Kitabı oku: «Nofretete: Die historische Gestalt hinter der Büste»

Yazı tipi:

Franz Maciejewski
Nofretete
Die historische Gestalt hinter der Büste

Saga

»Wie man es erzählen kann, so ist es nicht gewesen.«

(Christa Wolf)

Einleitung
Hundert Jahre Missverstehen

Vor Ort in Tell El-Amarna. Wir schreiben den 6. Dezember 1912, ein Freitag. Die Mannschaft der Deutschen Orient-Gesellschaft hat in den Ruinen der Hauptstadt des rätselhaften Pharaos Echnaton gerade ihre zweite Grabungskampagne begonnen. In der Südstadt, westlich der sogenannten Oberpriesterstraße, sollen an diesem Tag Wohnhaus und Werkstatt des Bildhauers Thutmosis erkundet werden. Von dort kommend stürmt gegen Mittag ein Arbeiter in das Büro der Grabungsleitung. Er übergibt Ludwig Borchardt, dem chef d’équipe, einen Zettel mit der Aufforderung, schnellstens zum Haus P 47 zu kommen – ein Kürzel für das abgesteckte Planquadrat im besagten Quartier der antiken Stadt. Im meterhohen Schutt der Modellkammer des Thutmosis ist ein vielversprechender Fund gemacht worden; eine Rundplastik ist zum Vorschein gekommen, von der »zuerst nur ein fleischfarbener Nacken mit aufgemalten roten Bändern bloß liegt«. An Ort und Stelle lässt Borchardt die Hacke beiseite legen und hilft mit, das Objekt behutsam zu bergen und zu reinigen. Wenige Minuten später hält er den fast vollständig erhaltenen Porträtkopf der Nofretete, der Großen Königlichen Gemahlin des Echnaton, in Händen (Abb. 1). Ein Jahrhundertfund. Überwältigt von der Ausstrahlung der »bunten Büste« (wie der Fund fortan genannt wird) notiert er abends in sein Tagebuch: »Arbeit ganz hervorragend. Farben wie eben aufgelegt. Beschreiben nützt nichts, ansehen!«

Noch am Tag ihrer (Wieder-)Entdeckung nach über dreitausend Jahren avanciert Nofretete zu einer Ikone der Schönheit, die sprachlos bewundert werden will. Heute – hundert Jahre danach – will es so scheinen, als habe das schwärmerische Motto ihres Entdeckers die Wahrnehmung der Amarnakönigin ein für allemal festgelegt. Das gilt nicht nur für das anonyme Millionenpublikum, das alljährlich in das Ägyptische Museum von Berlin strömt, um die Schöne zu sehen, sondern ebenso für die Mehrzahl der mit ihr befassten Wissenschaftler, Ägyptologen nicht anders als Kunstgeschichtler und Kulturhistoriker. Während König Echnaton aufgrund seiner beispiellosen Taten als Kulturheros und Städtebauer den Ehrentitel »erste Persönlichkeit der Weltgeschichte« erhielt, wurde und wird die Persönlichkeit Nofretetes mit dem Ruf, »die schönste Frau der Weltgeschichte« zu sein, auf die Gestalt eines zeitlosen Eros reduziert. Einen festen historischen Platz hat sie bislang einzig in der »Geschichte der Schönheit«1 gefunden, als deren Covergirl sie vielfach auftritt. Man höre zum Beispiel die Einlassung des französischen Ägyptologen Christian Jacq: »Es fehlen einem die Worte, um diese Frau von strahlender Hoheit, deren Lächeln von einem inneren Licht beseelt ist, das die Jahrtausende überdauert hat und uns im Herzen anrührt, zu beschreiben.« Ein zeitgenössisches, fast wortgetreues Echo auf das Motto Borchardts. Zugleich ein sprechendes Dokument für hundert Jahre Missverstehen.

Einen falschen (besser: einseitigen) Eindruck vom Kopf der Nofretete hat Borchardt möglicherweise deshalb gewonnen und weitergegeben, weil er ein entscheidendes Detail der Büste nicht (mehr) sehen konnte – aber hätte beschreiben können. Im Tagebuch heißt es zum Zustand des Kunstwerkes lapidar: »Es war fast vollständig, nur die Ohren waren bestoßen und im linken Auge fehlte die Einlage.« Doch dies sind nicht die einzigen Beschädigungen resp. Mängel. In der Mitte der blauen Krone (die Borchardt durchgängig als Perücke bezeichnet) sind die Reste einer sich windenden Königsschlange sichtbar, deren sich aufbäumender Kopfteil abgeschlagen wurde. (Dies geschah wahrscheinlich noch in Amarna selbst, vielleicht bei der Aufgabe der Stadt; jedenfalls wurden vor Ort keinerlei Bruchstücke mehr gefunden.) Vor allem in Profilansicht ist das fehlende Stück kaum als Verlust auffällig; es wird – zumindest in den Augen des westlichen Betrachters – nicht wirklich vermisst. Frontal betrachtet scheinen sich die Reste des (in Form einer liegenden Acht gewundenen) Schlangenleibs im Dekor des bunten Reifs, das die Krone in der Mitte wie bandartig zusammenhält, nahezu zu verlieren, während das lange Schwanzende unauffällig auf der abgeflachten Dachfläche ausläuft. Anhand einer der ältesten zeichnerischen Kopien der Büste, bei der die Künstlerin Clara Siemens2 den beim Original weggebrochenen Halsschild und Kopf der Stirnschlange ergänzt hat, lässt sich der gegenteilige Eindruck überprüfen (Abb. 2). Tatsächlich zeichnet die vollständige (vervollständigte) Büste deutlich ein Moment verstörender Fremdheit aus. Sie resultiert aus dem Widerspruch zwischen dem Ausdruck von Ruhe und Ebenmaß, den das Gesicht der Königin ausstrahlt, und dem von Wildheit und Aggressivität, wie ihn die Gestalt einer kampfbereit aufgerichteten Kobra zeigt. Der Schönen war in Wirklichkeit ein Biest beigesellt, dessen magischer Bann die erhabene Szene in eine bedrohliche Vorwelt versetzt. Bei der aufgefundenen Büste ist mit dem verlorenen Stück auch diese irritierende Spannung und Erregung verschwunden. Es sei denn, man hat sich ein Gespür für jenen »ausgesparten Raum wie von Gefahren« (Rilke) erhalten, wie etwa die amerikanische Kunst- und Kulturhistorikerin Camille Paglia, die darauf beharrt, die angemessene Reaktion auf die Büste der Königin sei Angst. Für gewöhnlich wirkt das Gesicht der Nofretete ohne den bedrohlichen Schlangenkopf vertrauter, wenn man so will: europäischer. Die kulturelle Fremdheit ist einem gefühlten Modernismus gewichen, der eine unwiderstehliche Anziehungskraft entfaltet. Liegt hier einer der Gründe, warum auch Borchardt das Fehlen der Stirnschlange anfänglich nicht bemerkt zu haben scheint? War die spontane Nähe und Einfühlung, die der deutsche Ägyptologe für eine Königin der fernen Bronzezeit zeigt, insgeheim dem missing link geschuldet, das unbewusst als Gewinn im Verlust verbucht wurde? Dann wäre mit Nofretete geschehen, was der erste Biograph des Echnaton, Arthur Weigall, mit dem Amarnakönig nahezu zeitgleich (1910) gemacht hat: diesen aufgrund der empfundenen Wahlverwandtschaft von Aton-Religion und Christentum als »unseren Bruder, ja fast unseren Zeitgenossen« anzunehmen. Für die westliche Kulturelite brachten die Amarnafunde offenbar das Gewünschte.

