Kitabı oku: «Zivilisation in der Sackgasse»

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Franz M. Wuketits

Zivilisation in der Sackgasse

Plädoyer für eine artgerechte Menschenhaltung

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Franz M. Wuketits

Zivlisation in der Sackgasse

Plädoyer für eine artgerechte Menschenhaltung

E-Book (epub): ISBN 978-3-86374-071-9

(Druckausgabe: ISBN 978-3-86374-054-2, 1. Auflage 2012)

Mankau Verlag GmbH

Postfach 13 22, D-82413 Murnau a. Staffelsee

Im Netz: www.mankau-verlag.de

Internetforum: www.mankau-verlag.de/forum

Lektorat: Friederike Lutz, München

Endkorrektorat: Dr. Thomas Wolf, MetaLexis

Gestaltung Umschlag: Kathrin Steigerwald, Hamburg

Gestaltung Innenteil: Sebastian Herzig, Mankau Verlag GmbH

eBook-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

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Was man haßt, ist die Gewalt in der vierten oder fünften Hand. Es ist das Vorzimmer einer Behörde, das schlechte Stimmung erzeugt.

Voltaire

Das ist der Weisheit letzter Schluß: Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muß.

Johann Wolfgang von Goethe

Das auffälligste Kennzeichen für das Pathologische unserer Spezies ist der Gegensatz zwischen ihren einzigartigen technologischen Leistungen und ihrer ebenso einzigartigen Unfähigkeit, ihre sozialen Probleme zu meistern.

Arthur Koestler

INHALT

Vorwort

Einleitung: Wozu dieses Buch?

1. DER GEBORENE NOMADE

Unsere „äffische“ Abkunft

Jäger und Sammler

Afrika und die Besiedlung der Erde

Vorteile der Sesshaftigkeit

2. DAS GEBORENE KLEINGRUPPENWESEN

Wie viele Menschen verträgt ein Mensch?

Ich und der Rest der Welt

Wir und der Rest der Welt

Das kleine vertraute Band

3. DIE ZIVILISATION – EIN IRRTUM DER EVOLUTION?

Vom Nutzen und Nachteil zivilisierten Lebens

Die Kosten der Zivilisation oder die „Verhausschweinung“ des Menschen

Unsere Natur ist nicht zu beschwindeln

Die Zivilisation ist uns einfach passiert

4. DIE VERMASSUNG DES INDIVIDUUMS

Der Massenmensch – Fiktion und Wirklichkeit

Masse und Einsamkeit

Utopien der Menschenzüchtung

Das Elend des Individuums in der verwalteten Welt

5. EINE FATALE BESCHLEUNIGUNG

Ein Jahrhundert verändert die Welt

Das Ende der Langsamkeit

Der Beginn des Geschwindigkeitswahns

Die Stunde der Planer und Macher

6. EINE BESINNUNG AUF DAS „MENSCH-SEIN“

Was will ein Mensch?

Strategien der Entmündigung – gestern und heute

Mythos Globalisierung

Gegenstrategien

7. ARTGERECHTE MENSCHENHALTUNG

Was anderen Tieren zusteht, steht auch Menschen zu

Eine Rebellion ist überfällig

… wobei jede kleine, stille Revolte helfen kann

Habe Mut, dich deiner Gefühle zu bedienen!

Glossar

Literaturverzeichnis

Personen- und Sachregister

VORWORT

In den zivilisierten Ländern westlicher Prägung sind, verschiedenen Quellen zufolge, bis zu fünfundzwanzig Prozent der Menschen psychisch krank. Auch wenn sich eine „psychische Erkrankung“ oft nicht sehr präzise bestimmen lässt – durch Stress bedingte Krankheiten, Depressionen und das Burnout-Syndrom sind deutlich auf dem Vormarsch. Viele Menschen sind in der heutigen maßgeblich vom ökonomischen Imperativ bestimmten Lebenswelt überfordert. Berufs- und Alltagsleben verlangen vom Einzelnen oft ein Tempo und eine Flexibilität, die dem Menschen als Gattung nicht entsprechen. Die neuerdings viel gebrauchte Metapher vom globalen Dorf verwischt die Tatsache, dass der individuelle Mensch als reales Subjekt nicht global, sondern nur in seinem eigenen kleinen Mikrokosmos zu existieren vermag.

Die Evolutionsgeschichte des Menschen umfasst einen Zeitraum von rund fünf Jahrmillionen, für die Entwicklung der technischen Zivilisation im heutigen Sinn reichte praktisch ein Jahrhundert. Zweifelsohne ist der Mensch ein sehr anpassungsfähiges Lebewesen, diesem Umstand verdankt er seinen bisherigen Evolutionserfolg. Aber auch seiner Anpassungsfähigkeit sind Grenzen gesetzt. Die längsten Etappen seiner Evolution verbrachte der Mensch als Jäger und Sammler in kleinen Gruppen, heute leben die meisten Menschen in anonymen Massengesellschaften. Sie flüchten in Millionenstädte, die längst aus allen Fugen zu geraten drohen, arbeiten in Großkonzernen, ohne den „Sinn“ ihrer (obendrein häufig unzulänglich bezahlten) Leistung noch zu erkennen, gehen familiärer Bindungen verlustig und fühlen sich nutzlos und ausgebeutet zugleich. Politik und Wirtschaft nehmen auf das Individuum und seine Bedürfnisse anscheinend überhaupt keine Rücksicht mehr. Das Ergebnis sind „entwurzelte Seelen“. (Wer will, kann hier auch das häufig strapazierte Wort „Identitätsverlust“ verwenden.)

Diese Tendenzen wurden inzwischen natürlich vielerorts erkannt. Das vorliegende Buch soll daher keine Zivilisationskritik im herkömmlichen Sinne sein. Es weist vielmehr den fundamentalen Widerspruch zwischen dem auf, was der Mensch seiner eigenen Natur zufolge ist und was die heutige Zivilisation von ihm verlangt. Vor allem aber zeigt es Wege aus dem Dilemma auf, in welches sich der Mensch in den letzten Jahrzehnten hineinmanövriert hat. Nicht zuletzt soll es die wahre Bedeutung des Individuums und der Individualität hervorkehren. Allerorten sind heute Organisations- und Kontrollmenschen am Werk, an Profit und Kapital orientierte Planer und Macher, die nichts anderes im Sinn haben, als den Einzelnen zu entmündigen und der Möglichkeiten seines Wohlbefindens zu berauben. Ihnen gilt es die Stirn zu bieten – und zwar gerade im Interesse des individuellen Wohlergehens. Schließlich kann es auch einer Gesellschaft nur dann gut gehen, wenn es ihren Individuen gut geht.

Diejenigen von uns, die Sympathien zu Tieren hegen, machen sich längst Gedanken über deren Wohlbefinden und Wohlergehen. Sie plädieren für eine „artgerechte“ Haltung insbesondere unserer Heim- und Nutztiere. Ich plädiere analog dazu für eine „artgerechte Menschenhaltung“. Das bedeutet zuallererst, dass wir die – teils bahnbrechenden – Erkenntnisse über den Menschen ernst nehmen müssen, Erkenntnisse, die in den vergangenen Jahrzehnten in Disziplinen wie Evolutionsbiologie, Verhaltensforschung, Soziobiologie oder Anthropologie über unsere Art zusammengetragen wurden. Solang gesellschaftliche, politische und ökonomische Strukturen an diesen Erkenntnissen vorbeigehen, ist ein weiterer Verlust von „Menschlichkeit“ (im doppelten Sinn des Wortes) vorprogrammiert – mit unabsehbaren Folgen für den Einzelnen wie für die Kollektive. Wir können natürlich nicht in die Steinzeit zurückkehren. Zu überlegen ist aber, wie wir die heutige Lebenswelt gestalten wollen, um dem „Steinzeitmenschen in uns“ gerecht zu werden. Dazu soll dieses Buch einige Impulse liefern.

Es ist ein Sachbuch, gedacht für einen breiten Kreis kritischer Leser, die ihr eigenes Unbehagen darin formuliert finden und dazu ermuntert werden sollen, neue Wege in der Entwicklung unserer Zivilisation zu erkennen. Ich werde sowohl meine Analyse und Kritik als auch meine „Verbesserungsvorschläge“ anhand konkreter Beispiele vortragen, die gut nachvollziehbar sind. Letztlich soll jedem Einzelnen klar werden, dass die Strukturen, die es „aufzubrechen“ gilt, auch seiner eigenen Einsicht und Initiative bedürfen. Man kann dieses Buch auch als einen längeren Essay lesen. Es bietet keine „letzten Wahrheiten“ an, sondern greift Probleme auf, die vielen von uns gleichsam unter den Nägeln brennen, aber nicht „mit einem Schlag“ gelöst werden können. Doch bekanntlich beginnt auch eine Reise von tausend Meilen mit einem ersten Schritt.

Auf den akademischen Fachjargon werde ich daher weitgehend verzichten; wo die Einführung von Fachbegriffen vonnöten ist, sind diese im Text und später im Glossar in aller gebotenen Kürze und Präzision erklärt. Das Glossar verfolgt obendrein den Zweck, dem Leser anhand bestimmter Begriffe weiterführende Informationen zu liefern und einige Begriffe in dem hier speziell verwendeten Sinn zu erklären. Längst unüberschaubar geworden ist die Literatur zu den in diesem Buch angesprochenen Wissensdisziplinen. Das Literaturverzeichnis, nach einzelnen Kapiteln des Buches gegliedert, enthält daher nur diejenigen Arbeiten, auf die ich im Text direkt Bezug genommen oder die ich als Hintergrundinformation benutzt habe. Interessierten Lesern können sie als weiterführende Lektüre dienen.

Noch ein paar Worte zur Gliederung des Buches. Die beiden ersten Kapitel geben einen knappen Abriss unserer Naturgeschichte und der Grundprinzipien, die unsere gesellschaftliche Entwicklung bestimmt haben und nach wie vor unsere sozialen Beziehungen maßgeblich beeinflussen. Das dritte Kapitel befasst sich kritisch mit unserer Zivilisation und zeigt, wie ihre Erfordernisse mit unserer Natur zusammenprallen. Im vierten Kapitel widme ich mich dem geplagten Individuum in unseren Massengesellschaften und einer zunehmend verwalteten und überregulierten Welt. Von der fatalen Beschleunigung, die unsere Zeit kennzeichnet und den Einzelnen überfordert, handelt das fünfte Kapitel, während das sechste Kapitel zur Besinnung auf das „Mensch-Sein“ einlädt (auf melodramatische Effekte werde ich dabei allerdings weitgehend verzichten). Schließlich gebe ich im siebenten Kapitel dem Impuls, der mich dieses Buch zu schreiben veranlasst hat, besonderen Ausdruck und plädiere für eine artgerechte Menschenhaltung.

