Kitabı oku: «Die Vampirschwestern (Band 11) - Vorsicht, bissiger Bruder!»

Vampir im Bauch

Elvira Tepes lag auf dem Wohnzimmerschrank. Sie sah aus, als hätte sie einen Gymnastikball verschluckt. Ihr Bauch wölbte sich und bis zur Decke war nur noch ein Zentimeter Platz.
„Elvira!“ Tante Karpa schwebte gerade aus der Küche herein und ließ vor Schreck beinahe das Tablett mit den Kaffeetassen fallen. „In deinem Zustand sollte man nun wirklich keine Klettertouren mehr machen.“
„Sie ist nicht geklettert. Sie ist geflogen“, sagte Daka. Sie hing kopfüber an der Gardinenstange und zwinkerte ihrer Mama zu.
„Genau genommen nicht sie, sondern das Baby“, fügte Silvania hinzu. Sie saß mit dem Ratgeber Unser süßes Baby: Nuckeln, sabbern, strampeln auf den Knien im Sessel.
Elvira Tepes holte durch die Nase tief Luft und atmete lautstark durch den Mund wieder aus. Dabei machte sie MUUUHHHOOOOOHAAAA. So, wie sie es im Geburtsvorbereitungskurs gelernt hatte. Zwar hatte sie schon zwei wunderbare Mädchen zur Welt gebracht. Aber das war so lange her, dass sie zur Sicherheit und zum Spaß noch mal einen Geburtsvorbereitungskurs besuchte. Bereits dort war sie durch häufiges Schweben unangenehm aufgefallen. Sie konnte nichts dafür. Sie hatte einen kleinen Vampir im Bauch. Oder zumindest einen Halbvampir. Oder eine Halbvampirin.
„Lange halte ich das nicht mehr aus“, sagte Elvira, die Hände am dicken Bauch. Jetzt kickte und zappelte das Baby, als würde es Polka tanzen. So wild, dass der gesamte Schrank wackelte.
„Bald hast du es geschafft.“ Tante Karpa kippte sich aus einem Kännchen einen Schuss Blut in den Kaffee und trank schlürfend. „Ich habe in meinem 2919-jährigen Leben schon so manche Geburt miterlebt. Ich bin mir sicher: Noch in dieser Nacht flattert euer Baby ein!“
In dem Moment kamen aber erst mal vier Vampire aus dem Keller ins Wohnzimmer geflattert: Mihai Tepes, Vlad Tepes, Oma Zezci und Dr. Liviu Chivu.
Mihai strahlte seine Frau an. „Moi Miloba! Du siehst aus wie eine exotische, köstliche, saftige und zum Platzen reife Frucht.“ Er warf ihr eine Kusshand auf den Schrank.
Frau Tepes lächelte schwach. „Ich fühle mich eher wie eine Mastsau kurz vorm Schlachtfest.“ Sie rutschte vom Schrank, schwebte zu Boden und nahm Onkel Vlad das Kännchen aus der Hand, aus dem er sich gerade einen Schuss Blut in den Kaffee kippen wollte, und trank es in einem Zug aus. „Ah! Das tut gut.“
Onkel Vlad fiel sein Monokel in den Kaffee.
„Lust auf literweise Blut …“ Dr. Chivu kniff die Augen zusammen. „Klarer Fall von Eisenmangel. Typisch für die Schwangerschaft.“
Oma Zezci nickte. „Ich hab damals, als ich mit Vlad schwanger war, eine ganze Kuhherde zum Frühstück ausgesaugt.“
„Na, das erklärt ja einiges.“ Mihai boxte seinem Bruder in die Seite.
„Muh!“, machte Vlad.
Onkel Vlad, Tante Karpa und Dr. Liviu Chivu waren vor ein paar Tagen aus Transsilvanien angereist. Oma Zezci von den Osterinseln, wo sie sich gerade von ihrem anstrengenden, langen Leben erholt hatte. Sie alle wollten die Geburt des neuen Erdenbürgers, oder vielmehr Luftbürgers, nicht verpassen. Außerdem war es gut, einen transsilvanischen Arzt im Haus zu haben. Ein deutsches Krankenhaus kam für die Geburt nicht infrage. Dort hatte man keinerlei Erfahrung mit der Geburt von Vampiren und Halbvampiren. Was, wenn das Baby dringend eine Frischbluttransfusion brauchte? Oder wenn es bereits mit Eckzähnen auf die Welt kam und Hunger auf Hebamme hatte? Oder wenn es die ersten Flugrunden im Kreißsaal drehte?
Familie Tepes hatte beschlossen, eine Hausgeburt, genau genommen eine Kellergeburt, zu wagen. Immerhin hatte Elvira bereits zwei kerngesunde Halbvampire auf die Welt gebracht: die Zwillinge Silvania und Dakaria. Ein weiteres Baby dürfte ein Klacks für sie sein.
Es klingelte. „Das ist Oma Rose!“, rief Silvania, legte den Babyratgeber beiseite und ging zur Haustür. Oma Rose war zum Blutkränzchen am späten Nachmittag eingeladen. Opa Gustav vertrug keinen Kaffee – und das war nicht das Einzige, was er nicht vertrug. Sein Herz wäre auch für die Wahrheit zu schwach gewesen: dass seine Tochter mit einem Vampir verheiratet war und seine Enkelinnen zwei entzückende Halbvampire waren. Um sein Herz und die Nerven aller zu schonen, ließ man ihn in dem Glauben, sein Schwiegersohn sei ein (halbwegs) normaler Mann.
„Boibine! Wir sind vollzählig“, rief Mihai Tepes. „Erheben wir die Gläser … oder die Kaffeetassen.“
Alle hielten ihre Tassen in die Höhe.
„Möge die Geburt so schnell und leicht vonstattengehen wie der Flügelschlag einer Fledermaus und nicht mehr schmerzen als ein klitzekleiner Vampirbiss!“, sagte Onkel Vlad.
„Schnappobyx!“, riefen alle.
Oma Rose und Elvira riefen: „Prost!“
„Auf unsere kleine, bissige Tochter!“ Mihai küsste Elviras Bauch.
„Also ich will lieber einen Bruder“, sagte Daka.
„Mädchen oder Junge, das ist vollkommen egal“, sagte Oma Rose. „Hauptsache –“
„VAMPIR!“, warf Oma Zezci ein und kippte den Kaffee mit Schuss auf ex hinunter.
„… gesund!“, schloss Oma Rose.
„Hauptsache, vier schöne lange Eckzähne.“ Vlad grinste, sodass seine Eckzähne bestens zur Geltung kamen.
Plötzlich krümmte sich Elvira, ließ die Tasse fallen und fasste sich mit beiden Händen an den Bauch. „Es geht los!“
Der Name geht in die Hose

Noch nie zuvor hatte es im Lindenweg eine Kellergeburt gegeben. Und noch nie zuvor war in ganz Bindburg ein Kind in einem Sarg zur Welt gekommen. Doch es war auch noch nie zuvor ein Kind in Bindburg geboren worden, das nur wenige Minuten nach der Geburt von der Babywaage abhob und zu seiner Mutter flog.
Der erste Schrei, den das Baby ausgestoßen hatte, war mit freudigen Willkommensrufen von Mihai Tepes erwidert worden.
Nachdem Mutter und Kind sich ein wenig erholt hatten, versammelten sich die gesamte Familie und Dr. Chivu im Keller.
„Hoi boi!“
„Zensatoi futzi!“
„Hurra!“
„Boi Felishnuk!“
„Oh, wie süüüüß!“, hallte es durch den Keller.
Mihai hatte seiner Frau, die noch im Sarg lag, ein Kissen hinter den Rücken gesteckt. Elviras Wangen schimmerten vor Glück und Zauber. Sie lächelte wie ein beschwipster Engel. Mihai zupfte sich unentwegt am Lakritzschneckenschnauzer. Seine Augen glänzten.
Daka setzte sich links und Silvania rechts von ihrer Mutter auf den Sargrand. Silvania nahm die Hand ihrer Mutter, sah sie versonnen an und seufzte. „Du erlebst gerade das schönste Wunder der Welt.“
„Im Keller im Sarg liegen?“ Daka blähte die Backen auf. „Na, so doll ist das nun auch wieder nicht.“
„Die Geburt!“, zischte Silvania und verdrehte die Augen. Ihre Schwester war zwar nur sieben Minuten jünger als sie, aber manchmal kam es ihr wie sieben Jahre vor.
