Kitabı oku: «Turrinis Herz»
Franz Friedrich Altmann
TURRINIS HERZ
Kriminalroman
für Toni Wurm
(statt einer Grabrede)
I
„Hurerei, elendige!“, sagt man natürlich nicht. Weil man ja nicht flucht. Höchstens es rutscht einem heraus. Da gibt es sogar einen Witz zu dem Thema. Sagt ein Vater am Elternsprechtag zur Lehrerin: „Ich fluch nicht, meine Frau flucht nicht – ich weiß auch nicht, wo unsere gottverfluchten Hurenskinder das her haben!“
Jetzt aber interessant: Warum sind es ausgerechnet immer die Männer, denen so ein Hurerei, elendige herausrutscht? Haben ja eigentlich gar keinen Grund, dass sie sich über die Hurerei beklagen. Müssen ja nicht hingehen ins Puff, wenn sie nicht wollen. Die Frauen hätten da viel mehr Grund, dass sie Hurerei, elendige sagen. Zuerst einmal die Huren selber: Ist doch logisch, dass die auch einmal einen schlechten Tag haben und auf ihren Beruf schimpfen. Und dann natürlich die Ehefrauen, die bestimmt keine Freude haben, wenn die Männer das ganze Geld ins Puff tragen, statt dass sie ihnen endlich die neue Küche kaufen. Bei Frauen also absolut verständlich – bei Männern kein bisserl. Trotzdem extrem beliebt. Und noch dazu in allen möglichen Lebenslagen, die mit der Hurerei nicht das Geringste zu tun haben: Wenn die Motorsäge nicht anspringt, wenn ein Rehbock ins Auto hupft, wenn die Oma stirbt und das ganze Geld der Kirche vermacht hat – kurzum immer, wenn was nicht hinhaut, fällt einem Mann zuerst einmal Hurerei, elendige ein.
Trotzdem ist es jetzt ausnahmsweise einmal eine Frau, der „Hurerei, elendige!“ herausrutscht. Obwohl, eigentlich ist es genau genommen gar keine Ausnahme, weil sich die Gucki sowieso aufführt wie ein Mann: Kurze Haare wie ein Mann, angezogen wie ein Mann, raucht und sauft wie ein Mann und fluchen tut sie halt auch wie ein Mann.
Kein Wunder, dass sie da noch immer keinen Mann gefunden hat! Traut sich ja keiner. Weil eine Schönheit ist sie ja auch noch, die Gucki: nicht so eine zaundürre Kraxen wie die ganzen Fotomodelle – ein richtiges Weib mit allem Drum und Dran! Und bei einer wirklich schönen Frau, da trauen sich die wenigsten Männer drüber. Praktisch wie bei einem Auto: Angeschaut wird er schon, der Porsche, aber eine Probefahrt traut sich dann schon keiner mehr machen, weil man genau weiß, dass es sowieso nur für einen Skoda reicht oder allerhöchstens für einen VW.
Jetzt braucht aber keiner glauben, dass die Gucki „Hurerei, elendige!“ gesagt hat, weil sie keinen Mann findet. Mit dieser Tatsache kann sie leben. Nicht leben aber kann sie mit der Tatsache, dass sie ein E-Mail gekriegt hat, das vor Spott und Hohn nur so trieft:
Verehrte Frau Mag. Wurm!
Meine Gratulation zu Ihrer wahrlich fundierten Berichterstattung. Wenn Sie auch in der Eile vergessen haben dürften, die Bescheide der Baubehörde sowie des Gewerbeamtes und der Landessanitätsbehörde in Augenschein zu nehmen, so ist Ihnen doch ein verblüffendes Interview mit dem hochwürdigen Herrn Pfarrer gelungen. Wer hätte je gedacht, dass dieser sich gegen ein Puff in seiner Pfarre aussprechen würde?
Und dann erst die Headline? „Hurerei vergiftet Heilwasser!“ So was kann doch nur einer mit allen Wassern gewaschenen hochprofessionellen Journalistin einfallen, nicht einem einfachen Landpfarrer (und mag er noch so senil sein).
Den Glanzpunkt aber stellt zweifelsohne Ihr Leitartikel mit dem sinnigen Titel „Moralische Umweltverschmutzung“ dar. Mit unerschütterlicher Logik liefern Sie hier den Beweis, dass man die Realität verdrängen kann, wenn man nur wirklich will. So eine berührende Naivität habe ich zum letzten Mal in den Gymnasialaufsätzen meiner lieben Mitschülerinnen erlebt. Da Sie sich nicht gescheut haben, diesen Leitartikel mit Ihrem Foto zu verzieren, aus dem Sie mich mit vorwurfsvollen Rehaugen anblicken, darf ich Ihnen ernsthaft das Angebot machen, in meinem Etablissement als strenge Herrin zu amtieren und unsere Kunden statt mit einer Peitsche mit einem Weihwassersprenger zu bearbeiten. Manche stehen da sicher drauf – womöglich sogar der hochwürdige Herr Pfarrer.
Ihr leidiger moralisch verschmutzter
Siegfried Schellhammer
Eh klar, dass da der Gucki „Hurerei elendige!“ herausrutscht. Aber nicht, weil dieser Puffbesitzer so goschert ist, sondern weil er leider Gottes recht hat. „Scheiße, Scheiße, Scheiße!“
Da sieht man, dass die Gucki schon auch noch andere Flüche auf Lager hat. Flexibel nennt man das heutzutage. Das ist momentan das Zauberwort in der Arbeitswelt. Wenn die Molkerei Freistadt zusperrt, weil sie von der Gmundner Milch aufgekauft worden ist, musst du als Arbeiter halt ein bisserl flexibel sein und eben nach Gmunden in die Arbeit fahren. Ist ja eh nicht weit!
Die Gucki ist jetzt aber gleich noch einmal flexibel und verzichtet auf ihr gewohntes Aspirin C. Weil Dienstagabend, vor allem aber Dienstagnacht ist Tarockieren in der Meierhansl-Hütte. Ist gleich: Bier, Bier, Bier! Da braucht die Gucki schon nichts mehr sagen: Sobald sie am Mittwoch die Redaktion der Mühlviertler Nachrichten betritt, serviert ihr die Renate auch schon ein Aspirin C. So wie jetzt.
„Un Aperol Sprizz, Signorina!“
„Grazie, no! Una birra grande, Signora Heiligenbrunner! Pronto, per favore!“
Wird leicht in der Redaktion der Mühlviertler Nachrichten nur Italienisch geredet? Quasi Amtsprache? Aber nein! Das ist nur so ein Schmäh zwischen der Renate und der Gucki. Weil sie voriges Jahr miteinander in Italien auf Urlaub waren. Und weil sich die Frau Sekretärin und die Frau Redakteurin überhaupt recht gut miteinander verstehen. Drum hat die Gucki auch im Nu kein grausliches italienisches Bier, sondern einen Freistädter Ratsherrentrunk in der Hand, während die Renate „Salute!“ sagt und auch schon mit ihr anstoßt.
Tät sie sich normalerweise nicht trauen, die Renate. Biertrinken während der Arbeit. Wenn die Hatzl da wär. Die Redaktionsleiterin. Die fleischgewordene Gemeinheit im Rüscherlbluserl. Dabei sauft die Hatzl selber. Whiskey im Kaffeehäferl. Die Gucki und die Renate haben sowieso den Verdacht, dass sie zurzeit nicht auf dem Jakobsweg herumhatscht, wie sie behauptet hat, sondern in der Trinkerheilanstalt Kalksburg herumliegt. Ist ihnen auch wurscht – Hauptsache sie ist sechs Wochen lang nicht da!
Trotzdem können die zwei nicht einfach in Ruhe ihr Bier trinken. Da ist nämlich noch einer da, der unbedingt mittrinken will und das auch lautstark zum Ausdruck bringt. Der Turrini nämlich. Also, wenn du mich fragst, der Turrini tät auch nach Kalksburg gehören! Dass jetzt kein Missverständnis entsteht: Damit meine ich natürlich nicht den Peter Turrini! Weil der ist ja der Theaterdichter, über den die Gucki ihre Diplomarbeit geschrieben hat. Damit meine ich den Turrini, der der Gucki ihr Hund ist. So ein schwarzer Spitz. Schaut aber dem Theaterdichter wirklich ähnlich. Klein, ein bisserl fester, schon ein bisserl grau. Und leider ziemlich versoffen. Seit er vierzehn Tage beim Leo Höllerer war. Wie die Gucki mit der Renate in Italien gewesen ist. Seither will er auch immer ein Schluckerl, wenn die Gucki was trinkt. Und was tut die Gucki? Sie gibt es ihm! Ist sogar noch stolz, dass er so ein gescheiter Hund ist. Weil er grundsätzlich nur Freistädter Bier trinkt. Jedes andere Bier lässt er stehen. Angeblich hat er sogar einmal mit der Schnauze sein Schüsserl umgestoßen. Weil ein Brau AG Bier drinnen war. Recht hat er!
Natürlich kriegt der Turrini auch dieses Mal sein Bier, und die Gucki und die Renate können endlich in Ruhe plaudern. Besser gesagt: Die Renate kann endlich ihre Neuigkeiten loswerden.
„Seit in der Früh läutet ununterbrochen das Telefon! Alles wegen der Puff-Geschichte! Als Erstes hat der Pfarrer von St. Moritz angerufen. Dass er sich recht schön bedanken möchte und dass du vorbeischauen sollst, weil er dir einen ganzen Karton von dem Messwein schenkt, der dir beim Interview so geschmeckt hat.“
„Kreuzsakrahaxen!“, rutscht da der Gucki heraus. Was die für Flüche draufhat!
„Als Nächstes hat dann der Bürgermeister angerufen. Hat sich zuerst einmal beschwert, dass du ihn nicht interviewt hast. Und hat dann gesagt, dass er dir das mit der Baugenehmigung ganz genau erklären kann. Wenn du ihn interviewen tätest. Und du brauchst ihn nur anrufen. Und er hat immer Zeit.“
„Aber Messwein will er mir keinen spendieren?“
„Pass auf, jetzt kommt ja erst das Beste! Der Zuhälter – der Zuhälter hat gleich drei Mal angerufen! Das erste Mal hat er gefragt, ob du da bist, das zweite Mal, wann du kommst, und beim dritten Mal hat er gesagt, ich soll dir ausrichten, dass er dir den Arsch aufreißt. Wortwörtlich: Ich reiß ihr den Arsch auf!“
Die Gucki ist aber anscheinend nicht sonderlich beeindruckt. „Also, erstens ist der Schellhammer kein Zuhälter, sondern Bordellbetreiber“, stellt sie klar, „und zweitens werden wir schon noch sehen, wer da wem den Arsch aufreißt!“
„Genau, den machst du zur Sau, Gucki! Auf das trinken wir! Salute!“
Und während jetzt die Bierflaschen scheppern – die Damen trinken selbstverständlich aus dem Flaschl – kein Wunder bei dem Spruch, den sie führen –, muss ich vielleicht doch einmal erklären, warum ich immer Gucki sag – und nicht Frau Magister Gudrun Wurm.
Bei uns hat praktisch ein jeder einen Spitznamen. Drum hat sich ja die Gucki am Anfang so hart getan, wie sie vor acht Jahren ins Mühlviertel gekommen ist. Weil sie sich bei jedem neuen Gesicht ja nicht nur den Vornamen und den Nachnamen merken hat müssen, sondern bei den Bauern auch noch den Hausnamen und bei den meisten Männern dazu auch noch den Spitznamen. Weil einen richtigen Spitznamen haben bei uns nur Männer. Ein abgekürzter Vorname – sagen wir einmal Rosi statt Roswitha – ist ja noch kein Spitzname. Eine Frau kann höchstens den Spitznamen von ihrem Mann angehängt kriegen. So ist – zum Beispiel – die Spray-Anita keine Friseurin, sondern eine Krankenschwester, der ihr Mann vor Jahren einmal eine Spraydose in ein Lagerfeuer geschmissen hat und seither natürlich nur mehr Spray heißt, weil es die Spraydose gar so schön zerrissen hat.
