Kitabı oku: «Die Vampirschwestern – Ein bissfestes Abenteuer»

Für jeden Popo was

Elvira Tepes klemmte sich fünf Klobrillen unter den Arm. Dann hängte sie sich ihre Handtasche über die Schulter und gab ihrem Mann einen Abschiedskuss. Sein schwarzer Schnauzbart, der zwei riesengroßen Lakritzschnecken ähnelte, kitzelte. „Tschüss, mein Mihai. Schlaf gut!“
Mihai Tepes stand auf der Treppe zum Keller und lächelte seiner Frau nach. Als die Haustür ins Schloss fiel, gähnte er. Es war schon fast zehn Uhr morgens. Höchste Zeit, in den Sarg zu gehen. Langsam stieg Herr Tepes die Stufen hinab. Er konnte gar nicht glauben, dass er sich so schnell an das neue Zuhause gewöhnt hatte. Doch sein Heimweh blieb nach wie vor groß. Er vermisste die dichten transsilvanischen Wälder, seine Freunde und Verwandten. Er vermisste es, als richtiger Vampir zu leben.
Es war schon fast ein Monat vergangen, seit der Möbeltransporter aus Transsilvanien in den Lindenweg gebogen war. Mihai und Elvira Tepes waren mit ihren Töchtern Silvania und Daka in das Reihenhaus Nummer 23 eingezogen. Mihai Tepes, zweiter Sohn einer ehrwürdigen Vampirfamilie aus Bistrien, wohnte samt Sarg, Orgel und Rennzecken im Keller. Nicht ganz freiwillig.
Elvira Tepes hatte in der oberen Etage nicht nur ein Schlafzimmer besetzt, sondern auch eins der Kinderzimmer, das ursprünglich für Silvania vorgesehen war. Dort lagerte sie 250 Klobrillen, die sie günstig in Rumänien erstanden hatte. Vor ein paar Tagen hatte sie ihren ersten eigenen Laden in der Innenstadt von Bindburg eröffnet. „Die Klobrille“. Es war der erste Klobrillenladen der ganzen Stadt. Vielleicht sogar in ganz Deutschland. Oder im ganzen Universum. Silvania und Daka hatten ihrer Mutter bei den Vorbereitungen zur Eröffnung geholfen. Sie hatten den Werbeslogan von Frau Tepes an das Schaufenster geklebt: Ich gestalte Klobrillen, ganz nach Ihrem Willen. Klobrillen nach Maß – für jeden Popo was!
Frau Tepes hatte zu Anschauungszwecken bereits ein paar Klobrillen kunstvoll gestaltet. Sie hingen wie Ausstellungsstücke in einem Museum an der Wand des kleinen Ladens. Die Eröffnung war ein voller Erfolg gewesen. Zunächst waren nur Familie Tepes, Oma Rose und Opa Gustav und der Ladenvermieter Dr. Peter Steinbrück mit seiner Tochter Helene gekommen. Doch im Laufe des Tages verirrten sich immer mehr Schaulustige und Stadtbummler in den außergewöhnlichen Laden. Frau Tepes bekam sogar die ersten Aufträge: Ein Mann wollte eine hellblaue Plüschklobrille, passend zu seinem Badvorleger, und eine Frau wollte eine Klobrille bemalt mit Gummibärchen, damit sie ihren kleinen Sohn dazu brachte, statt auf das Töpfchen aufs Klo zu gehen.
Frau Tepes war sehr zufrieden. Mit ihrem Laden, dem Umzug zurück in ihre Heimat und mit ihrem Mann, der sich noch mal in aller Form bei Herrn Dr. Steinbrück entschuldigt hatte. In einem nächtlichen Anflug von Eifersucht hatte er versucht, ihn zu beißen. Bei mehreren Kaffees, Tees und Sprudelwässern war es Frau Tepes gelungen, ihren Vermieter von der Harmlosigkeit ihres Mannes zu überzeugen. Zumindest dachte er jetzt, Mihai Tepes litte an einer unerforschten psychischen Störung: krankhafte Eifersucht mit Bisszwang.
Wäre es nur nach Mihai Tepes gegangen, hätte er freiheraus gesagt, wie es sich wirklich verhielt: Er war ein Vampir! Und darauf war er stolz. Er hasste es, sich zu verstecken. Aber er hatte es Elvira versprochen. Sie glaubte an Vampirjäger und fürchtete, alle Menschen würden entweder die Flucht ergreifen oder auf die Familie losgehen, wenn sie wüssten, dass ihr Mann ein Vampir und ihre Töchter Halbvampire waren. Dabei lebten Vampire, Halbvampire und Menschen in Transsilvanien friedlich zusammen. Na gut, nicht ganz so friedlich. Ab und zu verschwand schon mal ein unvorsichtiger Mensch. Aber er war selbst schuld, wenn er nicht aufpasste!
Mihai Tepes schloss die Kellertür, legte sich in seinen Sarg mit der Heimaterde und atmete tief ein. Er schloss die Augen und stellte sich vor, mit seinem Bruder Vlad durch die transsilvanischen Wälder zu fliegen, über rauschende Bäche hinweg und durch steinige Schluchten. Sie verspeisten genüsslich die Fliegen, die sich dabei in ihren Mund verirrten. Der Wind zerzauste Mihai die halblangen pechschwarzen Haare, während sie immer schneller flogen, geradewegs auf den Vollmond zu …
„Papa?“
Jemand klopfte kräftig am Sargdeckel. Mihai Tepes stöhnte. Er verabschiedete sich von seinem Traum, von Vlad, dem Mond und den transsilvanischen Wäldern. Dann öffnete er die Augen und stieß den Sargdeckel auf. „Was?“
Seine Tochter Daka, die sieben Minuten jüngere Zwillingsschwester von Silvania, hielt ihm den Telefonhörer entgegen. „Onkel Vlad.“
Herr Tepes fuhr sich durch die Haare. „Schon wieder?“
Daka nickte.
„Mitten am Tag?“
Daka nickte abermals.
Schließlich nahm Herr Tepes den Telefonhörer. „Danke“, sagte er und strich Daka kurz über ihre Stachelhaarfrisur. Erst gestern Nacht hatte Mihai Tepes mit seinem Bruder gechattet. Und vorgestern Nacht hatten sie sich im Fünfminutentakt SMS geschrieben. Herrn Tepes tat noch immer der Daumen weh. Anscheinend vermisste Vlad seinen kleinen Bruder in Transsilvanien genauso sehr wie der seinen großen Bruder in Deutschland.
„Hoi, Vlad“, meldete sich Mihai. Das Gespräch fand natürlich auf Vampwanisch statt. Einer der kompliziertesten und ältesten Sprachen der Welt. Vlad erkundigte sich nach der Familie, dann regte er sich über einen Nachbarn auf, der tagsüber Orgel spielte (und dazu noch schlecht), und schließlich kam er zu seinem Lieblingsthema: der Weltrevolution der Vampire aller Länder.
Mihai Tepes war über die Revolution aus früheren Gesprächen bestens informiert, deswegen hörte er nicht so genau hin. Er legte sich mit dem Telefonhörer am Ohr wieder in den Sarg, schloss den Deckel und brummte ab und zu „hm, hm“. Herr Tepes brauchte dringend Schlaf. Seine Nachtschichten als Gerichtsmediziner am Institut für Rechtsmedizin waren doch anstrengender, als er gedacht hatte. Vor allem, wenn man neben der Arbeit noch ein paar leckere Blutkonserven mit nach Hause in die große Tiefkühltruhe schmuggeln musste.
Daka war wieder nach oben gegangen. Sie setzte sich neben Silvania auf die blutrote Couch im Wohnzimmer und stellte ihre nackten Füße in ein Katzenklo. Es gehörte Herrn Tepes und war am Boden mit Heimaterde bedeckt.
Silvania las in der neuesten Mädchenzeitschrift. „Fumpfs!“, rief sie. „Lila ist total out, jetzt ist Kirschrot in.“ Sie starrte voller Entsetzen auf ihre lila lackierten Fingernägel.
„Tja, da hilft nur Fingerabhacken.“ Daka verdrehte die Augen.
