Kitabı oku: «Wie Splitter aus fernen Träumen»

Yazı tipi:

Frank Westermann

Wie Splitter aus fernen Träumen

Band 5 der Serie »Andere Welten«

FUEGO

Rückblick:

Zusammenfassung von Kontrolle, Inseln der Macht, Sternentage und Muster für morgen.

Speedy wächst in einer Welt auf, die der unseren weitgehend ähnelt, d.h. sie ist geprägt von einem Gesellschaftssystem, das auf Machtausübung, Unterdrückung, Ausbeutung, Hierarchie und Konkurrenz beruht. Nach einem Weltkrieg sind weite Teile der Erde in Wüste und unbewohnbares Gebiet verwandelt. Übrig geblieben sind hauptsächlich die beiden Machtblöcke Neu-Ing (Speedys Heimat) und die Südlichen Inseln. Speedy hat große Schwierigkeiten, sich in dieser perfekt organisierten Welt, in der es kaum Anzeichen von Widerstand zu geben scheint, zurechtzufinden.

Doch dann überschlagen sich die Ereignisse: ein mysteriöser Beobachter taucht auf und warnt Speedy und seine Freunde vor einem drohenden neuen Krieg. Gleichzeitig schlägt der Versuch der militanten Gangs fehl, einen Großangriff auf die Regierung zu unternehmen. Noch einmal greift der Beobachter ein und bringt alle Betroffenen vor dem anrückenden Militär mittels eines sog. Ebenenwechslers in eine andere Realitätsebene in Sicherheit.

Mit dieser anderen Erde lernt Speedy eine Welt kennen, in der es kein einheitliches Gesellschaftssystem gibt, sondern eine Menge von Stammesverbänden, die teils in Städten teils auf dem Land und teils als Nomaden und Wanderer leben.

Beim Durchstreifen dieser Welt gerät Speedy von der Anarcho-Stadt, über einen Nomadentreck, der Gefangenschaft in der Geld-Stadt und den Machtbereich einer sektenähnlichen Zwangsgemeinschaft schließlich in ein Dorf, in dem eine junge Frau namens Traumschwester lebt, das ihm eine Menge neuer Erkenntnisse vermittelt. Er wohnt hier eine Zeit lang mit Menschen zusammen, die versuchen, herrschaftsfrei unter Benutzung mystischer Elemente im Einklang mit der Natur zu leben. Aber auch dort findet er den Ansatzpunkt zum eigenen Handeln noch nicht.

In Inseln der Macht wird Speedy auf zunächst unerklärliche Weise in seine Heimatrealität zurückversetzt. Er landet dabei allerdings in einem Gefängnis im Machtbereich der Südlichen Inseln. Eine teilweise im Untergrund arbeitende politische Gruppe befreit ihn und drei andere und Speedy versucht, sich in seiner neuen Umgebung einzugewöhnen. Er kommt in einer Wohngemeinschaft unter, spielt in einer Band mit und arbeitet politisch in der Gruppe, die ihn befreit hat.

Der Kampf richtet sich auf den Südlichen Inseln in erster Linie gegen eine Militärdiktatur und die sie stützenden Monopolunternehmen.

Trotz einiger Erfolge im militanten Widerstand gerät das Handeln der Gruppe bald in eine Phase der Stagnation, deren Ursachen einerseits persönliche Differenzen und Machtstrukturen innerhalb der Gruppe und andererseits die Zersplitterung des linken Widerstandes überhaupt und seine fehlende Massenbasis sind.

Unterdessen trifft Speedy eine Freundin aus Neu-Ing wieder, deren Erzählungen seine Kenntnisse in Bezug auf die verschiedenen Realitätsebenen total verwirren. Außerdem erfährt er von ihr, dass sein Freund Lucky hier im Gefängnis einsitzt. Nachdem die politische Widerstandsgruppe auseinandergebrochen ist und die Machthaber auf den Inseln jetzt ganz offen brutale Unterdrückungsmethoden einleiten, gelingt es Speedy noch mit zwei Helfern, Lucky zu befreien.

Ihre Flucht endet im Keller eines Hauses, in dem außerirdische Wesen ein seltsames Spiel betreiben. Die Außerirdischen, die sich Kurzos nennen, erklären sich bereit, Speedy und Lucky, die keinen anderen Ausweg sehen, in ihrem Raumschiff mitzunehmen.

In Sternentage wird die Weltraum-Odyssee von Speedy und Lucky geschildert.

Nachdem sich die beiden von den Kurzos auf spektakuläre Weise getrennt haben, wollen sie versuchen, die Erde wiederzufinden. Auf dem Flug zum Kunstplaneten Mindatar entpuppen sich die Übersetzungsgeräte, die sie von den Kurzos erhalten haben, als Technische Helfer, die sie bei der Reparatur ihres Raumbootes unterstützen. Auf Mindatar begegnen sie dem Tromaden Kortanor, der auf der Flucht vor der Polizei des Öko-Planeten zu ihnen an Bord kommt. Von dort aus fliegen sie nach Hymeran, einem sog. Nicht-Arbeiter-Planeten, auf dem sie hoffen, die Koordinaten der Erde zu bekommen. Sie lernen dort Menschen kennen, die ein Leben ohne Arbeit und Herrschaft führen, deren Gesellschaft aber letzten Endes für sie undurchschaubar bleibt. Der Hinweis der ebenfalls auf Hymeran lebenden Vurx führt sie zum Planeten der roten Sonne, auf dem sich verschiedene Realitäten überschneiden. Mit Hilfe der Zauberin Sonnenfeuer, die auf unerklärliche Weise in Kontakt mit Traumschwester (s. Kontrolle) steht, können sie endlich den Rückflug zur Erde antreten. Sonnenfeuer begleitet sie dabei, obwohl ihre Heimat von Invasoren aus dem All bedroht wird. Auf dem Flug zur Erde geraten sie in die Nebelgrenze, die eine Zeitverschiebung um 8 Jahre bewirkt, und begegnen Sucherin, einer anderen Gestalt des Wesens, das sie früher als Beobachter kennengelernt hatten. Nunmehr zu fünft treffen sie wieder im heimatlichen Sonnensystem ein.

Durch die Entdeckung eines Raumschiffs der Renen – eines außerirdischen Volkes – hat die Technologie von Neu-Ing einen ungeheuren Aufschwung genommen, der der Bevölkerung aber, wie nicht anders zu erwarten, wenig nützt. Es ist eine vorrevolutionäre Situation entstanden, in der die Elite der Regs und Wirtschaftsmanager mit brutalen hochtechnisierten Machtmitteln versucht, eine radikale Opposition, die vor allem um die Abschaffung der Arbeit und Zerstörung jeglicher Herrschaftsformen kämpft, unter Kontrolle zu bekommen.

In Muster für morgen geraten Speedy, Lucky, Sonnenfeuer, Sucherin und Kortanor also mitten in eine brisante politische Situation. Sie können von der Weltraumstation, in der Militärs und Politiker versuchen, sie gefangen zu setzen, zur Erde fliehen. Dabei müssen sie sich allerdings in zwei Gruppen aufspalten. Lucky, Kortanor und Sonnenfeuer landen in einem Gebiet, in dem eine Gemeinschaft von Robotern und mutierten Menschen in Symbiose mit der sie umgebenden Natur lebt. Sie helfen dem Symbiose-Leben im Kampf gegen eine Militärstation. Währenddessen erreichen Speedy, Sucherin und die Technischen Helfer mit dem im Sterben liegenden letzten Überlebenden der Renen den Stützpunkt des ehemaligen Beobachters in Neu-Ing. Doch sie werden entdeckt und müssen das Versteck aufgeben. Während die Technischen Helfer mit Hilfe ihrer Artgenossen das Rene in Sicherheit bringen, finden Speedy und Sucherin Unterschlupf bei einer Gruppe von Revolutionären. Speedy schließt sich ihnen an und lernt dabei eine Gruppe Menschen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten, die sich Sensos nennen, kennen. Eine von ihnen, das Mädchen Lil, macht mit Speedy eine wichtige Entdeckung: ein Teil der Regs plant, künstliche Menschen, sog. Androiden, im Kampf gegen die Revolution einzusetzen und mit Hilfe von Doppelgänger-Androiden den gemäßigten Flügel der Regs auszuschalten. Dieser Plan wird öffentlich aufgedeckt, führt zur Entlarvung der schon vorhandenen Doppelgänger und zum Ausbruch der Revolution.

Während Speedy sich am Kampfgeschehen beteiligt, verlässt Sucherin ihn und bringt Sonnenfeuer, Lucky und Kortanor nach Neu-Ing.

Schließlich fällt die Entscheidung zugunsten der Revolutionäre, nicht zuletzt durch das Eingreifen Sonnenfeuers, der Sensos und zweier Androiden, die ihre Programmierung durchbrechen und sich gegen die Regs stellen.

Mit Speedys Hilfe transferieren Sonnenfeuer und Sucherin aus unserer Realität, die eine auf der Suche nach Traumschwester, die andere auf dem Rückweg in ihre Heimatrealität.

Ein Umsturz auf den Südlichen Inseln bringt eine sog. demokratische Revolutionsregierung an die Macht, die Senso-Gruppe löst sich auf und die Menschen in Neu-Ing beginnen mit dem Versuch eines neuen, herrschaftsfreien, vielfältigen Zusammenlebens.

Realität ist das, was nicht verschwindet, auch wenn man aufhört, daran zu glauben.

Philip K. Dick

Diese Welt, die sich in tausend kleinen, leuchtenden Splittern darbot, einem Wirrwarr kleiner Szenen, Facetten eines anderen Bildes, allesamt vergänglich, diese Welt faltete sich zusammen, als wir sie betraten, verkapselte sich, schwand dahin, schrumpfte und löste sich auf – alles auf einmal, Bäume und Bäche, Gräser und Räume und Menschen. Aber die eine, nach der ich die ganze Zeit Ausschau gehalten hatte, war da: dort war sie.

Doris Lessing: Memoiren einer Überlebenden

Einleitung I

Der hier vorliegende Roman – so nannte man so eine schriftlich fixierte Geschichte früher – wurde in jahrelangen intensiven Bemühungen fertiggestellt. Die meiste Zeit wurde darauf verwandt, nach alten Dokumenten, Aufzeichnungen, Tonspulen und Überlieferungen zu forschen und, nachdem diese Phase beendet war, alles durchzusehen, zu ordnen und für unseren Zweck neu zusammenzustellen.

Es dauerte lange, bis sich ein einigermaßen brauchbares, überschaubares Bild zusammenfügte. Trotz aller Mühen hat das Projekt allen Beteiligten von Anfang bis zum Ende Spaß gemacht. Das Interesse war oft so groß, dass wir nächtelang beisammen saßen, unser Erstaunen über das eine oder andere Artefakt ausdrückten und über seine Bedeutung diskutierten.

Es war schließlich das erste Mal, dass eine Gruppe versuchte, in das Dunkel, das über dem Entstehen unserer Welt liegt, etwas Licht zu bringen. Die folgende Geschichte ist aber keineswegs als authentischer Bericht anzusehen, zu vielschichtig war das aufgefundene Material, zu viele Deutungen waren möglich und ungelöste Fragen blieben offen. Und nicht zuletzt setzte sich unsere Gruppe aus den unterschiedlichsten Lebewesen Splitterwelts zusammen, die alle Teile ihrer Persönlichkeit, ihrer Vorurteile, Interessen und Interpretationen einbrachten, eine wahrlich aufregende Mischung. Und auch der Gruppengeist selbst drückte der Geschichte seinen Stempel auf.

An einigen Stellen steht sie möglicherweise im Widerspruch zu einigen alten Überlieferungen, was nicht bedeutet, dass das eine oder das andere richtig oder falsch wäre. Die Geschichte ist nur ein Versuch, die Kluft, die zwischen der alten und der neuen Welt liegt, zu überwinden.

