Kitabı oku: «Franz von Assisi»
Franz von Assisi
wurde als Giovanni Battista 1181 in Assisi geboren. Nachdem ihm Gott im Traum erschienen war, wandte er sich vom weltlichen Leben ab und widmete sich einzig seinem Glauben. Er begann ein Einsiedlerleben in Armut und tiefer Liebe zu Gott und den Menschen zu führen. Um das Jahr 1209 gründet er den »Orden der Minderbrüder«, den ersten Orden der Franziskaner. In den darauffolgenden Jahren reiste Franziskus als Wanderprediger durch Frankreich, Spanien, Ägypten und das Heilige Land. Es entstanden zahlreiche Franziskanerklöster, in denen man sich vor allem der Armenpflege und der Seelsorge widmete. 1226 starb Franziskus in seinem Kloster bei Assisi und wurde bereits zwei Jahre nach seinem Tod von Papst Gregor IX. heiliggesprochen.
Der Herausgeber
Dr. theol. h.c. Gerhard Wehr, geb. 1931 in Schweinfurt/Main. Nach langjähriger Tätigkeit auf verschiedenen Feldern der Diakonie und der Erwachsenenbildung, zuletzt als Lehrbeauftragter an der Fachakademie für Sozialpädagogik in Rummelsberg/Nürnberg, arbeitet er als freier Schriftsteller in Schwarzenbruck bei Nürnberg. Ein Großteil seiner Werke zur neueren Religions- und Geistesgeschichte ist in mehreren europäischen und asiatischen Sprachen verbreitet.
Zum Buch
»Er aber war ein Kind und Dichter, ein Meister und Lehrer der Liebe, ein demütiger Freund und Bruder jeglicher Geschöpfe.« Hermann Hesse
Franz von Assisis Erscheinung erweckt trotz seiner mitunter auch befremdlich anmutenden rückhaltlosen Verzichtsbereitschaft liebende Anteilnahme. Von seiner Lebensführung geht seit Jahrhunderten eine anrührende, eine beispielgebende geistliche Kraft aus, in deren Nachfolge sich auch Papst Franziskus gestellt hat. Dennoch bedarf Franz von Assisi keiner Idealisierung. In der Tat, mit der konkreten Gestalt seines durch Entschiedenheit gekennzeichneten Lebens mag er nicht immer Zustimmung finden. Aber durch seine von großer Schlichtheit geprägte elementare Frömmigkeit hat der durch die Christus-Stigmata Gezeichnete ein weithin leuchtendes, zugleich ein fortdauerndes Signal gesetzt.
Bereits zwei Jahre nach seinem Tod wurde Franz von Assisi, Gründer des Franziskanerordens und im Gebet von Gott berufen, von der katholischen Kirche heiliggesprochen. Er hatte sich bewusst der Armut verschrieben und sich von allem Weltlichen losgesagt, um einzig und allein Gott im Sinne des Evangeliums zu dienen. Sein Wirkungskreis vergrößerte sich stetig und er zog unzählige Nachahmer, arme wie reiche gleichermaßen, an. Mit seiner für seine Zeit rigorosen Einstellung zu einer angemessenen Lebensführung, die ihn bis in den Orient führte, eckte er regelmäßig an. Gleichzeitig fand er aber immer wieder den Mut, auch vor den Herrschenden der Welt an ihr festzuhalten.
Gerhard Wehr
Franz von Assisi
Gerhard Wehr
Franz von Assisi

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Der Text basiert auf der Ausgabe marixverlag, Wiesbaden 2014
Lektorat: Dr. Bruno Kern, Mainz
Bildnachweis: Die Vogelpredigt des Heiligen Franziskus
von Taddeo di Bartolo, 1403.
© Landesmuseum Hannover - ARTOTHEK
eBook-Bearbeitung: Bookwire GmbH, Frankfurt am Main
ISBN: 978-3-8438-0437-0
www.marixverlag.de
INHALT
Einleitung
Franziskus in seiner Zeit
Stationen seines Lebens
Aus seinen Schriften
Gruß an die Tugenden
Von der wahren Freude
Preisgebet zu allen Horen
Aus seinem Testament
Der Sonnengesang
Franziskanische Spiritualität
Exkurs: Bonaventuras Weg nach innen
Franziskus und seine Wirkung
Die Franziskaner
Ausblick auf das Reich des Heiligen Geistes
Von Joachim zu Franziskus
Das Friedensgebet
Zeittafel
Stimmen und Zeugnisse zu Franz von Assisi
Literatur
Abkürzungen franziskanischer Quellentexte
EINLEITUNG
Als eine herausragende, ebenso imponierende wie impulsgebende Gestalt in der Geschichte der Christenheit trat Francesco, der heilige Franziskus, der Arme von Assisi, an der Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert in Erscheinung. Zweifellos gehört er bis heute zum Kreis derer, die auch im außerkirchlichen Raum ihrer spirituellen Bedeutung nach bekannt und geschätzt sind. Als ein Mensch der Gottes- wie der Menschenliebe hat er, der enthusiastische Liebhaber der „Frau Armut“ (Donna povertà), der Poverello und Dichter des Sonnengesangs, seiner geschwisterlichen Beziehung zu den Elementen der Erde wie zu allen Geschöpfen einen beispielgebenden Ausdruck verliehen. So gilt er Ungezählten als einer der liebsten – wie Rilke sagt: „der Innigste und Liebendste von allen“ –, der menschlichsten und damit der glaubwürdigsten Heiligen. Einen solchen Heiligen verkörpert er nicht zuletzt deshalb, weil ihm aller Pomp und alles Gepränge einer der Veräußerlichung wie der Macht verschriebenen Kirche fremd geblieben sind. Frei und unbelastet von der Fessel des Besitzes, hat er Unzähligen seit Jahrhunderten ein Beispiel gegeben, auch wenn sie ihm mit der ihm eigenen Radikalität nicht nachzufolgen vermochten.
Seine Erscheinung erweckt trotz seiner mitunter auch befremdlich anmutenden rückhaltlosen Verzichtsbereitschaft liebende Anteilnahme. Von seiner Lebensführung geht seit Jahrhunderten – um es nochmals zu sagen – eine anrührende, eine beispielgebende geistliche Kraft aus! Dennoch bedarf Franz von Assisi keiner künstlichen Idealisierung.
In der Tat, mit der konkreten Gestalt seines durch Entschiedenheit gekennzeichneten Lebens mag er nicht immer Zustimmung finden. Aber durch seine von großer Schlichtheit geprägte elementare Frömmigkeit hat der durch die Christus-Stigmata Gezeichnete ein weithin leuchtendes, zugleich ein fortdauerndes Signal gesetzt. Franziskanische Bedürfnislosigkeit scheidet die Geister. Sie vermag zu jeder Zeit zur Besinnung zu rufen. Unsere Zeit hat sie nötiger denn je!
Es war Rainer Maria Rilke, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts im dritten Teil seines Stundenbuches an Franziskus und an einige Stationen seines inneren Lebens mit diesen Worten erinnert hat:
O wo ist der, der aus Besitz und Zeit
zu seiner großen Armut so erstarkte,
dass er die Kleider abtat auf dem Markte
und bar einherging vor des Bischofs Kleid.
Der Innigste und Liebendste von allen,
der kam und lebte wie ein junges Jahr,
der braune Bruder deiner Nachtigallen,
in dem ein Wundern und ein Wohlgefallen
und ein Entzücken an der Erde war.
Denn er war keiner von den immer Müdern,
die freudeloser werden nach und nach,
mit kleinen Blumen wie mit kleinen Brüdern
ging er den Wiesenrand entlang und sprach.
Und sprach von sich und wie er sich verwende,
sodass es allem eine Freude sei;
und seines hellen Herzens war kein Ende,
und kein Geringes ging daran vorbei.
Er kam aus Licht zu immer tieferm Lichte,
und seine Zelle stand in Heiterkeit.
Das Lächeln wuchs auf seinem Angesichte
und hatte seine Kindheit und Geschichte
und wurde reif wie eine Mädchenzeit.
