Kitabı oku: «Hinterfragen und Handeln»
Franz Schüle
Hinterfragen und Handeln
Ein Vierteljahrhundert HEKS-Geschichte[n]
TVZ
Theologischer Verlag Zürich
Gedruckt mit freundlicher Unterstützung von HEKS – Hilfswerk der Evangelischen Kirchen Schweiz, der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons St. Gallen sowie der Evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Zürich.
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.d-nb.de abrufbar.
Umschlaggestaltung:Simone Ackermann, unter Verwendung einer Fotografie von Jiři Vurma
Fotos: HEKS-Fotoarchiv
Karte Osteuropa: HerzogDesign, Zürich
ISBN 978-3-290-17751-5 (Buch)
ISBN 978-3-290-17797-3 (E-Book)
|XX| Seitenzahlen des E-Books verweisen auf die gedruckte Ausgabe.
© 2013 Theologischer Verlag Zürich
www.tvz-verlag.ch
Alle Rechte vorbehalten
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Inhalt
Umschlag
Titel
Impressum
Inhalt
HEKS – unser Hilfswerk
HEKS-Geschichten
Rumänien
Die Revolution von 1989
Vor 1989: Im Land des «Genies der Karpaten»
Kirchen und Religionsgemeinschaften in Rumänien
Nach 1989: Von der Not- zur Aufbauhilfe
Jugoslawien
Vom Rauchzeichen …
… zum Grossbrand
Die Jugoslawienkriege
Konkrete Hilfsaktionen
Exkurs: Über Grenzen
Ungarn
Kirche im Gulasch-Kommunismus
Nach der Wende: Neue Möglichkeiten, neue Probleme
Sowjetunion
Der Start in Armenien
Reformierte in der Ukraine
Exkurs: Wir sollten einmal die Stühle tauschen – Casa Locarno 1947–2002
Von der Flüchtlingshilfe zur Integrationsarbeit
Flüchtlinge und Asylsuchende
Vom Flüchtlingsdienst zum Inlandauftrag
Im Süden
Indien – ein Schwerpunktland
Philippinen – Landlose büffeln Jura
Wasserprobleme in Äthiopien
Bittere Erfahrung im Niger
HEKS in Katastrophen
Der Tsunami
Der Wirbelsturm Mitch
HEKS – ein Werk der Kirche
Von Glauben und Glaubwürdigkeit
Aus der Geschichte von HEKS
Hinterfragen und Handeln – das politische HEKS
Handeln und Wirken
Karte
Fussnoten
Seitenverzeichnis |6|
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HEKS – unser Hilfswerk
Franz Schüle erzählt und veranschaulicht ein Stück Geschichte des HEKS, welche er als Mitarbeiter und Zentralsekretär während Jahren mitgeprägt hat. Die Geschichte des HEKS ist auch die Geschichte der reformierten Kirchen der Schweiz und des Kirchenbundes. Gleich nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet setzt sich das HEKS durch seine Mitarbeitenden und Partnerorganisationen weltweit ein für Hoffnung und Gerechtigkeit im menschlichen Zusammenleben. Das HEKS arbeitet im Auftrag der Kirchen und in ihrem Namen. Aber als Hilfswerk, welches rasch und flexibel nach professionellen Kriterien handelt, muss es auch unabhängig sein. Das ist eine Gratwanderung, die nicht immer konfliktlos verlief. Franz Schüle ist es gelungen, die beiden, Kirchen und Hilfswerk, zusammen zu denken und den gemeinsamen Auftrag nicht aus den Augen zu verlieren.
Das HEKS hat sich in vielen Ländern einen hervorragenden Ruf erworben. Im Ausland unterwegs im Auftrag des Kirchenbundes und der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa wurde ich immer wieder angesprochen auf die partnerschaftliche Zusammenarbeit mit dem Schweizer Hilfswerk in der Aufbauhilfe, der Flüchtlingsarbeit oder der zwischenkirchlichen Zusammenarbeit. Es ging und geht dabei immer um den konkreten Menschen, um seine Geschichte und seine Lebensmöglichkeiten auch in den grossen politischen Zusammenhängen. Davon erzählt Franz Schüle und er macht Mut, uns auch in Zeiten von Resignationen mancher Art, weiter einzusetzen für unser HEKS.
Thomas Wipf, Pfarrer, ehem. Präsident SEK
und Moderator des European Council of Religious Leaders
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HEKS-Geschichten
An einem Winterabend in den späten achtziger Jahren folge ich der Einladung einer Kirchgemeinde im Kanton Solothurn. Ein Vortrag über die Situation der Kirchen in der Tschechoslowakischen Republik ist angezeigt. Ich habe mich ordentlich vorbereitet, ein Magazin mit Dias gefüllt. Erst kurz vor dem Vortrag realisiere ich, dass ich das Diamagazin im Zug vergessen habe. Ich muss versuchen, das Beste aus der Situation zu machen und so bildhaft wie nur möglich zu erzählen: mit Anekdoten, Bildbeschreibungen, Porträts von Personen. Es sei spannend und anschaulich gewesen, sagen mir die Leute nachher. Ich habe damals endgültig begriffen: Was HEKS, das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen Schweiz, ist, lässt sich am besten mit Erzählen vermitteln. Das hat mich auch ermutigt, dieses Buch zu schreiben. Ich berichte darin von meinen Begegnungen, Erfahrungen und Einsichten: Persönlich gefärbte Geschichten aus meiner Arbeit bei HEKS.
Wer mehr und Systematischeres sucht, findet dies im kurzen geschichtlichen Überblick über die letzten 68 Jahre des Werks auf der Website von HEKS. Zum 40-Jahr-Jubiläum von HEKS hatte Pfarrer Hans Schaffert, Zentralsekretär von 1968 bis 1984, eine informative Broschüre über die HEKS-Geschichte1 verfasst.
Ich hatte die grosse Chance, von 1982 bis 2007 bei HEKS zu arbeiten, vorerst als Verantwortlicher für die zwischenkirchliche Hilfe in Europa, mit Schwerpunkt im Osten. Ab 1990 wurde die Europaarbeit ganz neu ausgerichtet; Nothilfe, vor allem in Ex-Jugoslawien, und Aufbauhilfe in den Ländern Mitteleuropas wurden bestimmend. Mein Beruf hatte sich durch die politischen Entwicklungen stark verändert. Als ich 1982 meine Arbeit bei HEKS als Osteuropa-Sekretär begann, kam ich aus der Dritt-Welt-Bewegung. Manche Freunde verstanden meinen Schritt, vor dem ich selber etwas gezögert hatte, nicht: Von der grossen weiten Welt, von den relevanten Herausforderungen eines gerechteren Welthandels, zukunftsweisender Entwicklungszusammenarbeit und von der «Theologie der Befreiung», wie sie vor allem in Lateinamerika formuliert wurde, in die vermeintliche Langeweile kirchlicher Zusammenarbeit mit zurückgebliebenen Kirchgemeinden und konservativen Theologen. Dies alles im Umfeld des Kalten Krieges, voller Fallstricke und politischer Missverständnisse. Einige machten mir Mut, ich würde in dieser Arbeit viel über ökumenische Zusammenarbeit lernen, Neues erfahren und vor allem würde ich spannende und engagierte Menschen und Kirchen erleben. Sie sollten Recht behalten; ich habe meinen Schritt nie |10| bereut. Als Verantwortlicher für Europa machte ich bewegende Erfahrungen, ich erlebte glückliche und tieftraurige Ereignisse der Geschichte Europas nah mit, an Weihnachten 1989 in Rumänien nach dem Sturz Ceauşescus, oder in den neunziger Jahren die Tragödien beim Auseinanderbrechen von Jugoslawien. Von 1998 bis 2007 leitete ich das HEKS als Zentralsekretär. Die Projekte im Inland, in der Nothilfe und die Programme der Entwicklungszusammenarbeit beschäftigten mich nun vordringlich, aber auch Management-Probleme im Gesamt-HEKS, Kommunikation, Unternehmenskultur, Finanzen.
So erlebte ich drei sehr unterschiedliche berufliche Phasen bei HEKS und gewann dabei jeweils neue Erfahrungen und Einsichten. Von diesen unterschiedlichen Erfahrungswelten will ich berichten, aber auch davon, dass HEKS bei aller Verschiedenheit, bei allen neuen Herausforderungen durch die ganze Zeit dasselbe geblieben ist, ein Hilfswerk mit klaren Grundwerten und Zielen. Zwei meiner drei Phasen bei HEKS gehörten Europa. Die sich daraus ergebende Europalastigkeit der vorliegenden Berichte ist Spiegel meiner Erlebnisse, keinesfalls aber eine Art Wertung der HEKS-Tätigkeitsfelder.
Ich danke ganz herzlich allen, die mich beim Schreiben unterstützt haben: Mein langjähriger Kollege und Freund Andreas Hess hat mit mir den Text korrigiert, sprachlich und inhaltlich. Die ehemalige Informationsbeauftragte von HEKS, Tildy Hanhart, Walter Wolf (ehem. Evangelischer Pressedienst), Philippe Dätwyler von der Zürcher Kirche und René Marthaler haben die Entwürfe in verschiedenen Stadien durchgelesen, manches richtiggestellt und viele wertvolle Hinweise gegeben. Und ich danke all jenen, die mit mir im HEKS unterwegs waren, meinen Vorgesetzten sowie Kolleginnen und Kollegen. Manche sind in diesem Buch in einer Geschichte erwähnt; sie haben mir auch zusätzliche Informationen zukommen lassen. Andere werden nicht genannt, obwohl sie ebenso Wichtiges für HEKS geleistet haben. Meine Assistentin Barbara Schläpfer hat mich jahrelang unterstützt. Die Kolleginnen im Personaldienst, in der Finanzabteilung oder in der Kommunikation ermöglichten und ermöglichen im Hintergrund die Arbeit.
Ich danke dem TVZ Theologischen Verlag Zürich für die Aufnahme des Buchs in sein Programm und insbesondere auch der Lektorin Corinne Auf der Maur für ihre sorgfältige Arbeit. Ebenso gilt mein Dank der Grafikerin und Setzerin Claudia Wild und Ruedi Lüscher vom HEKS für die Begleitung der Bildgestaltung. Schliesslich danke ich den Evangelisch-reformierten Kirchen St. Gallen und Zürich sowie dem HEKS für ihre Druckkostenbeiträge.
Immer wieder hat mich auch meine Frau Margret Schüle-Borter begleitet, befragt und unterstützt.
Franz Schüle, Februar 2014
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Rumänien

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Die Revolution von 1989
Ein Hilfstransport zwischen zwei Zeiten
Rumänien, 27. Dezember 1989. Unsere Kolonne mit fünf Lastwagen fährt im milden Winterlicht durch die Schluchten und Talsenken der Westkarpaten von Oradea2, der rumänischen Stadt an der Grenze zu Ungarn, nach Cluj-Napoca3 (ungarisch: Kolozsvár, deutsch: Klausenburg). Es geht um einen Hilfstransport. Die Fahrt braucht Geduld. Obwohl als europäische Fernstrecke verzeichnet, ist die Strasse an vielen Stellen beschädigt, einseitig eingebrochen oder ohne Hartbelag. Drum in lucru – Strassenbau: die Tafel ist fast allgegenwärtig, zuweilen kaum mehr lesbar, weil sie seit Jahren da steht. In den wenigen Dörfern und Kleinstädten, durch die wir fahren, ist die Armee unübersehbar. An den Strassenkreuzungen stehen Soldaten, die uns zusammen mit den Kindern am Strassenrand zuwinken und sich mit dem Victoryzeichen als begeisterte Anhänger der eben stattgefundenen Revolution zu erkennen geben. Wenn es denn eine Revolution gewesen ist. Überall rumänische Fahnen mit einem grossen Loch in der Mitte – das Symbol der verhassten kommunistischen Ceauşescu-Diktatur ist herausgeschnitten worden. Die Alten sitzen auf den Bänken vor den Häusern oder Hütten, eingepackt in ihre vielschichtigen Kleider, mit Kopftüchern und landesüblichen Pelzmützen. Als wären sie seit ewig hier, scheinen sie mit offensichtlichem Gleichmut ihre Skepsis zu demonstrieren: Die Dörfer und Hütten Rumäniens haben manches kommen und gehen sehen.
Wir kommen nur langsam voran, die Strassen sind mit vielen Gefährten verstopft, Lastwagen aus dem westlichen Ausland, Kleinlaster aus Ungarn und der Tschechoslowakei, Privatwagen aus aller Herren Länder, irgendwo auch ein offener Trabant, aufgefüllt bis übers Dach mit langen Broten, Sechspfündern aus dem westlichen Nachbarland. Rumänien ist in Not, braucht Hilfe, eine lange Kolonne quält sich durch die Karpaten. Das Ausland eilt in diesen Tagen Rumänien zu Hilfe.
Vor wenigen Tagen ist das Regime von Ceauşescu gestürzt worden. Rumänien ist eines der letzten mitteleuropäischen Länder, das den Zusammenbruch des kommunistischen Regimes durchmacht, dramatischer auch und vor allem blutiger als in andern Ländern. Die Dezember-Ereignisse in Rumänien sind durch Demonstrationen und Widerstand in der westrumänischen Stadt Timişoara ausgelöst worden, verstärkt durch ein brutales Durchgreifen der Polizei |14|. Das hat in Siebenbürgen und Bukarest zu Demonstrationen und gewaltsamen Auseinandersetzungen mit der Staatsmacht geführt. Wohl ebenso entscheidend sind die Interventionen einer Führungsgruppe der kommunistischen Partei um Ion Iliescu gewesen, die den schäbigen Diktator endlich loswerden wollte, mit dem Ziel, das Regime und alle Privilegien durch die unruhigen Zeiten zu retten. Revolution, Volksaufstand oder Putsch – die Frage stellt sich in den Weihnachtstagen 1989 kaum. Gebannt haben wir die Nachrichten gehört von den ersten Demonstrationen bei der reformierten Kirche in Timişoara mit den sinnlosen Polizeieinsätzen, von den Schiessereien in Braşov und andern Städten Siebenbürgens und schliesslich von den Riesenkundgebungen in Bukarest/Bucureşti4 mit den Versuchen Ceauşescus, die Lage wieder unter Kontrolle zu bringen. Er befahl den Militäreinsatz, Universität, Nationalbibliothek und Strassenzüge brannten in der Hauptstadt – Verletzte, Tote. Nach dem Jahr des grossen Zusammenbruchs in Osteuropa, bei dem Regimes reihenweise weggefegt worden sind, kommt Rumänien gerade zur rechten Zeit: Die Berichterstattung bei uns wird schrill, angereichert mit bekannten Bildern, die sich in den Spätjahren des europäischen Kommunismus mit dem Karpatenland verbunden haben: Ungeheizte Wohnungen, marode Industrie, Hunger, eine unberechenbare Bevölkerung. Die blutige Revolution passt nach den mehr oder weniger friedlichen Umstürzen in Budapest, Berlin und Prag nur zu gut ins Bild, das sich Westeuropa von Rumänien, dem Lande Draculas, macht. Und: Wer will nicht dabei sein, berichten und helfen?
Zurück zu unserer Kolonne, einem gemeinsamen Transport der grossen Schweizer Hilfswerke, finanziert mit der Glückskette.5 Die fünf Lastwagen sind gefüllt mit Hilfsgütern aus der Schweiz. Ich kenne das Land von vielen früheren Reisen als Programmbeauftragter u. a. für Rumänien, habe Bekannte, vertrauenswürdige Partner und bin deshalb operativer Leiter des Transportes. Auch Jahre später sind mir fast alle Details jener Nachweihnachtstage präsent, als wäre es gestern gewesen. Die Tage liegen gleichsam am Kreuzungspunkt meiner Arbeit beim Hilfswerk. Vom Hilfstransport in jener denkwürdigen Altjahrwoche ausgehend kann ich meine ganzen Erfahrungen bei HEKS erzählen, vor und nach 1989, und den Bogen schlagen zu Erfahrungen, welche meine Kolleginnen und Kollegen oder unsere Partner gemacht haben.
