Kitabı oku: «Die Vampirschwestern – Bissige Gäste im Anflug»

Zurück in Bindburg

Daka hing kopfüber an der Metallleine, die sie durch das Zimmer gespannt hatte, das sie sich mit ihrer sieben Minuten älteren Zwillingsschwester Silvania teilte. Sie hatte die Hände hinter dem Kopf verschränkt und schaukelte vor und zurück. Die Metallleine quietschte. Daka lutschte genüsslich an einer marinierten Schweineborste. Sie hatte sich vom Blutmarkt in ihrer unterirdischen Heimatstadt Bistrien einen Vorrat dieser köstlichen Knabbereien mitgebracht.
„Das ist echt sushpektoi“, sagte sie. Ein Borstenkrümel fiel ihr dabei aus dem Mund.
Sushpektoi war Vampwanisch und hieß „komisch“ oder „seltsam“.
Silvania saß unter ihrer Schwester im Schneidersitz auf dem Bett. Auf ihrem Schoß lag ein dickes Buch. Silvania starrte auf den Schweineborstenkrümel, der mitten auf der aufgeschlagenen Buchseite gelandet war. „Was ist sushpektoi?“ Dass Schweineborsten nach unten und nicht nach oben flogen, war es jedenfalls nicht. Zumindest nicht für Silvania.
Daka schielte nach unten zu ihrer Schwester. „Dass ich das Gefühl habe, ich bin wieder zu Hause, wenn ich hier so abhänge. Wo wir doch erst vor ein paar Wochen nach Bindburg gezogen sind …“
„… und du damals am liebsten sofort zurück nach Bistrien wolltest.“
Silvania und Dakaria Tepes waren vor zwölf Jahren in Bistrien zur Welt gekommen. Sie waren sehr süße Babys gewesen. Mit süßen kleinen Nasen. Mit süßen roten Popos. Und mit süßen spitzen Eckzähnen. Silvania und Dakaria waren Halbvampire. Ihrem Papa, Mihai Tepes, gefielen die süßen spitzen Eckzähne besonders. Er war ein blutechter Vampir. Ihre Mama, Elvira Tepes, mochte die süßen kleinen Nasen mehr. Sie war ein Mensch.
Silvania und Daka Tepes hatten zwölf Jahre in Transsilvanien gelebt. Elvira Tepes 15 Jahre. Und Mihai Tepes 2676 Jahre. Vor ein paar Wochen waren sie alle nach Deutschland gezogen. Elvira Tepes freute sich sehr, endlich wieder in ihrer Heimat zu sein. Mihai Tepes freute sich, dass seine Frau sich freute. Ansonsten, fand er, hatte der Umzug wenig Erfreuliches.
In den Herbstferien war die ganze Familie Tepes samt Helene Steinbrück, der allerbesten und allereinzigsten Freundin der Vampirschwestern, nach Transsilvanien geflogen und hatte ihre Blutsverwandtschaft in Bistrien besucht. Nachdem Mihai es seiner Frau zuliebe schon mehrere Wochen im blutarmen Deutschland ausgehalten hatte, war der Besuch bitternötig gewesen.
Silvania schnipste den Schweineborstenkrümel vom Buch. „Siehst du, unter Menschen ist es gar nicht so fürchterlich, wie du immer dachtest.“
Daka steckte sich die nächste marinierte Schweineborste in den Mund. Sie lutschte ein paar Sekunden daran herum. Dann zerknackte sie die Borste. „Ich weiß nicht …“ Ihr Blick fiel auf das Aquarium, in dem Karlheinz gerade an der Scheibe entlangschrubbte. Karlheinz war Dakas liebstes Haustier. Er war ein Blutegel. „Vielleicht liegt es nur an Karlheinz. Wie heißt es so schön: Rodna oista gdo inima oista. Die Heimat ist dort, wo das Herz ist.“
Silvania sah mit gerunzelter Stirn hoch zu ihrer Schwester. „Und dein Herz ist bei Karlheinz?“
„Besser als in irgendeinem albernen, dicken Buch.“
„Meine Bücher sind nicht albern. Darin geht es um Liebe, Sehnsucht, Treue und all solche Sachen.“
„Sag ich doch. Albern.“
Silvania schüttelte den Kopf. Sie leckte kurz den Zeigefinger an und blätterte die Buchseite um. Allerdings verschwammen die Buchstaben vor ihren Augen wie Straßenschilder im Nebel. Seit dem Besuch in Bistrien war sie durcheinander. Ihr Herz reagierte offenbar sehr empfindlich auf Ortswechsel und Luftveränderungen. Immer, wenn sie sich jetzt die winterhimmelgrauen Augen von ihrem Nachhilfelehrer Jacob Barton vorstellte, verfärbten sie sich nach einer Weile. Sie wurden dunkel und bekamen grasgrüne Striche, die wie Strahlen um eine schwarze Sonne funkelten. Es gab nur einen, der solche Augen hatte: Bogdan Moldovan. Silvanias Schlammkastenfreund aus Bistrien. Und immer, wenn sie sich Jacobs wirre rotblonde Haare vorstellen wollte, legten sie sich nach einem Augenblick zum Mittelscheitel, von dem nur am Hinterkopf ein hellbraunes Büschel abstand. Genau wie bei Bogdan.
Silvania verstand nicht, was das zu bedeuten hatte. Bogdan war ihr Freund aus der Kindheit. Jacob ihre erste große Liebe. Eigentlich war alles klar. Es fühlte sich gerade nur sehr unklar an. Silvania schielte zu Daka und zögerte. Sollte sie ihrer Schwester von ihrem Gefühlsirrgarten erzählen?
Daka streckte gerade die Zunge nach einer Obstfliege aus, die unvorsichtigerweise sehr nah vorbeigeflogen kam.
Silvania sah, wie Daka die Obstfliege auf der Zunge einrollte. Dann schlürfte sie genüsslich. Wahrscheinlich war es besser, dachte Silvania, mit Helene über so eine delikate Angelegenheit zu reden. Helene kannte sich aus. Immerhin hatte sie sich vor ein paar Tagen selbst verliebt. Halsschlagader über Kopf. Die Liebe an sich konnte eine sehr gefährliche Sache sein. Das wusste Silvania aus den 564 Liebesromanen, die sie gelesen hatte. Helenes Liebe aber war besonders gefährlich. Wäre sie ein Gefahrguttransport gewesen, hätte sie die Warnschilder explosiv, ätzend, erstickend, giftig, brandfördernd, radioaktiv und leicht entzündlich tragen müssen.