Und wenn er sang, so kehrte selbst das Gestern
und das Vergessene zurück und kam;
und eine Stille wurde in den Nestern,
und nur die Herzen schrien in den Schwestern,
die er berührte wie ein Bräutigam.
Dann aber lösten seines Liedes Pollen
sich leise los aus seinem roten Mund
und trieben träumend zu den Liebevollen
und fielen in die offenen Corollen
und sanken langsam auf den Blütengrund.
Und sie empfingen ihn, den Makellosen,
in ihrem Leib, der ihre Seele war.
Und ihre Augen schlossen sich wie Rosen
und voller Liebesnächte war ihr Haar.
Und ihn empfing das Große und Geringe.
Zu vielen Tieren kamen Cherubim
zu sagen, dass ihr Weibchen Früchte bringe –
und waren wunderschöne Schmetterlinge:
Denn ihn erkannten alle Dinge
und hatten Fruchtbarkeit aus ihm.
Und als er starb, so leicht wie ohne Namen,
da war er ausgeteilt: sein Samen rann
in Bächen, in den Bäumen sang sein Samen
und sah ihn ruhig aus den Blumen an.
Er lag und sang: Und als die Schwestern kamen,
da weinten sie um ihren lieben Mann.
O wo ist er, der Klare, hingeklungen?
Was fühlen ihn die Jubelnden und Jungen,
die Armen, welche harren, nicht von fern?
Was steigt er nicht in ihren Dämmerungen –
der Armut großer Abendstern.
Diese und ähnliche Fragen verstärken sich eher noch, wenn man sieht, wie frühzeitig sich ein Kranz von Legenden um die schlichte, gleichwohl außerordentliche Lebensgeschichte dieses Mannes legte. Dichtung und historische Wahrheit durchdrangen sich bisweilen. Sie verschmolzen zu einem eigentümlichen Ganzen, zu einer Rühmung dieser rückhaltlosen, zugleich unnachahmlichen Christus-Nachfolge.
Freilich, nur ein gerade ausreichendes, somit knappes Minimum an belegbaren Fakten und an authentischen Selbstzeugnissen liegt vor, um sein Leben und seine Jesus-Liebe nachzeichnen zu können. Wer wollte im Übrigen den Wahrheitsgehalt einer deutenden Dichtung in Zweifel ziehen, die, eindringlicher als aktenmäßig notierte Daten es vermögen, eine geistige Wirklichkeit bezeugt? Mit bloßen abstrakten Begriffen allein lässt sich die von ihm gestiftete, von Generation zu Generation gelebte franziskanische Spiritualität nicht definieren, denn das hieße, einen in seiner Art einzigartigen Menschen begrenzen.
So spricht die Legende vom exemplarischen Leben des heiligen Franz und von seinem zeichenhaften Tun eine bisweilen überzeugendere, eine tiefere Wesensschichten erschließende Sprache, nämlich die Sprache seiner eigengeprägten christlichen Mystik. Auch sie hebt sich von anderen Gestalten innerer Erfahrung in markanter Weise ab. Das gilt es anhand seiner Biografie zu prüfen. Daher bedurfte es stets auch der behutsam deutenden Schilderung durch bildende Künstler seiner Zeit – unter ihnen etwa Giotto oder Fra Angelico –, die uns des Franziskus Antlitz und Gebärde, seine anrührende Demutsgebärde einzuprägen bemühten. So stehen neben den zeitgenössischen Aufzeichnungen, neben jenen wenigen Zeilen aus seinem Mund, und neben der ersten und zweiten Franziskus-Vita eines Thomas von Celano1 die poetisch verklärenden Fioretti, die Blümlein. Es handelt sich um „jenen Blütenkranz altitalienischer Berichte und Legenden, den man dem geliebten Volksheiligen etwa hundert Jahre nach dem Tode umgewunden hat. Diese Blümlein entwachsen dem historischen Grunde, den sie heiter überkleiden und gewiss auch überwuchern, immer neu wird man sich an ihnen erfreuen.“2 – Es versteht sich, dass die biografische Vergewisserung sich, abgesehen von den Texten des Franziskus, an die relativ nüchtern gehaltenen Aufzeichnungen des Thomas von Celano halten wird, so poetisch ansprechend die späteren Idealisierungen sein mögen.
FRANZISKUS IN SEINER ZEIT
War es der antiken Christenheit im Laufe eines etwa dreihundert Jahre währenden Prozesses3 der Verfolgung und des Ringens um Anerkennung gelungen, im römischen Weltreich religiöse Gleichberechtigung (313) zu erreichen und dann darüber hinaus vor allen anderen Religionen die Privilegien einer Staatskirche in Anspruch zu nehmen, so bedeutete dieser Aufstieg noch keinen Stillstand. Im Gegenteil: Noch ehe das erste nachchristliche Jahrtausend vergangen war, hatte die lateinische Kirche dank kaiserlicher Förderung den Status einer in sich ruhenden, eigenständigen Weltmacht erlangt. Doch ist in diesem „Sieg der Kirche“ etwa ein erstrebenswerter „Erfolg“ zu sehen? Kaiserreich und Kirche, Imperium und Sacerdotium, zwei letztlich nicht miteinander zu vergleichende Streithähne auf der weltpolitischen Bühne, kämpften Jahrhunderte lang um die Vormachtstellung, als sei einst Jesus Christus Mensch geworden, um zu einem derartigen Kräftemessen antreten zu wollen.
Ungeheuerliches war geschehen, blickt man vergleichsweise auf die frühe Geschichte der Christenheit! Wem im Mittelalter von Fall zu Fall mit der Übereignung der Kaiserkrone die weltliche Macht zuerkannt werden sollte, bestimmte fortan der Bischof von Rom, der Seelenhirte aller Getauften, in seiner Eigenschaft als angeblicher Stellvertreter Christi auf Erden. Segensspruch und Bannfluch des Papstes vermochten die Weltgeschichte und die Geschicke vieler Völker zu beeinflussen, Jahrhunderte lang! Der sprichwörtliche Gang nach Canossa mit dem Kniefall Kaiser Heinrichs IV. vor Papst Gregor VII. im Jahre 1077 wirft im gegebenen Augenblick ein Licht auf die bestehenden problematischen Verhältnisse in Kirche und Welt – ein Beispiel von vielen!
Wer ermisst dabei die unerhörte, die nicht zu überbrückende Distanz zwischen dem unbehausten Juden aus Nazaret und den das Seelenheil der Menschen verwaltenden Machthabern, die ihre religiöse Autorität von eben diesem Jesus Christus abzuleiten beanspruchen! Sollte die christliche Agape der selbstlosen Menschenliebe bei seinem irdischen Vicarius inzwischen durch cäsarische Züge in einem erschreckenden Maße und bis zur Unkenntlichkeit verkommen pervertiert worden sein?
Immerhin, „die Idee des alten Reiches war das Corpus Christianum, das geistlich-weltliche Universalreich. Dieses Einheitsreich war in seinem Bestand auf die Zusammenarbeit der beiden Gewalten, der weltlichen und der geistlichen, angewiesen. Kaisertum und Papsttum waren zwar zwei natürliche Rivalen, aber durch die Idee des Einheitsreiches zugleich aufeinander angewiesen. Indem das Papsttum den Vernichtungskampf gegen das Kaisertum führte, zerstörte es die Grundlagen seiner eigenen Machtstellung.“4 Andererseits kündigte sich im 13. Jahrhundert „das Ende der Vorrangstellung der universalen Gestalten, des fränkisch-römisch-deutschen Kaisertums und des Papsttums“, an.5
Als der zu kompromissloser Christusnachfolge entschlossene Franz von Assisi vor seinem kirchlichen Oberherren kniete und die Bitte aussprach: „Herre, Papst, dürfen wir arm sein?“, da handelte es sich um Innozenz III. (1198–1216), der zu seiner Zeit das höchste kirchliche Leitungsamt in Händen hatte. Ihn bestimmte das vermessene Selbstbewusstsein, dass er als Papst, als „Sonnenpapst“, zwar geringer als Gott sei, jedoch größer als jeder andere Mensch! Er, der Pontifex maximus (oberster Brückenbauer), stehe als alleiniger Mittler zwischen Gott und der Menschheit. Ihm sei – gleichsam als dem Herrn aller Herren dieser Erde – in Gottes Namen die Weltherrschaft anheimgestellt. Bibelworte werden von und für ihn zu eben diesem Zweck manipuliert. Sie müssen mittels einer augenscheinlichen Fehlinterpretation dazu herhalten, seiner priesterlichen Position einen Anschein der Allmacht zu verleihen. Beabsichtigt ist, so etwas wie einen theologischen Schriftbeweis für die Rechtmäßigkeit der eigenen Ansprüche herzustellen. Die Bibel soll die angemaßte Doppelfunktion dieses Papstes rechtfertigen.
