Kitabı oku: «Vollmilchschokolade und Todesrosen»
Franziska Dalinger
Vollmilchschokolade und Todesrosen
Roman

Zu diesem Buch
Vollmilchschokolade und Todesrosen ist der erste Band einer Buchserie über Miriam Weynard alias Messie.
Miriam mag Schokolade, geht in die zehnte Klasse und besucht den Jugendkreis „Life and Hope“. Allerdings mehr aus Pflichtgefühl, schließlich ist ihr Vater der Pastor. Sie liebt Rosen und schreibt heimlich Gedichte. Vor allem aber ist sie glücklich, dass sie nicht mehr „unsichtbar“ ist, seit sie zu Mandys Clique gehört. Hier ist sie Messie, die schlagfertige Schauspielerin mit den schrägen Einfällen.
Aber nicht alles, was in der Clique läuft, passt zu dem, was sie bisher richtig fand. Als sie den sympathischen Daniel trifft, wird ihr das immer klarer. Dann geschehen Dinge, die ihre Welt ganz aus den Fugen geraten lassen. Und was als Scherz begonnen hat, wird zur tödlichen Gefahr.
2012 wurde Vollmilchschokolade und Todesrosen von der Jury des Evangelischen Buchpreises empfohlen.
Leserstimmen zu den ersten Bänden
„Mit Tempo und Witz hat mich Franziska Dalinger überzeugt!“
„Eine spannende Geschichte, die wirklich unter die Haut geht.“
„Habe es gerade fertig gelesen und möchte es am liebsten gleich nochmal lesen.“
„Es hat mich richtig gefesselt!“
„So spannend, dass ich es fast am Stück durchgelesen habe.“
„Lesen lohnt sich auf jeden Fall!“
„Das Ganze ist gekoppelt mit Witz, Spannung und einer Portion Liebe – ich bin aus dem Lesen gar nicht mehr herausgekommen.“
„Das Buch ist einfach total spitze!“
„Schon allein der Titel macht den Leser neugierig, was dieses Buch wohl beinhalten mag.“
„Ein super tolles Buch!“
„Wunderschön geschrieben.“
Über die Autorin
Weder das Haushaltschaos noch die Kinder lassen sich bändigen. Franziska Dalinger macht das Beste draus: Sie schreibt, zieht im Wohnzimmer Peperoni, sieht im Strandkorb fern und schreibt weiter. Ihre biblische Lieblingsfigur ist Jakob, der mit dem Engel kämpft.
Spannung und Romantik sind in ihren Geschichten garantiert.
Impressum
Dieses Buch als E-Book:
ISBN 978-3-86256-741-6, Bestell-Nummer 588 743E
Dieses Buch in gedruckter Form:
ISBN 978-3-86256-007-3, Bestell-Nummer 588 743
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische
Daten sind im Internet über www.d-nb.de abrufbar
Lektorat: Dr. Thomas Baumann
Umschlaggestaltung: spoon design, Olaf Johannson
Umschlagbild: Re_bekka / © ShutterStock®
Illustrationen: spoon design, Josua Reuhl
Satz: Neufeld Verlag
© 2011 Neufeld Verlag Schwarzenfeld
Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise,
nur mit Genehmigung des Verlages
www.neufeld-verlag.de / www.neufeld-verlag.ch
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Inhalt
Zu diesem Buch
Leserstimmen zu den ersten Bänden
Über die Autorin
Impressum
Kapitel 1.
Kapitel 2.
Kapitel 3.
Kapitel 4.
Kapitel 5.
Kapitel 6.
Kapitel 7.
Kapitel 8.
Kapitel 9.
Kapitel 10.
Kapitel 11.
Kapitel 12.
Kapitel 13.
Kapitel 14.
Kapitel 15.
Kapitel 16.
Kapitel 17.
Kapitel 18.
Kapitel 19.
Kapitel 20.
Kapitel 21.
Kapitel 22.
Schokolade mit Rosen – das Rezept
Über den Verlag

1.
Bei einem Überfall sollte man eigentlich keine Schokolade essen. Ich weiß ja. Es sieht irgendwie unpassend aus. Die Situation ist ernst, auch wenn mich ein unbezähmbarer Drang überkommt, laut zu lachen. Niemandem ist wirklich nach Scherzen zumute, außer Mandy, aber die ist eben in jeder Lebenslage völlig locker. Ich bin eher ... verkrampft. Und da stehe ich und knabbere an meiner Tafel Vollmilchschokolade mit Lavendelblüten. Lavendel soll ja angeblich die Nerven beruhigen.
»Steck endlich die blöde Schokolade weg. Oder willst du ihm was anbieten?«, zischt Kim.
Ich habe es ja gewusst. Schokoladefuttern bei einem Überfall wirkt nicht halb so cool, wie es einem vorkommt. Aber ich brauche etwas, um meine Nerven zu beruhigen. Dringend.
Ich bin Überfälle nicht gewöhnt.
Steffi stößt mich in die Seite. »Jetzt fall nicht in Ohnmacht, klar?«
Der Junge ist klein für sein Alter. Er hat strubbeliges blondes Haar, eine runde Harry-Potter-Brille und bleiche Haut mit Sommersprossen. Der Schreck bewirkt, dass seine Augen hinter den Brillengläsern noch größer werden, und seine Hände zittern so, dass er beinahe mitsamt seinem Fahrrad umfällt.
»Du schämst dich, hoffe ich«, sagt Mandy. Es klingt zufrieden. Trotzdem tritt sie mit dem Fuß kräftig gegen die Speichen des Vorderrads.
»Ja, klar, tu ich, tu ich«, stammelt der Junge. Auf seiner Stirn glänzen winzige Schweißtröpfchen und sammeln sich über seinen Augenbrauen, aber er wischt sie nicht fort, denn er ist damit beschäftigt, sich am Lenkrad festzuklammern.
»Das solltest du auch.« Mandy tritt ganz nah vor ihn hin, bis ihre Nase fast gegen seine stößt. »Wo ist das Geld, Hendrik? Du wolltest den Schaden bezahlen, schon vergessen?«
Der Kleine ächzt leise, während er in seiner Jackentasche wühlt und einen zerknüllten Zehn-Euro-Schein herausfischt.
»Das ist alles?« Kim stößt ihn gegen die Schulter. »Das ist doch nicht dein Ernst.«
»Es war nicht mehr da.« Er flüstert so leise, dass er kaum zu verstehen ist.
»So arm können deine Eltern doch gar nicht sein.« Mandy dreht sich zu mir um. »Ist das nicht traurig? So eine arme Familie.«
Sie wirft mir einen schrägen Blick zu. Jetzt bin ich dran. Ich hab nämlich gesagt: »Doch, ich trau mich.« Als die anderen, Mandy, Steffi und Kim, gemeint haben, ich traute mich nicht. »Doch, klar«, hab ich gesagt, und nun kann ich nicht mehr zurück. Ich stecke die Schokolade weg.
»Das gleichst du nächstes Mal aus«, sage ich. »Du benimmst dich, ja? Guter Junge.« Mein überempfindliches Pastorentochter-Gewissen meldet sich. Ich klopfe ihm beruhigend auf die Schulter, und er fährt so hastig davon, dass sein Rad wild hin und her schlenkert. Es streift den Bordstein, kommt ins Trudeln. Mir stockt der Atem, aber er fängt sich wieder und rast die Straße hinunter. Seine Schultasche hüpft auf seinem Rücken auf und ab wie ein kleiner Affe, den er Huckepack genommen hat.
»Bemitleidenswert«, knurrt Mandy. »So ein blöder Penner. Aber das wird ihm eine Lehre sein.«
Mandy versteht unter Mitleid etwas anderes als ich. Sie hasst Schwächlinge. Wer sich nicht wehren kann, ist selber schuld. Wenn jemand ängstlich ist oder jammert oder nicht so recht weiß, ob man dies oder das wirklich tun sollte – das ist für sie ein rotes Tuch.
Deshalb behalte ich meine Bedenken lieber für mich. Mandy diskutiert nämlich nicht. Entweder man ist in ihrer Nähe und findet ihre Ideen gut, oder man lässt es bleiben.
»Sag mal, Messie, der tut dir doch nicht leid?«, fragt sie mich direkt.
Das ist schwierig zu beantworten. Wenn man nur diese Szene kennt, wie wir den armen Kleinen um sein Geld erleichtern, könnte man denken, wir wären die Bösen. Aber angefangen hat es ganz anders. Angefangen hat es damit, dass ich diese kleine Brillenschlange dabei erwischt habe, wie er bei sämtlichen Rädern die Tachos abgepflückt und eingesteckt hat.
Einschließlich meines eigenen. Ich habe Klein-Harry-Potter an der Schulter festgehalten, er wollte sich losreißen und hat mir vors Schienbein getreten, und dann sind meine Freundinnen gekommen und Kim hat ihn sich geschnappt. So war es, ich schwör’s. Er hat auch noch blöde Sprüche von sich gegeben und uns beschimpft, bis er gemerkt hat, dass mit Kim nicht zu spaßen ist. Kim ist sehr sportlich und eine erstklassige Boxerin und niemand, ich betone: absolut niemand sollte es wagen, sie zu unterschätzen.
Die Tachos und Fahrradpumpen, die Hendrik noch in der Tasche hatte, haben wir auf den Weg gelegt, damit ihre Besitzer sie sich abholen konnten. Meiner war nicht dabei. Aber klar, jetzt wusste ich endlich, wo er geblieben war.
Mandy sagte: »Wir rufen jetzt deine Eltern an, und die ersetzen uns das«, und da fing er an zu jammern, wir sollten ihnen bloß nichts erzählen.
Hendrik ist ein mieser kleiner Dieb. Er schuldet mir immer noch Geld. Und er ist ziemlich gut in Ausflüchten und Entschuldigungen und Jammern.
Also, habe ich Mitleid mit ihm? Verdient er es?
Mandy wartet meine Antwort nicht ab. Sie drückt mir das Geld in die Hand und wendet sich an Steffi und Kim. »Ach, kommt, Leute. Schaut mich nicht so an. Ich bin kein Monster. Warum kann er nicht einfach seine Schulden bezahlen? Wir müssen mehr Druck machen.«
Es waren nicht nur die Tachos. Er hat auch die Luft aus den Reifen gelassen. Der niedliche, ängstliche Hendrik ist ein hinterhältiges kleines Ungeheuer.
»Besuch zu Hause?«, schlägt Kim vor. »Das nächste Mal nehmen wir ihm den Schlüssel ab.«
»Das Fahrrad«, sagt Steffi. »Wenn er zu Fuß gehen muss, das wird ihm eine Lehre sein.« Steffi liebt ihr Fahrrad, auch wenn sie nicht gerade sportlich aussieht.
»Messie?« Mandy sieht mich an und erwartet meinen Vorschlag. Es muss eine Idee sein, die die der anderen noch übertrifft. Sie hält ziemlich viel von meinen Ideen. Deswegen bin ich hier, das ist mir klar. Sie hat mich für langweilig gehalten – sie hält ja die meisten für langweilig und spießig –, bis sie gemerkt hat, dass ich recht kreativ bin. Seitdem bin ich in ihrer Clique dabei. Ich würde sie wirklich ungern enttäuschen.