Es existieren genügend Dokumente aus der alten Welt, und wenn sie auch für uns oft schwer verstehbar sind, können wir uns doch ein relativ genaues Bild von ihr machen – das nehmen wir zumindest an. Wir wissen daher z.B., dass irgendwann nach der Revolution in dem früheren Nationalstaat (Begriffserklärungen s. Index am Ende des Buches) Neu-Ing sich so bahnbrechende Ereignisse abgespielt haben müssen, dass es zur Entstehung einer ganz neuen Welt, unserer heutigen Splitterwelt, gekommen ist. Leider fehlen gerade aus dieser Zeit jegliche Aufzeichnungen.

Ich hoffe, wir haben dem etwas abgeholfen und sind vielleicht den Rätseln um diese Ereignisse hiermit ein wenig auf die Spur gekommen.

Der Chronist

Einleitung II

Wie hätte jemand wie ich dieser Verlockung widerstehen können? Ich konnte und wollte es nicht. Der Reiz, mich an diesem Projekt zu beteiligen, übertraf einfach alles, was mich gerade beschäftigte, und das war nicht gerade wenig.

Aber die Gestaltung, das Schreiben und Herstellen eines wirklichen BUCHES! Und dazu noch mit diesem Thema! Dagegen ließ ich gern alles andere stehen und liegen, nur einige wirklich dringende Sachen führte ich schnell zu Ende.

Ein Buch ist ja nun wirklich ein Anachronismus, zumindest in weiten Teilen Splitterwelts. Bei unseren Nachforschungen, die uns in weit entlegene Gebiete führten, stießen wir nur in den östlichen Regionen von Zweiphasen-Land auf eine Art Buchproduktion und -vertrieb. Ansonsten herrschen, was den reinen Informationsaustausch betrifft, immer noch die guten alten Holo- Projektionen vor und für dramatische Gestaltungen Formen wie Erzählungen, Stegreif-Theater, Memory-Kristalle und nicht zuletzt Senso-Dramen, die ja auch mein bestimmendes Gebiet sind.

Aber da auf der alten Erde die Buchproduktion und das Schreiben einer der wichtigsten Zweige zur Verbreitung von Fiktionen und Real-Informationen darstellten – eine Unterscheidung, die damals anscheinend für sehr wichtig gehalten wurde –, lag bei diesem Stoff nichts näher, als sich ebenfalls der Buch-Form zu bedienen, zumal da Speedys frühere Erlebnisse auch schriftlich fixiert waren.

Und es hat so viel Spaß gemacht! Ich war mir ja gar nicht bewusst, was für Möglichkeiten diese Form beinhaltet.

Und so:

Ein kosmisches Drama wird sich vor dem inneren Auge der Leserinnen und Leser entfalten.

Die Barriere zwischen den Realitäten bricht, und Zeit und Raum verlieren ihre Bedeutung.

Die Handlungen der Akteure entspringen den unterschiedlichsten Motivationen, und wo auf der einen Seite Hoffnung, Liebe und Siegeswille triumphieren, kapitulieren andere vor Schmerz, Tod und Gewalt.

Rätsel über Rätsel häufen sich, aber werden sie zu einer Lösung führen?

Ich lade Euch ein zu einer Reise ins Unbekannte, in die Mysterien einer anderen Welt, die der unseren vorausgegangen ist. Begebt Euch auf unsere Spuren, vollzieht unsere Entdeckungen nach. Phantastisches erwartet Euch!

Die Dramatikerin

Einleitung III

Als der Mensch vor unseren Höhlen erschien, konnten wir uns zunächst eines bitteren Beigeschmacks nicht erwehren. Schon wieder ein Tourist auf der Suche nach Exotik, dachten wir und überlegten, ob wir uns nicht für eine Zeit in die Streifen-Ebene versetzen sollten, um solchen Belästigungen aus dem Weg zu gehen. Sie kamen eben immer wieder, trotz aller »Missgeschicke«, die ihnen hier widerfuhren.

Doch dann vernahmen wir sein Begehren, und unsere Abneigung verwandelte sich in Neugier. Er erzählte uns von dem Buch-Projekt und natürlich waren wir sofort begeistert.

Wir begannen praktisch unmittelbar darauf, indem wir uns in mehrere Einzelne teilten und ausschwärmten. Wir folgten im Laufe der Jahre jeder auch noch so winzigen Spur, die Hinweise auf die Ereignisse versprach, die zur Entstehung Splitterwelts geführt hatten. Wir hörten uns Tonträger und Echo-Abdrücke an, lasen Bücher und wühlten in Computer-Speichern, sprachen mit alten und jungen Lebensformen und erlebten Gedanken-Reisen. Es ist wirklich unmöglich, auch nur annähernd all das aufzuzählen, was uns begegnet ist.

Anlass für das Riesenprojekt war der Fund von vier Büchern, die anhand des Lebensweges eines Menschen namens Speedy vieles von dem wiedergaben, wie es auf Splitterwelt ausgesehen haben muss, als dieser Planet noch Erde genannt wurde.

Leider endete das Schicksal Speedys in den Wirren nach einer Revolution in einem der alten Staaten namens Neu-Ing. Der Autor der Bücher, ein gewisser Frank Westermann, muss wohl selbst darin verstrickt gewesen sein, denn wir fanden keine weiteren Aufzeichnungen von ihm.

Wir haben nun versucht zu recherchieren, was nach dieser Revolution mit Speedy und den anderen Personen geschah, und wie es in der Folge davon zur Entstehung von Splitterwelt kam. Und es stellte sich wirklich heraus, dass gerade die in den Büchern erwähnten Personen ganz entscheidend mit dem Schicksal der alten Erde verbunden waren.

Alle Beteiligten an dem Projekt haben dann zusammen entschieden, dass wir das Buch unter dem Pseudonym Frank Westermann als eine Art abschließenden Band herausgeben wollen.

Zum Abschluss richten wir unseren besonderen Dank an:

Die schwebende Säule mit ihren vielen Legenden aus der Frühzeit.

Die beiden Märchenerzählerinnen aus Carstobaat.

Die Bewohner der Schwimmenden Inseln.

Tiko, der Archivar, für seine unermüdliche Hilfe

und natürlich auch sonst an alle, die uns unterstützt haben und in welcher Form auch immer dazu beitrugen, Licht in das Dunkel unserer Vergangenheit zu bringen.

Die Sammler

This ain’t no party, this ain’t no disco

This ain’t no fooling around

No time for dancing, or lovey dovey

I ain’t got time for that now

Talking Heads - »Life During Wartime«

1.
Die Abgesandten

Irrlicht ließ sich vorsichtig hinter einen Felsblock in Deckung sinken. Seine kleine, grünlich leuchtende Gestalt flackerte nur wenig, als er zum wiederholten Mal die Szene überschaute.

Vor den niedrigen Hügeln breitete sich die Knisterebene aus, deren leise Geräusche die immerwährende Dämmerung erfüllten. Mitten durch die Ebene zog sich die Realitätsgrenze. Weiter links erhob sich nahe dieser Grenze einer der uralten Kontrolltürme, die immer noch beharrlich ihre Funktion ausübten.

Eine Gruppe Wissenschaftler der Slayn Dran hatte dort ihr Lager aufgeschlagen, das von einer Einheit Krosner bewacht wurde. Die Rückenpanzer der Söldner, die in den Diensten der Slayn Dran standen, leuchteten selbst in dieser düsteren Umgebung.

Es trifft sich gut, dass sie so leicht erkennbar sind, dachte Irrlicht. Er wusste nicht viel über die Krosner, ebenso wenig wie über die Slayn Dran. Er wusste aber, was ihre Anwesenheit hier für Folgen nach sich gezogen hatte und daher auch um die Gefahr für andere Realitätsebenen, und das genügte ihm.

Als er zuerst von der Invasion erfahren hatte, konnte er nicht recht daran glauben, es klang eher wie eine Horror-Geschichte. Aber allein die Tatsache, dass das Magische Volk ihretwegen das Risiko von Realitätsdurchgängen auf sich nahm, reichte aus, um ihn – und auch andere – zu überzeugen. Später hatte er einige Male die Ausstrahlung der Slayn Dran sowie ihrer Söldner gespürt, und das hatte endgültig dazu geführt, dass er sich mit all seiner Kraft dafür einsetzte, die letzten Freien des Magischen Volkes zu unterstützen.

Und schließlich ging es nicht allein um das Magische Volk. Spät, aber hoffentlich nicht zu spät, war erkannt worden, was Ursache und Folgen der Slayn Dran Invasion waren: die Slayn Dran suchten nach Mitteln und Wegen, nach Belieben Realitätswechsel vornehmen zu können! Von Natur aus waren sie dazu nicht in der Lage, aber irgendwelche Gerüchte mussten sie zum Planeten der roten Sonne geführt haben. Auf diesem Planeten befanden sich diverse Schnittstellen unterschiedlichster Realitäten, und das wollten die Slayn Dran für ihre Zwecke ausnutzen.

Irrlicht glaubte, dass es den Slayn Dran trotzdem unmöglich sein würde, den Zufallsstrukturen der Realitätsebenen auf die Spur zu kommen, denn so einfach war es nicht, die Schnittstellen zu benutzen. Rein logisch denkende Arbeiterlebewesen waren dazu kaum in der Lage. In der Tat wurden die Übergänge aufgrund ihrer Gefährlichkeit selbst von den Planetenbewohnern höchst selten benutzt. Sollte es den Slayn Dran aber trotz allem gelingen, diese Übergänge unter Kontrolle zu bringen, besaßen sie mit diesem Wissen und seiner Anwendung eine Waffe, die sie vielen anderen Völkern dieser Galaxis überlegen machte.

Und so viel wusste Irrlicht immerhin: die Slayn Dran waren ein Arbeiter-Volk höchsten Grades und würden ihre Überlegenheit skrupellos militärisch, politisch und ökonomisch ausnutzen.

Dies musste zum einen verhindert werden, zum anderen mussten das Magische Volk und der ganze Planet gerettet werden. Denn vor kurzem hatten die Slayn Dran damit begonnen, Manipulationen an den Kontrolltürmen vorzunehmen. Aber da sie die Funktion der Türme nicht verstanden, war eine Katastrophe unvermeidbar. Fiel infolge der unsachgemäßen Experimente an den Türmen auch nur einer von ihnen aus, musste es zu einer Vermischung von Realitätsebenen kommen, und das bedeutete das Ende aller Gemeinschaften, deren Überleben von der Eingrenzung der Realitäten abhing.

Die Türme sorgten für diese Eingrenzung, und ihre Erbauer hatten somit eine bestimmte Form von Leben auf diesem Planeten erst ermöglicht.

Irrlicht hatte Zeit, diese Fakten zu rekapitulieren, weil er noch warten musste, bis die Knisterebene ihre Aktivitäten verringerte. Erst dann war er sicher, in der Vielzahl der Leuchterscheinungen, die an dieser Stelle der Realitätsgrenze auftraten, unbemerkt zu bleiben.

Er beobachtete, wie einige Slayn Dran den Kontrollturm verließen. Die silbrigen Gespinste marschierten in Richtung Lager. Das schwere Gepäck hinderte sie am Schweben, und sie verzichteten auf Anti-Schwerkraft-Geräte, weil der Einsatz bestimmter Technik hier sich als gefährlich erwiesen hatte.

Die Krosner machten ehrfurchtsvoll Platz, als die Slayn Dran-Wissenschaftler ihre Unterkünfte erreichten. In den merkwürdig verschachtelten Häusern wurde es hell, aber in ihrer milchigen Transparenz ließ sich nicht genau erkennen, was im Innern vor sich ging.

Währenddessen versiegte das Flüstern der Knisterebene und hier und da begannen bunte Lichter zu flackern, wieder zu verlöschen und an anderer Stelle neu zu entstehen. Irrlicht machte sich bereit. Allzu lange würde dieser Zustand der Geräusch-Inaktivität nicht anhalten, und bis dahin musste er die Grenze überwunden haben.

Er tat dies nicht zum ersten Mal und seine Nervosität war gering, als er die Hügel hinab schwebte und kurz darauf nahe am Lager der Slayn Dran vorbeikam. Die Krosner würdigten ihn keines Blickes. Die hoch aufgerichteten, vierarmigen Wesen waren alle möglichen Erscheinungen hier im Grenzbereich gewohnt. Und außerdem ahnten weder sie noch ihre Herren irgendetwas von der Existenz solcher Lebewesen, wie Irrlicht sie darstellte, auf diesem Planeten.

