Kitabı oku: «Nach Corona – Unsere Zukunft neu gestalten»
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Was die Zukunft betrifft, so ist unsere Aufgabe nicht,
sie vorauszusehen, sondern sie zu ermöglichen.
Antoine de Saint-Exupéry
I. Neu Denken
1. Katastrophen sind Lernhelferinnen
Vor einigen Jahren war ich in Taiwan auf einer Vortragsreise zur chinesischen Ausgabe meines Buches »Die Sonne schickt uns keine Rechnung«. Dabei war ich zu einer Geburtstagsfeier des großen chinesischen Philosophen Konfuzius eingeladen, und ich lernte, dass Konfuzius vor 2500 Jahren drei Wege nannte, auf denen wir Menschen klug handeln können:
Erstens: durch Nachdenken, dies sei der edelste.
Zweitens: durch Nachahmen, dies sei der leichteste,
und drittens: durch Erfahrung, dies sei der bitterste.
Wir Heutigen werden wohl erst durch Katastrophen, also durch schlechte Erfahrungen, klug. Wir brauchen offensichtlich Katastrophen als Lernhelferinnen. Erst nach zwei Weltkriegen sind wir Europäer klug geworden und haben in der Europäischen Union zur Zusammenarbeit gefunden. Oder: Der deutsche Atomausstieg 2011 war erst möglich nach Fukushima, obwohl die Gefahr eines großen Unfalls schon lange zuvor bekannt war. Was heißt das für die heute wohl größten Krisen der Menschheit, für die Klimaerhitzung, das große Massensterben oder für die Gefahr eines Atomkriegs, an dem wir bisher nur durch Glück vorbeigeschrammt sind?
Es gibt auch Menschen, die sich damit trösten, dass an den Knöpfen für die Atomraketen nicht Verrückte und Ruchlose sitzen, sondern nur weise und erfahrene alte Männer, die genau wissen, dass sie ihre Waffen nur dazu verwenden dürfen, Kriege zu verhindern. Hoffentlich sind das auch immer durch und durch logisch denkende Menschen.
Ob aber allein deren Logik uns retten wird? Schon mehrmals wäre es mit dieser Logik beinahe schiefgegangen. Wie oft wollen wir nur noch Glück haben? Mehr Glück als Verstand? Ist dieses Denken und Handeln wirklich logisch?
UNO-Berechnungen sagen für den Fall, dass wir einfach so weitermachen wie heute, für das Ende des 21. Jahrhunderts folgende Szenarien voraus:
Erstens: Wir müssen mit einer globalen Erwärmung von bis zu fünf Grad rechnen – gemessen an der vorindustriellen Zeit. Die Klimaziele des Pariser Abkommens, zu dem sich alle Regierungen der Welt verpflichtet haben, werden damit grandios verfehlt.
Zweitens: Unsere Nachkommen werden einen Verlust der Tropenwälder bis zu 80 Prozent erleben.
Drittens: Die Wüstengebiete werden sich um bis zu 23 Prozent ausbreiten.
Viertens: Die Zahl der Klimaflüchtlinge wird auf circa 280 Millionen steigen.
Fünftens: Die Hitzewellen werden sich in Europa mindestens vervierfachen.
Sechstens: Die Corona-Pandemie ist nur ein weiterer Aspekt der größeren ökologischen Krise und kann weitere Pandemien zur Folge haben.
Und das alles, wenn wir nicht schon vorher in einem atomaren Inferno den Untergang unserer Zivilisation organisieren.
Es wäre übrigens nicht das erste Mal, dass eine ganze Zivilisation verschwindet. Das Mauerwerk der »Verbotenen Stadt« in Peking, die himmelhohen Säulen des »Forum Romanum« in Rom, die gigantischen Steinskulpturen auf den Osterinseln oder auch die majestätischen Kuppeln des Taj Mahal in Agra stehen heute wie stumme Zeugen einst blühender Kulturen und Zivilisationen, bestaunt von Touristen.
Historisch gehören Umweltveränderungen und Erschöpfung von Ressourcen nach den Erkenntnissen der »Kollapsologen« – so nennen sich die Untergangsforscher – zu den wichtigsten Ursachen des Untergangs. Auf den Osterinseln lief der Untergang ungefähr so ab: Die Wälder wurden abgeholzt, weil Holz gebraucht wurde zum Bau von Kanus und zum Transport der vielen Steinskulpturen. Als die letzten Wälder gerodet waren, erodierten die Böden und die Moai hatten sich ihrer Lebensgrundlage beraubt. Erinnert Sie diese Entwicklung nicht an unsere heutige Situation, liebe Leserin und lieber Leser? Eine Gesellschaft geht dann unter – so die Übereinstimmung der »Kollapsologen« –, wenn sie keine Antwort auf notwendige Veränderungen findet. Was hat wohl jener Bewohner der Osterinsel gedacht, der den letzten Baum fällte? Wahrscheinlich so viel wie heute ein SUV-Fahrer – nichts.
Was wir vor allem brauchen? Lust auf Zukunft. Mit Angst und Gleichgültigkeit schaffen wir die Wende nicht. Aber vor allem benötigen wir den Dreiklang aus neuem Denken, neuem Fühlen und vor allem neuem Handeln.
Die größten Gefahren des 20. Jahrhunderts waren Männer in Kriegslaune, Faschismus und Kommunismus, dreckige Industrien und gefährliche Technologien. Und jetzt? Ist es die Fledermaus, oder sind es wir Menschen, die dem Tier keinen Raum mehr lassen?
2021 ermittelte eine Studie des Entwicklungsprogramms der UNO (UNDP), dass sich zwei Drittel der Menschheit für mehr Klimaschutz ausspricht. Mehr als 1,2 Millionen Menschen in 50 Ländern nahmen an dieser Umfrage teil.
In acht von den zehn Ländern mit den höchsten Emissionen aus dem Energiesektor trat der Großteil für mehr erneuerbare Energien ein. In vier von den fünf Ländern mit den höchsten Emissionen aus Landnutzungsänderungen gab es eine überwiegende Unterstützung für die Erhaltung von Wäldern und Land. In neun von den zehn Ländern mit der am stärksten verstädterten Bevölkerung traten die Studienteilnehmer für einen stärkeren Einsatz von Elektroautos, Bussen oder Fahrrädern ein. UNDP-Chef Achim Steiner sagt dazu: »Diese Zustimmung reicht über Nationalitäten, Alter, Geschlecht, Herkunft und Bildungsgrad hinweg. Die Umfrage zeigt auch, wie sich die Menschen von den Entscheidungsträgern eine Veränderung wünschen. Damit haben die Menschen im Umgang mit dem Klimawandel auch eine Stimme.«
Die Zeiger der symbolischen Weltuntergangsuhr, der sogenannten Doomsday-Clock, stehen laut Wissenschaftlern im Jahr 2021 auf 100 Sekunden vor zwölf. Die Gefahr, dass sich die Menschheit durch die Klimaerhitzung, das massenhafte Artensterben oder durch einen Atomkrieg selbst auslöscht, ist demnach so groß wie noch nie seit Erfindung der Uhr im Jahr 1947.
Schon 2005 hat die UNO den Report »Millennium Ecosystem Assessment« veröffentlicht. Über 1000 Wissenschaftler haben fünf Jahre lang zu allen Bereichen der Nachhaltigkeit auf dem Globus geforscht. Ergebnis: Alle wesentlichen Entwicklungen verliefen in die falsche Richtung, das weitere Wachstum der Weltbevölkerung, die steigenden Treibhausgasemissionen, der Verbrauch von Ressourcen und Energie, der Zustand der Ozeane sowie die immer größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich. Ist diese Fahrt in den Abgrund noch zu stoppen?
»Wenn wir die Geschichte der Erde mit einem Kalenderjahr vergleichen, dann haben wir ein Drittel der natürlichen Ressourcen in den letzten 0,2 Sekunden aufgebraucht, und jetzt schlägt die Natur zurück«, sagt UNO-Generalsekretär Guterres.
Die Covid-19-Pandemie könnte uns eine Warnung sein. Sie ist die Stunde der Wahrheit, die uns auf die Folgen der Klimaerhitzung, des globalen Waldsterbens und der industrialisierten Landwirtschaft aufmerksam macht. Zugleich kann die Corona-Krise ein Anreiz für eine große, schon lange fällige Transformation sein. Restauration oder Transformation? Was wollen wir?
Eine Krise ist vor allem keine Zeit, um die Nerven zu verlieren. Und erst recht keine Zeit für Verschwörungstheorien. Das politisch scheinbar Unmögliche kann jetzt das politisch Unausweichliche werden. Die Geschichte muss sich nicht wiederholen – wir können ja auch daraus lernen. Tun wir das? Wollen wir das? Schaffen wir das? Dies sind die Fragen aller Fragen.
Im Angesicht der Corona-Pandemie hat Papst Franziskus seine dritte Enzyklika »Fratelli Tutti – Über die Geschwisterlichkeit und die soziale Freundschaft« veröffentlicht. Er fordert darin nichts anderes als eine neue Gesellschaftsordnung, die die Menschen und ihre unveräußerliche Würde in den Mittelpunkt allen politischen und wirtschaftlichen Handelns stellt. Wir seien »eine weltweite Gemeinschaft in einem Boot, wo das Übel eines Insassen allen zum Schaden gereicht«. Die Pandemie zwinge die Menschheit dazu, wieder an alle Menschen zu denken statt an den Nutzen einiger. Der Papst erinnert an das biblische Gleichnis vom barmherzigen Samariter und fordert, dass Nächstenliebe zum Prinzip der Politik werden müsse. Franziskus kritisiert Nationalismus, Abschottung und die »soziale Aggressivität, die im Internet Raum findet … Gottes Liebe gilt für jeden Menschen gleich, unabhängig von seiner Religion.«
Diese Enzyklika ist ein Weckruf und ein Hoffnungsruf für eine Neugestaltung der Zukunft. Der Papst verweist auch auf den »Irrglauben« des Neoliberalismus, dass es den Armen immer besser gehe, wenn die Reichen immer reicher würden. Das politische Grundgesetz für die Weltwirtschaft müsse heißen: Jede ökonomische Theorie und jedes ökonomische Handeln unterliege der »politischen Liebe«. Ist Papst Franziskus ein Fantast?
Seine ganz realistische Antwort: »Die Zerbrechlichkeit der weltweiten Systeme angesichts der Pandemie hat gezeigt, dass nicht alles durch den freien Markt gelöst werden kann und dass – über die Rehabilitierung einer gesunden Politik hinaus, die nicht dem Diktat der Finanzwelt unterworfen ist – wir die Menschenwürde wieder in den Mittelpunkt stellen müssen. Auf diesem Grundpfeiler müssen die sozialen Alternativen erbaut sein, die wir brauchen.«
Die Alternativen, welche der Papst meint: Flüchtlingsretter, die Klimaaktivist*innen um Greta Thunberg, die friedlichen Bürgerrechtler um Swetlana Tichanowskaja in Weißrussland oder um Alexej Nawalny in Russland sowie die weltweite Friedensbewegung, die für eine atomwaffenfreie Welt kämpft, und alle Streiter für Gerechtigkeit. Er nennt sie »soziale Poeten«, die kreativ eine ganzheitliche menschliche Entwicklung vorantreiben. Sie sind die Vorkämpfer für die Neugestaltung unserer Zukunft.
Und ihre Arbeit ist das neue Grundgesetz für eine bessere Welt.
Norbert Blüm sagte es so: »Solidarität ist kein Luxus, sondern Existenzbedingung menschlichen Lebens.«
2. Mit der Natur können wir nicht verhandeln
Fest steht: Über das 1,5-Grad-Ziel, das in Paris beschlossen wurde, ist mit der Natur nicht zu verhandeln. Es darf also nicht mehr als 1,5 Grad wärmer werden als zu Beginn der Temperatur-Aufzeichnungen um 1880. Szenarien wie oben beschrieben sind keine exakten Vorhersagen oder Wahrsagekugeln. Aber sie erlauben, dass wir uns eine mögliche Zukunft vorstellen und entsprechende Maßnahmen ergreifen.
Menschen können dadurch auch umdenken und lernen. Die besten Seiten der Menschen sind ihre Fähigkeit, Fehler zu korrigieren und Probleme zu lösen. Die Corona-Krise hat uns alle gelehrt: Unmöglich Scheinendes ist dennoch möglich. Man kann es auch so sagen: Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist. Oder: »Wo kämen wir hin, wenn alle sagten, wo kämen wir hin, und niemand ginge, um einmal zu schauen, wohin man käme, wenn man ginge« (Kurt Marti).
Innerhalb weniger Tage waren im März 2020 plötzlich politische Entscheidungen möglich, die zuvor absolut ausgeschlossen waren: Flugzeuge blieben am Boden, Autos in den Garagen, das Öl wurde zur Ramschware. Die Globalisierung schien beendet und viele Betriebe mussten einfach dichtmachen, Millionen Menschen arbeiteten von zu Hause aus.
Immer mehr junge Menschen essen kein Fleisch, ihre Zahl ist durch die Corona-Krise noch gestiegen, mehr Menschen als früher teilen jetzt ihre Geräte und Autos, der Verkauf von Benzin- und Dieselautos ist innerhalb eines Jahres im Auto-Land Deutschland um 25 Prozent gesunken, Hunderttausende haben sich vorgenommen, innerhalb Deutschlands nicht mehr zu fliegen. Der Mensch ist zwar ein Gewohnheitstier, aber er ist auch zu Veränderungen fähig. Auch aus dem Hamsterrad des »Immer mehr« können wir aussteigen.
Tiere und Pflanzen sterben aus und wissen nichts davon. Wir Menschen haben als einzige Lebewesen ein Bewusstsein für Vergangenheit und Zukunft. Wir kennen im Großen und Ganzen die Katastrophen unserer Vergangenheit. Deshalb sagte die große Mehrheit der Deutschen nach 1945: »Nie wieder Krieg«.
An Weihnachten 2004 erlebte ich als Fernsehreporter die Ausmaße des Tsunami in Südindien. Über 200.000 Menschen starben an den Küsten des Indischen Ozeans, Millionen wurden obdachlos. Nur zwei Jahre später war ich für Fernsehaufnahmen wieder in Südindien. Neues Leben wuchs aus den Ruinen. Die Katastrophen der Menschheitsgeschichte waren in den letzten Jahrtausenden zum Teil furchtbar, aber meist blickten die Betroffenen nach einigen Jahren wieder nach vorn. Immer wieder wuchs Hoffnung auf Zukunft.
Zudem wurden nach 2004 rund um den Indischen Ozean wieder großflächig Mangrovenwälder gepflanzt, weil man gelernt hat, dass sie auch Menschenleben schützen.
Doch die heute absehbaren Katastrophen könnten ganz andere historische Dimensionen haben. Ein Atomkrieg könnte ebenso zum Ende unserer Zivilisation führen wie eine globale Klimakatastrophe. Es ist denkbar, dass es nach diesen Katastrophen nicht nur keine Gegenwart und keine Zukunft mehr gäbe, sondern auch keine Vergangenheit mehr, weil es niemand mehr gäbe, der noch wissen könnte, dass es jemals eine menschliche Vergangenheit gab oder eine Zukunft geben wird.
Peter Ustinov hat einmal gesagt: »Wenn sich die Welt selbst in die Luft jagen sollte, dann wird das letzte Geräusch die Stimme eines Experten sein, der ruft, dass dies eigentlich nicht hätte passieren können.«
Das Wohlbefinden ist für viele Menschen mit einem suffizienten Lebensstil verbunden. »Suffizienz« kommt vom lateinischen Verb sufficere und heißt »genügsam leben«. Ludwig Erhard sprach von »maßhalten« und wurde vor 60 Jahren dafür verlacht und verspottet. Heute fordern das Millionen und leben auch danach. Es ist wissenschaftlich längst erwiesen, dass immer mehr materieller Wohlstand nicht zu mehr Lebenszufriedenheit oder gar zu immer mehr Glück führt.
Viel Panisches wuchert, aber es wächst das Rettende auch. Es gibt immer Alternativen. Alle Probleme, die von Menschen geschaffen wurden, können auch von Menschen gelöst werden. Der menschengemachte Klimawandel kann auch von Menschen gestoppt werden. Die von Menschen erfundenen Atombomben können auch von Menschen abgeschafft werden. Die alles entscheidende Frage heißt freilich, ob wir rechtzeitig umdenken und rechtzeitig um-handeln. Sowohl bei der Klimaerhitzung, beim großen Massensterben wie auch bei einem möglichen Atomkrieg könnte das Umdenken und Umhandeln zu spät sein. Wir müssen freilich immer mit bedenken, was die Waffe der Vertreter der alten Ordnungen ist. Es ist ihre Behauptung, dass es zum real existierenden System keine Alternativen gebe. Maggie Thatcher sagte es so: »There is no alternative.«
Wir wissen schon lange, dass Abrüstung ein Impfstoff für den Frieden sein könnte und erneuerbare Energien ein Impfstoff gegen die Klimaerhitzung. Wir wissen auch schon lange, was wir tun, aber wir tun nicht, was wir wissen. Lässt sich dieses Dilemma überwinden? Und wie?