„Übrigens ist der Punklook auch total out“, sagte Silvania und zeigte auf die Seeigelhaarfrisur ihrer Schwester.
„Bei Menschen vielleicht.“
Silvania seufzte. „Hallo! Guten Morgen! Wir sind jetzt bei den Menschen.“
„Na und? Trotzdem bin ich ein Halbvampir.“ Daka fuhr sich mit der Zunge über ihre spitzen Eckzähne. Es war höchste Zeit für Dentiküre. Sie sprang auf und holte ihre Zahnfeile aus dem Bad. Dann setzte sie sich wieder auf die Wohnzimmercouch und begann, an einem Eckzahn zu feilen. Es quietschte furchtbar.
Silvania verzog das Gesicht. „Was soll denn das jetzt?“
Daka setzte die Feile ab. „Dentiküre. Radikale Regel Nummer sieben.“ Frau Tepes hatte sieben radikale Regeln für die Töchter aufgestellt. Sie verboten den Halbvampiren zum Beispiel Fliegen bei Tageslicht, Flopsen, lebende Mahlzeiten und schrieben Dentiküre und Tragen von Sonnenschutz vor. Normalerweise hielt sich Daka nicht besonders an die radikalen Regeln. Aber wenn ihr langweilig war und sie ihre Schwester damit ärgern konnte, dann schon.
„Musst du das hier mitten im Wohnzimmer machen?“ Silvania beugte sich zur Terrassentür. „Wo dich jeder sehen kann?“
„Meinst du den Komposttypen?“ Daka winkte ab. „Der hat sich schon seit Tagen nicht mehr blicken lassen.“
Dirk van Kombast, der unmittelbare Nachbar der Tepes, war tatsächlich seit Tagen wie vom Erdboden verschluckt. Dabei sah man ihn sonst regelmäßig, gut gebräunt und gut geföhnt, in seinem silbernen Sportwagen den Lindenweg entlangfahren.
„Vielleicht ist er auf extralange Vertreterreise gegangen“, überlegte Silvania laut.
„Sag bloß, du vermisst ihn!“
Silvania warf ihrer Schwester einen mitleidigen Blick zu. Es war nicht zu fassen, was sieben Minuten Altersunterschied ausmachten! Daka hatte keine Ahnung von Männern, der Liebe und anderen grundlegenden Dingen. „Nur weil ich finde, dass er wahnsinnig gut aussieht, vermisse ich ihn doch nicht gleich.“
„Wahrscheinlich hat er nach der Geschichte mit Rattatoi Angst, dass Papa ihn wirklich anzeigt, und hat sich erst mal aus dem Staub gemacht“, sagte Daka.
Herr van Kombast hatte eine tote Ratte auf der Terrasse der Tepes gefunden. Mit eindeutigen Bissabdrücken. Herr Tepes (der seinen Mitternachtssnack auf der Terrasse vergessen hatte) konnte Dirk van Kombast davon überzeugen, dass es sich um das Haustier der Familie handelte. Offenbar hatte es ein tragischer Tod ereilt. Offenbar durch Herrn van Kombast. Er drohte dem Nachbarn mit einer Anzeige, woraufhin dieser die Flucht ergriff. Seitdem hatte sich Dirk van Kombast nicht mehr bei den Tepes sehen lassen.
Doch Dirk van Kombast war weder auf extralanger Vertreterreise, noch hatte er sich aus Angst vor einer Anzeige aus dem Staub gemacht. Dirk van Kombast war in den letzten Tagen mit den Vorbereitungen einer Reise beschäftigt gewesen. Er hatte den besten Anzug aus der Reinigung geholt, Flugtickets und ein Hotel gebucht, war noch mal zur Zahnreinigung gegangen und hatte schließlich seine Reisehausschuhe und seinen Laptop eingepackt. Sein Laptop war sein Gedächtnis, seine geheime Zentrale voller Beweismittel.
Vor zwei Tagen hatte Dirk van Kombast den Flieger nach New York genommen. Doch die Stadt, die niemals schlief, interessierte ihn nicht. Er war kein gewöhnlicher Tourist. Er war geladener Besucher der „VI. International Vamptology Conference“. Endlich würde er mit vernünftigen, gleich gesinnten Menschen reden können.
Bevor Dirk van Kombast zum Vampirologenkongress aufgebrochen war, hatte er sich von seiner Mutter in der psychiatrischen Anstalt verabschiedet. Außer ihr, vermutete er, würde ihn niemand in Deutschland vermissen.
Silvania dachte an Rattatoi und musste kichern. Doch dann überkam sie ein langes Gähnen. Daka stimmte sofort in das Gähnen ein. Die Schwestern blinzelten zum Fenster, vor dem die Sonne schien.
„Wie schaffen es die Menschen nur, bei der Helligkeit wach zu bleiben? Da kneift man doch freiwillig die Augen zu“, meinte Daka.
Silvania gähnte zur Bestätigung gleich noch einmal. Dann nahm sie die Hand vom Mund. „Diese schlaflosen Tage sind echt anstrengend.“
„Ich werde mich nie daran gewöhnen, den Tag zur Nacht zu machen.“
„Papa hat es gut mit seinem Job. Aber in der Schule werden sie extra für uns sicher keine Nachtschichten einführen“, sagte Silvania.
„Na ja, immerhin konnten wir letzte Woche in Geschichte und Geo mal schön ausschlafen.“
Das lag nicht daran, dass der Unterricht so langweilig war oder der Lehrer ein Schlafexperiment durchgeführt hatte. Herr Martin Graup, der Klassenlehrer der 7b und Lehrer für Geschichte und Geografie, war die ganze Woche krank geschrieben. Es hieß, ihm wäre eine Honigmelone direkt aus dem Himmel auf den Kopf gefallen. Statt Geschichte und Geo hatte die 7b stille Beschäftigung. Daka und Silvania Tepes nahmen es mit dem „still“ sehr ernst. Von ihrer Bank war nur ab und zu ein leises Schnarchen zu hören. Hätte Helene sie nicht regelmäßig geweckt, hätten sie bis zum Sonnenuntergang schnarchend auf der Schulbank gelegen.
Helene Steinbrück, die Tochter von Dr. Peter Steinbrück, war Silvanias und Dakas neue, einzige und beste Freundin. Zumindest fast. Helene hatte den Schwestern ihr Geheimnis anvertraut: Sie trug ein Hörgerät, das sie hinter ihren langen blonden Haaren versteckte und von dem niemand in der Klasse etwas wusste. Daka und Silvania hatten versprochen, niemandem davon zu erzählen. Aber sie hatten auch versprochen, Helene ihr Geheimnis zu verraten. Helene hatte die Schwestern genau beobachtet und war sich sicher, dass sie nicht ganz normal waren. Dabei hatte Daka nur mal kopfüber am Stufenbarren ein Schläfchen gemacht und Silvania war bei einem akuten Heimaterdeentzug vom Schwebebalken gekracht. Ganz normale Begebenheiten. Für Halbvampire.
Solange die Zwillinge Helene nicht ihr Geheimnis anvertrauen würden, waren sie keine echten Freundinnen. Das leuchtete auch Daka und Silvania ein. Denn echte beste Freundinnen vertrauten einander. Doch in der Schule war es viel zu gefährlich, solche Geheimnisse auszutauschen. Zum einen störten die Lehrer, die mitten im Unterricht ständig Fragen hatten, zum anderen der Schrank und der Kleiderständer. Das waren Lucas Glöckner, ein Möchtegernmonster, und Rafael Siegelmann, ein leibhaftiger Lehrerliebling.
Am meisten aber störte Ludo Schwarzer. Er schlich wie ein Panther durch die Schulgänge, tauchte plötzlich in der Nähe der Zwillinge auf und starrte sie dann mit seinen geheimnisvollen, ockerfarbenen Augen an, dass die Halbvampire eine Gänsehaut bekamen. Wenn Silvania und Daka schon nicht ganz normal waren – Ludo Schwarzer war es sicher nicht.
Die Ratten

Elvira Tepes stand vor dem Spiegel im Schlafzimmer und hängte sich ihre Lieblingsohrringe an die Ohrläppchen. Sie ähnelten zwei großen Tränen und hatten die gleiche Farbe wie ihre nachtblauen Augen. Mihai hatte sie von einem Besuch bei Verwandten in Damaskus mitgebracht.
