Kitabı oku: «Franz Kugler: König Friedrich II von Preußen – Lebensgeschichte des "Alten Fritz"», sayfa 7
Bewegte sich solcher Gestalt das Leben in Rheinsberg in den verschiedensten Formen eines poetisch heiteren Genusses, suchte Friedrich denselben endlich noch durch mancherlei eigene dichterische Versuche zu erhöhen und festzuhalten, so barg sich doch zugleich unter dieser anmutvollen Hülle ein tiefer redlicher Ernst. Die Stunden, in welchen Friedrich nicht in der Gesellschaft zum Vorschein kam, – und diese umfassten bei weitem die größere Zeit des dortigen Aufenthalts – waren der vielseitigsten geistigen Tätigkeit gewidmet. Denn wie ihm früher seine wissenschaftlichen Interessen mannigfach verkümmert waren, so suchte er jetzt eine jede freie Minute zur Gewinnung des Versäumten anzuwenden, indem er nicht wissen konnte, wie bald der Tag, der eine andere Wirksamkeit von ihm erforderte, die Ruhe von Rheinsberg beenden möchte. Dabei besaß Friedrich ein seltenes Talent, nicht blos durch das Studium der geschriebenen Wissenschaft seinen Geist zu bereichern, sondern auch einen jeden bedeutenderen Menschen, der ihm entgegentrat, nach dessen Eigentümlichkeit zu fassen und, teils brieflich, teils mündlich, die Kenntnisse und die Erfahrungen desselben für das eigene Wissen zu gewinnen. So diente vornehmlich ein Briefwechsel mit Grumbkow dazu, ihn in das Einzelne der politischen Verhältnisse seiner Zeit und der Verwaltungsangelegenheiten des preußischen Staates einzuführen; so ließ er sich von dem alten Fürsten Leopold von Anhalt-Dessau und von anderen Kriegsführern in den Grundsätzen der Kriegskunst unterrichten; so verkehrte er, zu ähnlichen Zwecken, mit Ärzten und Naturforschern, mit Theologen, Philosophen u. dergl. m. Seine Lektüre war mannigfacher Art; einen sehr wichtigen Teil derselben bildeten die Schriftsteller, besonders die Geschichtschreiber des klassischen Altertums, die Friedrich in französischen Übersetzungen las.
Mit dem größten Eifer jedoch und mit ausdauernder Beharrlichkeit war Friedrich während dieser ganzen Zeit denjenigen Forschungen, ergeben, welche die wichtigsten Interessen des Menschen umfassen: Das Verhältnis des Endlichen zum Unendlichen, des Vergänglichen zum Ewigen, des Menschen zu Gott strebte er mit allen Kräften, sich zur Anschauung zu bringen. Jene religiöse Zerknirschung, die ihn, den ganz Gebeugten, im Gefängnisse zu Küstrin niedergedrückt hatte, war freilich vorübergegangen, sobald er aufs Neue Kraft und Selbstbewusstsein gewonnen hatte; wohl aber war der Eindruck mächtig genug gewesen, um ihn fortan mit Ernst auf eine würdigere Lösung des großen Rähsels hinzuweisen. Die vorgeschriebenen Satzungen einer geheimnisvollen Glaubenslehre genügten ihm nicht; nicht für das Gefühl oder für das Gemüt, für seinen hellen, scharfen Verstand forderte er Überzeugung. So begann er mit der Lektüre der ausgezeichnetsten französischen Kirchenredner; so suchte er durch brieflichen und mündlichen Verkehr mit den vorzüglichsten französischen Predigern Berlins, denen er die bestimmtesten Fragen zur Beantwortung vorlegte, Aufschluss und Lösung seiner Zweifel zu erhalten.
Unter den eben erwähnten Predigern war es besonders der hochbetagte Beausobre, der ihn mächtig anzog.