Brauchen wir erst noch größere Katastrophen um aufzuwachen, vielleicht noch mehr Pandemien, um lernfähig zu werden? Sind wir wirklich nur begrenzt lernfähig? Mit der Klimaerhitzung und dem atomaren Wettrüsten führen wir den verrücktesten Kampf der Geschichte: wir gegen uns.
Die Corona-Pandemie, die Klimaerhitzung und das Artensterben hängen eng zusammen. Das Virus hat uns gelehrt, dass wir eine biologische Art unter biologischen Arten sind und dass auch wir mit allen anderen Arten verbunden sind. Es zeugt von der Verwandtschaft alles Lebendigen, dass Corona Menschen, Nerze und Fledermäuse befällt.
Ökologisch stehen wir bereits am Abgrund: Die Erde hat Fieber. Das Eis schmilzt. Das Massensterben scheint unaufhaltsam. Die Wälder brennen. Der Meeresspiegel steigt. Die Ozeane sterben. Regenfälle werden stärker und Hitzewellen extremer. Wir rasen »mit Vollgas in die Klimakatastrophe«, schreibt der renommierte Meeresbiologe und Klimaforscher Mojib Latif. Jedes Jahr sterben über sieben Millionen Menschen an der Luftverschmutzung, darunter über eine halbe Million Babys schon im Mutterleib, berichtet der »State of Global Air 2020 Report«. Den dritten Weltkrieg führen wir gegen die Natur und damit gegen uns selbst, denn wir sind ein Teil der Natur. Sind wir überhaupt noch zu retten?
Ist die derzeitige Klimaerhitzung tatsächlich eine Situation, die wir noch nie hatten? »Klimaveränderung gab es doch schon immer«, ist das populärste Argument der Klimawandel-Skeptiker. Das ist auch grundsätzlich richtig. Während der Eiszeit stieg die Temperatur um ein Grad in 1000 Jahren – und wir haben die Eiszeit überlebt. Doch dieselbe Veränderung haben wir in den letzten 100 Jahren erlebt und in den nächsten Jahrzehnten werden noch drei bis vier Grad oder mehr dazukommen, wenn wir alles verbrennen, was heute noch an fossilen Rohstoffen im Boden ist. Das ist ein fundamentaler Unterschied zu früheren Temperaturveränderungen. Noch nie in der Geschichte wurde das Klima so rasch und so gründlich verändert wie zu unserer Zeit. Deshalb scheint mir Klimaerhitzung das treffendere Wort zu sein als das harmlos klingende »Klimawandel«.
Die meist älteren Klimawandel-Skeptiker verdrängen die Zeitbombe »Klimaerhitzung« und drücken die Augen zu vor diesem Zeitzünder, der in unserer Gegenwart abbrennt. Im Lärm der Zeit überhören sie das leise Ticken der Bombe. Sie wollen die Dinge, wie sie wirklich sind, einfach nicht zur Kenntnis nehmen, auch mithilfe von Verschwörungstheorien.
Viele junge Menschen, die »Fridays for Future«-Bewegung vor allem, sehen sich wegen der Klimaerhitzung schon heute als Generation ohne Zukunft. Sie haben ja so recht, wenn sie rufen: »Wir sind hier, und wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut.« Uns Älteren stellt sich diese Frage: Sind wir die Generation, welche die Erderhitzung zu verantworten hat, oder die Generation, welche die Erderhitzung noch stoppen konnte?
Wenn wir den Klimawandel nicht stoppen, dann wird die Arktis in 15 Jahren eisfrei sein. Klimaerhitzung heißt: Erst verlieren die Eisbären den Boden unter den Füßen, dann wir Menschen. Der dritte Weltkrieg, den wir heute gegen die Natur führen, ist ein Krieg der Menschen gegen alle anderen Arten – und gegen uns selbst.
Der frühere US-Vizepräsident Al Gore schrieb schon 2008 in seinem Bestseller »Eine unbequeme Wahrheit«: »Die Wissenschaft ist sich einig: Wir sind der Grund für die globale Erwärmung.« Aber 2021 sitzt im Deutschen Bundestag eine Partei, die noch immer bestreitet, dass der Klimawandel etwas mit dem menschlichen Verhalten zu tun hat. Die AfD ist wissenschaftsblind und zukunftsvergessen. Erwartet uns ein Ende mit Schrecken oder eher ein Schrecken ohne Ende? Die Antwort auf diese Fragen kann möglicherweise entscheidend sein für das Fortbestehen der Menschheit und ihrer Zivilisation. Die Frage aller Fragen heißt jetzt: Wie wird die Welt klimaneutral, und wie bleibt sie lebenswert?
3. Die Grenzen des Wachstums
1972 veröffentlichte der renommierte Wissenschaftsklub »Club of Rome« seine berühmten »Grenzen des Wachstums«. 30 Millionen Mal wurde dieses wichtige Buch gekauft. Darin heißt es: »Wenn man sich entscheidet, nichts zu tun, entscheidet man sich in Wirklichkeit, die Gefahren des Zusammenbruchs zu vergrößern.« Die Kernthese des »Club of Rome«: Auf einem begrenzten Planeten kann es kein unbegrenztes Wachstum geben. Sonst wachsen wir uns zu Tode. In unserer materiellen Welt wächst nur der Krebs ewig. Oder aktuell: Eine Gesellschaft, welche die Grenzen des Wachstums nicht beachtet, bekommt Corona.
Damit aber Technik und Ethik zusammenfinden, bedarf der »Club of Rome« vielleicht der Ergänzung durch einen »Club of Pope« und seine zeitkritischen Enzykliken. Der energetische Imperativ bedarf des energethischen Imperativs, um erfolgreich zu werden.
Wachstumswirtschaft ist also eine Krebswirtschaft. 45 Jahre später publiziert der damalige Präsident des »Club of Rome«, Ernst Ulrich von Weizsäcker, das Buch »Wir sind dran« und schreibt: »Heute, eigentlich erst seit Mitte des 20. Jahrhunderts, leben wir in einer vollen Welt. Die Grenzen sind greifbar, fühlbar in allem, was wir tun. Und doch, … verfolgt die Welt immer noch eine Wachstumspolitik, als ob wir in der leeren Welt lebten.« 2019 erklärt die 16-jährige Schwedin Greta Thunberg, bekannt geworden durch ihren »Schulstreik für das Klima«, vor den verblüfften Repräsentanten beim UNO-Gipfel in New York: »Ihr habt meine Träume und meine Kindheit gestohlen mit euren leeren Worten. Und dennoch bin ich eine von denen, die Glück haben. Menschen leiden. Menschen sterben. Ganze Ökosysteme brechen zusammen. Wir sind am Anfang eines Massensterbens, und alles, worüber ihr redet, sind Geld und Märchen über ewiges Wirtschaftswachstum. Wie könnt ihr es wagen?« »How dare you?«, fragt die Klima-Aktivistin mehrfach in ihrer weltweit publizierten Rede.
Greta Thunberg redete den Mächtigen dieser Welt mit einer Radikalität ins Gewissen wie sonst noch niemand: »Wir stehen vor einer Katastrophe unaussprechlichen Leidens für eine riesige Anzahl von Menschen. Und jetzt ist nicht die Zeit, um höflich zu sprechen oder sich darauf zu fokussieren, was wir sagen oder nicht sagen können. Jetzt ist die Zeit, um Klartext zu reden. Die Klimakrise zu lösen, ist die größte und komplexeste Herausforderung, vor der homo sapiens je stand. Die wichtigste Lösung aber ist so einfach, dass selbst ein kleines Kind sie verstehen kann. Wir müssen die Treibhausgas-Emissionen stoppen. Und entweder wir machen das, oder wir machen es nicht …
Wir müssen in unseren gegenwärtigen Gesellschaften fast alles ändern. Je größer euer CO2-Fußabdruck, desto größer eure moralische Verpflichtung … Erwachsene sagen immer wieder: »Wir schulden es den jungen Menschen, ihnen Hoffnung zu geben.« Aber ich will eure Hoffnung nicht. Ich will nicht, dass ihr hoffnungsvoll seid. Ich will, dass ihr Panik habt. Ich will, dass ihr die gleiche Angst spürt, die ich jeden Tag spüre. Und dann will ich, dass ihr handelt. Ich will, dass ihr handelt, wie ihr es in einer Krise tun würdet. Ich will, dass ihr handelt, als stünde euer Haus in Flammen. Denn das tut es.«
Die Wut-Rede der jungen Schwedin erinnert mich an den Slogan der Umweltbewegungen in den Achtzigern, der sich angeblich auf Häuptling Seattle bezieht: »When the last tree is cut down, the last fish eaten, and the last stream poisoned, you will realize that you cannot eat money.« – »Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fisch gegessen, der letzte Fluss vergiftet ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.«
Panik ist wenig hilfreich, sie lähmt eher. Mit Panik legen wir kein einziges Kohlekraftwerk still. Aber in allem anderen, liebe Greta Thunberg, stimme ich Ihnen völlig zu, gerade deshalb, weil Sie auch emotional argumentieren.
Greta Thunberg und ihrer »Fridays for Future«-Bewegung wird oft vorgeworfen, viel zu emotional zu argumentieren. Warum eigentlich?
Als die junge Frau diese Rede hielt, wussten wir noch nichts von Corona. In der Corona-Krise mussten die Politiker auf der ganzen Welt dann tatsächlich so handeln, als stünde unser gemeinsames Haus, die Welt, in Flammen. Und sie taten es wirklich. Sofort.
4. Die Vorgängerin von Greta heißt Angela
Greta Thunberg hatte eine Vorgängerin. Ihr Name: Angela Merkel. Die spätere Kanzlerin hat 21 Jahre bevor Greta vor dem schwedischen Reichstag ihre Klimaproteste begann, das Buch publiziert »Der Preis des Überlebens«, in dem sie als Umweltministerin mehr Klimaschutz als Überlebensfrage der Menschheit anmahnte. Das klang damals beinahe so radikal wie Greta Thunberg heute.
Angela Merkel erklärte 1997 den Klimawandel zu einer Sache von Leben und Tod. Der jungen Schwedin wird heute ein alarmistischer Ton vorgeworfen, wenn sie dasselbe sagt. Dabei wiederholt sie nur, was die deutsche Umweltministerin lange zuvor schon geschrieben und gefordert hatte. Merkels Forderungen damals:
eine CO2-Steuer;
Klimaschutz sei nicht zum Nulltarif zu haben;
eine weltweite Aufforstung als Mittel, um CO2 zukompensieren;
Förderung des öffentlichen Verkehrs.

Angela Merkels Gedanken und Gespräche über zukünftige Aufgaben der Umweltpolitik
Schon 1995 hatte ich Angela Merkel 750.000 Unterschriften übergeben, welche die deutschen Umweltverbände in der Aktion »Globaler ökologischer Marshallplan« gesammelt hatten. Eine unserer Forderungen hieß Flugbenzinsteuer. Angela Merkel dazu wörtlich: »Da stimme ich Ihnen voll zu.«

Angela Merkel 1995 mit dem Autor
© bundesregierung.de /Guido Bergmann
Also: Schon zwei Jahrzehnte, bevor Greta Thunberg ihren berühmtesten Satz sagte: »Unser Haus brennt«, war Klimaschutz für Angela Merkel eine Frage des Überlebens. O-Ton Merkel damals: »International wird es nur möglich sein, andere Länder zum Handeln zu bewegen, wenn wir in den Industriestaaten wirklich an unserem Lebensstil etwas ändern.« Vor 23 Jahren wollte Merkel eine CO2-Steuer. Doch bis vor Kurzem stand im CDU-Klimakonzept: »Eine CO2-Steuer lehnen wir ab.«
1997 schrieb Angela Merkel: Wenn man beim Klimaschutz zu lange abwartet, »kann es eines Tages unter Umständen zu spät sein«. Schon 1997 lagen alle wichtigen Klimadaten auf dem Tisch; die Klimawissenschaft hatte gut gearbeitet. Und heute? Sicher ist, dass die Bundesregierung mit dem jetzigen Tempo beim Ausbau der erneuerbaren Energien das Paris-Ziel grandios verfehlen wird. Wenn also heute die Bundeskanzlerin noch als »Klimakanzlerin« bezeichnet wird, dann immer mit dem Zusatz »a.D.«.
Dennoch haben sich Angela Merkel und Ursula von der Leyen mehrmals mit Greta Thunberg und ihrem deutschen Pendant Luisa Neubauer zum gemeinsamen Thema Klima getroffen. Ob Angela Merkel sich dabei an ihr damaliges Buch erinnert hat? Wächst zwischen den vier Frauen doch noch etwas zusammen?, hat »Die Zeit« gefragt. Es klang wie eine ganz vage Hoffnung. Wie zu hören war, ist der Respekt der vier Frauen voreinander gewachsen. Und es soll weitere Treffen geben. Immerhin – europäische Macht und europäisches Gewissen reden miteinander. Und die Gesetze der Politik und die der Physik streiten wohl auch miteinander. Die Hoffnung stirbt zuletzt.
Unser Haus brennt tatsächlich. Fritz Habekuss dazu in »Die Zeit«: »Die Menschheit steht am Anfang eines pandemischen Zeitalters, in dem Sars-CoV-2 die Warnung dafür ist, dass die Belastungsgrenzen des Planeten überschritten wurden.«
Wir Menschen können viel. Und vieles ist anzupacken. Am schwersten fällt uns aber das Nichtstun, das jetzt ansteht: Wälder einfach Wälder sein lassen, statt sie weiter abzuholzen; Meere in Ruhe lassen, statt sie zu überfischen; Moore sich regenerieren lassen, damit sie wieder CO2-Senken werden können. Für Fritz Habekuss sind die Antworten auf diese Fragen entscheidend: »Können sich Tierpopulationen erholen? Wachsen mehr Wälder? Hört das Artensterben auf? Darf Wildnis wild bleiben?« Die Pandemie hat uns vor allem eines gelehrt: Die Natur braucht uns nicht, wir aber sie.
Auch in der Klimapolitik stimmt es, dass »unser Haus brennt«. Und zwar schon heute. Doch die deutsche Politik beschließt den Kohleausstieg für 2038, bestellt also die Feuerwehr für das Jahr 2038. Welchen Sinn macht das denn? Wie intelligent soll das sein? Das ist etwa so, als hätte die deutsche Politik den Impfstoff gegen Corona für das Jahr 2038 bestellt. Das Urteil über diese Politik, liebe Leserinnen und Leser, überlasse ich Ihnen.
Was aber ist nun mit den Grenzen des Wachstums? Brauchen wir eine Wende zum Weniger? Viele afrikanische Staaten brauchen noch viel Wachstum, um der Hunger- und Armutsfalle zu entkommen. Die Industriestaaten brauchen für die solare Energiewende viel Wachstum bei erneuerbaren Energien, und die ganze Welt braucht viel geistiges Wachstum. Wenn die Schulden eines Landes viel schneller wachsen als die Wirtschaft, dann ist dies künstliches Wachstum und nicht nachhaltig. Ich plädiere also für einen differenzierten Wachstumsbegriff.
Viel wichtiger als die ewigen Diskussionen um mehr oder weniger oder gar kein Wachstum scheinen mir also die Themen: Wachstum wofür und die Gerechtigkeitsdiskussion zu sein. Es geht dabei nicht nur um einen Mindestwohlstand, sondern auch um einen Maximalbesitz an Natur oder Immobilien. Auf neue Fragen werden wir neue Antworten finden müssen. Weit wichtiger als die Frage nach den Grenzen des Wachstums scheint mir eine Antwort auf die Notwendigkeit eines anderen Wirtschaftens zu sein, die Antwort auf die Frage: Was heißt eigentlich nachhaltig wirtschaften? Dafür brauchen wir neue Perspektiven, neue Energie und neue Kreativität.
Der ökologische Untergang wird nun schon seit über 50 Jahren prognostiziert. Wir brauchen weniger Angst und mehr Vertrauen in die menschliche Wandlungsfähigkeit. Wir leben auf einem sehr reichen Planeten. Unser eigentliches Thema ist nicht Verzicht, sondern Gewinn. Gewinn an Lebensqualität und Gewinn für die Umwelt. Gewinn nicht für wenige, sondern Gewinn für alle.
Nein zu Corona kann ein Ja zur Klimapolitik beinhalten: Ja zur Artenvielfalt, Ja zu guter Luft und sauberem Wasser, Ja zu mehr Gerechtigkeit, Ja zu einer atomwaffenfreien Welt. Ja! Ja! Ja!