Ich darf dieses Vorwort mit einer kleinen Episode schließen. Vor ein paar Monaten war ich zu einem Vortrag an der Universität Klagenfurt eingeladen. Auf dem Weg vom Bahnhof zu meinem Hotel und dann zur Universität plauderte ich locker mit meiner Gastgeberin, einer jungen Biologin. Beiläufig bemerkte sie, ihr Vater – Dr. Martin Bertha, ein Arzt – habe gelegentlich gesagt, dass man für eine artgerechte Menschenhaltung plädieren müsse. Unmöglich konnte der gute Mann vom vorliegenden Buch etwas geahnt, geschweige denn gewusst haben. Im Übrigen hatte Frau Aenne Glienke von der Agentur für Autoren und Verlage schon im Vorfeld meiner Überlegungen zu diesem Buch die artgerechte Menschenhaltung ins Spiel gebracht. Das Thema also liegt anscheinend in der Luft. Manchen Lesern werde ich wohl aus der Seele sprechen. Es mag ihnen helfen, ihre eigenen Gedanken zu ordnen, manches in unserer heutigen Lebenswelt aus einer in gewisser Hinsicht vielleicht ungewohnten, aber erhellenden Perspektive zu betrachten und ihr Kritikvermögen zu stärken. Sollte das gelingen, dann ist der Zweck dieses Buches erreicht.

Franz M. Wuketits

Wien, im November 2012

EINLEITUNG: WOZU DIESES BUCH?

Der Mensch ist aus seiner gewohnten Welt hinausgeworfen in eine fremdartige Umgebung.

Das selbstverständliche Vertrautheitsgefühl mit den umgebenden Menschen und Dingen ist verloren gegangen.

Otto Friedrich Bollnow

Es steht wohl außer Frage, dass Menschen so gut wie in jeder Epoche der Geschichte an ihrer Zeit etwas auszusetzen hatten, mit ihren Lebensumständen unzufrieden waren und sich eine „bessere Welt“ wünschten. Jedes Zeitalter hat seine Mahner und Warner, seine Kritiker und Spötter.

In seinen Unzeitgemäßen Betrachtungen, entstanden in den Jahren zwischen 1873 und 1876, schrieb Friedrich Nietzsche (1844 bis 1900) Folgendes:

Und nun schnell ein Blick auf unsere Zeit! Wir erschrecken, wir fliehen zurück: wohin ist alle Klarheit, alle Natürlichkeit und Reinheit jener Beziehung von Leben und Historie, wie verwirrt, wie übertrieben, wie unruhig flutet jetzt dies Problem vor unsern Augen! Liegt die Schuld an uns, den Betrachtenden? Oder hat sich wirklich die Konstellation von Leben und Historie verändert, dadurch, dass ein mächtig feindseliges Gestirn zwischen sie getreten ist?

(Nietzsche 1983, S. 43)

Was die heutige Zeit betrifft, würde wohl mancher diese Zeilen nahezu unverändert übernehmen. Allerdings glaubt vermutlich kaum jemand, dass ein „feindseliges Gestirn“ zwischen unsere Gegenwart und Vergangenheit getreten sei. (Freilich gebrauchte auch Nietzsche dabei bloß eine Metapher.)

In der heutigen Zeit – ich meine damit die letzten paar Jahrzehnte – können wir allerdings Phänomene beobachten, für die es in der ganzen Menschheitsgeschichte keine Präzedenzfälle gibt. Der Verlust der historischen Kontinuität ist eines dieser Phänomene. In keiner Epoche war man auf Reformen und Innovationen so versessen wie jetzt. Alles muss verändert, umgebaut, modernisiert, erneuert werden. Ob es sich dabei um das Bildungssystem oder das Postwesen handelt, um Bahnhöfe oder Flughäfen, um Einkaufszentren oder Freizeitanlagen, um Dörfer und Städte – im Abstrakten wie im Konkreten soll möglichst kein Stein auf dem anderen bleiben. Wie Thomas Bernhard (1931 bis 1989) in seinem Stück Heldenplatz den Professor Schuster sagen lässt:

… überall wird alles vernichtet überall wird die Natur vernichtet die Natur und die Architektur alles Bald wird alles vernichtet sein die ganze Welt wird bald nicht mehr wiederzuerkennen sein

(Bernhard 1988, S. 85)

Ja, alles soll in neue Formen gegossen und, wie es so schön heißt, den heutigen Bedürfnissen angepasst werden.

Die „heutigen Bedürfnisse“ sind eine bloße Konstruktion, erfunden von unseren Planern und Machern, die damit ihren eigenen Innovationswahnsinn legitimieren wollen. Das gelingt ganz gut, weil die meisten Menschen diesen Wahnsinn mitmachen und – betäubt von einer dubiosen Fortschrittsideologie – gar nicht wahrnehmen (und nicht wahrnehmen sollen!), dass jene Bedürfnisse nicht ihre eigenen sind.

Das zweite Phänomen ist ein nie dagewesener Größenwahn: Eisenbahnzüge sollen immer schneller, Flugzeuge immer größer, Straßen immer breiter und Bauwerke immer höher werden. Niemand will an Grenzen, die Begrenztheit des Menschenmöglichen denken, alles scheint machbar. Wem aber die Superlative letztlich nutzen sollen, weiß keiner so recht. Auch lässt sich nicht schlüssig begründen, warum alles mit stets höherer Geschwindigkeit erledigt werden und alles kürzer dauern soll.

Damit sind wir beim dritten Phänomen: der Beschleunigung. Der Ausspruch „Alles zu seiner Zeit“ hat heute keine Gültigkeit mehr, weil sich niemand Zeit lassen, Zeit nehmen darf. Der Münchener Philosoph und Pädagoge Karlheinz Geißler, der viel Zeit in dieses Problem investiert hat, spricht treffend von einem „Tempodrom“. Er schreibt Folgendes:

Ungeduld, Unruhe, nervöse Erregung und Gereiztheit wachsen überall dort, wo nicht schnell genug informiert, wo zu langsam gegessen und zu zögerlich verstanden und reagiert wird. Redet ein Gesprächspartner zu langsam, setzt man ihn unter Zeitdruck und vervollständigt die von ihm begonnenen Sätze gleich selbst. Langsamesser, Genießer müssen mit vorwurfsvollen Blicken rechnen und es über sich ergehen lassen, in immer kürzer werdenden Abständen von der Bedienung mit forderndem Unterton gefragt zu werden, ob es ihnen denn wirklich auch schmeckt. Eltern beschimpfen ihre Kinder, die das Lernpensum nicht schnell genug absolvieren, und ermahnen sie, doch nicht ständig so „rumzutrödeln“.

(Geißler 2012, S. 8)

In diesem Tempodrom finden Ruhe und Wohlbefinden keinen Platz. Aber man spricht ja heutzutage auch weniger von Wohlbefinden als von Wellness, das – in Verbindung mit Fitness – schon auf der sprachlichen Ebene jenen Ungeist charakterisiert, dem wir überall begegnen und der uns auf Schritt und Tritt gefährlich überwölbt. Ein kleines Beispiel. Das Kaffeehaus (als Österreicher weiß ich, wovon ich rede) ist ein Ort, der zum Verweilen, zum Lesen, zum Austausch mit Gleichgesinnten und Andersdenkenden einlädt. Jene Lokale aber, die sich Coffee to go nennen (und in unseren Städten neuerdings wie Pilze aus dem Boden sprießen und das gute alte Kaffeehaus mancherorts schon verdrängen), sind das genaue Gegenteil, Symptom eines Zeitalters, das niemandem mehr Muße gönnt. Coffee to go bedeutet ja letztlich doch nichts anderes als „Nimm den Kaffee und verschwinde (nachdem du ihn bezahlt hast)!“

Und noch ein viertes Phänomen ist hier zu nennen: die Regulierungswut. Wo man auch hinschaut, erblickt man heute Verbotsschilder und Warnhinweise, Aufforderungen zum Gehen und Stehen, zum Anstellen und Vortreten … Jedes kleinste Detail unseres Alltagslebens muss in den Augen des Gesetzgebers geregelt werden, vermeintlich im Interesse unserer eigenen Sicherheit und Gesundheit. In Wahrheit geht es freilich um nichts anderes als die Entmündigung des Individuums. Dieses Bestreben ist nicht neu, nimmt aber heute bizarre Dimensionen an, weil die entsprechende Technologie (beispielsweise in Form von Überwachungskameras) verfügbar ist und ständig verbessert beziehungsweise ausgeweitet wird.

Nimmt man diese vier Phänomene zusammen – und wir werden in diesem Buch noch auf weitere eingehen –, erhält man das Spiegelbild einer Zivilisation, die sich auf Kosten des Einzelnen entfaltet, und das mit Riesenschritten. Es ist eine Zivilisation, die den Bedürfnissen des Individuums nicht mehr gerecht wird. Selbstverständlich wurde das Individuum zu allen Zeiten von den jeweils Herrschenden unterdrückt. Aber man sollte meinen, dass zweihundert Jahre nach der Aufklärung und über sechzig Jahre nach der Erklärung der Menschenrechte der einzelne Mensch tatsächlich mehr zählt als etwa im Mittelalter. Das aber ist mitnichten der Fall. Bloß die „Vorzeichen“ haben sich geändert. An die Stelle der einst allein selig machenden Kirche mit ihrem Totalitätsanspruch in allen Belangen des Lebens sind inzwischen Ökonomen getreten, die mit Politikern eine unheilige Allianz bilden und den Einzelnen nicht mehr sein lassen, was er sein will.

