Kitabı oku: «Resli, der Güterbub»

Yazı tipi:

Resli, der Güterbub

Geschichte eines Bernerjungen

Franz E. Schlachter


Impressum

© 1. Auflage 2021 ceBooks.de im Folgen Verlag, Langerwehe

1. Neuauflage der Druckausgabe 2004 im Eigenverlag Freie Brüdergemeinde Albstadt

© 2004 Karl-Hermann Kauffmann, Albstadt

Erstmals 1891 erschienen bei: Verlag der „Brosamen“

Büreau der Evang. Gesellschaft, Bern.

Für Deutschland bei Joh. Schergens, Bonn.

Autor: Franz E. Schlachter

Cover: Caspar Kaufmann

ISBN: 978-3-95893-281-4

Verlags-Seite und Shop: www.ceBooks.de

Kontakt: info@ceBooks.de

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Inhalt

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Autor

Vorwort

1. Die Verdinggemeinde

2. Die erste Morgenandacht

3. Zu früh

4. Wie Resli vom Regen unter das Dachtrauf kommt

5. Resli geht auf die Wanderschaft

6. In die Hölle und wieder heraus

7. Am Maimärit auf dem Tanzboden

8. Ein Dieb

9. Wie ein junger Knecht Neujahr gefeiert hat

10. Ein überwundenes Vorurteil

11. Wie ein Meister zum Bauen und ein Knecht zu seiner Erbauung kommt

12. Ein misslungener Angriff

13. Eine Maifahrt

14. Wie ein junger Bauernknecht zum ersten Mal nach Bern kommt und ein alter Schulmeister zum letzten Mal

15. Was die Liebe vermag

16. Wie aus dem ehemaligen Güterbuben ein Gutsbesitzer wird

Nachtrag

Chronologische Bibliographie Schlachters Schriften (nur auszugsweise):

Letzte Seite

Autor

Franz Eugen Schlachter war Prediger der Evangelischen Gesellschaft in Bern und Biel bzw. der Freien Evangelischen Gemeinde in Bern. Er war Schriftsteller, Verfasser verschiedenster Bücher und Broschüren, Herausgeber der „Brosamen“, einer erwecklichen evangelischen Volkszeitung und der Übersetzer der „Miniaturbibel.


Das Bild zeigt Franz Eugen Schlachter in jungen Jahren, ca. Mitte 20, als Prediger der Evangelischen Gesellschaft des Kantons Bern

Geprägt war er von der Heiligungsbewegung, mit der er in jungen Jahren in Berührung kam und von seiner Ausbildung an der Evangelischen Predigerschule in Basel unter Inspektor Wilhelm Arnold-Rappard, einem Schwager von Carl-Heinrich Rappard. An dieser Schule kam er vor allem mit dem Gedankengut von Johann Tobias Beck in Berührung, dem großen Prediger und Theologen aus Tübingen, der in Balingen, Württ., als Sohn eines Seifensieders geboren wurde.


Vorwort

Das vorliegende Buch ist eine der ersten großen Erzählungen von Franz Eugen Schlachter. Eigentlich ist es eine Nacherzählung der Geschichte des Berner Verdingkindes Andreas Balli.

Im Stil eines Jeremias Gotthelf erzählt Franz Eugen Schlachter (FES) die erschütternde Geschichte des jungen „Resli“.

Um dieses wertvolle Werk Schlachters auch in seiner Eigenart wirken zu lassen, habe ich auf eine eigentliche Bearbeitung verzichtet und nur die übersetzungsbedürftigen Worte in der Fußnote erklärt.

Wie die meisten Werke Schlachters war der „Resli“ zuerst in den „Brosamen“, der Zeitschrift Schlachters, erschienen.

Herzlich danken möchte ich Paul Blösch sen., der mir das Originalbüchlein „Resli“ freundlicherweise geschenkt hat und meinem Sohn Peter-Michael, der das Buch Wort für Wort abgetippt, die „unverständlichen“ Begriffe herausgesucht, im Lexikon nachgeschlagen bzw. als offenen Punkt festgehalten hat.

Nicht zuletzt gebührt mein Dank aber auch Pfarrer i.R. Franz Baumann, dem Enkel von Franz Eugen Schlachter, der mir freundlicherweise und unermüdlich die spezifischen – für mich schwer verständlichen – Berndeutschen und Altschweizer Ausdrücke „übersetzt“ hat.

Man muss sich des Weiteren ja fragen, was einen „Schwaben“ bewegt, dieses Werk von Franz Eugen Schlachter – vorläufig nur im Manuskriptdruck – neu aufzulegen.

Im Zuge der Biographie musste ich mich natürlich auch mit den Werken von FES auseinandersetzen. Frühzeitig stieß ich auf den Resli und meine Neugier kannte keine Grenzen, diese Geschichte kennen zu lernen.

Lange sah es danach aus, als wäre es unmöglich, ein Exemplar vom „Resli“ zu bekommen. Ich war deshalb umso mehr erfreut und sehr dankbar, als Paul Blösch sen. mir das Büchlein freundlicherweise geschenkt hat.

Schon als ich die ersten Seiten las, hat mich die Geschichte dieses Bernerkindes erschüttert.

Nachdem schon lange der Entschluss gereift war, die zugänglichen Schriften von Franz Eugen Schlachter neu aufzulegen, liegt nun „Resli“ als zweites Werk, nach „Berechtigung und Aufgabe der Predigt“, im Manuskriptdruck vor.

Ich wünsche dem Leser Gottes Segen und ein vertieftes Nachdenken darüber, wie gut es uns heute geht und was wir Gott alles zu danken schuldig sind.

Karl-Hermann Kauffmann

1. Die Verdinggemeinde1

Es war an einem jener schönen Februarmorgen, wo der Bär seine Tatzen sonnt, um sich nachher noch weitere sechs Wochen in die Höhle zu verkriechen. Unerfahrene Leute hängen an einem solchen Tag die Vorfenster aus, suchen die Sommerkleider hervor, und in manchem Hause gibt es Tränen, weil die Mädchen gerne ihre Strohhüte aufsetzen würden und die Mutter es nicht haben will. Sogar ein Margritli steckt da und dort den Kopf unter der schützenden Mutter Erde hervor und schaut verwundert in die neue Welt; von wegen, so ein Margritli ist eben auch ein unerfahrenes Ding, es hat noch nicht manchen Winter erlebt.

Die ehrbaren Gemeindsmannen von Kurzenwyl waren nun freilich keine unerfahrenen Neulinge mehr auf dem Gebiet der Wetterkunde, und doch saßen sie heute samt und sonders in der „Sonne“ zu Kurzenwyl. Gab es doch nicht alle Tage einen so guten Vorwand, um unbeschrauen2 zu einem Schoppen3 zu gelangen, wie an diesem Tag.