5. Die Angst ist ein Gottesgeschenk
Die »FAZ« vermutete vor Kurzem, 79 Prozent der Beiträge zum Klimawandel in den sozialen Medien zeigten eine ängstliche Haltung. Aber Angst sei doch kein guter Ratgeber für die Zukunft. Jede und jeder habe doch die Möglichkeit, »die Raumtemperatur zu regulieren oder sein Geld nachhaltig anzulegen«.
Der Autor dieses Artikels, ein Wirtschaftsredakteur, beweist gleich zweifach, dass er die Herausforderung nicht verstanden hat. Mit harmlosen Maßnahmen allein lässt sich die Klimaerhitzung nicht aufhalten. Zudem ist er Gefangener einer Denktradition, wonach Verstand und Gefühle ein Gegensatz sind. Wir Menschen bestehen aber aus Verstand und Gefühlen. Und unter den Gefühlen ist die Angst eines der wichtigsten.
Wenn wir unseren Verstand richtig einsetzen, dann fragen wir: Wie berechtigt ist die Angst? Die realistische Antwort: Diese Angst ist nach allem, was wir heute von der Wissenschaft lernen können, sehr berechtigt. Nur unsere Gefühle helfen uns, die Angst richtig zu verstehen und sie rational durchzuarbeiten. Also: Keine Angst vor der Angst. Es ist eher irrational, die Gefühle weiter zu verdrängen. Erst über unsere Gefühle können wir lernen, mit unserer Angst rational zu arbeiten und gegen den Klimawandel effektiv vorzugehen.
Die Klimadebatte wird nicht »zu emotional« geführt oder gar »hysterisch«, wie ebenfalls oft unterstellt wird, sondern zu verstandeseinseitig. Über 30 Jahre lang wurde uns gesagt, das Klima sei vielleicht in Gefahr, aber wir hätten noch viel Zeit, uns damit zu beschäftigen. So geriet das Thema immer weit weg, geografisch, historisch und in unserem Denken. Die Klimaerhitzung wird seit 30 Jahren verdrängt, verschlafen und in die Zukunft verschoben.
Klimaangst, Wut über das Verdrängen der berechtigten Angst und Trauer darüber sind angemessene Reaktionen – im Gegensatz zur Einstellung des »FAZ«-Kollegen.
Unsere Gefühle müssen doch nicht unseren Verstand vernebeln, wenn sie berechtigt sind. Es gilt im Gegenteil die Erkenntnis der Tiefenpsychologie, wonach wir mit unserem Verstand allein nicht zur Vernunft kommen. Greta Thunberg bringt mit ihren Klartext-Reden auch deshalb viele Menschen aus der Fassung, weil sie die Politiker beim Wort nimmt und fordert: Tut doch endlich, was ihr selbst beschlossen habt. Das ist sehr rational.
Anfang 2021 wurde Greta Thunberg 18 Jahre alt. Ihr vormaliges Kindsein besetzte einen zentralen Platz in der weltweiten veröffentlichten Aufmerksamkeit. Von denen, die sie hassen, wurde sie als »verzogene Göre« beschimpft und als Marionette dubioser Kräfte angefeindet. Für ihre Fans hingegen war sie die Klimaheldin, die gerade vom Himmel herabgestiegen ist.
Die »Süddeutsche Zeitung« zu diesem Phänomen: »Als bräuchte es die Hilfe eines Gotteskindes, um die Katastrophe abzuwenden, die der Mensch dadurch lostrat, dass er selbst sich zu gottgleicher Anmaßung verleiten hatte lassen: Wir lassen die Ozeane steigen und verändern das Wetter.«
Andererseits wurde die junge Frau innerhalb weniger Tage von Donald Trump, von Wladimir Putin und von Tayyip Erdoğan verunglimpft. Welch eine Ehre. Das muss man erst mal schaffen.
In solchen Zuschreibungen äußern sich typische Abwehrstrategien, zumal gegenüber kämpferischen Frauen: Greta Thunberg wird als jungfräuliche Retterin à la Jeanne d’Arc verehrt oder als von ihrem Thema besessen abgewertet – beides Distanzierungen, die das eigene Handeln vermeiden.
Tatsächlich wirkt Greta Thunberg immer auch wie eine Nervensäge, weil sie unermüdlich mit wissenschaftlichen Fakten auf die Folgen der Klimaerhitzung und auf die Folgen unseres Tuns hinweist. Viele wollen ihr einfach nicht verzeihen, dass sie recht hat. Faktisch ist sie wie ein Stachel im Fleisch der alten, wirkmächtigen, regierenden Männer und unser aller Bequemlichkeit.
Die inzwischen Volljährige will weiter als Klimaaktivistin kämpfen: »Wir betteln nicht bei Entscheidungsträgern. Sie haben uns in der Vergangenheit ignoriert, und sie werden es weiterhin tun. Aber die Dinge werden sich ändern, ob es ihnen gefällt oder nicht.«
Hand aufs Herz, liebe Leserin und lieber Leser: Hätten Sie 2017 geglaubt, dass ein 17-jähriges Mädchen mit Zöpfen und einem selbst beschrifteten Pappschild »Skolstrejk för Klimatet« die ganze Welt beim Thema Klimaschutz aufrütteln kann?
Auch der alte Arnold Schwarzenegger erklärte Greta zu seiner »Heldin«, der Formel-1-Rennfahrer Sebastian Vettel sieht in ihr seine »Inspiration«, und der britische »Guardian« macht aus ihr einen »Rockstar«. Der Papst trifft sie, und der Dalai Lama lädt mit ihr und mit Klimaforschern zu einer Video-Konferenz. Greta selbst nennt sich »uninteressant«, und genau das macht sie für viele junge Leute interessant und glaubwürdig.
Die Angst ist jedem Menschen angeboren, für mich ist sie ein Geschenk Gottes. Sie gehört für Menschen und für Tiere zur Urausstattung. Ohne die Realität der Angst hätte ich in meinem langen Leben noch viel mehr Fehler gemacht. Ich habe erst in der Mitte meines Lebens in einer Jung’schen Traumtherapie gelernt, keine Angst mehr vor der Angst zu haben und dabei auf meine Träume zu achten. Ich lernte mich vielmehr zu fragen, wie berechtigt die Angst in bestimmten Gefahrensituationen ist. Erst dadurch konnte ich auch mehr Vertrauen ins Leben aufbauen.
»Eine gefühlsgeladene Klimadebatte«, so die Psychologin Rebecca Fleischmann und die Soziologin Judith Pape in der »TAZ« zum Artikel in der »FAZ«, »bedeutet, dass zunehmend mehr Menschen verstanden haben: Die ökologische Katastrophe ist nichts Abstraktes, sondern wird in den nächsten Jahrzehnten massive Auswirkungen auf unsere eigenen Lebenspläne haben.«
Die Angriffe, denen Greta Thunberg nach ihrer UNO-Rede ausgesetzt war, zeigen, dass immer noch viele Menschen die drohende Gefahr eher verdrängen, als sich ihrer uneingestandenen Angst davor zu stellen. Die Abwertung und Abwehr emotionaler Lernprozesse ist nicht neu, sie wurzelt in der westlichen Denktradition seit der Aufklärung – einer Denktradition, in der Gefühl und Vernunft lange als Gegensätze galten.
Sowohl in unserem Privatleben als auch in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft führt die Angst oft ein Eigenleben. Rational mit diesem Gefühl umzugehen, ist geradezu ein Schlüssel zur Zukunft. Nur so werden wir mit kluger Gelassenheit lernen, die Zukunft neu zu gestalten.
Die Angst vor der Angst ist noch immer dieselbe Denktradition, in der Frauen als »emotionale Wesen« diffamiert wurden und die zu den größten Katastrophen der Menschheitsgeschichte geführt hat. Ihre wichtigsten Repräsentanten zu meiner Lebenszeit hießen und heißen: Hitler, Stalin, Mussolini, Franco – vertraute Namen für uns Vorkriegskinder – oder in neuester Zeit: Trump, Putin, Xi oder Erdoğan. Ausschließlich Männer. Zufall?
Auch nach 16 Jahren, in denen Angela Merkel Bundeskanzlerin war, sind die Machtspiele in Politik, Wirtschaft und Religion überall auf der Welt weitgehend eine Angelegenheit der Männer. Anna Mayr recherchierte für »Die Zeit« im Januar 2021: »Es gibt in Deutschland 14 Ministerpräsidenten und zwei Ministerpräsidentinnen. Der Frauenanteil in deutschen Landtagen liegt bei etwa 30 Prozent. 91 Prozent der Bürgermeister sind Männer. Und in allen deutschen Parteien sind unter den Mitgliedern mehr Männer als Frauen, bei der FDP und der Linken ist der Frauenanteil seit den Neunzigern sogar zurückgegangen. Es muss also etwas geben, das Frauen von der Politik fernhält, das aber gleichzeitig nicht öffentlich besprochen werden kann. Und wenn es doch besprochen wird, dann so, als hätte es nichts mit Politik zu tun, sondern nur mit Befindlichkeiten. Oder auch: Empfindlichkeiten.«
Zu unserem Glück stehen inzwischen auch eine Reihe von klugen Frauen an der Spitze von Staaten: Jacinda Ardern in Neuseeland, Sanna Marin in Finnland, Angela Merkel in Deutschland, Tsai Ing-wen in Taiwan, Sophie Wilmes in Belgien, Katrin Jakobsdottir in Island und Mette Frederiksen in Dänemark. Eine Studie untersuchte 2020 den Umgang verschiedener Staaten mit der Corona-Krise. Das Ergebnis: Die Staaten, in denen Frauen regierten, hatten sechsmal geringere Todeszahlen.
Im von Angela Merkel regierten Deutschland freilich waren auch beim zweiten Lockdown die Corona-Todeszahlen überdurchschnittlich hoch. Der Hauptgrund: Angela Merkel hatte sich mit ihrer konsequent harten Corona-Politik nicht immer gegen die mehrheitlich männlichen Ministerpräsidenten durchsetzen können und musste gestehen: »Das Ding ist uns entglitten.«
Eine andere Studie, für die 5000 Unternehmensvorstände aus 60 Ländern befragt wurden, zeigte auf, dass Firmen mit einem ausgewogenen Verhältnis von Männern und Frauen innovativer waren.
Die Gesellschaften entwickeln sich weiter, und die alten Denktraditionen stoßen heute immer mehr auf Kritik. Auch in der Umwelt- und Klimabewegung oder in der Demokratiebewegung in Belarus spielen Frauen eine immer wichtigere Rolle. Diese Bewegungen reagieren nicht »überemotional«, sondern so emotional wie rational, also intelligent.
Rebecca Fleischmann und Judith Pape: »Emotionales Verständnis ist keine Schwäche, sondern ein Fortschritt, den wir verteidigen sollten, wenn im öffentlichen Diskurs Klimagefühle diskreditiert und im selben Atemzug eine zerstörerische Politik als ›vernünftig‹ dargestellt wird.«
6. »Unser Haus brennt«
2020 stand unser Haus tatsächlich in Flammen. In Australien brannten monatelang riesige Waldflächen und zerstörten mindestens 70 einheimische Tierarten. Im selben Jahr brannte die halbe Welt. Die sibirische Stadt Werchojansk war bisher für ihren Kälte-Weltrekord von minus 76 Grad bekannt. Am 20. Juni 2020 wurde dort, nördlich des Polarkreises, eine ganz andere Rekordtemperatur gemessen: plus 38 Grad, 18 Grad über den jahreszeitlichen Mittelwerten.
Auf dem virtuellen Weltwirtschaftsforum 2021 in Davos hieß das Motto »It’s the climate«. Klimaerhitzung und Umweltschäden seien die größten Gefahren für die Wirtschaft der Zukunft. Beim Wiederaufbau der Wirtschaft nach der Pandemie müsse der Klimaschutz zwingend berücksichtigt werden. Das letzte Jahrzehnt war das heißeste seit 1880. Seit 1980 werde jedes Jahrzehnt wärmer, ermittelte die Weltmeteorologiebehörde WMO. In den letzten 150 Jahren sei es global bereits um 1,2 Grad wärmer geworden. Schon in wenigen Jahren, vielleicht sogar schon 2024, könnte die globale Temperatur nahe am Paris-Ziel von 1,5 Grad angelangt sein.
Alle Umfragen zur Umwelt, aber auch die praktizierte Willkommenskultur gegenüber einer Million Flüchtlingen im Jahr 2015 zeigen, dass die Zivilgesellschaft offener, flexibler, hilfsbereiter und zukunftsfähiger ist als die Institutionen, welche diese Gesellschaft abbilden sollen. Sie ist oft viel weiter als die Agrarlobby, die Autolobby, die Kohlelobby oder die Autobahnlobby und oft auch weiter als die Politik. Deshalb besteht gerade jetzt die Chance, dass der Kampf gegen die Klimaerhitzung aus den Lektionen der Corona-Krise Energie bezieht für eine gerechtere und ökologischere Welt. Der Green New Deal der Europäischen Union könnte hierfür ein Anfang sein. Daraus können sich ungewöhnliche Allianzen ergeben für eine wirkliche Transformation. Eine bessere Welt ist möglich.
Während ich dieses Buch schrieb, wurde ich von einem US-amerikanischen Magazin gefragt, was Eltern tun können, um ihre Kinder bei der »Fridays for Future«-Bewegung zu unterstützen. Meine Antwort:
»Erstens: Eltern sollten zusammen mit ihren Kindern auf die Straße gehen und für eine effizientere Klimaschutzpolitik ihrer Regierung demonstrieren.
Zweitens: Eltern und Kinder sollten gemeinsam überlegen, wie viel Energie sie in ihrer Wohnung einsparen können.
Drittens: Eltern und Kinder sollten gemeinsam versuchen, möglichst viel Energie über Sonne und Wind selbst zu erzeugen oder Ökostrom zu beziehen.
Viertens: Gemeinsam sollen sie überlegen: Brauchen wir wirklich ein großes Auto, oder steigen wir auf ein kleineres Elektro-Auto um? Können wir für das E-Auto den Strom selbst produzieren? Und …
Fünftens: Wir sollten unser Essen auf gesunde biologische Nahrung umstellen.«
Unter meinen Leserinnen und Lesern wird es kaum jemanden geben, der diese Vorschläge, zumindest teilweise, nicht umsetzen könnte. Wir haben so viel selbst in der Hand.
Die nächste Frage lautete: Was kann ein Unternehmen für mehr Nachhaltigkeit tun? Und meine Antwort:
»Erstens: Den Papierverbrauch reduzieren.
Zweitens: Wasserverbrauch und Energieverbrauch minimieren.
Drittens: Weniger Dienstreisen und mehr Video-Konferenzen.
Viertens: E-Autos statt Benziner.
Fünftens: Mehr Arbeit im Homeoffice.«
Niemand hindert Sie daran, liebe Leserin und lieber Leser, für diese Vorschläge in Ihrem Betrieb zu werben.
2021 ist ein gutes Jahr, um für das 21. Jahrhundert damit zu beginnen. Aus den Erfahrungen in und mit der Corona-Krise können wir Energie und Inspirationen für die gegenwärtigen Krisen gewinnen. Die Dynamik der Marktkräfte kann auch das Positive, wie die erneuerbaren Energien, exponentiell wachsen lassen, wenn die Politik dafür die richtigen Rahmenbedingungen schafft, zum Beispiel eine allmählich ansteigende CO2-Steuer.
Trotzdem: Die katastrophalen Auswirkungen der Massentierhaltung sind uns längst bekannt, aber handeln wir bei unseren Einkäufen danach? Die Welt zu retten, fängt auf dem Teller an. Doch die Mehrheit von uns konsumiert noch immer nach dem Motto »Hauptsache billig«. Dabei ist nichts so teuer wie billiges Essen. Jahr für Jahr müssen wir Deutschen 75 Milliarden Euro für Gesundheitskosten aufbringen wegen des billigen, aber ungesunden Essens. Alle Mediziner sind sich einig: Wir essen zu viel Fleisch. Mit weniger oder keinem Fleisch »schenken wir uns selbst Gesundheit, Tieren das Leben und der Welt Frieden, weil wir damit Hungernden nichts mehr wegessen und der Umwelt eine Verschnaufpause gewähren« (Rüdiger Dahlke).
Der erste Schritt zur Rettung ist die Erkenntnis, dass die Klimakrise letztlich eine Menschenkrise ist. Deshalb ist der Klimawandel in uns die Voraussetzung für den Klimawandel um uns. Wir leben im Zeitalter der Mensch-Natur-Krise. Deshalb die Klimaerhitzung, deshalb das Artensterben, deshalb die Corona-Krise!