Wir können natürlich nicht wissen, was damals in Borchardt wirklich vor sich gegangen ist, und wollen daher die Frage, ob unbewusste Motive bei der Inaugenscheinnahme der bunten Büste (und nachfolgend im Verlauf der Rezeptionsgeschichte) eine Rolle gespielt haben, auf sich beruhen lassen. Aber ein anderer (die Königsideologie betreffender) Umstand hätte dem kühlen Forscher unbedingt zu denken geben – und ihn dann zu Block und Bleistift greifen lassen müssen. Der sich aufrichtende Teil der Stirnschlange war abgeschlagen und unwiederbringlich verloren; aber die unstrittige Tatsache, dass zur Modellbüste aus der Werkstatt des Thutmosis ein sogenannter Uräus gehörte, war alles andere als selbstverständlich. Seit Menschengedenken galt im Alten Ägypten die an der Stirn getragene Uräusschlange als Ausweis königlicher Würde par excellence. Sie signalisierte im Zeichen der Kobra göttlichen Schutz und unbedingte Machtfülle und war allein dem Pharao vorbehalten; die königlichen Gemahlinnen trugen wahlweise den Geier (oder ersatzweise die Geierhaube) zusammen mit einem Uräus oder zwei (manchmal auch mehreren) Uräen. Borchardt muss gewusst haben, dass diese Tradition auch in Amarna Geltung beanspruchte, einer Zeit, in der selbst die als Gottkönig verehrte Sonnenscheibe (»Aton«) nie ohne Uräus abgebildet wurde. In den frühen und mittleren Jahren seiner Regierung trägt allein Echnaton die einzelne Stirnschlange als Zeichen der Königsherrschaft. Während dieser Zeit sehen wir Nofretete – nicht anders als vor ihr Königin Teje, Echnatons Mutter, und nach ihr Anchesenamun, die Gemahlin Tutanchamuns – stets mit (mindestens) zwei Uräen abgebildet. Das gilt interessanterweise auch für ein Modellrelief, das wir als blue print der »bunten Büste« begreifen können. Die Komposition dieses in linker Profilansicht dargestellten Kopfes entspricht in allen wesentlichen Teilen der Darstellung des Berliner Kopfes der Nofretete. Abgesehen vom mehr expressiven Stil der Frühzeit besteht der einzige ikonographische Unterschied im Vorhandensein von zwei Uräen. Das heißt, das Flachrelief zeigt Nofretete eindeutig als Große Königliche Gemahlin. Wenn es (was durchaus als möglich erscheint) dem Bildhauer Thutmosis in späterer Zeit als Modell gedient hat, dann hätte dieser seine Vorlage in einem entscheidenden Punkt verändert und offensichtlich der neuen Realität bei Hofe angepasst. Die Berliner Büste zeigt uns nicht länger das Antlitz der Königin (als der Frau des Königs), in vollendeter Weise präsentiert sie uns das neue Gesicht der Nofretete in der Pose einer Regentin. Die Schöne kommt als Herrscherin daher. Das ist die wahre Sensation des Fundes und die eigentliche Botschaft der Berliner Skulptur jenseits der kunstästhetischen Dimension. Eine Botschaft, die Borchardt offensichtlich entgangen ist.

Die Amarnazeit

»Amarna« ist ein Kunstwort, das auf einige arabische Dorf- und Stammesnamen aus der Gegend des antiken Achetaton (»Horizont des Aton«), Echnatons neuer Residenz, zurückgeht. Heute bezeichnet der Name nicht nur den Ort, sondern ebenso die Epoche, die für gewöhnlich mit der 17-jährigen Regierungszeit des »Ketzerkönigs« gleichgesetzt wird. Diese Bestimmung ist jedoch ungenau. Von den siebzehn Jahren hat Echnaton nur die letzten zehn Jahre in seiner neuen Hauptstadt residiert, die ersten Jahre (die mehrjährige Bauzeit eingeschlossen) verbrachte er mit seinem Hof in Theben. Hier fand – noch unter dem Geburtsnamen Amenophis IV. – sowohl seine Krönung als auch seine Heirat mit Nofretete statt. Thebanisch inspiriert waren die Anfänge des neuen künstlerischen Aufbruchs, der gemeinhin als »Amarnastil« bezeichnet wird. Mit den ersten Aton-Tempeln stand auch die Wiege der neuen Religion in Theben.

Das mit Amarna Gemeinte – der revolutionäre Umbruch in Religion und Kunst – wurde also anfänglich in Theben in Szene gesetzt (wo der minderjährige König noch nicht zu den Hauptakteuren zählte) und ging dann später über den namensgebenden Ort und die Lebenszeit seines Gründers weit hinaus. Entgegen einer weitverbreiteten Annahme wurde Echnaton nicht gestürzt, sondern in allen Ehren im Königsgrab von Amarna beigesetzt. Auf ihn folgten vier weitere Herrscher, die sich dem Erbe von Amarna, nicht zuletzt aufgrund verwandtschaftlicher Beziehungen, verpflichtet fühlten und zusammen noch einmal 17 Jahre lang regierten: Nofretete, Echnatons Witwe; Semenchkare, sein Halbbruder; Tutanchaton/-amun, sein Sohn; Eje, sein Schwiegervater. Wenngleich die beiden letzten Könige Amarna wieder verließen, waren sie doch allesamt mit Amarna kontaminiert. Als die nachfolgenden Ramessiden Echnaton samt seinen Nachfolgern en bloc aus den Königslisten strichen, haben sie also eine erweiterte Amarnazeit von 34 Jahren aus dem kollektiven Gedächtnis zu tilgen versucht.

Soweit wir wissen, war Nofretete die einzige Frau, die zu Lebzeiten Echnatons die Stirnschlange trug – und damit den Platz einer gleichberechtigten Mitregentin einnahm. Diese Statuserhöhung ist am besten durch die sogenannte Wilbour-Plakette (Abb. 3) belegt, benannt nach Charles Edwin Wilbour, der das Stück im Jahre 1881 in Amarna erwarb (das somit Borchardt bekannt gewesen sein dürfte). Die Vis-à-vis-Darstellung des Königspaares Echnaton-Nofretete kulminiert in der faszinierenden Gegenüberstellung der beiden Kobras, die – wie die amerikanische Ägyptologin Dorothea Arnold gesehen hat – sehr unterschiedlich stilisiert sind: »Echnatons Kobra bietet ein Bild der Würde, in aufrechter Pose und mit der ruhigen doppelten Schleife des kräftigen Körpers, während Nofretetes nervös schlängelnde Schlange sich bedrohlich nach hinten bewegt, bereit zuzustoßen. Hat der Künstler die beiden Koregenten bewusst unterscheiden wollen, indem er Echnaton am Abend seiner Revolution in abgeklärter Ruhe darstellte, Nofretete dagegen als den aktiveren und energischeren Partner, bereit die Herausforderung des Tages anzunehmen?« Wie auch immer, Einigkeit herrscht unter Experten darüber, dass die Plakette aus der Spätzeit von Amarna stammt. Damit verglichen dürfte die bunte Büste – übrigens die erste aufgefundene Rundplastik, die Nofretete mit einer solitären Stirnschlange zeigt – noch um einige Jahre später zu datieren sein, entweder aus der Zeit unmittelbar vor oder kurz nach dem Tod Echnatons. Das heißt, die Skulptur könnte Nofretete noch als Mitregentin oder schon als Alleinherrscherin zeigen. Die Frage lässt sich nicht entscheiden. Die Würdigung von Arnold im Ohr ist es jedoch eine ansprechende Vermutung, die jetzt von Nofretete ausgestrahlte Ruhe und Souveränität dahingehend zu interpretieren, dass der Künstler den Auftrag hatte, das neue Image der Königin als Pharaonin ins Werk zu setzen. Wenn dem so wäre, dann enthielte das gängige Klischee von der »zeitlosen Schönen« in der Tat eine dramatische Unterbewertung jener Frau, der es als zweiter Königin nach Hatschepsut3 gelang, im Verlauf der 18. Dynastie den ägyptischen Thron zu besteigen.