»Das Fahrrad kommt nicht in Frage«, meine ich. »Das merken doch seine Eltern. Ich weiß was viel Besseres. So einen kleinen Streber trifft man am besten, wenn man dafür sorgt, dass er seiner netten Lehrerin keine Hausaufgaben zeigen kann.«
Mandys Gesicht hellt sich auf. »Seine Hefte?«
»Morgen vor der Schule. Dann hat er alles fertig. Sich stundenlang Mühe gegeben. Wetten, er lernt den ganzen Nachmittag?«
Ihr Lächeln zeigt mir deutlich, wie gut sie das findet. »Okay. Das ist deine Aufgabe. Du kommst morgen rechtzeitig und passt ihn ab. Kriegst du das hin?«
»Klar krieg ich das hin.« Ich halte ihrem Blick stand. Hält sie mich etwa nicht für abgebrüht genug? Aber ich kann gefährlich sein, sehr gefährlich.
Ich versuche es jedenfalls. Ich glaube, es gibt nichts Schlimmeres, als harmlos zu sein.
Zwei Träume trage ich seit langem mit mir herum. Der eine ist, so zu sein wie Mandy. Nein, noch krasser als sie. Noch cooler. Eine Rebellin wie sie. Diejenige, die gegen den Strom der Angepassten schwimmt. Mandy hat keine Angst davor, dass man sie sieht und bemerkt, während ich dazu neige, mich im Hintergrund zu halten. Aber als ihre Freundin bin ich quasi aus meinem Versteck gekommen.
Es fühlt sich gut an. Nicht mehr unsichtbar zu sein, sondern ... dazuzugehören. Das Leben ist viel aufregender, viel bunter. Mit Mandy befreundet zu sein bedeutet, dass ich auf einmal ganz viele Freunde habe. Dass Leute mit mir reden, die mich vorher nicht einmal wahrgenommen haben.
Denn Mandy ist bei allen beliebt, sogar bei den Lehrern. Sie hat so ein Lächeln, dass niemand ihr böse sein kann. Kein Lehrer würde glauben, dass sie ständig mogelt und nie ohne Taschenrechner oder Zettel oder Notizen auf den Armen in eine Klassenarbeit geht. Mandy ist immer tipptopp vorbereitet. Und wenn sie doch einmal bei irgendetwas erwischt wird, ist sie so charmant, dass sie jeden um den kleinen Finger wickelt. Seit sie bei uns in der Klasse ist, habe ich mir gewünscht, ihre Freundin zu sein, denn Mandy ist nicht nur bei uns, sondern sogar in der ganzen Schule angesagt. Sie ist natürlich sofort Klassensprecherin geworden und macht bei allen möglichen Schulprojekten mit. Irgendwie schafft sie es, überall dabei zu sein.
Als ich mein Rad aufschließe, sehe ich Gina und Rosi zum Bus gehen, drei Meter hintereinander. Die beiden sind ebenfalls in unserer Klasse, aber sie könnten genauso auf dem Mars leben. So fremd sind sie mir. Außerirdische. Ich weiß, wie das ist, wenn man sich fühlt, als käme man von einem anderen Planeten. Auf keinen Fall will ich dorthin zurück. Oh Mann, die zwei haben keine Ahnung, wie es ist, Freundinnen zu haben. Sie könnten ja wenigstens miteinander reden. Aber nicht einmal das bringen sie fertig.
Ich imitiere Ginas Gang, während ich mein Rad in Richtung Straße schiebe. Leicht nach vorne gebückt, die Schultern hochgezogen wie bei einer Schildkröte, den Blick fest auf den Boden gerichtet.
»Das ist Gina!« Mandy lacht.
Dann runzele ich die Stirn, so wie Rosi es immer macht, und verziehe missbilligend den Mund. Die anderen schütten sich aus vor Lachen.
»Rosi, wie sie leibt und lebt. Oh Messie! Wie machst du das bloß?«
Keine Ahnung. Da kommen ein paar Gänse und ich wackele ein bisschen mit dem Hintern und Mandy lacht wieder. Ich kann ziemlich gut Leute nachmachen.
Lisa-Marie, unsere Klassen-Obergans, wirft uns einen angewiderten Blick zu und stakst weiter in Richtung Bushaltestelle. Mandy weint fast vor Lachen.
»Mach noch mal so ein Gesicht, wie eben«, sagt sie und nimmt mich mit ihrem Handy auf. »Guck mal.« Sie zeigt mir, wie ich herumhampele. »Man sieht sofort, wer das sein soll. Wie machst du das bloß?«, fragt sie schon wieder, und innerlich werde ich ganz rot vor Glück. Äußerlich bleibe ich cool.
»Ganz einfach«, sage ich. »Lisa-Marie, die geht ... so. Und Sarah ... so. Und das ist ... na, kommst du drauf?«
Ich stell mein Fahrrad ab, denn jetzt brauch ich beide Hände, um damit in der Luft herumzuwedeln, als wollte ich mich festhalten, falls ich abstürze.
Mandy prustet los. »Nee ... die Dogge?«
Frau Doggermann ist unsere Biologielehrerin. Die immer sehr viel Platz für ihre Hände und Ellenbogen braucht; es ist lebensgefährlich, zu nahe neben ihr zu stehen.
»So, jetzt muss ich los«, meint Mandy, als an der Bushaltestelle der Wagen ihrer Mutter hält. Mandy wird immer abgeholt. Ich dagegen muss strampeln. Wo bleibt Steffi? Normalerweise fahren wir zusammen, da sie nicht weit von mir wohnt. Seit ich Mandys Freundin bin, bin ich natürlich auch Steffis Freundin und muss daher selten alleine fahren, so wie früher.
Drei Sorten Mädchen gibt es in unserer Klasse. Die Unsichtbaren. Die Gänse. Und Mandys Clique. Es hat für mich nie einen Zweifel gegeben, zu welcher Gruppe ich gehören wollte. Ich würde bestimmt nicht bei den beiden schüchternen Ausgestoßenen sitzen. Früher blieb mir ja nichts anderes übrig. Da saß ich bei ihnen und schämte mich zu Tode. Zwischen Gina, der Intelligenzbestie, die wie eine typische Streberin aussieht, mit altmodischen Klamotten und einer dicken Brille, und der runden Rosi, die mit den Pickeln und der Zahnspange, und die ist nicht mal in der Schule gut. Keine Ahnung, ob die überhaupt irgendwas kann. Interessiert mich auch nicht. Und an der größten Clique, die allesamt Topmodel werden wollen und auf hohen Schuhen durch die Flure staksen, habe ich ebenfalls kein Interesse. Abgesehen davon, dass ich bei ihnen auch nicht so gut ankomme. Wenn man nicht genau dieselben Klamotten trägt wie sie, hat man bei denen nichts zu suchen.
Mandy ist da anders. Sie kann sich über das lustig machen, was man anhat, klar. Aber im nächsten Moment ist das wieder völlig unwichtig und da zählt nur, dass man witzig ist oder ganz gut singen kann. Wer man als Mensch ist. Und ich kann witzig sein, echt, aber das merkt man nur, wenn ich mich traue, nicht unsichtbar zu sein. In Mandys Nähe kann ich das. Da sage ich manchmal einfach so, was mir gerade einfällt, und wundere mich, wenn alle lachen. Als ich noch nicht Mandys Freundin war, hätten sie nicht gelacht, sondern mich nur angestarrt, nach dem Motto: Was will die denn? Aber jetzt, zum ersten Mal in meinem Leben, kann ich einfach sein, wer ich bin.
Mein zweiter Traum ist ... mein zweiter Traum geht gerade an uns vorbei zum Bus.
»Hey, Tom!«, ruft Mandy.
Er wirft ihr kurz einen Blick zu, ohne mich überhaupt wahrzunehmen.
»Hi, Mandy«, sagt er.
Nur wenn ich seine Stimme höre, bekomme ich wackelige Knie.
Tom ist einfach ... Tom.
»He, wie läuft’s?«, fragt sie und macht dabei ein Gesicht, als wären sie die besten Freunde.
Ich könnte jetzt eifersüchtig sein, aber ich weiß, dass zwischen ihnen nichts ist. Nicht mehr.
Die beiden sind früher ein Paar gewesen, aber es hat nicht lange gehalten. Zum Glück, finde ich. Wenn Mandy hinter Tom her wäre, hätte ich überhaupt keine Chance. So aber kann ich weiterträumen: davon, Tom zu küssen.
Tom, den coolsten, den bestaussehenden Jungen der ganzen Stadt. Für mich jedenfalls. Ich habe schon etwa hundertzwölf Gedichte über ihn geschrieben, die er niemals zu Gesicht bekommen wird. Er geht aufs Gymnasium und ist schon achtzehn, eigentlich gar kein Junge mehr. Er wirkt ganz schön erwachsen. Tom mit den unglaublich schönen blauen Augen und den schwarzen Haaren. Eine seltene Kombination, die ich unwiderstehlich finde. Bei uns in der Albert-Schweitzer-Realschule, wo er bis zur zehnten Klasse war, haben ihn sämtliche Mädchen angehimmelt, und es gab einen Tränenausbruch von den Ausmaßen eines Tsunami, als er aufs Gymnasium gewechselt ist. Die Lehrer dagegen waren erleichtert, denn sie fanden ihn zu vorlaut und frech.
Tom hat so eine Art, Mädchen anzuschauen, dass alle dahinschmelzen. Ich bilde mir jedenfalls ein, dass es den anderen genauso geht wie mir. Ich bekomme wackelige Knie, wenn ich ihn nur von weitem auf dem Schulhof sehe. Wenn er mich anlächeln würde, wäre ich im siebten Himmel. Aber er weiß nicht einmal, dass es mich gibt. Doch ich habe vor, das zu ändern. Schon bald. Vielleicht bin ich früher jemand gewesen, der nur träumt und weiß, dass das Wunder nie eintrifft. Mittlerweile bin ich ganz gut darin, die Dinge zu bekommen, die ich will.
Ich werde schon einen Weg finden, seine Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Jetzt, wo ich Mandys Freundin bin, scheint alles möglich. Vielleicht kann sie mir sogar ein paar Tipps geben, was Tom angeht. Bisher hab ich mich noch nicht getraut, sie zu fragen.
Das Leben kann so spannend sein, wenn man ein paar Träume hat und bereit ist, dafür einiges zu riskieren.
»Starr ihm nicht so hinterher, Messie«, befiehlt Mandy. »Müsstest du nicht längst zu Hause sein?«
Sie hat recht. Wie immer. Nur dass sie sich von Tom getrennt hat, ist in meinen Augen ein Fehler. Wie kann man so jemanden gehen lassen?
Aber eigentlich ist es beruhigend, dass selbst jemand wie Mandy Fehler macht. Beruhigender als Lavendelschokolade.
Ich hasse dich. Hasse, hasse, hasse dich.
Dachtest wohl, ich merke nichts. Vermutlich ist es dir aber einfach egal.
Du tust so, als würdest du dazugehören. Einfach so. Ein Lächeln und alles ist gut. Für dich vielleicht. Ich verrate dir mal was: Gar nichts ist in Ordnung.
Nur von deinem Anblick wird mir schlecht.
Wie kann man nur so verlogen sein?
Alles nur Fassade. Nichts an dir ist echt. Merken die anderen das denn nicht? Wie kann man so blind sein?
Webhexe, Blogeintrag vom 12. August

2.
»Da bist du ja endlich, Miriam. Deck schon mal den Tisch, wir essen gleich.«
Ich verziehe das Gesicht und seufze. Da kommt man gerade hundemüde aus der Schule und muss gleich mithelfen. Na toll.
Missmutig knalle ich die Teller hin. Sechs Personen. Ich bin nicht nur mit einem Vater geschlagen, der meistens mittags zu Hause isst, mit einer Mutter, die uns unbedingt gesund ernähren will, sondern auch mit zwei Geschwistern, bei denen es sich mit Abstand um die nervigsten Blagen der Welt handelt. Silas ist neun und hat die dumme Angewohnheit, einen pausenlos vollzuquatschen. Für Tabita mit ihren elf Jahren bin ich leider nicht das große Vorbild – obwohl ich ab und zu versuche, sie dazu zu bringen, dass sie mir gehorcht. Sie denkt jedoch nicht daran. Sie beobachtet mich bloß sehr scharf und ist eine gnadenlose Petze.
