Portal schließlich an einen erfolgreichen Player im deutschen TV-Markt.
Dann gab es noch bilder.de. Unter dieser Domain wollten wir ursprünglich eine professionelle Foto-Community aufbauen, auf der man Bildrechte handeln kann, also einen Marktplatz für Fotografen und Käufer von Bildern. Heute gibt es Portale für Stockfotos ohne Ende, sowohl gratis als auch gegen Vergütung. Von Instagram, Pinterest oder Facebook träumte damals noch kein Mensch. Wahrscheinlich war die Zeit einfach noch nicht reif dafür. Deswegen hob dieses Geschäftsmodell leider auch nicht so richtig ab. Und so suchten wir nach Alternativen, mit bilder.de Geld zu verdienen: Der Oldenburger Filmbelichter CeWe Color bot ein Plugin für Websites an, mit dem man einzelne digitale Bilder als Fotoabzug bestellen konnte. Es war also genau der entgegengesetzte Weg zu dem, den wir eigentlich gehen wollten: statt von der analogen zur digitalen also wieder von der digitalen zurück in die analoge Welt. Der Markt für digitale Fotografie steckte ja noch in den Kinderschuhen. Es gab noch keine Smartphone-Kameras, aber unter jedem zweiten Christbaum lagen bereits Digitalkameras, die mit dem Computer verbunden werden konnten. Die Möglichkeit, seine Bilder im Netz hochzuladen, war also gegeben, und die Menschen fingen langsam an, sie zu nutzen. Doch was dann? Hier erkannte CeWe die Chance – und Notwendigkeit, sein Geschäftsmodell in die digitale Welt zu transferieren. Das Plugin erlaubte es, digital geschossene Bilder wieder physisch als Abzug in den Händen zu halten – komfortabel bestellt im Internet. Der Ansatz von CeWe und die Reichweite von bilder.de passten perfekt zusammen. Wir integrierten den Service einfach in unsere Website. Und wenn einer der Besucher Abzüge bestellte, erhielten wir für jeden Auftrag 30 Prozent Provision. Das Geschäft lief recht gut an, sodass wir merkten: Da gibt es offensichtlich wachsenden Bedarf. Bloß: Die von CeWe bereitgestellte Software genügte meinen technischen und ästhetischen Ansprüchen nicht: Es war ein grausam designtes, langsames und fehleranfälliges Java-Plugin – und Java als Programmiersprache ist ohnehin wirklich »böse«.
Es geht wieder los: die Gründung von ip.labs
Bonn, 2003
Ich spürte, hier entsteht gerade eine neue und schnell wachsende Industrie. Sollte es also doch für etwas gut gewesen sein, dass ich mit der twisd AG auf so vielen Hochzeiten getanzt hatte? Klar war mir jedenfalls: Analoge Filmrollen würden bald nicht mehr relevant sein, und es würde ein Softwareanbieter für digitale Bilder benötigt – also eine Plattform, mit der man seine Fotos online verwalten und mit der Familie, den Freunden und Kollegen teilen sowie sich als Abzug oder Poster bestellen kann. Heute ist das Standard, im Jahr 2004 war es sprichwörtlich Raketen-Wissenschaft.
Ich sage das mit dem Außergewöhnlichen, das zum Standard geworden ist, öfter, ich weiß. Aber da wir über die Vergangenheit sprechen, muss man es immer wieder mal erwähnen. Damals war es neu. Das heißt, die Grundidee war bereits da – aber ich wollte eine Plattform entwickeln, die hochwertige Technologie mit herausragendem Design vereint, und das gab es noch nicht. ip.labs war geboren.
Da war es also, mein nächstes Abenteuer! Dieses Mal musste ich die Firma ohne fremdes Kapital starten, denn als jung-erfolgreich-dynamischer Startup-Unternehmer war ich damals verbrannt: Wer investiert schon in den Verlierer Thelen? Das ist ein in Deutschland tief sitzendes Gefühl: Einmal gescheitert, immer gescheitert. Hinfallen, aufstehen, Krone richten, weitermachen – das muss man hierzulande mehrfach hinbekommen, bis einem die Leute glauben, dass man es wieder schaffen kann, wenn man auf die Nase gefallen ist.