Unsere Natur ist freilich nicht zu beschwindeln. Längst regt sich in vielen von uns das Gefühl, um etwas betrogen zu werden, worauf wir ein Anrecht haben: ein selbstbestimmtes, einigermaßen gutes Leben und ansonsten unsere Ruhe. Natürlich kann ein „gutes Leben“ in der Regel nur mit Arbeit, für die man bezahlt wird, erreicht werden. Doch zielt die heutige Arbeitswelt zunehmend darauf ab, den Einzelnen auszubeuten. Gewiss, in manchen Epochen unserer Geschichte war das nicht anders – wenn man an die Sklaverei denkt, muss man sagen, es war weitaus schlimmer –, aber im 20. Jahrhundert machte sich, einmal abgesehen von den beiden Weltkriegen, doch eine Tendenz zur Verbesserung unserer Lebens- und Arbeitsbedingungen bemerkbar. Davon ist im Allgemeinen nichts mehr zu spüren. Zwar hat sich der Umgangston geändert (politisch korrekte Sprache!), was aber doch nur jene Brutalität gleichsam abfedern soll, die dem Einzelnen heute allerorten ins Gesicht schlägt. In den Tiefen unserer Seele bleiben die Reaktionen darauf nicht aus. In den Industrieländern westlicher Prägung nehmen psychische Erkrankungen stark zu. Der Erwartungsdruck, dem der Mensch in seinem beruflichen, aber auch privaten Umfeld, ja selbst in seiner Freizeit ausgesetzt ist, drückt manchem schwer auf sein Gemüt. Die moderne Leistungsgesellschaft, die sich auch durch Beziehungsarmut und Einbußen des Kommunikationsvermögens kennzeichnet, fordert ihren Tribut.

Mit anderen Worten, unsere Zivilisation macht uns allmählich krank. Psychologen und Psychotherapeuten haben Konjunktur. Aber niemand, der sich „ausgebrannt“ fühlt, sollte das seine (berufliche) Umgebung wissen lassen. Sonst gilt er schnell als nicht mehr „voll einsatzfähig“, wird als „Versager“ abgestempelt und läuft Gefahr, seinen Arbeitsplatz zu verlieren und nicht mehr in die „Arbeitswelt“ zurückkehren zu können. Ein wahrer Teufelskreis, in den wir uns da mit unserer Zivilisation neuerdings hineinmanövriert haben! Herkömmliche psychologische Erklärungen und darauf gegründete Therapien, die dem Einzelnen helfen sollen, bleiben aber meist nur an der Oberfläche und dienen bloß der Symptom-Bekämpfung. Man muss der Sache schon auf den Grund gehen, was heißen will, die Natur des Menschen ergründen. Unsere psychische Grundausstattung, erworben in vielen Jahrmillionen, ist auf die Erfordernisse dieser Zivilisation nicht zugeschnitten. Wir Menschen sind Resultate langer stammesgeschichtlicher Entwicklungsprozesse, in und mit denen unser affektiver beziehungsweise emotionaler „Haushalt“ ausgeprägt wurde – in einer Welt aber, die gänzlich anders ausgestattet war als die, in der wir heute leben. Wir haben sie uns selbst geschaffen, ohne dass wir je auch nur ahnten, wohin sie uns bringen wird. Sicher gab es schon vor Jahrzehnten warnende und mahnende Stimmen weitblickender Denker; aber die sind heute entweder weitgehend in Vergessenheit geraten oder man will sie nicht mehr hören.

Man verstehe mich nicht falsch. Ich will die Welt und das Leben unserer prähistorischen Ahnen keineswegs romantisieren oder verherrlichen. Das wäre auch gänzlich unangebracht. Aber unser Handeln, Denken, Fühlen und Wollen heute sind nicht unmaßgeblich geprägt von jenen in Äonen zementierten Verhaltensweisen, die unsere Vorfahren im Dienste ihres Überlebens zu entwickeln hatten. Nach wie vor geht es freilich in erster Linie bloß um das Überleben, doch sind die Rahmenbedingungen dafür in kürzester Zeit völlig andere geworden. Der heutige Mensch befindet sich in einem undurchsichtigen Geflecht institutioneller und ökonomischer Erfordernisse, welche die Möglichkeiten seines Überlebens entscheidend mitbestimmen und in gleichem Maße seinen eigenen Handlungsradius einschränken.

Wie ich bereits bemerkt habe, sind vor allem die letzten Jahrzehnte durch eine enorme Entwicklungsbeschleunigung unseres Lebens auf verschiedenen seiner Ebenen gekennzeichnet. Das hängt natürlich mit den modernen Kommunikationstechnologien zusammen, die uns erst in den 1990er Jahren in vollem Umfang zugänglich wurden und die von vielen heute gleichsam wie Rauschdrogen konsumiert werden. Kommunikation und Information, lebenswichtige Elemente unserer Existenz, haben inzwischen eine ins Perverse gesteigerte Qualität erreicht. Nie in der langen Evolutionsgeschichte unserer Gattung hatten so viele Menschen einen so direkten und schnellen Zugang zu so viel Information wie heute, doch nie war die Gefahr einer sehr raschen massenhaften Verdummung so groß wie derzeit. Die Massenmedien (die nicht umsonst so bezeichnet werden) überfluten uns mit sinn- und nutzloser „Information“. Das wäre an sich noch nicht schlimm, würden nicht viele Menschen jeden beliebigen Unsinn glauben und jeder noch so bedeutungslosen Meldung in jedem beliebigen Boulevardblatt allein deswegen Bedeutung zuordnen, weil sie „in der Zeitung steht“. In noch höherem Maße gilt das für das Internet. Die ungeheuren Kommunikationsmöglichkeiten, die uns die moderne Technologie in die Hand gibt, führen letztlich zu einer nie dagewesenen Kommunikationsarmut. Unserer Spezies, die auf Mitmenschlichkeit im kleinen Kreis angelegt ist, werden sie nicht gerecht. Aber vielleicht auch ist diese Spezies, durch ihr eigenes Zutun, zur Verdummung verurteilt …

Ich bitte den Leser um Geduld, auf alle hier angesprochenen Kennzeichen unserer Gegenwart wird noch ausführlich zurückzukommen sein, und ich werde es nicht bei bloßen Andeutungen bewenden lassen.

Aber wozu eigentlich dieses Buch? Die Antwort darauf kann schon aus dem Vorwort herausgelesen werden. Ergänzend dazu sei hier noch betont, dass es mir auch darum geht, die Tragweite des modernen Evolutionsdenkens aufzuzeigen. Wenn wir unsere lange Evolutionsgeschichte und die Prozesse, die sich dabei abgespielt haben, ernst nehmen, dann lässt sich schließlich die große Frage beantworten, warum wir Menschen so sind, wie wir sind. Und es lässt sich plausibel machen, dass die heutige Zivilisation diesem unseren „So-Sein“ immer weniger gerecht wird.

1.
DER GEBORENE NOMADE

Der Mensch war für alle Klimate und für jede Beschaffenheit des Bodens bestimmt; folglich mussten in ihm mancherlei Keime und natürliche Anlagen bereit liegen.

Immanuel Kant

Rund sieben Milliarden Menschen bevölkern heute die Erde. Gleichzeitig wächst die Bevölkerung weltweit um derzeit über 80 Millionen Menschen pro Jahr. Menschen tummeln sich vorwiegend in Ballungszentren, in Millionenstädten und sogenannten Megastädten, aber man findet sie auch nach wie vor in kleinen Siedlungen; sie bewohnen warme und kalte Regionen und vermögen selbst unter unwirtlichsten Bedingungen (zum Beispiel in der Nordpolregion) zu überleben. In den Jahrmillionen ihrer Evolution haben sich Menschen beziehungsweise „Menschenartige“ allmählich auf allen Kontinenten ausgebreitet und sind heute die einzige Primatenart mit weltweiter Verbreitung. Nur in der Antarktis haben sie sich nicht auf Dauer niedergelassen (Spuren hinterlassen haben sie allerdings auch dort). Dabei begann alles sehr bescheiden. Unsere ältesten Ahnen blieben zunächst auf den afrikanischen Kontinent beschränkt und lebten dort ziemlich unauffällig in Uferwäldern, wo sie sich von Pflanzen und kleineren Tieren ernährten. Später gewann vor allem die Jagd auf größere Tiere an Bedeutung. Schließlich, gemessen mit evolutionären Zeitmaßstäben erst vor Kurzem, wurden Menschen sesshaft und begannen Siedlungen zu bauen – und es wurde ein Prozess in Gang gesetzt, für den es in der Evolutionsgeschichte keine Präzedenzfälle gibt.

Das vorliegende Kapitel soll Lesern ohne nennenswerte anthropologische und evolutionsbiologische Vorkenntnisse wichtige Hintergrundinformation liefern. Es behandelt – in sehr gedrängter Form – die Herkunft und Entwicklung des Menschen und die Lebensweise unserer steinzeitlichen Ahnen. Wer aber über die Evolution des Menschen bereits hinreichend unterrichtet ist, kann dieses Kapitel getrost überschlagen. Allerdings liefert es Grundlagen für Argumente, die in späteren Kapiteln des Buches noch ihre Rolle spielen werden.

UNSERE „ÄFFISCHE“ ABKUNFT

Der heutige Mensch, Homo sapiens, ist eine von rund dreihundertfünfzig heute noch lebenden Arten der Säugetierordnung Primaten („Herrentiere“). Seine nächsten Verwandten sind Schimpanse, Bonobo (Zwergschimpanse), Gorilla und Orang-Utan. Spätestens seit Charles Darwin (1809 bis 1882) ist an der „äffischen“ Abkunft des Menschen ebenso wenig zu zweifeln wie daran, dass der Mensch „in seinem Körperbau immer noch die unaustilgbaren Zeugnisse seines niedrigen Ursprungs erkennen läßt“ (Darwin 1871 [1966, S. 274]). Aber, so ist gleich hinzuzufügen (und Darwin wusste es bereits sehr gut), auch in seinem Verhalten und Handeln, seinem Denken, Fühlen und Wollen schleppt der Mensch nach wie vor seinen „äffischen“ Ursprung mit sich herum. Der Affe sitzt ihm fest im Nacken, er kann seine eigene Herkunft und Vergangenheit nicht einfach abstreifen. Das ist aus evolutionsbiologischer Sicht eigentlich nicht weiter aufregend, weil auch alle anderen Arten ihre stammesgeschichtlichen „Bürden“ nicht abwerfen können. Aber uns Menschen betrifft dieser Umstand in besonderem Maße; und manchen macht er betroffen, denn es ist nach wie vor nicht jedermanns Sache, seine Spezies bloß als ein Glied in der langen „Tierkette“ zu wissen.