99 Prozent der Wissenschaftler geben uns noch 15 Jahre Gnadenfrist, 15 Jahre für eine mögliche Umkehr. Ökologisches Leid entsteht überall auf der Erde, es nimmt Jahr für Jahr zu und trifft alle Lebewesen. Die ganz große Frage ist: Schaffen wir die Umkehr im Sinne von Konfuzius durch Nachdenken, durch Nachahmen und durch Erfahrung? Der bekannteste deutsche Klimaforscher, Hans Joachim Schellnhuber, hat das Buch »Selbst-Verbrennung – Die fatale Dreiecksbeziehung zwischen Klima, Mensch und Kohlenstoff« publiziert. Tatsächlich benehmen wir uns wie Pyromanen, denn wir verbrennen heute an einem Tag so viel Kohle, Gas und Erdöl, wie die Natur in einer Million Tagen angesammelt hat. Damit verbrennen wir die Zukunft unserer Kinder, Enkel und Urenkel. Tatsächlich ist die Klimakrise eine Menschenkrise. Nicht das Klima ist das Problem, sondern der von Menschen gemachte Klimawandel.
Das schwierigste politische Problem ist, dass die Klimaschmutz-Lobby (Autoproduzenten, Agrarverbände, Energiekonzerne) noch immer stärker ist als die Klimaschutz-Lobby (Umweltverbände wie Greenpeace oder BUND, die Vertreter der erneuerbaren Energien und Energiegenossenschaften). Während der Legislaturperiode 2013 bis 2017 hatten in Berlin die Vertreter der Klimaschmutzverbände 43 Termine im Kanzleramt und im Wirtschaftsministerium, die Vertreter der Klimaschutzverbände vier Termine. Verhältnis zehn zu eins! Alles klar?
UNO-Generalsekretär Guterres sagte im Dezember 2020 an der Columbia-Universität in New York drastisch: »Die Menschheit führt einen Krieg gegen die Natur. Lassen Sie uns klar sagen: Menschliche Aktivitäten sind die Wurzel unseres Abstiegs ins Chaos … Unser Planet ist kaputt. Die neue Realität sind apokalyptische Feuer und Überschwemmungen.« Die Corona-Krise biete aber auch eine Chance: »Die Corona-Erholung und die Reparatur des Planeten können zwei Seiten derselben Medaille sein.« In diesem Sinne könne Corona »eine Generalprobe für die Welt der kommenden Herausforderungen« sein. Könne! Beides ist möglich: Wir können den Gestaltungsraum nutzen oder ihn auch verschlafen. (Eine solche Weckruf-Rede war zuvor – außer vielleicht von Greta Thunberg – vor der UNO noch nie gehalten worden. Leider hat sie auch in den deutschen Medien eine viel zu geringe Beachtung gefunden. Deshalb ist sie im Anhang dieses Buches komplett abgedruckt, s. S. 272 ff.)
Seit 20 Jahren warnen die Generalsekretäre der UNO, »jetzt« sei endlich Zeit zu handeln beim Klimaschutz. Die Staaten sollten endlich »den Klimanotstand ausrufen«, mahnte Guterres. Seine Rede klang wie die Worte eines Verzweifelten. Der Klimanotstand ist schon längst da. »Ob man ihn so nennt oder nicht, macht keinen Unterschied«, schrieb die »Süddeutsche Zeitung«.
Das gilt beim Klimaschutz genauso wie bei den vielen Reden zur Abrüstung, die seit Jahrzehnten vor der UNO gehalten werden.
Hinzu kommt: Nach großen Erfolgen bei der Abrüstung der Atomwaffen in den Neunzigern stehen wir heute vor einem erneuten atomaren Wettrüsten und damit vor der Gefahr eines Atomkriegs.
Doch es gab und gibt auch Lichtblicke und Hoffnungszeichen für eine bessere Zukunft:
Am 7. Juli 2017 haben 123 Staaten in der UNO den Atomwaffen-Verbots-Vertrag beschlossen. Er trat am 22. Januar 2021 in Kraft, nachdem ihn 50 Staaten ratifiziert haben. Das ist ein großer Erfolg für die Friedensbewegung und ist ein wichtiger Schritt hin zu einer Welt ohne Atomwaffen, das bisher deutlichste Zeichen für eine atomwaffenfreie Welt. Ein Sieg für die Menschheit.
Seit dem Jahr 2000 hat sich der Solarstrom global mehr als ver-120-facht und der Windstrom ver-80-facht. Das 21. Jahrhundert wird das Jahrhundert der erneuerbaren Energien. Das könnte der konstruktive Beitrag für den Rettungsprozess sein.
In Deutschland wurden zur Jahrtausendwende etwa fünf Prozent Ökostrom produziert, heute über 50 Prozent.
Selbst unter dem Klimaleugner Donald Trump, der Kohle, Öl und Fracking-Gas favorisierte, ist in den Jahren 2016 bis 2020 die Solarenergie in den Vereinigten Staaten etwa 5-mal schneller gewachsen als die US-Wirtschaft im selben Zeitraum. Warum? Weil die Menschen es so wollten und selbst organisierten. Das ist »Unsere Zukunft neu gestalten« ganz konkret und praktisch.
Die Unternehmensberatung McKinsey hat errechnet, dass durch die Energiewende bis 2050 in der EU sechs Millionen Jobs wegfallen, aber elf Millionen neue Jobs hinzukommen.
Seit Ende 2020 gibt es endlich Hoffnung für den Klimaschutz: Der Fantasterei völlig unverdächtige Regierungen haben innerhalb weniger Monate bekannt gegeben, dass sie bis zur Mitte des Jahrhunderts »klimaneutral« werden wollen: China, Südkorea, Japan und nach Bidens Sieg auch die USA. Die EU hat sich mit dem Green Deal diesem Ziel schon 2019 verschrieben. Damit haben sich immerhin zwei Drittel der Weltwirtschaft zum effektiven Schutz des Weltklimas entschieden. Vielleicht ist 2021 das Wendejahr, um beim Klimaschutz gerade noch die Kurve zu kriegen. »Die Zeit« dazu: »Zukunft passiert nicht, sie wird gemacht.« Klimaneutralität meint: Weniger Treibhausgase emittieren, mehr zurückholen. Immer mehr Firmen werben mit klimaneutralen Produkten. Die Klimawissenschaft sagt uns freilich: Um noch das Schlimmste zu verhindern, müssen sich alle komplett von fossilen Rohstoffen verabschieden, und zwar bereits spätestens zwischen 2035 und 2040. Nie gab es so viele ökonomische Anreize, in die richtige ökologische Richtung zu denken, zu handeln und zu investieren. Es ist bereits erwiesen, dass ein höherer CO2-Preis verhindert, dass wir weiterhin die Atmosphäre als Müllkippe missbrauchen. Das ist ein Grund zur Hoffnung. Die Chance ist groß, dass die Zwanzigerjahre unseres Jahrhunderts das Jahrzehnt der erneuerbaren Energien werden. Donald Trumps Plan, das Pariser Klimaabkommen kaputt zu machen, ist krachend gescheitert.
14 Länder – darunter wichtige maritime Nationen, wie Japan, Kanada, Australien, Norwegen, Kenia, Chile und Indonesien, aber auch kleine Inselstaaten, wie Fidschi und Palau – haben beschlossen, bis 2025 eine zu 100 Prozent nachhaltige Bewirtschaftung der Meere vor ihren Küsten zu erreichen. Nur wenn es gelingt, die Erwärmung bei 1,5 Grad gegenüber 1880 zu stoppen, können diese Ziele auch erreicht werden. Zudem will diese »G14«, dass künftig mindestens 30 Prozent der gesamten Meeresfläche unter Schutz gestellt wird. Das heißt, dass hier zum Schutz der Meeresumwelt Bergbau und andere Formen der Ausbeutung von Ressourcen verboten sind. Meere zu schützen, zahlt sich langfristig ökonomisch und ökologisch aus. Bisher sterben weltweit die Korallen. Doch sie sind die Baumeister am Meeresgrund. Ausgedehnte Reservate können das Artensterben und die Klimaerhitzung bekämpfen.
Corona hat unerträglich überlaute Lärmmaschinen beseitigt: die viel zu vielen Flugzeuge am Himmel. Die Zahl der Flugreisenden ging 2020 global um zwei Drittel zurück.
Der Abstand zwischen Europa und Afrika wird kleiner. Die Lebenserwartung steigt, die Sterblichkeitsrate von afrikanischen Müttern und Kindern sinkt. Es entstehen mehr innerafrikanische Handelsbeziehungen. Die afrikanische Mittelschicht wächst. Europäische Medien befassen sich zu wenig mit den positiven Veränderungen in Afrika. Afrika kam mit seinen langen Pandemie-Erfahrungen besser durch die Corona-Krise als Europa. »Europa hätte von Afrika lernen können«, sagt die frühere Ministerpräsidentin von Senegal, Aminata Touré, dem »Spiegel«.
Äthiopien hat im Jahr 2019 innerhalb von zwölf Stunden 345 Millionen Bäume gepflanzt. Davon inspiriert und von der kenianischen Umweltpolitikerin und Friedensnobelpreisträgerin Wangari Muta Maathai beeindruckt, gründete der damals neunjährige Felix Finkbeiner die Kinder- und Jugendorganisation »Plant-for-the-Planet«; sie hat in den letzten zwölf Jahren über sechs Millionen Bäume gepflanzt (s. S. 150 ff.). Ihr Ziel: 1000 Milliarden Bäume pflanzen! Wir können »Eine Kultur der Freude bauen« (Rony Lüthi).
Eine kleine kirchliche Jugendorganisation in Kenia hat, finanziell unterstützt von einer bayerischen Kirchengemeinde, eine Million Bäume gepflanzt. Der Organisator, Engelbert Groß, ein deutscher Theologie-Professor, schrieb über das Ergebnis: »Die Gegend war durch enorme Waldrodungen zur Halbwüste geworden. In den Jahren zwischen 1985 und 1997 haben wir eine Million Bäume gepflanzt. Heute sind die Bäume groß gewachsen und haben ein dichtes Blätterwerk. Das Klima in der Region hat sich durch den neuen Bewuchs verändert. Es gibt mehr Regen, die Flüsse führen mehr Wasser, die Ernten sind ertragreicher. Die Einkommen der Menschen sind gestiegen. Früher gab es in dieser Gegend eine weiterführende Schule. Heute gibt es sechs davon … Unsere Bäume gedeihen prächtig. Sie dienen nicht nur den Menschen, sondern auch den Tieren. Sie spenden Schatten, und in der Trockenzeit können die Blätter an die Ziegen, Schafe und Kühe verfüttert werden.« Solche Beispiele können wir millionenfach wiederholen.
Im Januar 2021 beschlossen 50 Staaten auf dem »One Planet Summit« in Paris, Afrika dabei zu helfen, eine »große grüne Mauer« in der Sahelzone zu errichten, eine Wand aus Milliarden Bäumen vom westafrikanischen Senegal bis zum ostafrikanischen Dschibuti aufzuforsten, ein 15 Kilometer breiter und 8000 Kilometer langer Wald.
Zugleich wurde beschlossen, bis zum Jahr 2030 dreißig Prozent der Land- und Meeresfläche unseres Planeten unter Schutz zu stellen.
Afrika und die Sonne! Unser südlicher Nachbar kann ein Kontinent der Hoffnung werden. Deshalb habe ich in einem »Offenen Brief an Papst Franziskus und an die Bischöfe aller Konfessionen« vorgeschlagen s. S. 280), dass sich die Kirchen und alle Weltreligionen an die Spitze einer weltweiten Aufforstungs-Aktion stellen. Kein Netzwerk ist weltweit so gut aufgestellt wie das der Kirchen. Wälder sind die Zierde der Erde. Sie bieten ein Obdach für Kriechtiere und Vögel, für Insekten und Menschen und Nahrung in Hülle und Fülle.
Die ganz große Hoffnung für die Zukunft heißt »Fridays for Future«. Weltweit treibt die Ignoranz der Alten eine ganze Generation auf die Straße.
Die G20-Staaten einigten sich auf die gerechte Verteilung des knappen Impfstoffs gegen Corona – auch an die armen Länder des Südens.
Der Verkauf von Elektro-Autos ist in Deutschland von 2019 auf 2020 um mehr als das Doppelte gestiegen, der Verkauf von Diesel- und Benzin-Autos um 44 Prozent zurückgegangen. Erstmals werden in der EU mehr E-Autos gekauft als Diesel. Noch einige Jahre zuvor war die Antwort der deutschen Autowirtschaft auf die Zukunft des Autos: Diesel-Manipulation statt Innovation. In Norwegen fahren im Jahr 2020 bereits 60 Prozent aller neu gekauften Autos elektrisch.
Die Regierung des klassischen Kohle-Landes England hat beschlossen, bis 2025 komplett aus der Kohle auszusteigen und ab 2030 keine Benzin-Autos mehr produzieren zu lassen. Englands Premierminister Boris Johnson kündigte am 8. Dezember 2020, am fünften Jahrestag des Pariser Klimaschutzabkommens an, sein Land werde die Treibhausgase »schneller als jede andere führende Wirtschaft der Welt reduzieren. Damit übernehmen wir heute die weltweite Führung.« Seine Regierung strebe an, die CO2-Emissionen bis 2030 im Vergleich zu 1990 um mindestens 68 Prozent zu verringern. Bislang waren 57 Prozent Reduktion vorgesehen.
Corona hat die deutsche Wirtschaft hart getroffen. Doch viele Unternehmer glauben, dass sie ihre Marktposition gehalten oder sogar verbessert haben – mit Ausnahme der Autofirmen. »Der Spiegel« titelte: »Deutsche Industrie wird gestärkt aus der Pandemie hervorgehen.«
2020 ist das Glücksniveau der Deutschen trotz Corona- bedingter Einschnitte kaum gesunken. 80 Prozent der Befragten gaben an, sie seien froh, während der Corona-Krise in einem Land wie Deutschland zu leben. Die meisten Deutschen vermuten, dass sie 2021 wieder genauso zufrieden sein werden wie vor der Pandemie.
Die Wähler in den USA haben Donald Trump abgewählt. Der neue US-Präsident Joe Biden und seine Vize-Präsidentin Kamala Harris haben angekündigt, dass die stärkste Volkswirtschaft der Welt bis 2035 im Strombereich klimaneutral sein werde. Joe Biden ist der erste Klima-Präsident der USA. Biden und Harris haben mit dem Thema Klimaschutz die Wahl am 3. November 2020 gewonnen. Präsident Trump war ein Klimawandel-Leugner. Mit John Kerry ist nun erstmals ein »Sonderbeauftragter für das Klima« berufen, der als Außenminister unter Präsident Obama das Nuklear-Abkommen mit dem Iran, aber auch das Pariser Klimaschutz-Abkommen vorantrieb.
Laut der Albert-Schweitzer-Stiftung verpflichten sich die Lebensmittel-Discounter Aldi-Süd und Aldi-Nord zu mehr Tierwohl für Hähnchen in ihrem Sortiment. Schon 350 Konzerne haben sich der Masthuhn-Initiative der Stiftung angeschlossen, darunter auch Nestlé. Die Stiftung hofft, dass sich weitere Konzerne anschließen. Sie setzt auf mehr Tierwohl und auf eine vegane Lebensweise.
Im Dezember 2019 wählte das finnische Parlament die 34-jährige Sanna Marin zur jüngsten Regierungschefin der Welt. Ihre Koalition besteht aus fünf Parteien, die allesamt von Frauen geführt werden, welche um die 35 Jahre alt sind. Im finnischen Parlament sitzen etwa gleich viele Frauen und Männer. Eine größere Balance zwischen Männern und Frauen auf allen Ebenen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ist die zentrale Voraussetzung für eine bessere Welt. Wenn es uns gelingt, die feminine und die maskuline Schöpferkraft, die in beiden Geschlechtern schlummert, zu integrieren, schaffen wir die eigentliche Voraussetzung für eine bessere, ökologische und friedlichere Welt. 6000 Jahre Patriarchat hat unsere Welt dorthin gebracht, wo wir heute stehen: an den Abgrund! Die Natur sieht immer Ausgewogenheit, Vielfalt und Balance vor, nicht Einseitigkeit, Einfalt und Ungleichgewicht. Alle Umfragen zeigen: Vor allem Frauen und Jugendliche fordern von ihren Regierungen mehr Umwelt- und Klimaschutz.
Keiner der 30 Dax-Vorstände in Deutschland wurde Ende 2020 von einer Frau geführt. Deutsche Chefetagen sind so einseitig männlich besetzt wie ein Männergesangsverein. Die Unterrepräsentation von Frauen in Politik und Wirtschaft wurde bisher als so selbstverständlich hingenommen wie ihre Überrepräsentation im Niedriglohnsektor, bei der Hausarbeit und bei der Armut. Doch 2020 hat die Große Koalition eine Frauenquote beschlossen. Für die 600 größten Konzerne heißt das: In Vorstände mit mehr als drei Mitgliedern müssen sie künftig mindestens eine Frau berufen. Noch lange keine Gleichberechtigung, aber immerhin ein Durchbruch zu diesem Ziel.