Aber im Nachhinein betrachtet hat es mir geholfen, dass keiner bereit war, meine neue Idee zu unterstützen. Der Venture-Capital-Weg, Anteile gegen Startkapital abzugeben, war mir verschlossen. Und da man als Unternehmer immer wieder neue Wege suchen muss, versuchte ich es mit folgendem Plan: Es gab damals eine neue Software, mit der man Webseiten auf eine Art erstellen konnte, dass sie sich so anfühlten, als würden sie funktionieren. Tatsächlich war keine echte Funktionalität dahinter. Aber wenn man auf einen Button klickte, rief der einfach wie im echten Internet die nächste Seite auf, und es fühlte sich wie ein echtes Produkt an. Click-Dummys nennen wir das heute. Auf diese Weise konnte ich ohne zu hohe Kosten etwas Vorzeigbares basteln.
Jetzt musste ich »nur« noch herausragende Entwickler für ip.labs gewinnen, denn meine Produktidee war gut, aber nicht einfach umzusetzen. Aus Chips at Work-Zeiten kannte ich Georg Sommershof. Wann immer ich mit Delphi nicht weiterkam oder komplexe Entscheidungen über die Architektur treffen musste, war Georg ein zuverlässiger Ratgeber. Er hatte deutlich mehr Erfahrung, ein tiefgreifendes Verständnis von Compilern und war ein Mathematik-Genie. Dann erinnerte ich mich an Alex Koch, der zufälligerweise an einem ähnlichen Produkt arbeitete – auch in Bonn. Sein Wissen in den Bereichen Java, Server und Infrastruktur hatte mich tief beeindruckt.
Ich überzeugte Alex Koch und Georg Sommershof von dem Potenzial des Produktes – und da ich ihnen kein Gehalt zahlen konnte, beteiligte ich beide an meinem Unternehmen. Einem befreundeten Designer versprach ich großartige Aufträge in der Zukunft, wenn er mir beim Start für sehr kleines Geld helfen würde. Wir mieteten ein Büro in einem der weniger guten Viertel von Godesberg. Der Vorteil: Wir mussten in den ersten drei Monaten keine Miete zahlen, wenn wir einen Fünf-Jahres-Vertrag unterzeichneten. Der Nachteil: Dort wurde nahezu wöchentlich eingebrochen – zum Glück nicht bei uns, da wir im oberen Stockwerk saßen. Doch der Firma im Erdgeschoss wurde eines Tages der Server bei einem Einbruch gestohlen. Der Server selbst war damals gar nicht der größte Schaden, die Hardware kostete nicht viel. Auf dem System aber waren die gesamten Daten der Firma abgelegt – und da es damals noch keine Cloud für das Backup gab, ging die Firma nach diesem Einbruch pleite. Auch heute kann ich nicht verstehen, dass sich sowohl Unternehmen als auch Privatpersonen nicht genug um die Sicherung ihrer Daten kümmern. Wie oft sieht man immer noch Suchaufrufe nach Smartphones, auf denen doch so viele wertvolle Erinnerungen gespeichert sind…
Wir arbeiteten zwei Monate Tag und Nacht – und eines Morgens war der Click-Dummy fertig. Und da war es wieder, das tolle Startup-Gefühl, das ich auch heute noch so liebe, trotz der harten Vergangenheit. Das Ding sah super aus und war damals die perfekte Fotoplattform, mit nur einem Nachteil: Sie war eben nur ein Dummy und funktionierte nicht wirklich. Ich wusste, dass sie das einmal tun würde – aber um damit wirklich an den Start zu gehen, würde man ein größeres Team und viel Kapital für die Entwicklung benötigen. Immerhin hatte ich exakt im Kopf, was ich zu tun hatte, um die Plattform tatsächlich zum Laufen zu bringen. Ich präsentierte den Click-Dummy einem großen Kunden und behauptete:
»Wie ihr seht, fast fertig!«
»Wow! Darf ich das mal testen?«, fragte der Kunde.