So ist im Lukasevangelium (Lk 22,38) einmal von zwei Schwertern die Rede. Innozenz leitete hiervon die beliebig zu instrumentalisierende sogenannte „Zwei-Schwerter-Theorie“ ab, als stehe es dem Nachfolger auf dem römischen Stuhle Petri zu, alle beiden Schwerter zu führen, das heißt: Zusammen mit der geistlichen Funktion des Priesters sei ihm auch die Macht zugesprochen, nämlich das Schwert des weltlichen Herrschers nach Belieben zu handhaben. Und wenn der Apostel Paulus (1 Kor 2,15) davon spricht, dass der geistlich gegründete Mensch alle und alles richte (iudicat omnia), er selbst aber von niemandem gerichtet werde für sein Tun und Lassen, also nicht zur Rechenschaft gezogen werden könne (ipse a nemine iudicatur), dann ist das Ausmaß an Missdeutung des Gotteswortes kaum mehr zu überbieten. Und das geschieht durch denjenigen, dem gleichzeitig das Lehramt der Kirche anvertraut sein soll?
Nun ist Franz von Assisi weder als Kritiker einer verweltlichten Kirche noch eines Papsttums nach der Art Innozenz’ III. aufgetreten. Dafür haben sich andere als zuständig angesehen. Es mag daher auf den ersten Blick verwundern, wenn man erfährt, wie der Poverello in seinen jungen Jahren durchaus kriegsbegeistert für seine Vaterstadt Partei ergriff und an einem gerade ausgebrochenen Städtekrieg teilnahm. Aber die Aufgabe der tätigen Kirchenkritik überließ Franziskus eben anderen, etwa den Katharern, jener bedeutsamen Ketzerbewegung Südfrankreichs. In mit großer Grausamkeit geführten Kämpfen wurden diese neben anderen religiösen Aufbruchsbewegungen des 12. und 13. Jahrhunderts – letztlich auf päpstliches Geheiß – blutig niedergeschlagen und zum Schweigen gebracht. So kam es im Zeitalter der Kreuzzüge gegen die Muslime im Vorderen Orient in gleicher Weise zu einem Ketzerkreuzzug (Albigenserkrieg) in den südfranzösischen Provinzen (1209–1229).
Die Lebenszeit des Franziskus fällt sodann in jene Epoche, in der sich der Laie erhebt, nachdem die Träger der priesterlichen Weihe durch bischöfliche Entscheidungen ein Übergewicht an Macht und Einfluss gewonnen haben. So geschehen unter anderem durch das von Innozenz III. einberufene Vierte Laterankonzil. Verkündet wurde dabei das Dogma von der Transsubstantiation, das heißt die Lehre von dem Wandlungsgeschehen beim Abendmahl (der hl. Messe, Eucharistie). Der große Machtzuwachs des Priesterstandes ergibt sich aus der Tatsache, dass allein der durch einen römischen Bischof geweihte Priester befähigt sei und ermächtigt ist, Brot und Wein in Leib und Blut Jesu Christi zu verwandeln. Nur auf diese Weise sei die spirituelle Realpräsenz bei der sakramentalen Kommunion heilsmächtig gewährleistet. Damit ist aber auch der Kelchentzug für die Laien verbunden – ein Defizit, mit dem sich später die Anhänger des böhmischen Reformators Jan (Johannes) Hus im 15., sodann die Reformatoren des 16. Jahrhunderts, an ihrer Spitze Martin Luther, nicht abfanden.
Der Priester ist somit über die Masse der Laien emporgehoben. Der hierarchische Charakter ist damit aufs Engste mit dem sakramentalen Geschehen verbunden. Wieder ist eine kaum überbrückbare Distanz zwischen dem Abschiedsmahl des Jesus von Nazaret und dem katholischen Messkultus zum Ausdruck gebracht. Und was den gering geachteten, sogenannten Laien betrifft, so bleibt oftmals außer Acht, dass das entsprechende griechische Wort, laós, Volk heißt. Diesem Gottesvolk gehören auch Priester an. Dem Laien, jedem Angehörigen des Gottesvolkes, kommt demnach bereits durch die Taufe eine unverletzliche geistliche Würde zu.6 Dabei ist es bemerkenswert, dass Franz von Assisi für sich nie die Priesterweihe angestrebt oder erhalten hat. Er respektierte die in seinen Tagen bestehende Kirchenordnung durchaus, mithin auch die Inhaber des priesterlichen Amtes. Doch musste er darauf bedacht sein, dass eines Tages auch Brüder seiner Gemeinschaft in die Lage versetzt werden, die Sakramente wirkmächtig zu spenden.
Das Zeitalter des Franziskus ist sodann durch eine Blüte christlicher Frömmigkeit gekennzeichnet. Es ist die Zeit der himmelan strebenden gotischen Kathedralen, Stätten der sakramentalen Mysterienfeier und der Sammlung der Gläubigen zum Gebet. Mit großem Ernst beginnen Einzelne, geistlich ausgerichtete Männer und auch Frauen aus dem Volk, etwa als Begarden und Beginen wie Mechthild von Magdeburg7 (gest. um 1282), die Nachfolge Christi in immer neuen Formen religiöser Gemeinschaftsbildung zu praktizieren. Reformbewegungen beginnen innerhalb wie außerhalb der Klöster im Geiste Jesu zu leben. Sie vermögen neue spirituelle Akzente zu setzen. Immer sind das gesellschaftliche Leben und die große Politik mit betroffen.
Hatte sich im 11. Jahrhundert im burgundischen Cluny ein solcher klösterlicher Erneuerungsimpuls zu entfalten begonnen, so folgte mit der im ebenfalls französischen Cîteaux entstandenen Mönchsgemeinschaft eine Wiederbelebung der benediktinischen Ideale der Armut, der Ehelosigkeit und des Gehorsams, und zwar in Gestalt des Zisterzienserordens. Als herausragende, sein Jahrhundert bestimmende geistliche Gestalt hat Bernhard von Clairvaux (1090–1153) zu gelten.8 Philosophie und Theologie finden in der geistigen Strömung der Scholastik ihre charakteristische Prägung, das heißt: Es geht darum, das Denken in den Dienst des Glaubens zu stellen: Die Philosophie, namentlich die des griechischen Philosophen Aristoteles, wird zur „Magd der Theologie“ (Philosophia ancilla theologiae). An Universitäten wie Paris und Oxford werden gelehrte Bettelmönche, Dominikaner und Franziskaner, die tragenden Säulen der zeitgenössischen Bildung darstellen.
Schließlich ist von dem Menschheitsproblem der Armut als einem maßgeblichen Zeitzeichen zu sprechen, eben auch und gerade in den Tagen des Franziskus – und dies bis heute! Abgewandelt haben sich die Ursachen und Erscheinungsformen, geblieben ist das Faktum – weltweit! Bei dieser Armut handelt es sich um alles andere als um einen – ebenfalls nach Rilke – lyrisch gerühmten „großen Glanz von innen“! Gemeint sind vielmehr die in alle Lebensbereiche sich erstreckenden Nöte, wie sie gerade im Mittelalter durch epidemisch sich ausbreitende Krankheiten, durch Kriege und Gewalttaten aller Art hervorgerufen wurden, ferner durch wirtschaftliche Missstände und Katastrophen. Die Produktionsweisen beginnen sich zu verändern, z.B. in Gestalt der Manufaktur, das heißt einer arbeitsteiligen Herstellung der betreffenden Erzeugnisse, unter anderem in der Textilbranche. Wer sich dieser Praxis bedienen und Angelernte für sich arbeiten lassen kann, wirtschaftet effektiver. Reichtum entsteht, der Fernhandel blüht auf. Franz’ Vater agiert auf diesem Wirtschaftsgebiet, während er selbst sich diesem Gewinnstreben versagt. An die Stelle des Warentausches tritt die Geldwirtschaft. Durch Geldverleih lassen sich Zinserträge in wechselnder Höhe erzielen, das Bankwesen beginnt großen Einfluss zu nehmen. Und den dunklen Schatten dieser Entwicklung bildet immer wieder die um sich greifende Armut breiter Volksschichten!