Der einzige Lichtblick bei der täglichen Mittagsfolter ist Goliath, ich meine Michael, Papas Praktikant. Er ist lang und dünn, seine Beine passen kaum unter den Tisch, aber irgendwie ist er witzig. Da haben wir schon ganz andere Praktikanten erlebt. Michael kann man auch gut nachmachen. Ich bin inzwischen eine Expertin im Michael-Imitieren.
»Die Messer müssen so liegen, mit dem Scharfen nach innen«, sagt Tabita und vergewissert sich, dass ich auch alles richtig gemacht habe. »Und du hast die Servietten vergessen.«
»Na und? Sonst noch was?«, fahre ich sie an. Ich bin wirklich nicht in bester Stimmung. Der Vorfall nach der Schule geht mir nicht aus dem Kopf. Der kleine Harry oder wie er heißt. Tut er mir leid? Kim würde mit ihrer ätzendsten Stimme sagen: Ach, er tut dir leid, der arme Kleine ... Na so was ... Stimmt, Hendrik war der Name. Aber Harry Potter passt noch besser. Ich bin ganz gut im Erfinden von Spitznamen. Wer braune Haare hat und eine runde Brille, muss sich da echt nicht wundern.
»Na, Miriam, wie war dein Tag?«
Mein Vater poltert herein und wuschelt mir durchs Haar. Ich habe ihm schon tausend Mal gesagt, dass ich das nicht leiden kann, aber es ist zwecklos. Einfach jeder in unserer Familie beharrt auf seinen nervigen Angewohnheiten. Manchmal träume ich davon, Mandys Eltern würden mich adoptieren. Die sind wenigstens cool. Nicht so wie meine. Hände hoch – wer möchte gerne einen Pastor zum Vater? Im Angebot: der wunderbare, unvergleichliche Pastor Manfred Weynard! Zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten ... was, wirklich niemand? Die letzte Gelegenheit. Niemand? Ach.
Tja, niemand meldet sich. Ich hätte es auch nicht getan. Aber mich hat ja niemand gefragt, in was für eine Familie ich hineingeboren werden möchte.
»Hi, Miriam.« Michael duckt sich unter der Lampe hindurch. Ein gläsernes Schirmchen hat er bereits auf dem Gewissen. Ich find’s nicht schlimm. Die Lampe ist sowieso potthässlich gewesen, und er ist so süß, wenn ihm etwas peinlich ist. Dann wird er knallrot. Sogar sein Ziegenbärtchen fängt an zu glühen. Sehenswert. Gut, dass ich nicht die Einzige bin, der es so geht. (Aber schlecht, dass das Rotwerden nicht unbedingt aufhört, wenn man erwachsen ist. Das muss doch irgendwann besser werden!)
Wir setzen uns an den Tisch. Silas beginnt mit seinem Redeschwall, Tabita weist mit penetrant lauter Stimme daraufhin, dass ich die Messer falsch hingelegt habe. »Wir beten«, bestimmt mein Vater und spult sein Lieblings-Tischgebet herunter. »Komm, Herr Jesus, sei du unser Gast, und segne, was du uns gegeben hast. Amen.«
»Es heißt aber eigentlich: was du uns bescheret hast«, verbessert Tabita. »Und Onkel Johannes sagt immer: aus Gnaden. Was du uns aus Gnaden bescheret hast.«
»Onkel Johannes hat ein Motorrad«, weiß Silas und beglückt uns mit seinen Zukunftsplänen, in denen er ein Profi-Motorradfahrer ist. Papa und Michael setzen ein Gespräch fort, das sie im Büro begonnen haben – irgendwas mit dem Gottesdienst am nächsten Sonntag.
Ich konzentriere mich auf meinen Teller und versuche, den Geräuschpegel auszublenden, aber als ich irgendwann doch hochsehe, begegne ich dem Blick meiner Mutter. Sie lächelt.
»Na, Miriam, wie ist es mit der Englisch-Arbeit gelaufen?«
Ich zucke die Achseln. »Geht so.«
»Hattest du nicht geübt?«
»Let’s speak English together«, schlägt Michael vor. »What about an English – äh, Predigt, on Sunday?«
»Sermon«, meint Tabita. »Oh Mann, ich bin erst elf und ich kann besser Englisch als du.«
»Then you may help me.«
»Oh wie schrecklich«, stöhnt sie. »Du bist ein hoffnungsloser Fall, Michi.« Sie ist die Einzige, die ihn Michi nennt. Die meisten anderen finden wohl, dass ein Mann, der zwei Meter misst, auch einen eindrucksvollen Namen verdient.
Aus diesem Grund nenne ich ihn Goliath, wenn er nicht dabei ist.
»Ich kann auch Englisch«, ruft Silas dazwischen und beginnt, alles in seiner Reichweite zu benennen, wobei Tabita ihn ausdauernd verbessert.
Es nützt nichts, schneller zu essen als die anderen. Papa erwartet, dass wir sitzen bleiben, bis alle fertig sind. Danach werde ich dazu verdonnert, die Spülmaschine einzuräumen – warum eigentlich immer ich? Kann mir das jemand mal verraten? –, und dann ist es endlich vorbei.
Mehr oder weniger.
Nicht einmal in meinem Zimmer habe ich wirklich Ruhe. Silas hört Musik, Tabita übt Klarinette, und mein kleines Reich liegt natürlich genau dazwischen. Wieder einmal bereue ich, dass ich mir diesen Raum habe aufschwatzen lassen, nur weil er ein bisschen größer ist als die anderen. Ich hätte lieber die Kammer auf dem Dachboden nehmen sollen, die urgemütlich ist und weit weg vom Rest der Familie. Aber die hat jetzt meine Mutter und benutzt sie für ihr Mittagsschläfchen. Echt ungerecht ist das – schlafen kann man bei mir jedenfalls nicht. Es ist nur zu ertragen, wenn man sich Stöpsel in die Ohren steckt. Mama will nicht, dass ich die benutze – sie meint, man könnte davon schwerhörig werden. Ach ja, Mama mit ihrem Gesundheitsfimmel. Sie ist, wen wundert’s, natürlich auch gegen Handys. Wegen der Strahlung und so. Ich war die Letzte in der Klasse, die eins bekommen hat. Dafür habe ich eins, das wasserdicht ist und als Taschenlampe benutzt werden kann. Papa fragt mich manchmal, ob ich die Kerzen damit anzünden kann oder ob auch eine Nagelfeile dabei ist. Das findet er überaus witzig. Aber man kann mit meinem Handy tatsächlich auch telefonieren.
»Messie? Bist du da?«
»Klaro. – Was?«
Selbst meine Mutter kann nicht verhindern, dass ich mit meinen Freundinnen wichtige Gespräche führe – aber meine Geschwister leider schon. Nicht Handys sind schädlich. Kleine Brüder und Schwestern sind viel gefährlicher für die Gesundheit. Wegen dieser Blagen werde ich irgendwann noch einen Nervenzusammenbruch kriegen. Ich kann Mandy bei dem schrillen Gepiepse, das Tabita mit ihrer Klarinette veranstaltet, kaum verstehen.
»Was? Moment mal.« Ich hämmere gegen die Wand. »Ruhe da! – So, was ist?«
»Wir treffen uns gleich«, sagt Mandy. »Im Park.«
»Ich kann nicht«, gebe ich zu. »Muss noch Hausaufgaben machen.«
»Ich hab meine schon längst fertig.« Das liegt nicht etwa daran, dass sie superschlau ist, sondern dass sie sich ihre Hausaufgaben immer von Steffi machen lässt. Steffi ist die Schnellste von uns vieren, was das Lernen angeht. Kim macht sowieso nie etwas, aber Mandy ist schon einmal sitzengeblieben und will auf keinen Fall, dass das noch mal passiert. Sie will mit mir und Steffi aufs Gymnasium wechseln, nach diesem Schuljahr, und muss dafür einen ordentlichen Abschluss hinlegen.
Natürlich habe ich jetzt ein tierisch schlechtes Gefühl. Wenn Mandy einen dabei haben will, sagt man nicht nein. Man kann ruckzuck wieder unsichtbar werden, wenn man nicht aufpasst. Ich weiß das.
»Wartet ihr auf mich? Ich beeil mich.«
»Tja«, sagt Mandy nur, und das kann ein Ja sein oder ein Nein oder einfach nur: Find’s raus.
Für mich heißt das auf jeden Fall, dass ich mich wirklich beeilen muss.
Tabita hat aufgehört, selber Musik zu machen, doch gerade als ich Gott dafür danken will, dreht sie ihr Radio lauter.
Jetzt reicht es wirklich. Ich stürme aus meinem Zimmer, reiße ihre Tür auf und schreie: »Spinnst du?«
Meine Schwester liegt bäuchlings auf dem Bett und schiebt hastig ein Buch unters Kopfkissen. Als ob ich sie ertappt hätte.
»Kannst du nicht anklopfen? Das macht man eigentlich«, sagt sie mit ihrer Oberlehrerinnenstimme, die mich wie immer zur Weißglut treibt.
Ich schalte das Radio aus und wende mich ihr zu.
»Was liest du da?«
»Nichts. Geht dich nichts an.«
Ihre Nasenspitze beginnt zu glühen. Oh, ich erkenne ein schlechtes Gewissen.
»Was denn?«
Ich schnappe mir das Kissen, in das sie sofort ihre kleinen Hände krallt.
»Hau ab!«
»Das ist aber nicht nett, wie du mit mir sprichst«, sage ich. »Also wirklich, Tabita, wo bleibt deine Höflichkeit?«
Ich werfe mich über sie und ziehe sie von der Matratze auf den Boden, und dann, mit einem Hechtsprung, bin ich selbst auf dem Bett und schleudere das Kissen weg.
Darunter liegt ein ziemlich dickes Buch mit einem Cover in Pastelltönen und dem erstaunlichen Titel: »Das Geheimnis des Grafen.«
»Gib das her!«, kreischt sie.
»Das Geheimnis des Grafen?«, frage ich, immer noch überrascht. Mir wäre nie im Leben in den Sinn gekommen, dass meine kleine Schwester, die allseits korrekte Tabita, Bücher mit solchen Titeln liest. Ich schlage es auf und lese den ersten Satz, auf den mein Blick fällt, laut vor: »Mary schluchzte laut. Der Graf hielt ihr ein seidenes Tüchlein hin, in das sein Wappen und seine Initialen gestickt waren. ›Hier, bitte‹, flüsterte er, und als sie das Tuch nahm, berührten sich ihre Fingerspitzen. – Das ist ja süß.«
»Hör auf zu lachen«, faucht Tabita wütend.
»Du liest Liebesromane? Bist du nicht ein bisschen jung dafür?« Ich halte es hoch, als sie danach greifen will. »Wo hast du das überhaupt her?«
Tabita macht ein finsteres Gesicht.
Ich schlage die erste Seite auf und finde dort nicht etwa den Stempel einer Bücherei. Sondern in feiner Handschrift den Namen: Dorothea Illner. Mamas Mädchennamen.