»Nein, das ist leider noch streng geheim!«, antwortete ich. »Aber das ist ein wirklich revolutionäres Produkt! Wenn ihr die Ersten sein wollt, die das anbieten, müsst ihr 30 Prozent Anzahlung leisten. Die Nachfrage ist riesig – und daher bedienen wir nur Kunden, die die Anzahlung schnell leisten.«
Natürlich war die Software nicht fertig. Natürlich gab es keine anderen Interessenten. Aber ich brauchte – verdammt noch mal – die Anzahlung, damit ich mir ein kleines Team leisten konnte. Ich hatte verflixt viel Glück, denn der große Kunde biss an. Zu Recht, glaube ich, denn unsere Plattform war innovativ und gut geplant, und der Markt dafür stand kurz davor zu explodieren. Der Kunde leistete die Anzahlung – und ich weiß, dass er die Entscheidung am Ende nicht bereut hat. Wir nannten die Plattform IPS: Internet Photo System.
Sehr schnell stellte ich weitere Entwickler und noch einen Designer ein, um mit der »echten« Arbeit zu beginnen. Bisher war ja alles nur eine Pappfassade: ein Pilotprojekt, quasi ein Auto ohne Motor, das von außen super aussah, aber eben noch nicht fahren konnte. Die von mir versprochenen Liefertermine waren leider viel zu optimistisch. Der Kunde wurde unruhig – er hatte das Ding doch schon in fast fertigem Zustand gesehen! Irgendwann schlug »unruhig« um in »ungehalten«. Der Ton wurde rauer. Glücklicherweise gab es keinen zweiten Softwareanbieter für Online-Fotoservices. Wir waren die Einzigen, die einen Prototyp hatten. Offenbar waren wir zu dem Zeitpunkt sogar die Einzigen, die überhaupt eine Vision hatten, was da möglich war – und hofften, bald liefern zu können…
Nachdem die ersten Teile der Plattform wirklich funktionierten, ging es dann schneller: Ich verkaufte weitere Lizenzen, natürlich gegen weitere Anzahlungen. So konnten wir Schritt für Schritt ein echtes Unternehmen aufbauen, ohne Geld von externen Investoren zu erhalten. Es war allerdings jeden Monat die Quadratur des Kreises: Wir erhielten Geld als Vorauszahlungen, mussten aber laufende Gehälter und Miete zahlen und brauchten dann im nächsten Monat wieder neue Anzahlungen. Mein eigenes kleines Schneeballsystem als Ersatz für das unerreichbare Venture Capital. Nicht zur Nachahmung empfohlen, aber damals aus der Not heraus geboren. Und es gab eine legitime Motivation dafür: Ich fühlte, dass es diesmal wirklich funktionieren könnte.