Solche hier nur anzudeutenden Vorgänge auf dem wirtschaftlichen Sektor von Produktion und Handel verändern naturgemäß die sozialen Strukturen, insbesondere in den sich jetzt bildenden Städten. Gleichzeitig entsteht die soziale Schicht derer, die weder Grund und Boden besitzen noch über nennenswerte Erwerbsquellen verfügen. Bettler und in ihrer Existenz bedrohte Unbehauste gehören wie selbstverständlich, gleichsam als eine natürliche Gegebenheit, zur bürgerlichen Gesellschaft. Ihnen sucht die christliche Nächstenliebe, die kirchliche der Klöster und die bürgerliche in den Städten, Abhilfe zu schaffen, ohne freilich eine Problemlösung herbeiführen zu können. „Arme habt ihr allezeit bei euch“, lautet bereits ein Jesus-Wort (Mt 26,11).
Diesem Phänomen der unfreiwilligen, der schicksalhaften Armut steht noch eine andere Tatsache gegenüber. Sie besteht darin, dass bestimmte Menschen das Los der Armut ohne jeden Zwang und in voller Freiheit auf sich nehmen. Es sind jene, die im Armsein eine adäquate Möglichkeit erblicken, das Leben des armen Jesus zu ihrer eigenen Lebensform zu machen, und zwar samt allen daraus sich ergebenden notvollen Konsequenzen des Unversorgtseins und der Gefährdung: Es ist die als Tugend gelebte apostolische Armut (paupertas apostolica). Ihre Angehörigen, Männer, Frauen, Kinder einer meist ungeformten Armutsbewegung, Pauperes Christi, durchziehen das Land. Eines ihrer Leitworte lautet: „Nackt dem nackten Christus am Kreuz nachfolgen“, sein Leben führen, die „imitatio Christi“. Es handelt sich hierbei um eine Frömmigkeitsübung, die sich in der sogenannten Devotio moderna noch im Spätmittelalter findet.9 Nicht wenige üben auf diese Weise Kritik an der saturierten, an der dem Besitz wie der Machtausübung verschriebenen Kirche und deren in Prunk und Wohlleben sich ergehenden „geistlichen“ Oberen.
Gleichzeitig ist ein der so entarteten Kirche gefährlich werdendes häretisches Potenzial entstanden. Schon wer den geweihten Amtsträgern die Tatsache vor Augen hält, Jesus und die Apostel seien Arme gewesen, setzte sich dem Verdacht der antiklerikalen Ketzerei aus. Nicht nur die Geschichte des Mittelalters lässt sich aus solchen Gründen als eine Geschichte der Ketzerverfolgung schreiben.10 Damit schlägt die Stunde der Bettelorden, der Dominikaner wie der Franziskaner sowie weiterer Verbrüderungen, unter ihnen die „Humiliaten“, die – dies ist besonders hervorzuheben – freiwillig und noch viel radikaler als etwa die bereits bestehenden, die bekannten Ordensgemeinschaften, an ihrer Spitze Benediktiner- und Zisterziensermönche, auf persönlichen, bis zu einem gewissen Grad auch auf gemeinschaftlichen Besitz verzichten. Neben Keuschheit und Gehorsam gilt die Armut als der dritte der sogenannten „evangelischen Räte“. Grundsätzlich aber gilt: Was nicht dem bedürftigen Mitmenschen dient, verliert seine Berechtigung.
Einer von ihnen, der bereits vor Franz von Assisi evangeliumsgemäß die Christus-Nachfolge (Mt 19,21) vollzog, sei noch genannt. Es ist der Franzose Waldes11 (bisweilen auch Petrus Valdes genannt). 1177/78 hat sich der wohl nicht nur auf ehrliche Weise reich gewordene Kaufmann aus Lyon das Evangelienwort und das in der sogenannten Alexius-Legende erzählte Vorbild buchstäblich zu Herzen genommen, seinen Besitz aufgegeben und ein Wanderleben nach Art der Apostel begonnen. Waldes brachte die nach ihm benannte Bewegung der Waldenser in Gang. Seine von ihm und seinen Gefährten geübte strenge Lebensführung fand zwar Anerkennung, doch die von ihnen angestrebte Laienpredigt wurde ihnen – wie so vielen anderen späteren Geistesverwandten – versagt. Auf dem Regionalkonzil von Verona 1184 wurden die Armen von Lyon, die den Weisungen des Waldes gefolgt sind, durch Papst Lucius III. als Häretiker verurteilt. Die kirchlichen Ketzerverfolger waren nicht immer in der Lage, zwischen den umtriebigen Wanderpredigern der Zeit zu unterscheiden. Die Bewegung der Waldenser, den Brüdern des Poverello durchaus nah verwandt, mündete schließlich ein in eine durch die entschiedene Christus-Nachfolge charakterisierte reformatorische Gemeinde, und dies etwa zwei Jahrhunderte vor der Reformation Martin Luthers.
STATIONEN SEINES LEBENS
Nicht alle Lebensdaten des Franz von Assisi lassen sich zweifelsfrei ermitteln. Erschlossen hat man 1181, daneben 1182 als sein wahrscheinliches Geburtsjahr. Als Sohn des wohlhabenden Tuchhändlers Pietro Bernardone und seiner Ehefrau Pica wird er in Assisi, einem umbrischen, am Fuße des Monte Subasio gelegenen Bergstädtchens, geboren. Umbrien lässt sich insbesondere in damaliger Zeit als eine reich bewaldete Mittelgebirgslandschaft beschreiben. Ihr besonderes Gepräge erfährt sie durch einen Reichtum und eine Vielfalt an Felsen, an Höhlen und Klüften. Das ist schon deshalb eigens zu erwähnen, weil der abtrünnig gewordene Bernardone-Sohn sich in späteren Jahren unter bewusstem Verzicht auf ein bergendes Kloster zusammen mit seinen Gefährten, den Minderen Brüdern und späteren Franziskanermönchen, als Einsiedler in dieser Umgebung aufhalten wird.
Sein ursprünglicher Name lautet Giovanni Bernardone. Man nennt ihn aber – möglicherweise in Anlehnung an die angebliche, jedoch offenbar nicht gesicherte französische Herkunft seiner Mutter – Francesco (Französlein). Geschäftlicher Erfolg und Reichtum des Vaters erlauben dem Sohn ein sorgloses bürgerliches, zugleich ein wirtschaftlich ungebundenes und freizügiges Leben. So versteht es sich wie von selbst, dass er sich in jungen Jahren einem ungezwungenen Lebensgenuss mit Seinesgleichen widmet.
Als angesichts wechselnder Herrschaftsverhältnisse zwischen mittelitalienischen Städten immer wieder ein offener Streit ausbricht und Assisi die benachbarte, ebenfalls umbrische Stadt Perugia bekriegt, nimmt Franz die Chance wahr, sich ritterlichen Ruhm zu erwerben. Offensichtlich versteht er sich in dieser seiner Anfangszeit selbst als ein Ritter, jedenfalls einer, der zu den Oberen der Gesellschaft, den maiores, gezählt werden möchte. Doch er gerät in Gefangenschaft und wird, etwa zwanzigjährig, 1202 im gegnerischen Perugia für mehrere Monate inhaftiert. Auch von einem Kriegszug, der ihn 1204/05 ins süditalienische Apulien führen soll, wird berichtet. Er hatte sich einer Gruppe von Kriegern angeschlossen, die auf der Seite des Papstes in dessen Auseinandersetzungen mit den Staufern kämpfen wollten.
