Kitabı oku: «Tollkirschen und Brombeereis»

Yazı tipi:

Franziska Dalinger

Tollkirschen und Brombeereis

Roman


Zu diesem Buch

Tollkirschen und Brombeereis ist der dritte Band einer Buchserie über Miriam Weynard alias Messie.

Miriam und Daniel – das ist Geschichte. Doch Miriam will um ihre Liebe kämpfen. Wenn nur Tom nicht wäre, der sie offenbar viel dringender braucht als Daniel! Und wie soll sie ihre Albträume loswerden?

Dass sie ausgerechnet jetzt mit ihrer Schwester Tabita ins Sommercamp fahren soll, passt ihr gar nicht. Doch gleich zu Beginn erwartet Miriam eine Überraschung. Die Leute dort sind viel verrückter und witziger als gedacht und vielleicht wird dieser Sommer doch noch richtig gut. Bis die beiden Schwestern eine schreckliche Entdeckung machen ...

Zum ersten Band, Vollmilchschokolade und Todesrosen:

Miriam mag Schokolade, geht in die zehnte Klasse und besucht den Jugendkreis „Life and Hope“. Allerdings mehr aus Pflichtgefühl, schließlich ist ihr Vater der Pastor. Sie liebt Rosen und schreibt heimlich Gedichte. Vor allem aber ist sie glücklich, dass sie nicht mehr „unsichtbar“ ist, seit sie zu Mandys Clique gehört. Hier ist sie Messie, die schlagfertige Schauspielerin mit den schrägen Einfällen.

Aber nicht alles, was in der Clique läuft, passt zu dem, was sie bisher richtig fand. Als sie den sympathischen Daniel trifft, wird ihr das immer klarer. Dann geschehen Dinge, die ihre Welt ganz aus den Fugen geraten lassen. Und was als Scherz begonnen hat, wird zur tödlichen Gefahr.

Zum zweiten Band, Narzissen und Chilipralinen:

Miriam und Daniel sind zusammen. Wenn das kein Grund ist, glücklich zu sein! Doch was tun, wenn dem Freund ganz andere Dinge wichtig sind als einem selbst? Dazu steht der Jugendkreis „Life and Hope“ vor seiner Zerreißprobe. Kann es wirklich gut gehen, wenn Bastian und seine Gang dazustoßen?

Da verschwindet plötzlich Tine spurlos – und damit nimmt eine dramatische und verhängnisvolle Geschichte ihren Verlauf, an deren Ende nichts mehr ist, wie es war.

Leserstimmen zu den ersten Bänden

„Mit Tempo und Witz hat mich Franziska Dalinger überzeugt!“

„Eine spannende Geschichte, die wirklich unter die Haut geht.“

„Habe es gerade fertig gelesen und möchte es am liebsten gleich nochmal lesen.“

„Es hat mich richtig gefesselt!“

„So spannend, dass ich es fast am Stück durchgelesen habe.“

„Lesen lohnt sich auf jeden Fall!“

„Das Ganze ist gekoppelt mit Witz, Spannung und einer Portion Liebe – ich bin aus dem Lesen gar nicht mehr herausgekommen.“

„Das Buch ist einfach total spitze!“

„Schon allein der Titel macht den Leser neugierig, was dieses Buch wohl beinhalten mag.“

„Ein super tolles Buch!“

„Wunderschön geschrieben.“

Über die Autorin

Franziska Dalinger mag gern schwarze Rätselgeschichten und ihren schneeweißen chinesischen Seidenhahn. Am liebsten besucht sie Orte, an denen Geschichten in der Luft liegen. So wandert sie gerne durch Sommerwälder, schlendert über Mittelaltermärkte oder lässt sich im Alltag von der bunten Vielfalt der Menschen überraschen und inspirieren.

Spannung und Romantik sind in ihren Geschichten garantiert.

Impressum

Dieses Buch als E-Book:

ISBN 978-3-86256-743-0, Bestell-Nummer 590 040E

Dieses Buch in gedruckter Form:

ISBN 978-3-86256-040-0, Bestell-Nummer 590 040

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische

Daten sind im Internet über www.d-nb.de abrufbar

Lektorat: Dr. Thomas Baumann

Umschlaggestaltung: spoon design, Olaf Johannson

Umschlagbild: Re_bekka / © ShutterStock®

Illustrationen: spoon design, Josua Reuhl

Satz: Neufeld Verlag

© 2013 Neufeld Verlag Schwarzenfeld

Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise,

nur mit Genehmigung des Verlages

www.neufeld-verlag.de / www.neufeld-verlag.ch

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Inhalt

Zu diesem Buch

Leserstimmen zu den ersten Bänden

Über die Autorin

Impressum

Kapitel 1.

Kapitel 2.

Kapitel 3.

Kapitel 4.

Kapitel 5.

Kapitel 6.

Kapitel 7.

Kapitel 8.

Kapitel 9.

Kapitel 10.

Kapitel 11.

Kapitel 12.

Kapitel 13.

Kapitel 14.

Kapitel 15.

Kapitel 16.

Kapitel 17.

Kapitel 18.

Kapitel 19.

Kapitel 20.

Kapitel 21.

Kapitel 22.

Brombeereis

Über den Verlag

In jeder Nacht kommt die Dunkelheit ein wenig näher. Sie ist leer und still. Ich kann fühlen, wie sie heranschleicht. Ein Tier.

Die Dunkelheit ist ein Ungeheuer, das mich verschlingt. Sie ist ein Monster, das von mir lebt.

Das Dunkle hat keinen Namen.

Und wenn es einen hätte, wäre es nicht derselbe Name, den es am Tag trägt, im Sonnenlicht.

Nachts verschwinden alle Wörter, alle Begriffe.

Nachts bin ich allein.

Und am Tag bin ich stumm.


1.

Der Junge merkt nicht, dass er verfolgt wird. Er geht geradeaus, ohne sich umzudrehen, eine schwarze, ramponierte Sporttasche über der Schulter, in der sich garantiert keine Sportsachen befinden. Am Reißverschluss ist die Naht aufgeplatzt. Natürlich ist das Mädchen zu weit entfernt, um diese Einzelheiten zu erkennen, aber sie kennt die Tasche, als wäre es ihre eigene. Die drei kleinen Löcher am Boden, die den Jungen nicht kümmern. Das zerschlissene Innenfach, in dem das olivfarbene Portemonnaie seinen Platz hat; in diesem Portemonnaie steckt ein Foto. Früher jedenfalls. Ob er es aufbewahrt hat? Es manchmal heimlich ansieht? Alles würde sie dafür geben, das zu wissen. Wenn sie es nur schaffen könnte, sich die Tasche zu schnappen und einen Blick hineinzuwerfen! Dann wüsste sie, ob er das Foto behalten hat. Ob er noch an sie denkt.

Dort, wo er hingeht, gibt es weder eine Halle noch einen Fußballplatz, und das Schwimmbad liegt in der anderen Richtung. Es ist ein heißer Tag im Juni, seine ausgefransten Bermudashorts erlauben den Blick auf sonnengebräunte, kräftige Waden. Das verwaschene blaue T-Shirt passt hervorragend zu seinen blonden Haaren und gibt den Blick auf muskulöse Schultern frei. Der Junge ist ein ganzes Stück gewachsen in den letzten Monaten; eins achtzig, bestimmt, und in letzter Zeit hat er viel Sport getrieben. Er ist gejoggt wie ein Verrückter, dabei hat ihn das vorher nie besonders interessiert. Es ist, als würde er vor etwas davonrennen, als würde etwas ihn antreiben, etwas Namenloses, eine Angst, ein seltsamer Schrecken, vielleicht ein Schmerz, der sich nicht in Worte fassen lässt, dem man nur beikommt, indem man rennt und rennt und rennt.

Davonrennt.

Vielleicht ahnt er ja doch, dass er verfolgt wird. Spürt ihre Blicke auf sich.

Noch kann er ihr nicht davonfahren, doch bald wird er keine Mühe damit haben, sie abzuhängen. Im August wird er achtzehn, und er hat schon einige Fahrstunden gehabt. Sie weiß das, denn sie beobachtet ihn.

Im Schatten. Hinter Baumstämmen und Hausecken. Manchmal steht sie nur da und sieht ihm nach, lange, wenn er längst schon verschwunden ist, als würde in der Luft noch ein Abbild von ihm stehen bleiben, eine flirrende Fata Morgana.

Man muss unsichtbar sein. Schnell. Unauffällig tun, lässig. Sie sitzt auf dem Fahrradsattel, mit einem Fuß berührt sie den Boden, der andere ruht auf der Pedale. Sie tut so, als würde sie die Busfahrpläne an der Haltestelle studieren.

Als der Junge um eine Ecke biegt und aus ihrem Sichtfeld verschwindet, stößt sie sich ab und fährt ihm nach. Nicht zu schnell, denn jetzt weiß sie endlich, wo er hinwill. Der Weg mündet in einen schmalen Fahrradweg ein, der sich durch das Wäldchen schlängelt. Dahinter liegt der Park. Das Beste daran ist der Teich, in dem sich Enten um Brotbrocken streiten; dass ein großes Schild darum bittet, aus Tierliebe nicht Essensabfälle zu verfüttern, stört hier niemanden. Bänke säumen den Weg, das Gras ist so kurz geschoren, dass es bei dieser Hitze braune Flecken bekommt, und ein paar große Bäume spenden denjenigen Schatten, die keine Hitze vertragen.

Das Mädchen fährt langsam, um den Jungen mit der Tasche nicht einzuholen, radelt rückwärts, fährt Schlangenlinien. Der feine Kies auf dem Parkweg knirscht unter den Reifen.

Bastians Clique hängt hier häufig ab. Ob er verabredet ist? Sie hofft es, denn er ist mit diesen Jungs befreundet, und wenn sie dazustößt und freundlich begrüßt wird, verabschiedet er sich vielleicht nicht sofort. Dann kann sie ihm in die Augen sehen, die blau wie der Himmel sind, und das Lächeln darin suchen.

Früher war es da, selbst wenn es ihm nicht gut ging. Ein kleines Lächeln, nur für sie.

Sie hat solche Angst, dass es für immer aus seinem Gesicht verschwunden ist, dass ihr für einen Moment die Luft wegbleibt.

Nein, er ist allein. Im Park sind keine Jugendlichen, sondern nur ein paar Rentner belegen die Bänke. Eine junge Mutter mit Kinderwagen steht am Teich und zeigt ihrem Sprössling die erwartungsvoll heranschwimmenden Wasservögel. Das Kleinkind ballt die dicken Fäustchen, seine Arme sind prall wie winzige zu stark aufgeblasene Luftballons. Es stammelt, vor Aufregung läuft es rot an.

»Da! Da! Gaga!«

Die Frau lächelt stolz, als wäre sie dafür verantwortlich, dass heute ein Schwan dabei ist, dessen Federn die Sonne wie gleißender Schnee reflektieren. Sie nickt dem Mädchen mit dem Fahrrad zu.

Das Mädchen versucht zurückzulächeln, aber das ist schwer. Ihr Herz hämmert gegen ihren Brustkorb. Da ist er. So nah. Seine Gegenwart hinterlässt einen Abdruck in der Luft, eine unsichtbare Spur. In dieser Spur zu gehen ist fast so, als könnte man ihn berühren.

Der blonde Junge hat den Weg verlassen und sich unter einem der Bäume einen Platz gesucht, von dem aus er einen guten Blick über den Teich hat. Er holt ein Buch aus seiner Tasche. Liest er? Oder zeichnet er vielleicht wieder mal? Es ist lange her, dass sie ihn mit seiner Gitarre gesehen hat. Er spielt nicht mehr, oder wenn, dann heimlich bei sich zu Hause. Stöpsel verschwinden in seinen Ohren. Das ist gut. Dann bemerkt er sie nicht so schnell, wenn sie sich auf die Bank auf der anderen Seite des Teichs setzt, in den schwarzen Schatten.

Das Leuchten des Schwans sticht ihr in die Augen.

Sie starrt auf die funkelnde Wasseroberfläche. Natürlich hat sie auch ein Buch dabei, obwohl sie nicht vorhat, es zu lesen. Sie wird darin blättern und so tun als ob und das Gefühl genießen, in seiner Nähe zu sein.

Mehr nicht.

Mehr ist nicht nötig, um glücklich zu sein.

Nachdem sie eine Weile die Nase ins Buch gesteckt hat, hebt sie den Kopf und erschrickt.

Der blonde Junge ist nicht mehr drüben unter dem Baum. Wo ist er hin? Mitsamt seiner Tasche ist er verschwunden. Mist! Sie hat nicht aufgepasst!