Daka tat, was sie meistens in solchen Fällen tat: Sie beachtete ihre Schwester nicht weiter. Stattdessen sah sie zur Kellerdecke.
Dort baumelte das Baby. Es war in einen schwarzen Schlafsack gehüllt. Der Schlafsack hatte eine Schlaufe, an der das ganze Paket an einem Haken von der Decke hing. Das Baby schaukelte leicht vor und zurück und schlief.
„Sieht irgendwie verschrumpelt aus. Bleibt das so?“, fragte Daka.
„Oh Mann, Daka“, sagte Silvania. „So sehen alle Babys kurz nach der Geburt aus.“
„Nee, also ICH bestimmt nicht!“
„Was hast du denn? Das Baby ist doch total nieeeedlich!“, sagte Silvania.
Daka reckte sich zur Decke und musterte das Baby. „Pennt das den ganzen Tag oder macht das auch schon was?“
Das Baby schmatzte im Schlaf, machte ein Bäuerchen und ein Speichelfaden rann aus seinem Mund direkt auf Dakas Stirn. Daka wischte mit der Hand darüber und grinste. „He, ich glaub, wir zwei verstehen uns gut.“
„Was ist es denn jetzt überhaupt?“, fragte Tante Karpa, die am Fußende des Sargs stand.
„Ein Vampir, sieht man doch!“, krächzte Oma Zezci, die kopfüber in der Kellerecke hing und sich schon mal einen Karpovka genehmigte.
„Ein normaler Mensch ist es auf jeden Fall nicht“, sagte Oma Rose.
„Nein, aber ein wunderschönes Halbvampirmädchen, genau wie ihr zwei“, sagte Mihai und zwinkerte seinen Töchtern zu.
„Es ist ein Mädchen?“ Onkel Vlad sah das Baby skeptisch an. „Sieht mir eher aus wie ein Junge.“
„Und mir wie ein verschrumpelter Apfel“, sagte Daka.
„Ist es ja auch“, sagte Dr. Chivu. „Ein Junge, meine ich.“
„Nein, mein Lieber. Ist es nicht. Es ist ein Mädchen“, sagte Mihai.
„GUMOX!“ Dr. Chivu streckte die Brust heraus. „Ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Ich bin Arzt. Seit 2443 Jahren. Ich kann einen Jungen ohne den geringsten Zweifel von einem Mädchen unterscheiden. Da gibt es nämlich einen gewissen kleinen Unterschied, falls dem stolzen Herrn Papa das noch nicht bekannt sein sollte.“
Das engelhafte Lächeln von Elvira Tepes wirkte etwas eingefroren, als sie jetzt zwischen ihrem Mann und dem transsilvanischen Arzt hin und her sah. „Er hat recht, Mihai. Wir haben einen Sohn.“
„Also doch!“ Vlad rieb sich die Hände. „Ein Junge!“
„Ein Bruder, hoi boi!“ Daka stieß die Faust in die Höhe.
„Es KANN gar kein Junge sein!“ Im Glanz von Mihais Augen schimmerte jetzt nicht nur Freude, sondern auch Angst.
„Beruhig dich, kleiner Bruder.“ Onkel Vlad legte Mihai einen Arm auf die Schulter. „Ich hatte mir damals auch ein Mädchen gewünscht. Erinnerst du dich, Karpa?“
Tante Karpa seufzte und verdrehte die Augen.
„Aber da kann man wünschen, so viel und fest man will. Der Klapperstorch ist schließlich nicht der Weihnachtsmann.“ Onkel Vlad nickte, zufrieden über diese weise Erkenntnis. „Ich wollte eine süße Tochter. Und dann kam Woiwo. Ich gebe zu – ich war durcheinander, ja sogar etwas enttäuscht. Aber höchstens einen Tag lang. Ich liebe Woiwo, genau wie ich eine Tochter geliebt hätte.“
„Bei uns ist das aber etwas anderes. Der Klapperstorch hatte genaue Anweisungen.“ Mihai sah flehend zu Dr. Chivu. „Sind Sie sich sicher? Ich meine, mit dem kleinen Unterschied? War er vielleicht ganz mini winzig klein und Sie haben …?“
„Ich habe nichts verwechselt und nichts übersehen. Es besteht nicht der geringste Zweifel: Dieses Baby ist ein Junge!“ Dr. Chivu zeigte zur Kellerdecke.
„Mihai, was ist denn mit dir los?“ Frau Tepes griff nach der Hand ihres Mannes. „Jetzt haben wir zwei Mädchen und einen Jungen. Das ist doch perfekt!“
„Perfekt? Die perfekte Katastrophe!“ Mihai sank auf den Sarg zu seiner Frau.
„Ein kleiner Bruder!“ Silvania strahlte. „Und wie heißt er?“
„Gute Frage“, sagte Elvira.
„Ich finde Edward todschick!“ Silvania sah sehnsüchtig zum Baby.
„Wie wäre es mit Krajo?“, warf Tante Karpa ein.
„Oder Fango?“, sagte Onkel Vlad.
„Oder Liviu?“ Dr. Chivu räusperte sich.
„Ich bin für Rocco Pogo Draco“, sagte Daka.
„Ich weiß nicht …“ Elvira sah zu ihrem Mann. „Was gefällt dir denn?“
„Mir?“ Mihai blinzelte nervös. „Doris. Hannelore. Oder Olga. Ja, Olga, das passt gut. Olga Tepes, ich denke, wir haben’s.“
„Papa, Olga ist ein MÄDCHENname“, sagte Silvania.
„Na und? Noch nie etwas von Gleichstellung der Geschlechter gehört?“ Mihai rümpfte die Nase.
„Wenn du so sehr auf Gleichstellung pochst, dann zieh deinem Sohn meinetwegen einen rosa Flugstrampler an“, knurrte Oma Zezci aus der Kellerecke. „Aber Doris Hannelore Olga heißt mein Enkel sicher nicht!“
„Na schön, wenn ihr alle so altmodisch seid“, erwiderte Mihai Tepes. „Dann eben Olga Draco Tepes. Da habt ihr euern Jungennamen, damit kann ich auch leben.“
Elvira sah ihren Mann nachdenklich an.
Der kleine Olga pupste im Schlaf.
„Das ist ein Zeichen“, sagte Daka. „Unser Bruder furzt auf einen Mädchennamen. Würde ich an seiner Stelle auch.“
Elvira drückte die Hand ihres Mannes. „Unsere Zwillinge sind in Transsilvanien geboren. Sie haben vampwanische Namen. Sehr schöne vampwanische Namen. Unser Sohn aber kam in Bindburg, in Deutschland, auf die Welt. Ich finde, es ist Zeit für einen sehr schönen deutschen Namen.“
Oma Rose nickte eifrig.
Oma Zezci runzelte besorgt die Stirn.
Elvira richtete sich im Sarg auf und deutete Mihai an, das Baby abzuhängen. Mihai hielt seinen Sohn einen Moment in den Armen. Erst musterte er ihn kritisch. Dann aber lächelte er verträumt. Das kleine Vampirbaby kniff die Augen zusammen und nieste.
„Gesundheit!“ Elvira lächelte, als Mihai ihr das Baby behutsam reichte. „Ganz der Papa, was? Schließlich war dein Papa bei den Vampolympics 1877 Sieger beim Ha-Chi-Wettkampf.“ Der Ha-Chi-Kampf war eine jahrtausendealte Kunst, bei der ein Vampir einen anderen Vampir umnieste.
„Echt?!“ Silvania sah ihren Vater erstaunt an. „Davon hast du uns noch nie erzählt!“
Mihai winkte ab. „Ist doch schon ewig her.“
„Na, aber hallo!“, wandte Daka ein. „Wir haben einen Vampolympics-Sieger als Papa und wissen nichts davon?!“
„Es gibt Wichtigeres, als andere Vampire umzuniesen“, sagte Mihai ernst.
„Genau“, sagte Tante Karpa. „Und im Moment ist das Wichtigste, einen Namen für diesen süßen, blassen Halbvampir zu finden.“
Frau Tepes schmiegte ihre Nase an die Wange des Babys. Es öffnete die Augen. Elvira lächelte es an und betrachtete es genau. Dann sagte sie leise: „Willkommen zu Hause, Franz.“
Franz gluckste.
Babybeobachter

Starr wie ein Kaktus stand er dicht hinter der Gardine und sah aus dem Fenster. Dirk van Kombast folgte den drei Mädchen mit wachsamem Blick. Sie schoben eine Art Kinderwagen, der eher wie ein kleiner Sarg auf Rädern aussah, den Lindenweg entlang.