Unser Transport macht einen ersten Zwischenhalt in Cluj, dem Verwaltungszentrum Siebenbürgens. Wir lassen die Lastwagen am späten Nachmittag |15| am Platz des 23. August6, der heutigen Piaţa Avram Iancu7, stehen. Der für den Kommunismus wichtige Augusttag musste dem glorreichen Kampf im neunzehnten Jahrhundert weichen: Daten und Namen gewinnen und verlieren ihre Bedeutung, Helden werden ausgewechselt, nur die Menschen mit ihren Hoffnungen und Bedürfnissen bleiben.
Mein Netz bewährt sich. Im Vereinigten Protestantisch-Theologischen Institut finde ich nach einigem Hin und Her einen Freund, Tamás Juhász, mit dem ich die Lage kurz bespreche. Ein seltsames Gefühl: Immer wieder hatte ich diese Institution besucht, Gespräche mit Professoren geführt, ein paar wenige mitgenommene Bücher den Freunden gebracht, Möglichkeiten des Protestes gegen die Zwangsmassnahmen des Regimes geprüft, alles mehr oder weniger heimlich, getarnt als Tourist und doch beobachtet von Leuten der Securitate, dem staatlichen Sicherheitsdienst mit seinem riesigen Spitzelsystem. Ich erinnere mich: Vor drei Jahren hatte einer des Nachts zwei ungarische Wörter an die Mauer des Institutes gepinselt – még élünk, noch leben wir. Das war das Stadtgespräch damals, man war voll Bewunderung für die nächtliche Aktion: Sarkasmus als verzweifelter Widerstand. Und jetzt sitze ich mit meinem Freund im Professorenzimmer, draussen ein paar schäbige Christbäume, auch das ein Novum, und vor allem zwei Panzer der rumänischen Armee, welche die Freiheit des Institutes zu verteidigen scheinen. Ich beginne zu verstehen, wie schwierig es für die Leute geworden ist. Können sie dem Umsturz trauen? Wer steckt hinter den Ereignissen? Was kommt nachher?
Wir werden uns bei der Besprechung rasch einig, dass es sinnvoll ist, trotz der einbrechenden Dämmerung mit dem Transport in die weiter entfernt liegende Stadt Târgu Mureş (früher: Tîrgu Mureş, ungarisch: Márosvásárhely) zu fahren. Die Stadt liegt etwas entfernter von den westlichen Ländern, es werden wohl weniger Transporte da sein, spekulieren wir. Der Freund übernimmt es, in Târgu Mureş den reformierten Dekan, den späteren Bischof Kálmán Csiha, per Telefon zu informieren und zu bitten, an einem genau festgelegten Ort beim Eingang in die Innenstadt auf uns zu warten. Er soll uns helfen, die Lastwagen mit der kostbaren Fracht an einen bewachten Ort in der Stadt zu bringen und anderntags dann die Verteilung zu organisieren. |16|
Turbulenzen der Nothilfe
Über die Fahrt durchs dunkle Land und die fast ebenso dunklen Dörfer und Städte ist kaum etwas zu berichten. Es sind eher die Irrlichter der heruntergekommenen Industrie und deren Gerüche, die verraten, wo wir sind. Die Mischung von defekten Gasleitungen und Fernheizungen, die anzeigt, dass wir durch eine Stadt fahren: Câmpia Turzii mit den Kabelwerken, Turda, die Zementstadt mit der in Hals und Lunge brennenden Luft. Dann nach gut drei Stunden endlich die landesüblich pompöse Ortstafel «Tîrgu Mureş», darunter auf einem Karton der ungarische Name der Stadt – vor zehn Tagen noch undenkbar. Da ich die Stadt von früheren Aufenthalten gut kenne, kann ich mich trotz der Dunkelheit recht gut orientieren. Auf der weiteren Fahrt zum Treffpunkt mit dem Dekan werden wir fünf Mal angehalten, immer von Männern, die beteuern, die verantwortlichen Koordinatoren der Stadt für die Verteilung der Hilfsgüter zu sein und die uns an einen von ihnen festgelegten Platz lotsen möchten. Wir treffen also auf das übliche Chaos in Nothilfesituationen. Menschen machen sich zu Verantwortlichen, teils sicher voll guten Willens, oft aber auch, um selber oder über befreundete Strukturen an die Güter der Nottransporte zu kommen, oder auch einfach, um das mit der Vermittlung von Nothilfegütern verbundene Prestige einzuheimsen. Gutwillige Aktionen oder schon die ersten Regungen der neuen Mafia? Erleichtert treffen wir dann endlich unsern Freund, wie immer in seiner schwarzen Kleidung unübersehbar als Geistlicher gekennzeichnet.
Er fährt mit seinem klapprigen Dacia, dem rumänischen Personenwagen, unsern Lastwagen voraus, zu einem grossen Parkplatz, der von der Frontul National Roman bewacht wird. Dieser eilends gegründeten Basisorganisation der «Revolution» gehörten ausser der Familie Ceauşescu und deren Freunde wohl die meisten Leute Rumäniens an. Wir wissen die Lastwagen mit ihren kostbaren Gütern bewacht und lassen uns mit Taxis zum Continental bringen. Das Hotel ist nicht wiederzuerkennen. Die repräsentative Eingangshalle, früher wie in allen Hotels Rumäniens bis auf ein paar Securitate-Leute in schwarzen Lederjacken leer, ist an diesem Abend gerammelt voll. Hilfstrupps aus verschiedenen Ländern diskutieren kreuz und quer, besprechen das am Tag Erlebte und versuchen, ihre Verteilaktionen zu planen. Das Ungarische dominiert so offensichtlich, dass ich mich in ein Gasthaus des westlichen Nachbarlandes versetzt fühle. Eigentlich hätte ich ein paar Polizisten oder Aktivistinnen der rumänischen Frontul National erwartet. Stattdessen kontrollieren und steuern junge Männer mit MDF-Armbinden das Geschehen – Magyar Demokrátikus Fórum, eine ungarische Reformpartei. Im Speisesaal, wo das Hotel auf Kosten des Staates allen Hilfstrupps ein Nachtessen mit gebratenen Kartoffeln, Schnitzel und |17| reichlich Bier serviert, sind ungarische Fahnen mit dem wiedereingeführten Kossuth-Lajos-Wappen8 unübersehbar. Kurz: Das Continental ist fest in ungarischen Händen.
Wem gehört die rumänische Revolution von 1989?
Die Situation ist unheimlich. Târgu Mureş ist eine Stadt im traditionell ungarischen Siedlungsgebiet Siebenbürgens, dem Szeklerland. Nach einer forcierten Besiedlungspolitik durch das kommunistische Rumänien wohnen in der Stadt um 1990 etwa gleich viele Menschen rumänischer wie ungarischer Muttersprache, ein Ort also mit einem nicht geringen Potenzial an nationalistischen Konflikten. Die Geschichte Siebenbürgens und mithin der Stadt trägt zu dieser Konfliktsituation bei: In Rumänien (mit einer Gesamtbevölkerung von gut 20 Millionen Menschen) lebten und leben neben der rumänischsprachigen Bevölkerung deutsche und manche andere Minderheiten, insbesondere auch Roma (je nach Schätzungen 1 bis 3 Millionen) und die seit dem Mittelalter in Siebenbürgen ansässigen und politisch dominierenden Ungarn (ca. 1,5 Millionen). Rumänien ist ein verhältnismässig junger Staat, erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus Erbmassen des kränkelnden Türkischen Sultanats entstanden und nach dem Ersten Weltkrieg durch Siebenbürgen, das zu Österreich-Ungarn gehörte, erweitert. Rumänien stand auf der «richtigen» Siegerseite, Österreich-Ungarn verlor mit Deutschland und der Türkei den Krieg und damit eben weite Gebiete. Was für Rumänien die Geburt des heutigen Rumäniens ist, bleibt für die Ungarn eine Tragödie: Der Verlust grosser Territorien mit ihrer ungarischen Bevölkerung. Die ungarische Marktstadt Târgu Mureş wurde im Vertrag von Trianon nach dem Ersten Weltkrieg zusammen mit ganz Siebenbürgen und Teilen der ungarischen Tiefebene Rumänien zugeteilt, ein Drama und Trauma der ungarischen Nation. 1940, also während des Zweiten Weltkrieges, wurden Gebiete Siebenbürgens, zu denen auch die Stadt Târgu Mureş gehörte, im sogenannten Zweiten Wiener Schiedsspruch Ungarn zurückgegeben. 1944 besetzte die Rote Armee das Gebiet und 1947 wurde die Region wieder Rumänien zugeteilt. Jede Neuzuteilung des Gebietes forderte neue Verfolgungen, Millionen von Flüchtlingen, Verletzungen, Opfer.
Die «Revolution» in Rumänien im Dezember 1989 wurde recht eigentlich ausgelöst durch den beherzten Kampf des reformierten ungarischsprachigen Pfarrers László Tőkés in Timişoara. Nach seinem tagelangen Kampf gegen die behördlichen Schikanen und die drohende Zwangsversetzung, unterstützt durch |18| die reformierte Kirchgemeinde und einen Teil der Bevölkerung, nach einem mutigen Widerstand gegen die mit brutaler Gewalt operierende Polizei und später durch das Militär in dieser westrumänischen Stadt sprang der Funke auch auf andere siebenbürgische Städte und schliesslich auch auf Bukarest über und löste den Sturz Ceauşescus aus. Wie sehr diese «Revolution» von einzelnen ungarischen Kreisen, insbesondere jenen der Diaspora, als eine ungarische Angelegenheit verstanden wurde, erlebte ich wenige Tage vor Weihnachten anlässlich eines Umzuges mit einem anschliessenden Fürbitte-Gottesdienst im Fraumünster in Zürich. Wir wollten unsere Solidarität mit der Bevölkerung Rumäniens und unsere Hoffnung auf eine Wende ohne Gewalt ausdrücken. In einem ungarischen Flaggenmeer war eine einzige rumänische Fahne zu sehen, etwas verlegen getragen von einem rumänischen Exilfürsten. Nur mit Mühe konnten wir verhindern, dass alle Flaggen in die Kirche getragen wurden.
Die Geschichte der Stadt und die Bilder der letzten Tage in Zürich sind mir ins Bewusstsein gegraben und bereiten mir schlaflose Stunden im Hotel Continental. Wird unsere Hilfe als Aktion zugunsten der ungarischen Minderheit verstanden? Wird sie so als Unterstützung einer Konfliktpartei interpretiert und würde sie mithin einen ethnischen Konflikt fördern? Bringen wir also Streit statt Hilfe? Die Problematik von Hilfe, die auch Schaden anrichten kann, hat in den letzten Jahren in der Entwicklungszusammenarbeit und in der humanitären Hilfe zunehmend an Aufmerksamkeit gewonnen. Sie ist heute allgemein unter dem Namen «Do-no-harm-Problematik» bekannt: Jede Hilfe, auch Nothilfe, ist nur dann sinnvoll respektive überhaupt zu verantworten, wenn es keine nebenbei bewirkten Schäden gibt oder diese mindestens gering gehalten werden können.9 Zu solchen gehören immer wieder die durch einseitige Hilfe verursachten sozialen Spannungen. Nothilfe ist rasch verbraucht, Kollateralschäden wirken oft lange weiter.
Improvisierte Verteilung
In jener Nacht vom 28. Dezember steht uns kein Do-no-harm-Instrumentarium zur Verfügung. Wir müssen selber nachdenken und improvisieren. Anlässlich einer Teambesprechung am frühen Morgen mit unsern rumänischen Partnern beschliessen wir eine spektakuläre Aktion: Die ersten Güter, die wir |19| entladen, sollen möglichst öffentlich und demonstrativ der rumänischsprachigen Bevölkerung zugutekommen, aber selbstverständlich nicht nur. Den Behörden, auch wenn sie sich als Mitglieder der Frontul National kennzeichnen, misstrauen wir. So bleibt nur die Rumänische Orthodoxe Kirche – ein gewiss auch nicht über alle Zweifel erhabener Partner. Rasch wird mit den verantwortlichen Priestern der orthodoxen Kathedrale im Stadtzentrum verhandelt. Sie verpflichten sich schriftlich, die Güter allen Bedürftigen unabhängig von Konfession, Sprache oder Nationalität auszuhändigen. So fahren wir mitten am Vormittag mit unsern fünf Lastern mit Anhängern vor der Kathedrale auf. Der Zulauf von Zuschauern, dankbar für eine weitere spektakuläre Szene in diesen vibrierenden Tagen, aber auch das allgemeine Chaos sind beachtlich. Autos bleiben stecken und werden stehen gelassen. Die Fahrer reihen sich in die Menschenketten ein, in denen Paket um Paket von unsern Lastwagen weitergereicht wird, bis zum sichersten Platz in der Kathedrale, vor und hinter der Ikonostase. Ich sehe das Bild noch vor mir: Zwei mindestens 50 Meter lange Ketten von Männern und einigen robusten Frauen, interessierte Zuschauer, darunter auffallend viele Zigeuner-Frauen10 in bunten Röcken, eifrige Priester und der Delegierte des Schweizerischen Roten Kreuzes, der mit ernster Miene und grosser Sorgfalt jedes Paket mit Inhalt registriert. Die gewählte Strategie bewährt sich: Allen gegenteiligen Erfahrungen dieser Tage zum Trotz erleben Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt, dass durch den Schweizer Hilfstransport in einem ersten Schritt auch rumänischsprachige Menschen begünstigt werden. Nach dieser ersten spektakulären Aktion fahren wir weiter, je eine reformierte und katholische Kirche in Târgu Mureş, eine weitere in Sângeorgiu/Márosszentgyörgy, alle drei ungarischsprachig, werden auf gleiche Art versorgt.
Angesichts der vielen Hilfspakete könnte ich anstelle von «versorgt» auch «eingedeckt» schreiben, buchstäblich. Ich sehe sie noch vor mir, die Priester und Pfarrer, Kirchendienerinnen und Mesmer. Ihr Strahlen angesichts des materiellen Segens, der da in ihre Kirchen gebracht wurde, wich zunehmender Besorgnis. Mit einer solchen Menge hatten sie denn doch nicht gerechnet: Ikonostase und ein Teil der Kathedrale waren ebenso verstellt und verstopft wie die drei weiteren Kirchen. Um die Kirchen herum versammelten sich Menschen, die gerne sofort ihren Anteil bekommen hätten und die wohl bald schon zu einer |20| drohenden Menge werden konnten. Dazu die allgemeine Angst vor den Zigeunern, denen jeder Diebstahl zugetraut wurde – Vorurteile, die von aussen nur schwer zu verstehen waren. Unser Hilfstransport zeigte seine grösste Schwäche: Die grossen Mengen von Gütern stellten in Rumänien einen immensen Wert dar. Da sie auf nur fünf Grosslastern, teilweise mit Anhängern, verteilt waren, war die ganze Aktion ausserordentlich schwerfällig. Das Manövrieren der Kolonne war sehr schwierig, angesichts der rumänischen Strassen zuweilen unmöglich; Retourfahrten wurden zu fahrtechnischen Herausforderungen. An eine Feinverteilung war unter diesen Umständen gar nicht zu denken, dazu fehlten uns bewegliche Transportmittel. Am Ende mussten wir dankbar sein, dass die Kirchgemeinden mit ihrem Personal bereit waren, die Hilfsgüter nicht nur zu übernehmen, sondern auch deren Verteilung effizient und gerecht vertraglich zuzusichern. Auch ihnen standen keine Kleinlastwagen zur Verfügung, sie hatten nach Jahren des als Sozialstaat getarnten Mangellandes keinerlei Erfahrungen in diesem Geschäft, und sie konnten wohl kaum allen nun an sie herangetragenen Wünschen gerecht werden. Manche werden sich mehrfach bedient haben, andere, vor allem Schwache, Behinderte und Betagte, werden wohl überall zu spät und zu kurz gekommen sein. Und die Kirchgemeinden standen unter dem Verdacht, die wertvollen Hilfsgüter verkauft oder an die eigene Klientel verschenkt zu haben.