Ludwig Beausobre – 1730 – 1783
Eine Predigt, die er von diesem im März 1736 hörte, riss ihn zu förmlicher Begeisterung hin, und er suchte seine persönliche Bekanntschaft. Beausobre war wohl geeignet, durch die edle Würde seines Äußeren und durch die Gewandtheit seines Benehmens Eindruck auf ihn zu machen. Nach der ersten Begrüßung, mit der ihn der Prinz empfangen, fragte dieser, der in seiner raschen Weise jede weitere Einleitung verschmähte, mit welcher Lektüre der Prediger gegenwärtig beschäftigt sei. „Ach, gnädiger Herr,“ erwiderte Beausobre mit dem würdevollen Tone, der ihm zur Natur geworden war, „ich las in diesem Augenblick ein bewunderungswürdiges, ein wahrhaft göttliches Stück, dessen Eindruck ich noch an dieser Stelle empfinde.“ – „Und das war?“ – „Der Anfang von dem Evangelium St. Johannis.“ – Die Antwort kam dem Kronprinzen unerwartet, und schon fürchtete er, dass der biblische Redner seine Bedürfnisse wenig verstehen werde. Aber Beausobre wusste im weiteren Verlaufe des Gespräches den Geist des Prinzen so lebendig zu fesseln, dass dieser mit größter Zufriedenheit den Besuch beendete und dem Prediger aus freier Anregung versprach, seinen ältesten Sohn an Kindes Statt anzunehmen. Leider starb der würdige Geistliche bald darauf, zu früh für den jungen Forscher. Friedrich hielt dankbar sein Versprechen.

Christian Wolff
Was ihm auf dem Felde der Theologie unklar blieb, suchte Friedrich durch ein umso gründlicheres Studium der Philosophie zu erwerben. Wolff, früher Professor zu Halle, von wo ihn aber Friedrich Wilhelm auf pietistischen Antrieb verbannt hatte, behauptete zu jener Zeit den ersten Platz in der philosophischen Wissenschaft. Seine Schriften wurden von den Gebildeten mit freudigem Danke aufgenommen. Auch Friedrich wurde durch seine Freunde an diese Quelle geführt. Er ließ sich Wolffs Logik, seine Moral, seine Metaphysik ins Französische übersetzen – denn schon hatte er sich gewöhnt, seine Gedanken nur in französischer Form zu bilden – und war rastlos bemüht, sich alle Ergebnisse seiner Forschung anzueignen, auch, wo er Mängel und Ungenügendes wahrzunehmen glaubte, mit eigener Kraft auf dem Wege der Forschung durchzudringen. So bildete sich ihm eine Weltanschauung aus, die fortan, wenn auch in manchen Einzelheiten verändert, die Grundrichtung seines Geistes bestimmte. Er kehrte zu jener Lehre der Vorherbestimmung zurück, die er schon früh auf eine schroffe Weise aufgefasst hatte; aber er suchte sie von jener trostlosen Härte zu entkleiden und mit der Freiheit und der Kraft des Menschen in Einklang zu bringen. Nur aus einer Überzeugung solcher Art konnte die todverachtende Zuversicht entspringen, mit welcher er nachmals die großen Taten seines Lebens ausgeführt hat.
Im Allgemeinen aber gelang es Friedrich nicht, auf dem Gebiete der höheren Philosophie heimisch zu werden, und so gab er auch später seine spekulativen Versuche wieder auf. Die Natur hatte ihn nicht zu beschaulicher Ruhe, sondern zur Tat, zur Gestaltung des Lebens berufen. So waren es auch nur diejenigen Elemente der Philosophie, die unmittelbar ins Leben eingriffen, vornehmlich das Bereich der Moral, was ihn mit dieser Wissenschaft in Verbindung erhielt. Auch sind alle seine Schriften, die sich nicht auf den Kreis historischer Gegenstände beziehen, vorzugsweise nur der Betrachtung und Erörterung moralischer Zustände gewidmet. In solcher Beziehung erscheint es fast als eine besondere Ironie des Zufalls, dass, als im Januar 1737 eben eine Reinschrift von der Übersetzung der Wolff'schen Metaphysik vollendet war und zum belehrenden Genuss einzuladen schien, der eine von den Affen, die Friedrich sich damals hielt, darüber kam und das schöne Manuskript ruhig in den brennenden Kamin steckte.