Auf 9 Uhr war die Verdinggemeinde angesetzt, und dass es heute etwas lange gehen könnte im Schulhaus drüben, das bewies das dicke Buch des Gemeindeschreibers, in dem ein ganzes Heer von Notarmen verzeichnet stand. Die Gemeinde Kurzenwyl war von jeher nicht reich gewesen, und nun hatten sich auch noch die Folgen der Hungerjahre eingestellt, die nach den Kriegen des großen Napoleon Europa heimsuchten und noch vollends zertraten, was diese Geißel Gottes nicht getroffen hatte. Man zählte zwar jetzt Anfangs der 20er Jahre, aber die Wunden, welche das 17er Hungerjahr geschlagen, waren noch nicht verschmerzt; dazu kam, dass in der armen Gemeinde sieben Jahre hintereinander das Hagelwetter minder oder mehr die Ernte zerstörte. In einer Zeit, wo man in den abgelegenen Schweizertälern noch kein russisches Getreide aß, wie dies heute dank der Eisenbahnen der Fall ist, bedeutete eine solche Vernichtung der Ernte noch einen viel schwereren Schlag, als jetzt.

Kein Wunder, dass heute das Schulhaus der besuchteste Ort in der ganzen Gemeinde war. Die Kurzenwyler hielten zwar sonst nicht viel drauf. Sie fanden es nicht nötig, dass die Jungen mehr wissen sollten als die Alten gelernt. Wenn ihre Kinder Gedrucktes und etwa noch Geschriebenes lesen konnten, war das nicht genug? Sie schickten sie also nicht gar zu fleißig in die Schule; zwei bis drei halbe Tage in der Woche war übergenug. Heute aber, wo es sich nicht ums Lernen, sondern um Armenversorgung handelte, war das Schulhaus viel zu klein. Vielleicht stand die große Armenlast der Gemeinde in einem gewissen Zusammenhang mit der Gleichgültigkeit gegen die Schule? Wir wissen gar wohl, dass die Bildung nicht alle Quellen der Armut verstopft, aber Manches wäre nicht auf die Gemeinde gekommen, wenn es in der Jugend mehr gelernt hätte.

Während die Gemeindsmannen sich in der „Sonne“ drüben stärkten für die bevorstehende schwere Pflicht, sammelten sich die Armen vor dem Schulhause. Sie waren froh, dass der liebe Gott eine Sonne gemacht hat, in der man sich erquicken kann ohne Geld und umsonst.

Dort auf der Bank hinter dem Schulhause hatte sich eine Mutter mit drei Kindern hingesetzt. Das Älteste, ein Mädchen, mochte etwa 11 Jahre alt sein; ihr Jüngstes, ein Knabe, hatte eben das 7. zurückgelegt. Die Kinder hielten die Mutter fest, und die gute Frau trocknete ihre Tränen und rang nach Trost. Sie kam sich vor wie Abraham, als er an jenem Morgen in der Frühe seine Hütte verließ, um seinen geliebten Sohn auf dem Berge Morija zu opfern. War doch auch sie heute Morgen von zu Hause aufgebrochen, um diese ihre drei Kinder auf den Altar zu legen. Nur schien es ihr, ihre Lage sei unendlich trauriger als diejenige Abrahams. Er hatte nur einen Sohn zu opfern, sie aber ihren Jüngsten und noch zwei Töchter dazu. Abraham wusste, wo sein Isaak hinkomme, wenn er ihn geopfert hatte; er gab ihn ja Gott; sie aber wusste nicht, wo ihre Kinder hinkommen konnten, wenn sie heute von der Gemeinde an den Mann versteigert würden, der das geringste Kostgeld verlangte für sie. Da konnten sie ja zu einem wahren Teufel kommen, in eine wahre Laster- oder Zankhölle, jedenfalls kamen sie nicht wie Isaak in den Himmel hinein. Diese Gedanken plagten die betrübte Mutter, und wie ein Schwert ging es ihr durch die Seele, wenn eins ihrer Kinder ums andere sie schluchzend fragte: „Gelt Mutter; Du verlässest uns nicht; gelt, man nimmt uns nicht von Dir weg?“

Ja, die arme Mutter, sie hätte ihre Kinder jetzt nicht verlassen müssen, wäre sie nur im Witwenstand geblieben. Aber sie hatte das Los ihrer Kinder und ihr eigenes zu verbessern gedacht, dadurch dass sie zwei Jahre nach dem Tode ihres Mannes einen Witwer heiratete, der zwar ein Heimet4, aber ein verschuldetes und dazu vier minderjährige Kinder besaß. Als Witwe hatte sie wenigstens nur für drei zu sorgen gehabt, bekam den Bürgernutzen5 in ihrer Heimatgemeinde und war als fleißige Arbeiterin im Stande, Tagelohn zu verdienen da und dort. Ihre Kinder erzog sie ordentlich, und der gute Gott, auf den sie vertraute, sorgte väterlich für sie. Wenn die Kinder um ein Stücklein Brot baten, so hatte sie es ihnen nie abschlagen müssen, und wenn sie sich zusammen an den Tisch setzten, so mussten die Kleinen das Verslein singen:

Er ist’s, der die Witwen schützt,

Er versorgt das Waisenkind,

Er erhält und unterstützet

Alle, die bedürftig sind!

Aber nach ihrer zweiten Verheiratung sah sie sich bald bitter getäuscht und lernte das Wort der Schrift verstehen: „Verflucht ist, wer sich auf Menschen verlässt und Fleisch für seinen Arm hält.“ Mit einem Male war sie nun Mutter von sieben Kindern geworden. In der neuen Heimat, auf die sie sich vertröstet, fand sie, als sie mit ihren drei Kindern einzog, alles öd und leer. Als das Wenige, was sie noch mitgebracht hatte, aufgezehrt war, ging das Hungern an. Die vier hungrigen Wölfe, deren Stiefmutter sie geworden, nahmen ihren eigenen Kindern die Speise vom Munde weg. Resli, so hieß ihr Jüngster, wurde vom Stiefvater manchmal ungegessen mit den Ziegen auf die Weide geschickt.

O, wie oft hat er da gewünscht, wenn er nur auch eine Ziege wäre, damit er doch Gras essen und so wenigstens wieder einmal seinen Hunger stillen könnte! Einmal, im Herbst, saß der sechsjährige Knabe am Saume des Waldes. Während die glücklichen Ziegen ihr Futter suchten, weinte Resli bitterlich, weil der Hunger ihn plagte. Endlich fing er an zu beten, das hatte ihn ja die Mutter gelehrt: „O treuer Gott, in meiner Not ruf‘ ich zu Dir!“ Und sieh‘, da kam eine Frau aus dem Wald mit einem Korb am Arm. Ob sie den Knaben gehört hatte, oder ob Gottes Geist sie unbewusst dazu trieb, sie stellte den Korb ab, nahm einen Laib Brot herunter, groß genug, um seinen Hunger damit zu stillen.