Die Slayn Dran waren davon überzeugt, es lediglich mit dem Magischen Volk zu tun zu haben, und das hatten sie – bis auf wenige Ausnahmen – bereits unterworfen, bevor sie überhaupt den Boden des Planeten betreten hatten. Ronolsin hieß die teuflische Waffe, welche die Mentalität eines ganzen Volkes verändert hatte. Aus Nicht-Arbeitern waren Arbeiter geworden mit allen Konsequenzen, etwas Schlimmeres war nicht vorstellbar.

Lange Zeit war der Triumph der Slayn Dran vollkommen gewesen, bis die letzten Freien des Magischen Volkes sich entschlossen hatten, ihre Kontakte zu Gemeinschaften anderer Realitäten zu nutzen und diese um Hilfe zu bitten.

Sie hatten keinen Ausweg mehr gesehen und schließlich das hohe Risiko auf sich genommen. Denn es war ein gefährlicher Weg, und so manche waren in den unberechenbaren Launen der Realitätswirbel verschollen, ohne ihr Ziel jemals zu erreichen. Es gab keinen Schutz gegen dieses Schicksal, und das war das einzige, was Irrlicht Furcht bereitete.

Er fühlte die Auswirkungen der anderen Realitätsebene, als er sich der Grenze näherte, und für einen Moment flackerte sein Körper stark. Doch dann hatte er sich wieder unter Kontrolle und tat den entscheidenden Schritt über die Grenze.

Der Umweg über die Realitätsebene des Magischen Volkes hatte sich gelohnt. Von seiner Realität aus war es schwierig, hierher überzuwechseln, aber der Umweg hatte das Risiko vermindert und außerdem einen Blick auf die Situation im Grenzbereich erlaubt. Trotzdem war Irrlicht erleichtert, als der Wirbel ihn ausspie, und er die nun schon vertraute Umgebung des Molandos wahrnahm.

Das Molandos war eine Art Gemeinschaftswesen und gleichzeitig das einzige Lebewesen dieser Realität, mit dem eine Verständigung möglich war. Es hatte einen seiner Ausläufer zu einer Art Höhle verbreitert, die mit allen möglichen Utensilien ausgefüllt war, um es allen Abgesandten recht zu machen. Die Realitäts-Schnittstelle befand sich genau innerhalb dieser Höhle.

Die Wahl dieses Versammlungsortes war sehr glücklich gewesen, denn er war sowohl von fast allen bekannten Realitäten aus zu erreichen und andererseits war das Molandos dazu in der Lage, sich fast allen Gegebenheiten anzupassen. Das Molandos konnte sich selbst zwar nur sehr schwer verständlich machen, denn es unterschied sich zu sehr von allen bekannten Gemeinschaften, aber es verfolgte alles und konnte sich auf Wünsche und Bedürfnisse der Abgesandten einstellen.

Irrlicht huschte zu seinem gewohnten Platz hinüber. Er flackerte nun wieder rhythmisch und freudig, alle Anzeichen innerer Spannung waren von ihm abgefallen.

Der Platz neben ihm war schon besetzt, vielleicht schon länger, denn genaue Ankunftszeiten konnten nie eingehalten werden. Dort saß Hat-keine-Augen mit übergeschlagenen Beinen auf einem Kissen. Der Materie-Magier war der Abgesandte des Magischen Volkes. Er war einer der ersten gewesen, die damals angesichts der drohenden endgültigen Niederlage noch die Initiative ergriffen hatten. Er nickte Irrlicht freundlich zu, der aus den vorausgegangenen Begegnungen wusste, was diese Geste bedeutete.

Auch die meisten anderen der bereits Anwesenden erkannte er wieder. Es handelte sich fast immer um die gleichen Botschafter, und in der vergangenen Zeitspanne hatte sich eine Art Zusammengehörigkeitsgefühl unter ihnen entwickelt trotz der Vielfalt der Lebens- und Erscheinungsformen. Anfangs war eine Verständigung natürlich schwer gewesen, da alle aus höchst unterschiedlichen sozialen und kulturellen Zusammenhängen stammten, aber der Wille und die Bereitschaft zur Zusammenarbeit hatte sie schließlich verbunden.

Die Prexter, ein hochtechnisiertes Volk, hatten schließlich, nachdem sich dieser Völkerzusammenschluss endgültig gebildet hatte, adäquate Übersetzungsgeräte geschaffen, die nun zumindest eine reibungslose verbale Verständigung erlaubten. Auch heute standen diese Geräte vor den Plätzen der Abgesandten, und der Bote der Prexter war dabei, die letzten Justierungen und Feinabstimmungen vorzunehmen.

Irrlicht sah, dass die Runde fast vollständig war. Er hatte heute den Vorsitz und war jetzt doch ziemlich aufgeregt, da abzusehen war, dass es diesmal zu weitreichenden Entscheidungen kommen würde.

Die Ankunft der restlichen Delegierten konnte sich noch lange hinauszögern, und so beschloss er nach kurzer Wartezeit die Diskussion zu eröffnen. Er erteilte zunächst Hat-keine-Augen das Wort, damit der Materie-Magier über die aktuellen Entwicklungen in der bedrohten Realitätsebene berichten konnte.

Wie er vermutet hatte, steuerte alles auf einen kritischen Punkt zu. Die Wissenschaftler der Slayn Dran machten sich daran, in die Funktionen der Kontrolltürme einzugreifen. Und damit waren endgültig auch alle anderen Realitäten, die von den Schnittstellen aus zu erreichen waren, bedroht. Die Gefahr beschränkte sich nicht mehr, wie vorauszusehen war, allein auf das Magische Volk.

Dies war allen Zuhörern sofort einsichtig, denn es war einer der entscheidenden Gründe gewesen, warum es überhaupt zu dem Völkerzusammenschluss gekommen war. Es blieb nur noch die Frage offen, wie die Entscheidungen der betroffenen Völker, Einzel- und Gemeinschaftswesen ausgefallen waren. Lange Debatten waren nicht mehr nötig, die Wenns und Abers waren in früheren Sitzungen besprochen worden. Allen war einsichtig, dass es sich hier letzten Endes um eine reine Überlebensfrage handelte. Eine Manipulation der Realitätsstrukturen konnte schlimmstenfalls zum Untergang aller Lebewesen dieser Realitäten führen.

Wenn noch rechtzeitig gehandelt werden sollte, war es nötig, sofort zuzuschlagen. Auch diese Entscheidung erfolgte nahezu einstimmig, und die wenigen Zauderer schlossen sich bald an. Nur zwei Abgesandte hielten dies für einen grundsätzlich falschen Beschluss und verließen die Versammlung.

Weitaus umfassender wurde anschließend darüber diskutiert, wie sich dieses Zuschlagen am besten bewerkstelligen ließ. Doch auch darüber wurde schließlich in groben Zügen Einigkeit erzielt und so konnte sich Irrlicht mit einem fast euphorischen Gefühl auf den Heimweg begeben.

Standin’ by the window

Balance at the brink

Kiss another bottle

Sink another drink

Throw away the feeling

Throw away the pill

If the bottle doesn’t get me

the thinking will.

Lights shining bright

what’s it like in the light

It’s easy to believe lights in the night.

Flash and the Pan - »Lights In The Night«

2.
Flucht ohne Ausweg

War es wirklich nur die Angst, die mich trieb, diesen Weg zu gehen? War es wirklich so einfach, alles auf diese Formel zu reduzieren? Und was sagte das schon aus? Angst ... Angst vor dem Leben, Angst vor der Realität, Angst vor Menschen ... sich nichts mehr zutrauen, das Selbstbewusstsein oder das, was man dafür gehalten hat, schwindet, als ob mir die Lebenskraft ausgesaugt wird.

Ich weiß nicht mehr, wer ich bin – aber habe ich das jemals gewusst oder habe ich immer nur ein Abziehbild, eine Schablone von mir gesehen? Ein Bild, bei dem alle dunklen Flecken wegretuschiert waren, eine Folie zum handlichen Gebrauch für jede/n – vor allem für mich selbst.

Die Welt um mich herum war komplizierter geworden, schwieriger zu durchschauen, komplexer zu begreifen, weil ich mich selbst nicht mehr durchschaute, alles in Frage stellte und dazu neigte, bei jedem geringen Anlass in Melancholie oder Depression und Resignation zu versinken.

Plötzlich waren ein paar Eckpfeiler meines Wissens über mich selbst ins Wanken geraten, und in der Folge davon zweifelte ich an meiner gesamten Lebensweise und meinen Lebensinhalten. Sachen, die mir früher Spaß gemacht, mir einen Sinn gegeben hatten, wurden wertlos und hohl. Und obwohl es Neues im Überfluss zu entdecken gab, schaffte ich es nicht, dies in mein Mosaik einzubauen. Musste ich vielleicht erst das ganze Bild von mir radikal zerstören? Und dann? Würde sich dann wirklich eine neue Struktur herstellen oder nur ein schwarzes Loch, eine gähnende Leere Zurückbleiben?

Und das alles musste ausgerechnet zu einem Zeitpunkt passieren, wo alle anderen neuen Mut schöpften, die langen Anstrengungen endlich einen Lichtstreif am Horizont hervorgebracht hatten. Das Leben schien doch wieder einfacher, sinnvoller, die Belohnung für Mühsal und Aufopferung stand bevor. Die Menschen atmeten auf, mussten endlich nicht mehr tagtäglich um ihr Überleben bangen, eine neue Zukunft stand vor der Tür und versprach zumindest bessere Zeiten als früher. Hoffnungen und Wünsche, die längst begraben schienen, tauchten aus ihren Verließen empor, es wurde gelacht und gefeiert, wirkliches Leben war spürbar, pulsierte überall.

Und gerade in dieser Situation sollte es mir an den Kragen gehen? Eigentlich sollte ich darüber lachen, hinweg mit dem Selbstmitleid und dem Weltschmerz! Lebe und lass es dir gutgehen!

Aber es hatte natürlich keinen Zweck, sich so etwas vorzuspielen, auch wenn niemand es begriff. Und wer sollte es auch verstehen, wenn mir nicht einmal selbst die Ursachen und Beweggründe für meine Gefühle und Verhaltensweisen klar waren? Je mehr ich darüber nachgrübelte, desto undurchdringlicher wurde der Dschungel aus Absichten, Motiven, Emotionen und längst verdrängtem Seelenmüll.

Meine Freunde wollten nichts damit zu tun haben, und die Psycho-Beratung, bei der ich zweimal war, war einfach nur lächerlich.

Dieses Gefühl, als ob sich plötzlich die Realität verschoben hatte, als würde ich gar nicht mehr in dieser Welt leben ... Es machte mich absolut hilflos, lähmte alle meine Energien. Ich konnte stundenlang in Gedanken versunken dasitzen, bis mich Leid und Schmerzen überkamen und ich anfing zu heulen. Meist besserte sich dadurch mein Zustand etwas, ich konnte wenigstens etwas rauslassen und danach einigermaßen beisammen meinen Alltag hinter mich bringen.

Kein Land in Sicht ... Hatte ich es deshalb auf mich genommen, dieses waghalsige Experiment einzugehen von dem zudem nur wenige von seiner Notwendigkeit überzeugt waren? War das nicht wieder eine meiner Selbsttäuschungen und nichts anderes als ein Selbstmordkommando, das mir das Problem der Selbsttötung abnahm?

Ich spürte wieder, wie sich mein Magen zusammenkrampfte, und nahm automatisch eine Tablette – garantiert biologisch ohne Nebenwirkungen. Aber die halfen kaum noch, der Schmerz wurde mehr und mehr zu einer gewohnheitsmäßigen Last.