»Das gehört Mama! Du klaust Mamas Buch?«
»Ich klau sie nicht! Ich – leih sie mir nur aus.«
Ich kann es nicht fassen. Kopfschüttelnd blättere ich weiter. »Sie? Dann gibt es also noch mehr davon? Das wievielte ist es denn? Wo hast du sie her? Aus ihrem Schlafzimmerschrank?«
Meine Schwester starrt mich grimmig an. »Du sagst kein Wort. Wehe!«
»Oh, hier!« Ich kann ein Kichern nicht unterdrücken. »Hier fahren sie mit einer Kutsche durch den Schnee. Wie romantisch! – Der Graf nahm ihre kleine, zarte Hand in seine. Mary wagte kaum, ihn anzusehen. – Warum nicht? Ist er so hässlich? – ›Ich bin von meiner Familie ausgestoßen worden‹, sagte er. ›Ich habe kein Geld. Alle diese Reichtümer gehören gar nicht mir.‹ ›Das macht mir nichts aus‹, hauchte sie.«
Ich kann gar nicht mehr aufhören zu lachen.
Tödlich beleidigt dreht Tabita sich weg.
»He«, sage ich. »Ich lache nicht über dich. Nur, das ist so – so schrecklich kitschig!«
Tabita setzt sich auf ihr Bett und nimmt ihr Kissen auf den Arm. »Na und!«
»Ist das überhaupt für dein Alter geeignet?«, frage ich. »Was machen die denn, außer Händchenhalten?«
Sie wird dunkelrot und sagt nichts.
Ich blättere mich durch den Roman, aber außer einem glühenden Kuss am Ende scheint nichts zu passieren. Kein Sex. Nur ein paar verschämte Küsschen zwischendurch, vor dem Mega-Wahnsinns-Schlussakkord-Kuss, bei dem Mary dahinschmilzt. Ich gebe meiner tomatenfarbigen Schwester das Buch zurück.
»Wirst du das Mama sagen?«, fragt sie kleinlaut.
»Nein«, sage ich. »Aber damit hab ich jetzt was bei dir gut, ja? Die Musik bleibt aus. Ich muss Hausaufgaben machen.«
Es ist immer von Vorteil, wenn man noch einen Trumpf übrig hat. Gerade bei Tabita, die ständig so tut, als sei sie der heiligste Mensch auf Erden.

3.
Ich bin natürlich spät dran, trotzdem hoffe ich, die anderen sind noch da und haben auf mich gewartet.
Haben sie aber nicht. Die Bank am Park, unser Treffpunkt, ist verlassen. Ich gebe mich nicht der Hoffnung hin, dass meine Freundinnen hier irgendwo in der Nähe sind.
Wohin jetzt? Ich setze mich auf die Lehne, die Füße auf der Sitzfläche, und höre ein bisschen Musik. Gleich wieder nach Hause zu fahren, darauf habe ich wirklich keine Lust. Dabei habe ich mich so beeilt!
»Hi, Messie!«
Steffi bremst ihr Klapprad ab und grinst mich erleichtert an. Sie ist wohl ziemlich schnell gefahren, ihr Gesicht gerötet, Schweißflecken unter den Armen.
»Sind wir zu spät?«
Ich grinse. »Scheint so.« Fast hätte ich ihr erzählt, dass ich noch Silas’ Hausaufgaben nachsehen musste. Alternativ hätte ich auch im Garten Unkraut zupfen können, aber das hätte noch länger gedauert. Silas erledigt seine Aufgaben mindestens so schnell, wie er redet, und meistens ist ungefähr die Hälfte falsch, aber wenn man nur kontrolliert, ob er sie gemacht hat, statt jede Aufgabe einzeln nachzugucken, ist das eine Sache von zehn Minuten. Aber das interessiert Steffi sowieso nicht. Ihr Stiefbruder Chris ist älter als sie, also kann sie sich gar nicht vorstellen, was ich durchmache.
Sie seufzt, lehnt ihr Rad gegen die Bank und setzt sich neben mich.
»Guck nicht so. Die wird schon nicht zusammenkrachen«, fährt sie mich an.
»Das hast du jetzt gesagt.«
Steffi kann es absolut nicht leiden, wenn man Bemerkungen über die Schwerkraft und ihre Folgen macht.
Sie seufzt wieder. »Du weißt, was Mandy vorhat, oder?«
»Klar«, lüge ich, obwohl ich absolut keine Ahnung habe. Es gibt mir einen Stich, dass Steffi da mehr wissen sollte als ich. Nun, immerhin ist sie schon viel länger Mandys Freundin. Die beiden kennen sich noch aus dem Kindergarten. Auf den ersten Blick passen sie überhaupt nicht zusammen. Mandy, so schlank und hübsch und mit diesem Blick, der selbst Lehrer einschüchtert ... und Steffi, die von den Ausmaßen her recht ... gewaltig ist, um es freundlich auszudrücken. Sie ist gar nicht so schrecklich dick, aber da sie sehr groß ist und breite Schultern hat, wirkt sie viel mächtiger und auffälliger, als wenn sie bloß klein und mollig gewesen wäre.
»Sie will rausfinden, wo der Winkelmann wohnt«, erklärt Steffi freundlicherweise. »Er will ihr ’ne Fünf verpassen. Damit kann sie sich zu Hause nicht blicken lassen.«
Den Winkelmann haben wir in Französisch. Mandy hasst dieses Fach. Auch Steffis Hausaufgabenbeistand nützt nichts bei Vokabeltests und Abfragen in der nächsten Stunde.
»Und was will sie machen, wenn sie das rausgefunden hat?«, frage ich.
»Keine Ahnung.« Steffi zuckt die Achseln. »Ein Drohbrief?«
»Dann weiß er doch sofort, dass sie es war. Das wird sie nicht tun.« Ich ziele mit dem Zeigefinger auf Steffis Brust. »Geben Sie mir eine Vier, ich flehe Sie an! Eine Vier, oder ich schieße!«
Steffi runzelt die Stirn und sieht mich streng an. Sie zieht sogar eine Augenbraue halb hoch, wie es Herr Winkelmann auch immer macht. »Oh Mandy, dieser Versuch rührt mich zu Tränen. Der Kampf um eine gute Note soll nicht unbelohnt bleiben. Nur noch dieses eine: Übersetze das Ganze in Französisch.«
»Oh nein!«, schreie ich theatralisch. »Alles, nur nicht das!«
Ich kippe filmreif von der Bank und röchele mein Leben aus.
Jemand klatscht. Ein anderer imitiert Gejohle – leider nicht laut genug, um echt zu klingen. Beschämt rappele ich mich schnell auf.
Wir haben Zuschauer bekommen. Ein paar Jungs, mit denen Mandy früher öfter rumgehangen hat, bevor ich zu ihrer Clique gestoßen bin. Ich kenne sie vom Sehen.
»Hi, Steffi«, sagt der eine. Er hat ein rundes, pickliges Gesicht und streichholzkurze Haare. Ein Typ der Marke »Was bin ich nur für ein cooler Checker«. Er trägt eine kaputte Jeans, die aussieht, als hätte er sie so zerrissen gekauft, ein schwarzes Shirt und eine goldene Kette. Auch seine Schuhe müssen tierisch teuer gewesen sein, soweit ich das beurteilen kann.
Ich hasse Jungs mit Goldkettchen. Irgendwie sehen die immer nach Drogendealern aus.
»He, Basti. Was machst du denn hier?« Steffi verzieht angewidert das Gesicht. »Und wo hast du die Trantüten her?«
Er nickt seinen Kumpels zu. »Ach die, die gab’s im Sonderangebot.«
»So sehen die auch aus«, meint Steffi nicht unfreundlich.
Er bietet uns was zu rauchen an. Ich muss dankend ablehnen.
»Ach«, meint er. »Pastor Weynards Tochter darf nicht, oder wie?«
Wenn ich nicht Steffis Freundin wäre, hätte ich nie im Leben mit diesen Kerlen gesprochen. Sie sehen gefährlich aus, aber eigentlich sind sie ganz nett. Ich will auf keinen Fall, dass sie mich für brav und langweilig halten. Aber was soll ich machen? Wenn ich nach Rauch stinkend heimkomme, ist die Hölle los.
Das sage ich auch so.
»Dann ist die Hölle los. In der Kirche. Kannst du dir das vorstellen?« Das sage ich mit meiner feierlichsten Pastorenstimme. Ich muss nur ein bisschen die Schultern hochziehen und sehe aus wie eine Nonne.
Bastian findet das unglaublich lustig. »Ne, echt? Im Ernst? In der Kirche ist die Hölle los. Ha! Ha! Ha!«
Ich werfe Steffi einen zweifelnden Blick zu. »Ist der noch ganz dicht?«
»Ist eben Basti.«
Wir verbringen einen vergnüglichen Nachmittag mit Bastian und seinen Kumpels. Dabei gewinne ich den Eindruck, dass dieser coole Typ ein bisschen in Steffi verknallt ist.
Steffi, der Fels in der Brandung. Eigentlich kaum zu glauben, aber andererseits – warum nicht? Geschmäcker sind verschieden.
Und dann bekommt die Gruppe Zuwachs. Nach und nach werden es immer mehr, was daran liegt, dass die anderen fast jeden kennen, der hier vorbeikommt. Ich will eigentlich schon nach Hause, als Tom auftaucht. Einfach so. Er begrüßt die Jungs und nickt uns ganz flüchtig zu, und ich denke: Er sieht mich nicht, Mist, aber trotzdem, egal, was soll’s.
Er scheint besonders Bastian ganz gut zu kennen, sie reden und reden, über Musik und Filme und was weiß ich, und ich steh nur dabei und bin glücklich.
Das hier wäre nie, nie im Leben passiert, wenn ich noch unsichtbar wäre. Das weiß ich.
»He, du kannst doch schauspielern«, sagt Basti plötzlich, und ich erschrecke mich so, als er plötzlich auf mich zeigt, dass ich fast hintenüber kippe.
»Was? Äh, wieso?«, stammele ich, als ich merke, dass Tom mich das erste Mal so richtig anschaut, als würde er erst jetzt merken, dass es mich gibt.
»Macht das doch noch mal vor«, meint Basti und grinst Steffi an. Ich wusste doch, er mag sie. »Das mit dem Winkelmann.«
Das finde ich jetzt wirklich peinlich, aber Steffi kennt da nix und spielt ihre Rolle, so wie wir es vorhin gemacht haben, und da denke ich: Mensch, Messie, hab dich nicht so. Du bist nicht schüchtern. Du hast keine Angst, vor niemandem. Du bist nicht mehr unsichtbar.
Und da spiele ich mit und vergesse einfach, wer alles zuschaut. Wir übertreiben noch viel mehr als vorhin, und bauen noch ein paar Lehrer mit Wiedererkennungswert ein, und dass die Jungs lachen, schmeichelt mir gewaltig. Ich werfe Tom einen vorsichtigen Blick zu, als ich aufstehe. Er lacht nicht so laut wie die anderen, aber er lächelt, und seine Augen sind so schön, dass ich heulen könnte.
»Du könntest echt im Fernsehen auftreten«, meint Basti, und auf einmal dreht er sich um und sagt: »Oh, oh.«
Denn da kommt Mandy.
Tom verliert sein Lächeln. Nun sieht er vorsichtig aus, als würde ein Hund auf uns zustürmen, der vielleicht bissig ist. Und da denke ich: Ob er sie wohl immer noch liebt? Aber wie gute Freunde kommen sie mir nicht vor, obwohl Mandy zu strahlen beginnt, als wäre sie radioaktiv.
»He, Mädels, was ist denn hier los?«
Ich glaube, Mandy kann es nicht so gut haben, dass wir uns auch ohne sie amüsieren, denn sie zieht sofort die Aufmerksamkeit auf sich und redet noch viel lauter und schneller als sonst und wedelt mit den Händen, fast wie Frau Doggermann.