Mit Marc auf der Photokina 2006
Da unser ganzes Konstrukt allerdings mit sehr heißer Nadel gestrickt war, brauchten wir einen BWLer, der unsere Finanzen und Operations unter Kontrolle bekam. Und zwar brauchten wir nicht irgendeinen BWLer, sondern einen verdammt guten, der bereit war, Tag und Nacht zu arbeiten und im Monat mit 1.000 Euro klarzukommen. Aber wenn sich jemand auf diesen Deal einließe – wäre er dann ein verdammt guter BWLer? Ich hätte erneut eine Beteiligung anbieten können, aber zu diesem Zeitpunkt bot eine Beteiligung nicht mehr als eine ungewisse Aussicht auf einen Gewinn. Mir fiel ohnehin nur einer ein, dem ich die Aufgabe inhaltlich zutraute: Marc Sieberger. Marc war wie ich auch Skateboarder, und wir hatten nach der Skateboard-Zeit zusammen in einer WG gewohnt. Er wurde Investmentbanker und ging dann auf die Elite-Uni WHU, die »Wissenschaftliche Hochschule für Unternehmensführung, Otto Beisheim School of Management«. Marc war meine einzige Chance. Menschen, die mich nicht kannten, würden dankend ablehnen. Und sicher auch viele Menschen, die mich kannten. Marc und ich aber kannten uns wirklich gut, und ich sah eine kleine Chance, ihn zu überzeugen. Sein Studium lief noch zwei Monate – und ich wusste, dass er noch nirgendwo anders unterschrieben hatte. Ich lud Marc zum Italiener ein – und bei Pizza Salami und Cola pitchte ich ihm ip.labs:
»Wir sind die Einzigen, die das machen können, Marc. Da ist ein riesiger Markt! Ich weiß, du hast Angebote von den großen Unternehmensberatungen und Investmentbanken. Aber da bist du einer unter vielen. Das kann doch jeder!«
Es war die wahrscheinlich am besten investierte Pizza Salami aller Zeiten: Nach zwei Monaten stimmte Marc zu. Ich hatte tatsächlich gegen die Großen gewonnen, er wollte mit mir ip.labs aufbauen. Yes! Marc, Alex, Georg und ich zahlten uns in der Regel monatlich 1.000 Euro aus, um wenigstens unser Essen und die Miete unserer Studentenbuden zahlen zu können. Und nach etwas über einem Jahr – der erste Kunde war übrigens immer noch an Bord – hatten wir tatsächlich das Unmögliche möglich gemacht: die weltweit erste Softwareplattform zur Verwaltung und Produktbestellung für Digitalfotos konnte live gehen.
Fotobuch & Co.
Wir überzeugten immer mehr große Drogerieketten, Supermärkte und andere Händler, dass deren Endkunden ihre Bilder über unsere Plattform verwalten und Fotos bestellen sollten. In Deutschland, Österreich, der Schweiz und Holland waren wir schon bald der dominante Player in einem rasant wachsenden Markt. Im Laufe der Zeit boten wir weitere Produkte wie Grußkarten, Kalender, bedruckte Mousepads und Kaffeetassen an – das volle Programm.
Einen weiteren Wachstumsschub gab ein neues Produkt: das Fotobuch. Hiermit konnte man nicht nur Abzüge von einzelnen Fotos bestellen, sondern ein komplettes Buch gestalten. Hierfür musste unsere Software zum ersten Mal Hunderte Bilder mit Rahmen und Textlayouts verarbeiten. Einzelne Fotos auszuwählen und auf einem Poster oder einer Tasse als korrekte Vorschau anzuzeigen war schon eine Herausforderung. Aber einen kompletten Buch-Editor für so viele Fotos zu entwickeln, der auch noch schnell und einfach funktioniert, war eine Herkulesaufgabe. Unser Editor schlug automatisch für eine Auswahl vieler Bilder ein passendes und schönes Layout vor, setzte die Fotos in das korrekte Seitenverhältnis und erkannte Probleme wie zu niedrige Auflösungen. Glücklicherweise konnten wir uns mittlerweile über 50 Entwickler in Vollzeit leisten. Unser technologischer Vorsprung vor eventuellen Mitbewerbern wuchs von Monat zu Monat, und unsere Kunden wie CeWe Color oder Fujifilm investierten Millionen in ihre Produktionsanlagen, um nicht nur Poster, sondern komplette Bücher produzieren zu können. Hierzu musste beidseitig gedruckt werden können, und es wurden Maschinen zur Buchbindung benötigt. Wir hatten diesen neuen Markt mitbegründet und bauten unseren Vorsprung monatlich aus.
PMA – Vegas, Baby!