Schon morgen sollte es losgehen, es war immerhin eine langwierige Eingewöhnungsphase notwendig. Ich konnte immer noch zurück, aber wohin? Es gab kein Zurück. Denn zurück bedeutete für mich zurück zu Julie, und dieser Weg war ein für allemal für mich versperrt. Die Beziehung zu Julie bestand längst nicht mehr, nur noch in meinen Wunschträumen, und sie hatte wahrscheinlich niemals so bestanden, wie ich es mir jetzt gern vorstellte. Einbildung ... Manchmal kam es mir so vor, als lebte ich fast vollkommen in einer Welt aus Einbildung, Wunschtraum und Illusion. Ich war mir nicht mehr sicher, was davon in Wirklichkeit existierte.

Und gerade diese Flucht vor der Realität, wie sie es nannten, sollte mich also dazu befähigen, das Experiment durchzuführen, von dem – nach Meinung einiger Experten – so viel abhing, vielleicht sogar das Schicksal ganzer Welten?

Hatte ich nicht schon immer mal den Helden spielen wollen? Wer wollte das nicht? Ein Held wie in meinen Büchern. Aber Helden sterben früh, und ihr Ruhm nützt ihnen nichts mehr. Und auch dieses war mehr die Rolle eines Märtyrers oder noch schlimmer: vielleicht würde nie jemand erfahren, ob ich nun zum Helden oder zum Märtyrer geworden war.

Vielleicht hielt mich nur noch dieser Sarkasmus aufrecht, der mir immer eine gewisse Distanz zu allem verlieh – außer natürlich zu Julie. Da wirkte auch dieses letzte Mittel nicht. Es war mir nicht mehr möglich, das alles zu verdrängen, diese Fähigkeit hatte ich noch nie besessen, aber nun wusste ich auch nicht mehr, wie ich damit umgehen sollte. Realitätsferne und Selbstverlorenheit hatten mich längst eingeholt.

Aber es war nicht nur das, es war vielmehr auch eine tiefsitzende Unfähigkeit, mit den grundlegenden Veränderungen um mich herum fertig zu werden, sie irgendwie zu integrieren. Ich hatte mich schon immer etwas abseits, abgesondert gefühlt und erlebt, was mir zum einen meine eigene Persönlichkeit gab und mich andererseits oft zutiefst erschreckte, da ich fast nie direkte Nähe, Verbundenheit zu anderen Leuten kennenlernte. Ich war mir dessen früher gar nicht so bewusst gewesen, aber die Nähe zu Julie hatte mir gezeigt, was mir fehlte und dass dieser letzte Schritt immer gefehlt hatte.

Ein Schriftsteller, besonders ein SF-Autor wie ich einer geworden war, ist vielleicht sowieso ziemlich einsam in seinen utopischen Welten, und wenn es dann auch noch eine besondere Art von Science Fiction, oder Sci-Fi, wie es später genannt wurde, war ...

Diejenigen, die nur von Wildwest-Abenteuern im Weltraum, technisch-militärischen Superraumschiffen und glotzäugigen Monstern schrieben, hatten immer ihre Fan-Gemeinde – sowohl Leser als auch Autoren. Das gleiche galt für die modischere Fantasy-Welle wo die Welten von Elfen, Hexen, Prinzessinnen, Drachen und ritterlichen Helden bevölkert waren. Wer im Trend lag, brauchte sich um Ruhm nicht zu sorgen. Diese Männergemeinschaften waren immer Abbild ihrer reaktionär-hierarchischen Vorbilder.

Aber was hatte ein politischer SF-Autor in einer postrevolutionären Polit-Szene zu suchen? Da gehörte er nun wirklich nicht hin. Entweder Sci-Fi oder Politik. SF wurde in diesen Kreisen auch gar nicht gelesen, war größtenteils verpönt, wurde nicht zur Kenntnis genommen. Schließlich gab es ja wichtige politische Literatur, also theoretische Abhandlungen, Agitationsschriften, Dokumentarberichte oder Biographien von politischen Persönlichkeiten.

Welches war nun der Kreis von Leuten, mit denen ich in dieser Hinsicht etwas zu tun hatte? Es gab ihn nicht.

Jetzt schon gar nicht mehr, in diesen Zeiten.

Ich hatte mir eingebildet, keine Menschen, Freunde zu brauchen, mit denen ich über meine eigene, ganz persönliche Welt reden konnte. Ich werkelte so vor mich hin, und nur wenn ich an die berühmte Grenze stieß, merkte, dass sich meine Gedanken von denen anderer meilenweit entfernten, wurde ich stutzig.

Meine Unfähigkeit, die offizielle Realität zu akzeptieren, in ihr zu leben, korrespondierte mit der Unfähigkeit anderer, sich mit anderen Realitäten auseinanderzusetzen.

Und nun war die offizielle Realität verändert worden, verändert in einem Sinn, wie es vielen, die ich kannte, vorgeschwebt hatte, und alle fanden wenigstens Teile ihrer Wünsche und Hoffnungen erfüllt. Sie wanderten aus, engagierten sich in Projekten, zogen aufs Land, fingen an zu leben, wie sie wollten. Niemand schrieb ihnen mehr vor, wie sie zu leben hatten.

Plötzlich waren alle meine Freundinnen und Freunde aus meinem Blickfeld verschwunden, und ich kriegte zu spüren, dass meine Wünsche und Träume nicht berücksichtigt worden waren in dieser schönen, neuen Welt. Ich steckte mit einem Bein noch in der alten Gesellschaft und mit dem anderen hing ich in der Luft und wusste nicht, wo ich es hinstellen sollte. Eine denkbar unbequeme Haltung.

Natürlich hatten alle ihre Schwierigkeiten und Probleme, schließlich verändern sich Menschen nicht von heute auf morgen, auch nicht durch eine Revolution. Aber es war seitdem schon eine Menge Zeit vergangen, und außerdem war es wirklich erstaunlich mit anzusehen, wie schnell und präzise viele ihre eigenen Gedanken entwickelten und ihre Wünsche tatkräftig und selbstständig versuchten umzusetzen. Natürlich klebten an allen die zähen Schatten der Vergangenheit, der eigenen Sozialisation und angeeigneten Verhaltensweisen, die allen dazu verholfen hatten, sich früher überhaupt durchzuschlagen. Es wagte ja auch niemand zu behaupten, wir hätten die Arbeit oder gar das Patriarchat abgeschafft. Aber alle glaubten fest, auf dem besten Weg dorthin zu sein trotz aller Rückschläge, die es nicht zu knapp gab.

Die meisten schienen sich jedenfalls mehr oder weniger zurechtzufinden auf diesen neuen, unsicheren Pfaden, während ich zunehmend feststellte, dass diese Wege mich genauso wenig zufriedenstellten wie die alten. Und ich war nicht in der Lage, in dieser Situation einen eigenen Weg einzuschlagen, der mich mit anderen verband.

Was war nur mit mir los? Warum konnte ich nicht mal zufrieden sein? Was fehlte mir bloß immer?

Ich wusste einfach nicht mehr weiter, wusste nur, was ich nicht wollte, weder in der Stadt arbeiten, noch auf dem Land die Natur wiederentdecken, weder festgefahrene Strukturen noch oberflächliche Ungebundenheit, weder Konsumterror noch materielle Bescheidenheit. Und dazwischen fand ich nichts.

Mein Schreiben hatte mich eine Zeitlang über Wasser gehalten, hatte mir die Möglichkeit gegeben, Vergangenes aufzuarbeiten und Zukünftiges zu erahnen. Doch irgendwann war mir auch die Freude daran vergangen, meine Phantasie war erloschen, der Funke verglüht.

Und ausgerechnet in dieser Lage hatte ich eine Beziehung mit Julie angefangen, die ich kurz vor Ausbruch der Revolution in Neu-Ing kennengelernt hatte.

Ich bildete mir ein, endlich einen Menschen gefunden zu haben, der sich voll und ganz auf mich einließ, so wie ich mich auf Julie einließ. Ich durchstieß alle meine Barrieren, wischte alles zur Vorsicht mahnende Geflüster in meinem Hinterkopf beiseite, ließ mich ganz tief fallen – und lief prompt in die Falle. Ich lernte Gefühle kennen, von denen ich nie für möglich gehalten hätte, dass sie in mir schlummerten – der Aufschlag auf den Granitboden der offiziellen Realität war umso härter.

Und ich versank. Mein angeschlagenes Selbst hatte sich vollständig in Julie verloren, sich aufgelöst, der letzte Rest Selbstbewusstsein war erloschen. Ich hatte alle meine Sehnsüchte in sie hineinprojiziert, krallte mich an ihr fest, wollte alles von ihr und von niemand anders, nichts galt mir mehr etwas, alles andere wurde zusehends unwichtiger. Und das mir, wo ich doch feste Zweierbeziehungen immer abgelehnt hatte! Das war eben der Unterschied zwischen Theorie und Praxis.

Ich versuchte anfangs, die Unterschiede wegzuwischen, die Zeichen zu übersehen, die mir eindeutig verrieten, dass Julie nicht in diese Art Liebe verfallen war. Natürlich nützte das Wegsehen und -hören nichts, die Realität holte mich schnell genug ein. Ich sah, was auf mich zukam, aber dieses Wissen nützte mir nichts, es änderte nichts, ich konnte nicht mehr zurück, weil mir nichts mehr etwas bedeutete. Rückkehr hieß Tod. Und so schob ich sie auf, die Rückkehr. Es kam zu verzweifelten Kämpfen und dauernden, angespannten Situationen. Wir versuchten beide mit aller Kraft, die Lage in den Griff zu bekommen, eine Ebene zu finden, die sowohl meine als auch ihre Gefühle berücksichtigte, und alles immer in der Ungewissheit, ob das alles überhaupt noch einen Sinn hatte und wie es am nächsten Tag weitergehen würde.

Irgendwann fiel uns nichts mehr ein, und Julie löste es auf ihre Weise: sie beschloss aufs Land zu ziehen. Eine Entscheidung, die ich gut nachvollziehen konnte, denn ich wusste, dass das Landleben schon immer ein – früher unerfüllbarer – Wunsch für sie gewesen war. Sie wäre verrückt gewesen, hätte sie diese Chance nicht wahrgenommen, jetzt, wo sich Menschen fanden, die ebensolche Bedürfnisse äußerten, und die Möglichkeit bestand, dort auch leben zu können ohne entfremdete Arbeit und den Stress des Geldverdienen-Müssens. Auf den Südlichen Inseln gab es genug freies Land, auf dem es sich zu leben lohnte.

Es war unausgesprochen klar, dass damit unsere Beziehung zu Ende war. Wir wussten ja auch beide nicht mehr, wie es weitergehen sollte.

Und ich Idiot, warum blieb ich hier in dieser Riesenstadt, die so viele zerstörerische Erinnerungen barg? Aber ich konnte meiner Vergangenheit nicht davonlaufen, hatte kein Gespür für Natur, kein heimliches Bedürfnis nach einer Landidylle. Brauchte ich die Kaputtheit von Neu-Ing, die Kneipen, das Tri-Di und anderen Lebensersatz so sehr?

Es entstand eine Zukunft, in der ich mich ebenso wenig zuhause fühlte wie in der Vergangenheit, und in der Gegenwart konnte ich schon gar nicht leben.

Der Schock der Trennung von Julie, dieser Sturz in die absolute Leere hatte mir den Rest gegeben. Tagelang lief ich mit umnebelten Gehirn durch die Straßen, immer den Tränen nahe, mal volltrunken, mal apathisch irgendwo rumsitzend. Ich war leer, ausgebrannt, die Trauer, das Selbstmitleid hatten mich überwältigt, und es gab nichts und niemanden, auf den ich mich stützen konnte. Wie auch, wo ich mich selbst so vollständig verloren hatte?

Und an diesem Punkt wurde mir das Angebot gemacht.

3.
Schlüssel zur Macht

Er war der Kommandant. Diese Bezeichnung drückte alles Notwendige aus. Sie machte ihn zum Herrscher über 370 Einzelwesen, zum absoluten Befehlshaber, zum Richter und Henker, Förderer, Kriegsherrn und Priester – und zum einzigen, der befugt und in der Lage war, die Tresor-Kammer zu öffnen.