Die Sache mit den Gulaschbüchsen
Spezialisten in der Schweiz hatten die Güter während der Weihnachtstage ausgewählt und in die Lastwagen geladen: kratzige Wolldecken aus Armeebeständen und, wie bei jeder Katastrophe, Milchpulver, Kleider aller Art: Unterwäsche, Jacken, Mäntel, Hosen, Socken, Strümpfe, alles schön verpackt und beschriftet durch TexAid, und dann vor allem Lebensmittel, Tonnen von Konservendosen, Teigwaren, Süssigkeiten, Kaffee. Erschütternd war das allererste Palett, das vor der Kathedrale aus dem Lastwagen kam: ein halber Kubikmeter Büchsen mit ungarischer Gulaschsuppe. Aus Bischofszell. Ausgerechnet Gulasch, das in Ungarn als Gulyasleves und in Rumänen als Csorba eine weit verbreitete Mahlzeit war und ist. Ich wurde verlegen und nachdenklich: Gewiss, die rumänische Bevölkerung litt damals Mangel, die Armen auch Hunger. Aber dennoch: Gulasch nach Siebenbürgen, das konnte es ja wohl nicht sein! Ich empfand die Gulaschbüchsen als Demütigung; schämte mich. Und ich schwor mir, dass gleichsam als Kompensation alles unternommen werden sollte, damit so etwas gar nicht mehr infrage kommen könnte. Anstelle der Nothilfe müsste rasch und konsequent eine Aufbauhilfe im Bereich der Landwirtschaft treten. |21|
Der Schluss dieses Nothilfeeinsatzes ist schnell erzählt: Erleichtert – in jedem Sinn erleichtert – verlassen wir Târgu Mureş und fahren in tiefer Nacht an die ungarische Grenze zurück und weiter bis Budapest, wo ich die Kolonne verlasse, um bei einer befreundeten Organisation am zweitletzten Tag des Jahres 1989 meine Berichte über die Hilfsaktion zu schreiben, nachdenklich und skeptisch. Da erreicht mich ein Telefon aus der Schweiz; der Direktor des SRK kündet einen weiteren, noch grösseren Transport an, den ich zu leiten hätte. Das sei unumgänglich, meinte er. In der Schweiz herrsche eine eigenartige Hochstimmung, ein Hype würde man wohl heute sagen. Alle wollten Rumänien helfen, in den Medien würden entsprechende Aufrufe lanciert. Der neue Transport treffe bald in Budapest ein, Hilfswerke müssten da mitmachen, sonst drohe ein grösserer Imageschaden. Ich versuche die Situation zu erklären: Mit dem Sturz des Ceauşescu-Regimes seien die Lebensmittellager in Rumänien nun geöffnet worden, es ginge nichts mehr in den Export, niemand hungere. Das Land sei mit der Verteilung der Hilfe heillos überfordert und weitere Transporte würden nur noch mehr Chaos herbeiführen. Ich will Zeit gewinnen und verspreche zurückzurufen. Es gelingt mir, in der Nähe von Budapest ein vertrauenswürdiges Lager für die Hilfsgüter zu organisieren; man könnte die Lebensmittel, Wolldecken und Kleider dann bei Bedarf in Rumänien ausliefern, sei das in Wochen oder Monaten. Doch die Leute des Transports gehen auf die vorgeschlagene Lösung gar nicht ein. Und so fahren sie weiter nach Rumänien. Auch auf mehrmaliges Bitten hin weigere ich mich, dieses Unternehmen zu leiten oder auch nur zu begleiten. Ich habe Rumänien gesehen, die Lage der Bevölkerung erkannt. Schon der erste Transport ist vielleicht einer zu viel gewesen, ein zweiter scheint mir verantwortungslose Publicity auf Kosten der Menschen in Rumänien zu sein. Ich fliege in die Schweiz zurück und erfahre via Radio und Presse, was geschehen ist und weiter passiert. Die Lastwagen des neuerlichen Transportes kurven im ohnehin überlaufenen Westrumänien herum, begleitende Journalisten berichten grossmaulig und voll versteckter Verachtung über Rumänien und seine Menschen. Am Schluss erscheint in der Presse ein vielsagendes Foto: Eine Gruppe von Einheimischen – fast bin ich versucht zu schreiben: Eingeborenen – haben sich um ein wahlloses Berglein Hilfsgüter aufgestellt und hingekniet, hinten in der Mitte, links und rechts Schweizer Begleiter, «Helfer» und Journalisten. Das erinnert mich stark an ältere Fotos von Grosswildjägern mit stolzen Schützen und afrikanischen Helfern um das erlegte Wildtier. Gute Bilder trügen nicht.
Der gemeinsame Transport der Schweizer Hilfswerke Ende Dezember war ein handfestes Zeichen der Solidarität mit der rumänischen Bevölkerung; er wurde als solches auch verstanden. Vieles war, dank guter lokaler Kenntnisse, gelungen, manches war problematisch, schwierig oder schlicht falsch. Fehler sind wohl nie zu vermeiden, aber sie sollen, sobald sie erkannt oder nur erahnt |22| werden, benannt und in der Folge vermieden werden. HEKS hat sich nicht mehr an weiteren, weitgehend nutzlosen, aber öffentlichkeitswirksamen Grosstransporten beteiligt, sondern stattdessen Entwicklungsprogramme initiiert.
Vor 1989: Im Land des «Genies der Karpaten»
HEKS-Anfänge in Rumänien
1982, also fast acht Jahre vor dem Sturz Ceauşescus, begann meine Tätigkeit bei HEKS. Ein Schwerpunkt war von Anfang an die Weiterführung der schwierigen Beziehungen zu den Partnerkirchen in Rumänien. Ich kannte das Land nicht aus eigener Anschauung, und auch meine theoretischen Kenntnisse waren sehr bescheiden: ein ehemals reiches Land am Rande des Balkans, am Schwarzen Meer, wo man billig Strandferien machen konnte, ein Regime, das sich gegen die übermächtige Sowjetunion zur Wehr setzte, das zum Beispiel den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in die CSSR 1969 nicht mitgemacht hatte. Ich hatte die naive Vorstellung einer Art «Diktatur light» – und fand eine eisenharte Herrschaft vor, geprägt durch den Diktator Ceauşescu, der sich im von ihm geförderten Personenkult gerne auch einmal als «Genie der Karpaten» bezeichnen liess.
Durch den ehemaligen Kommunikationsbeauftragten von HEKS, Marcel Pasche, wurde ich in meine Aufgabe eingeführt. Dieser hatte ein engagiertes Berufsleben hinter sich: Er war reformierter Pfarrer im von den deutschen Truppen besetzten Frankreich gewesen und hatte dabei Kontakte mit der Résistance und kritischen Wehrmachtskreisen gepflegt, wobei ihm wichtige Vermittlungen gelungen waren. Mit den wertvollen Berufserfahrungen übernahm er die Aufgaben bei HEKS, gegen Ende seiner Anstellung und in den ersten Jahren nach seiner Pensionierung kam der zusätzliche Auftrag dazu, die Rumänienhilfe zu organisieren. Diese war nach dem Erdbeben vom 4. März 1977, das Bukarest und die Südkarpaten betroffen hatte, nötig geworden. Eine eigentliche humanitäre Hilfe in diesem kommunistischen Land durch ein westliches und zudem kirchliches Hilfswerk war zwar nicht möglich, erlaubt wurde aber vorerst die Unterstützung der Kirchgemeinden beim Wiederaufbau der vom Erdbeben zerstörten kirchlichen Gebäude. Beschädigte Kapellen, Kirchen und Quartiere gab es viele in Bukarest – willkommener Anlass für den grössenwahnsinnigen Diktator, ganze Stadtteile abzureissen und neu systematisiert wieder aufzubauen. Schwer beschädigte Grossgebäude und insbesondere Kirchen gab es auch in den Südkarpaten, vor allem im Bezirk Covasna, einem traditionellen Siedlungsgebiet der ungarischsprachigen Szekler, die mehrheitlich der reformierten Kirche angehören |23|. Durch intensive Kontakte und Zusammenarbeit mit andern protestantischen Hilfswerken Europas konnten Dutzende von reformierten Kirchen wieder aufgebaut oder repariert werden. Was anfänglich offiziell erlaubt war (es durften sogar Baumaschinen eingeführt werden), wurde mehr und mehr erschwert, teils verboten und in die illegale Arbeit abgedrängt. Die Erfahrungen in Frankreich mit einem feindlichen Regime kamen Marcel Pasche dabei sehr zugute. Davon erzählte er mir anlässlich einer gemeinsamen Reise, bei der er mich den Partnern vorstellte.
Allgegenwärtige Securitate
Die erste Begegnung mit dem Land: Wir erreichen Bukarest im April 1983 mit dem Linienflug der Swissair. Schon am Zoll fällt mir auf, wie hemmungslos ein heimkehrender Rumäne vor mir, statt wie gefordert die Koffer zu öffnen, dem Zöllner zwei Schachteln Zigaretten zuschiebt. Als Westler kommen wir ungeprüft durch. Nach einem umständlichen Transfer zum Nordbahnhof und der Fahrt im ruckelnden und zuckelnden Zug über die Karpaten erreichen wir um Mitternacht Braşov, Kronstadt.
Weit hinten, gleichsam im Vorgelände des Bahnhofs, steigen wir auf dem Schotter der Geleise aus, keine Lampen. Mit schweren Koffern kämpfen wir uns zum Perron vor, wo wir von vier Männern in schwarzer Kleidung und mit ins Gesicht gedrückten Hüten empfangen werden, kurze Umarmungen und dann zum abgelegenen Parkplatz, wo ich mich leicht verwirrt hinten in einem Trabant verstaut wieder finde. Wir fahren durch die Dunkelheit zum reformierten Pfarrhaus im Vorort Sacele. Da endlich kann ich in die Gesichter der Leute schauen, die uns abgeholt haben: Der Theologieprofessor István Juhász, sein Sohn Péter, Pfarrer am Ort, dazu der reformierte Dekan von Braşov, Ferenc Antal, und sein Hilfspfarrer und zukünftiger Schwiegersohn Miklós Ménessy. Etwas belämmert von allen Eindrücken nehme ich nur unklar wahr, was hier mit uns geschieht. Die Vorhänge sind gezogen und – ganz wichtig – über dem Telefon liegt die obligate Bettdecke, das Ritual bei allen Besuchen in rumänischen Privathaushalten jener Zeit, denn Telefone wurden mit grosser Selbstverständlichkeit als Abhörinstrumente der Securitate verstanden. Die Gesichter meiner Gesprächspartner sind ernst, gezeichnet, gleichsam in permanenter Konspiration. Das Programm unserer vierzehntägigen Reise wird besprochen, Namen, Orte, Daten wirbeln durcheinander. Bis heute ist dieser erste düstere Eindruck haften geblieben: die Besorgnis unserer Partner um ihre Arbeit und Familien und vor allem um uns, ihre Gäste, die diffuse Angst vor der Securitate, vor dem Nachbarn, der Lehrerin. Man muss eine solche Nacht in Rumänien oder anderswo in Mittel- |24| und Osteuropa erlebt haben, um zu ermessen, welche Schäden und psychischen Störungen das Regime erzeugt hatte. Gegen drei Uhr morgens sind wir dann endlich im Hotel. Der damals neue Eindruck in der Hotelhalle wiederholt sich später immer wieder: Ein überdimensionierter Empfang in dunkelbraunem Sperrholz, schwere Plastikpolstermöbel, auf denen zu allen Tages- und Nachtzeiten junge Männer in Lederjacken scheinbar herumlümmeln, in Tat und Wahrheit aber für die Securitate den Betrieb überwachen, sich auch gegenseitig kontrollieren und nebenbei wohl etwas Schwarzhandel treiben. Was sich heute so leichthin schreibt, erzeugte Angst – immer war man beobachtet, immer wurde über einen rapportiert.
Ich machte mich immer ein wenig lustig über die verschiedenen Kontrollen. Angesichts des aus den Fugen geratenen Landes sei es ja kaum möglich, dass mit den so gesammelten Beobachtungen irgendetwas geschehen würde, diese landeten ohnehin im schwarzen Loch des rumänischen Chaos, so witzelte ich. 1986 bereiste ich im Spätwinter mit dem Bündner Pfarrer Hans Domenig und Tildy Hanhart, der Informationsbeauftragten von HEKS, Rumänien. Ziel war es, eine Tonbildschau über das gebeutelte Land zu produzieren.11 Als wir dann bei der Ausreise stundenlang auf dem Bukarester Flughafen vernommen und untersucht wurden, begann ich an dieser Fehleinschätzung der Securitate zu zweifeln. Die Polizei auf dem Flughafen war bestens informiert über unsere Reiseroute und auch über meine früheren Aufenthalte. Unser Gepäck wurde wieder aus dem Flugzeug geholt und untersucht. Jede Filmrolle, jedes Fetzchen Papier, selbst der Du-Monde-Reiseführer mit ein paar belanglosen Bemerkungen zur Kultur wurden konfisziert. Und nur nach unangenehmen Leibesvisitationen und aufgeregten Telefongesprächen wurden wir schliesslich mit unsern durchwühlten Gepäckstücken übers Rollfeld zum Flugzeug gebracht. Mit mehr als zwei Stunden Verspätung waren wir dann in Zürich. Die Geschichte fand ihre Fortsetzung: Während ich 1987 unbehelligt durchs Land und wieder zurück in die Schweiz reisen konnte, kam es 1988 in Cluj/Kolozsvár erneut zu einem Intermezzo mit der Securitate. Wir kamen, um uns etwas auszuruhen, am späteren Nachmittag zurück ins Hotel, wo mir beim Empfang ein paar junge Männer auffielen, die das unmittelbare Gefühl auslösten: Securitate, da geht’s um dich. Und wirklich, statt sofort den Zimmerschlüssel bekam ich die Aufforderung, um 19 Uhr im «Passbüro» zu sein zwecks Klärung einiger Fragen; ich würde abgeholt werden. Zur gegebenen Stunde wurde ich in rascher Fahrt an jenen Ort gebracht. Meine damaligen Begleiter Rosmarie Oetiker und Andreas Hess folgten uns mit einem Taxi. Nach kurzem Warten wurde ich in einen grossen Saal geführt; ganz hinten ein breiter Tisch mit ein paar Leuten und an der Wand |25| hinter ihnen das Porträt Ceauşescus, des Genies der Karpaten. In der Mitte ein geduckter Mann, mit unruhig bösen Augen und einem auffallenden Scheitel. Der Name war mir aus Gesprächen bekannt, und so begrüsste ich ihn als Herrn Ungvari, einen Mitarbeiter der Securitate in Cluj, zuständig für die Reformierten, Peiniger vieler meiner Freunde. Nach ein paar belanglosen Fragen übergab er mir einen Plastiksack mit diversen damals auf dem Bukarester Flughafen konfiszierten Dingen, ein paar Filmrollen, Bücher, mehr nicht. Das sei ein Zeichen guten Willens, und zeige, dass unsere Intervention auf der KSZE-Konferenz in Wien wegen des Bukaresters Zwischenfalls nicht nötig gewesen wäre. Ich stellte fest, dass das nicht alles sei, listete ein paar fehlende Dinge auf und verabschiedete mich. Die Schäbigkeit der Szene, die windigen Typen am Tisch mit ihrem Spiel um Einschüchterung, Macht und Angst wiesen auf die irrationale Unberechenbarkeit hin. Für mich eine halbe Stunde, während der Reisen ein paar Wochen – für die Menschen in Rumänien und eigentlich allerorts im Ostblock eine tägliche Erfahrung, jahraus und jahrein, skurril, irgendwie lächerlich und doch voll drohender Realität, Erniedrigung und Gefahr.