In Belarus haben 2020 vor allem mutige Frauen den Diktator Lukaschenko ins Wanken gebracht; seine Wahlmanipulation war offenkundig. Die eigentliche Wahlsiegerin Swetlana Tichanowskaja sagt: »In unseren Köpfen hat eine Revolution stattgefunden … Uns sind förmlich Flügel gewachsen.« Sie ist überzeugt: »Die friedliche Revolution wird siegen.« Die gewaltfreie Revolution in Belarus hat ein Gesicht: Es ist weiblich, hat funkelnde Augen, ist mutig, freundlich und entschlossen zugleich. Es strahlt Kraft und Klugheit aus. Die Heldentaten der friedlich demonstrierenden Belarussinnen und Belarussen werden zu fortschrittlichen Ergebnissen führen. Hoffentlich auch bei den Helden des arabischen Frühlings, der auch nach zehn Jahren nicht vergessen ist. 2011 verdichtete sich der Abscheu gegenüber Repression und staatlicher Willkür von Tunis über Kairo bis nach Tripolis, von Damaskus bis nach Sanaa in dem Slogan: »Das Volk will den Sturz des Regimes.« Diese Freiheitsrufe wirken ansteckend. Solange die Rufe nach Brot, Freiheit und Gerechtigkeit nicht gehört werden, ist die Frage nicht, ob es zu neuen Aufständen kommt, sondern wann. Der nächste Aufstand kommt bestimmt.
Zum Jahresende 2020 schrieb eine Frau in einem Leserbrief der Süddeutschen Zeitung: »Corona hat mir 2020 vor allem gezeigt, was wichtig im Leben ist: Freundschaft, Liebe und ein achtsamer Umgang miteinander. Und natürlich die Gesundheit.« Viele Menschen in unserer Umgebung erlebten auch eine lustvolle Renaissance des Spaziergangs. Gehen ist mehr als Bewegung, Zeitvertreib und Zerstreuung.
Am 1. Januar 2021 lebten 7.837.693.000 Menschen auf unserem Planeten. Viele Menschen fürchten, dass wir bald über zehn Milliarden sind, und sehen im Bevölkerungswachstum das größte Problem unserer Zeit. Zehn Milliarden sind nicht auszuschließen. Aber auch hier zeichnet sich in der Ferne eine Lösung ab: In den letzten 50 Jahren hat sich das Wachstum der Weltbevölkerung bereits halbiert. Die Ursachen: Die Verteilung moderner Verhütungsmittel und der Zugang zu Bildung für Frauen und Mädchen haben sich weltweit verbessert. Bevölkerungssoziologen gehen davon aus, dass ab etwa 2050 die Erdbevölkerung nicht weiter wächst und in vielleicht 50 Jahren zurückgeht, sodass wir in etwa 200 Jahren noch drei bis vier Milliarden Menschen sein werden.
7. Nach Corona: Die großen Probleme bleiben
Doch die großen globalen Probleme der Vor-Corona-Zeit bleiben auch nach Corona bestehen. Leider gehören Deutschland sowie alle neun Atombomben-Mächte (die USA, Russland, China, England, Frankreich, Israel, Indien, Pakistan und Nordkorea) nicht zu den Befürwortern einer atomwaffenfreien Welt. Aber Papst Franziskus, der Groß-Iman von Kairo und der Dalai Lama haben sich als Vertreter der großen Religionen der Forderung nach einer Welt ohne Atomwaffen angeschlossen. Der Dalai Lama sagt allerdings auch: »Ohne Menschen ginge es der Erde besser.«
Hat er nicht recht? Wir Menschen sind schließlich die Ursache für das Artensterben. Wir Menschen haben die Massenvernichtungswaffen erfunden und entwickelt, wir bedrohen uns mit gegenseitiger Abschreckung und Vernichtung, und wir Menschen verursachen die Klimaerhitzung.
Die Überzeugung dieses Buches: Alle notwendigen Technologien für einen Öko-Wumms nach der Corona-Krise sind vorhanden. Jetzt kommt es darauf an, diesen im Sinne von Konfuzius auch wirklich, wirklich gestalten zu wollen. Wir haben die Chance, nach Corona die Zukunft nicht nur neu zu denken, sondern auch, sie neu zu gestalten. Der derzeitige Prozess ist menschengemacht und deshalb auch veränderbar. Dafür wird die neue Jugendbewegung »Fridays for Future« – unterstützt von 28.000 Wissenschaftlern (»Scientists for Future«) aus der ganzen Welt – schon sorgen. Wir haben hier eine ganz neue und effektive Koalition. Schon in der Corona-Krise hat die Politik gelernt, auf die Wissenschaft zu hören. Wohl noch nie haben auf der ganzen Welt Wissenschaftler*innen eine öffentliche Debatte so dominiert wie während der Corona-Krise. Bill Clinton hat noch Wahlen gewonnen mit dem Slogan: »It’s the economy, stupid.« Künftige Wahlen werden gewonnen nach dem Motto: »It’s the ecology, stupid.« Voraussetzung für die nächste Transformation ist, dass die Politik jetzt bei der Klimaerhitzung so intensiv auf die Wissenschaft hört wie in der Corona-Krise.
Politik, Wirtschaft und Gesellschaft müssen mehr Zukunft wagen, das heißt, bei unseren Handlungen mehr an die künftigen Generationen denken. Heute gilt noch zu sehr das Motto: »Nach uns die Sintflut.«
Die Pandemie und die neue globale Jugend- und Kinder-Bewegung »Fridays for Future« sind die Trägerinnen und Treiber für die notwendige Politikwende. Weltweit sollte die Friedensbewegung wieder so aktiv werden, wie sie es eindrucksvoll und erfolgreich vor 40 Jahren gewesen ist. In einem Buch, das ich zusammen mit Michail Gorbatschow geschrieben habe (»Nie wieder Krieg – Kommt endlich zur Vernunft«), hat mir dieser Ausnahmepolitiker bestätigt, dass er seine Politik der atomaren Abrüstung gegenüber seinen Hardlinern nur mithilfe der weltweiten Friedensbewegung durchsetzen konnte. Heute, im Zeitalter der atomaren »Modernisierung«, brauchen wir wieder eine neue, starke Friedensbewegung. Die alten großen Parteien in Deutschland schaffen die Kurve nicht, es braucht eine neue Friedensbewegung. Die Friedensbewegung in den Achtzigern des letzten Jahrhunderts wurde von beinahe der Hälfte der Deutschen unterstützt.
Was wäre ein Atomkrieg? Das habe ich Michail Gorbatschow gefragt. Seine eindeutige Antwort: »Ein Atomkrieg wäre der letzte Krieg in der Geschichte der Menschheit, weil es danach keine Menschen mehr gäbe, die noch einen Krieg führen könnten.« Entweder wir schaffen die Atombomben ab, oder diese schaffen eines Tages uns ab. Wir können realistischerweise nicht davon ausgehen, dass wir immer wieder nur Glück haben werden. Sowohl die Technik als auch ein Politiker kann versagen. Trump in den USA war so unberechenbar, wie Kim es in Nordkorea ist. Beide haben sich ja schon mit gegenseitiger atomarer Vernichtung bedroht. Solchen Menschen ist alles zuzutrauen. Niemand kann uns vor unfähigen Politikern schützen, die zu allem fähig sind. Der frühere US-Präsident Nixon schrieb in seinen Memoiren, dass er während seiner Amtszeit dreimal an den Einsatz von Atombomben gedacht habe. Auch 1961 bei der Kuba-Krise stand die Welt am Rande einer atomaren Vernichtung. Alles, was technisch möglich ist, wird irgendwann passieren.

Michail Gorbatschow mit Franz Alt. Der Staatspräsident der Sowjetunion setzte mit Glasnost und Perestroika neue Akzente in der
russischen Politik.
© Bigi Alt, Baden-Baden
Und was wäre die weitere Klimaerhitzung? Die lapidare Antwort der Chefin der Europäischen Zentralbank, Christine Lagarde: »Wir werden geröstet, getoastet und gebraten.« Naturwissenschaftler sagen es so: Die Welt schmilzt, erhitzt und flutet. Es ist dieselbe Katastrophe. Und sie ist menschengemacht.
Also: Welche Zukunft wollen wir? Eine Zukunft der Trostlosigkeit oder eine Zukunft der Hoffnung und Lebensfreude? Noch haben wir die Antwort auf diese Frage selbst in der Hand. Mahatma Gandhi: »Sei selbst die Veränderung, die du in der Welt sehen möchtest.«
Wie könnte die Veränderung ganz konkret und praktisch aussehen? Ein Beispiel: Noch nie wurde in Deutschland so viel herumgereist und herumgeflogen wie im Jahr 2019. Über 55 Milliarden Euro wurden allein für Dienstreisen ausgegeben, hat der Reisemanagementverband VDR errechnet. Muss man tatsächlich mehrmals am Tag in einen Flieger steigen, um an einem zweistündigen Treffen teilzunehmen? Im Corona-Jahr 2020 haben wir gelernt, dass man Geschäftsverbindungen auch intelligenter, gesünder und umweltfreundlicher per Video-Konferenz aufrechterhalten kann. Wie viele der 195 Millionen Geschäftsreisen im Jahr 2019 waren wirklich notwendig? Jetten war plötzlich out und viele Geschäfte verliefen genauso gut. Das hätten wir auch schon vorher lernen können, haben wir aber nicht.
Erst in der digitalen Begegnung haben wir gelernt, was wir schon früher wussten. Erst im Corona-Jahr 2020 haben Firmen wie die Deutsche Post, die Telekom, auch Bayer und Thyssenkrupp entschieden, mehr auf Videokonferenzen als auf Dienstreisen zu setzen. Eine Umfrage des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft bei 500 großen deutschen Firmen ergab, dass 90 Prozent ihre Dienstreisen kritisch überprüfen wollen. Alte Gewohnheiten waren noch nie eine sinnvolle Begründung, um an etwas festzuhalten, das eigentlich schon lange ausgedient hat.
Erst jetzt haben wir realisiert, was wir schon früher wussten: Wir Menschen sind nicht allein auf dieser Welt. Doch auf dem Auge »Tierwohl« waren wir zu lange blind. Wir sind den Tieren zu nahe gerückt, haben ihnen zu viel Platz weggenommen. So kommen die Vogelgrippe von Vögeln, HIV von Affen und Corona und Ebola von Fledermäusen zu uns Menschen. Eine der Ursachen der Corona-Pandemie ist die sogenannte Zoonose, bei der mutierte Tierseuchen-Erreger auf Menschen übertragen werden. Der globale Welttierhandel bringt unterschiedliche Tierarten auf engstem Raum zusammen; Viren können leicht in ihren Körper eindringen. Die Tiere werden der Wildnis, ihrem Lebensraum, entrissen und gelangen auf Märkten und im Handel zwangsläufig mit Menschen in Kontakt. Sie stehen unter Stress, und ihr Immunsystem ist geschwächt. Eine perfekte Voraussetzung für eine Pandemie.
In Dänemark wurde ein »Cluster-5-Virus« von Tieren auf Menschen übertragen. Deshalb mussten dort zehn Millionen Nerze getötet werden. Die Tiere wurden in Massentierhaltung in engen Nerzfarmen gezüchtet, während sie sonst ihren Lebensraum in der freien Natur haben. Exotische Tiere werden gejagt, gefangen, auf Tierbörsen gehandelt. Auch in Deutschland gibt es einen illegalen Handel mit exotischen Tieren. Geschützte und seltene Tiere erzielen einen hohen Preis. Jetzt ist die Politik gefragt. Nur ein Verbot der Haltung in artfremdem Raum kann dazu verhelfen, langfristig Pandemien zu vermeiden.
Es müssen dafür Milliarden von Euro aufgewendet werden, um Korallenriffe wieder herzustellen, Wälder aufzuforsten und Regenwälder sowie Räume für Wildtiere zu schützen. Zurzeit aber verlieren wir pro Jahr eine Milliarde Bäume, und wir rotten jedes Jahr beinahe eine drei Viertel Million Tier- und Pflanzenarten aus. Es gab einmal 6000 Milliarden Bäume, heute haben wir noch circa 3000 Milliarden. Immerhin haben 50 Regierungen – darunter auch die deutsche – Anfang Januar 2021 in Paris erklärt, bis 2030 dreißig Prozent des Planeten unter Naturschutz stellen zu wollen. Immerhin ein erster Schritt in die richtige Richtung.
8. Was lernen wir aus der Corona-Krise?
Diese Frage kann man so beantworten wie die Queen von England: »Better days will come.« Die Dame ist 95 Jahre alt, hat schon viel gesehen und erlebt und muss es folglich wissen.
In ihrem weltweit gefeierten Gedicht »Und die Menschen blieben zu Hause«, das Stefano Di Cristofaro und Paul Pereda zu einem schönen Kindermalbuch illustriert haben, schreibt die Autorin Kitty O’Meara: »Und die Menschen blieben zu Hause. Und sie hörten einander zu und lasen Bücher – und ruhten sich aus – und spielten Spiele – und sie lernten, auf eine neue Art zu leben – und kamen zur Ruhe. – Und sie hörten genauer hin. – Manche meditierten – manche beteten – manche tanzten. – Manche begegneten ihren Schatten. – Und die Menschen begannen, anders zu denken. Und die Menschen heilten. – Und in Abwesenheit der rücksichtslosen, gefährlichen und herzlosen Lebensweisen der Menschen begann die Erde zu heilen. Und als die Gefahr vorüber war und die Menschen wieder zusammenkamen, betrauerten sie ihre Verluste und trafen neue Entscheidungen, und sie träumten von neuen Ideen und schufen neue Lebensweisen, um die Erde vollständig zu heilen, so wie auch sie geheilt worden waren.«
In einem Interview sagt die Autorin: »Das Virus bringt uns zwar eine Krankheit, aber wir haben die Möglichkeit, uns lebendiger als je zuvor zu fühlen. Wir können uns ausruhen. Wir können uns hinsetzen und den Vögeln zuhören, wir können kreativ werden, etwas Neues lernen.«
Schön und gut so. Denn das kann jede und jeder selbst entscheiden. Gerade in den dunkelsten Stunden unseres Lebens ist es manchmal möglich, unser hellstes Licht zu entdecken. Wir können die machtvolle Energie dieser Wendezeit für eine Zeitenwende nutzen. Eine bessere Welt liegt immer auch in unseren eigenen Händen.
Während der Corona-Einschränkungen entdeckten viele Menschen das Spazierengehen wieder. Seit etwa zehn Jahren gehe ich jeden Abend eine knappe Stunde in den Wald. Die Erfahrung, die ich dabei machen durfte: Gehen hilft dem Geist, schenkt Zeit, Erlebtes zu verarbeiten, und bringt Ruhe für wichtige Entscheidungen. Oft fehlt es uns ja an Geist. Und manchmal sind wir von allen guten Geistern verlassen. Deshalb kann auch keine Be-geisterung zustande kommen.
Der Lockdown lockte – so habe ich es im Schwarzwald fast täglich erlebt – viele Menschen in den Wald. »Das Waldbruttospazieraufkommen hat sich durch Corona verzehnfacht« (Axel Hacke), mindestens. Und im Wald pfeift mir das Käuzchen zu: »Du schon wieder?« Den Wald erlebe ich als großartigen Ersatz für die Freiheit, die wir in Corona-Zeiten nicht hatten. Der Wald tut uns einfach gut. Dadurch, dass Bäume ätherische Öle an die Luft abgeben, wird unser Immunsystem gestärkt. Waldbaden wirkt positiv auf das vegetative Nervensystem, der Blutdruck sinkt, und Stress wird abgebaut.
Also: Die Zeit wird kommen, in der wir uns wieder zuwinken und in der das Lächeln ohne Maske größer sein wird als der Abstand. Es werden dann Wochen und Monate großer Dankbarkeit sein.
Aber was haben die Politik, die Wirtschaft und die Gesellschaft mit Corona gemacht, und was hat Corona mit uns allen gemacht?
Häufig wurde gegen die Corona-Beschränkungen ähnlich polemisiert wie gegen die Einschränkungen gegen die Klimaerhitzung: »Corona-Diktatur« rufen die Kritiker der Corona-Maßnahmen, und »Öko-Diktatur« meckern die Kritiker der Maßnahmen für mehr Klimaschutz.
In der Corona-Krise waren und sind sich allerdings die meisten Menschen einig, dass wir mit Rücksicht auf die anderen unsere Freiheit einschränken müssen. Freiheit kann nicht heißen, dass ich das Recht habe, andere krank zu machen.