Es war kein langes Ritual erforderlich, seine Anwesenheit genügte, sein Wunsch ließ den Energievorhang, der die Kammer von der tristen Umgebung des kahlen Korridors abtrennte, in sich zusammenfallen.

Der Kommandant dirigierte seinen glänzenden, faserigen Körper bis in die Mitte des Raumes und ließ von dort den Anblick auf sich einwirken. Er hatte nicht gezählt, wie oft er diesen Platz in den letzten Spannen seiner Zeitrechnung aufgesucht hatte, aber jedes Mal erfasste ihn wieder eine Woge von Triumph, wenn er in dem mattschimmernden Licht schwebte.

Er bildete sich auch nicht ein, die Funktionen der einzelnen Teilstücke der Apparatur zu durchschauen, und er wusste nicht auf welche Weise sie sich eines Tages, wenn sie vollständig war, zusammensetzen würde. Aber dass sie es tun würde, war ihm so klar wie seine eigene Position an Bord des Flaggschiffes der 14. Invasionsflotte des Slayn Dran Imperiums.

Die Teile waren von unterschiedlichster Konsistenz, Größe, Farbe und Aussehen. Vor ihm drehte sich langsam ein zylindrischer, langgezogener Körper, der ein helles Zirpen von sich gab. Daneben hatte sich ein kleiner, weicher Ball mit stacheligen Auswüchsen platziert, der sich so langsam bewegte, dass es kaum wahrzunehmen war.

Insgesamt handelte es sich um 18 Teilstücke, und der Kommandant erinnerte sich an die Geschichte jedes einzelnen, denn er hatte sie alle selbst aufgespürt. Manche waren leicht zu entdecken und einzufangen gewesen, andere hatten seinen Bemühungen lange Zeit getrotzt, und, wenn er ehrlich war, musste er zugeben, dass er einige Male nahe daran gewesen war, die Suche aufzugeben.

Aber schließlich hatte er es doch immer geschafft, und die Jagd nach den Teilen war zum Sinn seines Lebens geworden. Alle seine Gedanken kreisten um dieses Thema und um die Belohnung, die ihm winkte, wenn die Apparatur jemals vollständig sein würde. Der Preis war die totale Hingabe, ja Aufopferung für diese Sache, wobei der Verlust von Lebewesen und Material nur eine nebensächliche Randerscheinung für ihn darstellte. Er war gern bereit gewesen, diesen Preis zu zahlen. Doch dann, in dem Moment als ihm nur noch ein Teilstück fehlte, ein Teil zum Gewinn unglaublicher Macht, hatte ihn das Jagdglück verlassen.

Sein zentrales Sinnesorgan verdunkelte sich bei diesem Gedanken. Er hatte gehofft, hier am Ort seiner Siege neuen Mut zu finden. Das Gegenteil war eingetreten. Die Tresor-Kammer erinnerte ihn an seine einzige, aber entscheidende Niederlage: es war in den letzten Zeitabläufen nicht gelungen, das Signal des letzten Teilstücks aufzuspüren.

Wie lange hatte er gewartet, vor den Geräten geschwebt und in den unendlichen Weltraum gehorcht. Nichts. Das Signal war nicht eingetroffen, egal welche Frequenzen sie abgehört hatten.

Ewigkeiten schien ihm das jetzt her, Ewigkeiten des Wartens, des Nichtstuns, der Frustration.

Aber ich habe nicht aufgegeben, dachte er, und sein Körpergespinst krampfte sich zusammen. Ich habe einen anderen Weg gefunden. Und dieser Weg wird es mir schließlich auch ermöglichen, andere Realitäten zu erreichen und zu manipulieren. Auf diesem Planeten würden seine Träume auch ohne die Apparatur wahr werden, auch wenn es ein Umweg war, den zu beschreiten wieder so lange Zeit gedauert hatte. Es war schwer für die Spezialisten gewesen, sich auf die neuen Bedingungen einzustellen, doch nun standen sie kurz vor dem Durchbruch.

Planet der roten Sonne, so wurde die Welt von ihren Bewohnern, dem sogenannten Magischen Volk genannt. Ein Planet als Schnittstelle für Realitätsebenen, eine letzte Chance für ihn.

Aber trotz des bevorstehenden Erfolges musste er sich, mehr als er wollte, beeilen, denn seine Vorgesetzten waren misstrauisch geworden. Und das mit Recht, denn er hatte von Anfang an nicht vorgehabt, die Apparatur an die Herrscherclique seines Heimatplaneten, dem Zentrum des Slayn Dran Imperiums, auszuliefern. Und natürlich würde er sie auch nicht über die wahre Bedeutung dieses Planeten in Kenntnis setzen.

Lange Zeit war es ihm gelungen, die Befehlshaber mit der Lüge, dass sie auch auf diesem Planeten ein Teilstück der Apparatur suchten, hinzuhalten. Doch nun hatten sie zu zweifeln begonnen und genauere Aufklärung darüber verlangt, was er die ganze Zeit über auf dieser Welt betrieb. Im letzten Funkspruch hatten sie die Entsendung eines Kontrolleurs angekündigt für den Fall, dass er nicht in Kürze den erfolgreichen Abschluss seiner Arbeiten melden konnte.

Und Kontrolleure waren nicht so leicht zu bestechen oder unschädlich zu machen. Es waren Sicherungen eingebaut, weil die Befehlshaber mit der Eigenmächtigkeit ihrer Untergebenen rechneten. Besonders in so einem Fall, der wesentlich mehr versprach als Belobigungen und einen Aufstieg in der Hierarchie der Slayn Dran.

Sein Erfolg stand in der Tat kurz bevor, aber auf ganz andere Weise, als seine Vorgesetzten sich dies vorgestellt hatten. Denn dann würde er allein den Zugang zu anderen Realitäten beherrschen und ihnen seine Bedingungen diktieren. Niemals hatte er vorgehabt, sich lediglich mit Geld und Orden abspeisen zu lassen. Er hatte seine Möglichkeiten früh erkannt, und nur so war es ihm überhaupt gelungen, die lange Zeit durchzuhalten und nicht wie viele andere vor ihm, die Suche verzweifelt abzubrechen.

Und sein Flottenverband war ihm treu ergeben. Die meisten hatten auch sonst keinerlei Aussicht, zu Ruhm oder Macht zu kommen. Er versprach ihnen beides und noch viel mehr.

Und unzuverlässige Elemente waren bei dem herrschenden Spitzelsystem und dem offenen Abhören nahezu aller Äußerungen seiner Untergebenen schnell aufzuspüren und zu beseitigen.

Er gestand sich allerdings ein, dass es nicht nur seiner Tüchtigkeit zu verdanken war, die ihn an diese Stelle geführt hatte. Kurz vor dem Start seiner Flotte, die allein den Auftrag hatte die Teilstücke der Apparatur zu suchen, war auf dem Zentralplaneten ein besonderer Signalempfänger entwickelt worden. Die Untersuchungsberichte der ergebnislosen früheren Suchexpeditionen hatten zu dieser Erfindung geführt. Das Gerät fing die spezifischen Signale der Teilstücke des Realitätsmanipulators auf, sobald sich eines von ihnen aktivierte. Es zeigte Richtung und Entfernung an und wurde so zum wichtigsten Hilfsmittel bei der Jagd nach der Vervollständigung der Apparatur (der Kommandant bevorzugte diesen neutralen Ausdruck, da er überzeugt davon war, dass eine Einengung auf den Begriff Realitätsmanipulator ihr nicht gerecht wurde).

Alle Teilstücke hatten irgendwann ihr Signal ausgesandt und waren von ihm aufgespürt und eingefangen worden, alle bis auf das letzte. Er konnte sich dieses Phänomen nicht erklären, es passte nicht in seine Theorie von der Aktivität der Apparatur-Teilstücke. Aber er hatte der Realität ins Auge sehen müssen: das letzte Teil blieb unauffindbar.

Es hatte keinen Sinn, die ganze Galaxis danach abzusuchen, wie es seine Vorgänger getan und dabei kein einziges Teil erbeutet hatten. Er konnte nur warten und spekulieren: vielleicht war gerade dieses Teil zerstört oder funktionsuntüchtig geworden. Oder irgendjemand schirmte seine Aktivitätsimpulse erfolgreich ab, oder es hatte gelernt, sich selbst abzuschirmen. Er konnte dieses Rätsel nicht lösen, aber ohne das letzte Teil war die Apparatur nicht einsatzfähig, so viel Aktivität die einzelnen Teile auch selbstständig entwickelten.

Und noch einen Vorteil besaß er gegenüber Vorgesetzten und Untergebenen: nur er wusste, dass die Apparatur aus 19 Teilen bestehen musste, um vollständig zu sein. Es existierten keine Überlieferungen oder Hinweise darauf, aber wenn er die 18 Teile in der Kammer betrachtete, spürte er ganz genau, dass nur noch eines fehlte, und dann würde sich die Apparatur von selbst zusammensetzen. Dieser Spürsinn hatte ihn noch nie getrogen.

Als ihm schließlich klar geworden war, dass er vergeblich auf das Signal des letzten Teilstücks wartete, wäre er fast zusammengebrochen. Sein Leben war sinnlos geworden, was sollte er unverrichteter Dinge heimkehren?

Doch dann hatte der Zufall eingegriffen und es waren Impulse von einem nahe gelegenen Sonnensystem empfangen worden, die denen der Apparaturteile stark ähnelten. Der Planet der roten Sonne entpuppte sich als Kreuzweg mehrerer Realitäten, und der Kommandant ergriff diese Chance.

Es war zwar nur ein Ersatz für die Apparatur, aber es würde für seine Zwecke genügen. Er befahl die Invasion dieser Welt, eine schon oft durchgeführte Routineangelegenheit.

Die Slayn Dran hatten es, wie bei Nicht-Arbeiter-Welten üblich, mit dem Ronolsin versucht und damit – wie üblich – auch Erfolg gehabt. Es war zwar kein 100%iger Erfolg gewesen, denn ein kleiner Teil der Bevölkerung hatte sich als immun gegen das Ronolsin erwiesen, aber das hatte ihn trotz der Einmaligkeit des Vorfalls nicht lange irritiert.

Weit über 90% der Planetarier war den hypno-sensitiven Verlockungen erlegen und stand nach kurzer Zeit in völliger Abhängigkeit von den Slayn Dran. Es war leicht gewesen, ihr ganzes Leben umzustoßen und hier Werte wie Neid, Konkurrenz, Produktivität und Arbeit einzuführen. Von einer Magie des Magischen Volkes war nichts zu spüren gewesen.

Der Kommandant war schnell zur Tagesordnung übergegangen.

Er hatte es sich längst abgewöhnt darüber nachzudenken, wie Lebewesen welcher Art auch immer überhaupt ohne Normen und Verhaltensmaßregeln, wie Lohnarbeit, Leistung, Macht etc. ein vernünftiges gesellschaftliches Zusammenleben organisieren konnten. Er hatte das nie verstanden, diese ganze Nicht-Arbeiter-Ideologie.

Und er wollte es auch gar nicht verstehen, es lag außerhalb seines Begriffsvermögens. Letztlich war es ihm auch gleichgültig, denn es hinderte ihn nicht an der Durchführung seiner Pläne.

Anfangs mussten die Slayn Dran sich einiger Attacken des immunen Teils der Planetarier erwehren. Er hatte dann Eliteeinheiten der Krosner eingesetzt, und nachdem einige der letzten Freien öffentlich hingerichtet worden waren, hörten die Angriffe auf und die meisten Immunen zogen sich in unzugängliche Gegenden des Planeten zurück. Er hatte sie nicht verfolgen lassen, da er von ihrer Harmlosigkeit überzeugt war. Sie besaßen zwar irgendwelche magischen Kräfte, die den restlichen Planetariern nach Einwirkung des Ronolsin verlorengegangen waren, aber es waren einfach viel zu wenige, um auch nur geringen Schaden anrichten zu können.