Mittlerweile kannte Dirk van Kombast diese Mädchen genau. Silvania und Dakaria Tepes, die Nachbarsmädchen, waren nicht nur Zwillinge, sondern auch Halbvampire. Gleich damals, als Familie Tepes aus Transsilvanien direkt neben ihm eingezogen war, hatte er es geahnt: Die Vampire waren, genau wie seine Mutti es gesagt hatte, überall. Und jetzt waren sie im Lindenweg! Zwar war Elvira Tepes ein Mensch, aber normal war sie mit Sicherheit nicht – schließlich war sie mit einem Vampir verheiratet.
Ebenso wenig normal war das dritte Mädchen: Helene Steinbrück. Sie war die beste Freundin der Vampirschwestern. Auch über sie wusste Dirk van Kombast bereits einiges, vor allem, seit er ihr Tagebuch in den Händen gehabt hatte: Unter ihren langen blonden Haaren versteckte sie ein Hörgerät. Ihr Vater war Zahnarzt. Und sie war in irgendeinen muffigen Vampir verliebt. Und somit, fand Dirk van Kombast, nicht mehr zu retten.
Dirk reckte sich und versuchte, einen Blick in den Kinderwagen, oder vielmehr Sargwagen, zu erhaschen. Doch eine Art Sonnensegel versperrte die Sicht. „Och, verträgt der kleine Scheißer keine Sonne, was?“, raunte Dirk van Kombast.
Seit der Geburt nebenan waren nun schon zehn Monate vergangen. Die Wochen zuvor hatte Dirk die Nachbarin immer dicker und immer flugfreudiger erlebt. Er hatte die transsilvanische Verwandtschaft landen und ein paar Tage nach der Geburt wieder abfliegen sehen. Ihm war nicht entgangen, dass dieses Baby anders war als andere Babys. Kein Wunder, bei den Eltern!
Bereits in den ersten Wochen hatte es vom Wickeltisch abgehoben, war in der Abenddämmerung zum Fenster hinausgeflogen und hatte – nur mit einer Windel bekleidet – eine Runde über Herrn van Kombasts Terrasse gedreht. Es war das erste fliegende Baby, das der Vampirjäger jemals zu Gesicht bekommen hatte. Auf gewisse Weise hatte es Ähnlichkeit mit einer dicken Hummel. Nur summte es nicht, es brabbelte.
Leider war Dirk van Kombast in dem Augenblick zu überrascht gewesen, um angemessen handeln zu können. Statt das Vampirbaby einzufangen, war ihm nur die Tasse Ingwertee aus der Hand gerutscht und er hatte sich den linken Oberschenkel verbrüht. Dirk hatte laut geschrien, das Baby hatte vor Schreck laut gepupst und war zurück zum Nachbarhaus auf seinen Wickeltisch geflattert.
Noch einmal würde Dirk van Kombast ein solcher Patzer nicht passieren. Dirk – der hauptberuflich Pharmavertreter und nebenberuflich Vampirjäger war – war vorbereitet.
„Flattere mir nur noch mal vor der Nase rum, du Windelbomber!“, zischte er jetzt, schob die Gardine beiseite, presste die solariumgebräunte Nase an die Fensterscheibe und sah den drei Mädchen mit dem schwarzen Kinderwagen nach. Die transsilvanischen Nachbarn hatten also Nachwuchs. Ein Baby. Wie süß! Wie wehrlos! Wie schutzlos! Dirk van Kombast lächelte. Das Schicksal meinte es dieses Mal gut mit ihm.
Rundflug im Gemüseladen

Wir hätten noch eine Stunde warten sollen, dann knallt die Sonne nicht mehr so heftig.“ Silvania zupfte am Sonnensegel.
„In einer Stunde sind aber alle Geschäfte zu“, wandte Helene ein.
Aus dem Kinderwagen gluckste es.
„Klingt nicht so, als hätte Franz ein Problem damit.“ Daka lugte unters Sonnensegel. Baby Franz streckte die Zunge raus, Daka ihm auch. Sie hatte sich, genau wie ihre Schwester, unsterblich in ihren kleinen Bruder verliebt. Franz war so herrlich weich und knuffig. Am liebsten hätten Silvania und Daka pausenlos seine Speckröllchen geknetet und seine dicken Backen abgeknutscht. Manchmal stritten sie sich sogar darum, Franz zu wickeln. Nur wenn er eine große Stinkbombe in die Windel gedrückt hatte, überließen sie den Job ihren Eltern.
Silvania machte Franz jeden Morgen Blutwurstbrei mit klein gehackten Schweineborsten. Daka flog mit Franz, der dabei noch etwas eierte, durchs ganze Haus und zeigte ihm die besten Plätze zum Abhängen. Sie hatten Franz sogar einen kleinen Helm gekauft, damit er sich nicht so oft den Kopf stieß beim wilden Flug. Selten waren sich die Schwestern so einig: Ihr Bruder war das Größte, was ihnen bisher in ihrem Leben passiert war.
„Hier muss ich rein“, sagte Helene und zeigte auf einen Laden.
„Giselas Gemüse“, las Daka und verzog das Gesicht.
Helene hielt die Tür auf, während Silvania den Kinderwagen in den kleinen Laden schob.
„Riecht schon nach Paprikapipi und Krautkacka“, murrte Daka und sah sich angewidert im Laden um.
Während Helene Tomaten in eine Tüte packte, nahm Silvania ihren Bruder aus dem Kinderwagen. Er strampelte und ruderte so heftig mit den kleinen, dicken Armen, dass sie ihn kaum halten konnte.
„Schon gut, gleich bekommst du dein Fläschchen.“ Silvania fischte eine Nuckelflasche aus ihrer Umhängetasche. Sie war bis an den Rand mit Blut gefüllt. Franz streckte sofort die Händchen danach aus. „Mann, du bist echt so verfressen! Wie viel willst du später von dem Zeug trinken, ein ganzes Fass?“
Franz nuckelte, als wäre er kurz vorm Verhungern, und schmatzte laut.
„Na, da schmeckt’s aber jemandem“, sagte die Verkäuferin. Vermutlich die Gisela von Giselas Gemüse. „Ist die Kleine eure Schwester oder verdient ihr euch als Babysitter was dazu?“
„DIE Kleine ist unser BRUDER“, sagte Daka.
Franz trug einen schwarzen Strampler, der mit silbernen Totenköpfen bedruckt war und zwei Fledermausflügel auf dem Rücken hatte. Seine Mütze war ebenfalls schwarz und hatte als Bommel eine dicke, behaarte Spinne. Weit und breit kein Rosa und keine Herzchen, Blümchen oder kleine, süße Kätzchen. Selbst der sargähnliche Kinderwagen, in dem schon ihr Cousin Woiwo durch die Gegend geschuppelt worden war, war schwarz. Wieso Leute dennoch auf die Idee kamen, Franz könnte ein Mädchen sein, war den Vampirschwestern ein Rätsel.
Oma Rose meinte, die Leute würden eben meistens das sehen, was sie sehen wollten. Allerdings, musste Daka eingestehen, hatte sie damals mit zehn Monaten so ähnlich ausgesehen wie ihr kleiner Bruder. Erst neulich hatten sie alle zusammen in alten Fotoalben geblättert. Silvania war mit ihren rotbraunen Löckchen und in ihrem blutroten Strampler mit Popo-Rüschchen schon immer das perfekte Halbvampirmädchen gewesen.
Daka dagegen, die auf den meisten Fotos in einem dunklen Strampler und mit zerzausten schwarzen Haaren irgendwo von der Decke baumelte, hätte man auch für einen Halbvampirjungen halten können. Oder für einen echten Vampir, wie Daka zufrieden feststellte. Man konnte sich eben wirklich nicht auf den ersten Eindruck verlassen.
Gisela runzelte die Stirn, als ihr Blick auf das Fläschchen fiel. „Was bekommt er denn da Gutes?“
„Das ist … ähm …“, begann Silvania und starrte auf das Blut, von dem mittlerweile nur noch ein fingerbreiter Rest im Fläschchen war. „Rote-Bete-Saft. Ganz toll für die Entwicklung in den ersten zwölf Lebensmonaten. Hab ich im Ratgeber gelesen.“
„Ach. Das ist ja interessant! Das muss ich sofort in mein Angebot aufnehmen. Ich habe sehr viele Kundinnen mit Nachwuchs“, sagte Gisela, griff nach einer Roten Bete und ging damit zu einer kleinen Anrichte hinter der Ladentheke.