Aber nicht genug an dem, dass die armen Kinder hungern mussten, ihre Mutter musste auch Zeuge davon sein, wie der Stiefvater, ein rauer, grober und selbstsüchtiger Mann, sie lieblos behandelte, und wie sie ihm überall im Wege waren. Dass er seine eigenen Kinder nicht viel besser behandelte, war kein besonderer Trost. Diese hielten sich auch darnach; wie der Baum, so die Frucht. Sie waren wild und unbändig, konnten weder lesen noch beten, dafür hatten sie das Fluchen umso besser los. Es wollte der Mutter das Herz brechen, dass ihr Resli solche Buben zu seinen Brüdern und Vorbildern bekommen hatte; denn sie waren älter als er, und er musste ihnen folgen, oder sie schlugen ihn. Das erste Mal, als sie mit ihm die Ziegen hüteten, sagten sie dem arglosen Jungen die schrecklichen Flüche vor, er musste sie ihnen nachsprechen; zuerst tat er`s gezwungen, nach und nach aber gewöhnte er sich daran. Sie belehrten ihn über die schändlichsten Dinge, so dass sein jugendliches Herz nach und nach von der Sünde vergiftet ward.

Nach zweijährigem Ehestand erklärte der Stiefvater seiner Frau, er könne ihren Kindern nicht mehr länger zu essen geben, sie müssten auf die Gemeinde. Seine zweite Verheiratung hatten die Gemeindebehörden ihm nur unter der Bedingung gestattet, dass er zwei Jahre lang die drei Kinder seiner zweiten Frau bei sich behalte. Er hielt sein Versprechen pünktlich, denn es waren gerade zwei Jahre seit der Hochzeit verflossen, als die Mutter unter Tränen den drei Kindern ihre wenigen Habseligkeiten in Bündeli zusammenschnürte und schluchzend den Weg zum Schulhaus unter die Füße nahm. Den Gang haben die Kinder in ihrem Leben nie vergessen. Besonders Resli, dem Jüngsten, schien der Gedanke an die Trennung von der Mutter unmöglich zu sein, denn er hing mit ganzer Seele an ihr, und die Tränen der Mutter, die auf dem ganzen Weg ins Dorf hinunter das Gesicht im Lumpen verbarg, redeten laut in die Kinderherzen hinein. Hier saß sie nun mit ihren Würmlein und wartete der Stunde, die ihr das Liebste, was sie auf Erden noch hatte, vielleicht für immer vom Herzen reißen sollte. Doch nein, man kann die Kinder wohl von einer Mutter trennen, aber von ihrem Herzen reißt sie keine Kreatur; eine Mutter, wenigstens eine solche, wie Resli eine hatte, liebt ihre Kinder bis in den Tod.

Mit diesem festen Entschluss, ihre Kinder im Herzen zu behalten, auch wenn sie ihr nun entrissen würden, trat die Mutter mit ihnen in die Schule hinein, als es 9 Uhr schlug. Ach, was bot sich da ihrem feuchten Auge für ein trauriger Anblick dar! Eine solche Verdinggemeinde ist eine Gelegenheit, wo alles Elend einer ganzen Gemeinde zusammenströmt. Alte, gebrechliche Leute werden da von ihren eigenen Kindern hergebracht, damit die Gemeinde sie versorgt oder ihnen ein Kostgeld für sie zahlt. Leichtsinnige Personen werfen hier der Gemeinde ihre armen Würmlein in den Schoß, die oft genug büßen müssen, was ihre gewissenlosen Väter verschuldet haben. Blinde und Taubstumme, Missgeburten und vergleichgültigte6 Geschöpfe, beschränkte und verkrüppelte Personen, die ihr Brot nicht selber verdienen können, werden da zusammengeschleppt, dass es aussieht, wie am Teich Bethesda. Dazu kommen dann erst noch die eigentlichen Waisenkinder, und es fehlt auch nicht an solchen Eltern, welche von ihrem reichen Kindersegen schon während ihren Lebzeiten der Gemeinde gerne eine Abtretung machen würden.

Die Verdinggemeinde zu Kurzenwyl wickelte an jenem Tage ihre Geschäfte in zwei Akten ab. Der erste Akt war die Musterung, der zweite die Versteigerung. Gemustert wurden diejenigen Kinder und Pfleglinge, welche bisher schon von der Gemeinde verkostgeldet gewesen waren. Ihre Meister und Pflegeeltern hatten sie zu diesem Zweck in sauberer Kleidung vor die Gemeindsbehörde zu stellen, damit diese sehen könne, ob sie ihre Sache haben. Nachdem dieser weniger wichtige Teil der Tagesordnung erledigt war, ging man zur Versteigerung der Neuzuversorgenden über. Diese las nun der Gemeindeschreiber der Reihe nach aus seinem Armenrodel7 ab. Reslis Schwestern waren unter den ersten, die an die Reihe kamen. Sie wurden in ein Dorf verdingt, zwei Stunden von der Heimat entfernt. Es war der Mutter ein Trost, dass die beiden Mädchen wenigstens nicht auseinander gerissen wurden, und als sie weinen wollte und jammern, dass sie so weit fort kämen von ihr, sagte der Mann, der sie ersteigert hatte: „Häb nit Chummer, es geiht `ne nit übel by mir, mys Bäbi isch nit öppe die leidischt Meisterfrau und mir hei scho z`ässe für sie. Es isch de nit, dass mir sie näh wegem Chostgeld, mir hei vill z`werche u Ching z`gaume, u cheu fettig Meitscheni bruuche.“8

„Andreas Balli!“ tönte es jetzt vom Richterstuhl des Gemeindeschreibers herab, der im Ablesen der zu verdingenden Kinder weiter fuhr. Aller Augen richteten sich auf den Knaben, der sich krampfhaft an der Mutter festhielt und aus Leibeskräften schrie: „Mutter, Mutter, lass mich nicht, ich bin Dein!“

„Wer will den Knaben nehmen?“ fragte der Präsident. „Man muss ihn hie und da in die Schule schicken, nebenbei kann er hüten und werchen9 was man will; wenn er schon jung ist, er hat arbeiten gelernt.“

Ein alter freundlicher Mann trat vor. „Der Bub gefällt mir“, sagte er. „Er dauert mich, dass er die Mutter verlassen muss, aber ich will ihm ein Vater sein. Zu werchen habe ich nicht viel, aber seitdem mir mein Fraueli gestorben ist, macht meine Tochter die Haushaltung, und weil sie taubstumm ist, so muss ich jemand haben, der mir die Kommissionen10 macht und die Sachen zuträgt. Wenn der Bub das besorgt und ein wenig holzen kann Winterszeit, so darf er meinetwegen daneben in die Schule gehen, so viel er will.“

Der Mutter war es, als ob ihr ein Stein vom Herzen fiele, der Alte machte einen guten Eindruck auf sie. Dem Präsidenten ging es ebenso. „Du kannst ihn haben“, sagte er zu ihm, „wenn du nicht zu viel verlangst.“

„Versprecht mir 30 Franken, so will ich ihn ein Jahr lang nähren und kleiden dafür.“

„Verlangt jemand der Anwesenden weniger für das Kind?“ Alles blieb mäuschenstill. Nur der Knabe wimmerte leise und verbarg in der Schürze der Mutter sein Gesicht.