Wie sich herausstellte, hatte das Ronolsin aber auch seine Nachteile, denn anscheinend war den Planetariern durch seinen Einsatz das Wissen um Funktion und Wirkung der Realitätsschnittpunkte auf ihrer Welt abhanden gekommen. Die gefangenen Immunen konnten auch durch massive Folter nicht zum Reden gebracht werden. Der Kommandant vermutete, dass sie physische wie psychische Schmerzen durch Willenskraft unterdrücken konnten.

So hatten Wissenschaftler, Techniker und Spezialisten der Slayn Dran in mühevoller Kleinarbeit versucht, dem Mechanismus der Realitätsschnittstellen auf die Spur zu kommen. Sie hatten Planetenjahre dazu gebraucht, nur um festzustellen, dass es so etwas wie einen Mechanismus nicht gab. Weitere konkrete Ergebnisse hatten sie nicht erzielt, aber sie hatten schließlich eine Entdeckung gemacht: die merkwürdigen turmartigen Gebilde in der Nähe der Übergangsstellen waren die Schlüssel zur Beherrschung der Realitäten. Wenn ihre Bedienung gelang, waren die zugrunde liegenden Prinzipien nebensächlich.

Er bedauerte nach wie vor, die Apparatur, sein Lebenswerk, nicht vervollständigen zu können, aber letztlich kam es nur darauf an, die Realitätsebenen manipulieren und so beherrschen zu können, das Wie spielte dabei keine Rolle.

Er drehte sich abrupt um und huschte in einer schnellen, fließenden Bewegung aus der Tresor-Kammer. Automatisch wurde sie wieder vom Energievorhang verschlossen. Langsam glitt er in Richtung Leitsektion. Er nahm kaum seine Untergebenen wahr, die um ihn herum ihren Arbeiten nachgingen und ihn unterwürfig grüßten. Es galt, die entscheidenden Maßnahmen einzuleiten.

4.
Der Tote bin ich

Es war gerade sieben Uhr morgens, als Kortanor ins Zimmer platzte und mich aus ausnahmsweise schönen Träumen riss.

Er versuchte es so sanft wie möglich, aber ich war schon hellwach, als er noch in der Tür stand. Mein Schlaf war in letzter Zeit nicht sehr tief und ich wachte wieder bei jedem noch so leisen Geräusch auf.

Ich war natürlich ziemlich verärgert, denn ich hatte kaum drei Stunden geschlafen, weil ich noch bis in den frühen Morgen mit Julie geredet und geschmust hatte, wobei das erstere wesentlich unerfreulicher verlief als das zweite. Aber schließlich kam es nicht mehr sehr oft vor, dass wir zusammen in einem Bett lagen – ehrlich gesagt, dies war ein absoluter Ausnahmefall – und so war ich dementsprechend geladen.

Aber sicher war es kein geringfügiger Grund, der den Tromaden veranlasst hatte, mich aus dem Bett zu holen. Er sah auch recht zerknautscht aus.

Julie lag mit ihrem Kopf an meinem Rücken und hatte einen Arm halb um mich gelegt. Zum Glück hatte sie im Gegensatz zu mir einen wahrlichen Tiefschlaf und merkte nicht, wie ich vorsichtig aufstand.

Ich zog mir erst mal nichts an, weil es recht warm war und ich vorhatte, so schnell wie möglich mich wieder ins Bett und an Julie zu kuscheln.

»Also, was ist los, du tromadisches Trampeltier?« schnauzte ich Kortanor auf dem Flur an. »Haben die Rechten uns wieder die Wasserzufuhr gesperrt, sind Plünderer unterwegs oder was?«

»Nichts von allem, du Schlaumeier. Glaubst du, ich stehe gern so früh auf? Nur weil das blöde Videofon nicht aufhörte zu summen, musste ich aus dem Bett. Und dann will auch noch jemand dich sprechen.«

»Was, um diese Zeit? Soll in ein paar Stunden wieder anrufen!«

»Geht anscheinend nicht. Es ist einer von den Medikern aus dem Krankenhaus. Der Mann wollte mir die traurige Mitteilung machen, dass du gerade dort gestorben bist.«

Ich blieb stehen und packte ihn am Arm.

»Red keinen Quatsch! Was soll der Blödsinn? Schließlich stehe ich neben dir und bin ganz lebendig, wenn auch unausgeschlafen. Entweder du hast nur einen schlechten Traum gehabt oder der Typ ist sturztrunken.«

»Na, er hat mich jedenfalls ganz schön erschreckt und wirkte ziemlich nüchtern. Ich war mir auf einmal nicht mehr sicher, ob du hier bist, obwohl ich dich gestern Abend mit Julie habe ins Bett gehen sehen. Ich habe versucht, dem Typ das klarzumachen, aber er wollte sich unbedingt persönlich davon überzeugen, dass du noch lebst.«

»Ach, Scheiße! Die verwechseln mich eben mit irgendjemandem. Hatte der Tote nichts dabei, was auf seine Identität schließen lässt?«

»Mensch, Speedy, sprich selbst mit dem Mediker. Ich hatte wirklich keine Lust auf großartige Diskussionen um diese Zeit. Ich wusste ja eigentlich, dass du zuhause im Bett liegst, aber er ließ sich nicht abwimmeln, und irgendwann war es mir dann selbst nicht mehr geheuer.«

»Okay, ich rede mit ihm,« gab ich nach und machte die letzten Schritte zum Videofon, das direkt neben Kortanors Zimmer auf dem Flur stand. Nebenbei fragte ich mich mal wieder, wann diese grandiosen Wissenschaftler und Techniker den lange versprochenen Ambandkom entwickelt haben würden. So ein handliches Gerät zur Fernkommunikation wäre ein erheblicher Fortschritt.

Inzwischen war ich total munter, und der Mann hatte mich sowieso schon auf dem Bildschirm gesehen.

Kortanor blieb neben mir stehen. Anscheinend überwog nun seine Neugier die Müdigkeit.

Ich konnte auf dem Bildschirm erkennen, dass der Anrufer sich mit jemandem, der im Hintergrund nicht zu erkennen war, unterhielt. Jedenfalls hatte er das Gesicht abgewandt, und ich musste ihn erst darauf aufmerksam machen, dass sein Gesprächspartner jetzt anwesend war.

Als er sich umdrehte, wurden seine Augen riesengroß und es verschlug ihm erst mal die Sprache.

»Wie Sie sehen, muss eine Verwechslung vorliegen«, sprach ich ihn an. »Ich bin ich noch ganz lebendig und habe keinen größeren Wunsch, als so schnell wie möglich wieder ins Bett zu gehen.«

»Moment noch«, kriegte er endlich raus. Die grauen Augen in seinem jugendlichen Gesicht – ich schätzte ihn auf höchstens 23 – blickten immer noch skeptisch. Er fuhr sich mit der Hand durch seinen buntgefärbten Bürstenhaarschnitt.

»Kannst du mal die Fotos holen?« rief er nach hinten.

»Aber was soll das noch?« protestierte ich. »Sie können sich die Mühe doch sparen.«

»Dauert nicht lange«, beruhigte er mich. »Wenn meine Kollegin Sie nicht aus Ihren Tri-Di-Sendungen wiedererkannt hätte, wären wir auch gar nicht auf Sie gekommen.«

Mir wurde etwas ungemütlich. »Wusste gar nicht, dass ich so berühmt bin,« murmelte ich.

Ich hatte in der Tat mit Unterstützung von Lucky und Kortanor ein paar Sendungen über unsere Weltraumodyssee fabriziert. Ich hatte hauptsächlich Dokumentarmaterial Filme, Fotos usw. aus dem Computerarchiv der CHANGE benutzt, und es hatte mir viel Spaß gemacht. Ich war gerade dabei, weitere Sendungen vorzubereiten. Die CHANGE hatte zum Glück das Auseinanderbrechen der Raumstation einigermaßen unbeschadet überstanden. Nachdem wir dort damals zur Landung gezwungen worden waren, war sie natürlich von den Militärs und Wissenschaftlern durchsucht und geplündert worden. Doch die Backups des Archivs waren nach der späteren Bergung durch Kortanor eine unerschöpfliche Quelle für meine Dokumentationen gewesen.

»Tja, so viele galaktische Weltraumreisende gibt’s eben nicht,« flachste der Mediker zurück.

Inzwischen war seine Kollegin mit den Bildern gekommen. Er präsentierte mir eine Folge von drei Fotos, alles Porträts des Toten.

Diesmal war ich es, der erschrak. Gut, ich hatte mit einer Ähnlichkeit gerechnet, sogar mit einer verblüffenden Ähnlichkeit, aber dies hier war ohne jeden Zweifel ich selbst, der mich mit gebrochenen Augen anstarrte.

»Das ist doch nicht möglich«, entfuhr es mir.

»Er trägt sogar die Haare wie du und auch kleine Merkmale wie Falten und Pickel sind identisch«, stellte Kortanor neben mir fest. Er war wie immer die Ruhe selbst.

»Ihr Freund hat eine erstaunliche Beobachtungsgabe«, meinte der Mediker. »Sind Sie jetzt interessierter?«

»Und ob! Erzählen Sie mir die ganze Geschichte, wie Sie ihn aufgelesen haben und wie er gestorben ist und ...«

»Stopp! Ich mach Ihnen einen Vorschlag. Kommen Sie hierher, dann erfahren Sie alles. Gleichzeitig könnten wir Sie kurz durchchecken, um festzustellen, ob sich die Ähnlichkeit auf noch mehr als das äußere Erscheinungsbild erstreckt.«

Ich überlegte. Der Gedanke an Julie in meinem Bett ... Aber die Sache würde mir sowieso keine Ruhe lassen, an Schlaf war nicht mehr zu denken. Warum passierte so etwas auch gerade heute?

»Okay, ich komme vorbei«, sagte ich schließlich zu. »Nur noch kurz eine Frage: was hatte der Tote denn an?«

»Er trug eine schwarze Cordjacke, Jeans und ein kariertes, rotes Hemd, alles Syntho-Material natürlich. Das ist alles, woran ich mich erinnere.«

»Aber das ist unglaublich! Genau die Sachen liegen bei mir im Zimmer!«

Allmählich wurde mir kalt, aber nicht weil ich hier nackt rumstand, sondern als Folge dieser Unterhaltung. Ich verabschiedete mich also und versprach, so schnell wie möglich zum Krankenhaus zu kommen.

Kortanor bot an, mich zu begleiten, aber ich lehnte ab.

Ich wollte lieber allein dorthin. Ich musste sowieso über ein paar Sachen nachdenken und konnte den Weg nutzen. Außerdem gab es in der letzten Zeit Probleme für Rush und mich mit dem Tromaden, so dass mich seine Anwesenheit eher stören würde.

»Du kannst aber Julie sagen, was passiert ist«, trug ich ihm auf. »Ich werde ihr zwar einen Zettel hinlegen, aber ich kann schließlich nicht alles so ausführlich aufschreiben. Sie hat bestimmt wieder einen tiefen Schlaf und wacht nicht auf, wenn ich mich anziehe. Und wecken möchte ich sie nicht, weil sie die beiden letzten Nächte Notdienst im Computerzentrum gemacht hat und kaum zum Schlafen gekommen ist.«

Ich ging wieder leise in mein Zimmer zurück. Auf dem Boden lagen meine Jeans und das rotkarierte Hemd. Eine Gänsehaut kroch mir den Rücken hinauf. Ich wandte mich rasch ab und zog mir andere Sachen an. Das Ganze war mir unheimlich genug. Doppelgänger gab es schon mal, aber hier sah es ja so aus, als würde ich mir selbst gegenüberstehen. Zu dumm, dass der Typ tot war, aber es mussten doch Spuren existieren, anhand derer seine Herkunft festzustellen war.

Spontan kam mir die Idee, ob ich es eventuell mit einem Androiden zu tun hatte, den die Regs noch vor der Revolution aus irgendeinem Grund mir nachgebildet hatten. Aber ich verwarf den Gedanken schnell wieder. Erstens hätten sie das im Krankenhaus bei ihren Untersuchungen bald herausgefunden, und zweitens war der Zeitraum von unserer Rückkehr ins Sonnensystem bis zum Ausbruch der Revolution einfach zu kurz, um so ein Projekt noch fertigstellen zu können. Außerdem konnte ich mir keinen vernünftigen Grund vorstellen, warum Lady Antrana ausgerechnet mich als Androiden hätte in Auftrag geben sollen. Und warum war der dann jetzt erst aufgetaucht?