Es war in der Vampwanischen Nationalfeiernacht geschehen. Beim Auftritt von Krypton Krax (der unterirdisch besten Band der Welt, fanden zumindest Daka und Karlheinz). Helene hatte sich verliebt. Unglücklicherweise in einen Vampir. Noch unglücklichererweise in einen Vampir, der einer besonders aggressiven und blutrünstigen Vampirart angehörte: den Transgiganten. Wo die Liebe eben so hinfliegt …
Der Vampir hieß Murdo Dako-Apusenu und war der Sänger von Krypton Krax. In einer Mondnacht im Wald war es beinahe zum Kuss – oder zum Biss – gekommen. Das war bis jetzt noch unklar.
Silvania seufzte. Dann schlug sie das Buch auf einmal mit einem lauten Knall zu. Sie wollte nicht mehr an Küsse, Bisse und andere Sachen denken, die sie nur durcheinanderbrachten.
Daka rutschte beinahe von der Leine. „Schlotz zoppo!“, rief sie und sah erstaunt auf das Buch in Silvanias Hand. „Hast du eine Schmeißfliege zerquetscht?“
„Du denkst immer nur ans Essen.“
„Und du nur an die Liebe.“ Daka rümpfte die Nase. Schmeißfliege oder Liebe – was davon besser war, war ja wohl klar.
„Gumox. Ich denke an morgen“, verkündete Silvania. „Ich finde, wir sollten Ludo zum Wiedersehen eine zensatoi futzi Überraschung bereiten.“
Ludo Schwarzer war der allerbeste und allereinzigste Freund der Vampirschwestern. Erst fanden die Zwillinge ihn sehr sushpektoi. Aber mittlerweile verstanden sie sich boibine. Was wahrscheinlich daran lag, dass Ludo auch nicht ganz normal war. Ludo konnte in die Zukunft sehen (leider immer etwas unscharf) und mit Geistern reden. Das hatte er vermutlich die ganzen Ferien über gemacht, denn er war nicht mit den Mädchen nach Bistrien geflogen.
„Du meinst, weil wir ihn die letzten Tage hier in Bindburg mit seinen Geistern allein gelassen haben?“, fragte Daka von der Zimmerdecke.
„Genau. Eine Überraschung als Entschädigung sozusagen.“
Auf Dakas Gesicht erschien ein Grinsen, so breit wie Karlheinz an der Auqariumscheibe. „Ich habe eine prima Idee. Eine wunderschön schaurig, modrige Idee …“
Hinter rumänischen Gardinen

Zur gleichen Zeit, ungefähr 1 500 Kilometer von Bindburg entfernt, war jemandem überhaupt nicht zum Grinsen zumute. Der Mann, der nichts zu grinsen hatte, war Dirk van Kombast.
Dabei lächelte er sonst häufig und ausdauernd und sehr professionell. Wenn Dirk van Kombast nicht gerade in einer rumänischen Gefängniszelle saß wie jetzt, arbeitete er als Pharmavertreter. Ein offenes, herzliches Lächeln gehörte da neben dem gepflegten Äußeren zur Grundausstattung. Das Lächeln war Dirk van Kombast nach drei Tagen Aufenthalt in einer rumänischen Gefängniszelle allerdings gründlich vergangen. Vom gepflegten Äußeren war ebenfalls nicht mehr viel zu sehen. Er war nahezu berufsunfähig.
Dirk van Kombast schritt durch die kleine Zelle. Sie war kaum größer als sein Badezimmer zu Hause in Deutschland in der Reihenhaussiedlung am nördlichen Rand von Bindburg. Nach drei Soldatenschritten hatte Dirk van Kombast die hintere Zellenwand mit dem kleinen quadratischen Fenster erreicht. Er sah kurz durch die Gitterstäbe nach draußen auf den Himmel über Transsilvanien, über den die Abenddämmerung bereits ihren dunkelblauen Vorhang zog. Sehnsüchtig blickte er gen Norden. Gen Heimat. Er seufzte. Mit einem Ruck drehte er sich um und schritt zurück zur gegenüberliegenden Zellenwand mit der stählernen Tür.
Bei jedem Schritt stieß er voller Abscheu ein Wort aus.
„Widerwärtiges.“
Schritt.
„Heimtückisches.“
Schritt.
„Menschenverachtendes.“
Schritt.
„Vampirgesocks.“
Drehung.
„Aufstöbern.“
Schritt.
„Aufspießen.“
Schritt.
„Und auf Knoblauchknollen werde ich euch rösten!“
Dirk van Kombast war wieder am Zellenfenster angelangt. Er umfasste die Gitterstäbe mit den Händen. Sie waren aus Stahl und so dick, dass seine Daumen die Fingerspitzen nicht berührten. Er rüttelte mehrmals kräftig am Gitter. Es bewegte sich keinen Millimeter. Dirk van Kombast stieß mit der Stirn gegen das Gitter, dann ließ er den Kopf hängen. Als er ihn wieder hob und zum Mond sah, waren seine Augen wässrig. Das kam sonst nur vor, wenn eine seiner Kontaktlinsen verrutscht war.
„Mutti!“, rief Dirk van Kombast. „Hol mich hier raus!“
Unter normalen Umständen hätte Dirk van Kombast nie nach seiner Mutti gerufen. Er war ein erwachsener Mann. Er hatte einen silbernen Sportwagen, ein Wasserbett und ein Abonnement für eine Gesundheitszeitschrift. Außerdem wusste er, dass seine Mutti ihn nicht hören konnte. Nicht, weil sie alt war und es mit den Ohren hatte, sondern weil sie etliche Kilometer entfernt in Deutschland in einer geschlossenen Anstalt saß.
Nun hatte man also beide, Mutter und Sohn, weggesperrt. Und wer war schuld daran? Dirk van Kombast schlug mit der Faust gegen die Zellenwand. „Vermaledeite Vampire!“, rief er. Dann verzog er das Gesicht und schüttelte die Hand aus, als könne er die Schmerzen aus den Fingerspitzen schleudern.
Seine Mutter hatte bereits vor Jahren, als Dirk noch zur Schule ging, ein einschneidendes Vampirerlebnis gehabt. Seit diesem Erlebnis war Irene van Kombast in der normalen, geordneten deutschen Gesellschaft nicht mehr funktionsfähig. Sie wurde auf Raten der Ärzte in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Dort freundete sie sich mit einem Mann an, der behauptete, er käme vom Mars. Mit ihm spielte sie Poker. Ihre andere große Freude war, wenn ihr Sohn sie besuchte.
Dirk van Kombast besuchte seine Mutti sehr oft. Bei jedem Besuch wurde er in seinem Beschluss, den er vor Jahren gefasst hatte, bestärkt: Er würde seine Mutter rächen. Er würde die Vampire – die weltweit besser organisiert waren als jede Mafia, da war sich Dirk van Kombast mittlerweile sicher – entlarven, an den Pranger stellen und vernichten.