Trotz allem waren Hilfsaktionen möglich
Zurück zum ersten Abend in Rumänien: Ich lernte in jener Nacht nicht nur die rabenschwarze rumänische Realität kennen, ich machte, wie weiter oben bereits dargestellt, vor allem Bekanntschaft mit mutigen Vertretern der Kirche, mit einem kaltgestellten klugen Theologen, mit einem Ortspfarrer, einem Dekan und dessen Hilfsprediger, die mir in den kommenden Jahren zu lieben Freunden und verlässlichen Partnern wurden. Vier Männer, die wie viele Frauen und Männer Rumäniens zwar keine offene Rebellion machen konnten, die aber beharrlich und in grosser Treue zur Kirche und ihren Kirchgemeinden hielten und die so Widerstand an der Basis respektive von der Basis aus leisteten.12 Und wir planten die nächsten Tage. Mit unserm Mietauto besuchten wir ein paar der wiederaufgebauten Kirchen im Bezirk Covasna. Bisweilen wurden wir freundlich und offen, manchmal auch ängstlich empfangen. Denn über Besucher aus dem Westen |26| musste bei der Securitate Bericht erstattet werden. So zeigten wir, bevor wir zum Geschäftlichen kamen, immer Fotos unserer Familien, Stoff für die erwarteten «Berichte über ausländische Besucher», und wir ermutigten unsere Partner damals und in der Folge immer wieder, diese Berichte ruhig zu schreiben. Im Schutz unverfänglicher Themen lasse sich vielleicht manches geheim halten, so dachten wir. Ein paar wenige Kollegen aber blieben hart, berichteten nichts. Ich verrate doch keine Gäste, war ihre Haltung. Spätabends erreichten wir das Dörfchen Páké/Pachia: Die ganze Bevölkerung, mit Ausnahme des Dorfpolizisten und natürlich einiger Offizieller, hatte auf dem Dorfplatz vor der Kirche auf uns gewartet, viele in den traditionellen Szeklertrachten, manche mit Musikinstrumenten. Kurze Begrüssungen mit dem Dank für die Unterstützung beim Wiederaufbau der völlig zerstörten Kirche, etwas Pálinka (der ungarische Zwetschgenschnaps), Musik, Volkstänze und am Schluss die ungarische Hymne. Dies, obwohl der Pfarrer des Ortes am letzten Neujahrstag verhaftet und schwer verprügelt worden war wegen Singens eben dieses Liedes zum Jahreswechsel. Kraft und Wille zum «trotz allem» dampften in jener Frühlingsnacht.
Begegnungen, das lernte ich damals zum Nutzen bei vielen weiteren Reisen in Osteuropa, finden auf ganz verschiedenen Ebenen statt: Wir besuchten die offiziellen Bischofsämter der reformierten Kirche in Oradea und Cluj, besprachen mit ihnen ihre Sicht zur Lage der Kirche, nahmen ein paar Wünsche entgegen und planten auch Hilfsaktionen. Oft war das belanglos und diente lediglich dazu, den Besuch von uns als Delegationsreise gleichsam zu offizialisieren. Dass wir zum Beispiel im Bischofsamt beim Weggehen unter der Tür von Sekretär Gyula dann noch ein paar Bitten um Medikamente oder Baubeiträge erhielten oder dass mit einem Dekan ganz verschwiegen ein kleines Bauprojekt realisiert werden konnte, zeigte, wie viele Menschen an ihren Stellen in der Kirche irgendwie versuchten, Sinnvolles zu tun. Wir führten Gespräche in der Theologischen Fakultät, hörten von den für die kirchliche Entwicklung bedrohlichen Zugangsbeschränkung zum Theologiestudium: maximal zehn neue Studierende pro Jahr; Zahlen, die wir dann über den Schweizerischen EPD (Evangelischer Pressedienst) der westlichen Öffentlichkeit zugänglich machen konnten. Dazu Smalltalk mit dem Rektor und sogar ein wenig geglückter Versuch mit der Orthodox-Theologischen Fakultät in Cluj. Anderseits nahmen wir Bücherwünsche der Bibliothek des Institutes entgegen oder besuchten «nebenbei» den Finanzverwalter der illegalen Kollegenhilfe, der mit HEKS-Mitteln dissidente Pfarrer, Witwen oder Familien von Kollegen im Gefängnis regelmässig unterstützte. Wir lieferten unsere Dollars ab und konnten das Kassabuch, tief im grossen Mehlsack versteckt, kontrollieren. Die Begegnungen mit den vielen Pfarrerinnen und Pfarrern in Not waren wichtig für die in jenen Jahren in Rumänien zu einem guten Teil illegale Zusammenarbeit mit reformierten |27| Gemeinden. Die Besuche bei Kirchenleitungen der verschiedenen Konfessionen und die wenigen mit ihnen realisierten Hilfsprojekte gaben gleichsam einen Schutz für solche Aktivitäten. Das in der Schweiz zu vermitteln, war nicht immer einfach, standen wir doch oft unter dem Verdacht, mit den angepassten Kirchenleitungen gemeinsame Sache zu machen. Wie viel schwerer muss das für die Bevölkerung Rumäniens gewesen sein: vordergründig musste man sich da oder dort anpassen, immer galt es abzuschätzen, ob Widerstand sinnvoll oder eher nutzlos oder gar eitel sei. Wem konnte man wie vertrauen? Das Leben auf ganz verschiedenen Ebenen kannte ich kaum in meinem bisherigen Leben. Ich lernte in diesen Jahren viel zum Thema Ehrlichkeit und heiliger Verschlagenheit.
Zynischer Tiefpunkt der Reise 1983 ist der Besuch im reformierten Bischofsamt in Oradea/Nagyvárad. Mit guten Wünschen von unserm lieben Freund und kaltgestelltem zweiten Vizebischof Béla Nógrady behütet erreichen wir von der Minenstadt Baia Mare kommend in der Abenddämmerung den Bahnhof der Bischofstadt. Wir werden empfangen, drei Herren im gewohnten Schwarz mit dunkeln Hüten (Bischof Lázsló Papp, zweiter Vizebischof Videtic und ein Sekretär, wie ich später erfahre) stehen gut platziert auf dem Perron. Wir schieben Kappen und Kapuzen in die Stirn und machen uns so den vielen Bahnfahrenden – Wanderarbeitern, Obdachlosen, Roma – ähnlich und drücken uns an den wartenden Herren vorbei, fahren mit der Stassenbahn zum vorgesehenen Hotel und checken ein. Wenig später kommen die Herren aufgeregt daher, man habe uns abholen und ins Hotel fahren wollen, so allein in der Fremde, das sei doch viel zu gefährlich, man wolle eben für uns wirklich sorgen. Dabei ist der Ärger über unsere Selbständigkeit offensichtlich weit grösser als die Fürsorge für uns. Dann wird uns das Programm für die nächsten 24 Stunden vorgestellt: Nachtessen auf dem Zimmer mit dem Vizebischof – der Esssaal sei überfüllt. Aber wo nur sind denn diese vielen Leute? Und am Morgen um 6 Uhr zum Sonnenaufgang auf den nahen Hügel, Frühstück und Gespräch im Bischofsamt und so weiter. Wir sollen nach der Panne am Bahnhof lückenlos begleitet und kontrolliert sein. Der Vizebischof bleibt nicht nur zum Essen in unserm Zimmer, auch anschliessend will er einfach nicht gehen, hockt da, beobachtet uns und nimmt uns jede Freiheit. Erst als ich beginne, mich für die Nacht umzuziehen – ein Gast in Unterhosen –, da scheint ihm die Sache sicher und der schwere Mann trollt sich davon. Blitzschnell zurück in die Kleider und unauffällig an der Rezeption vorbei, wo man gerade dabei ist, die Instruktionen von Videtic zu empfangen. Im fast völlig verdunkelten Oradea gelingt es Marcel Pasche, in einer Seitenstrasse einen schwerstbehinderten Kollegen ausfindig zu machen. Wir bringen ihm etwas Medikamente und Literatur und führen ein gutes Gespräch zur Lage der Kirche. Erhobenen Hauptes und freundlich grüssend betreten wir weit nach Mitternacht wieder das Hotel, sicher, dass es über unsern |28| Ausflug keinen Rapport geben wird – wer will schon schuld an unserm Ausscheren aus dem Programm sein? Lieber vergessen, nicht gesehen haben. Erstaunlicherweise wissen nach wenigen Tagen viele Kolleginnen und Kollegen in Siebenbürgen von dem heimlichen Besuch beim sehr populären, ans Bett gebundenen und von der staatlichen Securitate beobachteten und immer wieder gedemütigten Kollegen – kleine Freuden in einer trostlosen Situation. Am Morgen dann der Sonnenaufgang und das ganze lückenlose Programm. Eine Begegnung im Bischofsamt, leer, in jeder Beziehung, kaum Leute, keine Akten, keine Worte. Die wenigen, die da sind, ein Sekretär, eine Dame, der Bischof mit seinem Vertreter wirken wie abgestellte und vergessene Gepäckstücke. In Erinnerung ist mir das fast überlebensgross gemalte Porträt des Bischofs in seinem Büro, den viele Kenner als einen der windigsten aller osteuropäischen Kirchenführer bezeichneten, korrumpiert und ein krankhafter Verfolger von engagierten Kirchenleuten. Das Bild: László Papp am Pult, eine Hand auf der Bibel, die andere am Herzen und der Blick zum Himmel. Mir fehlt der Zynismus, den Bischof mit seinem Porträt zu fotografieren. Was ich noch heute bereue.
Im Zug
Endlich werden wir zur Bahn gebracht. Nächtliche Bahnhöfe in Rumänien, mit von der Decke hängenden einsamen Glühbirnen, rammelvoll mit Leuten, ein ständiges Kommen, Gehen und vor allem Warten. Und dennoch eine gespenstische Stille, ich höre nur das Schlurfen der müden Gestalten, die unförmige Pakete oder irgendwelche Säcke über den Zementboden schleppen, in einer Ecke abstellen, darauf oder davor den nächsten Anschluss abwarten, sprachlos, nur dann und wann die Melodie der Bahngesellschaft und eine rasend schnelle, wohl auch für Rumänen unverständliche Durchsage, dann wieder Stille, eigenartig abgestandene Gerüche in der durchdringenden Kälte. Ein rumänischer Bahnhof in den achtziger Jahren eben. Fast unwillkürlich senke ich, selber am Warten, meinen Blick verschämt zu Boden, zu den Schuhen – auch damals bei Schnee und Eis dünne Gummistiefel oder Galoschen, dicksohlige Arbeitsschuhe mit abgetragenen Ecken, schwarze Lederschuhe aus längst verblasster Mode bei den reisenden Beamten und ein paar wenige Frauen mit eleganteren Schuhen, in düsteren Zeiten auf verzweifelter Suche nach urbaner Eleganz, die Schuhe der Wanderarbeiter und -arbeiterinnen, Sommerkollektion im Winter oder unförmige Moonboots im Sommer; die vom System verschobenen Menschen, als ob sie dauernd und für immer auf der Flucht wären, kaum Worte und wenn, dann leise gemurmelt. Die menschenfeindliche Musik der Diktatur Ceauşescus, noch heute höre ich sie, wenn ich in der Nacht auf einem rumänischen Bahnhof bin. |29|
Beim Reisen im öffentlichen Verkehr kam es aber auch zu vielen bewegenden Gesprächen, trotz allem. Im März 1986 fahren Tildy Hanhart und ich im Nachtzug nach Cluj. Den Tag haben wir im vereisten, vor Kälte klirrenden Bukarest verbracht, Fahrverbot für Privatwagen wegen Energieknappheit, die inneren Räume überheizt oder kalt, die Strassen weitgehend leer, mit einer dicken Eisschicht. Das Abteil mit den beiden für uns reservierten Plätzen ist mit drei weiteren Personen besetzt, der Zug verspätet sich, Heizung und Beleuchtung funktionieren nicht, an Schlaf ist kaum zu denken. Leise sprechen die rumänischen Mitreisenden von Zeit zu Zeit ein paar Worte miteinander, für mehr ist es wohl zu dunkel, die Stimmung zu misstrauisch. Irgendwann, als sich der Zug nach Stunden die Karpaten hochkämpft, hole ich mit der Taschenlampe aus meinem Gepäck eine Toblerone und biete sie den Mitreisenden an. Einer lehnt dankend ab – wenn der böse Mann mit Süssigkeiten lockt –, ein junger Mann nimmt sich ein Stück, und die alte Dame beginnt beim langsamen Zergehenlassen der Schokolade zu weinen und zu erzählen. Sie habe das noch als Kind erlebt, Toblerone. Sie erinnere sich gut, wie weit das alles weg sei und wie schön das gewesen sei, die Kindheit, das Leben unbeschwert. Bald sind wir in Braşov, der korrekte Herr verlässt das Abteil, und nun beginnen wir mit den beiden verbliebenen Passagieren zu reden, in Französisch mit der Dame, wie es bei der gebildeten Schicht in Rumänien bis nach dem Zweiten Weltkrieg gebräuchlich war. Wir stellen uns vor, wer wir sind, was wir tun, erzählen etwas von uns, ohne fremde Namen oder unser Reiseziel preiszugeben. Die Frau hakt nach, Protestanten, Sekten argwöhnt sie, sie gehöre zur orthodoxen Kirche, mit allen Heiligen, der Dreifaltigkeit und der heiligen Messe sei das doch die wirkliche Kirche. Der junge Mann schaltet sich ein, Französisch verstehe er etwas, sprechen könne er es nicht, aber Englisch gehe gut, er sei Baptist, eben Protestant, und mit Heiligen könne er nichts anfangen, Jesus allein. Es geht hin und her, bereichert durch den Kondukteur, der sich in dieser Stunde nach Mitternacht ein unterhaltsames Abteil zum Beisitzen ausgesucht hat. Zwischendurch verfallen die drei Rumänen im Eifer ins Rumänische, besinnen sich dann wieder höflich auf die Gäste, übersetzen und die Diskussion geht weiter. Die Stunden auf der Fahrt vergehen trotz unserer Müdigkeit wie im Flug. Fast etwas widerwillig verlassen wir früh am Morgen den um Stunden verspäteten Zug in Cluj. Auch das ist Rumänien. Wann haben wir das schon erlebt? Eine Fahrt im öffentlichen Zug mit intensivster theologischer Diskussion in mehreren Sprachen über Messe, Trilogie und Christologie?
Zwei Jahre später stehe ich mit meinem Freund Albrecht Hieber, OEME-Beauftragter in Bern, in der mittäglichen Sommerhitze am Bahnhof von Cluj, die Durchsagen sind, wie immer unverständlich und etwas wirr, ich erkundige mich mit meinen Brocken Ungarisch nach dem Zug nach Budapest und dessen |30| Abfahrtszeit. Meine Herkunft, zusammen mit meinen Ungarischkenntnissen, haben für die reichlich vorhandenen und offensichtlich wenig motivierten Bahnarbeiter Unterhaltungswert, sie lassen alles stehen, ein Kreis bildet sich, Fragen und Gegenfragen. Mir ist etwas unbehaglich, Erinnerungen an die Begegnungen mit der Securitate kommen hoch, eben waren wir noch im Vereinigten Protestantisch-Theologischen Institut, wo die Angst vor Staatssicherheit und Polizei mit Händen greifbar war, und nun soll ich öffentlich und in meinem so mageren Ungarisch über meine Arbeit erzählen, dass ich Lelkipasztór, Pfarrer, sei und für ein kirchliches Hilfswerk arbeite, wo wir doch nur Touristen-Visa haben. Ein junger Mann hört aufmerksam zu, plötzlich spricht er uns an, fliessend in Englisch, stellt sich vor. Eigentlich sei er Jugendarbeiter bei den Baptisten in Oradea, jetzt halt auch Gramper bei der rumänischen Eisenbahn, wie schön es sei, dass er uns getroffen habe. So viel angstfreie Offenheit! Ich staune darüber, dass mir das in Rumänien passiert. Schliesslich muss er wieder zu seiner Arbeit, zwei, drei Geleise von unserm Perron entfernt. Endlich fährt unser Zug ein und als wir ihm aus dem Fenster Adieu winken, ruft er uns quer durch den Bahnhof sein «Jesus loves you» zu. Das war und ist nicht meine Sprache, aber damals empfand ich die Worte als unglaublich befreiend und ermächtigend, und so fuhren wir unbesorgt der Grenze nach Ungarn zu. Auch das ist Rumänien.