Die Gucki ist aber eine Ausnahmefrau und hat daher auch bald einen Spitznamen gehabt. Das war so: Beim allerersten Mal Tarockieren in St. Anton hat sie ziemlich gewonnen. Hat der Fuzzi gesagt: „Eine, die rucki-zucki drei Tausender gewinnt, kann nicht Wurm Gudrun heißen! Das ist die Rucki-zucki-Gucki!“ Und das Gucki ist ihr dann geblieben. Obwohl mit den drei Tausendern Schilling gemeint waren – und nicht Euro.
Dabei hat der Fuzzi nicht die geringste Ahnung gehabt, dass sie sowieso schon seit ihrer frühesten Kindheit nur Gucki genannt worden ist. Ihr Opa hat diesen Namen aufgebracht, und der hat sie dann durch die ganze Schulzeit in Linz begleitet und ist zum Studieren mit ihr nach Wien übersiedelt. Und wie sie dann ins Mühlviertel gekommen und mit achtundzwanzig Jahren praktisch das erste Mal in ihrem Leben mit Gudrun angeredet worden ist, war das für sie, als wäre sie auf einmal ein anderer Mensch. Hat aber eh nicht lang gedauert und schon war sie wieder die Gucki.
Ich glaub ja nicht, dass das ein Zufall war, dass der Fuzzi so schnell auf Gucki gekommen ist. Ihr wacher, neugieriger Blick aus den großen bernsteinbraunen Augen ist halt einmal das Auffälligste an der Gucki. Und das ist ihm sofort ins Auge gestochen – so wie es 25 Jahre vorher dem Opa ins Auge gestochen ist. Wie es jedem Mann sofort ins Auge stechen müsste, wenn er sich nicht von den elendslangen Haxen, dem prächtigen Arsch und dem kecken Busen ablenken ließe.
Jetzt ist es aber genug! Jetzt hätt ich mich selber bald ablenken lassen. Ich wollt ja nur erklären, wie die Gucki zu ihrem Spitznamen gekommen ist und keine pornografische Schilderung abliefern. Da tät mich die Gucki schön zusammenstauchen! Der weibliche Körper als Ware – da kann sie sich grün und blau ärgern.
Das ist es ja auch, was sie dazu gebracht hat, diesem Bordellbesitzer in den Mühlviertler Nachrichten eine aufzulegen, ohne dass sie wirklich recherchiert hätte. Was für eine Blamage! Dass sie sich dann auch noch zu der populistischen Metapher von der moralischen Umweltverschmutzung hinreißen hat lassen. Der reinste Schwachsinn! Und trotzdem wird sie genau diese schwachsinnige Moralschiene weiterfahren müssen, wenn sie diesen Hurenbeutel erledigen will. Und das will sie! Eigentlich hat sie ja die ganze Geschichte nur gebracht, weil sie sonst keinen Aufmacher gehabt hätte. Praktisch Verlegenheitslösung. Ist ihr doch in Wirklichkeit völlig wurscht, ob in St. Moritz ein Puff aufgemacht wird oder nicht. Jetzt ist das anders. Jetzt geht es ihr wirklich darum, dass dieses Puff nicht aufsperren kann. Dass sie diesen arroganten Hund zur Sau macht. Und wenn sie sich auf das unterste Niveau des Journalismus begeben muss!
Dabei ist sie, wenn sie ehrlich ist, sowieso schon längst auf dem untersten Niveau des Journalismus angelangt. Bei den Mühlviertler Nachrichten nämlich. Packende Reportagen über Feuerwehrzeughaus-Einweihungen, nette Fotos von rüstigen Hundertjährigen samt Geschenkskorb und eifrig gratulierenden Bürgermeistern und leidenschaftliche politische Debatten über weltbewegende Fragen wie Braucht Pregarten eine öffentliche Toilettenanlage? Kurzum: eine Regionalzeitung. Also wirklich nicht das, was sich die Gucki erträumt hat, wie sie angefangen hat, Publizistik zu studieren. Hat aber keinen anderen Job gekriegt, wie auf einmal ihre Mama gestorben ist und sie dann ganz ohne Geld dagestanden ist. Hat sich aber am Anfang noch nicht viel gedacht, weil sie sowieso davon ausgegangen ist, bald bei einer anderen, einer richtigen Zeitung zu schreiben. Hat eine Bewerbung nach der anderen abgeschickt. Monatelang, jahrelang. Umsonst. Bis sie dann aufgegeben hat. Bis sie dann vor einem Jahr doch ihre Diplomarbeit in Theaterwissenschaft abgeschlossen hat. Sentimentale Motive im dramatischen Werk von Peter Turrini hat sie geheißen. Eh so ein schönes Thema, und trotzdem hat die Gucki bei keinem einzigen Theater eine Arbeit gekriegt.
So ist sie halt bei dem Mühlviertler Nachrichten picken geblieben und hat die Hoffnung fast schon aufgegeben, dass sie aus diesem Sumpf des Mittelmäßigen, vor allem aber völlig Uninteressanten jemals wieder herauskommt. Wobei sie aber eines bis jetzt immer gescheut hat wie der Teufel das Weihwasser: dass sie sich in diesem Provinzblatt als Stimme des Volkes aufspielt. Das ist ja die Spezialität ihrer verhassten Chefin, der Hatzl: dass sich die Frau Redaktionsleiterin auf jede populäre Forderung irgendeines Provinzdeppen draufsetzt wie eine Henne aufs Ei und laut gackernd populistische Schlagzeilen und Leitartikel ausbrütet.
Genau das hat die Gucki aber jetzt auch vor. Ist Dummheit wirklich ansteckend? Hat sie sich am Ende bei der Hatzl angesteckt? Ist es nur mehr eine Frage der Zeit, bis sie Rüscherlbluserl trägt und Whiskey aus dem Kaffeehäferl sauft? Nein, wirklich nicht! So tief ist sie noch nicht gesunken! Sie braucht ja nur ordentlich recherchieren, dann wird sich schon irgendwas finden lassen, das diesem Bordellbetreiber das Genick bricht. Zeit genug hat sie ja. Die Mühlviertler Nachrichten sind ja eine Wochenzeitung. Sprich: Redaktionsschluss am nächsten Dienstag.Und heute ist Mittwoch. Zeit über Zeit!
Sollte man meinen. Ist aber nicht so. Weil nämlich ununterbrochen das Telefon scheppert. Weil alle möglichen – besser gesagt: alle unmöglichen – Leute der Gucki zu ihrem Leitartikel gratulieren wollen. Die erste Anruferin ist noch dazu das Fräulein Aistleitner, eine ganz eine besondere Freundin von der Gucki. Sie ist nämlich die Ortsberichterstatterin der Mühlviertler Nachrichten in St. Anton. Und weil die Gucki halt einmal in St. Anton wohnt, muss sie „Das ist aber lieb, dass sie anrufen, Fräulein Aistleitner!“ sagen. Und nicht: „Halt doch sofort deine verlogene Goschen, du alte Tratschen!“
„Also wirklich sehr brav, Fräulein Gucki!“, lobt das Fräulein Aistleitner. Schließlich ist sie Oberlehrerin in Ruhe, und mit der Anrede Fräulein ist sie auch konsequent. „Das hätte ich mir gar nicht von Ihnen gedacht, dass Sie so fromm sind. Wo man Sie doch so gut wie nie in der Kirche sieht. Aber das ist jetzt alles vergessen und vergeben. Sie sind herzlich willkommen. Gleich heute Abend. Zur Probe. Vom Kirchenchor. Ein bisserl was anderes anziehen täten Sie halt schon müssen. Bei den Proben eh nicht. Aber in der Kirche schon. Ein Rüscherlbluserl tät Ihnen sicher gut stehen. Hat der Koller in Weißenbach jetzt im Angebot. Nur Neunzehn-neunzig! Um halb acht ist die Probe. Im Pfarrheim. Aber pünktlich! Und jetzt halt ich Sie nimmer länger auf, damit Sie fest gegen die Unkeuschheit schreiben können!“
Ist die Gucki natürlich so fertig, dass sie schon überlegt, ob sie sich nicht gleich ein zweites Bier holen soll. Da läutet aber schon wieder das Telefon. Na, schlimmer kann es nicht mehr kommen! Aber so kann man sich täuschen!
„Mühlviertler Nachrichten, Wurm, grüß Gott!“
„König Karl, Gemeinderat in St. Moritz. Also – FPÖ-Gemeinderat natürlich. Wir waren die Einzigen, die gegen das Puff gestimmt haben. Das gehört nämlich einmal gesagt! Also: geschrieben. In der Zeitung. Und natürlich auch, warum! Weil wir ja nicht einfach gegen alles sind. Wie die anderen immer behaupten.“
„Und …?“
„Was und?“
„Warum sind Sie gegen ein Bordell in St. Moritz?“
„Ja, eh klar! Nicht wegen der Moral und auch nicht wegen dem Heilwasser – wegen die Ausländer sind wir dagegen!“
„Der Herr Schellhammer ist doch ein Österreicher und noch dazu aus St. Moritz gebürtig?“
„Ja, er schon, aber seine Huren nicht! Schauen Sie doch einmal in Freistadt ins Puff: lauter Tschechinnen, Russinnen, Ungarinnen und Thailänderinnen! Da kann ich doch gleich die paar Kilometer über die Grenze fahren und in der Tschechei um das halbe Geld schnackseln!“
„Wie oft gehen Sie denn ins Puff?“ Das ist der Gucki jetzt herausgerutscht. Da hat sie beim besten Willen nichts dagegen machen können.
„Ha …?“
„Ich mein: nur so im Durchschnitt. Einmal pro Woche oder eher einmal im Monat?“
Aufgelegt. Gott sei Dank! Wenn das so weitergeht? Aber es geht so weiter. Wobei ein Lehrer und Jungscharleiter den Vogel abschießt, indem er nicht nur die wundertätige Heilkraft des Mariabrunner Wassers beschwört (fast alle seine Warzen im Gesicht sind verschwunden), sondern die Gucki auch noch zum abendlichen Maibaumaufstellen nach Lasberg einlädt (Dirndlkleid erwünscht) und ihr erklärt, dass ihm ihr Foto in den Mühlviertler Nachrichten so gut gefallen hat, dass er ernsthaft an die Gründung einer Familie denkt. Und treu ist er sowieso.
Nach zwei Stunden Telefonterror ist die Gucki dann so fertig, dass sie am liebsten selber ein Puff aufmachen tät oder zumindest dem Schellhammer mit einer Flasche Messwein zu seiner Idee gratulieren möchte. Drum holt sie sich jetzt wirklich noch ein Bier und schärft der Renate ein, kein einziges Telefonat mehr durchzustellen – und wenn der Bischof höchstpersönlich anrufen sollte.
Man wird es nicht glauben, aber der ruft wirklich an. Nur kann er seine liebe Tochter leider nicht mehr erreichen. Weil sie unterwegs ist.
II
„Du Heubodentürldepp!“, sagt man dann, wenn ein gewöhnliches Depp nicht ausreicht. Wenn einer wirklich brunzdumm ist. Zum Scheißen zu blöd. Ein richtiger Volkstrottel halt. Aber nicht, dass jetzt wer glaubt, dass ich mit den ganzen Schimpfwörtern so eine Freude hätt! Dass ich praktisch eine ordinäre Drecksau bin. Überhaupt nicht! Nur: Wie soll ich das Heubodentürldepp denn sonst erklären? Weil außer im Mühlviertel wird das ja keiner kennen.