Noch bevor Darwin – auf der Basis umfassender Befunde aus verschiedenen ihm zugänglichen wissenschaftlichen Disziplinen – den Menschen in die Evolution der Tierwelt einreihte und seine enge Verwandtschaft mit dem Schimpansen und dem Gorilla herausstellte, hatten schon zwei andere Naturforscher Klartext gesprochen: der Engländer Thomas H. Huxley (1825 bis 1895) und der Deutsche Ernst Haeckel (1834 bis 1919). Beide waren, im Gegensatz zu Darwin (dem zurückhaltenden „Revolutionär“), sehr beredte und streitbare Geister; Huxley war Darwins großer Fürsprecher und Verteidiger in seiner Heimat („Darwins Bulldogge“), Haeckel sorgte für die Verbreitung der Ideen Darwins in Deutschland. Beide erschütterten den in unserer Geistesgeschichte tief verwurzelten Glauben an die „Sonderstellung“ des Menschen in der Natur. Daran halten noch viele unserer Zeitgenossen fest. Nimmt man aber die Ergebnisse der modernen Anthropologie und Primatenforschung ernst, dann muss man zugeben, dass sich die Grenzen zwischen dem Menschen und seinen nächsten Verwandten mehr und mehr verwischen.

Selbstverständlich kann niemand leugnen, dass sich der Mensch allein schon in anatomischer Hinsicht (aufrechter Gang, stark vergrößertes Gehirn) von den übrigen Primatenarten durchaus unterscheidet (und natürlich auch von allen anderen Säugetierarten, vom großen Rest des Tierreichs ganz zu schweigen). Und in praktisch allen kognitiven Leistungen (Denkvermögen, Lernen, Sprache) ist der Mensch sämtlichen anderen Arten weit überlegen. Aber wie der Neurobiologe Gerhard Roth betont, lässt sich daraus keine wirkliche Einzigartigkeit ableiten,

denn beim Menschen gibt es nichts, was nicht in einigen Vorstufen bei nichtmenschlichen Tieren bereits vorhanden ist. Vielmehr zeichnet sich der Mensch durch eine Kombination von Merkmalen aus, die für seine Lebens- und Überlebensbedingungen äußerst vorteilhaft waren wie der aufrechte Gang, der Handgebrauch, eine hohe allgemeine Intelligenz und schließlich eine besonders effektive Form sprachlicher Kommunikation.

(Roth 2010, S. 393 f.)

Außerdem bleibt festzuhalten, dass die „menschliche Eigenart“ schon deswegen nichts Einzigartiges ist, weil sich jede Spezies in einer mehr oder weniger großen Anzahl von Merkmalen von allen anderen unterscheidet. So gesehen könnte auch der Blauwal – wenn er denn könnte – eine Sonderstellung in der Natur für sich reklamieren, nämlich wegen seiner enormen Körpergröße und seines ebenso enormen Körpergewichts. Und wie einzigartig müsste sich, wenn er sich darauf besinnen könnte, der australische Koala oder Beutelbär mit seinem unverwechselbaren Aussehen vorkommen, welches noch von seiner spezifischen Ernährungsweise (dem Fressen von nährstoffarmen, für die meisten Pflanzenfresser unbekömmlichen Eukalyptusblättern) flankiert wird …

Es sollte überflüssig sein zu bemerken, dass weder Darwin noch irgendein anderer ernsthafter Evolutionsforscher behauptet hat, der Mensch stamme von einer der heutigen Affenarten ab. Vielmehr war stets von gemeinsamen Vorfahren die Rede. Aus heutiger Sicht ist davon auszugehen, dass sich die Evolutionslinien des Schimpansen, des Gorillas und des Menschen vor etwa acht bis fünfeinhalb Jahrmillionen getrennt haben und die zum Orang-Utan führende Linie noch einige Millionen Jahre früher ihren Anfang nahm. Funde von entsprechenden Fossilien aus neuerer Zeit legen nahe, dass Menschen – Hominini im Sprachgebrauch der modernen Paläoanthropologie – also ein stammesgeschichtliches Alter von über fünf Millionen Jahren aufweisen. Charakteristisch für Menschen war dabei von Beginn an der aufrechte Gang, die Bipedie, also die Fortbewegung auf nur zwei – den hinteren – Extremitäten. Der Erwerb des aufrechten Ganges kann freilich nicht über Nacht erfolgt sein, sondern muss sich – hier fast wörtlich gesagt – schrittweise vollzogen haben, wie in der Entwicklung eines Kindes, allerdings in viel größeren Zeiträumen. Prähistorische Primaten, die sich ähnlich den heutigen Schimpansen zumindest vorübergehend allein auf den hinteren Extremitäten fortbewegen konnten, haben wohl die Anfänge dieser Lokomotionsform markiert. Im Übrigen ist es natürlich schwer, Menschen von anderen prähistorischen Primaten scharf abzugrenzen. Wir haben es hier mit fließenden Übergängen zu tun. Aber die Hominisation oder Menschwerdung im engeren Sinn erfolgte offenbar mit der Entwicklung der zweibeinigen Fortbewegungsweise. Ein weiteres ihrer charakteristischen Merkmale ist die auffallende Vergrößerung des Gehirns, die vor allem auf dem Niveau der Gattung Homo (siehe unten) beschleunigt einsetzte und vermutlich durch eine maßgebliche Verbesserung der Ernährungssituation gefördert wurde. Das Gehirn nämlich benötigt im Vergleich zu seiner Größe beziehungsweise seinem Volumen sehr viel Energie. Man muss aber umgekehrt auch davon ausgehen, dass der Mensch mit der Vergrößerung seines Gehirns und mithin einer Steigerung seiner kognitiven Leistungen seine Ernährungssituation verbesserte. Denn er war imstande, immer effizientere Techniken der Nahrungsbeschaffung und schließlich Nahrungszubereitung (Kochen, Garen) zu entwickeln.

Insgesamt hat man sich den Prozess der Menschwerdung als einen komplexen Vorgang der Wechselwirkung verschiedener Faktoren vorzustellen, die voneinander nicht zu trennen sind. Es ist also müßig darüber zu streiten, was den Menschen eigentlich zum Menschen gemacht hat. Sicher hat die Vergrößerung seines Gehirns – von ursprünglich etwa vierhundert Kubikzentimetern auf mehr als das Dreifache innerhalb von rund zwei Jahrmillionen – den Menschen zu ganz entscheidenden Innovationen befähigt. Das Gehirn ist der Sitz unserer Persönlichkeit, unseres jeweils spezifischen (individuellen) Denkens, Fühlens und Wollens. Aber der Prozess der Gehirnentwicklung ist in ein komplexes Faktorengefüge eingebettet. Er hängt mit anatomischen Änderungen ebenso zusammen wie mit ökologischen Anforderungen, klimatischen Umständen und sozialer Konkurrenz. Die Evolution des Menschen insgesamt war also kein geradliniger Vorgang, sondern ein sehr komplizierter Prozess, der sich auf vielen verschlungenen Pfaden vollzogen hat.

JÄGER UND SAMMLER

Wenig umstritten ist, dass Menschen in langen Etappen ihrer Evolution nomadisierend als Jäger und Sammler gelebt haben. Der aufrechte Gang erwies sich bei der Jagd zweifelsohne als erheblicher Vorteil. Als nicht geringer aber ist jener Vorteil einzustufen, den die von der Fortbewegung befreiten Vorderextremitäten dem Menschen boten. Unsere Hände sind universell brauchbare Instrumente. Wir können uns mit ihnen nicht nur festhalten, sondern sie erweisen uns bei der Handhabung von Gegenständen unschätzbare Dienste. Sie erlauben uns, die Feder zu führen, einen Stein mit Meißel und Hammer zu bearbeiten, Klavier zu spielen und vieles mehr. In Verbindung mit einem immer größer werdenden Gehirn und mithin wachsenden Intelligenzleistungen dienten die Vorderextremitäten dem prähistorischen Jäger und Sammler zur Herstellung von immer effizienteren Werkzeugen. Diese ermöglichten ihm, wie gesagt, die Nahrungsbeschaffung und später durch den Gebrauch des Feuers auch die Zubereitung von Nahrung und wirkten sich positiv auf die Bewältigung seines Lebens aus. In der Konkurrenz mit Raubtieren um Beute brachten Waffen wie Steinschleudern oder Speere dem Menschen entscheidende Vorteile. Während beispielsweise Löwen, Tiger, Wölfe oder Bären ihre Beute nur in direktem Kontakt zu ihr und mittels ihrer Pranken und Zähne schlagen können, vermag der Mensch mit Waffen, also gewissermaßen außerkörperlichen Organen, seine Beute aus der Distanz zu erlegen. Obendrein dienen ihm seine Waffen dazu, sich die Raubtiere einigermaßen vom Hals zu halten und so in der Konkurrenz mit ihnen um Nahrung Vorteile zu gewinnen.

Die lange Zeit beliebte These, dass der Mensch von Anfang an ein Jäger gewesen sei und die Jagd seine weitere Evolution gleichsam determiniert habe, ist allerdings nicht mehr haltbar. Vieles spricht dafür, dass die ältesten Hominini in (feuchten) Uferwäldern lebten, die ihnen ein relativ breites Nahrungsspektrum boten: neben verschiedenen Pflanzen beziehungsweise Früchten leicht zu fangende, im Wasser lebende Tiere (zum Beispiel Krebse). Temporär und saisonal bedingt werden sie ihre Biotope aber auch verlassen haben, um sich nach weiteren Nahrungsressourcen umzusehen. Es ist ein lange gehegtes, ein wenig romantisch verklärtes Bild: Ein vierbeiniger, auf Bäumen kletternder Affe stieg von den Bäumen herunter, trat aus dem Wald in die Savanne und richtete sich allmählich auf, womit er zum Menschen wurde. So einfach war es sicher nicht. Die Hominisation erfolgte in verschiedenen Etappen. Unsere ältesten menschlichen Ahnen waren der Bipedie zwar mächtig, beherrschten aber das Klettern noch sehr gut und begaben sich gern auf die Bäume zurück (wo sie auch, noch nicht mit wirkungsvollen Werkzeugen ausgerüstet, Schutz vor manchen Feinden fanden). Der Hang zum Klettern ist uns erhalten geblieben. Welches Kind klettert nicht – wenn man es denn noch lässt! – auch heutzutage gern auf einen Baum …