Mihai Tepes trat lautlos neben seine Frau. „Du siehst zum Anbeißen aus!“
Elvira zuckte zusammen. Sie hatte ihren Mann weder kommen hören noch gesehen. Auch jetzt war sie allein im Spiegelbild. Sie drehte sich mit einem Ruck um. „MIHAI!“
Mihai Tepes grinste, wobei sich sein Lakritzschnauzer noch mehr kringelte und man die langen Eckzähne aufblitzen sah. Er liebte es, seine Frau zu erschrecken. Wenn er sie schon nicht beißen durfte. „Und, bin ich dir schick genug?“, fragte er, zupfte an seiner knallroten Fliege, die der einzige Farbklecks auf seinem schwarzen Hemd, der schwarzen Weste und dem schwarzen Frack darüber war. Bunt war nur für Frauen, fand Herr Tepes.
Elvira stellte sich auf die Zehenspitzen und gab ihrem Mann einen Kuss. Seit sie sich nach dem bissigen Eifersuchtsanfall von Herrn Tepes wieder versöhnt hatten, waren sie wie zwei Turteltauben. Silvania fand das zum Seufzen schön. Daka zum Stöhnen anstrengend. Herr Tepes hatte seiner Frau Theaterkarten ihrer Wahl geschenkt. Elvira Tepes hatte sich die Samstagabendaufführung ausgesucht: „Die Ratten“ von Gerhart Hauptmann. Mihai Tepes fand, der Titel klang vielversprechend.
Als sich die Eltern an der Wohnungstür von ihren Töchtern verabschiedeten, hielt Daka einen Daumen hoch und rief: „Boi!“
„Ihr seht wunderschön aus“, fand auch Silvania.
Elvira Tepes strahlte, und Mihai Tepes warf seine halblange pechschwarze Mähne nach hinten, als würde er gleich selbst eine Bühne betreten. „Also, ihr wisst Bescheid …“, begann Frau Tepes.
„Klar doch, Mama“, fiel ihr Daka ins Wort. „Wir fliegen nicht durch die Innenstadt, beißen niemanden und betrinken uns nicht mit Blut.“
Elvira und Mihai Tepes nickten.
„Und wenn, dann rufen wir vorher an“, sagte Silvania. Als sie den entsetzten Blick ihrer Mutter sah, fügte sie schnell hinzu: „War ein Scherz.“
Mihai führte seine Frau zu seiner ersten großen Liebe: seinem flaschengrünen Dacia. Er öffnete die Beifahrertür und ließ Elvira einsteigen. Dann knallte er die Tür so schwungvoll zu, dass es das ganze Wohnviertel hören konnte. Nur so funktionierte die Tür noch. Der Dacia war nur ein paar Jahre jünger als Herr Tepes selbst. Frau Tepes drehte das Fenster herunter, das wie immer etwas klemmte, während Mihai auf der Fahrerseite einstieg.
„Viel Spaß mit den Ratten!“, rief Silvania.
„Geht danach doch noch schön was essen oder trinken“, schlug Daka vor. „Macht euch keine Sorgen um uns.“
Elvira Tepes nickte, doch in ihren Augen schimmerte Zweifel. War es wirklich eine so gute Idee, die Zwillinge allein zu Hause zu lassen? Sie waren gerade mal zwölf, fast noch Kinder. Sie wohnten gerade mal ein paar Tage in Deutschland. Und sie waren Halbvampire, mitten unter Menschen. „Vielleicht hätten wir doch Opa Gustav oder Oma Rose noch mal fragen sollen“, meinte Elvira, als der Dacia den Lindenweg entlangtuckerte.
„Ob sie auf zwei halb erwachsene Halbvampire aufpassen wollen?“ Herr Tepes schüttelte den Kopf. „Du weißt doch, dass deine Eltern heute Abend ihre eigenen Pläne haben.“
Opa Gustav musste ins Stadion. Sein Verein, der FC Bindburg, spielte. Er hatte in der letzten Saison nur knapp den Meisterschaftstitel verpasst. Genau wie all die Jahre zuvor. Aber Opa Gustav war sich sicher, dass es diese Saison klappen würde. An ihm sollte es nicht liegen. Er würde kein einziges Spiel des FC Bindburg verpassen und seinen Verein kräftig anfeuern.
Oma Rose machte Überstunden im Museum. Diese Woche war eine neue, große Ausstellung eröffnet worden. Japanische Kunst der Edo-Zeit. Es war eine der wertvollsten und wichtigsten Ausstellungen, die das Kunstpalais Bindburg jemals veranstaltet hatte. Oma Rose war für die Führungen verantwortlich.
„Außerdem“, sagte Herr Tepes und bog auf die Hauptstraße, „was sollen unsere Töchter schon anstellen?“
Maultiere und Spiderwoman

Als sich im Theaterhaus der Vorhang zum ersten Akt öffnete und Herr und Frau Tepes erwartungsvoll zur Bühne blickten, klingelte es ein paar Kilometer weiter nördlich im Lindenweg Nummer 23 an der Wohnungstür.
Daka sprang aus ihrem Schiffsschaukelsarg, der daraufhin wackelte, als wäre er in einen Atlantiksturm geraten. „Das ist sie!“
Silvania schob sich schnell den Rest ihres Wiener Würstchens in den Mund und folgte Daka die Treppe hinunter. Seit Silvanias gescheitertem Versuch, Vegetarierin zu werden, war sie wieder zur Vollblutfleischfresserin geworden.
Daka riss die Wohnungstür auf. „Hallo!“
„Hoi boi!“ Helene lächelte und gab den Zwillingen jeweils eine Kopfnuss, die diese sogleich erwiderten. „Hoi boi“ waren Helenes erste Worte auf Vampwanisch. Es hieß so viel wie „alles paletti“. Allerdings wusste Helene noch nicht, dass es sich dabei um vampwanische Wörter handelte. Sie wusste noch nicht einmal, dass so eine Sprache existierte.
Silvania und Daka hatten lange nachgedacht, geredet, wieder nachgedacht und abermals geredet. Sie hatten kreuz und quer gedacht, im Stehen, Liegen, Hängen und beim Fliegen. Beim Sitzen auch. Sie hatten überlegt, ob sie ihre Mama um Rat fragen sollten. Aber wozu? Sie würde Nein sagen. Garantiert. Sie hatten überlegt, ob sie ihren Papa fragen sollten. Aber wozu? Er würde Ja sagen. Garantiert. Dann wären sie genauso schlau gewesen wie zuvor. Außerdem würden sich die Eltern deswegen vielleicht wieder streiten. Das wäre nicht nett, wo sie sich doch gerade versöhnt hatten.
Schließlich waren sie zu dem Schluss gekommen: Wenn Helene nicht wusste, dass sie Halbvampire waren, wenn sie ihr nicht genug vertrauten, ihr dieses Geheimnis zu verraten, dann konnten sie auch keine echten, allerbesten Freundinnen sein.
Das wollten sie aber. Deshalb hatten sie beschlossen, Helene am Samstagabend zu sich einzuladen und es ihr zu sagen, während sich ihre Eltern „Die Ratten“ ansahen. Aus Rücksicht hatten sie gar nicht erst erwähnt, dass sie Helene eingeladen hatten. Ihre Eltern sollten den Theaterabend genießen können, ohne sich dabei Sorgen zu machen, dass ein fremder Mensch in ihrer Wohnung war und sich vielleicht aus Versehen in den Keller verlief und über einen Sarg stolperte.
„Komm rein“, sagte Silvania und führte den Gast nach oben in ihr Zimmer.