Seit Jahren arbeitete er im blutigen Untergrund als Vampirjäger, gut getarnt als solariumgebräunter Pharmavertreter. Vor ein paar Wochen hatte sich bestätigt, was Dirk van Kombast schon immer geahnt hatte: Die Vampire sind mitten unter uns! In das Reihenhaus direkt neben ihn war Familie Tepes aus Transsilvanien eingezogen. Es dauerte nicht lange, bis Dirk van Kombasts Beobachtungen ergaben, dass seine neuen Nachbarn nicht ganz normal waren. Auch den anderen Bewohnern der Reihenhaussiedlung dürfte das nicht entgangen sein. Doch nur Dirk van Kombast wusste, dass er es bei Herrn Tepes mit einem Vampir und bei den Töchtern mit zwei Halbvampiren zu tun hatte.
Ihretwegen war er vor einer Woche nach Rumänien gereist. Ihretwegen hatte er sich mitten in einem undurchdringlichen Wald vor den Toren der unterirdischen Stadt Bistrien auf die Lauer gelegt. Ihretwegen saß er jetzt hinter rumänischen Gardinen aus Stahl.
Das alles war ein einziges transsilvanisches Missverständnis. Er hatte Helene Steinbrück vor einem Biss von einem blutrünstigen Jungvampir der gefährlichsten Sorte bewahrt. Heldenhaft hatte er sich in den Kampf gestürzt und mit seiner Garlic Gun dreihundert Knoblauchzehen auf den Vampir abgefeuert. Wie er später erfuhr, hatte selbst diese Ladung nicht ausgereicht, um den Vampir in die ewigen Abgründe zu befördern, sondern ihn nur in ein Koma fallen lassen.
Statt dem Vampir hatte die rumänische Polizei den Vampirjäger festgenommen. Dirk van Kombast konnte es noch immer nicht fassen. Es war eine verkehrte Welt! Er würde sich beim Innenministerium beschweren. Er wollte eine Entschädigung. Aber zunächst wäre er erst einmal froh, wenn er etwas von Herrn Dr. Gödeke-Schnitzlein hören würde.
Herr Dr. Gödeke-Schnitzlein war Dirk van Kombasts Anwalt. Er war sehr gewissenhaft und konnte knallhart sein. Nur im Moment nicht. Da war er kokosbutterweich. Herr Dr. Gödeke-Schnitzlein erholte sich gerade von all den Paragrafen. Drei Wochen lang. In der Karibik. Mit seiner zweiten Frau. Der Anrufbeantworter in seiner Kanzlei in Bindburg blinkte. Der Hilferuf des Vampirjägers aus Rumänien blieb ungehört.
Dirk van Kombast sah zum Himmel, auf dem bereits die ersten Sterne zu sehen waren. Er fragte sich, ob seine Mutti jetzt in Bindburg auch aus dem Fenster blickte und genau diese Sterne sah. Oder spielte sie mit dem Marsmann Poker? „Ich gebe nicht auf“, flüsterte Dirk van Kombast. „Mein Anwalt holt mich hier raus. Spätestens morgen sitze ich im Flieger zurück nach Deutschland. Ich habe dich nicht vergessen, Mutti.“ Der Vampirjäger holte tief Luft. „Vertrau mir. Du kannst dich auf dein Puschelbärchen verlassen.“
Auf einmal schob sich draußen etwas vor das Fenster, nur wenige Zentimeter vom Vampirjäger entfernt.
Dirk van Kombast blieb ein Schrei im Halse stecken. Er wich zu Tode erschrocken zurück. Die Hose schlackerte ihm um die Beine, als er im Mondlicht eine gewaltige dunkle Gestalt erkannte. Das Gesicht füllte das gesamte Fenster aus. Die Augen waren feuerrot und schienen von innen zu leuchten. Aber noch etwas war seltsam an dem Gesicht. Sehr seltsam. Erst jetzt bemerkte Dirk van Kombast, dass die Nase und der Mund über den Augen lagen. Im ersten Moment dachte er, das Gesicht wäre grausam entstellt. Dann wurde ihm bewusst, dass es verkehrt herum war.
„Boi noap, Puschelbärchen!“, sagte die Gestalt. Es klang, als käme die Stimme aus einer tiefen schwarzen Höhle voller Würmer und Egel.
„Be… Be… Be… Bitte“, Dirk van Kombast hielt sich mit beiden Händen an der Hosennaht fest. Er hatte die Augen weit aufgerissen. Sein Mund war trocken. „Nennen Sie mich doch einfach D… D… D… Dirk van Kombast.“
„WAS?“ Die Gestalt hielt eine riesige, behaarte Hand an ihr Ohr. „Würg den Kompost? Gumox. Das klingt doch nicht. Puschel ist gut. Und fertig.“
Dirk van Kombast nickte. Wenn die Gestalt vor dem Fenster es wollte, würde er auch eine karierte Gummigurke sein. „Und … äh … mit wem habe ich das Vergnügen?“ Mit Erleichterung fiel Dirk van Kombast ein, dass ihn mehrere dicke Mauern und ein Gitter aus Stahl von der Gestalt trennten. Er entspannte sich etwas. Zum ersten Mal, seit er die Zelle betreten hatte, fühlte er sich darin wohl.
Die Gestalt schnaufte und zwei dunkelblaue Wolken kamen aus den Nasenlöchern, die so groß wie Zweieuromünzen und so behaart wie ein Gorillarücken waren. Ein unangenehm modriger Geruch breitete sich in der Zelle aus. „Du hast das Verhängnis mit mir, URIO TRANSGOLIATO.“
„Aufs Höchste erfreut, Herr Transgoliato.“ Dirk van Kombast schaffte es trotz des modrigen Geruchs, kurz sein Pharmavertreterlächeln aufzusetzen.
Urio Transgoliato lächelte nicht. Gut möglich, dass dieser Gesichtsausdruck nicht zu seinem Repertoire gehörte.
Trotzdem konnte Dirk van Kombast auf den bläulichen Lippen lange weiße, spitze Eckzähne erkennen. Jedes Mammut wäre vor Neid ausgestorben. An einem Eckzahn lief eine dunkelrote Flüssigkeit herab. Dirk van Kombast war sich sicher, dass kein Zahnfleischbluten die Ursache dafür war. Urio Transgoliatos Haut schimmerte weiß wie Ziegenkäse im Mondlicht. Auf der rechten Wange hatte er eine Narbe. Sie sah aus, als hätte ihm ein Tier drei kräftige Krallen ins Gesicht gebohrt. Die dichten schwarzen Augenbrauen waren zusammengewachsen und bildeten einen strengen Strich. Die langen Haare hingen wie Pechspaghetti nach unten.
Dirk van Kombast hatte keinen Zweifel: Was da kopfüber vor seinem Gefängnisfenster hing, war nichts anderes als ein Vampir. Nicht irgendein Otto-Normal-Vampir. Es war das größte, angsteinflößenste und ausgewachsenste Exemplar, das der Vampirjäger jemals gesehen hatte.