Kann es sein, dass Ludwig Borchardt, der Entdecker, all die sprechenden Spuren und Zeichen übersehen hat? Soweit dürfen wir sicherlich nicht gehen. Tatsächlich hat er Jahre später die unterlassene Beschreibung der bunten Büste nachgeholt, wenn auch zögerlich. In seiner Schrift »Porträts der Königin Nofretete« (1923) bekräftigt er zunächst sein damaliges Motto (»Beschreiben nützt nichts, ansehen!«) mit den Worten: »Heute möchte ich dasselbe wieder schreiben, da ich überzeugt bin, dass meine Worte den Eindruck dieses Kunstwerkes nicht wiedergeben können.« Bemerkenswert, dass Borchardt hier allein die ästhetische Bewertung der Büste ins Spiel bringt. Er betrachtet seine kostbare Trophäe offenbar in erster Linie als Ausstellungsstück und weniger als Forschungsgegenstand, der dazu dienen könnte, die Geschichte von Amarna neu zu schreiben. Doch nach diesem erneuten Abstandhalten lässt er sich auf eine »betont sachliche« Beschreibung ein und kommt selbstredend auch auf die Stirnschlange zu sprechen, die uns als eine Art von Leitfossil gedient hat. Die entsprechende Passage lautet: »Etwa auf halber Höhe wird die Perücke durch einen festen goldenen Reif mit Halbedelsteineinlagen bandartig zusammengehalten. Vorn an diesem Reif erhebt sich die Königsschlange, deren Schwanz scharf geknickt auf der Oberseite der Perücke verläuft. Dieser ganze Reif mit der Königsschlange und dem soeben beschriebenen hinteren Schluss ist ein bekanntes, oft abgebildetes königliches Abzeichen, das uns in dem berühmten Diadem des Königs Antef im Leydener Museum auch in Wirklichkeit erhalten ist.«

Mit der Feststellung, Nofretete trage mit der Stirnschlange ein »königliches Abzeichen«, ist Borchardt der Deutung ganz nah, dass wir nach diesem Ausweis in ihr eine wirklich regierende Königin, also eine Echnaton in Kult und Politik gleichwertige Monarchin, anerkennen müssen. Doch er verschließt sich dieser Schlussfolgerung: »Aus diesem äußerlichen Hervortreten der Königin aber auf ihre tätige Mitwirkung bei den Regierungsgeschäften oder bei den religiösen Bestrebungen ihres königlichen Gemahls zu schließen, scheint mir doch etwas gewagt, namentlich wenn man die andere – oder vielleicht einzige – Seite ihres Wesens betrachtet, die sich in den vielen Familiendarstellungen zeigt. Dort sieht man sie stets nur als liebende Gattin und zärtliche Mutter.«

Das ist – ganz abgesehen vom deutlich herrscherzentrierten Zungenschlag – ein erkennbar schwaches Argument, weil es ebenso gut die Annahme stützen könnte, in den zahlreichen Familienszenen offenbare sich das wahre Wesen des Echnaton als das »eines liebenden Gatten und zärtlichen Vaters«. Es ist ja gerade das Signum der Amarnazeit, dass das Königspaar fast alle Lebensbereiche teilt und dabei gleichberechtigt und häufig ununterscheidbar auftritt. Aber davon abgesehen, lassen sich einige der sinnlichen, häufig intimen Familienszenen, in denen Nofretete ihrem Gatten Wein einschenkt oder diesen zärtlich liebkost, tatsächlich im Sinne Borchardts (miss-)verstehen. Das gilt auch für eine Vielzahl von Darstellungen des Königspaares beim Opfer für Aton. Typischerweise sehen wir den religiösen Exzentriker Echnaton mit hoch erhobenen Weihgaben voranschreiten, gefolgt von seiner Gattin, die – omnipräsent, aber stets einen Schritt zurück und einen Kopf kleiner – sich für den Kult, so scheint es, in die Pflicht nehmen lässt, ohne das Gefälle der Macht in Frage zu stellen. Das ist jedoch nicht die ganze Wahrheit. Die Schieflage, in die Borchardt geraten ist, hat ihren Grund in einem Klumpeneffekt: Bei weitem die meisten seiner Belege stammen aus der frühen und mittleren Amarnazeit. Schon die aus der Spätzeit zu datierende Berliner Büste fällt, richtig beschrieben, aus diesem Rahmen heraus. Ähnliches gilt auf der anderen Seite für die Vor-Amarnazeit, also die frühen Regierungsjähre in Theben, die zu Borchardts Zeit noch kaum erforscht waren. Hier findet sich eine Fülle von Belegen, die das gängige Bild von der attraktiven (aber unpolitischen) First Lady an der Seite Echnatons auf ganz andere Weise in Frage stellen. So etwa Szenen, in denen Nofretete in Gestalt einer Sphinx symbolisch die Feinde Ägyptens niedertrampelt oder die rituell-martialische Geste des »Erschlagens der Feinde« vollzieht. Königliche Taten einer noch Ungekrönten. Überraschende Facetten wie diese führen zu einer völligen Neubewertung der geschichtlichen Rolle der Königin – und des Mannes an ihrer Seite. Nach 100 Jahren ist die Zeit gekommen, das Motto von Borchardt auf den Kopf zu stellen: Anschauen reicht nicht, beschreiben!

Der verspätete Auftritt der historischen Gestalt, die so lange hinter dem schönen Schein der Berliner Büste verborgen war, ist alles andere als eine sich selbst erzählende Geschichte. Dafür sind die Belege von unstrittiger Bedeutung zu gering, die Lücken im Lebenslauf der Amarnakönigin zu groß. Das heißt, die Sinngeschichte, die ich hier vorlege, kann und will allein durch Triftigkeit der Rekonstruktion, nicht durch letzte Gewissheit überzeugen. Entscheidend für die Linienführung und Konturierung der Gestalt der Nofretete sind zwei historische Grundfiguren, die – wie schon im Fall meiner Studie über Echnaton (2010) – den gesamten Plot zusammenhalten:

1 Das bewegende Geschichtsmoment der erweiterten Amarnazeit ist ein vom Hause Juja betriebener Dynastiewechsel, der das Ende der Thutmosiden heraufbeschwört. Nach ihrer Großtante Mutemwia, einer (Neben-)Frau Thutmosis’ IV., und ihrer Tante Teje, der Gattin Amenophis’ III., ist Nofretete die dritte Juja, die mit Amenophis IV.-Echnaton einen thutmosidischen König heiratet; aber sie ist die erste Juja-Königin, die – nicht zuletzt durch den Aufwind einer zum Staatskult erhobenen Aton-Religion – selber den Thron Ägyptens besteigt.