Silvania sah, wie Gisela beängstigend schnell ein scharfes Messer schwang und die Rote Bete in kleine Stücke schnitt. Es war faszinierend! Wie konnte die Frau so schnell schneiden? Silvania hatte so etwas bisher nur in Kochsendungen gesehen und für Zauberei gehalten.
Franz interessierte sich nicht die Bohne für Giselas Geschnipple. Aber für alles andere in diesem Laden. Er nutzte sofort aus, dass seine Schwester abgelenkt war. Mit kräftigem Gestrampel und Geruckel befreite er sich aus Silvanias Griff. Dann breitete er die Arme aus, wedelte mit ihnen und schon flog er, noch etwas wackelig, aber doch sehr schnell, durch den Gemüseladen. Ein Spaß! Baby Franz gluckste.
„Franz! Komm zurück!“, schrie Silvania.
„Böses Baby!“ Daka hüpfte wie von einer Wespe gestochen durch den Laden und versuchte Franz zu erwischen. Beinahe hätte sie abgehoben und wäre selbst durch Giselas Gemüsegeschäft geflogen. Zum Glück fiel ihr noch rechtzeitig die erste radikale Regel ein, die ihre Mutter aufgestellt hatte: Kein Fliegen bei Tageslicht.
Wusste Frau Tepes eigentlich, wie unpraktisch ihre radikalen Regeln manchmal waren?
Franz waren Regeln schnuppe. Er brabbelte vor Vergnügen, als er von einem Regal mit Olivenöl zu einer Palette mit Eiern flog. Kurz machte er es sich darauf mit seinem Windelpopo bequem. Die Eier knacksten. Erstaunt sah Franz nach, was da unter ihm los war. Er stippte einen Finger in ein kaputtes Ei, kostete den Eiglibber und verzog das Gesicht. Dann hob er wieder ab. Es gab ja noch so viel zu entdecken!
„Hiergeblieben!“ Daka warf sich mit einem Hechtsprung auf ihren Bruder. Es hätte richtig cool aussehen können, wäre Franz nicht schon weitergeflogen, sodass Daka mitten in den Eiern landete. Die Palette krachte zusammen. „Fumpfs!“, stöhnte Daka und fuhr sich durch die Haare, die voller Eiglibber waren. Gar nicht mal schlecht zum Stylen, stellte Daka fest.
Erst jetzt drehte Gemüse-Gisela sich um. Sie sah Franz (er drehte gerade eine Runde über den Radieschen), ließ das Messer und die Rote Bete fallen und guckte wie ein zermatschter Kürbis. „Es fliegt.“
„Na, jetzt übertreiben Sie aber“, sagte Silvania schnell.
Daka nickte. „Eigentlich krabbelt er … in der Luft.“
„Schon mal von Drei-Monats-Koliken gehört?“, fragte Helene. „Baby Franz hat leider furchtbar viele Blähungen. Die stauen sich dann in seiner Windel – die Windeln heutzutage sind ja so was von dicht! – und dann ist die Windel so prallvoll mit Luft, dass er manchmal einfach abhebt.“
Es knatterte in Franz’ Windel.
Silvania nickte eifrig, während Daka versuchte, ihren kleinen Bruder am Strampler zu packen und wieder nach unten zu ziehen.
„Drei-Monats-Koliken“, wiederholte Gemüse-Gisela und ließ das Baby, das jetzt über ihren Gurken schwebte, nicht aus den Augen. „Der ist aber älter als drei Monate.“
„Eben! Älter bedeutet größere Pupse, also mehr Luft in der Windel“, erwiderte Helene.
Daka hielt es nicht mehr aus. Wozu gab es Regeln, wenn man sie nicht ab und zu mal brach? Nur ganz kurz, höchstens eine Sekunde, hob sie vom Boden ab, streckte die Arme aus und schnappte sich ihren Bruder, der gerade auf den Ventilator an der Decke zusteuerte. „Hab dich!“
Baby Franz machte ein Geräusch, das wie „Fumpfs“ klang, kniff Daka in die Nase und grinste. An vier Stellen kamen bereits die ersten Zähnchen durch. Es waren die Eckzähne.
„Ich hab dich auch furchtbar lieb“, flüsterte Daka und küsste Franz auf die Stirn. „Aber mach nicht immer so einen Scheiß. Dafür bin ich in dieser Familie zuständig.“ Daka klemmte sich ihren kleinen Bruder kurzerhand unter den Arm, drehte sich zu den anderen um und lächelte. „Alles unter Kontrolle. Sind wir hier fertig?“
„Fertig. Fix und fertig“, murmelte Gemüse-Gisela.
Helene reichte ihr die Tüte mit den Tomaten und drei Bananen.
Doch Baby Franz war noch lange nicht fertig. In diesem Laden gab es so viele wundersame Dinge in allen Farben und Formen – alles viel spannender als sein rasselndes Spielzeug zu Hause. Niemand bekam mit, wie Franz seine Händchen nach einer Pflanze ausstreckte, die genau auf seiner Höhe in einer Holzkiste lag. Sie war rund, weiß mit zarten lila Streifen und roch sehr interessant.
Gemüse-Gisela wog die Tomaten und Bananen und reichte Helene ihren Einkauf. „Das macht drei Euro und –“
„NEIN! FRANZ!!!“ Silvania stürzte sich auf ihren Bruder.
„Was ist los?!“ Helene drehte sich verwundert um.
„Er hat etwas in den MUND gesteckt!“ Silvania versuchte Franz’ Kopf zu sich zu drehen, doch er wackelte damit, als wollte er „Nein, nein, nein“ sagen.
„Nichts wie raus hier!“ Daka setzte Franz in den Kinderwagen, schnallte ihn an und kämpfte dabei mit seiner rechten Hand. Er hielt etwas fest umklammert. Für ein zehn Monate altes Baby war er erstaunlich stark. Schließlich gelang es Daka, ihrem Bruder das etwa golfballgroße, weißgraue Stück zu entreißen.
„KNOBLAUCH!!! Igitt! Er hat KNOBLAUCH gegessen!“ Daka warf die Knoblauchknolle schnell über die Schulter. Ihr wurde schlecht. Sowohl vom Knoblauchgestank als auch vor Angst um Franz.
Knofi-Rülps

Helene beugte sich über Franz, genau wie ihr Vater sich über seine Patienten in der Zahnarztpraxis. Sie steckte ihm entschlossen den Finger in den Mund, pulte einen Moment darin herum und holte schließlich eine Knoblauchzehe heraus. Ein gutes Stück davon fehlte.
„Er hat sie verschluckt! Er hat KNOBLAUCH gegessen! Er wird sterben!“, jammerte Silvania.
„Na, na, na. Von meinem Knoblauch ist noch niemand gestorben“, wandte Gemüse-Gisela ein. Sie hob die Knoblauchknolle auf, die Daka weggeworfen hatte.
„Sie verstehen nicht“, sagte Daka. „Er ist … er hat … eine Allergie. Eine Knoblauch-Allergie.“
„Was denn noch alles? Drei-Monats-Koliken, Knoblauch-Allergie …“, murmelte Gemüse-Gisela. „Hab ich noch nie gehört.“
„Tja, den Rote-Bete-Baby-Saft kannten sie ja auch nicht!“ Silvania ließ ihren Bruder keine Sekunde aus den Augen. „Was machen wir denn jetzt?“
Baby Franz sah seine Schwestern unschuldig an. Er wusste es auch nicht.
„Habt ihr kein Gegenmittel?“, fragte Helene. „Heimaterde, Schuhcreme, frische Nashornmilch oder so was?“
Baby Franz beobachtete die drei Mädchen aufmerksam, als diese überlegten. Offenbar hatten sie ein Problem. Plötzlich wurde sein blasses Gesicht knallrot. Auf der Stirn trat eine dunkelblaue Ader hervor. Franz zog die Augenbrauen zusammen. Offenbar hatte Baby Franz ein Problem. Dann knatterte es ungefähr zwanzigmal laut und kräftig. Problem gelöst.
„Puh!“ Silvania wedelte sich Luft zu. „Das stinkt ja schlimmer als Onkel Vlads dreihundert Jahre alte Socken.“
Helene trat einen Schritt zur Seite und tat so, als würde sie sich für Blumenkohlköpfe interessieren.