Kaum zu bestreiten ist jedoch, dass der Mensch während eines beträchtlichen Zeitraums seiner Evolutionsgeschichte, über zwei Millionen Jahre, nomadisierend als Jäger und Sammler gelebt hat. Er ist also der geborene Nomade. Besser sollte man vielleicht sagen: Halbnomade. Denn es liegt nahe, dass sich die steinzeitlichen Jäger und Sammler vorübergehend auch niedergelassen haben, und zwar vor allem an Orten, die ihnen ausreichende Nahrungsressourcen boten. Es wäre ja eine Verschwendung von Energie gewesen, herumzuwandern, wenn das zum Fressen Benötigte in unmittelbarer Umgebung zumindest saisonal verfügbar und das Aufspüren von Ressourcen in größerer Distanz mit Unwägbarkeiten verbunden war. Und man kann mit hoher Wahrscheinlichkeit sagen: Nichts lag unseren steinzeitlichen Ahnen ferner, als überflüssige Anstrengungen zu unternehmen oder sich unnötigen Risiken auszusetzen. Ihr Leben war ohnedies hart genug. Die auf die Antike zurückgehende Vorstellung eines „goldenen Zeitalters“ irgendwann in grauer Vorzeit und die noch von Jean-Jacques Rousseau (1712 bis 1778) vertretene und verteidigte Idee, dass im „Naturzustand“ alles gut gewesen sei und der Mensch in seinem Urzustand glücklich gelebt habe, sind schöne Märchen. Dagegen stellte bereits der Arzt und Philosoph Ludwig Büchner (1824 bis 1899), der populärste Vertreter des Materialismus seiner Zeit, treffend Folgendes fest:

So schön und tief empfunden die Paradies-Sage oder diejenige vom goldenen Zeitalter ist, ebenso unwahr und der Phantasie entsprossen ist sie doch. In Wirklichkeit hat es niemals einen paradiesischen Zustand der Menschheit gegeben, sondern ganz im Gegentheil einen elenden, erbärmlichen Zustand unseres ältesten Vorfahren oder des Urmenschen, aus welchem sich derselbe nur sehr allmählich befreit hat, … nicht durch Göttliche Hülfe, sondern durch eigene, unerhörte Anstrengungen im Laufe zahlloser Jahre und Generationen.

(Büchner 1891, S. 3)

Wann immer es ihm gegönnt war, wird der „Urmensch“, wie gesagt, Anstrengungen vermieden haben – womit er sich in keiner Weise von anderen Tieren unterschied. Auch ein Löwe etwa unternimmt keine zusätzliche Anstrengung, wenn er sich an Ort und Stelle einer fetten Beute versichern darf und obendrein von niemandem behelligt wird. Es herrscht das „Trägheitsprinzip“: Anstrengung lohnt sich nur, wenn sie unmittelbar Erfolg verspricht. Freilich ist das Leben der Tiere (in freier Wildbahn) und war das Leben unserer steinzeitlichen Ahnen von gar vielen Mühen und Plagen gekennzeichnet. Nur satte Mäuler können der Ruhe pflegen.

Nun kurz zu der alten Frage „Woher kommen wir?“.

AFRIKA UND DIE BESIEDLUNG DER ERDE

Abermals war es Charles Darwin, der bereits die richtige Vermutung hinsichtlich unserer „Urheimat“ äußerte: Afrika. Alle Fossilien, die das früheste und frühe Auftreten von Menschen (Hominini) heute belegen, stammen aus diesem Kontinent. Mittlerweile sind es recht viele Funde, die verschiedene Gattungen und Arten repräsentieren. Keineswegs alle können hier berücksichtigt werden. Zu erwähnen ist aber zunächst Ardipithecus ramidus aus Äthiopien, der älteste bisher bekannte „Mensch“, eine Spezies jedenfalls, die schon zur bipeden Fortbewegung befähigt gewesen sein muss und vor über fünf Jahrmillionen auftrat. Seine Existenz ist erst seit den 1990er Jahren bekannt. Auf eine längere Entdeckungsgeschichte kann die Gattung Australopithecus zurückblicken, die nach wie vor häufig als „Urmensch“ bezeichnet wird. Der erste Fund dieser Gattung stammt aus dem Jahr 1924. Heute werden, je nach Gesichtspunkt, fünf bis acht Spezies unterschieden, die älteste von ihnen ist Australopithecus anamensis, der ein Alter von über vier Millionen Jahren aufweist. Andere Arten sind der rund drei Millionen Jahre alte Australopithecus africanus und Australopithecus robustus (auch Paranthropus robustus genannt), der vor etwa zwei Jahrmillionen auftrat. Es muss davon ausgegangen werden, dass in den frühen (teils auch in späteren) Phasen seiner Evolution mehrere Gattungen und Arten des Menschen zeitgleich und auch in derselben Region gelebt haben. Wie mögen sie einander begegnet sein? Eine spannende Frage. Wahrscheinlich standen sie in Konkurrenz zueinander und besetzten unterschiedliche ökologische Nischen. Mag sein, dass sie sich gelegentlich auch gehörig in die Quere kamen. Aber Näheres bleibt derzeit noch Mutmaßungen überlassen, vieles wird vielleicht für immer im Dunklen bleiben (obwohl man in der Wissenschaft ein Problem nie resignierend als grundsätzlich unlösbar erachten sollte).

Die Gattung Homo, zu der auch unsere eigene Spezies zählt, trat vor etwa zwei Millionen Jahren in Erscheinung und sollte sich gleichsam als Erfolgsmodell in der Evolutionsgeschichte des Menschen herausstellen. Ihre ältesten Vertreter sind Homo habilis und Homo ergaster, etwas jünger – seit etwa einer Million Jahren nachgewiesen – ist Homo erectus, dessen späte „Ausläufer“ noch vor zweihunderttausend Jahren existiert haben dürften. Ursprünglich beschränkte sich auch das Verbreitungsgebiet der Gattung Homo auf Afrika, Homo erectus aber, dessen Erforschungsgeschichte im späten 19. Jahrhundert mit der Entdeckung von Skelettresten auf Java begann, lebte auch schon in Asien und in Europa. Zu einiger Berühmtheit brachte es dabei der sogenannte Peking-Mensch, der in den 1920er Jahren in der Nähe der chinesischen Hauptstadt entdeckt wurde, vor knapp fünfhunderttausend Jahren erstmals in Erscheinung trat und sich bereits im Gebrauch des Feuers übte. Für die paläoanthropologischen Forschung nicht minder bedeutsam ist auch ein „Europäer“, der Heidelberg-Mensch oder Homo heidelbergensis, der vor etwa sechshunderttausend Jahren in Afrika aufgetaucht war und sich später auf unserem Kontinent niederließ. Unsere eigene Art schließlich, Homo sapiens, erschien vor etwa hundertfünfzigtausend Jahren auf der Bühne, und zwar wiederum zunächst in Afrika, von wo aus er nach Europa – und später auf alle anderen Kontinente – auswanderte.

Somit lässt sich heute nicht nur sagen, dass die Wiege der Menschheit in Afrika stand, sondern auch, dass von dort aus immer wieder menschliche Populationen in andere Regionen der Erde eingewandert sind. Diese im Fachjargon als Out-of-Africa bezeichnete Migrationshypothese findet nicht nur in Fossilien und Werkzeugen, sondern auch in molekularbiologischen Untersuchungen (DNA-Vergleichen heutiger menschlicher Populationen) eine veritable Stütze. Was aber hat Menschen immer wieder dazu bewogen, den afrikanischen Kontinent und ihr jeweils angestammtes Territorium zu verlassen? Eine abermals sehr spannende Frage. Es mögen Nahrungsmangel, klimatische Veränderungen und noch andere Faktoren dafür maßgeblich gewesen sein. Vielleicht auch veranlasste seine zunehmende Intelligenz und mit dieser seine sich beständig steigernde Neugier und Entdeckungslust den Menschen schon früh dazu, nach neuen Ufern vorzustoßen, auf neuem Terrain Fuß zu fassen.

Obwohl hier ein nur überaus knapper Abriss der Evolution und Verbreitungsgeschichte des Menschen bezweckt sein kann, darf die Erwähnung des Neandertalers nicht fehlen. Der Homo neandertalensis ist eine Schlüsselfigur der Paläoanthropologie, die als Wissenschaft vom fossilen Menschen mit seiner Entdeckung überhaupt erst ihren Anfang nahm (1856 in einer Höhle im Neandertal bei Düsseldorf). Wenngleich die Existenz des Neandertalers mittlerweile durch zahlreiche Funde aus Europa und dem Vorderen Orient sehr gut dokumentiert ist und seine Lebensweise anhand einschlägiger Grabungsergebnisse gut rekonstruiert werden konnte (nachweislich bestattete er seine Toten und schmückte ihre Gräber mit Blumen), gibt diese „Menschenform“ nach wie vor einige Rätsel auf. Insbesondere ihr Verschwinden vor knapp dreißigtausend Jahren liefert immer noch Stoff für einige Spekulationen. Tatsache ist, dass der Neandertaler zeitgleich mit dem heutigen Menschen, Homo sapiens, lebte, genau gesagt mit dem (nach seinem französischen Fundort benannten) Cro-Magnon-Menschen. Dieser repräsentierte bereits unseren heutigen „Menschentyp“ oder unterschied sich jedenfalls von diesem kaum. (In der heutigen Welt hätte ein Cro-Magnon-Kind alle Voraussetzungen für einen Physikprofessor, einen Lokomotivführer oder einen Bankräuber.) Möglicherweise konkurrierte der Cro-Magnon-Mensch mit dem Neandertaler um Nahrung und ging aus dieser Konkurrenz schließlich als Sieger hervor. Vielleicht auch hat er seinen „Vetter“ – eben als Konkurrenten – ausgerottet. (Völkermorde begleiten ja auch unsere weitere Geschichte.) Vielleicht aber haben sich Neandertaler und Cro-Magnon-Menschen miteinander vermischt, sodass in uns allen heute noch Neandertalerblut fließt …

Wie man sieht, geben uns die eigene Herkunft und unsere Evolutionsgeschichte noch einige Aufgaben auf, die zu bewältigen vielleicht viele Jahre oder Jahrzehnte dauern wird. Aber fest steht, dass Menschen aus „affenartigen“ Vorfahren hervorgegangen sind, der heutige Mensch das Resultat eines mehrere Jahrmillionen umfassenden komplexen Prozesses darstellt und dass er die Zeugnisse seiner Vergangenheit unauslöschlich mit sich herumträgt. Nicht zu zweifeln ist auch daran, dass Menschen während der längsten Zeit ihrer Evolution als Nomaden oder Halbnomaden herumgezogen sind. Jagend und sammelnd waren sie den Unbilden der Natur meist hilflos ausgeliefert und fanden sich in keiner besseren (oder schlechteren) Situation wieder als alle übrigen Tiere auch. Dann aber, vor erst etwa fünfzehntausend Jahren – welch unbedeutender Zeitraum auf der Zeitskala der Evolution! –, geschah etwas recht Eigenartiges: Menschen wurden sesshaft, begannen Siedlungen zu bauen, Pflanzen und Tiere zu züchten (anstatt sie als Wildformen zu sammeln beziehungsweise zu pflücken und zu jagen) und komplexe, arbeitsteilige Gesellschaften zu entwickeln. Es erfolgte der als neolithische oder jungsteinzeitliche Revolution bezeichnete Übergang von der aneignenden zur produzierenden Lebensweise, und zwar zunächst im Vorderen Orient, um aber später auch auf andere Regionen der Erde überzugreifen.