Sie will schon aufspringen, als sie hinter sich eine Stimme hört: »Was machst du hier?«

Wie elektrisiert vom Klang seiner Stimme fährt sie herum. Da kommt er gerade den Hügel hinunter, er hat ihre Bank beinahe erreicht. Seine Augen funkeln wütend.

»Ich ... lese hier?«, sagt sie, aber es klingt wie eine Frage, unsicher, geradezu kleinlaut. Ertappt, denkt sie. Ich höre mich an, als wäre ich schuldig.

»Hör endlich auf, mir nachzulaufen, Miriam.«

»Ich laufe dir nicht nach!«, protestiert sie.

»Dann ist ja gut«, sagt er schroff. »Dann kannst du hier in Ruhe weiterlesen, während ich mich verziehe.«

»Klar«, sagt sie und wendet sich ihrem Buch zu. Sie zählt die Sekunden: »Eins, zwei ...« Bis zehn. Dann springt sie auf, greift nach dem Fahrradlenker ... und er steht immer noch hinter der Bank. Das Lächeln, das über sein Gesicht zieht, ist seltsam traurig.

»Du benimmst dich wie eine Stalkerin«, sagt er. »Lass das.«

Sie starrt ihm nach, als er davonmarschiert, jeder Schritt von Wut und Ärger erfüllt.

Ich starre ihm nach.

Denn ich bin dieses Mädchen. Ich bin die Stalkerin. Ich, Miriam Weynard, genannt Messie, spioniere einem Jungen hinterher, der nichts mit mir zu tun haben will und den ich brauche wie die Luft zum Atmen.

Meinem Ziel, seine wahren Gefühle herauszufinden, bin ich immer noch kein Stück näher gekommen. Daniel benimmt sich abweisend, aber das muss ja nichts heißen. Er hat Schluss mit mir gemacht, weil er dachte, dass ich einen anderen liebe und mich nicht entscheiden kann. Doch das kann ich durchaus. Ich habe mich längst entschieden, wen ich will. Nicht, dass ich überhaupt eine Wahl hätte. In meinem Herzen hämmert sein Name, durch meine Adern fließt die Sehnsucht. Um den Hals trage ich die silberne Kette, die er mir zum Geburtstag geschenkt hat, mit der silberschwarzen Rose daran. Der Beweis dafür, dass ich ihm vor gar nicht allzu langer Zeit durchaus etwas bedeutet habe. Ich glaube, dass er mich immer noch liebt.

Deshalb muss ich an diese Tasche heran.

Während ich mein Rad über den Bürgersteig schiebe, schießen meine Gedanken hin und her und bilden ein Geflecht, das sich beinahe schon wie ein Plan anfühlt.

Zuerst einmal brauche ich Informationen über seinen Stundenplan. Weil Daniel auf eine andere Schule geht als ich, ist das nicht ganz so einfach, aber ich habe schon eine Idee, wie ich es anstellen kann.

Zu Hause wartet meine Mutter an der Tür. »Wo bist du nur gewesen?« Ihre Stimme klingt nicht vorwurfsvoll, nur besorgt. Ich hasse das. Als könnte ich verschwinden, einfach so, bloß wenn ich die Straße runtergehe. »Jetzt kommen wir zu spät.«

Als wenn es mich kümmern würde, wenn ich nicht rechtzeitig zu meiner Therapiesitzung bei der hübschen, stets zum Kotzen gut gelaunten Frau Dr. Theresa Martin eintreffe. Wo ich reden soll – über Dinge, über die ich nicht reden will.

Zurzeit komme ich überallhin zu spät, und niemand beschwert sich darüber. Dr. Martin ist die Einzige, die absolute Pünktlichkeit erwartet. Ich hasse das.

Als Erstes muss ich Rosi überreden, einen Jungen anzurufen, den sie nicht kennt, und Einzelheiten über seinen Stundenplan aus ihm herauszukitzeln. Mit meiner früheren besten Freundin Mandy waren solche Geschichten immer viel einfacher. Da haben wir einfach einen Plan gefasst und durchgeführt, fertig. Rosi dagegen ist ein ganz anderer Typ. Sie will unbedingt wissen, was ich vorhabe und warum.

»Du willst ihm das Portemonnaie klauen?«

»Nicht klauen«, erkläre ich geduldig. Irgendwann hat sie die Sache mit dem Foto endlich begriffen, doch glücklich darüber ist sie nicht. Niemand ist so glücklich wie meine attraktive, bis zum letzten Lidstrich perfekt gestylte Therapeutin. (Ich hasse sie!)

»Warum fragst du Daniel nicht einfach, ob er noch etwas für dich empfindet?«

»Weil er lügt. Glaube ich jedenfalls.«

Rosi blickt mich zweifelnd an. Ich weiß, was sie denkt. Daniel ist ein strahlendes Vorbild, was Ehrlichkeit angeht. Er greift nicht so schnell zu Notlügen wie andere Leute, oder besser gesagt, wie alle, die ich kenne, einschließlich meiner Wenigkeit. Die Wahrheit zu sagen ist ihm wichtig, und im Gegenzug erwartet er, dass er ebenfalls nicht belogen wird. Was das angeht, ist er allerdings nicht mehr so gutgläubig wie früher. Schade eigentlich. Ich mochte ihn ein kleines bisschen lieber, als er noch nicht so misstrauisch war. Aber da ich diejenige bin, die ihn mittlerweile überall Lüge und Verrat wittern lässt, dürfte ich mich wohl nicht darüber beschweren.

»Und wenn er nicht lügt?«, fragt Rosi vorsichtig.

»Wir gehören zusammen«, sage ich. »Das weiß er genauso gut wie ich. Also, hilfst du mir nun oder nicht?«

»Ich soll Lukas anrufen, Daniels Freund?«

»Sie haben die meisten Kurse zusammen. Er weiß garantiert, wann Daniel Sport hat.«

Sie zupft nervös an ihren Haaren herum. »Und ich sage ihm was genau? Dass ich ihn auf dem Schulhof treffen will? Das ist so ... peinlich!«

Rosi findet immer alles peinlich. Ich weiß gar nicht, was sie hat. Was kann schon passieren? Sie ist nicht in Lukas verliebt, daher kann ihr völlig gleich sein, was er über sie denkt. Sie kann sich blamieren, herumstottern, rot werden, alles ganz egal. Sobald sie herausgefunden hat, was ich wissen will, muss sie ihn niemals wiedersehen.

»Das geht nicht«, murmelt sie. »Das pack ich nicht. Ich kann nicht einfach so auf Leute zugehen und sie ausfragen. Wetten, ich bring kein einziges Wort raus?«

In Momenten wie diesen bedaure ich, dass meine Freundschaft zu Mandy und Kim zerbrochen ist. Wir waren schon eine coole Clique. Da hätte ich nicht um so einen kleinen Gefallen betteln müssen.

Was mache ich denn nur? Wenn ich mich selbst bei Lukas melde, weiß er doch sofort, dass es um Daniel geht. Bestimmt hat er keine Lust, sich mit mir zu treffen, um Informationen über seinen besten Freund herauszurücken. Frustriert stütze ich das Kinn in beide Hände und starre aus dem Fenster. Im Schulgarten versammelt sich gerade der Bio-Kurs am Teich, der sich mit dem stolzen Titel »schuleigenes Biotop« schmückt. Sie haben Kescher dabei, Schraubgläser und Schreibblöcke. Ein paar schaffen es sogar irgendwie, eifrig auszusehen, während die meisten gähnend im Hintergrund herumstehen.

Mir dämmert, dass auch bei mir die Stunde längst angefangen hat. Niemand hat mich ermahnt, dass ich damit aufhören soll, nach draußen zu starren. Die Lehrer lassen mich in Ruhe. Sie sind so freundlich zu mir, als könnte mich ein lautes Wort zerbrechen lassen.

»Na gut«, flüstert Rosi, ich spüre ihre Hand auf meinem Arm. »Ich mach’s.«

Manchmal wäre es mir lieber, sie würden mich anbrüllen. Mich zusammenstauchen. Mir an den Kopf werfen, was alles nicht in Ordnung ist und was sie von mir halten. Alles wäre besser, als ständig daran erinnert zu werden, dass ich »das Mädchen« bin. Das Mädchen, das so viel Schlimmes erlebt hat. Das arme Mädchen, das traumatisiert ist, aber trägt sie es nicht tapfer, hm?

Ich nutze meine Zerbrechlichkeit schamlos aus. Auch das hasse ich.

»Du musst das abstellen«, sage ich.

Rosi zappelt herum. Ich habe ihr schon mindestens hundertmal gesagt, dass sie das lassen soll, aber sie kann einfach nicht damit aufhören. Statt cool zu tun und vor der Sporthalle herumzulungern wie ... nun ja, wie jemand, der eben cool herumlungert, hüpft sie auf und ab wie ein hyperaktiver Frosch, reibt sich die Arme, als hätten wir Frost, knibbelt an einem Pickel herum, kaut auf ihren Haaren.

Ich finde, Rosi wirkt wesentlich traumatisierter als ich.

»Warum bin ich überhaupt mitgekommen?«, stöhnt sie. »Ich halte das nicht aus!«

»Du wolltest unbedingt mit«, erinnere ich sie.

»Ja, damit du keinen Unsinn verzapfst.«

»Kindchen«, sage ich zu ihr, »Unsinn verzapfen ist meine Spezialität.«

Sie widerspricht mir nicht. Stattdessen bekommt sie fast einen Herzinfarkt, nur weil ein paar Meter entfernt ein Lehrer vorbeimarschiert. Zum Glück hat er ein Ziel, deshalb beachtet er uns nicht.

»Ist dir schon mal aufgefallen, dass Lehrer immer total zielstrebig sind?«, frage ich. »Die schlendern nicht einfach so herum. Nicht mal, wenn sie Pausenaufsicht haben. Lehrer schlurfen nicht. Schon mal eine latschende Lehrerin gesehen? Das wäre ein Widerspruch in sich. Lehrerinnen mit hochhackigen Schuhen stolzieren. Und männliche Lehrer gehen im Stechschritt, wie Soldaten. Wenn du auf dem Schulhof jemanden schlurfen siehst, ist es garantiert der Hausmeister.«

»Weiß nicht«, meint Rosi unglücklich.

»Nein, im Ernst. Ein Lehrer auf dem Schulhof sieht aus wie ein Bussard auf einem Holzpfahl. Er scheint immer auf eine arme kleine Maus zu lauern, auf die er sich stürzen kann.«

»Mmmh.«

Rosi lässt sich nicht auf andere Gedanken bringen, auch nicht durch meine philosophischen Betrachtungen über die Spezies Pauker. Vermutlich wäre ich keine gute Lehrerin. Ich lasse mich immer viel zu schnell ablenken. Ich wäre wahrscheinlich die Art Lehrer, die ständig darauf hereinfällt, wenn jemand ruft: He, guck mal! Dann würde ich mich umdrehen und irgendetwas entdecken, vielleicht ein Spinnennetz oder ein verschmiertes Kreidewort an der Tafel, und wenn ich mich wieder meiner Klasse zuwende, sind alle heimlich aus dem Fenster geklettert.

»Lukas ist da«, zischt Rosi und zieht mich am Ärmel.

Einen Moment lang habe ich vergessen, warum wir hier herumstehen, was der ultimative Beweis ist, wie schnell meine Konzentration flötengeht.

Lukas schleicht an die große Glastür, die während der Stunde abgeschlossen ist, und öffnet sie. Von drinnen muss sie aufgemacht werden können, wegen der Fluchtwege bei einem Brand oder so.

»Da seid ihr ja.« Seine Wangen färben sich zartrosa, als wir uns an ihm vorbeidrücken, und ich habe den Verdacht, dass er Rosi vielleicht ein kleines bisschen mag.

»Beeilt euch«, flüstert er und rennt wieder davon.

Das entspricht alles dem Plan, mehr oder weniger: Lukas hat versprochen, während der Sportstunde aufs Klo zu gehen – oder jedenfalls zu behaupten, er müsste –, uns die Tür zu öffnen und in den Unterricht zurückzukehren.

Und wir haben freie Bahn in der Umkleide.

»Jetzt hat er gar nicht gesagt, in welcher sie sind«, fällt Rosi auf.

Das entspricht eher nicht dem Plan. Wir verlieren wertvolle Zeit, während wir in einen Raum nach dem anderen hineinspähen, bis ich Daniels Tasche erkenne.

Rosi kaut auf ihrer Lippe herum, doch ich bin jetzt hochkonzentriert, reiße die Sporttasche an mich und taste im Seitenfach nach dem Portemonnaie.