Und dann tät keiner wissen, wie das gemeint ist, wenn die Gucki jetzt zum Herrn Bürgermeister sagt: „Du bist aber wirklich ein fester Heubodentürldepp!“
Ist er natürlich ein bisserl beleidigt. Praktisch Amtsehrenbeleidigung. „Das kommt aber nicht in die Zeitung hinein?“, fragt er die Gucki. Mit einem verzagten Blick auf das kleine Tonband, das auf seinem Schreibtisch liegt. Und außerdem versteht er überhaupt nicht, wie die Gucki auf das Depp kommt. Wenn das kein Argument ist? Arbeitsplätze ist doch das Zauberwort schlechthin. Mit dem kann man alles und jedes rechtfertigen. Egal, ob man jetzt Bundeskanzler von Österreich ist oder Bürgermeister von St. Moritz. Ein Bordell ist schließlich auch eine Firma – und eine Firma heißt Arbeitsplätze! Und das sagt er ihr jetzt auch, dieser Journalistin, die anscheinend absolut keine Ahnung von der Wirtschaft hat. Typisch Frau!
Aber die lacht sogar noch? „Wen willst du denn auf den Strich schicken: deine Frau oder deine Tochter?“
Die Gucki ist nämlich mit dem Herrn Bürgermeister per Du. Weil sie einmal beim Musikerball in St. Moritz Bruderschaft getrunken haben. Und weil er sie dann ein bisserl sexuell belästigt hat. Und weil sie ihm dann eine ordentliche Watschen gegeben hat. Hat aber nicht so weh getan wie die Watschen, die er jetzt kriegt: „Oder willst du selber den Türsteher machen und mit den Nutten einen Betriebsrat gründen?“
Ist das jetzt ernst gemeint oder will sie ihn pflanzen? Weil er ja wirklich Betriebsrat ist. In der VOEST. Also, Türsteher, das wär nix für ihn. Aber so eine Betriebsratssitzung mit ein paar feschen Huren, für so was wär er schon zum haben. Und für die Gucki sowieso. Wie sie da vor ihm sitzt in ihrer schwarzen Lederjacke – eine strengere Herrin findest du weit und breit nicht! Na, das war vielleicht eine Watschen! Damals auf dem Musikerball. Da wird ihm heute noch heiß und kalt, wenn er nur dran denkt. Ob sie es auch für Geld machen tät? Und was sie wohl verlangen tät?
Aber die Gucki macht es für ihn sogar umsonst. „Also, was ist jetzt mit den Arbeitsplätzen? Schlaf mir nicht ein, Egon! Du bist da mitten in einem Interview und nicht auf einem Parteitag!“, pfaucht sie ihn an.
Muss er sich wohl oder übel von seinen schrecklich schönen Fantasien losreißen und ihr in Gottes Namen die großen wirtschaftlichen Zusammenhänge erklären. „Also: Ein Puff bedeutet Schmutz und Dreck!“, beginnt er seine Ausführungen. Fast schon ein Ausflug ins Philosophische. Dabei meint es der Herr Bürgermeister ganz praktisch. „Brauchst du also eine Putzfrau und eine Frau zum Waschen und Bügeln. Das sind schon einmal zwei Arbeitsplätze. Die hat mir der Schellhammer garantiert. Und außerdem macht er den ganzen Umbau vom Mariabrunn mit lauter Moritzer Firmen. Der Baumeister nascht mit, der Zimmerer, der Installateur, der Elektriker und der Spengler. Das sind auch alles wieder Arbeitsplätze! Und dann natürlich auch noch der Fremdenverkehr. Kommt ein Fremder ins Puff und unterhält sich gut und sieht dann am nächsten Tag in der Früh, wie schön es bei uns ist, dann denkt er sich vielleicht: Aha, da könnt ich auch einmal mit der Familie Urlaub machen und ein bisserl Golf spielen, und die Frau soll mit den Kindern Schwammerlsuchen gehen!“
Kommt der Gucki das Lachen aus. Wieder einmal, muss man sagen. Weil das hat sie in den acht Jahren bei den Mühlviertler Nachrichten noch immer nicht gelernt, dass du als Journalistin bei einem Interview auf keinen Fall lachen darfst. Weil dann die Leute beleidigt sind und nichts mehr erzählen. Genauso kommt es auch. Der Herr Bürgermeister sagt kein Sterbenswort mehr. Obwohl er sonst wirklich gern redet.
Aber die Gucki weiß eh schon genug. Das mit der Baugenehmigung stimmt. Leider. Der Schellhammer darf das ehemalige Ausflugsgasthaus Mariabrunn direkt neben der Kapelle Mariabrunn und direkt neben der Heilquelle Mariabrunn zu einem Puff mit zehn Zimmern umbauen. Ob er das Puff auch Mariabrunn nennen wird? Das muss sie ihn als Allererstes fragen!
„Wird das Puff auch Mariabrunn heißen?“ Das fragt jetzt aber nicht die Gucki den Schellhammer, sondern der Leo die Gucki.
Das war nämlich so. Wie die Gucki vom Bürgermeister weggefahren ist und in Gedanken schon beim nächsten Interview war, da hat der Turrini auf einmal angefangen zu bellen. Und nicht mehr aufgehört. Dabei bellt er im Auto sonst nur, wenn er draußen einen Hund sieht. War aber weit und breit kein Hund da. Dafür dem Leo Höllerer seine Beiwagenmaschine. Eine Zündapp 650. Baujahr 1937. Mit einer Maschinengewehrhalterung am Beiwagen. Weil der Leo halt doch ein bisserl ein alter Nazi ist. Und der Turrini kennt natürlich die Maschine. Weil er ja im letzten Sommer vierzehn Tage im Beiwagen mit dem Leo von Wirtshaus zu Wirtshaus gefahren ist. Wie sein Frauli in Italien gewesen ist. Hat der Turrini natürlich alle Wirtshäuser von St. Moritz und Umgebung gekannt. Und natürlich sofort gewusst, dass der Leo nur in Frankys Bar sitzen kann. Ich mein: Nicht dass er ihn jetzt gerochen hätte – so eine feine Nase hat ein Hund auch wieder nicht. In dem Fall war es nicht Turrinis Nase, sondern Turrinis Hirn, was ihn darauf gebracht hat. Analyse der Situation: Großer, lauter und extrem stinkender Hund mit dem blöden Namen Zündapp steht vor dem Wirtshaus, Hund gehört dem Leo-Herrli, also sitzt das Leo-Herrli im Wirtshaus. Analyse der Motivation: Will ich lieber im Auto sitzen oder ein Bier schlappern? Keine Frage! Analyse der Aktionsmöglichkeiten: Analyse spar ich mir – Freudengebell!
Ist der Gucki natürlich nichts anderes übrig geblieben, als dass sie auf die Bremse gestiegen ist. Und hat auch schon direkt neben der Zündapp eingeparkt. Hat ausgeschaut wie bei einem Oldtimer-Treffen. Dem Leo seine Zündapp und der Gucki ihr VW Karmann Ghia. Den hat sie von ihrem Opa geerbt. Baujahr 1958.
Wär eh schon längst in alle Einzelteile zerfallen, wenn die Gucki nicht so einen begnadeten Mechaniker gehabt hätte. Einmal im Jahr fährt der Karmann Ghia zum Fuzzi auf Kur und wenn er dann zurückkommt, ist er wieder wie neu. Frage nicht, was das in einer normalen Werkstatt kosten tät! Aber erstens macht das der Fuzzi im Pfusch, und zweitens verlangt er bei der Gucki fast nichts. Sie hat ihn sogar im Verdacht, dass er dabei noch draufzahlt. Weil: Auch wenn die Gucki kein bisserl Ahnung von der Technik hat, dass die Ersatzteile bei einem Oldtimer sauteuer sind, das weiß sie schon. Nur: Der Fuzzi lässt sich einfach nicht mehr zahlen. Weil sie – wie soll man das nennen? –, weil sie Freunde sind. So unterschiedlich die zwei äußerlich sind – der Fuzzi ist kleiner als eins sechzig und hat eine Hasenscharte, die Gucki aber ist größer als eins achtzig und wunderschön – sie haben sich von Anfang an gut leiden können, und mit der Zeit sind sie wirklich Freunde geworden. Aber halt auch nicht mehr. Und wenn der Fuzzi wieder einmal bei der Gucki übernachtet, dann nur, weil er vor lauter Rausch nimmer fahren kann. Und bis 2,4 Promille fährt er noch anstandslos, wie sich bei der letzten Führerschein-Abnahme herausgestellt hat. Das hindert die Leute in St. Anton natürlich kein bisserl daran, dass sie sich über die Gucki und den Fuzzi das Maul zerreißen. Wobei das den beiden so was von wurscht ist. Im Gegenteil: Immer wenn sie wieder einen Dummen finden, reden sie ihm ein, dass die Hochzeit schon vor der Tür steht und noch dazu in der Brauerei Freistadt stattfinden wird. Nur glaubt das halt schön langsam kein Schwein mehr, weil sie den Hochzeitstermin schon mindestens zehn Mal im letzten Moment verschoben haben.
Jetzt bin ich aber komplett vom Thema abgekommen! Wo waren wir gleich? Beim Turrini? Nein, in Frankys Bar! Der Leo hat sich natürlich nicht lumpen lassen und den Turrini nach einer stürmischen Begrüßung auf ein Schüsserl Bier eingeladen. Die Gucki hat er ausnahmsweise nicht eingeladen, sondern mit den Worten „Weiche von mir, du volksverräterische Emanze!“ begrüßt. Dabei nimmt er ihr sonst die Emanzipation genauso wenig krumm wie sie ihm seine Nazi-Sprüche. Aber heute ist alles anders. Heute ist Frankys Bar voll mit lauter Männern in den besten Jahren, die normal alle auf die Gucki fliegen, heute aber bös auf sie sind, weil sie Angst um ihr Puff haben. Sogar einen Werbespruch für das Puff hat man schon erfunden. Und der Leo gibt ihn auch schon zum Besten:
„Fahr nicht fort – schnacksel im Ort!“ (Nur für den Fall, dass das wer nicht kennt: Das ist in Anlehnung an den Spruch Fahr nicht fort – kauf im Ort!)
Für so eine niveauvolle Unterhaltung ist die Gucki natürlich jederzeit zu haben. „Lieber Leo, fahr nicht ins Bordell – der Herzinfarkt derprackt dich schnell!“, reibt sie ihm unter die Nase.
„Mein Gott, Gucki! Wenn du es im Pfusch machen tätest, tät ich doch nie ins Puff gehen! Nur mehr zu dir! Wegen der Schönheit zwar nicht, aber wenigstens bist du keine Ausländerin!“
„Aber geh, Leo! Ich hab dir noch immer einen guten Preis gemacht. Was dir bei mir jedes Mal so teuer kommt, das ist doch nur die Familienpackung Viagra!“
Und so geht es hin und her und her und hin. Was sich liebt, das neckt sich! Aber nicht, dass jetzt wer glaubt, dass die Gucki da einfach in Frankys Bar versumpfen tät. Der Leo ist ja für sie – und das nicht zum ersten Mal – eine höchst ergiebige Informationsquelle. Weil er in seinem Leben viel herumgekommen ist und immer noch viel herumkommt. Erstens war er bis zu seiner Pensionierung vor zwei Jahren Zimmermann. Und als Zimmermann kommst du irgendwann einmal in jedes Haus. Weil jedes Dach irgendwann einmal kaputt wird. Zweitens ist der Leo so nebenbei Händler mit Waren aller Art. Von ihm kannst du praktisch alles haben – vom feschen HJ-Dolch mit der Aufschrift Meine Ehre heißt Treue bis zur ukrainischen EDV-Spezialistin mit sagenhafter Oberweite, die aber nicht abgeneigt ist, in eine Mühlviertler Landwirtschaft einzuheiraten. Der Leo hat einfach für jeden was. Der Gucki, zum Beispiel, der Gucki hat er den Hund angedreht. Und für ihr Turrini-Burli ist sie ihm ewig dankbar. Genauso wie für die Informationen, mit denen er sie seit acht Jahren versorgt. Dass das Gasthaus Mariabrunn in ein Puff umgebaut wird, hat sie ja auch von keinem anderen als dem Leo erfahren.