„Was guckst du, Puschel? Keine Angst, ich will dich nicht aussaugen“, dröhnte Urio Transgoliato. „Na, zumindest jetzt nicht.“
„Das ist … äh … sehr freundlich von Ihnen, Herr Transgoliato.“ Dirk van Kombast klammerte sich noch immer mit den Händen an die Hosennaht. Dort, wo er sich festhielt, entstand ein feuchter Fleck.
„Aber etwas werde ich aus dir heraussaugen: dein Wissen!“, sagte Urio Transgoliato mit grollender Stimme.
„Mein Wissen?“ Dirk van Kombast zog die Augenbrauen zusammen. „O-kay. Aber ich sag es Ihnen gleich: In Geschichte bin ich ganz schlecht.“
Urio Transgoliato ließ sich von dieser Neuigkeit nicht abschrecken. „Ich will nur eins wissen: Wo ist sie? Wo ist Helene Steinbrück?“
„Was?“, erwiderte Dirk van Kombast. Es klang wie ein Hicks, so überrascht war er.
„Du kennst sie doch, oder?“
„Ähm … ja … nein … ein wenig … kaum … vom Sehen.“ Dirk van Kombast wusste nicht, was die richtige Antwort war. War es gut, wenn er Helene Steinbrück kannte? Oder besiegelte er damit sein Schicksal?
„WO IST SIE?“ Zwei dunkelblaue Wolken stießen aus den Nasenlöchern des Vampirs.
Dirk van Kombast war sich sicher, dass Helene Steinbrück mittlerweile dort war, wo er selbst gerne gewesen wäre: in Deutschland. In Bindburg. Vielleicht war sie sogar gerade in der Reihenhaussiedlung im Lindenweg und besuchte ihre bissigen Freundinnen. Vielleicht erzählte sie ihnen gerade, wie er von der rumänischen Polizei abgeführt worden war. Sie hatte ihn vor ein paar Tagen im Wald wie einen Vollidioten aussehen lassen. Sie hatte einfach behauptet, es gäbe keine Vampire. Dabei war sie erst ein paar Minuten zuvor Hand in Hand mit einem Vampir durch den Wald spaziert. Helene Steinbrück war ihm in den Rücken gefallen. Obwohl er ihr das Leben gerettet hatte. Dirk van Kombast hatte keine Skrupel, ihr den Verrat heimzuzahlen.
„WO IST SIE?“, rief Urio Transgoliato abermals.
Dirk van Kombast holte tief Luft. Konnte er das tun? Einen Menschen an einen Vampir verraten? Wahrscheinlich würde Urio Transgoliato Helene aussaugen. Was sollte ein Vampir sonst mit einem Menschen tun? Mikado spielen? Und so, wie dieser Herr Transgoliato aussah, war Helene nur ein kleines Appetithäppchen.
Aber konnte ihm nicht egal sein, was dieser Riesenvampir mit Helene anstellte? Sie hatte ihn im Stich gelassen. Sie hatte sich auf die Seite der Vampire gestellt. Sie war eine gefährliche Vampirsympathisantin. Ein Besuch von Urio Transgoliato würde ihr nur recht geschehen. Dirk van Kombast nickte, um sich davon zu überzeugen, dass er das Richtige tat.
„Helene Steinbrück ist …“ Dirk van Kombast hielt inne. Er erinnerte sich auf einmal an einen Agentenroman, den er vor Jahren bei einem Wellnessurlaub in der Schweiz gelesen hatte. Ein Merksatz war dort immer wieder gefallen: Jede Information hat ihren Preis. Für den Geheimagenten im Buch war eine Information eine Ware, mit der er handelte. Eine hervorragende Idee, fand Dirk van Kombast. Bei dem Agenten im Roman hatte der Handel sehr gut geklappt. Allerdings hatte er mit Menschen verhandelt. Nicht mit einem Vampir in Übergröße. Trotzdem wollte es Dirk van Kombast versuchen. Er räusperte sich. „Sie ist an einem Ort, zu dem ich Sie gerne persönlich führen würde. Da wäre nur eine Kleinigkeit, Herr Transgoliato, Sie müssten mich vorher hier rausholen.“
Urio Transgoliato riss die Augen auf. Die feuerrote Iris schien sich um die Pupille zu drehen. „WAS? Du willst handeln? Mit MIR?“
„Nennen wir es doch einen Austausch im gegenseitigen Interesse.“ Dirk van Kombast wedelte unauffällig die dunkelblaue Wolke vor seinem Gesicht weg, die ihm aus der Nase des Vampirs zusammen mit einer Portion Empörung entgegengeströmt kam.
„Dass ihr Menschen immer spielen müsst. Kein Wunder, dass aus euch nichts wird“, murmelte Urio Transgoliato. „Na gut, Puschel, du hast es nicht anders gewollt.“
Alles ging so schnell, dass es Dirk van Kombast wie eine einzige Bewegung vorkam.
Urio Transgoliato umklammerte einen Gitterstab des Fensters mit dem kleinen Finger, zog kurz daran, hatte in der nächsten Sekunde das gesamte Gitter in der Hand, schleuderte es wie einen lästigen Krümel hinter sich, langte mit dem anderen Arm in die Zelle, schnappte sich Dirk van Kombast am Kragen, zog ihn aus der Gefängniszelle, warf ihn sich auf den Rücken wie eine dünne Schlenkerpuppe und erhob sich in den tiefblauen Nachthimmel.
„HILFE – HILFE – HILEEEEE!“, schrie Dirk van Kombast.
„Klappe, Puschel“, bellte Urio Transgoliato nach hinten. „Du wolltest mich doch höchstpersönlich zu Helene Steinbrück führen. Wo liegt jetzt das Problem?“
„Ich … äh … bin nur nicht angeschnallt.“ Dirk van Kombast krallte sich an den Schultern des Vampirs fest und starrte nach unten. Das Gefängnis wurde immer kleiner. Bald war es nur noch so groß wie eine Streichholzschachtel. Die Autos sahen aus wie Käfer, ihre Scheinwerfer wie Fühler, die über die Erde tasteten. Die Nachtluft knisterte vor Kälte und Gefahr. Mit jedem Höhenmeter, den sie dem Mond entgegenstiegen, wurde sie immer kühler.
Dirk van Kombast zitterte. Nicht vor Kälte. Vor Angst. Er befand sich mehrere Hundert Meter über der Erde. Lag flach wie eine Kellerassel auf dem Rücken eines Vampirs, der doppelt so breit war wie er und ihn um mindestens zwei Kopflängen überragte. Noch nie war er seinem Feind so nah gewesen. Doch er konnte nichts gegen ihn ausrichten. Er hatte keinerlei Waffen bei sich und hätte zu seiner Verteidigung noch nicht einmal einen Knoblauchrülpser hervorbringen können.