Da ist es. Daniel wird es nie lernen, seine Wertsachen mit runter in die Halle zu nehmen, obwohl es einem ja oft genug eingeschärft wird. Er ist einfach zu vertrauensselig.

»Und?«, fragt Rosi. Unruhig späht sie auf den Gang hinaus. Man hört das Getrappel unzähliger Schuhe. Ein Pfiff schrillt.

Ich arbeite mich durch die Seitenfächer. Wo ist das Foto? Es muss hier irgendwo sein, da bin ich mir sicher.

»Komm, schnell!« Rosi schließt hastig die Tür. »Da kommt jemand. Wir müssen hier raus!«

Zum Glück hat jede Umkleide zwei Türen, eine zur Halle und eine zum Eingangsbereich hin. Wir können immer noch ungesehen entwischen.

Sobald ich das Foto habe.

Ich taste in der Tasche herum, schüttele das Portemonnaie – nichts.

»Also das«, sagt eine männliche Stimme, »muss mir mal jemand erklären.« Und dann ruft der Schüler, der mich ertappt hat, ganz laut: »He, kommt mal schnell! Hier ist eine, die klaut unsere Sachen!«

Ich blicke auf.

Rosi ist verschwunden. Bloß ich stehe noch da, Daniels Geldbörse in der Hand, und mache ein dämliches Gesicht.

Daniels fassungslose Miene, als er mit den anderen in den Raum stürzt und mich entdeckt, werde ich wohl nie vergessen.

»Hi«, sage ich mit zittriger Stimme. Ich sehne mich schrecklich danach, dass er mich so anschaut wie früher, als noch alles in Ordnung zwischen uns war.

Er drängt die anderen zur Seite. »Sag mal, spinnst du, Miriam? Was kramst du in meinen Sachen rum?«

»Ich wollte doch nur ...«

In diesem Moment tritt der Lehrer hinzu. »Was ist hier los?«, fragt er streng.

»Das ist seine Freundin«, sagt Lukas rasch, weil weder Daniel noch ich den Mund aufbekommen.

»Die hier nichts zu suchen hat. Gehst du überhaupt auf unsre Schule?«

Realschule und Gymnasium teilen sich das Sportzentrum. Ich könnte also genauso gut zu einer der anderen beiden Klassen gehören, die hier gerade Sport haben.

»Ich ...«, stammele ich, »äh ...«

»Ich kenn dich doch von irgendwoher ...« Und da begreift er. Ich hasse diesen Moment, in dem den Leuten einfällt, wer ich bin. Dass sie mein Foto aus der Zeitung und von den Suchplakaten kennen, als ich verschwunden war. »Oh. Du bist doch ...« Dann geht ihm auf, dass es unhöflich wäre, einem traumatisierten Entführungsopfer zu erzählen, dass man es von den Suchplakaten kennt, und er biegt den Satz gerade noch so einigermaßen elegant ab: »... die Tochter von Pastor Weynard?«

Ich nicke stumm.

»Okay, Mädchen.« Schlagartig ist alle Empörung aus seiner Stimme gewichen. »Wenn du mal kurz mit deinem Freund reden willst, geht das in Ordnung. Kommt, Jungs.«

Ich hätte doch eigentlich Ärger bekommen müssen. Doch stattdessen scheucht der plötzlich übernette Sportlehrer die anderen auf den Gang hinaus. Da stehe ich nun. Daniel lässt hilflos die Arme hängen.

Er ist nicht so wie alle anderen. Er hat kein Mitleid mit mir. Falls er welches empfindet, zeigt er es jedenfalls nicht.

»Was suchst du hier, Miriam?«, fährt er mich stattdessen an. »Wie oft muss ich dir noch sagen, dass du mich nicht verfolgen sollst?«

»Ich wollte doch nur ...« Wie soll ich es ihm klar machen? Dass ich unbedingt wissen will, ob er noch an mich denkt, ob es noch Hoffnung für uns gibt?

»Lass mich einfach in Ruhe.« Es klingt nicht einmal wütend, eher wie ein Stöhnen. Abrupt dreht er sich um. Lässt mich einfach stehen.

»Ist er weg?« Rosi taucht aus den Tiefen der Duschräume auf. »Oh Gott, hatte ich Angst, dass die mich entdecken. Dass gleich alle Jungs in die Duschen gestürmt kommen.«

Widerwillig muss ich grinsen. »Hattest du Angst oder hast du es gehofft?«

»Lass uns endlich abhauen«, drängt sie.

Sie hat meinetwegen sogar eine Stunde Erdkunde verpasst. Und anders als ich wird sie vermutlich Ärger deswegen bekommen.

Was Daniels Gefühle angeht, bin ich zwar nicht viel weiter als vorher, aber immerhin weiß ich jetzt, dass ich mich auf meine Freundin verlassen kann.


2.

Mein Tag ist verplant. Jede Stunde, jede Minute. Ich muss immer etwas zu tun haben, damit ich nicht so viel nachdenke. Nachzudenken bewirkt nur, dass die Bilder zurückkommen. Der dunkle Raum. Die Taschenlampe. Die Decke.

Daher habe ich mir für jeden Nachmittag einen Stundenplan angefertigt. Oberste Priorität hat die Schule. Die Abschlussprüfungen habe ich verpasst, aber ich darf die zweiten Termine wahrnehmen, die für kranke oder entführte Schüler vorgesehen sind. Dafür lerne ich mit Rosi, und, man höre und staune, zwei meiner Lehrer helfen mir dabei, den versäumten Stoff nachzuholen. Also habe ich eigentlich genug zu tun, doch manchmal hat mein Plan trotzdem Lücken, in die ich erst kurz vorher was reinschreibe. Zum Beispiel: Tine besuchen.

Ich besuche Tine immer, wenn ich zu aufgewühlt bin, um zu pauken, mit Rosi Spaß zu haben oder mich mit Sonja über Bücher und Filme zu unterhalten. Manchmal brauche ich jemanden, der gar nichts sagt. Tine singt nämlich ununterbrochen. Wir haben die Zeit, als ihr verrückter Freund uns eingesperrt hat, damit verbracht, uns die Seele aus dem Leib zu singen. Seitdem kann ich Musik kaum noch ertragen, doch bei Tine ist es genau umgekehrt: Sie ist quasi abhängig davon. Mittlerweile kann sie sämtliche ihrer Casting Crowns-, Kutless- und Jeremy Camp-CDs auswendig.

»Miriam!« Gerade als ich mich auf mein Rad schwinge, öffnet meine Mutter die Tür und ruft mir nach.

Sie sagt nur meinen Namen. Mehr braucht es gar nicht, und schon fährt mir die Angst bis in die Zehen – ihre Angst. Ich bin mit meinen Albträumen zurückgekehrt; meine Mutter hat ihre eigenen bösen Träume.

Seit meiner Rettung will sie immerzu wissen, wo ich bin. Selbst wenn ich zu Hause bin, schaut sie jede Viertelstunde ins Zimmer, um zu überprüfen, ob ich noch lebe.

Tatsache ist: Ich hab keine Lust, sie über jeden meiner Schritte zu informieren. Ich bin siebzehn Jahre alt, und wenn ich am helllichten Tag in der Stadt rumfahre, muss ich ihr nicht Bescheid sagen, finde ich.

»Miriam«, sagt sie noch einmal, diesmal etwas leiser, und wenn ich in ihr Gesicht blicken würde, könnte ich ihre Angst sehen, die sich dort eingenistet hat, während ich vermisst wurde.

Aber ich schaue weg. Ich will nicht, dass sie dieses neue Gesicht hat, ich will nicht immerzu gefragt werden, ich will nicht, dass sie mit ihrer Angst an mir klebt.

Ich will mein altes Leben zurück.

Können wir nicht wenigstens zu Hause so tun, als wäre nie etwas geschehen?

Also antworte ich ihr nicht, und daher kann sie mich nicht davon abhalten, in die abgewrackteste, schmutzigste und gefährlichste Ecke der Stadt zu fahren. Ich ignoriere die Jungs, die über den Bürgersteig schlendern und mir nachpfeifen. Ignoriere die räudige Katze, die mir um die Beine streicht. Schließe mein Rad ab und klingle unten an der Sprechanlage.

Es rauscht darin, bevor ich Tines Stimme höre: »Mama?«

»Nein, ich bin’s. Tante Messie.«

Wenn ich könnte, wäre ich ihre Mutter. Denn ich weiß, wie sehr sie sich wünscht, ihre Familie käme sie besuchen. Weil ich jedoch keine Wunder wirken kann, drücke ich die Tür auf, sobald der Summer ertönt, und renne die Stufen hinauf. Es sind vier Stockwerke, und ich poltere keuchend durch die offene Wohnungstür und falle Tine um den Hals.

»Da bist du ja.« Sie weint ein bisschen, wie immer, wenn sie mich sieht, weil ich sie an die dunkle Zeit erinnere. Vielleicht aber auch bloß, weil sie schwanger ist und ihre Hormone verrückt spielen. Vielleicht auch von beidem etwas.

»Messie.« Sie drückt mich so fest, dass mir fast die Luft wegbleibt.

»Wie geht’s?«, frage ich. »Euch beiden?«

Stolz tätschelt Tine ihren prallen Bauch. Es sieht so absurd aus, die hagere Tine mit diesem halben Volleyball von Babybauch. Er scheint einfach an ihrem Körper befestigt zu sein, wie eine Attrappe. Sie ist zwar erst im vierten oder fünften Monat, aber sie stöhnt beim Gehen, als wäre er groß wie ein Kürbis. Ich finde ja, dass sie ein wenig übertreibt, aber das würde ich ihr natürlich nie sagen.

»Alles bestens.« Sie ächzt, während sie in die Küche schlurft. »Setz dich. Du siehst aus, als brauchtest du was zu trinken.«

Draußen ist es schwül, aber hier in der Wohnung ist es sogar noch wärmer als draußen. Tine lüftet selten, weil sie so schnell friert. Auf dem Balkon sitzt Ronny, Bastians älterer Bruder, und raucht. Er winkt mir zu, kommt aber nicht rein. Tine erlaubt keinen Rauch in der Nähe ihrer empfindlichen Schwangerennase.

»Deine Eltern waren nicht da?« Ich bin immer so subtil.

»Nein«, seufzt sie.

»Ich werde meinen Vater bitten, noch mal mit ihnen zu reden. Das ist nicht in Ordnung.«

Tines Eltern sind bei uns in der Kirchengemeinde. Sie sind eifrige Gottesdienstbesucher und sehr streng, was ihre moralischen Vorstellungen betrifft. Natürlich haben sie gelitten, als Tine verschwunden war, aber ich glaube, sie waren nicht ganz zufrieden, als sie wieder aufgetaucht ist. Lebendig und schwanger. Vielleicht könnten sie besser damit umgehen, wenn ihre Tochter vergewaltigt worden wäre, denn dann könnten sie sie bedauern und zu trösten versuchen. Tine hat sich jedoch ganz freiwillig mit Finn eingelassen, der am Anfang so nett schien und sich am Ende als völlig abgedreht herausgestellt hat. Also ist sie – in den Augen mancher Leute – selbst schuld an allem.

Das haben ihre Eltern zwar nie direkt gesagt, aber es hat durchaus seine Gründe, warum Tine nicht nach Hause zurückgekehrt ist, sondern vom Krankenhaus hierher in diese Lottersiedlung, in der vor allem Ausländer wohnen und in der anständige Gottesdienstbesucher sich schlagartig unwohl fühlen.

Zum Glück haben sowohl Bastian als auch sein Bruder einen gewissen Ruf in der Gegend, und daher lassen die Gangs auch Bastis Freundin in Ruhe.

»Wenn die Kleine erst da ist«, Tine blinzelt eine Träne weg, »dann kommen sie bestimmt, um ihre Enkelin zu sehen.«

Ich nehme mir vor, nie im Leben schwanger zu werden, wenn man davon pausenlos heulen muss.

»Habt ihr euch denn jetzt auf einen Namen geeinigt?«, frage ich, um sie auf schöne Gedanken zu bringen. »Basti will sie nicht im Ernst Joy nennen, oder?«

Nur zur Erklärung: Basti ist nicht der Vater von Tines Kind. Er war bloß vorher schon, vor der Geschichte mit Finn, in sie verschossen. Basti gehörte zu Daniels Helfern und war dabei, als wir gerettet wurden. Ich vermute stark, er ist der Hauptgrund, warum ihre Eltern sich hier nicht blicken lassen.