Vorzeitig kehrt er jedoch in die Heimat zurück. Und damit beginnt die Zeit, in der wir mit seiner inneren wie äußeren Umkehr zu rechnen haben. Es handelt sich bei ihm wohl nicht um ein einziges, exakt datierbares geistliches Erlebnis, das für sein bisheriges Leben die entscheidende Wende bedeutet hätte, sondern eher um einen über einige Jahre, etwa bis zum Jahr 1208, dauernden Prozess einer grundlegenden Neuorientierung. Francesco wird zu dem, als der er weltweit bekannt werden sollte.
Man kann sich Franz als einen Menschen vorstellen, der an die Schilderung des reichen Jünglings im Evangelium erinnert. Gemeint ist jener junge Mann, der an Jesus mit der Frage herantritt, was er tun müsse, um das Himmelreich und das ewige Leben zu gewinnen, damit auch er schließlich gerettet werde. Jesu Antwort lautet (Mt 19,21): „Willst du vollkommen sein, so gehe hin, verkaufe, was du hast, und gib es den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm und folge mir nach!“ Damit ist Francescos Lebensthema angesprochen. Konkret heißt das: Ihm steht nunmehr ein Wechsel von den Oberen zu den Niederen oder Minderen bevor.
Von eben dieser Art ist auch der Appell, den Franziskus beim Hören des Evangeliums vernimmt. Für ihn handelt es sich hierbei nicht länger um eine als unverbindlich erachtete erbauliche Erzählung aus ferner biblischer Vergangenheit. Im Allgemeinen hört man sie, man kennt sie von Jugend an, jedoch ohne sich ihrer existenziellen Tragweite bewusst zu werden. Franz geht gleichsam ein Licht auf. Er weiß: Das Wort aus dem Evangelium geht ihn an. Und das hat Konsequenzen. Dabei gingen die Vorstellungen des jungen Bernardone, durch Stand und Beruf des Vaters bedingt, ursprünglich in eine ganz andere Richtung. Dabei kann es aber nicht bleiben.
In Assisi gibt es – wie in einer mittelalterlichen Klassengesellschaft üblich – den erwähnten Gegensatz zwischen den durch Besitz und Einfluss charakterisierten Oberen (maiores) in der Bürgerschaft und den mit ihrer Lage unzufriedenen Menschen der Unterschicht (minores). Bernardone junior strebt, wie nicht anders zu erwarten, nach dem Höheren, nach Ansehen und Einfluss. Doch er hat auch die Armen vor Augen, die Habenichtse, die Bettler. Schließlich gehören die unversorgten Kranken, die Aussätzigen, zum Bild einer mittelalterlichen Stadt. Mit denen will niemand etwas zu tun haben. In seinem bisherigen Leben spielen sie jedenfalls keine Rolle. Auch das wird sich ändern!
Wenn, abgesehen von legendarischen Erzählungen und weiteren, sein Leben ausschmückenden Schilderungen, zuverlässige historische Quellen über Franz’ Jugend nur verhältnismäßig spärlich fließen, kann man sich ihn als einen in bürgerlich geordneten, wirtschaftlich gut abgesicherten Verhältnissen lebenden jungen Mann vorstellen. Vieles kann er sich mit Gleichgestellten leisten. Er ist – das charakterisiert ihn – nicht bereit, sich mit dem Mittelmaß der Möglichkeiten zu begnügen. Unversehens stellt sich jedoch eine ernste Lebenskrise ein: Sie drückt sich bei ihm in Niedergeschlagenheit und in verschiedenen Krankheiten aus. Die Aussicht, einst den Beruf seines durch Kaufmannsgeschäfte in Anspruch genommenen Vaters ausüben zu sollen, scheint für ihn nicht mehr erstrebenswert zu sein. Das muss sich ändern, er selbst muss sich ändern. Offensichtlich geht die Initiative zu einer grundlegenden Wandlung dennoch nicht von ihm selbst aus.
Die nach Francescos frühem Tod entstandenen Legenden versuchen, die Lebenswende des jungen Mannes plausibel zu machen. Ein Schlüsselerlebnis wird genannt: die Begegnung mit Aussätzigen, der natürlicherweise sich einstellende Abscheu, dann aber dessen Überwindung. Franz hört aber auch von hilfsbereiten Menschen, die sich der Elenden selbstlos annehmen, und zwar ohne Lohn, sondern aus lauterer Nächstenliebe. Dieses fürsorgliche Tun rührt ihn an. Dazu kommt die spontan sich einstellende innere Aufforderung zu Taten der Barmherzigkeit.
Er wird wie im Traum gefragt, warum er eigentlich als Ritter einem der irdischen Herren dienen und für ihn in den Krieg ziehen wolle, einem menschlichen Gebieter, der letztlich selbst nur ein Knecht seines Besitzstrebens und seiner Ruhmsucht ist. Ist es nicht Jesus Christus, der als der eigentliche Herr aller Herren zu gelten hat? Überlegungen wie diese werden für Francesco zum Ansporn, seine Lebensideale zu überdenken. Hin und wieder hat er das Bedürfnis, Orte der Stille aufzusuchen und sich in die Einsamkeit der umbrischen Wälder zurückzuziehen, um Klarheit zu gewinnen, schließlich die Bereitschaft, sogar seine Familie samt den hier verfügbaren Annehmlichkeiten zu verlassen.
Und da ist das kleine baufällige Kirchlein San Damiano; es steht unterhalb von Assisi. Angerührt von inneren und äußeren Erlebnissen, vernimmt er hier beim Anblick Jesu auf dem Kreuzigungsbild das Wort: „Geh, und baue mir meine Kirche wieder auf!“ Es ist dieser, so könnte man sagen, unvermittelt auftauchende Gedanke, von nun an die eine und die andere reparaturbedürftige Kirche der Gegend auszubessern. An eine weiter reichende, etwa an eine spätere umfassende, kirchenreformerische Aktivität denkt er offensichtlich nicht. Dazu fehlen ihm ohnehin Motivation und alle dafür erforderlichen Voraussetzungen. Das wird auch später keine seiner Optionen werden.
Doch das – insbesondere für Vater Bernardone – Unverständliche geschieht: Franz nimmt die Aufforderung des Gekreuzigten, wie er sie zu empfinden meint, buchstäblich. Er setzt das ihm reichlich zur Verfügung stehende Geld ein, damit San Damiano instand gesetzt werden könne. Der junge Mann, der noch bis vor Kurzem von stolzen Ritterehren geträumt hatte, legt selbst Hand an und trägt Baumaterial zusammen. Der empörte Vater, dem diese Aktivität zutiefst zuwider ist, verordnet dem vermeintlich wahnsinnig Gewordenen Hausarrest. Als diese Maßnahme nichts fruchtet, klagt er gerichtlich gegen seinen gleichsam aus der Art schlagenden Sprössling. Er entzieht ihm das zugedachte Erbe. Kurzum, aus dem Sohn mit ritterlichen Allüren wird beinahe unvermittelt ein Freund der Armen und Aussätzigen. Und er findet damit Anerkennung und Beifall, sogar unter Gleichaltrigen unterschiedlicher gesellschaftlicher Herkunft!
Den Eintritt in einen der bestehenden, klar strukturierten Mönchsorden zieht er nicht in Erwägung. Ihm schwebt lediglich eine Gemeinschaft von Brüdern vor, die gleich ihm in die Nachfolge Christi treten und ein bedürfnisloses Leben in apostolischer Armut mit ihm teilen wollen. Mit anderen Worten: Von dem Wanderprediger Jesus von Nazaret muss eine große Faszination ausgegangen sein. Dieser Impuls seiner puren Menschlichkeit muss jedenfalls nachhaltiger auf Franz gewirkt haben als das Bild vom Gottessohn und seiner himmlischen Herrlichkeit.