Natürlich – er könnte versuchen, den Vampir mit den bloßen Händen zu würgen, ihn ins Ohr zu beißen oder ihm sein Knie in die Seite zu rammen. Doch das schien Dirk van Kombast unklug, wenn er an die momentane luftige Lage dachte und sich daran erinnerte, wie Urio Transgoliato mit dem kleinen Finger das stählerne Gitter vom Fenster gerissen hatte.
„Also, was ist? In welche Richtung müssen wir?“, fragte Urio Transgoliato.
Dirk van Kombast schlang die Beine um die Hüften des Vampirs, richtete sich ein wenig auf und zeigte mit ausgestrecktem Arm und Zeigefinger in die Nacht. „Nach Norden!“
Wiedersehen macht Gänsehaut

Ludo Schwarzer saß in einem Sessel aus der Zeit des Biedermeiers. In dem Sessel hatte schon sein Ururopa gesessen. Ludos Fußspitzen berührten gerade so den Boden. Die Sessellehne umgab Ludos Kopf wie ein gigantischer Helm. Manchmal stellte sich Ludo vor, der Sessel wäre eine Kapsel, mit der er durch die Zeit reisen könnte. Er fühlte sich sehr wohl in dem alten Sessel.
„Und dann haben wir Helene noch den Flugparcours gezeigt“, sagte Daka. Sie hing kopfüber an der Gardinenstange im Fenster. Die Gardine hatte sich in ihren schwarzen Haarstacheln verfangen und sah aus wie ein Schleier.
„Und den Blutmarkt“, fügte Silvania hinzu. Sie lag wie eine Diva auf einem Diwan.
„Und das Theatnyk“, meldete sich Helene zu Wort, die auf einem Hocker saß und kippelte.
Ludo hatte die Fingerspitzen aneinandergelegt und nickte. Seit einer Stunde hörte er sich die Geschichten aus Bistrien an, die seine Freundinnen in den Ferien dort erlebt hatten. Er hatte von Oktavians Gruft, von eingelegten Ratten, vom Flug mit Pupsantrieb, von rotzenden Jungfrauen, vom Ha-Chi-Kampf und von Silvanias Saikato-Auftritt gehört. Langweilig war ihm keine Sekunde geworden, höchstens schwindlig.
„Und jetzt sag bloß nicht, du hast das alles vorausgesehen“, sagte Daka.
„Hätte ich das alles gesehen, wäre ich garantiert mitgekommen.“ Ludo sah auf seine Fingernägel und verzog das Gesicht. „Wenn mich meine Eltern gelassen hätten.“
Ludos Eltern waren gerade beim Kunstturmspringwettkampf von Fero. Fero war Ludos Bruder. Er war etwas älter und etwas sportlicher als Ludo. Ludos Eltern wussten nichts von dem vampwanischen Blut, das in den Adern von Ludos neuen Freundinnen floss. Von Ludos übernatürlichen Fähigkeiten wollten sie nichts wissen. Ludos Vater war Physiker. Er konnte alles mit den Naturgesetzen erklären. Sogar die Liebe. Ludos Mutter war Schreinerin. Sie glaubte an handfeste Sachen und an das, was sie sah.
„Dein Opa hätte dich bestimmt mit nach Transsilvanien fliegen lassen“, meinte Helene.
„Der wäre selbst mitgegflogen und gleich dortgeblieben“, sagte Ludo.
Ludos Opa hatte, genau wie Ludo, besondere Fähigkeiten. Er konnte durch Gegenstände sehen und hatte einen ausgeprägten Geruchssinn. So behauptete er zumindest. Nachweisen ließ sich das nur schwer. Immerhin hatte er vor Jahren einmal einen fünf Kilometer entfernten Waldbrand gerochen und bei einer Fleischwarenfachverkäuferin durch die Hose eine Zecke in der Kniekehle gesehen. Die Fleischwarenfachverkäuferin hatte dann allerdings mehr Angst vor Ludos Opa als vor der Zecke.
Mit zunehmendem Alter wurden diese Fähigkeiten leider immer schwächer. Wenn sich Zapko Schwarzer nicht gerade ein Experiment ausdachte, um den Rückgang seiner Fähigkeiten aufzuhalten, ging er seiner neuen Leidenschaft nach: dem Kochen und Backen. Das war auch ein Experiment.
Ludo hatte nur seinem Opa anvertraut, dass Silvania und Daka Halbvampire waren. Wobei Zapko Schwarzer schon etwas in der Art gerochen hatte.
„Wo wäre ich geblieben?“, fragte er, als er jetzt mit einem dampfenden Tablett ins Zimmer kam.
„Dort, wo kein Knoblauch wächst“, sagte Ludo und schielte mit gerunzelter Stirn auf das Tablett. Darauf lagen mehrere kleine braune, dampfende Häufchen.
Helene, die immer Hunger hatte und fünf Portionen Pommes hintereinander schaffte (mit Majo und Ketchup), reckte den Hals. „Kann man das essen?“
Zapko Schwarzer stellte das Tablett auf den Wohnzimmertisch. „Erdnuss-Muskat-Schwarzfußporling-Kartoffel-Maroni-Bucheckern-Pinien-Hallimasch-Sesam-Haufen.“
Daka und Silvania starrten mit offenem Mund auf das Tablett. Helene fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Ludo sah seinen Opa ängstlich an.
„Ob man das essen kann, weiß ich auch nicht. Ein bisschen guten Willen müsst ihr schon aufbringen. Sie sind auf jeden Fall knoblauchfrei. Greift zu“, sagte Ludos Opa. „Und lasst euch von mir nicht stören.“ Er ging zu einem Regal und wühlte in einem Zeitschriftenstapel.
„Datiboi“, sagten Silvania und Daka.
„Manches kann man einfach nicht voraussehen“, murmelte Ludo und starrte auf die dampfenden Haufen.
Helene griff als Einzige nach einem Erdnuss-Muskat-Schwarzfußporling-Kartoffel-Maroni-Bucheckern-Pinien-Hallimasch-Sesam-Haufen. Sie hielt ihn sich vor die Nase und roch daran.
Plötzlich spürte Ludo einen Lufthauch. Zittrig und kalt, als würde ein Schneegestöber an ihm vorbeiziehen. Die feinen Härchen auf seinen Armen stellten sich auf. Ludos Pupillen weiteten sich vor Entsetzen. War er schon wieder da? Der Geist, der ihn seit ein paar Tagen verfolgte? Der sich ihm nie ganz zeigte und ihm den Schlaf raubte? Ludo versuchte, alle Geräusche um sich herum auszublenden und sich auf den geheimnisvollen Singsang zu konzentrieren, den der Geist meistens von sich gab. Doch heute blieb alles ruhig.