Das umfassendste, das durchgreifendste Interesse gewährte Friedrich der Mann, der sich damals an die Spitze der geistigen Bildung Frankreichs – somit der geistigen Bildung Europas – emporgeschwungen hatte: Voltaire. Freilich war es nicht eigentümliche Tiefe des Wissens, nicht innere Glut der Begeisterung, was Voltaire eine so glänzende Stellung verliehen: – Es war der unermüdliche Kampf, den er mit allen Waffen des Ernstes und des Spottes gegen die verjährten Vorrechte im Bereiche des Glaubens und Wissens führte; es war die helle Fackel des gefunden Menschenverstandes, mit der er in das Dunkel des Aberglaubens hineinleuchtete; es war die Behändigkeit eines Geistes, welcher fast in allen Gebieten des Wissens, in der Geschichte, der Naturkunde, der Philosophie usw., nicht minder in allen Gattungen poetischer Darstellungsweise die Lehren und die Forschungen der neuen Zeit zu verbreiten und sie der Fassungskraft der Menge anzubequemen wusste; es war endlich eine Kunst des Wortes, die durch die Reinheit der äußeren Form, durch ebenso geistreich witzigen wie zierlichen Vortrag, durch das verlockende Gewand einer üppig spielenden Phantasie das Interesse des Lesers gespannt hielt. Alles, was er schrieb, hatte einen vorzugsweise praktischen Gehalt.

Voltaire
Und eben aus diesem Grunde fand Friedrich in Voltaire den Mann, der das, was in der eigenen Brust ruhte, was ihn zu Taten treiben sollte, durch das Wort aussprach, der hiermit sein inneres Wesen vollendete und ausfüllte. Friedrich hatte sich seit früher Zeit an Volatiles Schriften auferbaut; im Jahre 1736 wandte er sich, der vierundzwanzigjährige Königssohn, an den zweiundvierzigjährigen Schriftsteller, ihm brieflich seine Verehrung zu bezeugen, seine Freundschaft anzutragen; und es entspann sich ein Briefwechsel, der, trotz mancher Störungen, bis an das Ende Volatiles, zweiundvierzig Jahre lang fortgesetzt wurde, indem beide Naturen fort und fort auf die gegenseitige Ergänzung hingewiesen blieben. Friedrich teilte dem Freunde seine philosophischen Studien und seine dichterischen Versuche mit, jene zur Erweiterung der eigenen Ansicht, diese, um sich auf ihre Fehler aufmerksam machen zu lassen. Er erwies ihm eine bis an Schwärmerei grenzende Verehrung; Volatiles Geisteswerke waren ihm der liebste Besitz; von dem Bilde des Freundes, welches den Schmuck seiner Bibliothek ausmachte und seinem Schreibtische gegenüber hing, sagte er, es sei wie das Memnonsbild, das in den Strahlen der Sonne erklinge und den Geist dessen, der es anschaue, lebendig mache. Volatiles Heldengedicht, die Henriade, beabsichtigte er in einer großen Prachtausgabe, mit Kupferstichen, zu denen Knobelsdorff die Zeichnungen machen sollte, der Welt zu übergeben (ein Unternehmen, das nicht zur Vollendung kam); ein einzelner Gedanke der Henriade, so behauptete er in seinem überschwänglichen Enthusiasmus, wiege Hommers ganze Iliade auf usw. Er sandte dem Freunde mancherlei sinnige Geschenke zu; ja er schickte, in der Person Kaiserlings, einen eigenen Gesandten an Voltaire, der diesem Friedrichs Portrait, von Knobelsdorff gemalt, überbringen musste und dafür die neuen Schriften Volatiles, namentlich diejenigen, die zur Zeit noch aus mancherlei Gründen das Licht zu scheuen hatten, heimbrachte. Diesen Erwerb, der mit äußerster Vorsicht bewahrt wurde, nannte Friedrich sein goldenes Vlies.