Franz’ Gesicht war wieder wunderbar blass, die blaue Ader verschwunden. Dann riss er den Mund auf wie ein kleiner Vogel, der darauf wartete, dass ihn jemand fütterte. Doch seine Schwestern reagierten nicht. Da sie scheinbar nicht die Hellsten waren, musste Franz selber in Aktion treten.
Bevor Daka reagieren konnte, bäumte Franz sich auf, schnappte sich eine weitere Knoblauchknolle aus dem Regal, umklammerte sie fest mit seinem Händchen und stopfte sie sich in den Mund.
„NEEEEIIINNN!“, riefen Silvania, Daka und Helene.
Franz bekam eine Zehe ab und schluckte sie hinunter. Dann riss er die Ärmchen hoch und schrie ebenfalls: „Jeeeeehhh!“
„Sieht mir nicht nach Knoblauch-Allergie aus, sondern nach Knoblauch-Sucht.“ Gemüse-Gisela hatte sich über die Theke gelehnt und musterte das zufrieden schmatzende Baby.
„Aber Franz! Du bist doch ein …“ Silvania beugte sich über ihren Bruder und flüsterte: „Halbvampir. Du kannst keinen Knoblauch futtern. Das ist gegen deine Natur.“
Franz blähte als Antwort die Bäckchen auf und machte: „Rülps.“
Sofort wichen Silvania und Daka zurück. Das Knofi-Bäuerchen stank dermaßen, dass sich die Vampirschwestern am liebsten aus dem Laden geflopst hätten. Doch erstens durften sie nicht flopsen (radikale Regel Nummer sechs). Und zweitens konnten sie ihren Bruder nicht alleine lassen. Keine Sekunde, wie ihnen erst soeben wieder klar geworden war.
„Er mag Knoblauch.“ Daka sah Franz fassungslos an.
Es knatterte abermals in der Windel und Franz gluckste vor Freude.
„Hört man“, sagte Helene. „Und riecht man.“
„Das ist dann eben seine menschliche Seite“, schlussfolgerte Silvania.
„Wollt ihr noch etwas Knoblauch mitnehmen? Nachdem ihr ihn schon verkostet habt“, warf Gemüse-Gisela ein.
„Bloß nicht!“ Daka klappte schnell das Sonnensegel nach unten und schob den Kinderwagen auf die Tür zu.
Silvania riss die Tür auf und schnappte gierig nach Luft.
„Auf Wiedersehen! Und viel Erfolg mit dem Rote-Bete-Saft.“ Helene winkte der Gemüseverkäuferin mit ihrer Einkaufstüte, bevor sie die Tür hinter sich schloss.
„Ein Halbvampir, der gerne Knoblauch isst“, murmelte Daka. „Wenn Papa das hört, wird ihm der Kopf brummen wie nach drei Loopings.“
„Dafür ist Franz sonst total vampirisch“, fand Silvania. „Er kann jetzt schon fliegen. Das haben wir erst viel später gelernt. Und seine Eckzähne kommen schon durch.“
Daka nickte neidisch.
„Passt bloß auf, dass er in der Krabbelgruppe kein anderes Baby beißt!“, riet Helene.
„Krabbelgruppe? Franz braucht eine Fluggruppe!“ Daka grinste. Sie stellte sich einen Raum voller lustig durch die Luft eiernder Babys vor. Dann wurde ihr Gesicht ernst. „Schade, dass Ludo gerade nicht mit uns babysitten kann. Ich meine … so wegen Hellsehen und so. Mit ihm wäre das eben nie passiert. Er könnte uns rechtzeitig Bescheid sagen, bevor Franz jemanden beißt, durch Gemüseläden flattert oder –“
„Knofi-Rülpser rauslässt“, sagte Silvania.
„Wie lange ist Ludo eigentlich weg?“, fragte Helene.
Ludo war mit seinem Russisch-Kurs nach St. Petersburg gefahren.
„Zwei Wochen.“ Daka seufzte.
Silvania schielte zu ihrer Schwester und lächelte vor sich hin.
Dunkle Vergangenheit

Sein Kopf brummte tatsächlich wie nach drei Loopings. Doch daran war kein Knoblauch schuld. Mihai Tepes hatte seit der Geburt seiner Tochter, verdammt, seines Sohnes, kaum noch ein Auge zubekommen. Egal, wie herrlich hell es draußen und wie bequem sein Sarg im Keller auch war. Egal, ob Tag oder Nacht, ob warm oder kalt, der Vater der Vampirschwestern fand keinen Schlaf.
Selbstverständlich erging es vielen Eltern mit einem zehn Monate alten Baby so. Doch das Baby im Haus der Familie Tepes hatte damit nichts zu tun. Das heißt, auf gewisse Weise schon. Mihai Tepes machte sich Sorgen um seinen Sohn. Sein Sohn, der niemals ein Sohn hätte sein dürfen.
Noch immer konnte es Mihai nicht fassen. Mehrmals am Tag, bei jedem Windelwechsel, sah er den nackten Tatsachen ins Auge. Dr. Chivu hatte recht gehabt. Die Sache war leider eindeutig. Spätestens als Franz ihn beim Wickeln in hohem Bogen anpullerte, als wollte er sich bei der Freiwilligen Feuerwehr bewerben, konnte es Mihai nicht mehr leugnen. Seine Tochter war ein Sohn.
Was Mihai Tepes nicht davon abhielt, ihn Olga zu nennen. Bis auf den kleinen Schönheitsfehler, dass Olga ein Junge war, war er einfach nur wundervoll, entzückend, zum Über-und-drüber-Verlieben, fand Mihai. Diese feinen Härchen an den Öhrchen! Diese lustigen, brabbelnden Geräusche! Diese glänzenden, unschuldigen Augen! Am liebsten hätte er seinen Olga stundenlang gekitzelt, geküsst und liebevoll gebissen.
Doch was viele Menschen nicht wissen: Auch Vampire müssen zur Arbeit gehen. Schließlich wollen sie sich ab und zu mal einen neuen Sarg und einen neuen, modischen Umhang leisten oder ihre Frauen mit einer Blutwursttorte erfreuen.
Mihai Tepes arbeitete am Institut für Rechtsmedizin in Bindburg. Freiwillig hatte er als einziger Angestellter die Nachtschichten übernommen. Nachts war Mihai grundsätzlich besser in Form. Und so kam er nicht in Versuchung, einen der gut durchbluteten Kollegen anzuknabbern. Außerdem konnte er sich unbemerkt am gut gefüllten Laborkühlschrank bedienen, in dem Blutproben aller Blutgruppen ordentlich beschriftet lagerten. Kurzum: Es war ein Traumjob!
Deshalb war Mihai normalerweise auch immer bestens gelaunt auf dem Weg ins Institut. Meist flog er über das nächtliche Bindburg hinweg und sang leise sein liebstes Heimatlied: Transsilvania, Rodna Inima moi.
Die monatelange Schlaflosigkeit hatte Mihai Tepes inzwischen aber so sehr geschwächt, dass an entspanntes Fliegen über eine so weite Strecke kaum zu denken war, geschweige denn an melodisches Singen. So übermüdet, wie er war, würde er womöglich abstürzen und mitten in einem deutschen Wohnzimmer vor dem Fernseher auf dem guten Teppich landen.
So kam es, dass Mihai Tepes sich in dieser Nacht zu Fuß auf den Weg ins rechtsmedizinische Institut machte. Natürlich hätte er auch den alten Dacia nehmen können. Da er aber nie schneller als 30 km/h fuhr und nicht sonderlich gut einparken konnte, ließ er das Auto lieber stehen. Vielleicht würde ihn die frische Nachtluft auch wieder etwas aufmuntern.
Der Vater der Vampirschwestern schloss die Haustür und ging kurz darauf mit schleppenden Schritten am Haus von Dirk van Kombast vorbei. Er würdigte es keines Blickes. Zwar war der Nachbar oft Grund zur Beunruhigung gewesen, doch in letzter Zeit hatte Mihai ganz andere Sorgen. Viel größere Sorgen. Eben solche Sorgen, die einem ausgewachsenen Vampir zehn Monate lang den Schlaf raubten.
Mihai drohte seine eigene Vergangenheit einzuholen. Und wenn man ein Vampir von 2679 Jahren war, hatte man jede Menge Vergangenheit.