„Willst du gar nicht wissen, was es ist?“, riss ihn Daka aus den Gedanken.
„Was ist was? Doch, klar.“ Ludo richtete sich im Sessel auf und sah fragend zu seinen Freundinnen. Er hoffte, dass er nichts Entscheidendes verpasst hatte. Von seiner Tante wusste er, dass Frauen sehr empfindlich reagieren konnten, wenn man ihnen nicht zuhörte.
„Aaaalsooo“, begann Silvania. „Eigentlich sollte es eine Überraschung sein. Aber dann ist uns eingefallen, dass du ja sowieso voraussehen wirst, was es ist. Deswegen sagen wir es dir gleich.“
Helene hatte vom Erdnuss-Muskat-Schwarzfußporling-Kartoffel-Maroni-Bucheckern-Pinien-Hallimasch-Sesam-Haufen abgebissen und schluckte kräftig. Dann sagte sie: „Wir machen eine Nachtwanderung. Und zwar richtig schaurig-schön und unheimlich gruselig. Nichts für Memmen eben.“
„Mit Mitternachtspicknick“, fügte Daka hinzu.
„Aber nicht auf irgendeiner Terrasse“, sagte Silvania.
Daka und Helene schüttelten verschwörerisch den Kopf.
„Und auch nicht auf dem Friedhof.“
Abermals schüttelten Daka und Helene den Kopf.
„Sondern …“
Ludo kniff die Augen zusammen, er blähte die Backen auf, dann ließ er langsam die Luft heraus. „Ich sehe es“, schnaufte er. „Ein Mitternachtspicknick auf dem Gipfel des Knochenhügels.“
„GENAU!“, riefen Silvania, Helene und Daka.
„Ihr wollt auf den Knochenhügel?“, kam auf einmal die knorrige Stimme von Ludos Opa. „Um Mitternacht?“ Langsam ließ er seinen durchdringenden Blick über jeden einzelnen Gast im Wohnzimmer schweifen. „Das würde ich mir an eurer Stelle noch einmal gut überlegen.“
Daka hörte auf, an der Gardinenstange hin- und herzuschwingen.
Helene, die gerade wieder von ihrem Erdnuss-Muskat-Schwarzfußporling-Kartoffel-Maroni-Bucheckern-Pinien-Hallimasch-Sesam-Haufen abgebissen hatte, hielt im Kauen inne.
Silvania richtete sich auf dem Diwan auf. „Aber wieso? Riechen Sie etwas?“
„Dazu brauche ich meine Nase nicht.“ Zapko Schwarzer starrte aus dem Wohnzimmerfenster. In einer Fensterecke war ein Spinnennetz gespannt. Eine Fliege hatte sich darin verfangen und zappelte. „Wisst ihr denn nicht, woher der Knochenhügel seinen Namen hat?“
„Weil er aussieht wie ein Totenkopf?“, fragte Daka.
„Oder weil der abgestorbene Baum auf dem Gipfel wie eine Knochenhand aussieht?“, schlug Silvania vor.
Helene, die noch immer den Bissen im Mund hatte, brummte etwas Unverständliches.
Zapko Schwarzer betrachtete noch einen Moment die Fliege. Als sie sich nicht mehr bewegte, wandte er sich zu den Kindern. „Man erzählt sich, dass dieser Hügel an den nördlichen Ausläufern der Stadt einst Schauplatz eines grausamen Ereignisses war. Vor ungefähr vierhundert Jahren gab es den Hügel noch nicht. Dort, wo er sich heute erhebt, befand sich eine weite Ebene. Sie diente im Dreißigjährigen Krieg als Schlachtfeld. Es war ein grausamer Krieg, voller Hungersnöte, Seuchen und Gräuel. Unzählige Menschen ließen ihr Leben. Soldaten, Frauen, Kinder. Dieses Schlachtfeld muss ein furchtbarer Anblick gewesen sein. Nichts als Zerstörung, Leid und Elend. Einer jahrhundertealten Sage nach trugen die wenigen Überlebenden der Gegend die Leichen auf einen Haufen zusammen, der schnell zu einem Hügel anwuchs. Sie bedeckten die Toten mit Erde und pflanzten einen Baum auf den Gipfel. Dieser Hügel, so die Sage, sollte den Lebenden als Mahnung gelten. Im Volksmund wurde er Knochenhügel genannt. Der Name hat sich bis heute gehalten. Nur die Sage ist in Vergessenheit geraten.“
Als Zapko Schwarzer geendet hatte, sah er reglos vor sich hin.
Im Wohnzimmer war es mucksmäuschenstill.
Silvania biss sich auf die Unterlippe.
Helene, die noch immer den Mund voller Erdnuss-Muskat-Schwarzfußporling-Kartoffel-Maroni-Bucheckern-Pinien-Hallimasch-Sesam-Haufen hatte, bewegte nur die Pupillen hin und her.
Ludo kämpfte gegen die nächste Gänsehaut an.
Daka war so in der Erzählung von Ludos Opa versunken, dass sie gar nicht merkte, wie sie langsam von der Gardinenstange rutschte. Sie landete mit einem lauten Schrei samt Gardine in einer Palme, die vor dem Fenster stand. Sofort kam wieder Leben ins Wohnzimmer.
Ludo sprang auf und half Daka aus der Palme.
Silvania flopste sich zu ihrer Schwester und befreite sie aus der Gardine. Zur Sicherheit spuckte sie ihr dreimal auf den Ellbogen, mit dem sie in der Blumenerde gelandet war. Das half gegen Schmerzen. Es war zwar nicht wissenschaftlich bewiesen, aber jeder Vampir in Transsilvanien war davon überzeugt.
Helene hatte mittlerweile ihren Kekshaufen heruntergeschluckt. „Aber das ist doch nur eine Sage. Und selbst wenn sie stimmt, umso besser. Ein Hügel aus uralten echten Knochen – einen besseren Platz für ein Mitternachtspicknick gibt es doch gar nicht.“
Über Zapko Schwarzers hellblaue Augen huschte ein Schatten. „Ihr solltet die Mahnung der Überlebenden von damals nicht zu leicht nehmen. Dies war ein Ort des Grauens. Und er wird es für immer bleiben.“
Ludo drehte sich zu seinem Großvater um und musterte ihn eindringlich. Er wusste in dem Moment, dass er recht hatte.
Fallobst aus Transsilvanien

Seine blonden Locken waren feucht, verklebt und vom Flugwind nach hinten geweht. Seine Hände waren rot und eiskalt. Dirk van Kombast hatte Angst, die Finger könnten abbrechen, wenn er sie bewegte. An seiner Nase hing ein vereister Tropfen. Doch der Vampirjäger wagte es nicht, die Schultern von Urio Transgoliato auch nur eine Sekunde loszulassen, um den Tropfen wegzuwischen. Nicht, solange die Straßen unter ihnen wie winzige Regenwürmer aussahen. Seine Zähne klapperten. Seine Nasenflügel bebten. Vor allem, wenn Urio Transgoliato eine dunkelblaue Wolke ausstieß.