Wie aber ist das bei der Klimakrise? Dürfen wir SUVs fahren oder fliegen, auch wenn andere deshalb krank werden, flüchten müssen oder sterben? Dürfen wir weiter so viel Fleisch essen wie heute, auch wenn andere dafür hungern oder fliehen müssen? Müssen wir, um die Klimaerhitzung noch zu stoppen, nicht genauso Rücksicht nehmen und Einschränkungen unserer Freiheit akzeptieren, wie wir das in der Corona-Krise taten und tun? Wie sieht eine Ethik aus, die sowohl an die Zukunft wie auch an das große Ganze denkt?
Freiheit ohne Verantwortung ist ethisch blind und deshalb krank, sie ist verantwortungslos und asozial. Sie liefert sich den blinden Kräften des Unbewussten aus, den dumpfen Kräften des Egoismus und der Gewalt. Wirkliche Freiheit ist immer verantwortete Freiheit. Die Geistigkeit des Menschen beinhaltet wahre Freiheit und Verantwortung. Viktor Frankl, Überlebender von Auschwitz, nennt sie die »Trotzmacht des Geistes«. »Trotzmacht des Geistes« – das ist die Krönung des Menschseins, seine Gottähnlichkeit. Diese »Trotzmacht des Geistes« finde ich im Psalm 8 des Alten Testaments wieder: »Du, Gott, hast den Menschen gottgleich gestaltet, mit Glanz und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt, hast ihn eingesetzt über deine Schöpfung.« »Deine Schöpfung«: Das heißt anerkennen, dass die Natur nicht von uns geschaffen wurde, sondern von einer höheren geistigen Macht.
Die Naturgesetze sind nicht von uns gemacht. Die Tatsache, dass das Eis schmilzt, wenn die Temperatur über null Grad steigt, ist ein Naturgesetz, das nicht von unserer Spezies erfunden wurde. An diesem Phänomen können Menschen Gott sei Dank nichts ändern. Es ist einfach dumm, diese Erkenntnisse zu leugnen. Diese Erkenntnisse erfordern freilich Demut. Im selben Alten Testament heißt es: »Macht euch die Erde untertan«, was aber in Wahrheit bedeutet: »Macht euch der Erde untertan.« Wir Menschen können aber sehr wohl dafür sorgen, dass immer weniger fossile Rohstoffe verbrannt und diese schließlich komplett durch erneuerbare Energien ersetzt werden. Die »Trotzmacht des Geistes« ist die herrlichste Gabe des Himmels.
Gott hat uns als seine Ebenbilder erschaffen. Wir sind vielleicht das Beste, was ihm je einfiel. Wir sind ihm geradezu gefährlich ähnlich. Er hat uns einen cleveren Kopf mitgegeben zum Lernen, zum Träumen, zum Denken und Verstehen, aber auch zum Fehlermachen. Das ist unser Schicksal. Wir sind als Freie geboren. Mit unserer Freiheit hat Gott alles riskiert. Die berühmte Frage »Wie kann Gott das zulassen?«, wird immer wieder gestellt, wenn wir Menschen etwas vergeigt haben. Das ist eine typische Projektion. Wir brauchen einen Sündenbock, um unsere eigene Verantwortung zu verdrängen. Nicht Gott baut Atombomben, sondern wir. Nicht Gott ist für die Klimaerhitzung verantwortlich, sondern wir. Nicht Gott führt Kriege, sondern wir. Alle Gründe für das Insektensterben haben mit unserer Zivilisation zu tun. Wir Menschen sind die Ursache des Massenaussterbens.
In den meisten Weltregionen und Weltreligionen ist es absolut unverständlich, dass im christlichen Mitteleuropa Träume als »Schäume« gelten. In Neu-Delhi sprach vor mir Indiens Präsident Abdul Kalam auf einer Welt-Wind-Konferenz. Hunderten begeisterten Jugendlichen rief er zu: »Träumt, träumt, träumt. Bevor Träume wahr werden, müssen wir träumen.« Aus Träumen werden Gedanken, und aus Gedanken werden Taten.
Die asozialen Freiheits-Dogmatiker der sogenannten Querdenker-Bewegung riefen in der Zeit der Corona-Krise »Corona-Diktatur« und heute beim Klimaschutz »Öko-Diktatur«. Doch gilt bei beiden Krisen in gleicher Weise: »Du hast kein Recht, andere krank zu machen.« Und: »Du hast kein Recht, die Lebensgrundlagen späterer Generationen aufs Spiel zu setzen.« Sie, liebe Leser, halten diese Thesen vielleicht für übertrieben? Da täuschen Sie sich: Das Bundesverfassungsgericht hat im Frühjahr 2021 höchstrichterlich bestätigt, dass wir nicht auf Kosten der nachfolgenden Generationen wirtschaften und leben dürfen.
Mich ärgert schon der Name der verqueren Querdenker, weil ich auf 3sat vier Jahre lang die Zukunftssendung »Querdenker« geleitet und moderiert habe. Die wirklichen Querdenker, die dabei zu Wort kamen, hießen: Michail Gorbatschow, der Dalai Lama, der Reform-Theologe Eugen Drewermann, der Boatpeople-Retter Rupert Neudeck, der Ökobauer Karl-Ludwig Schweisfurth, die Entwicklungshelferin Rosi Gollmann, der Solararchitekt Rolf Disch, der ökologische Jesus, der Friedensnobelpreisträger und Banker der Armen Muhamad Yunus, der Solarpolitiker Herrmann Scheer, der Verkehrsplaner Heiner Monheim, der Umweltpolitiker Klaus Töpfer, die Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross. Die meisten von ihnen waren nicht nur Quer-Denker, sondern vor allem Quer-Handler. Doch die heutigen sogenannten Querdenker sind eher eine Mischung von Neonazis, Impfgegnern, Corona-Leugnern, Esoterikern und AfD-Anhängern.
Wirkliche Querdenker sind für mich Leute, die innovativ sind, etwas für die Gemeinschaft und für das Gemeinwohl vorausdenken und sich dafür auch in der Öffentlichkeit einsetzen. Doch die heutigen sogenannten Querdenker sind zukunftsblind und wissenschaftsfeindlich. Eher Wirrköpfe als wirkliche Querdenker.
Manchmal finden auch bei Politikern überraschende Lernprozesse statt. So hat der CSU-Politiker und Entwicklungsminister Gerd Müller mitten in der Corona-Krise den Vorschlag gemacht: »Milliardäre, öffnet eure Geldbeutel.« Er meinte: Superreiche Krisengewinnler sollen sich freiwillig an der Finanzierung der Krisenbewältigung beteiligen. Müllers Analyse: »In der Krise machen die Digitalkonzerne und die Finanzwirtschaft riesige Gewinne, während die kleinen Geschäfte in unseren Innenstädten unter der Corona-Krise leiden.«

Der CSU-Politiker sagte, allein Amazon-Chef Jeff Bezos sei in den vergangenen Monaten um mehr als 70 Milliarden Dollar reicher geworden, und fügte hinzu: »Das Nettovermögen von Mark Zuckerberg stieg an einem einzigen Tag … um acht Milliarden Dollar.« Er schlage vor, dass Milliardäre in einen Solidaritätsfonds einzahlen, etwa bei den Vereinten Nationen.
Auch andere große Digitalkonzerne, wie Google, Facebook und Apple, sollten sich stärker für das Gemeinwohl engagieren. Diese zahlten bisher in Europa, aber auch in Entwicklungsländern kaum Steuern.
Noch 2021 sollte eine Digitalsteuer international eingeführt werden. Auch Finanzminister Scholz und sogar die neue US-Regierung zeigen sich aufgeschlossen für diesen Vorschlag. Und ich wette, dass auch über 90 Prozent der Leserinnen und Leser dieses Buches dem Vorschlag zustimmen. Stimmt’s?
9. Die Klimaerhitzung fordert schon heute mehr Tote als Corona
Corona und Klima: zwei Krisen, eine Strategie. Die Corona-Pandemie und der Klimawandel weisen Unterschiede und Gemeinsamkeiten auf. Beide Krisen machen nicht an Staatsgrenzen halt. Die Eindämmung des Klimawandels kann nur gelingen, wenn jeder Staat und jede und jeder Einzelne dazu einen Beitrag leistet. Auch die Corona-Krise ist in einer globalisierten Welt nur gemeinsam zu überwinden. Beiden Krisen ist zudem gemeinsam, dass ihre wirtschaftlichen Auswirkungen riesige Dimensionen haben werden.
Eine Bewältigung der Corona-Pandemie ist nur zeitgerecht, wenn zugleich die Klimaerhitzung bekämpft wird. Das hat die EU mit ihrem Green New Deal deutlich gemacht. Wir können klimapolitisch nur Kurs halten, wenn die Bekämpfung der Rezession die Klimakrise immer im Blick hat. Wenn nicht beide Krisen zusammengesehen werden, wird einer pandemiebedingten Rezession unweigerlich eine klimabedingte Rezession folgen.
Mehr Natur- und Umweltschutz kann die Häufigkeit von Pandemien verringern, erklärt die Deutsche Bundesstiftung Umwelt zu ihrem 30-jährigen Jubiläum. Es gehe dabei nicht um Verzicht auf Lebensqualität, es gehe um den Verzicht auf Luftverschmutzung, vergiftete Gewässer und erodierte Böden. Dies sei aber in Wahrheit kein Verzicht, sondern ein Gewinn.
Fest steht: Corona hat 2020/2021 global schon über zwei Millionen Menschen das Leben gekostet. Das ist schrecklich. Aber Luftverschmutzung kostet jedes Jahr bis zu sieben Millionen Menschen das Leben. Allein in Europa sterben nach einer Studie der Europäischen Klima-Agentur jedes Jahr 600.000 Menschen wegen schlechter Luftqualität und durch Feinstäube. Und die Wirtschaft erleidet dadurch Schäden von 168 Milliarden Euro – Jahr für Jahr. Es sterben also weit mehr Menschen durch schlechte Luftqualität als durch Corona. Und beide Themen hängen zusammen. Die Luftverschmutzung erhöht die Zahl der Corona-Toten. Schon die Sars-Epidemie 2003 zeigte die fatalen Auswirkungen verschmutzter Luft. In Regionen mit schlechter Luft starben weit mehr Menschen an Sars als in Regionen mit niedriger Luftverschmutzung.
Eine Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) kommt zum Schluss, dass global sogar neun von zehn Personen zu viele Schadstoffe einatmen: Feinstaub, Stickoxide und Ozon. Deshalb sterben jedes Jahr Millionen Menschen vorzeitig an Krankheiten, die dadurch ausgelöst werden.
Besonders hart und oft sind Kinder durch Umweltgifte betroffen: Das Kinderhilfswerk »Terre des Hommes« hat dazu die Studie »My Planet – my rights« veröffentlicht – mit erschreckenden Fakten: Kinder haben sogar Blei im Blut und Plastik im Körper. Umweltgifte zerstören weltweit Leib und Leben von Kindern – millionenfach. Ihre Körper nehmen mehr Giftstoffe auf als die der Erwachsenen. Grenzwerte sind, falls es überhaupt welche gibt, für Kinder viel zu hoch. Pestizide, Plastik und Schwermetalle schädigen Kinder besonders häufig und heftig.
Kinderärzte bezeichnen die von Umweltgiften verursachten Kinderkrankheiten als »stille Pandemie«. 600.000 Kindern kostet die verseuchte Luft jedes Jahr das Leben. Insgesamt, so »Terre des Hommes«, sterben jedes Jahr 1,7 Millionen Kinder an umweltbedingten Krankheiten. Gifte befinden sich schon in der Muttermilch, in der Kleidung, in Spielzeugen, in Möbeln, in Baumaterial, in der Luft und im Wasser.
Kraftwerke, Bergbau, Chemieanlagen, Färbereien, Straßenverkehr, Waldbrände sowie das Verbrennen von Abfall erzeugen Giftstoffe in der Luft, im Wasser und in den Böden. Schwermetalle, wie Blei und Quecksilber, Arsen und Pestizide schädigen besonders die Gesundheit von Kindern. 800 Millionen Kinder haben viel zu hohe Bleiwerte im Blut. Kinder aus armen Familien sind aufgrund ihrer Lebensumstände besonders belastet. Auch in Deutschland lassen sich bei 95 Prozent der Kinder elf Substanzen im Blut nachweisen, die aus Plastik stammen.
Bald werden die EU-Staaten schärfere Maßnahmen gegen die zunehmende Luftverschmutzung verkünden. Es ist absehbar, dass dann wieder viele Menschen ihre Freiheit eingeschränkt sehen und »Öko-Diktatur« rufen. Doch Klimaschutz ist so bitter nötig wie Umweltschutz insgesamt, um unsere Lebensgrundlagen und unsere Gesundheit zu erhalten und um unsere gesamte Zivilisation zu retten. Dafür werden wir Einschränkungen hinnehmen müssen, die wir beim Kampf gegen Corona wie selbstverständlich akzeptiert haben.
Der Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber begründet schärfere Klimaziele (höchstens 2 Grad globale Erwärmung gegenüber dem Beginn der Industrialisierung) und entsprechende Einschränkungen so: Wenn wir alle fossilen Rohstoffe, die heute noch in der Erde sind, verbrennen, dann kann es bis zu fünf Grad oder mehr heißer werden. Zwei Grad plus wären schon die »absolute Grenze«, Ziel müsste es aber sein, die Erderwärmung auf null Grad zu bringen. Schellnhuber fügt hinzu, er glaube nur noch zu zehn Prozent daran, dass wir das Zwei-Grad-Ziel noch schaffen.
Noch pessimistischer drückte es in einem privaten Gespräch mit mir ein anderer renommierter Klimaforscher schon 2017 in Kanada aus: »Ich sage und schreibe auch, dass wir noch eine Chance haben, das Klima zu retten, obwohl ich befürchte, dass es schon zu spät ist.«
Der renommierte Meeresbiologe Mojib Latif und heutige Präsident des »Club of Rome«, sagte 2018: »Wir sind als Gesellschaft unfähig, aus dem Wissen, das wir seit Jahrzehnten haben, die richtigen Schlüsse zu ziehen«, und fügte nach seinen 30 Jahre lang geäußerten Warnungen vor dem Klimawandel resigniert hinzu: »Ich bin gescheitert.« Unser Hauptproblem sei: »Wir denken immer nur kurzfristig, nicht langfristig.« Zum Klimapaket, das die Bundesregierung damals verabschiedet hatte, meinte der Wissenschaftler lapidar: »Das bringt fürs Klima überhaupt nichts.« Wie aber wird aus Wissen Weisheit? Wie bringt uns unser Wissen zum Handeln?
Der »Club of Rome« bedarf vielleicht einer Erweiterung durch den »Pope of Rome« und seine spirituell-ökologischen Enzykliken. Papst Franziskus propagiert eine grüne Theologie. Seine grüne Theologie ist eine erotische Theologie, weil unser Gott seine Schöpfung mit großer Leidenschaft liebt. »Gottes Grünkraft ist erotisch«, schrieb der Religionspädagoge Engelbert Groß in seinem Buch »Der Laudato si‘ -Pakt von Erziehung und Bildung«.
Der fundamentale Unterschied im Kampf gegen die Corona-Krise und gegen die Klimakrise: Corona bedroht uns alle spürbar jetzt. Die Klimakrise bedroht erst unsere Kinder, Enkel und Urenkel. Die Bewältigung der Klimakrise erfordert deshalb ein erweitertes Bewusstsein und Verantwortung für die Zukunft. Das aber fällt uns schwer, weil wir uns kaum vorstellen wollen, was wir für die künftigen Generationen heute anstellen. Wir handeln oft sehr intelligent, aber auch nur kurzsichtig.
Nur ein Bewusstseinswachstum bei immer mehr Menschen kann zu einem tieferen Verständnis des Lebens führen. Wenn Wahrheitssucher in ihre tiefsten Potenziale hineinwachsen wollen, wird dies nur in völliger Freiheit gelingen. Es gibt Zukunftsforscher, die sagen, dass ein Prozent der Weltbevölkerung ausreicht, um den notwendigen globalen Bewusstseinsprozess in Gang zu bringen. Andere meinen freilich, dass die kritische Masse für die große Transformation bei fünf Prozent liege.
Die Klimakrise erfordert eine nie da gewesene Solidarität mit den heute noch Ungeborenen und mit den Ärmsten, die weit von uns weg leben, die aber schon heute durch den von uns verursachten Klimawandel zu Flüchtlingen werden. Vielleicht brauchen wir für die notwendige Transformation schärfere und dauerhaftere Protestformen als bisher. Können wir die Klimaerhitzung auch ohne Revolution bremsen?
Alle Religionen und Weisheitslehren geben uns eine eindeutige Antwort: »Du sollst nicht töten«, und: »Du sollst andere nicht krank machen oder in die Flucht treiben«. Dieses ethische Gebot aller Gebote gilt sowohl gegenüber unseren Enkeln wie gegenüber den Ärmsten. Ethisch unterscheidet sich die Corona-Krise überhaupt nicht von der Klimakrise.