So war die Zeit, die Friedrich in Rheinsberg zubrachte, recht eigentlich die Zeit der Vorbereitung auf den hohen Beruf, der ihn erwartete. Aber auch unmittelbar schon riefen diese Jahre sehr bemerkenswerte Früchte hervor: verschiedene Schriften, in denen er seine Ansichten und Gesinnungen aussprach, sich selbst und andere klar zu machen. Von geringerer Bedeutung sind unter diesen zunächst seine Gedichte. In letzteren zeigt sich dieselbe Erscheinung, wie in Friedrichs philosophischen Studien; denn auch in ihnen tritt, wenigstens in der früheren Zeit, von welcher hier die Rede ist, zumeist nur eine praktische Bezugnahme auf das Leben, zumeist nur die Darstellung moralischer Zustände hervor. Ein wahrhaft ergreifendes Gefühl atmet vornehmlich erst in denjenigen seiner Dichtungen, welche der Zeit des siebenjährigen Krieges, als die schwere Hand des Schicksals auf ihm lag und alle geistige Spannkraft zum Widerstande hervorrief, angehören. Ungleich wichtiger und merkwürdiger als seine früheren Poesien sind zwei Abhandlungen, die er in dieser Zeit seines Aufenthaltes in Rheinsberg verfasst hat.
Die eine derselben, ist bereits im Jahre 1736 geschrieben und enthält „Betrachtungen über den gegenwärtigen Zustand des europäischen Staatensystemes.“ Friedrich fasst hier die kritische Lage Europas, nach jener Verbindung zwischen Frankreich und Österreich, mit einer Schärfe ins Auge, die bei einem vierundzwanzigjährigen Jünglinge das höchste Erstaunen hervorruft; er zieht dann die Folgerungen, die der alten Politik beider Mächte gemäß – der unaufhörlichen Vergrößerungssucht Frankreichs und dem Streben Österreichs nach absoluter Herrschaft über Deutschland – aus jener Verbindung zu erwarten seien, wenn sich in den anderen Mächten keine neue Kraft entwickele. Die Schrift ist in der Vorahnung der neuen Kraft, die zu entwickeln eben Friedrich selbst bestimmt war, geschrieben. Er schließt damit, den Fürsten auf eindringliche Weise ins Ohr zu rufen, dass all ihre Schwäche nur auf ihrem falschen Glauben von sich selbst beruhe, dass nicht die Völker für sie, sondern umgekehrt, sie für die Völker da seien. Das war die Lehre der neuen Zeit, die durch Friedrich in das Leben eingeführt werden sollte und der er bis an seinen Tod treu geblieben ist. Friedrich hatte übrigens die Absicht, diese Abhandlung in England drucken zu lassen; doch unterließ er es aus guten Gründen, und so ward sie erst in seinen hinterlassenen Werken bekannt.
Die zweite Abhandlung, eine Arbeit von größerem Umfange, schrieb Friedrich im Jahre 1739. Dies ist die, unter dem Namen des „Antimacchiavell“ bekannte, Widerlegung des Buches „der Fürst“, welches der berühmte florentinische Geschichtschreiber Nicolo Macchiavelli im Anfange des sechszehnten Jahrhunderts verfasst hatte. Das Buch vom Fürsten, ein Meisterwerk, wenn man die Verhältnisse, für die es ausschließlich bestimmt war und in die es wirksam eingreifen sollte, ins Auge fasst, enthält die Anweisungen, wie eine Alleinherrschaft im Staate – im florentinischen Staate jener Zeit – zu erreichen und zu behaupten sei. Friedrich fasste dasselbe allgemein, als eine Lehre des Despotismus auf; er betrachtete Macchiavelli, der den Fürsten eine solche Lehre hinstellte, geradezu als ihren frevelhaftesten Ratgeber, ja als einen Verleumder ihrer erhabenen Pflicht. Mit begeistertem Unwillen wies er es nach, indem er den Bemerkungen des Florentiners Schritt für Schritt folgte, wie nicht despotische und verbrecherische Handlungen, sondern nur Tugend, nur Gerechtigkeit und Güte die Richtschnur der Fürsten sein dürfe, wie nur sie ihnen ein dauerndes Glück auf dem Throne versprechen könne. Seine ganze Darstellung knüpft sich an denselben Grundsatz, mit welchem er die vorerwähnte Abhandlung geschlossen hatte, dass der Fürst nicht als der uneingeschränkte Herr der Völker, die er beherrsche, dass er vielmehr nur als ihr erster Diener zu betrachten sei. Eine unbefangene, historisch wissenschaftliche Würdigung des Werkes, welches er bekämpfte, tritt also dem Leser nicht entgegen, im Einzelnen so wenig, als im Ganzen; aber als das ausführliche Glaubensbekenntnis, welches der Erbe einer mächtigen Krone ablegte, und zwar zu einer Zeit, in welcher die Übernahme seines Erbes nach menschlicher Berechnung schon nahe bevorstand, ist es ein höchst denkwürdiges Buch. Auch erweckte es ein allseitiges Interesse, als es, zwar ohne Friedrichs Namen, in Holland öffentlich erschien, wo Friedrich dasselbe unter Volatiles Augen hatte drucken lassen. Der Verfasser wurde bald genug bekannt, und alle Welt war begierig sich zu überzeugen, inwiefern seine Tat mit seinem Worte, übereinstimmen werde. Denn schon trug er die Krone.