„So nimm ihn!“ sagte der Präsident zu dem alten Mann; „du wirst wohl keinen großen Profit machen; er sieht verhungert genug aus; es braucht schon etwas, bis er zweggefüttert11 ist.“

„Mutter, Mutter!“ schrie der Knabe und brach in lautes Schluchzen aus; „lass mich nicht, ich bin dein!“

„Schweig du nur, Resli“, beschwichtigte die Mutter, „ich geh` mit dir.“ – Die beiden verließen das Zimmer, und der Alte trappete ihnen nach. „Kommt“, sagte er, „wir wollen in die „Sonne“ hinübergehen, ich will eine Halbe zahlen, es leichtet ihm dann vielleicht.“

„Danke“, sagte die Mutter, „wir wollen lieber gleich gehen und sehen, wo mein Bub hinkommen soll. Ich muss eilen, dass ich nach Hause komme, sonst macht mir der Mann noch Vorwürfe, wenn ich schon das ganze Jahr nirgends hinkomme, nicht einmal z`Predigt lässt er mich.“

„Wie du willst“, sagte der Alte. „Mein Haus steht dort oben auf dem Hubel12, es ist nicht weit, aber es geht ein wenig langsam mit mir, ich habe kurzen Atem und die Gliedersucht plagt mich heute, es wird wohl bald ander Wetter geben wollen; der Horner13 wird seine Sache noch wollen verrichten. Zum Laufen bin ich nicht mehr viel wert, darum muss ich so einen Buben haben, der hurtiger14 ist als ich.“

Oben angekommen, ließ der Mann einen guten Kaffee bereiten und stellte Käse und Butter dazu auf. Resli fing es an wohl zu werden hinter dem Tisch, es war seit langer Zeit das erste Mal, dass er genug zu essen bekam. Noch etwas anderes fiel ihm auf; hier wurde gebetet vor und nach dem Essen, der alte Mann entblößte sein schneeweißes Haupt, betete vor dem Essen das Unservater und sprach nach Tisch ein herzliches Dankgebet. Das hatte die Mutter früher auch so gehalten, aber seitdem sie beim Stiefvater wohnten, war das Gebet verstummt.

Nach Tisch nahm der Alte den Jungen mit in den Stall und zeigt ihm seine schöne Kuh. Unterdessen machte sich die Mutter aus dem Staub, und Resli hatte über all dem Neuen, das er sah, die Trennung wirklich bald verschmerzt. Der Alte war so gut gegen ihn, er schenkte ihm ein paar Äpfel und einen schönen neuen Batzen15. Am Abend nahm er ein Buch vom Schrank herunter und stellte mit dem Knaben ein Examen an. Resli konnte schon recht ordentlich lesen und erhielt nun die Aufgabe, die Morgen- und Abendgebete, die in dem Buch standen, auswendig zu lernen. „Du hast bei mir nichts zu tun“, sagte der Alte, „als zu lernen und in die Schule zu gehen, hie und da werde ich dich zwischenhinein da- und dorthin schicken.“

Resli hatte Freude an den Büchern und ging gerne in die Schule. An den langen Winterabenden lernte er die Katechismusfragen, der Pflegevater war ihm dabei behülflich, und bis zum Examen war er im Fragebuch hinten aus.

1 Das „Verdingen“ war eine Sitte im vergangenen Jahrhundert, bei der Kinder, die nicht von der Familie verhalten werden konnten, gegen ein Kostgeld an eine andere Familie weggegeben wurden und dort arbeiten mußten. Die Verdinggemeinde war eine Versammlung, in der die Kinder „versteigert“ wurden.

2 ohne Aufsehen

3 Trinkgefäß, kleiner Umtrunk

4 Heimat, Bauernhof

5 eine juristische Einrichtung, bei der jemand das Nutzungsrecht an einem Stück Land in

seiner Burgergemeinde hatte

6 vernachlässigte

7 Akte, Aktenbündel, Flurliste

8 „Mach dir keine Sorgen, es geht ihnen nicht schlecht bei mir, meine Babette ist nicht die übelste Meisterfrau und wir haben schon zu essen für sie. Es ist nicht, dass wir sie wegen dem Kostgeld nehmen, wir haben viel Arbeit und Kinder zu hüten und könnten solche Mädchen für das brauchen.“

9 arbeiten, werken, schaffen

10 Aufträge

11 aufgepäppelt, herausgefüttert

12 Hügel, kleiner Berg

13 Februar

14 flinker

15 eine Münze (1/10 Franken)

2. Die erste Morgenandacht

Als Resli zum ersten Mal im Hause seines Pflegevaters erwachte, lag auf der Erde ein weißes Leichentuch und die Flocken wirbelten durch die Luft. Der Aetti1 meinte, als man beim Morgenessen saß, es habe nicht umsonst so schuderhaft geluftet in der vergangenen Nacht, als wollte der Luft mit dem Haus ins Tal hinunter, und er habe es ja schon gestern gesagt, es werde bald ändern wollen. Die Gliedersucht sei doch ein guter Wetterprophet und koste noch dazu nicht so viel wie ein Barometer, es sei doch am Ende alles für etwas gut, der liebe Gott habe nichts umsonst gemacht in der Welt, wie es ja auch heiße in der heiligen Schrift, dass denen, die Gott lieben, alles zum Besten dienen müsse.

Mit diesen Worten wischte er den Löffel am Tischtuch ab und steckte ihn neben sich an die Wand, dann nahm er aus der Ecke hinter dem Tisch die alte, mit Blech beschlagene Bibel hervor, die schon sein Großvater hatte einbinden lassen, und fragte Resli, ob er ihm etwa sagen könne, wo der schöne Spruch stehe, den er soeben angeführt. Der Knabe wusste zwar, das der Spruch im Herzen seiner Mutter stand, denn in ihrer Trübsal hatte sie sich mehr als einmal damit getröstet, dass denen, die Gott lieben, alles zum Besten dienen muss; aber dass der Spruch in einem Buche zu finden sei, davon hatte er noch keine Ahnung gehabt. Auch war es ihm wirklich zu verzeihen, wenn er noch nicht so viel Bibelkenntnis besaß, um angeben zu können, ob ein Spruch im ersten Buch Mose oder im Römerbriefe zu finden sei, denn es gibt ja bekanntlich Jünglinge und Männer, die mehr wie drei und fünf Mal älter als der siebenjährige Resli sind, und doch suchen sie den Römerbrief im ersten Buche Mose auf, und wenn sie ihn dort nicht finden, so blättern sie das ganze Gesetz und die Propheten durch in der Hoffnung, es führen endlich alle Wege einmal nach Rom.