Bonn und Las Vegas, 2006
Wir arbeiteten rund um die Uhr. Stündlich poppte ein neues, aktuelles Problem hoch, das dringend behoben werden musste. Das Tagesgeschäft fraß uns auf, sodass wir kaum Zeit hatten, uns strukturiert mit der Konkurrenz oder der Marktsituation zu befassen. Wir wussten überhaupt nicht, wie gut wir waren. Eines Abends aber – es war wirklich schon sehr spät – fand ich Informationen über einen Verband für Photomarketing (die PMA, die Photo Marketing Association) und dessen jährlich stattfindende Messe in Las Vegas. Dort mussten wir hin! Und zwar nicht als Besucher, sondern mit eigenem Messestand! Und von dort würden wir die Welt erobern… Ich griff sofort zum Telefon – und wegen der Zeitverschiebung bekam ich sogar noch jemanden ans Ohr, dem ich ganz beseelt von unserer Software und unserer Marktführerschaft in Europa berichtete. Irgendwie stieß ich aber kommunikativ auf eine Wand aus Eis. Mein Telefonpartner konnte überhaupt nichts mit mir anfangen. Die einzige Rückfrage, die ich bekam, war, ob wir irgendwelche amerikanischen Kunden hätten.
»No, but we work for T-Mobile!«
T-Mobile hatte er wohl schon mal gehört: »Okay«, antwortete er schlecht gelaunt, »I will check if we can send you an offer for a booth.«
Also, er würde mal nachhorchen, ob er uns ein Angebot für einen Messestand schicken könne. Mehr nicht. Das ist übrigens eine Erfahrung, die ich danach noch oft machen musste: Für die meisten US-Amerikaner ist Europa kaum existent. Zuerst kommt in der Wahrnehmung der Binnenmarkt, dann kommen Kanada und Mexiko. Danach Südamerika, die Karibik und Asien. Und erst ziemlich zum Schluss das kleine Europa. Es ist wirklich schwer, europäische Erfolge in die USA zu bringen. Aber: Wir hatten Glück und durften 8.000 US-Dollar ausgeben, um einen winzig kleinen Stand auf der großen Messe aufzubauen. Marc und ich flogen nach Las Vegas, natürlich Economy. Im Gepäck hatten wir zwei Notebooks, einen Monitor, zwei Werbebanner und ein Poster, das unser IPS-Produkt erklärte. Fertig.
Um sechs Uhr morgens durften wir in die Halle und unseren Stand aufbauen. Ab neun Uhr wurde die Messe eröffnet. Jetlag, kaum geschlafen, wir waren etwas durch, aber gut gelaunt. Ich glaube sogar, wir waren die aktivsten Verkäufer auf der gesamten Messe. Hewlett-Packard und Fujifilm hatten gigantische Stände – und wir nur unsere kleine Theke an der Ecke neben den Toiletten. Das war mit Sicherheit der billigste Stand – aber er bot einen riesigen Vorteil: Hier mussten alle mal vorbei! Wir sprachen jeden an. Wir sprudelten vor Energie und wussten, dass wir nur drei Tage Zeit hatten, um potenzielle Kunden zu treffen und sie von unserer Plattform, dem IPS, zu überzeugen. Der Laden brummte: Wir schafften es tatsächlich, mit zwölf heißen Leads nach Hause zu kommen und in der Folge fünf davon zu unseren Kunden zu machen. Ja, es war ein Glücksspiel, nach Las Vegas zu fahren – aber wir hatten unseren ganz persönlichen Jackpot geknackt.