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Zwölftes Kapitel – Der Tod des Vaters
Zwölftes Kapitel – Der Tod des Vaters

Friedrich Wilhelm II.
Die schönen Tage in Rheinsberg waren indes keineswegs ohne mancherlei Störung hingeflossen. Die Dienstgeschäfte in Ruppin, Besuche am Hofe des Vaters in Berlin, Reisen in entlegenere Provinzen des Reiches führten Friedrich nur zu häufig auf längere oder kürzere Zeit fort; aber alle diese Unterbrechungen dienten nur dazu, den Genuss, welchen Geselligkeit, Wissenschaft und Künste darboten, um so lebhafter und inniger empfinden zu lassen.
Vor allem war Friedrich bemüht, durch genaueste Erfüllung seiner militärischen und anderweitigen Obliegenheiten die Gunst des Königs rege zu erhalten. Er sorgte dafür, dass sein Regiment bei den jährlichen Heerschauen und Musterungen sich stets als eines der schönsten und geübtesten auszeichnete; und er hatte die Genugtuung, dass der König ihm vor der versammelten Generalität seine Zufriedenheit bezeugte. Auch war ein solcher militärischer Eifer das beste Mittel, um diese und jene Äußerung des Missvergnügens, das dem Könige noch immer von Zeit zu Zeit gegen Friedrichs geselliges und wissenschaftliches Treiben auftauchte, unwirksam zu machen. Ebenso wandte Friedrich alle Mittel an, um Rekruten von ausgezeichneter Größe und Schönheit an allen Enden der Welt für das Regiment, welches der König selbst führte, anwerben zu lassen. Auch suchte er durch allerlei kleine Geschenke, welche der Garten und die Ställe von Rheinsberg in die Küche des Königs lieferten, Zeugnisse seiner Aufmerksamkeit zu geben. Alles das war ihm durch die Regeln der Klugheit geboten; zugleich aber war es viel mehr; denn sein Gefühl gegen den Vater hatte sich durch die Anerkennung seiner unleugbaren Verdienste um das Land schon lange zu einer innigen Hochachtung gesteigert.
Auch ging in dem Charakter Friedrich Wilhelms selbst in den letzten Jahren seines Lebens eine merkliche Veränderung vor. So berichtete Friedrich u. a. selbst, im Dezember 1738, an einen Freund, der König habe von den Wissenschaften als etwas Löblichem gesprochen.
„Ich bin entzückt“, so fährt er fort, „und außer mir vor Freude gewesen über das, was ich gesehen und gehört habe. Alles Löbliche, was ich sehe, gibt mir eine innere Freude, die ich kaum verbergen kann. Ich fühle die Gesinnungen der kindlichen Liebe in mir sich verdoppeln, wenn ich so vernünftige, so wahre Ansichten in dem Urheber meiner Tage bemerke.“ – Ein Jahr später konnte er einem anderen Freunde von einer noch ungleich bedeutenderen Umwandlung im Charakter des Vaters, auf die gewiss die überlegene Geisteskraft des Sohnes nicht ohne Einfluss gewesen war, Nachricht geben. „Die Neuigkeiten des Tages“, so schreibt er, „sind, dass der König drei Stunden lang täglich Wolffs Philosophie liest, worüber Gott gelobt sei! So sind wir endlich zum Triumphe der Vernunft gelangt.“ Es war Wolffs Werk von der natürlichen Theologie, welches der König damals in einem Auszuge las. Auch war Friedrich Wilhelm in dieser letzten Zeit seines Lebens eifrig bemüht, seinen früheren Fehler wieder gut zu machen und den verbannten Philosophen wieder für sein Reich zurückzugewinnen. Dies gelang aber erst seinem Nachfolger.