Ich komme in Versuchung, Mandy nachzumachen, aber das würde sie mir nie verzeihen, also lasse ich es. Aber mein Blick schweift über die anderen und da merke ich, dass Tom sich heimlich verzogen hat. Er ist schon da hinten zwischen den Bäumen, ich sehe nur noch seinen Rücken, und er geht schnell, als könnte er gar nicht rasch genug von hier wegkommen.
Später schlendern wir zu zweit durch die Straßen. Steffi ist schon gefahren, aber ich schiebe mein Rad, weil Mandy zu Fuß ist. Es wird schon dunkel und ich müsste längst zu Hause sein, aber es ist warm draußen und die Luft riecht nach Sommer, und oben auf den Dächern flötet eine Amsel. Ich bin so verliebt, dass ich kaum atmen kann.
»Du, Mandy«, sage ich und nehme dabei all meinen Mut zusammen. Ich hoffe, dass meine Stimme nicht zittert, aber es klingt gar nicht so schlimm, wie ich mich fühle. »Was ist eigentlich mit dir und Tom? Er fährt immer noch ab auf dich, oder?«
»Hey«, sagt Mandy und bleibt stehen. Sie lacht leise. »Du bist doch wohl nicht in ihn verknallt?«
Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendein Mädchen nicht in Tom verknallt ist, aber das sage ich natürlich nicht.
»Vergiss es«, meint sie. »Das ist voll der Loser. Er sieht zwar ganz gut aus und all das, aber – ich meine, im Grunde kommt es darauf gar nicht an.«
Sie wirkt nachdenklich, und während die Amsel sich die Seele aus der Brust singt, sieht Mandy auf einmal nicht mehr wie die absolute Gewinnerin aus, die sie sonst immer ist, sondern traurig.
»Vergiss Tom«, sagt sie noch einmal.
»Warum hast du Schluss gemacht?«, frage ich trotzdem, obwohl ich fühle, dass sie nicht darüber reden möchte. Dass es ihr wehtut. Aber mir tut es auch weh. Ich möchte nicht aufhören, von ihm zu träumen. Ich möchte auf keinen Fall, dass sich das vielleicht gar nicht lohnt. »Du musst es mir nicht sagen, wenn du nicht willst«, füge ich schnell hinzu, denn ihr Gesicht sieht so still und jung aus, und mir fällt ein, dass sie nur ein Jahr älter ist als ich. Dabei kommt sie mir die meiste Zeit viel erwachsener vor als wir anderen.
»Der ist nichts für dich«, sagt Mandy streng, und jetzt bin ich auch traurig, weil sie es ist und weil ich damit angefangen habe und weil ich doch wissen muss, was mit Tom los ist, und weil ich ihre Freundin bin und sie mir nicht so sehr vertraut, dass sie mir alles anvertraut. Aus allen diesen Gründen bin ich traurig und dieser Sommerabend im August kommt mir vor wie ein Schauspiel, das die Natur für uns aufführt, sodass man für eine Weile glaubt, dass die Welt schön ist und voller Liebe und dass Träume in Erfüllung gehen können. Ich weiß plötzlich, dass dies der schönste Sommer meines Lebens ist, und das ist mehr, als ich ertragen kann. Tja, manchmal habe ich solche Anwandlungen.
Wenn ich ein Gedicht darüber schreibe, geht es mir besser. Meistens jedenfalls.
Mandy seufzt, und einen Moment lang bin ich mit ihr zusammen über Tom enttäuscht. Sie ist so hübsch und liebenswert und es ist kaum zu fassen, dass ein Junge ein solch tolles Mädchen gehen lässt. Ein paar Meter lang bin ich für sie traurig und nicht für mich, und ich wünsche ihr, sie wäre noch mit ihm zusammen. Obwohl es ja trotz allem ein Glücksfall für mich ist, dass sie es nicht ist.
Wir kommen am italienischen Eiscafé vorbei, wo immer noch Leute sitzen und Lärm machen. Der Abend ist zu schön, um laut zu sein. Ich will eigentlich nur ganz still dasitzen und horchen und die Luft einatmen, die nach Straße riecht, nach Staub und nach Blumen, aber Mandy ist schon wieder munter und man sieht ihrem Gesicht nicht mehr an, dass sie eben noch traurig war.
»He, frag mich, worauf ich Appetit habe.«
»Erdbeereis«, sage ich, denn das ist es, was mir gerade so einfällt.
Sie grinst. »Stell dein Fahrrad ab. Da ist noch ein Tisch frei.«
Wir setzen uns und ich denke daran, dass ich zu Hause anrufen müsste, um Bescheid zu sagen, dass ich mich verspäte. Aber dann würde Mama sagen: Kommt gar nicht in Frage, morgen ist Schule, du bist in fünf Minuten da, kapiert? Und weil ich das nicht will, rufe ich lieber gar nicht an.
Hier zu sitzen und mit Mandy Eis zu essen, so was habe ich früher nie getan. Als ich noch unsichtbar war. Ich war eigentlich meistens zu Hause in meinem Zimmer und habe mich gelangweilt. Habe Musik gehört und Gedichte geschrieben und mich mit Tabita gestritten.
»Weißt du was, Messie«, sagt Mandy und taucht den Löffel in die Sahne, »so müsste das Leben immer sein.«
»Finde ich auch«, sage ich. Dies ist eindeutig der schönste Sommer meines Lebens. Ich werde ihn genießen, solange er dauert, das verspreche ich.
»Guck mal, wie die dort isst, mit dem Kinn fast im Teller.« Sie beginnt glucksend zu kichern. Also mache ich die Frau am Nebentisch nach, und Mandy filmt heimlich mit ihrem Handy erst sie und dann mich, damit ich sehen kann, wie gut ich das hinbekomme.
»Jetzt du«, sage ich. »Das Paar dort hinten an der Scheibe. Kannst du so sitzen wie der Typ?«
Unsere Freundschaft ist noch nicht so weit, dass ich Mandy sagen kann, was sie tun soll. Das heißt, früher hätte ich mich das nicht getraut. Aber heute, nach unserem Gespräch über Tom, ist es irgendwie anders. Jetzt bin ich schon eine Stufe weiter. Deshalb schlage ich das vor und sie lacht und sagt: »Du, das kann ich nicht«, aber dann macht sie es doch und hängt so im Plastikstuhl wie der Eisesser da hinten, die Arme über die Lehne, den Kopf nach hinten, als würde er gleich einschlafen. Wir lachen uns halbtot, aber so unterdrückt, dass nicht alle hersehen.
Ich filme Mandy und zeig es ihr und sie lacht. Ja, sie kann auch über sich lachen.
»Mit dir macht alles so viel Spaß«, sagt sie zu mir. »Und dabei dachte ich, als ich in eure Klasse gekommen bin, dass mit dir nichts los ist. Noch so eine fromme Spinnerin, hab ich gedacht.«
Autsch. »Ich kann doch nichts dafür, was mein Vater für einen Beruf hat«, sage ich.
Sie lächelt entschuldigend. Nein, sie lächelt gar nicht mich an. Sondern den jungen Mann am Nebentisch, der dort mit seiner Freundin Eis schleckt. Seine Begleitung ist hübsch, aber natürlich nicht so hübsch wie Mandy.
»Ich finde es ganz okay, dass du eher ruhig bist«, meint Mandy. »Bei Kim muss immer was los sein, das nervt manchmal echt.«
Nochmals autsch. Ich hasse es, wenn man mir sagt, dass ich ruhig bin. Ich meine, was soll das bedeuten? Dass ich unsichtbar bin, obwohl ich mich doch so anstrenge, es nicht zu sein? Dass ich wenig spreche? Das stimmt gar nicht. Manchmal habe ich mir die Mühe gemacht und extra gezählt, wie viel die anderen sagen und wie viel ich sage. Ich liege da eigentlich ganz gut im Mittelfeld. Man muss ja nicht pausenlos quatschen, oder? Deswegen weiß ich immer noch nicht, was es heißen soll, dass ich angeblich ruhig bin. Ich hasse es! Weil es einfach nicht stimmt. In mir ist immer jede Menge los. Wenn ich alles sagen würde, was ich denke – dann müssten sich die anderen wohl die Ohren zuhalten.
»Ich find’s gut«, sagt Mandy. »Du wirkst so harmlos, aber du hast es faustdick hinter den Ohren.«
Weil es so nett klingt, weiß ich nicht, ob ich mich ärgern soll oder nicht. Ja, es ärgert mich, weil ich es SCHON IMMER schrecklich fand, wenn jemand das sagt. Harmlos und ruhig. Brav. Die fromme Pastorentochter. Und doch – bei ihr klingt es irgendwie anders. Und ich bin hier, mit ihr, und es wird dunkel und ich bin glücklich.
»He«, sagt Mandy und beugt sich vor. »Siehst du das?«
Da geht der Winkelmann, mit einer Frau im Arm. Schlendert an den Tischen vorbei.
»Schnell«, zischt Mandy, »mach ein Foto. Los!«
Ich habe mein Handy noch in der Hand, deshalb ist das kein Problem. Ich fotografiere die zwei, die schon im nächsten Moment an uns vorüber sind.
»Schick es mir«, sagt Mandy. Sie ist ganz aufgeregt. Versonnen betrachtet sie das Bild.
»Jetzt bekomme ich die Qualifikation fürs Gymnasium«, sagt sie. »Meine Franze-Note ist gerettet.«
»Warum?«, frage ich. »Weil du ein Foto vom Winkelmann hast?«
»Besser«, meint sie und grinst. »Ein Foto von ihm mit seiner Freundin.«
»Und?« Ich bin nicht schwer von Begriff, aber bei mir ist der Groschen immer noch nicht gefallen.
»Er ist verheiratet«, sagt sie. »Wusstest du das nicht?«
»Vielleicht war das seine Frau?«, vermute ich. Ich schau mir das Bild noch mal an. Die Blondine, die da am Arm unseres Lehrers hängt, ist ziemlich jung. »Oder seine Tochter?«
Mandy ist glücklicher und aufgeregter, als ich sie je erlebt habe. »Ich weiß, wie seine Frau aussieht.« Sie strahlt über beide Ohren. »Und seine Tochter ist neun oder zehn. Das ist definitiv seine Freundin. Ha, erwischt!«
»Was hast du denn jetzt vor?«, frage ich.
Definitiv die falsche Frage. Sie schaut mich an, als wäre ich vollkommen blöd.
»Ja, was wohl?«, fragt sie zurück. Ein bisschen schroff. Doch sofort wird ihr Lächeln wieder weich. »Das war ein echter Glückstreffer«, meint sie. »Ich glaube, du bringst mir Glück, Messie.«
Ich habe euch zusammen gesehen. Wie zufrieden du bist, wie laut du lachst.
Manchmal wünsche ich mir, ich könnte auch so lachen. Aber ich kann nicht aufhören, daran zu denken. Ich habe es versucht, doch leider funktioniert es nicht. Eine Kleinigkeit, würdest du sagen. Du würdest es nicht verstehen.
Solche wie du verstehen gar nichts.
Eine Kleinigkeit? Aber für mich ist es das nicht. Es ist mein ganzes Leben, kapierst du das nicht?
Und wenn ich dein Leben nehme und in den Staub trete? Was sagst du dann? Wenn wir den Spieß einmal umdrehen? Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn du tot wärst.
Ich sehe auf dich herunter und das Lachen ist dir endlich vergangen. Dein Gesicht ist still und friedlich. Weiß und reglos.
Das tut irgendwie gut.
Webhexe, Blogeintrag vom 16. August

4.
Leute, die man kennt, sehen immer irgendwie anders aus als die Leute, die einem fremd sind.