„Cooool!“, rief Helene, als sie Dakas Bett sah. Es war ein alter Sarg, den Daka zusammen mit Onkel Vlad kunterbunt bemalt und mit vier Ketten an ein Metallgestell gehängt hatte. „Ist das eine alte Schiffsschaukel?“
Daka kratzte sich hinter dem Ohr. „So ähnlich.“
„Darf ich mich mal reinsetzen?“
„Klar.“
Einen Moment betrachtete Helene mit gerunzelter Stirn Dakas schwarze Bettwäsche, auf die lauter kleine weiße Larven gedruckt waren, und ihr Kopfkissen, das wie eine riesige, behaarte Spinne aussah. Dann schaukelte sie und sah sich im Zimmer um. „Cooler Hutständer“, sagte sie und deutete auf den alten verdorrten Baum, an dessen Ästen Silvania ihre Mützen und Hüte aufbewahrte. Helenes Blick wanderte zur Baumspitze und weiter an die Zimmerdecke. „He, wieso habt ihr denn eine Metallkette quer durch euer Zimmer gespannt?“
„Na, zum Abhängen“, sagte Daka.
„Das ist eine Art Wäscheleine“, warf Silvania schnell ein.
Helene staunte. „Voll abgefahren.“
Silvania und Daka nickten.
„Und wer ist das?“, fragte sie und deutete auf ein Poster an der Wand.
„Das sind Krypton Krax, die beste transsilvanische Band aller Zeiten“, sagte Daka stolz. „Wenn du willst, kann ich dir was vorspielen.“
Silvania schüttelte heftig den Kopf. „Willst du nicht!“
Doch Helene hatte schon etwas Interessanteres entdeckt. „Was ist denn da drin?“, fragte sie, stieg aus dem Schiffsschaukelsarg und kniete sich vor Dakas Aquarium.
„Dort wohnt Karlheinz. Und ein paar andere Blutegel“, erklärte Daka. „Aber sie sind ziemlich schüchtern bei Fremden.“
Helene zögerte einen Moment. Doch dann presste sie ihre Nase ans Aquarium. „Beißen die?“
„Nö. Nur, wenn sie hungrig sind.“
Silvania räusperte sich und sah ihre Schwester mit großen Augen an. Daka riss ebenfalls die Augen auf und zuckte die Schultern. Keine der Schwestern wusste, wie und wo sie anfangen sollten. Sollten sie einfach in einem Nebensatz erwähnen, dass sie Halbvampire waren? Nach dem Motto: „Wir sind zweieiige Zwillinge, unsere Hobbys sind Musik und Lesen, wir essen am liebsten Zartbitterschokolade und sind Halbvampire. Und welche Schokolade isst du gern?“ Oder sollten sie Helene ganz behutsam und langsam mit dem Gedanken vertraut machen, dass es nicht nur Vampire gab, sondern auch Halbvampire? Und dass sie – Glückwunsch – zwei Halbvampire als Freundinnen hatte!
„Was ist los?“, fragte Helene.
Silvania biss sich auf die Unterlippe (wie gut, dass sie ihre Eckzähne erst vor Kurzem abgefeilt hatte) und versuchte, Helenes Blick auszuweichen. Daka setzte sich neben Silvania auf ihr Bett und sah Helene, die noch auf dem Fußboden kniete, ernst an.
Helene wurde blass. Sie öffnete die Lippen ganz leicht. Dann trat ein Glanz in ihre Augen. „Ihr wollt mir euer Geheimnis verraten, stimmt’s?“, flüsterte sie.
Daka und Silvania nickten. Aber keine der Schwestern sagte etwas.
Helene setzte sich in den Schneidersitz und warf ihre blonden Haare über die Schultern. „Ich bin bereit. Mein Hörgerät ist eingeschaltet. Legt los!“
Daka und Silvania warfen sich einen letzten fragenden Blick zu. War Helene wirklich bereit? Sie würden es gleich sehen. Wahrscheinlich rannte ihre neue, allerbeste Freundin schreiend aus dem Haus. Vielleicht stürzte sie sich auch aus dem Fenster. Das wäre noch schlechter.
„Ich verrate es keinem. Allerernstes Ehrenwort“, versprach Helene leise.
„Also“, begann Silvania mit belegter Stimme. „Wie du ja schon gemerkt hast, sind wir nicht ganz normal.“
Helene nickte.
„Wir sind anders als andere Menschen. Genau genommen sind wir anders als alle Menschen“, fügte Daka hinzu.
„Das liegt an unseren Chromosomen“, sagte Silvania.
„Du weißt schon, die Dinger mit dem Erbgut drin“, warf Daka ein. „Da haben wir nämlich welche von unserer Mutter und unserem Vater.“
Helene runzelte die Stirn. „Ist das nicht normal?“
„Schon. Aber das Problem sind die Chromosomen von unserem Papa“, erklärte Silvania.
Helene zog hastig Luft ein und riss die Augen auf. „Ist er krank?“
„Nein. Er ist nur … anders.“
„Ah! Ich weiß. Die Chromosomen von eurer Mama und eurem Papa vertragen sich nicht so toll. Ihr leidet an einer seltenen Stoffwechselkrankheit. Deswegen seid ihr immer so blass und müde.“ Helene warf den Schwestern einen triumphierenden Blick zu.
Daka und Silvania sahen sich mit gerunzelter Stirn an. „Nicht ganz“, sagte Silvania schließlich.
„Also, eigentlich vertragen sich die Chromosomen schon ganz gut“, fuhr Daka fort. „Ungefähr so wie bei einem Maultier.“ Daka war sehr stolz, dass ihr dieser treffende Vergleich eingefallen war.
„Ein Maultier?“ Helene machte ein Gesicht wie ein Schaf.
Silvania begriff sofort. „Genau. Ein Maultier entsteht durch Kreuzung zwischen Pferdestute und Eselhengst. Unsere Mama ist sozusagen die Pferdestute und unser Papa der Hengst.“
„Und wir sind die Maultiere“, ergänzte Daka.
Helene sagte einen Moment nichts und blickte zwischen Daka und Silvania hin und her. „Ihr – seid – Maultiere?“
„Genau.“ Daka nickte.
„Also natürlich keine richtigen“, wandte Silvania ein. „Das ist nur ein Vergleich, verstehst du?“
Helene schüttelte den Kopf.
Daka und Silvania seufzten. Das war schwieriger, als sie gedacht hatten. „Na gut“, begann Daka wieder. „Dann sagen wir es dir eben einfach, wie es ist.“
Helene nickte eifrig.
„Sitzt du gut?“ Silvania betrachtete Helene ängstlich, die sich bequem zurückgelehnt hatte.
Daka holte einmal tief Luft, dann sagte sie in einem Atemzug: „Unsere Mama ist ein Mensch, unser Papa ist ein Vampir und wir sind Halbvampire.“
Die Zwillinge starrten Helene an. Für Sekunden blieb es mucksmäuschenstill im Zimmer. Helene blickte von einer Schwester zur anderen, nur ihre Augen bewegten sich, sonst saß sie stocksteif da. Immerhin – sie lief nicht schreiend weg und sprang auch nicht aus dem Fenster.
Plötzlich stieß Helene einen markerschütternden Schrei aus, ließ sich mit dem Rücken nach hinten auf den Boden fallen und krampfte sich zusammen.
Silvania sprang auf. „Sie hat einen Anfall!“
Daka sprang auf. „Das war doch zu viel für sie.“
Die Schwestern knieten sich neben Helene, die zusammengerollt am Boden lag, wild zuckte und seltsame Geräusche von sich gab.
„Helene, wir sind bei dir, keine Panik“, sagte Silvania.
„Vielleicht macht ihr genau das Angst“, entgegnete Daka.
„Ruhig atmen“, versuchte es Silvania erneut. „Denk an etwas Schönes. Schokoladeneis, Horrorfilme oder Pusteblumen.“
Pusteblumen? Daka sah ihre Schwester verwirrt an. Den Vergleich mit den Horrorfilmen verstand sie ja noch – schließlich war Helene ein Fan davon. Aber Pusteblumen? Sie beschloss, es auf ihre Weise zu versuchen. Mit beiden Händen packte sie die zuckende Helene an den Schultern und schüttelte sie. „Alles wird gut. Hoi boi, hoi boi, hoi boi!“
Es wirkte. Helene schnappte nach Luft und richtete sich auf. Da sahen die Schwestern, dass ihre neue allerbeste Freundin Tränen in den Augen hatte.
„Nicht heulen. So schlimm ist das doch gar nicht“, fand Daka.