VORTEILE DER SESSHAFTIGKEIT

Selbstverständlich erfolgte dieser Übergang nicht aus heiterem Himmel, von heute auf morgen. Jede Revolution hat ihre – teils lange – Vorgeschichte. Verglichen mit dem langen Zeitraum, in dem Menschen als Jäger und Sammler lebten, erfolgte der Prozess der Sesshaftigkeit allerdings doch recht schnell. Warum aber wurden Menschen dauerhaft sesshaft? Warum begannen sie Ackerbau und Viehzucht zu betreiben? Anfangs muss das eine sehr mühevolle Angelegenheit gewesen sein, Ernteerträge und Erträge aus der Viehzucht waren zunächst einmal wohl ziemlich mager. Seine Nutztiere werden immer wieder auch Raubtieren willkommene Beute gewesen sein (schließlich waren auch Bauern in historischer Zeit noch häufig mit „Raubzeug“ konfrontiert). Die Sesshaftigkeit muss dem Menschen zunächst mehr Nach- als Vorteile gebracht haben. Zur Frage, warum sich denn Menschen nach so langer Zeit des Herumwanderns an einzelnen Orten dauerhaft niederzulassen begannen, wurden schon verschiedene Theorien entwickelt.

Nun leuchtet es durchaus ein, dass Lebewesen, welcher Art auch immer, an einem Platz verweilen, an dem sie üppige Nahrungsressourcen vorfinden. Wenn sich in unseren Breiten im Winter irgendwo Vögel scharen, dann dürfen wir stillschweigend annehmen, dass das vorgefundene Futter ihnen einen Anreiz für ihre Ansammlung bietet. Wildschweine drängen heute immer wieder in Vororte von Großstädten beziehungsweise Stadtaußenbezirke vor, weil sie sich dort an Gartenfrüchten und Abfällen gütlich tun können. Zum Ärger von Haus- und Gartenbesitzern fallen sie über Mülleimer, Komposthaufen und Gemüsebeete her. Warum sollten sie es sich bei der Nahrungsbeschaffung schwer machen, wenn es auch einfach geht?! Hat aber der Mensch, als er sich ursprünglich an bestimmten Orten niederließ, dort auch üppige Nahrung vorgefunden, die ihn zum ständigen Verweilen einlud?

Man nimmt oft an, dass der durch klimatische Veränderungen verursachte Mangel an Jagdwild während der letzten Eiszeit den Menschen dazu gezwungen habe, Ackerbau und Viehzucht zu betreiben. Der Mensch entdeckte Wildpflanzen, auf die Vogelschwärme ihn aufmerksam machten, als sie zur Reifezeit einfielen. Den Ernährungswert dieser Pflanzen lernte der Mensch bald zu schätzen und begann sie als Getreide zu domestizieren. Er lernte Techniken, das Getreide zu bewahren und ganzjährig zu nutzen. Dies aber hatte zur Voraussetzung, dass er an Ort und Stelle blieb, Siedlungen – wenngleich zunächst in einfachster Form – errichtete. Da aber auch andere Tiere, vor allem Rinder, Ziegen und Schafe, das Getreide als Nahrungsquelle schätzen, kamen sie ihm als „Ernteräuber“ in die Quere. Dasselbe gilt auch für Schweine, die zwar nicht unbedingt Gerste oder Weizen fressen, sich aber, wie gesagt, an vom Menschen produzierten Abfällen delektieren. Nun wäre es, so kann man weiter argumentieren, für den Menschen auf Dauer zu mühsam gewesen, sich alle diese Tiere vom Leib zu halten, um seine Nutzpflanzen zu schützen. Besser war es, die Tiere sozusagen ins Haus zu holen und sie ebenfalls zu nutzen. Welch enorme Bedeutung die genannten Tiere – heutzutage vor allem Rinder und Schweine – als Nahrungslieferanten im Lauf der Zeit erlangt haben, bedarf keiner besonderen Erwähnung.

In den Augen des Münchener Zoologen und Evolutionsbiologen Josef Reichholf greift diese Erklärung für das Sesshaft-Werden des Menschen allerdings zu kurz. Er bringt daher Alkohol ins Spiel. Aus dem Vergleich heutiger und aus der Geschichte überlieferter Kulturen wird erkennbar, dass überall – in geringem oder höherem Maße – Rauschmittel, darunter Alkohol, ihre Rolle spielen und spielten. Nach Reichholf war es nicht der Mangel an Jagdwild, der den Menschen zur Sesshaftigkeit veranlasste. Es war die Entdeckung, dass aus bestimmten Pflanzen alkoholische Getränke hergestellt werden können, deren gemeinschaftlicher Genuss soziale Beziehungen zu stärken und die friedliche Beilegung von Konflikten zu erleichtern vermag. Daher soll Getreide erst sukzessive für die Ernährung genutzt, ursprünglich aber für die Herstellung von Bier verwendet worden sein. Also, im Anfang war der Rausch. Der musste sich allerdings in Grenzen gehalten haben, weil eine dauerhaft alkoholisierte Gesellschaft nicht lebensfähig gewesen wäre.

Das Sesshaft-Werden des Menschen war sicher ein sehr verwickelter Vorgang, an dem mehrere Faktoren beteiligt waren; und warum nicht auch Bier und Wein?! Sicher aber muss die Sesshaftigkeit unserer Spezies schon bald Vorteile gebracht haben, weil sie sich andernfalls – nur mit Nachteilen verbunden – als Lebensweise nicht bewährt hätte. Nachteile werden in der Evolution mittel- bis langfristig nicht belohnt. Gegenüber den Nomaden und Halbnomaden können die Sesshaften in der Gesamtbilanz ein ökonomisches Plus verbuchen. Reichholf (2012, S. 283) schreibt dazu Folgendes:

Menschen, die sich von den Früchten des Feldes und ihrer eigenen Hände Arbeit ernähren, brauchen kaum ein Zehntel des Lebensraumes, den Wanderhirten benötigen. Menschengruppen, die sich von Jagen und Sammeln ernähren, nehmen etwa das Hundertfache von Ackerbauern pro Kopf an Fläche in Anspruch. Hieraus ergibt sich das Anwachsen der Weltbevölkerung ganz von selbst. Gesteigerte Produktion von Nahrung ermöglicht das Überleben von mehr Menschen.

Aber wie in der Evolution so oft erweisen sich auch hier Vorteile von heute als Nachteile von morgen. Die problematischen Spätfolgen der Sesshaftigkeit sind inzwischen spürbar. Sie zeigen sich in einer rasanten, ungebremsten Bevölkerungsvermehrung, einer Überproduktion von Nahrungsmitteln auf der einen Seite, Hungersnöten auf der anderen.

Zwischen den Siedlungen der ersten Ackerbauern und Viehzüchter und den heutigen Megastädten liegen Welten. Doch der Prozess der Urbanisierung war, einmal in Gang gebracht, anscheinend nicht zu bremsen. Er entwickelte eine Eigendynamik, die niemand vorhersehen konnte, die aber den Menschen nun in seinem Wesen zu entwurzeln droht. Das ist Gegenstand späterer Kapitel des vorliegenden Buches. Zuvor müssen wir uns noch einer weiteren Seite unseres Wesens zuwenden, die tief in der Evolutionsgeschichte unserer Gattung verankert ist.

2.
DAS GEBORENE KLEINGRUPPENWESEN

So gern der Mensch alles aus sich selbst hervorzubringen wähnt, so sehr hangt er doch in der Entwicklung seiner Fähigkeiten von anderen ab.

Johann Gottfried Herder

Der Mensch ist von Natur aus ein soziales Lebewesen. Keiner von uns will das sprichwörtliche fünfte Rad am Wagen sein, sondern irgendwo dazugehören, sich als Teil einer Gemeinschaft wissen. Einsamkeit, Verlassen-Sein empfinden die allermeisten Menschen als schlimm. Auch das gehört zu unserem alten Primatenerbe. Primaten sind im Allgemeinen gesellige Tiere, die zum Teil sehr komplexe, hierarchische Sozialstrukturen entwickeln. Der Mensch ist dabei keine Ausnahme. Allerdings lebte er die längste Zeit in relativ kleinen, überschaubaren Gruppen; er ist das geborene Kleingruppenwesen.

Dieser Umstand ist für das vorliegende Buch von besonderem Interesse. Auf das Leben in anonymen Massengesellschaften war der Mensch nicht vorbereitet. Nun aber sieht sich der steinzeitliche Jäger und Sammler, der mit einem kleinen Haufen ihm bekannter und vertrauter Individuen herumstreifte, täglich einer Masse von ihm unbekannten Artgenossen gegenüber, von denen er nichts weiß und meist auch nichts wissen will. Die Grundmuster unseres sozialen Verhaltens – Wir-Gefühl, Freund-Feind-Denken, Kooperation, Bevorzugung (Vetternwirtschaft) – wurden in Kleingruppen gestrickt und haben sich in Jahrmillionen bewährt. Seine kleine Gruppe war für den Einzelnen identitätsstiftend und vermittelte ihm ein Gefühl der Vertrautheit, das ihm in der Massengesellschaft abhandenkommt. Hier begegnet uns also eine Konfliktsituation, die sich in der Gegenwart immer mehr verschärft. Der amerikanische Evolutionsbiologe Richard Alexander hat treffend bemerkt, dass im jüngsten Abschnitt seiner Evolutionsgeschichte die den Menschen hauptsächlich prägende feindliche Macht die Gegenwart anderer Menschen sei (die auch immer mehr werden).

WIE VIELE MENSCHEN VERTRÄGT EIN MENSCH?