Nein, es musste eine andere Lösung geben, die ich aber jetzt so nicht finden konnte.

Mal sehen, was sie mir im Krankenhaus noch erzählten, vielleicht kamen wir dann der Sache näher.

Ich schrieb noch schnell die Mitteilung an Julie, verabschiedete mich von Kortanor, der etwas brummig darüber war, dass ich ihn nicht dabei haben wollte, und verließ unsere Wohnung. Sie lag im vierten Stock eines ziemlich heruntergekommenen Hauses im nördlichen Teil von Neu-Ing. Die Bezeichnung Neu-Ing war eigentlich schon gar nicht mehr korrekt, aber Splitterland setzte sich nur langsam durch.

Seit gut einem Jahr wohnte ich jetzt hier zusammen mit Kortanor und Rush, dem Telepathen – also praktisch seit dem endgültigen Sieg über die Regs und ihr ganzes System.

Im Treppenhaus traf ich Rastor, der mit Tao-Ling unter uns wohnte. Wir hatten guten Kontakt mit den beiden Androiden, unternahmen häufig etwas zusammen und redeten oft über die anstehenden Probleme. Er begrüßte mich sehr herzlich, und wir gingen noch ein paar Meter zusammen. Dann musste er auf den Bus warten, der die Leute zur Ablösung in die Konzentratfabrik transportierte. Keine angenehme Arbeit und das, wo wir doch die Arbeit eigentlich abschaffen wollten. Aber was sollten wir machen? Die Realität diktierte uns einiges, was nicht in unserem Interesse lag, so auch das Nahrungsmittelproblem, für das es immer noch keine bessere Lösung gab, solange das Abkommen mit den Südlichen Inseln für frische Nahrungsmittel nicht unter Dach und Fach war. Und so mussten wir die fiesen Konzentrate weiter in uns reinschaufeln. Zumindest war es gelungen, dass sich die Menschen in der Fabrik regelmäßig abwechselten. Viele waren einsichtig genug, dass es ohne Konzentratnahrung nicht ging und sie bei der Produktion mithelfen mussten. Solange es nur einige Stunden Arbeit waren, ließ es sich aushalten. Es handelte sich auch meist um reine Überwachungsaufgaben der automatisierten Produktion. Die Anlage war aber recht anfällig für Verschleiß und andere Ausfälle, so dass es immer etwas zu tun gab.

Ich selbst hatte eine ziemlich lange Wegstrecke vor mir, und so ohne etwas im Bauch war das keine besonders angenehme Vorstellung. Das Krankenhaus lag ziemlich im Zentrum, und ich war wahrscheinlich hauptsächlich auf meine Beine angewiesen. Die Dezentralisierung kam eben nur langsam voran, und Krankenhäuser im üblichen Sinn sollte es bald auch nicht mehr geben, aber wir waren noch nicht so weit.

Ich nahm mir zum wiederholten Mal vor, endlich mein Fahrrad zusammenzubauen, und so früh irgendwo eines auszuleihen war auch nicht drin. Es standen zwar überall noch Elektro-Autos herum, aber die meisten waren Wracks und waren nur noch nicht weggeschafft worden. Die restlichen, die noch funktionierten, wurden für Notfälle gebraucht. Busfahrten waren ziemlich chaotisch organisiert, wenn es sich nicht um dringende Routen wie die zur Konzentratfabrik oder zum Computerzentrum handelte. Und Gleiter standen auch nur sehr wenige zur Verfügung.

Draußen war es einigermaßen klar für hiesige Verhältnisse, die Sonne war natürlich nicht zu sehen, aber es wurde schon wieder kühler nach der unverhofften Wärme der letzten Tage. Ich hatte den Pullover angezogen, den ich auf Minadatar bekommen hatte und der sich so wunderbar jeder Witterung anpasste. Außerdem wurde er auch nicht schmutzig, ich hatte jedenfalls nie den Eindruck, als müsste er gewaschen werden. Vor diesem Gedanken scheute ich sowieso zurück, als ob ich ihn dadurch beschädigen würde.

Ich überlegte mir nochmal den Weg und fand heraus, dass ich auf jeden Fall durch das Öko-Gebiet musste. An sich lag auch Phönizia, das Frauenviertel, auf der direkten Strecke, aber das wollte ich doch lieber vermeiden, auch wenn ich einen Umweg in Kauf nehmen musste. Viele der dort lebenden Frauen sahen es nicht gern, wenn ein Mann ihr Gebiet durchquerte. Dummerweise hatten sie eine ziemlich zentrale Region gewählt, und deswegen nahmen viele Männer keine Rücksicht auf diese Abneigung. Ein Teil der Frauen überlegte deshalb, die Zone rigoros für Männer zu sperren, aber die Diskussionen darüber verliefen wohl recht kontrovers.

Ich erhielt solche Informationen regelmäßig von Flie, wenn wir uns besuchten, denn sie wohnte in Phönizia. Auch über die verschiedenen Nachrichtenblätter der Frauen erfuhr man einiges, während sie die Tri-Di-Sender nur sehr wenig nutzten.

Das Stadtviertel, das ich jetzt durchquerte, wurde allgemein Chaotenburg genannt, aber das sagte natürlich gar nichts aus. Es bestand zum großen Teil aus verwahrlosten, sehr alten Häusern, die meisten davon waren zu Reg-Zeiten zum Abbruch bestimmt gewesen. Einige waren auch wirklich kaum noch zu retten, aber in den meisten ließ sich nach teilweise recht aufwendigen Instandsetzungsarbeiten immer noch wesentlich besser wohnen als in den City-Hoch- und Tiefhäusern oder den wahnsinnigen Lebens- und Arbeitskomplexen, die jetzt sowieso keinen Zweck mehr erfüllten. Die ganze beschissene Architektur zu verändern, war bestimmt eine Arbeit von Jahrzehnten. Schließlich konnte nicht alles auf einmal abgerissen werden, die Menschen brauchten Unterkünfte, wenn man Obdachlosigkeit wie zu früheren Zeiten vermeiden wollte. Aber an einigen Stellen wurde schon mit ganz neuartigen Bauformen experimentiert, vor allem im Öko-Gebiet.

Die Entwicklung innerhalb des letzten Jahres darf nun aber nicht so verstanden werden, dass eine Reihe in sich abgeschlossener Stadtstaaten im Großraum Neu-Ing im Entstehen war. Im Gegenteil: mit Staaten hatte das alles recht wenig zu tun. Auch wenn sich einige Bezirke darum bemühten, so etwas wie Modelle aufzubauen als Vorbilder für alle übrigen, sei es nun über eine Rätedemokratie oder ein anarchistisches Prinzip. Das alles hatte jedenfalls keine Ähnlichkeit mehr mit früheren Regierungs- und Verwaltungsformen. Ich sah es eher als ein kleines Abbild der Stammes-Realität, wenn auch in sehr eingeschränktem Maß.

Auch waren die Viertel mit Ausnahme von Phönizia nicht exakt gegeneinander abgegrenzt. Es war also nicht ersichtlich, wo z.B. das Anarcho-Gebiet begann und der Öko-Bereich endete. Außerdem war eine weitestgehende Zusammenarbeit aller Regionen garantiert – ohne das wäre auch ein Überleben einzelner Bezirke vollkommen unmöglich, weil die Struktur von Neu-Ing einfach nicht dafür gebaut war, dass eigenständige Stadtteile nebeneinander existieren konnten.

Wir hatten ja schon alle zusammen die größten Schwierigkeiten, unser aller Überleben zu sichern. Insofern war es sowieso außerordentlich erstaunlich, dass das Experiment der autonomen Bezirke in Anfängen in Angriff genommen und realisiert worden war.

So konnte also jede/r dort wohnen, wo es ihr/ihm schien, als würden ihre/seine Wünsche, Bedürfnisse und Vorstellungen am ehesten nachgekommen. Das verhinderte keine Grundsatzdiskussionen über das Verhältnis Natur und Technik, Patriarchat, Bedeutung von Politik überhaupt usw. Im Gegenteil, sie wurden viel offener und ehrlicher geführt, aber niemandem wurde eine bestimmte Lebensweise vorgeschrieben, abgesehen von den Zwängen, denen wir uns alle unterwerfen mussten.

Außer den ständigen Auseinandersetzungen über die Zusammenarbeit der Bezirke untereinander – von der Organisation der notwendigen Arbeiten bis zu kulturellen, medizinischen oder Verkehrsfragen – gab es hauptsächlich zwei Faktoren, die uns zu schaffen machten.

Zum einen gab es eine ganze Reihe von Banden, die sich in Wohnvierteln der ehemals Reichen herumtrieben, angeblich wertvolle Souvenirs aus der alten Zeit stahlen und leer stehende und zerstörte Villen und Häuser plünderten. Es gab dafür einen regelrechten Schwarzmarkt. Dort wurden diese Andenken gegen Lebensmittel und alles getauscht, was man wirklich zum Leben brauchte. Dabei handelte es sich meist um Menschen, die nach der Revolution nicht verstanden hatten, worum es ging und sich nicht an ein neues Leben gewöhnen konnten oder wollten. Sie lebten zwar auf unsere Kosten und beteiligten sich nicht an notwendigen Arbeiten, waren aber zum großen Teil harmlos, da es nur selten zu aggressiven Auseinandersetzungen kam.

Die Gruppen, die uns weitaus mehr zu schaffen machten, setzten sich hauptsächlich zusammen aus alten Militärs, Cops und dem Rest der kleinen Oberschicht, die dem alten Leben nachtrauerte, in dem sie andere für sich arbeiten lassen und in Saus und Braus leben konnte. Diese hatten durch die Revolution ihre Vorteile und Machtbefugnisse verloren und sehnten sich zurück nach den guten alten Zeiten. Sie waren gefährlicher und scheuten auch vor bewaffneten Auseinandersetzungen nicht zurück. In den meisten Bezirken wurde Jagd auf sie gemacht und sie wurden, wenn möglich, irgendwo eingesperrt. Das neue dezentralisierte Justizsystem agierte dann durchaus unterschiedlich: Während in dem einen Stadtteil Zwangsarbeit angeordnet wurde, hatten diese Gruppen in anderen Bezirken für bewaffnete schon mal mit lebenslangem Gefängnis zu rechnen. Anfangs waren sogar einige hingerichtet worden, als der Hass auf die alten Schergen noch sehr groß war. Inzwischen war man sich zumindest einig, dass die Todesstrafe kein Instrument einer wie auch immer gearteten Volksjustiz sein sollte.

Ein weiterer Faktor stellte ein kleines Gebiet dar, das von Leuten bewohnt wurde, die sich bemühten, ein System nach dem Muster der Südlichen Inseln zu errichten.

Sie nannten dieses Gebilde Volksdemokratie. Sie besaßen ein gewähltes Parlament, eine Regierung, die ganze althergebrachte Bürokratie, einen Verwaltungsapparat und eine Staatswirtschaft. Sie hatten auch als einzige Region das Geld beibehalten, und Arbeit hatte den alten einkommenssichernden und moralisch-ethischen Wert behalten. Das ganze erinnerte mich immer etwas an die ehemalige Geld-Stadt in der anderen Erdrealität. Die Volksdemokratie hätte uns übrige wohl nur ein müdes Lächeln gekostet, da sie keinen ernst zu nehmenden Machtfaktor darstellte, wenn ihre Bedeutung nicht in ihrer Beziehung zu der Regierung der Südlichen Inseln gelegen hätte.