2 Der revolutionäre Umbruch des Echnaton, der in der Gründung eines intoleranten Gottesstaates gipfelt, ist eine kurzzeitige (wenngleich mächtige) Seitenlinie der breiten machtpolitischen Spur. Während das auf dem Fließsand inzestuöser Beziehungen errichtete Kartenhaus des religiösen Fanatikers rasch zerfällt, bestellen die Juja im Nachfolgestreit weiterhin erfolgreich ihr Feld. Mit König Eje, dem Vater der Nofretete, steigt am Ende der Amarnazeit der erste männliche Vertreter des Hauses Juja zum Pharao auf. Neben ihren beiden Vorgängerinnen Mutemwia und Teje und ihrem väterlichen Nachfolger Eje ist Königin Nofretete die schillernde Hauptperson im großen Drama von Aufstieg und Fall des Hauses Juja – dem letzten Vorhang der ruhmreichen 18. Dynastie.

Erster Auftritt
Theben um 1350 v.u.Z.
Der Tempelbezirk des Amun-Re-Harachte in Karnak

Als Kronprinz Amenophis im Alter von 10 (vielleicht 12) Jahren seinem gleichnamigen Vater Amenophis III., dem »Herrscher der Herrscher«, auf den ägyptischen Thron nachfolgt, ist er formell der mächtigste Mann der damals bekannten Welt – in Wahrheit jedoch ein Kindkönig unter Einfluss. Die Regierungsgeschäfte liegen – wie so häufig in der 18. Dynastie4 – in den Händen der Königswitwe und Königsmutter. Teje, nach Ausweis des berühmten Berliner Kopfes (Abb. 4) eine Frau von großer Willenskraft, hatte an der Seite ihres verstorbenen Gemahls eine beispiellose Karriere hinter sich. Während der ungewöhnlich langen Regierungszeit von weit über dreißig Jahren vermochte sie den Spielraum, der einer Großen Königlichen Gemahlin traditionell zur Verfügung stand, stetig zu erweitern und eine nie da gewesene Machtfülle auf sich zu vereinigen. An allen wichtigen politischen wie kultischen Ereignissen nahm sie aktiv teil; sie »leitete Ober- und Unterägypten« (wie amtliche Urkunden beglaubigen) und korrespondierte eigenständig mit fremden Herrschern. Zum ersten Mal verkörperte sie die Kraft des Sonnengottes in Gestalt einer weiblichen Sphinx, ein Vorrecht, das seit Urzeiten dem (männlichen) Pharao als dem »Sohn des Re« vorbehalten war. Folgerichtig erwies man ihr schon zu Lebzeiten kultische Ehren.

Beim Tode Amenophis’ III. stand Königin Teje faktisch im Zenit ihrer Macht. Das heißt, bei den mit der Thronfolge einhergehenden Entscheidungen: der Festlegung des ersten Regierungsprogramms sowie der Auswahl einer geeigneten Heiratskandidatin für den jungen König, führte an ihr kein Weg vorbei. Für die einflussreichen Kreise am Hof dürfte Teje geradezu als Garantin für die Fortsetzung der so erfolgreichen Politik der Thutmosiden gegolten haben. Als faktische Mitregentin aus den Zeiten Amenophis’ III. war sie wie keine andere die Repräsentantin einer unbeschreiblichen Glanzzeit. Mit den Mitteln der Diplomatie (und nicht länger des Krieges) hatte das Herrscherpaar Ägypten Frieden und einen ungeheuren Reichtum beschert, einen scheinbar nie versiegenden Zustrom an Menschen und Waren aus aller Herren Ländern. Architekten statt Generäle hatten das Sagen und überzogen im Auftrag der Krone das Land mit gewaltigen Bauten. Monumentale Tempel und prachtvolle Paläste auf beiden Seiten des Nils, stets eingefasst von zahllosen Wasserbecken und blühenden Gärten, an die sich die luxuriösen Villen der Beamten und Höflinge, aber auch die quirligen Viertel der Händler und Handwerker anschlossen, verwandelten die alte Hauptstadt der Hyksosbezwinger in eine mondäne Metropole: eine vielgesichtige, auch religiös polyphon gestimmte Stadt von Welt, deren Strahlkraft im Homerischen Bild vom »hunderttorigen Theben« legendär geworden ist. Angesichts dieser glänzenden Ausgangslage standen die Zeichen eindeutig auf Kontinuität und nicht auf Umbruch.

Die ersten Schritte der neuen Regierung Amenophis’ IV. schienen diese Erwartungen zu bestätigen. Kein Feldzug, sondern ein neues ehrgeiziges Bauprogramm stand auf der Tagesordnung des Hofes. An die höchsten Beamten und Offiziere erging der Befehl, im ganzen Land Arbeiter zu rekrutieren, um in den Steinbrüchen von Gebel Silsile (weit südlich von Theben) Sandstein für den Bau eines Obeliskentempels zu brechen und nach Karnak zu transportieren. Dieser thebanische Tempelbezirk war das kultische Zentrum des Reichsgottes Amun. Seit Generationen empfanden es die Pharaonen als eine heilige Verpflichtung, den Großen Amun-Tempel durch neue Pylone und Sanktuare, Kapellen und Höfe immer größer und prächtiger zu gestalten. Mit den ersten Thutmosiden hielt der ursprünglich im nördlichen Heliopolis heimische Kult um den Sonnengott Re Einzug in Karnak.5 Vor allem mit der Aufrichtung von Obelisken verwandelte sich die oberägyptische Stadt nach und nach in ein »südliches Heliopolis«. Konsequenterweise hieß der Götterkönig fortan Amun-Re. In den Tagen Amenophis’ IV. bedeutete das Aufstellen eines solaren Kultobjekts im Tempelbezirk des Amun-Re also nichts Außergewöhnliches. Befremdlich war allenfalls der Name des Sonnengottes, dem das Heiligtum geweiht war. Auf den Inschriften heißt er nicht einfach Re-Harachte; er wird vielmehr mit einer komplizierten Formel umschrieben:

Re-Harachte, der im Horizont jubelt, in seiner Gestalt als Licht, das die Sonnenscheibe (Aton) ist.

Den Sonnentheologen unter den Priestern wird nicht entgangen sein, dass hier neben Re-Harachte und Aton ein drittes Element auftaucht: das Licht. Ein weiteres solares Gottesteilchen, das ganz offensichtlich das Wesen des Aton bezeichnen soll. Die von der Sonnenscheibe ausgesandten Strahlen, welche die Welt ins Leben rufen und deren heilige Schöpfungsordnung bewahren helfen, lassen Aton als Lichtgott erscheinen. Doch was sich für uns als ein untrüglicher Hinweis auf den grundstürzenden Aton-Kult der späteren Jahre liest, dürfte in den Augen der relevanten Zeitgenossen bestenfalls als eine Zuspitzung dessen erschienen sein, was in den gängigen Sonnenhymnen (etwa dem berühmten Hymnus von Suti und Hor, zweier Baumeister aus der Spätzeit Amenophis’ III.)6 längst als kultureller Sinn zirkulierte. Dass der junge Pharao durchaus in den traditionellen Spuren seines Vorgängers zu wandeln beabsichtigte, suggeriert auch die große Felsinschrift am Gebel Silsile, welche die rituelle Eröffnung der Steinbrüche festhält. Das Bildfeld dieser Stele ist völlig konventionell gestaltet und zeigt Amenophis IV. beim Opfer vor Amun-Re. Umgekehrt wird dort der Sonnengott Re-Harachte ebenso orthodox dargestellt: in menschlicher Gestalt mit Falkenkopf und Sonnenscheibe, ausgeführt in der alten Technik des erhabenen Reliefs. Ähnliches gilt für Szenen, die sich im Grab eines hohen Beamten, eines gewissen Kheruef, erhalten haben. Hier sehen wir Amenophis IV. beim traditionellen Opfer vor den Göttern Re-Harachte und Maat, Atum und Hathor – stets in Begleitung seiner Mutter Teje.