Der britische Maler und Verhaltensforscher Desmond Morris ließ in den späten 1960er Jahren mit seinem Buch Der nackte Affe aufhorchen. Der Mensch, so legte Morris ausführlich dar, sei immer noch ein Affe – wenngleich einer mit stark reduzierter Körperbehaarung –, dessen Verhaltensweisen in seiner Stammesgeschichte tief verwurzelt sind und auf Schritt und Tritt seine evolutionäre Vergangenheit erkennen lassen. Wer unsere „äffische“ Abkunft akzeptiert – und nur ideologische beziehungsweise religiöse Motive können heute jemanden daran hindern –, wird sich natürlich nicht daran stoßen. Im Gegenteil, es ist doch faszinierend zu sehen, welchen evolutiven Weg unsere Gattung eingeschlagen, zu welchen geistigen Höhenflügen sie sich emporgeschwungen, welche Fähigkeiten sie kraft ihres Gehirns erworben hat; darunter die Fähigkeit, über ihre eigene Herkunft, ihr Wesen und ihre mögliche Zukunft nachzudenken. Aber im Herzen lebt unsere Gattung noch in der Steinzeit. Der vielleicht beste Beweis dafür ist ihr soziales Verhalten. In seinem erwähnten Buch schrieb Morris Folgendes dazu:

Selbstverständlich haben wir unsere Stammesgeschichte nicht deshalb durchlaufen, um in riesigen Zusammenballungen Tausender und Abertausender von Individuen zu leben. Unser Verhalten ist darauf abgestellt, daß es in kleinen Stammesgruppen von vielleicht weniger als hundert Individuen funktioniert, bei denen jedes Stammesmitglied jedes andere persönlich kennt, wie es auch bei den Tier- und Menschenaffen der Fall ist. In einer Sozialstruktur dieses Typs regelt sich das Einreihen in die Rangordnung mit Leichtigkeit, und die Hierarchie wird stabil, wenn man einmal von dem allmählichen Wechsel absieht, wie er durch das Älterwerden und Sterben der Mitglieder eintritt. Ganz und gar anders und unvergleichlich stärker belastend ist die Situation in den Städten. Tag für Tag kommt der Städter mit zahllosen Fremden in Berührung – und das ist etwas für alle anderen Primaten-Arten Unerhörtes.

(Morris 1968, S. 276 f.)

Dass sich das Einreihen in die Rangordnung in kleinen Gruppen „mit Leichtigkeit“ einstellt, darf man bezweifeln. Vielmehr lernen wir beispielsweise aus Beobachtungen an Schimpansen, dass Macht- beziehungsweise Rangkämpfe praktisch ein „normaler“ Zustand sind, wobei die Tiere auch vor mancher Brutalität nicht zurückschrecken. Bei menschlichen (Klein-)Gruppen verhält es sich nicht anders, auch wenn dabei nicht notwendigerweise Kämpfe im buchstäblichen Sinn ausgetragen werden.

Aber Morris hatte natürlich Recht, dass die dem Menschen ursprünglich eigene Gesellschaftsform die Kleingruppe ist, eine Primär- oder Sympathiegruppe, deren Angehörige einander persönlich bekannt, meist miteinander verwandt oder verschwägert sind. Zwar ist die soziale Welt des heutigen Menschen etwas größer als die sozialen Welten seiner stammesgeschichtlichen Ahnen und der anderen rezenten Primaten, sie geht aber über hundertfünfzig bis zweihundert Individuen nicht hinaus. Doch nicht jedes dieser Individuen nimmt im Kopf des Einzelnen den gleichen Stellenwert ein. Die eigentliche Sympathiegruppe umfasst im Durchschnitt bloß elf Personen (die Fußballelf), wobei sich diese Zahl, wie der Leser für sich selbst nachvollziehen mag, aus der Zahl der nächsten Verwandten und einiger enger Freunde zusammensetzt. Jemand mit sehr großer Verwandtschaft pflegt meistens nicht zu jedem und jeder seiner Verwandten denselben intensiven Kontakt. Vettern oder Basen zweiten oder dritten Grades stehen uns kaum noch nahe, da pflegen wir eher noch enge Kontakte zu alten Schul- oder Studienfreunden, weil uns mit diesen ein längerer gemeinsamer Weg verbindet. Die Frage also, wie viele Menschen ein Mensch verträgt, ist damit schon ziemlich genau beantwortet.

Selbstverständlich kann die Zahl jener Menschen, denen wir flüchtig begegnen, mit denen wir aus beruflichen Gründen korrespondieren und so weiter hundertfünfzig oder zweihundert bei Weitem übersteigen. Das ist heutzutage, in urbanen Gesellschaften, auch häufig der Fall. Meine ausgedehnte Vorlesungs- und Vortragstätigkeit bringt mich mit unzähligen Menschen zusammen, doch in der Regel bleibt es bei kurzen und einmaligen Begegnungen, einer Plauderei beim Abendessen nach einer Vortragsveranstaltung oder in einer Hotelbar. Ich erinnere mich dabei an viele mir sympathische Menschen und würde mich über eine Wiederbegegnung freuen, aber es ist nun einmal nicht möglich, mit Tausenden Personen langfristig Bande der Sympathie zu unterhalten. Das ist freilich nicht zuletzt auch eine Frage der geografischen Nähe oder Ferne. Es ist eines, mit Leuten über Distanz zu korrespondieren, ein anderes, persönliche Kontakte zu pflegen. Wer meint, er habe Tausende Freunde in einem sozialen Netzwerk wie Facebook, verwendet nicht nur den Ausdruck „Freund“ inflationär, sondern verwechselt Virtualität mit Realität (wobei gerade diese Verwechslung erst den lockeren Gebrauch jenes Ausdrucks erlaubt).

Grundsätzlich gilt, dass die Intensität sozialer Interaktion mit zunehmender Zahl der interagierenden Personen abnimmt. Dieser in den Sozialwissenschaften und in der Psychologie (aus der Gruppendynamik) bekannte Umstand ist heute evolutionsbiologisch gut begründet. Er ergibt sich eben daraus, dass Menschen die längste Zeit ihrer Evolution mit stets wenigen ihnen vertrauten Menschen gelebt haben. Wenn die Mitgliederzahl einer beliebigen Gruppierung über eine bestimmte Größenordnung hinauswächst, dann sind die Beteiligten nicht mehr imstande, einen vertrauten, intimen Charakter sozialer Beziehungen miteinander zu pflegen. Sie wenden sich voneinander ab oder bilden innerhalb der größer werdenden Gruppe kleinere Gruppen von Individuen, die sich durch gegenseitige Sympathie, gemeinsame Interessen und so weiter auszeichnen und sich mithin gegenseitig anziehen. (Veranstalter großer Festmahlzeiten sind daher stets gut beraten zu überlegen, wer an der Festtafel neben wem sitzen soll.) Selbstverständlich knüpfen wir in Großstädten so manche flüchtige Bekanntschaft, treffen auf dem Weg zum Arbeitsplatz, auf Lebensmittelmärkten und so weiter immer wieder auf dieselben Leute, was aber nicht heißt, dass wir mit diesen Personen in engerem sozialen Kontakt stehen. Wir grüßen sie freundlich, wechseln vielleicht ein paar Worte mit ihnen und gehen dann unserer Wege. Aber kaum einen von ihnen werden wir spontan zu uns nach Hause zum Essen einladen. (Private Einladungen zum Essen haben schon einen recht intimen Charakter und bleiben daher in der Regel wiederum einer nur kleinen Gruppe von Personen vorbehalten.)

ICH UND DER REST DER WELT

Menschen sind, wie alle Tiere, Egoisten. Im strikt soziobiologischen Sinn bedeutet Egoismus jedes Verhalten, das die reproduktive Eignung, also den Fortpflanzungserfolg auf Kosten anderer erhöht. Voraussetzung für die erfolgreiche Reproduktion ist, klarerweise, das Erreichen des fortpflanzungsfähigen Alters. Um aber zumindest bis dahin am Leben zu bleiben, benötigt jedes Lebewesen Ressourcen: Raum und Nahrung. Damit sind Wettbewerb und Konflikte programmiert. Da die Natur kein Schlaraffenland ist und Ressourcen oft knapp sind, versuchen Tiere auf unterschiedlichste Weise, ihre Artgenossen auszutricksen, sie zu „belügen“ und zu „betrügen“. Der Mensch ist dabei keine Ausnahme. Allerdings zwingen ihn soziale beziehungsweise kulturelle Normen, die er sich selbst verordnet hat, dazu, auf andere Rücksicht zu nehmen und sie sogar zu unterstützen. Aber auch diese Normen haben einen tiefen biologischen Unterbau.

Schon einfache und oberflächliche Beobachtungen verdeutlichen, dass in der Tierwelt neben egoistischem auch kooperatives und altruistisches Verhalten vorkommt. Altruismus bedeutet, wieder im strengen Sinn der Soziobiologie, die Erhöhung des Fortpflanzungserfolgs anderer auf eigene Kosten. Wie passt das nun mit der Allgegenwart des Egoismus zusammen? Wie konnte sich in einer vom Egoismus beherrschten Welt uneigennütziges Verhalten entwickeln? Die Antwort ist einfach: weil sich solches Verhalten für den Einzelnen durchaus auszahlt. Das Individuum genießt in seiner Gruppe bestimmte Vorteile. Um sich diese aber dauerhaft zu sichern, ist es gezwungen, mit anderen zu kooperieren, die Hilfe, die es von anderen empfängt, bei Gelegenheit auch zurückzuzahlen. In tierischen Gesellschaften regeln sich diese Dinge ganz von selbst, ohne dass bestimmte „Gruppennormen“ vorgegeben wären. Wölfe etwa jagen im Rudel und arbeiten sozusagen zusammen, weil das jedem von ihnen mit höherer Wahrscheinlichkeit Nahrung sichert als die Jagd im Alleingang. Die Jagdgesellschaften prähistorischer Menschen kann man sich analog dazu vorstellen.

Aber auch die heutigen kleinen Menschengruppen sind gewissermaßen mit Jagdgesellschaften vergleichbar. Sie werden durch ein Band von Sympathie und gemeinsamen Interessen zusammengehalten, auch wenn sie nicht miteinander auf Beutefang gehen. Und manchmal bilden sie tatsächlich noch Jagdgesellschaften im buchstäblichen Wortsinn, die wiederum auch dem Knüpfen sozialer Bande dienen können. Auf den (ganzen) Rest der Welt zu pfeifen, kann sich ohnehin kaum jemand leisten, wenn er nicht in völliger Vereinsamung enden will. Aber wer will das schon!