Dank Partnern auch in schwierigen Jahren: Planen und Wirken
Die vierzehntägige Einführungsreise 1983 schlossen wir mit einem Debriefing mit István Juhász in seinem Herkunftsdorf Málnás im Szeklerland ab. Wir berichteten über unsere Erfahrungen, und er überreichte uns einen langen Text zur Lage der Kirche und mit den dringendst notwendigen Massnahmen, «Plantatio ecclesiorum»: Kirchen pflanzen, aufbauen, ganz nach Luther, der sagte, er würde, wüsste er, dass morgen die Welt untergehe, noch heute ein Apfelbäumchen pflanzen. Die Partner bezeichneten die Notwendigkeiten, wir übernahmen diese – nach modernen Erkenntnissen in der Entwicklungszusammenarbeit wohl eine Art Sündenfall, damals eine klare Notwendigkeit. Um den Verfasser des Textes nicht zu gefährden, schrieben wir alles ab, Textblock um Textblock, verstreut in unsern Notizen. Vier Projekte waren für Juhász von besonderer Bedeutung: Kirchliche Neubauten in Braşov und Târgu Mureş, die Renovation der Burgkirche und -anlage in Ilieni/Illyefalva und die Unterstützung der Theologischen Fakultät in Cluj. Mit grosser Dankbarkeit darf ich fast dreissig Jahre später feststellen, dass alles realisiert worden ist, Târgu Mureş noch 1988/89 mit viel teuren Devisen, Braşov, Ilieni und die Fakultät in Cluj unmittelbar nach dem Sturz von Ceauşescu. Und alle vier Bauaufgaben wurden Schlüsselprojekte |31| für die Entwicklung der Kirche, wie ich weiter unten erzählen werde.13 Es erwies sich als grosser Glücksfall oder gütiges Geschick, dass wir uns ganz auf die Wünsche und Vorstellungen unseres Partners und Gewährsmanns István Juhász eingelassen hatten.
Begegnungen während dieser und anderer Reisen führten bei allen Einschränkungen durch den autoritären Staatsapparat und trotz permanenter Zeitknappheit zu verlässlichen Beziehungen mit Freundinnen und Freunden. Vieles in jener Zeit konnte nicht wirklich kontrolliert oder schriftlich festgehalten werden, und dennoch wurden wir meines Wissens nur in einem Fall durch einen «Partner» betrogen. Einem Pfarrer wurde mit westlichen Devisen ein Auto gekauft; sein Versprechen, den Gegenwert in rumänischen Lei für den Wiederaufbau einer Kirche zu entrichten, hat er nicht eingehalten. Als wir ihn 1983 besuchten, erklärte er unumwunden, er hätte nie daran gedacht, die Summe zu bezahlen. Als informeller Mitarbeiter der Securitate hatte er uns getäuscht. Auf unsere Partner und Partnerinnen aber war Verlass, sie dienten der Kirche, ihren Gemeinden und den bedrückten Menschen auf oft beindruckende Weise. Stellvertretend erzähle ich von zwei:
Schon bei der allerersten Begegnung spätabends in Saccele war der junge Pfarrer Miklós Ménessy dabei; wir lernten uns damals und anlässlich mancher weiterer Begegnungen vor 1989 gut kennen. Er betreute weit verstreute Diasporagemeinden im Westen von Braşov mit einem kleinen Kirchlein in Zernesti, wo er mit seiner Familie wohnte. Unsere Zusammenarbeit begann mit der Beschaffung eines Autos, eines Dacias, damals mit westlichen Devisen zu weit überteuerten Preisen gleichsam ab Stange sofort zu haben. Später kam, mit abenteuerlicher Finanzierung, ein kleiner von Katholiken und Reformierten gemeinsam genutzter Gottesdienstraum dazu, ganz in der Nähe der lokalen Zuckerfabrik, wo Menschen nur in den Wintermonaten zur Verarbeitung der Rüben wohnten. Kirche bei den Wanderarbeitern, jenen durch die Planwirtschaft im Land herumgeschobenen Männern und Frauen mit ihren Familien. In der Zusammenarbeit festigte sich eine Freundschaft, die wir oft genug durch Gespräche auch mit seiner Frau Csilla spätabends und in der Nacht vertieften. Noch vor der Revolution wurde er zum Pfarrer der zweiten reformierten Gemeinde in Braşov gewählt, jener Gemeinde also, deren Kirchenneubau uns István Juhász als so wichtig ans Herz gelegt hatte.
Ganz anders kam es zum Kontakt mit Ibolya und Béla Kató, dem Pfarrerehepaar in Ţufalău/Cofalva bis 1988, seit dann und bis 2012 in Illyefalva/Ilieni. Wir bereisten mit einer Reisegruppe 1984 Rumänien und besuchten dabei die Kirchen der Erdbebenhilfe im Bezirk Covasna. Offenbar war diese Reise für die |32| rumänischen Behörden so interessant, dass es bei jeder Begegnung von Spitzeln wimmelte, auch in der kurzen Kaffeepause in Covalva. Immer wurden alle und alles beobachtet, in diesem rein ungarischen Dorf ganz besonders. Dennoch fanden der Ortspfarrer Béla Kató und ich ein paar wenige Minuten für ein Gespräch, um uns etwas kennenzulernen und irgendwie Freunde zu werden, auch wenn weitere Begegnungen aus verschiedenen Gründen vorerst nicht gelangen. Béla Kató bat um heilpädagogische Literatur für seine Frau, die an einer Sonderschule arbeitete. Das war damals ein untrügliches Zeichen, dass die beiden nicht auf der offiziellen Linie lagen, Heilpädagogik und bestimmte Formen der Psychologie galten als westliche Softprogramme. Das kurze Gespräch sorgte für Vertrauen zwischen Béla Kató und mir.
1986 erlebte ihr Dorf Cofalva von zwei ganz unterschiedlichen Seiten ernste Bedrohungen: Ein Erdbeben beschädigte die Kirche so sehr, dass sie nicht mehr betreten werden durfte. Gleichzeitig wurde den Menschen im Dorf mitgeteilt, ihr Dorf würde systematisiert. Was das bedeutete, war allen klar: Das traditionelle Szeklerdorf sollte dem Erdboden gleichgemacht und die Bewohner in neue Plattenbauten umgesiedelt werden. Die Leute im Dorf wollten das nicht akzeptieren und Pfarrer Kató organisierte den Widerstand, der aus zwei Massnahmen bestand: Eine Foto mit allen Bewohnern wurde aufgenommen, vergrössert und aufgehängt. Niemand sollte sagen können, es habe ja kaum mehr Menschen in der Gemeinde gehabt, nur noch ein paar alte Leutchen. Und die Kirche wurde in Rekordzeit durch Freiwilligenarbeit und mit ins Land geschmuggelten finanziellen Mitteln, auch von HEKS, wieder aufgebaut. Bei der Einweihung 1987 strahlte der neu befestigte Kirchturm leuchtend weiss: ein weitherum in der Ebene von Covasna sichtbares Zeichen, dass sich die Leute nicht aufgaben, sondern weiter an die Zukunft glaubten und an ihr arbeiteten, ein Zeichen des Widerstandes. Das Zeichen wurde verstanden und Béla Kató deshalb an die wichtige Pfarrstelle in Ilieni berufen, am Fuss der historisch bedeutenden Kirchenburg. Widerstand gegen Unrecht und für Menschenrechte kann und muss zuweilen seltsame Formen annehmen, eben zum Beispiel der Wiederaufbau einer zerstörten Kirche, offiziell nicht verboten, aber ganz und gar unerwünscht. Ich bin überzeugt, dass auch solche Formen von Menschenrechtsarbeit für kirchliche Werke wichtig und kennzeichnend sein können. Ilieni/Illyefalva wurde dann zum Ausgangspunkt der HEKS-Aufbauarbeit nach 1989. |33|
Kirchen und Religionsgemeinschaften in Rumänien14
Der konfessionelle Reichtum des Landes entspricht der ethnischen Vielfalt: Seit Jahrhunderten leben auf dem Gebiet des heutigen Rumäniens rumänischsprachige, ungarische und deutsche Bevölkerungsgruppen; dazu kommen Roma und viele kleine Minderheiten. Nach dem Ersten Weltkrieg erhielt Rumänien grosse neue Gebiete zugeschlagen, zu denen die multiethnischen Bukowina und Siebenbürgen gehörten.
Traditionell sind Rumäninnen und Rumänen orthodox, während die ungarischen und deutschen Minderheiten katholisch oder protestantisch sind.
Die orthodoxen Kirchen
Zur Rumänischen Orthodoxen Kirche gehören nach eigener Einschätzung 85 % der Bevölkerung des Landes; sie hat aber auch Mitglieder im Ausland, insbesondere in der Nachbarschaftsrepublik Moldawien. Sie ist seit 1885 autokephal (selbständig) und als Kirche mit einer lateinischen Grundsprache einzigartig in der Orthodoxie. Seit 1989 erlebt die Kirche einen starken Aufschwung: Sehr viele Kirchenbauten, 15 theologische Fakultäten und 500 Klöster. Patriarch ist seit 2007 Daniel Ciobotea. Dazu kommen orthodoxe Kirchen der armenischen und serbischen Minderheit.
Die protestantischen Kirchen
Zur Reformierten Kirche Rumäniens gehören rund 800 000 Mitglieder, die fast ausschliesslich ungarischer Sprache sind. Die Kirche ist eng mit der Reformierten Kirche Ungarns verbunden und mit Partnerkirchen in den Niederlanden und der Schweiz.
Es gibt zwei Evangelisch-Lutherische Kirchen, eine ungarische und eine deutschsprachige. Letztere hatte bis vor wenigen Jahrzehnten eine grosse kulturelle Bedeutung in Siebenbürgen.
Eine Besonderheit ist die Unitarische Kirche mit ihrem antitrinitarischen (Ablehnung des Dogmas der Dreifaltigkeit) und ohnehin liberalen Glaubensverständnis.
Weit über 500 000 Rumänen gehören einer neuprotestantischen Kirche an: Baptisten, Adventisten, Pfingstler etc.
Die katholischen Kirchen
Die Römisch-Katholische Kirche hat gegen eine Million Mitglieder, einerseits traditionelle Bewohner Siebenbürgens, anderseits gewisse Minderheiten wie die Donauschwaben oder die Tschango/Csangó in den Südkarpaten.
Die Rumänische Griechisch-Katholische Kirche ist eine aus der Herrschaftszeit der Habsburger stammende Kirche mit orthodoxer Liturgie, aber unter römischer Jurisdisktion. Die Kirche wurde vor allem unter den Kommunisten |34| stark verfolgt und in den Untergrund gedrängt. Sie wird bis heute von den Orthodoxen als Vasallenkirche Roms beargwöhnt und bedrängt.
Andere Religionen
Die Juden hatten in der Vergangenheit wichtige Beiträge zur Entwicklung der rumänischen Kultur geleistet und sie bildeten in einzelnen Städten grosse Minderheiten. Nach dem Genozid durch rumänische und deutsche Faschisten leben heute nur noch 9 000 Menschen jüdischen Glaubens im Land.
Die gut 50 000 Muslime leben als türkische oder tatarische Minderheit in der Dobrudscha.
Mit einer Reisegruppe unterwegs
Es gehörte etwas Verwegenheit dazu, nach erst zwei Jahren bei HEKS im Herbst 1984 eine Gruppenreise zu Partnern in Rumänien durchzuführen. Im Sommer spulte ich die geplante Route ab und meldete uns mit Datum und Zeit bei allen vorgesehenen Gastgebern an. So vermied ich jede Korrespondenz. Nur mit dem staatlichen Reisebüro musste ich eine schriftliche Abmachung treffen: ein Bus mit Fahrer, keine rumänische Reiseleitung und die ungefähre Reiseroute. Im Oktober des Jahres flogen wir mit gut 20 Teilnehmenden nach Bukarest. Wir wurden durch Vater Verzan, einen Priester und Leiter der orthodoxen Druckerei in Bukarest, herzlich empfangen. Wenige Monate zuvor hatte er vier Wochen in der Casa Locarno15 verbracht; für ihn war es selbstverständlich, dass er uns persönlich am Flughafen begrüsste.
Empfangen wurden wir aber auch von einer jungen Frau, die sich vorstellte: «Carmen, ich habe die Freude, Sie durch unser schönes Land zu führen.» Alle Versuche, sie gleich wieder heimzuschicken, Hinweise auf die Verabredung nützten nichts. Im Bus dann neben dem Fahrer ein zweiter Mann, dessen Aufgaben und Rolle uns bis zum letzten Tag unklar blieben. Offenbar hatten Carmen und die beiden Männer den Auftrag, uns an allen Problemen des Landes vorbei zu den Nullachtfünfzehn-Sehenswürdigkeiten zu lotsen und persönliche Kontakte zu verhindern. Ein tagelanges Seilziehen begann. Mit viel Kraft und Energie konnten wir unser Programm durchziehen, die Partner und Partnergemeinden besuchen, meist mehrere am gleichen Tag. Am vierten Tag resignierte die Reiseleiterin, sie schlief meist im Bus oder schien zu überlegen, wie sie der Sicherheitspolizei |35| melden konnte, dass diese Schweizer machten, was sie wollten. Umso aufmerksamer wurden wir immer wieder begleitet, und wohl an jedem zweiten Treffen waren auch Geheimdienstleute dabei.
Als wir mit der Reisegruppe zwei Tage hintereinander in einem Hotel in Cluj übernachteten, erfuhren wir den ganzen Irrsinn dieses Systems. Wir hatten am Nachmittag unsere Hotelzimmer bezogen, und nach dem Nachtessen besuchte ich mit meinem Zimmergenossen Francis Gerber, der in Bukarest orthodoxe Theologie studierte und deshalb sehr gut Rumänisch sprach, einen kaltgestellten Pfarrer. Spätabends zurück im Hotel wurden wir vom Mann am Empfang mit öligem Lächeln begrüsst: Leider, leider hätten sie eine Hochzeitsgesellschaft im Haus, unser Zimmer läge direkt über dem Festsaal, und so hätten sie unser Gepäck in ein anderes gebracht. Wo nur der Schlüssel sei, fragte er sich, suchte theatralisch und telefonierte schliesslich ein wenig im Haus herum. Wir fragten uns, wo ums Himmelswillen in dieser Totenstille um Mitternacht denn nur dieses laute Fest sei, bis wir endlich die Schlüssel erhielten und ins Zimmer gehen konnten. Die Securitate-Leute hatten für das Verlassen des Raums die notwendige Zeit erhalten. Einen Tag später, wieder nach vertraulichen Gesprächen mit Freunden, die gleiche Szene um Mitternacht: Der Empfangschef tänzelte heran und meinte, man habe festgestellt, dass bei uns das heisse Wasser nicht laufe, und so hätten sie es sich erlaubt, uns in ein neues Zimmer zu verlegen – wir hatten am Morgen warm geduscht. Keine Sorge, sie hätten unser Gepäck schon ins neue Zimmer gebracht. Dieses entsprach ganz genau dem alten, in Grösse, Möblierung und Ausrichtung, und unsere Gepäckstücke, die abgelegten Dinge auf dem Nachttischchen, selbst Zahnbürste mit Zahnpasta und das Rasierzeug lagen ganz genau so da, wie wir diese am Morgen im andern Zimmer verlassen hatten, «eins zu eins gezügelt». Obwohl offensichtlich war, dass sie unsere Dinge in ihren Händen hatten, verwischten sie in ihrem seltsamen Reflex altgedienter Securitate-Leute gleichsam alle Spuren.