Rasen auf der Autobahn oder das Fahren eines SUV ist so wenig ein Freiheitsrecht wie Rücksichtslosigkeit in der Corona-Zeit. Ich darf weder durch Tröpfchen noch durch Abgase andere krank machen oder gar töten. Eine Welt, in der jeden Tag bis zu 180 Tier- und Pflanzenarten für immer aussterben, ist eine kannibalische Welt.
Die Hauptthese dieses Buches lautet: Noch ist die Zukunft – wie immer – offen. Noch ist eine sanfte Landung in einem lebensverträglichen Morgen möglich – mit einem durchschnittlich höheren Lebensstandard als heute, mit rückläufigen Bevölkerungszahlen und einer sich erholenden Umwelt. Noch! Höherer Lebensstandard meint freilich immer auch die Frage: mehr Haben oder mehr Sein? Mehr materielle Güter oder ein glücklicheres Leben? Dafür brauchen wir einen grundlegenden Kurswechsel der Politik, ein bewussteres Wahlverhalten von Millionen Wählern und ein intelligenteres Konsumverhalten von allen. Dieses Buch will eine Inspiration sein für alle, die sich engagieren für eine friedliche, gerechtere und ökologische Welt.
Ernst Ulrich von Weizsäcker beschreibt in »Wir sind dran« unser heutiges Dilemma so: »Heute ist die Welt wieder in einer kritischen Lage. Wir brauchen einen echten Neuanfang. Aber diesmal halten wir es für notwendig, sich mit den philosophischen Wurzeln der schlimmen Weltlage auseinanderzusetzen. Wir müssen die Legitimität des materialistischen Egoismus infrage stellen, welcher ja als wirksamster Antrieb unserer Welt dargestellt wird. Die Zeit ist reif für eine neue Aufklärung … oder für andere Wege, die heutigen kurzfristigen Denkgewohnheiten und Handlungen abzulösen.« Wir brauchen also eine ganzheitliche Aufklärung der Aufklärung, das ist nicht weniger als eine neue Weltethik.
Mein Motto dafür lautet: »I do believe in what I hope – Ich glaube an das, worauf ich hoffe«; es stammt von Madeleine Albright, der ersten US-Außenministerin.
Während der Corona-Krise schwang – zumindest in Deutschland – immer die Hoffnung mit, dass sich aus dieser Pandemie auch überzeugende Methoden für die Lösung der Klimakrise ableiten lassen: Lernen und Hören auf die Wissenschaft zum Beispiel.
Doch diese beiden Hauptkrisen unserer Zeit zeigen auch fundamentale Unterschiede. Corona erforderte sofortiges Handeln. Die Klimaerhitzung jedoch erscheint vielen noch weit weg zu sein, obwohl sie uns immer näher kommt und deutlicher erfahrbar wird. Vor allem ein großer Unterschied ist schwer vermittelbar: Eine ambitionierte Klimapolitik erfordert kein sofortiges Herunterfahren der Wirtschaft, keine Schulschließungen, kein Kontakt- und Reiseverbot. Ganz im Gegenteil: Klimapolitik bedeutet ein hilfreiches Investitionsprogramm für die Zukunft, bringt neue Jobs, weniger Luftverschmutzung, mehr Gesundheit und mehr Wohlstand für alle. Verteilungsgerechtigkeit könnte sogar zunehmen. Doch die konkrete Klimapolitik der Großen Koalition zeigte, wie schwer es immer noch fällt, sich auf mittelfristige Reformen einzustellen und diese mit den Wählerinnen und Wählern zu kommunizieren. Kurzfristiges Handeln scheint immer noch mehr Erfolg zu versprechen als vorausschauendes Handeln durch Jahrzehnte. Dabei wissen alle, die es wissen wollen, dass uns das Schlimmste bei der Klimaerhitzung noch bevorsteht. Bei der Corona-Krise hatten und haben wir die Hoffnung, dass das Schlimmste schon oder bald vorbei ist. Vor allem durch und mit einem erfolgreichen Impfstoff.
In der Klimakrise sind wir schon mittendrin, wissen aber gleichzeitig, dass wir erst am Anfang stehen. Die Bedrohung hat zwar schon begonnen, ist aber für die meisten eher ein Problem in der Zukunft. Heute brennen die Wälder in Kalifornien und Australien, morgen genauso in Deutschland, sagen uns die Klimawissenschaftler. Also: Was können wir wissen? Was sollen wir tun? Was dürfen wir hoffen? Oder müssen wir in Panik verfallen – wie es Greta Thunberg vor der UNO gefordert hat?
Um mehr Aufmerksamkeit für diese brennenden Fragen zu erreichen, hat eine Initiative »Klima vor acht« meine lieben Kolleginnen und Kollegen von der »Tagesschau« aufgefordert, täglich vor der Tagesschau anstelle der Sendung »Börse vor acht« aktuelle Klimanachrichten zu senden, eben »Klima vor acht«. Ich stimme dem Vorschlag zu, schlage aber einen anderen Titel vor: »Fünf vor zwölf«.
Nach 25 Weltklimakonferenzen und nach 30 Jahren Diskussion über die Klimaerhitzung kann niemand mehr sagen: »Das habe ich nicht gewusst.« Wir wissen sehr wohl, was wir tun, aber wir tun nicht, was wir wissen. Als Spezies sind wir anscheinend recht intelligent, aber zugleich auch sehr kurzsichtig. Woher kommt diese Handlungslücke und wie können wir sie überwinden? Ich beschäftige mich in meinen Büchern, Fernsehsendungen und in Vorträgen seit 30 Jahren mit dem Klimawandel und diskutiere mit Wissenschaftlern ständig darüber. Dabei habe ich vor allem eines gelernt: Wohl selten zuvor ist die Wissenschaft von der Realität so bestätigt worden.
Warum aber wurde diese Wissenschaft von der Politik, der Wirtschaft und auch von uns Journalisten so lange nicht ernst genommen, obwohl die Klimawissenschaft schon lange belastbares Material über den Klimawandel liefert? Im Deutschen Bundestag hat die klimawandelskeptische AfD eine Anfrage an die Bundesregierung gerichtet: »Was veranlasst die Bundesregierung zu der Feststellung, dass 97 Prozent der Klimaforscher behaupten, der Klimawandel sei eine Realität?« Die völlig richtige Antwort der Bundesregierung hieß: Nicht 97 Prozent, sondern inzwischen 99 Prozent der Klimaforscher sind dieser Meinung.
Seit über 50 Jahren werden die Vorhersage-Modelle der Wissenschaftler immer präziser. Sie können heute selbst die »Vorhersage von Vorhersagefehlern« mit berücksichtigen. Daten aus erdgeschichtlicher Vorzeit wie aus der Gegenwart, von Satelliten und Flugzeugen aufgezeichnet, helfen dabei. In den Siebzigern des letzten Jahrhunderts wurde die Ökologie neu entdeckt. 1972 publizierte der »Club of Rome« seine Thesen über die »Grenzen des Wachstums«. Seither könnten wir wissen, dass die tradierte industrielle Produktionsweise und unser konsumorientierter Lebensstil den Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur langfristig zerstören werden, im Sozialismus ebenso wie im Kapitalismus. Systemunabhängig beraubt sich seiner eigenen Zukunft, wer auf Kosten der Natur lebt.
Wer wie ich als Fernsehjournalist über die Zerstörung des brasilianischen Regenwaldes, den Smog über Chinas Millionenstädten, die Flutkatastrophe 1971 in Bangladesch mit 350.000 Toten, über die Atomkatastrophen in Tschernobyl und Fukushima berichtete und über die brennenden Türme des World Trade Centers am 11.9. 2001 in New York, der muss sich fragen, ob unser politisches System des globalen Raubtier-Kapitalismus langfristig überhaupt überlebensfähig ist.
Ich habe auf diese Systemfrage keine endgültige Antwort. Für am ehesten zukunftsfähig halte ich das politische System einer ökosozialen Marktwirtschaft, wie sie auch die katholische Soziallehre, die evangelische Sozialethik oder Papst Franziskus mit seinen Sozial- und Umweltenzykliken beschreiben. Dieses System bedarf allerdings zuerst einer Bewusstseinsrevolution von Millionen Menschen und einer raschen humanen Potenzialentfaltung, wie wir sie noch nie in der Geschichte erlebt haben. Die neue Herausforderung: Bis vor etwa 200 Jahren ging es in einer (menschen-)leeren Welt immer um ein paar 100 Millionen Menschen weltweit, heute geht es in der vollen Welt um acht und bald um zehn Milliarden Menschen.
Unsere Welt wird immer stärker von Menschen, aber immer dünner von Pflanzen, Tieren und Wildnis besiedelt. Geradezu im Sturzflug beschleunigt sich das Aussterben: Seit 1970 sind mehr als zwei Drittel aller wilden Vögel, Säugetiere, Fische, Amphibien und Reptilien für immer verschwunden.
Seit etwa 30 Jahren wird die Weltgesellschaft von einer Art westlichem Fundamentalismus beherrscht: Diese neoliberale Politik entwickelte sich nach dem Ende des Kalten Krieges. Sie wurde hauptsächlich genährt von zwei großen Illusionen. Einmal hatten viele westliche Politiker die freiheitlich westliche Politik für alternativlos gehalten, weil der Kommunismus ja zusammengebrochen war, das westliche System aber überlebt hatte. Die zweite große Illusion hieß, es gehe einer Gesellschaft immer besser, wenn immer mehr bisher öffentliche Aufgaben privatisiert würden. Als Folge dieser Illusionen wurden bislang gut funktionierende Sozialsysteme demontiert, kulturelle Werte zerstört und die ökologischen Ansätze einer neuen Politik verdrängt. Handlungsspielräume demokratischer Politik wurden den sogenannten Sachzwängen des Weltmarktes geopfert.
Die Folgen erleben wir heute: Das Vertrauen in demokratische Werte, Parteien und Institutionen schwindet, Klimaschutz wurde verschlafen und soziale Ungerechtigkeiten wachsen. Neues Wettrüsten gefährdet den Weltfrieden.
Daraus ergeben sich für eine langfristige Zukunftssicherung folgende Forderungen:
Die rasche Umstellung von Energie- und Rohstoffbasis auf erneuerbare und nachhaltig verfügbare Ressourcen;
eine Weltwirtschaftsordnung, die eine ökosoziale Marktwirtschaft anstrebt: ökosozial statt marktradikal;
die Förderung von Konzepten ökologischen Bauens und menschenfreundlicher Verkehrssysteme;
Strategien zur Entflechtung von Monopolen in der Wirtschaft;
Abrüsten statt Aufrüsten sowie eine atomwaffenfreie Welt;
ein neues Weltethos.
Haben wir es heute vielleicht mit Ethik-Traditionen und mit einem Naturverständnis zu tun, das für die Gegenwart nicht mehr taugt?
Alle sozialen Bewegungen – die Arbeiterbewegung, die Frauenbewegung, die Friedensbewegung, die Umweltbewegung, die »Fridays for Future«-Bewegung – haben mehr Gerechtigkeit zum Thema. Gesellschaftliche Veränderungen finden immer dann statt, wenn »die oben nicht mehr können und die unten nicht mehr wollen« (Harald Welzer). In einer solchen Situation befinden wir uns heute.
Seit 2019 ist klar, dass die politische Klasse nicht mehr kann und die Jugend endgültig die Geduld verloren hat. Die Ikone dieser FFF-Bewegung heißt Greta Thunberg (s. S. 19 ff.). Die junge Frau sieht aus, als könne sie keiner Fliege etwas zuleide tun, aber ihre Wut-Rede schockierte eine ganze UNO-Vollversammlung und brachte ihr Standing Ovations ein.
Schon Albert Einstein vermutete: »Wir benötigen eine neue Sicht des Denkens, wenn der Mensch überleben will … das bedeutet notwendigerweise eine neue Sicht der Dinge.« Dem werden Sie zustimmen, aber welche »neue Sicht des Denkens« und welche »neue Sicht der Dinge« ist das?
2000 Jahre nach der Bergpredigt Jesu und 300 Jahre nach der Aufklärung sind wir verstandeseinseitig gebildet, geprägt und aufgewachsen wie nie zuvor. Wir wissen heute viel, aber fühlen wenig – gemessen an unserem immer größer werdenden formalen Wissen. Unsere Computer und Algorithmen wissen fast alles, aber sie fühlen gar nichts, sie sind seelenlos und sie haben keine Träume. Warum wohl ist aus dem vielen Wissen, das uns heute zur Verfügung steht, noch keine Praxis entsprungen, die auf der Höhe der drohenden Zukunft und von Weisheit geprägt wäre? Roger Willemsen meinte: »Das Gefühl ist ein schlechter Ratgeber, sagen wir immer noch – als ob der gesunde Menschenverstand ein besserer wäre!«
Wir Menschen sind von Natur aus in unserer Ganzheit eine kraftvolle Körper-Geist-Seele-Einheit. Das sind Computer nicht. Was uns aber zu dieser Ganzheit oft fehlt, ist Herzensbildung. Das äußere und das innere Wachstum sind meist nicht in Balance. Wir sind Weltmeister im äußeren Wachstum, aber seelisch häufig verkrüppelt und infantil. Deshalb geht es den meisten Menschen in den Industriestaaten ökonomisch besser als allen Generationen vorher. Doch wenn äußeres Wachstum und seelische Entwicklung nicht harmonieren, kommt es zu Gleichgewichtsstörungen und Krankheiten. Denn erst individuelles inneres Wachstum, äußerer beruflicher und wirtschaftlicher Erfolg, liebevolle Herzensenergie in Verbindung mit einem gedeihlichen Familien- und Gemeinschaftsleben ergeben insgesamt ein gelingendes Leben. Diese Ganzheit ist der Weg zum Glück. Und ein glückliches Leben ist der Sinn unseres Hierseins. Dafür bedarf es zunehmender Bewusstheit, innerer Heilung sowie wachsender Lebensfreude und Mitverantwortung für das »große Ganze«. Erst so können wir auch die volle Verantwortung für unser Leben übernehmen.
Die entscheidende Lehre aller Religionen und aller Weisheitslehren heißt: Unsere unsterbliche Seele macht uns unsterblich. Es gibt keinen Grund zur Angst vor dem Sterben, denn es gibt keinen Tod. Der Geist ist so unsterblich wie unsere Seele. Das ist die eigentliche Frohbotschaft, aus der die real existierenden Kirchen leider oft eine Drohbotschaft gemacht haben. Aber die Welt ist im Wandel und gelangt von Bewusstseinsstufe zu Bewusstseinsstufe. Immer mehr Menschen gestalten ihr Leben aus der Kraft des bewussten Seins.
Leben ist mehr als Chemie und Physik. Wenn wir nur Chemie und Physik verstehen, verstehen wir auch diese nicht. Auch das Staunen über das Geheimnis des Lebens haben wir oft verlernt, weil wir faktenversessen und geheimnisvergessen sind. Alle Geheimnisse der Natur sind offensichtlich, aber wir bemerken sie kaum noch. Doch nur, wenn wir lernen, das Leben und die Schöpfung zu lieben, werden wir weder uns noch die Schöpfung weiter zerstören.
Die Menschwerdung der Menschen hat erst begonnen. Das ist die wahre Zukunftsmusik, Musik für eine bessere Welt.
Was würde passieren, wenn wir uns endlich diese Wahrheit eingestehen würden, statt die Realität zu leugnen?
Die kanadische Aktivistin und Journalistin Naomi Klein schreibt: »Denn in der heißen sturmreichen Zukunft, die durch unsere bisherigen Emissionen bereits garantiert ist, sind der unverbrüchliche Glaube an die Gleichberechtigung aller Menschen und die Fähigkeit zu tiefem Mitgefühl das Einzige, was unsere Zivilisation davor bewahren kann, in Barbarei zu versinken.«
Und der Ökonom, Friedensnobelpreisträger und »Erfinder« der Mikrokredite für Arme in Bangladesch, Muhamad Yunus, meint: »Ein anderer Kapitalismus ist machbar – wie Social Business Armut beseitigt, Arbeitslosigkeit abschafft und Nachhaltigkeit fördert.«
Wie aber kann eine Wirtschaft jenseits des uns bekannten Kapitalismus aussehen? Yunus’ Idee des »Social Business« ist die konkrete Vision einer neuen postkapitalistischen Form des wirtschaftlichen Handelns. Er entwickelt eine neue Sicht des Menschen, dem es nicht nur als homo oeconomicus um Profitmaximierung geht, sondern als ein soziales Wesen auch um das Allgemeinwohl. Wie jedoch erreichen wir diese hehren Ziele: keine Arbeitslosigkeit, keine Armut und nachhaltige Wirtschaft?