Mit allen brisanten Details: Bei uns im Mühlviertel ist es nämlich schon brisant, wenn ein Bordellbesitzer ausgerechnet der Sohn vom kürzlich verstorbenen Gemeindearzt ist. Ein angesehener Mann. Der Vater natürlich, der Herr Medizinalrat Dr. Schellhammer. Der Sohn weniger, der Sigi. Weil verkrachter Student und dann Schilehrer und Kellner und so. In Tirol drinnen. Ein richtiger Hallodri halt.
Und dann ist der Dr. Schellhammer gestorben und hat sein Haus in St. Moritz nicht dem braven Sohn vererbt, sondern dem verlorenen Sohn. Nicht der Herr Oberarzt Dr. Hagen Schellhammer, der schon als nächster Primar an der Unfallchirurgie im Landeskrankenhaus Freistadt gehandelt wird, hat das schöne Haus gekriegt, sondern sein Bruder, der Sigi. Der nix ist und der nix hat. Und der hat sein Elternhaus ruckzuck verklescht und macht jetzt mit dem Geld ein Puff auf.
Wenn das kein gefundenes Fressen für eine Lokaljournalistin ist, dann weiß ich auch nicht mehr! Nur: Die Gucki hat die ganze Familiengeschichte in den Mühlviertler Nachrichten nicht einmal erwähnt: Weil sie sich für so was zu gut ist. Weil das unter ihrer Würde ist, dass sie die Schmutzwäsche von irgendwelchen Leuten unter dem Deckmantel der journalistischen Wahrheitsfindung ans Tageslicht zerrt. Weil sie ganz einfach keine blöde Tratschen ist. Sie ist ja nicht die Hatzl! Normalerweise. Aber eben nur normalerweise. Jetzt wär ihr nämlich schon ein bisserl eine Schmutzwäsche recht. Damit sie was in der Hand hat, das sie dem Schellhammer wie einen nassen Fetzen um die Ohren kleschen kann.
Aber nicht einmal der Leo, von dem du sonst jederzeit ein geladenes Sturmgewehr und im Notfall auch ein paar Handgranaten haben kannst, kann ihr Munition gegen den Schellhammer liefern. Oder er will einfach nicht. Schon auffällig, wie er den Herrn Bordellbesitzer jetzt über den grünen Klee lobt.
„Der wär schon was für dich, der Sigi!“, erklärt er der Gucki. „Groß, blond, blauäugig: ein echter Arier! Und ein lustiger Teufel ist er auch: spielt Trompeten und Ziehharmonika – und trinken tut er auch gern was. Ein richtiger Mann halt!“ Und das der Leo, der normalerweise jeden Mann sofort heruntermacht, der für die Gucki eventuell in Frage kommen tät. Der normalerweise nichts dagegen hat, wenn ihm mit seinen sechzig Jahren ein Techtelmechtel mit der Gucki nachgesagt wird. Wenn die Gucki und der Turrini wieder einmal bei ihm in St. Moritz übernachten müssen, weil sie in Frankys Bar abgestürzt sind.
Macht sich die Gucki natürlich so ihre Gedanken: „Bist du jetzt ins Heiratsvermittlungsgeschäft eingestiegen, mein lieber Leo, oder willst du mich als Nutten an den Schellhammer verschachern?“
„Geh, Gucki! Dich bring ich doch nicht einmal an, wenn ich noch eine SS-Uniform samt Stiefel drauflege!“, gibt ihr der Leo prompt Kontra. Bestellt aber einen Whiskey für seine liebe Gucki. Praktisch zur Versöhnung. Oder doch nicht? Weil er ja schon wieder goschert ist: „Trink dir lieber ein bisserl eine Schneid an, sonst vernascht dich der Sigi mit Haut und Haar!“
Wird die Gucki wirklich schön langsam neugierig auf diesen Sigi. Aber nicht, weil er ein Mann ist. Männer gibt es genug. Halt nicht die richtigen. Zumindest nicht für die Gucki. Ist vielleicht doch ein bisserl zu heikel? Ich mein: Ich will ja nichts sagen, aber wenn du die Männer in drei Kategorien einteilst – Deppen, Zniachtln und nette Spezln, mit denen du gern was trinkst, aber nicht ins Bett hupfst, dann bleibt halt nicht mehr viel über. Genau genommen: gar nix. Und so schaut der Gucki ihr Liebesleben auch aus: rein gar nix!
Früher ist sie wenigstens so ein-, zweimal im Monat nach Wien gefahren. Und hat ihre ehemalige Schulfreundin besucht. Die Danninger Sybille. Die hat dort Medizin studiert. Zumindest offiziell. Inoffiziell hat sie ausschließlich Männer studiert. Die hat sich mit Männern so gut ausgekannt, dass die Gucki sogar den Verdacht gehabt hat, sie würde die ganzen Männer nicht nur studieren, sondern auch noch sezieren. Auf jeden Fall hat die Sybille der Gucki immer wieder interessante Männerbekanntschaften vermittelt. Wobei sich das interessant mitunter schon als leicht pathologisch herausgestellt hat.
Ich will da jetzt nichts ausplaudern, aber der Hofrat aus dem Innenministerium, der Stempelmarken gesammelt hat und die Gucki von Kopf bis Fuß abgeschleckt und mit seinen Marken verziert hat, der war wirklich nicht ganz dicht. Oder der Nationalratsabgeordnete aus dem Innviertel, der darauf bestanden hat, dass sie mitten unterm Schnackseln zweistimmig die oberösterreichische Landeshymne singen – und dann grad halt einmal bis zur zweiten Strophe gekommen ist. Der war auch nicht ohne! Oder der steirische Verleger, der …. Halt! Nein! Was mach ich denn da? Das geht ja kein Schwein was an, was die Gucki in ihrer Freizeit so treibt!
Was ich eigentlich sagen will, ist nur, dass es mit der Gucki ihrem Sexualleben traurig ausschaut, seit die Sybille vor einem Jahr mit dem Studium fertig geworden ist. Das hat die Gucki schon überrascht. Weil sie es ja nie für möglich gehalten hätte, dass die Sybille neben den ganzen Männergeschichten auch noch studiert hat. Hat eh 32 Semester gebraucht. Ist dann aber leider ausgerechnet im Landeskrankenhaus Freistadt als Turnusärztin gelandet. Und in Freistadt ist die Auswahl an Männern so klein, dass die Frau Dr. Sybille Danninger der Gucki beim besten Willen keinen mehr überlassen hat können. Sie hat ja schon selber nicht genug gekriegt und wird früher oder später noch vor dem Richter landen, wenn sie sich weiterhin an minderjährige Gymnasiasten heranmacht.
Was ist denn nur los mit mir? Jetzt bin ich schon wieder vom Thema abgekommen! Um das Puff in St. Moritz geht es ja! Obwohl: Eigentlich gehört das alles eh irgendwie zusammen. Weil wenn das mit dem Sexualleben nicht so schwierig wär, täten ja die ganzen Bordelle nicht so ein Geschäft machen. Muss man direkt froh sein, wenn man ein Mann ist. Was soll denn eine Frau tun, wenn es sie überkommt?
Jetzt aber interessant: Hat doch die Gucki in dem Moment genau denselben Gedanken! „Wenn es ein Puff für Frauen geben tät, hab ich eh nix dagegen!“, schreit sie energisch gegen die laute Musik an. Weil der Franky gerade Ganz in Weiß aufgelegt hat. Das ist so ein uralter Schlager. Vom Roy Black. Wo das Heiraten recht romantisch geschildert wird. Das macht der Franky natürlich der Gucki zu Fleiß. Weil der Leo und seine Spießgesellen schon die ganze Zeit nur mehr darüber reden, was das für eine schöne Hochzeit wird, wenn der Sigi und die Gucki heiraten.
Hätte die Gucki lieber nicht sagen sollen. Das mit dem Puff für Frauen. Weil sie jetzt natürlich von allen anwesenden Herren die verlockendsten Angebote kriegt: von hundert Euro abwärts bis hin zu einer Eierspeis. Eh günstig. Aber der Leo unterbietet alle anderen noch im Preis: „Bei mir genügt ein einfaches Danke, Herr Sturmbannführer!“ Da reicht es der Gucki aber wirklich. Jetzt knöpft sie sich auf der Stelle diesen Sigi vor – und in einer Stunde ist sie zurück und demonstriert dann diesen geilen, alten Deppen mithilfe von ihrem Tonband, wie man einem Bordellbesitzer den Arsch aufreißt!
III
„Leck Arsch eini!“ hat mit dem Arschlecken an sich nichts zu tun. Eigentlich ist es nur ein Ausruf des Erstaunens. Oder besser gesagt: des Überrascht-Seins. Aber schon des völligen Überrascht-Seins. Weil wenn man nur ein bisserl überrascht ist, sagt man bei uns: „Geh leck!“
Muss die Gucki schon ziemlich überrascht sein, sonst tät sie jetzt nicht „Leck Arsch eini!“ sagen. Und nicht auf ihrem Arsch sitzen. Auf dem Boden. Mitten in der ehemaligen Gaststube vom Mariabrunn. Während der Sonnenuntergang sein Bestes gibt und den ganzen Raum in ein Inferno aus Rot und Gold verwandelt.
War das wirklich der Teufel oder hat sie nur ein bisserl zu viel getrunken? Zwei Bier in der Arbeit, drei beim Franky und einen Whiskey. Kann man da Halluzinationen kriegen? Nein, das war auf keinen Fall der Teufel! Den gibt’s ja gar nicht! Ein Drache war’s. Genau: ein feuerspeiender Drache! Was tun? Alle möglichen Heldensagen, in denen Drachen vorkommen, huschen der Gucki durch den Kopf. Aber leider Gottes haben alle Drachentöter immer ein riesiges Schwert bei der Hand, während die Gucki nur das kleine Taschenmesser vom Opa eingesteckt hat. Bleibt ihr nur eine Alternative: die Rolle der schönen Jungfrau übernehmen und auf den Helden warten, der sie rettet.
Funktioniert ja! Schon hat er lautlos die Bühne betreten. Und als er ihr mit einem sanften, ja zärtlichen Händedruck auf die Beine geholfen hat, blickt sie in die blauesten Augen ihres Lebens. Ein Blau so eisig wie ein Gebirgsbach! Ihr Herz klopft so laut, dass es eigentlich schon eine Lärmbelästigung ist.
„Na, Frau Magister, haben wir leicht ein bisserl zu viel Heilwasser erwischt?“
Ihr Held kann auch reden. Nur: Was redet er da daher? Eigentlich müsste er sie doch jetzt in die Arme nehmen und küssen? Ihre Hand hat er auch ausgelassen? Und so was will ein Held sein? Das ist doch nur ein ganz gewöhnlicher Mann! Wie alle anderen auch. Aber nein! Noch blöder: Das ist niemand anderer als der Bordellbesitzer! Dieser geschissene Sigi mit seiner arroganten E-Mail!