»Was hast du gegen den Namen?« Schnaufend lässt Tine sich in einen Sessel fallen. Weil ich nicht sofort antworte, beginnt sie zu summen. Ob sie es selbst überhaupt merkt? Diesmal ist es eins der Lieder aus unserer Dunkelheit.

Ich wünschte, sie würde damit aufhören.

»Joy«, sage ich, um irgendetwas zu sagen, »das klingt nicht mal wie ein richtiger Name. Hör doch mal: Dschoi. Stell dir vor, man würde es Dscheu schreiben, mit eu. Dann würde garantiert niemand sein Kind so nennen.«

Tine lacht. Das ist gut, und ich bin unwillkürlich stolz darauf, sie zum Lachen gebracht zu haben.

»Sie bekommt viele Namen«, sagt sie. »Den meiner Mutter. Und den von Bastians Mutter. Und noch einen nur für sie allein.«

»Joy Ingrid Petra?«, rate ich.

Da lacht sie noch lauter. Ich habe keine Ahnung, wie der Name von Bastians Mutter lauten könnte, und obwohl ich eigentlich wissen sollte, wie Tines Mutter heißt, will es mir partout nicht einfallen.

»Joy Gerlinde Monika?«

»Lass dich überraschen.« Sie lächelt geheimnisvoll, und dann summt sie wieder.

Ich erinnere sie nicht daran, dass sie mir was zu trinken angeboten hat, sondern lehne mich einfach zurück und höre mir das Lied an. Falls ich gehofft habe, dass ich mich dadurch besser fühle, habe ich mich getäuscht.

»Was ist los, Miriam? Erzähl schon.«

Rosi war in der Umkleide dabei. Eine Freundin, die alles mit einem teilt, müsste doch reichen? Aber als ich es Tine erzähle, ist es noch ein Stück anders. Wir sind wie siamesische Zwillinge. Von ihr getrennt zu sein, fühlt sich an wie eine Amputation. Oder vielleicht ist der Schmerz, den ich fühle, auch die Trennung von Daniel. Ich weiß es nicht. Die Symptome sind alles, was ich habe, aber was mir fehlt, könnte ich nicht sagen. Unsere Matratze im Dunkeln und unsere Lieder und die Spiele und die Witze, mit deren Hilfe wir die Finsternis weggelacht haben.

Auf dem Balkon steht Ronny auf und lehnt sich über die Brüstung. Was er wohl darüber denkt, dass Bastian kurz entschlossen bei ihm eingezogen ist, dazu noch mit einer schwangeren und ziemlich pingeligen Freundin? Vorher waren die Kästen leer und Ronny hat sie als Aschenbecher benutzt. Jetzt wachsen dort Blumen. Ein kleines, rotes Plastikwindrad steckt zwischen rosa-weiß blühenden Geranien. Meistens, wenn ich hier bin, dreht es sich wie wild im Kreis. Heute nicht. Die Luft draußen steht.

Wie seltsam, dass alles zum Stillstand gekommen ist. Mein ganzes Leben. Als würden wir in einer Art Warteschleife festhängen. Ich muss die Dinge in Ordnung bringen, solange die Welt stillhält. In dieser Blase kann mir die Vergangenheit nichts anhaben und die Zukunft mich nicht schrecken. Bevor alles weitergeht, müssen drei Dinge stimmen: Erstens, ich muss Daniel wieder an meiner Seite haben. Zweitens, ich muss lernen zu schlafen. Drittens, meine Füße müssen den Boden berühren.

Das tun sie nämlich nicht, erstaunlicherweise. Ich schwebe. In der dickflüssigen Luft in meiner Sommerseifenblase gibt es keinen festen Grund.

Ich weiß, das hört sich verrückt an.

Tine ist die Einzige, die sich meine verrückten Gedanken nicht nur anhören, sondern sie sogar verstehen würde. Bei ihr muss ich gar nicht alles aussprechen, denn sie weiß, wie ich mich fühle. Wir haben dasselbe durchgemacht, das schmiedet zusammen. Trotzdem ist es seltsam, weil sie so ganz anders damit umgeht als ich. Ich kann nicht stillsitzen und renne pausenlos durch die Gegend, während ich das Gefühl habe, dass ich fliege und nicht anhalten kann und demnächst irgendwo dagegenknalle. Sie jedoch hockt hier in Ronnys und Bastians Wohnung und singt.

»Wenn er gehen will, musst du ihn gehen lassen«, sagt Tine streng.

»Du verstehst das nicht. Das ist nicht so einfach.«

»Doch«, sagt sie. »Denn das ist genau das, was ich mit Finn erlebt habe. Ich wollte weg, weil meine Gefühle sich geändert hatten, und er wollte mich nicht lassen. Du darfst dich nicht an ihm festklammern. Lass ihn los, Messie.«

»Aber Daniels Gefühle haben sich nicht geändert«, protestiere ich. »Das ist der Unterschied, verstehst du nicht? Er liebt mich. Er glaubt leider, dass ich in Tom verliebt bin, aber das bin ich gar nicht. Ich will Daniel und er will mich, wenn er es nur zugeben würde. Es ist nicht aus!«

»Genauso hat Finn auch immer gesprochen. Dass es nicht aus sein kann, weil wir füreinander bestimmt sind. Er und ich, bis in alle Ewigkeit. Wenn ich mir nicht sicher war, dann hat er für mich mit geglaubt, dass ich ihn liebe.«

»Ich bin nicht wie Finn!«

Vielleicht habe ich Joy Regine Anita erschreckt, denn Tine verzieht das Gesicht und tätschelt ihren Bauch.

»Dann muss ich jetzt los«, sage ich.

Sie nickt. Tine brauche ich nicht zu erklären, dass ich nicht stillhalten kann. Sie summt ihr Lied, und ich springe auf und renne aus der Wohnung, renne fast Basti über den Haufen, der gerade die Stufen hochsteigt.

»He, wohin so schnell?«, ruft er mir verdutzt nach.

»Bin spät dran. Bis zum nächsten Mal!«

Ich bin nicht wie Finn. Das ist absurd. Mit Daniel und mir, das ist etwas anderes. Er liebt mich. Er liebt mich immer noch. Ich kann es fühlen, tief in meinem Herzen.

Es wird wieder in Ordnung kommen, dafür sorge ich.

»Gute Nacht, Miriam«, sagt meine Mutter.

Jeden Abend sitzt sie an meiner Bettkante und betet mit mir, wie früher, als ich klein war.

Sie ist mitten im Satz, als Silas den Kopf zur Tür reinsteckt und ruft: »Schlaf gut!«

Dann kommt er auf bloßen Füßen, schon in seinem Spiderman-Schlafanzug, angewuselt und drückt mich, wobei ich ihn nicht küssen darf, wie ich sehr gut weiß. Silas ist zehn und achtet genau darauf, dass ihn ja niemand küsst.

»Träum was Schönes!«, wünscht er mir.

»Du auch«, sage ich und zause ihm einmal durchs Haar.

Zufrieden flitzt er wieder davon, und ich höre, wie er Tabitas Zimmertür aufreißt und schreit: »Schlaf gut! Träum was Schönes!«, und wie sie zurückschreit: »Kannst du nicht anklopfen, du Doofmann?!«

Meine Mutter wartet ein Weilchen, bis alles wieder ruhig ist, dann seufzt sie und sagt: »Jetzt habe ich den Faden verloren. Na, auch egal. Jedenfalls danke für alles, amen.«

Ich bete nicht, das überlasse ich ihr. Und wie immer kann ich nicht ertragen, dass sie Gott dankt.

Das ist auch verrückt, oder? Im Bunker habe ich gebetet und gesungen und Gottes Nähe gespürt. Dann hat er uns gerettet. Tine und ich sind nach Hause gekommen. Müsste ich jetzt nicht froh und dankbar sein und allen erzählen, wie gut Gott ist? Mein Vater erzählt so gerne Geschichten von Leuten, die Gott gerettet hat. Das sind seine Lieblingsgeschichten. Wie jemand in Lebensgefahr geraten ist und auf wundersame Weise alles zum Guten gewendet wurde. Christen, die in muslimischen oder atheistischen Ländern verfolgt werden, sich verstecken müssen und bewahrt werden. Unfälle, die beinahe passieren oder auch total übel verlaufen – und jemand überlebt ganz knapp. Oder Heilungen, über die die Ärzte nur verwirrt den Kopf schütteln können.

Also, wenn das, was Tine und mir passiert ist, kein Wunder ist, was dann? Meine Zweifel müssten wie weggeblasen sein. Warum springe ich nicht durch die Gegend und preise Gott?

Weil mein Glaube plötzlich wie tot ist. Komisch, nicht? Ich senke den Kopf, wenn meine Eltern beten. Oder wenn Leute aus der Gemeinde auf mich zustürzen und mir die Hand auf die Schulter legen und mit bewegter Stimme aufrufen: »Gott tut heute noch Wunder!«

Ich widerspreche nicht, aber ich selbst kann das nicht fühlen. In meiner Seifenblase gibt es keinen Gott. Stattdessen denke ich so ketzerische Gedanken wie: Wenn Gott so ein großes Wunder tun kann und dafür gesorgt hat, dass wir gerettet worden sind – warum hat er dann nicht gleich verhindert, dass das Ganze passiert ist? Finn ist doch überzeugter Christ. Konnte der Heilige Geist ihm nicht etwas deutlicher mitteilen, dass es eine ganz schlechte Idee ist, ein Mädchen zu entführen? Und einem zweiten brutal auf den Kopf zu hauen?

Dann wäre Michael nicht gestorben. Wie kann ich glücklich weiterleben, obwohl jemand für mein Wunder sterben musste?

»Miriam?«, fragt meine Mutter und streicht mir das Haar aus der Stirn.

Auf einmal wünsche ich mir schrecklich, ich könnte jemand anders sein. Nicht Miriam. Nicht Messie. Sondern eine Fremde, der das alles nicht passiert ist. Die nicht mit Tine in der Dunkelheit gefangen war. Ein fremdes Mädchen, das keine anderen Sorgen hat als die, ob ihr Lieblingsnagellack eingetrocknet ist. Ich sehne mich so sehr danach, diese Fremde zu sein, dass ich fast keine Luft mehr bekomme.

Diese Fremde wäre immer gut gelaunt und ihr Freund würde sie nie verlassen, weil es nie, nie eine andere für ihn gibt.

»Miriam«, sagt meine Mutter nochmal.

»Ja?«

Sie will mir etwas sagen und bringt es nicht über die Lippen, und da frage ich mich, ob vielleicht auch meine Mutter lieber jemand anders wäre. Eine Frau, deren Tochter nicht verschwunden war.

»Hab dich lieb«, flüstert sie endlich, gibt mir einen Kuss auf die Wange und geht zur Tür. »Soll ich das Licht ...?«

»Lass es brennen, bitte«, sage ich wie jeden Abend.

Eine Weile beobachte ich den gelblichen Kegel oben an der Decke. Die buntgemusterten Vorhänge und die Fotos an der Wand, meine Poster und den Ast, an dem meine Halsketten hängen. Alles ist, wie es sein sollte, so wie immer.

Der Wecker hakt eine Minute nach der anderen ab.

Ich kann nicht schlafen, weil ich die Augen nicht zumachen will. Wenn ich sie schließe, könnte das Zimmer verschwinden und sich in einen dunklen Bunkerraum verwandeln. Aus meinem Bett würde eine muffige Matratze, und neben mir liegt Tine und kuschelt sich an mich, während ich auf das leise Tropfen horche, das aus einer der Ecken kommt.

Ich kann nicht schlafen.

Wie jede Nacht seit meiner Rückkehr stehe ich schließlich auf und tappe rüber zu Tabitas Zimmer. Sie hat ihre Nachttischleuchte angelassen, damit ich den Weg finde, und sie beschwert sich nie, dass es ihr zu hell ist. Verschlafen murmelt sie etwas, als ich die Decke anhebe und zu ihr ins Bett krieche.

»Morgen besuche ich Daniel«, sage ich.

»Mmmh.«

»Ich hab seinen Hausschlüssel.«

»Ist gut«, grummelt sie.

Ihr Körper strahlt eine beruhigende Wärme aus. Wenn das Zimmer verschwindet und die kalten, feuchten Wände des Bunkers zurückkommen, bin ich nicht allein.

Manchmal denke ich über den Tod nach.