Die ganz im herkömmlichen Stil ausgeführte Bildfolge dokumentiert die Frühzeit der Regierung und zeigt an, dass Amenophis IV. in dieser Phase noch nicht verheiratet war. Tatsächlich tritt Nofretete, seine zukünftige Gattin, erst im dritten Regierungsjahr überhaupt in Erscheinung (Abb. 5). Warum musste sie auf ihren ersten Auftritt so lange warten? Stieß ihre Erwählung zur königlichen Gemahlin auf Widerstände? Es gibt gute Gründe, genau dies anzunehmen. Nofretete war weder eine standesgemäße Prinzessin, die in das Schema royaler Thronfolge passte, noch eine einfache Haremsdame, die es als Favoritin des Thronanwärters zu einer Liebesheirat gebracht hätte. Vielmehr kam sie mit großer Wahrscheinlichkeit aus derselben einflussreichen Familie, aus der auch Königin Teje stammte: dem Haus Juja. Die Älteren unter den Zeitgenossen werden sich an den spektakulären Coup erinnert haben, mit dem der Hof eine Generation zuvor die Vermählung Amenophis’ III. mit Teje bekannt gab: mittels eines Gedenkskarabäus (des sogenannten »Heiratsskarabäus«), auf dem nicht nur der Name der »Großen Königlichen Gemahlin Teje« eingraviert war, sondern gegen alle Etikette bei Hof auch die Namen ihrer »bürgerlichen« Eltern: »Der Name ihres Vaters ist Juja, der Name ihrer Mutter ist Tuja.«

Die außergewöhnliche Nobilitierung von Tejes Herkunftsfamilie geschah gewiss nicht aus heiterem Himmel; sie war nur möglich, weil die verwandtschaftliche Verflechtung des Hauses Juja mit dem Geschlecht der Thutmosiden eine Vorgeschichte hatte. Vieles spricht dafür, dass es sich bei Mutemwia, der (Königs)Mutter Amenophis’ III., um eine Schwester des Juja handelte. Wenn diese Abstammungslinie stimmt, dann war sie die erste Abgesandte des mächtigen Klans in das Königshaus. Anfänglich eine Nebenfrau König Thutmosis’ IV., machte sie der Zufall (nämlich der Tod zweier älterer erbberechtigter Prinzen) zur Mutter des Kronprinzen. Dieser Spross bestieg nach dem plötzlichen Tod des Pharaos im zarten Alter von etwa sechs Jahren als Amenophis III. den Thron Ägyptens und katapultierte damit seine Mutter in den Rang einer faktischen Regentin. Im Vakuum der Macht ergriff Mutemwia, sicherlich mit Unterstützung einflussreicher Beamter und Militärs (darunter ihr Bruder Juja, der als Chef der Streitwagentruppe über eine eigene Hausmacht verfügte) die Gelegenheit, den unverhofften Machtzuwachs ihres Klans abzusichern und zu erweitern. Noch im Kindesalter verheiratete sie ihren Sohn Amenophis mit ihrer Nichte Teje. Sie war es also, die im sicheren Gefühl der Macht die Stirn hatte, auf dem besagten Heiratsskarabäus Tejes Eltern namentlich zu nennen. Zum zweiten Mal, so lautete die triumphale Geste, war eine Juja in das Königshaus der Thutmosiden eingetreten, jetzt als Große Königliche Gemahlin.

Erst unter dem Blickwinkel der halbverwehten Spur einer dynastischen Machtverschiebung zugunsten des Juja-Klans wird die brisante Entscheidungssituation verständlich, in der sich Teje bei der Inthronisierung ihres Sohnes befunden hat. Als Königswitwe und Königsmutter ähnelt ihre Lage der ihrer Vorgängerin. Sie führt das Land als Regentin stellvertretend für ihren minderjährigen Sohn; und wie Mutemwia, ihre Tante, entscheidet sie sich dafür, dass der junge Thronfolger erneut eine Juja zur Gattin erhält: Nofretete, die Tochter ihres Bruders Eje – der seinerseits die beiden prestigeträchtigen Titel eines Schwiegervaters des Königs (»Gottesvater«) und »Vorstehers der Pferde« auf sich vereinigte.

Teje hatte, wie gesagt, eine ungemein starke Stellung; aber die Umlenkung der dynastischen Interessen des Hauses Juja in die immer fester werdenden Bahnen einer neuen Thronfolge muss auch für sie ein Kraftakt ohnegleichen gewesen sein. Zu deutlich war, dass sie mit ihrer Entscheidung für Nofretete als Königsgemahlin erneut die Karte der »bürgerlichen« Linie der Juja ausspielte – zu Lasten der altehrwürdigen Tradition, welche die Verheiratung des ältesten Königssohnes mit einer königlichen Erbprinzessin vorsah.7 Mit Satamun, der älteren Schwester von Amenophis IV., stand eine Kandidatin für eine traditionelle Geschwisterheirat bereit. Ihre Person hatte Gewicht und mächtige Fürsprecher an ihrer Seite. Amenophis III., der königliche Vater, hatte Satamun in der Geschwisterfolge eindeutig bevorzugt. Er erhob seine älteste Tochter zur Großen Königlichen Gemahlin, der im Königspalast von Malqata eine eigene Domäne zustand, und legte die Fürsorge für sie in die Hände seines wichtigsten Beraters und Beamten, des namensgleichen Amenophis, Sohn des Hapu. Dieser große weise Mann, dem die unvergleichliche Ehre eines eigenen Totentempels zuteil wurde und der in späterer Zeit zum Gott aufstieg, war gewiss ein nicht zu unterschätzender Parteigänger. Er dürfte sich der Unterstützung durch die argwöhnisch gewordene Amunpriesterschaft sicher gewesen sein. Ob es allerdings zu einem offenen Machtkampf zwischen der Partei der Traditionalisten um Satamun und der Partei der Juja um das mächtige Geschwisterpaar Teje und Eje gekommen ist, darüber schweigen die Quellen. Es wird sich indes zeigen, dass die Stunde der Satamun, die das Spiel um die Macht zu diesem frühen Zeitpunkt scheinbar schon verloren hatte, noch kommen sollte.

Das Haus Juja

Das einflussreiche Haus Juja stammte aus Achmim, einem (halb zwischen Theben und Amarna gelegenen) kultischen Zentrum des Fruchtbarkeitsgottes Min. Alle männlichen Abkömmlinge des Juja-Klans waren wie selbstverständlich zunächst Min-Priester. Die spirituelle Kraft des Kultes wussten sie mit militärischer Stärke zu verbinden. Dreimal in Folge standen Juja-Männer an der Spitze des Streitwagenkorps, der Eliteeinheit des ägyptischen Reiches. Zeitgleich und ebenfalls dreimal hintereinander stiegen Töchter dieser Familie zu Frauen an der Seite der thutmosidischen Könige auf: Mutemwia, eine Nebenfrau Thutmosis’ IV. und spätere Königsmutter; Teje, die Große Königliche Gemahlin Amenophis’ III.; Nofretete, Große Königliche Gemahlin Amenophis’ IV.-Echnaton.