Im höchsten Ehrfurcht gegen die landesväterlichen Tugenden seines Vaters aber wurde Friedrich hingerissen, als er diesen im Sommer 1739 auf einer Reise nach Preußen begleitete und hier den Segen wahrnahm, den der König über eine gänzlich verödete Provinz, dieselbe, in die er jene vertriebenen Salzburger aufgenommen, verbreitet hatte. Seine Gefühle werden auch hier aufs Schönste durch seine eigenen Worte bezeugt. „Hier sind wir“, so schreibt er aus Litauen an Voltaire, „in dem Lande angekommen, das ich als das Non plus ultra der zivilisierten Welt ansehe. Es ist eine nur wenig gekannte Provinz von Europa, die als eine neue Schöpfung des Königs, meines Vaters, angesehen werden kann. Litauen war durch die Pest verheert, zwölf bis fünfzehn bevölkerte Städte und vier- bis fünfhundert unbewohnte Dörfer waren das traurige Schauspiel, das sich hier darbot. Der König hat keine Kosten gespart, um seine heilsamen Absichten auszuführen. Er baute auf, traf treffliche Einrichtungen, ließ einige tausend Familien von allen Seiten Europas kommen. Die Äcker wurden urbar gemacht, das Land bevölkert, der Handel blühend, und jetzt herrscht mehr als je Überfluss in einer Provinz, die eine der fruchtbarsten in Deutschland ist. Und alles, was ich Ihnen sage, ist allein das Werk des Königs, der es nicht blos anordnete, sondern selbst die Hauptperson bei der Ausführung war, der die Pläne entwarf und sie selbst vollzog, der weder Mühe und Sorge, noch ungeheure Schätze, nicht Versprechungen und Belohnungen sparte, um einer halben Million denkender Wesen Glück und Leben zuzusichern, die ihr Wohl und ihre gute Verfassung ihm allein verdanken. Ich finde in dieser großmütigen Arbeit, durch welche der König eine Wüste bewohnt, fruchtbar und glücklich gemacht hat, ich weiß selbst nicht, etwas Heroisches, und ich ahne, dass Sie meine Gesinnung darüber teilen werden.“
Noch ein besonderes und ganz überraschendes Zeichen der väterlichen Gnade brachte dem Kronprinzen diese preußische Reise, als ihm der König seine reichen preußischen Stutereien, die ein jährliches Einkommen von zehn- bis zwölftausend Talern brachten, schenkte. Der Kronprinz hatte hiervon umso weniger eine Ahnung gehabt, als der König einige Zeit zuvor aufs Neue gegen ihn eingenommen gewesen war und seine Gesinnung mehrfach nicht ganz glimpflich ausgedrückt hatte; nun ward er von diesem Beweise der unerwartet zurückgekehrten und vergrößerten Zärtlichkeit so gerührt, dass er in der ersten Überraschung vergeblich nach dem Worte des Dankes suchte. Zugleich aber war dies Geschenk für seine ökonomischen Umstände von großer Wichtigkeit, denn immer noch reichte sein gewöhnliches Einkommen für seine Bedürfnisse bei weitem nicht aus, und er sah sich fort und fort genötigt, bedeutende Summen im Auslande aufzunehmen. Auch diesem Übelstande war also für eine längere Lebensdauer des Königs abgeholfen.
Doch stand das Ende des Königs schon nahe bevor; aber aller ernstliche Zwiespalt zwischen Vater und Sohn war nun ausgeglichen und eine immer mehr erhöhte gegenseitige Anerkennung an dessen Stelle getreten. Friedrich Wilhelm konnte das Schicksal seiner Untertanen vertrauensvoll in die Hände seines Sohnes übergeben. In Preußen war sein altes Übel mit erneuter Kraft ausgebrochen, und eine gefahrvolle Wassersucht mit ihren schlimmsten Symptomen hatte sich ausgebildet. Den ganzen Winter über ward er von der schweren Krankheit gepeinigt; Friedrich brachte den größten Teil des Winters in seiner Nähe zu. Von der zärtlichen Teilnahme, die der Sohn dem Vater widmete, geben die Briefe des Ersteren aus dieser Zeit Kunde.