Seltsamerweise stelle ich mir nie vor, dass er dunkel ist. Dunkel ist es hier, dunkel sind die Nächte, und es ist auch dunkel in mir. Manchmal komme ich mir vor, als wäre ich blind, und alles um mich herum ist schwarz. Ich taste mich durch diese Schwärze. Jeder einzelne Tag kommt mir vor wie ein Hindernislauf. Überall sind Stolperfallen. Netze. Fallstricke. Abgründe. Ein falsches Wort, ein falscher Blick, und ich würde abstürzen.

Und dann denke ich: Angenommen, ich lasse es zu. Ich lasse mich fallen.

Würde es nicht hell sein?

Würde Gott nicht seine Arme ausbreiten und ich wäre da, bei ihm?

Vielleicht auch nicht. Vielleicht ist da nichts auf der anderen Seite. Kein Licht. Aber auch kein Kummer, keine Tränen, keine Erinnerungen.

Es ist mir gleich.

Das überrascht mich am meisten: dass es mir egal ist.


3.

Am nächsten Tag ziehe ich mich an und schreibe meinen Stundenplan für den Tag.

Zuerst: zu Daniel fahren.

Danach: zur Schule.

Nachmittags: Hausaufgaben, schreibe ich. Vorbereitung für die Englisch-Prüfung. Gespräch mit Daniel?

In mir brodelt ein kleines, beinahe hoffnungsvolles Gefühl, als hätte ich sprudelnde Kohlensäure in den Adern.

Ich bin so kribbelig, dass ich keinen Hunger habe.

»Du musst mehr essen«, sagt meine Mutter. Ich spüre ihren besorgten Blick und bedecke den verräterischen Plan mit der Handfläche.

Es stimmt, ich bin ganz schön dünn geworden. Was kann ich dafür, dass ich keinen Appetit habe? Außerdem brauche ich nicht mehr. In mir ist so eine Unruhe, eine rastlose Energie. Am liebsten würde ich ihr sagen, dass sie damit aufhören soll, sich Sorgen zu machen. Ich bin nicht magersüchtig. Ich brauche halt nicht mehr so viele Kalorien.

»Bis nachher«, sage ich und dulde, dass sie mir einen Kuss auf die Wange gibt.

Als ich losfahre, kann ich spüren, wie sie mir nachsieht. Und wie gerne sie mitkommen möchte, um mich zu beschützen, wenn sie mich schon nicht zu Hause festbinden kann.

Damit die anderen Schüler, die um diese Zeit unterwegs sind, keinen Verdacht schöpfen, reihe ich mich in den Strom ein, der in Richtung Schulzentrum fährt. Busse dröhnen an mir vorbei. Autos mit den Glücklichen, die von ihren Eltern gebracht werden. Andere Radfahrer, die durcheinanderrufen. Manche halten auch den Kopf gesenkt und strampeln verbissen vor sich hin. Ich tue es ihnen gleich. Wenn einem nichts aufzufallen scheint, wirkt man am unauffälligsten. Nur nicht jemanden anschauen, der einem zuwinken könnte.

Vor der Schule wird es noch voller. Busse und Autos drängen sich in die Haltebuchten, parken in zweiter Reihe. Dazwischen schlängeln sich in selbstmörderischer Absicht die Radfahrer hindurch.

Ich bleibe unter einer Eiche stehen, einem der letzten großen Bäume, die sich auf dem Schulhof halten konnten. Die anderen haben sie alle gefällt, weil sie zu viel Dreck machen. Schüler gedeihen wohl, der Ansicht der Stadtverwaltung nach oder wer auch immer darüber bestimmt, am besten zwischen Beton und Pflastersteinen.

Ich warte, bis die Schulklingel die letzten Nachzügler durch die großen Flügeltüren saugt.

Und bin allein.

Jetzt erst steuere ich mein richtiges Ziel an. Eigentlich kann ich es mir nicht leisten, zu schwänzen und noch mehr Stoff zu verpassen. Es ist ja schon zweifelhaft, ob ich die Prüfungen schaffe, weil ich mich so schlecht konzentrieren kann. Die Direktorin war sogar der Meinung, ich solle für den Rest des Schuljahrs zu Hause bleiben und mich erholen, aber dann würde ich erst recht durchdrehen. Ich will wenigstens versuchen, mit den anderen mitzuhalten. Die Lehrer irritiert meine Anwesenheit trotzdem; sie sind unsicher, wie sie mit mir umgehen sollen. Wenn ich fehle, tue ich ihnen daher sogar einen Gefallen.

Der Weg zum Haus der Hartmanns führt mich durch die halbe Stadt. Der schlimmste Verkehr ist vorbei. Mir wird bewusst, dass Sommer ist, während sich die Sonne aus dem rotgefärbten Dunst freikämpft und auf Strahlendgelb umschaltet. Die Amseln halten erschöpft inne – sie haben ihr Morgenrepertoire bereits verbraucht.

Ein Kaffee wäre jetzt nicht schlecht. Wann habe ich angefangen, so viel Kaffee zu trinken? Vielleicht, als ich aufgehört habe, zu essen.

Um nicht noch mal bei uns an der Kirche vorbeizufahren, was die schnellste Strecke wäre, mache ich einen Umweg. Ich fahre langsam, lasse mir Zeit. Flüchtig sehne ich mich nach meinen Ohrstöpseln, nach meiner Musik, aber dann lasse ich es doch. In meinen Ohren höre ich Tine leise summen.

Da, das nette kleine Haus der Hartmanns mit dem üppigen Vorgarten. Ich lasse den Blick über die Rosensträucher schweifen. Es ist so lange her, dass Daniel mir Rosen geschenkt hat, mehr als ein ganzes Leben.

Kein Auto auf der Auffahrt. Ich bin mir nicht sicher, ob seine beiden Eltern bei der Arbeit sind. Seine Mutter ist Grundschullehrerin, die müsste auf jeden Fall weg sein, aber sein Vater hat, wenn ich mich recht erinnere, Gleitzeit und kann später anfangen. Vielleicht sitzt er noch in der Küche und liest Zeitung.

Eine gefühlte halbe Stunde fahre ich die Straße auf und ab, dann lehne ich mein Rad gegen den Zaun und marschiere den Weg hoch zum Haus, als hätte ich jedes Recht der Welt, hier zu sein.

Der Beweis: Ich hab sogar einen Schlüssel. Dass ich ihn gestern aus Daniels Sporttasche gefischt habe, können die Nachbarn natürlich nicht ahnen. Wann lernt dieser herzensgute Junge endlich, seine Wertsachen nicht unbeaufsichtigt zu lassen? Man muss vorsichtig sein mit dem, was man besitzt. Die Welt ist voller schlechter Menschen, das habe ich inzwischen mitgekriegt.

Meine Hände zittern, als ich aufschließe. Ich muss den Schlüssel mehrmals herumdrehen, dann ein bisschen ziehen und sie sofort aufstoßen. Knifflig. Aber Daniel hat mir erklärt, wie es geht, damals, als wir noch zusammen waren.

Mit einem sanften Schnappen fällt die Tür hinter mir wieder zu.

»Hallo?« Es ist seltsam still. Dennoch beunruhigt mich die Vorstellung, dass doch jemand hier sein könnte ... eine Putzfrau zum Beispiel. Die Hartmanns haben keine Putzfrau, oder? Dafür könnte jemand von ihnen krank im Bett liegen, die Sommergrippe geht zurzeit um.

»Hallo? Jemand zu Hause?«, frage ich laut und bemüht fröhlich.

Das Haus ist still. Aus der Küche höre ich das Ticken der Uhr.

Vorsichtig spähe ich ins Wohnzimmer, dann schleiche ich die steile Treppe hoch. Etwas fasst mir ans Bein. Entsetzt schreie ich auf, verliere den Halt, falle, greife gerade noch nach dem Geländer.

Vor mir sitzt die graugetigerte Katze und faucht mich wütend an. Vor Erleichterung lache ich laut los. Dann erst bemerke ich, dass ich mir einen Nagel eingerissen habe, und irgendwie ist es mir gelungen, das Knie gegen eine Kante zu schlagen. Es blutet nicht, aber der große blaue Fleck sieht schmerzhaft aus. Im Moment spüre ich nichts, das kommt garantiert noch nach.

Diesmal steige ich äußerst vorsichtig über die Katze und stehe gleich darauf vor Daniels Zimmertür.

Chaos erwartet mich, was ich seltsam finde, denn früher war es bei ihm immer viel aufgeräumter als bei mir. Mittlerweile räume ich pausenlos hin und her, und dafür stapeln sich nun bei ihm die Bücher und CDs, auf dem Bett und dem Boden liegen Klamotten verstreut, und sein Papierkorb quillt über. Ich tänzele auf Zehenspitzen wie eine Ballerina durch den Raum, um nicht zufällig auf seine Gitarre zu treten. Die kann ich nämlich nirgends entdecken.

Ein Rascheln lässt mich herumfahren, aber es ist nur der Gecko im Terrarium. Oh, es sind zwei gläserne Kästen, wie ich entdecke. Er hält das Gecko-Pärchen getrennt, wie ich feststelle. Na, wenn das nicht aussagekräftig ist! Welcher ist Churchill? Ich kann die Viecher nicht unterscheiden, an den Namen des Weibchens kann ich mich nicht mal mehr erinnern. Aber daran, dass er die Futtergrillen in seiner Schreibtischschublade aufbewahrt, schon. Ein Grund mehr, sie nicht wahllos aufzuziehen.

Wo soll ich mit der Suche beginnen? Und was könnte ich finden?

Gedichte, für mich?

Lovesongs?

Briefe?

In Fetzen gerissene Fotos?

Das Blut rauscht in meinen Ohren. Mir wird beinahe schwindlig, so sehr fürchte ich mich plötzlich. Ich muss machen, dass ich hier rauskomme. Dass ich mich bewege, solange ich noch kann.

Aber wenn ich schon hier bin ... es wird doch irgendwas geben, das mir Hoffnung geben kann. Irgendetwas.

Stumm bete ich zu dem Gott, an den ich nicht glauben kann.

Dann fange ich an, die Sachen zur Seite zu räumen, die Zettel durchzublättern, in Stapel zu ordnen. Hausaufgaben, ein Referat in Bio, Notenblätter und Fragmente englischer Textstücke, vielleicht für einen Song, an dem er tüftelt. Eine solche Zärtlichkeit durchfährt mich, dass ich am liebsten jedes Blatt küssen würde. Da ist ja auch die wertvolle Gitarre, lieblos hinter seinem alten Sofa verstaut.

Der Papierkorb erweist sich als Friedhof missratener Songtexte. Um Liebe scheint es darin nicht zu gehen, und weit ist er damit nicht gekommen. Daniel hat alles durchgestrichen und den Zettel wütend zusammengeknüllt. Ich kann ihn vor mir sehen, wie er frustriert die Papierbälle durchs Zimmer schleudert, danebentrifft und sich nicht die Mühe macht, aufzustehen und den wachsenden Berg aus Papierschneebällen aufzuheben und zu entsorgen.

Ja, ich sehe ihn vor mir, sein schönes Gesicht, wie er ungeduldig die Zähne zusammenbeißt, wie er seufzt, wie er seine Gitarre malträtiert, wenn ihm die Melodie entgleitet.

Als es im Zimmer halbwegs ordentlich aussieht, hieve ich das Instrument auf meinen Schoß und streiche behutsam über den gewölbten Leib.

Was hat Daniel gesungen? Wovon hat er geträumt? Ob er an mich gedacht hat?

Ich versuche ein paar Griffe, an die ich mich erinnere. G-Dur, e-moll, A-Dur. Wenn man sie aneinanderreiht, klingt es fast wie ein Lied. Ich höre Tine summen. Die Dunkelheit kommt näher.

Ich ducke mich, krümme mich zusammen, um sie auszuschließen, das Tropfen des Wassers an den Wänden, das Wispern der Stille. Irgendwann wird mir bewusst, dass es nur die Uhr ist, die in das Schweigen tropft.

Die getigerte Katze kommt herein, betrachtet mich eine Weile verwundert mit ihren runden Augen und fasst dann einen Entschluss. Versessen auf Zärtlichkeit und Wärme, springt sie auf meinen Schoß, wo sie sich sofort gemütlich verknotet. Weil ich auch noch die Gitarre halte, müsste es nicht allzu bequem sein, aber das scheint ihr nichts auszumachen.

Schließlich ergebe ich mich, lege das Instrument zur Seite und lehne mich zurück. Die Katze schnurrt. Diese Art Geräusch gab es im Bunker nicht, es ist ein Laut, der jener Welt fremd ist, der mich im Diesseits hält. Ich halte mich an ihrem Schnurren fest, an ihrem weichen Fell, und obwohl ich ihre Krallen durch den dünnen Baumwollstoff meiner Hose hindurch spüre, macht mir das nichts aus.