Über den von Mihais Schwiegervater bei jeder Gelegenheit angebrachten Spruch „Früher war alles besser“ konnte Herr Tepes nur den Kopf schütteln. „Früher war alles finsterer“, murmelte er gedankenversunken vor sich hin, als er jetzt auf dem Weg ins Institut war.
Es war etwas unglaublich Finsteres, was sich aus Mihais Vergangenheit seit ein paar Monaten in sein Leben drängte und einen düsteren Schleier über jedes Lächeln seiner Tochter, Gumox!, seines Sohnes legte.
Mihai hatte niemandem davon erzählt. Weder seiner Frau noch seiner Mutter noch seinem Bruder. Noch nicht einmal seinen geliebten Rennzecken. Schwer wie zehn Särge lastete die dunkle Vergangenheit auf Mihais Schultern. Er spürte sie bei jedem Schritt, bei jedem Atemzug. Doch seine Familie durfte niemals davon erfahren. Eher würde Mihai sich in eine Badewanne voller Weihwasser legen und sich von oben bis unten mit Knoblauchseife einschmieren.
Herr Tepes bog gerade in einen Kiesweg, der eine Abkürzung war und zwischen zwei Gartengrundstücken zur Hauptstraße führte. Der Weg war nicht beleuchtet. Nur von der Hauptstraße aus fiel von den Straßenlaternen noch ein schwaches Licht auf den schmalen Pfad. Mihai Tepes hatte diese Abkürzung schon oft genommen. Als Vampir fürchtete er keine dunklen Gassen. Im Gegenteil, dort fühlte er sich besonders wohl. Doch als er jetzt einen Fuß nach dem anderen auf den knirschenden Kies setzte, bebten seine Nasenflügel vor böser Vorahnung. Und seine Nasenflügel irrten sich nie.
Mihai hatte gerade die Hälfte der Strecke hinter sich gebracht und konnte bereits die Autos auf der Hauptstraße hören, als es rechts von ihm knackte. Im selben Moment trat eine Gestalt hinter einer Hecke hervor. Sie hatte den Hut tief ins Gesicht gezogen. Alles, was man erkennen konnte, war der Umriss einer Nase.
Herr Tepes erstarrte. Statt wegzulaufen, oder noch besser, wegzufliegen, sah Mihai den Mann mit Entsetzen an. Viel war in der Dunkelheit und wegen des großen Huts nicht zu erkennen. Trotzdem wusste Mihai sofort, wen er vor sich hatte. Ein Schauder lief ihm über den Lakritzschnauzer und bis in die Eckzähne. Es war so weit. Sie hatte ihn eingeholt: seine dunkle Vergangenheit.
„Sie wissen, warum ich hier bin?“, fragte der Mann mit dem Schatten auf dem Gesicht. Seine Stimme klang wie ein altes, knarrendes Zahnrad.
Mihai rührte sich nicht.
„Wir haben eine Abmachung. Sie haben mir etwas versprochen. Oder haben Sie es etwa vergessen, nur weil es schon über hundert Jahre her ist?“
Mihai hatte nichts vergessen. Nicht das kleinste Detail der Abmachung. War es doch genau diese Abmachung, die ihn seit Monaten keinen Schlaf mehr finden ließ. Er wusste genau, was sein Gegenüber wollte. Und er wusste, dass er nichts unternehmen konnte, dass ihm all seine Vampirkräfte nichts nützten. Dieser Mann hatte ihn in der Hand. Mihai hatte einst geschworen, sich an die Abmachung zu halten. Jetzt war die Zeit gekommen: Er musste sein Versprechen einlösen. Doch das konnte er nicht. Es würde ihm das Herz zerreißen und auch das seiner Frau.
Deutlich war der Atem der dunklen Gestalt zu hören. Er rasselte und erinnerte an eine raue, einsame Winternacht. Eine Nacht, in der das Schicksal eines kleinen Vampirs besiegelt worden war. „Damals haben Sie mir Ihr Wort gegeben. Das Ehrenwort eines Vampirs.“
Mihai schluckte. Sein Hals war so eng, er hatte das Gefühl, er müsse ersticken. „Ich weiß. Ich halte mein Wort. Ähm … vielleicht könnten wir die Abmachung nur ein klein wenig abändern.“
„Ändern? Wieso?“
„Es kann ja sein, dass sich Ihre … Ihre Bedürfnisse in all den Jahren geändert haben. Vielleicht kann ich mein Versprechen mit etwas anderem einlösen. Geld zum Beispiel. Ein Weltrundflug. Oder ein schöner Eichensarg.“
„Ich brauche ganz sicher keinen Sarg. Unsere Vereinbarung ändert sich auch nach Hunderten von Jahren nicht. Und laut Abmachung gehört er mir: der erstgeborene Sohn. Ihr Sohn.“
Mihai schnappte nach Luft und suchte nach Worten. „Was ich verspreche, das halte ich auch“, brachte er schließlich heraus. „Also … würde ich zumindest gerne. Hätte ich denn einen Sohn. Aber leider, leider habe ich nur drei entzückende Töchter: unsere Zwillingsmädchen und der … ähm, die süße Olga.“
Der Atem rasselte noch lauter. „Sie wagen es, mich zu belügen?! Ich weiß genau, dass Sie einen Sohn haben. Und Sie wissen genau, dass er mir gehört!“
Mihai hob beschwichtigend die Hände. Seine Finger zitterten. Die Vergangenheit hatte ihn nicht nur eingeholt, man konnte sie offenbar auch nicht belügen. „Mein Sohn. Ja, natürlich. Er gehört Ihnen, keine Frage. Sie werden ihn bekommen. Nur … vielleicht … nicht jetzt gleich, nicht sofort, meine ich.“
„Sie hatten bereits zehn Monate Zeit.“
„Eben, da kommt es auf einen Tag früher oder später doch auch nicht an.“ Mihais Stimme klang viel zu hoch für seinen Geschmack.
„Sie wollen Aufschub?“
„Bitte, nur ein paar Tage. Ich muss mit meiner Frau reden.“ Oder lieber nicht, dachte Mihai.
Die dunkle Gestalt zögerte. „Na gut. Ein paar Tage kann ich noch warten. Aber wagen Sie es nicht, mich hinters Licht führen zu wollen. Es wäre sowieso sinnlos.“
„Ich weiß“, sagte Mihai leise, als die Gestalt mit dem Hut bereits wieder hinter die Hecke getreten und in der Dunkelheit verschwunden war.
Rakete im Parkverbot

Schule ist doof“, sagte Silvania.
Daka sah ihre Schwester erstaunt an. „Ich dachte, du magst Schule. In der Schule gibt es jede Menge Bücher und jede Menge Jungs – du musst dich doch da so wohlfühlen wie eine Wildsau in der Schlammpfütze.“
„Tu ich sonst ja auch. Aber wenn wir nicht in die Schule müssten, könnten wir den ganzen Tag mit Franz spielen.“
„Wenn der Rest von Franz genauso schnell wächst wie seine Eckzähne, kann er bald mit in die Schule. Das wäre cool!“
Die Vampirschwestern hatten sechs mäßig coole Unterrichtsstunden hinter sich gebracht und waren auf dem Heimweg. Gerade bogen sie in den Lindenweg ein.
Silvania schnaufte. „Wehe! Ich will, dass er ganz lange süß, niedlich und knuffig bleibt.“
„Bissig hast du noch vergessen.“
„Den Biss hat er von Papa. Das Süße und Niedliche hat er von mir.“ Silvania grinste.
„Hast du Papa heute Morgen gesehen?“
„Furchtbar. Sah aus wie ein im Schnellwaschgang geschleuderter Zombie.“
„Ein Vampir, der wie ein Zombie aussieht – krasser geht’s nicht“, fand Daka.
„Seine Arbeit im Institut muss voll stressig sein.“
„Gumox. Er schläft nicht gut, hat er doch gesagt.“
Hätte Daka gewusst, wie recht sie damit hatte! Ihr Vater schlief nicht nur schlecht, momentan schlief er gar nicht. Mihai Tepes lag seit Stunden in seinem Sarg wach, trommelte mit den Fingern auf das Eichenholz und dachte nur an eins: Wie konnte er seinen erstgeborenen Sohn retten? Wie konnte er seine dunkle Vergangenheit ungeschehen machen? Gab es überhaupt irgendeinen Ausweg aus dieser furchtbaren Situation? Herr Tepes wälzte sich von einer Sargseite auf die andere. Er zog sich alle zehn Minuten am Lakritzschneckenschnauzer. Zur Anregung seines Verstandes genehmigte er sich einen Karpovka am frühen Nachmittag. Doch ihm wollte keine Lösung einfallen.