Dirk van Kombast stiegen vor Freude die Tränen in die Augen, als er nach ungefähr 1500 Flugkilometern von Weitem die Lichter von Bindburg erkannte. Die Großstadt breitete sich am Rand eines kleinen Gebirgszugs aus. In der kohlrabenschwarzen Nacht glänzte sie wie ein goldener Teppich. Noch nie war Dirk van Kombast die Stadt, in der er wohnte, so schön vorgekommen. Die Lichter funkelten verheißungsvoll, wie Kerzen am Weihnachtsbaum. Sie kündeten von Leben und Menschen. Normalen Menschen. Menschen, die tagsüber arbeiteten und nachts schliefen. Die zweimal am Tag Zähne putzten, zweimal die Woche einkauften und zweimal im Jahr zum Zahnarzt gingen. Menschen, die nichts von den blutrünstigen Wesen in ihrer unmittelbaren Nähe wussten. Die ernsthaft glaubten, Vampire gäbe es nur in Büchern, Filmen und Kinderköpfen. Manchmal wünschte sich Dirk van Kombast, er wäre einer von ihnen. Er könnte arglos durchs Leben taumeln. Statt sich nachts an schauerlichen Orten auf die Lauer zu legen oder im Verborgenen an Knoblauch-Spezialwaffen zu basteln, könnte er einen Töpferkurs machen. Oder einen Steingarten anlegen. Oder die Verkäuferin mit den rotblonden Haaren und den olivengrünen Katzenaugen von Kasse vier im Bio-Supermarkt auf einen Mango-Lassi einladen.
All das könnte Dirk van Kombast tun – müsste er nicht seine Mutti rächen und die Menschheit vor einer Unterwanderung durch die Vampire bewahren. Dirk van Kombast war ein pflichtbewusster und zielstrebiger Mann. Er ließ niemanden im Stich und gab niemals auf. Selbst, wenn er sich auf dem Rücken des Feindes in sieben Kilometer Flughöhe befand und weit und breit keine Knoblauchzehe in Sicht war.
„Dort ist es“, sagte Dirk van Kombast und zeigte auf die Lichter der Stadt. „Bindburg. Dort wohnt Helene Steinbrück.“
Urio Transgoliato stieß anstelle einer Antwort eine dunkelblaue Wolke aus und ging langsam in den Sinkflug über.
Dirk van Kombast klammerte sich mit den Armen um den Hals des Vampirs und mit den Beinen um seine Hüften. Er sah, wie die Lichter der Großstadt immer näher kamen und sich in einzelne Gebäude verwandelten, wie aus Regenwürmern Straßen wurden und aus Käfern Autos. Er erkannte die fünf großen Türme des Rathauses, sogar die Ritterstatue auf dem höchsten Turm. Würde er nicht gerade auf dem Rücken eines gigantischen, blutrünstigen Wesens sitzen, hätte er gerne einen Stadtrundflug gemacht.
„Wohin jetzt, Puschel?“, dröhnte der gewaltige Vampir.
Dirk van Kombast spürte jede einzelne Silbe auf dem Rücken wie ein Erdbeben. Sein Herz galoppierte vor Schreck. „Dort entlang“, erwiderte er mit klappernden Zähnen. „Zum nördlichen Rand der Stadt.“ Er leitete Urio Transgoliato zur Reihenhaussiedlung und in den Lindenweg. Hätte ihm vor einer Woche jemand gesagt, dass er auf dem Rücken eines ausgewachsenen Vampirs aus Transsilvanien nach Hause kehren würde, hätte er der Person lächelnd auf die Schulter geklopft und ihr geraten, es mal mit mehr Obst zu versuchen.
Noch war er nicht zu Hause. Sie flogen gerade geräuschlos über die Dächer des Lindenwegs hinweg. In den meisten Häusern brannte kein Licht oder die Rollläden waren heruntergelassen. Ein gescheckter Hund trippelte über die verlassene Straße. Er hob den Kopf und sah zum Himmel. Als Urio Transgoliato sich mit ausgebreiteten Armen und bestialischem Grinsen vor den Mond schob, zog der Hund den Schwanz ein, duckte sich und rannte schnell zu einem Auto, unter dem er verschwand. Es war ein silberner Sportwagen. Er stand vor dem Reihenhaus Nummer 21.
„Hier“, sagte Dirk van Kombast und zeigte auf das Reihenhaus.
Urio Transgoliato flog über dem Haus eine Runde. „Da wohnt sie?“
Dirk van Kombast schluckte einen Angstknödel herunter, der ihm im Hals steckte, seit sie die Lichter der Großstadt gesehen hatten. Erst da war ihm klar geworden, dass es ein kleines Problem gab. Für den übergroßen Vampir war es aber womöglich ein übergroßes Problem. Dirk van Kombast wusste nicht, wo Helene Steinbrück wohnte. „Äh … nein. Da wohne ich.“
Kaum hatte Dirk van Kombast das gesagt, war er in eine tiefdunkelblaue Wolke eingehüllt. Der Vampirjäger hatte das Gefühl, als hätte jemand eine Tüte mit fünf Wochen altem Biomüll über seinen Kopf gestülpt. Er hustete. Er würgte. Er flehte den Vampir an: „Aber gleich nebenan, im Haus Nummer 23, da ist sie manchmal. Also, sehr oft. Genau genommen fast jeden Tag. Was sage ich, ständig. Helene Steinbrück ist so gut wie eingezogen bei den Tepes.“
„FUMPFS! WO WOHNT SIE?“ Urio Transgoliatos Stimme donnerte so laut, dass die Rollläden wackelten und im Vorgarten von Frau Zicklein im Reihenhaus Nummer 18 eine Topfpflanze umfiel. „Und KEINE SPIELCHEN, Puschel!“
Auf Dirk van Kombasts Ohren stellten sich feine Härchen auf, von deren Existenz er bis dahin noch gar nichts gewusst hatte. „Ich … ich … ich weiß es nicht.“
Urio Transgoliato stieß einen durchdringenden, gellenden Schrei aus. Es klang, als würden zwanzig Vampire mit ihren achtzig Eckzähnen an einer Schultafel entlangschaben. Frau Zicklein, die durch die nächtlichen Geräusche alarmiert worden war, schloss das Fenster gleich wieder, als sie den Schrei hörte.