Während Resli sich besann, schlug der Pflegevater das achte Kapitel im Römerbriefe auf. Die Bücher der Bibel waren ihm längst keine spanischen Dörfer mehr, und wenn er nur seine Brille nicht verlegt hatte und kein Glas darin fehlte, so fand er sich darin ebenso gut wie in seinem Spycher2 zurecht, wo ja doch auch kein Bauer das Garn mit dem gedörrten Speck verwechseln wird, wenn auch beides an ein und derselben Stange hängt.

Besonders gut war aber der alte Mann im Römerbriefe zu Haus, der für ihn, den schlichten Bauern, ebensowohl wie weiland3 für Doktor Martin Luther, der Wegweiser zu der Gerechtigkeit, die aus dem Glauben kommt, geworden war. Der liebe Gott macht nach diesem Briefe zwischen Doktoren und Bauern keinen Unterschied; sie sind allzumal Sünder und werden ohne Verdienst gerecht durch den Glauben an die Erlösung, die durch Christum geschehen ist. Dieses „Trom“4 hatte Reslis Pflegevater erfasst, es war ihm aus dem Herzen gesprochen, wenn der Apostel im fünften Kapitel dieses Briefes bezeugt: „Nun wir denn sind gerecht geworden durch den Glauben, so haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesum Christ.“ Heute Morgen schlug er aber nicht das fünfte Kapitel, sondern das achte auf. Offen gestanden, verstand Resli nicht viel davon, als der Vater mit herzlicher Inbrunst diesen Abschnitt zur Morgenandacht las. Aber es ging ihm wie einem Kind, das zum Sternenhimmel emporblickt; es versteht zwar noch gar nichts von der Beschaffenheit der Gestirne und ihrem wunderbaren Lauf und ahnt doch schon etwas von der Herrlichkeit, die dort oben verborgen ist. So konnte auch Resli aus den freudestrahlenden Augen des Alten lesen, was er aus Römer 8 noch nicht zu lesen im Stande war, dass nämlich hier ein Schatz im Acker liegen müsse. Was dieser Schatz sei, an dem er sich so freute, das verbarg ihm denn auch der Pflegevater nicht. „Höre“, sagte er zu Resli, als er im Lesen zum 18. Verse des Kapitels kam: „Ich halte dafür, dass dieser Zeit Leiden nicht wert sind der Herrlichkeit, die an uns geoffenbaret werden soll.“

Bei diesen Worten nahm der Alte seine Brille ab und schaute Resli an: „Du weißt noch nicht, was Leiden sind; du hast zwar schon Hunger gelitten und wohl auch manchmal Schläge gekriegt; bedenke jedoch, dass dies nur die ersten Tröpflein von einem ganzen Leidenskelch gewesen sind. Damit du nun mit dem Heiland sagen könnest: Soll ich den Kelch nicht trinken, den mir der Vater gegeben hat? ist es nötig, dass du wie Er dich auf die Herrlichkeit freuen könnest, die ganz gewiss nach dem Kreuze kommt. Und da kann ich dir denn als ein alter Mann bezeugen, der`s in Sturm und Wetter erprobt hat: Wer ein Kind Gottes ist, der kann sich in allen Lagen freuen auf die zukünftige Herrlichkeit, wie der Apostel in diesem Kapitel schreibt: Sind wir denn Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi. Ja“, so schloss der Pflegevater seine erste Morgenandacht mit Resli, gerade wie der Apostel auch das achte Kapitel im Römerbriefe schließt: „Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, noch keine andere Kreatur mich scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christo Jesu ist, unserm Herrn!

Wie froh bin ich jetzt in meinen alten Tagen, dass ich diese selige Gewissheit in meinem Herzen tragen darf. Ich weiß ja nicht, wie lange ich noch zu leben habe. Der Tod kann ung`sinnet5 kommen, besonders wenn man das 70. Jahr schon überschritten hat. Wie der liebe Gott heute über Nacht das weiße Leichentuch über die Felder gebreitet hat, so ist es auch schon manchmal vorgekommen, dass das Leintuch, womit einer sich am Abend zudeckte, ihm über Nacht in ein Leichentuch verwandelt worden ist.“

1 Vater

2 Vorratskammer

3 einstmals

4 diesen Faden, d. h. diese gewaltige Wahrheit

5 unvermittelt, ohne, dass man daran denkt

3. Zu früh

Reslis Augen füllten sich mit Tränen, als der Pflegevater so vom Sterben sprach. „Du wirst längi Zyti1 nach der Mutter haben, dass du plärrest?“ fragte ihn der Alte teilnahmsvoll. – „Nein, aber es duret mich gar grusam, dass Ihr schon sterben wollt und ich wieder auf die Gemeinde soll“, antwortete der Knabe, der offenbar in der kurzen Zeit schon recht anhänglich an den alten Vater geworden war.

„Du bist es Babi“, sagte dieser lachend, „so weit ist es noch lange nicht. Daneben ist es gut, wenn du früh genug das Wort der Schrift beherzigen lernst: „Lasset ab von dem Menschen, der Odem in der Nase hat, denn was ist er zu achten? Er ist wie des Grases Blume, die bald verblüht.“ Es ist darum viel besser, lieber Resli, wenn du dich nicht an Menschen, sondern an den Heiland hängst, der gestern und heute derselbe ist und in Ewigkeit; wenn Vater und Mutter dich verlassen, so nimmt Er dich auf.“

Es war wirklich gut, dass der Alte es verstand, sein Pflegekind darauf vorzubereiten, dass irdisches Glück etwas Unzuverlässiges ist; denn die Gliedersucht, die ihn seit Jahren jeden Winter regelmäßig aufgesucht, nahm diesmal mit dem nahenden Frühling nicht ab, sondern einen immer beschwerlicheren Charakter an. Nesseln und Hanf, Bockbart und Brombeerstauden und noch ein halbes Dutzend andere Kräuter, welche die längst verstorbene Mutter sorgfältig gedörrt und aufgehoben hatte, wurden zwar von der Tochter geflissentlich aus dem Versteck hervorgeholt und ein Topf voll Thee um den anderen daraus gebraut. Allein der gute Alte, der bisher geglaubt hatte, ums Herz herum sei er noch ganz gesund, litt an zunehmender Atemnot, die Füße fingen an zu schwellen und es stellte sich heraus, dass die Gliedersucht sich aufs Herz geworfen hatte und die Wassersucht im Anzug sei. Ein Nachbar, der gerade im zwei Stunden entfernten Pfarrdorfe etwas zu verrichten hatte, wurde zum dortigen Arzt geschickt. Er brachte einen großen Gutter2 mit einem bittern Trank und eine Drucke3 voll Pülverli mit, aber auch den Bericht, der alte Doktor habe beim Wasserg`schauen ein bedenkliches Gesicht gemacht und gesagt, es müsse gut gehen, wenn der Kranke die Kirschenblust4 noch erlebe.