Die dortigen Machthaber der sogenannten Revolutionsregierung hatten von Anfang an die Entwicklung in Neu-Ing mit Misstrauen beobachtet. Denn was sie nicht verstanden, konnte ihnen ja vielleicht gefährlich werden. Es war ein offenes Geheimnis, dass dort immer wieder Planspiele durchgeführt wurden, wie sie militärisch gegen uns vorgehen konnten. Wir gaben ihnen zwar keinen Anlass zum Eingreifen, aber allein die Existenz dieses veränderten Neu-Ing konnte Grund genug sein. Was sie hauptsächlich zurückhielt, war wohl das nicht einschätzbare Risiko. Die merkwürdigen Ereignisse während der Revolution in Neu-Ing ließen sie jedenfalls abwarten. Vorerst beschränkten sie sich also darauf, uns ökonomisch unter Druck zu setzen. Wir waren auf Lebensmittellieferungen von den Inseln angewiesen, und sie versuchten darüber, uns dazu zu zwingen, unser System dem ihren anzupassen. Deshalb nahmen wir es so wenig wie möglich in Anspruch und die Verhandlungen zogen sich immer wieder in die Länge.

Der einzige offizielle Nachrichten- und Warenaustausch mit den Inseln lief also über die Volksdemokratie, die allein von der Revolutionsregierung als anerkannte Vertretung von Splitterland – wie wir uns selbst nannten – behandelt wurde.

Natürlich versuchten wir, diesem Druck so gut es ging zu entgehen, und dachten nicht daran, unsere Struktur zu ändern. Aber so waren wir in größerem Umfang als uns lieb war weiter auf Syntho-Nahrung, Konzentrate und Algenprodukte angewiesen.

Es war äußerst unangenehm, dass wir immer über die Volksdemokraten verhandeln mussten, die oft merkwürdige Einfälle hatten, um unsere Nerven zu strapazieren. So schickten sie Leute von uns zurück, weil sie sie nicht als Abgesandte akzeptierten, wollten anfangs nur Wertgegenstände im Austausch annehmen oder verlangten bestimmte Sendezeiten im Tri-Di, Büros und Stände in anderen Stadtteilen usw.

Einiges davon mussten wir wohl oder übel hinnehmen, um überhaupt mit den Südlichen Inseln in Kontakt zu bleiben, andere Forderungen waren einfach lächerlich. Sollten sie sich doch ihre Büros und Stände nehmen, es standen ja genug Räume leer, weil sie für nichts Verwendung fanden, da wir sie weder als Wohn- oder Lagerräume noch als Koordinationsbüros, Ateliers oder sonst irgendetwas benutzen konnten. Doch bei den Volksdemokraten war das nicht so einfach. Sie wollten dann offizielle Papiere und Abmachungen, und so wurden oft völlig sinnlose Debatten geführt, ohne dass sich die Standpunkte einander annähern konnten. Ich war einmal bei so einem Treffen dabei gewesen, und das war nun wirklich in Arbeit ausgeartet.

Immer wenn ich wie jetzt in unserer Chaotenburg herumlief, konnte ich mich nicht sattsehen an den vielfältigen Formen und dem Leben, das diese Gegend angenommen hatte. Der Ideenreichtum der Leute war wirklich unbegrenzt, obwohl doch so viel in der Reg-Zeit kaputt gemacht worden war. Aber jetzt kam eben die ganze unterdrückte Kreativität wieder zum Vorscheinen: aus Supermärkten waren Ausstellungsräume geworden, Schulen waren zu Verteilungszentren umfunktioniert – ich kam gerade an einem vorbei, über die jemand in großen Leuchtbuchstaben Wahnsinns-Discount gesprüht hatte -, eine ehemalige Bank war mit Zetteln und Inschriften übersät in eine Art Info-Büro verwandelt worden und das Gerichtsgebäude eignete sich hervorragend für Kinder zum Cowboy- und Indianerspielen (bzw. spielten die ja heutzutage eher Cops gegen Sensos oder so etwas in der Art).

Einiges war allerdings wirklich in Schutt und Asche gelegt worden, die Cop-Station zum Beispiel, und die Kaserne wurde gerade abgerissen. Dort sollte so etwas wie ein Park entstehen oder besser gesagt: ein Platz, wo die Natur irgendwann einmal wuchern konnte, aber solche Projekte standen natürlich alle noch in den Startlöchern.

Genauso ging es den Ökos, die verzweifelt versuchten, mit tausend Tricks irgendwo Gemüse heranzuziehen oder Getreide auszusäen. Es kam noch nicht viel dabei heraus, aber ich bewunderte ihre Ausdauer und ihren Optimismus genauso wie ihre Recycling-Projekte und Energiegewinnungssysteme. Nachdem Lucky einmal in einer meiner Sendungen über die Symbiosegemeinschaft gesprochen hatte, waren Anfragen gekommen, ob man von da nicht vielleicht Unterstützung für einen ökologischen Umbau bekommen konnte. Auch das wurde noch heftig diskutiert.

All das gehörte außerdem zu den Versuchen, uns so weit wie möglich zu dezentralisieren und unabhängig von den Südlichen Inseln zu machen. Dazu kam das Vorhaben, die Plankton und Algenverwertung vor der Küste wieder in Schwung zu bringen, das hauptsächlich von den Anarchos betrieben wurde. Ohne die Konzentrat- und Synthofabriken wäre das allerdings bei weitem nicht ausreichend gewesen, und so ernährten sich alle weiterhin hauptsächlich von sog. Proteinsuppen und -keksen.

Ich schaute kurz in das Verteilzentrum und schnappte mir eine Packung nach nichts schmeckender Kekse, die in der Lebensmittelecke ganz verloren zwischen Dosen und Konzentratpackungen herumlag. Richtigen Hunger würde ich wohl erst später kriegen, Hauptsache es gab im Krankenhaus eine Tasse Kafe für mich.

Die Abschaffung des Geldes und das Einrichten dieser Verteilzentren war übrigens ziemlich schnell erfolgt, nachdem in den ehemaligen Supermärkten, Warenhochhäusern und Konsumstellen nur noch Ramsch herumlag. Alles, was Leute nicht mehr brauchen konnten, anderen vielleicht aber von Nutzen war, kam ebenso hierher wie alle über den Eigenbedarf hergestellten Produkte und die Warenlieferungen von den Südlichen Inseln.

Geld hatte dabei schon bald kaum noch einen Wert gehabt, da es die übliche Arbeit nicht mehr gab, nach der es bemessen wurde, und niemand mehr Lohn oder anderes Einkommen in irgendeiner Form erhielt. Erstaunlicherweise hatte das nicht zu größeren Schwierigkeiten geführt, und auch die Einrichtung der Verteilzentren verursachte nur anfangs Probleme, als einige Leute, die von allem nicht genug bekommen konnten, sich mit etlichen Paar Schuhen, Stereoanlagen oder einem Haufen Möbel eindeckten, bis sie merkten, dass sie das alles nicht brauchten. Die meisten verteilten das dann weiter bzw. brachten es zurück. So regelte sich das relativ schnell im Lauf der Zeit.

Anders wäre es ja auch gar nicht möglich gewesen, so etwas wie Splitterland auf die Beine zu stellen. Wären die Leute noch in alten Vorstellungen verhaftet gewesen, wäre es auch niemals zu einer Revolution unter den Vorzeichen von Abschaffung von Arbeit und Herrschaft gekommen. Klar, in der Praxis sah das dann alles noch wieder anders aus. Was jahrzehntelang ansozialisiert worden war, ließ sich nicht auf einmal über Bord werfen, aber der Wille und die Energie waren doch bei fast allen vorhanden, so dass wir uns auch durch die widrigen Umstände nicht entmutigen ließen.

Bei weitem mehr Mühe verursachte das Organisieren und Aufteilen der unangenehmen Arbeiten, und in Folge davon kam es teilweise zu verheerenden Wasser- und Stromausfällen und Nahrungsmittelknappheit – besonders bei uns Chaoten, die wir so wenig wie möglich organisieren wollten. Die einen verschliefen, die anderen hatten keine Lust auf gar nichts, wieder andere vergaßen Ersatz zu besorgen, wenn sie keine Zeit hatten. Im Grunde hatten wir Glück, dass es nicht zu größeren Unfällen kam, und das hatten wir auch noch der abgelehnten Supertechnik zu verdanken, die im Gefahrenfall automatisch alles stilllegte.

Sobald sich aber durch die freie Zeit und die neue Lebensweise Kreativität und Tatendrang der Menschen zu entfalten begannen, wurden auch die miesen Arbeiten immer weniger notwendig. So begannen z.B. immer mehr Leute zu Tischlern oder zu Schreinern, und die entsetzliche Plastikmöbelfabrik konnte bald stillgelegt werden. Holz gab es genug in unbesiedelten Teilen der Erde, die außerdem frei von Radioaktivität waren, und ebenso Leute, die Spaß daran hatten, Bäume zu fällen und den Transport zu übernehmen. Wirtschaftlichkeit spielte ja dabei keine Rolle mehr.

Und es bestand auch keine ökologische Gefahr, da nicht mehr wie in früheren Zeiten üblich völlig überflüssige Teile hergestellt wurden oder sich ein Vorrat ansammelte, der dann in irgendwelchen Lagerhallen vergammelte oder wegen Unmodernität eingestampft wurde. Im Gegenteil: es wurden eher mehr Bäume angepflanzt als gefällt wurden.

Ich könnte an dieser Stelle noch lange so weitermachen, erzählen, was sich wie verändert hatte, und das wäre alles auch sicher sehr interessant, aber es würde wahrscheinlich ein ganzes Buch füllen. Solche Abhandlungen werden aber anderweitig vorbereitet, und so begnüge ich mich damit, wichtige Aspekte unseres neuen Lebens dann und wann einzuschieben.

Nachdem ich auch den Öko-Bezirk hinter mir gelassen hatte, wurde mir der Fußmarsch langsam zu viel. Als ich schon ernsthaft überlegte, Phönizia doch zu durchqueren, hörte ich hinter mir das unverwechselbare Geräusch eines Luftkissenfahrzeugs.

Ich hatte Glück: Es war ein Bus, der ebenfalls einen Umweg um Phönizia machte und kreuz und quer durch die Stadt fuhr. Angesichts der frühen Morgenstunde saßen nur ein paar Leute drin, die sich angeregt unterhielten. Ich wunderte mich schon, dass sich der Fahrer bzw. die Fahrerin so früh aufgerafft hatte, als ich bemerkte, dass es ein Automatik-Bus war, dem irgendjemand ein Kurs einprogrammiert hatte. Man konnte ihn an jeder Stelle zum Halten bringen, auch von draußen reagierte er auf Zuruf. Praktisch und bequem, dachte ich, genau das, was ich jetzt brauchte.

Wir kamen sogar ziemlich nahe am Krankenhaus vorbei und ich stoppte den Bus. Hier in City-Nähe sah die Gegend noch ziemlich unbeleckt aus, obwohl hier während der Revolution schwere Kämpfe stattgefunden hatten. Aber die hohen Wohnblocks reizten niemanden, und so war es wie ausgestorben. Kein Kindergeschrei, keine Farbsprühereien, nur hässliche ausgebrannte Lücken und Ruinen dort, wo gekämpft worden war.

Das Krankenhaus selbst war ein riesiger Komplex, der aber nur noch wenig genutzt wurde. Ich strebte nun schon recht hungrig dem Eingang zu. Es herrschte kaum Betrieb, keine Robot-Krankenwagen sausten herum, alles lag ruhig und friedlich da.

Der junge Mediker erwartete mich selbst am Eingang. Er hatte sich in der weitläufigen Wartehalle in einen Sessel gefläzt, las in einer Zeitschrift und rauchte eine Zigarette (an Tabakprodukten hatte es ebenso wie an Alkohol bisher bezeichnenderweise noch nie einen Engpass gegeben).

»Hallo«, begrüßte er mich. »Endlich lohnt sich also mal eine Nachtschicht für mich. Sonst passiert ja nie etwas.«

»Wir werden sehen. Wenn Sie vielleicht erst mal einen Kafe haben, bin ich auch etwas munterer.«

»Oh, ich hatte angenommen, Sie haben unterwegs irgendwo gefrühstückt, aber ich glaube, bei uns ist auch noch einiges übrig.«

Ich folgte ihm also in den Fahrstuhl, der uns in den 6. Stock brachte, und in einen Raum mit großen Fenstern, der wohl früher eher als Krankenzimmer für Luxuspatienten gedient hatte.

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