„Bitte, Herr Transgoliato, beruhigen Sie sich. Ich bin sicher, Sie werden Helene Steinbrück bald im Lindenweg Nummer 23 antreffen.“ Dirk van Kombasts Stimme klang wie die eines neunjährigen Chorknaben. „Wenn Sie jetzt die unwahrscheinliche Güte besäßen, mich freundlichst und sanft auf der Erde abzusetzen. Es war ein wunderbares Flugerlebnis, wirklich, ganz ausgezeichnet, aber auch der schönste Flug ist einmal irgendwann zu Ende. Sie sind sicher ganz erschöpft und wollen vielleicht eine Kleinigkeit essen … äh, nein, ich meinte natürlich, sich ausruhen nach dem langen Flug, die Arme ausschütteln und …“
Weiter kam Dirk van Kombast nicht. Urio Transgoliato flog mit einem Satz über das Dach des Reihenhauses und legte über dem kleinen Hintergarten des Vampirjägers eine Vollbremsung hin. Dann blieb der Vampir kopfüber in der Luft stehen.
Dirk van Kombast nicht. Durch die Vollbremsung wurde er nach vorne geschleudert, hielt sich eine Sekunde am Mantelkragen des Vampirs fest, dann eine Sekunde an einem kräftigen Nasenhaar, dann …
… fiel er …
… im Steilflug …
… direkt …
… nach …
… unten.
„Keiner treibt ungeschoren Spielchen mit URIO TRANSGOLIATO! Krötz jobju suchoi murja!“, hörte Dirk van Kombast noch im Fallen.
KNACK.
WOMMS.
RUMMS.
Für ein paar Sekunden wurde es so finster, wie es in keiner Nacht sein kann. Dann flimmerte etwas vor Dirk van Kombasts Augen. Erst meinte der Vampirjäger, Sterne zu sehen. Dann erkannte er, dass es Äpfel waren. Reife, verfaulte, verbeulte Äpfel. Überall um ihn herum. Sah so der Himmel aus?
Auf einmal knackte etwas. Im ersten Moment dachte der Vampirjäger, es wären seine Knochen. Dann erkannte er, dass er auf einem Ast saß. Da war es allerdings schon zu spät. Dirk van Kombast krachte nach unten. Samt Ast und ein paar verfaulten Äpfeln.
Er schrie zehn Sekunden lang. Vor Angst. Und vor Schmerz. Erst spürte er ihn am Ellbogen, dann am Rücken und schließlich im Bein.
Er schrie noch mal zehn Sekunden.
Auf einmal bemerkte er, dass am Zaun zum Nachbargarten jemand stand. Es war weder ein Gartenzwerg noch ein Riesenvampir. Es war Frau Zicklein. Sie trug ein rotes, knielanges Nachthemd und hatte die rosafarbene Schlafmaske, auf der in Schnörkelschrift Sleeping Beauty stand, in die Haare geschoben.
Wenn Frau Zicklein nicht gerade nachts im Nachthemd am Gartenzaun stand, war sie alleinerziehende Mutter und Filialleiterin und hatte viel um die Ohren. Sie sah ihren Nachbarn von Reihenhaus Nummer 21 nicht oft. Aber so hatte sie ihn noch nie gesehen. Der sonst so charmante, gut gebräunte Mann saß reichlich blass und verdattert unter einem Apfelbaum. In seinem Pullover steckten kleine Zweige mit Blättern. Um ihn herum und auf seinem Schoß lag Fallobst. Ein verfaulter Apfel war auf seinem Kopf in zwei Hälften zersprungen.
Dirk van Kombast versuchte zu lächeln. „Herrliche Nacht, nicht wahr?“, brachte er unter Schmerzen hervor.
Frau Zicklein sah ihn ausdruckslos an. Dann nickte sie langsam. Vielleicht hatte der Pharmavertreter im Selbstversuch neue Pharmaka ausprobiert, deren Wirkung äußerst umstritten war.
Dirk van Kombast versuchte aufzustehen. Er hatte das Gefühl, jemand würde ihm mit einem Schwert von der Fußsohle bis zum Knie durch die Knochen fahren. Er schrie abermals auf und fiel zu Boden. Beziehungsweise auf das Fallobst.
Frau Zicklein war bereits über den Zaun geklettert und rannte auf den vor Schmerzen schreienden Nachbarn zu. „Warten Sie, ich helfe Ihnen.“ Sie kniete sich neben ihn und tastete das Bein ab.
Dirk van Kombast jaulte auf.
„Gebrochen. Ganz sicher. Ich rufe einen Krankenwagen. Brav sein und nicht vom Fleck rühren, verstanden?“, sagte sie und verschwand über den Zaun ins Nachbarhaus.
Selbst wenn Dirk van Kombast gewollt hätte, hätte er sich nicht vom Fleck rühren können. In seinem rechten Bein hämmerte der Schmerz. In seinem Kopf irrten die Gedanken hin und her, kreuz und quer, wie Billardkugeln nach dem Anstoß.
Ihm war die Flucht aus dem transsilvanischen Gefängnis gelungen. Er war wieder zu Hause. Wie der Agent in seinem Buch hatte er seine Informationen gut ausgespielt. Nein. Er war noch viel größer als der Agent im Buch: Er hatte mit Informationen gehandelt, die er gar nicht besaß. Er wusste nicht, wo Helene Steinbrück wohnte. Trotzdem hatte ihn der Riesenvampir nach Hause geflogen.
Gerne hätte Dirk van Kombast Frau Zicklein davon berichtet. Dieser Flug war ein sensationelles Abenteuer gewesen. Nur die Landung war nicht ganz so sensationell. Dennoch schrie die ganze Geschichte nach einem Publikum. Aber nach den Erlebnissen mit der rumänischen Polizei war er schlauer. Er durfte seine Deckung nicht wieder so schnell aufgeben. Sonst würde er nicht als Held in den Geschichtsbüchern, sondern als armer Irrer in der geschlossenen Anstalt landen. Genau wie seine Mutter. Ereilte ihn dieses Schicksal, würde womöglich die gesamte Menschheit eines Tages vor die Vampire gehen.
Unter Schmerzen hob Dirk van Kombast den Kopf und sah durch die Äste des Apfelbaums zum Himmel. Was wollte Urio Transgoliato von Helene Steinbrück? Wieso gerade sie, die beste und einzige Freundin der Vampirschwestern? Hatte es etwas mit Familie Tepes zu tun? Betrieben die Vampire untereinander so etwas wie Frischbluthandel? Vielleicht, überlegte der Vampirjäger, hatte Helene eine besonders schmackhafte Blutgruppe. Vielleicht hatte sie aber auch nur etwas bei ihrem Besuch in Transsilvanien vergessen und Herr Transgoliato brachte es ihr.
Es gab zu viele Vielleichts und zu viele Fragen. Wie so oft im Leben eines Vampirjägers hieß es abwarten, beobachten, erst dann eingreifen. Dirk van Kombast seufzte. Der Himmel über der Reihenhaussiedlung war tiefblau und vampirleer. Auch er gab keine Antworten.
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