Und der Doktor hatte leider Recht. Als die Passionszeit kam, hatte das Leiden einen solchen Grad erreicht, dass der Alte nicht mehr aufzustehen im Stande war. Bald wurde er so schwer, dass Resli und die Tochter ihn nicht mehr heben konnten. Ein starker Mann musste jedes Mal gerufen werden, um ihn auf und nieder zu tun, und der versicherte jedes Mal, der Kranke sei wenig leichter als ein doppelzentneriger Sack. Doch der liebe Gott machte es gnädig mit ihm; wenn ihm auch das Wasser immer näher zum Herzen drang, dass er mit David beten musste: „Gott hilf, denn das Wasser geht mir bis an die Seele!“ so löschte dasselbe doch den Glaubensfunken nicht aus, nein, Gottes Geist blies denselben immer mehr zur hellen Flamme an. Denn Der, welcher keines seiner Kinder versuchen lässet über Vermögen, sondern allezeit einen erträglichen Ausgang schafft, sorgte dafür, dass die beschwerliche Krankheit verhältnismäßig rasch zu Ende ging. Für seinen Pflegesohn und seine taubstumme Tochter freilich viel zu früh, von ihm selbst aber längst ersehnt, erschien die Stunde der Ablösung von diesem sterblichen Leib, noch ehe der Ostermorgen durch die Fenster schien.

Warum, so spricht nun die menschliche Vernunft, wurde Resli das Glück, in der segensreichen Nähe eines solchen Mannes zu sein, nur zwei Monate lang zu teil? Diese kurze Zeit hatte gerade hingereicht, um ihn die Flüche vergessen zu lassen, die er bei seinen Stiefbrüdern eingeübt. Wie gut hatte ihm nach der Hungerkur beim Stiefvater das Brot des Pflegevaters geschmeckt, der ihn ja nicht nur mit Bibelsprüchen abspies, sondern dem das leibliche Wohl des armen Knaben nicht minder als dessen Seelenheil am Herzen lag. In der kurzen Zeit hatte er solche Fortschritte im Lernen gemacht, dass der Lehrer sagte, zwar nicht zu ihm, aber zum Pflegevater: Aus dem wird einmal etwas anderes als nur ein Taglöhner, wenn du ihn so fleißig zur Schule schickst.

Doch nun war mit einem Schlag die ganze Herrlichkeit vorbei. Es gab Leute in der Nähe, denen der Tod seines Pflegevaters nicht so zu Herzen ging wie ihm, an denen sich vielmehr das Wort erfüllte: Wo ein Aas ist, da sammeln sich die Adler. Der Lehrer redete diese Leute beim Leichengebet als die werte Trauerversammlung an, aber dass ihr Geschrei, das sie bei der Leiche erhoben, aus traurigem Herzen kam, bezweifelte man in der Nachbarschaft. Zuerst suchten diese Verwandten des Verstorbenen, um der taubstummen Tochter nicht alle Mühe aufzubürden, Keller und Speicher ab und veranstalteten mit den vorhandenen Vorräten eine respektable „Gräbd“5; es war ja begreiflich, dass man von dem zweistündigen Weg bis zum Friedhof hungrig werden musste. Besonders gute Dienste leistete da das Kirschwasser, das man in einer unangebrochenen großen Strohflasche entdeckte, denn der Alte hatte das „Gläseln“6 nicht geübt.

Wie bei Simsons Tode mehr Philister umkamen, als er in seinem ganzen Leben vertilgt hatte, so wurden hier bei der Beerdigung des alten Mannes mehr Gläschen vertilgt, als er selbst in seinem ganzen Leben je getrunken hatte. Unter der zu unbesonnenen Taten begeisternden Wirkung des Getränks fingen dann Etliche an, von der Teilung zu reden; es wäre ihnen kommod7, wenn sie gleich etwas mitnehmen könnten. „Ja“, erklärte der nächste Verwandte, „den Buben da, den er gedinget hat, den könnt ihr haben, wenn ihr wollt, der muss allweg irgendwo gefüttert werden bis zur nächsten Verdinggemeinde im Brachmonat; aber vom Teilen redet nicht, es gibt nichts aus dem Käs. Die Tochter ist die einzige Erbin; sie hat zwar das Alter längst, um mündig zu sein, aber weil sie keinen Mund hat, so steckt die Vormundschaftsbehörde allweg ihre Nase in die Sache hinein. Einstweilen nehme ich als Onkel das Eisi zu mir, allein kann man es ja hier nicht hausen lassen, den Bub kann nehmen wer will.“ – „Wenn dem so ist“, sagten die Andern und machten ein langes Gesicht, „so nimm du den Bub auch gleich dazu, es wird am Platz sein, dass, wer den Nutzen hat, auch den Schaden übernimmt.“

Und so nahm denn der besorgte Onkel mit der gewinnversprechenden taubstummen Nichte auch den armen Resli mit. Die erstere hatte es nicht schlecht, man setzte große Hoffnungen auf sie, wenn sie bleiben würde, denn wer die Erbin hat, dem winkt auch das Erbe zu. Resli dagegen, der von Anfangs April bis erste Woche Juni um der Gottswillen, wie man ihm oft genug vorhielt, hier aufgenommen wurde, bekam es zur Genüge zu fühlen, ein wie unwillkommener Gast er war, er, an dem kein Erbteil, sondern nur ein elendes Kostgeld hing. Außer Schlafens- und Essenszeit durfte er nicht im Hause sein. Er wurde aber in der Zwischenzeit nicht etwa in die Schule geschickt. Das wäre ihm eine schöne Ordnung, begehrte der neue Meister auf, als Resli um Erlaubnis zum Schulbesuche bat, wenn jeder Bettelbub in die Schule gehen sollte und noch dazu im Frühling, wo so viel Arbeit sei. Werchen8 sollte ein solcher lernen, was trage ihm das Lesen und Schreiben ab. Zu rechnen werde er einmal doch nicht viel haben, und wo kämen die Bauern hin, wenn bald jeder Talner9 so gut rechnen könnte, wie sie. Resli sagte denn auch nichts mehr von der Schule, seitdem ihm dieser Bescheid zu Teil geworden war.

Er ging bei Regen und bei Sonnenschein und hütete die paar Schafe seines Meisters, indem er sie das Gras bei den Zäunen abätzen10 ließ, denn eine Weide besaß der Meister nicht, obschon er in seinen Augen ein so großer Bauer war, der himmelhoch über einem Tagelöhner und Bettelbuben stand; das machte, er sah sich bereits durch das Vergrößerungsglas des in Aussicht stehenden Erbes an. So brachte Resli den ganzen Tag mit ähnlichen, verschnupften11 Kindern zu. Phantasiereiche Städter malen sich oft das Leben eines Hirtenbuben so idyllisch aus, als rege der Umgang mit den Schafen und mit der Natur schon von selbst zur Gottesfurcht an. Wenn sie aber wüssten, was für eine Schule des Lasters für manche arme Kinder dieses gemeinsame Hüten von einigen Schafen oder Ziegen ist, sie fänden Reslis Los nicht eben beneidenswert.