Nofretete gelang als erster Juja-Königin der Sprung an die Spitze der Staatsmacht. Noch zu Lebzeiten ihres Gatten stieg sie zur Mitregentin auf, um nach dessen Tod schließlich selbst den Thron zu besteigen. Mit ihrem Herrschaftsantritt, hier vor allem mit der Einfädelung einer diplomatischen Heirat mit einem hethitischen Prinzen, stand Ägypten praktisch vor einem Dynastiewechsel, der jedoch durch ihren Sturz vereitelt wurde. Nach dem Interregnum der Könige Semenchkare und Tutanchamun, den beiden letzten Thutmosiden, bestieg mit Eje, Nofretetes Vater, der erste männliche Repräsentant des Hauses Juja den Thron. Die Nachfolgeregelung zugunsten seines Sohnes Nacht-Min wurde durch Haremhab, einen ranghohen Militär, der die Macht an sich riss, zunichte gemacht. Aber selbst der neue Soldatenkönig, der den Aufstieg des Hause Juja jäh beendete, sah sich genötigt, seine Macht durch die Verheiratung mit Mutnedjmet, einer Schwester der Nofretete, zu legitimieren. Als letzte Königliche Gemahlin der 18. Dynastie beschließt Mutnedjmet damit die eindrucksvolle Reihe der Juja-Herrscher(innen).

Um Nofretete als Königsgemahlin durchsetzen zu können, war eine starke religionspolitische Legitimierung unabdingbar. Selbst der unangefochtene Amenophis III. hatte es für nötig befunden, seine Mutter Mutemwia noch im Nachhinein zu erhöhen. An den Wänden des von ihm errichteten Luxor-Tempels ließ er den alten Mythos von der Geburt des Gottkönigs neu ins Relief treten und in ihm seine bürgerliche Mutter zur »Gottesgemahlin des Amun« aufsteigen. Nach Lage der Dinge – der zunehmenden Privilegierung solarer Gottheiten und der wachsenden Spannung mit der Amunpriesterschaft – war dies kein gangbarer Weg mehr. In dieser Situation mochte es Teje als eine Verlockung erschienen sein, Nofretete im Rahmen der konkurrierenden Sonnentheologie ihrerseits zu nobilitieren – und damit den neu aufbrechenden Makel der »bürgerlichen« Herkunft der Juja-Königinnen ein für alle Mal zu tilgen. Gerade Thutmosis IV. und Amenophis III. hatten sich ja als Förderer der Aton-Theologie erwiesen und so den Boden für eine noch weiterführende Religionspolitik vorbereitet. War es Tejes Absicht, diesen neu eröffneten Raum zu nutzen und Nofretete auf den Wänden des geplanten Obeliskentempels als Göttin zu erhöhen, ganz so, wie es ihr verstorbener Gatte unter anderen Umständen in Luxor mit ihrer Tante Mutemwia vorgemacht hatte? Dann wäre die knapp dreijährige Wartezeit der Nofretete tatsächlich nicht zufällig mit der ersten Bauphase von drei Jahren zusammengefallen. Wir hätten zu begreifen, dass das gewaltige Bauprogramm in erster Linie dazu diente, Nofretete für ihren ersten, alles entscheidenden Auftritt eine grandiose Bühne zu verschaffen, auf der sie sich vor den Augen der Eliten des Landes in der unangreifbaren Doppelrolle als Königin und Göttin zeigen sollte.

1. Szene: Die Herrin des Obeliskentempels

Der Schauplatz des Geschehens, der nach seiner Fertigstellung in bester heliopolitanischer Tradition Hut-benben (»Haus des Benben-Steines«) genannt wurde, war das spirituelle Zentrum einer riesigen Tempelanlage im Osten von Karnak. Zu ihr zählten neben dem Obeliskentempel die Tempel Gempaaton (»Der Aton ist gefunden«), Rud-menu (»Andauernd in den Denkmälern«) und Tenj-menu (»Verherrlicht in den Denkmälern«). Bei seiner Wiederentdeckung war der Tempelbezirk, zu dessen ungewöhnlich schneller Errichtung einst die Manpower des ganzen Landes in Anspruch genommen worden war, völlig verwüstet. Den gewaltigen Obelisken, der im Rücken des alten Amuntempels vierunddreißig Meter in die Höhe geragt hatte, gab es nicht mehr (Abb. 6).8 Vom Haus des Benben-Steins, das Tejes Bauleute um ihn herum gebaut hatten, war außer rudimentären Fundamenten praktisch nichts mehr vorhanden. Sein Geheimnis steckte zu großen Teilen in den sogenannten Talatat: handlichen Sandsteinblöcken, die in der Vor-Amarnazeit im Zuge einer innovativen Bautechnik zum ersten Mal verwendet wurden und von den Pharaonen der Nach-Amarnazeit als Abrissmasse für neu zu errichtende Tempelgebäude wieder verbaut worden waren – als bloßes Füllmaterial versteht sich. So unbeabsichtigt erhalten geblieben, fielen sie den späteren Ausgräbern zu Zigtausenden in die Hände. Mitte der 60er Jahre begann das amerikanisch geführte Projekt einer Rekonstruktion der frühen Aton-Tempel von Karnak (»Echnaton-Tempel-Projekt«) damit, die einzelnen Elemente systematisch zu bergen und computergestützt nach Art eines Puzzle passgenau zusammenzusetzen. In mühevoller Kleinarbeit wurde es so möglich, zunächst einzelne Szenenfolgen zu rekonstruieren und nach und nach ganze Tempelwände neu entstehen zu lassen. Große Teile des Dekorationsprogramms des untergegangenen Tempelkomplexes sind auf diese Weise wieder sichtbar gemacht worden. Sie geben Zeugnis davon, wie die Thebaner Jahre nach verhaltenem Beginn – man ist versucht zu sagen: nach Ablauf einer dreijährigen Inkubationszeit – in eine jähe Kulturrevolution umschlugen.

Nimmt man die Bildfolge in Augenschein, so werden die Erwartungen hinsichtlich der Rolle Nofretetes nicht nur erfüllt, sondern in schier unglaublicher Weise noch übertroffen. In den Reliefs der zutage geförderten Talatat tritt eine einzige königliche Person in Erscheinung, Nofretete, die junge Königin. Sie allein vollzieht in unzähligen Variationen vor den Opfertischen die heiligen Riten im Kult des Re-Harachte-Aton (Abb. 7). Nofretetes erster Auftritt ist nichts anderes als ein Paukenschlag, denn sie steht da, wo der König stehen sollte. Seit unvordenklichen Zeiten war der Pharao nicht nur der Bauherr neuer Tempelanlagen, sondern zugleich die einzig theologisch legitimierte Person, die mit den Göttern in Kontakt treten konnte und gehalten war, die göttliche Weltordnung (ägyptisch Maat) durch einen nie versiegenden Strom ritueller Handlungen in Gang zu halten. Dass eine junge Frau von nicht-königlicher Herkunft, die durch Einheirat die Stellung einer königlichen Gemahlin eben erst eingenommen hatte, aus dem Stand heraus in diese einzigartige Rolle zu schlüpfen vermochte, war in der langen Geschichte des Alten Ägypten ohne Beispiel. Diesen eklatanten Bruch mit der heiligen Ordnung müssen die traditionalistischen Machteliten nicht nur als Affront, sondern als Kampfansage empfunden haben. Das heißt aber auch, Nofretete war keineswegs everybody’s darling, sondern mit ihrem ersten Auftreten eine äußerst umstrittene Person.