Helene schüttelte den Kopf und wischte sich die Tränen aus den Augenwinkeln. Dann zuckte sie wieder und stieß seltsame schnaufende Geräusche aus.
Die Zwillinge starrten Helene an. War das etwa …? Tatsache. Ihre Freundin hatte keinen Anfall. Sie heulte auch nicht. Sie lachte! Sie kicherte und schnaufte und grunzte, da konnte kein Lachsack mithalten.
Silvania runzelte die Stirn. „Ich glaube, ich habe gerade einen Witz verpasst.“
„Ich auch“, sagte Daka.
Helene japste: „Ihr“ – kicher – „seid“ – kicher – „Halbvampire!“ Prust. Kicher. Prust.
Silvania nickte. „Und du findest das gar nicht … unheimlich?“
„Doch. Total unheimlich. Brrr“, machte Helene und schüttelte sich. „Ein unheimlich guter Scherz!“ Dann brach sie wieder kichernd und glucksend zusammen.
Die Schwestern sahen sich ratlos an. Sie hatten Helene ihr größtes Geheimnis anvertraut und sie lachte nur!
Helene schniefte zwischen den Lachern. „Ich meine – Halbvampire! Das ist total abgefahren. Wie kommt ihr denn darauf?“
Daka wurde es langsam zu blöd. Sie verschränkte die Arme und funkelte Helene an. Sie war ein sehr stolzer Halbvampir.
Helene bemerkte Dakas Blick. „Ihr meint, ihr spielt ab und zu Vampir, ja? Das ist euer Hobby, richtig?“
„Nein, wir meinen, wir sind Halbvampire“, sagte Silvania.
Helene versuchte, ein ernstes Gesicht zu machen, aber es gelang ihr nicht. „Okay, wenn ihr Halbvampire seid, dann bin ich Spiderwoman.“ Helene lachte und schoss mit ihrem Finger einen imaginären Spinnenfaden durchs Zimmer.
Mittlerweile hatten beide Schwestern die Arme verschränkt und starrten Helene mit ernster Miene an.
Helene zog die Augenbrauen zusammen. „He, das ist ein Witz, oder? Das kann nur ein Witz sein!“
„Wenn du es nicht glauben willst, dann beweisen wir es dir“, sagte Daka.
Silvania sah ihre Schwester mit großen Augen an. Was hatte sie vor?
Daka stellte sich an die Tür. „Guck genau hin“, sagte sie zu Helene. „Onu, zoi, trosch!“, zählte sie laut und – RAPPELDIZACK!, flopste sich Daka durch den Raum. In der Zeit, in der ein Mensch einmal blinzelte, war sie von der Tür zum Fenster geflopst.
Helene starrte Daka mit offenem Mund an. Sie sah zur Tür, zum Fenster, zur Tür und wieder zum Fenster. „Wie … was …?“
„Das heißt Flopsen. Es ist ziemlich anstrengend und wir können es nur über kurze Entfernungen hinweg und nicht durch Wände hindurch“, erklärte Silvania. „Aber manchmal ist es ganz praktisch.“
„Wenn man die Straßenbahn noch kriegen will“, sagte Daka.
„Oder am anderen Tischende etwas hinunterfällt.“
„Oder man den besten Platz im Kino haben möchte.“
„Oder einem der Traumjunge abhauen will“, sagte Silvania.
„Oder man einer Ratte nachjagt.“
Helene war etwas blass geworden. „Einer Ratte?“
„Klar. Das ist zwar gegen die radikale Regel Nummer zwei, aber so ein Rattensnack ist echt schmacko. Wobei“, sagte Daka und fixierte eine Fliege, die unvorsichtigerweise vor ihrer Nase Runden drehte. Die Fliege war entweder sehr dumm oder sehr mutig. Was manchmal dasselbe ist. Sie flog direkt auf Dakas Mund zu. Blitzschnell schoss Dakas Zunge vor. Klatsch!, hatte sie die Fliege gefangen. Knack!, knirschte sie zwischen den Zähnen. „So eine Fliege ist auch ganz lecker.“
Helene war jetzt so weiß, dass ihr Gesicht in keiner Schneemannparade aufgefallen wäre. Ihr Mund stand offen, ihre Augen waren kugelrund. Sie schnappte dreimal nach Luft, und dann … „AAAAAAAH!“, stieß sie einen zitronenschrillen Schrei aus. Mit einem Ruck stand sie auf und rannte aus dem Zimmer. Sie verschwand im Bad, schlug die Tür hinter sich zu und verriegelte das Schloss.
Daka und Silvania folgten Helene. Sie standen vor der Badezimmertür und hörten Helene dahinter weiterschreien.
„Immerhin ist sie nicht aus dem Fenster gesprungen“, meinte Silvania.
Vampirische Beweise

Silvania und Daka saßen auf dem Fußboden vor der Badtür. Eine halbe Stunde war vergangen, seit Helene dahinter verschwunden war. Die Schreie hatten nach ein paar Minuten aufgehört. Stattdessen hörten die Schwestern ein Schluchzen und Schnaufen. Dann wurde es still hinter der Badezimmertür.
Silvania klopfte vorsichtig. „Helene? Geht es dir wieder besser?“
Keine Antwort.
Daka versuchte, durch das Schlüsselloch zu spähen, doch da der Schlüssel steckte, sah sie nichts. „Bist du eingeschlafen?“
Keine Antwort.
„Vielleicht ist sie aus dem Badezimmerfenster gesprungen“, sagte Silvania.
Daka sah ihre Schwester entsetzt an.
„Nein, bin ich nicht“, kam plötzlich eine dumpfe Stimme aus dem Bad.
„Sie lebt!“, rief Silvania.
„Sie redet!“, rief Daka.
Die Mädchen pressten die Ohren an die Badtür. Sie hörten, dass Helene etwas von der Klopapierrolle abriss und hineinschnaufte. „Ihr seid also echte … echte Vampire?“, fragte sie.
„Nein. Ein echter Vampir ist bloß unser Papa. Wir sind nur Halbvampire, keine Panik“, erwiderte Daka.
Als Antwort schnaufte Helene laut.
„Man könnte also auch sagen, wir sind Halbmenschen“, fügte Silvania hinzu.
„Und was machen Halbmenschen oder Halbvampire so?“, fragte Helene. „Ich meine, wovon ernährt ihr euch denn genau?“
„Von ganz normalen Sachen. Brot, Nudeln, Reis, Eier, Marmelade, Butter, Kartoffeln …“, begann Silvania.
„Am liebsten aber von blutigem Fleisch und Zartbitterschokolade“, warf Daka ein und fuhr sich mit der Zunge über die Oberlippe.
„Und dieses Fleisch, ist das …“ Helene holte tief Luft. „Lebt das noch?“
„NEIN!“, riefen Silvania und Daka.
„Wie kommst du denn darauf?“, fragte Silvania.
„Ich dachte immer, Vampire ernähren sich von Blut. Frischem Menschenblut“, erwiderte Helene.
„Die Ernährungsmethode ist total veraltet“, erklärte Silvania. „So haben das Vampire vor etlichen Jahrhunderten gemacht.“
„Manche machen es heute aber auch noch so“, warf Daka ein. Als sie den entsetzten Blick ihrer Schwester sah, fügte sie hinzu: „Das sind nur ein paar altmodische Vampire. Und außerdem: Wir sind Halbvampire. Sozusagen die Vegetarier unter den Vampiren.“
„Und was ist mit der Fliege?“
„Welche Fliege?“, fragte Daka.
„Die du vorhin gegessen hast“, erinnerte sie Helene.
„Das war doch nur ein Snack. Das zählt nicht.“
„Also würdet ihr mich nicht beißen?“, fragte Helene.
„Nein, niemals!“, rief Silvania.
„Dich beißen? Bäh! Wie kommst du denn darauf?“, sagte Daka.
Einen Moment blieb es still hinter der Badezimmertür. „Versprecht ihr es?“
„Ja“, antworteten die Zwillinge.
„Wirklich?“
„Ich verspreche es bei der Kette von Oma Zezci“, sagte Silvania.
„Und ich verspreche es bei Karlheinz“, sagte Daka.