„Wenn du mich fragst, fehlt ihm nicht nur Schlaf, sondern noch irgendwas hier oben.“ Silvania tippte sich an die Stirn. „Sein Sohn ist seit zehn Monaten auf der Welt und er nennt ihn immer noch Olga! Snips tschem Breszu bratscho!“ Das war eine vampwanische Redensart und bedeutete so viel wie „Verrückt wie ein dicker Presssack“. Keiner wusste mehr so genau, was das Verrückte an einem dicken Presssack war. Aber irgendetwas völlig Verrücktes musste ein Presssack mal in Transsilvanien angestellt haben, wenn sich die Redensart so lange gehalten hatte.
„Total snips! Hast du den Strampler gesehen, den er vorgestern angeschleppt hat? Rosa mit glitzernden Schleifchen und Spitzenrüschchen am Popo.“ Daka machte Geräusche, als wäre ihr eine Schmeißfliege im Hals stecken geblieben. „Hätten sie mir so etwas angezogen, hätte ich es sofort mit Blutbrei vollgekotzt.“
„Hä? Was ist das denn?!“ Silvania blieb stehen.
„Na, diese rote Matsche, die wir als Babys in Bistrien immer gefüttert bekommen haben. Blutwurst, Hühnerpudding und Haferschleim mit lauwarmem Frischblut zusammengepampt.“
„Nein, ich meine das silberne Dings da.“
Daka folgte dem Blick ihrer Schwester. Vor dem Haus von Dirk van Kombast stand ein Wohnwagen. Allerdings war er so groß wie zwei Wohnwagen. Die Fenster waren voll verspiegelt und glänzten auf der silbernen Karosse wie riesige Facettenaugen. Auf dem Dach reckten sich mehrere Antennen, Metallfedern und Drähte gen Himmel. Die Räder waren so groß wie die eines Lastwagens, die Außenspiegel wie Kuchenbleche. Der Kühlergrill erinnerte an den aufgerissenen Rachen eines Hais. Vom Dach bis zum Heck verliefen zwei glänzende Streben, die wie Flossen aussahen und an deren spitzen Enden rote Lampen prangten.
„Sieht aus wie eine Rakete auf Rädern“, sagte Daka.
„Okay. Also entweder sind Außerirdische im Lindenweg gelandet oder das Teil da ist Dirk van Kombasts neuer Dienstwagen.“
„Keins von beiden.“ Daka deutete mit dem Kopf auf den Nachbarn. „Benimmt sich zwar manchmal wie ein Außerirdischer, ist aber ein ganz normaler, okay, halbwegs normaler Mensch.“
Dirk van Kombast stampfte um den silbernen Wohnwagen herum. Seine goldenen Locken wippten. Seine Wangen schimmerten rot, passend zu seinem Polohemd. „Hier ist PARKVERBOT! Sie stehen mitten vor meinem Grundstück! Das ist eine mutwillige Verletzung der Privatsphäre!“
Der silberne Wohnwagen schwieg. Erst als Dirk van Kombast kräftig an die Fahrertür klopfte, regte sich etwas. Das abgedunkelte Fahrerfenster des Wohnwagens surrte leise ein Stück nach unten. „Verzeihung, aber ich habe gar kein Parkverbotsschild gesehen“, drang eine ruhige Stimme heraus.
„Na so was. Und Sie meinen, das gibt Ihnen gleich das Recht, ihren aufgebrezelten Straßendampfer direkt vor meinem Grundstück zu parken?“ Dirk van Kombast stellte sich vor der Fahrertür auf die Zehenspitzen und reckte den Kopf Richtung Fensterspalt. „Nein, hier gibt es kein Parkverbotsschild. Aber DORT drüben am Zaun steht MEIN Namensschild. Dirk van Kombast! Und wo Dirk van Kombast drin wohnt, da darf auch nur Dirk van Kombast davor parken!“
„Ach“, kam es aus dem Wohnmobil.
„Was heißt hier Ach? Entschuldigung, das wäre angebrachter! Sie versperren mir ja die ganze Sicht mit ihrem Land-U-Boot!“ Dirk van Kombast stemmte die Hände in die Hüften.
„Das tut mir leid. Daran hatte ich gar nicht gedacht. Natürlich werde ich Ihnen nicht länger den sagenhaften Ausblick auf diese aufregende Sackgasse versperren. Ich bin gleich weg.“ Der Fahrer des Wohnwagens ließ den Motor an. Dann tuckerte er ein paar Meter weiter und blieb vor dem Haus von Simona Zicklein stehen.
Dirk van Kombast nickte zufrieden, machte kehrt und verschwand im Haus. Freie Sicht für freie Bürger – er hatte, was er wollte.
Silvania und Daka warteten einen Moment. Doch nichts tat sich. Weder öffnete sich die Fahrertür, noch fuhr der Wohnwagen weiter. Der Motor verstummte schließlich. Zögernd gingen die Schwestern auf das befremdliche Fahrzeug zu. Wie ein herausgeputzter, schlafender Elefant stand der Wohnwagen in der Nachmittagssonne. Direkt unter dem Fahrerfenster war ein weißes Schild angebracht, auf dem mit schwarzen Buchstaben stand:
Dr. Tinkturo Mörser
Reparaturen, Restaurierung, Instandsetzung
jeder Art, Zeit und Form
„Eine rollende Werkstatt“, schlussfolgerte Daka.
„Und ein Doktor. Vielleicht kann dieser Dr. Mörser das Gehirn von Papa wieder instand setzen.“ Silvania kicherte, als hätte sie selbst Probleme mit dem Gehirn.
„Ihr habt einen Auftrag für mich?“, fragte jemand im Wohnwagen. Das Fahrerfenster war einen Spalt geöffnet.
Dr. Mörser

Dr. Tinkturo Mörser hatte mit der Aufschrift auf der Fahrertür seines Wohnwagens nicht zu viel versprochen. Er konnte tatsächlich alles reparieren. Innerhalb von 24 Stunden sprachen sich sein ausgezeichneter Service und seine Fachkenntnis in nahezu allen Häusern der Wohnsiedlung herum.
Ole Hormsen, der Besitzer vom Kiosk vorne an der Ecke vom Lindenweg, brachte sein erstes Handy von 1988 zur Reparatur. Es sah aus wie ein Knochen, wog mindestens ein Kilo und war mehr Waffe als Kommunikationsgerät. Dr. Mörser schraubte es auseinander, erkannte auf den ersten Blick das Problem, löste es mit zwei geschickten Handgriffen und überreichte Ole Hormsen keine fünf Minuten später sein funktionierendes Handy. Ole Hormsen strahlte wie vom Weihnachtsmann geküsst. Mit dem Handy würde er bei der nächsten 80er-Jahre-Party der King of Retro sein.
Hildegard Schaumburg, die Besitzerin der Bindburger Moccastube, schleppte einen Leierkasten von 1750 zu Dr. Mörser. Er war ein Erbstück ihres Urgroßvaters, der den hölzernen Leierkasten wiederum von seinem Urgroßvater geerbt hatte. Sowohl die eisernen Räder als auch das kunstvoll verzierte Gehäuse waren nach all den Jahren noch gut in Schuss, aber irgendetwas stimmte mit dem Pfeifenwerk nicht mehr. Außerdem war die Kurbel verbogen, seit ein Gast der Moccastube aus Versehen seine schwere Einkaufstasche daran gehängt hatte. Dr. Tinkturo Mörser schaffte, was bisher keinem Handwerker gelungen war: Er brachte den Leierkasten binnen einer Stunde wieder zum Klingen. Und Hildegard Schaumburg zum Juchzen vor Freude. Beseelt schob sie den Leierkasten zurück in ihr Café, nicht ohne dem Doktor zuvor lebenslang kostenlosen Kaffeegenuss in der Moccastube zu garantieren.
Armin Schenkel, der mit seiner Frau und Sohn Linus gegenüber von Familie Tepes wohnte, vertraute dem erfahrenen Doktor die zerbrochene Pfeife seiner Urgroßmutter an. Noch nie hatte er es gewagt, die Pfeife aus der Hand zu geben. Als Dr. Mörser die Pfeife reparierte, blieb er zur Sicherheit im Wohnwagen dabei. Dr. Mörser hantierte mit Kleber, Schleifpapier und Schraubstock. Armin Schenkel hatte kaum genug Zeit, sich in der Werkstatt umzusehen, da drückte ihm der Doktor die reparierte Pfeife in die Hand.