„Haben Sie zufällig einen Drachen als Haustier?“ Das ist der Gucki mehr so herausgerutscht. Weil sie vor lauter Verlegenheit und vor lauter Zorn nicht mehr denken kann. Und Luft kriegt sie auch keine. Drum zündet sie sich schnell einmal eine Zigarette an und bläst diesem Arschloch gleich einmal den Rauch mitten ins Gesicht. Vielleicht hilft das, dass sie nicht ununterbrochen in diese sinnlos blauen Augen starren muss?
„Wer Gauloises filterlos raucht, frisst auch kleine Kinder!“, bemerkt der Sigi trocken. Ist aber offensichtlich anerkennend gemeint. „Spendierst du mir auch eine?“
Wieso ist der mit mir per Du? Soll ich ihm eine Zigarette geben? Soll ich auch du zu ihm sagen? Stink ich nach Bier? Oder nach Whiskey? Lauter Fragen und keine Antwort! Gibt sie ihm halt in Gottes Namen eine Zigarette. Muss sie ihm Feuer auch noch geben? Ihre Hand mit dem Zippo zittert derartig, dass er sicher glaubt, sie ist eine Schwerstalkoholikerin auf Entzug. Muss sie wenigstens was sagen: „Das Du-Wort gibt es normalerweise erst nach einem ordentlichen Bruderschaft-Trinken inklusive Küssen.“
Ha, jetzt hat sie ihm die Schneid abgekauft, diesem goscherten Hund! Das traut er sich bestimmt nicht! Aber so kann man sich täuschen. So schnell kann die Gucki gar nicht schauen, hat sie auch schon ein Glas Rotwein in der Hand und trinkt es auf einen Zug aus. Zwei Zigaretten fallen auf den Boden, wo sie fröhlich weiterglimmen. Was aber einem Kachelboden völlig wurscht ist. Und dann ist es auf einmal so still, als ob die ganze Welt verschwunden wäre. Die ganze Welt besteht nur mehr aus diesen blauen Augen. Die kommen näher und näher – und dann wird der Gucki schwarz vor den Augen.
Aber nichts dauert ewig, und so muss sie ihre Augen irgendwann doch wieder aufmachen. Um Gottes willen, so was von peinlich! Sie kann sich beim besten Willen nicht mehr erinnern, wie sie in diese Lage gekommen ist. Die Arme um den Hals von diesem Mann geschlungen, die Beine aber um seine Hüften, hängt sie an ihm wie eine Klette und kann nicht loslassen, weil sie jetzt auch noch seinen Hals, seine Wangen und seine Ohren küssen muss. Und hätte sie nicht auf einmal ihren kleinen Turrini so herzzerreißend winseln gehört, wer weiß, was sie noch alles geküsst hätte?
So aber steht sie im Nu wieder mit beiden Beinen auf dem Boden der Realität, wie das so schön heißt, obwohl es eigentlich nur der Boden der Gaststube ist, und hat auch schon ihr Taschenmesser kampfbereit in der Hand. Und schaut den Mann mit den blauen Augen hilfesuchend an. Und stammelt: „Mein Hund – der Drache!“
Eigentlich kein zusammenhängender Satz. Trotzdem kennt sich der Sigi aus. „Der Drache ist nur ein Irish Wolfhound und außerdem extrem kindisch. Du bist nicht die Erste, die meine Krimi vor lauter Begrüßungsfreude über den Haufen gerannt hat. Und andere Hunde beißt sie auch nicht – sie schleckt sie höchstens vor lauter Liebe zu Tode.“
Ist die Gucki so erleichtert, dass sie dem Mann mit den blauen Augen am liebsten schon wieder um den Hals gefallen wär. Weil das aber einen schlechten Eindruck machten tät, pfeift sie ihrem kleinen Turrini. Pfeift der Sigi auch seinem Hund. „Folgen tun sie anscheinend alle zwei nicht“, stellt der Sigi fest. Bleibt ihnen nichts anderes über, als dass sie in den Garten hinausgehen. Weil der Turrini ja immer noch winselt, wie wenn es um den Weltrekord im Dauerwinseln gehen tät.
Na, das ist vielleicht ein Anblick! Eine riesige, mindestens 80 Kilo schwere struppig-graue Hündin liegt bäuchlings auf dem Boden und hinter ihr steht ein kleiner schwarzer Hund auf seinen Hinterpfoten und versucht verzweifelt, sich mit den Vorderpfoten im Fell der Hündin festzuhalten. Die Gucki und der Sigi brauchen eine ganze Weile, bis sie draufkommen, was es mit dieser eigenartigen Stellung auf sich hat. Dann brechen sie auch schon gleichzeitig in ein schallendes Gelächter aus. Weil dieses komische Arrangement nämlich wirklich eine Stellung ist: praktisch Geschlechtsverkehr. Nur: Es tut sich nichts! Das Hin und Her, das Rein und Raus fehlt! Praktisch Standbild.
„Ui je!“, sagt der Sigi, muss aber schon wieder so lachen, dass er fast nimmer reden kann. „Dein Hund ist stecken geblieben! So was kommt öfter vor bei Hunden. Da hat das Weiberl einen Scheidenkrampf und das Manderl kann nicht mehr heraus.“
„Und …?“, fragt die Gucki. „Was machen wir da?“
„Gar nix! Das vergeht schon wieder von selber.“ Der Sigi muss schon wieder lachen. „Früher oder später.“
Ein Lachen, das ansteckend ist. „Früher oder später ist gut!“ Die Gucki lacht auch. „Und was machen wir so lange?“
„Jetzt, wo wir doch ziemlich per Du sind, sollte ich mich vielleicht einmal vorstellen“, meint der Sigi und grinst. „Sigi.“ Und hält ihr seine Hand hin.
So ein frecher Hund! Weil sie aber diese Hand unbedingt noch einmal angreifen möchte, ist die Gucki friedlich und sagt: „Gucki.“ Dafür kriegt sie auch eine Hand, die so warm ist und so weich, dass sie ganz vergisst, die Hand wieder loszulassen.
„Noch schöner als auf dem Foto!“, sagt der Sigi mit heiserer Stimme.
Kennt sich die Gucki natürlich nicht aus. „Was?“ „Deine Rehaugen. Ein Bernsteinbraun wie das Wasser der Aist. Zum Versinken und Ertrinken!“
Normalerweise ist die Gucki da recht mitleidlos, wenn Männer so dick auftragen. Weil sie Schmalz nur in Form von Schmalzbroten vertragt. Und tät normalerweise irgendwas Goschertes sagen wie – sagen wir einmal: „Tät ich mir halt Schwimmflügerl zulegen, wenn du nicht schwimmen kannst!“
Jetzt aber nicht. Jetzt wird sie rot. Das ist ihr doch nimmer passiert, seit sie vierzehn war? Kommt sie leicht jetzt mit fünfunddreißig noch einmal in die Pubertät? Kruzisex noch einmal, was ist denn los mit ihr? So einen Notstand kann sie doch gar nicht haben, dass sie vergessen hat, warum sie überhaupt hergekommen ist! „Kommen wir zuerst einmal zum Geschäftlichen, mein lieber Sigi!“, bringt sie jetzt doch noch heraus. „Später können wir uns dann von mir aus über dein augenärztliches Fachinteresse unterhalten.“
„Aber gern, mein schönes Kind! Gleich die entscheidende Frage: Kriegt dein Hund genug Taschengeld, dass er die Alimente zahlen kann, oder nimmst du die Hälfte von den kleinen Hunden? Mehr als acht werden es schon nicht werden!“
Muss die Gucki schon wieder lachen. Und kann dem Sigi nicht bös sein. Obwohl er so ein goscherter Hund ist. Mein schönes Kind – so eine Frechheit! Sie ist doch keine Barbiepuppe, sie ist eine gestandene Frau! Blaue Augen hin, blaue Augen her, jetzt zeigt sie diesem Sigi, wie man mit der Geiß ackert: „Weißt du, mein schöner Prinz, die Leser der Mühlviertler Nachrichten möchten ganz einfach wissen, wie man Puffbesitzer wird. Zeichnet sich so eine Karriere schon in der Volksschule beim Doktorspielen ab, oder braucht man da eine spezielle Ausbildung – sagen wir einmal: 14 Semester Zuhälterei und einen Volkshochschulkurs Nuttenausbeutung für Anfänger?“
Jetzt hat es ihm die Red verschlagen! Nein, er lacht? Aber nur, weil die Hunde jetzt doch irgendwie auseinandergekommen sind. Und der kleine Turrini von der riesigen Krimi von oben bis unten abgeschleckt wird. Wobei er am Rücken liegt und schon wieder – oder noch immer? – eine Erektion hat.
„Die sind anscheinend auch schon per Du“, sagt jetzt der Sigi und schaut die Gucki so eigenartig an. Aber nicht schweinisch. Mehr so anzüglich. Wenn nicht sogar verführerisch.
Wird die Gucki schon wieder rot. Scheiße, Scheiße, Scheiße! Muss sie wenigstens was Boshaftes sagen: „Wie bist du denn auf Krimi gekommen? Liest du immer Krimis, wenn du nicht schlafen kannst, weil dich die Gewissensbisse wegen der Zuhälterei quälen?“
„Nein“, lacht der Sigi, „Krimi kommt von Kriemhild. Weil mein lieber Papa ein alter Nazi war und seinen Söhnen germanische Namen verpasst hat: Hagen und Siegfried. Hab ich mir also gedacht, Kriemhild wird meinen Papa freuen. Und es hat ihn wirklich so gefreut, dass er mir und nicht meinem lieben Herrn Bruder das Haus vererbt hat. Und dein geiler kleiner Hund, wie heißt der?“
„Turrini.“
„Aha, nach dem Dramatiker. Ist der Hund auch so sentimental?“
„Normal erklär ich den Leuten immer, der Hund ist nach der Freistädter Schlosserei Turrini benannt. Weil er das Haus besser beschützt als jedes Schloss.“
„Da schau dich an! Hat die schöne Frau Magister leicht geglaubt, alle Puffbesitzer müssen ungebildet sein?“
Kann die Gucki natürlich nicht gut Ja sagen. Sagt sie halt: „Gibt es noch einen Wein?“
„Sicher. Und einen Kuss auch noch! Was zuerst?“
„Erst die Arbeit, dann das Vergnügen!“, meint die Gucki. Und schmeißt sich dem Sigi an den Hals. Dass der nicht mehr so frech sein kann, der freche Hund, der!
Aber irgendwann kriegen sie dann doch einen Durst und sitzen ganz gemütlich in der Küche vom Sigi. Wobei Küche nicht das richtige Wort ist. Weil ja das ganze Gasthaus Mariabrunn eine einzige Baustelle ist. Und die Küche eigentlich nur aus einem Tisch mit ein paar Sesseln, einem Kühlschrank und einem alten Holzofen besteht. Der funktioniert aber tadellos, und in kürzester Zeit ist es wohlig warm. Und außerdem knistert und knackt das Holz extrem romantisch. Findet die Gucki. Sagt sie aber natürlich nicht. Sie ist ja schließlich nicht aus privaten Gründen da. Da kann der Blaufränker aus dem Burgenland noch so blaufränkisch-samtig den Gaumen streicheln, da kann der Sigi noch so blauäugig-spitzbübisch schauen, die Gucki ist zum Arbeiten da! Und knallt auch schon ihr kleines Tonbandgerät auf den Tisch. „Alles, was Sie ab jetzt sagen, kann gegen Sie verwendet werden!“, erklärt sie dem Sigi.