Helene wusste, wie sehr Daka an ihrem Lieblingsblutegel hing. Und sie wusste, wie viel Silvania die Kette ihrer Oma bedeutete.
Es verging eine halbe Minute. Dann hörten die Zwillinge ein Klacken im Schloss. Der Schlüssel wurde herumgedreht, und kurz darauf öffnete sich zögerlich die Tür einen kleinen Spalt.
Helenes blasse Nase tauchte in dem Spalt auf. „Ich komme jetzt raus.“
„Das ist schön“, sagte Silvania.
Helene schob sich langsam durch den Spalt. Dabei ließ sie die Schwestern nicht aus den Augen und hielt ihre beiden Zeigefinger vor ihrem Hals über Kreuz.
„Das hilft nicht, das mit den Kreuzen. Das hat sich nur irgendein Filmregisseur mal ausgedacht“, sagte Daka.
„Außerdem haben wir dir doch versprochen, dass wir dir nichts tun“, erinnerte sie Silvania.
Helene ließ langsam die Hände sinken. Sie hielt gut einen Schritt Abstand von den Zwillingen. „Zeigt ihr mir mal eure Zähne?“
Daka und Silvania grinsten breit, sodass ihre Eckzähne hervortraten.
„Die sind ja gar nicht so groß.“ Helene klang fast enttäuscht.
„Hier in Deutschland feilen wir sie immer regelmäßig ab“, erklärte Silvania.
„Dentiküre“, fügte Daka hinzu.
„Wäh, tut das nicht weh?“
„Nö. Es quietscht nur“, sagte Daka.
„Und was ist mit der Sonne? Zerfallt ihr nicht zu Staub, wenn ihr rausgeht?“ Helene schienen die abgefeilten Zähne zu beruhigen. Ihre Nase bekam wieder Farbe.
„Die Sonne nervt schon. Aber bis wir zu Staub zerfallen, müssen wir schon mehrere Stunden prall in der Sonne liegen“, antwortete Silvania.
„Außerdem kleistern wir uns ja immer mit Sonnencreme ein. Lichtschutzfaktor 100 natürlich“, sagte Daka.
„Deswegen hast du auch immer eine Sonnenbrille auf“, sagte Helene zu Daka, „und du immer einen Hut“, fügte sie an Silvania gewandt hinzu.
Die Schwestern nickten.
„Jetzt verstehe ich auch, warum ihr in der Schule immer so müde seid. Ihr schlaft normalerweise tagsüber, stimmt’s?“
„Genau. Halbvampire sind nachtaktiv. Aber hier gibt es keine Schule, in der nachts unterrichtet wird. Also müssen wir uns umstellen“, sagte Silvania.
„Ihr seid in Transsilvanien nachts zur Schule gegangen?“ Helenes Augen funkelten wieder.
„Klar. Und was heißt gegangen? Wir sind geflogen“, erwiderte Daka.
Helene hatte ihren Sicherheitsabstand vollkommen vergessen. Bei dem Wort „geflogen“ kam sie selbst wie im Sturzflug auf die Schwestern zu. Sie kniete sich neben sie auf den Fußboden und sah sie mit großen Augen an. „Ihr könnt fliegen?“
„Logisch“, sagte Daka.
„Na ja, so ein bisschen“, meinte Silvania. Sie war auf dem Gebiet nicht gerade der Überflieger. Zum einen fand sie Fliegen viel zu unmenschlich, zum anderen hatte sie immer Angst, mit Tauben, Windrädern oder UFOs zusammenzustoßen. Oder abzustürzen. Sie fand, ihr Körper mit den kleinen Rundungen und Puffern auf der Hüfte war einfach nicht aerodynamisch genug.
„DAS will ich sehen!“, rief Helene.
Silvania seufzte. Sie hatte es befürchtet.
„Du willst uns fliegen sehen? Jetzt, sofort?“, fragte Daka. Ihre Augen glänzten vor Vorfreude.
Helene nickte. „Könnt ihr von hier zu eurem Zimmer fliegen?“ Sie deutete den schmalen Flur entlang.
„Mit so einem Kinderquatsch fange ich gar nicht erst an. Hier ist es viel zu eng. Lasst uns aufs Dach gehen“, schlug Daka vor.
„Aufs Dach?“ Silvania riss entsetzt die Augen auf.
„Klar, es ist doch sowieso schon dunkel. Wir haben nur Tagflugverbot. Außerdem kann ich Helene dann ein paar Loopings zeigen“, sagte Daka.
„Genau!“ Helene nickte.
Silvania zuckte die Schultern. Eine Schwester und eine Freundin zu haben, hatte einen entscheidenden Nachteil: Man konnte überstimmt werden. Daran hatte sie nicht gedacht. „Okay, gehen wir aufs Dach. Aber nur ganz kurz.“
„Ja, ja.“
„Und wir fliegen nicht weit weg.“
„Nein, nein.“
Die heimliche Hellseherin

Herr Tepes reichte seiner Frau ein Glas Prosecco und spritzte sich unauffällig einen Schuss Blut in seinen Rotwein. Für alle Fälle hatte er meistens eine Ampulle dabei. Wenn der Hunger kam, war es besser, gewappnet zu sein.
Er sah sich im Theaterfoyer um. Viele Frauen zeigten Hals. Herrn Tepes ließ das kalt. Wie immer stellte er fest, dass Elvira die schönste Frau war. Er fand auch, dass er der schönste Mann war. Zufrieden strich er seine pechschwarze Mähne nach hinten. Kein Wunder, dass sie sich vor 17 Jahren Knall auf Fall ineinander verliebt hatten.
„Und, wie fandest du ,Die Ratten‘ bis jetzt?“, fragte Elvira Tepes.
„Sehr interessant“, erwiderte Herr Tepes und nahm schnell einen Schluck Rotwein. Er wollte nicht zugeben, dass er ein wenig enttäuscht war, weil er insgeheim gehofft hatte, dass in dem Stück echte Ratten vorkamen. Aber sie hatten bis jetzt nur die ersten drei Akte gesehen. Laut Programmheft folgten zwei Akte. Es bestand noch Hoffnung.
Frau Tepes nippte dreimal zügig an ihrem Prosecco. Dann kramte sie in ihrer Handtasche.
„Was suchst du?“
„Mein Handy.“
„Wozu?“
Frau Tepes hatte ihr Handy gefunden. „Meinst du nicht, wir sollten mal kurz zu Hause anrufen?“
„Und unseren Töchtern Bescheid sagen, dass uns die ersten drei Akte gefallen haben?“
„Nein, einfach nur Hallo sagen und mal sehen, was sie so machen.“
Herr Tepes schüttelte den Kopf. „Was sollen sie schon machen? Wahrscheinlich gucken sie Fernsehen, lesen oder essen den Kühlschrank leer. Womöglich sind sie schon im Bett und du weckst sie nur auf.“
„Meinst du nicht, dass sie sich nachts allein zu Hause fürchten?“
„Gumox! Sie haben mein Blut in den Adern. So schnell fürchten sie sich nicht. Und schon gar nicht in der Nacht.“
„Und du meinst auch nicht, dass sie vielleicht irgendwelche Dummheiten anstellen?“
Herr Tepes zog die Augenbrauen zusammen. Das hielt er zwar schon eher für möglich – genau genommen hielt er es für wahrscheinlich –, aber er wollte seine Frau nicht beunruhigen. Es war ihr Theaterabend. Sie sollte ihn genießen. „Daka und Silvania sind aus dem Alter raus, wo sie Dummheiten machen. Vertrau mir, die liegen jetzt in ihren Betten und träumen von der transsilvanischen Heimat.“
Frau Tepes sah ihren Mann ungläubig an. Doch dann ließ sie das Handy langsam wieder in die Handtasche gleiten. „Wahrscheinlich hast du recht. Ich mache mir zu viele Sorgen. Ich hatte nur gerade die verrückte Vorstellung, dass unsere Töchter Freunde eingeladen haben und eine Flugshow auf dem Dach veranstalten oder Ähnliches.“ Frau Tepes lachte und schüttelte den Kopf über diese Idee.