Wir konnten uns das ganze Theater nie wirklich erklären: Suchten sie belastende Dokumente oder westliches Geld bei uns? Hatte der welsche Pfarrer Francis wegen seiner Landeskenntnisse das besondere Interesse geweckt? Handelten sie aus Langeweile? Wollten sie uns einschüchtern? Ein mulmiges Gefühl hinterliessen sie auf jeden Fall. Oder ganz banal und den späten Ceauşescu-Jahren entsprechend: Hatten sie auf diese Weise drei Zimmer vermietet, um den Plan auf wundersame Weise zu erfüllen?
Beim Treffen in der reformierten Gemeinde Covalva wimmelte es buchstäblich von grauen Herren. Und doch lernte ich gerade damals und dort meinen Freund Béla Kató kennen. In Câmpia Turzii konnte ich die Hilfe für die verfolgten Pfarrkolleginnen und -kollegen, die Kollegenhilfe, besprechen, gleichsam unter den Augen des Staates. Mit Miklós fuhren wir zu seinen zehn Gemeinden |36| um Zăneşti und besuchten das eben fertiggestellte Gebetshaus. In Méra prüfte ich die Abrechnung der Kollegenhilfe, während der Reisegruppe die prächtigen Trachten der Gegend gezeigt wurden. Mit Vater Verzan wurde in Bukarest die weitere Zusammenarbeit für den Betrieb seiner Bibeldruckerei geplant. Teilnehmende der Gruppen tauschten Adressen aus, lebendige Kontakte entstanden. Trotz aller Widrigkeiten hatte sich die Reise gelohnt; die Menschen in den Kirchgemeinden wussten: man hat uns besucht, wir sind nicht vergessen.
Für Kirchen und Menschen, aber keine Kalten Krieger
Die Hilfswerksarbeit in den Ländern des kommunistischen Ostens gründete auf Vertrauen. HEKS unterstützte die Kirchen bei der Wahrnehmung ihres evangelischen Auftrages, auch wenn das oft nur an der Kirchenleitung vorbei möglich war. In diesem Sinn passte die Osteuropaarbeit sehr gut in das gesamte Engagement des Werks: Unterstützung von Benachteiligten und Entrechteten durch praktische Projektarbeit, sei das in Südafrika, Palästina oder Osteuropa – und Öffentlichkeitsarbeit. Hier gilt es ein Missverständnis zu klären: HEKS hat die Antiapartheid-Bewegung in Südafrika nicht nur unterstützt, sondern ihre Anliegen auch in der Schweiz gezielt in die Öffentlichkeit getragen. So wurde zum Beispiel Ende 1986 der Geschäftskontakt mit der damaligen Schweizerischen Bankgesellschaft aufgegeben, worüber breit informiert wurde. Eine Information über die skandalösen Geschäfte der wirtschaftlichen Schweiz mit dem weissen Südafrika, allen voran die Grossbanken, war damals eben dringend notwendig, weil die bestimmenden Kräfte der Schweiz mit ihren Medien lange und intensiv das Apartheid-Regime hinnahmen. Hier musste ein kirchliches und evangelisches Werk seine Stimme erheben. Anders die Situation mit Osteuropa: Antikommunismus war in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg durch Jahrzehnte gleichsam offizielle Staatsdoktrin in der Schweiz, die Unterdrückung der Menschen und Kirchen durch Partei und Staat in den Ländern Osteuropas der allgemeine Stand des Wissens. Es war und ist nicht unsere Aufgabe, uns allgemeinen Meinungen anzupassen und mit ihnen zu protestieren. HEKS berichtete über Ungerechtigkeiten und unterstützte auf subversiven Wegen viele Aktivitäten. Zur gleichen Zeit erzählten wir bei uns von Kirchen, Gemeinden und Einzelnen, die auf engagierte Weise Kirche im Sozialismus waren. Wir unterstützten in der DDR und in Ungarn diakonische Einrichtungen bisweilen mit grossen Beiträgen, wir ermöglichten den Ausbau theologischer Institute, bestückten Bibliotheken mit Literatur und konnten auch bei der Verbreitung von Bibeln helfen. Zuweilen wurde dieses Engagement in der Schweiz leider völlig falsch als pro-kommunistische Arbeit missgedeutet. |37|
Helden der Arbeit
Die jahrzehntelang vermeldeten Grosserfolge sozialistischer Staaten in der Landwirtschaft, beim Bergbau und in der verarbeitenden Industrie mit Wachstumsraten des Volkseinkommens von jährlich gegen zehn Prozent erwiesen sich als Potemkinsche Dörfer. Die Wirtschaft klappte in sich zusammen, verrottete und veraltete Betriebe waren nichts wert, schlecht gebaut und nicht gepflegt.
Mitten in den achtziger Jahren fuhren wir im Zug von Mediaş nach Sighişoara (Schässburg). Wir schauten aus dem Fenster, und wie so oft diskutierten wir. Man sah zwar die vielen Probleme, Armut, zerstörte Umwelt, aber, sagten wir uns, es kann ja nicht nur schlecht sein, innerlich immer etwas in Verteidigung des geliebten Rumäniens, vor allem seiner liebenswerten Bewohnerinnen und Bewohner. Wir ruckelten an rauchenden Köhlerhaufen vorbei, Aufbau von unten, einfache Technologie wie eben Holzkohle, das müsste es sein. Fast unmerklich hatte sich die Landschaft verfärbt, die grünen Wiesen wurden grau, die Dächer grau, auch Bäume, selbst Schafe und Menschen – ja, auch angepasste Technologie, auch Köhlerei hätte ihren Preis, schwadronierten wir verunsichert. Als der Zug dann in dieser grauen Welt stoppte, schauten wir eher zufällig auf der andern Seite aus dem Fenster: Eine riesige Fabrikanlage, mit schwarz rauchenden Kaminen, fauchenden Öfen und verrosteten Anlagen. Da dämmerte es mir. Von wegen angepasste Technologie! Vor uns lagen die Anlagen von Copşa Mica, der bekanntesten Dreckschleuder von ganz Rumänien, wo Russbestandteile für Autoreifen und andere Chemikalien hergestellt wurden. Der Umgang des Regimes mit Menschen und der Schöpfung war damals schlicht brutal. Wir suchten auch im Schwierigen das Gute, wollten nicht nur auf das Üble des Regimes und seiner Schwierigkeiten fixiert sein und vielleicht auch nicht alles so sehen, wie es war. In Realität war es einfach miserabel und menschenverachtend. Wie konnten sich da Arbeitsethos und Verantwortung entwickeln?
Und doch gab es sie, die unzähligen Helden der Arbeit, welche mit grösstem persönlichem Engagement marode Betriebe aufrechterhalten konnten. Ich hatte unmittelbar nach der Wende, als dies überhaupt erst möglich war, Fabriken besucht und immer wieder gestaunt, mit wie viel Fantasie und Engagement die Menschen arbeiteten, überbrückten, abdichteten, schweissten, was weiss ich. Anders hätte in all den Anlagen nichts mehr funktioniert: Kein Zucker in der Zuckerfabrik, keine Traktoren, keine Wärme in den durch Fernheizungen bedienten Wohnungen. Die Liste könnte lang sein. Kleine Beispiele rumänischer Arbeitsqualität trotz allem habe ich selbst immer wieder erlebt: Ich hatte 1984 dem Stadtpfarrer von Târgu Mureş 10 000 Dollar übergeben, um die dringendst notwendigen Reparaturen im Eingangsbereich der reformierten Stadtkirche |38| zu finanzieren. 1985 wollte ich das Resultat dieser Unterstützung an einem Samstagabend fotografieren, aber meine Kamera funktionierte trotz aller Bemühungen nicht. Der begleitende Pfarrer erinnerte sich an einen Bekannten, der einen Sachsen kannte, der die Verbindung zu einem Namensvetter Franz herstellte. Doch, er könne Kameras meist flicken, komme sie holen, und als Bezahlung würde er sich über etwas Kaffee freuen. Am nächsten Tag stand er nach dem Gottesdienst mit der Kamera da, sie funktioniere wieder, meinte er bescheiden, und vielen Dank für den Kaffee, ein Kilo, damals für ihn fast ein Vermögen. Zuhause schickte ich die Kamera der offiziellen Firmenvertretung ein, sie kam ein paar Wochen später zurück, die Reparatur sei bestens gemacht, zwar nicht mit dem originalen Plastikteil, sondern einem zurechtgefeilten Aluwürfelchen, das würde aber auf alle Zeiten halten. Wer singt das hohe Lied der rumänischen Arbeiterin, des rumänischen Arbeiters trotz allem? Ich denke an Pfarrkolleginnen und -kollegen, die nolens volens praktische Fähigkeiten haben erlernen müssen. Nicht nur das Anpflanzen von Paprika und Tomaten oder das Schlachten der Schweine, sondern weit mehr: Unter ihnen gab es Baufachleute, Organisationstalente, Pfarrer, die ganze Orgeln reparieren konnten, wenn wir ihnen nur die notwendigen Ersatzteilchen gebracht hatten. So viel Begabungen!
Arbeit, Effizienz und Würde
1983 hatten wir das kleine Dorf Comandău/Komandó, weit abgelegen und hoch in den Wäldern der Südkarpaten, besucht. Das Dorf und mithin die riesigen umliegenden Wälder wurden noch unter österreichischer Herrschaft mit einer Schmalspurbahn erschlossen, damit das geschlagene Holz verwertet werden konnte. Unser Besuch verlief unspektakulär, ein Gang durchs Dorf, der riesigen Sägerei entlang, welche das Holz verarbeitete, zum kleinen Kirchlein und zurück in den tristen Plattenbau, in welchem die jungen Pfarrersleute mit ihren Kleinkindern wohnten. Unterwegs las die Frau ein paar liegengebliebene Holzstücke ein, zum Einfeuern, wie sie sagte, denn obwohl sie eigentlich durch eine Grossheizung aus dem Sägewerk bedient würden, sei das nötig, die Warmwasserleitungen seien verstopft, um nicht zu frieren, müssten sie mit dem Holzherd die Wohnung notdürftig heizen; aber das Holz brenne schlecht, alles grünes Zeug, was den beissenden Geruch, der an diesem Tag über dem Dorf hing, erklärte.
Fast acht Jahre später, im Rahmen der gemeinsamen Mission der Schweizer Hilfswerke im Januar 1990, besuchte ich das Dorf Komandó wieder, bei starkem Frost, aber mit gleicher Luft, welche Augen und Lunge zu verbrennen schien. Diesmal durften wir das Gelände der Sägerei betrete. Vor uns lagen die grossen Gebäude und die Kamine, hinter uns explodierte und zischte es. In einem Feld |39| wurde von Zeit zu Zeit eine Fontäne aus Dampf und Dreck explosionsartig in den Himmel geschleudert. Die Fernheizung sei noch wie vor Jahren, sagte die Pfarrfrau, sie funktioniere meist nicht, aber es würde Tag und Nacht im Mehrschichtbetrieb eingeheizt, wie im Plan vorgesehen. Der Dampf entweiche mal hier, mal dort. Das sei so, seit vor Jahren die Heizung mit einem kleinen Kraftwerk kombiniert worden sei. Auch dieses funktioniere nicht, weil eine entscheidende Welle für die Dampfturbine auf dem Weg nach Komandó verloren gegangen sei, gestohlen wohl. Jahraus und jahrein wurde hier ein Kraftwerk und eine Fernheizung befeuert, weitgehend sinnlos, aber halt vom Plan gefordert.
Während ich noch darüber nachdachte, wie mit Menschen, die in einer solchen Wirtschaft arbeiteten, die jahrelang eine völlig sinnlose Arbeit ausgeführt hatten, wohl eine Zukunft aufgebaut werden könnte, trafen wir auf eine Gruppe Arbeiterinnen, schlecht gekleidet, mit Gummistiefeln und ohne Handschuhe in der klirrenden Kälte vor drei mit ihren fleckigen Krawatten und speckigen Anzügen fast ebenso schäbig gekleideten Herren. Es sei Teilstreik, wurde uns gesagt. Die Arbeiterinnen verlasen einen handgeschriebenen Katalog mit Forderungen: Anständige Kleider und Schuhe, genügend Lohn, Ferien und Arbeitspausen, Sicherheitsstandards und endlich die Reparatur von Kraftwerk und Fernheizung. Der Direktor und seine zwei Begleiter wirkten in ihrer Hilflosigkeit eingeschüchtert und traurig, wussten sie doch nur zu gut, dass dies alles eine Art Potemkinsches Dorf war, Sägerei, Kraftwerk, selbst die dünnen Anzüge der Direktoren. Das einzig funktionierende Gebäude im ganzen Hochtal war das Jagdhaus, von dem aus Nicolae Ceauşescu auf die Pirsch gezogen war. Die Dinge hatten sich radikal verändert, der Diktator lebte nicht mehr, das Direktorium der Sägerei war ein verängstigtes Häufchen und die Arbeiterinnen, bezeichnenderweise alles Frauen, waren voller Stolz und Würde trotz lumpigen Kleidern und ungenügendem Schuhwerk – unsere Revolution, signalisierten sie. Ich weiss nicht, wie die Geschichte des Sägewerks weitergegangen ist, ich erinnere mich aber, dass mir diese Arbeiterinnen Mut gemacht hatten, es lohnte und lohnt sich.
Nach 1989: Von der Not- zur Aufbauhilfe
Schwieriger Neuanfang
Mit dem Sturz des Regimes wurde an Weihnachten 1989 ein erster Brocken aus dem überaus steinigen Weg zu einem Neuanfang in Rumänien weggeräumt. Mit der Exekution des Ehepaars Ceauşescu am ersten Weihnachtstag, nach einem |40| rechtlich mehr als problematischen Kurzprozess, ganz im Muster sowjetischer Schauprozesse durchgezogen, entledigte man sich der wichtigsten Symbolfiguren vergangener Leiden und offensichtlichen Unvermögens. Vieles wies überdeutlich darauf hin, dass hinter den Dezember-Ereignissen auch wichtige Leute der kommunistischen Staatspartei unter Führung von Ioan Iliescu standen, welche den Volksaufstand für ihre eigene politische Agenda usurpierten: Die Macht der Partei mit ihren Privilegien für den Apparat sollte erhalten bleiben, die unmittelbare Führungsclique mit und um Ceauşescu aber brachial entsorgt und dem im Zusammenhang mit den radikalen Umwälzungen 1989 in fast allen Staaten Mitteleuropas entstandenen Willen der Bevölkerung, das eigene Schicksal in die Hände nehmen, in einem begrenzten Mass entsprochen werden. Verschiedene Faktoren weisen auf diese wahrscheinlichste Variante der Interpretation der rumänischen Revolution hin: Noch im Dezember entstand aus dem Nichts die Nationale Front – Frontul national – mit dem gelb-blau-roten Armbändel als Kennzeichen.