Die beste Kundin aber war Simona Zicklein. Mehrmals am Tag, soweit es ihre Arbeitszeit zuließ, klopfte sie an der Tür des silbernen Wohnwagens, der vor ihrem Haus parkte. Sie schleppte einen alten Gegenstand nach dem anderen zu Dr. Mörser. Was nicht nur daran lag, dass Frau Zicklein so viel kaputtes Gerümpel hatte. Es hatte auch nicht bloß damit etwas zu tun, dass die alleinerziehende Mutter den kürzesten Weg zu Dr. Mörser hatte. Woran genau es lag? Das wussten wahrscheinlich nur Frau Zicklein und Dr. Mörser selbst.
Dr. Tinkturo Mörser jedenfalls freute sich immer sehr, seine beste Kundin zu sehen. Wie seltsam die Gegenstände auch waren, die Simona Zicklein zum Wohnwagen brachte: eine Trockenhaube, eine Wimpernzange, ein Badewannenvulkan oder auch eine winkende, goldene Katze, die das Winken verlernt hatte.
Doch auch als Silvania und Daka jetzt zum zweiten Mal vor seiner mobilen Werkstatt standen, hieß Dr. Mörser sie herzlich willkommen. Obwohl das Geschäft brummte und Frau Zicklein erst am Morgen einen kaputten, normalerweise blinkenden Weihnachtsmann und einen Stöckelschuh mit abgebrochenem Stöckel vorbeigebracht hatte, schickte er seine Besucher nicht weg. Als hätte er unendlich viel Zeit im Leben.
„Ihr zwei seid es wieder.“ Dr. Mörser öffnete lächelnd die Wohnwagentür. „Was ist? Traut ihr euch heute in meine bescheidene Werkstatt?“
Dieses Mal zögerten die Vampirschwestern nicht. Gestern noch war ihnen der Mann, der mit pomadigen, dunkelbraunen Haaren und blauem Kittel aus dem Wohnmobil gestiegen war, nicht ganz geheuer gewesen. Er kam ihnen vor wie aus einer anderen Welt, einer anderen Zeit, von einem unbekannten Ort. Heute schon hatten Silvania und Daka das Gefühl, der silberne Wohnwagen würde zum Lindenweg gehören wie der Kiosk von Ole Hormsen. Die Leute gingen bei Dr. Mörser ein und aus, als wäre er ein langjähriger, allseits beliebter Anwohner. Alle sahen es als glücklichen Zufall an, dass dieser begnadete Reparateur mit seiner rollenden Werkstatt ausgerechnet bei ihnen im Wohngebiet haltmachte. Die Vampirschwestern hatten schon von mehreren Seiten von seiner kleinen, aber beeindruckenden Werkstatt gehört. Jetzt wollten sie das Innere des Wohnwagens mit eigenen Augen sehen. Bereitwillig nahmen sie die Einladung daher an.
„Hereinspaziert!“ Dr. Mörser breitete die Arme aus.
„Das ist ja riesig hier drin!“ Silvania kam der Wohnwagen von innen noch größer vor.
„Ich kann euch alles zeigen, wenn ihr wollt. Das hier ist die Werkstatt.“ Dr. Mörser deutete um sich. Es gab eine Werkbank mit Schraubstock, auf der mehrere Schrauben, Muttern und Einzelteile einer alten Küchenmaschine lagen. An der Wand reihten sich die seltsamsten Werkzeuge. Die Regale waren voller Ersatzteile verschiedenster Form und Funktion. Ganz oben auf den Regalen stapelten sich Bücher, deren Seiten vergilbt waren und sich rollten wie der Käse auf Dakas Frühstücksstulle, die sie gerne mal drei Tage in der Schultasche vergaß.
„Hier geht’s ins Labor.“ Dr. Mörser schob die Vampirschwestern in den nächsten Raum. Er war weiß und wirkte etwas aufgeräumter als die Werkstatt. In der Mitte stand ein Tisch aus Metall. Darauf befanden sich Reagenzgläser, Bunsenbrenner, verschiedene Schalen und Töpfe, Zangen, Löffel und Pipetten. Auch hier waren die Regale bis oben gefüllt.
„Dagegen ist unser Chemieraum so aufregend wie eine Gefängniszelle.“ Daka hielt ihre Nase über ein Reagenzglas mit dunkelblauer Flüssigkeit.
„Finger weg! Und Nasen auch“, sagte Dr. Mörser ernst. Er öffnete eine weitere Tür. „Und hier hinten ist der Raum für die Nachtruhe.“
Silvania und Daka warfen kurz einen Blick in den vollkommen dunklen Raum, in dem nicht viel mehr als ein antik wirkendes Bett und ein alter Koffer standen.
„Zum Schluss unseres kleinen Rundgangs zeige ich euch noch das Herz meines Heims, sozusagen.“ Dr. Mörser führte die Mädchen in die Fahrerkabine. Auf den ersten Blick sah alles aus wie in einem normalen Auto. Es gab ein Lenkrad, zwei Sitze, eine Handbremse, einen Rückspiegel, Pedalen für Gas, Kupplung und Bremse.
„Was sind denn das alles für Knöpfe und Hebel?“ Daka deutete auf das Armaturenbrett. Es sah aus, als könnte man eine ganze Flugstaffel von Raumschiffen damit steuern und nicht einen einzigen Wohnwagen.
„Das ist die Schaltzentrale“, sagte Dr. Mörser und wuchs dabei mindestens drei Zentimeter. „Wie ihr schon gemerkt habt, ist mein Wohnwagen kein gewöhnlicher Wohnwagen. Er ist Werkstatt, Labor und Schlafstätte in einem. Er ist mein Leben, mein Ein und Alles. Und deshalb muss ich ihn gut schützen. Leider gibt es nicht nur gute Menschen auf dieser Welt. Mit der Schaltzentrale kann ich Kameras und andere Sicherheitseinrichtungen bedienen. Ich würde sagen: Dieser Wohnwagen ist der sicherste Ort der Welt! Weder Hitze noch Kälte noch irgendein Bohrer richten etwas gegen ihn aus.“
„Verstehe. Also mobile Werkstatt und fahrbare Festung in einem“, sagte Daka.
„Und Sie tingeln im Wohnwagen durchs ganze Land? Wo ist denn Ihr Zuhause? Ich meine, Ihr richtiges Zuhause“, fragte Silvania, während sie Dr. Mörser zurück in die Werkstatt folgten.
„Ich reise nicht nur durchs ganze Land, sondern durch die ganze Welt. Und auf der ganzen Welt bin ich auch zu Hause.“
„Aber jeder kommt doch irgendwoher. Jeder ist doch irgendwo aufgewachsen“, sagte Silvania.
„Haben Sie nicht manchmal Sehnsucht nach Ihrer Familie?“, fragte Daka.
Das Lächeln verschwand aus Dr. Mörsers Gesicht. Das Grübchen auf seinem Kinn, das aussah, als hätte er sich dort mit einem Bleistift gepikt, zog sich noch weiter nach innen. „Ich habe keine Familie. Wo ich aufgewachsen bin, war ich schon seit einer Ewigkeit nicht mehr. Das ist nicht mehr wichtig. Dort wäre niemand mehr, den ich besuchen könnte.“ Mit einer schnellen Bewegung griff Tinkturo Mörser nach der Mütze des Weihnachtsmanns, der in Einzelteilen auf der Werkbank lag. „Dann mache ich mich mal wieder an die Arbeit. Das gute Stück muss in einer Stunde fertig sein, damit Simona … also, ich meine, Frau Zicklein, ihren Weihnachtsmann wieder abholen kann. Wenn ihr wollt, könnt ihr zusehen.“
„Danke, aber wir müssen nach Hause“, sagte Silvania.
„Wir wohnen hier in der Straße. Wenn Sie mal rauswollen aus Ihrem Wohnwagen und wir Ihnen die Gegend zeigen sollen …“, begann Daka.
Doch Dr. Mörser winkte mit der Weihnachtsmannmütze in der Hand ab. „Das ist nett von euch, aber ich hab so viel zu tun. Ihr seht ja. Außerdem hab ich’s nicht so mit Sehenswürdigkeiten und Stadtrundfahrten. Ich sage immer, die Leute der Gegend kommen zu mir. Und wie lernt man eine Gegend besser kennen als durch seine Bewohner?“
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