Wie ich das meine? Ich könnte zum Beispiel gar nicht sagen, ob meine Schwester Tabita hübsch ist. Weil ich sie täglich sehe. Oder wie mein eigenes Gesicht auf andere wirkt – keine Ahnung. Wenn ich es auf einem Foto sehen würde und für einen Moment vergessen könnte, wer das ist – ja, dann könnte ich vielleicht beurteilen, ob ich attraktiv bin oder nicht.
Manchmal versuche ich, mich mit fremden Augen zu sehen. Aber so richtig gelingt mir das nie. Mir fällt dann bloß auf, was peinlich ist. Es muss nur ein ganz kleiner Pickel sein, aber ich stelle mir vor, dass alle nur darauf starren.
Unsinn, ich weiß.
Aber so bin ich nun mal. Sobald ich jemanden kenne, ist er nicht mehr hübsch oder hässlich, sondern einfach nur normal. Außer Tom natürlich. Aber den kenne ich ja auch nicht richtig. Ich sehe ihn immer nur von weitem und er sieht gleichbleibend umwerfend aus. Im Vergleich mit Tom kommen mir alle anderen Jungs einfach nur langweilig und uninteressant vor.
Bis dieser recht große, blonde Junge über unseren Schulhof marschiert.
Wir sind eine große Schule und der Hof wird auch vom Gymnasium und der Hauptschule benutzt. Man kann gar nicht alle kennen, aber die meisten sind einem vom Sehen her vertraut. Da gibt es keinen Zweifel: Wir sind uns sofort alle einig, dass dieser Blonde neu ist.
»Den habe ich ja noch nie hier gesehen.« Kim zieht die Stirn kraus. »Gehört der zu uns oder zum Gymnasium?«
Wir sehen ihm nach, wie er sich durch die Massen an Schülern schiebt.
»Gymnasium«, meint Steffi und seufzt. »Bestimmt. Wir gehen immer leer aus.«
»Der ist sowieso zu alt, um noch auf die Realschule zu gehen«, finde ich. »Bestimmt ist er in der Oberstufe.«
»Mr. Right«, schmachtet Steffi. »Endlich mal einer, der groß genug ist für mich. Herrje, es geschehen noch Wunder. Ich danke dir, lieber Gott!«
»Ein paar Schuhnummern zu groß für dich«, sagt Kim, ohne irgendjemand Bestimmtes anzusprechen. Vermutlich meint sie mich. Wie gemein. Ob jemand von uns sein Typ ist, kann man ja nicht wissen. Wenn der Blonde zwei, drei Jahre älter ist als wir, sind wir ihm wahrscheinlich zu jung. Aber auch das ist schließlich bloß eine Vermutung.
»He!« Ich beschließe, mich zu wehren. Kim ist nicht immer die Netteste; wenn man nicht aufpasst, bekommt man von ihr so einiges ab. Verbal zurückschlagen ist gefährlich, denn sie hat recht wenig Humor. Doch wenn man alles einsteckt, verliert sie jeden Respekt vor einem und hört gar nicht mehr auf. »Wer sagt das? Du willst ihn wohl für dich, wie?«
»Ach Messie, an den traust du dich ja doch nicht heran«, meint sie.
»Du wirst ja sehen«, sage ich.
»So wie bei Tom?«
Dazu schweige ich. Trotz aller ihrer Sticheleien habe ich es immer noch nicht fertig gebracht, auch nur ein einziges Wort zu ihm zu sagen. Kein Wunder, dass Kim glaubt, ich wäre generell zu feige, um mit Jungs zu sprechen. Sie ist nicht dabei gewesen, als Steffi und ich herumgealbert haben. Kim würde mir das gar nicht zutrauen. Sie denkt pausenlos, ich wäre zu feige für alles und jedes. Das bin ich nicht! Nur bei Tom – das ist etwas anderes. Eine Abfuhr von Tom würde ich nicht so schnell verkraften. Bei Tom bekomme ich weiche Knie. Solange er nichts davon weiß, kann ich wenigstens ungestört von ihm träumen. Mandy hat mich zwar gewarnt, aber Träume sind hartnäckig und lassen sich nicht einfach abstellen.
Und manchmal sind Träume eben doch ein guter Ersatz für die harte Wirklichkeit, die einen unweigerlich einholen wird. Ich bin sechzehn und kein Kind mehr. Dass sie einem einreden, man könnte alle seine Träume verwirklichen, wenn man nur fest genug daran glaubt – tja, mit mir nicht.
Die Welt ist viel dunkler und geheimnisvoller als das. Und es gibt keine Macht, die einen auf einen Schlitten setzt und durch den Schnee zieht.
Manchmal stelle ich mir vor, wie das wäre. Man sitzt also auf dem Schlitten und Gott, eine Papafigur mit weißem Bart, eingehüllt in einen dicken Mantel mit Pelzkragen und einer russischen Pelzmütze, zieht einen durchs Leben.
Und wenn man während der Fahrt aufsteht, fällt man mit dem Gesicht in den Schnee. Weich.
Das ist das, was Papa sonntags predigt. Dass wir schon mal fallen, aber nie tiefer als in Gottes Hand.
Woher will er das wissen? Es klingt gut, aber wenn ich mir vorstelle, dass ich falle, ist da gar nichts. Nur kalter Schnee, als würde man von einer Horde johlender Jungs über den Schulhof gejagt und eingeseift.
Man weint. Und die Lehrer kümmert es nicht. Für die Lehrer ist man unsichtbar.
So ist das Leben.
Jedenfalls kommt es mir meistens so vor.
»Aber du hast ja himmlischen Beistand«, spottet Kim und grinst. Kim, die einen Kopf kleiner ist als ich und trotzdem so stark, dass sich kein Junge an sie herantraut. Bestimmt haben sie alle Angst davor, ihr Exfreund zu sein.
Außerdem kann man bei ihr für einen dummen Anmachspruch buchstäblich eins auf die Schnauze bekommen.
»Gilt das auch für mich?«, fragt Steffi lauernd. Sie ist ja, wie gesagt, besonders empfindlich, was Bemerkungen über ihr Äußeres angeht. »Glaubst du, ich brauche himmlischen Beistand?«
Kim lacht bloß. »Jetzt bin ich aber gespannt, wer schneller ist, Mädels.«
Kim tut immer so, als würde ihr überhaupt niemand gefallen, dabei weiß ich genau, dass das nicht stimmt. Sie hat mir einmal anvertraut, dass sie heimlich Schlager hört. Deutsche Liebeslieder, bei denen sie den Text mitsingt. Ich ziehe sie natürlich nicht damit auf. Sie kann boxen, das vergesse ich nie.
»In der Mensa könnt ihr euch ja auf ihn stürzen«, sagt Mandy trocken. Mandy, die in letzter Zeit auffällig wenig sagt. Geht es ihr nicht gut?
Manchmal denke ich, ich sollte nicht so genau hinsehen. Das Leben ist leichter, wenn man nicht so viel sieht. Wenn man Scheuklappen anlegt und einfach losmarschiert. Sonst kommt man nie irgendwo hin.
Die Pausenglocke ruft uns zurück ins Klassenzimmer, und ich habe den hübschen Neuen eigentlich schon wieder vergessen. Bis er in der Mensa plötzlich vor mir steht. Wie immer ist dort ein einziges Gedränge und Geschiebe. Der Lärm könnte von einem Rudel Löwen stammen, die in eine schmerzhafte Falle geraten sind. Zusätzlich, überlege ich, hat man ein Dutzend Affen in die Grube geworfen, die keine Lust haben, als Löwenfutter zu enden, aber auch nicht die steilen Wände hochkommen. Und als Gratis-Dreingabe noch ein paar an den Schwänzen zusammengebundene Katzen und Hunde.
So in etwa. Jedenfalls verursacht mir das Getöse Kopfschmerzen, und ich habe keine Lust, mich wie meine Freundinnen in der Schlange für Spaghetti Bolognese anzustellen. Da ich mir nur einen Salat genommen habe, suche ich schon nach einem Tisch mit vier freien Plätzen. Da hinten ist alles besetzt. Die Gänse-Clique labt sich an Salat ohne Öl. Typisch. Lisa-Marie sieht halb verhungert aus. Gut, ich werde zwar auch bloß einen Salat essen, aber wenigstens mit einer richtigen Soße. Ohne ist es nur Grünzeug und schmeckt nach nix. Aber ich habe auch nicht vor, Kalorienzählen und Diättipps zu meinem einzigen Gesprächsthema zu machen.
»Na, hast du dich verirrt?«, fragt Lisa-Marie höhnisch.
Zu denen setze ich mich bestimmt nicht. Ich drehe mich um und da taucht der Neue plötzlich auf. Aus der Nähe besehen ist er – und das kommt echt selten vor, glaube ich – sogar noch attraktiver. Und jünger. Viel älter als ich kann er eigentlich nicht sein. Seine Augen sind graublau. Oder doch eher blau?
Warum schaue ich ihn überhaupt an? Um es Steffi nachher zu erzählen? Um Kim zu beweisen, dass ich keine Angst habe? Ich habe sowieso nicht vor, ihn anzusprechen. Nicht im Traum.
Zu dumm, dass ich in Tom verliebt bin, denke ich. Der hier könnte mir auch gefallen.
»Miriam? Ich hab ja gleich gewusst, dass du es bist.«
Meint er mich? Hat er gesprochen, Mr. Traumprinz? Ich starre ihn an und merke, wie ich rot werde. Vor Schreck. Was fällt diesem Typen ein, mich zu kennen?
»Äh ...?«, mache ich hilflos und versuche, irgendetwas Bekanntes an ihm zu entdecken.
»Daniel«, stellt er sich freundlich vor und grinst. In seinen Wangen erscheinen kleine Grübchen. Ich starre ihn hingerissen und vermutlich reichlich blöde an und kapiere immer noch nichts. »Daniel Hartmann. Weißt du nicht mehr, wir waren im Kindergottesdienst in derselben Gruppe. Und haben uns nach Kräften geärgert.«
Ich forsche in meinem Gedächtnis nach einem Daniel, der mich vor vielen Jahren geärgert haben könnte, und finde einen blonden, verstrubbelten Zehnjährigen, der nicht stillsitzen konnte und die nervöse Kinderstundentante, die uns biblische Geschichten erzählen wollte, regelmäßig in den Wahnsinn trieb.
»Der Daniel? Du hast deine Kaugummis in meine Haare geklebt!«, stammele ich. »Du warst das? Ich meine, du bist das?«
»Daran erinnerst du dich noch?« Er lächelt. »Und ich habe gehofft, meine Schandtaten wären in Vergessenheit geraten.«
»Du hast immer am meisten Bibelverse auswendig gekonnt und die Belohnung gekriegt – die ich haben wollte!«
Dieses Lächeln. Wie kann aus einem unausstehlichen Bengel so etwas werden – wie das da? Ich bin damals wirklich froh gewesen, als seine Familie weggezogen ist, und habe ihn keine Sekunde vermisst.
»Wenigstens konnte ich sie wirklich auswendig. Du hast dir den Vers in die Hand geschrieben und abgelesen.«
Er ist es wirklich. Ich kenne ihn von früher. Und – es ist merkwürdig, aber ich habe ja erzählt, wie es mit mir und Gesichtern funktioniert – sobald ich weiß, dass ich ihn kenne, ist er auf einmal gar nicht mehr so attraktiv. Er ist immer noch blond und groß und an seinem Lächeln hat sich nichts geändert. Aber schlagartig hört er auf, sexy zu sein.
So ist das bei mir. Manchmal habe ich Angst, was passiert, wenn ich Tom jemals besser kennenlerne. Werde ich dann auch aufhören, ihn attraktiv zu finden, und er wird ganz normal und durchschnittlich auf mich wirken?
»Also dann, wir sehen uns«, sagt Daniel und verschwindet in der Menge.