Nein, hier beim Schafehüten brachen die alten Sündenwunden des armen Knaben, die unter der Pflege des alten, frommen Mannes vernarbet waren, von neuem wieder auf, und hier war niemand, der den Balsam des Wortes Gottes in dieselben goss. Fluchen und Schwören hörte er im Haus, aber kein Gebet, und wenn er draußen an den Gassen hütete, so traf er hier eben die Gassenbuben an, denen sah er ihre Unarten ab, oder er wurde von ihnen selbst zur Zielscheibe ihrer Bubenstücke gemacht. Da seine Kleider zu zerreißen begannen, niemand sie ihm flickte und er auch keine neuen erhielt, so machten sich die andern Kinder Spaß daraus und rissen ihm die Fetzen vom Leibe, um, wie sie sagten, ihre eigenen Löcher zu verstopfen damit. Die ehrbaren Leute, die des Weges kamen, gingen an ihm vorüber wie der Priester und der Levit an dem, der unter die Räuber gefallen war, nein, sie schalten ihn noch einen Hudel, was in feinerem Deutsch einen Lumpen bedeuten will.

Resli wartete vergeblich auf den barmherzigen Samariter, er kam nicht, und so blieb dem armen Jungen nichts anderes übrig, als fortan hinter eine Hecke zu schlüpfen, wenn jemand vorüberging, und sich zu vertrösten auf die nächste Verdinggemeinde, wo der liebe Gott ihm wieder einen Engel zuschicken konnte, wie der verstorbene Pflegevater einer gewesen war.

1 Heimweh

2 Flasche, Arznei

3 Schachtel

4 Kirschenblüte

5 Leichenschmaus

6 (gemeinsam) trinken

7 bequem, behaglich

8 Arbeiten, Werken, Schaffen

9 wohl ein Knecht des Bauern

10 abfressen

11 missmutigen, verärgerten

4. Wie Resli vom Regen unter das Dachtrauf kommt

Resli wurde auf keinen afrikanischen Sklavenmarkt geschleppt. Dort werden ja die schwarzen Heidenkinder an den Meistbietenden verkauft, die Verdinggemeinde aber gab den Knaben an den Mindestfordernden hin. Er kam in ein Haus im Reckholderberg, nahe bei Kurzenwyl. Zwei Brüder bauerten dort insgemein. Verheiratet waren sie nicht, ihre Mutter lebte auch nicht mehr, eine Schwestertochter war das einzige Weibervolk im Haus, sie besorgte den beiden Hagestolzen1 die Haushaltung. Eine Mutter hatte Resli selbstverständlich an dieser Tochter nicht, dazu war sie noch zu jung, sie hätte selbst noch eine nötig gehabt, und dass zwei ältere Junggesellen keine Väter sind, weiß Jedermann. Es erfüllte sich an dem armen Knaben demnach das Wort: „Wenn ihr gleich zehntausend Zuchtmeister hättet, so habt ihr doch keinen Vater.“

Das war ein großer Schade für ihn, denn wie sehr hätte der achtjährige Knabe der väterlichen Erziehung und der mütterlichen Pflege bedurft. Was für eine Herzlosigkeit liegt doch in einer derartigen Verkostgeldung armer Kinder, bei welcher nur zwei Gesichtspunkte maßgebend sind, der Kostenpunkt und die Rücksicht darauf, dass ein solches Kind werchen lernen muss. Ganz richtig ist es ja an und für sich, wenn man die Verdingkinder vor dem Müßiggang bewahren will, weil dieser in der Tat aller Laster Anfang ist, aber ist denn damit einem Kinde schon eine gute Erziehung zugesichert, dass man ihm für schwere Arbeit sorgt? Als ob die Anstrengung aller Tugenden Anfang wäre! Resli wenigstens hat`s erfahren, dass dem nicht so ist. Arbeit hatte er genug unter der Junggesellenmeisterschaft, für die ein Kind nur so viel Wert hatte, als man an ihm Tagelöhne ersparen konnte; um seine Erziehung zur Tugend und Gottesfurcht kümmerte man sich aber in diesem Hause keinen Pfifferling. Nun denken Manche, diesen Mangel empfinde so ein Bub ja nicht; auf einen groben Klotz gehöre ein grober Keil. Aber Resli hatte keinen groben Klotz, sondern ein weiches Herz in seiner Brust. Hatte er das von seiner Mutter geerbt, oder war`s Gottes Gnade, die ihn frühe zog; wohl wurde es ihm die sechs Jahre hindurch, die er in diesem Hause zubrachte, nie in dem Heidentum, in das er hier mitten in der Christenheit, nur zwei Stunden von der nächsten Kirche entfernt, hineingegangen war.

Wir sagen „Heidentum“. Gab es denn Götzen in diesem Haus? Ja, der große Götze Mammon hatte hier alles in seiner Gewalt. Über seinem Altar hatten die beiden Brüder einen Bund gemacht, keiner von ihnen wolle sich verheiraten; lieber einen Sack voll Geld als eine Schar Kinder im Haus, sagten sie. Sie hielten ihr Versprechen treulich, das ist wahr; es kam auch etwas dabei heraus: Sie machten ihren Hof schuldenfrei, zahlten ihren Geschwistern, was ihnen heraus gehörte und machten noch ordentlich für. Aber sie merkten nicht, dass ihr Geldmachen auf Kosten der Seele ging. Die sechs Jahre hindurch, so lange Resli in ihrem Hause war, hat keiner von ihnen ein Gotteshaus besucht, als wo sie vor das Chorgericht mussten.

Aber warum mussten sie denn vor das Chorgericht? Das kam so: Die Haushälterin der beiden Junggesellen hatte das Unglück, wie man zu sagen pflegt, zweimal Mutter zu werden während jener Zeit. Damals fiel aber, nach gutem altem Brauch, die Untersuchung solch delikater Fälle noch dem kirchlichen Sittengericht zu, das aus dem Pfarrer und den Kirchenältesten bestand. So wurden denn vom Chorgericht die beiden Brüder vorgeladen, sie sollten angeben, wer der Vater dieser Kinder sei. Genau anzugeben vermochten sie das aus guten Gründen nicht, aber sie hatten wohl aus ebenso guten Gründen nichts dagegen zu sagen, als das Chorgericht ihnen die Sorge für die Kinder überband, obgleich man dieselben auf den Namen der Mutter ins Taufregister schrieb.

So hatte denn der Bund, den die beiden Brüder am Altare Mammons miteinander geschlossen, einen Riss gekriegt, sintemal2 es noch mehr Götzen gibt in der Welt, von denen der eine dem andern gar zu gerne einen Streich spielt, wenn er kann, denn sie kämpfen allesamt um die Herrschaft über das Menschenherz. Welcher Götze in diesem Fall über den Mammon Meister geworden ist, brauchen wir nicht erst zu sagen, unsere Leser wissen`s schon.