Die Zeit versickert in den Wänden. Ich bin es gewöhnt, dazusitzen und zu warten, dass etwas geschieht. Wenn ich nicht vorschlage, dass wir ein Lied singen oder ein Spiel spielen, wird nichts geschehen. Tine liegt zusammengerollt da und horcht in die Dunkelheit, und ich bin diejenige, die etwas tun muss, die verhindern muss, dass die Gegenwart um uns herum zerbröckelt.

Aber ich bin so müde. Viel zu müde dafür. Warum muss ich immer stark sein, warum nicht auch einmal sie?

Dann plötzlich graben sich die Krallen noch tiefer in meinen Oberschenkel. Die Katze zuckt zusammen und springt wenig elegant auf den Boden.

Im Türrahmen steht ein Mann. Einen Moment denke ich, dass Finn uns wieder zu essen bringt, dann erkenne ich verwundert Daniel.

Wie kommt Daniel denn hierher, abgesehen davon, dass wir uns zufällig in seinem Zimmer befinden? Ich habe mich doch fest darauf verlassen, dass er in der Schule ist!

»Miriam?«, fragt er entgeistert.

Ich muss eingeschlafen sein. Die Uhr, die mich in den Schlaf getickt hat, kann ich vom Sofa aus nicht sehen, aber dem Licht draußen nach zu urteilen, ist es bereits Nachmittag.

Ich hab den ganzen Schultag verschlafen, was im Grunde kein Wunder ist, wenn man bedenkt, wie lange ich jede Nacht wachliege.

»Miriam?«, fragt Daniel nochmal. »Wie kommst du hier rein? Ich hab dein Fahrrad unten am Zaun gesehen, aber das hier übertrifft nun wirklich alles.«

»Ich ...«, sage ich wenig hilfreich. »Äh.«

Er schaut sich im Zimmer um. Sein Gesicht verdüstert sich. Aus irgendeinem Grund klingt er nicht dankbar, sondern wütend. »Du hast aufgeräumt? Du bist hier einfach reingekommen, ohne mich zu fragen, und räumst meine Sachen auf? Wer hat dich reingelassen, meine Mutter?«

»Was? Nein.« Immer noch hält der Schlaf mich fest, aber ich schaffe es, die Hand in die Hosentasche zu stecken und den Schlüssel herauszuholen. Der Anhänger besteht aus einem kleinen dunkelbraunen Ball und einer winzigen Gitarre.

»Du? Hast? Meinen Schlüssel? Geklaut?« Jedes Wort klingt wie eine Frage. Endlich geht ihm ein Licht auf. »Aus meiner Sporttasche, wie? Und ich dachte, ich hätte ihn verlegt.« Seine Stimme hat einen harten, kalten Klang bekommen. »Raus hier.«

»Aber du liebst mich«, flüstere ich, obwohl er nicht wie jemand klingt, der mich liebt, der mich am liebsten in die Arme nehmen und trösten und küssen möchte, damit ich die Dunkelheit und den Bunker vergesse.

Müsste Daniel nicht Mitleid mit mir haben? Müsste er nicht, wenn schon aus keinem anderen Grund, mit mir zusammenbleiben, damit ich in dieser schweren Zeit Halt habe? Wie kann er mir zu allem anderen auch noch Liebeskummer zumuten?

Daniel sieht an mir vorbei ins Zimmer, als hätte er immer noch den Müll und das Durcheinander vor Augen, das ich beseitigt habe. Vielleicht schnappt er sich gleich den Papierkorb und leert ihn über dem Teppich aus, um den alten Zustand wiederherzustellen, und fegt Zettel und Bücher aus den Regalen, bis es aussieht, als würde es schneien, bis die Blätter durch die Luft wirbeln wie Schneeflocken.

Ich habe mir so gewünscht, dass die Leute mich behandeln, als wäre alles normal, als wäre ich nicht das Mädchen, das verschwunden war. Und Daniel ist der Einzige, der genau das tut. Er sieht nicht das Opfer, das geschont werden muss. Er sieht Messie, die mit Tom auf Partys gegangen ist und ihn geküsst hat, während sie mit Daniel befreundet war. Messie, die in die Umkleide eindringt und seine Tasche durchwühlt, die seinen Hausschlüssel klaut und in sein Haus einbricht und in seinen Privatsachen kramt.

Er sieht mich, wie ich bin, nicht, wie ich sein möchte, und das tut so weh, dass es kaum auszuhalten ist.

Ängstlich warte ich darauf, dass er noch etwas hinzufügt, aber er schweigt, und in meiner Luftröhre wohnt ein stechender Schmerz, der mir das Atmen erschwert. Sanft lege ich den Schlüssel mit den leise klimpernden Anhängern auf das Sofa und gehe aus dem Zimmer. An der Tür tritt Daniel zur Seite, damit ich ihn nicht streife.

Ich muss schlucken, aber irgendwie schaffe ich es, mich nicht nach ihm umzudrehen, während ich die Treppe hinuntersteige.

Aus der Küche ertönt leise Lobpreis-Musik, und gerade als ich die Hand nach der Haustürklinke ausstrecke, kommt Daniels Mutter in den Flur.

»Miriam?«, fragt sie.

Sie klingt nicht im Mindesten überrascht. Ach ja, mein Fahrrad am Zaun. Natürlich hat sie es auch bemerkt. Auffälliger hätte ich es wirklich nicht machen können.

Ich bringe es nicht fertig, über meine Dummheit zu lächeln. Die Haare fallen mir ins Gesicht, ich hoffe, sie verbergen meine Tränen.

»Wie schön, dich zu sehen«, sagt Frau Hartmann freundlich. »Komm doch noch mal kurz mit. Bestimmt hast du Durst, bei der Hitze draußen.«

Jetzt, da sie es sagt, merke ich, dass ich tatsächlich gerne etwas trinken würde. Vielleicht kommt das Brennen in meiner Brust vom Durst.

Sie legt mir die Hand auf die Schulter und führt mich zurück in die Küche, wo sie die Musik leiser dreht. Helle Stimmen wie Vogelgezwitscher singen »Hosanna« und »Praise the Lord«.

Frau Hartmann drückt mich auf einen Stuhl und kramt im Kühlschrank. »Weiß deine Mutter, dass du hier bist?«

»Ich hätte heute Nachmittagsunterricht gehabt. Sie erwartet mich noch nicht zurück.« Ich bin überrascht, dass mein Gehirn noch funktioniert. Dass ich reden kann, ohne in wildes Schluchzen auszubrechen.

»Daniel hat dir bestimmt gesagt, dass er zu seiner Schwester zieht.«

»Was? Er zieht zu Sarah?«

Sie setzt sich mir gegenüber, schiebt mir ein Glas Fanta zu. »Es ist das Beste so. Sie braucht jemanden, der sich um die Wohnung kümmert, um die täglichen Arbeiten, die anfallen. Was die Schule angeht, er wird schon klarkommen.«

Ich sitze da wie erschlagen, kann es immer noch nicht fassen. Daniel zieht weg? Und mir hat er nichts gesagt.

»Bitte, versuch nicht, ihn dort zu erreichen.«

»Aber ...«, fange ich an und verstumme, denn ich weiß nicht, was ich sagen soll.

»Es ist auch für ihn nicht leicht«, sagt sie leise. Sie hält den Kopf, als würde sie horchen, ob er noch oben ist oder im Treppenhaus lauscht. »Er hat so schrecklich gelitten, als du weg warst, Miriam. Die ganze Zeit hat er dich nie aufgegeben. Er hat gesucht und gesucht. Ich weiß nicht, was mit ihm passiert wäre, wenn er dich nicht gefunden hätte.«

Ich wage es, in ihr Gesicht zu sehen. Vielleicht wünscht sie sich auch, jemand anders zu sein. Nicht die Frau, die einen Sohn hat, der halb wahnsinnig geworden ist vor Kummer. In dessen Zimmer das Chaos ausgebrochen ist und der neue Spuren im Gesicht hat, für die ich verantwortlich bin.

»Er liebt mich nicht mehr«, wispere ich.

Frau Hartmann schenkt mir ein Lächeln, das so warm und freundlich und traurig ist, das ich es lieber zurückgeben würde. Auf einmal habe ich Angst, was sie zu mir sagen könnte. Dass sie auch zu denen gehören wird, die keine Rücksicht darauf nehmen, dass ich ein traumatisiertes Entführungsopfer bin.

»Doch«, sagt sie leise, »er liebt dich, und wie. Er liebt dich so sehr, dass ich mir manchmal wünsche, er könnte einfach damit aufhören. Aber natürlich kann er das nicht. Man kann seine Gefühle nicht einfach abstellen. Du nicht, und er auch nicht.«

»Aber dann ... ich verstehe nicht, warum ...«

»Liebe ist nicht genug«, sagt Frau Hartmann. Sie spricht weiter, bevor ich protestieren kann. »Heutzutage wird den jungen Leuten eingeredet, dass die Liebe ausreicht, für alles. Aber das ist nicht wahr. Es braucht ein wenig mehr, um eine tragfähige Beziehung zu gestalten. Gemeinsame Ziele. Eine gemeinsame Basis. Ein Fundament, verstehst du? Damit es nicht nur ein Strohfeuer ist, das bei den ersten Schwierigkeiten erlischt.«

»Es ist kein Strohfeuer«, sage ich leise zu meinem Glas, das ich in den Händen drehe. Die Fanta glüht wie ein kleines Feuer, oder zumindest versuche ich, mir das vorzustellen. Unsere Liebe kann nicht so einfach erlöschen, sie ist dazu fähig, alle Schwierigkeiten zu überwinden. Zu wachsen. Zu halten. Oder?

»Das weißt du wahrscheinlich schon, aber Daniel ist ein Typ, für den es nur alles oder nichts gibt. Ganz oder gar nicht.« Sie lächelt versonnen, wahrscheinlich gefällt ihr das an ihrem Sohn. Ich spüre, dass sie stolz auf ihn ist. »Wenn man sich auf eine Freundschaft einlässt, weiß man vorher natürlich noch nicht, ob es passt. Ob man denjenigen gefunden hat, mit dem man sein Leben verbringen will. Aber wenn man sich besser kennenlernt und merkt, dass es eben doch nicht geht, trotz der gegenseitigen Anziehung, ist es dann nicht vernünftig, so früh wie möglich einen Schlussstrich zu ziehen?«

Ich will mich wehren. Ihr sagen, dass ich mir gerade ziemlich angepredigt vorkomme, vielen Dank auch, und ob das Daniels Meinung ist oder ihre?

Aber ich sage nichts. Ich höre ihr nur zu und male mit dem Fingernagel ein Muster in das beschlagene Glas.

»Auch wenn es wehtut, versuche es zu akzeptieren«, sagt sie behutsam. »Lass ihn einfach gehen, ja? Du bist so jung, du weißt nicht, was Gott noch alles für dich bereithält. Oder wen. Irgendwann findest du den Mann, der wunderbar zu dir passt, da bin ich mir sicher. So ein hübsches Mädchen wie du.«

Die Tränen quellen aus meinen Augen. Hastig fingere ich nach einem Taschentuch, wische mir übers Gesicht.

»Ich muss los«, stoße ich hervor. »Danke für die Fanta.«

Ich stürze los, bin an der Haustür, bevor sie mich zurückholen kann. Schon zum zweiten Mal innerhalb von vierundzwanzig Stunden fliehe ich aus einem Haus.


4.

Daniel wird aus meinem Leben verschwinden. So einfach, so plötzlich.

Er liebt mich, er liebt mich nicht.

Er hat gelitten, ich habe ihm gefehlt, er fehlt mir, aber eine Basis fehlt.

Was ist das? Was hat sie gemeint?

Gedanken wirbeln in meinem Kopf herum, steigen wie Seifenblasen hoch, nur um gleich wieder zu zerplatzen. Wollte mir Frau Hartmann mitteilen, dass ich nicht gläubig genug bin für Daniel?

Ich wünsche mir so sehr, dass ich gut genug für ihn bin. Ja, ich wünsche mir sogar, ich könnte so glauben, dass er damit zufrieden ist. Doch wie soll ich das anstellen?

Man kann nicht einem anderen zuliebe glauben. In die Kirche gehen, das schon, oder schlau daherreden und sein Zimmer mit Bibelversen schmücken, für notleidende Kinder spenden und so tun, als ob man für den Herrn brennt – das alles durchaus, kein Problem. Aber glauben, weil man es sich vorgenommen hat, weil man es sich wünscht? Ich habe den Selbsttest gemacht und das ist das offizielle Ergebnis: Glauben funktioniert nicht auf Bestellung.