Im Langhaus der Oberkirche der imposanten Kirche von San Francesco in Assisi sieht man heute das um 1295 geschaffene Fresko, das im Bild die Lebenswende des jungen Mannes in einer charakteristischen Szene zur Anschauung bringt: Franziskus tritt in aller Öffentlichkeit vor seinen Vater hin und sagt sich von ihm los. Nicht länger sei er, Bernardone, sein Vater, sondern sein eigentlicher Vater sei von nun an allein der im Herrengebet angerufene unser Vater im Himmel. Deshalb wirft Franz sein Gewand vor Bernardone hin. Es ist gleichsam Inbegriff des väterlichen Besitzes, auf den er totalen Verzicht leistet. Damit gibt er seine bisherige Identität auf, er wird ein anderer! Enterbt zu sein, kann Francesco auf die leichte Schulter nehmen. Für ihn gilt von da an eine neue Werteordnung. Bewusst entledigt er sich alles dessen, was er bisher genossen und wertgeschätzt hat. Den Nackten umhüllt der anwesende Bischof mit seinem eigenen Mantel. Es ist, als hole die Kirche ihr ungebärdig sich stellendes Schäflein heim und berge es in ihrer Mitte. Wahrheit und Dichtung scheinen sich in diesem Bild zu vermischen. Und was den Wahrheitsgehalt der Schilderung anlangt, so wird er transparent: „Als historischer Kern der unterschiedlichen Fassungen dieser Geschichte bleibt: Die Kluft zwischen dem etablierten Vater und exaltierten Sohn, zwischen Kaufmannsstand und Bußgewand ist nicht überbrückbar. Bewusst bricht Franz mit dem alten Bernardone, dem Vertreter des aufstrebenden Bürgertums, mit seinem Geld und seinem Besitz, mit seinen Geschäften und seiner gesellschaftlichen Stellung.“12 Im Grunde sagt sich Franz auch von derjenigen Kirche und ihrer Glorie los, die sich zum Selbstzweck geworden ist und der die Mittellosen, die Unterprivilegierten unter ihren Mitgliedern weithin gleichgültig geworden sind. Freilich wird diese Kirche später wiederum bestrebt sein, ihm in ihren Mauern als „Heiligen“ eine Funktion zu geben …
Franz ist ungefähr 25 Jahre alt. Es beginnt sein Gang von der Heimat in die Heimatlosigkeit. So könnte man die auch aus ganz anderen religionsgeschichtlichen Zusammenhängen bekannte Lebensentscheidung eines Menschen nennen, sei es etwa den Aufbruch Abrahams, der der Weisung Gottes gehorchend sein Vaterhaus und seine Verwandtschaft verlässt, oder sei es Siddharta Gautama Buddha, der seiner spirituellen Bestimmung folgen muss, um für sich und für die Heilsuchenden Befreiung zu erlangen.
Nach dem Selbstverständnis des Franziskus aber hat für ihn ein neues, sein eigentliches Leben begonnen. In seinem Testament wird es später heißen:
Und der Herr schenkte mir in den Kirchen einen solchen Glauben, dass ich in aller Schlichtheit folgendermaßen betete und sprach: „Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, [hier] und in allen deinen Kirchen in der ganzen Welt, und wir preisen dich, weil du durch dein heiliges Kreuz die Welt erlöst hast.“
(Test 4)
Was ist geschehen? – In den Gottesdiensten, an denen Franz teilnimmt, sind es bezeichnenderweise die Aussendungsreden, mit denen Jesus seine ersten Jünger auf den Weg schickt, um die bevorstehende Ankunft des Himmelreiches vor aller Welt kundzumachen. Diese Reden nimmt Franz für sich als eine sogleich zu befolgende Weisung an. Es gilt, Heil und Frieden unter den Menschen zu verbreiten. Es handelt sich um die bedeutsamen Worte aus dem 10. Kapitel des Matthäusevangeliums, mit den Versen 5–10. Das einst an die Jesus-Jünger ergangene Wort wird nun auch für Franz und seinen ersten Anhänger lebensbestimmend, wenn es im Evangelium heißt:
Gehet nicht auf der Heiden Straße und ziehet nicht in der Samariter Städte, sondern gehet hin zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel. Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen! Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, reinigt Aussätzige, treibt böse Geister aus. Umsonst hab ihr empfangen, umsonst gebt es auch. Ihr sollt nicht Gold noch Silber noch Kupfer in euren Gürteln haben, auch keine Tasche zur Wegfahrt, auch nicht zwei Röcke, keine Schuhe, auch keinen Stecken. Denn der Arbeiter ist seiner Speise wert.
Nicht entschiedener, nicht herausfordernder und rückhaltloser könnte die Anordnung Jesu für seine Mitarbeiter am kommenden Reich der Himmel sein. Franz zweifelt nicht, dass gerade dieser Missionsbefehl ihm jetzt und hier ganz persönlich gelte. Auch sei er Wort für Wort, also buchstäblich zu nehmen. Und die im Bibeltext genannten verlorenen Schafe aus dem Hause Israel, das sind in der Einsicht des im Innersten Ergriffenen die Armen, die Kranken, die von der Gesellschaft als Aussätzige Gemiedenen. Ihnen will er sich fortan widmen. Dass er sich aus diesem Grund besondere ärztliche oder pflegerische Fähigkeiten angeeignet hätte, erfährt man nicht. Davon steht ja auch nichts im Neuen Testament. Ihm scheint die ganz laienhafte Hilfeleistung als solche zu genügen. Aber in diesem seinem Wollen, Nächstenliebe zu üben, bleibt er nicht allein.
Erste Gefährten aus Assisi lassen sich vom Appell ihres Freundes Francesco anfeuern und schließen sich ihm an. Sie verstehen sich allesamt als minores, als Minderbrüder, insbesondere für die als minderwertig geachteten Mitmenschen. Zu zweit, wie die Jesus-Jünger, gehen die Brüder über Land. Das ihnen anvertraute Gut teilen sie mit anderen Armen. Und sie haben vor allem eine unverwechselbare Botschaft, die Botschaft vom Reich Gottes, das nahe herbeigekommen ist. Wir hören aus ihrem Mund nichts von Kritik an dem Anstoß erregenden Gebaren der verweltlichen Kirche, also keine antikirchliche Demonstration. Franz und seine Gefolgsleute haben eher darauf zu sehen, dass sie keinen unnötigen Anstoß erregen. In diesem ärmlichen Aufzug wollen sie nicht mit irgendwelchen zeitgenössischen Häretikern oder Freigeistern verwechselt werden, die ebenfalls mit ihrer Kunde unterwegs sind. Und um als Nichtpriester die problematische Laienpredigt erlaubt zu bekommen, lässt sich Franz in seiner kirchenkonformen Haltung zum Diakon weihen. Damit ist die Spendung der Sakramente jedoch nicht verbunden. Die Minderbrüder beschränken sich – zumindest zu Lebzeiten ihres Stifters – auf die Verkündigung des Gotteswortes, und zwar in der schlichten Weise, wie sie ihnen gemäß dem Evangelium gegeben ist. Ihre Worte wollen nichts anderes sein als das, was ein geringer Diener auftragsgemäß zu sagen hat. In seinen Ermahnungen drückt dies Franziskus so aus:
Daran kannst du den Diener Gottes erkennen und sehen, ob er den Geist Gottes habe. Wenn der Herr durch ihn etwas Gutes wirkt, sieh zu, ob sein Fleisch deswegen überheblich wird – denn dies verträgt sich niemals mit jeglichem Guten! – oder ob er vor seinen Augen sich umso armseliger dünkt und sich geringer achtet als alle anderen Menschen.
(Erm 12)
Selig der Knecht, der sich nicht für besser hält, wenn ihn die Menschen groß machen und emporheben, so wenig wie wenn er für armselig und einfältig und verächtlich gilt. Denn so viel ein Mensch vor Gott gilt, so viel ist er wirklich, und nicht mehr!