Der hat aber anscheinend nicht besonders viel Angst. Weil er schon wieder lacht. „Hast du das schon einmal gesehen?“, fragt er die Gucki. „So ein mittelalterliches Ehepaar, wo der Mann und die Frau vor dem Fernseher sitzen und den gleichen Jogginganzug anhaben? Wenn ich jetzt noch einen Fernseher hätt, wären wir zwei das Paradebeispiel für den Partnerlook!“
Wirklich! Warum ist das der Gucki nicht aufgefallen? Hat sie denn wirklich nur dem Sigi seine blauen Augen im Schädel und sonst gar nichts? Er hat ja wirklich fast die gleiche Lederjacke an wie sie. Eine kurz geschnittene, schwarze Jacke mit einem weißen Pelzbesatz am Kragen. Nur: So eine Jacke, wie sie die Gucki hat, gibt es praktisch nur einmal. Weil sie von ihrem Opa ist. Seine Fliegerjacke. Aus dem Zweiten Weltkrieg. Aber die Jacke vom Sigi schaut auch ziemlich alt aus. „Auch Deutsche Wehrmacht?“, fragt die Gucki.
„Nein, Royal Air Force“, antwortet der Sigi. „Hab ich bei einer Wette mit einem alten englischen Jagdflieger gewonnen. Ein Langstreckenflug über 300 Meilen. Ich hab die Stiefel vom Papa gesetzt.“
Und seine Stiefel sind jetzt wirklich genau die gleichen wie die von der Gucki. Nur größer halt. Weil ihr Opa kleine Füße gehabt hat. Weil aber der Sigi und die Gucki auch noch ein jeder eine schwarze Jeans und einen schwarzen Rollkragenpullover anhaben, kann man wirklich nur sagen: Partnerlook perfekt!
Bei so viel modischer Harmonie ist es kein Wunder, dass sich die zwei auch sonst gut verstehen und in kürzester Zeit einen Haufen Gemeinsamkeiten entdecken. Beide lieben Whiskey und hassen Grießkoch, beide lesen profil und halten die Mühlviertler Nachrichten für die provinziellste Provinzzeitung der Welt, und beide finden ein Puff in St. Moritz – akkurat neben der Kapelle Mariabrunn und der Heilquelle Mariabrunn – extrem witzig.
Dabei ist die Geschichte mit dem Sigi seinem Puff eigentlich genauso ein Zufall wie der Gucki ihre Karriere als Journalistin. Die Gucki ist ja nur bei den Mühlviertler Nachrichten gelandet, weil sie eine verkrachte Studentin war, und der Sigi ist als Geschäftsführer in einem Puff in Kitzbühel gelandet, weil er ebenfalls ein verkrachter Student war und außerdem nicht mehr länger den charmanten Schilehrer spielen hat wollen. In beiden Fällen also wirklich Pech oder Schicksal oder sonst was, auf keinen Fall aber das, was man heut so gern Lebensplanung nennt.
„Warum aber ausgerechnet in St. Moritz, das Puff, mein ich?“, fragt jetzt die Gucki. Sozusagen aus professioneller Neugier. Und hat auch schon ihr Tonband eingeschaltet. Ohne dass sie es überhaupt merkt. Praktisch Gewohnheit. Oder – wenn man so will – Berufskrankheit. Aber der Sigi merkt es sowieso nicht. Weil er der Gucki schon die längste Zeit tief in die Augen schaut. Wie wenn er es mutwillig auf das Versinken und Ertrinken in diesen braunen Augen angelegt hätte. Dabei ist auch der Rest nicht ohne! Als Motorradfahrer kann er solche Kurven beim besten Willen nicht übersehen! Und dann noch die lustige Stoppelglatze und die lustigen Grübchen in den Wangen, wenn sie lacht. Und sie lacht oft! Aber jetzt schaut sie ernst. Was hat sie gesagt?
„Warum musst du dein Puff unbedingt in St. Moritz aufmachen?“, hilft ihm die Gucki.
„Zu Fleiß natürlich! Meinem lieben Papa – Gott hab ihn selig! – meinem lieben Bruder, dem Herrn Oberarzt, zu Fleiß und allen besseren Herrschaften von St. Moritz zu Fleiß!“, erklärt der Sigi und lacht. Trotzdem erzählt er dann eine ziemlich traurige Geschichte. Wie er als Doktorbub in St. Moritz aufgewachsen ist. Wie er immer braver und gescheiter und tüchtiger sein hat müssen als wie die anderen Kinder. Hart wie Kruppstahl, zäh wie Leder, flink wie Windhunde, hat sein Papa das genannt. Wie er sich durchs Gymnasium in Freistadt quälen hat müssen und ihm der Papa nach einem Dreier in Mathematik ein halbes Jahr lang die Ziehharmonika weggesperrt hat. Wie er dann zum Medizinstudium nach Innsbruck gekommen ist. Wie er das Studium geschmissen und auf seinen Papa geschissen hat und jahrelang nicht mehr heim nach St. Moritz gefahren ist und sein Geld als Kellner und Schilehrer verdient hat. Und schließlich wie sich sein Papa wieder mit ihm versöhnen hat wollen. Aber auch nur, weil er erfahren hat, dass sein Siegfried einer der besten Paragleiter von ganz Europa ist und einen Langstreckenflug-Rekord nach dem anderen aufgestellt hat. Zwar nicht Deutsche Luftwaffe, aber immerhin, hat der liebe Papa geschrieben. Hat sich der Sigi halt hie und da wieder in St. Moritz anschauen lassen. Eh nur alle heiligen Zeiten. Und eh nur wegen der Mama. Die ihr ganzes Leben lang zu feig war, um ihrem Mann, dem Herrn Doktor, zu widersprechen. Hat sich ja nicht einmal getraut, ihren Mann zu überleben. Kaum hat der einen Gehirntumor gehabt, ist sie auch schon ruckzuck an einem Herzinfarkt gestorben. Und wahrscheinlich hat der Sigi das Haus wirklich nur geerbt, weil er die Krimi mitgehabt hat, wie er zum Begräbnis von der Mama nach St. Moritz gekommen ist. „Wenn das kein Grund ist, ein Puff aufzumachen, dann weiß ich auch nicht!“, beendet der Sigi schließlich seine Geschichte.
Kann die Gucki natürlich nichts mehr sagen und nichts mehr fragen. So was von traurig! Am liebsten tät sie den Sigi von oben bis unten mit Küssen zudecken, so leid tut er ihr. Nur: Das geht nicht! Weil sie nicht gleich am ersten Tag mit ihm ins Bett hupfen will. Aber nicht aus Prinzip! Das hat sie schon oft genug gemacht. Aber mit anderen Männern. Nicht mit einem wie dem Sigi. Mit dem sie sich mehr vorstellen kann. Weil er ihr so nahe ist. Weil er sie wirklich berührt. Gibt es so was – fragt sich die Gucki – einen Gleichklang der Seelen? Und dann fällt ihr zu allem Überfluss auch noch ein Bruchstück von einem furchtbar kitschigen Gedicht ein: Wie soll ich meine Seele halten, dass sie nicht an deine rührt? So ein Schmarrn! Nie im Leben tät sie einen Hund Rilke taufen. Der könnte ja vor lauter Gefühl nicht einmal einer Katze nachrennen. Wo ist denn überhaupt ihr kleiner Turrini?
Na, das ist vielleicht ein Bild! Der Turrini hat sich vor dem Ofen eingerollt, und hinter ihm liegt die Krimi und hat eine ihrer mächtigen Pfoten um ihn gelegt, als ob sie ihn beschützen möchte. Oder ist das eher besitzergreifend gemeint? Muss sich die Gucki leider eingestehen, dass sie sich bei der Liebe nicht recht auskennt. Nicht bei den Hunden – und schon gar nicht bei sich selber!
Wird aber jetzt glücklicherweise vom Sigi aus ihren wirren Gedanken gerissen: „Bei mir oder zu dir?“
So eine Frechheit! Das sieht ihm ähnlich! Na, warte, mein lieber Sigi! „Morgen Abend bei mir. Aber geschnäuzt, gekampelt, rasiert, mit Blumen und Präservativen und allem Drum und Dran!“ Da schaut er blöd. Recht geschieht ihm!
Jetzt aber kurz und schmerzlos adieu sagen, sonst landet sie womöglich noch völlig willenlos auf der verdreckten Couch, die dem Sigi anscheinend als Bett dient. Leichter gesagt als getan! Der kleine Turrini weigert sich nämlich so standhaft, auch nur einen Millimeter von seiner Krimi zu weichen, dass sie sogar die Leine aus dem Auto holen muss. Und weil auch der Sigi, der mindestens einen Meter neunzig ist und gut hundert Kilo hat, seinen Hund nur mit Mühe derhalten kann, gerät ihr Abschiedskuss eher zu einem Ringkampf als zu einem erotischen Abenteuer.
Trotzdem muss sich die Gucki eingestehen, als sie dann endlich daheim im Bett liegt, dass sie verliebt ist. Das erste Mal in ihrem Leben so richtig verliebt.
IIII
„Blutsau, blutige!“ ist ein ganz ein arger Fluch. Sagt man nur im äußersten Notfall. Wenn aber wirklich alles total verschissen ist. Und eigentlich ziemlich ordinär. Weil es nichts anderes heißt, als dass ein Mann nicht zum Schnackseln kommt, weil die Frau ausgerechnet an diesem Tag die Regel hat. Wird aber auch im übertragenen Sinn verwendet: Wenn halt irgendwas hint und vorn nicht hinhaut. Praktisch ziemliche Wut vorhanden.
So arg ist es aber gar nicht, dass der Fuzzi jetzt unbedingt „Blutsau, blutige!“ plärren müsste. Ist ja nur, dass der Gucki ihr Moped nicht anspringen will. Das kann bei einer Puch MS 50, Baujahr 1962 schon einmal vorkommen. Aber das ist es ja auch nicht, was den Fuzzi so ärgert. Ärgern tut ihn, dass seine Hände beim Vergaser-Putzen zittern wie ein Lampelschweif. Mit dem Alkohol selber hat er ja keine Probleme, wenn man von der einen oder anderen Führerscheinabnahme absieht. Nur mit dem Entzug. Fürcht-er-lich! Kaum aber hat ihm die Gucki ein Frühstücksbier gebracht, hört das Zittern auch schon auf, und die Ausfahrt kann losgehen.
Heute ist nämlich 1. Mai. Und da ist nicht nur Maibaumaufstellen und Tag der Fahne, da ist ja auch die mittlerweile schon traditionelle Ausfahrt der CHU St. Anton. Das muss ich jetzt vielleicht ein bisserl erklären. CHU heißt Chicken-Hunter Union. Chicken-Hunter heißt Hühner-Stauber. Auf Englisch halt. Und Union Verein. Ein Hühner-Stauber wiederum ist nichts anderes als ein altes Moped, nämlich die Puch MS 50. Das heißt so, weil in den 60er Jahren im Mühlviertel praktisch jeder Mann so ein Moped gehabt hat und Tag und Nacht wie wild herumgefahren ist und sogar in den kleinsten Bauerndörfern damit die Hühner aufgescheucht hat.
Weil aber so eine Puch MS 50 praktisch unverwüstlich ist, haben dann später noch ein paar Generationen mit so einem Hühner-Stauber das Mopedfahren gelernt. Und eigentlich siehst du auch heute noch genug zehnjährige Buben mit einem Hühner-Stauber auf den Feldwegen und Waldwegen herumfahren. Hören tust du sie sogar noch besser. Weil Zweitakter: macht so ein hohes knatterndes Geräusch. Wenn man will, kann man auch sagen: macht einen Höllenlärm. Gefällt aber den meisten trotzdem. Weil schöne Jugenderinnerung.