Gegen das Frühjahr, als der Zustand des Königs einige Linderung zu verheißen schien, hatte sich Friedrich nach Rheinsberg begeben. Da berief ihn eine Stafette, welche die Nachricht von der nahe bevorstehenden Auflösung des Vaters brachte, zurück. Friedrich eilte nach Potsdam, wo der König die größere Zeit der Krankheit zugebracht hatte. Doch war die Lebenskraft des Vaters noch einmal aufgeflackert. Friedrich fand ihn auf öffentlichem Platze neben dem Schlosse auf seinem Rollstuhle sitzend, dessen er sich bediente, da ihm die Füße schon geraume Zeit den Dienst versagten. Er sah der Grundsteinlegung eines benachbarten Hauses zu. Sobald er den Sohn von weitem erblickte, streckte er die Arme nach ihm aus, in die der Prinz sich weinend stürzte. In dieser Stellung verharrten sie geraume Zeit, ohne zu sprechen. Der König unterbrach endlich das Schweigen. Er sei zwar immer, so sagte er zu dem Sohne, streng gegen ihn gewesen, gleichwohl habe er ihn stets mit väterlicher Zärtlichkeit geliebt; es sei für ihn ein großer Trost, dass er ihn noch einmal wiedersehe. Friedrich erwiderte mit Worten, die den erregten Gefühlen seines Inneren angemessen waren. Der König ließ sich hierauf in sein Zimmer bringen und unterhielt sich über eine starke Stunde lang insgeheim mit seinem Sohne, indem er ihm mit seltener Stärke über alle inneren und äußeren Angelegenheiten des Reiches Rechenschaft gab. An den noch übrigen Tagen setzte er diese Unterredungen fort. Als am zweiten Tage der Kronprinz und mehrere höhere Beamte um den König waren, wandte sich dieser zu jenen und sagte zu ihnen: „Aber tut mir Gott nicht viele Gnade, dass er mir einen so braven und würdigen Sohn gegeben hat?“ Friedrich erhob sich bei diesen Worten und küsste gerührt die Hand des Vaters; dieser aber zog ihn an sich, hielt ihn lange fest umschlossen und rief aus: „Mein Gott, ich sterbe zufrieden, da ich einen so würdigen Sohn und Nachfolger habe.“
Wenige Tage darauf ließ der König des Morgens früh sein ganzes Gefolge, die Minister, sowie die höheren Offiziere seines Regiments zu sich in das Vorzimmer bescheiden. Hier erschien er auf seinem Rollstuhle, mit dem Mantel bedeckt, schon äußerst matt, so dass er nicht mehr laut sprechen konnte. Feierlich übergab er, indem einer der anwesenden Offiziere seinen Willen öffentlich und laut bekannt machte, sein Reich und Regiment in die Hände des Kronprinzen und ermahnte seine Untertanen, diesem fortan ebenso treu zu sein, wie sie ihm gewesen wären. Die Handlung hatte ihn jedoch so angegriffen, dass er sich in sein Zimmer und in das Bett zurückbringen ließ. Der Kronprinz und die Königin waren ihm gefolgt. Kaltblütig ertrug er die letzten Schmerzen, die sich alsbald einstellten; unter frommem Gebete gab er seinen Geist auf. Es war der 31. Mai 1740.
Der König hatte in seinem letzten Willen eine sehr einfache Bestattung angeordnet. Friedrich befolgte diese Anordnung im Allgemeinen. Doch ließ er einige Zeit darauf ein besonderes feierliches Leichenbegängnis halten; denn er fürchtete, das Publikum, das von jenem letzten Willen des Verstorbenen keine Kunde gehabt, möchte ihn ohne eine solche Feier der Missachtung zeihen und den Grund für letztere in seinen früheren Misshelligkeiten mit dem Vater suchen. Friedrich selbst hat sich über diese Misshelligkeiten nachmals, als er das Leben seines Vaters schrieb, mit der edelsten kindlichen Pietät ausgesprochen, indem er dieselben nur mit den frommen Worten berührt: „Die häuslichen Verdrießlichkeiten dieses großen Fürsten haben wir mit Stillschweigen übergangen. Man muss gegen die Fehler der Kinder in Betracht der Tugenden ihres Vaters einige Nachsicht üben.“
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