(Erm 19,1)
So wenig attraktiv ein derartiges Leben in Armut anmutet und so abstoßend es ist, wenn die minderen Brüder sich mit ihrer geringen Kraft der ihnen begegnenden Lepra- oder Pestkranken annehmen, so erstaunlich ist die Reaktion in ihrer Umgebung. Neue Gleichgesinnte und zur Nachfolge Bereite finden sich als Mitstreiter ein, als gelte es in ihren Reihen irgendwelche glorreichen Heldentaten zu vollbringen. An eine im traditionellen Sinn bekannte Ordensgründung denkt Franz jedoch noch nicht. Dergleichen wäre ihm schon wegen des in den Klöstern relativ geordneten Lebens einigermaßen elitär erschienen. Dann finden sich seit 1212 auch Frauen zusammen, angeführt von Klara (Chiara) aus Assisi, die nach dem Rat des Francesco eine eigenständige Schwesternschaft bilden. Aus ihrer zunächst ebenfalls losen Verbindung sollte später der zweite Orden der Klarissinnen entstehen.
Es versteht sich, dass der Umgang mit den Schwestern strengste Diskretion und Achtung verlangte. Deshalb Francescos eindringliches Geheiß:
Ich befehle den Brüdern insgesamt mit Nachdruck, keinen verdächtigen Umgang oder Unterredung mit Frauen zu haben, auch Nonnenklöster nicht zu betreten, jene Brüder ausgenommen, denen vom apostolischen Stuhl besondere Erlaubnis zuteil wurde. Und sie sollen nicht Taufpaten von Männern oder Frauen werden, damit kein Ärgernis unter den Brüdern oder über Brüder daraus entstehe.
(BR 11)
Dem franziskanischen Dritten Orden verbanden sich schließlich jene Männer und Frauen, die ihre Mission christlicher Nachfolge in Beruf und Ehe leben wollten, ohne die vollen mönchischen Gelübde auf sich zu nehmen.
Um die päpstliche Beglaubigung zu erhalten, insbesondere um vor den kirchlichen Ketzerverfolgern geschützt zu sein, stellt Franz eine Reihe von Jesus-Worten zusammen, die auf die geistliche Sendung seiner Jünger bezogen sind. Sie bilden gewissermaßen die erste franziskanische Regula. Ein Dokument davon ist nicht mehr erhalten. Im Grunde ging es den Minderbrüdern einfach um die Befolgung des Evangeliums und um die darauf basierende Nachfolge des armen Jesus. Spätere Ausarbeitungen einer ausführlichen franziskanischen Ordensregel mussten zu gegebener Zeit nachfolgen. Aber das war nicht mehr Sache ihres auch in dieser Hinsicht auf elementare Einfachheit setzenden Gründervaters. Sein spezielles Charisma war weder das für eine rasch wachsende Gemeinschaft erforderliche Organisationstalent, noch verfügte er über eine angemessene theologische Kompetenz. Auch hier bedurfte es einer nachträglichen internen Regelung durch entsprechend geschulte Franziskaner. Tatsächlich erwarben sich philosophisch und theologisch gebildete Minderbrüder, ähnlich den Dominikanern, hohes Ansehen an den alsbald entstehenden Universitäten, etwa an denen von Paris, Oxford oder Bologna.
Zu den Ereignissen seines Lebens gehören einige Reisen. Berichtet wird von einer Wanderung nach Rom, um die päpstliche Zustimmung zu erhalten. Von Innozenz III. erlangte er das erforderliche, zunächst mündlich ausgesprochene Placet. Er wagte 1212 sodann eine Reise in den Osten, kam aber zuerst nur bis zu der Küste von Dalmatien. Schon als der junge Francesco von den ersten Kreuzzügen hörte, sehnte er sich danach, den Boden zu betreten und die Wanderwege von Galiläa nach Jerusalem und Judäa zu gehen, die vor mehr als einem Jahrtausend Jesus beschritten hatte. Der Versuch, nach Nordafrika überzusetzen, scheiterte infolge Krankheit bereits in Spanien. Immer wieder ist davon die Rede, dass Franz erkrankt sei. Um 1219 schließt er sich dem Fünften Kreuzzug an, jedoch nicht wie einst in bekannter Pose als bewaffneter Kreuzzugs-ritter. Diese Frühphase seines Lebens ist für ihn endgültig abgeschlossen und gilt ihm als erledigt. Jetzt obliegt ihm die Erfüllung eines ganz anderen, neuen Auftrags. Er ist zum Wanderprediger in der Christus-Nachfolge geworden. Als solchem gelingt es ihm, in Ägypten vor Sultan El-Kamil verkündigend aufzutreten, der ihm sogar Predigterlaubnis in seinem Herrschaftsbereich erteilt, also auch in Palästina. Schon als bloße Tatsache kann dies – von außen betrachtet – als ein nicht zu erwartender, als ein erstaunlicher Erfolg gelten! Doch der muslimische Gebieter wird sich über die Naivität und die erbärmliche Erscheinung des italienischen Poverello eher nur gewundert haben. Auch bedurfte man einer Friedensstiftung durch diesen sonderbaren Heiligen aus Umbrien wohl nicht, zumal der Sultan in der betreffenden Situation seinerseits um eine Verständigung mit den Kreuzfahrern bemüht gewesen sein soll.13
Dennoch steht ein äußeres Gelingen seiner Unternehmungen keinesfalls im Vordergrund seiner Erwartungen. Stets geht es ihm darum, auf jede nur denkbare Weise seinem Herrn nahe zu kommen, ihm ähnlich zu werden, mystische Gleichförmigkeit (conformitas) zu erlangen. Als er in den Weihnachtstagen zurückgezogen in Greccio im Rietital weilt, kommt er auf den Gedanken, seine Predigt von der Menschwerdung im Freien vor einer Futterkrippe zu halten. Vom Papst hat er die Erlaubnis erwirkt, dass ein Priester hierbei die Eucharistie feiert. Er selbst verkündet die ihm vertraute Botschaft von der Selbsterniedrigung Gottes: Deus semper minor – Gott ist immer noch kleiner, in der Ohnmacht immer noch mächtig, im Tod immer noch lebendig, im Kleinen groß, im Kind der unbegreifliche Gott.
Das bestimmende spirituelle Element seines Lebens, das er auch seinen Gefährten nahezubringen sucht, ist das Gebet und die innere Verbindung mit Christus. Um dieses vor der Öffentlichkeit verborgenen Betens willen zieht sich Francesco in die Einsamkeit zurück. Eine in den Kirchen zur Schau getragene Frömmigkeit hätte sein Verlangen nach mystischer Innerlichkeit eher gestört.
Ein solcher Ort der Einkehr wird für ihn der abgelegene Monte Alverna (auch La Verna genannt) in der Nähe von Chiusa im Apennin. Bis heute ist dieser Berg ein Zentrum franziskanischer Frömmigkeit. 1213 erhalten die Minderbrüder diese bewaldete Höhenregion geschenkt. Es ist der Ort, an dem Franz von Assisi während der Tage seines Fastens gemäß der Überlieferung am 14. September 1224 in Gestalt seiner spontanen Stigmatisation die Leidensmale Jesu empfängt. Das Geschehen als solches, das im Laufe der Kirchengeschichte mehrfach auch von anderen Menschen bezeugt ist, birgt ein Geheimnis. Den Verehrerinnen und Verehrern des Heiligen ist bewusst, dass es diese Zeichen der Passion Jesu sind, durch die Franziskus vor anderen ausgezeichnet ist.
„Von Stigmatisation spricht man dort, wo die Wunden Christi, die in einem ekstatischen visionären Erlebnis auf den Visionär, die Visionärin übertragen werden, auch am Leibe des Visionärs sichtbar hervortreten.“14 Franz wird sich durch die Vergegenwärtigung der Passion Christi schon lange in dem Sinne auf das Ereignis vorbereitet haben, dass der Leidensweg Christi mit den bekannten Stationen seine Meditation bestimmt hat. War es doch der Gekreuzigte, der ihn einst in der Kirche von San Damiano angesprochen und inspiriert hat. Wir dürfen uns seine Seele von diesem Aspekt der Christus-Wirklichkeit gleichsam imprägniert vorstellen. Was er vor jenem Altarbild erlebt hatte, was von ihm Besitz ergriffen hatte, das bekundet sich nun in dieser eigentümlichen Verleiblichung seines Frommseins.