Die These, dass der rumänische Aufstand von den reformbereiteren Mitgliedern der staatstragenden Partei für die eigenen Ziele (und materiellen Interessen) missbraucht worden ist, wird durch viele Ereignisse im ersten Halbjahr 1990 gestützt. Überraschende und intransparente Privatisierungen erlaubten es skrupellosen Kader- und Securitate-Leuten, sich grosse wirtschaftliche Werte unter den Nagel zu reissen – die Basis für die in den kommenden Jahren und Jahrzehnten wuchernde Mafia. Zur aufgeheizten Stimmung in den ersten Wochen und Monaten nach Weihnachten 1989 gehörten auch die seit Jahren gängigen und auch nach den Dezember-Ereignissen besonders gepflegte Manipulation von Menschenmassen zur Unterstützung der herrschenden Parteikader und gegen vermeintliche Feinde des Fortschrittes. So wurden im März 1990 die rumänischen Kleinbauern aus dem Hinterland von Târgu Mureş gegen die ungarischsprachige Bevölkerung der nahen Stadt aufgestachelt, die nach Jahren der Unterdrückung und Zurücksetzung endlich eine Anerkennung der eigenen Kultur und Sprache einforderte und auch durchsetzte. Die Bauern wurden nach Târgu Mureş gekarrt, die Ungarn übernähmen die Macht, der alte Feudalismus wolle sich durchsetzen, es könne wieder zu Vertreibungen kommen, wie so oft im 20. Jahrhundert. Târgu Mureş brannte, es gab Tote, die Polizei schaute mehr oder weniger zu, und es waren letztlich Zigeuner, welche die randalierenden Bauern vertrieben und so die Ordnung in der Stadt wiederherstellten. Oder: Im ersten Halbjahr nach dem Dezember-Umsturz wurden die relativ privilegierten Minenarbeiter aus dem Schiltal (rumänisch Valea Jiului) in den südlichen Karpaten gleich mehrere Male zu Demonstrationen nach Bukarest gerufen und transportiert, Speerspitzen gegen demonstrierende Studentinnen und Studenten und generell gegen die urbanen Intellektuellen in Bukarest. Ich erinnere |41| mich an einen Tag im Juni 1990, einzelne Gebäude der Hauptstadt standen in Flammen, der Verkehr war fast ganz zum Erliegen gekommen. Ich wartete im Nordbahnhof auf einen Transport nach Braşov, als plötzlich ein Zug an einem Perron einfuhr und sich in Windeseile entleerte: Über tausend Minenarbeiter aus den Karpaten, die mit Uniformen, bei denen selbst die Stirnlampen nicht fehlten, und schweren Schuhen in Takt und Laufschritt durch die Bahnhofhalle dröhnten. Solch paramilitärische Auftritte sollten die Bevölkerung Bukarests einschüchtern.
Hemmungslose Gewalt von oben, aber auch das durch die jahrzehntelange Unterdrückung bedingte Fehlen einer auf allen Ebenen funktionierenden Zivilgesellschaft erschwerten die ersten Schritte des nun neuen Rumäniens. Die im Laufe der Zeit eingeübte und weit verbreitete Praxis von Korruption und Diebstahl am Staatseigentum – man nahm nach Hause, was man brauchen konnte – sowie die Tendenz, immer gegen den Staat zu entscheiden, erschweren bis heute notwendige Veränderungen. Es spricht für die Stärke Rumäniens mit seinen Volksgruppen, dass aber auch positive Kräfte da waren, die in der ersten Zeit nach der Wende das Land mitgestalteten. Zu ihnen gehörten Intellektuelle, die sich dem System verweigert hatten, Dichter, Philosophen. Ich lernte einen Nuklearphysiker kennen, der als Wissenschaftler kaltgestellt in den späten achtziger Jahren C. G. Jung, eine verbotene psychologische Richtung, übersetzte und mit Maschinendurchschlägen verbreitete. «Als Dissidenter kannst du keinen Teilchenbeschleuniger betreiben, Psychologie braucht weniger Platz und ist doch explosiv», meinte er lakonisch und bescheiden. Zu ihnen gehörten aber auch Vertreterinnen und Vertreter der sprachlichen Minderheiten, Deutsche und Ungarn, die immer Kontakt zu Gedanken und Entwicklungen ausserhalb Rumäniens gepflegt hatten und so das eigene Denken und Handeln kritisch hinterfragen konnten. Und zu ihnen gehörten wohl wichtige Teile der Kirchen, insbesondere der protestantischen. Christliche Ethik fordert von den Einzelnen Ehrlichkeit, Wahrheit und Mitmenschlichkeit. Dies stand und steht im Gegensatz zur sowjetischen Ethik, die zwar ebenfalls Gerechtigkeit fordert, dem Staat, der Gemeinschaft, letztlich wohl dem Apparat alles dienstbar macht und persönliche Integrität zu opfern bereit ist.
Dass HEKS mit seinen reformierten und teils lutherischen Partnern beim Neuanfang gute Voraussetzungen hatte, zeigte sich schon beim ersten Hilfstransport. Das Privileg der tüchtigen und vertrauenswürdigen Partner wurde zunehmend wichtig, entwickelte sich die Lage in Rumänien doch rasch chaotisch: Die Machtverteilung blieb unklar, über die politischen Ziele bestand weit und breit kein gesellschaftlicher Konsens, der alte Apparat behinderte wie geschildert positive Entwicklungen, und aus dem Ausland fielen gutmeinende Helfende wie Heuschrecken über das Land. |42|
Schweizer Hilfswerke arbeiten zusammen
Die internationale Liga der Rotkreuzgesellschaften versuchte in der zweiten Januarhälfte 1990 etwas Ordnung in die Hilfsaktionen zu bringen, indem sie die verschiedenen rumänischen Bezirke den westlichen Rotkreuzgesellschaften zuteilte. Die Zusammenarbeit unter den etablierten Schweizer Hilfswerken funktionierte, nicht zuletzt dank der gemeinsamen Sammelaktion im Rahmen der Glückskette, recht gut. Das Schweizerische Rote Kreuz konnte sich die Bezirke Covasna und Braşov zuteilen lassen. In den letzten Januartagen machte man sich bereit für eine gemeinsame Erkundungsreise – heute: factfinding mission – der Schweizer Hilfswerke mit Delegierten der Schweizerischen Katastrophenhilfe, heute Sektion Humanitäre Hilfe der DEZA16, ins zugeteilte Projektgebiet. Ich konnte vor dieser Reise den beiden Partnern und Freunden in Braşov und Covasna per Telegramm mitteilen, wir kämen mit einer Delegation bestehend aus Caritas, Arbeiterhilfswerk SAH (heute: Solidar Suisse), Rotem Kreuz, Katastrophen-Hilfskorps und HEKS und möchten die entsprechenden Partner auf Bezirksebene zu einer Konferenz treffen. Nur ein Telegramm und es funktionierte. Die oben vorgestellten Freunde Béla Kató und Miklós Ménessy konnten zu beiden Treffen in den Bezirken Covasna und Braşov die politischen Verantwortlichen, die wichtigen und zuverlässigen Vertreterinnen und Vertreter der Kirchen, der Wirtschaft, der medizinischen Versorgung und der Bildung zusammentrommeln. Schon nach wenigen Stunden waren die entscheidenden Kontakte zwischen den verschiedenen rumänischen Partnern und den Schweizer Delegierten geknüpft und die nächsten Arbeitsschritte vereinbart. An den nun folgenden Tagen besuchten wir getrennt die dem Hilfswerksprofil entsprechenden Projektgebiete. Spät am Abend trafen wir uns jeweils, von ganz verschiedenen Orten kommend, informierten uns gegenseitig, tauschten aus und machten erste Planskizzen. Nach zehn Tagen kehrten wir in die Schweiz zurück. Die Werke wussten nun, in welche Richtungen sie ihre Hilfsprogramme ausbauen würden. Ein Vertreter der DEZA, als Koordinator der Schweizer Hilfe in dieser Region, blieb gleich in Braşov zurück. Bis zur Tsunami-Nothilfe nach 2003 habe ich nie mehr eine ähnlich konsequente Koordination der humanitären Hilfe aus der Schweiz erfahren – leider.
Die Gründe für die erfolgreiche Zusammenarbeit in Rumänien sind vielfältig und lehrreich: Der erste Hilfstransport, den zu leiten ich das Privileg hatte, konnte mit Delegierten aller Werke einigermassen erfolgreich und trotz des herrschenden |43| Chaos geordnet durchgeführt werden, während der zweite durchgezwängte Hilfstransport im Fiasko endete. Die Schweizer Werke und die humanitäre Hilfe des Bundes akzeptierten die Zuteilung der Bezirke Braşov und Covasna für das SRK auch als Schwerpunktsregionen für ihre eigenen Aktivitäten. HEKS verfügte über langjährige und bewährte Partnerschaften in diesen Bezirken und stellte diese, wie oben dargestellt, ohne Bedingungen in den Dienst der gemeinsamen Anstrengungen. Die Beteiligten fanden ihre je geeignete Rolle; die DEZA koordinierte die Aktivitäten und stellte Fachleute wie Architekten zur Verfügung, das SAH konzentrierte sich auf Schulen und später zivilgesellschaftliche und gewerkschaftliche Strukturen, das Rote Kreuz auf Gesundheit, HEKS auf Landwirtschaft und KMU sowie zusammen mit SRK auf Behindertenarbeit. Daneben pflegten natürlich alle Beteiligten ihre besonderen institutionellen Beziehungen. Die DEZA war Türöffner bei staatlichen Stellen, SRK unterstützte die Rotkreuzgesellschaften auf dem Weg von der kommunistischen Zwangsorganisation zu engagierten Sektionen, HEKS und Caritas pflegten die Beziehungen zu den Kirchen. Dies alles vorerst im Sinne von Nothilfe, bald aber schon in der Planung und Durchführung von Rehabilitations- und Aufbauprogrammen. Das Besondere der Schweizer Zusammenarbeit in der Rumänienhilfe lag wohl darin, dass nicht nur alle in der konkreten Arbeit ihre Rolle fanden, sondern den andern auch Wichtigkeit zustanden – und dass lokale Partner von Anfang an als gleichwertige Akteure einbezogen wurden.
Die Sache mit den Kinderheimen
Zu den Dingen, über die vor 1990 kaum geredet wurde, und wenn, dann nur im kleinsten Kreis und zu spätnächtlichen Stunden, gehörten die staatlichen Heime, Häuser für Betagte, Behinderte und Kinder sowie «Kliniken» für psychisch Kranke. Man wusste, dass es solche Einrichtungen gab, dass Pfarrer oder andere Besucher keinen Zutritt hatten und dass kaum Fachleute da arbeiteten, weil individuelle Psychologie oder Heilpädagogik als bourgeoise Disziplinen vernachlässigt und allein das Technische, Messbare gefördert wurde. Im Januar 1990 aber wurden diese verschwiegenen Orte entdeckt und einer breiten Öffentlichkeit bewusst gemacht. Überfüllte und teils verwahrloste Heime für behinderte Kinder, Alte oder psychisch Kranke wurden angetroffen. Anlässlich unserer Januar-Mission kam die Delegierte des SRK ganz erschüttert vom Besuch im Behindertenheim von Timişu de Sus zurück an unsere Besprechung. Dennoch erschienen mir die Berichte, die in westlichen Medien erschienen, zu marktschreierisch. Sie rechneten erbarmungslos mit den zuständigen Behörden und vor allem dem Personal der Heime ab, die oft als krankhafte und völlig desinteressierte |44| Wärter dargestellt wurden. Solche Urteile mögen in manchen Fällen zutreffend gewesen sein, vor allem auch in Bezug auf die privilegierten Direktorinnen und Direktoren dieser Institutionen. Oft aber verkannten sie, dass es auch Frauen und Männer gab, die in Heimen und Sonderschulen unter den sehr misslichen Verhältnissen das ihnen Mögliche getan hatten, oft im Versteckten und vielleicht gegen offizielle Weisungen.
Den Schweizer Hilfswerken war nach dem Bericht des SRK klar, dass hier eine unaufschiebbare Aufbauarbeit gestartet werden musste. Erste Massnahmen wurden in Timişu ergriffen, kleine Renovationen und neue Ausrüstung. Heime in Codlea, Bod und andern Orten in den uns zugeteilten Bezirken folgten. HEKS und SRK arbeiteten dabei eng zusammen, das Rote Kreuz – in Zusammenarbeit mit der DEZA – vor allem beim Neubau und der Ausrüstung von Behindertenheimen, HEKS eher im Bereich der Aus- und Fortbildung von Personal, insbesondere von Heilpädagoginnen. Mit dem Heilpädagogischen Seminar Zürich, der heutigen Hochschule für Heilpädagogik, wurden in der Folge viele Kurse in Rumänien und in der Schweiz organisiert. Es entstanden Austauschprogramme und in den beiden Bezirken Braşov und Covasna eine Struktur für die Weiterbildung. Neben den Fachkräften aus der Schweiz, eine Heilpädagogin war mehrere Jahre in Braşov stationiert, stützte sich unsere Arbeit vor allem auf Fachleute in Rumänien. Das war wohl der entscheidende Faktor unserer heilpädagogischen Arbeit: Wir gingen nicht von Versagen oder gar kriminellem Verhalten zu Lasten der Betreuten, etwa Diebstahl von Lebensmitteln für die eigene Familie aus den knappen Beständen der Heime aus, sondern von politisch verordnetem Vernachlässigen. Deshalb konnten wir eine gute Beziehung zu Betreuerinnen, Lehrpersonen und andern Fachleuten aufbauen. Die vorerst mangelhafte Bereitschaft zu lernen wich bald einem intensiven Bedürfnis, besser zu werden; ein Durchbruch in einer Gesellschaft, in der Angst, Fehler zu machen, das berufliche Leben geprägt hatte. Ein banales Beispiel: Hilfeleistende hatten die Not der Säuglinge und Kinder erkannt und brachten nun in den Hilfstransporten sinnvolles Spielzeug in grossen Mengen mit, um bei einem nächsten Besuch empört festzustellen, dass diese kostbaren Spielsachen ungenutzt und abgeschlossen in Kästen, an einzelnen Stellen in eigentlichen Vitrinen verräumt worden waren. Nur, niemand hatte das Personal eingeführt, niemand hatte es durch zusätzliche Mitarbeitende entlastet (wenn Kinder spielen, fällt viel mehr Arbeit an) und vor allem hatte keiner der Helfenden erklärt, dass Spielsachen auch kaputtgehen können und dürfen. Die Pflegenden in den Heimen lebten gleichsam unter den wachsamen Argusaugen gutmeinender Leute aus dem Westen. Im Kontakt mit ihnen hatten sie längst verstanden, bisher offenbar alles falsch gemacht zu haben. Gut gemeinte Hilfe führte zuweilen zu Lähmung statt zu Ermutigung. |45|
In der HEKS-Zeitung stellten wir 1991 bewusst eine junge Lehrerin und Heilpädagogin vor: Marianne Lenghel, Tochter einer deutschen Mutter und eines ungarischen Vaters, verheiratet mit einem Rumänen.17 Sie hatte schon vor dem Sturz Ceauşescus in einem Kinderheim gearbeitet und konnte sich weiterbilden. Sie übernahm nach der Wende viel Verantwortung im heilpädagogischen Programm, vor allem im Aufbau eines heilpädagogischen Vereins im Bezirk Braşov. Sie nahm dankbar Unterstützung an, sie lernte und lehrte. Doch auch schon vor 1989 arbeitete sie mit der gleichen Einstellung: engagiert, empathisch zu schwachen, lernbehinderten Kindern, bereit, sich in den Institutionen einzugeben und das System zu verbessern. «Wir waren enttäuscht, dass man im Westen nur die schlechten Seiten von uns gezeigt hatte», sagte sie im Interview. Wie recht sie hatte.
Das tägliche Brot: Aus Fehlern lernen
Am 28. Dezember 1989 luden wir, wie beschrieben, mit der Nothilfe der Schweizer Hilfswerke kistenweise Büchsen mit ungarischem Gulasch in die Kirchen von Târgu Mureş aus; eine Gedankenlosigkeit. In den folgenden Monaten gingen wir daran, die guten Vorsätze von jenem Tag einzulösen und in «unsern» Bezirken Braşov und Covasna der Ernährungssicherung nachzugehen. Rumänien hatte den Export von Lebensmitteln nach der Jahreswende 1989 gestoppt. Es gab, zumindest kurzfristig, genug zu essen, zumindest für Begüterte, und mit kleinen finanziellen Mitteln konnten auch Arme verpflegt werden. Die Zukunft aber sah schwieriger aus. Die rumänische Landwirtschaft war bis auf gewisse – ohnehin unrentable – Berggebiete kollektiviert, zusammengefasst in Riesenbetrieben mit studierten Agronomen und einem Heer von Billigarbeitern ohne Wurzeln und Erfahrung in der Landwirtschaft. Die zwangskollektivierten Grundbesitzer wollten nun so rasch wie möglich ihr Land zurück, sei es, um dieses selber zu bewirtschaften, vorübergehend in Pacht abzugeben oder einfach versteppen zu lassen. Eine umfassende und tiefgreifende Strukturänderung stand an, mit der Gefahr von Produktionseinbrüchen, aber auch mit grossen Chancen.