Mit ihren Tabletts in den Händen erscheinen meine Freundinnen. Sie sehen an mir hoch und runter, als hätte ich mich in der Zwischenzeit in ein Gespenst oder sonst etwas Unheimliches verwandelt.
»Du baggerst Mr. Hübsch und Blond an?«, fragt Kim fassungslos.
»Ich dachte, du bist unsterblich in Tom verliebt«, rügt Steffi streng.
»Bitteschön, du kannst ihn haben«, sage ich. »Er heißt Daniel.«
»Hast du ihn auch nach seiner Handynummer gefragt?«
Ich könnte es ihnen erzählen. Dass ich ihn von früher kenne. Dass er mich angesprochen hat und nicht ich ihn. Aber eigentlich gefällt es mir ziemlich gut, wenn sie mich für mutiger halten, als ich bin. Manchmal finde ich es ganz schön schwer, mit ihnen mitzuhalten. Da muss ich ja nicht herausposaunen, dass dieser Daniel mir vor ein paar Jahren Kaugummi in die Haare geklebt hat. Meine Mutter hat es herausschneiden müssen und es hat zig Monate gedauert, bis die Strähne nachgewachsen ist.
»Bitteschön«, wiederhole ich, während ich mich zu einem Tisch durchschiebe, an dem gerade ein paar Plätze frei werden, »tu dir keinen Zwang an.«
In der Klasse spricht Steffi von nichts anderem als dem schönen Blonden. Sie geht einem geradezu auf die Nerven damit und kritzelt seinen Namen auf die Tischplatte, mit tausend Kringeln und Herzchen und so. DANIEL. Ich könnte ihr seinen Nachnamen verraten, mache ich aber nicht.
Herzchen. Kringel. Herzchen. Kringel. Schleife.
»Muss das sein?«, fragt Mandy genervt.
Ich entdecke einen Radiergummi auf dem Boden und bringe ihn sofort zum Einsatz, obwohl Steffi mitleiderregend seufzt. Aber Herzchen auf dem Tisch? Ich bin ja durchaus romantisch veranlagt, aber das geht zu weit. Obwohl ich es vielleicht auch übertreibe, was Tom angeht – meine Gedichtmappe ist ebenfalls von oben bis unten verziert -, lasse ich die anderen wenigstens nicht mitleiden. So etwas würde ich nie tun.
Der Lehrer vorne erzählt irgendwas und ich schweife in Gedanken ab und ertappe mich dabei, dass ich ein Gesicht auf den Heftrand zeichne. Allerdings kann ich nicht besonders gut zeichnen und man erkennt nicht, wer es sein soll.
Ein Glück.
Nach einem anstrengenden Sportprogramm will ich nach Hause fahren und muss feststellen, dass meine Reifen platt sind. Lernt dieser miese kleine Hendrik denn gar nichts? Und dabei habe ich ihn heute und gestern und überhaupt seit wer weiß wie vielen Tagen verschont! Weil ich es vergessen habe. Vielleicht auch, weil ich es vergessen wollte. Das habe ich jetzt davon!
»Ich habe eine Pumpe«, sagt Steffi. Aber die nützt mir nichts. Der Reifen ist zerstochen. Auch das noch. Wie kann er es wagen! Mir bleibt nichts anderes übrig, als zu schieben. Hundemüde und viel zu spät komme ich zu Hause an und lande wie immer in einem Tollhaus, wo sämtliche Geschwister herumschreien und Lärm machen. Es hört sich an, als wären es zehn Kinder und nicht zwei.
Ich überlege, ob ich Tabita mit ein paar dezenten Andeutungen über ihre Lesegewohnheiten erschrecken soll, entscheide mich aber dagegen. Das spare ich mir lieber für eine Situation auf, in der es nützlicher ist. Ich verkrümele mich in mein Zimmer, doch der Hunger treibt mich in die Küche. Der Salat ist wohl doch etwas wenig gewesen. Ich habe mir vorgenommen, etwas abzunehmen, um vielleicht so Gnade vor Toms Augen zu finden. Nur ein oder zwei Kilo, mehr nicht.
Meine Mutter putzt gerade das Küchenfenster und singt dabei. Ich kann mir eigentlich keinen Grund vorstellen, warum man beim Putzen singen sollte. Außer vielleicht, man ist verliebt. Aber bitte, sie und Papa sind seit achtzehn Jahren oder so verheiratet. Ihre Ehe ist quasi volljährig. Ich kann mir nicht vorstellen, dass mir nach einer solchen Ewigkeit noch zum Singen zumute wäre.
»Ach, Miriam«, sagt sie. »Du erinnerst dich doch noch an die Hartmanns aus unserer Gemeinde? Die sind wieder da.«
Erzähl mir was, was ich noch nicht weiß.
»Ach«, meine ich.
»Du weißt doch noch, dieser Junge mit dem Kaugummi?«
»Wie könnte ich das jemals vergessen«, knurre ich, während ich den Kühlschrank nach einer essbaren Jogurtsorte durchsuche. Blaubeere? Pfirsich-Maracuja? Gibt es keinen Schokoladenjogurt? Ich beschließe, mir einen Toast zu machen.
»Also, die sind wieder zurück. Dietmar wurde versetzt. Die Firma hat den anderen Standort wieder dichtgemacht.«
»Aha«, sage ich.
»Die Tochter macht zurzeit ein Freiwilliges Soziales Jahr, frag mich nicht wo.«
Als wenn ich das vorgehabt hätte.
»Und der Junge ... Mist, jetzt habe ich vergessen, wie er heißt.«
»Daniel«, werfe ich hilfsbereit ein.
»Stimmt. Daniel. Den wirst du ja dann heute Abend im Life and Hope treffen. Du gehst doch hin?«
»Ich bin so müde. Ich hab echt keine Lust auf so eine langweilige Jugendgruppe. Ich wollte mich eigentlich mit Mandy und den anderen Mädels treffen.«
»Langweilige Jugendgruppe?« Sie zieht die Brauen hoch. »Du überraschst mich, Miriam. Das wird bestimmt spannend.«
Meine Mutter kann sich nicht vorstellen, wie man eine kirchliche Jugendgruppe langweilig finden könnte. Dass Goliath, der Englisch-Checker, die Gruppe »Life and Hope« genannt hat, ändert nichts daran, dass man herumhockt, zu Gitarrengeklimpere öde Lieder singt und sich eine staubtrockene Bibelarbeit anhören muss.
Es ist mir schon mehrmals gelungen, nicht hinzugehen, indem ich Müdigkeit und schulische Überarbeitung vorgeschützt habe. Doch bei einem Pastor als Vater wird von einem erwartet, dass man dabei ist, und wenn ich keinen Ärger haben will, kann ich die Life and Hope-Folter nicht zu oft ausfallen lassen.
Manchmal überlege ich, wie es wohl ankommen würde, wenn ich hingehe und zu allem und jedem meine ehrliche Meinung sagen würde. Nicht nur irgendwas, weil es grad passt. Sondern wirklich das, was mir auf der Seele brennt.
Woher wollt ihr wissen, dass es Gott wirklich gibt? Und wenn, dass er so ist, wie ihr ihn euch vorstellt? Glaubt ihr wirklich, er ist der Weihnachtsmann, der eure Gebete um gutes Wetter erhört, und dass ihr mit göttlicher Hilfe eine Zwei schreibt?
Wie das ankommen würde? Nicht so gut. Also lasse ich es. Manchmal stauen sich die frechen Fragen, die ich ungesagt herunterschlucke, so an, dass ich mir wie ein Staudamm vorkomme, der jede Sekunde bersten könnte.
WOHER WISST IHR DAS?
Ich frage es nicht. Denn dann kämen alle anderen Fragen sofort hinterher. Etwas Schlimmeres kann gar nicht passieren.
Fragen-Hochwasser. Eine richtige Fragen-Überschwemmung. Und alle ihre vorgefertigten Antworten würden weggeschwemmt werden.
Habe ich Angst davor?
Vielleicht habe ich ja auch bloß Mitleid.
Ich streiche mir dick Sandwich-Creme auf mein Toastbrot und versuche, mich an den Gedanken zu gewöhnen, dass ich meine alte Kindergottesdienst-Bekanntschaft möglicherweise heute dort treffe. Ändert das etwas?
»Ich habe Mandy versprochen ...«, fange ich an, aber auf die Schnelle fällt mir nicht ein, was ich ihr versprochen haben könnte.
Meine Mutter wringt ihren Putzlappen aus.
»Das kannst du auch ein anderes Mal. Der kleine Daniel freut sich bestimmt, ein bekanntes Gesicht zu sehen.«
Der kleine Daniel? Sie hat ja keine Ahnung, wie er jetzt aussieht. Einen Kopf größer als ich! Und dabei ist er erst – sechzehn? Siebzehn? Ich bin mir nicht sicher. Ist er ein Jahr älter als ich? Oder nur ein paar Monate? Für meine Mutter ist er immer noch der kleine Junge, der so frech gegrinst hat. Wenn ich mich recht erinnere, hat er die Kinderstundentante – wie hieß sie doch noch? – dazu gebracht, mit ihrer Mitarbeit in der Gemeinde aufzuhören. Als die Familie Hartmann die Stadt verlassen hat, ist sie mit einem Seufzer der Erleichterung wieder eingestiegen.
Es wird einige Leute geben, die sich über seine Verwandlung wundern werden. Das darf ich eigentlich auf keinen Fall verpassen. Außerdem will ich Goliath noch fragen, ob er mein Fahrrad reparieren kann.
Du drängst dich an mir vorbei. Ich spüre deine spitzen Ellbogen in meiner Seite.
Immer musst du dich vordrängeln.
Du stiehlst. Und du merkst es nicht einmal. Oder freust du dich über deine Beute?
Wenn du dir nimmst, was mir gehört?
Ich kann kaum atmen, wenn ich dich sehe. Aber du bemerkst das natürlich nicht.
Dreht sich irgendetwas in deinem Kopf mal nicht um dich? Na klar, ich bin ja auch unsichtbar. Wie kann ich auch erwarten, dass du etwas mitbekommst davon, was in anderen Leuten vor sich geht!
Webhexe, Blogeintrag vom 19. August

5.
Daniel ist gar nicht da.
Mist. Jetzt habe ich mich extra aufgerafft und bin ins Gemeindehaus gestiefelt und es sind sowieso nur dieselben da wie immer. Die Verteilung der Gruppenmitglieder ist ziemlich genauso wie in meiner Klasse. Es gibt ein paar Außenseiter, merkwürdige Gestalten, die kaum ein Wort herausbringen, und auch eine kleine Gänseschar – perfekt gestylt, für den Fall, hier den Partner fürs Leben zu treffen. Die Gänse sind diejenigen, die sich immer hervortun wollen. Sie wissen alles und sie kennen sämtliche Lieder auswendig und sie können stundenlang darüber diskutieren, ob es einen Unterschied macht, wenn man beim Singen die Hände in die Luft streckt oder nicht. Hier in der Kirche bedeutet »Gans sein« nicht bloß, wunderschön sein zu wollen. Es bedeutet, perfekt zu tun. Ganz zu sein. Und nie, nie, niemals irgendwie zerrissen zu wirken. Tine ist in unserer Kirche die Obergans. Die Superfromme. Sie ist über alles und jedes schockiert und man kann sie herrlich nachahmen. Sie erinnert mich an meine Schwester Tabita, die ja auch immer alles besser weiß.
Dann sind da noch die »Normalen«. Natürlich sind die Normalen, die in die Kirche gehen und am Donnerstag Abend eine Jugendgruppe besuchen, die auf den inspirierenden Namen Life and Hope hört, nicht so normal wie die Normalen an der Schule. Das wunderbar Normale an ihnen ist, dass sie nicht so recht wissen, was sie hier wollen und warum sie eigentlich hergekommen sind. Außer um Spaß zu haben, natürlich.