Elvira Tepes hatte hellseherische Fähigkeiten. Leider wusste sie nichts davon. Hätte sie es gewusst, hätte sie den Prosecco ausgetrunken, ihren Mann geschnappt und wäre nach Hause gefahren. Die Ratten hätten in den letzten beiden Akten auf ihre Anwesenheit verzichten müssen.
Flugshow

In der Reihenhaussiedlung herrschte sternenklare Nacht. Weit und breit war kein Bewohner mehr zu sehen. Die meisten Nachbarn hatten die Jalousien heruntergelassen oder das Licht bereits ausgeschaltet. Es war mucksmäuschenstill. Nur ein gescheckter Hund jaulte hin und wieder aus der Hundehütte, in die er sich verkrochen hatte, sobald drei dunkle Gestalten auf einem der Dächer aufgetaucht waren. Er war kein Wachhund und wollte in der Nacht seine Ruhe haben.
Silvania und Helene standen auf dem Dach des Reihenhauses Nummer 23 und sahen Daka zu, die mit ausgebreiteten Armen vor ihnen Runden flog. Wie ein Spielzeugauto auf einer Modellrennbahn. Helene stand der Mund offen und sie ließ Daka keine Sekunde aus den Augen. Silvania zupfte gelangweilt am Lederriemen ihrer Fliegerhaube.
„Und jetzt passt auf!“, rief Daka. Sie flog ein Stück aufs Feld hinaus und blieb in der Luft stehen, als würde sie Anlauf nehmen. Dann senkte sie den Kopf, drückte das Kinn auf die Brust und flog mit doppelter Geschwindigkeit auf Silvania und Helene zu.
Helene griff unwillkürlich nach Silvanias Arm. Silvania tätschelte Helenes Hand. Sie wusste, was gleich kommen würde.
Nur ein paar Meter vor ihnen verschwand Dakas Kopf nach unten. Ihr Körper schlängelte sich blitzschnell wie ein Ringelwurm hinterher. Dann tauchte Dakas Kopf wieder auf. Bevor Helene richtig begriff, was eben geschehen war, stand Daka vor ihnen.
„Tatatataaa! Mein Looping“, sagte sie und verbeugte sich.
Helene klatschte. „Cool! Das ist der absolut abgefahrenste Wahnsinn, den ich jemals gesehen habe.“
Silvania unterdrückte ein Seufzen. Helene übertrieb. Und Daka war eine olle Angeberin. Zumindest manchmal. Allerdings war ihr Looping wirklich klasse.
„Was ist mit dir?“, fragte Helene Silvania. „Kannst du auch so was?“
„Ich … ich bin sozusagen eine Sonntagsfliegerin. Du weißt schon, eher zum Genuss als für den Kick.“
Daka, die von der Flugangst ihrer Schwester wusste, fügte hinzu: „Silvania fliegt lieber langsam, dafür aber schön.“
„Also eine Kunstfliegerin“, sagte Helene und sah Silvania begeistert an.
„Genau.“ Silvania hoffte, dass Helene jetzt keinen Kunstflug sehen wollte. „So“, sagte sie schnell und rieb sich die Hände. „Dann können wir ja auch wieder runtergehen, nicht wahr?“
„Warte!“, sagte Helene. „Ich …“ Sie blickte angespannt von Silvania zu Daka. „Ich will auch fliegen.“
Silvania verschlug es die Sprache.
Daka lachte. „Du? Fliegen? Wie soll denn das gehen? Du fliegst höchstens auf den Pops. Du bist doch ein ganz normaler Mensch, oder nicht?“
„Schon. Aber ich dachte, mit euch beiden zusammen …“ Helene kratzte sich am Arm, auf den sie mit Kugelschreiber ein fettes, warziges Monster gemalt hatte. „Ihr könnt mich doch in die Mitte nehmen. Oder huckepack. Irgendwie geht es bestimmt. Bitte, ich will es nur mal versuchen.“
Daka und Silvania sahen sich ratlos an. Ein Mensch wollte fliegen. Mit zwei Halbvampiren. Freiwillig. So etwas hatten sie noch nie gehört.
„Bist du dir sicher?“, fragte Silvania, die sich nicht vorstellen konnte, warum jemand überhaupt fliegen wollte.
Helene nickte kräftig. „Es muss ja nicht so hoch und nicht so weit sein. Nur ein Stückchen über das Feld. Es ist bestimmt toll, in der Luft zu schweben. Ich will nur mal sehen, wie das ist.“
Silvania könnte ihr erzählen, wie es ist, ständig in Panik vor Tauben mit müden Armen durch die Luft zu eiern und dabei immer die Augen nach Bäumen, Windrädern oder Strommasten offenzuhalten, die sich einem plötzlich in den Weg stellten.
Daka tippte sich mit dem Zeigefinger mehrmals an die Lippe und starrte auf einen unbestimmten Punkt in der Luft. „Wir könnten eine von Mamas Klobrillen zwischen uns festbinden und Helene setzt sich drauf“, sagte sie schließlich.
„WAS? Nie im Leben!“ Silvania fuhr sich vor Entsetzen durch die rotbraunen Haare.
„Natürlich müsste Helene sich anschnallen und einen Helm tragen“, fügte Daka hinzu.
„Dadurch wird es auch nicht besser“, fand Silvania. „Das ist die absolut blödeste Idee, die ich jemals gehört habe.“
„Also, ich finde die Idee gut“, schaltete sich Helene ein.
„Aber … aber das ist total gefährlich“, wandte Silvania ein. „Und außerdem … wenn uns jemand sieht und wenn Helene nicht schwindelfrei ist oder wir abstü…“
Helene unterbrach sie. „Wer ist für den Klobrillenflug?“, fragte sie und hob die Hand.
Eine Sekunde später schoss Dakas Hand in die Höhe.
Silvania seufzte. Jetzt war sie schon zum zweiten Mal überstimmt worden. Entweder sie brauchte noch eine Freundin oder sie musste die Demokratie in der Freundschaft abschaffen.
Drei kleine Engelein

Herr Tepes schaltete in den dritten Gang und der Motor heulte auf. „Ruhig, Grüner, immer schön ruhig“, sagte er und streichelte das Armaturenbrett des Dacias.
Elvira sah versonnen in den Nachthimmel. „Das war wirklich ein toller Abend.“
„Hm“, brummte ihr Mann. Auch in Akt vier und fünf waren keine echten Ratten aufgetaucht. Der Titel des Stücks war einfach irreführend.
Als sie in den Lindenweg bogen, fuhr Elvira mit einer Hand unter die halblangen Haare ihres Mannes und kraulte ihn im Nacken.
Mihai Tepes brummte. Er parkte quer auf dem Rasen vor dem Reihenhaus Nummer 23 ein, flopste sich zur Beifahrertür und öffnete sie galant.
Elvira stieg aus und atmete die kühle Nachtluft ein. „Was für ein wunderschöner Sternenhimmel!“
„Wie wäre es mit einem Mondscheinspaziergang?“ Herr Tepes lächelte, und unter seinem Lakritzschnauzer blitzte ein Eckzahn auf.
Elvira schielte zum Haus. Kein einziges Licht brannte.
Herr Tepes bemerkte den Blick seiner Frau. „Siehst du, sie schlafen. Wie die Engelein.“
Elvira zögerte. Dann hakte sie sich bei ihrem Mann ein. Gemeinsam gingen sie Richtung Feldweg.
Wie die Engelein – da hatte Herr Tepes gar nicht so unrecht. Es gab nur einen kleinen, aber entscheidenden Unterschied: Seine Töchter schliefen nicht wie die Engelein, sie flogen wie die Engelein.
Sie waren auf ausdrücklichen Wunsch von Helene direkt vom Dach gestartet. So hatten sie gleich eine ordentliche Höhe und mussten sich nicht mühsam Höhenmeter um Höhenmeter nach oben kämpfen. Die ersten Minuten hielt sich Helene mit beiden Händen krampfhaft an der Klobrille fest. Ihr Gesichtsausdruck sah ein wenig danach aus, als hätte sie Durchfall. Sie hatte die Augen weit aufgerissen und schrie alle paar Sekunden: „Oh nein, ich fliege! Oh nein, ich fliege wirklich!“
Daka und Silvania konzentrierten sich aufs Fliegen. Sie hatten die Klobrille mit jeweils zwei Seilen um ihre Oberkörper und um ihre Taillen festgebunden. Dabei hatten sie darauf geachtet, dass für ihre Arme genug Platz zum Steuern blieb. Am Anfang war es sehr ungewohnt, mit der zusätzlichen Last zu fliegen, denn der Transport von Menschen auf Klobrillen gehörte nicht zur gängigen Flugausbildung.