In den nächsten vier Jahren besuchten wir jedes Jahr die Messe in den USA, und unser Stand wurde von Jahr zu Jahr größer. Im zweiten Jahr waren wir sogar mit zwei Muttersprachlern und zwei Projektmanagern zu sechst auf der Messe. Das Team hatte sich natürlich gefreut: Las Vegas! Die Casinos! Partys ohne Ende! Und in der Tat ließen es unsere großen Partner wie Hewlett-Packard und Microsoft immer ordentlich krachen. Aber wir waren ja nicht zum Spaß da, und ich musste leider den Spielverderber geben. Die Konkurrenz konnte sich ruhig gehen lassen, für mein Team beendete ich jede Party um Punkt 23 Uhr. Schließlich würden wir am nächsten Morgen um 8:30 Uhr wieder in der Messehalle stehen müssen – im besten Fall fit, ausgeschlafen und ohne Alkoholfahne. Also ab ins Hotel. Nur ein einziges Mal konnte »Daddy« nicht aufpassen. Ich musste einen Tag früher heimfliegen, weil ich in Europa einen wichtigen Kunden treffen musste. Das Team nutzte die Chance und feierte im berühmten Tao Nightclub bis in die frühen Morgenstunden. Am nächsten Morgen verpassten alle ihren Rückflug. Ich habe bis heute nie nach Details gefragt und bin auch nicht sicher, ob ich sie überhaupt wissen möchte… Wie heißt es so schön: »What happens in Vegas stays in Vegas.«
Der Markt wird heiß
Irgendwann konnten wir uns beim besten Willen nicht mehr als die sympathischen Underdogs bezeichnen. Wir waren ein bedeutender Player im Online-Foto-Business geworden, hatten Kunden in über 50 Ländern und fünf eigene Rechenzentren. Ehrlich gesagt waren wir sogar der Weltmarktführer in dieser kleinen Nische. Über 100 Millionen Menschen hatten unsere Desktop-Software installiert oder unseren Service über die Websites großer Handelsketten verwendet.
Eines Tages rief T-Venture an, eine damalige Tochterfirma der Deutschen Telekom, die sich mit Wagniskapital an Technologie-Startups beteiligte. Die ließ sich unser Business erklären und sandte wenige Tage später ein Term sheet. Andere große Unternehmen der Fotoindustrie klopften ebenfalls an und äußerten parallel Interesse an einer Gesamtübernahme (Exit). Plötzlich kam das Kapital zu uns, statt dass wir Klinken putzen mussten.
Sollte ich doch noch ein erfolgreicher Unternehmer werden? Ich kannte jetzt beide Seiten: die des Scheiterns, aber auch die des Erfolgs. Bei beiden spielen auch externe Faktoren eine Rolle – die generelle Stimmung im Markt oder auch einfach nur Glück. Für diese Erfahrung hatte ich bereits einmal teuer bezahlt. Jetzt hatte ich aber mit Marc und seiner Erfahrung im Investmentbanking einen starken Partner an meiner Seite. Wir diskutierten die Vor- und Nachteile der drei möglichen Wege:
Entweder wir verkaufen,
oder wir nehmen Venture Capital auf, um noch schneller zu wachsen,
oder wir wachsen langsamer aus eigenen Mitteln.
Ein Verkauf erschien mir attraktiv: Ich wäre dann zwar »nur« noch Geschäftsführer und nicht mehr Eigentümer meines Babys. Im Zweifelsfall würden jetzt andere die wirklich wichtigen Entscheidungen zu Produkt und Team treffen, darüber war ich mir im Klaren. Aber auf der anderen Seite hatte ich schon so viel Dreck gefressen, so viel gelitten und durchgemacht, dass die Aussicht überaus reizvoll erschien, mit 32 Jahren finanziell unabhängig zu werden. Auch für Marc, Georg und Alex war der Exit der attraktivere Weg.
Wir verhandelten mit Fujifilm und CeWe Color parallel. Es stellte sich aber schnell heraus, dass CeWe Color eher günstig einen Dienstleister kaufen wollte und nicht ernsthaft an unserem Produkt und unserer Firma interessiert war. Das Ergebnis war ein unattraktiver Kaufpreis und düstere Aussichten für die Zeit des Earnouts. Fujifilm hingegen war ein globales Unternehmen und plante die weltweite Vermarktung unserer Plattform. Außerdem sollten Marc, Alex, Georg und ich nach dem Verkauf die Digitalisierung der Fujifilm-Gruppe voranbringen. Dieses Paket gefiel uns deutlich besser.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.