Das wird ja auch der Grund für die Chicken-Hunter Union sein. Hat halt einer eine besonders schöne Jugenderinnerung gehabt – sagen wir einmal: erster Sturz mit einem Moped im ersten Vollrausch – und der kauft sich dann ein paar Ersatzteile für die MS 50 und richtet sie wieder her. Und fährt dann damit ein bisserl herum. Sehen das seine Spezln und wollen natürlich auch so ein Spielzeug. Sobald aber einmal mehr als drei Leute dasselbe tun, wird bei uns auch schon ein Verein gegründet. Weil man sich im Rudel halt doch wohler fühlt. Drum gibt es ja bei uns fast so viele Vereine wie Einwohner. Und einer, der bei zehn Vereinen dabei ist, ist keine Seltenheit. Wenn einer aber gleich bei zwanzig Vereinen dabei ist, der ist entweder Bürgermeister oder will es werden.
Wenn du bei ein paar Vereinen dabei bist, dann hat das auch den Vorteil, dass dir die Freizeit nimmer auf den Schädel fallen kann. Ein Pflichttermin nach dem anderen! Weil das, was man spontan nennt, sind die Mühlviertler wirklich nicht. Und bei einem Verein ist nix spontan, sondern alles geplant. Die Mitglieder der CHU fahren nicht aus, wenn das Wetter schön ist, sie fahren am 1. Mai. Weil da ist die erste Ausfahrt. Wurscht, wie das Wetter ist!
Heute haben sie eh ein Glück. Ist zwar noch saukalt, wie sie in der Früh wegfahren, aber wenigstens schneit es nicht. War ja auch schon da. Und außerdem gibt es im Nachbarort St. Moritz schon die erste Rast. Kann man ein wärmendes Getränk zu sich nehmen. Von den 24 Fahrern entscheiden sich 24 für ein Bier. Ist halt ein Verein, wo zusammengehalten wird! Sogar die einzige Fahrerin, die Gucki, traut sich keinen Tee mit Rum bestellen.
Außerdem wird ihr sowieso innerlich ganz warm, wenn sie an den Sigi denkt. Und sie denkt ziemlich viel an den Sigi. Genauer gesagt die ganze Zeit.
Drum hat sie dann auch keine Augen für den Oldtimer-Flohmarkt in Freistadt. Das ist nämlich das nächste Ziel der CHU. Erstens kann man dort alte Mopeds oder auch nur die einzelnen Teile erwerben, zweitens aber kann man dort das eigene möglichst originalgetreu oder originell restaurierte Moped vor einer fachkundigen Zuschauerschar zur Schau stellen. Und außerdem sollen ruhig alle sehen, was für ein fesches Leiberl die CHU St. Anton hat: schwarz, mit einem weißen Kreis auf der Brust, in dem ein schwarzer Hühner-Stauber erkennbar ist. Drunter natürlich der Vereinsname in prächtigem Grün. Und wirklich: Die Leute schauen, dass ihnen die Augen herauskommen. Hauptsächlich aber auf das eine Leiberl, das die Gucki anhat. Oder ist es womöglich gar nicht wegen dem Leiberl, sondern weil die Gucki schon seit der fünften Klasse Gymnasium keinen BH mehr trägt? Und weil sie praktisch die einzige Frau auf dem Oldtimer-Flohmarkt ist?
So alte Mopeds sind halt doch eher was für Männer. Frauen sind da wahrscheinlich mehr für alte Puppen zum haben. Die Gucki nicht. Die hat schon als Kind nicht mit Puppen gespielt. Und wenn, dann Stalingrad: Kaum hat sie von irgendeiner Verwandtschaft eine Barbiepuppe gekriegt, ist auch schon mit der Laubsäge feinsäuberlich ein Fuß oder eine Hand oder beides amputiert worden. Geht ja nicht anders bei Erfrierungen. Weil der Gucki ihr Opa schon gern von Stalingrad erzählt hat. Weil er überhaupt gern vom Krieg erzählt hat. Ist die Gucki statt mit Märchen mit Kriegsgeschichten aufgewachsen. Statt Hans im Glück der Blitzkrieg in Frankreich, statt Der Wolf und die sieben Geißlein die Einkesselung von Stalingrad. Drum hat ja die Gucki im Kindergarten auch nie so Sätze gesagt wie „Großmutter, warum hast du so große Ohren?“, sondern: „Seit 5 Uhr 45 wird zurückgeschossen!“
Was hat denn das alles mit einem Oldtimer-Flohmarkt zu tun? Wird man sich jetzt fragen. Das hat sehr wohl was damit zu tun! Weil nämlich die Gucki dort den Leo getroffen hat. Und der Höllerer Leo verkauft da auf dem Flohmarkt keine Mopedteile, sondern Helme, Stiefel und Lederjacken. Alles Deutsche Wehrmacht. Ist der Gucki natürlich gleich der Opa eingefallen. Hat ja beim Mopedfahren immer dem Opa seine Fliegerhaube auf. Statt einem richtigen Helm. Ist zwar nicht erlaubt, aber was soll’s? Außerdem hat mindestens die Hälfte von ihren Moped-Kameraden auch keinen Helm auf. Weil das lässiger ist. Und weil die Verletzung der Helmpflicht auch wurscht ist, wenn sie dich mit zehn Bier erwischen. Zehn Bier ist aber das Mindeste, was ein Mitglied der CHU bei einer Ausfahrt so trinkt.
Akkurat der Fuzzi scheint sich jetzt aber doch Gedanken um die Helmpflicht zu machen. Weil er beim Leo seinem Standl einen Stahlhelm nach dem anderen probiert. Ist aber leider weniger auf sein Sicherheitsdenken als auf seine politische Gesinnung zurückzuführen. Scheiße, Scheiße, Scheiße! Da ist der Fuzzi so ein gescheiter und witziger und feinfühliger Kerl und dann lässt er sich immer mehr von diesen verfickten Rechtspopulisten anstecken und schimpft Tag und Nacht nur mehr auf die Ausländer. Wie wenn die an allem schuld wären, was bei uns schiefrennt.
Die Gucki kann da nicht zuschauen! Und schon hat sie ihr Geldtaschl in der Hand und hat dem Fuzzi auch schon eine wunderschöne Fliegerhaube gekauft. Damit schaut er zwar noch blöder aus wie normal, aber wenigstens nicht so rechtsradikal wie mit einem Stahlhelm. Und freuen tut er sich auch, der Fuzzi. Weil er wieder einmal blöd daherreden kann. „Mein Weiberl und ich gehen immer im Partnerlook!“, erklärt er sämtlichen Flohmarktbesuchern, die es hören wollen. „Wir haben sogar dieselbe Unterhosen an: so ein Spitzenhöschen! Sollen wir es euch zeigen?
Kann ihn die Gucki nur mit Müh und Not davon abhalten, dass er seine Hose auszieht. Und das auch nur, weil sie ihn auf ein Bier einlädt. Der kommt ihr heute ganz schön teuer, der kleine Fuzzi. Ist ihr aber völlig wurscht. Das Geld inklusive dem elendigen Altbausanierungskredit, für den sie noch sieben Jahre lang brennen kann wie ein Luster, ist ihr wurscht, ihre Karriere, besser gesagt: ihre Nicht-Karriere als jämmerliche Provinzjournalistin, ist ihr wurscht, der kalte Wind am Würstelstand ist ihr wurscht – die Gucki ist verliebt.
„Süß oder scharf?“ Das ist nur die Würstelfrau, die da fragt. Für die Gucki ist es sowieso klar, dass die Liebe süß ist und scharf. Und heiß wie die Debreziner. Und kleschkalt wie das Bier. Und – und – und! Sie muss sich ziemlich zusammenreißen, dass sie dem Fuzzi nicht auf der Stelle von ihrer großen Liebe erzählt. „Hast du das schon einmal erlebt: Wie soll ich meine Seele halten, dass sie nicht an deine rührt?“, rutscht ihr dann aber doch heraus. Glücklicherweise mit vollem Mund. Weil doch ziemlich peinlich.
Hat aber extrem feine Ohren, der Fuzzi. Da glaubt man immer, ein Automechaniker hört schlecht, weil die Ohren durch den dauernden Motorenlärm mit der Zeit taub werden müssen. Ganz im Gegenteil! Der muss sogar noch besser hören wie ein normaler Mensch. Damit er in dem ganzen Motorenlärm die einzelnen Töne heraushören kann, damit er weiß, was dem Motor fehlt. Und der Fuzzi hat nicht nur ein feines Gehör, sondern auch ein feines Gespür. Sonst hätt er ja gar nicht verstanden, um was es da überhaupt geht. Hat er aber. Sonst hätt er nicht gesagt: „Wie soll ich nur mein Flaschl halten, dass es nicht an deines klescht?“ Und dann mit der Gucki angestoßen, dass das Bier nur so gespritzt ist.
Hat die Gucki so lachen müssen, dass sie ihm nicht einmal bös sein hat können. Weil eigentlich braucht man sich über die Liebe nicht lustig machen! Und der Fuzzi schon gar nicht! Weil einer, der unter der Woche jeden Abend und jede Nacht pfuscht und am Wochenende nur in Wirtshäusern herumkugelt und Frauen höchstens von der Weiten kennt, braucht bei dem Thema wirklich nicht den Mund aufreißen!
Bevor ihm die Gucki das aber unter die Nase reiben kann, sind sie auch schon von den Mitgliedern der CHU umringt, die vom vielen Schauen, Handeln und Kaufen alle einen rechten Durst gekriegt haben. Und nach ein paar Runden Bier wird es auch schon Zeit für die nächste Etappe der 1.-Mai-Ausfahrt. Aufsitzen! Auf nach Kefermarkt!
Interessant! Da meint man, so ein Moped-Verein fährt nur ein bisserl in der Gegend herum – nur so aus Freude am Fahren – und dann fahren die doch tatsächlich nach Kefermarkt? Eh schon wissen: weltberühmter Flügelaltar, Hochgotik, praktisch Kultur. Stimmt aber dann doch nicht so ganz. Weil das Ziel der CHU ist eigentlich nicht direkt der Kefermarkter Flügelaltar, sondern mehr die Kefermarkter Wirtshausbrauerei. Den Flügelaltar hat ja eh schon ein jeder in seiner Hauptschulzeit einmal gesehen, die Wirtshausbrauerei aber kann man gar nicht oft genug sehen. Und wenn die gewaltigen kupfernen Sudpfannen auch nicht aus der Hochgotik stammen, imposant sind sie trotzdem!
Die Einzige, die sich in die Kirche verirrt, ist die Gucki. Erstens ist der geschnitzte Altar wirklich wunderschön, zweitens will sie einmal ein bisserl allein sein, drittens aber kann sie keinen Vollrausch haben, wenn heute Abend der Sigi kommt. Weil sie ja kochen muss. Normal kann sie ja im Notfall auch mit 1,8 Promille noch kochen wie ein Einser – nur: Für den Sigi muss es was Besonderes werden. Ist ja sogar beim SPAR in Freistadt stehen geblieben, um ein paar Sachen zu kaufen. Zitronengras und Kokosmilch. Für die Zitronengrassuppe. Die Langusten für die Suppe hat sie eingefroren daheim, das Weißbrot muss sie dann beim Heimfahren in St. Moritz kaufen. Gut, dass sie am Hühner-Stauber einen Gepäckträger hat! Als Hauptspeise gibt es dann Zitronen-Hendl, und eine Nachspeise wird ihr auch noch einfallen. Wär doch gelacht, wenn sie den Sigi nicht einkochen könnt!