Was nun?

Muss man sich den Glauben schenken lassen? Darum bitten und dann die Hände aufhalten und warten? Ich weiß nicht, wie es geht. Wenn ich es wüsste, ich hätte es längst gemacht. Nur will ich nicht lügen. Das habe ich mir vorgenommen, mehr als alles: nicht zu lügen.

Meine Füße drücken die Pedale nach unten. Nach unten. Nach unten.

Und erreichen nie den Boden.

Vielleicht geht es gar nicht um den Glauben. Vielleicht ist Daniel der Meinung, dass wir die Welt aus zu unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten, dass wir zu verschieden sind. Vielleicht steht er mit beiden Beinen auf der Erde, fest in der Wirklichkeit verankert, während mir ständig der Boden unter den Füßen weggerissen wird. Ich schwebe. Die Erde unter mir ist nicht fest und solide, sondern von Erdbeben erschüttert, sie ist ständig in Bewegung, sie reißt auf und bildet Wellen und Falten, und obwohl ich bloß über Asphalt radle, stelle ich mir vor, dass unter mir das Meer ist und die Wüste, Sumpf und das Feinripp des Watts.

Erst als ich endlich vor unserer Garage anhalte, wo die Kirche einen breiten, scharf umrissenen Schatten auf die Auffahrt wirft, fällt mir ein, dass meine Mutter mich noch gar nicht zurückerwartet. Natürlich wird sie erraten, dass ich geschwänzt habe, und fragen, wo ich war. Was soll ich sagen? Dass ich noch mehr Boden unter den Füßen verloren habe, dass ich schwerelos geworden bin? Dass ich mir am liebsten ein Seil um den Knöchel binden würde, damit ich nicht davonfliege, in die Leere um mich herum?

Während ich die Stufen zu unserer Eingangstür hochsteige und die Hitze der Steinstufen durch meine dünnen Schuhsohlen dringt, überlege ich, wie ich mich herausreden soll.

Wie war das noch mit dem Vorsatz, weniger zu lügen? Daniel hasst Lügen, während sie für mich schon selbstverständlich geworden sind.

Auch das ist so etwas zwischen uns, seine unbedingte Ehrlichkeit und meine kreative Umformung der Realität. Was haben meine Eltern eigentlich für eine Basis? Bei ihnen funktioniert es, jedenfalls sieht es für mich danach aus. Was ist es bei ihnen? Was hält sie beieinander? Als Frau eines Pastors wäre es natürlich ungünstig, wenn meine Mutter nicht fromm genug wäre oder plötzlich zum Buddhismus übertreten würde. Aber da muss doch noch mehr sein, oder?

Mir fallen verschiedene Schlagwörter ein, vor meinen inneren Augen formen sie sich zu Flecken auf einem weißen Blatt Papier:

Humor. Haben sie beide.

Unwiderstehliche gegenseitige Anziehungskraft.

Mama kann kochen und achtet sehr auf Gesundheit.

Damit bin ich noch nicht zufrieden. Wie wäre es schlicht und einfach mit Liebe?

Während ich warte, setze ich mich auf die oberste Stufe, obwohl die Hitze mir gnadenlos auf die Pelle rückt, und dichte, denn gerade ist mir eingefallen, dass ich mal lyrisch begabt war.

Was uns verbindet, kann ich nicht benennen.

Da ist zu viel, es sprengt ein einzeln Wort.

Musik und Sommer, Rosenschokolade ...

Dir ist es nicht genug, stumm gehst du fort.

Ich wünschte nur, ich würd’ dich besser kennen.

Schade ...

Oh, da muss ich noch ein wenig dran arbeiten. Zu reimen ist immer schwierig, aber während ich daran tüftle, muss ich wenigstens nicht darüber nachdenken, dass ich Daniel verloren habe. Endgültig.

Nachdem ich eine Viertelstunde lang abwechselnd gedichtet und geklingelt habe, öffnet Silas plötzlich und beendet damit schlagartig mein inzwischen auf zwanzig Zeilen angewachsenes Gedicht.

»WAS?« Offenbar habe ich ihn von irgendeinem Computerspiel weggelotst.

»Wo sind die denn alle?« Ich schiebe mich an ihm vorbei ins Haus.

»Zum Arzt«, antwortet er genervt.

»Ist was passiert?«, frage ich erschrocken.

»Tabita kriegt eine feste Zahnspange. Hast du das etwa vergessen?«

Hab ich. Weder auf mein Gedächtnis noch auf sonst etwas ist bei mir Verlass.

»Dann sind sie nicht beim Arzt, sondern beim Kieferorthopäden«, korrigiere ich ihn automatisch. Besser fühle ich mich dadurch nicht.

In dieser Nacht weine ich in Tabitas Kissen, und sie streichelt eine Weile meine Schulter, bevor sie sich entnervt abwendet. »Jetzt hör endlich auf. Ich muss schlafen, morgen schreiben wir einen Chemietest.«

»Ich kann nicht«, wimmere ich. »Daniel ist weg.«

»Wie, weg?«

»Er wird umziehen. Noch vor den Ferien. Jetzt.«

»Wie, er zieht weg? Er kann nicht einfach umziehen. Er hat noch ein Schuljahr vor sich. So kurz vor dem Abi zieht doch niemand um!«

»Zu seiner Schwester«, erkläre ich schniefend. »Sie kommt wohl immer noch nicht so gut allein zurecht, wegen ihres Beins.«

Daniel und seine Schwester Sarah stehen sich sehr nah. Ich weiß, dass er sich große Sorgen um sie gemacht hat, nicht nur, als sie nach ihrem Unfall im Koma lag, sondern auch später. Sarah kann nicht Auto fahren, und Treppensteigen ist eine Qual für sie.

»Es ist vernünftig«, murmele ich, »wenn er bei ihr wohnt. Dann kann er für sie einkaufen und sie mit dem Auto zum Arzt fahren, sobald er den Führerschein hat, und Sarah muss nicht in der Wohnung hocken und sich von Knäckebrot und Leitungswasser ernähren.«

»Und nun?«, will sie wissen.

Die Adresse könnte ich rauskriegen, auch wenn Frau Hartmann mich gebeten hat, ihren Sohn in Ruhe zu lassen. Ich könnte ihm einen Brief schreiben, auf den er niemals antworten wird. Ich könnte versuchen, die Telefonnummer von Sarah Hartmann herauszufinden. Ich könnte mich in den Zug setzen und hinfahren.

»Nichts, nun«, sage ich. »Es ist aus.«

Es fühlt sich wie ein kleiner Eisbrocken an, der in meinem Magen sitzt. Eine winzige giftige Kugel, die so bitter ist, dass ich brechen möchte.

Seltsamerweise weiß ich, dass ich nicht daran sterben werde, aber selbst wenn, es wäre mir egal.

So fühlt sich Hoffnungslosigkeit an.

»Lass mich mal kurz raus.« Tabita klettert über mich rüber, wobei sie mir unsanft das Knie in die Seite stößt, und kramt in ihrem Bücherregel. »Rück mal an die Wand. Ich brauche die Lampe.«

Verwundert gehorche ich. Was hat sie vor?

»So, wo fangen wir an ... Ah, hier. Hier hat Eliza entdeckt, dass der angebliche Graf Mortimer nicht der ist, der er zu sein scheint. Er hat ein dunkles Geheimnis. Womöglich hat er etwas mit einem Geheimbund zu tun, der in den finsteren Nächten in London sein Unwesen treibt.«

»Äh, was?«, frage ich.

Statt einer Antwort beginnt Tabita mir vorzulesen. Freiwillig hätte ich so einen Liebesroman nie angerührt, doch jetzt kann ich nicht anders, als zuzuhören. Schon bald fesselt mich Elizas tragische Liebesgeschichte – auch wenn ich sie ein bisschen lächerlich finde.

»Und sie ist nie auf die Idee gekommen, dass der Mann mit der Samtmaske der Mörder ist? Wieso steigt sie bloß in diese Kutsche?«

»Sei still«, befiehlt Tabita und liest weiter. »Eliza lehnte den Kopf gegen das Polster und versuchte, ihre Hände unauffällig aus den Fesseln zu ziehen, doch es wollte ihr einfach nicht gelingen. Mortimer, schluchzte sie. Mortimer, komm und rette mich.«

Aber Mortimer ist in Wirklichkeit ein Pirat, und sein Schiff sticht gerade in See. Wird er rechtzeitig ins Wasser springen, um zurück in den Hafen zu schwimmen und Eliza zu befreien?

Irgendwann schlafe ich ein, und als ich als Nächstes die Augen aufschlage, ist es schon hell und ich höre Tabita und Silas im Bad streiten. Leider habe ich nicht mitbekommen, ob der geheimnisvolle Mortimer die schöne Eliza gerettet hat oder ob sie in den Fängen des bösen Diebes ihr Leben lassen musste. In meinen Gedanken sitzt sie immer noch in der Kutsche, die über das raue Pflaster des nächtlichen London rattert. Regenwasser spritzt auf, Schritte erklingen, jemand scheint hinter ihr her zu rennen. Sie fährt durch eine dunkle, gefährliche Welt, und der Mann, den sie liebt, lässt sich nicht blicken.

Manchmal träume ich, dass alle davon wissen. Alle.

Das hätten wir jetzt nicht gedacht, würden sie sagen.

Nicht von dir.

Ich weiß nicht, was schlimmer wäre, die Verachtung oder das Mitleid. Aus solchen Albträumen erwache ich schweißgebadet.

Wenn sie es wüssten, könnte ich mir gleich die Kugel geben.

Wenn ich tot wäre, denke ich dann, würde es mich nicht kümmern. Falls jemand davon erfährt, und ich bin tot, wäre es mir egal.

Dort im strahlenden Licht werde ich nichts denken, mir um nichts Sorgen machen.

Dort im strahlenden Licht werde ich nichts mehr fühlen.


5.

Man müsste es mir an der Nasenspitze ansehen. Ich bin nicht bloß »das Mädchen, das Schlimmes erlebt hat«, wobei die meisten Leute denken, sie wüssten genau, was das ist.

Ab heute bin ich auch das Mädchen, dessen Exfreund weggerannt und sogar in eine andere Stadt gezogen ist.

Aber das weiß niemand. Mandy hat es noch nicht erfahren. Jedenfalls hoffe ich das.

Als sie sich an mich heranpirscht, während ich im Flur auf den Beginn meiner Deutsch-Prüfung warte, liegt etwas in ihren kühlen Augen, das mir Angst macht. Wetten, sie weiß es doch? Und nun wird sie es mir genüsslich unter die Nase reiben. Einfach nur, um mir wehzutun. Mandy weiß nichts von Opferschutz, und während es mir bei allen anderen tierisch auf die Nerven geht, dass sie mich schonen, wünsche ich mir beinahe, Mandy würde sich auch an diese unausgesprochene Abmachung halten, mir gegenüber vorsichtig zu sein.

»Na, wie geht’s?«, fragt sie lässig. »Hast du dich auch gut vorbereitet?«

»Bestens«, antworte ich so kühl wie möglich.

Kaum zu glauben, dass wir mal Freundinnen waren. Mandy genießt es, wenn jemand Angst vor ihr hat. Das ist für sie wie eine Droge.

»Dann ist ja alles gut. Ich hatte zwar gedacht, dass es dich ein wenig mehr kümmert, aber ... na ja, ist auch egal. Er würde sich über einen Besuch freuen, aber seine Probleme gehen dich im Grunde nichts mehr an. Kann ich verstehen.«

»Er würde sich über einen Besuch freuen?«, platze ich heraus, obwohl ich mir fest vorgenommen habe, kein Wort zu sagen, um ihr keine Munition zu liefern. »Daniel? Nein, ganz bestimmt nicht. Ich weiß, dass er mich nicht sehen will.«

Damit habe ich ihr eine neue Waffe in die Hand gegeben. Nun weiß sie, dass Daniel nichts mehr mit mir zu tun haben will und wie sehr ich darunter leide.

»Daniel? Ach, der arme, süße Daniel«, flötet Mandy, und nun lächelt sie doch, dieses wunderbare Mandy-Lächeln, auf das sämtliche Jungs unserer Klasse sabbernd warten. »Du gehst nur seinetwegen nicht zu Tom zurück, stimmt’s? Du lässt ihn einfach sterben, ohne ihn noch ein einziges Mal zu sehen, ohne Abschied zu nehmen, nur weil dein Freund dann eifersüchtig wäre. Wie egoistisch ist das denn, hm?«

Jetzt verstehe ich gar nichts mehr.