Es waren seine Schüler, etwa Thomas von Celano, denen wir die Mitteilung von dem außerordentlichen Geschehen verdanken. Franz suchte die bisweilen blutenden Male an den Händen und an der Seite zu verbergen, gingen sie letztlich doch allein ihn selbst an. Die Brüder zeigen sich erschüttert und im Innersten angerührt. So auch genannter Celanese Thomas, der in seiner Ersten Lebensbeschreibung das Erleben der Stigmatisation seines väterlichen Mitbruders gleichsam von Herz zu Herz zu fassen suchte:
Als der selige Knecht des Höchsten dies sah, ergriff ihn tiefes Staunen, er konnte sich aber nicht erklären, was diese Erscheinung bedeuten solle. Es durchdrang ihn sehr wohl Freude, und mit noch tieferem Glück erfüllte ihn der gütige, liebreiche Blick, den der unbeschreiblich schöne Seraf auf ihn richtete, aber dass er ihn ans Kreuz geheftet sah, erfüllte ihn mit Entsetzen. Als er sich schließlich erhob, war er traurig und glücklich zugleich. Freude und Schmerz wechselten einander ab. Verwirrt dachte er darüber nach, was diese Erscheinung wohl bedeuten könne, und es erfüllte ihn mit Angst, dass er den Sinn gar nicht begreifen konnte …
(1 C 94)
Von Bruder Leo heißt es, er sei über dem allen in eine seelische Krise geraten, weil er dem Geschehen nicht gewachsen gewesen sei. Die Brüder versuchen sich eine an biblischen Überlieferungen orientierte Vorstellung von dem zu bilden, was ihrem Francesco widerfahren ist. Berichtet wird von dem inneren Eindruck, wonach ein Seraf mit sechs feurig leuchtenden Flügeln auf Franz herabgestiegen sei. In ihm habe er die Gestalt des Gekreuzigten erkannt. Die Stigmatisation als solche muss in ihrem Christusbezug verstanden werden.
Bemerkenswert ist, wie die Schilderungen zwei spirituelle Momente in eins zusammenbringen: Das Kreuzesgeschehen mit dem alttestamentlichen Engelwesen, den am Kreuz Erhöhten mit dem Seraf.
In diese Richtung bewegt sich auch die theologische Deutung, die wir Romano Guardini (1885–1968) verdanken:
Das besondere Charisma [des heiligen Franz] besteht darin, an Jesus zu erinnern. Die Behauptung klingt sonderbar. Sagten wir nicht, die Heiligen seien die Verdeutlichung Christi? Wohl, das sind sie. Sie drücken Christus aus. Sie übersetzen den, welcher der Herr und Inbegriff ist, in eine besondere menschliche Möglichkeit der Struktur, der sozialen Schichtung, der Zeit, der Not, der Aufgabe. Das tun alle; Franziskus tut mehr: Er übersetzt nicht, sondern vergegenwärtigt. Wer an ihn gerät, muss an Christus denken […] Seine Gestalt ist so gebaut, sein Wort, seine Gebärde, sein ganzes Leben sind so geartet, dass sie unmittelbare Verwirklichungen des Evangeliums sind; buchstäbliche Nachfolge; schlichter Nachvollzug der Existenz Jesu, ohne alle Abschwächung und Umdeutung – sodass Christi Antlitz selbst aus dem seinen herblickt. Christi Gebärde in der seinen deutlich wird …15
Dabei muss man nicht so weit gehen wie Guardini oder auch andere, indem man in dem Poverello so etwas wie eine „zweite Messiasexistenz“ erblicken möchte. Sind es bei mancher beeindruckenden Ähnlichkeit doch zwei unterschiedliche, jeweils für sich zu sehende historische Gestalten!
Es lag nahe, dass die von dem Geschehen innerlich ergriffenen Künstler, unter ihnen Giotto di Bondone (gest. 1337), dem Bericht in mancherlei Variationen sichtbaren Ausdruck verliehen haben, um der geistlichen Übung anderer eine zu meditierende Vorstellung als eine Art Stütze zu vermitteln.16 Das Geschehen auf den Höhen des Monte Alverna hat sich bis heute als eine spirituelle Tatsache dem Bewusstsein ungezählter Menschen eingeprägt. Das begann frühzeitig. Zum 33. Todestag stieg der Franziskaner Bonaventura empor, um dort meditative Einkehr zu halten. Im Prolog zu seinem Pilgerbuch der Seele zu Gott (Itinerarium mentis in Deum), das in dieser Bergeinsamkeit entstanden ist, kommt der Gefolgsmann des Poverello darauf zu sprechen:
Da begab ich mich auf göttliche Eingebung hin zum Berg Alverna, diesem Ort der Ruhe, um voller Sehnsucht den Frieden der Seele zu suchen. Als ich dort verweilte und über geistige Aufstiege zu Gott [mentales ascensiones in Deum] nachdachte, kam mir unter anderem jenes Wunder in den Sinn, das an diesem Orte dem seligen Franziskus widerfuhr, nämlich die Erscheinung des Serafs mit den Flügeln in der Gestalt des Gekreuzigten […] Unter jenen sechs Flügeln kann man nämlich recht gut sechs Erleuchtungsgrade verstehen, durch welche die Seele gleichsam wie auf Stufen oder Wegen in die Lage versetzt wird, durch die ekstatischen Entrückungen christlicher Weisheit zum Frieden zu gelangen. Dahin aber gelangt man nur durch die glühendste Liebe zum Gekreuzigten …17
Ungefähr vier Jahrzehnte alt ist Franz zum fraglichen Zeitpunkt. Da wird er einmal mehr als ein von allerlei Krankheiten beladener Mensch geschildert, dessen nahes Ende zu befürchten ist. So weiß man, dass Franz seit Jugendtagen an Malaria leidet. Durch sein intensives Fasten verursachte er bei sich lästige Darminfektionen und Magengeschwüre. Die nachträgliche Diagnose lässt ferner auf Erkrankungen von Milz und Leber schließen, Blutarmut und Wassersucht werden ebenfalls genannt. Daraus resultiert seine große Schwäche, sodass er schließlich nicht mehr gehfähig ist. Ein schweres Augenleiden hat ihm die Sehkraft schwer geschädigt, bis hin zur Erblindung. Man fragt sich, ob dieser zum letzten körperlichen Einsatz Entschlossene sich seit den Tagen seiner Lebenswende je geschont hat und auf seinen „Bruder Leib“ die ihm angemessene Rücksicht genommen habe. So fällt der Kommentar des durch Darstellungen vielfach ausgewiesenen Franziskus-Kenners Anton Rotzetter ernüchternd aus: „Nicht einmal seine Wundmale sind ihm Halt und Trost. Im Gegenteil: Er fühlt sich den Kräften der Hölle ausgeliefert und endgültig, auch vor Gott, gescheitert.“18
Im Frühjahr 1226 findet der überaus Geschwächte beim Bischof seiner Heimatstadt Assisi für kurze Zeit gastliche Aufnahme und Pflege. Doch als die Brüder an Pfingsten dieses seines letzten Lebensjahres ihre allgemeine Zusammenkunft, den Generalkonvent abhalten wollen, ist ihr „Führer und Vater“ nicht mehr in der Lage, daran teilzunehmen. Er greift ein letztes Mal zur Feder, das heißt: Er diktiert seinen letzten Willen, um mit seinem Testament seinen Brüdern all das ans Herz zu legen, was ihm für ihr geistliches Leben als unverzichtbar erscheint. Dazu gehört vorrangig die von ihm rückhaltlos praktizierte strenge Armut, verbunden mit der Verpflichtung zu totalem Gehorsam gegenüber der römischen Kirche, der er selbst zeitlebens gedient hat. Nicht zu verschweigen ist, wie schwer sich viele seiner Anhänger taten, das Armutsgebot in seiner kompromisslosen Härte auch tatsächlich zu leben. So konnte eine Reihe von Spaltungen innerhalb des späteren Franziskanerordens nicht ausbleiben. Es war der Zweig der Spiritualen, das heißt der dem geistlichen Leben in besonders strenger Weise Verpflichteten, dessen Mitglieder sich jede Form einer Milderung der testamentarisch verordneten Askese versagten.
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