Viel mehr Sorgen macht ihr da die passende Kleidung. Weil sie doch ein bisserl was zugenommen hat, seit sie im Mühlviertel ist. Was heißt da ein bisserl? Ziemlich! Eh kein Wunder, wenn man sich hauptsächlich von Mühlviertler Speck und Freistädter Bier ernährt! Auf die Waage hat sie sich zwar schon seit Jahren nimmer gestellt, aber die Hosen von früher, die passen ihr alle schon längst nicht mehr. Und die Hosen, die sie jetzt so anhat, sind alles Mögliche – robust, praktisch, eventuell sogar cool – nur erotisch, also erotisch sind sie ganz bestimmt nicht!
Jetzt aber plötzliche Erleuchtung. Natürlich nicht durch den heiligen Geist, sondern durch die Gotik. Die ganzen Heiligenfiguren auf diesem Flügelaltar sind ja alle miteinander in weite Gewänder gehüllt, die einen Haufen Falten werfen. Sieht man praktisch nix von der Figur. Wenn das nicht die Lösung ist! Ein Kleid muss her, aber dalli! Die einzigen zwei Kleider, die die Gucki besitzt, sind ihr nämlich bestimmt auch schon zu eng. Ist ja schon sieben Jahre her, dass sie ihr schwarzes Minikleid und ihr rotes Ballkleid zum letzten Mal angehabt hat. Und außerdem hat sie sich damals geschworen, dass sie sich nie wieder so herrichtet. Praktisch Fleischbeschau. Aber gegen ein elegantes Kleid, in dem sie nicht gleich ausschaut wie eine Nutte, ist ja nichts einzuwenden. Die Gucki braucht sich also nur auf ihr Moped schmeißen und …
Genau in dem Moment ist die schöne Seifenblase auch schon zerplatzt. Erstens müsste sie mindestens bis nach Linz fahren, um halbwegs ein Kleid aufzutreiben, zweitens aber kriegt sie in Linz heute zwar jede Menge roter Nelken, aber kein einziges Kleid. Weil 1. Mai heißt immer noch Tag der Arbeit und nicht Shopping-Tag!
Bleibt der Gucki also nichts anderes über, als dass sie sich auf ihren Hühner-Stauber schmeißt und möglichst schnell in die Gasthausbrauerei kommt. Damit sie die peinliche Kleider-Geschichte möglichst schnell vergisst. Und wirklich – nach einem ordentlichen Schweinsbraten und nach dem dritten Bier geht es ihr besser. „Wenn ich dem Sigi nicht so gefall, wie ich bin, dann kann er sich sowieso schleichen, der Wichser!“ Das sagt sie natürlich nicht zum Fuzzi oder zum Maxi oder zum Johnny oder sonst zu irgendeinem von ihren Moped-Kameraden, das sagt sie zu ihrem Spiegelbild. Auf dem Damenklo von der Wirtshausbrauerei. Da sieht man, dass drei Bier genauso wirken wie ein sauteures Kleid. Für das Selbstbewusstsein nämlich. Wenn sich das bei allen Frauen herumsprechen tät? Da könnten dann die ganzen Modegeschäfte zusperren und die Brauereiarbeiter müssten Überstunden machen!
Aber solange es Burschen gibt wie die von der CHU St. Anton, müssen sich die Brauereiarbeiter sowieso keine Sorgen um ihren Arbeitsplatz machen. Weil alle miteinander das Bier hinunterschütten, wie wenn es am nächsten Tag keines mehr geben tät. Obwohl die CHU doch noch ein Stückerl zum Heimfahren hat. Ich mein: Nicht dass es jetzt von Kefermarkt nach St. Anton so weit wäre, aber sie müssen ja noch zwei Mal einkehren, bevor sie dann wirklich heimfahren dürfen. Alles feinsäuberlich geplant. Mittagessen – Wirtshausbrauerei in Kefermarkt, erster Zwischenstopp – Hanslwirt in Elz, zweiter Zwischenstopp – Frankys Bar in St. Moritz, Abschluss – Gasthaus Weiß in St. Anton. Und einkehren heißt halt einmal nicht Kracherl trinken oder Kaffee trinken – einkehren heißt Bier und sonst gar nix!
Da heißt es dann auch gleich „Was tust du denn auf einmal so mädchenhaft?“, wie die Gucki in Frankys Bar jetzt ausnahmsweise einen Kaffee bestellt. Der Johnny ist es, der sie anstänkert. Das ist einer von den Nachbarbuben, mit denen sie am Dienstag immer tarockiert. In der Meierhansl-Hütte. Wobei Nachbarbuben vielleicht ein bisserl irreführend ist. Weil die Herren Buben alle doch schon so um die Vierzig sind. Aber abgesehen vom Alter sind sie wirklich wie ein Haufen Buben: rührend ernsthaft und gleichzeitig extrem kindisch. Und außerdem sind sie alle miteinander nicht verheiratet und haben auch keine Freundin. Obwohl bei den meisten die Eltern schon ziemlich lästig sind und ihren Buben jeden zweiten Tag daran erinnern, dass er sich endlich einmal eine Frau suchen muss. Ist aber gar nicht so leicht, wenn du nicht einfach eine nette Sexualpartnerin suchst, sondern eine Frau, die in eine Nebenerwerbslandwirtschaft einheiraten möchte. Sprich, eine, die bereit ist, dass sie die ganze Arbeit auf dem Hof macht, weil ja der Mann arbeiten gehen muss.
Jetzt natürlich blöd, dass ausgerechnet der Johnny da die Ausnahme ist. Ist zwar auch völlig tarocknarrisch und ein Kindszapfen wie aus dem Bilderbuch, aber halt leider verheiratet. Kann die Gucki nicht gut sagen: „Was tust du denn da so bubenhaft mit deinem Bier herum, statt dass du dich wie ein richtiger Mann mit den Frauen beschäftigst?“ Sagt es aber trotzdem. Was anderes ist ihr leider nicht eingefallen.
Hätte sie nicht tun sollen. Weil in der Gaststube neben der Bar wirklich ein ganzer Tisch Frauen sitzt. So sieben oder acht werden es sein. Genauer gesagt sind es Damen. Sieht man ja gleich am Gwand, dass die Golf spielen. Hat aber keiner von der CHU bemerkt, dass die überhaupt da sind. Weil man ja in ernsthafte Gespräche über Vergaser und Bremsseile verstrickt ist. Und einen Durst hat man schließlich auch. Jetzt aber, wo die Gucki den Johnny aufgehusst hat, fühlen sich natürlich alle in ihrer Männerehre angesprochen. Nicht dass man mit solchen – na ja: eben – Damen anbandeln tät. Das sind ja lauter Bessere: Abteilungsleiterinnen, Managerinnen, Chefinnen oder zumindest Gattinnen von einem Chef. Aber anstänkern kann man sie auf jeden Fall!
So schnell können die Damen, die übrigens alle Aperol-Spritz, das gummibärliorange funkelnde Modegetränk schlürfen, gar nicht schauen, sind sie auch schon von einer Horde Männer umringt, die in ihren staubigen Lederkluften doch ziemlich bedrohlich wirken. Instinktiv rücken die Damen näher zusammen. Eine kleine Herde Schafe von Wölfen umzingelt.
„Grüß euch, Mentscha! Warts ihr heute auch beim Maiaufmarsch für die Rechte der Arbeiter demonstrieren?“ Das ist der Johnny, der das sagt. Und dabei ein ausgesprochen unschuldiges Gesicht macht. Das macht er immer, wenn er wen anstänkert. Da muss man jetzt wissen, dass der Johnny der sogenannte rote Bauer von St. Anton ist. Das heißt, er ist zwar beim Bauernbund, aber in der SPÖ-Fraktion. Und außerdem sitzt er für die SPÖ im Gemeinderat. Da hast du es dann nicht so leicht bei den anderen Bauern. Weil Verräter. Noch dazu sind ja die meisten anderen Bauern in Wirklichkeit auch Arbeiter. Weil sie ja arbeiten gehen müssen, damit sie ihre Landwirtschaft überhaupt derhalten können. Nur fühlen sie sich halt nicht als Arbeiter, sondern nach wie vor als Bauern. Und sind daher logischerweise bei der ÖVP. Und haben daher normalerweise keine Freude mit so klassenkämpferischen Sprüchen wie denen vom Johnny. Nur halt: normalerweise. Jetzt sind sie sogar hocherfreut, dass diese arroganten Gänse endlich einmal gerupft werden. Weil mögen, so richtig mögen tut die Besseren eigentlich keiner. Da kann man hundertmal bei derselben Partei sein!
„Oder feierts ihr den Tag der Arbeit gar nicht, weil ihr gar nicht wissts, was eine Arbeit ist?“ Der Johnny ist schon ein Fuchs, das muss man ihm lassen!
„Die Rechnung!“ Endlich ist eine der Damen aus ihrer Leichenstarre erwacht.
Ist aber leider auch schon das Stichwort für den Fuzzi: „Eh klar, dass sie keine Arbeit kennen, dafür kennen sie sich mit dem Geld aus. Bei denen heißt es die Rechnung! Und nicht – wie bei uns – zahlen! Weil zahlen tut immer nur der kleine Mann!“
„Groß bist du wirklich nicht! So eins sechsundfünfzig, eins siebenundfünfzig schätz ich.“ Das ist natürlich keine von den feinen Damen, die da dem Fuzzi eine auflegt. Das kann nur die Gucki sein! Aber wirklich nicht, weil ihr die blöden Golftussis leidtun, nur weil sie verhindern will, dass der Fuzzi jetzt wieder eine von seinen peinlichen Reden zur Lage der Nation hält, die alle darin gipfeln, dass die Ausländer an allem schuld sind. Das hat sie sich schon oft genug anhören müssen, von dem hat sie die Nase voll!
Der Fuzzi ist im ersten Moment sprachlos. Und das kommt bei ihm sonst nie vor. Dass ihm ausgerechnet die Gucki in den Rücken fällt? Ist die jetzt auch schon so eine links-linke Emanzen? Bevor er aber auch nur den Mund aufmachen kann, hat ihn die Gucki schon dort gepackt, wo er am leichtesten zu packen ist. Bei seinem Stolz nämlich: „Na, was ist, kleiner Mann? Zahlst du mir jetzt einen Whiskey oder übernimmst du die Rechnung?“
„Das sind Hände, die arbeiten!“, plärrt der Fuzzi und schwenkt seine Pratzen in Siegerpose durch die Luft. „Da kann man sich dann auch was leisten! Einen Whiskey für alle Damen und von mir aus auch für das Weib in der Lederjacken!“
Und weil der Franky ein Wirt mit dem richtigen Gespür für seine Gäste ist und jeder Golf-Lady nicht nur einen Whiskey, sondern auch eine rote Nelke serviert, ist die Stimmung im Nu entschärft. Ja, es gibt sogar – über die Klassengrenzen hinweg – so was wie ein Sich-Näherkommen, indem die eine oder andere Dame vorsichtig dem Fuzzi seine Armmuskeln angreift und sich ehrfürchtig seiner Diagnose „Händ wie ein Schraubstock!“ anschließt.
Wird es doch noch so richtig gemütlich. Die Damen lassen sich eine Hühner-Stauber-Besichtigung nicht entgehen, und eine besonders schneidige dreht sogar mit dem Johnny seinem Moped eine Runde durch den Markt. Dafür gelingt es dem Fuzzi schon beim dritten Versuch, mit einem Golfball ein Fenster von Frankys Bar einzuschießen. Kurzum: ein Mordshallo!
Aber nix dauert ewig! Und so mahnt der Meierhansl-Charly auch schon zum Aufbruch. Weil er als Obmann der CHU für die Planung verantwortlich ist. Und laut Planung müssten sie schon seit zwei Stunden beim Abschlussgetränk im Gasthaus Weiß in St. Anton sein. Also: „Zahlen und aufsitzen!“ Wenn es halt sein muss: zahlen! Nur der Fuzzi verlangt: „Die Rechnung!“
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