Die beiden Brüder sahen ein, dass Mammons Herrschaft bedenklich ins Wanken geraten sei, so sannen sie denn auf neue Mittel zu deren Befestigung. Es war Winter geworden, wo der Bauer, wenn er nichts zu holzen hat, manche Stunde auf dem Ofen sitzt. Dies war auch die Zeit, wo sogar Resli in die Schule ging; im Sommer gab es nichts daraus. Allein, nun kam den Brüdern in den Sinn, es gäbe doch auch noch eine nützlichere Winterbeschäftigung, als auf dem Ofen zu sitzen oder in die Schule zu gehen, bei der zudem ein hübsches Stück Geld zu verdienen sei, wenn viele Hände daran gehen. Die ärmeren Leute spannen nämlich damals den sogenannten Gremplerflachs und um etwas Ordentliches dabei zu verdienen, saß an vielen Orten vom frühen Morgen bis zum späten Abend Jung und Alt, Mann und Weib, zum Spinnrad hin.

Bisher hatte nur Lisi, die Haushälterin, das Spinnen besorgt; ihre Arbeit reichte für die kleine Haushaltung hin. Nun aber war der Flachs gut geraten im verwichenen3 Sommer, sie hatten viel, und die Brüder rechneten aus, wie viel mehr sie lösen könnten aus dem Garn, als aus dem ungesponnenen Flachs. Flugs machten sie für sich und Resli drei alte Spinnräder zurecht, und nun schnurrte es in der Bauernstube den ganzen Tag, während draußen der Sturm die weiße Baumwolle zu einer schneeweißen Decke verwob. Resli wurde in der noch ungewohnten Kunst von Lisi unterrichtet, er zeigte Geschick dazu und hatte auch Freude daran. Bald erhielt er aber die Aufgabe, alle drei Wochen ein ganzes Pfund zu spinnen. Konnte er neben seinen übrigen Hausgeschäften zwischen der Schule damit nicht fertig werden, so blieb ihm eben keine andere Wahl, als das Lernen an den Nagel zu hängen und hinter dem Spinnrad zu studieren, was natürlich nach der Ansicht seiner Meistersleute viel vernünftiger war. Dass er unter solchen Umständen kaum notdürftig schreiben und rechnen lernte, versteht sich von selbst; es fehlte ihm ohnehin am Schreibmaterial, dazu gab ihm niemand Geld, und die Schule verabfolgte4 in damaliger Zeit noch keine Lehrmittel, von wegen sie arbeitete noch nicht unter so hohem Steuerdruck wie heutzutage, was Wunder, dass auch ihre Leistungen damals noch nicht so hoch gestiegen sind wie in einer glücklicheren Zeit, die sich zu der „guten alten Zeit“ ausnimmt wie die fetten Kühe zu den sieben magern Pharaos. Resli suchte sich freilich den Schulbesuch so viel wie möglich dadurch zu sichern, dass er Morgens sehr früh ans Spinnen ging und Abends bis 9 und 10 Uhr bei der Arbeit blieb, was für den kleinen Knaben gewiss keine geringe Leistung war. Überwältigte ihn bei der Nachtarbeit der Schlaf, was sich allemal am Stillstehen seines Spinnrades zu erkennen gab, so zupfte man ihn nicht gar sanft am Haar, dass ihm der Spengler aus den Augen wich.

Gewöhnlich sorgten aber die Männer, die an den langen Winterabenden zum Abendsitze kamen, schon dafür, dass Resli nicht schläfrig ward. Die ganze Nachbarschaft hatte hier freien Zutritt, wo kein Vater und keine Mutter auf Zucht und Ordnung hielt. Und leider fanden sich aus diesem Grunde nicht gerade die Besten ein. Hätten sie nur allerlei Kurzweil getrieben und mit Hand- und Mundharmonika musiziert, oder hätten sie gar Geschichten vorgelesen wie W.O. von Horn sie in der „Spinnstube“ erzählt, so hätte Resli wenigstens noch etwas dabei gelernt; nun aber überboten diese wilden Männer sich im Erzählen ihrer Schandtaten, die sie als „Nachtbuben“ beim Kiltlaufen5 verübt.

Sie begnügten sich nicht etwa mit der Erinnerung an ihre lustigen Bubenstreiche, sie erzählten nicht bloß wie sie einem Bauern Nachts den Heuwagen auf den Dachgiebel gestellt oder einem andern den Pflug in den Baum hinauf gehängt, nein, die schlüpfrigsten Geschichten mussten her, und hatte man keine solchen mehr auf Lager, so wurde eine gemacht, dass der Schmutz davon dem Erzähler über die Maulecken herunter troff. Und das alles wurde natürlich nicht nur vor den Ohren der jungen Haushälterin, sondern auch vor Resli ausgekramt. Dieser hatte anfangs an solchem Schmutz nicht sonderlich Geschmack, er fühlte so etwas dabei, er wusste selbst nicht was.

Er kam sich wie verlassen von Gott und Menschen vor, als ob er unter eine Räuberbande geraten sei. Das war er auch; denn diese elenden Menschen raubten ihm mit ihrem wüsten Geschwätz die Unschuld weg, die er noch mitgebracht, und traten mit ihren groben Füssen jedes Schamgefühl in den Kot. Der Lichtfunke, der noch in des Knaben Herz wie ein glimmendes Docht geleuchtet hatte, fing allmählich an zu erbleichen, und das junge Herz geriet durch die gewissenlosen Nachtbuben in die Nacht der Sünde hinein. Wehe darum den Menschen, die einen dieser Kleinen ärgern, wie es diese Männer taten mit ihren ungewaschenen Mäulern, wahrlich, es wäre ihnen besser, ein Mühlstein würde ihnen an den Hals gehängt und sie würden ersäuft im Meer, da es am tiefsten ist!

Wer will nach alledem bestreiten, dass es noch heidnische Familien gibt mitten in der Christenheit? Hier konnte man wirklich sagen: „Wo keine Bibel ist im Haus, da sieht`s gar öd` und traurig aus!“ Doch war eine da, sie stund in der Ecke hinter dem Tisch. Aber wie wurde sie bebraucht! Eines Sonntags, als Resli nach Hause kam, saß einer der Brüder hinter dem Tisch und hatte sie offen vor sich liegen. Jetzt kommt`s gut, dachte Resli, und die Erinnerung an seinen verstorbenen Pflegevater, der immer einige Stunden des Sonntags hinter der Bibel zugebracht, erwachte in ihm. Aber er hatte sich zu früh gefreut. Wie er näher zusieht, bemerkt er, dass der vermeintliche Bibelleser nicht die Wahrheit, sondern die Wanzen in der Bibel sucht. Mit der einen Hand wendete er die Blätter um, in der andern hatte er einen Stift, zog diesen am innern Ende jedes Blattes durch und machte auf diese Weise Jagd auf die genannten Haustiere, von deren Anwesenheit im Hause Resli auch zu erzählen wusste. Es war den Tierlein wirklich nicht zu verargen, dass sie im Kampf ums Dasein in die Bibel krochen, dort hatte sie wenigstens Jahre lang niemand gestört.

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Litres'teki yayın tarihi:
26 mayıs 2021
Hacim:
152 s. 4 illüstrasyon
ISBN:
9783958932814
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