Muhamad Yunus mit Franz Alt. Der Ökonomieprofessor und Friedensnobelpreisträger »erfand« Mikrokredite und »Social Business« als nachhaltige Form wirtschaftlichen Handelns. Schon 2010 verkaufte er über seine Grameen Bank täglich 1.000 kleine Fotovoltaik-Anlagen, sogenannte solar home systems. Hier nimmt er den »SolarWorld Einstein-Award« entgegen. Foto: sonnenseite.com
Können uns die Religionen vielleicht dabei helfen? Welche Rolle spielen sie heute noch? Warum treten allein in Deutschland Jahr für Jahr etwa eine halbe Million Menschen aus den beiden großen christlichen Kirchen aus? Ich schreibe diese Zeilen an Weihnachten 2020, wenn in den Kirchen wieder gesungen wird: »Christ, der Retter ist da.« Ja, wo ist er denn der Retter in den Zeiten von Corona? In den Zeiten der Klimaerhitzung, des Massenaussterbens und in den gefährlichen Zeiten eines stets möglichen Atomkriegs? Auch auf diese Fragen suchen wir die Antwort stets im Außen. Aber sie liegt in uns. Die Antwort auf diese Frage gab mein Kollege Heribert Prantl am 22. Dezember 2020 in der »Süddeutschen Zeitung«:
Weihnachten ist kalendarisch am 24./25. Dezember.
Das wirkliche Weihnachten ist in diesen Zeiten dann,
wenn Flüchtlinge gerettet werden.
Das wirkliche Weihnachten ist dann,
wenn Flüchtlingskinder wieder sprechen, spielen und essen.
Das wirkliche Weihnachten ist dann,
wenn ›Der Retter‹ wirklich kommt –
und er nicht nur im Weihnachtslied besungen wird.
Ja, an Weihnachten ist Gott Mensch geworden, damit der Mensch vergöttlicht wird, Anteil am göttlichen Leben hat und so anderen helfen kann. Für mich ist Weihnachten die Einladung, das zu leben, wovon wir schon immer geträumt haben. Weihnachten heißt: Es ist immer ein neuer Anfang möglich. So wie mit jedem Kind das Leben neu beginnt. Und das heißt: »Unsere Würde besteht nicht darin, was wir leisten, sondern in dem, was wir sind. Wir sind Kinder Gottes. Wir sind von Gottes Art« (Anselm Grün). Menschen können sich ändern und sich weiterentwickeln. Wir sind nicht nur lebensfähig, sondern auch liebesfähig. Muhamad Yunus: »Wenn es gelingt, Unternehmen zu etablieren, die diesem Streben der Menschen Raum geben, dann ist das der Beginn einer zivilisierten Revolution.«
Wir können fühlen, was die Welt fühlt, neu denken und dann mit Mut die Zukunft gestalten. Eine neue Balance zwischen Denken und Fühlen ist die Voraussetzung für neues Handeln.
1. Gott ist Geist – Gott ist Liebe – Gott ist Energie
Gott ist für mich ein anderes Wort für das permanente Wunder der Liebe. Gott ist ein anderes Wort für Liebe, sagt das Johannesevangelium. Im selben Evangelium heißt es auch »Gott ist Geist« (Joh 4,14). In Jesu Muttersprache Aramäisch und im Hebräischen ist Geist (ruach) weiblich, also Geistin, eine weibliche Schöpferkraft. Doch dem christlichen »Herrgott« ist die Weiblichkeit Gottes, die Jesus gelebt und gelehrt hat, in 2000 Jahren abhandengekommen. Gott ist auch ein anderes Wort für Energie, für die Ur-Energie allen Seins.
Der Gott Jesu lebt nicht nur in Tempeln, sondern auch im unberührten Urwald, den er in 60 Millionen Jahren wachsen und gedeihen ließ. Kein Wissenschaftler kann von sich aus, durch seinen Willen, auch nur einen Grashalm wachsen lassen, geschweige denn einen Urwald.
Aber Gott lässt sich doch nicht beweisen, höre ich immer wieder. Das halte ich für das wirkmächtigste, aber falsche Gerücht unserer Zeit, einfach Fake News. Für mich ist die Schöpfung, sind die Naturgesetze der überzeugendste Gottesbeweis. Das kann doch jede und jeder jeden Tag neu sehen und erfahren. Man muss dafür allerdings die Augen und das Herz öffnen. Bei sehr vielen Menschen ist freilich dieser wichtige Weg vom Kopf zum Herzen versperrt, obwohl er doch nur rund 40 Zentimeter beträgt. Kein Weg ist länger als der vom Kopf zum Herzen. Für viele eine Marathonstrecke.
Die Liebe meiner Frau ist ein unwiderlegbarer, besonders überzeugender, stets neuer und immer wieder überraschender Gottesbeweis, der mich mit unendlicher Dankbarkeit und Freude erfüllt. Das Schönste und Aufregendste, was Gott geschaffen hat, ist ja sowieso die Frau. Allein das ist ein Grund, Gott über alles zu lieben.
Meine Lebenserfahrung lehrt mich: Unsere materielle Welt steht immer auch in Verbindung mit der geistigen Welt, die wir so sehr vergessen und verdrängt haben. Aber erst diese Verbindung ermöglicht es, dass aus Wissen (ratio) auch Weisheit (sapientia) wird. Wenn wir diese spirituelle Dimension, also den göttlichen Funken in uns, wieder erkennen und entsprechend handeln, werden wir fähig, wirklich einen Beitrag zur Rettung des Planeten und zur Bewahrung der Schöpfung zu leisten. Doch diese Verbindung zwischen der materiellen und der geistigen Welt ist das große Tabu-Thema unserer Zeit. Der deutsch-brasilianische Autor und Philosoph Victor Rollhausen sagt es in seiner dreibändigen Vision »Earth Oasis Netzwerk« so: »Der materiell konditionierte Zeitgeist und die damit verbundene Hybris des Ego-Verstandes lassen wenig Raum für Ehrfurcht und Demut. Und das angesichts einer grandiosen Schöpfung, die wir weder begreifen noch selbst erschaffen können.« Wir stehen also vor großen Herausforderungen an unser Denken, aber noch mehr an unser Handeln und Gestalten. Carl Gustav Jung nennt diese Herausforderung ganzheitlichen Denkens und Handelns so: »Mit dem Verstand allein kommen wir niemals zur Vernunft.« »Die menschliche Seele«, sagt Jung, ist »die einzige Supermacht, die ich anerkenne«.
Wir sollten uns mehr Zeit nehmen für unsere Seele. Das ist das Geheimnis wirklichen Lebens. Zum Beispiel mehr auf unsere Träume achten. Botschaften, die nur unseren Verstand erreichen, heilen nicht.
Soweit wir es heute wissen, ist das menschliche Gehirn die höchste Errungenschaft der Materie. Doch mit der Macht des von keinem Geist gezügelten Verstandes haben wir die Zündschnur zu unserer eigenen Zerstörung gelegt. Die Geister, die wir durch atomares Wettrüsten, durch das Massenaussterben und durch die Klimaerhitzung gerufen haben, werden wir rationalistischen »Zauberlehrlinge« nicht mehr los. Bis heute zumindest.
Die große Frage ist, ob wir es noch rechtzeitig schaffen, diese riesigen Gefahrenherde zu beseitigen. Manche meinen, dass uns die Künstliche Intelligenz (KI) dabei helfen könnte. Doch wie wäre es, wenn wir es ganz rasch mit unserer natürlichen Intelligenz (NI) versuchen würden, indem wir uns auf unsere Geist-Seele-Körper-Einheit besinnen? Dieser Rettungsversuch kann freilich nur gelingen, wenn wir die Schattenkräfte hinter unseren technischen Errungenschaften wahrnehmen und dadurch geistig reifen.
2. Reifen statt wachsen
Die vielleicht wichtigste Frage unseres Jahrhunderts heißt: Was wollen wir – ewiges materielles Wachstum oder geistiges Reifen? Jeder Mensch wächst etwa 18 Jahre lang im Außen – wenn wir äußerlich immer weiterwachsen würden, könnten wir uns nicht mehr in unseren Häusern bewegen. Ab etwa 18 ist etwas anderes gefragt: reifen, innerlich reifen. Nicht zufällig legen wir an unseren Gymnasien mit etwa 18 Jahren die Reife-Prüfung ab, nicht die Wachstums-Prüfung. Also: Endlich reifen, statt unendlich zu wachsen.
Das Heilmittel heißt Bewusstseinsreife.
Vielleicht ist unsere gegenwärtige Situation ja so: Die Welt muss lernen, dass es ein Leben auch nach dem Tod gibt, und die Kirchen müssen lernen, dass es ein Leben auch vor dem Tod gibt. Das Leben nach dem Tod ist ein ewiges Rätsel? Immerhin gibt es Millionen Menschen mit Nahtoderfahrungen. Gleich, wie man diese Erfahrungen neuronal-biochemisch oder psychologisch oder spirituell erklären mag: Sie verändern bereits die Welt, weil Menschen mit dieser konkreten Erfahrung anders leben als zuvor. Wissenschaftler schätzen, dass in Deutschland etwa drei Millionen Menschen mit Nahtoderfahrungen leben und in den USA etwa acht Millionen. Vielleicht gibt es ja tatsächlich ein großes »Danach« und auch ein großes »Davor« – Wiedergeburt also. Die Mehrheit der Asiaten ist davon fest überzeugt und lebt entsprechend.
Die Kooperation des Geistwesens homo sapiens mit den Kräften der geistigen Welt wird entscheidend sein für die weitere Evolution. Wirtschaft, Wissenschaft, Politik, Erziehung und Bildung können nur materiell-geistig ganzheitlich ihren Dienst für die weitere Entwicklung des Lebens leisten. Das ist ein göttlich-geistiges Gesetz. Nach diesem Gesetz ist eine bessere Welt, als wir sie heute erleben, unser Geburtsrecht. Wenn wir unsere wahren geistig-seelischen Potenziale entdecken und diese zur Entfaltung bringen, dann können wir »die kraftvollste und beglückendste Vision erfahren, die uns Menschen beseelen kann« (Victor Rollhausen).
Doch was macht homo sapiens tatsächlich? Der Dalai Lama wurde einmal gefragt, was ihn am meisten überrasche. Er sagte: »Der Mensch. Denn er opfert seine Gesundheit, um Geld zu machen. Dann opfert er sein Geld, um seine Gesundheit wiederzuerlangen. Und dann ist er so ängstlich wegen der Zukunft, dass er die Gegenwart nicht genießt. Das Resultat ist, dass er nicht in der Gegenwart lebt. Er lebt, als würde er nie sterben, und dann stirbt er und hat nie wirklich gelebt.«
Die menschliche Evolution hat nicht nur Hitler und Stalin, Mao Tse-tung und Mussolini, sondern auch den Buddha und Jesus, Mahatma Gandhi, Albert Schweitzer und Nelson Mandela hervorgebracht. Es kann uns gelingen, die alte Herrschaft von Macht und Töten zu überwinden und an einer Welt mit mehr Gerechtigkeit und Mitgefühl mitzuarbeiten. Dafür haben schon Jesus und Buddha geworben. Und das waren keine Narren, sondern Menschenkenner und Realisten. Die Bergpredigt Jesu und der achtfache Pfad Buddhas sind keine Heimatromane, sondern realisierbare Visionen.
Erst diese Erkenntnis wird zu einem notwendenden, weltweiten Erwachen führen und die befreienden Kräfte von Liebe und Bewusstwerdung zur Geltung bringen. Wir werden dann erkennen, dass wir in einem Meer von in uns angelegter Potenzialentfaltung leben, das wir noch kaum erkannt haben. Diese Bewusstseinsfortschritte werden uns unsere bisherige Raubtier-Natur überwinden helfen, die uns über viele Jahrtausende in unendlich vielen Kriegen lehrte, buchstäblich über Leichen zu gehen.
Wir werden dann lernen, dass nicht nur Frieden möglich ist, sondern auch eine solare Energiewende, die ökologische Verkehrswende, die biologische Landwirtschaft, die Überwindung des Hungers, menschenfreundlichere Arbeitswelten, gelingendes Leben und gedeihliche Partnerschaften. Der Weg dorthin führt uns vom äußeren Schein in ein inneres Sein. Und das heißt: in eine bessere Welt. Wir müssen nicht in unserer heutigen Hilflosigkeit gefangen bleiben. Die Menschheit ist bereits auf dem Weg ins Solarzeitalter. Das heißt: In jeder Stadt und in jedem Dorf sind jedes Gebäude und jedes Dach, jedes Parkhaus und jeder Supermarkt, jeder Baumarkt, jedes öffentliche Gebäude und jedes Privathaus ein potenzielles, ökologisches, dezentrales und preisgünstiges Sonnenkraftwerk. Das neue Jahrzehnt kann und muss eine Dekade der erneuerbaren Energien werden. Es gibt immer Alternativen zum Bestehenden.
Nach der Pest im Mittelalter kam die Renaissance. Nach Corona brauchen wir eine Öko-Renaissance. Auf das Kohle-, Öl- und Atomzeitalter folgt das Solarzeitalter.
Und es gibt mehr Alternativen, als der heutige Zeitgeist ahnt. Wir müssen und können die alte, verschwenderische sowie Umwelt und Klima zerstörende Energiewirtschaft durch eine solare Weltwirtschaft ablösen. Dass das geht und wie das geht, beschreibe ich in diesem Buch in den folgenden Kapiteln.
Vorgedacht und vorgelebt hat diese Vision der Ausnahmepolitiker Hermann Scheer, 1999 mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet und 2002 vom »Time-Magazin« mit dem Titel »Hero for the Green Century« geehrt (s. S. 176 ff.). Nach Corona müssen wir neu darüber nachdenken, wie wir unsere Welt in Zukunft neu gestalten.
2021 ist in Deutschland mit sechs Landtagswahlen und einer Bundestagswahl ein Superwahljahr. Das heißt: Wir müssen Regierungen wählen, welche die Gefahren der Klimaerhitzung endlich ernst nehmen, den Ausbau der erneuerbaren Energien beschleunigen, die Entwicklung von Energiespeichern vorantreiben und die CO2-Rückholung durch Aufforsten in die Wege leiten. Das alles wird nur funktionieren, wenn wir ganzheitlich denken und handeln lernen, dazu gehört auch, dass wir entsprechend unserer Erkenntnisse wählen. Alle Umfragen zeigen, dass drei Viertel der Wählerinnen und Wähler in Deutschland diese neue Klimapolitik wollen.
Unser so sehr geschätzter Verstand ist nicht das Ganze, er ist ein sehr wichtiger Teil des Ganzen, aber niemals in der Lage, das Ganze des unendlichen und unbegrenzten göttlichen Seins zu erfassen. Jeder der heute 7,8 Milliarden Menschen ist einmalig und einzigartig. Die gesamte Menschheit ist mehr als die Summe ihrer Individuen. Das Ganze ist jedoch nur zu erfassen durch Meditation, durch Kontemplation und durch Gebet. So ist es möglich, dass wir uns für die geistigen Kräfte und für das Göttliche öffnen. Wenn geistig erwachte Menschen sich verbinden, zum Beispiel in ökologischen Netzwerken, in Energiegenossenschaften, in Lebensmittel-Kooperationen oder in Repair-Cafés, in Öko-Dörfern oder spirituellen Gemeinschaften und in organisierter Nachbarschaftshilfe, die zu Corona-Zeiten enorm gewachsen sind, können über Win-win-Situationen neue fruchtbare Oasen für die Rettung des Lebens entstehen.
Vier Wege in eine nachhaltige Zukunft:
Erstens: Wir brauchen eine Vision von der Zukunft. Ohne Visionen haben wir kein Ziel für die große Transformation. Wir müssen mehr auf unsere Träume achten, anstatt unser Leben zu verträumen.
Zweitens: Neue Allianzen, wie Öko-Dörfer, oder auch spirituelle Gruppen müssen die Alternativen vorleben. Diese können sich auch innerhalb der etablierten Kirchen entwickeln.
Drittens: Für alle Aspekte der Nachhaltigkeit ist eine Bildungsreform notwendig, bei der Herzensbildung – wie sie der Dalai Lama nennt – eine ebenso große Rolle spielt wie abfragbares, rein kognitives Wissen. Einige Schulen beginnen bereits ihren Schultag mit einer Meditation.
Viertens: Kooperation statt Konkurrenz will gelernt und geübt sein. Auf allen Ebenen – lokal, regional, national und global – muss Nachhaltigkeit eine zentrale Rolle spielen.
Reifen statt Wachsen – Das heißt an unserem Lebensende: Hinüber-Reifen in die geistige Welt. Das ist letztlich Sinn und Ziel unseres Hierseins auf dieser Erde.
»Ein Weg entsteht, indem man ihn geht« (Konfuzius).
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