Freilich ist heutzutage, in unserer Ellbogengesellschaft, ein Phänomen nicht zu übersehen, das im Gegensatz zum „gesunden“ als „pathologischer“ Egoismus bezeichnet werden kann. Der gesunde Egoist ist ein guter Sozialingenieur. Er weiß, dass er andere für die Realisierung seiner eigenen Vorhaben braucht, ab und an von anderen Hilfe in Anspruch nehmen muss, und ist daher im Allgemeinen seinerseits zuvorkommend und hilfsbereit. Er weiß, dass sich Freundlichkeit auszahlt, und folgt dem uralten Prinzip des Nehmens und Gebens. Zwar ist er mit sich selbst zufrieden, schöpft aber diese Zufriedenheit auch aus dem freundlichen und freundschaftlichen Umgang mit anderen. Insgesamt ein netter Kerl also, der aber durchaus seine persönlichen Ziele im Auge behält. Dem pathologischen Egoisten hingegen fehlt jedes Gespür für die Bedürfnisse der anderen, er glaubt, niemanden zu brauchen und daher auch niemandem seine Hilfe anbieten zu müssen. Nichts kennzeichnet den pathologischen Egoismus besser als der dumme Werbeslogan „Geiz ist geil“. Er spiegelt die Einstellung einer Gesellschaft wider, welche dabei ist, ihre eigenen Grundlagen zu zerstören.

Der Mensch ist also von Natur aus egoistisch; doch als vergesellschaftetes Lebewesen auch mit der Anlage zur Kooperation und gegenseitigen Hilfe ausgestattet. Wo diese Anlage nicht gefördert, sondern zerstört wird, dort läuft er Gefahr, altbewährte Mechanismen seiner sozialen Evolution auszuschalten und sich in eine Situation hineinzumanövrieren, die mittel- bis langfristig weder das Überleben des Individuums noch den Fortbestand von Sozietäten sichern kann (und seiner Art nicht gerecht wird). Unsere steinzeitlichen Vorfahren waren keine Engel, aber sie wussten „instinktiv“ um die Bedeutung von Gemeinschaft.

WIR UND DER REST DER WELT

Menschen waren also von Anfang an gut beraten, mit anderen zu kooperieren, einander zu helfen. Schon Friedrich Schiller (1759 bis 1805) sah – noch ohne jeden evolutionstheoretischen Hintergrund – die Sache erstaunlich klar:

Hunger und Blöße haben den Menschen zuerst zum Jäger, Fischer, Viehhirten, Ackermann und Baumeister gemacht. Wollust stiftete Familien, und Wehrlosigkeit der Einzelnen zog Horden zusammen. Hier schon die ersten Wurzeln geselliger Pflichten.

(Schiller 1885, S. 21)

Aber wie bereits betont wurde, haben sich alle Grundmuster unseres sozialen Verhaltens in Kleingruppen entwickelt. So funktionierte auch das Prinzip der Gegenseitigkeit zunächst nur in kleinen und gut überschaubaren sozialen Verbänden. Je fester die Angehörigen eines solchen Verbandes aneinandergekittet waren, desto besser konnten sie sich gegenüber anderen, mit ihnen konkurrierenden Gruppen behaupten. So entstand das Wir-Gefühl, das Gefühl der Gruppenidentität, das sowohl für das Individuum als auch für seine Gruppe von elementarer Bedeutung war – und bis heute geblieben ist.

Der Mensch will, worauf schon hingewiesen wurde, irgendwo dazugehören. In der Regel bietet ihm seine Familie die erste und langfristige Gelegenheit dazu, und später erweitert sich sein „sozialer Horizont“ um Freunde und Bekannte, deren Zahl jedoch stets begrenzt bleibt. Aber das Wir-Gefühl kann künstlich auf größere und sogar sehr große soziale Einheiten ausgedehnt werden, mitunter nur vorübergehend, in einer bestimmten Situation. Denken wir an internationale Sportveranstaltungen. Beispielsweise repräsentieren die Teilnehmer an Olympischen Spielen ihr jeweiliges Herkunftsland, und wenn sie einige Medaillen gewinnen, dann gewinnen sie diese für ihr Land, in dem sich dann alle am Sport Begeisterten darüber freuen und „Wir haben gewonnen!“ ausrufen – obwohl sie selbst ja am Wettbewerb gar nicht teilgenommen, sondern diesen bloß im Fernsehen mitverfolgt haben. Genauso verhält es sich bei der Ankündigung eines internationalen Fußballspiels, wenn es etwa heißt, Spanien spielt gegen Deutschland oder Frankreich gegen die Niederlande. Obwohl jeweils nur elf Personen auf jeder Seite um den Sieg ringen, sind Millionen anderer physisch völlig unbeteiligter Personen „dabei“ und brüllen vor Freude bei jedem Ball, den einer aus „ihrer“ Mannschaft ins Tor der gegnerischen Spieler befördert. Hier zählt das bloße Miterleben, und vollkommen irrationalen – tief in unserer Stammesgeschichte verwurzelten – Mechanismen ist es zu verdanken, dass diese Personen den Sieg oder die Niederlage „ihrer“ Mannschaft als Betroffene erleben.

Diese Mechanismen führen zur sozial und kulturell geförderten Bildung von Pseudofamilien, die sich aber auch schnell wieder auflösen können. Denn die durch das Wir-Gefühl zusammengeschweißten Personen, die sich über den Sieg „ihres“ Landes zum Beispiel bei einer Fußball-Weltmeisterschaft freuen, lassen in anderen Situationen, unter anderen Rahmenbedingungen, oft kein gutes Haar an „ihrem“ Land und „ihren“ Landsleuten.

Wenn sie mittel- bis langfristig aufrechterhalten werden, können Pseudofamilien aber katastrophale Auswirkungen zeitigen. Das ideologisch beziehungsweise religiös verstärkte Wir-Gefühl (die Grenzen zwischen Ideologie und Religion sind nicht leicht auszumachen) kann zu ungeheuren Gräueltaten führen. Geschichte und Gegenwart belegen das auf erdrückende Weise. Denn je stärker die Gruppenidentität – und sei es die Identifizierung mit einer Pseudofamilie – ausgeprägt ist, desto höher ist die Bereitschaft, andere, die also nicht „dazugehören“, nicht einfach bloß auszugrenzen, sondern zu verfolgen und auszurotten. Das Dritte Reich ist das bisher schrecklichste Exempel dafür, obwohl „im kleineren Maßstab“ viele andere Beispiele schnell zur Hand sind. Der Genozid, der Völkermord, begleitet die ganze Menschheitsgeschichte. Aus neuerer Zeit in Erinnerung sind die Abschlachtung der Tutsi durch die Hutu im afrikanischen Ruanda oder der zwischen den Völkern des ehemaligen Jugoslawien aufgestaute Hass, der zu Beginn der 1990er Jahre zu gleich mehreren Kriegen führte.

Das Wir-Gefühl und die Ausgrenzung des Anderen oder auch nur des Andersdenkenden sind maßgeblich dafür verantwortlich, dass noch jeder Tyrann, jeder Diktator Anhänger gefunden hat, die sich fanatisch für die „gemeinsame Sache“ begeistern können und zu jeder Bluttat bereit sind. Versager auf der ganzen Linie, Leute, die unter „normalen“ Umständen nichts zu vermelden haben, finden in einer auf ideologischem (religiösem) Fundament konstruierten Pseudofamilie ihren Anschluss und ihre „Bestimmung“. Dazu gehört kein Verstand, denn – in leichter Abwandlung eines ukrainischen Sprichworts – wo die Fahne weht, bleibt dieser ohnehin in der Trompete. Freilich ist das Wir-Gefühl an sich harmlos, die längste Zeit seiner Stammesgeschichte diente es dem Menschen sogar zum Überleben. Nicht unbedingt führte es zur Diskriminierung und zur Verfolgung anderer Gruppen, auch weil – unter steinzeitlichen Lebensbedingungen – die Gruppen großflächig verteilt waren und sich ihre Wege nicht allzu oft gekreuzt haben dürften. Der Soziobiologe Eckart Voland bemerkt pointiert und treffend Folgendes dazu:

Mit dem „Wir-Gefühl“ und seinen Begleiterscheinungen verhält es sich wie mit Hühneraugen. Normalerweise spielen sie keine Rolle … Aber wie alle biologischen Merkmale – auch die der Psyche – werden sie nicht wirklich überwunden, sondern die Wahrscheinlichkeit ihres Auftretens ist eine Funktion der Umstände. Wehe, der Schuh drückt! Und wenn der Schuh drückt und das „Wir“ sichtbar wird, verstehen offensichtlich viele keinen Spaß. Das Spiel mit dem „Wir“ ist keineswegs so harmlos, wie man es gerne hätte, denn zur Wir-Psychologie gehört auch ein moralischer Imperativ von beeindruckender Schlichtheit: „Groupness geht vor fairness!“

(Voland 2007, S. 37 f.)

Also, die eigene Gruppe ist wichtiger als faires Verhalten gegenüber allen Leuten, die nicht zur eigenen Gruppe gehören. Unter gegebenen ideologischen (religiösen) Rahmenbedingungen kann dieser Imperativ zu ungeheuren Exzessen führen – und hat auch immer wieder dazu geführt. Oder mit den Worten des amerikanischen Wissenschaftsjournalisten William Allman gesagt:

Wenn immer mehr unbekannte Gesichter in einer Gesellschaft auftauchen und die magische „150-Personen-Schallmauer“ … durchbrochen wird, verfallen die Mitglieder dieser Gesellschaft in ein einfaches „Schubladendenken“ und urteilen nach Äußerlichkeiten (beispielsweise ökonomischem Status, Klassenzugehörigkeit oder Rasse), um Feind und Freund auseinanderzuhalten. Leider kann es innerhalb einer Gesellschaft immer wieder zu Reibereien und Dauerfeindlichkeiten zwischen Gruppen kommen, selbst wenn solche Situationen langfristig zu einem gravierenden Problem für die ganze Gesellschaft auswuchern.

(Allmann 1999, S. 333)

Die Ghettos unserer Millionenstädte sind auch nichts weiter als ein Ausdruck des Wir-Gefühls. Es ist kein Zufall, dass sich in einem klassischen Einwanderungsland wie den Vereinigten Staaten von Amerika Einwanderer aus dem jeweiligen Herkunftsland in den großen Städten in eigenen Bezirken oder Bezirksteilen zusammenballten (China Town, Little Italy und so weiter). Leute gleicher Herkunft bleiben gern beisammen. Wenn sie dann auch noch ein gemeinsamer tiefer religiöser Glaube verbindet, dann fällt die Abgrenzung von „den Anderen“ umso schärfer aus. Dieser triviale Umstand ist, wenn sie ihn denn überhaupt wahrhaben wollen, unseren Integrationspolitikern ein Dorn im Auge. Aber das wäre schon ein anderes Thema.

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235 s. 9 illüstrasyon
ISBN:
9783863740719
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