Eine erste Erklärung für das auffällige Fehlen des Königs im Dekor des Obeliskentempels wird durch ein ikonographisches Detail, den Kopfputz der Königin, nahegelegt. Nofretete trägt die aus Sonnenscheibe, Kuhgehörn und Doppelfeder zusammengesetzte Krone der Hathor, der göttlichen Begleiterin des Sonnengottes. Auf mehr als zwei Dritteln aller Abbildungen ist die Hathorkrone ihre bevorzugte Kopfbedeckung. Die Gestalt der mythischen Gottheit ist also das passgenaue Kleid, in dem Nofretete ihren allerersten Auftritt absolviert. Schon diese Schlüsselszene zeigt uns die irdische Gemahlin des Königs mit dem Abzeichen der Vergöttlichung versehen und damit den irdischen Dingen enthoben. Dieser außergewöhnliche Aufzug verrät eindeutig die Handschrift der Teje. Ihr weiter oben abgebildeter Statuenkopf kann als Indiz herangezogen werden. Wie Forschungen ergeben haben, wurde dieser Kopf noch zu ihren Lebzeiten (möglicherweise unmittelbar nach dem Tod Amenophis’ III.) umgestaltet. Ursprünglich war eine Haube mit goldenen Ohrringen, seitlichen Uräusschlangen sowie zwei Stirnschlangen sichtbar: die Tracht der Großen Königlichen Gemahlin. Bei der Überarbeitung wurde diese Haube samt Beiwerk von einer zweiten, mit blauen Fayenceperlen bestickten Haube überdeckt, auf die dann eine Doppelfederkrone mit Kuhgehörn und Sonnenscheibe aufgesetzt wurde (Abb. 8). Der neue Status der (die Hathorkrone tragenden) Teje darf – vor allem mit Blick auf ihren vergöttlichten Gemahl, der sich als »strahlender Aton« verehren ließ – getrost mit »Gottesgemahlin des Aton« umschrieben werden (auch wenn der Titel so nicht belegt ist). Ganz offensichtlich ist die solchermaßen erhöhte Teje das Vorbild für die mit den gleichen ikonographischen Mitteln vorgenommene Statuserhöhung der Nofretete. Erkennbar wird hier eine der lange übersehenen Traditionslinien der Juja-Königinnen, die sich in Amarna mit dem Tragen der bunten Krone fortsetzen sollte – eben jener abgeflachten »Perücke« der Berliner Büste, die Nofretete berühmt machte, aber wiederum Königin Teje als Erste trug. An dieser Stelle interessiert freilich zunächst der Unterschied: Während sich Teje ihren privilegierten Status über eine mehrere Jahrzehnte andauernde Koregentschaft gleichsam erarbeitet hat, fällt er Nofretete so plötzlich wie unverdient in den Schoß.

Die Gestalt des Gottes, dem Nofretete opfert, birgt die zweite Überraschung. Die traditionelle Darstellung des Sonnengottes als falkenköpfiger Mann mit der Sonne auf dem Kopf ist einem neuen eindrucksvollen Symbol gewichen: einer hoch am Himmel stehenden Sonnenscheibe, deren weitausgreifende Strahlen in menschliche Hände auslaufen. Die neue Formensprache verknüpft die beiden Fäden von Sonnenvorstellung (der kosmischen Realität des Gestirns) und traditionellem Sonnenglauben (an den göttlichen Vater Re und der Sohnschaft des Königs) auf eine originelle, künstlerisch geniale Weise. Einerseits wird die solare Gottheit mit der Preisgabe der Falkenmetapher abstrakter: aus der geflügelten Sonne wird die strahlende Scheibe, an die Stelle der aufgefächerten Federn tritt der Strahlenfächer. Andererseits wird der Sonnengott aber auch menschlicher: Aton trägt den königlichen Uräus nicht länger seitlich, sondern frontal nach Art der Stirnschlange Pharaos; eine versteckt anthropomorphe Formengebung, welche die Sonnenscheibe in einen (Götter-) Kopf verwandelt, der in Vorderansicht zu denken ist; ein Eindruck, der durch die Stilisierung von Strahlenarmen und Gotteshänden verstärkt wird. Der Vergöttlichung der Königin (!) korrespondiert eine wie immer schemenhafte Vermenschlichung des Gottes.9 Die innige Bezogenheit von Aton und Nofretete aufeinander bringt einen völlig neuen Beziehungsaspekt der Sonnenreligion zur Geltung. Das Privileg der exklusiven Vater/Sohn-Beziehung zwischen Re-Aton und dem Pharao ist durchbrochen. Nach Teje präsentiert sich mit Nofretete eine zweite Frau als gleichberechtigtes Mitglied der Heiligen Aton-Familie.

Einige von den Sonnenhänden halten der Königin das henkelkreuzartige Symbol für »Leben« (ägyptisch anch) an die Nase; ein Zeichen dafür, dass der Gottesatem in sie eingegangen ist und ihr Leben auf ewig erhalten möge – aber auch der Verpflichtung, das von Aton gewährte Heil an die Menschen (die keinen eigenen Zugang zur Gottheit haben) weiterzugeben. Im lichterfüllten Atemfeld des neuen Gottes steht Nofretete deshalb als ein göttliches Wesen, das eine Sendung, eine Berufung erfährt – und deshalb anders gerufen werden will. Ihr Name, der soviel bedeutet wie »Die Schöne ist gekommen«, bedarf der Ausdeutung und Ergänzung. Und tatsächlich belegen die Textpassagen der Reliefs, dass sich das bemerkenswerte Making of der jungen Königin am markantesten in einer vielsagenden Namensänderung niedergeschlagen hat. Lange bevor ihr Mann seinen alten Geburtsnamen Amenophis aufgab und sich Echnaton (»Geist des Aton«) nannte, legte sich Nofretete einen neuen Namen zu. Er lautet auf Nefer-neferu-aton (»Schön ist die Schönheit des Aton«). Ein theophorer Name also, der besagen will: Die Schöne, die gekommen ist, ist schön durch die Schönheit des Aton. Unter ihrem neuen Namen erscheint Nofretete (die diesen kürzeren Namen übrigens weiterhin beibehält) als Abgesandte, mehr noch als Geliebte des lebenden Aton. Auf einem der erhaltenen Talatat-Blöcke ist diese Nähe und Verbundenheit in einem atemberaubenden Bild festgehalten: wir sehen, wie zwei Gotteshände die Taille der Nofretete umfassen (Abb. 9).

Eine entsprechend zärtliche Umarmung zwischen Gott und Königin wäre im Luxortempel (dort zwischen Amun und Mutemwia) noch völlig undenkbar gewesen; und wenn es später in Amarna von der Königin heißen wird, sie stehe durch ihre süße Stimme in der Gunst Atons, dann ist das nur mehr ein Abglanz jener unbändigen erotischen Kraft, wie sie in Karnak beim Gründungsakt der Heiligen Aton-Familie zum Zuge kam. Der neue Gott ist auch ein sinnlicher Gott – und als solcher möglicherweise ein eifersüchtiger und eifernder Gott. Soviel im Vorgriff auf das Gewaltpotential, das im Gottesstaat von Amarna entbunden werden sollte.

Parallel zur Namensänderung der Königin ist der Name des neu geschaffenen Sonnengottes geändert worden – zwar nur marginal, aber doch signifikant. Als Lebensgott trägt er das Anch-Zeichen nun selber in seinem Namen, der fortan nach Art eines Königs in Kartuschen eingeschrieben ist: (Lebender Re-Harachte, der im Horizont jubelt), (in seiner Gestalt als Licht, das der Aton ist). Auch visuell ist das Anch-Zeichen präsent. In den Reliefs ist es der Uräusschlange, die Aton beschützt und ein weiteres Mal als Herrscher auszeichnet, um den Hals gehängt. Damit ist das Emblem der Himmel und Erde beherrschenden Strahlensonne komplett, ein Ikon von hohem Wiedererkennungswert. Jahre vor Amarna sehen wir an den Wänden des ersten Sonnentempels von Karnak den Wiegendruck der Atonreligion. Und es ist Nofretete, die erste Liebe Atons, die den gewandelten Gott in dem ihm geweihten Heiligtum empfängt. Als Herrin des Obeliskentempels feiert sie ihr coming out als lebendige Tochter des lebenden Aton und neue Königin von Ober- und Unterägypten. Ein aufsehenerregender Befund, der es verdient, rückblickend von einem »Nofretete-Tempel-Projekt« zu sprechen.