»Tom?«

»Tom liegt im Sterben«, sagt Mandy und quetscht ein Tränchen aus ihren schönen Augen. »Wusstest du das etwa nicht? Hat er dir das nicht verraten?«

Tom und Daniel sind Freunde gewesen, jedenfalls eine Weile, bis ich Tom geküsst habe oder er mich. Danach sind sie sich aus dem Weg gegangen. Aber Daniel hätte doch bestimmt mitbekommen, wenn Tom krank gewesen wäre? Und was ist mit Bastian? Der hätte mir das ja auch sagen können. Haben alle davon gewusst und geschwiegen, um mich zu schonen, weil ich das Mädchen bin, das man wie etwas Zerbrechliches behandeln muss?

Mandy macht ein todtrauriges Gesicht, obwohl sie die Situation mit Sicherheit unwahrscheinlich genießt.

»Tja, so ist das nun mal. Ich dachte bloß, du solltest das wissen. Weil wir schließlich Freundinnen waren. – So, ich muss jetzt in den Unterricht.«

Da kommen schon die anderen Schüler, die mit mir zusammen die Nachprüfung schreiben. Frau Doggermann schließt den Raum auf und nickt mir aufmunternd zu.

Ich stütze das Kinn in die Hände und starre auf den Aufgabenzettel.

Tom liegt im Sterben.

Oh Gott, denke ich. Das ist nicht wahr, oder? Daniel ist weg, und nun geht Tom auch? Tom, der Junge mit den schwarzen Haaren und dem unglaublichen Lächeln, den ich jahrelang heimlich beobachtet habe, dem ich Gedichte geschrieben habe, ein Junge zum Pferdestehlen. Mein Tom?

Ich will zu Rosi. Ich will nach Hause. Ich will irgendwohin, wo ich sicher bin vor solchen schrecklichen Nachrichten. Als könnte das die Information in meinem Kopf wieder löschen. Delete. Aus.

Unnötig zu sagen, dass ich heute in meinem Lieblingsfach nicht gerade geglänzt habe. Irgendwie habe ich doch noch was hingekritzelt, hoffentlich reicht es für eine Vier. Es ist mir beinahe egal, denn nun geht es um etwas viel Wichtigeres: Was ist mit Tom? Wie ernst ist es?

Also nehme ich an diesem Nachmittag den Bus und fahre los, in die hübsche Wohnsiedlung, in der Tom zu Hause ist. Erst unterwegs fällt mir ein, dass ich meiner Mutter nicht Bescheid gesagt habe, was ich vorhabe. Bestimmt sitzt sie schon händeringend am Telefon und fürchtet sich vor dem Anruf der Polizei, die ihr mitteilt, dass man mich blutüberströmt in einem Gebüsch gefunden hat. Ich müsste sie anrufen, aber aus irgendeinem Grund bringe ich es nicht über mich. Ihre besorgte Stimme könnte ich jetzt nicht ertragen. Erst muss ich sehen, wie es Tom geht, ob er noch lebt. Während der Bus mit aufreizender Langsamkeit von einer Haltestelle zur nächsten kriecht, jedes Mal röchelnd die Türen öffnet und mit einem asthmatischen Schnaufen wieder anfährt, wächst die Panik in mir, ich könnte zu spät kommen. Mandy hat gesagt, er liege im Sterben. Wie lange kann man wohl im Sterben liegen? Entweder ist man krank oder tot. Gibt es etwas dazwischen? So etwas wie »halb tot«?

Endlich spuckt mich der fauchende, keuchende Bus aus, und ich stehe verloren vor der Siedlung und sammle meinen ganzen Mut in mir. Es fühlt sich ungewohnt an, Angst zu haben, beinahe habe ich vergessen, was das ist. Denn trotz meiner Schlafprobleme und meiner Unfähigkeit, die Dunkelheit auszuhalten, gibt es Gefühle, die mir fremd geworden sind. Früher habe ich innerlich gebebt, wenn ich zum Beispiel in eine fremde Wohnung eingebrochen bin, was, wie ich gestehe, durchaus vorgekommen ist. Jetzt kümmert mich kaum noch etwas. Ich bin eine Maschine, die ihre Termine abspult, und wenn auf meiner Liste steht, dass ich in einer Umkleidekabine oder einem Jungenzimmer etwas überprüfen will, dann tue ich das einfach.

Doch jetzt nimmt es mich schon mit, an einer Tür zu klingeln.

Ich lege mir die Worte auf der Zunge zurecht. Wenn seine Mutter öffnet, werde ich mich erst vorstellen. Ich bin mir nicht sicher, ob sie meinen Namen kennt, ob Tom je von mir gesprochen hat. An ihrem Gesicht werde ich hoffentlich erkennen, wie schlimm es um Tom steht. Ob sie geweint hat, oder ob sie lächelt, weil es ihm heute besser geht? Dann kann ich sie fragen, ob er im Krankenhaus ist oder wo ich ihn finde. Oder falls sie in Schwarz öffnet, dann weiß ich erst recht Bescheid.

Die Tür geht auf.

»Ich bin Miriam Weynard«, fange ich an, stutze, denn der Junge, der vor mir steht, unterbricht mich.

»Messie?«

»Tom!« Ich kann es kaum glauben, er steht leibhaftig vor mir! Mit einem Aufschrei falle ich ihm um den Hals, und er presst mich an sich. Ich atme in sein T-Shirt, spüre seine Wärme durch den dünnen Stoff, ich klammere mich an ihn. »Du lebst«, flüstere ich.

»Messie«, sagt er noch einmal.

»Ich hatte solche Angst, dass ich nicht mehr rechtzeitig komme.«

»Nicht mehr rechtzeitig?«

Ich löse mich aus der Umarmung, trete einen Schritt zurück, ohne ihn loszulassen, und betrachte ihn. Er ist blass und hat dunkle Ringe unter den Augen, und ich kann seine Rippen fühlen. Wie viel Gewicht hat er verloren? Er kommt mir vor wie ein Gespenst seiner selbst, aber er lächelt.

»Mandy hat es mir gesagt«, erkläre ich. »Von deiner Krankheit.«

»Oh.« Tom klingt bestürzt.

»Du hättest anrufen können. Ich wäre gekommen, sofort. Jederzeit. Das weißt du doch?«

»Tatsächlich?«, fragt er leise, und ich denke daran, wie wir uns verabschiedet haben. Ich habe ihn stehen lassen und bin weggegangen. Nein, er hatte keinen Grund, mich anzurufen.

»Was für eine Krankheit ist es?« Natürlich ist es unhöflich, das einfach so geradeheraus zu fragen. So etwas tut man nicht. Aber wie gesagt, ich bin wie auf Autopilot, und auf meiner Liste steht: Tom besuchen, falls er noch lebt. Natürlich muss ich wissen, wie viel Zeit ihm noch bleibt, was »im Sterben liegen« bedeutet.

»Ist es Krebs?«, taste ich mich behutsam voran. »Wenn du nicht darüber reden willst ... Ist schon okay, wirklich.«

»Wer hat dir gesagt, dass ich Krebs habe?«, fragt Tom.

»Mandy hat es angedeutet.« Ängstlich betrachte ich sein Gesicht, suche nach Anzeichen für die Krankheit. Seine Haare hat er noch, alle Wimpern sind an Ort und Stelle. Nach einer Chemotherapie sieht er nicht aus. Aber was hat er dann?

»Komm erst mal rein.« Tom zieht mich ins Haus. Von seiner Mutter keine Spur.

»Ist sonst niemand da? Muss sich nicht jemand um dich kümmern?«

Tom zögert kurz. »Ich bin lieber allein, wenn ich mich nicht gut fühle.«

»Ich kann auch gehen«, sage ich schnell, aber er legt den Arm um meine Schultern und führt mich hoch in seine Dachwohnung. Tom hat das gesamte Obergeschoss nur für sich. Das Bett ist nicht gemacht, es herrscht ein recht großes Durcheinander, aber ich entdecke nichts von dem, was ich erwartet habe: kein Tropf, keine Stapel von Laken und Tüchern, Flaschen und Tablettenschachteln.

»Bist du wirklich krank?«, entfährt es mir.

Tom braucht wieder eine Weile, um zu antworten. »Du bist hier, weil du gehört hast, dass es mir schlecht geht«, sagt er. »Das ist ... oh Messie, ich bin total gerührt. Obwohl ich ja eigentlich nicht wollte, dass jemand davon erfährt. Ich kann es nicht ertragen, wenn alle mich anstarren. Wenn jeder, der mich sieht, nur einen Gedanken hat: dass ich ... dass meine Zeit bald zu Ende geht.«

Er wendet sich mir zu, bemerkt, dass ich sein Zimmer inspiziere, lächelt traurig. »Ich kann es nicht ertragen, wenn alles nach Krankheit riecht«, flüstert er. »Desinfektionsmittel, Arzneien ... das ist wie der Hauch des Todes. Normalität, verstehst du? Ich will bloß Normalität.«

Oh, das verstehe ich nur zu gut. Vielleicht bin ich sogar die Einzige in der ganzen Stadt, die genau weiß, wovon er redet.

»Ja«, flüstere ich.

Erneut schlingt er die Arme um mich. Beinahe habe ich vergessen, wie gut sich das anfühlt. Tom fühlt sich gut an. »Es ist ... ich spreche nicht gern darüber«, murmelt er in mein Haar. »Es ist nicht operabel, die Ärzte kommen nicht dran. Sie haben mich wieder nach Hause geschickt.«

»Ein Tumor?« In meiner kleinen Seifenblasenwelt tauchen immer größere und schrecklichere Ängste auf. Bis jetzt konnte ich hoffen, dass Mandy sich geirrt hat.

Er küsst mich auf die Schläfe, erwischt halb mein tränennasses Auge, lacht. Dann verändert sich seine Stimme, bemüht sich um die Normalität, die er so schrecklich ersehnt.

»Möchtest du was trinken? Ist ziemlich stickig hier drin. Wir können auch rausgehen.«

Wird dir das nicht zu viel, will ich fragen, schlucke die Worte noch rechtzeitig runter. Genau das möchte er ja nicht. Dass man ihn ununterbrochen bemitleidet und umsorgt und ihn ständig fragt, wie es ihm geht und was er gerade braucht.

»Ist gut«, sage ich gespielt munter, während es mir das Herz zerreißt.

Die vielen Stufen wieder hinunterzusteigen, fällt ihm sichtlich schwer, aber ich sage kein Wort und biete ihm nicht an, ihm zu helfen. Wir treten in den Garten hinaus, scheuchen eine übelgelaunte Katze von der Liege, machen es uns bequem. Den ganzen Nachmittag liegen wir nebeneinander in der Sonne, teilen uns einen iPod – jeder einen Stöpsel im Ohr – und hören Musik.

Später, als die Schatten länger werden und die Luft kühler, bietet er an, mich mit dem Auto nach Hause zu bringen.

Ich erschrecke. Immer, wenn er mich mitnehmen will, ist er betrunken oder ich bin durchnässt oder sonst etwas stimmt nicht. Ich bin es nicht gewöhnt, dass es klappt, wir beide in einem Wagen, und dass dabei nicht irgendetwas passiert.

»Kannst du denn fahren?«

»Du meinst, in meinem Zustand?« Er lächelt und wirkt plötzlich ein, zwei Jahre jünger. Wir haben zu lange in der Sonne gelegen, nun spüre ich, dass meine Haut brennt, und sehe einen rötlichen Schimmer auf seinem Nasenrücken und seiner Stirn. »Keine Sorge. Ich habe bloß manchmal, ähm, Ausfälle.«

»Ausfälle?«

Er räuspert sich, scheint zu überlegen, wie viel er mir anvertrauen will. »Blindheit zum Beispiel. Gleichgewichtsstörungen. Kopfschmerzen.«

Entsetzt starre ich ihn an, doch Tom lächelt bloß, beugt sich vor und küsst mich auf den Mund. Es ist ein ganz kurzer und leichter Kuss, zart wie ein Streicheln. »Keine Sorge«, sagte er. »Das kündigt sich vorher immer an. Die Fahrt bis zu euch kriege ich wohl noch hin.«

»Aber …«

»Keine Widerrede«, sagt Tom und grinst, und ich lächle zurück.

Blindheit, denke ich. Stürze. Schmerzen.

Ich halte seine Hand, so fest es nur geht.

»Er hat dich nach Hause gebracht«, sagt Tabita am Abend, als ich zu ihr ins Bett schlüpfe, in die Geborgenheit ihrer Nähe, ihrer Lampe, ihrer Geschichten. »Tom.«

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