Das Gänseleben ist mir vertraut. Ganz ehrlich. Ich kenne alle Bibelstellen auswendig und mit diesen Liedern bin ich groß geworden. Ich weiß alles und kann alles und ich lasse mir nicht anmerken, dass mich das alles nicht die Bohne interessiert.
So sind Gänse nun mal. Außen alles voller schöner weißer Federn.
Ich könnte mich auch zu den Normalos zählen, denn so wie die weiß ich nicht, warum ich hier bin. Was würde passieren, wenn ich anfange, meine Fragen zu stellen? Zu sagen, was ich wirklich denke? Würde der gutmütige, immer freundliche Riese Goliath mich dann vor die Tür setzen?
Doch ich bilde hier meine eigene Gruppe: »Tochter vom Pastor.«
»Schön, dass du auch mal wieder da bist, Miriam«, sagt Michael zu mir, und ich grinse schief und denke: Wenn du wüsstest ...
Aber vielleicht tut er das ja? Ich meine, nicht, dass er Gedanken lesen könnte, aber vielleicht hat er ja tatsächlich eine Antwort.
WOHER WISST IHR DAS?
Und er würde antworten: ... keine Ahnung, was.
Weil man das halt so glaubt, in der Kirche. Oder weil man so tut, als würde man das glauben. Oder weil ...
»Heute sprechen wir über das Gebet«, sagt er.
Die Gänse-Fraktion kichert, wie über alles, was er sagt. Ich versuche zu erkennen, ob Michael irgendwie gut aussieht, aber es ist wie bei diesen verschlüsselten 3D-Bildern. Manchmal überkommt einen dieser Moment von Klarheit, wenn man bis in die Tiefe sehen kann. Und manchmal ist alles nur voller Hieroglyphen und man erkennt gar nichts.
Ehrlich – ich weiß es nicht.
»Darüber, dass wir Gott alles anvertrauen können. Unsere Sorgen und Nöte ...«
Nöte. Das ist Bibelsprech. Wer sagt denn heutzutage: Ich habe Nöte?
Ich kenne jedenfalls keinen.
»Ja, Miriam? Du siehst aus, als fändest du das lustig.«
»Äh, nein«, versichere ich schnell. »Ganz und gar nicht. Das ist sehr, ähm, ernst.«
Er schüttelt lächelnd den Kopf. Ich sehe rasch zu Tine hinüber, wie sie darauf reagiert. Mag sie ihn oder nicht? Aber ich kann nichts in ihrer steinernen Miene erkennen.
»Wer möchte was zum Thema erzählen?«
Die Perfekten sind wie immer ganz versessen darauf, ihre Wunder mitzuteilen.
Ihr ganzer Alltag ist von Wundern gepflastert.
Eine Zwei in Latein, obwohl Nele nicht geübt hat – wow!
Katis Vater hat endlich einen Job. Super! (Das ist eine recht häufige Gebetserhörung von Kati. Nur, dass ihr Vater immer bloß Zeitverträge bekommt und nach ein paar Monaten wieder auf der Straße sitzt.)
»Ist es eine feste Stelle?«, frage ich.
»Erst mal auf Probe«, sagt sie und druckst ein bisschen herum.
Die wundersame Heilung einer Grippe nach zwei Wochen Krankheit.
Eine Eins im Biologietest. (Maren schreibt nur ausnahmsweise mal eine Note, die schlechter ist als eine Zwei plus.) Oh Wunder, oh Wunder!
Victoria schießt den Vogel ab: Sie hat ihre Uhr wiedergefunden, die sie vor einigen Tagen verloren hatte, nachdem sie eine Eingebung gehabt hat, wo sie sein könnte. Nämlich in ihrer Jacke, die im Schrank hing.
So was aber auch!
»Miriam?«, fragt Michael. »Hast du auch etwas mit Gott erlebt? Willst du uns daran teilhaben lassen?«
Sei ein braves Mädchen, beschwöre ich mich. Hör auf. Sei still. Du wirst deine Meinung NICHT sagen.
Wann habe ich aufgehört, ein braves Mädchen zu sein?
»Das ist doch lächerlich«, platze ich heraus. »Meint ihr, den anderen, die nicht beten, passiert das nicht? Wo bitte ist da der Unterschied?«
»Ich gebe die Frage weiter«, sagt Michael, was ich nicht ungeschickt von ihm finde. »Wo ist der Unterschied? Was meint ihr?«
»Ähm.« Maren, die Einser-Schülerin, runzelt die Stirn. »Ich bin immer total aufgeregt vor einer Arbeit. Wenn ich bete, bin ich nicht ganz so nervös. Aber das heißt natürlich nicht, dass ich nicht lernen würde.«
»Ich hab nichts getan«, gibt Nele zu. »Ich hatte es vergessen, dass wir den Test hatten, ehrlich. Und dann hab ich gebetet, dass trotzdem alles gut geht. Nächstes Mal werde ich dafür ackern, versprochen!«
»Wirst du nicht«, behaupte ich, und sie grinst verräterisch.
»Mein Vater ist total fertig«, erzählt Kati leise. »Und Mama sagt, wenn wir uns nicht auf Gott verlassen könnten, wüsste sie gar nicht, was wir tun sollten.«
Gleich muss ich heulen – nein, nicht wirklich.
»Aber ihr betet und betet und es geschieht kein Wunder«, sage ich. »Ihr denkt bloß immer, dass es kommt, aber es passiert überhaupt nichts.«
Michael mustert mich mit einem feinen Lächeln. Ich möchte denken, dass ihm dieses Lächeln schwerfällt, dass es ihn ärgert, was ich sage, aber sein Lächeln wirkt echt und wird immer breiter. Aus welchem Grund auch immer, er ist sehr zufrieden mit dem, was ich von mir gebe.
»Glaubst du nicht, dass Gott uns hilft?«, fragt er. Es klingt nicht wie eine Frage, auf die es nur eine einzige, richtige Antwort geben darf.
»Doch«, versichere ich schnell, »aber nicht so.«
Wann habe ich aufgehört, an Wunder zu glauben? War es hier, in der Jugendgruppe, als ich mir den tausendsten Bericht darüber anhören musste, wie Gott einen Schnupfen geheilt hat oder für eine Zwei plus gesorgt hat?
»Vielleicht gibt es Wunder. Aber das sind keine.«
»Vielleicht?« Tine schnappt nach Luft.
Was würde sie erst sagen, wenn ich damit herausrücke, was ich wirklich denke? Darüber zu diskutieren, wie Gott ist, bringt sie schon auf die Palme. Darüber zu sprechen, ob es ihn überhaupt gibt, wäre zu viel für die Life and Hope-Leute. Das weiß ich natürlich. Vor allem, wenn die Frage von mir kommt. Wenn wir jetzt hier einen von »draußen« sitzen hätten, jemanden, der noch nie den Fuß in eine Kirche gesetzt hat, und der würde fragen: Woher soll ich denn wissen, ob Gott wirklich existiert?, dann würden sie sich riesig freuen über die Gelegenheit, alle Gottesbeweise aufzuzählen, die ihnen nur einfallen. Aber ich bin die Tochter vom alten Weynard. Ich kenne alle Argumente. Was soll man mit jemandem tun, der das alles kennt und trotzdem nicht überzeugt ist?
Mich vor die Tür setzen – arme, verstockte Sünderin?
Ich verlege mich lieber auf die andere Diskussion. Darüber, wie Gott ist.
»Für euch«, sage ich, »ist Gott doch nur der Weihnachtsmann. Der euch auf dem Schlitten durch die Gegend zieht. Und wenn ihr quengelt, dreht er sich um und gibt euch ein paar Kekse, damit ihr still seid.«
»Aber ...« Tine öffnet den Mund und bringt kein Wort heraus.
»Interessanter Vergleich«, findet Michael und nickt anerkennend.
»Wir müssen selber gehen«, sage ich. »Wir werden nicht gezogen. Wir müssen selbst durch den Schnee.« Meine Stimme versagt. Wir werden nasse Füße bekommen, will ich hinzufügen. Und frieren. Und stolpern. Und fallen. Aber wir müssen selbst gehen. Wir müssen selbst gehen!
»Als ich meine Uhr gesucht habe«, fängt Victoria an, »habe ich überall nachgeschaut. Ich habe mich nicht hingesetzt und darauf gewartet, dass sie mir aus einer Wolke in den Schoß fällt.«
»Ist es ein Wunder, wenn man etwas findet, dass man lange gesucht hat?«, fragt Michael in die Runde.
»Für mich war es eins«, meint Victoria etwas lauter. Sie ist beleidigt, weil ich nicht begeistert bin, was ihr tolles Wunder angeht.
Langsam macht mir diese Stunde Spaß. Nicht, weil Victoria beleidigt ist und Tine nach Worten sucht. Oder ... na ja, ein bisschen doch.
»He, da kommt ja noch jemand«, sagt Michael plötzlich. Durch die milchige Glastür sieht man eine hochgewachsene Gestalt, die im Vorraum ihre Jacke aufhängt. Unwillkürlich schlägt mein Herz schneller, denn ich weiß, wer das ist.
Michael kann sein Glück kaum fassen, dass noch jemand zu seinem kleinen, erlesenen Life and Hope-Stamm gestoßen ist. Zu seinem Gitarrengeklimpere, den öden Liedern und der traubstockenen – äh, staubtrockenen Bibelarbeit. Und unserer spannenden Diskussion über die kleinen Wunder des Alltags.
»Ein neues Gesicht«, strahlt er entzückt.
»Hi«, sagt Daniel lässig.
Ich hätte nicht so ruhig bleiben können, wenn zwanzig Leute einen neugierig anstarren. Ich wäre mindestens rot geworden. Oder ich wäre vor allen gestolpert. Dann hätte ich mich auf einen der Stühle gesetzt, niemanden angeschaut und gehofft, dass sie mich vergessen.
Falsch, Messie, rüge ich mich. Früher bist du so gewesen. Fräulein Pink. Fräulein Unsichtbar. Aber das ist schon lange her. Und außerdem bin ich hier in der Kirche nie so unsichtbar gewesen wie in der Schule. Das ist ein Heimspiel für mich. Ich weiß, wie man hier punkten kann.
Inzwischen bin ich viel selbstsicherer, wenn ich es nicht gerade vergesse. Was gerade jetzt, als Daniel mir gegenüber im Stuhlkreis Platz nimmt, der Fall ist. Himmel, ich fühle mich wie damals im Kindergottesdienst, als ich mit Schrecken darauf gewartet habe, welche Streiche er sich einfallen ließ, um Tante Dings ... ich komme nicht auf den Namen! ... zu ärgern.
Daniel betrachtet neugierig die kleine Versammlung. Es sind natürlich fast alles Mädchen. Tine blinzelt und sagt halblaut: »Kommt vor sein Angesicht mit Frohlocken.«
Wetten, dass sie ihn noch nicht erkannt hat?
Ich versuche, mir darüber klar zu werden, ob Tine hübsch ist oder nicht, aber bei ihr ist das besonders schwer. Leute, die lächeln, sind eigentlich fast immer schön, aber Tine lächelt so gut wie nie. Dann gibt es aber auch die besonders Attraktiven, die haben es nicht nötig zu lächeln. Der Typ »eiskalte Schönheit«. Das sind die, die von den Jungs von ferne angeschmachtet werden. Das wäre ich gerne. Ich meine, wär doch cool, wenn alle in einen verliebt sind, ohne dass man irgendetwas dafür tun muss.
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