Wie berechtigt es ist, diese Bezeichnung vorzuschlagen, zeigt der Blick auf einen zweiten Gebäudekomplex, der sich höchstwahrscheinlich von Westen her an den Amun-Tempel anschloss. Hier, am (zum Nil hin gelegenen) Haupteingang des heiligen Bezirks, ließ die Regierung einen gewaltigen Pfeilerhof errichten, der offensichtlich eine von Amenophis’ III. errichtete (aber unvollendet gebliebene) Säulenkolonnade in ähnlicher Weise einschloss, wie das Haus des Benben-Steins den großen Obelisken Thutmosis’ IV. Die quadratischen Pfeiler, die bei einer Seitenlänge von gut zwei Metern nahezu zehn Meter hoch waren, hatten eine einheitliche Struktur: eine der Seitenflächen war in vier gleichgroße Register unterteilt, während die anderen drei eine durchgehende Relieffläche aufwiesen. Von geschätzten dreißig Pfeilern konnten aus dem vorhandenen Talatat-Material zwölf rekonstruiert werden; sie versetzten die beteiligten Forscher ein ums andere Mal in ungläubiges Staunen. Das Reliefdekor der lang durchlaufenden Flächen nicht anders als das der in vier Felder aufgeteilten Seiten wartete mit der gleichen Überraschung auf, welche die Tempelwände des Hut-benben als erste parat hielten. Wie dort tritt auch hier einzig und allein Königin Nofretete in Erscheinung, um im magischen Kraftfeld der Strahlensonne die Riten zu vollziehen (Abb. 10). In sich schier endlos wiederholenden Szenen steht sie, stets in fließende und durchsichtige Gewänder gehüllt, an den Opfertischen, um Aton wahlweise wohlriechenden Weihrauch oder eine erquickende Trankspende darzubringen, erlesene Früchte oder köstliches Brot anzubieten, duftende Blumengirlanden zu überreichen – oder mit dem Schütteln des Sistrums das Geräusch fallender Papyrusblüten klangvoll nachzuahmen.

Die »Nofretete-Pfeiler« – wie der gewaltige Kolonnadenhof in der Literatur kurz und treffend genannt wird – belegen ein zweites Mal die ungeheure Präsenz der Königin im neu errichteten Tempelbezirk von Karnak. Diese Tatsache ist jedoch nicht so zu verstehen, als würde König Amenophis komplett durch Abwesenheit glänzen. Das ist selbstverständlich nicht der Fall. In den drei anderen Tempelanlagen, deren Namen bereits fielen, ist Amenophis IV. in Schrift, Bild und Skulptur stark, teilweise massiv, vertreten. Dies gilt insbesondere für den Großen Aton-Tempel Gempaaton, ein Gigant unter den Bauten, der mit einer Länge von über 600 m und einer Breite von über 200 m alles in den Schatten stellte, was bis zu diesem Zeitpunkt in Karnak gebaut worden war.10 Zu den bekanntesten Details dieser Anlage zählen die Kolossalstatuen des Königs, die einst den am westlichen Ende des Tempels befindlichen Peristylhof zierten. Mit ihren extremen Verzerrungen von Körperteilen und Gliedmaßen Amenophis’ IV. sind diese Statuen Musterbeispiele des revolutionären Stils der Frühzeit. Aber auch ikonographisch sind sie interessant, denn sie verweisen ein weiteres Mal auf die Bedeutung der heliopolitanischen Schöpfungslehre für die neue Religionspolitik. Die Statuen zeigen den König nicht nur mit der Doppelkrone des Herrschers von Ober- und Unterägypten, sondern abwechselnd mit der an ihren Federn kenntlichen Kopfbedeckung des (Luft-)Gottes Schu. Auch er tritt also, wie nicht anders zu erwarten, in der Doppelrolle als weltlicher König und solarer Gott auf. An Ort und Stelle haben sich auch Kolossalstatuen von Nofretete gefunden, die sie konsequenterweise als Tefnut darstellen, der Feuergöttin11 und Zwillingsschwester des Schu. Nach der alten Lehre hat Atum, der androgyne Schöpfergott, Schu und Tefnut durch einen Akt der Selbstbegattung hervorgebracht, als er die beiden »in Heliopolis gebar, als er Einer war und zu Dreien wurde«. Ein solarer Urknall gewissermaßen, der Luft und Licht in die Welt brachte und im neu eröffneten Raum zwischen Himmel und Erde das Leben erst möglich machte. Zusammen bilden der urgestaltige Sonnengott Atum und seine beiden Kinder Schu und Tefnut die erste göttliche Triade. Die Annahme liegt nahe, dass die Architekten des neuen Sonnenkults von Karnak die Trias von Aton-Amenophis-Nofretete nach diesem alten mythischen Bild geformt haben.

Als göttliche Vorbildpersonen imponieren Schu und Tefnut, die zweigeschlechtlichen Zwillinge, durch Ebenbürtigkeit, die man – im Licht der Tradition ungewöhnlich genug – in den Darstellungen des Königspaares glaubt wiederfinden zu müssen. Aber was für den Tempel Gempaaton zutrifft, gilt eben nicht generell. Die erwartete Parität zwischen König und Königin ist nur einseitig sichergestellt. Immer wenn Amenophis auftritt, ist sein weibliches Pendant Nofretete zur Stelle, wie dies – um ein weiteres Beispiel zu nennen – beim Ritual »Die Erde Küssen« der Fall ist. Als Höhepunkt dieser Form der Gleichstellung ist zweifellos eine aus dem Tempelbezirk südlich herausführende Sphinxallee zu betrachten, in der sich König Amenophis IV. und Königin Nofretete in der Gestalt menschenköpfiger Sphingen abwechselten (und die Tutanchamun später in Widdersphingen zu Ehren des Amun umwandeln ließ). Umgekehrt hat Nofretete zahlreiche große Auftritte ohne ihren Gemahl. Wie gesehen, tritt der König im Dekor des Obeliskentempels, des Zentralheiligtums der gesamten Anlage wohlgemerkt, überhaupt nicht in Erscheinung. Sein Fehlen an diesem Ort wird aber gerade nicht, wie doch zu erwarten wäre, an anderer Stelle ausgeglichen. Es gibt keinen vergleichbaren Tempel, auch keinen mit den Nofretete-Pfeilern konkurrierenden Bau, der nur ihm zugeteilt wäre. Der irritierende Tatbestand lautet: König Amenophis IV. ist in dem in seinem Namen errichteten Tempelkomplex unterrepräsentiert. Bezogen auf das gesamte Bauprogramm der Thebaner Jahre ist die Königin aus dem Hause Juja nahezu doppelt so häufig dargestellt wie ihr Gemahl. An Stelle des gottgleichen Pharao ist die vergöttlichte Königin die dominante Figur. Es lohnt sich, einige der wenig bekannten Details dieses dramatischen Gefälles zugunsten Nofretetes vorzustellen.

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9788711449202
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