Silvania verlor das Gleichgewicht, kippte einmal kurz weg und flog ein Stück in Seitenlage. Dabei wäre Helene beinahe von der Klobrille gerutscht. Wie gut, dass sie mit einem Gürtel von Herrn Tepes angeschnallt war. Es dauerte ein paar Versuche, bis es den Schwestern gelang, geradeaus zu fliegen. Das Gewicht des Fluggastes zog sie immer wieder nach innen und führte dazu, dass sie erst mal ein paar Minuten im Kreis flogen.
Doch je länger sie in der Luft waren, desto besser flogen sie. Es war noch kein Kunstflug, aber Helene war begeistert. Das war die Hauptsache. Sie entspannte sich, baumelte mit den Beinen und wagte sogar ab und zu einen Blick auf die Erde. Nebenbei stellte sie alle möglichen Fragen.
„Konntet ihr sofort fliegen, als ihr auf die Welt gekommen seid?“
„Nein, das lernt man so mit fünf oder sechs Jahren“, antwortete Daka.
„Ist das schwierig?“
„Nein!“ (Das war Daka.)
„Ja!“ (Das war Silvania.)
„Wie gebt ihr beim Fliegen Gas?“
„Man muss den Kopf senken oder die Arme anlegen“, erklärte Silvania.
„Oder beides. Dann geht man richtig ab“, fügte Daka hinzu.
„Und wie bremst man?“
„Man richtet den Oberkörper etwas auf“, sagte Silvania.
„Und dreht die Handflächen nach vorn“, ergänzte Daka.
„Und Lenken?“
„Das macht man mit dem ganzen Körper, als ob man sich in eine Kurve legt“, sagte Daka. „So zum Beispiel.“ Daka legte sich in eine steile Linkskurve. Silvania konnte ihr gerade noch schnell genug folgen. WUSCH!, schossen die Halbvampire mit ihrem Klobrillenfluggast durch die Nacht.
„Juchuuu!“, schrie Helene. Sie hatte die Arme ausgebreitet und lehnte sich nach vorn. Man hätte meinen können, sie wäre ein echter, fliegender Vampir. Ein Vampir, der sich eine Klobrille an den Popo gebunden hatte.
„Boi, boi, boi!“, schrie Daka und setzte zu einer rasanten Rechtskurve an.
Silvania, die sich gerade von der Linkskurve erholt hatte, folgte in letzter Sekunde. Sie atmete schwer. Schweißtropfen bildeten sich unter der Fliegerhaube auf ihrer Stirn. Der nächtliche Ausflug war ihr zu anstrengend, zu rasant und zu gefährlich. Sie flogen zwar nur über das Feld hinter dem Reihenhaus und es war unwahrscheinlich, dass plötzlich aus dem Nichts ein Windrad oder ein UFO auftauchte, aber trotzdem. So, wie ihre Schwester die Kurven flog, überschlugen sie sich womöglich noch.
Silvania hatte sich den Abend mit ihrer gemeinsamen, allerbesten Freundin anders vorgestellt. Nicht so sportlich und nicht so … so vampirisch. Warum konnten sie nicht richtig spannende Sachen machen, wie zusammen in Zeitschriften blättern, Frisuren ausprobieren und über die Liebe reden?
„Schneller!“, rief Helene.
Daka senkte den Kopf und legte die Arme an. „Rrrapedadi!“
Silvania blieb nichts anderes übrig, als ebenfalls zu beschleunigen. Dabei wäre ihr eine Pause viel lieber gewesen. Die Erdanziehung schien bei ihr stärker zu sein als bei Daka. Ihre Arme fühlten sich so schwer an, als würden Kartoffelsäcke daran hängen. Sie kam sich vor wie ein fliegender Pottwal. So elegant. So leicht. So flugtauglich. „Na gut, noch eine Runde“, sagte sie. „Dann setzen wir zur Landung an, okay?“
„Schon?“ Helene stülpte die Lippen nach außen. Sie sah kurz zu Silvania, die Schweißperlen auf der Stirn hatte. „Einverstanden, aber erst eine extraschnelle Runde mit extravielen Kurven! Bitte!“
Silvania nahm ihre letzte Kraft zusammen. Nur noch eine Runde über das Feld. Das schaffte sie. Gleichzeitig mit Daka senkte sie den Kopf und die zwei Halbvampire, Helene und eine Klobrille schossen wie ein Blitz durch die Nacht. Sie flogen eine Linkskurve. WUSCH! Sie flogen eine Rechtskurve. WUSCH! Die Halbvampire, Helene und die Klobrille wurden immer schneller. Die Kurven wurden immer steiler.
Helene kreischte vor Vergnügen.
Daka schrie: „Boi, boi, boi!“
Silvania riss die Augen weit auf und sah voller Panik in die Nacht. Sie flogen nur noch knapp über dem Erdboden. Das war gut. Aber sie flogen viel zu schnell. Das war schlecht. Plötzlich, nach einer scharfen Rechtskurve, sah Silvania etwas. Es war nur wenige Meter von ihnen entfernt, stand auf dem Feld und schrie. Es war weder ein Windrad noch ein UFO. Es waren zwei dunkle Gestalten, auf die sie direkt mit Höchstgeschwindigkeit zudonnerten.
„AAAAH!“, schrie Frau Tepes.
„OOOOH!“, schrie Herr Tepes.
Für alles andere war es zu spät. Sie konnten nicht mehr zur Seite springen oder sich auf den Erdboden werfen.
WOMM!, sauste das unbekannte Flugobjekt auf sie zu. KNALL! RUMS! BUMS!, prallte es mit ihnen zusammen.
„AUUU!“, schrie Frau Tepes.
„OIOIOI!“, schrie Herr Tepes.
„Eijeijeijei, aaaaah, Fumpfs!“, schrie das unbekannte Flugobjekt.
Herr und Frau Tepes landeten mit den Hinterteilen auf dem Feld. Einen Moment blieb alles ganz still. Sie rieben sich die Köpfe. Sie wussten nicht, ob die Sterne, die sie sahen, wirklich am Himmel waren.
Dann hörten sie ein Stöhnen hinter sich. Herr und Frau Tepes drehten sich um. Sie musterten die drei Gestalten, die auf dem Feld lagen und sich Ellbogen, Kopf und Beine rieben. Zwei der Gestalten kamen ihnen sehr bekannt vor. Sie hätten fast ihre Töchter sein können. Ein drittes Mädchen lag zwischen ihnen. Es hatte ein metallenes Nudelsieb auf dem Kopf, das bis zur Nase gerutscht war. Das Mädchen war mit einem Gürtel an einer Klobrille festgeschnallt.
„Mihai, ich glaube, das war kein Komet“, sagte Frau Tepes, ohne den Blick von den stöhnenden Gestalten zu lassen.
Mihai schüttelte den Kopf. „Ich habe gerade eine total verrückte Erscheinung: Ich bilde mir ein, ich sehe unsere Töchter!“
„Und ich die Tochter meines Vermieters mit meiner Klobrille und meinem Nudelsieb“, sagte Frau Tepes.
Daka kam als Erste wieder zu sich. Sie strich sich ein paar Getreidehalme aus den Haaren und spuckte Helene dreimal auf den Ellbogen und Silvania auf den Kopf, wie es in Transsilvanien Brauch war, wenn man sich verletzt hatte. Dann setzte sie ein breites Lächeln auf. „Hallo! Wie waren die Ratten?“
Silvania hatte sich ebenfalls aufgerichtet und versuchte ein unschuldiges Gesicht zu machen.
Mihai Tepes funkelte seine Töchter an wie ein Raubtier. „Ins Haus mit euch, aber RAPEDADI!“, sagte er mit donnernder Stimme.
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