Ein erster Versuch misslang kläglich: In Zusammenarbeit mit dem Diakonischen Werk der Evangelischen Kirchen in Deutschland wurden Familienpackungen mit Saatgut für Gemüse und auch etwas Blumen zusammengestellt und mit deutschen, ungarischen und rumänischen Beschreibungen an Grund- und Gartenbesitzer verteilt. Im ersten Jahr gedieh manches prächtig, vieles |46| wurde auch geerntet und verzehrt, anderes, weil ungewohnt, stehengelassen. Im nächsten Jahr dann die Katastrophe; die Leute hatten aus den Produkten neue Samen gewonnen, die aber, wie heute üblich und von den Saatgutfirmen gewollt, für eine nächste Pflanzengeneration untauglich waren. Nichts als Enttäuschung.
Ohne diese negativen Erkenntnisse zu kennen, waren wir bereits einen Schritt weiter gegangen. Im Juni 1990 reiste der damalige HEKS-Präsident und Spezialist für landwirtschaftliche Entwicklung, Jörg Wyder, ins Gebiet. Er skizzierte erste Massnahmen zugunsten eines nachhaltigen landwirtschaftlichen Entwicklungsprogramms und so übernahm der Bündner Agronom Leo Meyer, vorgeschlagen durch ihn, die Ausgestaltung und Betreuung dieses Programms. Dies erwies sich als Glücksfall. Leo Meyer hat in wenigen Jahren im Bezirk Covasna ein Landwirtschafts-, Dorfentwicklungs- und KMU-Programm begleitet, das richtungsweisend bis heute werden sollte. Es begann mit einer Dorfbäckerei und einer vorgelagerten Getreidemühle, um so das Monopol der staatlichen Mühle mit der unweigerlich damit verbundenen Korruption zu brechen, sowie mit Kleinkrediten an Bauern für die Beschaffung von Geräten, Maschinen und Tieren. Ab 1991 absolvierten jedes Jahr ein paar Dutzend rumänische Jungbauern, Agronomen oder Veterinäre viermonatige Praktika im Kanton Graubünden. Die Elite der Landbevölkerung lernte dabei neue Produktionsmethoden und Arbeitsmöglichkeiten kennen. Sie setzten diese Erfahrungen bald zuhause um; Käsereien, Metzgereien wurden aufgebaut und Bauernhöfe modernisiert. Die rumänischen Praktikantinnen und Praktikanten wurden nach ihrer Zeit im Bündnerland zu Motoren und Leistungsträgern der ländlichen Entwicklung im Bezirk Covasna.
Zwei wichtige Elemente ergänzten das Programm: Die Unternehmerinnen und Unternehmer in all den verarbeitenden Betrieben sowie die Bauernfamilien brauchten für ihre Investitionen finanzielle Mittel, welche ihnen mittels Krediten zur Verfügung gestellt wurden – keine Geschenke, sondern Geschäftskredite, deren Rückzahlung konsequent eingefordert wurde. Zusätzlich sollte die Schulung und Beratung von Bauern und Kleinunternehmenden nicht mehr allein in der Schweiz, sondern vor allem in Rumänien erfolgen. Eine Stiftung wurde gegründet: LAM – Landwirtschaft, Agricultura, Mésögaszdaság, deutsch, rumänisch, ungarisch – mit Sitz in Ilieni/Illyfalva, dem Dorf des initiativen Pfarrers Béla Kató, der auch Präsident der Stiftung wurde. Leo Meyer und Béla Kató arbeiteten so erfolgreich zusammen, dass wenige Jahre später die DEZA HEKS bat, das in Eigenregie in Reghin, im Nordosten von Târgu Mureş, aufgebaute und wegen personeller Probleme etwas serbelnde Programm der Stiftung FAER zu übernehmen. Es klappte.
Heute sind die Stiftungen in Covasna und Reghin nicht mehr von Hilfe aus der Schweiz abhängig. Sie können grössere Kredite internationaler Organisationen |47| aufnehmen. Tüchtige Mitarbeitende, meist jung und enthusiastisch, realisieren Projekte, sie erwirtschaften bescheidene Gewinne, die für Sozialprojekte – eine Art Spitexdienst der reformierten Diakonie – eingesetzt werden können. Ich denke, wir haben allen Grund bei HEKS, dankbar zu sein für das Gelungene. Nicht Schweizer Tüchtigkeit, nicht Konzepte oder Leitbilder sind dafür entscheidend gewesen, sondern die grosse Fachkompetenz der am Programm Beteiligten aus Rumänien und der Schweiz sowie deren hohe Integrität. Die Programme strauchelten nicht über die landesübliche Praxis von Bestechung und Korruption. Allein ins Programm im Bezirk Covasna sind Millionen Schweizer Franken geflossen, auch Mittel der DEZA und der Glückskette. Hunderte von Bauern und Unternehmer sind unterstützt worden. 20 000 Arbeitsplätze seien dabei geschaffen worden, sagt die heutige Direktorin von LAM. Das ist in einem Bezirk mit rund einer Viertelmillion Einwohnern eine bedeutende Anzahl. Ähnliches lässt sich vom FAER-Programm in und um Reghin sagen. Auch dort wird wieder produziert und Menschen haben Arbeit. Dass durch das Programm auch ein Atelier und eine Fabrik für Saiteninstrumente (in den Wäldern hinter Reghin findet sich das dafür geeignete Holz) ein Startkapital von FAER erhalten haben und dass heute von hier aus Geigen oder Cellos in die ganze Welt exportiert werden, freut mich ganz besonders. Am wichtigsten aber: Menschen haben Arbeit und Würde – ein Traum ist wahr geworden.
Am Beispiel der ersten Bäckerei lässt sich gut aufzeigen, dass es mit Maschinen und Krediten allein nicht getan ist. In Ilieni gab es schon vor den Dezember-Ereignissen eine Verkaufsstelle für Brot. Die Kunden bekamen das von ihnen Gewünschte durch eine kleine Durchreiche in der Wand, welche den Kundenbereich vom Vorratsraum trennte. Niemand konnte sehen, ob es da noch Brot oder andere Backwaren gab oder nicht. Kein Brot heute, sei die häufige Antwort auf die Bitte nach einem Laib Brot gewesen, und erst mit dem Nachschieben von ein paar Münzen konnte dann doch noch etwas gefunden werden – die kleine Korruption der kleinen Leute. In der Bäckerei in Ilieni wurden 1990/91 leistungsfähige Backöfen installiert und zwei tüchtige Pächter als Bäcker gefunden. Vielleicht am wichtigsten aber war, dass die Trennwand herausgeschlagen, eine Ladentheke und Gestelle für alle Backwaren eingebaut wurden, einsehbar für alle Kundinnen und Kunden. Nun gab es immer und ohne Zuschlag genug Brot. Es ist wohl überflüssig zu betonen, dass niemand von uns Schweizern je auf diese Problemlösung gekommen wäre. Die Leute in Ilieni hatten es selber oft genug erlebt – leider kein Brot heute. |48|
Ein Plan wird umgesetzt
Die ganze HEKS-Rumänienarbeit baut letztlich auf der an sich völlig unspektakulären zwischenkirchlichen Hilfe, heute «Kirchliche Zusammenarbeit» auf. Viel war vor 1989/90 meist nicht möglich, aber das wenige wurde getan, längst bevor ich selber meine Arbeit aufnahm: Wiederaufbau von Kirchen nach dem Erdbeben von 1977, Lieferung von Büchern für das Vereinigte Protestantisch-Theologische Institut in Cluj, ein paar Gäste konnten in die Casa Locarno, einem gemeinsam von HEKS und dem Ökumenischen Rat der Kirchen geführten Begegnungshaus im Tessin, eingeladen werden. In den frühen siebziger Jahren studierten ein paar Schweizer Theologen an der Orthodox-Theologischen Fakultät in Bukarest. Vor allem aber besuchten wir immer wieder Gemeinden, Pfarrer und kirchliche Institutionen. Kurz vor der Revolution 1989 konnte sogar nach zähen Verhandlungen mit rumänischen Staatsstellen ein kirchlicher Neubau in Târgu Mureş mit unserer finanziellen Unterstützung errichtet werden, eine richtige Kirche, mit grossem Raum, Turm und Glocken. Ich feierte das als beglückenden Erfolg – zuhause, weil mir das Einreisevisum verweigert worden war.
Ab Dezember 1989 war nun alles ganz anders. Politisch stand nun der Zusammenarbeit nichts mehr im Wege. Wir hatten genügend finanzielle Mittel gesammelt. Seit dem Besuch bei István Juhász 1983 wussten wir ja um die prioritären Projekte der Kirche. Jetzt galt es rasch und entschlossen zu handeln, denn niemand wusste, ob die relative Freiheit auch wirklich hinhalten würde.
Zuoberst auf der Prioritätenliste stand die Ausbildung von kirchlichen Mitarbeitenden, Pfarrerinnen und Pfarrern, Organistinnen und Organisten, Katechetinnen. Nach Jahrzehnten der staatlich verordneten Zulassungsbeschränkungen am Vereinigten Protestantisch-Theologischen Institut in Cluj befanden sich 1990 die protestantischen Kirchen, allen voran die reformierte, in einem eigentlichen Personalnotstand. Dessen Behebung wurde nun durch die Kirche sofort und energisch angepackt. Die Rolle von HEKS bestand vornehmlich in der finanziellen Unterstützung: Es brauchte mehr Hörsäle, eine Mensa mit neuer Küche und vor allem Schlafräume für die vielen neuen Studierenden. Dazu Bücher, Bücher, Bücher, am besten selbst und mithin billig gedruckte: also eine Druckerei. Dieses Unternehmen gelang trotz einiger Fehler. So konnte die Kirche in den neunziger Jahren ihr Personal aufstocken und den Unterricht deutlich verbessern.
Ganz anders die Situation in Ilieni, im Zentrum «unseres» Bezirks Covasna. Hoch über dem Dorf lag weithin sichtbar eine seit dem Erdbeben von 1977 weitgehend verfallende Kirchenburg, eine Ringmauer mit fünf Bastionen und ein zweiter Ring. Die Kirche selber war notdürftig wiederaufgebaut worden. Béla Kató, der Ortspfarrer, gründete in den ersten Monaten des Jahres 1990 ein |49| kleines Bauunternehmen und eine Schreinerei, kaufte bei serbelnden Betrieben gut erhaltene Maschinen zu günstigen Preisen, mietete sich in Liegenschaften ein und sorgte sofort für Bauaufträge. Das rasche Vorgehen bewährte sich, beide Betriebe konnten in den folgenden Jahren rentabel und doch zu günstigen Preisen Neubauten und Renovationen in und um das Dorf übernehmen. Dazu gehörte der Wiederaufbau der für die ungarische Kultur in der Gegend so wichtigen Burganlage. Statt diese aber zum sterilen historischen Denkmal herzurichten, wurde ein integriertes Begegnungshaus aufgebaut: am Fuss des Burghügels ein neues Hauptgebäude mit Zimmern, Tagungsräumen und der notwendigen Infrastruktur und in den fünf renovierten Bastionen auf dem Burghügel Massenlager für Kinder und Jugendliche. Das Zentrum hat bis heute eine grosse Ausstrahlung weit über Dorf und Bezirk hinaus. Zehntausende von Menschen, Verantwortliche in Kirchen und Gesellschaft, Kirchenpflegen, Jungbäuerinnen und Jungbauern, Studierende und Kinder haben sich seit 1992 hier getroffen – ein Ort für die Entwicklung einer neuen Zivilgesellschaft. Später kamen unter anderem Wohnhäuser für Pflegefamilien, ein landwirtschaftlicher Schulungsbetrieb, das lokale Gesundheitszentrum sowie Sitz und Schulräume der Stiftung LAM dazu. Das Tagungszentrum sowie die Wohnhäuser werden seit 1991 durch die eigens gegründete kircheneigene diakonische Stiftung KIDA geführt. Die neunziger Jahre waren in Rumänien geprägt durch eine ausserordentliche Inflation. Dank hoher Fachkompetenz und entschlossenem Vorgehen waren die beiden Stiftungen LAM und KIDA der Teuerung immer ein paar Schritte voraus.
Wieder anders war die Lage in der nahen Grossstadt Braşov. Hier hatte die Verwaltung in den sechziger Jahren einen Stadtteil abgerissen, um ein grosses Hotel in einer schönen Anlage zu erstellen. Zu den zerstörten Gebäuden gehörte die grosse reformierte Stadtkirche, errichtet im 19. Jahrhundert, als Siebenbürgen zu Ungarn gehörte. Mit einem Kirchenneubau, den schon István Juhász in seinem Papier 1983 gefordert hatte, sollte diese historische Ungerechtigkeit endlich ausgeglichen werden. Hier machte sich Miklós Ménessy sofort ans Werk, auch hier liess er so schnell bauen, dass man der Inflation voraus war, und auch hier ging es nicht einfach um einen sakralen Bau: Die Kirche wurde in einer vernünftigen, keineswegs protzigen Architektur erstellt, dafür konnten in einem Anbau zusätzlich Tagungsräume und Gästezimmer eingerichtet werden sowie ein grosser Speisesaal mit Küche. Hier treffen sich die Intellektuellen der Stadt, hier entstand ein Zentrum für Frauenarbeit, Konferenzen werden durchgeführt, Konzerte, kurz: hier formiert und sammelt sich die Zivilgesellschaft und zugleich auch die Kirche der Zukunft.
Die Bauten in Braşov und Ilieni gehörten mit dem Protestantisch-Theologischen Institut in Cluj zu den Projekten, die zwar nach 1989 realisiert werden konnten, die aber bereits früher weit oben auf der Prioritätenliste der Partnerkirche |50| in Rumänien und damit des HEKS standen. Sie alle sind kirchlich eingebunden, wirken aber weit in die Gesellschaft hinein. Die in der kommunistischen Zeit gepflegte Trennung von Kirche und Gesellschaft wurde dadurch etwas überwunden. Unsere Partner waren bereit, Verantwortung zu übernehmen.
Nochmals in Oradea
Ich habe über unsern Besuch beim damaligen reformierten Bischof in Oradea geschrieben. Acht Jahre später sind wir im gleichen Bischofsamt, diesmal ist es voller Menschen, ein Kommen und Gehen, Französisch, Ungarisch, Englisch. Wir besuchen in diesen frühen neunziger Jahren den neugewählten Bischof László Tőkés, den Helden der Revolution in Timişoara, der mit der Weigerung, seine Pfarrstelle zu verlassen, 1989 die Dezember-Ereignisse ausgelöst hatte. Wir sind mit einer kleinen Gruppe für ein Gespräch bei ihm angemeldet. Vorerst warten wir lang über die vereinbarte Zeit hinaus. Endlich empfängt uns László Tőkés mit sonorer, dennoch merkwürdig kraftloser Stimme. Ein paar Belanglosigkeiten und schon werden wir unterbrochen, weil die Leute vom amerikanischen Sender von vorhin noch eine Frage zu stellen vergessen hätten. Damit sind Rhythmus und Regeln des Gesprächs festgelegt: Wir stellen kaum Fragen, ein Monolog, wobei Tőkés immer wieder bei den Rumänen, ihrer Orthodoxen Kirche landet – leider, leider sei da alles noch im Denken der Voraufklärung verfangen. Dann weitere Gesprächsunterbrüche, einmal braucht es ein paar Weisungen an den Sekretär, dann ein paar Unterschriften, Shakehands, dann wieder ein Kleinstvortrag an uns über Balkan, Rumänen, die Serben und die ungarische Tragödie. Merkwürdig, Herr Bischof schaut an uns vorbei ins Leere. So nehmen wir schliesslich mit Erleichterung wahr, wie es zum Ende des Gesprächs kommt. Tőkés offeriert uns einen bischofsamtlichen Taxidienst ins grenznahe ungarische Bihárkeresztes. Wir nehmen dankbar an. Mit einem seltsam schlaffen Händedruck verabschiedet sich László Tőkés. Habe ich ihm Unrecht getan? Ist er einfach müde, ein erschöpfter Held?
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